Heimat-Lost And Found. Museum Krummes Haus_Buetzow

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H E I M AT

lost and found

Geschichten vom Weggehen, Ankommen und Hierbleiben



HEIMAT – lost and found



H E I M AT

lost and found

Geschichten vom Weggehen, Ankommen und Hierbleiben


Ein Projekt des Krummen Hauses, Museum der Stadt Bützow, in Kooperation mit dem PferdemarktQuartier e. V. Gefördert im Fonds Stadtgefährten der


IN HALT

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Grußwort

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Vorwort

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HEIMAT – lost and found

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Heimat vor Ort

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Heimat kann sein

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Mikrokosmos Heimat

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Verortung

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49 Plätze im Leben

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Vom Ankommen

147

Sprechen im Chor

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Lesen über Heimat

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Kurzbiografien

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Danksagung


WIE GEHT ES IHNEN, WENN SIE HEIMATLICHE GEFÜHLE HABEN?


GRUSS WORT

HASSAN SOILIHI MZÉ

Liebe Leserin, lieber Leser,

schen zuzugehen, ihnen zuzuhören, ihre Geschichten wahrzunehmen und einzufangen, ihre jeweils ganz eigene Geschichte zum Teil der Geschichte eines Ortes, einer Stadt werden zu lassen.

vermutlich ist es keine der Fragen, die Sie sofort und umfassend beschäftigt, sobald Sie morgens die Augen aufschlagen. Wohlmöglich aber doch eine, die Sie sich selbst schon mehr als nur einmal gestellt, eventuell mit Familie und Freunden diskutiert haben:

Um einen solchen Ansatz von Partizipation in der Museumsarbeit offensiv zu stärken, legte die Kulturstiftung des Bundes für die Jahre 2015 bis 2021 mit den „Stadtgefährten“ erstmals einen bundesweiten Fonds auf, der sich explizit an Stadtmuseen in Kommunen mit bis zu 250.000 Einwohnerinnen und Einwohnern richtet. Ziel dieses mit rund 6,5 Millionen Euro ausgestatteten Fonds ist es, orts- und regionalgeschichtlich arbeitende Museen im Rahmen zweijähriger Projektarbeit eine Experimentierfläche zu bieten, die es erlaubt, die eigene Sammlungs- und Ausstellungspraxis kritisch zu reflektieren, Netzwerkarbeit zu intensivieren und im Dialog mit neugewonnenen Partnern aktuelle gesellschaftliche Fragen aufzugreifen.

Was bedeutet Heimat? – Für mich. Für meine Nächsten. Für andere. Und plötzlich verästeln sich die Gedankengänge und führen in unerhörter Rasanz zu Folge- und Nachbarfragen: Was ist Heimatgefühl? Brauch‘ ich es zum Leben? Kann ich nur eine Heimat haben oder zwischen mehreren Heimaten wandeln? Kann ich Heimat besitzen? Kann sie verlorengehen? Und wenn ja, lässt sie sich wiederfinden? Oder anderswo neuentdecken?

Als Förderer freut es uns außerordentlich, dass zu den 38 bundesweit geförderten Projekten auch dasjenige Bützows gehört. Mit „HEIMAT – lost and found“ gelang es dem Krummen Haus in ungeheurer Dynamik, Bützowerinnen und Bützower zu einer ganz eigenen Entdeckungsfahrt in ihrer Stadt einzuladen; und dies nicht nur geschichtswissenschaftlich, sondern im besten Sinne lebhaft, spielerisch und künstlerischästhetisch. Die generationen- und gruppenübergreifenden Werkstätten, an denen u. a. der PferdemarktQuartier e. V., der Freizeittreff, der Jugendklub Domizil oder die Bützower

Stadtmuseen ermuntern Menschen, solchen und ähnlichen Fragen nachzuspüren. Sie inszenieren und arrangieren Geschichte, um zur Auseinandersetzung anzuregen – mit der eigenen Stadt, der eigenen Region, kurzum: dem eigenen Zuhause. Stadtmuseen von heute beschränken sich aber nicht allein darauf, zu präsentieren. Sie laden ihre Besucherinnen und Besucher ein, sich und ihre Geschichten mitzuteilen, andere daran teilhaben zu lassen, wissenschaftliche Recherche mit Erzähltem zu bereichern. Das schließt ein, offen auf Men7


Schulen beteiligt waren, mögen hierfür ein ebenso lebendiger Beleg sein wie die zahlreichen Stimmen des 1. Bützower Sprechchores, das Erzählcafé der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen oder die berührende Ausstellung zu Flucht, Vertreibung, Wiederkehr und neuem Ankommen.

Angekommen in Bützow ist indes auch das Projekt selbst mit all seiner Lust am Experiment und am Entdecken. Dies natürlich nur, weil Sie es gerne bei sich aufgenommen und vor allem mitexperimentiert haben. Und genau deswegen wird mit dem vorliegenden Katalog auch nur ein Abschnitt von „HEIMAT – lost and found“ zum Abschluss gelangen. Denn

23 PLÄTZE IM LEBEN. FAHNENRONDELL, SCHLOSSPLATZ, 08.08.-02.09.2020, 23 HISSFAHNEN (1,50 M x 0,9 M), 23 FAHNENMASTEN AUS ALUMINIUM (HÖHE: 6,20 M) Andrea Theis 8

HEIMAT – lost and found


dank Ihnen, Ihrem Interesse und Ihrer Neugier ist sichergestellt, dass Bützows spannende Geschichte, die Geschichte Ihrer Heimat weder verloren noch auserzählt ist.

Hassan Soilihi Mzé Stadtgefährten – Fonds für Stadtmuseen Kulturstiftung des Bundes

Viel Freude und einen stets offenen Blick bei der weiteren Spurensuche.

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WAS DENKEN SIE: WIE IST DAS, WENN MAN MEHRERE HEIMATEN HAT?


VOR WORT

SABINE PRESCHER

Das Krumme Haus ist für Bützow ein besonderer Ort. Ursprünglich ein Bestandteil der bischöflichen Burganlage, entwickelte sich das Krumme Haus zu einem Bildungs- und Kulturort, dem heute ein Spagat zwischen Historie und Tradition, Moderne und Zukunft abverlangt wird.

Diese und andere Fragen stelle ich mir als Leiterin des Museums und auch als Bützowerin. Sie beschäftigen mich in Bezug auf die Verantwortung und Aufgabe unseres Museums und animieren mich zu neuen Ideen. Bützow hat markante Entwicklungen erlebt und ist herausragend inmitten der zahlreichen Kleinstädte in MecklenburgVorpommern.

Als kulturelles Zentrum in Trägerschaft der Stadt Bützow vereint es das Museum, die Dokumentation zum politischen Missbrauch des Strafvollzugs und die Stadtbibliothek unter einem Dach.

Bützow als Bischofssitz, die Ansiedelung französischer Hugenotten, Bützow als Universitätsstandort, das Ankommen von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, der Aufbau des Sozialismus, Arbeitskollektive in VEB-Strukturen, dann der Zusammenbruch der DDR, die Unsicherheiten und der Wegfall von Existenzgrundlagen zur Wendezeit, Arbeitsmigration und vielerlei Zurückkehren in den 2000er Jahren – immer wieder: Heimatverlust, das Wiederfinden von Heimat und Anpassung von Heimat.

Aufgabe des Museums ist es, historische Objekte und Dokumente zu bewahren und zu zeigen, sowie die damit verbundenen Ereignisse einzuordnen und zu vermitteln. Ebenso gleichberechtigt jedoch muss gelebte Geschichte, müssen Erfahrungen und Erzählungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart, der Diskurs aktueller, gesellschaftspolitischer Themen und der gesellschaftliche Wandel – alles, was nicht als Objekt gesammelt werden kann – im Museum stattfinden können.

Mit der Förderzusage der Kulturstiftung des Bundes aus dem Fonds Stadtgefährten für das Projekt „HEIMAT – lost and found. Geschichten vom Weggehen, Ankommen und Hierbleiben“ ist uns die Möglichkeit gegeben worden, Neuland im Museum zu beschreiten. Eineinhalb Jahre lang forschte Andrea Theis zum Thema Heimat – mit hoher generationsübergreifender Beteiligung der Bützower*innen.

