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Konzeptlos:

2018

SEQUENZEN


Marco Prenninger, Bleistift, Farbstift und Tusche, A 4, 9. Juli 2018 um 17.36 Uhr Cover: Ferdinand Reisenbichler, „Die Rübenernte oder Konzeptlos heißt nicht Kopflos“, Mischtechnik, 25 x 35 cm, 2018


Konzeptlos:

2018

SEQUENZEN

© Arno Wilthan

Herausgabe: Helmut Pum & Kunstwerkstatt Lebenshilfe OÖ/Gmunden - Ferdinand Reisenbichler & Die Kunstwerkstatt / Atelier, Diakoniewerk OÖ - Natalia Müller, Arno Wilthan


Anita Baier, „Berg“, Grafitstift auf Papier, 70 x 50 cm, 2018


Inhaltsverzeichnis Konzeptlos: Sequenzen 2018 Ateliers (Zednik, Price, Reisenbichler, Kodym) Alte Weberei Ebensee, Webereistraße 8, 4802 Ebensee Montag 9. bis Freitag 13. Juli 2018

Künstlerische Teilnehmer*innen, Foto, Bild und Textbeiträge: Seite 1 Cover: Ferdinand Reisenbichler 2 Marco Prenninger 3 Arno Wilthan: KonzeptLOS 4 Anita Baier 5 Inhaltsverzeichnis 6 Helmut Pum - Vorwort 8 Malgorzata Bogaczyk-Vormayr · Über das Loslassen 9 Christian Rebhan 10 Ferdinand Reisenbichler · kunst konzeptlos 12 Heidi Zednik · worker down 14 Peter Assmann · Apropos „konzeptlos“ 15 Eva Sturmberger 16 Natalia Müller & Gerhard Wörnhörer · Konzept-Konzeptlos 17 Sylvia Vorwagner 18 Petra Kodym & Armin Andraschko 20 Art Brut - MUSEUM Engljähringer 22 Bernhard Engljähringer versus birdman Hans Langner 24 birdman 26 Malgorzata Bogaczyk-Vormayr · Sequenzen-Begegnungen 29 Christian Rebhan 30 Franz Krummholz

32 Julia Rakuschan Jutta Steinbeiß 34 Paul Jaeg 35 Donna E. Price 36 Martin Filsegger 37 Gertraud Gruber 38 Christian Mitterlehner 39 Elisabeth Watzek 40 Eli Kumpfhuber Andreas Krötzl 41 Margarete Bamberger Sophie Beisskammer 42 Regine Pots 44 Peter Putz · Das Ewige Archiv 46 Anette Friedel · Rotes.Textil.Band 48 TeilnehmerInnen Sequenzen 2018 49 Fach/Gastbeiträge Regine Pots · Ateliergemeinschaft Alte Weberei Ebensee 50 Impressum 51 Marco Prenninger 52 Arno Wilthan: KopfLOS 5


Helmut Pum · SEQUENZEN 2018 Wir hatten (k)ein Konzept, konzeptlos zu sein! Warum das Projekt SEQUENZEN 2018 die „Konzeptlosigkeit“ beinhaltete, lässt sich nicht mehr genau eruieren. Vielleicht war es an der Zeit. Schon in der Vorbereitung zum Symposium präsentierte uns zudem Arno Wilthan auch sein „KonzeptLOS“, und spätestens da hatte niemand mehr so eine eindeutige Ausrichtung und wir sprachen dann meist vom „Loslassen“ als Hauptorienterungsprinzip der Kunst. Und dem Vertrauen, dass uns dabei nichts passieren würde. Es gehört zur Charakteristik des alljährlichen Projektes, immer – falls möglich – den Veranstaltungsort zu wechseln. Im Jahre 2018 landeten wir dabei in der Ateliergemeinschaft von Heidi Zednik, Donna E. Price, Ferdinand Reisenbichler und Petra Kodym in der Alten Weberei in Ebensee, die diese Räumlichkeiten erst im Frühjahr desselben Jahres bezogen und eingerichtet hatten. Vorweggenommen gleich hier einen besonderen Dank an diese Ateliergemeinschaft zur Bereitstellung ihrer Räumlichkeiten, die diese ausschließlich mit privaten Mitteln betreiben. Es gibt verschiedenste inhaltliche Zusammenhänge des Projektes SEQUENZEN zu den neu geschaffenen „Kunsträumen“ in der Alten Weberei in Ebensee und zum Vorgänger „Kunst:Raum Gmunden“, einem Kunstpilotprojekt unter dem Dach des Kunstforums Salzkammergut zur Initiierung und Vernetzung von künstlerischen und sozialen Aktivitäten und Stärkung regionaler Identität. Die Initiative „Kunst:Raum Gmunden“, ursprünglich von der Europäischen Union, dem Land und der Stadt unterstützt und gefördert, wird nicht mehr fortgesetzt. Die hier letztlich verwendeten Begriffe der „Unterstützung“ und „Förderung“ mögen schon ein Widerspruch an sich sein, da sie zeigen, wie kurzlebig Projekte laufen, die von diesen „konzeptlosen“ Gegebenheiten abhängig und nur auf eine wie auch immer geartete Gesinnung gestützt sind. Hier mag vielleicht auch mit ein Ursprung unseres diesjährigen Projektthemas der „Konzeptlosigkeit“ sein. Aus künstlerischer Sicht wird nun zwar die Mehrdeutigkeit dieses Begriffes auf seine Realitätsgehalte untersucht, die Eindeutigkeit aber eines mit existentieller Schräglage behafteten Wahrheitsgehaltes kritisiert. Es ist durch nichts verständlich, warum eigentlich eine (Kunst)Verwaltung mehr Recht und Anspruch auf eine grundlegende Sicherung und Kontinuität ihres Arbeitsprozesses hat, das kreative „Klientel“, als eigentlicher Urheber von geistiger Einsicht und gesellschaftlicher Erneuerung, jedoch nicht. Das Projekt SEQUENZEN hat seinen Ursprung im Zusammenspiel und Zusammenwirken von in Sozialinstitutionen beschäftigten Menschen mit freischaffenden Künstlern. Damit hat aber jeder eine grundlegende andere Ausgangssituation und auch unterschiedlich gelagerte Interessen. In den Institutionen sind die Menschen immerhin sozial gesichert, haben aber, weil eingebunden in einen institutionellen Rahmen, (noch) keine eigene Kunstidentität. Die freischaffenden Künstler haben die Identität zur Genüge, jedoch - in der Regel – kein Geld. Im Konglomerat dieser Dynamik ist zwar der gemeinsame inhaltliche Nenner die Kunst, der Rest der weiteren realen Gegebenheiten bleibt aber in seiner Perspektive unverändert. Hier ist auch keine Lösung in Sicht, da keine der zwei Parteien in diesem vorgegebenen Rahmen dem anderen das geben kann, was er außerdem will. Hier braucht es noch einen Schub an unvermeidlicher zusätzlicher Komplexität, um in Folge die Dinge vielleicht einfacher zu machen: der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dann hat der „ institutionelle“ Mensch, weil in Zukunft von der Institution unabhängig, seine Identität, und der „freie“ Mensch, weil in Zukunft vom Geld unabhängig, seine Existenz – Eine Zukunftsperspektive vielleicht, aber man könnte in der Gegenwart beginnen. 6

Das Resümee dieser Thematik, die hier fürs erste nicht weiter ausgebaut werden soll, wird sein, dass wir uns mittels des Kunstprojektes SEQUENZEN auch vermehrt allen gesellschaftspolitischen Themen hinwenden werden, deren Integration in eine Kunstauffassung wir für relevant halten. Heidi Zednik, die zusammen mit Petra Kodym die Leitung des Kunst:Raum Gmunden innehatte, beschreibt in ihrem Artikel sehr anschaulich diese Gratwanderung zwischen persönlich privater Betroffenheit und dem, was man in einem besseren Sinne als öffentlichen kunst- und kulturpolitischen Auftrag verstehen könnte. Dass hier ein enger Zusammenhang herrschen sollte, scheint klar, wie weit hier aber die gegebenen öffentlichen und gesellschaftlichen Strukturen und Abklärungen auseinanderklaffen, ebenso. Eine weitere Auseinandersetzung sowohl in ihrer Kunst als auch hier in der Broschüre SEQUENZEN mittels eines Artikels zum Thema „Kunstraum“ erfolgt durch Bernhard Engljähringer und birdman Hans Langner. Beide sind langjährige künstlerische Teilnehmer bei SEQUENZEN, ihre besondere Arbeitsweise, ihre Bilder und Objekte wurden schon mehrmals vorgestellt. Für beide war aber heuer ein besonderes Jahr, für Bernhard Engljähringer war es ein Umbruch, für birdman Hans Langner eine Vollendung. birdman nennt seinen Kunstraum „Temple of birds“, der als fixe Inszenierung in ursprünglichen und dann umgebauten Geschäftsräumen in Wien im dritten Bezirk, Rennweg, zu besichtigen ist. Seine Vögel haben sich vom Einzeldasein als Bilder und Objekte in Folge über den ganzen Raum ausgedehnt, bevölkern und beflügeln in ritualisierender Weise alle Stellen des Bodens, der Wand und der Decke dieses Raumes, keine Stelle ist mehr frei. Die (Raum)Fülle ist vollzogen, der Bedarf an weiterer Schaffenskraft abgedeckt. Nur wenn Interessenten einzelne Objekte aus diesem Raum heraus erwerben, wird dieser frei werdende Platz wieder gefüllt. Die letzte Konsequenz seiner dabei durchgeführten Arbeitsweise ist nur mehr das Abdecken/Befüllen eines (Hinter)Grundes. Dafür genügt ausschließlich ein monochromer Farbauftrag. Und auf den frei- und „losgelassenen“ Stellen des Grundes erschaffen sich die Vögel selbst. Bernhard Engljähringer hingegen hat heuer im September 2018 mit der Neuinszenierung seines ungefähr 360 Quadratmeter großen Kunstraumes in der Gemeinde Engerwitzdorf in Oberösterreich begonnen. Dabei erweitert er seinen Kunstraum zum Art Brut-MUSEUM Engljähringer. Wenn Maler aber etwa mit der Farbe als Material und Medium arbeiten, so arbeitet Engljähringer mit der Integration von Bildern und Objekten, die andere Künstler und Künstlerinnen geschaffen haben, die er grundsätzlich der Art Brut zurechnet. Diese Kunstwerke fließen in seine Inszenierung ein und stehen in Folge in einem ganzheitlichen, feststehenden Verhältnis zu allen anderen Objekten des Raumes, die sich aus einer unendlichen Fülle an Fundgegenständen, Flohmarktankäufen, Altstoffsammelrelikten und verschiedenstem Sammelsurium zusammensetzen. Priorität seines Museums haben aber die über Jahre und Jahrzehnte angekauften und erworbenen Kunstwerke, bis dato ungefähr 500, die dann wiederum in das Gesamtkunstwerk eingegliedert werden. Dieser Prozess wird von ihm gleichermaßen als Art Brut-Künstler und als Museumsleiter vollzogen. Das Projekt SEQUENZEN hat nun in Zusammenarbeit mit Bernhard Engljähringer ein Selbstnominierungsprinzip ins Leben gerufen, das Künstler und Künstlerinnen anregen soll, selbst ein Werk ihres Schaffens zur Einbringung in das Art Brut-Museum Engljähringer


