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Kirchen

und Kapellen in der Gemeinde Wittighausen

WITTIGHĂ„USER HEFTE 10


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ST. ÄGIDIUS

OBERWITTIGHAUSEN

10 ST. SIGISMUND 16 ST. MARTIN

OBERWITTIGHAUSEN

POPPENHAUSEN

20 ALLERHEILIGEN

UNTERWITTIGHAUSEN

28 ST. REGISWINDIS

VILCHBAND

32 KLEINE KAPELLEN 3 4 Impressum / Unterstützung

Madonna mit Kind, in der Spätrenaissance um 1600 entstanden, an der Nordwand der Kapelle St. Sigismund in Oberwittighausen

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OBERWITTIGHAUSEN ST. ÄGIDIUS

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Der Aufsatz des Hauptaltars ist reich gearbeitet und zeigt die Heilige Dreifaltigkeit umgeben von Engeln und einem versilberten Wolkengebilde

Dem Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenklau sei Dank: Ohne ihn gäbe es wohl kein oder zumindest kein so schönes Gotteshaus, wie die Filialkirche St. Ägidius es heute ist. Anfang des 18. Jahrhunderts veranlasste und finanzierte der damalige Würzburger Fürstbischof nämlich den Bau derselbigen Kirche.

hauptmann und kannte sich laut Literatur mehr mit dem Ausheben von Schützengräben und dem Bau von Wällen aus, als mit der Architektur im klassischen Sinne. Dennoch ist es seinem Betreiben zu verdanken, dass die Kirche geplant, finanziert und gebaut wurde.

Eigentlich hätte zur damaligen Zeit die Gemeinde recht tief in den Säckel greifen müssen, um einen so gewaltigen Bau zu stemmen, natürlich mit Hilfe der Ortsherrschaften, der so genannten Dezimatoren oder Zehntherren. Die Vorgängerkirche war längst baufällig und ein Neubau gestaltete sich schon allein wegen der damals zersplitterten und verworrenen Herrschaftsrechte recht schwierig. Dem Drängen eines gebürtigen Oberwittighäuser Artilleriehauptmanns, Andreas Müller, ist es schließlich zu verdanken, dass der Fürstbischof den größten Teil der veranschlagten Baukosten von 2586 Reichstalern aus seiner Privatschatulle locker machte und so den Bau der Oberwittighäuser Kirche in die Wege leitete. Mit der Planung und Ausführung wurde im Jahr 1717 der Würzburger Architekt und Hofbaumeister Joseph Greissing beauftragt. Als Vorgänger des berühmten Balthasar Neumann hatte Greissing bereits viele kirchliche und weltliche Bauten im unterfränkischen Umland geplant, unter anderem die Peterskirche und den Rückermainhof in Würzburg sowie das Schloss Burgpreppach (Haßberge). Etwa um 1720 wurde der Bau in Oberwittighausen fertiggestellt. Andreas Müller, der sich maßgeblich für den Bau der Kirche eingesetzt hatte, war in Würzburg als „Ingenieurhauptmann“ angestellt. Er war wohl weniger Architekt als Feldmesser und Artillerie-

Vom Barock zum Rokoko Die Kirche ist im Stil der einfacheren Landkirchen gehalten. Auf einer Anhöhe erbaut, wirkt sie trotz ihrer schlichten Schauseite wohlproportioniert und ist schon von Weitem zu sehen. Das Gotteshaus hat einen querrechteckigen Grundriss und ist ein Putzbau mit einer mit Werksteindetails ausgeführten Einturmfassade. Viel Neues hat Baumeister Greissing in Oberwittighausen nicht erfunden, vielmehr griff er auf bestehende Elemente seiner bisherigen Bauten zurück. Dazu gehören die geohrten Fenstergewände mit ihren Keilsteinen wie auch das Gewände am Hauptportal. Diese Elemente hatten bereits in Vorgängerbauten in der Schlosskirche Friesenhausen und im Würzburger Jesuitenkolleg Verwendung gefunden. Allein die neue Kombination der architektonischen Mittel macht den Kirchenbau in Oberwittighausen wieder einzigartig. Der Übergang vom Barock zum leicht beschwingten Rokoko macht sich in der Kirche in der schlanken Form und den abgerundeten Gebäudekanten am Kirchturm bemerkbar. Im Inneren der Kirche flankieren 13 Apostelkreuze (12 und Paulus als Völkerapostel) die Wände. Der Tabernakel stammt aus dem Jahr 1893. Die Kommunionbank fertigte 1886 die Kunstschmiede Karl Schweikert aus Pforzheim an. Haupt- und


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Die eindrucksvolle Plastik des Heiligen Sebastian ist am rechten Seitenaltar zu sehen Seite 7 Foto der Glockenweihe aus dem Jahr 1926 – im Zweiten Weltkrieg wurden alle Glocken, mit Ausnahme der kleinsten von 1872, abgenommen und eingeschmolzen Außenansicht mit der in den 1980er Jahren neu erbauten Treppenanlage

Seitenaltäre sowie die Kanzel kamen um 1722 aus der Würzburger Neumünsterkirche nach Oberwittighausen. Der Hauptaltar war bis zur Innenrenovierung 1986 mit einem Bild der Maria Immakulata versehen. Es stammt aus dem Jahr 1895 und ist ein Werk des Künstlers Franz Wallitschek. Im Zuge der Renovierung 1986 bis 1988 bekam der Hochaltar ein neues Bild, das Maria als immerwährende Hilfe der Christenheit zeigt.

Auf dem linken Seitenaltar ist die Heilige Barbara (siehe auch das Wittighäuser Heft über die Vierzehn Heiligen) mit ihren Insignien Turm und Zweig zu sehen. Unter der Heiligen ist in gotischer Schrift das Entstehungsjahr 1663 graviert, dazu folgender Text: Gott dem Allerhochsten: Und der Heyl. Jungfr. Und Martyrin BARBARAE zu Ehren. Wie auch zur Seel. Gedaechtnis Herrn Gottfried Wilheim Viertelmeisters: Margaretha und Rosinae dessen Ehel. Hausfraue Halt der Ernehste und Wohlvornehme Herr Kilian Langenberger Domkapitulischer Obleyschreiber und des Raths alhier mit Margaretha seiner jetzigen Und zu guten angedenken seiner Vorigen Hausfrauen Anna Maria geborene Winheimerin seeliger und Kindern diesen Altar machen lassen Der rechte Seitenaltar zeigt den Heiligen Sebastian, die gotische Inschrift ist datiert auf das Jahr 1663: Zu Sonderbahren Ehren Gottes und des Hlg. SEBASTIANI. Wie auch zu gedechtnus H: Georg Schnecken und dessen Bruder H. Heinr. Schnecken Stiffts NeuMünsters Presentz: und Benheimer Virtelmeisters zum Anged. s.j. Haußfrauen zu ahngedencken seiner vorigen hausfrawen Anna Maria geborene Schnecken d. Altar hat machen lassen Anno. 1663 Geweiht ist die Kirche in Oberwittighausen dem Heiligen Ägidius, einer der 14 Nothelfer und im Mittelalter ein populärer Heiliger. Ägidius war ein griechischer Kaufmann, der im 7. Jahrhundert lebte und als Einsiedler und Abt in Frankreich wirkte. Traditionell wird an seinem Festtag, dem 1. September, das Patrozinium gefeiert. In Oberwittighausen heißt dieser Tag „Ägidi“.