Welche Bedeutung hat ein Museum für die Stadtgesellschaft und welche Bedeutung hat die Stadtgesellschaft für ein Museum? Wie kann unser Museum in unserer Stadt von Bedeutung sein und bleiben? Wie können Themen, die bewegen, Platz im Museum finden? Welche Ansprüche werden jüngere Generationen an ein Museum haben und welche Aufgabe werden wir erfüllen müssen und wollen?

Was wir in der das Projekt abschließenden Ausstellung 11


FAHNENHISSEN ZU BEGINN DER ERÖFFNUNG DER AUSSTELLUNG HEIMAT IM MUSEUM, SCHLOSSPLATZ, 08.08.2020 Daniel Brügmann 12

HEIMAT – lost and found


HEIMAT IM MUSEUM sehen und was Sie, liebe Interessierte und Beteiligte, in diesem Katalog sehen, ist die Heimat der Bützower*innen. Andrea Theis gelang es, die Heimat des Einzelnen für andere sichtbar zu machen und diese Auseinandersetzung in unser Museum zu transportieren. Eine ganz persönliche Sicht, Rückblicke und Hoffnungen haben Kinder, Jugendliche und Erwachsene beigetragen – zu einem Projekt und der daraus resultierenden Ausstellung, die wie Andrea Theis bei der Vernissage so treffend sagte, „nur die Spitze des Eisbergs“ zeigt. Es liegt nun an uns, den Bützower*innen, weiterhin einen Raum zu ermöglichen, ihre Geschichte und ihre Geschichten vom Weggehen, Ankommen und Hierbleiben zu erzählen und für Andere sichtbar zu machen. Auch liegt es an uns, unserem Museum eine neue Bedeutung zu geben – indem die Bützower*innen ihre gelebte Geschichte wiederfinden, aber auch, dass im Museum ein Diskurs aktueller gesellschaftlicher Fragen stattfinden kann. Wenn die Kinder und Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren, Männer und Frauen, Zugezogene und Wiederkehrer aber auch die Hiergebliebenen erzählen, kann niemand ausgegrenzt werden – dann kann die gesamte Stadtgesellschaft im Museum stattfinden. Es ist wesentlich und ausschlaggebend, wer und wie Geschichte erzählt wird. So kann es gelingen, die Geschichte und Geschichten sichtbar zu machen – so kann urbane Geschichte im Museum stattfinden und identitätsstiftend wirken. Das begreifen wir als unsere jetzige und zukünftige Aufgabe im Auftrag der gesamten Stadtgesellschaft – im Auftrag aller Bützower*innen. Sabine Prescher Leiterin Krummes Haus Bützow Bibliothek, Museum, Dokumentationsstätte zum politischen Missbrauch des Strafvollzugs

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KÖNNTE ICH DIE GLEICHE ODER GAR DIESELBE HEIMAT WIE SIE HABEN?


HEIMAT – LOST AND FOUND

ANDREA THEIS

Das im Fonds Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes geförderte generationsübergreifende Projekt „HEIMAT – lost and found. Geschichten vom Weggehen, Ankommen und Hierbleiben“ ist am Krummen Haus, dem Museum der Stadt Bützow angesiedelt und kooperiert mit dem PferdemarktQuartier e. V. Es erlaubt dem Krummen Haus, mit zeitgenössischen künstlerischen Strategien zu experimentieren und sich in den öffentlichen Raum hinaus zu bewegen, zu den Bürger*innen hin und in die Stadtgesellschaft hinein, seinen Aktionsradius erweiternd. Das Projekt startete im Januar 2019. Mit Erscheinen dieser Publikation Ende September 2020 wird es zu Ende gehen. HEIMAT IM MUSEUM. AUSSTELLUNGSANSICHT, KRUMMES HAUS, 08.08.-25.09.2020 Andrea Theis

Unter Mitwirkung der Bützower*innen haben wir mit unterschiedlichen künstlerischen Aktionen, Workshops, Ausstellungen und Vorträgen die Bedeutung von Heimat für ein Individuum, die Bedingungen für das Sich-Beheimaten, insbesondere aber den Verlust und die Möglichkeiten der (Neu-) Gestaltung von Heimat vor dem Hintergrund der Bützower Geschichte künstlerisch beforscht. Historische Schwerpunkte bildeten hier die Erfahrungen von Heimatverlust durch Flucht und Vertreibung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Systemumbruchs um 1989/90 durch das Ende der DDR.

Der vorliegende Katalog zeigt nun eine Zusammenfassung dessen, was sich im Stadtgefährten-Projekt ereignet hat, was wir gesammelt haben und wie wir mit dem gesammelten Material für die Ausstellung HEIMAT IM MUSEUM künstlerisch etwas Neues geformt haben. Katalog und Ausstellung können hierbei nur einen begrenzten Einblick in die unzähligen Erlebnisse, Geschichten und Berichte geben.

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FAHNENWALD. 18 GESTALTETE STOCKFAHNEN, TONTÖPFE, BAUHOLZ, STAMPFLEHM Andrea Theis

Wir haben intensiv über das Weggehen, Ankommen und Hierbleiben nachgedacht, gesprochen und künstlerisch gearbeitet. Nach diesen 20 Monaten kann ich getrost sagen, dass es „die Heimat“ tatsächlich nicht gibt, dass es sich also um „Heimaten“ im Plural handeln muss. Auch wenn bestimmte Zuschreibungen wie „Heimat ist ein bestimmter Ort“ oder „ist da, wo Familie ist“ (Wahlverwandte und Freund*innen eingeschlossen) häufig genannt wurden.

len, sich nicht erklären zu müssen, akzeptiert zu werden, zu verstehen und verstanden zu werden. Sich-Beheimaten und Ankommen mag eine Art Beziehungsarbeit sein. Denn, so Susanne Scharnowski, das Schlüsselwort „Heimat“ beschreibt ein „fundamentales Verhältnis zwischen Mensch und Welt“.1

Heimat ist vielmehr ein persönliches als ein allgemeingültiges Konzept. Für die einen ist es ein Bedürfnis oder ein Menschenrecht, während es für die anderen eine Last oder gar ein Albtraum ist. Von manchen wird es gänzlich abgelehnt. Heimat ist ein dynamischer Begriff, denn der Bezug zu dem, was Heimat für ein Individuum sein kann, verändert sich beispielsweise in Abhängigkeit von Alter, Lebensphase, Erfahrung, Ortswechseln, Bedürfnissen und äußeren, auch gesellschaftlichen Einflüssen und Strukturen. Oft geht es um Verortung und Zugehörigkeit, aber auch um Sehnsucht. Heimisch zu werden, bedarf einer eigenen, aktiven Gestaltungsarbeit. Diese Anstrengung ist nicht immer erfolgreich, wie manch eine*r vielleicht selbst schmerzhaft erfahren hat. Das Heimisch-werden kann man nicht erzwingen. Es hängt nicht nur von einem selbst ab, anzukommen, sich zugehörig zu füh-

HEIMAT KANN SEIN. TABLEAU (PAPIER, 200 CM x 100 CM), RUNDER TISCH MIT WORTSTERN, ZWEI HOCKER, JEWEILS AUS BESCHICHTETER MDF, MASS GEMÄSS DER SITZGARNITUR VON HEIMAT VOR ORT, GLASPLATTE Andrea Theis

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HEIMAT – lost and found


Was ist das für ein Beziehungsgefüge? Was braucht es, um sich beheimatet zu fühlen, um seinen eigenen Platz in einer sehr komplexen Lebenswelt zu finden? Was bedeutet Heimat für einen Menschen? Wie geht man mit dem Verlust von Heimat um? Wie kann man Heimat für sich selbst und miteinander gestalten? Was denkt ein Kind, eine Jugendliche, ein Erwachsener, eine Seniorin aus Bützow über Heimat, was erwarten sie vom Platz im Leben, welche Erinnerungen oder Sehnsüchte verbinden sie mit dem Begriff Heimat, wie war das Ankommen in der Fremde nach Flucht und Vertreibung?