vorzuschlagen und es so zu einem Teil der Dauerinszenierung werden zu lassen. Voraussetzung ist nur die Anerkennung von Seiten Bernhard Engljähringers, dass es sich um ein Art Brut-Kunstwerk handelt – Konzeptkunst ist nicht seins! Diese Zusammenarbeit soll als Kunstprojekt und als Kunstprozess angedacht sein, welcher auf Augenhöhe und auf Unbeschwertheit des persönlichen Austausches beruht und auch nicht die langen Wege und vielen Stufen zur Anerkennung eines Oeuvres innerhalb eines üblichen zeitgenössischen Museums besteigen muss. Der permanent wirkende und dauerhafte künstlerische Art Brut-Prozess im Sinne von Bernhard Engljähringer bleibt damit aufrecht und sein Museum wird Ort lebendiger Auseinandersetzung und laufender Verdichtung von Kunstwerken. Das Persönliche und das Objektive in der Kunst? Petra Kodym und Armin Andraschko führen beim Projekt SEQUENZEN einen künstlerischen Dialog. Während des Symposiums forcieren sie den Austausch vorrangig mittels zeichnerischer und malerischer Mittel und im Diskurs. Nach dem Symposium, mit einigen Tagen Zeitabstand, wird der selbe Prozess noch einmal mittels E-Mail-Austausch aufgegriffen, sowohl reflektiert als auch wieder mit neuen Gedanken belegt. Ein intensiver, persönlicher und höchst intimer Versuch, dem Doppelcharakter der Kunst, der Wechselwirkung von autonomen Wirklichkeiten und dem Drang nach Kontakt, nahe- und nachzukommen. Als Grundprinzip dieses Prozesses taucht immer wieder das „Loslassen“ auf, kombiniert mit dem Vertrauen nach immer wieder entstehender Überraschung und Offenheit von wie auch immer gesetzten visuellen und begrifflichen Gedanken, Zeichen und Aktionen. Orientierung ist nicht eine Gestaltungslogik mit linearer Abfolge, sondern ein ganzheitliches Wechselspiel, das primär auf dem Verhältnis von Ursache zu Ursache und nur sekundär auf dem Verhältnis von Ursache zu Wirkung beruht. Diese Ausrichtung fokussiert einen Ursprung, der nicht die Beantwortung einer Frage beinhaltet, sondern Frage und Antwort aufhebt, sie immer wieder grundlegend voneinander (los)löst. Ein besonderer Dank ist auch gerichtet an Malgorzata BogaczykVormayr, die ihre Vernissagenrede bei SEQUENZEN 2018 in der Alten Weberei in Ebensee zu einer Art Vorwort „Über das Loslassen“ modifiziert und einen weiteren Beitrag zu drei künstlerischen Sequenzen-Teilnehmern, zu Christian Rebhan, Franz Krummholz und Jutta Steinbeiß, verfasst hat. Ihre feinfühlige und höchst differenzierte Beobachtung und Wahrnehmung und ihre besondere Art des Dialoges, die sie mit den betreffenden KünstlerInnen während deren künstlerischer Arbeit vollzieht, ist Kennzeichen und Charakteristik ihrer Herangehensweise und sie schließt damit für uns eine kunstphilosophische und sozialethische Klammer. Malgorzata Bogaczyk-Vormayr ist Herausgeberin des Buches „Outsider Art – Interdisziplinäre Perspektiven einer Kunstform“, das 2017 im LIT-Verlag erschienen ist und plant bereits den Folgeband „Krisenerfahrungen und die Künste“, der im Frühjahr 2019 erscheinen wird. Neben seiner angewandten grafischen gestalterischen Tätigkeit der SEQUENZEN-Broschüre, für die Peter Putz schon von Beginn an verantwortlich zeichnet, war es für uns heuer unumgänglich, ihn auch zu einem künstlerischen Beitrag einzuladen. Peter Putz ist Initiator und Urheber des Projektes „Das Ewige Archiv“. Dieses wurde von ihm 1980 gegründet und versteht sich als Enzyklopädie zeitgenössischer Identitäten. Die Bilddatenbank reicht bis 1905 zurück und enthält Material aus vielen unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsräumen.

Zudem war er zusammen mit Hans Kienesberger und Walter Pilar Herausgeber der Publikation „Der Traunseher“, eine der ersten und ungewöhnlichsten Kunstund Kulturschriften in Oberösterreich, die drei Jahre lang von 1978 bis 1981 erschienen ist. Die SEQUENZEN-Broschüre trägt die Kreativität und den Geist dieser originären, einmaligen und eigenständigen Publikation in sich und Peter Putz ist bis heute einer der aktivsten und konsequentesten Künstler, der als intimer Kenner der Region Salzkammergut auch hier immer wieder künstlerisch Stellung bezieht. Das Projekt SEQUENZEN 2018 hatte, zusammen mit den Gastautoren in der Broschüre, 34 Teilnehmer. Die Broschüre ist charakterisiert durch deren verschiedenste Text, Bild, Objekt und Fotobeiträge. Auf diese Beiträge sei auch in Folge verwiesen und auf eine kleine Entschuldigung, dass auf Grund der Teilnehmeranzahl nicht alle Autoren bereits im Vorwort Erwähnung finden. Das Thema „Konzeptlos“ erzeugte von vornherein eine Lockerheit, Ironie, „ernsthafte Verspieltheit“ und Ambivalenz bei den Teilnehmern in den Beiträgen und auch während der Anwesenheit beim Symposium als durchgängigen roten Faden. „Schon die Aufforderung der Konzeptlosigkeit ist ein Konzept“ von Natalia Müller und Gerhard Wörnhörer mag hier ebenso gelten wie „Konzeptlos ist daher wohl in erster Linie eine Herausforderung, eine Aufforderung wie auch ein Appell an die so oft beschworene Freiheit der Kunst“ eines Peter Assmann und letztlich der Anschlussaufforderung zum „Hausverstand für Fortgeschrittene“ eines Paul Jaeg.

Helmut Pum, „Konzeptlos“, Brett und rostige Nägel, Bestandsmaterial vom MUSEUM Engljähringer, 2018 7


Małgorzata Bogaczyk-Vormayr · Über das Loslassen Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Sequenzen 2018: Konzept-Los“ Ich habe mich auf die diesjährigen Sequenzen sehr gefreut, weil mit dem Motto „Konzept-Los“ sich eigentlich jeder eingeladen fühlen darf. Das Motto vermittelt eine Freiheit, oder vielleicht doch: ein Konzept der Freiheit. Dieses würde besagen, dass man sich ohne konzeptuelle Vorgaben viel eher auf etwas einlassen kann oder sogar sich fallen lassen kann, dass man etwas zulassen will, sich etwas zutrauen und zumuten möchte. Also: Los in die Kunst, in sich selbst! Mehr oder weniger mutig, denn es könnte ein Sprung in die Tiefe sein (ohne „Rettungsausrüstung“, d.h. ohne stringenten konzeptuellen Rahmen) oder es würde nur ein vorsichtiges Eintauchen in eigene Gedanken und Gefühle bedeuten, um vielleicht nur das, was ganz nahe unterhalb der Oberfläche in uns steckt, aber doch bisher nie ins Licht gebracht wurde, zu entdecken. „Konzept-Los“ bedeutet also ein völlig überzeugtes Eintreten für offene Perspektiven und dadurch eine Herausforderung. Denn: Können wir tatsächlich konzeptlos leben, handeln, Kunst machen, können wir „Kein Konzept!“ sagen und uns gleichzeitig ohne Zweifel, ohne Zögern sofort an die Arbeit, auf den Weg machen, uns selbst verwirklichen? Natürlich ist es nicht so einfach. In den zwei Tagen, die ich hier bei den Sequenzen verbachte, habe ich für mich gefunden oder gelernt, dass das Konzept des Loslassens eigentlich das einzige wichtige „Konzept“ ist, das nach meinem Verständnis die Kunst selbst bedeutet. Von den Vorgaben des Kunstmarktes, von den Stilen, Moden, Prinzipien, von den Bedürfnissen der anderen und von den eigenen Gewohnheiten loszulassen – für lange oder nur für einen Augenblick, immer wieder – ist eine Kunst für sich, und es ist das Herz der künstlerischen Betätigung. Und in diesem Raum, wo in den letzten Tagen an mehreren Tischen Menschen konzentriert gearbeitet haben, habe ich vor allem die Gelassenheit miterlebt, keine Spur von Strebsamkeit, Effizienz oder vom jede Kreativität blockierenden Druck, Anpassungsdruck. Dieser Arbeitsraum war und dieser Ausstellungraum ist somit heute voll von Gedanken und Gefühlen, was ohne dieses Los-in-die-Kunst-Konzept nicht möglich wäre!

Franz Krummholz

Ich habe hier im Atelier tatsächlich Gelassenheit erlebt – und dies obwohl ich eigentlich nicht dem gegenwärtigen GelassenheitsPrinzip vertraue. Es ist oft eine Vorschrift, mit der uns die sog. Lebensphilosophen belehren wollen, um uns Sinn und Ziel zu vermitteln (interessant, wie oft diese behaupten, unser Leben hätte wenig Sinn), um für „Selbstfrieden“ und „Gemütsruhe“ zu werben, aber diese Selbstzufriedenheit wirkt nicht als Selbsterkenntnis, sondern als Technik zur Beherrschung, zur Eingrenzung unserer 8

Individualität. Die Gelassenheit in diesem Atelier ist dagegen eine individuell erlebte Aufmerksamkeit, eine innere Konzentration, ein waches Dasein. Hier braucht man keine Abgrenzung zwischen dem suchenden, vielleicht unruhigen oder doch unsicheren, manchmal aufgeregten, manchmal angespannten Ich und seinem Bedürfnis nach innerer Ruhe, innerer Sicherheit – man weiß, dass diese zusammengehören und auf ihren eigenen Wegen – vielleicht in der Kunst? – zum Einklang kommen werden. Loslassen, um sich auf die Kunst einzulassen – darum geht es in der Kunst (wenn auch nicht in der gut vermarkteten Kunstproduktion) und somit auch bei der Art Brut. Der Künstler und Kunsttheoretiker, welcher diesen Begriff „L’art brut“ kreierte, Jean Dubuffet, hat eigentlich in seinen Schriften vom Unterschied zwischen Art Brut und Art Culturel gesprochen. Und ich würde heute sagen, dass er in seiner sehr kritischen Auffassung der sogenannten Art Culturel eigentlich die Unfähigkeit zum Loslassen attestiert hat. Dubuffet, ein nicht an der Kunstakademie ausgebildeter, aber doch professionalisierter und weltweit anerkannter Künstler, sah sich selbst als Vertreter der Art Brut – jener Kunst also, die etwas, wie er sagte, „ganz und gar Individuelles“1 ist, d.h. die keiner gesellschaftlichen Funktion und keinen (kultur)theoretischen Kriterien dienen muss. Der Begriff „Art Culturel“ dagegen steht nach Dubuffet für jede künstlerische Produktivität und die gesamte zeitgenössische materielle Kultur, die ausschließlich nach den äußeren Bedürfnissen der Gesellschaft entsteht (und Dubuffet meint hier die bürgerliche Gesellschaft, somit den Kunstmarkt); sie entsteht mit dem Preis, dass man auf die wahre Kreativität verzichtet. Ich würde sagen: Man verzichtet hier auf das Recht zur Konzeptlosigkeit, zum Sich-auf-etwas-Neues-Einlassen und somit auf die eigene Unabhängigkeit. Eine solche Kulturwelt, meint Dubuffet, schließt das Exzentrische aus und Kreativität bedeutet hier eher Wiederholung der Produktivität. Ironisch wie auch traurig schreibt Dubuffet: „Die Kultur ist hervorragend, wenn es gilt, Talente zu behindern“2. Als ich gestern Franz Krummholz, während er zeichnete, gefragt habe: „Warum zeichnest Du, Franz?“, bekam ich eine sofortige kurze Antwort: „Weil ich das Talent dazu habe. Und wenn man Talent zum Zeichnen hat, dann zeichnet man.“ Eine wunderbare Antwort, in der nichts nach Zwang oder Muss oder Aufgabe klingt, sondern nach Gelassenheit und Selbstfindung. Bei den Sequenzen 2018 betrachten wir Werke, die ich als Vorstellungen, als Visionen erlebe, weil sie dadurch entstanden sind, dass eine Welt oder ein Ich, eine Person hier in diesen Werken zu Wort kommt… Es ist die persönliche Welt, die Innerlichkeit, der die Künstler von der ersten Arbeitsintuition bis zur Fertigstellung des Werkes treu bleiben. Hier ist nie an erster und nie an letzter Stelle das Konzeptuelle, sondern immer das frei Losgelassene. Was für eine Freiheit – in der Vorstellung sich bewegen zu dürfen, eine Vorstellung zu enthüllen, zu entfalten und manchmal sogar der Realität entgegenzustellen, weil es uns doch nicht als entscheidende Wahrheit erscheint, dass uns nur das Reale glücklich macht, nur das Rationale in Schutz nimmt… Nur von dem, was uns selbst zutiefst auszeichnet, woran wir glauben, wollen wir nicht loslassen, das wollen wir nicht aufgeben, das wollen wir pflegen.

