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dokumentiert: Erkenntnisse aus Pattaya

Mission und Diakonie

Buchankündigung

Das missionarische Mandat der Diakonie Michael Herbst, Ulrich Laepple Neukirchener Verlagsgesellschaft (erscheint im Frühjahr 2009) Impulse Johann Hinrich Wicherns für eine evangelisch profilierte ­Diakonie im 21. Jahrhundert Dieses Buch ist aus Vorträgen und Publikationen entstanden, die sich einer „missionarischen Diako­ nie“ und einer „diakonischen Mis­ sion“ verpflichtet wissen. Sie wer­ ben für ein integrales Verständnis des christlichen Auftrags, bei der sich Evangelisation und Diakonie gegenseitig unterstützen. Die Ver­ fasser sehen dabei vielfältigen An­ lass, an J. H. Wichern anzuknüpfen und sein Erbe unter den Gegeben­ heiten der heutigen Zeit neu zu buchstabieren. Sie sehen Wichern nicht nur als Sozialreformer, son­ dern auch als großen Inspirator für Evangelisation. Eine missionarische Profilierung der Diakonie wird sinn­ vollerweise ansetzen bei den Füh­ rungskräften. Darum richtet sich das Buch an Verantwortungsträger in der Diakonie (nicht nur an die theologisch, sondern auch betriebs­ wirtschaftlich Verantwortlichen), ebenso an Pfarrerinnen und Pfarrer, die nach Diakonie in der Gemein­ de fragen. Aber auch alle anderen mit ­Diakonie befassten Mitarbeite­ rinnen und Mitarbeiter der Kirche können sich in den hier zur Debatte stehenden Fragen des Zusammen­ hangs von Diakonie und Mission kaum entziehen.  ul.

Tagungsankündigung

Weitergabe des Glaubens in der Diakonie Die 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) unter diesem Thema findet im Jahr 2009 vom 9. bis 11. Juni 2009 statt. Tagungsort ist das Ev. Bildungszentrum Schwanen­ werder (Wannsee) in Berlin. Themen und Referenten werden ab Januar be­ kannt sein und können dann auf der AMD-Homepage abgerufen werden. ul.

Eine Informationsschrift der AMD

missionarisch, wachsend, ganzheitlich, profiliert

mi––di 6 | Winter 2008

Ein Leib, ein Herr, eine Stimme Im Oktober 2008 fand in Pattaya (Thailand) die Generalversammlung der Weltweiten Evangelischen Allianz statt. Diese Versammlung von nationalen evangelikalen Verbänden aus der ganzen Welt versteht sich primär als evangelistische Bewegung. Sie betont jedoch zugleich, dass das evangelistische Zeugnis durch das Zeugnis tätiger sozialer Hilfe ergänzt werden muss und unterstreicht die Verantwortung für eine Weltgestaltung, die Unrecht und Armut aktiv bekämpft. Hier ein persönlicher Bericht von Hartmut Steeb. Die nur etwa alle sechs Jahre stattfin­ dende Generalversammlung der Weltwei­ ten Evan­gelischen Allianz verschafft ei­ nen Blickwechsel, bei dem Europa nicht im Zentrum der Welt, sondern am Rande liegt. Das ist gut so. Sie gibt nicht nur eine neue, sondern eine klare Sicht, die im Alltag zu Hause oft zu kurz kommt. Mir ist klar geworden: 1. Wir sind der gemeinsame Leib des Je­ sus Christus. Es ist weder gut noch richtig, von uns „hier“ und den anderen Christen „dort“ zu reden. Nein, wir sind ein Leib. Wir haben einen Herrn. Wir gehören un­ trennbar in Jesus Christus zusammen. 2. Wir sind die wachsende Gemeinde. Nicht wir stagnieren und anderswo wächst die Gemeinde. Nein, wir sind als Ganzes nur die eine Gemeinde Jesu, die wächst. Und wir dürfen dieser wachsenden Bewe­ gung angehören. 3. Wir sind die leidende Gemeinde Jesu. Nicht irgendwelche andere Christen lei­ den. Sondern wir leiden mit unseren Schwestern und Brüdern in der Verfol­ gung und in der Bedrängnis. Und wir merken auf: Verfolgung ist kein Betriebs­ unfall, sondern Realität eines Lebens in der Nachfolge von Jesus Christus. Und da­ bei wird deutlich: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ Ja. Aber die Ge­ meinde Jesus wächst nicht nur einfach, weil sie verfolgt wird, sondern sie wird ver­ folgt, weil sie wächst. 4. Gottes Uhren ticken anders. Es bewegt mich, als vietnamesische Brüder berichten, dass in Nordvietnam heute jene beson­ ders zur Stabilität der Gemeinde beitragen, die in kommunistischen Zeiten in kom­ munistische Staaten „ausgesandt“ worden waren (z. B. in die DDR), zum Glauben kamen und nach der Zeit des Kommunis­ mus dorthin als Christen zurückgekehrt sind und jetzt Gemeinde bauen. 5. Evangelisation hat Priorität – aber soziale Verantwortung ist unverzichtbar. Man verliert nicht viel Zeit, die Statistiken hin und her zu wälzen und scharfsinnige Ana­ lysen zu diskutieren. Denn die Fakten lie­

gen längst auf dem Tisch. Es ist in der Weltweiten Evangelischen Allianz völlig klar: Evangelisation hat oberste Priorität, auch, trotz und wegen der unendlichen Weltnöte: Hunger, Armut, Naturkatastro­ phen, Sklaverei, Sex- und Menschenhan­ del. Aber diese Priorität befreit nicht da­ von, auch die menschliche Sorge nach allen Kräften und allem Vermögen anzu­ packen. 6. Ohne Gebet sind wir machtlos. Darum wird die Generalversammlung mit einem Gebetstag eröffnet. Das Gebet steht nicht nur am Ende, dass Gott doch nun segnen möge, was wir beschlossen haben, son­ dern am Anfang, weil wir wissen, dass ohne Gebet alles vergeblich ist. Es wäre ja auch töricht, nicht ganz bewusst das An­ gesicht Jesu zu suchen und in der Einheit mit ihm die Evangelische Allianzgemein­ schaft zu gestalten. 7. Wir sind das Licht der Welt und das Salz der Erde. Die Evangelische Allianz nimmt diese Beauftragung und Sendung an. Und darum setzt sie sich ein für die Verfolgten, die Entrechteten, die Verar­ mten, auch gegen die Tötung der Unge­ borenen. Darum hilft sie Aidskranken und vielen anderen. Darum gehört zur Weltgestaltung eben auch das Mandat, sich politisch zu engagieren und gegen­ über Politikern gegebenenfalls Flagge zu zeigen. Wenn ich das umfassende mis­ sionarische Programm und den aufopfe­ rungsvollen Einsatz armer nationaler Al­ lianzen betrachte, dann freilich wird mir auch das zur Anfrage, warum wir nicht gemeinsam alles tun, was wir gemeinsam tun könnten, das Zeugnis in Wort und Tat.  Hartmut Steeb ist ­G eneralsekretär der Deutschen ­Evangelischen Allianz (www.ead.de)

Stützpunkte der Llebe Gottes

angestoßen Stützpunkte der Liebe Gottes 1 Netzwerk „Diakonie in der ­missionarischen Gemeinde“ gegründet Coole Idee: „endlich leben“-Gruppen  6 Pfarrer Helge Seekamp über Lebens-, Glaubens- und Selbsthilfe Charakteristika diakonischer Kultur 22 zur Stärkung des diakonischen Profils

dokumentiert Hoffnung und neues Leben geben 3 Karl-Heinz Zimmer über Gemeinde­ diakonie bei Willow Creek zuhören – zupacken 9 Angela Glaser begleitet einen Tag lang eine Parish Nurse in England

DiakoNIE ALLEIN 20 Matthias Krause zeigt, wie die Diakonie auf neue Mitarbeitende reagiert Ein Leib, ein Herr, eine Stimme 24 Hartmut Steebs Erkenntnisse aus Pattaya

24 Personen, deren Herz für solche „Stützpunkte“ schlägt,

diskutiert

trafen sich am 10. November 2008

Kerze anzünden – ist das diakonisch?11 Aus einem kritischen Brief

in der Berliner Stadtmission

Liebe im Spannungsfeld 14 widerstreitender Interessen Frieder Grau beleuchtet die Sicht der Unternehmensführung

und gründeten bundesweit das „Netzwerk Diakonie in der

inspiriert

missionarischen G ­ emeinde“. hilfegruppe für angeschlagene Menschen Sie kamen als Pastoren und Pastorinnen mit Abbrucherlebnissen, hier eine als aus Kirchengemeinden oder als Vertreter „Wellness-Wochenende“ ausgeschriebene von diakonischen und missionarischen Gemeindefreizeit, bei der der Zusam­ Ämtern, auch aus freien Werken oder als menhang von Körper, Seele und Geist Repräsentanten von Zusammenschlüs­ thematisiert wird, dort eine Arbeitslo­ sen wie Willow Creek Deutschland und seninitiative im Stil eines monatlichen der Evangelischen Allianz. Hauskreistreffens mit seelsorgerlicher An vielen Orten sind unsere Gemein­ Stabilisierung, Schulung und konkreter den reich an diakonisch-missionarischer Arbeitsvermittlung – alles Beispiele für Arbeit: hier eine Hausaufgabenhilfe für Kinder in Verbindung mit einem liebevoll Arbeitsformen, die Gemeinden ersinnen, zubereiteten Essen, dort christliche Cafés um in Not geratenes, gefährdetes oder beschädigtes Menschenleben aufzufan­ als Kommunikationsort und Anlauf­ gen und zu begleiten. Und das alles im stelle für Menschen mit Fragen oder Nöten, hier ein Patientengottesdienst mit Kraftfeld einer fürsorgenden, betenden und glaubenden Gemeinde. Segnung und Salbung, dort eine Selbst­   Lesen Sie bitte weiter auf Seite 2

Gesundheit, Heilung & Spiritualität 13 Ein Grundsatzpapier Spirituelles Diakoniemanagement 17 Drei Statements zu „geistlich führen“ Wer … Ich? Eine Aufforderung 

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lesen Krank sein mitten im Leben

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Das missionarische Mandat der  Diakonie Eine Vorankündigung

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Aus der AMD Termine und Tagungen Impressum

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angestoßen

    Fortsetzung

Liebe Leserin, lieber Leser, „Das ganze Evangelium für den ganzen Menschen“ – dieses ­Motto beschreibt den Auftrag für die Gemeindediakonie ge­ nauso wie für die Einrichtungs­ diakonie. Zwar haben beide ganz unterschiedliche Rahmenbedin­ gungen und folgen darum in ­ihrer Arbeit verschiedenen Lo­ giken. Aber beide kommen von einem Auftraggeber und stehen unter einem Auftrag. Den gilt es für die eigene Situation zu erfas­ sen – im theologischen Diskurs wie in praktischer Selbstprüfung. Die Prüffrage wird sein, ob wir „das ganze Evangelium für den ganzen Menschen“ auch wirklich zur Geltung bringen. Im leben­ digen Dialog mit den Herausfor­ derungen der Zeit ergeben sich ständig neue Gelegenheiten, die ergriffen werden wollen. Aber jede Zeit hat auch ihre spezi­ fischen Versuchlichkeiten, den „ganzen“ Auftrag abzuschneiden oder zurechtzubiegen, nach der einen wie nach der anderen Seite. Darum ist es das Anliegen von mi-di, den Bindestrich zwi­ schen „Mission“ und „Diakonie“ mit ­Leben zu füllen. Auch die­ se Ausgabe will an gelungenen Beispielen zeigen, wie sich die ­Liebe Gottes Wege sucht, fach­ liche Lebens­hilfe und Hilfe zum Glauben mit Phantasie und Freu­ de zu einem Ganzen zusammen­ zuführen – in der Einrichtungs­ diakonie genauso wie auf dem Feld der Gemeinde. Ein inspiriertes Lesen wünscht Ihnen Ihr

Ulrich Laepple ist Fachbereichsleiter für missionarisch­-­diakonischen G ­ emeindeaufbau bei der A ­ rbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste im ­Diakonischen Werk der EKD und mi-di-Schrift­leiter.

„Stützpunkte der Liebe Gottes“

Die Vernetzung von Erfahrungen und Ideen ist nötig Die in Berlin zusammengekommene ­bunte Gruppe war sich darin einig, dass – angesichts der immer sichtbarer aufbrechen­den Nöte in der Gesellschaft und dem gleichzeitigen Rückzug des Staats aus manchen sozialen Verpflich­ tungen  – die Gemeinden als „Stütz­ punkte der ­Liebe Gottes“ und „Hoff­ nungsorte für Menschen“ immer wichtiger werden. An vielen Orten ge­ schieht Beeindruckendes, ja Modellhaftes. Aber es fehlt oft das Wissen von einan­ der, auch ermutigende und ansteckende Phantasie – eben eine Vernetzung, die ein Klima der Inspiration und der Multi­ plikation erzeugen würde. Das „Netzwerk Diakonie in der missionarischen Gemeinde“ will hier Abhilfe schaffen und mit Hilfe dieses Netzwerks ein vielfältiges Instru­ mentarium anbieten.