Am intensivsten habe ich selbst die Gespräche und Interviews mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erlebt, die – jetzt um die 80 Jahre alt – als Kind nach Flucht und Vertreibung aus Ost- und Südosteuropa nach Mecklenburg kamen. Mich hat beeindruckt, wie sie offen, kritisch, aber ohne Groll, mit Humor und mit Herz von den vielen Facetten der Jahre des Ankommens in der Fremde erzählt haben. Durch die von Brit Bellmann kuratierte Ausstellung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt. Kindheiten in Mecklenburg 1945-1952“, die wir von der Stiftung Mecklenburg übernommen und mit Leihgaben der Bützower Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie einer Vortragsreihe ergänzt haben, konnten wir einen wichtigen Beitrag leisten, das Thema auch in Bützow zum Gespräch zu machen. Der Redebedarf unter den alten Menschen ist jedenfalls hoch. Mit der künstlerischen Arbeit VOM ANKOMMEN2 finden ihre Erzählungen eine weitere poetische Würdigung.

Viele Bützower*innen haben sich im Rahmen von „HEIMAT – lost and found“ diesen Fragen gestellt. Sie haben erzählt und zugehört in den Erzählcafés im Krummen Haus, bei HEIMAT VOR ORT oder HEIMAT ZU GAST, wie beispielsweise zu Gast bei der Volkssolidarität, in der JVA Bützow oder beim Europatag und dem „Café Quatsch“ in der Käthe-Kollwitz-Schule. Sie haben Fotoserien entworfen sowie Fahnen gestaltet, die den Platz im Leben markieren und diese dann in der Ausstellung MIKROKOSMOS HEIMAT gezeigt. Sie haben ihre Erlebnisse durch Flucht und Vertreibung in Zeitzeugeninterviews erzählt und Leihgaben für die Ausstellung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt. Kindheiten in Mecklenburg 1945-1952“ zur Verfügung gestellt. Sie haben in Zeitzeugengesprächen vor Jugendlichen im Freizeittreff und am Konfirmandentag der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde über das Ankommen in der Fremde nach Flucht und Vertreibung gesprochen. Oder sie haben ein neues Hobby entdeckt, indem sie im 1. Bützower Sprechchor mitreden.

VOM ANKOMMEN. 14 BESTICKTE DAMENTASCHENTÜCHER Andrea Theis

Sie, die Leser*innen, sind nun eingeladen, all diese Vorstellungen und Darstellungen der Anderen über Heimat zu entdecken. „Denn die Heimat der ,Anderen‘ wird bis heute oft nicht mitgedacht“3, so der Jenaer Kulturwissenschaftler Friedemann Schmoll. Zu sehr sind wir in unserer eigenen Vorstellung von Heimat gefangen. Wird der Heimatbegriff politisch oder in Bezug auf die Nation oder Nationalität verwendet, schließt er viele Teilöffentlichkeiten, Gruppen, Lebensentwürfe und gesellschaftliche Konzepte aus. Friedemann Schmoll, so zitiert ihn Renate Zöller, kritisiert die kollektive Vergesslichkeit, nämlich dass sie die Erfahrung, die die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit Heimatlosigkeit gemacht haben, bei den anderen, den Geflüchteten der Jetztzeit, nicht erkennen und anerkennen wollen.4 „Der Flüchtling ist in Zeiten der Globalisierung eine universelle Gestalt, und er ist genau wie alle anderen Menschen darauf angewiesen, ein Zuhause zu

GESTALTETE TISCHFAHNEN, MODULREGAL AUS BESCHICHTETER MDF, TABLEAU MIT HISSFAHNEN (COLORFOTOGRAFIE, 90 CM x 150 CM) Andrea Theis

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finden, an dem er menschenwürdig leben kann“, schlussfolgert Renate Zöller.5 Mit unterschiedlichen künstlerischen Formaten haben wir die Heimatforschung in Bützow und mit den Bützower*innen ge-

die in die Stadtgesellschaft getragen werden, dort mitschwingen und moduliert wieder zurückgesendet, um gleich weiterverarbeitet zu werden. Die Aktionen und Veranstaltungen, die das Denken und den Diskurs anregen. Die Workshops, in denen etwas entworfen, auch verworfen und geformt wird, in

ZEITZEUGENGESPRÄCH MIT SANA, ELSA UND MUNA IM FREIZEITTREFF, 13.12.2019 Gisa Gierer

AUFTRITT DES 1. BÜTZOWER SPRECHCHORES AUF DEM MARKTPLATZ, 28.05.2019 Andrea Theis

meinsam betrieben. Den künstlerischen Formaten liegt eine sogenannte performative Ästhetik zugrunde, deren Eigenschaften wie beispielsweise Prozesshaftigkeit, Interaktion, Partizipation, Irritation oder das Hervorbringen von Unerwartetem es ermöglichen, im gemeinsamen Tun und Erleben Erkenntnisse mit allen Sinnen zu gewinnen. Es gilt, mit dieser künstlerischen Herangehensweise Möglichkeitsräume zu schaffen, in denen sich alle beteiligten Akteur*innen sicher fühlen, sich öffnen können, in einen Dialog miteinander treten, über sich hinauswachsen, vielleicht über ihren Schatten springen und – für eine bestimmte Zeit – eine intensive Beziehung miteinander eingehen.

denen das Denken mit den Händen vollzogen wird. Die Interventionen – wie HEIMAT VOR ORT – die irritieren, mit Skepsis betrachtet oder auch bisweilen abgelehnt werden. Künstlerische Forschung ist – wie jede Art der Forschung und Wissenschaft – eine Frage der Haltung. Auch Heimat ist letztlich eine Frage der Haltung – zu sich selbst und der Lebenswelt. Insbesondere in den Fahnen und Fotografien der jüngeren Generationen taucht öfter ein Gefühl oder ein Raum der Freiheit in Verbindung mit Heimat oder dem Platz im Leben auf. Das Element Wasser kann beispielsweise dieses Gefühl

Das dies möglich war, dafür möchten wir allen Beteiligten, Ihnen und Euch, herzlich danken! Es ist gelungen, durch die künstlerischen Aktionen, Workshops und Veranstaltungen eine große Bandbreite an Menschen zu erreichen: Menschen aus verschiedenen Generationen mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen, Themen, Interessen und Talenten. Der Prozess ist ebenso wichtig, hat den gleichen Stellenwert wie die Ausstellung HEIMAT IM MUSEUM zum Ende des Projektes im Krummen Haus. Auch diese stellt eine Zusammenfassung dar. Was „unterwegs“ passiert, ist Teil des reflexiven Erkenntnisprozesses und bringt ihn voran: Die Begegnungen, die Interaktionen, die Beziehungen, die sich aufbauen. Das Geflecht, das sich bildet. Die Themen und Fragestellungen,

HEIMAT VOR ORT. CARL-MOLTMANNSTRASSE, 03.07.2019 Luis Kröplin 18

HEIMAT – lost and found


WORTSTERN AUF DER TISCHDECKE, HEIMAT VOR ORT, 03.07.2019 Andrea Theis

der Freiheit hervorrufen. Das Schwimmen oder Tauchen im Meer, ein Zustand wie in Schwerelosigkeit6, sie stehen dafür. Mir scheint, es handelt sich dabei um ein Gefühl der inneren Freiheit, verbunden mit einem tiefen Vertrauen und einer großen Gelassenheit. Ein Gefühl, das einen Raum öffnet, in dem Vieles und bislang Ungedachtes möglich sein kann.

Und Heimat als Utopie ist eben dies, was uns in die Kindheit schien. Freiheit.“7

Schließen möchte ich mit einem Auszug aus „Der kritische Heimat-Abend“ von Georg Seeßlen und Markus Metz, aufgeführt am 27.06.2019 in der Akademie der Künste in Berlin.