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Bedeutung der Glocken Im Glockenturm hängen vier Glocken. Täglich um 11 Uhr wird die Glocke mit dem Ton h‘ geläutet. Sie ist dem Kirchenpatron Ägidius geweiht und wurde 1950 von der einheimischen Familie Michael Kuhn gestiftet. Um 12 Uhr läutet die Glocke mit dem Ton a‘. Sie ist dem Herzen Marias geweiht und ebenfalls 1950 gegossen worden. Die kleinste Glocke, 1872 gefertigt, hat den Ton d‘‘ und ist dem Heiligen Josef geweiht. Die Stiftungskommission unter Pfarrer Johann Martin Holler sorgte für die damalige Finanzierung. Bei Todesfällen im Ort wird die größte Glocke mit dem Ton fis‘ geläutet und deshalb auch „Totenglocke“ genannt. Sie ist dem Heiligen Michael geweiht und stammt, wie auch die zwei anderen 1950 gegossenen Glocken, aus der Werkstatt des Glockengießers Karl Czudnochowski in Erding bei München. Renovierungen der letzten 100 Jahre Mehrmals wurde die Ägidiuskirche renoviert, einmal im Jahr 1905, als die Außenfassade einen neuen Anstrich bekam, und 1913, als die Wände


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Die 1999 erbaute Orgel der Firma Michael Becker aus Sattenfelde auf der Empore über dem Eingang Seite 9 Das Hauptaltar-Bild zeigt die Jungfrau Maria als immerwährende Hilfe der Christenheit

im Inneren getüncht wurden. 1903 erhielt Oberwittighausen eine Turmuhr. Zuletzt fand 1986 bis 1988 unter dem damaligen Pfarrer Benno Emmert eine umfassende Renovierung statt. Die Fassade bekam einen freundlichen Anstrich, die 1957 abgehängten Kreuzwegbilder wurden frisch restauriert wieder aufgehängt. Bei den Arbeiten stießen die Maler auch auf ein aufgemaltes Kirchenfenster oberhalb des Eingangs zur Sakristei.

Die Gottesdienste fanden während der Renovierungsphase im Turnsaal der ehemaligen Schule oberhalb der Kirche statt. Anfang der 1990er Jahre schuf der Bildhauer Ernst Singer einen neuen Zelebrationsaltar, der von der in Oberwittighausen ansässigen Steinmetzfirma Pfitzner im September 1994 im Tausch gegen den alten Holzaltar aufgestellt wurde.


Eine neue Orgel zur Jahrtausendwende Eine 1887 eingebaute Orgel hatte schon zwei Jahre später ihren Geist aufgegeben. Wahrscheinlich war das Instrument bereits gebraucht und nicht mehr auf dem neuesten Stand, als es eingebaut wurde. Als Konsequenz erhielten die Oberwittighäuser Gläubigen 1905 eine neue Orgel der Hardheimer Firma Bader. Knapp 100 Jahre später hatte sich darin der Holzwurm breit gemacht, und es gab Überlegungen, das Instrument zu renovieren. Weil dies zu kostspielig geworden wäre, entschied man sich für eine Neuanschaffung zur Jahrtausendwende. Die Orgel in St. Ägidius ist damit die neueste und wohl schönste in der Gemeinde und wurde 1999 von der im norddeutschen Sattenfelde ansässigen Orgelbaufirma Michael Becker gefertigt. Der Spieltisch der neuen Orgel verfügt über zwei Manuale, bestehend aus einem Haupt- und Echosowie einem Pedalwerk. Zwölf klingende Register geben der Orgel einen strahlenden Glanz. Insgesamt 844 Pfeifen aus Holz und Metall (Zinn und Blei) sind in der Orgel zu finden. Die größte Pfeife misst 2,40 Meter, die kleinste nur 8 Millimeter. In der Orgel sind verschiedene Holzarten verarbeitet: Gehäuse und Windladen wurden aus Eichenholz gefertigt, die Bälge und Windleitungen aus Fichte sowie die Pfeifenhalterungen aus Erle. Das Notenpult ist in dunklem französischem Nussbaum gehalten und die Registerknöpfe aus schwarzem Erlenholz. Die Schnitzereien erledigte die Firma Michael Steigerwald-Gsell aus Haslach im Schwarzwald. Im April 2000 fand die feierliche Orgelweihe in der Pfarrkirche statt.

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OBERWITTIGHAUSEN ST. SIGISMUND

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Gesamtansicht des Zentralbaus mit dem ostseitig ausgebildeten Chor und dem geheimnisvollen Portal

Etwas Geheimnisvolles umgibt die Sigismundkapelle in Oberwittighausen. Auf einer Anhöhe oberhalb des Dorfes im Schatten einer jahrhundertealten Linde gelegen, zählt der achteckige Bau gemeinsam mit St. Martin in Poppenhausen zu den ältesten Gotteshäusern der Gemeinde. Um ihren Ursprung ranken sich Sagen und Mythen. Bekannt ist die Hammerwurflegende: In der Nähe von St. Sigismund gibt es noch zwei weitere, ähnliche Kapellen, die Achatiuskapelle in Grünsfeldhausen sowie die im 19. Jahrhundert abgerissene Michaelskapelle in Gaurettersheim. Ein Riese soll jeweils nach Vollendung einer Kirche seinen Hammer geworfen und an der Fundstelle ein weiteres Kirchlein gebaut haben. Soweit die Sage. Wahrscheinlicher ist, dass die Sigismundkapelle in den ersten Jahrzehnten der Kreuzzüge (1096 1291) erbaut wurde. Zuvor, so wird vermutet, lag an gleicher Stelle eine vorzeitliche Kultstätte, die später in ein christliches Heiligtum umgewandelt wurde. Die Kapelle diente ursprünglich wohl auch als Taufkirche und war ein Stützpunkt der nachkilianischen Mission von Tauberbischofsheim aus. Im 14. Jahrundert pilgerten Wallfahrer aus Nah und Fern an diesen Ort der Frömmigkeit. Grund hierfür war der Heilige Sigismund, einst König von Burgund, dessen Gebeine der Sage nach über Oberwittighausen nach Prag überführt wurden. So kam die Kapelle auch zu ihrem Namen, die ehemals St. Martin und Nikolaus von Myra geweiht war. Das Fest des Heiligen Sigismund wird am 1. Mai gefeiert. Traditionell findet an diesem Tag (außer, wenn dieser auf einen Sonntag fällt) ein Gottesdienst in der Kapelle statt.