1) J. Dubuffet, Wider eine vergiftende Kultur (Schriften, Bd. II), hrsg. v. A. Franzke, übers. von E. Kronjäger, Verlag Gachnang &Springer, Bern – Berlin 1992, S. 11. 2) Ebd., S. 29.


Christian Rebhan

Christian Rebhan, „Hornisse“, Edding, 30 x 30 cm, 2018 9


Ferdinand Reisenbichler · kunst.konzeptlos konzeptlos ist... nicht… planlos entspringt... nicht...der ungeübtheit darf... nicht...als entschuldigung dienen wird... nicht...unfähig gerufen heißt... nicht...verwirrtes chaos kann... nicht...nicht können will... nicht...das bild im kopf wiederspiegeln führt... nicht...zu vorhersagbaren resultaten verknüpft...nicht...idee mit technik mit ziel zeigt sich nicht in der wiederholung konzeptlos arbeiten kann der wissende der selbstverständliche der geübte der konsequente der grenzüberschreitende der in sich frei werdende der zum sein wachsende ..... künstlerische mensch konzeptlos schaffen ist ein spiel in dem alles erworbene losgelassen wird und in dem vertrauend auf das übergeordnete, weisende, leise, hinführende, göttinnenhafte, ein bewusst künstlerischer akzent gesetzt wird der seine gültigkeit allein aus dem authentischen sein erwirbt na ja.....zweifellos etwas übertrieben – aber die konzeptionelle professionalität ist eine falle, die den künstlerischen menschen zur wiederholung anstiftet und damit der freiheit eine selbst geschaffene grenze setzt im sequenzenprojekt 2018 habe ich momente und auch längere phasen von konzeptlosem kunstschaffen bei meinen kolleginnen und kollegen beobachtet. auch wenn das oben festgehaltene etwas „gezuckert“ ist, so schüren doch diese beobachtungen in mir eine starke sehnsucht nach phasen der konzeptlosigkeit. in ihnen ist die essenz des kunstschaffens enthalten – sich selbst als lebendiges, bewegliches, überraschungspotentes und staunendes wesen festzumachen, hoffnung zu haben, sich selbst immer mehr auf die spur zu kommen und dies ist letztendlich für mich auch der sinn der tat, des aufwands, der vielen zeit, die ins künstlerische investiert wird.

Ferdinand Reisenbichler, „nit oiwei lustig“, Mischtechnik, 30 x 40 cm, 2018 10

Ferdinand Reisenbichler, „Steh auf du faules Murmeltier...“, Mischtechnik, 25 x 35 cm, 2018


Ferdinand Reisenbichler, „marie have a little...... lamb“, Mischtechnik, 30 x 40 cm, 2018 11


Heidi Zednik · worker down! Kulturarbeit am sinkenden Schiff Idealismus, Naivität und Wahnsinn sind der Sprit fürs Aufbauen eines Kunstraums, weil die meisten ja nur aufgebaut werden, wenn keine solchen Räume schon existieren. Getrieben wird dieser Kulturmotor oft von einem kleinen Turbo-Kultur-Kern. Bringt ein Kunstraum genug Schwung, wächst er und eine Kulturwelle kann entstehen. Wenn nicht, wird der nächste Vorwärts Schwung immer wieder aufrechterhalten durch die Energie des Turbo-Kerns.

Moment! Ein winziges Stück Hoffnung sehe ich doch – Salzkammergut als Kulturhauptstadt Europas. Als gute Stehauf-Heidi hau’ ich mich mit voller Energie ins Bewerbungsteam. Ja sicher, wir sind ein kleines, überarbeitetes Kernteam, „aber Kulturarbeit machens’ ja so gern, die schaffen das schon.“ Und meine Kultur-Mitkämpferin ist ja dabei.

Meine Erfahrung mit Kunsträumen begann vor 10 Jahren in den USA. Frisch wieder in Österreich gelandet, gewappnet mit viel Idealismus, öffnete ich gemeinsam mit 3 Künstlerinnen ein Gruppenatelier in einer Salzkammergut Altstadt. Nach 3 Jahren endete bei mir der Kunstgruppen-Idealismus, und hier kommt der Wahnsinn, um nun meine Kulturhoffnung auf einen revitalisierten Kunstverein zu setzen. Sicher würde es DIESMAL funktionieren – ist doch ein bisschen mehr Kultur FOR THE PUBLIC! Wieder bricht der Wahnsinn herein – vom Vorstand eines Kunstvereines ist es doch ein logischer Schritt, für ein EU Kultur Projekt anzusuchen.

Aber der große Rückhalt existiert nicht, er hat eigentlich nie existiert. Nur eine kleine Gruppe gibt Rückhalt – ohne einzelne Kulturkämpferinnen bricht jedes Kulturprojekt zusammen. A cultural critical mass – a revolutionary ART ARMY is needed. Kommt die nicht, endet es auf Kosten der Kulturkämpferinnen. Für mich mit 30.000 Euro Schulden.

Wo ich zum ersten Mal so richtig stolpere. Aber Stehauf-Heidi gibt ja nicht auf, also aufstehen(!), weiter machen! Unser Turboteam ist perfekt, ich werde sicher in Kürze Luft schnappen können. Wahnsinn bringt den Gedanken, einen privaten Kredit aufzunehmen, um das EU Projekt aufrechterhalten zu können. Das Luft schnappen kommt nie. Nach 3 Jahren EU Projekt / Kulturarbeit sind mein Idealismus, sowie mein Wahnsinn weg. Nüchtern, erschöpft ist der Zustand – die Altstadt Hochburg hat gewonnen – stimmt, hier geht so etwas nicht. Und ich hab keine Ahnung, was ich als nächstes machen soll, meine Träume haben gründlichen Schaden erlitten.

Hat es sich ausgezahlt? Ja. Ich habe endlich meine Grenzen erkannt. Gewonnen hab ich gute Freunde und KollegInnen mit denen ich noch lange zusammen arbeiten möchte. Vielleicht kommt der Kultur Idealismus wieder, vielleicht schaffen wir das Unmögliche und werden Kulturhauptstadt. Weg vom Kulturidealismus bin ich wieder im Atelier gelandet. Grinsend in einem unglaublich schönen, großen Gruppenatelier. Eine neue Version von Kunstgruppe wird gewagt. Ob wir als Gruppenatelier kunst-, kultur- und gesellschaftspolitisch bewegt sind? Jeder von uns würde anders antworten. Mein Atelier ist mein Rückzug, meine künstlerische Privatsphäre. Hier kann ich meine Trauer los lassen und schauen, was aus dem Vakuum entstehen kann. Jetzt glaub’ ich, dass nur durch die eigene Revolution als KünstlerIn etwas zu ändern ist. Durchs ewige wieder aufstehen als Künstlerin und nicht als Kulturarbeiterin. Sicher ist das (schon wieder) Idealismus. Das lass’ ich mir nicht nehmen – meinen Glauben an den Sinn, die Aufgabe der Kunst.

Heidi Zednik, „How I remember wind“, Leinwand, Collage, Objekt mit Samen, 2018 12

Heidi Zednik, „What is memory“, (Material s. links), 2018


Abb. links: Heidi Zednik, „Memory is a funny thing“, Collage, Acryl, Objekt, 2018 Abb. rechts: Heidi Zednik, „Konzeptloser Text“, Collage, Acryl, Papierrolle, 2018 13


Peter Assmann · Apropos „konzeptlos” . . . Ohne Konzept, heisst das: Man weiss nicht was man tut? Im Diskussionsfeld der Gegenwartskunst erscheint das als so etwas wie eine „Todsuende“, muss doch jeder („professionelle“) Kuenstler in der Lage sein, seinen Kreativvorschlag fuer Ausstellungsprojekte oder Gestaltungsprojekte aller Art argumentativ auszuarbeiten und sein Kunstwollen auf zumindest einer Seite geschriebenem Text vorzulegen respektive verbal zu erklaeren. In der Realitaet machen das natuerlich nicht alle Kuenstler selbst sondern haeufig ihre Galeristen oder mehr oder weniger befreundete und an ihrer Kunst interessierte Kunstkuratoren. Das Spannende an diesem System ist aber immer noch die Tatsache, dass sich sehr viele Aspekte der spezifischen Qualitaet eines Kunstwerks nicht in ausgefeilte Konzeptpapiere fassen lassen, sondern bei guten Kunstwerken immer ein geheimnisvoller Bereich bleibt. Nicht zuletzt gibt es deshalb immer noch das ausgearbeitete Kunstwerk und nicht nur seine kuratorische Beschreibung. Fuer die Kuenstler und Kunstwerke der sogenannten „Art-brut-Szene“ gilt das noch viel mehr, lassen sich doch speziell in diesem Bereich viele offensichtliche Kunstqualitaeten nicht in Worte fassen, ist diese Kunst in ihren besonders qualitativen Beispielen stets eine zutiefst persoenliche und eine in vielen Bereichen auf ausserintellektuelle Inhalte angelegte Kommunikationsformen basierende. Sie ist eine Kunstform der individuellen Ausdruckskraft. Dieses expressive Moment, das seit ueber 100 Jahren die europaeische Kunstgeschichte beschaeftigt, ist in eben diesem Zeitraum auch ein Schluesselmoment zur Oeffnung der europaeischen akademischen Kunstsituation hin zu anderen nicht nur aussereuropaeischen Kulturformen des Kunstschaffens gewesen - beispielsweise von der europaischen Volkskunst bis zur afrikanischen Skulptur. „Konzeptlos“ in einer solchen Interpretation meint damit so etwas wie eine antiakademische Haltung, eine Situation der Avantgarde, eine Situation der radikalen Infragestellung etablierter Kunstpositionen. Ein erfahrener Kunsthistoriker weiss, dass die Kunstgeschichte es immer wieder geschafft hat, alle Formen der radikalen Infragestellungen an sich selbst in die eigene Grossentwicklung zu integrieren. Alle Formen der Avantgarde der Moderne sind laengst im Kanon der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts aufgegangen – wie dies auch in frueheren Jahrhunderten zu beobachten ist – und