ANMERKUNGEN

Andrea Theis Künstlerische Leiterin, „HEIMAT – lost and found. Geschichten vom Weggehen, Ankommen und Hierbleiben“

1 Scharnowski, Susanne: „Heimat. Geschichte eines Missverständnisses“. Darmstadt 2019, S. 12 2 Siehe: Kapitel „Vom Ankommen“, S. 129 ff

„Und so sind wir wieder am Ausgangspunkt angelangt, der absurden Aufgabe, gleichzeitig Wurzeln zu schlagen wie ein Baum und frei zu fliegen wie ein Vogel. Die Utopie der Kunst und die Kunst der Utopie zeigt sich dort, wo für einen Augenblick beides kein Widerspruch ist. Genau das steckt in jedem Kunstwerk: Der Vorschein der Utopie und das Glück einer Rückkehr. Das Kunstwerk ist die Ahnung des universalen Heimatbildes; Heimat des Menschen und Heimat der Menschlichkeit.

3 Zöller, Renate: „Heimat. Annäherung an ein Gefühl“. Bonn 2015, S. 25 4 Ebenda, S. 25 und 26 5 Ebenda, S. 26 6 Nathan Hägele über das Tauchen, als er über seine Fahne sprach. Siehe S. 112 7 Metz, Markus und Georg Seeßlen: „Der kritische Heimat-Abend“. Diskurs (für zwei Stimmen). Programmheft zur Aufführung am 27.06.2019, Akademie der Künste Berlin. Bundeszentrale für politische Bildung und Akademie der Künste Berlin, S. 39

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WÃœRDEN SIE IHRE HEIMAT MIT MIR TEILEN? UND WENN JA, UNTER WELCHEN BEDINGUNGEN?


HEIMAT VOR ORT

ANDREA THEIS

Künstlerische Heimatforschung mit einer Umfrage als Anlass zum Gespräch, durchgeführt von Andrea Theis und Sara Klapp.

vermissten oder die im Gespräch fielen, haben wir ergänzt. Die Gesprächspartner*innen waren eingeladen, fünf rote Spielfiguren auf die Begriffe und Beschreibungen zu setzen, die sie am stärksten mit „Heimat“ verbinden. Diese spielerische Umfrage erleichterte den Einstieg in ein Gespräch über das komplexe Thema „Heimat“ und verschaffte uns gleichzeitig einen Überblick über die Zuschreibungen und Eigenschaften von Heimat, die unsere Gesprächsgäste für wesentlich hielten. Viele Gäste waren bereit, im Gespräch den Hintergrund ihrer Wahl zu erläutern. Wichtige Fragen waren die nach einem erlebten Heimatverlust und den Erfahrungen des (Neu-) Gestaltens von Heimat.

An 15 Tagen im Laufe von fünf Monaten für jeweils vier bzw. fünf Stunden an fünf unterschiedlichen Orten im öffentlichen Raum von Bützow.

HEIMAT VOR ORT war eine Einladung zum Gespräch über Heimat am runden Tisch einer weiß-roten Sitzgarnitur im öffentlichen Raum von Bützow durchgeführt von Andrea Theis und Sara Klapp. Im Mai 2019 waren wir an vier Dienstagen auf dem Wochenmarkt, beim Seniorentag und dem Frühlingsfest des Krummen Hauses, im Juni in der Genossenschaftssiedlung Karl-Marx-Straße, im Juli in der Siedlung an der Carl-Moltmann-Straße und im September schließlich auf dem Pferdemarkt, einem Zentralplatz in der Innenstadt – jeweils drei Tage in Folge am selben Standort, damit man uns wiederfinden konnte.

Während der Gespräche haben wir ein Feldtagebuch geführt und darin das Erzählte protokolliert. Mit rund 90 Gästen im Alter von 7 bis 86 Jahren haben wir unterschiedlich lange, aber auffallend häufig sehr persönliche Gespräche geführt. Einen Einblick in das Nachdenken über Heimat gewährt das Kapitel „Heimat kann sein“.

Das wichtigste Utensil unserer Einrichtung war die Tischdecke, auf die ein Wortstern aufgebracht war, in dessen Mitte „Heimat kann sein“ geschrieben stand. Sternförmig um die Mitte herum waren Begriffe und Beschreibungen angeordnet, die mit Heimat verbunden werden können. Wir hatten die Sammlung aus der Literatur, aus Vorgesprächen und den eigenen Erfahrungen zusammengestellt. Der Stern wuchs im Laufe der Aktion. Worte und Umschreibungen, die die Gäste 21


HEIMAT VOR ORT. PFERDEMARKT, 04.09.2019 Katja Voß 22

HEIMAT – lost and found


HEIMAT VOR ORT. MARKTPLATZ, 21.05.2019 Andrea Theis

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HEIMAT VOR ORT. PFERDEMARKT, 05.09.2019 Andrea Theis

HEIMAT VOR ORT. KARL-MARX-STRASSE, 06.06.2019 Andrea Theis

FÜR DIE SECHS SCHULKINDER AM TISCH IST BEHEIMATET-SEIN EINDEUTIG MIT GUTEN MÖGLICHKEITEN FÜR FREIZEITAKTIVITÄTEN VERBUNDEN, PFERDEMARKT, 06.09.2019 Andrea Theis

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HEIMAT – lost and found


REGE DISKUSSION ÃœBER DEN HEIMATBEGRIFF, PFERDEMARKT, 06.09.2019 Andrea Theis

HEIMAT VOR ORT IN DER CARL-MOLTMANN-STRASSE, 03.07.2019 Andrea Theis

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HEIMAT VOR ORT AUF DEM WOCHENMARKT, 14.05.2019 Sara Klapp

HEIMAT VOR ORT. MARKTPLATZ, 14.05.2019 Andrea Theis

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HEIMAT – lost and found


MANCHMAL KAM NIEMAND, KARL-MARX-STRASSE, 06.06.2019 Andrea Theis

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HEIMAT VOR ORT. KARL-MARX-STRASSE, 07.06.2019 Monika Boddien 28

HEIMAT – lost and found


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HEIMAT VOR ORT. CARL-MOLTMANN-STRASSE, 04.07.2019 Luis Kröplin

HEIMAT VOR ORT. KARL-MARX-STRASSE, 07.06.2019 Andrea Theis

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HEIMAT – lost and found


HEIMAT VOR ORT. MARKTPLATZ, 21.05.2019 Andrea Theis

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SIND SIE SCHON EINMAL VON IHRER HEIMAT VERLASSEN WORDEN? WIE WAR DAS? WÜNSCHEN SIE SICH, DASS IHRE HEIMAT ZU IHNEN ZURÜCKKEHRT? WARUM ODER WARUM NICHT?


HEIMAT KANN SEIN

ANDREA THEIS

„Setzen Sie fünf Figuren auf die Begriffe oder Beschreibungen, die Sie am stärksten mit ,Heimat‘ verbinden!“ Das mehrseitige Tableau HEIMAT KANN SEIN gibt einen Einblick in die Gespräche, die wir während der Aktionen HEIMAT VOR ORT führten. Die Auswahl von Zitaten ist dem Feldtagebuch entnommen. Ihr Wortlaut wurde von den Gesprächspartner*innen für das Tableau autorisiert. Kombiniert werden die Zitate mit den Fotos, die am Ende eines jeden Tages HEIMAT VOR ORT das Resultat der Umfrage festgehalten haben. Die Auswahl der Zitate erfolgte nach zwei Kriterien: Die Auswahl soll eine möglichst große Bandbreite an Aspekten über das, was die Gesprächspartner*innen unter Heimat verstehen, den Facettenreichtum und die Komplexität der Bedeutung von Heimat für ein Individuum zeigen. Darüber hinaus sollen die Zitate einerseits sehr persönlich und authentisch, also keine Allgemeinplätze sein, gleichzeitig aber auch auf einer universellen Ebene funktionieren, so dass sich die Leser*innen darin ein Stück weit wiederfinden können. Manche Zitate stehen stellvertretend für mehrfach genannte, sinnverwandte Assoziationen. Auch die Gespräche, Interaktionen und Begegnungen, die hier nicht direkt wiedergegeben sind, haben die Zusammenschau mitgeformt. All diese Informationen und Eindrücke schwingen mit.