Die baulichen Gegebenheiten Der unregelmäßige Zentralbau mit einem Zeltdach und einem Dachreiterturm bildet auf der Ostseite des Oktogons einen Chor aus. Der Eingang mit prächtigem Portal befindet sich an der Südseite. Der Turm in der Mitte hat einen quadratischen Grundriss und geht über der Decke des Kapellenraums in ein Achteck über. Die Wände im Zentralbau sind durch je ein großes Fenster in der Südostwand und Nordwand durchbrochen. Eine Tür links neben dem Eingang führt zu einer innerhalb der Mauer angelegten Treppe in den Dachstuhl. Turm und Mauerwerk sind aus Muschelkalkstein erbaut. Ursprünglich sind nur noch die drei Fenster im Chor. Die übrigen entstanden erst im 19. Jahrhundert im Zuge des Wiederaufbaus. Die Sigismundkapelle, so wird vermutet, diente eine zeitlang auch als Wehrkirche. In der Nordwand der Apsis befindet sich eine Sakramentsnische in Kleeblattform, um 1200 entstanden die Kelchkapitelle. Der romanische Altar steht mitten im Chorraum. Der Taufstein neben dem Eingang entstammt wohl der gleichen Zeit. Erste Renovierungen gab es bereits um 1285. Danach setzte die gotische Bauphase ein – diese Epoche zeigt der Sandsteinfries am äußeren Chormauerwerk mit seinen Spitzbögen. Aus dem 14. Jahrhundert stammt eine Grabplatte, die erst 1810 entdeckt wurde. Auf ihr ist ein bärtiger Mann mit Gugel, einer kapuzenähnlichen Haube, und spitzen Schuhen zu sehen. Im 17. Jahrhundert ergänzte man die Inneneinrichtung um einige Stücke. Der romanische Altar bekam einen mit Floris-Ornamenten versehenen Aufbau, die Nordwand ziert eine feingliedrige Madonna mit Kind. Zwei Mal wurde das Bauwerk


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Turm mit Knauf und Kreuz in der Mitte des Zentralraumes, nach allen vier Seiten durch hohe Spitzbogen geรถffnet Seite 13 Fresko des Heiligen Sigismund im Chor aus dem Jahr 1658, erst 1929 wiederentdeckt


im 30-jährigen Krieg (1618 - 1648) zerstört. Die Grundmauern blieben damals nur auf einer Höhe von etwa drei Metern erhalten. Zeitweise diente die Kapelle auch als Steinbruch. Die Wiederherstellung fand mit Bruchsteinen statt. Bei Renovierungsarbeiten 1929 entdeckte man zwei Fresken unter einer Farbschicht: Im Chorraum ist der Heilige Sigismund dargestellt, die südliche Turmwand zeigt Szenen aus dem Jüngsten Gericht. Den Jahreszahlen nach sind beide Gemälde 1658 entstanden. Die frühbarocke Kanzel an der Nordseite stammt aus dem Jahr 1697, wenige Jahre zuvor hatte die Kirche einen steineren Opferstock erhalten. Fast wäre St. Sigismund als Steinbruch geendet: Im Jahr 1827 versteigerte man die Kapelle auf Abbruch – die Gemeinde Oberwittighausen legte Einspruch ein, bekam das Kirchlein überschrieben und erhielt es dadurch. Bis 1843 durfte es nicht benutzt werden, da es zu baufällig war. Erst danach erfolgten umfassende Renovierungen. Das deutungsvolle Portal Viele Deutungen gibt es über das mit Tier- und Sternplastiken sowie Reliefs bedeckte Portal der Sigismundkapelle. Es entstand bereits in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Portalrahmen und Bogenreliefs sind wohl älter als die Plastiken, die wahrscheinlich von langobardischen Wanderkünstlern geschaffen wurden. Bis in etwa zwei Meter Höhe ist das Portal original, der Rest wurde im 13. Jahrhundert nach Beschädigungen erneuert. Der Eingang ist von einem Rundbogen überwölbt und von einem Rechteck umrahmt und abge-

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Glasnegativ-Aufnahme von Wilhelm Kratt (1869 - 1949), die wahrscheinlich aus der Zeit von 1900 bis 1915 stammt und das Portal sowie die alte hölzerne Eingangstür der Sigismundkapelle zeigt

schlossen. Das Gewänd nach innen ist dreifach abgestuft. Die acht Bogen des Frieses sind ungleichmäßig hoch und haben wie die Konsolen unterschiedliche Profile: Eine Nahtstelle zeigt, wo nach dem 30-jährigen Krieg das Portalmauerwerk wieder zusammengesetzt wurde. Die einfachen Figuren im Portal zeichnen sich durch eine starke Plastizität aus. Zu sehen sind ein adlerähnlicher, kopfloser Vogel, ein sitzender Bischof mit Stab (oder eine Nonne, je nach Deutung), ein liegender Löwe oder Hund, ein weiblicher Kopf mit Halsring (der wohl zu einer größeren Figur gehörte), ein Mönch oder Pilger mit gedrehtem Stab, ein Teufel, der eine „arme Seele“ am Kragen hält, während er selbst mit einer dicken Kette an einen Pfahl gefesselt ist. Man kann als Betrachter relativ einfach gewisse Teile des Portals entschlüsseln. Einen sinnvollen Zusammenhang der Zeichen zu finden, erscheint allerdings nicht möglich. Der jetzige Zustand des Portals entspricht nicht mehr dem Original, weil nach Zerstörungen und bei den Wiederaufbauarbeiten einige Teile nicht wieder im ursprünglichen Zustand zusammengefügt wurden.

Weiterhin verbindet er viele Details mit einer islamischen Ikonographie und der Zuordnung zu bestimmten Suren des Koran. Der Hobbyhistoriker Willi Müller hat das Portal in seine verschlungenen Theorien über das Grabtuch Jesu eingewoben. Jede Figur, jedes Detail kann er erklären und in einen nach seiner Meinung verbindlichen Zusammenhang bringen. Das Grabtuch selbst, aber auch der hier nach seiner Meinung als Eremit lebende Templer André de Joinville und viele andere Einzelheiten seien wiederzuerkennen. Der Würzburger Professor Rudolf Kuhn sieht im Aufbau ein Konglomerat von Architekturstücken und man dürfe im Bildschmuck des Portals keinen leitenden Grundgedanken ausgedrückt sehen. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Art der Reliefs der Bogensteine beinflusst wurde durch die ausklingende germanische Holzbaukunst. Durch diese Vermischung der ausschmückenden Figuren mit den symbolhaften christlichen Bildern geht der ursprüngliche Sinn verloren .

Die Phantasie der Deuter

Umfangreiche Renovierungsarbeiten erfolgten von 1969 bis 1974. In diesem Zuge gestaltete der Würzburger Bildhauer Otto Sonnleitner eine neue Eingangstür aus Bronze. Sie stellt zwei nach Wasser lechzende Hirsche dar und soll an ein früheres Wasserheiligtum erinnern.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Idee des Speyrer Arztes Dr. Otto Trier, der den Kapelleneingang als „Predigt über den Tod und seine religiöse Begründung“ sieht, dass der Tod auf den Satan zurückgeht und dass jeder Tote, der durch dieses Portal getragen wird, ihm sein Ende verdankt. Nicht die bildliche Darstellung der tröstenden Erlösung sieht er im Mittelpunkt, sondern eine ausgiebige Darstellung des Teuflischen.