entsprechend hochwertig belegt worden, bis hin zum Kunstmarkt. „Konzeptlos“ kann daher durchaus fuer etwas so Wertvolles wie eine kleine Avantgarde-Situation der Kunst stehen; auch wenn viele Exponenten der Art-Brut schon lange am Kunstmarkt present sind, ist ihre Integration in die Konzepte des offizielen Kunstdiskurses noch sehr zurueckhaltend und stets mit dem Etikett des Exotismus behaftet. „Konzeptlos“ koennte aber schlichtwegs auch bedeuten, dass es hier um andere Konzepte geht, um Konzepte an die der akademische Kunstdiskurs mit seinem aktuellen Wortschatz und seinen argumentativen Beobachtungen noch nicht wirklich herangekommen ist. Aspekte der ausgreifenden Poesie, der tiefgehenden Individualisierung einer Weltsicht und einer im Grossteil sich dem allgemeinen Sprachverstaendnis entziehenden Kommunikationsform sind fuer das Funktionieren von sozialen (speziell akademischen) Gemeinschaften einerseits anregend, andererseits jedoch gefaehrlich, weil sie das Selbstverstaendnis sozialer Traditionen und gemeinsamer Weltanschauungen massiv in Frage stellen. Viel hat sich in den letzten Jahren getan, um mit den Protagonisten dieser „konzeptlosen Kunst von besonderen Menschen“ (um speziell in diesem argumentativen Zusammenhang den Begriff der „Behinderung“ zu vermeiden) intensiver in ein Kunstgespraech zu kommen. Ueber Jahrzehnte und teilweise heute noch wird diesen Menschen schlichtweg nicht zugetraut, dass auch sie intellektuelle Konzepte kommunzieren koennen – einmal mehr zeigt sich hier die Macht der Ausbildung, die Frage, wer Zugang zu Ausbildungsmoeglichkeiten erhaelt wie auch wer darueber bestimmt. Es ist offensichtlich, dass wir uns hier erst am Anfang befinden, am Beginn einer gemeinsamen Eroerterungsmoeglichkeit fuer das scheinbar Konzeptlose der „art brut“. Denn wer auch immer nur ein wenig in der Welt dieser Kuenstlerpersoenlichkeiten mit offenen Sinnen unterwegs ist, bemerkt sehr bald die intensive Reflexionskraft dieser Menschen wie auch die kraftvolle Konsequenz ihres Kunstwollens in den besten Beispielen dieser Kuenstler. „Konzeptlos“ ist daher wohl in erster Linie eine Herausforderung, eine Aufforderung wie auch ein Appell an die so oft beschworene „Freiheit“ der Kunst.

Peter Assmann, mit Titel, 2018, zweiteilig, Graphit/Mischtechnik auf Papier, 29,7 x 42 cm 14


Eva Sturmberger

Eva Sturmberger, „Tachypleustridentus“, Farbstift, 25 x 35 cm, 2018 15


Natalia Müller & Gerhard Wörnhörer · Konzept – Konzeptlos

„Ein Bilderrahmen sagt dem Betrachter nur, dass er bei der Interpretation des Bildes nicht dieselbe Art des Denkens anwenden soll, wie bei der Interpretation der Tapete“. (Bateson 1955)

Genaugenommen ist die erste Überlegung zu einer Arbeit, einer Zeichnung oder einer Vorstellung des Zu-Schaffenden ein Konzept. In diesem Sinne ist es eigentlich unmöglich, künstlerisch tätig zu werden/sein, ohne zu konzipieren. Schon der Gedanke an das Material, die benötigten Stifte oder die gewählte Vorlage ergeben also einen Plan für das Vorhaben. Schon der Versuch einer Aufforderung, der Konzeptlosigkeit nachzukommen, wäre eigentlich ein Paradoxon. Da in diesem Sinne schon die Anreise und Teilnahme als Plan gelten, würde man in letzter Konsequenz nur durch einen Verzicht auf die Teilnahme der Veranstaltung dem Thema gerecht werden. „Eine Paradoxie ist eine Handlungsaufforderung, die befolgt werden muss, aber nicht befolgt werden darf, um befolgt zu werden.“ (Watzlawick) Das Gedankenspiel, die Überlegungen waren die eigentliche Arbeit, die aber auch „Bildlich“ umgesetzt werden wollte. In diesem Sinne sucht sich der Rahmen Stellen an der Wand, verrät das Buch keine Gedanken und der Text verdichtet sich zu einem nicht mehr lesbaren Bild. Eigeninterpretationen erwünscht!

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Sylvia Vorwagner

Sylvia Vorwagner, „My way“, Tusche auf Packpapier, 40 x 30 cm, 2018 17


Petra Kodym & Armin Andraschko Kodym: Meinst Du, dass die Letztprinzipien „Loslassen“ und „Vertrauen“ großes Potential zum Aufzeigen von Grundlagenprozessen haben? Mir ist das zu technisch analytisch, um unsere Künstler/KünstlerinPaarung zu beschreiben. Ich vertraue Dir zutiefst. Das ist die Grundlage. Du großartiger Künstler. Andraschko: Zusammenarbeit, Zusammenleben oder Paarung, wie du es so wunderschön nennst, hat immer tiefstes Vertrauen als Grundlage, schade, dass das nicht alle Menschen so sehen. Vertrauen sollte vielleicht schon in der Schule statt Mathematik, Religion oder Leibeserziehung unterrichtet werden, weil dann nämlich das eine oder andere Arschloch nicht unbedingt ein Arschloch geworden wäre. Natürlich bin ich ein großartiger Künstler, du bist ja auch eine großartige Künstlerin und dennoch ist es nicht immer leicht, mit dieser Bürde der Großartigkeit, die wir schon seit geraumer Zeit durch unser Leben schleppen, zu leben. Das klingt jetzt alles nach Unsinn, ist es aber nicht, zumindest nicht alles und ich hab auch keine Ahnung, ob ich Beistriche richtig setze, ich setze sie intuitiv, so intuitiv wie ich zeichne und zu leben versuche, beim Leben gelingt es mir nicht immer, beim Zeichnen schon. Kodym: Intuitiv leben, das klingt ganz vernünftig. Ich habe immer versucht, nach meinen Prinzipien zu leben, also so richtig, nicht darüber zu reden, sondern sie zu leben. Nur darüber zu reden, macht keinen Sinn, denn es ändert nichts. Deshalb habe ich keine Kinder bekommen, das hat gleich mehrere, meiner Meinung nach einleuchtende Gründe, nach meinen Prinzipien und Überzeugungen habe ich meine Ausbildungsstätten gewählt und immer versucht, so unabhängig als möglich zu sein und auch andere wichtige grundlegende Entscheidungen treffe ich möglichst kompromisslos meinen Überzeugungen nach, ohne jemand anderem damit zu schaden. Hat das etwas mit Intuition zu tun? Andraschko: Ich denke, du lebst intuitiv, darin bin ich nicht so gut wie du, aber das macht mir nichts – hoffe ich zumindest. Ich hab’ da einige Ängste, die mir da immer wieder im Weg standen, zum Beispiel die Existenzangst. Höhenangst hab ich übrigens auch, ist im Grunde aber auch eine Existenzangst, weil wenn ich von hoch oben herunterfalle, ist wahrscheinlich meine Existenz auch beendet. In der Kunst fühle ich meine Existenz ungefährdet, da fürchte ich mich nicht davor, etwas zu verlieren oder zu fallen – Ich bin gerne Künstler und ich existiere gerne. Kodym: Ich bin auch gerne Künstlerin und existiere sehr gerne, trotzdem dürfte ich keine Existenzangst haben, zumindest meistens, denn ich existiere ja. Was mich ein wenig stört, ist, dass ich irgendwann nicht mehr in meinem Körper existieren werde. Hast du bei deiner Existenzangst Angst vor dem Tod oder Angst vor dem Sterben oder Angst dein schönes Leben mit den Menschen, die du liebst, zu verlieren? Aber Ängste kenne ich natürlich auch, ich habe zum Beispiel starke Angst vor engen Räumen und allgemein vor Gefangenschaft oder Unfreiheit, körperlicher und geistiger. Es gibt noch so einige Dinge, die mich an einem Loslassen im Alltagsleben hindern. Aber in der Kunst kann ich meistens schon loslassen oder sogar auf meinen eigenen Ängsten, die ich ja mit vielen anderen teile, herumreiten. Wenn ich mit dir gemeinsam Kunst mache, dann kann ich erstaunlicherweise sogar manches loslassen, das 18

ich, wenn ich alleine Kunst mache, nicht loslasse. Ich glaube, das liegt an unserem gegenseitigen Vertrauen. Andraschko: Der Tod ist für mich nicht das Problem, es ist das Verlassen meines Lebens, das ich so gerne lebe und natürlich das Nichtwiedersehen der Menschen die ich liebe und die mich lieben und doch ist dieser Schritt in den Abgrund verlockend, dieser eine Schritt der alles ändern würde und somit sind wir wieder beim Vertrauen, ich ver-


Petra Kodym & Armin Andraschko, „Ohne Titel“, Mischtechnik auf Leinwand, 160 x 180 cm, 2018

traue Heidi zu 100%, mir selbst vielleicht zu 99%, aber mehr nicht. Gestern habe ich ein Erlebnis gehabt, das mich dem Vertrauen aber näher gebracht hat, es war ein unlogisches Vorhaben und doch hatte ich keine Sekunde Zweifel, dass es funktionieren könnte und es hat natürlich funktioniert, weil ich mir eben zu 100% vertraut habe und nicht nur zu 99%. Ich will aus diesen Erlebnissen lernen und außerdem kenne ich dieses „In-mich-vertrauen“ in meiner Parallelwelt der Kunst schon seit Jahren, aber da richtiges Vertrauen also das Urvertrauen auch andere Menschen einbeziehen sollte, bin ich recht

froh, dass du in meine autistische Kunstwelt eingedrungen bist. Kodym: Die geheimnisvolle Geschichte des unlogischen Vorhabens klingt spannend. Vielleicht ist die Angst vor dem Kontrollverlust, die wir uns ja teilen, in Wirklichkeit das Sammelsurium für alle anderen Ängste. Keine Ahnung, wie ich jetzt darauf komme, aber, mein lieber Autist, es stimmt, in der Parallelwelt der Kunst ist vieles möglich, was im profanen Leben unmöglich scheint. Der Schein ist der Hund! 19