Hilfe zum Leben, Hilfe zum Glauben Darüber hinaus wollen wir für ein Ge­ meindeverständnis werben, das von An­ fang an auch Grundlage dieser Informa­ tionsschrift mi-di war. Diese Grundlage besteht in der Überzeugung, dass in der Gemeinde Lebenshilfe und Glaubenshilfe zusammengehören. Menschen sollen in diakonischer Hilfe „zum Leben“ das fin­ den können, was dem Leben am meisten dient: die Hinführung „zum Glauben“. Manche Teilnehmerinnen und Teil­ nehmer sprachen eindrücklich von der Erfahrung, dass diakonische Arbeitsfelder für Kirchendistanzierte und Konfessi­ onslose oft Brücken zum Glauben seien; aber es ergebe sich nicht wie von selbst, vielmehr müssten diese Brücken in der Gemeinde bewusst gewollt und gebaut werden. Dabei steht missionarische Diakonie vor einer doppelten Herausfor­ derung: Sie kann einerseits nicht stumm bleiben und ist tendenziell immer auch seelsorgerlich, glaubenweckend und ver­ kündigend. Aber sie darf andererseits nie zu einer nur taktischen Aktion werden, die zur Glaubensweitergabe verzweckt wird.

Eine Antwort auf das Wichernjahr Das Wichernjahr 2008 ist bei der Dia­ konischen Konferenz des Diakonischen Werks der EKD in Hamburg mit einem

dokumentiert

Hoffnungsorte für ­beschädigtes Leben

Vortrag von Bundespräsident Horst Köh­ ler zu Ende gegangen. Es hat eine Fül­ le von Veranstaltungen und vielfältige Li­ teratur über Wichern und seine Innere Mission hervorgebracht. Es ist klar, dass sein Leitbild „Mission“, das im Namen des heutigen Diakonischen Werks 1975 endgültig durch das Leitbild „Diakonie“ ersetzt worden ist, für die kirchliche So­ zialarbeit nicht wieder zurückgeholt wer­ den kann und soll. Aber es muss daran erinnert werden, dass in der gemeind­ lichen oder unternehmerischen Diakonie die missionarische Kraft und die spiritu­ elle Ausstrahlung weithin verloren gegan­ gen sind. Sich an Wichern erinnern führt zual­ lererst zu der Erkenntnis, dass Diakonie missionarisch ist, also in der Sendung Jesu Christi steht und an der Aufgabe Anteil hat, dass das ganze Evangelium dem ganzen Menschen zugutekommt. Hier liegt der Herzschlag des Wirkens von Johann Hinrich Wichern. Diesen Herzschlag nimmt das gegründete Netz­ werk auf und will ihn in der Gemeinde wirksam werden lassen – in anderer kirchlicher und gesellschaftlicher Lage als in der Wichernzeit.

Weiterarbeit Eine Steuerungsgruppe, die bei dieser Gründung eingesetzt wurde, erarbeitet als nächsten Schritt ein Instrumentarium der Vernetzung. Es ist an den Austausch von aussagefähigen Projekten und Ideen auf einer Internet-Plattform gedacht, aber auch an Fachtagungen, an Gemeindeer­ kundungen und ggf. an Beratung von Ge­ meindeprojekten vor Ort. Das Netzwerk ist selbstverständlich offen für weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Informationen dazu werden auf die Homepage der AMD gestellt und über mi-di kommuniziert. Für Anfragen steht der Fachbereich „Diakonisch-missionarischer Gemeinde­ aufbau“ der AMD gerne zur Verfügung.  Ulrich Laepple

Gemeindediakonie heißt:

Hoffnung und neues Leben geben „Community Care“ – ein Beispiel Das wissen wir längst, dass nicht alles, was aus den USA kommt, gut ist. Was wir lernen könnten ist, dass nicht alles schlecht ist. Eine Gruppe von Christen reiste unter der Leitung von Karl-Heinz Zimmer (Willow Creek Deutschland) und Ulrich Laepple (AMD) im Mai 2008 in die Mega-Church Willow Creek bei Chicago und machte sich ein Bild von „Community Care“, was gut mit „Gemeindediakonie“ übersetzt werden kann. Trotz der großen kirchlichen und kulturellen Unterschiede war für die Besucher das, was sie gesehen und studiert haben, nachhaltig inspirierend und stärkte das Engagement hier in Deutschland.

„Du kannst ein ganz neues Leben haben. Ich habe ein völlig neues Leben bekommen und ich will, dass das jeder da draußen weiß. Ich denke immer, dass da Leute sitzen, die nicht glauben können, dass man ihnen helfen kann, so wie ich damals. Diesen Men­ schen will ich sagen: Dein Leben kann sich komplett verändern.“ Mit diesen Worten von Debbie Krich beginnt ein Film über „Community Care“, einem Bereich der sozial-diakonischen Arbeit der Willow Creek Com­ munity Church in South Barrington/ Chicago.

Aus der Bahn geworfen Debbie weiß, wovon sie spricht. Von ihrem Ehe­ mann misshandelt, geschieden, muss sie als allein erziehende Mutter das Leben bewältigen. Seelisch und körperlich verletzt, alleine gelassen in ihrer Sor­ ge um den Lebensunterhalt, in ihrem Hunger nach Würde und liebevoller Beziehung und mit Erzie­ hungsaufgaben an heranwachsenden Jugendlichen, steht sie als ein Beispiel für ungezählte, bittere Schicksale, die Menschen aus der Bahn werfen: Be­ ziehungskrisen und Zerbruch von Partnerschaften, Kinder, die sich zwischen den liebsten Menschen auf der Welt entscheiden müssen, unbewältigte Trauer, häusliche Gewalt, Überschuldung, Arbeitslosigkeit, Verzweiflung durch die Diagnose lebensbedrohlicher Krankheit, Spiel- und Drogensucht … »»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»»

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„Du kannst ein ganz neues Leben haben …“ » » » » » » » » » » » » » » » Wie gesagt, Debbie weiß, wovon sie spricht. In der Tiefe ihrer Not kam sie zur Willow Creek Gemein­ de und wurde aufgefangen in einer Gemeinschaft von Menschen, die ähnliche Schicksale teilen. In „Monday Night Life“, dem Seminar- und Kleingrup­ penprogramm der Gemeinde für Menschen in un­ terschiedlichsten Notlagen, begegnete ihr die Hoff­ nung, dass das Leben sich zum Guten wenden kann. Sie lernte, ihre Probleme mit anderen zu teilen, sie zu bearbeiten und zu verarbeiten. Und sie lernte, dass trotz Zerbruch (oder vielleicht gerade deswe­ gen) ihr das Potenzial zuwächst, anderen auf eine ­besondere Weise dienen zu können.

Gemeinden als Hoffnungsorte Heute ist sie ehrenamtliche Mitarbeiterin in Com­ munity Care. Unter anderem lehrt sie in Seminaren und hilft Ratsuchenden, ihre Probleme anzupacken. Und auch hier steht sie als ein Beispiel für viele hun­ dert andere, die in „Monday Night Life“, „­Pastoral Care“ oder „Support Groups“ mitarbeiten, damit Menschen „den Grund der Hoffnung“ kennen ler­ nen und dabei im Leben wieder auf die Füße kom­ men. Nach Aussagen von Verantwortlichen bildet die Arbeit von „Community Care“ heute einen der Hauptzugänge für Menschen in die Gemeinde und zum Glauben. „Community Care“ ist ein beeindru­ ckendes Beispiel dafür, wie sich missionarischer und diakonischer Gemeindebau miteinander zu einer untrennbaren, kraftvollen Einheit verbinden, wie Mission diakonisch ist und Diakonie missionarisch. „Du kannst ein ganz neues Leben haben …“ Worte reichen nicht aus, um zu beschreiben, was das für einen Menschen bedeuten kann, ebenso wenig, wie die Zeilen in diesem Artikel, um einen Dienstbe­ reich von Willow Creek zu beschreiben, in dem sich Herzenswärme und Professionalität sinnvoll verbinden und eine Wirklichkeit geschaffen haben, in der Hoffnung, Hilfe und Glauben in ein neues Leben münden. Sie möchten mehr darüber erfahren? Den Film können Sie als DVD über Willow Creek Deutschland beziehen: info@willowcreek.de oder Tel.: (06 41) 98 43 70 (s. auch www.willowcreek.de) Karl-Heinz Zimmer ist Geschäftsführer von ­W illow Creek Deutschland

Community Care – vier persönliche Statements aus Willow Creek Gemeindediakonie und Geld „Diakonische Dienstbereiche sind teu­ er! Das ist auch der Grund, warum viele Gemeinden sich in dieser Rich­ tung nicht engagieren. Sie sagen sich: ‚Das lohnt sich doch gar nicht. Diese Investitionen bringen keinen Gewinn. Sie helfen uns auch nicht, Gemein­ de zu bauen. So kommen wir nicht zu einem neuen Gebäude, unsere Kinderund Jugendarbeit profitiert auch nicht davon und es verhilft uns auch nicht zu einem neuen Seelsorger, der sich um die Senioren kümmert.‘ Man sitzt in Sitzungen und fragt sich: ‚Welchen Anteil vom vorhan­ denen Kuchen sollte eine Kirche für die ausgeben, die weniger haben und sehr schwierige Zeiten durchmachen?‘ Das ist eine komplizierte Frage, und wir besprechen diese Dinge in Willow sehr ausführlich. Erst in den letzten drei bis vier Jahren habe ich die Frage, wie wir als Ortsgemeinde unsere Mittel inve­ stieren sollen, mehr theologisch statt pragmatisch betrachtet. Je älter ich werde, und je näher mein eigenes Ende rückt, desto mehr sage ich mir: ‚Ich möchte, dass in Zukunft Ressour­ cen so aufgeteilt werden, wie Christus es möchte. Ich möchte das weniger pragmatisch und mehr im Licht der Verheißung sehen.‘ Ich glaube, dass Gott eine solche Haltung segnet. Anders ausgedrückt: Ich habe kein Problem damit zu glauben, dass er die nötigen Mittel zur Verfügung stellen wird. Mein Problem liegt vielmehr in der Frage: Wie gewichten wir unser Budget so neu, dass Komplikationen oder mögliche Komplikationen für Mitarbeiter und liebgewonnene, aber uneffektive Gemeindetraditionen und Dienstbereiche usw. gering bleiben? Das sind komplexe Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass Gott solche Veränderungen segnet.“  Bill Hybels (Leitender Pastor von Willow Creek)

Diakonie und Gemeindewachstum „Ich glaube, es war sehr klug von der Gemeindeleitung in Willow Creek, be­ sonders diejenigen diakonischen Be­ reiche stärker zu unterstützen, in denen ein entsprechendes Engage­ ment vorhanden war. Es gab in die­ sen Bereichen eine Not in den eige­ nen Reihen. Das hat Gemeindeglieder motiviert, sich hier zu engagieren  – fi­ nanziell, aber auch mit ihrer Zeit und Energie. Das hat sich bezahlt gemacht: Menschen, denen geholfen wurde, ha­ ben selber mitgearbeitet oder gespen­ det. Und die Gemeinde hat den Erfolg ihrer Investitionen hautnah miterle­ ben können. Damit dies immer wie­ der passiert, laden wir Menschen, die in Willow seelische, körperliche oder praktische Hilfe erfahren haben, im­ mer wieder ein, im Gottesdienst davon zu erzählen. Insofern sind diakonische Dienstbereiche ein großer Wachstums­ faktor in Gemeinden – nach innen und außen.“  Tom Jenson (Leiter von Community Care)

Hilfe, Selbsthilfe und Glaubenshilfe „Wenn Menschen ganzheitlich ge­ dient und praktische Hoffnung ver­ mittelt wird, ist das Hilfe zur Selbsthil­ fe. Wenn sie etwa lernen, worauf es bei der Jobsuche ankommt, wenn sie mer­ ken, wie richtige Kommunikation ih­ rer Ehe gut tut oder wenn sie erfahren, dass sie trotz eigener Trauer andere trö­ sten können, die selbst einen lieben Menschen verloren haben – dann hel­ fen sie sich selbst. Aber der letzte Bei­ stand ist Christus. Die letzte Hoffnung liegt in der persönlichen Entscheidung für ihn und für die Auswirkungen, die solch eine Entscheidung über dieses Leben hinaus hat. Uns ist klar, dass das auf jeden Fall auch eine Rolle spielen muss, das haben wir in der Vergangen­ heit leider immer wieder vernachläs­ sigt. Wir haben aber auch immer wie­ der erlebt, dass allein der Glaube trägt, wenn es hart auf hart kommt. Als mei­ ne Tochter in diesem Jahr an Leukämie erkrankt ist, habe ich das selbst haut­ nah erlebt.“ Tom Jenson

Diakonie und Evangelisation „Die Verbindung von Diakonie und Evangelisation besitzt eine große Dy­ namik. Mich überrascht es überhaupt nicht, dass in den letzten 20 Jahren di­ ese beiden Seiten oft unausgeglichen waren. Mal spielte die Betreuung die größere Rolle, dann wieder die Evan­ gelisation. Mit dieser Spannung lebe ich schon seit vielen Jahren. Auf der einen Seite sagt Jesus: Gib dem Dur­ stigen einen Becher Wasser, ohne ir­ gendwelche Bedingungen daran zu knüpfen. Gib ihm einfach zu trinken. Einem Hungrigen gibt man zu essen. Punkt. Man setzt ihn nicht in ein Se­ minar, man bietet ihm einfach eine Mahlzeit an. Aber irgendwann denkt man: ‚Wenn wir ihm immer nur zu es­ sen geben, ihn aber nicht auf das Brot des Lebens hinweisen – was machen wir dann überhaupt? Wenn wir ihm nur zu essen geben, ihm aber nicht beibringen, wie er selbst für Essen sor­ gen kann – was soll das dann?‘ Die­ se Spannung spielt in jedem Dienst eine Rolle, in dem es um praktische Hilfe oder Betreuung geht. Es gibt Ge­ meinden, die dienen nach dem Motto: ‚Wenn du nicht in unsere Bibelstunde kommst, geben wir dir auch kein Es­ sen.‘ Das ist einfach lächerlich. Andere wiederum sagen: ‚Wir wollen die prak­ tische Versorgung nicht zwangsläufig mit dem Evangelium vermischen, da­ mit würden wir anderen möglicherwei­ se zu Nahe treten.‘ Das ist kurzsichtig. Und falsch, denn aus eben dieser Mo­ tivation heraus, aus unserer Liebe zu Christus und der Gewissheit, selbst er­ rettet worden zu sein, dienen wir ande­ ren Menschen ja überhaupt!“ Bill Hybels