Otto Sonnleitners Eingangstür aus Bronze

Eine ausführliche Beschreibung der Sigismundkapelle findet sich in der Broschüre „Wittighäuser Hefte 4 - St. Sigismund“. Erhältlich bei der Gemeindeverwaltung (www.wittighausen.de).


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POPPENHAUSEN ST. MARTIN

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Frontalaufnahme mit dem neuen Eingang nach dem Umbau der 1920er Jahre – am rechten unteren Bildrand erkennt man die 1984 entstandene Schutzmantelmadonna des Würzburger Goldschmieds Hans Fell

Der Methusalem unter den Wittighäuser Sakralbauten ist die im romanischen Stil errichtete Martinskirche. In ihren ältesten Teilen stammt sie aus dem Hochmittelalter. Der Glockenturm wurde im 11. oder 12. Jahrhundert erbaut, Turm und Langhaus der Chorturmkirche aus heimischem Muschelkalk stammen wohl aus der gleichen Zeit. Lange diente St. Martin, als Wehrkirche konzipiert, nicht nur für Gottesdienste, sondern den Bewohnern des Ortes auch als Zufluchtsstätte in Kriegszeiten. Darauf deuten noch heute der wuchtige Kirchturm und die auf alten Fotos erkennbare Befestigung der Kirche durch zwei in der Höhe gestaffelte Mauern hin. Kirchlich und politisch gehörte Poppenhausen jahrhundertelang zum Fürstbistum Mainz und war das östlichst gelegene Dorf des Mainzer Erzbistums. In dieser Zeit erfuhr die Kirche viele Erneuerungen. Erste größere Renovierunsarbeiten sind in schriftlichen Zeugnissen des 16. Jahrhunderts belegt. So beschreibt der damalige Pfarrer Michael Klein unter anderem den baufälligen Kirchturm und bittet das Stiftskapitel in Aschaffenburg um finanzielle Hilfe. Die Jahreszahl 1577 über dem Portal zur Sakristei verweist auf den Beginn dieser Arbeiten, bei denen man den Turmhelm um einige Meter erhöhte. Auch aus späteren Jahrhunderten erfahren wir aus Quellen, wie die Poppenhäuser sparten, Naturalien tauschten und viel Eigenarbeit in ihre Kirche steckten. Die wohl einschneidenste Veränderung erfuhr die Kirche in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Durch einen Anbau zur Südseite hin wurde ein neuer Chorraum geschaffen. Die Vorgeschichte begann 1901 mit der Gründung

eines Kirchenbauvereins. Jahre zuvor hatte man über eine Vergrößerung von Kirche und Sakristei nachgedacht. Die Poppenhäuser sammelten Geld, um die erforderlichen Eigenleistungen erbringen zu können. Bis 1906 hatten die Dorfbewohner ein Guthaben von 11360 Goldmark angespart. Der Umbau begann schließlich, nachdem man mit einem Nachbarn und dem Denkmalschutz einig war, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1920. Große Teile der alten Kirche wurden abgebrochen. Beim Aushub des Sakristeikellers drohte der Turm einzufallen, er musste durch Schrauben geschient werden. Die politische Gemeinde besorgte sämtliche Baustoffe, die Poppenhäuser den Transport. Die letzten Arbeiten fielen mitten in das Inflationsjahr 1923 und ausstehende Rechnungen mussten in Naturalien bezahlt werden. 1924 fand die feierliche Einweihung des neuen Kirchenbaus statt. 1929 bekam die Kirche Glocken, die allerdings während des Zweiten Weltkriegs 1941 wieder abgenommen und eingeschmolzen wurden. Innengestaltung mit zeitgenössischer Kunst Ortspfarrer Stanislaus Sack regte 1935 die Schaffung eines neuen Hochaltars an. Den Auftrag für eine Kreuzigungsgruppe aus Lindenholz, ebenso wie für einen Marienaltar, erhielt der in München lebende und aus Gamburg stammende Bildhauer Thomas Buscher (1860 - 1937). Pfarrer Sack selbst schnitzte die anbetenden Engel. Der Freiburger Künstler Franz Schilling (1879 - 1964), der unter anderem auch die Gemälde im Treppenhaus des Erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg schuf, malte 1948 Gewölbe und Chorraum aus. Gezeigt wird das himmlische Jerusalem sowie darunter


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In der Amtszeit von Pfarrer Theodor Ulmer erhielt St. Martin 1954 neue Glocken aus der Heidelberger Glockengießerei Friedrich Wilhelm Schilling. Die größte Glocke ist dem heiligen Martin geweiht, sie wiegt 1025 Kilo und hat den Ton f‘. Die Marienglocke mit dem Ton as‘ wiegt 576 Kilo. Die kleinste Glocke (Ton b‘) mit einem Gewicht von 401 Kilo ist dem heiligen Michael geweiht.

des Altarbildes aus den 1920er Jahren. Schließlich bekam der restliche Kirchenraum einen neuen Anstrich. Im neuen Jahrtausend erhielt St. Martin auch einen Eingang für Rollstuhlfahrer. Dazu wurde der im letzten Jahrhundert zugemauerte Haupteingang der ursprünglichen Kirche wieder geöffnet. Den Abschluss der Kirchenrenovation in Poppenhausen bildete die Weihe eines neuen, vom Berliner Bildhauer Paul Brandenburg nach dem Motiv des Lebensbaumes geschaffenen Zelebrationsaltars durch Weihbischof Rainer Klug. Der Bildhauer gestaltete den Altarsockel aus Bronze und die Tischplatte aus heimischem Muschelkalk. Die Platte wird von den Ästen des Lebensbaumes getragen. Ein ähnliches Motiv findet sich in dem ebenfalls von Brandenburg geschaffenen Ambo. Ganz bewusst aber wurde der bisherige große und massive alte Altar der Kirche nicht abgebaut. Auch die Kommunionbänke blieben erhalten. Die Neugestaltung verdankt Poppenhausen vor allem dem aus Zimmern stammenden Ortsgeistlichen Elmar Landwehr. Es gelang ihm, durch seine Beziehungen als ehemaliger Dekan in Freiburg namhafte Zuschüsse einzuholen. Der beliebte Seelsorger verstarb unerwartet im Jahr 2009.