Art Brut-MUSEUM Engljähringer · Engerwitzdorf/OÖ. Bernhard Engljähringer: INSPIRATION, ARBEITSWEISE und UMSETZUNG meiner Träume, Ziele und Möglichkeiten INSPIRATION für schöpferisches Tun bedeutet für mich, achtsam und konzentriert im Fluss des Lebens und im Augenblick verschiedener Möglichkeiten lustvolle Entscheidungen zu treffen. Dabei erfolgen die gewählten Schritte und Handlungen großteils intuitiv und instinktiv. Art Brut als spezielle Form der bildenden Kunst ist in dieser Hinsicht auf mich bezogen die stimmigste Ausdrucksform, um Spontaneität, Originalität, Individualität und kindliche Freude spürbar und erlebbar zu machen. Mein Unterbewusstsein folgt völlig gedankenlos spielerisch fernab von Raum und Zeit allen dafür nötigen Impulsen und Trieben. Art Brut ist definitiv die Sprache der Gefühle und Direktheit. Dieses unerschrockene und selbstverständliche gestalterische Tun lässt sich bei allen kreativen Medien anwenden. Art Brut ist eine Lebensschule für Menschen, die eigenständig ohne Druck und Zwänge in völliger Freiheit ihr ureigenstes Leben gestalten und formen wollen. Art Brut ist eine Lebensphilosophie für Menschen, die ursprünglich und unangepasst ihr Leben ausrichten und darstellen. Jegliche schulische Vorbelastung oder erzieherische bzw. pädagogische Maßnahme und Intervention ist der bildnerischen und skulpturalen Qualität meiner Meinung nach abträglich. Ein(e) wahrhaftig(e)r Art Brut-Künstler(in) ist nicht verbildet und verbogen und lässt solche Auswüchse auch niemals über sich ergehen. Die Art Brut-ARBEITSWEISE erfordert bedingungslose Hingabe im Hier und Jetzt. Fantasie, Formen, Farben und Möglichkeiten strömen und fließen durch mich und ich empfinde mich als Mysterium einer ungeahnten Energiequelle. Nur stimmige mir vertraute und anziehende Materialien verwende ich bei der Gestaltung meiner Bilder und Objekte. Alles erfolgt unmittelbar im gedankenlosen Austausch mit Begeisterung, Freude und Sinnlichkeit. Art Brut ist die stärkste Gefühlssprache, weil sie kompromisslos, direkt, klar, ruppig, rau, wild, archaisch, roh, bedingungslos, kindlich, unverfälscht, einzigartig, natürlich, ausschließlich, intuitiv und leidenschaftlich ihrer ursprünglichen Dynamik folgt. Die UMSETZUNG meiner Träume, Ziele und Möglichkeiten steht im Zusammenhang von interessanten, attraktiven und unkonventionellen Räumlichkeiten. Die beträchtliche Größe als auch Magie der jeweiligen Plätze ist daher von großer Bedeutung. Meine Träume und Ziele beinhalten große Gestaltungsmöglichkeiten für das Formen und Bespielen unterschiedlicher Erlebniswelten. Die Erlebniswelten beinhalten Elemente und Anteile aus Wunderland, Märchen, Zirkus, Freudenhaus, Grottenbahn, Kinderwelt, Jahrmarkt, Geisterbahn, Horror, Clownerie, Romantik, Poesie und Karneval. Dabei geht es mir und das Herausarbeiten von Details der unterschiedlichen Disziplinen, als auch um einen großen Zusammenhang im Sinne eines Gesamtkunstwerkes als ernsthaftes Ziel einer lustvollen morbiden Metamorphose. Dabei muß und will ich meine über Jahrzehnte gesammelten Art Brut-Kunstwerke integrieren und verflechten. Erst in diesem speziellen Kontext von inszenierten Traumsequenzen und magischen Bildern in Verbindung mit meiner geliebten Kunstsammlung entsteht und entfaltet sich die einzigartige Wirkung und zauberhafte Ausstrahlung. Ein Königreich für jene Menschen, die mir den „ultimativen“ magischen Raum ermöglichen. Es ist mir noch wichtig, darauf hinzuweisen, dass andere Disziplinen (Musik, Literatur, Tanz, Fotographie, Film, Theater, Lichtregie, …) für die Ergänzung bzw. Erweiterung meiner Arbeit bei Bedarf des Gesamtkunstwerkes zum Ausdruck kommen sollen und dürfen. Da das Art Brut-Experimentieren in vielerlei Richtungen mündet, ist es für mich naheliegend, auch andere Medien für die Erschaffung einer sinnlichen Rauminstallation mit einzubeziehen. Ich erachte diesen Schaffensprozess als ein sich ständig entwickelndes Forschungslabor, welches oftmals in Interaktion mit unterschiedlichen 20

Medien in Berührung kommt. Dabei werden alle in Anspruch genommenen Möglichkeiten gleichberechtigt und auf Augenhöhe miteinander respekt- und liebevoll verbunden.

Art Brut-MUSEUM Engljähringer World of illusion, imagination and inspiration. Kunstraum entdeckt Art Brut-Museum. Alle schöpferischen Ausdrucksmöglichkeiten, die mein bisheriger Kunstraum zugelassen und ermöglicht hat, erleben im neuen Art Brut-Museum eine noch wertschätzendere und bewusstere inhaltliche Auseinandersetzung. Die ursprüngliche Kunstraumidee (Rauminstallation, sowie die Integration der Kunstsammlung) wird im Art Brut-Museum präsenter, weil ihr Grundwesen dadurch stärkere Beachtung in ihrer Identität und Entfaltung erfährt. Die Transformation vom Kunstraum zum Art Brut-Museum ist somit ein klarer schlüssiger Entwicklungsschritt.


Art Brut-MUSEUM Engljähringer, Beginn der Inszenierung, September 2018

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Bernhard Engljähringer versus birdman Hans Langner birdman Hans Langner · Zwei Künstler eine Seele – Die Deckungsgleichheit von Bernhard Engljähringer und birdman Hans Langner Auf den ersten Blick scheint die Arbeit der Autodidakten verschieden zu sein, auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass sie dem selben Urgrund entspringen, und dass die beiden eine sehr große Seelenverwandtschaft verbindet. Sie arbeiten seit Jahrzehnten mit unerschütterlicher Konsequenz, Ernsthaftigkeit und Ausdauer. Es ist ein ständiges Ausprobieren, Erforschen und Experimentieren, das das Schaffen der beiden immer spannend und erfüllend macht. Ein ganz wichtiger Punkt ist die kindliche Freude und Reinheit, mit der ihre Werke entstehen. Spontan und unüberlegt geschehen die Werke einfach, dabei ist das Ergebnis unverwechselbar originell und individuell. Und doch bei den beiden so ähnlich, als ob sie schon immer zusammen gearbeitet und sich gegenseitig inspiriert hätten. Dabei ist dies überhaupt nicht der Fall. Beide arbeiten in Räumen mit wenigen Fenstern oder verdunkeln ihre Räume, indem sie die Fenster vernageln. Das verstärkt die Dichtheit und Abgeschiedenheit ihrer Werke noch mehr. Die er-

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schaffenen Welten haben dadurch noch stärkere Kraft, indem sie nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Es fließt die Kunst aus ihnen heraus. Sie kreieren Installationen mit Unbeschwertheit und Leichtigkeit, indem sie einen Raum mit unzähligen Einzelteilen füllen, die zu Einem verschmelzen. Das einzelne Werk löst sich zum Wohle des Ganzen auf. Es scheint, als ob sie ihre Räume überladen und vollstopfen. Sie erobern ihre Räume und überfüllen sie mit ihrer Kunst. Dennoch ist eine große Ästhetik im vermeintlichen Chaos, zu verspüren, wenn man sich darauf einlässt. Jedes einzelne Element ist detailverliebt bzw. detailbesessen platziert, wobei das Arbeiten sehr spontan und intuitiv vom Herzen und aus dem Bauch entsteht. Es passiert einfach, die beiden werden gearbeitet und sind nur Mittel zum Zweck, um Außergewöhnliches zu verwirklichen. Eigentlich ist die Arbeit jedes Einzelnen so unverwechselbar mit Alleinstellungsmerkmal und doch verblüffend gleich. Das fasziniert und begeistert! Beide Künstler haben sich ihrem Schaffen bedingungslos ausgeliefert, die Kunst ist für sie gleichermaßen Lebenselixier und Erfüllung zugleich. Zwei Leben, die ohne wenn und aber der Kunst gewidmet sind.


Sie arbeiten mit bestehenden Dingen und Gegenständen, die sie bearbeiten, verändern, überarbeiten bzw. übermalen, arrangieren, collagieren oder sie einfach unverändert in ihre Installationen integrieren, so wie sie sind. Beide arbeiten begeistert mit bedingungsloser Hingabe aus der Fülle und schaffen dadurch noch mehr Fülle bzw. Überfüllung. Ihre Materialien finden sie auf Flohmärkten, in Kellern und Garagen, bei Freunden oder sie bekommen sie geschenkt. Materialbegrenzung kennen beide nicht. Letztendlich ist alles Arbeitsmaterial für sie. Jeglicher Gegenstand ist ein potentielles Kunstwerk. Die Installation von Bernhard Engljähringer enthält unzählige Puppenobjekte, wobei birdman Hans Langner ebenfalls vereinzelt gesellschaftskritische Puppenobjekte integriert. Farblich gibt es bei beiden auch keinerlei Begrenzung, wobei das Werk von Bernhard durch die Farbigkeit der verwendeten Gegenstände schriller und das Werk von Hans erdiger anmutet. Das ist vielleicht der einzige kleine Unterschied. Ergänzend fügen beide Werke von anderen Künstlern ihren Installationen hinzu, die diese abrunden. Beide Künstler haben Tempel zu Ehren der Kunst geschaffen. Die Kunst ist ihre Religion, ihr Heiligstes. Bernhard nennt seinen Tempel

„World of illusion, imagination and inspiration“ und Hans seinen „Temple of birds“. Bei birdman ist nach der Fertigstellung seiner neuesten Wiener Installation folgendes überraschendes Ergebnis aufgetaucht: „Ich kann jetzt aufhören, Kunst zu machen, da es vollbracht ist“. Er wird wohl nicht aufhören, doch von der Basis dieser erfüllenden Einsicht, schafft es sich noch leichter . . . Forever friends Diese Installation ist das Jahrtausendwende-Projekt von birdman. Er fand es spannend und etwas sehr Besonderes, zu einer Jahrtausendwende künstlerisch tätig zu sein. Sein Plan war eine Installation zu erschaffen. „Forever friends“ besteht aus 2000 Kunstwerken, die zu einem Werk verschmolzen sind. Ergänzend hat er Werke von seinem langjährigen Künstlerfreund Jens Mohr integriert, zu Ehren einer immerwährenden Freundschaft. Beinhaltet sind alle nicht verkauften Werke die er bis zum Jahr 2000 geschaffen hat. Mit der Jahrtausendwende hat er somit künstlerisch nochmals komplett von Vorne begonnen. Er sagt hierzu: „Nichts mehr zu haben war sehr erfüllend und befreiend“. Er hatte sein bis dahin gesamtes geschaffenes Werk dem Museum de Stadshof in Zwote, Holland geschenkt. Das Museum hat ihm daraufhin einen Raum dauerhaft gewidmet. Kurz nach der Eröffnung der Installation schließt das Museum. Die Installation ist jahrelang in hunderten Kartons verpackt. Im Jahr 2006 geht ein Großteil der Sammlung vom Museum de Stadshof in das Museum Dr. Guislain, Gent, Belgien, auch die Installation „Forever friends“. Dieses Museum widmet birdman ebenfalls dauerhaft einen Raum. Die Installation ist seitdem dort zu sehen. Die Verwandtschaft zum Schaffen von Bernhard ist beim Frühwerk von birdman noch eindeutiger. Wenn man mit verschwommenem Blick hinsieht, wirkt es verblüffend ähnlich, um nicht zu sagen: identisch. Von der Leere zur Fülle um dadurch die Fülle loszuwerden, um in der Leere zu verweilen… Bernhard Engljähringer · Mögliche Parallelen, Ähnlichkeiten oder Wesensverwandtschaften mit birdman Hans Langner: Ich glaube, Du hast bezüglich Ernsthaftigkeit, Ausdauer, Konsequenz und bedingungsloser Hingabe das gleiche Feuer und dieselbe Leidenschaft bei deiner Arbeit, wie ich sie bei und für mich selbst empfinde. Offensichtlich ist weiters eine gemeinsame Detailverliebtheit bzw. Detailbesessenheit. Beide arbeiten wir im Sinne der Kunst (wenn notwendig) bis zur Erschöpfung. Auch die gemeinsame Akribie und Präzision für vieles (bewusst oder unbewusst) erachte ich als Gemeinsamkeit. Die Herangehensweisen, Inhalte und Materialien mögen unterschiedlich sein. Der Blick und das Herantasten auf das sich entwickelnde Kunstwerk sind wiederum mit Übereinstimmung verbunden. Das ständige Ausprobieren und Experimentieren für die bestmögliche Lösung ist ebenfalls überschneidend. Auch die Genügsamkeit für jene Materialien, die quasi vorhanden sind, zur bestmöglichen strahlenden Ausdrucksform zu bringen, empfinde ich als Parallele. Die Lust und Bereitschaft, mehrere unterschiedliche Medien als Einheit zu präsentieren, ist wiederum ähnlich. Du hattest Recht mit Deiner Feststellung, dass in unserer Arbeit eine Wesensverwandtschaft enthalten ist. Auch ähnliche Interessen bestätigen diese Sichtweise. Auch ich liebe es, originelle und interessante Flohmarktgegenstände käuflich zu erwerben und dies in meine Kunstwerke einfließen zu lassen. Das gemeinsame spirituelle Interesse und die daraus resultierenden Ergebnisse (Palliativ bzw. Hospizarbeit) runden erstaunliche Übereinstimmungen ab. Liebe Grüsse von Bernhard oben: Bernhard Engljähringer, „Kunstraum Wels“, 2010 – 2018 unten: birdman, „Forever friends“, Installation zur Jahrtausendwende, Museum DE STADSHOF, Holland 23