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Coole Idee! Lebenshilfe, Glaubenshilfe, Selbsthilfe in „endlich-leben“-Gruppen

Helge Seekamp, der Öffentlichkeitsbeauftragte des „endlich-leben“-Netzwerks, beschreibt in diesem Artikel die Arbeit dieser mittlerweile weit verbreiteten Selbsthilfe-Initiative. Sie interessiert uns, weil in vielen Gemeinden die Erfahrung gemacht wird, dass Menschen, die

„Du bist doch in der „endlich-leben“-Grup­ pe für Männer“, sagt die ältere Dame mit dem markanten Kurzhaarschnitt nach dem Sonntagsgottesdienst. In ihrer Stim­ me liegt etwas Vibrierendes: „Hast Du das denn überhaupt nötig?“ Der verdutze Angesprochene antwortet freundlich – und ausweichend. So wird die Nachfrage bei anderer Gelegenheit bohrender: „Nun sag doch mal, welche Themen besprecht Ihr gerade in der Gruppe?“ – „Das ist kei­ ne Diskussionsrunde“, sagt der Ange­ sprochene spitz und erläutert das Anlie­ gen der „endlich-leben“-Gruppen, die in Gemeinden wachsenden Zuspruch fin­ den. Die Antworten befriedigen nicht. Ein gewittriger Blick oder ein leises Ach­ selzucken sind unübersehbar, auch ge­ hört nicht viel dazu, einen Gedanken von der Stirn zu lesen: „Ein komischer Hei­ liger! Der muss es nötig haben. Und ge­ heimniskrämerisch ist er wie die anderen Männer der Gruppe auch“.

mit Brüchen und Verletzungen leben m ­ üssen, in den Gemeinden entweder damit allein gelassen werden oder aber, wenn sie sich zu einem Hauskreis halten, diesen nicht selten überfordern. Das Angebot der Selbsthilfe­Gruppenarbeit des ­„endlich-leben-Netzwerks“ richtet sich an Menschen in solcher S ­ ituation. Es verbindet Professionalität und Ehrenamtlichkeit, Glaubenshilfe und Lebenshilfe, Beratung und Seelsorge und ­erweist sich als ein wesentlicher Baustein der Gemeindeentwicklung.

Hilfe für „normale“ Menschen Doch mit Geheimniskrämerei oder eitler Wichtigtuerei hat dies wenig, mit einem Prinzip dieser Selbsthilfegruppe viel zu tun: Vertraulichkeit, Diskretion und An­ onymität zu wahren ist unverzichtbar für jeden Einzelnen und für die Grup­ pe. „endlich-leben“-Gruppen, getrennt für Frauen und für Männer angeboten, bie­ ten einen geschützten Raum für Men­ schen mit Nöten, Verstrickungen und Problemen, die nicht mehr überleben, sondern „endlich leben“ wollen. Bei der ersten Männergruppe in Bonn – Frauen fühlen sich von dem Angebot weitaus häufiger angesprochen – steht immer ein Papierkegel auf dem Tisch. „Was Du hier hörst – bitte lass’ es hier!“ Sieben Män­ ner sind es, die sich im Oktober 2004 in

Bonn erstmals um einen Tisch im Ge­ meindehaus versammeln – alle „mitten im Leben stehend“, durchschnittlich 45 Jahre alt, Familienväter, Ehemänner und ein Single. Von Beruf sind sie Program­ mierer oder EDV-Spezialist, Polizeibeam­ ter oder Gewerbetreibender in der Druck­ branche, Fotograf oder Redakteur – von außen betrachtet eine ideale Mannschaft für die Öffentlichkeitsarbeit. Alle blei­ ben „dran“ – zwei Jahre lang, obwohl die Gruppe eigentlich für ein Jahr konzipiert ist.

Auf dem Weg zur Ganzheit So unterschiedlich die persönlichen Hin­ tergründe sind, so sehr verbindet sie eine Erkenntnis: „So kann es mit meinem Le­ ben nicht weitergehen!“ Unterstützt von einer Selbsthilfegruppe, die nach dem „12-Schritte-Prinzip“ arbeitet, wollen sie aufbrechen, sich verändern und neue Schritte wagen. Das 12-Schritte-Programm diente zwar anfänglich dazu, abhängigen Menschen zu helfen. 1938 hat der Ame­ rikaner Bill Wilson das Programm der „Anonymen Alkoholiker“ (AA) formu­ liert, das weltweit Schule gemacht hat. In Deutschland arbeiten AA-Gruppen seit 1953. Weniger bekannt ist, dass die „Anonymen Alkoholiker“ ursprüng­ lich christliche Wurzeln hatten. Seit Mitte der 1990er Jahre wurden diese in Deutschland in der ev. reformierten Kirchengemeinde St. Pauli in Lemgo und in der Vineyard-Gemeinde in Bern zeitgleich wiederentdeckt, was eine neue, „re-christianisierte“„endlich-leben“-Bewe­ gung in Deutschland, Österreich und der Schweiz angestoßen hat. Sie richtet sich nicht nur an Menschen mit Abhängig­ keiten, sondern an Frauen und Männer mit ganz unterschiedlichen Lebenspro­ blemen und Belastungen.

Verbreitung und Wirkung Unter dem Titel „Endlich leben! Hei­ lung. Veränderung. Gelassenheit. Das 12-Schritt-Programm – ein Arbeitsbuch für Kleingruppen“ veröffentlichten Gero Herrendorff, Regula-Specht-Gloor und Helge Seekamp als Herausgeber ein Ar­

beitsbuch für die Gemeinde. Im Herbst 1994 hatten sie mit einem Pilotpro­ jekt in ihren Heimatgemeinden Bern (Schweiz) und in Lemgo (NordrheinWestfalen, Deutschland) sogenannte „endlich-leben“-Gruppen gegründet. Bis­ lang haben mindestens 50 christliche Ge­ meinden im deutschen Sprachraum sol­ che 12-Schritte-Gruppen angeboten. Und die ­Erfahrung zeigt: Ist das Angebot erst einmal bekannt, ist die Nachfrage groß. Dieses Seelsorgeangebot zog Jahr für Jahr durchschnittlich 50 Personen in Klein­ gruppen mit je 7 bis 10 Personen. Allein in Lemgo sind in den letzten 14 Jahren 56 Gruppen mit ca. 500 Personen durchge­ führt worden. Die Erfahrung dort zeigt: Durch „endlich-leben“-Gruppen werden Menschen aufgrund der heilenden Bezie­ hung zu Jesus Christus so verändert, dass sie einen entscheidenden Einfluss auf ihr Umfeld gewinnen.

Christliche Spiritualität für Suchende Die Gruppen stehen auch glaubens- und gemeindefernen Menschen offen. Sie verstehen sich nicht als umetikettiertes Bibel-Lernprogramm oder verkappter Glaubensgrundkurs, sondern als Lebens­ schule, getragen von einer christlichen Spiritualität. Von deren Strahlkraft ist der Koordinator des bundesweiten „endlichleben“-Netzwerks überzeugt: „Gemeinde kann ihre Ghetto-Enge überwinden, eine offene Tür für Suchende und mit Pro­ blemen beladene Menschen bieten“, sagt Seekamp und fügt hinzu. „So machen wir die liebevolle Barmherzigkeit Jesu sozial erfahrbar.“

Fachlich theologischer Hintergrund Die „endlich-leben“-Gruppenarbeit ge­ hört nach diesen Beschreibungen zur Ka­ tegorie der Begegnungsgruppen (En­ countergroups), die seit den 70er Jahren in den Kirchen Deutschlands (aus USamerikanischen Einflüssen inspiriert) durch Theologen wie D. Stollberg und J. W. Knowles reflektiert für die Seelsorge­

bewegung entdeckt wurden. Außerhalb der Kirchen hat der damalige Impuls u.a. zur Entstehung vielfältiger psychosozialer Selbsthilfegruppen geführt. Der entschei­ dende Unterschied im 21. Jahrhundert: Gruppenarbeit ist für Gemeinden heute nichts Neues mehr. Und doch unterschei­ den sich diese Gruppen von klassischen Hauskreisen oder Bibelgruppen. Sie ma­ chen den einzelnen Menschen mit sei­ nen Nöten zum Zentrum des Gesprächs. Zugleich wird die heilsame Beziehung zu Gott bei fast jedem zweiten Schritt der zwölf Schritte zum Thema.

Ziel: eine neue Gottesbeziehung Darum sind diese Begegnungsgruppen zwar orientiert an einem Lernerfolg hin­ sichtlich der Selbsterfahrung jedes ein­ zelnen Gruppenmitglieds. Aber die Got­ teserfahrung wird zur entscheidenden Beziehungserfahrung, die weit über die Gruppe und die dort wirkende Gruppen­ dynamik hinausgeht, die zu Hause und in einsamen Stunden weiterträgt, die zum konkreten Fundament und zur Kraft für die Auseinandersetzung mit lange eingeschliffenen Problemmustern wird. Ganz aus dem Geist der AA-Tradition wird der Glaube nicht vorschnell dogma­ tisch festgelegt, sondern im Gegenteil: Durch das Programm angeregt werden besonders Menschen, die jahrelang über eine Engführung im Glauben gestöhnt haben, Gott neu als einen Gott entdecken, der ihnen konkret hilft, ohne zu verdam­ men oder in zwanghafte Lebensmuster zu pressen. Das Programm schenkt so eine neue Per­ spektive auf den dreieinigen Gott: z der die Leiblichkeit wie auch die see­ lischen Wunden ernst nimmt z der für jeden Veränderungsschritt in der Kraft seines heiligen Geistes einen Weg bereitet z der durch Jesus ein barmherziger, ver­ gebender und heilender Gott gewor­ den ist. (Vgl. das Leiterhandbuch Grundkurs Barmherzigkeit, z. Zt. vergriffen, aber in Auszügen kostenlos unter www.downloads.endlich-leben.net zu finden).


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dokumentiert

So machen wir die ­liebevolle B ­ armherzigkeit Jesu sozial erfahrbar

Drei Gemeindepraktiker können fast direkt loslegen Am besten ist es, wenn seelsorgerliche Menschen auf gleicher Augenhöhe mit anderen suchenden, verletzten und pro­ blembeladenen aus ihrer Gemeinde oder Nachbarschaft starten. Durch eine Pilot­ phase vorbereitet laden sie in Räume der Gemeinde ein, stellen das Modell vor und starten dann in Kleingruppen. Weitere Hilfen für den Start finden sich auf der Homepage des Netzwerks: www.endlich-leben.net GruppenleiterInnen reden, leben und arbeiten zusammen mit den beladenen Menschen, die mit einer unspezifischen Symptom- oder Problemlage eine Verbes­ serung seelischer Gesundheit im Umfeld christlicher Gemeinden suchen.

Wichtige Defintionen: z Da sie zu einer Form der Begegnungsgruppe zu rechnen sind, hat das Auswirkungen auf die Gruppenleiter-Rolle, auf das Setting und auf Regeln. Wichtig sind die bekannten Grundhal­ tungen von Rogers: Einfühlsamkeit, Ak­ zeptanz, Echtheit. Dabei geht es vorran­ gig um die Aktivierung jedes einzelnen in der Gruppe, der sich selbst am besten hilft, indem er seine Schwächen ehrlich eingesteht oder auch Beispiele von gelun­ genen Veränderungsschritten aus dem eigenen Leben erzählt. Die Atmosphäre wird bald von einer im­ mensen Hoffnung auf Veränderung und Wärme und Herzlichkeit durch die Nähe der Teilnehmenden zueinander geprägt. z „endlich-leben“-Gruppen stehen einem verhaltenstherapeutischen Ansatz nahe, indem sie auf Hausarbeit, Übungen und M ­ odelle bauen. Eigentlich ist das ganze Leben eine Übung, das Leben zu lernen. Doch unter Anleitung und intensivem Gruppenaus­ tausch gelingt es besser. Dabei spielt die Gruppe als Übungsraum für Handlungsund Denkalternativen zur Verfügung. Aber auch Hausaufgaben, zu denen man

sich selbst verpflichtet, sind ein guter Weg. Solche Gruppen sind eigentlich wie „gesunde Familien“, in denen Menschen „funktionale“ (gesunde) Verhaltensmuster statt „dys-funktionale“ (schlecht ange­ passte oder unangemessene) einüben.

Auf dem Dienstplan von Schwester Sue Evans ist der Dienstag immer frei. Da hat die Krankenschwester, die für den NHS (Nationalen Gesundheitsdienst in Großbritannien) im ambulanten Bereich arbeitet, ihren freien Tag. Aber die 59-Jährige nutzt den Tag nicht zur Erholung, sondern schenkt ihn den kranken und hilfsbedürftigen Mitgliedern ihrer anglikanischen Ortskirchengemeinde St. Mary‘s in Burwell. Auch die Bewohner von Burwell, einem Ort mit 6.000 Einwohnern in der Nähe von Cambridge, profitieren von ihrem ehrenamtlichen Engagement.