07.05.2019, 13 UHR, MARKTPLATZ

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Als ich damals in den 80er Jahren nach Bützow kam, hieß es: „Das sind Zugezogene.“ Die Bützower waren was Besseres. An Karten für den Feuerwehrball kam man nur durch Beziehungen ran!

Jetzt bin ich angekommen, jetzt bin ich alt! Die letzten zehn, elf Jahre, das waren eben die Jahre, die mich aufgebaut haben. Das hängt vor allem mit der Filmerei zusammen. T., w, Anfang 80

F., w, Ende 50

14.05.2019, 13 UHR, MARKTPLATZ

21.05.2019, 13 UHR, MARKTPLATZ

Das Wort „lecker“ gab es in der DDR nicht. Das Wort „lecker“ ist in den letzten zehn Jahren eingeschleppt worden. Das stört mich, weil nur noch dieses eine Wort verwendet wird. Früher gab es mehr Worte und Varianten. Die Sprache ist abgeflacht.

Kirche ist für mich Heimat. Aber eben nicht mehr die Kirche meiner alten Heimat, der Herkunftsheimat, die sehr pietistisch geprägt ist. Eine wichtige Phase in meinem Leben begann mit dem Umzug in den Norden. Hier konnte ich mich vom Pietismus, von der Mentalität, von der unsinnlichen Lebenseinstellung, von der immerwährenden Zweckmäßigkeit in allem emanzipieren. Ich habe mich davon befreit, aber dann gemerkt, dass mir der große Rahmen fehlt: Das Eingebundensein in die Gemeinschaft, das mir Geborgenheit gegeben hatte, das Verstehen-und-Verstanden-werden. Das alles war weg.

F., w, Ende 50

G., m, Ende 40

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HEIMAT – lost and found


Heimat heißt, dass man an diesem Ort etwas bewegen kann, dass man hier seinen Lebensmittelpunkt hat und für andere Menschen da ist.

Zuhause ist Zuhause. Mein Bett ist mein Bett. Mein Bett ist kuschelig. Es bietet Geborgenheit. Man schläft am liebsten im eigenen Bett. H., w, Ende 70

H., w, Mitte 60

28.05.2019, 13 UHR MARKTPLATZ

06.06.2019, 17.30 UHR, KARL-MARX-STRASSE

Wie soll man das definieren: heimatliche Gefühle? Ich orientiere mich daran, wo ich bin, nach meinem Umfeld. Heimat – das muss nicht sein. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich woanders hinziehe, wenn es sich ergäbe, wie zu meinem Enkel nach Frankreich. Wo ich mich Zuhause fühle, ist entscheidend. Das ist das direkte Umfeld: Die Wohnung, die Menschen, mit denen ich in Verbindung stehe, ein Verein oder hier meine Nachbarn im Haus, eine Familie. Wir helfen uns und feiern zusammen die Geburtstage. Sie haben meinen Wohnungsschlüssel. Wenn ich bis 11 Uhr die Zeitung nicht bei ihnen eingeworfen habe, kommen sie gucken, ob ich noch lebe.

Ich weiß nicht, was meine Heimat ist. Ich weiß, wo mein Zuhause ist: Bei meiner Mutter. Ich brauche die Nähe, die Herzlichkeit und die Liebe. Vielleicht ist das Zuhause dort, wo du in der Gegenwart lebst. Und die Heimat, das sind die Wurzeln. A., w, Mitte 20

C., m, Mitte 80 35


Eine prägende Erfahrung – da denke ich an was Vergangenes. Ich denke an das Haus meiner Großeltern, so was ganz Heimeliges. Wie es klingt, wie der Garten riecht, an Menschen, die mir wichtig waren. J., w, Mitte 30

Heimat ist für mich gleichzeitig Erinnerungsund Sehnsuchtsort. Das sind irgendwie Gegensätze. Aber es ist nichts Reales. Ja, Heimat als Utopie. Aber auf jeden Fall nicht Bützow.

14.06.2019, 14 UHR, SENIORENTAG, KRUMMES HAUS

J., m, Mitte 30

Ich bin im Erzgebirge aufgewachsen und durch meinen Beruf nach Bützow gekommen. Wenn ich an die Ostsee fahre, dann geht mein Herz auf. Die Ostsee hält mich hier. Aber mein Erzgebirge fehlt mir doch. Dort findet man eine andere Mentalität als hier: Herzlicher, offener. Ich spreche von meiner Kindheit. Wie es heute ist, kann ich nicht sagen. Dorthin zurückziehen würde ich nicht, denn mein Mann und auch mein Sohn sind hier beerdigt.

Das Grundstück und das Haus, das ist ein Schatz, der uns dort hält und uns alle verbindet, jetzt wo Papa tot ist! Es ist Erinnerungsort, Sehnsuchtsort und der Hafen. Freiheit? Ja, das ist es auch irgendwie. Ich kenne das aus meinem Freundeskreis wenig, dass sie diese Art von Freiheit genießen können. Aber ich glaube, dass es für mich auch eine Last ist, den Standard nicht runterschrauben zu können.

G., w, Mitte 70

A., w, Mitte 20 Mit 18 bin ich weg aus Bützow und viele Jahre „umhergestreunt“. Aber Bützow war immer meine Heimat. Hier habe ich so die prägenden Jahre von 10 bis 18 erlebt, wo man alles mitmacht. Heute ist Bützow sowieso meine Heimat, weil wir hier unsere Kinder großziehen und meine Mutter noch lebt. D., w, Anfang 40

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HEIMAT – lost and found


Wenn man wegen des Berufes neu in einen Ort kommt, soll man nicht gegen die Heimat der anderen anreden! Eine gewisse Art der Konfrontation gehört auch dazu, aber die Dosis ist entscheidend. J., m, Ende 30

Was ich am Norden schätze, ist die mecklenburgische Gelassenheit, die so viel Ruhe ausstrahlt. Arbeit ist hier nicht Lebenszweck. 03.07.2019, 17.30 UHR, CARL-MOLTMANN-STRASSE

G., m, Ende 40

Wir sind nicht so typische Kleinstädter. Für viele in Kleinstädten ist die Welt schwarz und weiß, für uns ist sie aber bunt. Wir gucken über den Tellerrand. Und wir lassen uns nicht den Zwang aufstülpen. Man muss auch mal ausbrechen. Ja, es ist anstrengend, wenn man sich erklären muss. Es gehört für mich zum Leben in der Kleinstadt dazu. Bützow ist trotzdem meine Heimat.

Ein Zusammengehörigkeitsgefühl kenne ich nicht. Ich sehne mich danach, aber es wird oft zerstört von den eigenen Familienmitgliedern, die ich nicht verstehe. Ich habe mit meinen Geschwistern keinen Kontakt mehr, und meine Tochter habe ich schon viele Jahre nicht mehr gesehen. Manchmal ist man so verzweifelt, dass man gar nicht rausgehen will, auch nicht mit dem kleinen Sohn auf den Spielplatz. Ich kann mit dem Wort Heimat nichts anfangen.