Renovierungen Ende des letzten Jahrhunderts

Eine unbespielbare Orgel

Unmittelbarer Anlass für die jüngste Renovierung der Martinskirche waren Putzschäden im Sockelbereich des Kircheninnenraums sowie starke Rissebildung an der Decke. Die Arbeiten begannen 2001 mit der Trockenlegung des äußeren Mauerwerks der Kirche. Ein wichtiger Aspekt der Renovierung war die Auffrischung und Erhaltung

Kein Glück hatte die Gemeinde 1927 mit dem Kauf einer gebrauchten pneumatischen Orgel. Das Instrument war sehr reparaturanfällig, funktionierte selten und wird heute nicht mehr bespielt. Zu Gottesdiensten erklingt von der Empore eine elektronische Orgel, die von Pfarrer Karl Endres 1982 gestiftet wurde.

die Heiligen Notburga, Isidor, Kilian und Rita. Bezahlt wurde Schilling von der Pfarrgemeinde mit freiwilligen Geldspenden und Lebensmitteln. Der rechte Seitenaltar ist dem heiligen Josef geweiht. Er ist ein Werk des aus Unterwittighausen stammenden Künstlers Fritz Zipf (1908 - 1981). Der Marienaltar auf der linken Seite ist ebenfalls ein Werk von Thomas Buscher. 1984 stiftete der aus Poppenhausen stammende Pfarrer Karl Endres eine vom Würzburger Goldschmied Hans Fell geschaffene Schutzmantelmadonna. Sie wurde anlässlich der 800-Jahr-Feier des Dorfes vor der Kirche aufgestellt und vom damaligen Ortspfarrer Benno Emmert geweiht. Neue Glocken nach dem Zweiten Weltkrieg

Seite 18 Der obere Abschluss des Chorraumgemäldes von Franz Schilling aus dem Jahr 1948 zeigt Gott Vater im himmlischen Jerusalem Die Empore im 1924 eingeweihten Anbau trägt die leider nicht mehr bespielbare Orgel

Eine Kopie der berühmten Pieta von Tilman Riemenschneider aus der Hofkapelle in Lilach befindet sich in St. Martin

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UNTERWITTIGHAUSEN ALLERHEILIGEN

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Reliefbild mit Mariae Krönung über dem barocken Säulenaufbau des Hochaltars – die um den Altar herum gruppierten Plastiken zeigen v. l. n. r. die Heiligen Aquilin, Urban, Kilian und Nepomuk – der Zelebrationsaltar im Vordergrund wurde anlässlich

Ein großer Name schmückt einen kleinen Ort: Johann Balthasar Neumann, der Erbauer der Residenz zu Würzburg und Architekt bedeutender Sakralbauten, hat auch in Unterwittighausen seine Spuren hinterlassen. 1738 schuf er die Pläne für die Pfarrkirche Allerheiligen. Dabei war Unterwittighausen eine von vielen Landkirchen, die der große Baumeister Neumann plante.

der Renovierung in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts aufgestellt

Das neue Gotteshaus wurde an der gleichen Stelle erbaut, wo zuvor die baufällig gewordene Kirche „St. Kilian“ gestanden hatte. Dieses Kirchlein muss zudem sehr klein gewesen sein, wie aus einem Bericht des damaligen Ortspfarrers Georg Richard Schüttinger hervorgeht, und wurde von seiner Grundsteinlegung her auf ein Alter von etwa 500 Jahre geschätzt – vielleicht eine romanische Zentralanlage in der Art der Kapellen von Oberwittighausen und Grünsfeldhausen. In einem anderen, vermutlich an die Würzburger Geistliche Regierung gerichteten Bericht vom 26. August 1735 heißt es: ...Müsse auch die Pfarrkirchen und Pfarrwohnung zu Unterwittighausen höchst nothwendig neu gebauet werden, inmaßen die Pfarrkirchen nicht nuhr für die zahlreiche Pfarrkinder viel zu klein, sondern die Mauern an derselben aufgesprungen und finde, auch der obere Last auf einer einzigen sich schon neigenden Saulen ruhe, die Balken und Holzwerk ganz mürb und verfault seyen, mithin der tägliche Einfall besorget werde... Grundsteinlegung für die neue Kirche war am 16. Juni 1739. Ob Balthasar Neumann tatsächlich einmal in Unterwittighausen war und die Pläne eigenhändig schuf, ist nicht belegt. Vielmehr ist

anzunehmen, dass die Entwürfe von seinen Mitarbeitern nach Neumanns eigenen Ideenskizzen gezeichnet und ihm zur Prüfung vorgelegt wurden. Wie vielen seiner Landkirchen gab Neumann der Kirche in Unterwittighausen eine schlichte Raumform: ein ausgedehntes Langhaus mit einer halbkreisförmigen Bogenöffnung zum eingezogenen einjochigen Altarraum. Kennzeichnend ist der über drei Geschosse geplante Fassadenturm mit einem eingeschnürten Zwiebelhelm. Er springt auf dem quadratischen Grundriss an der Westfassade mit halber Seitenlänge hervor. Der Kirchenneubau erwies sich, trotz des großen Namens, schon wenige Jahrzehnte später als einsturzgefährdet: 1790 mussten der Chor und das Gewölbe des Mittelschiffes abgetragen und erneuert werden. Die Renovierung erfolgte mit einer flachen Decke. Baupläne der Kirche in Unterwittighausen existieren wohl keine mehr: Nach den Luftangriffen des Zweiten Weltkrieges im März 1945 auf Würzburg ist ein großer Bestandteil der Pläne Balthasar Neumanns vernichtet worden. Geweiht ist „Allerheiligen“, wie der Name schon sagt, allen Heiligen – am 1. November wird das Patrozinium gefeiert. Johann Peter Wagners Innenausstattung Die Innenausstattung schuf der Würzburger Hofbildhauer Johann Peter Wagner, bekannt als Meister der Rokokoplastik und des Frühklassizismus. Sein Handwerk hatte der gebürtige Franke in der Auwera-Werkstatt gelernt, die er später gemeinsam mit seiner Frau übernahm.


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DER MEISTER DER ROKOKOPLASTIK JOHANN PETER WAGNER

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Johann Peter Wagner gilt als „der“ mainfränkische Bildhauer des Rokoko und Frühklassizismus. Er schuf in den 1760er und 1770er Jahren ein umfangreiches Werk für kirchliche und weltliche Auftraggeber. 1730 als viertes von fünf Kindern des Bildhauers Johann Thomas Wagner geboren, besuchte er die Schule in Obertheres und erlernte bei seinem Vater das Bildhauerhandwerk. Im Alter von 17 Jahren verließ er sein Elternhaus. Stationen seiner Wanderjahre waren Wien, wo sein Onkel Johann Wagner ansässig war, und Mannheim. Nach dem Tod seiner Mutter kehrte er nach Franken zurück und siedelte sich in Würzburg an. Dort arbeitete Wagner als Geselle des Hofbildhauers Johann Wolfgang van der Auwera. Als dieser 1759 starb, übernahm Wagner dessen Werkstatt und heiratete Maria Cordula Curé, mit der er zwei Kinder hatte. Obwohl er durch sein Schaffen bereits weithin renommiert war, ernannte ihn Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim erst 1771 offiziell zum Hofbildhauer des Fürstbistums Würzburg – eine Position, die der Künstler 28 Jahre lang inne hatte. Als Hofbildhauer fertigte er nicht nur Figuren, sondern errichtete auch zahlreiche Kanzeln und Altaraufbauten – wie die in der Kirche Allerheiligen in Unterwittighausen.