„endlich-leben“-Gruppen befähigt, ihre Berufung aus dem Glauben an Jesus Christus zu entdecken und zu leben, weil sie ihre schlecht angepassten ­Beziehungsund Lebensmuster verlernen, zu ihren Potentialen zurück finden und zum Dienst in der Welt befreit werden. „endlich-leben“-Gruppen bieten die Chance, dass Menschen in Krisen langfri­ stig, prozesshaft mit vertrauenswürdigen Partnern an ihren speziellen (Lebens-) Problemen arbeiten können. Sie bleiben nicht allein. Das schon be­ deutet für viele ein gewaltiger Fortschritt. Durch diesen Prozess von einem Jahr wird wie nebenbei der notwendige Beziehungsaufbau zu anderen er­ möglicht, so dass tiefgreifende Ver­ änderungen für viele oft erst dadurch möglich werden.

z „endlich-leben“-Gruppen können den Blick auf die Gottesbeziehung und damit auch die klassische Definition „Begegnungs­gruppe“ um die Beziehungsdimension zu Gott erweitern. Eine der tiefgehendsten Erfahrungen sind gemeinsame Erfahrungen mit Gott, auch die Suche nach einem helfenden Gott. Die Klage oder konkrete Fürbitte öffnet ganz neue Dimensionen für Glau­ ben, Hoffen und Leben. Jede oder jeder in der Gruppe ist zugleich Gebende und Nehmende. Die urevangelische Zeugen­ gemeinschaft wird eingeübt, der Trost durch die Brüder und Schwestern wird Und wie steht es mit der Qualität? erfahren. Die „endlich-leben“-Gruppen führen zur Einübung in eine geschwister­ „endlich-leben“-Gruppen nennen sich di­ liche Gemeinschaft, die sich weit über ese christlich geprägten 12-Schritte-Grup­ diese Gruppen hinaus auswirken kann. pen im deutschsprachigen Raum (Ös­ terreich, Schweiz, Deutschland). Ein z Wenn Seelsorge als Arbeit an der BezieNetzwerk unter dem Namen „endlichhung zu Gott, anderen und sich selbst defileben“-Netzwerk sorgt für die Qualitäts­ niert wird, geschieht in diesen Treffen klassicherung. Gemeinden machen sich ver­ sische Seelsorge, die zugleich Lebenshilfe bindlich mit einem Vertrag, indem sie darstellt. Eine neue, gemeindenahe Diako­ sich auf die Werte, Ziele und Arbeits­ nie kann sich entfalten. form der Gruppenarbeit verpflichten. In Zukunft sind Qualitätssicherungs-Hil­ fen wie Fragebögen, Telefonkonferenzen für Gruppenleiterinnen und weitere Ma­ Nicht Nabelschau, sondern terialien und Schulungen angeboten. Nur neue Beziehungsfähigkeit solche zertifizierten Gemeinden dürfen ihre Gruppen „endlich-leben“-Gruppen Doch durch das Selbsthilfe-Setting blei­ nennen. Damit wird der Name langfristig ben die Teilnehmenden immer in einer durch ein ökumenisches Qualitätsnetz­ Doppelrolle: Gebende und Nehmende werk geschützt.  zugleich. Das übliche Gefälle einer klas­ sischen Einzelseelsorge-Beziehung kann hier vermieden werden. Pfarrer Helge Seekamp, Menschen mit besonders gravierenden Lemgo, 50 Jahre Beziehungsstörungen, die in anderen Weitere Informationen Räumen (Hauskreisen, ­Einzelseelsorge) im internet: nur mit Mühe aufgefangen werden www.endlich-leben.net können, erhalten hier einen geordneten Rahmen für ihre seelische Heilung, das heißt für ihren „ganzheitlichen Bezie­ hungsaufbau“. Menschen werden in

Von der Betreuung zur Beteiligung

suehören – suepacken! Unterwegs mit Schwester Sue – „Parish Nurse“ in Burwell/England

An jedem Dienstag ist Sr. Sue Parish Nurse, zu deutsch: Gemeindepflegerin. Wir starten um 9 Uhr, um eine allein­ erziehende Mutter zu besuchen. Frau N. wird seit 2 Jahren von Sr. Sue betreut. Sie ist durch sexuellen Missbrauch und eine sehr schwierige Vergangenheit in soziale Schwierigkeiten gelangt. Durch die re­ gelmäßige Begleitung von Sr. Sue gelang ein Nikotinentzug (Alkoholprobleme bestehen weiterhin). Frau N. arbeitet in­ zwischen ehrenamtlich im Altenheim mit und organisiert dort Bingonachmittage. Vor einem Jahr hat sie sich nach der Teilnahme an einem Glaubenskurs konfirmieren lassen und den Schritt in die Gemeinde gewagt. Allerdings war es schwierig, Kontakte mit den anderen Gottesdienstbesuchern zu bekommen. Seit der Gemeindefreizeit, die sie in diesem Jahr gemeinsam mit ihrem Sohn (16 Jahre) besucht hat, haben sich jedoch erfreulicherweise intensivere Kontakte entwickelt. Es ist gelungen, für ihren Sohn einen Platz an einer weiterführen­ den Schule zu bekommen, obwohl er nur sehr unregelmäßig den Unterricht der Hauptschule besucht hat. Nachdem Sr. Sue sich anfänglich wöchentlich mit Frau N. getroffen hat, ist die Betreuung jetzt seltener geworden, aber es ist eine Freundschaft gewachsen.

Sozialer Treffpunkt für jedermann Anschließend ist Sprechstunde der Pa­ rish Nurse im Centre Peace. Centre Peace ist ein kleiner Laden, den die Kirchenge­ meinde mitten im Ort betreibt. Er ist täg­ lich von 10 bis 16 Uhr geöffnet. 50 eh­ renamtliche Mitarbeiter beteiligen sich. Verkauft werden gebrauchte Bücher und Artikel aus Dritte-Welt-Ländern. Der ei­ » » »


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diskutiert

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lesen e Diakonie & Liturgi

Krank sein mitten

im Leben

ung mit ngen für die Begegn Liturgische Anregu Einrichtungen en in diakonischen erkrankten Mensch

Mir erschien es fast als ein Stück Himmel » » » gentliche Zweck des Ladens ist es, eine ben sind, kamen keine Gespräche zu­ Anlaufstelle und Kontaktmöglichkeit für stande. Auch wurde der Bewohner, den Menschen aus der Kirchen- und Ortsge­ wir gezielt besuchen wollten, gerade in meinde zu sein. Dienstags ist Sue zwi­ das Krankenhaus eingeliefert. Sr. Sue schen 10 und 11.30 Uhr hier anzutreffen. hat mich stattdessen durch das Heim Heute kommen viele in den kleinen La­ geführt. den. Nachmittags übernahm Sr. Sue noch z Da ist Jonathan, ein 16jähriger, durch die Betreuung eines an Parkinson er­ Kinderlähmung stark behinderter Jun­ krankten Mannes, um der Angehörigen ge, der im Rahmen eines Integrations­ einen Einkauf zu ermöglichen. Diese projekts an einem Tag in der Woche im Tätigkeit ist eher eine Ausnahme, nor­ Centre Peace mithilft. Er hilft beim Kaf­ malerweise stehen hier die ehrenamt­ feekochen, bedienen und Geschirrspülen. lichen Helfer des Besuchsdienstes zur Es war ihm deutlich anzumerken, wie Verfügung. gut ihm die Anerkennung in dieser Tätig­ Außer dem wöchentlichen Einsatz keit tut. hat Sr. Sue eine Gebetskette mit 16 z Marc, ca. 40 Jahre, Epileptiker, der für Mitgliedern in der Gemeinde organi­ den nächsten Tag eine Ausstellung sei­ siert. Sie berät von Zeit zu Zeit Gemein­ nes Elektrorollstuhlherstellers im und ne­ deglieder, misst nach dem Gottesdienst ben Centre Peace plant und dazu einla­ den Blutdruck, arbeitet an dem viermal den wollte. im Jahr stattfindenden Gottesdienst für z Don, ca. 45 Jahre, erkrankt an Multip­ Kranke mit, ebenso am jährlichen „Tag ler Sklerose, der für die Werbung und die der Pflege“ und am „Welt Aids Tag“. kleine Webseite zuständig ist. Sie hat im Rahmen der Ortsgemeinde z Ein Ruhestandsgeistlicher, der seine an einen Besuchsdienstkreis aufgebaut, Alzheimer erkrankte Frau betreut, und deren Mitarbeiter fortlaufend geschult einfach nur mal kurz auftanken wollte werden. und um Unterstützung im Gebet bat. z Eine neu zugezogene alte Dame, die Parish Nursing in England eine Ansprechpartnerin gesucht hat und Rat wollte. Sr. Sue hat vor 5 Jahren ihre Arbeit als z Zwei alte Damen, die eine Pause wäh­ Parish Nurse begonnen. Damals wurde rend des Einkaufs machten und erzählten. in England zum ersten Mal ein Training für Parish Nursing durchgeführt. Nach Die anderthalb Stunden im Centre einem Konzept, das sich in den USA Peace gingen schnell vorbei, und mir er­ schon seit 1985 bewährt hat, wurde in schien es fast als ein Stück Himmel. Es England eine überkonfessionelle Arbeit herrschte eine so frohe und freundliche gestartet. Seitdem arbeiten ca. 40 Pflege­ Atmosphäre, in die ich gleich mit hinein kräfte ehrenamtlich oder auf Basis der ge­ genommen wurde. Ein fröhliches Mit­ ringfügigen Beschäftigung in englischen einander von Gesunden und Kranken, Freikirchen oder innerhalb der anglika­ ­geprägt von christlicher Annahme und nischen Kirche. Liebe. Um als Parish Nurse zu arbeiten, muss man eine ausgebildete Pflegefachkraft sein und an einer einwöchigen Schulung teilnehmen. Hier wird vor allem theolo­ Blutdruckmessen, gisch an der Grundthematik des Parish Beten und Besuchen Nursing gearbeitet und für die seelsor­ gerliche Tätigkeit geschult (Konzept ei­ 11.30–12.30. Seit Kurzem hat Sr. Sue ner „ganzheitlichen Gesundheit für Kör­ eine Sprechstunde einmal im Monat per, Seele und Geist“). in einem privaten Alten- und Pflege­ Begleitung und Beratung geschieht heim eingerichtet. Da an diesem Tag durch einen theologischen und einen me­ das Altenheim einen Ausflug durchge­ dizinischen Mentor aus der Gemeinde. führt hat, und nur wenige dort geblie­

Reflexion des Gemeindepfarrers von Burwell Stephen Earl, Gemeindepfarrer von Bur­ well, äußert sich sehr positiv über die Ent­ wicklungen in seiner Gemeinde seit der Einführung von Parish Nursing: „Die Vor­ teile von Sues Arbeit nehmen ständig zu. Ihre Arbeit etabliert sich zunehmend, ist vielseitig und bekannt. Sie hilft nicht nur Einzelnen in unterschiedlichen Nö­ ten, sondern erzeugt auch ein allgemeines Bewusstsein in der Kirchen- und Ortsge­ meinde für den Zusammenhang von phy­ sischem und spirituellem Wohlbefinden. Ein weiterer wichtiger Vorzug der Rolle der Parish Nursing ist das klare Zeichen an Gemeindemitglieder, unsere Berufung zu leben, nämlich zu dienen, und zwar nicht nur denen gegenüber, die zur Gemeinde kommen oder den glei­ chen Hintergrund haben, sondern auch darüber hinaus. Es ist ein praktischer Ausdruck unseres Glaubens, ein Zeichen dafür, dass die Kirche ihren Auftrag, dem Beispiel Christi zu folgen und unseren Nächsten zu lieben, ernst nimmt.“

Resümee Ganz begeistert bin ich von dem Besuch in England zurückgekommen. Eine Ge­ meinde zu erleben, die soviel Raum für Kranke und Hilfsbedürftige bietet, hat mich sehr froh gemacht und den Impuls verstärkt, nach solchen Möglichkeiten auch im deutschen Kontext zu suchen. In einer Zeit, in der es immer weniger Dia­ konissen oder Ordensschwestern gibt, die den vor allem seelsorgerlichen Dienst in den Gemeinden an den Kranken über­ nehmen können, sind wir aufgefordert, nach neuen Möglichkeiten zu fragen. Pa­ rish Nursing gibt eine interessante und herausfordernde Antwort. Angela Glaser ist ­A ltenpflegerin bei einer ökumenischen Sozialstation in ­S chifferstadt.

Krank sein mitten im Leben

Liturgische Anregungen für die Begegnung mit erkrankten ­ enschen in diakonischen Einrichtungen M

„Kerze anzünden – ist das schon ­diakonisch?“ Aus einem Brief Die Leitungen mehrerer Sozialstationen einer Dia­ konischen Einrichtung hatten zur eigenen Weiter­ bildung einen Experten aus dem Diakonischen Werk der Landeskirche eingeladen. Thema: „Das diakonische Profil“. Hier ein kritischer Bericht in einem Brief eines Teilnehmers mit der Nachfrage nach theologisch­geistlicher Substanz. „Dieses Seminar hat mich sehr durcheinander ge­ bracht. Das ‚diakonische Profil‘ sei vor allem beim Durchführen von diakonischem Pflegen, beim Vertei­ len von so genannten ‚give aways‘, aber auch bei der Einhaltung der ‚Corporate Identity“ (Vereinbarungen über Verhalten, Kommunikation und Erscheinungs­ bild nach innen und außen) erkennbar. Auch das Ker­ ze anzünden könne eine diakonische Aufgabe sein, usw. Auf die Frage, was Diakonie denn sonst noch sei, kam keine Antwort! Auf die Frage nach dem Motor, dem Antrieb der Diakonie, kam ebenfalls keine befriedigende Antwort. Es sei das christliche Menschenbild – aber was das genau sei, konnte uns nicht vermittelt werden. Schade und enttäuschend zugleich! Was bleibt von Diakonie, wenn man sie nur als Hülle betrachtet, die aber innen hohl und leer ist? Mit meinen Worten: die leibliche Hülle ohne Leben nennt man: tot. Die vier Stunden waren so enttäuschend, dass ich mich gar nicht beruhigen konnte. Glücklicherweise erleben wir im Alltag etwas anderes. Aber damit wird auch ein Konflikt mit anderen Sozialstationen beste­ hen bleiben. Wir sollten ja näher zusammenrücken. Nur wenn uns trennt, was uns eigentlich einen sollte? Wie könnte die Lösung aussehen? Hast Du eine Idee? Vielleicht sehe ich das ja auch zu verbissen. Kennst Du Gemeinden, die das auch anders leben? Wie machen die das?“  N.N.