D., w, Anfang 40

A., w, Ende 40 Unten an der Warnow, direkt am Wasser, stand ein großer Flieder. Das war richtig schön dort, sogar mit Sandboden. Darunter wuchsen die schönsten Tulpen, was keiner wusste. Ich war oft an der Stelle als Kind. Erstmal bin ich geschwommen, und dann habe ich unter dem Flieder gesessen und geschmökert. Da hat mich keiner gefunden. Das war mein Platz. H., w, Ende 70

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Heimat als Sehnsuchtsort. So einen, den es vielleicht nicht gibt. Wonach man sich immer sehnt, den man nicht genau beschreiben kann, der mehr so ein Gefühl ist. J., w, Mitte 30

Ich denke dabei an etwas Vergangenes. Das sind bestimmte Ereignisse und Bilder: Die Schaukel mit den langen Seilen, die mein Vater mir angebracht hatte, die Koppeln mit den Schafen, die Tröge, die die Brüder füllen, die Ziehbrunnen auf dem Hof im Memelland. Das habe ich alles noch genau vor Augen. Das ist eingebrannt. Ich erinnere mich zurück, aber ich trauere dem nicht nach. Die Erinnerungen sind nicht mit Schmerz verbunden, es sind schöne Erinnerungen. C., m, Mitte 80

07.06.2019, 17.30 UHR, KARL-MARX-STRASSE

Ich bin echter Bützower. Ich habe nur in Bützow gelebt. Heimweh im Urlaub, das kenne ich nicht. Aber ich freue mich auf Zuhause, jedes Mal, wenn ich wieder zurück nach Bützow komme. Ich freue mich, wenn ich den Kirchturm sehe! H., w, Mitte 60

04.07.2019, 17.30 UHR, CARL-MOLTMANN-STRASSE

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Wenn man schon mal da ist, dann muss man sich auch dafür engagieren und sich eine Heimat schaffen. F., m, Mitte 70

Die Gegenwart verstehen und selbst verstanden werden, das ist sehr wichtig. Denn das, was ist, muss ich annehmen. Ich kann mich nicht hinstellen und jammern. Ich muss in der Gegenwart leben. Ich muss mit dem auskommen, was jetzt da ist und versuchen, das Beste draus zu machen. Heimat verändert sich. Ich kann das nicht festschreiben, so dass alles so bleibt. Man muss das Alte nicht abschreiben und verteufeln. Man sollte das Gute behalten. C., m, Mitte 80 05.07.2019, 17.30 UHR, CARL-MOLTMANN-STRASSE

Vordergründig denkt man: Bützow ist ja meine Heimat. Und dann sieht man hier: Das steht gar nicht auf der Tischdecke. Man fängt an zu überlegen, denkt über die erste Antwort hinaus und entdeckt dabei: Ich fühle mich verbunden mit den Leuten, die hier „gegen den rutschenden Hang kämpfen“. Wir müssen immer pflanzen, pflanzen, pflanzen! G., m, Ende 40

04.09.2019, 18 UHR, PFERDEMARKT

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Meine Heimat, das ist „Jetzt und Hier“! Ich habe gute Kindheitserinnerungen. Die sind durch die Besuche in Ostpreußen auch aufgefrischt worden. Hier in Bützow habe ich mir meine Existenz aufgebaut. Hier lebe ich seit 1945, hier bin ich groß geworden. Also, ick bünn nu bienah een echten Meckelbörger. E., m, Mitte 80

Wir sind 1945 hier bei einem Bauern untergekommen. Meine Mutter kam ja aus der Landwirtschaft. Wir hatten eine kleine Wirtschaft in Ostpreußen gehabt. Sie kannte die landwirtschaftliche Arbeit, unter anderem das Garbenbinden. Der Bauer hier wollte ihr das Binden erst einmal erklären und fragte dann: „Verstehen sie das auch?“ Das hat genug ausgesagt. Die haben uns nicht als Vollwertige anerkannt. Man musste denen das erst vormachen, zeigen, dass man das kann. Dann hat er es akzeptiert. Aber wir brauchten nicht zu hungern. Das war so vereinbart: Wir haben die Lebensmittelkarten abgegeben. Gegessen haben wir dann mit der Bauersfamilie zusammen. Das gab es auch nicht oft.

05.09.2019, 18 UHR, PFERDEMARKT

E., m, Mitte 80

Eine hohe Lebensqualität hat mit Entfaltungsmöglichkeiten zu tun. Leben kann sich da am gewinnbringendsten entfalten, wo es die besten Möglichkeiten für ein Individuum gibt. Das wiederum hat immer mit der Haltung zu tun. Ein Mönch beispielsweise braucht vielleicht keine Einflüsse von außen, ihm genügt das kontemplative Sitzen in einer gekalkten Kammer. G., m, Ende 40

Heimat ist da, wo das Herz aufhört zu weinen. A., m, Anfang 30

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Heimat, das ist mehr als der Ort. Ich bin auch ein Mensch, der Geselligkeit sucht. Ich bin im Nordlicht-Fotoclub. Wenn wir einmal im Jahr zum Workshop-Wochenende mit anderen Clubs zusammenkommen, treffe ich so viele Menschen. Da kann ich Kraft schöpfen. E., m, Mitte 80

Was nach der Wende verloren gegangen ist, das mache ich an der Veränderung im Sportverein fest. Das, woran wir 50 Jahre festgehalten haben hier als Norddeutsche mit Kanuslalom, Wildwasser und so weiter, ist nicht mehr möglich. Den Grund sehe ich in den ungleichen Verhältnissen der Jugendlichen. Die einen geben unglaublich viel Geld aus für das beste Equipment, die anderen können sich das nicht leisten, aber alle sind in derselben Trainingsgruppe. Da habe ich gesagt: Schluss. F., m, Mitte 70

06.09.2019, 18 UHR, PFERDEMARKT

Nach der Wende haben wir vier Jahre in Bayern gelebt. Wir waren neugierig und wollten viele Dinge sehen und erleben. Ein Grund war auch die Arbeit. Dann haben uns aber doch die Kinder gefehlt, die im Norden lebten, also sind wir für zehn Jahre nach Hamburg gezogen. Als mein Mann dann in Rente ging, wollten wir wieder in die Heimat, in die Nähe unserer Freunde und der Mutter. So sind wir nach Bützow zurückgekehrt. A., w, Anfang 60

Was nach der Wende richtig verloren gegangen ist, ist der Zusammenhalt. R., m, Anfang 60

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WIE BEZEICHNET MAN DIEJENIGEN, DIE EINE HEIMAT HABEN?


MIKRO KOSMOS HEIMAT

ANDREA THEIS ELISABETH ZINK

Von April bis Juni 2019 war HEIMAT ZU GAST bei der Foto-AG der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen in Bützow. Medienpädagogin Elisabeth Zink hat mit den teilnehmenden Schülerinnen die Frage nach dem Platz im Leben fotografisch erarbeitet. Jede der Schülerinnen hat sich dem für sie wichtigsten Aspekt des Beheimatet-Seins gewidmet. Elisabeth Zink schreibt über die Arbeiten: „Selina Langberg zeigt mit ihrer Fotozusammenstellung, wie wichtig ihr Kindheitserinnerungen sind, während Paula Quade sich frei und entspannt in der Bewegung fühlt. Emily Krüger empfindet ihre besten Freunde als Ort des Rückzuges und Vertrauens, währenddessen für Leonie Koch Tiere die größte Geborgenheit und Zuverlässigkeit ausstrahlen. Den Blick für die kleinen und unscheinbaren Dinge in der Natur machen Larissa Kallenbach glücklich und zeigen ihr, wo ihre Heimat und ihr Zuhause ist.“

DISKUSSION ÜBER DIE BILDAUSWAHL BEIM AUSSTELLUNGSAUFBAU Andrea Theis

Fünf eigenständige Fotoserien sind entstanden, die – kombiniert mit den Fahnen der Schülerinnen der Käthe-KollwitzSchule zum gleichen Thema – in der Ausstellung MIKROKOSMOS HEIMAT im Rathaus Bützow von Juni bis August 2019 gezeigt wurden.