birdman

birdman, Installation „Forever friends“, seit 2006 im Museum Dr. Guislain, Gent Belgien 24


birdman, Installation „Temple of birds“, Wien, 2018 25


Małgorzata Bogaczyk-Vormayr · Sequenzen-Begegnungen: Christian Rebhan, Franz Krummholz, Jutta Steinbeiß Bei den diesjährigen Sequenzen habe ich zwei Tage an drei Arbeitstischen verbracht – ich durfte die Künstler Christian Rebhan, Franz Krummholz und Jutta Steinbeiß bei der Arbeit beobachten. Da diese mich von Atelierbesuchen und den vorjährigen Sequenzen kannten, haben wir keine zusätzliche Absprache gebraucht als die zwischen uns: „Darf ich in Deiner Nähe bleiben?“, „Ich werde mir Notizen machen, ist das OK?“, „Dürfte ich ein Foto machen?“, „Soll ich Dich jetzt alleine lassen?“, „Darf ich wiederkommen?“. Vorsicht und Vertrauen – so hat sich im Laufe des ersten Tages mein zugrundeliegendes „Konzept“ für diese Sequenzen-Tage gebildet. Im menschlichen Alltag wird sehr viel Vorsicht gespielt – und nicht unbedingt im schlechten Sinne, auf jeden Fall nicht mit schlechter Absicht. Man wird vorsichtig, weil man uns schon in der Kindheit die Dinge, Phänomene, Themen, die uns in der Lebenswelt umgeben oder an welchen wir teilnehmen, als solche, die „Vorsicht“ verlangen, erklärt hat. Und zu diesen zahlreichen „Vorsichts-Feldern“ gehörten zwei, die man in der damaligen Zeit höchstwahrscheinlich als völlig getrennt aufgefasst hat: Sich in einem Kunstatelier zu bewegen („Sei leise im Museum! Du bist doch nicht im Wald!“) und mit beeinträchtigen Menschen zu verkehren („verkehren“ ist dabei ein Stichwort: Es waren Menschen, auf die man mit dem Finger zeigte, aber denen man nicht in die Augen schaute). Eine dergestalte Sozialisation hat allerdings den Vorteil, dass sie „Problembereiche“ artikuliert, d.h. sie zeigt gerade dasjenige auf, womit sie nicht zurechtkommt, womit sie nicht vertraut ist, und deswegen schlägt sie vor, vorsichtig zu sein... Mit der Zeit lernen wir, dass die zwischenmenschliche Welt tatsächlich viel Vorsicht braucht, aber viel mehr die Risse mittendrin, also die „Durchgänge“, durch welche Annährung und wahre Anerkennung, also Vertrauen entstehen können. Von einem solchen „Riss im Sein“ hat der französische Dialogphilosoph Emmanuel Lévinas gesprochen. Seine metaphysische wie auch sozialethische Darlegung dieses Konzeptes wird unentwegt kommentiert, aber sein Hinweis auf die Rolle der Kunst wird dabei eher übersehen. Er schrieb unter anderem: „Die Kultur und das künstlerische Schaffen nehmen an der ontologischen Ordnung selbst teil. Sie sind ontologisch schlechthin: sie machen das Erfassen des Seins möglich.“1 Um eine solche Kunstauffassung zu formulieren, muss man überzeugt sein, Kunst sei etwas Dialogisches – sie vermittelt Realitäten, und zwar umso mehr, je weniger naturalistisch sie diese abbildet; sie ermöglicht es uns, die Welten zu verstehen, sich diese vertraut zu machen. An diesen zwei Sequenzen-Tagen habe ich mehr davon verstanden, als dies durch eine Vorlesung in Ontologie möglich wäre. Die Arbeitsweisen von Christian Rebhan, Franz Krummholz und Jutta Steinbeiß – so unterschiedlich diese im Detail verlaufen – verkörpern die Vorsicht der Welt gegenüber. Jedoch eine Vorsicht, die ich als Balance zwischen Neugier und Zärtlichkeit verstehe. Deswegen vertraue ich diesen drei Künstlern – drei unterschiedlichen Wegen zum Werk: in der völlig selbstorganisierten Autotherapie (Rebhan), in der klassisch kunsttherapeutischen Betätigung (Krummholz) und in der Verwirklichung eines außergewöhnlichen Talents (Steinbeiß). Die Ordnung der Dinge „Wie heißt Du eigentlich, darf ich Sie fragen?“ – Christian Rebhan stellte mir diese Frage nicht sofort bei unserer Begrüßung. Er konnte mich zuordnen, erkennen. Nachdem ich jedoch schon eine Weile neben ihm gesessen bin, war es ihm zu wenig. Bei jeder unserer Begegnungen fragt er mich nach meinem Namen und wiederholt diesen laut mit absolut perfekter Aussprache. Nach meiner Zusage – „Ja, perfekt!“ – ist das Thema erledigt, der Name kümmert ihn nicht mehr. Es ist nämlich eine Gepflogenheit, die stattfinden muss 26

Christian Rebhan

– in der geordneten Welt dieses gelassenen, aber zielstrebigen, gepflegten und eine gewisse Eleganz ausstrahlenden Mannes. Im Nächsten beschäftigt Christian meine Anwesenheit. Ich sitze ein wenig hinter ihm, um meinen Blick von der Seite auf seine Hände, seinen Arbeitstisch werfen zu können. Christian kann dabei sehr gut arbeiten und ich bin da sicherlich kein „Störfaktor“ – ich werde in die Kette der sich wiederholenden Schritte seines Arbeitsprozesses „eingebaut“. Er arbeitet hier, wie es für ihn üblich ist, mit dem Internet: auf seinem Schreibtisch steht ein Laptop und vor diesem wechseln sehr schnell A4-Blätter, auf denen er Objekte zeichnet, die er auf dem Bildschirm sieht. Die Arbeitsschritte sind folgende: - Christian denkt kurz darüber nach, welchen Begriff er jetzt in Google – mit der Fokussierung auf die Suche von Cliparts – eintippen wird. Es ist ein kurzes In-sich-Eintauchen, nie eine Orientierung an der materiellen Umgebung. Diese Suche entwickelt aber auch eine Kette von Begriffen, z.B.: „Schnee“, „es schneit“, „verschneite Straßen“, „Tannenbaum“, „verschneite Tannen“, „Bäume im Winter“, „Landschaftsbilder Winter“ und somit eine schnelle Serie von Zeichnungen. Ein kurzes Innehalten, Suchen kommt erst, wenn er das Thema/die Serie wechselt und diese mit breiterer Suche beginnt, wie z.B. „Polargebiet“ (und nicht „Eisbär“) oder „Autos Clipart“ (und nicht „Rettungswagen“). - Wenn er sich schon für eine konkrete Clipart auf dem Bildschirm entscheidet (und dies geschieht sehr schnell), schaut er immer kurz zu mir – ein Kopfdrehen, ein Prüfen vielleicht, seine Bestätigung der eigenen Entscheidung.


- Er zeichnet das gewählte Objekt, und wenn das Bild im Internet eine Beschriftung hat, übernimmt er diese oft für die Zeichnung… Aber: Was bedeutet „er zeichnet“? Er liefert keine „Kopie“. Er arbeitet so schnell, nicht weil er auf eine schöne, detailreiche Abbildung verzichtet, sondern weil er das mehr oder weniger banale Bild (er verzichtet stets auf Zeichentrickfiguren und Disney-Bilder) auf den Inhalt, auf dessen Aussage reduziert. Und man erkennt immer dabei seinen Strich, seine Linie – ob es ein Baum, ein geometrisches Objekt oder ein menschliches Gesicht ist. Und: Die Übernahme von Beschriftungen wird auch oft unterbrochen – durch erzählerische Erfindungen. Beispielsweise: Obwohl Christian eine Brillen-Suche durchführt, er schon mehrere Brillenmodelle auf dem Bildschirm gesehen hat und eben jetzt ein ganz modernes Brillenmodell zu sehen ist, zeichnet er – oder besser „erzählt“ er – etwas aus dem schon bisher von ihm Geordneten, aus der Welt der Dinge, die er schon real erlebt hat: „Dicke braune Brille die habe ich 1978/ In alten nachtkastl gefunden“. Ein anderes Beispiel: Bei der Suche „Behinderung“ findet er ein Bild von zwei Männern, das er in die Zeichnung transportiert und selbst adäquat – interpretierend – beschriftet: „Einen Behinderten umarmen“. Dieser schnell, mit Zufriedenheit und Konzentration arbeitende Mann ist für sich selbst ein Bild des Ordnens: Die Geste, mit welcher er bei jedem Stift den Stöpsel aufsetzt, das Reiben an den Flecken, die von den Stiften auf seinen Händen entstehen, das aufrechte Sitzen, der kontrollierende Blick auf die Armbanduhr (kontrolliert wird nicht die Zeit, sondern der Gegenstand). Ja, man könnte sagen ein Tick, der Schein einer Selbstkontrolle… Es ist immer eine Palette von Merkmalen, die einen Menschen in unserer Nähe – zuerst seinen warmen Körper, seinen Leib, den wir spüren und der empfindet – zu einer Aussage und zur Wirkung bringen. An den Menschen, die wir lieben oder mögen, denen wir mit Freude wiederbegegnen, erkennen wir diese Merkmale wie eine besondere Sprache, die unmittelbar deren Ich vermittelt und gleichzeitig eine Geheimsprache bleibt. Die Arbeitsweise von Christian Rebhan ist aus der Sicht der Kunsttherapie faszinierend: die klassischen Methoden und Instrumente (einfache Recherche, Vorlagen, Serien…), die oft zu stumpfen Wiederholungen führen, wendet Christian völlig souverän an. Er geht überzeugt mit Materialien um, hinterlässt bei jedem Bild seinen eigenen, erkennbaren Strich. Seine große Zufriedenheit, den Vormittag im Atelier erfolgreich verbracht zu haben, betrifft niemand anderen – er schafft diese Ordnung für sich selbst! Aber diese wirkt einladend – ein „Riss im Sein“? Man bildet sich ein, ihm nahe zu sein, von seiner Person berührt, verzaubert zu werden – währenddessen man von ihm einfach nur ganz praktisch in das Gesamtbild eingeordnet wird. Das Recht auf Kunsttherapie Er war einmal Gärtner, erzählte mir Franz Krummholz, das Rasenmähen war ein Spaß. Und präzisierte: Wichtiger als die Blumen waren ihm aber die Vögel und Schmetterlinge. Ein Gärtner – auf einmal behaupte ich mehr zu verstehen von seinen Tierzeichnungen, die ich schon seit einigen Jahren kenne. Und obwohl allgemein eine solche Überzeugung – man hat endlich verstanden! – zu Recht kurz lebt, denke ich, dass meine Behauptung wirklich gilt… auf jeden Fall bis heute. Ich habe Franz immer gerne bei der Arbeit beobachtet – es war für mich eine Erholung, nachdem mich bei anderen Künstlern eine schwierige Kontaktaufnahme oder düstere, sogar traumatische Inhalte der Bilder oft viel Kraft kosteten. Franz hat gerne jemanden in seiner Nähe, er ist unterhaltsam, fröhlich, aber in seiner Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, mit der Kindheit ganz ernst:

Franz Krummholz

„Ich habe so viel Böses erlebt, dass ich mich entscheiden musste: Ich kann auch böse sein, zu den Menschen allgemein, verstehst Du? Nicht nur zu denen, die mich immer auf der Straße auslachen, sondern überhaupt zu Menschen. Oder doch gut zu denen sein, zu denen von den Straßen und zu allen. Weißt du? Ich habe mich entschieden, gut zu sein. Es ist besser so.“ Das Gespräch und das Verfolgen der konzentrierten Arbeit von Franz während der Sequenzen war mir eine sehr wichtige Erfahrung, die ich in dieser Überschrift ausdrücken wollte: Das Recht auf Kunsttherapie. Neue künstlerische Welten entfalten sich nicht vor mir, wenn ich seine sehr gelungenen Abbildungen der Wildtiere ansehe. Franz sucht selbstständig Zeichnungen und Fotos im Internet (er bevorzugt die klassische Bleistift- oder Tuschezeichnung) und zeichnet nach Vorlage. Eine allfällige Kunstassistenz kann bei Franz nur so viel bedeuten, dass er um das Nachfüllen seines Druckstiftes bittet (dies schaffen seine Hände nicht). Er ändert manchmal die Komposition seiner Zeichnung im Vergleich zur Vorlage – er ist geschickt, er kann leicht das Tier von der Seite zeichnen, liegend beispielsweise, wenn auf der Vorlage das Tier frontal, sitzend dargestellt wurde. Franz pflegt sein Handwerk, ist geduldig und fleißig, er verlässt am letzten Sequenzen-Tag als Letzter seinen Arbeitsplatz... (er war einmal ein Gärtner!). Ich saß neben ihm und lernte das Wichtigste wiederzuerkennen: Ein Malatelier darf ein Ort der therapeutischen, für die Alltagsstruktur und Selbstfindung unterstützenden Betätigung sein; es muss kein Ort sein, an dem an jedem Tisch unvergessliche oder auch nur ansprechende Arbeiten entstehen. Ich habe dieses Wesentliche vielleicht in letzter Zeit aus den Augen verloren – in der österreichischen Art Brut- und Outsider Art-Szene (Kunsttheoretiker, Galeristen, Kuratoren) herrscht nämlich eine solche Angst vor der Zuordnung bzw. Bezeichnung „Kunsttherapie“, dass dies zuweilen (wiederum) wie eine Stigmatisierung wirkt. Die in meiner Wahrnehmung so unterschiedliche künstlerische Bedeutsamkeit der Werke – von Christian, Franz und Jutta – zeichnet viel Gemeinsames aus: freies Tun, ohne Zwang oder Lenkung durch andere, die Freude daran, die Ausdauer und Zufriedenheit bei der Fertigstellung. Dass dies stattfindet, dies von diesen Künstlern so empfunden wird, hat bei den Sequenzen, im Rahmen einer inklusiven Kunstwerkstätte, die Bedeutung einer wirkenden Kunsttherapie. Aber sind dies nicht Faktoren, die jede wahrhaft kreative Betätigung ermöglichen und tragen?

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Jutta Steinbeiß

Das Staunen über Jutta Ganz selten erleben wir dies: Wir begegnen einem Menschen, den eine große Begabung auszeichnet, so dass wir diese absurde, ungelöste Frage wiederholen müssen: Woher kommt das? Solcher Art ist die Begegnung mit der Kunst von Jutta Steinbeiß. In dieser Begegnung kann man einige Widersprüche erleben, die man während der Auseinandersetzung mit dem Arbeitsprozess dieser Künstlerin empfindet, die aber nur unsere Perspektive und nicht ihre Erfahrung ist. Ungelöst – was für einen Betrachter so bleibt, wurde von der Künstlerin nicht einmal in Frage gestellt. Auf dem Tisch liegt ein längliches Blatt (etwa 40 X 100 cm) und neben ihm eine aufgeschlagene „Kronenzeitung“. Jutta zeichnet eine Reihe von großen weiblichen Figuren, die eng aneinander gedrängt das Papierblatt ausfüllen. Die ganze Zeit richtet sie den Blick auf die Zeitung, auf ein Foto, auf dem eine blonde Frau in roter Bluse und Bluejeans abgebildet ist. Jutta zeichnet diese Frau ab. Vielleicht soll ich sagen: sie behauptet diese abzuzeichnen, da ich diese Frau auf der Zeichnung nicht erkenne. So wie Christian Rebhan gleichgestaltige menschliche Gesichter zeichnet, so wird auch von Jutta eine weibliche Figur vervielfältigt. Sie gibt mir jedoch von sich aus einige Hinweise, damit ich weiß, wen sie da porträtiert – sie zeigt auf das lange blonde Haar der Frau und auf ihre Zeichnung, auf das aus Kinderzeichnungen bekannte Motiv der stereotypen Haartracht; sie zeigt auf den Gürtel an der Bluejeans, den sie tatsächlich auf ihrer eigenen Zeichnung nicht vergessen hat. Im Lichte dieses Widerspruchs erkennt man das Ungleichgewicht zwischen elementarer kognitiver Leistung (Dinge allein durch auffällige Merkmale unterscheiden und zuordnen zu können) und ausgeprägter, künstlerisch bedeutsamer Aufmerksamkeit auf Details. Jutta bemalt nicht Frauenfiguren, sondern sie füllt geometrische Formen bzw. einzelne Flächen mit anderen Formen und Farben aus. Dies könnte man vielleicht bei der Betrachtung des fertigen Werkes auch vermuten, wenn man aber Jutta beim Schaffensprozess lange und aufmerksam beobachtet, weiß man dies mit Gewissheit. Es handelt sich also um keine „Abbildung von Figuren“, sondern de facto um ein Abstrahieren von den in Zeitschriften abgebildeten Personen. Anstatt leere Flächen und Hintergründe zu füllen, abstrahiert die Künstlerin von konkreten Figuren und verwandelt diese in geometrische Flächen, die dann wiederum mit geometrischen Formen – kleinen Kreisen, Dreiecken, Linien – gefüllt werden. Und die kleinsten Objekte werden nicht einfach bemalt, sondern mit weiteren Formen, die dieses bemalte Objekt imitierten, gefüllt: im Kreis noch ein kleiner Kreis, zwei Striche in diesem kleinen Kreis, end28

lich der letzte Strich in der Mitte des Kreises, wo der letzte kleine „weiße Fleck“ schon fast unsichtbar war, das endgültige Ausfüllen – und dies bei jeder geometrischen Form, und es sind zig bei jeder weiblichen Figur und hunderte, die das ganze Bild ausmachen. In den kleinsten Elementen sehe ich dabei Zellen und die entstehende Komposition erinnert mich an einen Blick durchs Mikroskop: das konzentrierte Einstellen der Beleuchtung und des jeweiligen Objektivs, der Wunsch, kein noch so kleines Element zu übersehen, ein solches genau zu fokussieren, weil sich in ebendiesem ein so großes Spektrum an Mikroelementen ausmachen lässt. Also: Vorsicht im Umgang mit den Objekten, aber Vertrauen auf die eigene Hand. Das Bild von Jutta ist farblich sehr beeindruckend: Hunderte Zellen in Metall, Silber und Gold (von ihren fertigen Arbeiten weiß ich, dass sich später die Farbpalette noch zusätzlich erweitert – von einer Mikroaufnahme sozusagen zu einem Gemälde). Ihre Bemühung um jedes Element, das nicht erfunden, sondern eher gefunden und vorsichtig an die passende Stelle gebracht worden zu sein scheint, zeichnet Juttas Umgang mit ihrer Zeichnung – d.h. mit dem Blatt, mit der Materie, die sich wandelt. Ihre stunden- und tagelange Beschäftigung ist eine wahre Meditation – sie braucht keine Zuschauer, aber die umgebende Welt ist ihr auch nicht gleichgültig. Gelassen in ihrer Arbeit, ist Jutta die ganze Zeit präsent – aufmerksam auf die Umgebung, wenn auch nicht mit dieser beschäftigt. Ich wundere mich bis heute, dass sie es zugelassen hat, dass ich ihr so nahekommen darf – uns trennten vielleicht 20 Zentimeter, als wir uns viele Stunden über das Blatt beugten, sie zeichnend und ich betrachtend. Vielleicht weil es notwendig war, damit ich diese mikroskopischen Strukturen überhaupt wahrnehme, die doch eine Ganzheit bildeten: nebeneinanderstehende, zusammengehörige Frauen. Zum Schluss: Begegnungen (in Sequenzen) Wenn wir zueinanderkommen (vielleicht: ein Künstler und ein Zuschauer), lassen wir nicht unsere Leben – d.h. die Vergangenheit, die Erlebnisse, die ausgeträumten Träume wie auch die nächsten Wünsche – im Vorraum unserer Begegnung warten. Es begegnen sich immer unsere Leben. Wenn es eine Begegnung in der/durch die Kunst ist, wird jedoch von der Begegnung der Leben nicht direkt gesprochen. Es ist egal, ob es sich um einen Künstler mit großer intellektueller Ausprägung und zielorientiertem Schaffen oder um einen kognitiv eingeschränkten Künstler mit Down-Syndrom handelt – deren Lebenserfahrungen werden nie unmittelbar zu Wort kommen, sondern dies geschieht im Kunstwerk. Etwas Ähnliches gilt für den Betrachter: Kunstwahrnehmung bedingt auch eine Art von Vorsicht – in der Annährung, in der Bereitschaft sich berühren, einbeziehen zu lassen. Die Begegnung entsteht als Berührungspunkt von Vorsicht und Vertrauen. Dies bedeutet: In der Kunst eigene Spuren zu hinterlassen, es zu wagen, das Kunstwerk der anderen persönlich zu erleben. 1 E. Lévinas, Die Bedeutung und der Sinn, übers. von L. Wenzler, in: Ders., Humanismus des anderen Menschen, Meier, Hamburg 2005, S. 20.