Was hat Diakonie mit Liturgie zu tun? Vieles – wenn man bei „Liturgie“ nicht nur an den Sonntagsgottesdienst denkt, sondern auch an eine kleinteilige Gebrauchsliturgie, die eine Pflegestati­ on zu einer diakonischen macht, die mitten im Alltag den Alltag öffnet für Gott und seine Gegenwart. Wenn ein Krankenpfleger am Bett der Patientin steht, die sich Sorgen um den Ausgang ihrer bevorstehenden Operation macht; wenn eine Altenpflegerin nach Anregungen sucht, wie sie an die Bewohnerinnen und Bewohner ihrer Einrichtung eine geistliche Nahrung weitergeben kann. Oder die Stations­ schwester selbst: Wie kann sie spirituelle Angebote im Stations­ alltag zur diakonischen Kultur werden lassen, wo doch niemand die Zeit hat, sich gründlich vorzubereiten? Das Pflegepersonal ist es in der Regel nicht gewohnt, fromme, gute fromme Worte zu finden. Karl. H. Behle, Vorstand im Diakoniewerk Bethel in Berlin, schreibt zu dem neu erschienenen Büchlein „Krank sein mitten im Leben“: „In unserer Einrichtung sollen alle Mitarbeitenden in der Lage sein, seelsorgerlich zu handeln. Wir unterstützen sie dabei, indem wir das Heft ,Kranksein mitten im Leben‘ jedem in unserer Einrichtung Tätigen zur Verfügung stellen. Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die es nicht gewohnt sind, über Glaubensdinge zu reden, können so Impulse weitergeben, die zum unverwechselbaren Profil der Diakonie gehören.“ Das Heft orientiert sich an Situationen des Krankseins (z.B. kranke Kinder, unerwartete schwere Erkrankung, Krankheit im Alter, Demenzerkrankung) und bietet unterschiedliche liturgische Formen wie Krankensalbung oder Abendmahl an. Interessant ist ein Nebenaspekt: Angesichts der multikultu­ rellen Herkunft von Patienten in diakonischen Einrichtungen sind in dem Heft auch Bibeltexte in verschiedenen Sprachen aufgenommen. ul. „Krank sein mitten im Leben“ (Diakonie und Liturgie III) ist eine 82 Seiten starke Broschüre im Taschenbuchformat, im Jahr 2008 vom Diakonischen Werk der EKD e.V. herausgegeben. Sie kann über den Zentralen Vertrieb des Diakonischen Werks der EKD bestellt werden (vertrieb@diakonie.de, www.diakonie.de/ shop). Sie kostet pro Heft 6.90 Eur (ab 50 Stück 5.90 Eur, ab 100 Stück 4.90 Eur). Weiter sind erschienen: „Mitten im Tod das Leben“ (Diakonie und Liturgie I), 2004. Hier handelt es sich um liturgische Texte und Zusammenstellungen von Text- oder Liedteilen angesichts der Begegnung mit dem Tod – sowohl für Sterbende als auch für die Hinterbliebenen und das Pflegepersonal. „Miteinander – Füreinander“ (Diakonie und Liturgie II), 2006. Hier handelt es sich um Entwürfe zur Feier von Begrüßungen, Geburtstagen, Jubiläen und Verabschiedungen in diakonischen Einrichtungen.


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Zukunft: pflegen

Spiritualität und Pflege Symposion Spiritualität in der Pflege. Berlin 16./17. Juni 2009 Mitarbeitende im Gesundheitswe­ sen erleben es immer wieder, dass sie mit Sinnfragen konfrontiert werden und mit der Bitte, doch ein tröstendes Wort, ein Gebet oder einen Segen zu sprechen. Ihrer Erfahrung entspricht, was weithin bekannt ist: Menschen verarbeiten Krankheit, Gebrechen, Leid oder Krisen besser, wenn sie in religiösen Bezügen leben. Der Glaube an Gott gibt offensichtlich in akuten oder lang anhaltenden Belastungspha­ sen Halt, stützt Patienten in ihrer psy­ chischen und physischen Verfassung und vermindert existentielle Äng­ ste. Doch in der Alltagsroutine auf der Station oder in der häuslichen Pfle­ ge – unter den Bedingungen von nor­ mierten Zeittakten und zunehmender Arbeitsverdichtung – ist es oft schwie­ rig, aus dem Stegreif heraus passende Worte zu finden. Wie können Pfle­ gende ihrem eigenen Anspruch, ganz­ heitlich pflegen zu wollen, gerecht werden? Das Diakonische Werk der EKD und die Evangelische Kirche in Deutschland laden Pflegende zum Symposion „Spiritualität in der Pflege“ ein, solche Pflegende, die nicht nur fachlich, sondern auch geistlich begleiten möchten und selbst nach eigenen spirituellen Kraftquellen und geistlichen Wurzeln im christlichen Glauben suchen. Das Symposion ist in den dreitä­ gigen Diakonie-Kongress „Zukunft: pflegen“ eingebettet. Der Kongress findet vom 15.– 17. Juni 2009 im Internationalen Congress Centrum (ICC) Berlin statt, speziell das Sym­ posion am 16. und 17. Juni 2009. Nähere Informationen über das ­reichhaltige Programm von Referaten, Seminaren und Rahmenveranstal­ tungen finden Sie im Internet unter www.dekv-kongress.de.  ul.

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Gesundheit, Heilung & Spiritualität Ein Grundsatzpapier aus ökumenischer, diakonischer und missionstheologischer Perspektive. Verfasst von Peter Bartmann, Beate Jakob, Ulrich Laepple, Dietrich Werner; herausgegeben vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission (Difäm).

Zur Zukunft des heilenden Dienstes in Kirche und Diakonie Wenn Jesus zu seinen Jüngern sagt: ­„Predigt und heilt“ (Matth. 10,7f), dann haben wir für das erste Wort, für „predi­ gen“, eine Fülle von Beispielen für tradi­ tionelle und zeitgemäße Verkündigung parat – von der „normalen“ Predigt im Gottesdienst über Glaubenskurse, Kinderund Jugendgottesdienste bis zu verschie­ denen Formen der Evangelisation. Wie aber steht es mit dem zweiten Wort, mit „heilen“? Hier sind wir weni­ ger geübt, sowohl in der theologischen Darstellung wie in der Praxis, weil dieser Begriff in unserer westlichen Welt aus der Theologie und dem Glauben in die säkulare Medizin ausgewandert ist. Auch die Diakonie hat sich weitgehend prägen lassen von diesem säkularen Heilungs­ begriff. Anders sind die Erfahrungen der Kirchen in der sog. Dritten Welt, von denen wir über die Weltmission und die Ökumene hören. Nicht nur, dass dort traditionell Kirche und Krankenhaus in enger Beziehung miteinander stehen und sich beide Seiten gegenseitig z.B. so durchdringen, dass Gebet, die Gottes­ dienst feiernde und besuchende Ge­ meinde und die ärztliche Kunst in enger Verbindung miteinander stehen. Damit bilden sie eine vielfältige geistliche und medizinische Ressource für die Gesund­ heitsversorgung. In diesem Zusammenspiel wächst in diesen Kulturen zugleich – etwa durch die Pfingstkirchen – die Überzeugung, dass Christen die Möglichkeiten von Heilung durch Gebet (vgl. Jak. 5,13ff) in Anspruch nehmen dürften. Auch in der westlichen Welt mehren sich im Raum der Kirchen – also nicht nur in Gestalt der Esoterik – die Stim­ men, die sich von einem säkularen Men­ schenbild und einer technokratischen Medizin abkehren und neu nach den Bezügen von Spiritualität, Medizin und Gesundheit fragen. Auch die Diakonie thematisiert heute wieder vermehrt sol­ che Fragestellungen auf breiterer Ebene. Ebenso ist der Christliche Gesundheits­ kongress, der das erste Mal 2008 statt­ fand und 2010 das zweite Mal stattfinden wird, ein deutliches Zeichen für eine Offensive auf diesem Gebiet. Nicht zuletzt die Gemeinden holen das Thema Gesundheit und Krankheit heute bewusster in ihren eigenen geistlichen Bereich herein und gestalten es auf vieler­ lei Weise: in der Fürbitte, in Patientengot­ tesdiensten, in Segnung und Salbung, in

der geistlichen Arbeit der Einkehrhäuser, in Trauerseminaren, in Formen des Taizé­singens und auf viele andere Weise. Das Buch, das auf 147 Seiten einen weiten thematischen Horizont abschrei­ tet, ist ein Versuch, das Heilungsthema begrifflich, phänomenologisch, gesund­ heitspolitisch und theologisch zu „ord­ nen“. Es will aber mehr, nämlich Mut machen, die Ressourcen für Gesundheit, wie sie in der christlichen Tradition lie­ gen, entschlossen zu heben, zu gestalten und dabei auch neue Wege (die sich oft an alte, verdrängte und vergessene anschließen) zu wagen. Die folgende Übersicht erlaubt einen exemplarischen Blick auf den Inhalt des Buches durch die Auflistung der Haupt­ kapitel (bei Kapitel 7 auch die Unterkapi­ tel). 1. Heilungssehnsucht und Gesundheits­ boom – für einen neuen Diskurs über Gesundheit, Heilung, Spiritualität in Deutschland 2. Was ist Heilung? Was ist Gesundheit? – Grundlagen für ein christliches Ver­ ständnis von Heilung und Gesundheit 3. Gesundheit im weltweiten Kontext – Konzepte der Weltgesundheitsorgani­ sation und Zugänge zur Gesundheits­ versorgung 4. Gesundheit in Deutschland – Besonde­ re Herausforderungen für Kirche und Diakonie 5. Das Christentum als therapeutische Religion – seit seinen Anfängen und heute 6. Kirche als heilende Gemeinschaft – Bi­ blisch-theologische Grundlegung und Impulse aus anderen Ländern 7. Christliche Gemeinden, Netzwerke und diakonische Dienste – Orte der Heilung und Gestalten des heilenden Dienstes z Der Gottesdienst als Ort der Heilung z Seelsorge als heilender Dienst z Gemeindliche Besuchsdienste und ihre Funktion im heilenden Dienst der Gemeinde z Medizinische und diakonische Dienste im Horizont der Gemeinde z Einkehrhäuser als Orte der Heilung z Gesundheitliche Ressourcen der Ge­ meinde z Konsequenzen: Heilende Dienste in ihrer Vielfalt erkennen und gestalten.  Bestellungen: info@difaem.de 

ul. www.difaem.de


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Liebe im Spannungsfeld widerstreitender Interessen Thesen aus der Sicht der Unternehmensführung

Der folgende Beitrag war als Impulsreferat Bestandteil der AMD- Tagung „Weitergabe des Glaubens“, die am 17./18. September 2008 in Wittenberg stattfand. Ihr Hauptthema war „Liebe als gestaltende Kraft dia­ konischer Arbeit“. Frieder Grau, Vorstand und theologischer Leiter der „Karlshöhe Ludwigsburg“, einer traditionsreichen württembergischen diakonischen Einrichtung, legte Thesen zum Spannungsfeld „Liebe“ und „diakonisches Unternehmertum“ vor, die reflektierte Erfahrungen eines diakonischen Unternehmers und Theologen präsentieren.

Liebe und Diakonie – Impulse aus der Geschichte z „Die Liebe ist langmütig und freundlich, … sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles“ (1. Korinther 13, 4ff). Lässt sich mit dieser Vorstellung von Liebe ein diakonisches Unternehmen lei­ ten? „Liebe“, wie sie im neuen Testament beschrieben wird, eignet sich nicht als Legitimation oder als Wertelieferant für ein Handbuch diakonischer Unterneh­ mensführung. Aber sie ist eine herausfor­ dernde, motivierende und beunruhigende Kraft für diakonische Praxis. z Kaiser Julian (362 n. Chr.) wollte das Christentum (nach Konstantin) wieder abschaffen. Aber er scheiterte an der Be­ völkerung. Auch sein Vorschlag, statt des Christentums eine „Ethik der Menschen­ freundlichkeit“ zur Staatsgrundlage zu machen, fand keine Akzeptanz. Die Men­ schen hatten gemerkt, dass mit der christ­ lichen(!) Liebe etwas Neues in die Welt gekommen war, das sie nicht mehr mis­ sen wollten. Auch heute gilt: Diakonie wird ihre Privilegien verlieren. Sie kann nur aus sich selbst so überzeugen, dass die Men­ schen die christliche Diakonie in unserer Gesellschaft nicht missen wollen. z Martin Luther und die Reformatoren waren skeptisch gegenüber einer orga­ nisierten diakonischen Nächstenliebe. Auf Grund ihrer mittelalterlichen Erfah­ rung fürchteten sie „Werkerei“, die durch „Gutes tun“ den Glauben ersetzen will.