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BEWEGTES GLÜCK Bewegung ist Heimat für mich, weil ich mich bei Stress damit abreagieren kann. Wenn ich dabei draußen bin, kann ich Freunde treffen und neue kennenlernen. Dadurch lerne ich auch neue Orte kennen. Paula Quade, *2006

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FAMILIENERINNERUNGEN Mir bedeutet Familie viel, weil man auch in schwierigen Situationen zusammenhalten muss. Den Teddybär habe ich von meinem Vater geschenkt bekommen, weil ich Schmerzen hatte. Alle anderen Gegenstände sind ein Geschenk von meiner Mama, und sie bedeuten mir viel. Selina Langberg, *2004

FAMILIEN

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ERINNERUNGEN

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FREUNDE DES LEBENS Bei meinen Freunden kann ich so sein, wie ich bin und muss mich nicht verstellen. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Ihnen kann ich vertrauen, und wenn ich Hilfe brauche, unterstützen sie mich. Emily Krüger, *2006

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TIERFREUNDSCHAFT Ich gehe gerne in meiner Freizeit zu diesem Ort und fĂźttere, streichle und spiele mit den Tieren. Wenn ich mit den Tieren zusammen bin, gibt es mir Freiheit. Mein Wunsch ist es, dass ich immer mit den Tieren zusammen bin. Leonie Koch, *2006

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NATUR ERLEBEN Im Leben ist alles, was wir sehen, fühlen, riechen und auch schmecken ein Erlebnis und ein Glücksgefühl. Wenn ich in der Natur bin, fühle ich mich frei. In der Natur ist alles bunt. Ich mag es, wenn die Vögel zwitschern, und ich mag den Geruch der Natur. Larissa Kallenbach, *2006

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GLAUBEN SIE, SIE HABEN IN IHRER ALTEN HEIMAT – DER HEIMAT IHRER KINDHEIT – DIE MÖGLICHKEIT, NOCH EINMAL JEMAND GANZ ANDERES ZU SEIN?


VER ORTUNG

ANDREA THEIS

Die Vexillologie – die Lehre vom Fahnen- und Flaggenwesen – beschreibt eine Flagge als ein Massenprodukt aus bedrucktem Stoff. Eine Fahne dagegen ist immer ein Einzelstück – und daher ein Original – aus einem mit Symbolen und Schriftzügen gestalteten Stück Tuch. Dieses Unikat kann sehr aufwendig gefertigt sein, beispielsweise mit Nähereien oder Stickereien. Oft wird eine Fahne sorgsam verwahrt, geschützt durch eine transparente Hülle. Eine Fahne repräsentiert eine Gemeinschaft, wie einen Verein oder eine Zunft.1

52 Teilnehmer*innen im Alter von 6 bis 71 Jahren haben in fünf Workshops unter der Leitung von Andrea Theis, KarlMichael Constien und Sara Klapp ihre individuellen Papier-, Tisch-, Stock- und Hissfahnen gestaltet. Die Workshops fanden in Kooperation mit der Käthe-Kollwitz-Schule, dem Freizeitreff, dem Jugendclub Domizil, dem Kultursalon des Projektpartners PferdemarktQuartier e. V. und der Volkssolidarität statt. Nach einer kleinen Einführung in die Vexillologie reflektierten die Teilnehmenden miteinander über ihren persönlichen Platz im Leben. Wie bei HEIMAT VOR ORT war auch hier der Wortstern mit dem Zentrum „Heimat kann sein“ ein Katalysator für die Diskussion. Der Entwurfsphase folgte die Bearbeitung der Fahnenrohlinge mit Acrylmalfarben, Filzstiften, Aquarellstiften oder Acrylsprühfarben. 23 Hissfahnen, 18 Stockfahnen, 10 Tischfahnen und viele Papierfahnen sind gestaltet worden. Bis auf die Letztgenannten werden im nachfolgenden Kapitel „49 Plätze im Leben“ alle entstandenen Fahnen dokumentiert.

Eine Nationalflagge ist das Hoheitszeichen eines Nationalstaates, das Symbol staatlicher Souveränität, das Symbol von Herrschaft und Macht. Fahnen und Flaggen dienen der Repräsentation, der Erkennung (wie bei Schiffsflaggen) oder der Markierung von eingenommenem Territorium. Man denke nur an die erste Mondlandung, die Eroberung der Pole und die Erstürmung eines Gipfels. Fahne oder Flagge werden in den Boden gerammt und der Ort für die Gruppe reklamiert. „Gestalte eine Fahne, die Deinen Platz im Leben markiert“ lautete die sperrige Einladung zum künstlerischen Gegenentwurf. Es handelt sich zwar auch hier um eine Fahne als Symbol der Identifikation.2 Aber anders als beispielsweise beim Einsatz von Flaggen im Sport geht es um die ganz persönliche Identität und Verortung, um den Platz im Leben, an dem sich ein Individuum beheimatet fühlt. Was gehört dazu? Wie sieht er aus? Wo liegt er? Ist es überhaupt ein Platz?

Auch in der Ausstellung HEIMAT IM MUSEUM wurden die Fahnen ausnahmslos präsentiert: An Fahnenmasten, gruppiert in einem großen Fahnenrondell bestehend aus zwei Halbkreisen auf dem Schlossplatz vor dem Krummen Haus, wehten die Hissfahnen im Wind (siehe Abbildung auf Seite 8/9). Dies ist übrigens ein Bruch mit den Gepflogenheiten, denn nur Flag-

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gen werden an Masten gehisst, während Fahnen normalerweise an einem Stock befestigt sind. In den Ausstellungsräumen fanden die Besucher*innen die Sammlung von Tischfahnen in einem Regal präsentiert, während die Stockfahnen einen „Wald“ bildeten (siehe Abbildungen auf den Seiten 15 bis 17). ANMERKUNGEN 1 Siehe: flaggenkunde.de; https://de.wikipedia.org; Crampton, William: „Fahnen und Flaggen“. Hildesheim 1990 2 Häberle, Peter: „Nationalflaggen: Bürgerdemokratische Identitätselemente und internationale Erkennungssymbole“. Berlin 2008

FAHNENHISSEN ZUM ABSCHLUSS DES FAHNENWORKSHOPS IM FREIZEITTREFF, KRUMMES HAUS, 10.07.2019 Sara Klapp 68

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ULRIKE OHNE ANGST VOR DER WEISSEN FLÄCHE, FREIZEITTREFF Andrea Theis

ULRIKE BEGINNT MIT EINEM SELBSTPORTRAIT, FREIZEITTREFF Andrea Theis

ULRIKE SPRÜHT ZUM ERSTEN MAL, FREIZEITTREFF Andrea Theis

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ZUM ABSCHLUSS HISST ULRIKE MIT DEN ANDEREN IHRE FAHNE, KRUMMES HAUS Sara Klapp 71


BEREIT ZUM SPRAYEN, FREIZEITTREFF Andrea Theis

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FAHNENWORKSHOP IM FREIZEITTREFF, 08.-10.07.2019 Gisa Gierer

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KEVIN, FREIZEITTREFF Andrea Theis 74

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LUIS UND MAXIM, FREIZEITTREFF Andrea Theis

SHAHED, FREIZEITTREFF Andrea Theis

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EINE FAHNE FÜR DIE TAGESGRUPPE DER VOLKSSOLIDARITÄT WIRD GESPRÜHT, FREIZEITTREFF Andrea Theis

FAHNENHISSEN AM TISCH, VANESSA UND NELE, FREIZEITTREFF Andrea Theis

DISKUSSION ÜBER DEN PLATZ IM LEBEN, JUGENDCLUB DOMIZIL, 16.08.2019 Andrea Theis

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FABIAN, FAHNENWORKSHOP IM JUGENDCLUB DOMIZIL, 16.-17.08.2019 Andrea Theis 77


FRANZI SPRÜHT MIT LISAS HILFE DEN ANKER, JUGENDCLUB DOMIZIL Andrea Theis

DER SPANNENDE MOMENT BEIM ABNEHMEN DER SCHABLONE, FRANZI UND ERIK, JUGENDCLUB DOMIZIL Andrea Theis

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ISA, JUGENDCLUB DOMIZIL Andrea Theis

ISA UND LISA, JUGENDCLUB DOMIZIL Andrea Theis

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WEISS ODER SCHWARZ? BERATUNG ÜBER DIE WAHL DER HINTERGRUNDFARBE, JUGENDCLUB DOMIZIL Andrea Theis

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MAIKE, JUGENDCLUB DOMIZIL Andrea Theis

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FAHNENWORKSHOP IM KULTURSALON DES PFERDEMARKTQUARTIER E. V., 31.08.-01.09.2019 Andrea Theis 82

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LARISSA UND KARL BESPRECHEN DIE GRÖSSE EINER KREISFORM, KULTURSALON Andrea Theis