Seite 22 Detailaufnahme von Tabernakel und Putte am rechten Seitenaltar Großplastik des Winzerpatrons Urban – eine von vier Heiligenfiguren im großzügig ausgestatteten Chorraum

Die Auweras waren eine aus den Niederlanden stammende Künstlerfamilie, die hauptsächlich in Würzburg arbeitete. Wagner schuf in Unterwittighausen den barocken Prunkaltar und die Kanzel. Das Hochaltarbild nimmt den Namen der Kirche wieder auf und zeigt die Gesamtheit aller Heiligen. Über dem Hochaltarbild ist ein Reliefbildnis mit Mariae Krönung zu sehen. Der Hochaltar selbst besitzt einen barocken Säulenaufbau. Um den Altar herum gruppieren sich vier lokale Heilige: Links vorne ist der Heilige Aquilin zu sehen, ein um 970 in Würzburg geborener Domprobst. Er wurde auf einer Reise nach Rom 1018 in Mailand mit einem Messer in den Hals erstochen und dort beigesetzt. Seine Reliquien kamen 1705 und 1854 nach Würzburg. Hinter Aquilin ist der Heilige Urban zu sehen. Er war von 222 bis 230 Papst und wird als Patron der Winzer verehrt. Der Heilige Johannes Nepomuk ist vorne rechts dargestellt. Er wurde in Prag geboren und war Generalvikar des dortigen Erzbischofs. 1393 geriet er in eine Auseinandersetzung zwischen König und Erzbischof, wurde gefoltert und in der Moldau ertränkt. Hinter Nepomuk steht der Heilige Kilian, der Frankenapostel irischer Herkunft. Er wirkte als Bischof in Würzburg und wurde 689 gemeinsam mit seinen Gefährten Kolonat und Totnan ermordet. Seine Reliquien befinden sich im Würzburger Dom. Die beiden Seitenaltäre zeigen links die Kreuzigungsszene sowie rechts den Tod des Heiligen Sebastian. Die Gemälde hat Georg Christian

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Ensemble des Hauptaltars, oben abgeschlossen von der Aufnahme Mariens in den Himmel, geleitet von der Heiligen Dreifaltigkeit mit Gott-Vater rechts, Gott-Sohn links und dem Heiligen Geist dar端ber Seite 25 Detailaufnahme am rechten Seitenaltar


Urlaub (1718 - 1766) geschaffen. Er entstammte einer Malerfamilie aus Thüngersheim. Das große Deckengemälde von 1965, ausgeführt durch Michael Bronold nach einem Entwurf von Willi Jakob, Restaurator der Firma Bronold aus Gerlachsheim, zeigt die Kreuzauffindung durch die Heilige Helena und ist eine Kopie des gleichnamigen Bildes von Giovanni Battista Tiepolo (1696 - 1770). Auch das Bild an der rechten Seitenwand, es zeigt die Anbetung der Weisen, hat der Maler Franz Rieger 1904 einem bekannten Gemälde Tiepolos nachempfunden. Den Kreuzweg in der Kirche schuf der Maler Peter Geist im Jahr 1861. Auf der Empore befindet sich an der rechten Wand eine Plastik der Maria Immaculata, der unbefleckten Maria, des Bildhauers Heinz Schiestl (1867 - 1940). Vier Glocken befinden sich im Glockenturm der Kirche: Eine aus dem Jahr 1928, gewidmet allen Heiligen (gegossen von den Gebrüdern Klaus aus Heidingsfeld) und drei weitere aus dem Jahr 1950, gewidmet Maria mit dem Kind, dem Heiligen Josef und einer Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes (gegossen von Karl Czudnochowski aus Erding). Umfangreiche Renovierungen Mehrmals wurde die Kirche umfassend renoviert. Aus den Aufzeichnungen erfahren wir erstmals von einer Maßnahme im Jahr 1880. Fünfzehn Jahre später wurde die alte Sakristei hinter dem Hauptaltar aufgegeben und an der südöstlichen Seite ein Anbau an den Chorraum

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Die große Empore trägt die 1973 erbaute und in einem barocken Gehäuse „verpackte“ Orgel sowie links und rechts davon Bänke für die Gläubigen

angefügt. Dies hatte zudem den Vorteil, dass der vorbereitende Zugang nun direkt von außen erfolgen konnte, ohne den Chor betreten zu müssen. 1931 wurde die Empore vergrößert und drei Jahre später der Kirchengang mit Steinplatten verlegt. 1936 bekam die Kirche einen neuen Außenanstrich und wurde innen erneut renoviert. Kosten für die Gemeinde damals: 2800 Reichsmark. Schon zwei Jahre später erfolgte die nächste Maßnahme: Die im Winter bisher frierenden Gläubigen erhielten eine Warmluftheizung. Im Inneren fand 1953 eine umgehende Sanierung statt, 20.000 DM ließ sich das die Pfarrgemeinde kosten. Eine ausgiebige Gesamtrenovation dauerte von 1978 bis 1980. Und nochmals, in den Jahren 2002 und 2003, bekam die Allerheiligen-Kirche innen eine Auffrischung: Die Wände wurden gestrichen, die Deckengemälde restauriert, eben-

so die Bilder und Figuren sowie die Fenster. Die Warmluftheizung wurde modernisiert und eine neue Lautsprecheranlage eingebaut. Auch die Bänke und den Beichtstuhl restaurierte man im Zuge dieser Maßnahme. Eine Orgel aus Markelsheim Vom Untergeschoss aus führen zwei Treppenläufe auf die hölzerne Orgelempore. Die heutige Orgel baute 1973 die Firma Heissler aus Markelsheim. Während der Innenrenovation 2002/2003 wurde das Instrument überholt. Es verfügt über zwei Manuale und ein Pedalwerk sowie 15 klingende Register. Die Orgelpfeifen aus Holz und Zinn-Blei-Ligaturen sind in einem barocken Gehäuse von 1790 „verpackt“.


DER MEISTER DER BAROCKARCHITEKTUR JOHANN BALTHASAR NEUMANN Johann Balthasar Neumann wurde 1687 als siebtes von neun Kindern eines Tuchmachers in Eger geboren. Anfang des 18. Jahrhunderts kam er nach Würzburg zu Sebald Koch, wo er 1711 den Lehrbrief der „Büchsenmeister, Ernst- und Lustfeuerwerkerey“ erwarb. Seine Laufbahn als Ingenieur begann er 1712 mit dem Eintritt als Gemeiner in die fränkische Kreis-Artillerie. Seit 1714 war er im Dienst des Würzburger Hochstifts. Reisen führten ihn 1717/18 nach Österreich, Ungarn und Italien. Stilprägend für ihn wurde die Auseinandersetzung mit dem Wiener Meister Johann Lucas von Hildebrandt. 1719 berief ihn der neue Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn zum fürstbischöflichen Baudirektor in Würzburg. Als solcher übernahm Neumann 1720 die Planung für den Neubau der Würzburger Residenz. 1724 avancierte er zum Major; 1725 heiratete er Maria Eva Engelberta Schild. Ab 1723 war Neumann Mitglied der bischöflichen Baukommission, die er ab 1725 faktisch leitete. Daneben war er auch erfolgreicher selbständiger Unternehmer und erhielt 1731 den für ihn neu eingerichteten Lehrstuhl für Zivil- und Militärbaukunst an der Universität Würzburg. Balthasar Neumann starb 1753. Er wurde in der Marienkapelle in Würzburg beigesetzt.