mich ebenso gegen die „Selbstverundeut­ Was für alle Mitarbeitenden gilt, fokus­ Auch heute steht Diakonie in Gefahr, zum Ersatz für Glauben und zur „Werke­ lichung“ der Diakonie wie gegen eine siert sich in der Unternehmensführung: Diktatur der Nächstenliebe, die fordert rei“ zu werden. Das Defizit, nicht mehr Die Führungsverantwortung besteht so recht glauben können, lässt sich nicht „Wo Diakonie drauf steht, muss auch nicht darin, lieb und ein Gutmensch zu Diakonie drin sein“. durch Diakonie kompensieren. Diakonie sein, sondern das diakonische Unterneh­ Liebe in der Diakonie ist nicht nur ersetzt nicht, sondern gründet im Glau­ men im Spannungsfeld der Interessen eine Frage der Praxis, sondern zuerst des ben: „Der Glaube(!) gehört mir wie die erfolgreich zu führen. Die Kategorie des Bewusstseins und des Selbstbewusstseins. Erfolgs impliziert sowohl den wirtschaft­ Liebe“. z Johann Hinrich Wichern sah in der dia­ Entscheidend ist, dass wir wissen, was wir lichen, fachlichen als auch – last but not tun, wenn wir diakonisch handeln und konischen Erneuerung der Kirche eine least  – den diakonischen Erfolg. Diese dass wir dieses selbstbewusst öffentlich zweite Reformation heraufziehen. „Die Grundaufgabe der Unternehmensleitung vertreten: Wir partizipieren am großen Liebe gehört mir wie der Glaube… Wie orientiert sich an der Kultur der Näch­ Liebeswerk Gottes. der ganze Christus im lebendigen Got­ stenliebe, impliziert aber auch eine Kul­ Ebenso wenig darf Nächstenliebe funk­ tur der Entscheidungen (möglicherweise tesworte sich offenbart, so predigt er sich tionalisiert werden zum Baustein einer selbst auch in den Gottesthaten, deren auch harte) und des Managements. erfolgreichen Unternehmensführung, höchste, reinste und kirchlichste die ret­ Ein diakonisches Unternehmen kann mit dem sich Diakonie einen Marktvorteil nur diakonisch führen, wer selbst von der tende Liebe ist.“ (Wittenberg 1848) sichern will. Diese diakonische Reformation der Liebe Gottes ergriffen ist, zumindest eine Kirche ist noch nicht abgegolten! Sie geht Ahnung davon hat. weiter. Grundlage aller Diakonie sind Nächstenliebe in der diakonischen Un­ nicht unsere Bemühungen als christlich ternehmensverantwortung ist eine Frage Liebe in der diakonischen motivierte Gutmenschen, sondern ist die des Charismas, aber auch von Strukturen. Unternehmensführung diakonische Leidenschaft Christi. Diako­ Zur Führungsaufgabe gehört eine nie ist Christuspredigt. (selbst)kritische Reflexion der eigenen Führung in der Diakonie hat es mit ei­ z Ist Liebe in der Diakonie am Ende? Dia­ ner hybriden, d. h. unter widersprüch­ (eventuell narzisstischen, mehr oder konie ist so lange nicht am Ende als sie weniger entscheidungsfreudigen…) Per­ lichen Interessen und nach unterschied­ vom Auftrag zur Liebe lebt. „Gottes Zu­ sönlichkeit. lichen Logiken arbeitenden Organisation wendung zu uns macht uns stark für Aufgabe der Führung im Kontext einer zu tun (E. Hauschildt), kann also nur als Menschen in Notlagen. Sein Geist gibt Kultur der Nächstenliebe ist es, strate­ multiperspektivische Führungsaufga­ uns Hoffnung, die weiter reicht als unse­ gisch, gezielt und wirksam Signale für be begriffen werden. Die gegenwärtigen re Möglichkeiten“ (Leitbild der Karlshöhe Umbrüche und die veränderten Rahmen­ diese Kultur zu setzen. Ludwigsburg 2004). Die schwierigste Position hat die bedingungen bedeuten den Ernstfall für Auch wenn in der organisierten Dia­ zweite Führungsebene inne („Sandwich­ eine „Kultur der Liebe“ in der Diakonie. konie nicht überall und immer diakonische position“). Dort ballen sich die Auswir­ Die Frage nach der Kultur der Näch­ Liebe drin ist, so muss doch wenigstens kungen der Arbeitsverdichtung. Die stenliebe ist zu allererst eine Frage nach diakonische Liebe draufstehen! Ich wehre den Mitarbeitenden: Alle Mitarbeitende Verantwortlichen dieser Ebene brauchen » » » in der Diakonie sind zW  erkzeuge (Agenten) der zu den Men­ schen kommenden Liebe Gottes (sie sind es, nicht sie sollen es sein!) zD  ienstleister an Kunden zA  rbeitnehmer eines Unternehmens am Sozialmarkt, das möglichst effektiv und effizient funktionieren muss zF  unktionsträger unseres Sozialstaates in seiner gegenwärtigen Ausprägung zb  estimmten fachlichen und bürokra­ tischen Standards verpflichtet zP  ersönlichkeiten, je individuell in be­ stimmter Art und Weise geprägt Diakonie braucht Mitarbeitende („Über­ zeugungstäter“), die von der Wirklich­ keit der Liebe Gottes affiziert sind. Es tut ihr aber auch gut, distanziertere und kri­ tische, unter Umständen auch musli­ mische Mitarbeitende zu beschäftigen.


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inspiriert

Verachtet die kleinen Zeichen der Nächstenliebe nicht! » » » daher besonders die Unterstützung der Unternehmensführung. Die Alternative zur „hybriden“ Füh­ rung (siehe oben) wäre eine vereindeu­ tigende Führung, die das betreffende diakonische Unternehmen als „Vortrupp des Reiches Gottes“ (Werteavantgarde/ Glaubenswerk) in einer Nische des Sozi­ alstaates ansiedeln will. Aber auch dann kann man sich nicht den Marktgesetzen entziehen.

„Liebe“ in der Führungspolitik der Karlshöhe Ludwigsburg als diakonisches Unternehmen Die Karlshöhe hat als evangelisch-dia­ konisches Gemeinwesen drei Schwer­ punkte: z das Diakoniewerk mit sechs Bereichen („diakonisch arbeiten“) z die diakonische Bildung und Diakonen­ ausbildung („diakonisch lernen“) z der Karlshöher Diakonieverband („dia­ konisch leben“) Grundlage der Unternehmenspolitik der Karlshöhe Ludwigsburg ist deren dia­konischer Auftrag, unterstützungs­

bedürftige Menschen zu stärken (Sat­ zung/Leitbild/Strategische Rahmenziele 2014). Deshalb hat der laufende Organisa­ tionsentwicklungs-Prozess nicht nur eine Effektivierung der Abläufe und Struk­ turen im Blick, sondern steht unter der Leitfrage: Wie gestalten wir unsere Ab­ läufe und Strukturen so, dass wir unseren Auftrag besser erfüllen können? „Inneres Wachstum geht vor äußerer Expansion“. Mit diesem Leitsatz aus den strategischen Rahmenzielen 2014 hat die Karlshöhe sich zu einer grundlegenden Ausrichtung an fachlichem und dia­ konischem Wachstum und an wirtschaft­ licher Stabilität verpflichtet. „Liebe“ in der Führung konkretisiert sich auch in den Karlshöher Führungs­ grundsätzen: Führung durch Vertrauen, Vorbild und Zielvereinbarungen (Ver­ bindlichkeit und Ergebnisorientierung). In der Personalpolitik und – entwick­ lung wird Wert auf diakonische Aus­ richtung und auf diakonisches Lernen gelegt. Führungspositionen werden – wo möglich – bewusst mit Diakoninnen und Diakonen besetzt. Wir arbeiten daran, unsere diakonische Unternehmenskultur konsequent zu gestalten und weiter zu entwickeln (Sym­ bole, Räume, Riten, geistliche Angebote, Sterbebegleitung….). Im Rahmen unserer Möglichkeiten investieren wir auch in Personalstellen (Projektstelle „Diako­ nische Gemeinde gestalten“ ab Oktober 2008). Die Seele, der Geist der Karlshöhe ist etwas, was nur schwer zu fassen, aber sehr wirksam ist. Die Menschen merken etwas davon! Übrigens: Wie jede Kultur beinhaltet auch die Kultur der Nächsten­ liebe ambivalente Bestandteile! Unser Selbstverständnis als diako­ nisches Gemeinwesen macht uns zu Befürwortern des Dritten Weges im Dienstrecht. Wir verstehen uns als Dienstund Auftragsgemeinschaft. Verachtet die kleinen Zeichen der Nächstenliebe nicht! Im Gegenteil: Ein freundliches Wort, ein freundlicher Blick, ein Gruß, eine Nachfrage nach dem Ergehen, eine Haltung der offenen Zu­ gewandtheit sind viel wert. „Liebe macht einen Menschen schön“ (Martin Luther). Diese Verpflichtung zu kleinen Zeichen gilt auch für die Unternehmensführung.

Im Bereich einer „Kultur der Nächstenlie­ be“ brauchen Mitarbeitende klare Signale, wo Verbindlichkeit erwartet wird (Diako­ nischer Gottesdienst der Abteilung), wo zu Angeboten eingeladen wird (Andach­ ten) und wo Beliebigkeit möglich ist. Eine Kultur der Nächstenliebe lässt auch Subkulturen zu (z.B. informelle Treffen, charismatische Gottesdienste, Yoga usw.). Konfliktfälle sind ein Prüfstein für eine Kultur der Nächstenliebe. Beispiele: Fehlverhalten von Mitarbeitenden oder Betreuten darf nicht bagatellisiert oder vertuscht werden. Aber Möglichkeiten für einen Neuanfang werden gesucht. Leistungsabfall von Mitarbeitenden stellt eine schwere Belastung für das Team dar. Kann die frühere DDR-Praxis, auch für solche Mitarbeitende eine Nische zu finden, Vorbild sein? Positive Wertschätzung der früheren Leistungen ohne Heuchelei sollte eine Selbstver­ ständlichkeit sein. Nichtverlängerung einer Befristung und Kündigungen von Arbeitsberhältnis­ sen nehmen auch in der Diakonie zu. Wir versuchen, offen einzugestehen, dass es nach Auffassung der Unternehmensfüh­ rung nicht anders geht, und uns vor dem Kontakt mit dem Mitarbeitenden nicht zu drücken. Ziel: Die Kündigung/Nichtver­ längerung läuft möglichst fair ab – ohne Rechtfertigung oder Verbrämung. Auch pädagogische oder therapeu­ tische Maßnahmen werden zuweilen im Konflikt beendet. Wichern hatte zwar „entlaufene“ Jugendliche immer wieder aufgenommen („Liebe ist langmütig“). Aber er musste – so wie wir – akzeptieren, dass unsere Möglichkeit zur Nächsten­ liebe Grenzen hat und dass niemand gezwungen werden kann, Unterstützung anzunehmen. Zum Schluss: Liebesgeschichten sind immer auch Konfliktgeschichten! Frieder Grau ist theo­ logischer Leiter und Sprecher des Vorstands der Stiftung ­K arlshöhe Ludwigsburg (zur ­E inrichtung vgl. www.karlshoehe.de)

Spirituelles Diakoniemanagement

Was heißt „geistlich führen“ praktisch, … … Herr Fricke-Hein in Neukirchen?

… Frau PfaffGronau in Berlin?

… Herr Süß in Guben?

Im Juni 2008 fand in der Ev. Bildungsstätte Schwanenwerder unter dem Thema ­„Spirituelles Diakoniemanagement“ eine Tagung der AMD statt, auf der die Pro­fessoren Michael Herbst (Praktische Theologie) und Steffen Fleßa (Betriebswirtschaft) die Hauptvorträge hielten (siehe Buchankündigung S. 24). Daneben wurden auch Beispiele vorgestellt, die zeigen sollten, wie „geistliches Führen“ in der Einrichtungsdiakonie ­aussehen kann, wie also „diakonische Kultur“ von der Leitung praktisch gefüllt wird. Die hierzu vorgetragenen drei Statements werden im Folgenden in Auszügen wiedergegeben (Die vollständigen Texte, in denen u. a. auch die Arbeitszweige und die Struktur der vorgestellten Einrichtungen beschrieben sind, finden Sie unter www.a-m-d.de)


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Neukirchener Erziehungsverein Direktor Pfarrer Hans-Wilhelm Fricke-Hein

Diakoniestation Berlin Steglitz das Mitgefühl für die Angehörigen und die Dankbarkeit für seinen Dienst aus, sondern auch die christliche Hoffnung, die uns trägt.

Pfarrerin Friederike Pfaff-Gronau war zunächst als Seelsorgerin angestellt worden, wurde dann aufgrund

Geistliche Grußworte

Kommunikation durch Besuche Wie der Pastor oder die Pastorin in der Gemeinde Besuche macht, so kann ich die Mitarbeiterinnen und Mitarbei­ ter an ihren Arbeitsplätzen (z.B. in den stationären Einrichtungen, ihren Kon­ ferenzen, Klausuren o.ä.) „besuchen“. Die Besuchsperspektive (ich gehe zu ih­ nen, nicht: sie kommen zu mir) mag ungewöhnlich sein, aber sie kann et­ was deutlich machen: Die Mitarbeite­ rinnen und Mitarbeiter haben in ihrem je eigenen Bereich die Arbeit nach den Leitlinien und Zielen, die ihnen gege­ ben sind, zu tun. Es ist ihr Bereich. Sie tragen Verantwortung für ihren Anteil am Gesamtauftrag des Werkes. Aber mein Interesse an ihrer Arbeit und ih­ rem Einsatz ist wichtig. Wichtig ist aber auch, dass nicht Grenzen überschritten oder etwa Zuständigkeiten und Hierar­ chien außer Kraft gesetzt werden.

