pressesprecher 7/2013 Thema Interkulturelle Kommunikation

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Karriere

den Entscheidungsdruck zu minimieren. Er plädiert dafür, sich bewusst für das Entscheiden zu entscheiden. „Das klingt im ersten Moment vielleicht etwas komisch“, so Jung, „aber wenn wir Entscheidungen als Gestaltungs­chance und nicht als Bedrohung begreifen, bieten sich gedanklich auf einmal viel mehr Möglichkeiten. Wir erkennen wieder neue Handlungsspielräume.“

Kriterien definieren

Bild: Albrecht Dürer / Germanisches Nationalmuseum

Die Menschheits­ entscheidung schlecht­ hin: Adam und Eva essen vom paradiesischen Apfel

ne ideale Entscheidungssituation auf dieser Welt gibt“, sagt Pachur, „Entscheidungen bleiben auch bei genauem Abwägen und Nachdenken meist mit Unsicherheit behaftet. Wir müssen akzeptieren, dass es absolute Sicherheit nicht gibt. Wir können aber lernen, mit der Unsicherheit umzugehen und unsere Entscheidungen darauf abzustimmen.“ Habe man dies erst einmal (ansatzweise)­verinnerlicht, fielen Entscheidun­gen bereits im Vorfeld leichter. Organisationsentwickler Jung verfolgt einen etwas anderen Ansatz, um

Doch mehr Möglichkeiten nehmen nicht nur den Druck aus einer Entscheidung. Sie produzieren gleichzeitig ein neues Problem. Denn: Je größer die Zahl an Optionen ist, desto schwieriger lässt sich zwischen diesen wählen. „Umso wichtiger ist es daher, für sich selbst drei bis vier zentrale Informationen zu definieren, die für eine Entscheidung unverzichtbar sind“, rät Pachur. Dies bestätigte auch seine Studie zu Arbeitsmustern von Zollbeamten. An zwei Schweizer Flughäfen untersuchte Pachur, nach welchen Kriterien die Zöllner Passagiere für eine Durchsuchung nach geschmuggelten Drogen auswählten. Aus zwei beispielhaften Passagier-Steckbriefen sollten diese eine Person auswählen, die sie eher des Schmuggels verdächtigten. Die meisten Zöllner entschieden schnell. Anstatt die gesamten acht Kriterien – Abflugort, Geschlecht, Nationalität, Alter, Anzahl der Gepäckstücke, Augenkontakt mit Zollbeamten, Kleidung sowie Schrittgeschwindigkeit – in ihre Überlegung einzubeziehen, entschieden die Zöllner aufgrund einer kurzen sequentiellen Checkliste im Kopf. Stimmte ein Kriterium ihrer persönlichen Checkliste mit dem Steckbrief überein, war die Entscheidung gefallen und der Passagier zur Kontrolle ausgewählt. Wer im Alltag also schnell und effizient entscheiden muss, sollte zunächst für sich selbst die wichtigsten Entscheidungskriterien definieren. Ist dies geschehen, fällt die Auswahl schon viel leichter. „Hat man dann

bei einem Problem die wichtigsten Fakten beisammen, sollte man allerdings auch schnell entscheiden“, sagt Pachur. Aufschieben bringt nichts. Die gern zitierte Volksweisheit des „noch einmal eine Nacht darüber Schlafens“ wird in der Wissenschaft heiß diskutiert. „Wissenschaftlich abgesichert ist, dass eine kurze Ablenkung – wie etwa ein Spaziergang – zu besseren Problemlösungen führt, aber ob das Gleiche auch für Entscheidungen gilt, lässt sich momentan nicht gesichert sagen“, sagt Pachur.

Der Anwalt des Teufels

Ebenso skeptisch steht der Psycho­ loge Gruppenentscheidungen gegenüber. „Wenn Experten eine Stunde lang über ein Thema diskutie­ren, dann gehen die Meinungen der Einzelnen flöten“, erklärt Pachur. Dieses Problem sieht auch Dirk Jung: „Gruppen begeben sich in der Diskussion zu schnell in eine Komfortzone. Niemand will dem anderen etwas Böses und schon einmal gar nicht dem Chef widersprechen.“ Die Formel: Je mehr Menschen sich mit ihrem Wissen zu einem Problem äußern, desto besser ist die Entscheidung, funktioniere meist nicht. Ist eine Entscheidung in weiter Ferne, kann es eine Möglichkeit sein, einen „Advocatus diaboli“ – einen Anwalt des Teu-

Faustregel­ „10 –10 –10“  Anstatt sich auf den Input zu konzentrieren, schlägt die Amerikanerin Suzy Welch mit ihrem Modell „10-10-10“ einen anderen Weg vor. Sie rät, vor jeder Entscheidung über die möglichen Konsequenzen in zehn Minuten, zehn Monaten und zehn Jahren nachzudenken.

fels – zu bestimmen. Dieser sollte, notfalls gegen seine eigene Überzeugung, konsequent eine Gegenposition zur Gruppe vertreten. „Eine Person, die durch eine Gegenposition festgefahrene Denkmuster auf den Prüfstand stellt, ist viel Wert. Ich kann nur hoffen, dass jeder eine solche Vertrauensperson im Team hat“, sagt Jung.

Falsch entschieden?

Bleibt nur zu klären, was zu tun ist, falls man doch einmal falsch liegt. Im Fall von Kießlings Phantom-Tor urteilte das DFB-Sportgericht: Die Entscheidung des Referees bleibt gültig, das Tor zählt. Nicht jede Entscheidung kann jedoch gerichtlich bestätigt oder korrigiert werden. Bleiben Sie trotzdem gelassen. Psychologen gehen davon aus, dass wir, falls wir eine Fehlentscheidung bereuen, bereits auf dem Weg sind, aus dieser zu lernen. Und Untersuchungen zufolge bedauern Menschen es mehr, Dinge nicht getan zu haben – statt eine falsche Entscheidung zu treffen. Wagen Sie daher lieber auf die Nase zu fallen, als einer nicht genutzten Chance ewig hinterherzutrauern. 55


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