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VILCHBAND ST. REGISWINDIS

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Das barocke Hochaltarbild zeigt eine Szene aus dem Leben der Kirchenheiligen Regiswindis

Hoch über Vilchband und schon von Weitem zu sehen steht die barocke Pfarrkirche St. Regiswindis – ein Markenzeichen des Dorfes. Im 18. Jahrhundert stand an gleicher Stelle die ehemalige Gumbertuskirche. Diese stammte wahrscheinlich aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Die Kirche war baufällig geworden, wie aus einem Bericht des damaligen Bürgermeisters an den Würzburger Fürstbischof hervorgeht: Gemäuer und Holzwerk waren schadhaft und „vermülbt“, ein Sturm habe dem Kirchturm einige Teile abgerissen, so dass sogar Teile durch das Dach in das Langhaus gefallen seien und Regen in die Kirche eindringe. Fast getraue sich keiner mehr nahe an die Kirche zu kommen, da Gefahr für Leib und Leben bestehe. Solch dramatische Schilderungen konnten nur eine Konsequenz haben: Die alte Kirche musste weg und eine neue her! Der Neubau von 1753 Leichter gesagt als getan, denn schließlich galt es eine neue Kirche auch zu bezahlen. Für die Vilchbander war klar: Das Kloster St. Stephan in Würzburg, damals Zehntherr, habe die Kirchenbaulast allein zu tragen. Die hohen Herren in Würzburg dagegen argumentierten, auch die Vilchbänder hätten ihren Teil der Baulast mitzutragen. Kurzum entschied der Bischof: Das Kloster sollte die Kosten des Langhauses, der Kirchenfond Chor und die Sakristei übernehmen, die Gemeinde sollte den Turm, Empore und Gestühl bezahlen. Das Wort des Bischofs galt schließlich – und gilt noch immer.

Am 2. Mai 1753 begann man mit den Grabearbeiten. Tags darauf fanden Arbeiter in den Seitenaltären Reliquiengefäße, die allerdings nicht mehr zuzuordnen waren, da alle Überbleibsel in den Urnen zu Staub geworden waren. Auch die drei Glocken im maroden Turm wurden abgenommen. Grundsteinlegung für den Neubau war am 26. Juni 1753, gleichzeitig die Weihe des selben durch den Ortspfarrer Eucharius Pröstler. Recht schnell gingen die Bauarbeiten voran – noch vor dem Winter wurde die Kirche unter Dach gebracht. Der Turm wurde ein Jahr später vervollständigt und die Glocken darin aufgehängt. Die neue Kirche ist größer als die alte, sie wurde nach Schriftzeugnissen gegen den heutigen Friedhof hin vergrößert, also mehr noch an den Hang gebaut. Die Bauleitung oblag dem Würzburger Baumeister Anton Brenner. Er hatte schon den Entwurf gefertigt und war mit der Ausführung beauftragt worden. Die Inneneinrichtung Die Empore und das Kirchengestühl schaffte dann tatsächlich die Gemeinde an, was durch Pfarrer Pröstler schriftlich festgehalten wurde. Am 21. Dezember 1754 konnte das Allerheiligste in einer feierlichen Prozession vom Pfarrhaus in die neue Kirche übertragen werden. 1757 bekam die Kirche einen Hochaltar, gefertigt von Rainer Wirl aus Kitzingen. 1778 erneuerte und vergrößerte der Bildhauer Johann Steuerwald den Altar. Das dort sichtbare Bild zeigt eine Szene aus dem Leben der Kirchenheiligen Regiswindis. Der Legende nach lebte die Grafentochter im


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Der spätbarocke, fast schon klassizistisch wirkende Kirchenraum mit Empore und der im Jahr 2003 renovierten Orgel Seite 31 Blick auf Turm und Langhaus, vom Kirchgarten aus gesehen

9. Jahrhundert im württembergischen Lauffen und wurde im Alter von sieben Jahren von ihrer Amme erwürgt und in den Neckar geworfen. Im Altarbild des Münchener Künstlers Waldemar Kolmsperger ist Regiswindis zu sehen, wie sie von einem Heiligenschein umstrahlt, den Fluten des Neckars standhält, ohne zu versinken oder davongetragen zu werden. Hoch über dem Altar thront die Heiligste Dreifaltigkeit, umgeben von Engeln und Blumengewinden. Auf beiden Altarseiten sind Würzburger Bischöfe dargestellt, links der Heilige Kilian und rechts der Heilige Burkard.

Bildhauer Steuerwald setzte 1775 auch die Seitenaltäre mit ihren beachtenswerten Rokokoschnitzereien auf. Die Gemeinde zahlte ihm dafür 270 Fränkische Gulden. Auf den Seitenaltären hat sich der Bad Mergentheimer Maler Georg Giersser verewigt. Wie schon in der alten Gumbertuskirche ist der linke Seitenaltar der Muttergottes gewidmet, auf dem rechten ist der Apostel Judas Thaddaeus zu sehen. Auch die Seitenaltäre sind ebenso wie der Hochaltar von zwei lebensgroßen Figuren flankiert: Links ist der Heilige Sebastian zu sehen, rechts der Heilige Antonius.


Auf der barocken Kanzel steht der Apostel Johannes der Täufer. Über ihm schwebt der Heilige Geist in Form einer Taube. Umbaumaßnahmen im letzten Jahrhundert 1907 wurde die Kirche vergrößert, das Langhaus um sechs Meter erweitert. Auch der Kirchturm wurde in dieser Zeit aufgestockt, so dass das architektonische Gleichgewicht der Kirche wieder hergestellt war. Die Bauarbeiten übernahm damals die heimische Firma Zimmermann. Die Kirchturmaufstockung bezahlte der damalige Pfarrer aus eigener Tasche. Das große Deckengemälde in der Kirche zeigt Mariae Himmelfahrt. Der Münchener Kunstmaler Bischof schuf es im Jahr 1908. 1972 bekam die Pfarrkirche einen neuen Anstrich und wurde außen umfangreich renoviert, und bis 1975 waren die Arbeiten auch im Inneren abgeschlossen. Während dieser Zeit fanden die Gottesdienste im Gymnastikraum der Schule statt. Eine Orgel aus Karlsruhe-Durlach Auch die einmanualige Orgel, die 1889 von der bis 1932 existenten Firma Heinrich Voit & Söhne aus Karlsruhe-Durlach gebaut wurde, erhielt in den 1970er Jahren ein neues Gesicht. Sie steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Das Instrument verfügt über 12 mechanische Register und drei Pedalregister. 2003 wurde die Orgel von der Firma Popp aus Altheim renoviert – auch das Orgelprospekt wurde in dieser Zeit dem barocken Stil angeglichen.