Seelsorge Seelsorge für Mitarbeiterinnen und Mit­ arbeiter durch die Leitung gehört zu den Angeboten. Für besonders bela­ stende Situationen in der Arbeit der Ju­ gendhilfe (etwa Tod eines Schutzbefoh­ lenen, Belastung von Mitarbeitern bei ihrem Dienst in problembeladenen Fa­ milien der Jugendhilfe) besteht das An­ gebot einer „Seelsorge-Telefonnum­ mer“. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Dienst mit solchen Situationen konfrontiert werden, sollen die Gelegenheit haben, Seelsorge in An­ spruch zu nehmen, ohne dass sie dem Seelsorger oder der Seelsorgerin zu­ nächst ihren Arbeitsalltag erklären müs­ sen. Hierbei ist natürlich die schwierige Doppelrolle, einerseits Vorgesetzter und andererseits Seelsorger zu sein, zu be­ achten. Zur Seelsorge gehört auch die Wahrnehmung besonderer Ereignisse in den Familien der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, z. B. Gruß des Vor­ stands zu Taufe und Konfirmation, zu Trauungen und Beerdigungen in den Familien der Mitarbeiterinnen und Mit­ arbeiter. Die Traueranzeigen in der Zei­ tung für Mitarbeitende drücken nicht nur die Trauer um den Mitarbeitenden,

Von Zeit zu Zeit lädt der Erziehungs­ verein zu Fachtagen ein, zu denen auch Vertreter von Fachämtern, Verbänden und aus anderen Einrichtungen kom­ men. Die Begrüßung im Namen des Vorstands wird als geistliches Wort ge­ staltet, das auch Menschen, die sol­ che Sprache und Inhalte nicht gewöhnt sind, verstehen können. Sie erfahren auf diese Weise etwas über die Basis und die Bedeutung diakonischen Han­ delns.

Begegnungstage Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Neukirchener Erziehungsvereins und des Paul Gerhardt Werks werden in Abständen von zwei bis drei Jah­ ren sog. Begegnungstage durchgeführt. Man trifft sich, um gemeinsam an einem Thema zu arbeiten, das nicht un­ mittelbar mit der Arbeit zu tun hat, und um miteinander Gemeinschaft zu ha­ ben und zu entwickeln. Das diesjährige Thema lautet „Heimat ist dort, wo ich verstanden werde“. Themen der letz­ ten Begegnungstage waren „Hoffnung“ sowie „Abrahams Kinder“. Zu den Be­ gegnungstagen gehören Vorträge, Workshops und ein schönes Unterhal­ tungsprogramm sowie Besichtigungen etc. an Orten wie Schwerin, Eisenach, Erfurt, Dassel.

Neukirchener Bruderschaft Zur Neukirchener Bruderschaft gehö­ ren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Neukirchener Erziehungsver­ ein im diakonischen Dienst stehen, so­ wie Diakoninnen und Diakone, die zum größten Teil ihre Ausbildung in Neu­ kirchen erhalten haben und dort einge­ segnet worden sind. Die Neukirchener Bruderschaft hat verschiedene Dienst­ gruppen: den Redaktionskreis für das interne Mitteilungsblatt „Ausblicke“, ei­ nen Vorbereitungskreis für die Begeg­ nungstage, eine Gruppe für die kleine Diakoniestation einer baptistischen Ge­ meinde in Weißrussland, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Neukirchener Erziehungsvereins unter­ stützt wird. Ebenso einen Fürbittekreis. www.neukirchener.de

einer Notlage plötzlich in die Geschäftsführung berufen.

Paradigmenwechsel „...In meinem Arbeitsvertrag steht auf meinen Wunsch hin die Bezeich­ nung ‚Geschäftsführende Pfarrerin‘. In der ­Arbeitsplatzbeschreibung heißt es ‚nimmt im Rahmen ihrer Möglich­ keiten pastorale Aufgaben wahr‘. Was hat sich seit meinem Funktionswech­ sel geändert? Alles und nichts. ‚Ich las­ se die Pfarrerin morgens nicht zu Hau­ se‘, habe ich in den ersten Wochen als Geschäftsführerin gesagt. Vom Fachge­ biet her war es ein Paradigmenwechsel, getragen aber von der festen Überzeu­ gung des eigenen Glaubens. Ange­ sichts der Notlage gab es keine Zeit, schnell ein Betriebswirtschaftstudi­ um zu absolvieren oder einen Grund­ kurs Haushaltsplan. Aber der erste und wichtigste Impuls war der des Teams, das es zu gestalten und zu entwickeln galt: Fachfrauen in dem Fall, die der Pfarrerin von Haus aus die Geschäfts­ führung ermöglichen. Die wiederum trägt – neben wachsender Kenntnis der Materie und dem Umgang mit nie en­ den wollenden Umlaufmappen – ein, was Theologinnen und Pfarrerinnen qua Studium, Ausbildung und Amt ori­ ginär können sollten: Menschen zu­ sammenführen, Kommunikation ge­ stalten, Dissonanzen und Konflikte aushalten und moderieren, Dinge zur Sprache bringen, Unausgesprochenem Ausdruck verleihen.

Erwartungen an die Leitung Mein eigenes Menschenbild prägt sich aus dem alttestamentlichen Bibelwort „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“ (1. Mos. 1,27), und es stärkt mich

Naemi-Wilke-Stift in Guben an nicht wenigen Tagen die Zusage aus dem Neuen Testament: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, und der Liebe und der Besonnenheit“ (2.Tim. 1,7). Nur unter dieser Prämisse konnte ich die Aufgabe annehmen. Die Themen des Tages sind absolut weltlich: Haushaltpläne, Gewinn und Verlust, neues Arbeitsrecht, zu voll­ ziehende Kündigungen und entspre­ chende Neueinstellungen, Dienstbe­ sprechungen, Vorstandssitzungen und viel Bürokratie und Verwaltung. Nachdem ich zunächst die Aufgabe von Führung und Leitung im direkten Sinn nur sehr zögerlich annehmen wollte, weiß ich jetzt, dass es zu den Er­ wartungen der Mitarbeitenden an mich unbedingt dazugehört, dass ich auch dies beherzt und mutig gestalte. Die Er­ wartungen der Kolleginnen sind hoch (meine Vorgänger in der Geschäftsfüh­ rung waren Betriebswirte). Jetzt wollen sie beides von mir: die Geschäftsführe­ rin und die Pfarrerin, und nicht selten kommt es zu Rollenkonflikten.

Was und wer leitet mich? Aber wer geistlich führen und leiten will, muss zunächst deutlich machen, wer ihn selber geistlich führt und lei­ tet. Als Leitungspersonen stehen wir in jedem Organigramm ganz oben, als Christen müssen wir aber nicht immer oben sein. Und so gehen manchmal beide gemeinsam, Geschäftführung und Mitarbeitende, in die Oase einer biblischen Geschichte oder trinken zu­ sammen den erfrischenden Schluck ei­ ner besonders zutreffenden Tageslo­ sung. In der Diakonie-Station beschäftigen wir uns in der Regel mehr mit den be­ lastenden Aspekten des Alters: Mit Ein­ samkeit, Pflegebedürftigkeit, Altersar­ mut, Demenz, mit Sterben und Tod. Das kann in geistlicher Führung und Leitung Gelassenheit und Freude aus dem christlichen Glauben heraus ein überaus wichtiger Beitrag sein – wie bei Sarah im Alten Testament, erst ganz ungläubig, dann aber ganz sicher: „Gott hat mir ein Lachen zugerichtet… Wer es hören wird, der wird mir zula­ chen“, und wie im Johannes-Evange­ lium: „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15,5).“ www.diakonie-steglitz.de/diakoniestation

Rektor Pastor Stefan Süß

Es zählt zur bewussten Entscheidung des Vorstandes, dass er zur Wertschätzung der Beschäftigten folgende Dinge eingeführt hat: zW  ürdigung betrieblicher Jubiläen mit einer Blume/Spruchkarte und einem Besuch des Vorstandes zW  ürdigung runder Geburtstage ab 50 mit Blume/Spruchkarte und Besuch des Vorstandes zB  egrüßung neuer Mitarbeiter in einem öffentlichen Forum und Be­ gegnung mit dem Vorstand bei Ein­ führungsseminaren zP  ersönliche Verabschiedung von Mit­ arbeitenden in den Ruhestand zR  egelmäßige Abteilungsbesuche des Vorstandes im Rahmen einer Früh­ stücksrunde Mit dem Angebot betrieblicher Feiern sollen besondere Formen der Begeg­ nung ermöglicht werden, die zugleich das Wir-Gefühl festigen: z Feier von Jahresfesten z Jährliche Betriebsausflüge zA  dventsfeiern mit einem Präsent­ beutel für jeden Mitarbeiter

Außerdem pflegen wir eine Erinnerungskultur mit entsprechenden Mar­ kierungen der Historie in unseren Ge­ bäuden bzw. mit Aktionen: z Stolpersteine, die an das nationalsozi­ alistische Unrecht der Euthanasie er­ innern und zu einer Kultur der Ehr­ furcht vor dem Leben aufrufen z Gedenken an die Deportation Behin­ derter jährlich am 30.05. zusammen mit Schülern der Schule für Gesund­ heits- und Krankenpflegehilfe z Erinnern an Geburtstag und Todestag von Naemi Wilke an ihrem Grabstein zusammen mit den Kindern des Kin­ dergartens. Seit der Öffnung Osteuropas sind be­ wusst Kontakte zur Diakonie in Polen und Tschechien gesucht und ausgebaut worden, zunächst mit Hilfslieferungen, später im Austausch von Gästen. Heu­ te geschieht regelmäßig Folgendes: z Studienfahrten von Mitarbeitenden alle zwei Jahre nach Polen und Tsche­ chien und – umgekehrt – von Mitar­ beitenden der Partnereinrichtungen zu uns; z Adventliche Paketaktion Mitarbei­ tender des NWS für Menschen, die durch die Diakonie in Polen und Tschechien betreut werden Fazit: Der Wert der Mitarbeitenden wird nicht nur am tariflichen Entgelt festgemacht, sondern am alltäglichen Umgang miteinander, insbesondere durch Vorgesetzte. Welche Werte dem Unternehmen wesentlich sind, muss das Unternehmen auf unterschiedliche Weise sichtbar machen. Gelebte Werte überzeugen. www.naemi-wilke-stift.de


mi–di 20 d o k u m e n t i e r t

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sehen. Können wir von ihnen verlangen, dass sie ohne jede Grundausstattung und Vorbildung ein christliches Leitbild um­ setzen, dessen Grundlage sie nicht ken­ nen? Hier christlichen Glauben einzu­ fordern, würde fatale Folgen haben. Zu stark sind die Menschen im Osten sensi­ bilisiert für „weltanschauliche Vereinnah­ mung“, und als eine solche empfänden sie ein derart erzwungenes Lippenbe­ kenntnis zwangsläufig.

Fragen stellen dürfen

Diakonie allein Wie die mitteldeutsche Diakonie auf neue Mitarbeitende reagiert

...nie allein – so sollten sich selbstverständlich unsere Klienten fühlen, wenn sie unsere diakonischen Dienste und Einrichtungen nutzen. Aber wie geht es unseren Mitarbeitenden? Wenn sie bei uns arbeiten und maßgeblich unser christlich­diakonisches Profil mittragen sollen, fühlen sie sich oft überfordert und allein gelassen, zumal bei uns im Osten. Um das zu ändern, hat die Diakonie Mitteldeutschland ein Programm zur diakonischen und geistlichen Identität aufgelegt, das der besonderen Situation in den neuen Bundesländern Rechnung trägt. Dort wurden bekanntermaßen überdurchschnittlich viele Einrichtungen und Mitarbeitende aus ehemals staatlicher Trägerschaft des DDR- Gesundheitswesens übernommen. Sie haben keine christlichen Hintergründe und keine kirchliche Sozialisation (mehr).

Neu in der Diakonie

Damit geht es oft los. „Neu in der Diako­ nie“ ist ein Einführungstag, der Mitarbei­ tenden das Ankommen in der Diakonie erleichtern soll. Es ist eben ein Unter­ schied, ob eine junge Krankenschwester einer Diakonieklinik den direkten Weg einer Pflegeausbildung in einer diako­ nischen Einrichtung gewählt hat, zu dem sie sich vielleicht mit 15 Jahren anläss­ lich eines Schülerpraktikums in einer un­ serer Einrichtungen entschlossen hatte. Oder ob eine gestandene und routinierte Pflegefachkraft, die mitten im Berufsle­ ben steht und diesen Weg zur DDR Zeit in einem staatlichen Kreiskrankenhaus begann, sich nun plötzlich mit ihrer Ein­ richtung von der Diakonie übernommen sieht, zu der sie nie einen Bezug hatte. Und noch einmal etwas ganz anderes ist es, wenn ein Elektriker, der in den 90ern schon 20 Jahre Berufspraxis mitbrachte, von denen er ebenfalls die Mehrzahl in

der DDR-Volkswirtschaft geleistet hat, sich nach mehreren Jahren der Arbeitslo­ sigkeit nun als Hausmeister in einer dia­ konischen Einrichtung für Menschen mit Behinderung wiederfindet. Diese unter­ schiedlichen Zugänge gilt es wahrzuneh­ men und zur Sprache zu bringen. Auch dies leistet dieser Tag.