Christian Rebhan

Christian Rebhan, „Wohnzimmer 1957 und 1974“, Edding, je 30 x 30 cm, 2018 29


Franz Krummholz

Franz Krummholz, „Tiere“, Copix, je 25 x 35 cm, 2018 30


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Julia Rakuschan

Jutta SteinbeiĂ&#x;

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Julia Rakuschan, „Menschen“, Copix, je 10 x 10 cm, 2018

Jutta Steinbeiß, „Lauter Frauen“, Faserstifte auf Chinapapier, 84 x 35 cm, 2018 33


Paul Jaeg Das Veranstaltungsteam des Projektes SEQUENZEN hat ein Konzept für ein Kunstsymposium erarbeitet, das im Jahr 2018 in den Ateliers der „Alten Weberei“ in Ebensee unter dem Titel „konzeptlos“ durchgeführt wurde. Dieses Motto reichte für mich, als unkonventioneller Künstler, die telefonische Anfrage bezüglich einer Teilnahme sofort zu bejahen. Irgendwie eigenartig empfand ich es, dass ich mich zuerst einmal völlig darauf verließ, meine Vorbereitungen und später meine Teilnahme konzeptlos (dem Motto gemäß) laufen zu lassen, aber mein psychischer Apparat, egal wo der nun in mir sitzt, ließ das nicht zu: Sehr bald setzte sich unabhängig von meinem Einfluss eine geradezu weit ausfächernde und anhaltende Nachdenklichkeit in mir durch. Und jetzt, im Nachhinein, nach einem diesbezüglichen Gespräch mit dem Künstler Helmut Pum, wird mir klar, was das für mich – und vielleicht auch für andere – bedeutet. Die heutige

Konzeptfreudigkeit, man könnte sie fast als Konzeptgläubigkeit bezeichnen, wird derart übertrieben, dass oft nach 20 Teamsitzungen und 100-seitigen Konzepten bloß eine minimale Ausführung desselben folgt; und niemand beschwert sich! Das ist sonderbar, könnte man doch in Zukunft so manche Vorhaben, in wirtschaftlichen sowie in künstlerischen und anderweitigen Bereichen, ohne weiteres so durchführen, dass gewisse Überlegungen wirklich mit einer ständig begleitenden Nachdenklichkeit (und Hinterfragung) einhergehen! Sollte ich nun bei Ihnen eine „Nachdenklichkeit“ ausgelöst haben, ist das die beste Voraussetzung für Sie, ein paar halbfertige Konzepte zu verwerfen und sich meinem „Hausverstand für Fortgeschrittene“ anzuschließen. Denn nicht zuletzt könnten auf dieser Basis wieder viel mehr Menschen aus verschiedenen Lebensbereichen oder gar fremden Kulturen sinnvoll zueinanderfinden!

Paul Jaeg & Christian Rebhan, „Gelebte Freiheiten“, Acryl und Acrylstifte, 60 x 80 cm, 2018 34


Donna E. Price

Donna E. Price, Objekte, „Ohne Titel“, Draht und Acryl, 2018 35


Martin Filsegger

Martin Filsegger, „Der Fuchs“, Faserstifte, 35 x 25 cm, 2018 Martin Filsegger, „Sahel“, Faserstifte, 35 x 25 cm, 2018 36


Gertraud Gruber

Gertraud Gruber, „Ohne Titel“, Fineliner auf Karton, 100 x 70 cm, 2018 37


Christian Mitterlehner

Christian Mitterlehner, „Bäume“, Grafitstift auf Papier, je 50 x 70 cm, 2018 38


Elisabeth Watzek

Elisabeth Watzek, „Sport“, Bleistift und Edding auf Papier, je 40 x 30 cm, 2018 39


Eli Kumpfhuber

Eli Kumpfhuber, „Tellergeschichten“, Filzstift, d 20 cm, 2018

Andreas Krötzl

Andreas Krötzl, „Struktur“, Farbstift, 35 x 25 cm, 2018 40


Margarete Bamberger

Margarete Bamberger, „Menschen“, Farbstift, je 25 x 35 cm, 2018

Sophie Beisskammer

Sophie Beisskammer, „Tiere“, Farbstift, je 20 x 10 cm, 2018 41


Regine Pots

Regine Pots, „such Eira such“, Fotografie-Collage, 2018

Regine Pots, „Texturen konzeptlos am werden“, Fotografie-Collage, 2018 42


Regine Pots, „Coole Eierwärmer“, Textil, 50 x 50 x 40 mm, 2018

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Peter Putz · Das Ewige Archiv

Peter Putz, „Saline“. Ebensee | AT · 1920-er – 2016

Ebensee | A · 2010

Peter Putz, „Torbogen des Konzentrationslagers“. Ebensee | AT · 2010 44


Ebensee | AT · 2016 – 2018

Peter Putz, „Weberei“. Ebensee | AT · 2018

Ebensee | A · 2010

Peter Putz, „Iceberg“. Ebensee | AT · 2010 45


Anette Friedel · Rotes.Textil.Band

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Teilnehmer*innen SEQUENZEN 2018 Die Teilnehmer*innen bei Sequenzen 2018 sind in der Fotoserie von Anette Friedel auf der Doppelseite 46/47 porträtiert. Die Nummern in den Klammern im Anschluss an die Namen in der nachfolgenden Auflistung geben zuerst die Reihe und dann die Position innerhalb der Reihe auf der Doppelseite 46/47 wieder. Armin Andraschko (Reihe 4, Position 2) armin.andraschko@aon.at www.arminandraschko.at Anita Baier (1,6) www.caritas-linz.at Margarete Bamberger (4,3) www.galerietacheles.at Sophie Beisskammer (1,4) www.galerietacheles.at Bernhard Engljähringer (4,5) Art Brut - MUSEUM Engljähringer Engerwitzdorf, OÖ Martin Filsegger (3,7) www.galerietacheles.at Anette Friedel (3,3) foto@anette-friedel.at www.anette-friedel.at Paul Jaeg (1,7) paul@jaeg.at Gertraud Gruber (3,6) atelier@diakoniewerk.at Petra Kodym (2,8) office@petrakodym.com www.petrakodym.com Andreas Krötzl (1,1) www.galerietacheles.at Franz Krummholz (3,5) www.galerietacheles.at Eli Kumpfhuber (4,6) www.galerietacheles.at Birdman Hans Langner (2,3) birdman@birdman.de www.birdman.de Christian Mitterlehner (3,8) www.caritas-linz.at Natalia Müller (2,5) muenatalia@netscape.net n.mueller@diakoniewerk.at www.diakoniewerk.at

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Regine Pots (4,1) energi.spot@yahoo.de www.potsregine.com Marco Prenninger (3,4) marco@marcoprenninger.com www.marcoprenninger.com Donna E. Price (2,6) donnaeprice@gmail.com www.donnaeprice.com Helmut Pum (3,2) helmut.pum@aon.at Julia Rakuschan (1,5) www.galerietacheles.at Christian Rebhan (2,4) www.galerietacheles.at Ferdinand Reisenbichler (1,2) ferdinand.reisenbichler@gmail.com www.galerietacheles.at Jutta Steinbeiß (2,7) atelier@diakoniewerk.at Eva Sturmberger (1,8) www.galerietacheles.at Sylvia Vorwagner (3,1) info@sylvia-vorwagner.at www.sylvia-vorwagner.at Elisabeth Watzek (4,4) www.caritas-linz.at Arno Wilthan (4,8) a.wilthan@diakoniewerk.at www.diakoniewerk.at Gerhard Wörnhörer (4,7) gerhard.woernhoerer@gmail.com Heidi Zednik & Eira (2,1; 2,2) heidizednik@gmail.com www.heidizednik.com


Fach/Gastbeiträge:

Fotos Regine Pots: Ateliergemeinschaft Alte Weberei Ebensee

Peter Assmann peter.assmann@beniculturali.it www.peter-assmann.com Geboren 1963. Studium der Kunstgeschichte (Doktorat) sowie der Geschichte und Germanistik (Lehramt), arbeitet als Museumsdirektor, Kunsthistoriker, Schriftsteller (Verlag Bibliothek der Provinz bzw. arovell) und bildender Künstler, Gründungsmitglied der Gruppe „c/o:K“, Künstlermitglied des Wiener Künstlerhauses, der Gruppe Sinnenbrand“ und der IG bildende Kunst. Małgorzata Bogaczyk-Vormayr (1,3) bogaczyk@amu.edu.pl Małgorzata Bogaczyk-Vormayr, PhD, Assistenzprofessorin an der Universität Posen in Polen, Philosophin mit den Schwerpunkten in der Philosophie der Antike, angewandten Ethik und Kunstphilosophie. Seit 2018 ist sie Mitherausgeberin der Reihe „Kunst und Inklusion“ (LIT Verlag, Wien). Sie ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Edith Stein Gesellschaft Österreich. Peter Putz studioputz@chello.at · www.ewigesarchiv.at Geboren 1954 in Ebensee. Seit 1980 Arbeit am Projekt „Das Ewige Archiv“.

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Impressum Herausgeber: Helmut Pum & Kunstwerkstatt Lebenshilfe OÖ/Gmunden Ferdinand Reisenbichler & Die Kunstwerkstatt / Atelier, Diakoniewerk OÖ

2017 SEQUENZE ITALIA https://issuu.com/helmutpum/docs/kat_sequenze_ italia_2017_16_lr__onl

Redaktion und für den Inhalt verantwortlich: Helmut Pum, Ferdinand Reisenbichler Fotonachweis: Petra Kodym: Seite 5 Helmut Pum: Seite 20, 21 birdman: Seiten 22/23 oben Ruud Ploeg: Seiten 22/23 unten Museum Dr. Guislain: Seite 24 Małgorzata Bogaczyk-Vormayr: Seite 8, 26, 27, 28 Benedikt Fuhrman: Seite 25 Regine Pots: Seite 52 links Heidi Zednik: Seite 52 rechts

2016 SEQUENZEN PER SE https://issuu.com/helmutpum/docs/2016_sequenzen_per_se

Kontaktadressen: Helmut Pum helmut.pum@aon.at Ferdinand Reisenbichler Kunstwerkstatt Lebenshilfe OÖ/Gmunden Georgstraße 20, 4810 Gmunden Tel: +43699/11868895 ferdinand.reisenbichler@gmail.com www.galerietacheles.at Natalia Müller, Arno Wilthan Die Kunstwerkstatt / Atelier, Diakoniewerk OÖ Hauptstrasse 3, 4210 Gallneukirchen Tel: 07235/63251-760 (766) atelier@diakoniewerk.at www.diakoniewerk.at

2015 SEQUENZEN – Art Brut passè? http://issuu.com/archiv001/docs/kat_sequenzen_2015_17_lr

Theresia Klaffenböck Leitung Kunst St. Pius Peuerbach theresia.klaffenböck@caritas-linz.at www.caritas-linz.at Coverbild: Ferdinand Reisenbichler Gestaltung: Peter Putz · www.ewigesarchiv.at

2014 SEQUENZEN und Collaborations Zeitgenössische Kunst trifft Art Brut http://issuu.com/archiv001/docs/kat_sequenzen_a4_11_lr/1


Marco Prenninger, Farbstift und Tusche, A3, 10. Juli 2018 um 14.32 Uhr


L O S

Kunst ist immer ein Gewinn!

Kunst ist immer ein Gewinn!

K O P F

© Arno Wilthan

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© Regine Pots

© Heidi Zednik

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Konzeptlos: SEQUENZEN 2018  

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