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KLEINE KAPELLEN

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Die sieben hier aufgelisteten Kapellen aus den Ortsteilen der Gesamtgemeinde befinden sich entweder im Besitz der Gemeinde Wittighausen, der jeweiligen Pfarrgemeinde oder von Privatpersonen. Sie sind jedoch allesamt öffentlich zugänglich.

HOF LILACH HOFKAPELLE Die 1864 im neuromanischen Stil erbaute Kapelle besaß eine um 1650 entstande Pieta aus der Werkstatt von Tilmann Riemenschneider. Diese wurde 1926 für 45.000 Goldmark an den Frankfurter Bankier Baron Rothschild verkauft. Heute ist eine Kopie der Plastik in der Kapelle sowie in der Dorfkirche St. Martin in Poppenhausen (siehe auch Seite 19) zu sehen. Als Anbau weist die Hofkapelle eine sogenannte Lourdes-Grotte auf, die der im Wallfahrtsort in Frankreich nachempfunden ist. HOF LILACH KREUZKAPELLE Am Waldesrand in Richtung Ilmspan findet man die von der Lilacher Familie Henneberger 1877/78 im neuromanischen Stil erbaute Kapelle zu Ehren des gekreuzigten Heilandes. Jahrzehntelang war sie an den Kreuzfesten von den umliegenden Ortschaften her Ziel vieler Wallfahrer. In den 1950er Jahren endete diese Tradition aufgrund von Auswüchsen bei den Feiern danach. Mittlerweile finden im Mai wieder Andachten dort statt.

UNTERWITTIGHAUSEN NEUMÜHLENKAPELLE Hinter den Wirtschaftsgebäuden der ehemaligen Neumühle steht außerhalb des Ortskerns in Richtung Bütthard die Neumühlenkapelle. Sie wurde nach dem Ende des Ersten Weltkrieges anlässlich eines Gelübdes erbaut, als ein Sohn der Familie glücklich aus dem Krieg heimgekehrt war.


UNTERWITTIGHAUSEN DORFMÜHLENKAPELLE In der Wittigostraße, oberhalb der Dorfmühle, haben die Vorfahren von Müllermeister Valentin Lurz eine Kapelle erbauen lassen. Ein genaues Entstehungsjahr ist nicht bekannt, jedoch dürfte dies anhand der Architekturdetails Ende des vorletzten Jahrhunderts gewesen sein. Im Zentrum des Innenraums befindet sich eine Marienstatue, dennoch ist die religiöse Widmung des Bauwerks unklar.

UNTERWITTIGHAUSEN WALDKAPELLE Die große Kapelle am Rande des Bergwaldes zwischen Bütthard und Vilchband bildet den Schlusspunkt des von der Familie Henneberger (Veidodl) im vorletzten Jahrhundert in Auftrag gegebenen Kreuzweges mit gusseisernen Stationstafeln. Das um 1840 erbaute Gebäude im Besitz der Pfarrgemeinde wurde mehrmals umfassend renoviert und wird seit vielen Jahren von der Familie Prax gepflegt.

VILCHBAND ALTE KAPELLE Neben der ehemaligen Gemeindewaage, am Rande des zentralen Dorfplatzes, steht die kleine Kapelle, welche die Vilchbander Familie Maag wahrscheinlich 1766 erbauen ließ. Im Inneren befinden sich neben einer großen Marienstatue wandhängende Kleinplastiken.

VILCHBAND NEUE KAPELLE Aufgrund der Neutrassierung der Ortsstraße in Richtung Unterwittighausen wurde die Kapelle im Jahr 1988 von der Gemeinde Wittighausen errichtet. Zuvor befand sich umweit des jetzigen Standortes eine kleine Grotte mit einer Lourdes-Madonna.

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WITTIGHÄUSER HEFTE 10

Bei der Erstellung dieser Broschüre wurde u. a. auf die nachfolgend aufgeführte Literatur zurückgegriffen:

November 2011 Herausgeber: Gemeinde Wittighausen Idee, Recherche und Gestaltung: Edgar Braun, Unterwittighausen und Höchberg office@grafik-braun.de Recherche und Texte: Elke Schuler, Oberwittighausen Fotografie: Jochen Schreiner, Würzburg, www.jochenschreiner.de; Edgar Braun (Außenaufnahmen, bis auf Seite 11) Mitarbeit: Berthold Dissinger, Vilchband; Karl Endres, Poppenhausen; Karin und Hans Lang, Unterwittighausen; Frank Lurz, Unterwittighausen; Adelheid Martin, Oberwittighausen; Ingrid Seubert, Oberwittighausen; Margot Väth, Würzburg

Franz J. Bendel, Würzburg „Die ältere Pfarrkirche von Unterwittighausen, ein Zentralbau“, 1986 aus der Zeitschrift Freiburger Diözesanarchiv, Verzeichnis der Registerverbände 28-104, Herder-Verlag, Freiburg Karl Endres / Roland Veith, Poppenhausen/ Tauberbischofsheim „Poppenhausen – Ein Bauerndorf im Gau“, 1987 Eigenverlag Johannes Mack, Happertshausen „Der Baumeister und Architekt Joseph Greissing – Mainfränkischer Barock vor Balthasar Neumann“, 2008 Gesellschaft für Fränkische Geschichte im Wissenschaftlichen Kommissionsverlag, Stegaurach Edwin Neckermann, Vilchband „1150 Jahre Vilchband 837 - 1987“ Eigenverlag Adolf von Oechelhaeuser (Herausgeber), Karlsruhe „Die Kunstdenkmäler des Großherzogtums Baden, Band IV, Kreis Mosbach, 1. Abteilung Amtsbezirk Wertheim, 2. Abteilung Amtsbezirk Tauberbischofsheim“, 1898, Freiburg, Leipzig, Tübingen Hans Reuther, Berlin „Balthasar Neumann – Der mainfränkische Barockbaumeister“, 1987 Verlag Süddeutsche Zeitung, München Ruth Vines, geborene Lang, Unterwittighausen „Sigismundkapelle in Oberwittighausen – eine kunstgeschichtliche Untersuchung“, 1990, Facharbeit aus dem Kunstunterricht am Matthias-Grünewald-Gymnasium in Würzburg

Wir danken den privaten Spendern für die Unterstützung beim Druck der Broschüre.


www.wittighausen.de

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Wittighäuser Hefte 10 - Kirchen  

Kurzdokumentation der vier Ortskirchen und der Sigismundkapelle in Oberwittighausen, Auflistung der kleinen Kapellen, Fotografien von Jochen...

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