Grundkurs Diakonie Grundfragen zum christlichen Glauben und zur Diakonie, die vielleicht bei einem Einführungstag auch schon auftauchen, stehen im Mittelpunkt der Fortbildungs­ reihe „Grundkurs Diakonie“, die über mehrere Monate hinweg als ein 25-Stun­ den-Programm „inhouse“ in der jewei­ ligen Einrichtung durchgeführt wird. Wir müssen zur Kenntnis nehmen: mehr als 50 % der Mitarbeitenden in der Diako­ nie Mitteldeutschland bringen keinerlei christliche Tradition mehr mit, haben oft sogar noch nie eine Kirche von innen ge­

Mit dem „Grundkurs Diakonie“ sollen den Mitarbeitenden Grundkenntnisse vermittelt werden. Aber es dürfen selbst­ verständlich auch Fragen gestellt wer­ den, die sonst nie einen Platz haben: Was ist eigentlich die Diakonie? Welche Wur­ zeln und Traditionen hat sie? Wozu brau­ chen wir ein Leitbild? Welche Grundla­ gen hat der christliche Glaube? Was ist eigentlich die Bibel? Woran glauben an­ dere Religionen? Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen sozialer Arbeit der Diakonie und sozialer Arbeit anderer An­ bieter...? Um diese Fragen geht es im „Grund­ kurs Diakonie“. In einer festen Gruppe mit etwa 15 Teilnehmern, die über den gesamten Zeitraum des Grundkurses konstant zusammen bleibt, nehmen wir aber auch noch einmal den persön­ lichen Hintergrund der Mitarbeitenden in den Blick. Hier gibt es eine ähnlich vielschichtige Grundsituation wie bei den Einführungstagen. Auch im „Grundkurs Diakonie“ haben wir Mitarbeitende, die vielleicht vor 20 Jahren einmal konfir­ miert wurden, aber dann aus der Kirche ausgetreten sind. Wir haben diejenigen, die einen Pfarrer nur aus dem Fernse­ hen kennen und wir haben engagierte Christen, die das Leitbild ihrer Einrich­ tung bewusst mitgestalten und dann auch umsetzen wollen.

Christen und Nichtchristen lernen zusammen Durch die feste Gruppensituation und den Zeitraum von mehreren Monaten, über die hinweg der Grundkurs läuft, kommen Christen mit Nichtchristen, Zweifler mit Überzeugten und Verunsi­ cherte mit Fragenden ins Gespräch. Das ist spannend und herausfordernd, er­ nüchternd und erhellend, aber vor allem authentisch, wenn sich alle aufeinander ohne Vorurteile einlassen können. Auf­ grund des Kursmodells mag es sein, dass

Wie sollen Mitarbeitende ein christliches Leitbild umsetzen, dessen Grundlagen sie nicht kennen?

diese offene Arbeitsatmosphäre eine Zeit des „Warmlaufens“ braucht, aber es ge­ lingt immer! Am „Grundkurs Diakonie“ nehmen die teilnehmenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Nichtchristen und Christen, als junge und ältere, als ge­ standene und neue KollegInnen teil. Das bildet die Einrichtungsrealität korrekt ab, denn auch hier werden Teams nicht nach biographischen Kriterien zusam­ mengestellt, sondern es sind gewachsene Teams, die von Vielschichtigkeit in jeder Hinsicht geprägt sind. Ganz nebenbei erhalten die Mitarbeitenden oft noch einmal einen völlig neuen Blick auf ihre Einrichtung und sie lernen sich unterein­ ander noch einmal ganz anders kennen. Das schafft große Identifikation mit der eigenen Einrichtung.

Multiplikatorenkurs für den Grundkurs Diakonie Seit 2004 hat sich der „Grundkurs Dia­ konie“ in vielen Einrichtungen zwischen Altmark und bayrischer Grenze bewährt und so besteht die Frage, wie von die­ sem Kurs möglichst viele Mitarbeitende profitieren können. Deshalb werden seit 2006 Multiplikatoren für den Grund­ kurs Diakonie ausgebildet, die den Kurs übernehmen. Dies geschieht im „Multi­ plikatorenkurs für den Grundkurs Dia­ konie“. Dadurch ist es inzwischen gelun­ gen, dass in verschiedenen Regionen der Diakonie Mitteldeutschland heute Mul­ tiplikatoren erfolgreich mit dem Grund­ kurs arbeiten und ihn in ihrer Region anbieten können. Multiplikatoren sind nicht nur TheologInnen, sondern auch GemeindepädagogInnen und Sozialar­ beiterInnen, aber auch Pflegekräfte, die sich die Kursleitung zutrauen bzw. eine entsprechende andere pädagogische Vor­ bildung schon mitbringen. Gemeinsam mit den bisher ausgebildeten Multiplika­ toren ist es uns gelungen, dass bis heu­ te mehrere hundert Mitarbeitende den „Grundkurs Diakonie“ durchlaufen ha­

ben. Das Gesamtfeedback war durchweg sehr positiv, denn die nach jedem Kurs erfolgte Evaluation bescheinigt dem Grundkurs Diakonie seitens der Teilneh­ mer insgesamt eine Durchschnittsnote von 1,4.

Andachten gestalten und halten Innerhalb dieser zweitägigen Veranstal­ tung erarbeiten sich Mitarbeitende diako­ nischer Einrichtungen Grundlagen, wie Andachten konzipiert und kreativ aus­ gestaltet werden können und probieren ihre Ideen auch gleich praktisch aus. Oft haben die Teilnehmer dieser Veranstal­ tung vorher einen Einführungstag be­ sucht oder einen „Grundkurs Diakonie“ absolviert und sind dabei für die Wichtig­ keit des christlichen Profils ihrer Einrich­ tung wach geworden. Sie möchten sich hier nun selbst in Form von gestalteten Andachten einbringen. Anfänglich w ­ urde ­diese Veranstaltung nur zentral angebo­ ten, aber sie wird inzwischen vermehrt von größeren Einrichtungen oder kreis­ diakonischen Werken angefragt, wird also inzwischen ebenfalls in den Einrich­ tungen selber angeboten.

DiakoNIE ALLEIN Diese etwas ungewöhnliche Wortwahl soll deutlich machen, dass Mitarbeiten­ de gemeinsam und auch gemeinsam mit uns vom Diakonischen Werk unterwegs sein können mit der Frage, wie sie selbst sich das Profil ihrer Einrichtung in einer lebendigen Vielfalt erschließen können, damit sie es authentisch miteinander und mit den ihnen anvertrauten Menschen ih­ rer Einrichtung leben können.  Matthias Krause ist ­P rovinzialpfarrer der ­D iakonie in Mitteldeutschland (vgl. www.diakoniemitteldeutschland.de/ leistungen-diakonie-nieallein.html


mi–di 22 a n g e s t o ß e n

inspiriert

Charakteristika einer ­diakonischen Kultur Eine Schrift des Diakonischen Werks der EKD zur Stärkung des diakonischen Profils Diakonische Kultur ergibt sich nicht von selbst. Aus dem Inhalt: Vielmehr zeigt die Wirklichkeit, dass die Gestal1. Kulturbestimmende Aspekte tung einer solchen Kultur eine Aufgabe ist, die evangelischen Glaubens mehr Aufmerksamkeit und Anstrengungen als 2. Handlungsvollzüge im früher braucht. Man muss sie heute bewusst ­diakonischen Leben und wollen und etwas dafür tun. Auch mit Geld. ­Arbeiten Ein „Nachschubproblem“ an christlichen z Helfen – sich Menschen in ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitenden hatten ­Lebenslagen zuwenden die Väter und Mütter der Diakonie in ihrer Zeit z Achtsames Begegnen und Unterstützen kaum – denken wir nur an Wichern und Flie­ z Not sehen und politisch intervenieren z Betroffene einbeziehen dner. Anders ist es heute. Zu den Schwierig­ keiten, diakonisches Profil zu gestalten, kommt z Fachkonzeptionen diakonisch ­akzentuieren erstens die starke (und notwendige) Orientie­ z Mit ethischen Fragen sensibel umgehen rung der Diakonie an der Ökonomie – und das z Diakonisches Wissen vermitteln – heißt vor allem: die Abhängigkeit von öffent­ verantwortliches Handeln erlernen lichen Geldern; zweitens die Abhängigkeit vom … tariflichen Marktgeschehen, die in eine Kon­ kurrenz mit anderen Anbietern zwingt. Kämpft z Glauben wecken und weitergeben z Religiöse Kommunikation im heute nicht jede Einrichtung vor allem ums ­diakonischen Alltag Überleben? Aber lässt sich diakonische Kultur z Glauben stärken unter solchen säkularen Rahmenbedingungen z Bibelkenntnis vermitteln noch im Konsens beschreiben? z Lernen am Kirchenjahr – Die Schrift „Charakteristika einer diako­ inszenierte Spiritualität nischen Kultur“ versucht es – und ist dabei bei z Glauben leben diakonischen Trägern zu Recht auf erstaunlich z Geistliche Impulse geben viel Resonanz getroffen. Die Schrift darf nicht z Abendmahl feiern in den Schubladen verschwinden, sondern ge­ z Segnen hört auf die Tagesordnung von Vorstandstref­ z Beten fen, Ausschüssen, Mitarbeiterbesprechungen. z Danken und Ermutigen Sie kann auf Begegnungstagen und auf allen z Vergeben anderen denkbaren Zusammenkünfte referiert z Miteinander glauben, arbeiten und und diskutiert werden, wo über den Weg der leben Diakonie entschieden und über die Gestaltung z Als Gemeinschaft wirken von diakonischer Arbeit nachgedacht wird. z Bei Übergängen begleiten Denn diese Schrift enthält über grundsätzliche z Gemeinschaft leben und verbindlich Reflexionen hinaus zahlreiche Beispiele zur organisieren konkreten Gestaltung diakonischer Praxis, z Miteinander Kirche gestalten hilfreiche Literaturangaben und Perspektiven z Ökumene praktizieren für die Weiterarbeit. Im Folgenden können – aus Platzgründen – z Hauptamtliche Mitarbeitende und freiwillig Engagierte nicht alle Themeneinheiten der Schrift aufge­ z Interreligiöse Öffnung und führt werden. Aber schon ein Ausschnitt kann ­interkulturelle Zusammenarbeit die Leserinnen und Leser auf den Geschmack z Diakonie kommunizieren bringen. Die Schrift mit ihren 70 Seiten ist z Leitbilder kommunizieren als „DiakonieTexte – Dokumentation“, 1.2008 z Feiern beim Zentralen Vertrieb des Diakonischen z Führen und Leiten Werkes der EKD zu beziehen (vertrieb@ z Wirtschaften und Haushalten diakonie.de) oder unter www.diakonie.de z Qualität (zu-)sichern herunterzuladen. Erstellt worden ist sie von … einer Arbeitsgruppe des Diakonischen Werks der EKD unter Leitung von Dr. Ingolf Hübner. 3. Diakonische Kultur und die ­Hoffnung auf Gottes Wirken  ul.

Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) im Diakonischen Werk der EKD Postfach 33 02 20 14172 Berlin Reichensteiner Weg 24 14195 Berlin Telefon (0 30) 8 30 01-3 05 Telefax (0 30) 8 30 01-3 33 amd.laepple@diakonie.de www.a-m-d.de Jesus Christus kennen zu lernen und in seiner Gemeinde zu leben, ist das Recht jedes Menschen. Darum gibt es die AMD. Sie verbindet als Dachverband die landes­kirchlichen Ämter für missionarische Dienste in der EKD, freikirchliche Einrichtungen und freie Werke. Sie ist zugleich als Fachverband Mitglied im Diakonischen Werk der EKD und bildet in ihm mit ihrer Geschäftsstelle den Arbeitsbereich „Missionarische Dienste“. mi-di erscheint i. d. R. zweimal im Jahr. Der Bezug ist kostenlos. Bestellungen: amd@diakonie.de

Redaktion Pfarrer Ulrich Laepple Bildnachweis Seite 1, 24: jungepartner; Seite 3 und 4: Siggi Schritt; Seite 5: ­Willow-Archiv; Seite 6: about­ pixel (der Fotograf war nicht mehr zu recherchieren); Seiten 9,12,14,15,16,20: PeopleCollection; Seite 10: A. Glaser; Seite 11: direttissima@photocase.com; Seiten 17,18,19: ProjectPhotos. Design jungepartner.de, Witten Druckerei Domröse, Hagen

Besuchen Sie auch die Homepage der AMD: www.a-m-d.de

23 mi–di

Wer ...Ich? Und der Herr sagte: Geh!

Und ich sagte: Wer … Ich? Und Er sagte: ja, du. Aber ich bin noch nicht fertig; Und es kommt noch Besuch, und ich kann die Kinder nicht allein lassen; und du weißt, es gibt keinen, der mich vertreten könnte. Und Er sagte: Du übertreibst. Wieder sagte der Herr: Geh!

Das Zitat Fulbert Steffensky in: Mut zur Endlichkeit; S. 39

Und ich sagte Aber ich möchte auch nicht. Und Er sagte: Ich habe dich nicht gefragt, ob du möchtest. Und ich sagte: Nun höre mal, ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich in Auseinandersetzungen verwickeln lassen. Im übrigen … meine Familie möchte es nicht.

»Wir leiden daran, dass so wenige

Und was werden die Nachbarn denken?

Gruppen leidenschaftliche Ideen vertreten. Wir leiden Und Er sagte: Unsinn. daran, dass niemand missioniert. Mission ist die gewaltfreie Selbstrepräsentation und Unverborgenheit der Kirche. Religiöses Selbstbewußtsein und Mission sind

Und zum dritten Mal sagte der Herr: Geh! Und ich sagte: Muss ich? Und Er sagte: Liebst du mich? Aber sieh doch, ich habe Angst.

nicht voneinander zu trennen. Wer von etwas überzeugt ist, zeigt sich in seinen Überzeugungen. Der Geist stirbt, wo er sich verbirgt. Christen werden zu Christen, wenn

Die Leute werden über mich herfallen, und ich kann nicht alles allein tun. Und Er sagt: Ja, was glaubst du denn, wo ich sein werde?

sie sich als Christen zeigen. Evangelische Krankenhäuser werden zu evangelischen Krankenhäusern, wenn sie

Und der Herr sagte: Geh! Und ich atmete tief:

als solche zu erkennen sind. Man wird der, als der man sich zeigt. Was sich verbirgt, stirbt.«

Hier bin ich, sende mich. Verfasser unbekannt

midi - Bericht über Endlich-Leben-Gruppenarbeit  

Bericht in der Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD)

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