CHARLOTTE HISST MIT KÄTE IHRE TISCHFAHNE, KULTURSALON Andrea Theis

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ENIS SCHABLONIERT SEIN FAHNENMOTIV, KULTURSALON Andrea Theis

LARISSA ÜBERTRÄGT DEN ENTWURF AUF DIE FAHNE, KULTURSALON Andrea Theis

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„DIE FARBEN MECKLENBURGS“ IST EIN GEMEINSCHAFTSWERK, KULTURSALON Andrea Theis

KARL ERKLÄRT NATHAN UND ENIS, WIE MAN STERNE ZEICHNET, KULTURSALON Andrea Theis

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NATHAN ARBEITET AN SEINER FAHNE, KULTURSALON Andrea Theis

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KUNO PORTRAITIERT SEINE COUSINEN UND COUSINS, KULTURSALON Andrea Theis

KONZENTRATION IM KREATIVEN CHAOS, KULTURSALON Andrea Theis

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REGENBOGENMENSCHEN, CHARLOTTE UND KARL, KULTURSALON Andrea Theis 89


FAHNENWORKSHOP BEI DER VOLKSSOLIDARITÄT, 12.03.2020 Andrea Theis 90

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LAURENA, VOLKSSOLIDARITÄT Andrea Theis

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LAURENA SCHWENKT DIE FERTIGE FAHNE, VOLKSSOLIDARITÄT Andrea Theis

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KANN MAN SICH IN DER GEWOHNTEN HEIMAT NEU ERFINDEN?


49 PLÄTZE IM LEBEN

ANDREA THEIS

„Gestalte eine Fahne, die Deinen Platz im Leben markiert!“

2. Der Verlust der Heimat, des Zuhauses oder des gewohnten Lebensumfeldes. 3. Asiatische Denkweisen und Philosophien, die Lebenskraft geben. 4. Das flüchtige Erleben, sich frei zu fühlen. 5. Der Planet Erde und das Universum werden als Heimat ge dacht. 6. In Appellen mahnen insbesondere die jüngeren Generatio nen Frieden und Gerechtigkeit, den Umwelt- und Klima schutz sowie die Akzeptanz gegenüber anders Denkenden und anders Lebenden an.

Die 23 Hissfahnen im Format 90 cm x 150 cm, 18 Stockfahnen (30 cm x 45 cm), 10 Tischfahnen (15,5 cm x 25,5 cm, Höhe des Halters: 45 cm), die in den Fahnenworkshops von den Teilnehmer*innen zum Thema „Mein Platz im Leben“ gestaltet wurden, werden auf den folgenden Seiten dokumentiert.1 Jeder Fahne ist ein kurzer erläuternder Text der Gestalter*innen beigefügt. Die Reihenfolge der Abbildungen erfolgt nach grafischen Gesichtspunkten. Allen Fahnen gebührt Wertschätzung, denn sie sind Ausdruck sehr persönlicher Ideen, Wünsche und Empfindungen. Dass wir die Fahnen in Katalog und Ausstellung zeigen dürfen, ist ein Geschenk!

Die facettenreichen Fahnen sind individuelle Zeugnisse darüber, was insbesondere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene beschäftigt, was für sie gegenwärtig essentiell ist, um „im Leben anzukommen“ und es zu meistern.

Sechs große Themenbereiche, die essentiell, prägend oder leitend sind, lassen sich in den Fahnenmotiven ausmachen. Auch die Fotoserien im Kapitel „Mikrokosmos Heimat“ können diesen Themen zugeordnet werden:

ANMERKUNGEN 1 Fotografische Dokumentation: Andrea Theis

1. Familie, Wahlverwandte, Freunde, Liebe und das ganz kon krete Zuhause. Sie finden am häufigsten Ausdruck in der Gestaltung. 95


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Die Blumen mit vielen einzelnen Blütenblättern symbolisieren Schönheit und Vielfalt. Mein Leben ist bunt und vielfältig. Das gilt sowohl für meine Arbeit mit den Kindern in der Tagesgruppe wie auch für mein Privatleben.

Das Leben mit Einhörnern ist bunter! Sie machen mir gute Laune. Ich finde es toll, dass sie zaubern und auf einem Regenbogen laufen können. Sie haben magische Kräfte. Ich würde auch gerne zaubern können.

Von meinem Bett aus kann ich den Sternenhimmel beobachten. Ich träume dann. Und ich denke an meinen Opa. Er ist gestorben. Er ist jetzt ein Stern. Shahed Al Ahmad, *2012

Kathrin Jacobs, *1970

Leonie Neumann, *2012

Ich mag mein Blumenfeld im Garten. So eine Wiese kann man nicht planen. Ich mag das Wilde. Es kommt immer irgendwo wieder was Neues. Es ist so ein schönes Gefühl und so beruhigend, angekommen zu sein hier in unserem Haus, in Bützow. Das liegt an der Familie, an den Freunden, an der ganzen Konstellation. Ich vermisse nichts. Das heißt nicht, dass es in Berlin, als wir dort lebten, nicht schön war. Aber dort war ich innerlich immer unruhig. Karolin Krüger, *1981 97


Ich hatte einen Vogel; er war gelb. Deshalb habe ich die Farbe Gelb gewählt. Und die Farbe Rot habe ich gewählt, weil ich meine ganze Familie liebe. Blau waren die Wände meines Zimmers. Grün habe ich gewählt, weil ich einen Plüschfrosch hatte. Ich habe ihn sehr geliebt, als ich klein war. Damals hatte ich auch einen Fisch; er war orange.

Das ist das Dortmund-Haus, in dem das Kinderjugendheim, der Freizeittreff und die Schule drinstecken. Ich habe es in den Farben meines Lieblingsfußballvereins gemalt: Borussia Dortmund. Mit Rot habe ich die Heißwasserrohre und die Regenabflussrohre gemalt. Sie sind aus Kupfer. Kevin Keßler, *2001

Mein Platz im Leben ist da, wo meine Familie ist und meine Freunde sind. Wir haben uns alle lieb. Mir ist es wichtig, dass man in der Familie zusammenhält und dass man vor den Eltern Respekt hat. Auf der Fahne sind meine Mutter, ihr Lebensgefährte und meine Geschwister abgebildet. Die blaue Figur bin ich selbst, ich bin die Zweitälteste. Meine älteste Schwester ist ganz wichtig für mich.

Sana Haj Youssef, *2004 Laurena Ermler, *2008

Frieden und Freiheit wünsche ich mir, vor allem für meine Heimat Syrien. Da gehöre ich hin. Syrien ist so zerstört. Die Herzen stehen natürlich für die Liebe. Es ist egal, ob jemand schwarz oder weiß ist, ob jemand Ausländer oder Deutscher ist. Ibtessam Al Ahmad, *2009 98

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Das Schiff ist ein Piratenschiff und in den bunten Farben sind lauter Sachen versteckt: ein Goldbarren, eine große Perle, ein Diamant. Ich mag alles an Piraten, vor allem weil gekämpft wird. Zum letzten Fasching bin ich als Pirat gegangen.

Ich habe dieses Motiv ausgewählt, weil ich schon oft schief angeguckt wurde. Aber niemand sollte verurteilt werden, nur weil er oder sie jemanden gleichen Geschlechts liebt. Wichtig ist doch, dass jede*r auf die eigene Art und Weise glücklich wird. Jede Anfeindung oder abstoßende Reaktion bringt für die betroffene Person Leid mit sich. Also bitte, zeigt auch ihr Toleranz gegenüber anderen!

Maxim Kröplin, *2013

Franziska Wilde, *1999

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Das Datum auf der Fahne ist der Tag, an dem ich mit meiner Freundin zusammengekommen bin. Am 11.11. haben wir schon wieder Schluss gemacht. Jetzt sind wir Freunde. Wir mögen beide Piraten, deshalb die Totenköpfe. Ich finde Piraten voll cool, und so ein richtiges Piratengefühl ist unbeschreiblich! Wenn ich mein Herz in drei Teile teilen könnte, dann schlägt die Hälfte für meine Familie, von der anderen Hälfte ein Viertel für die Piraten und drei Viertel für die Musik. Ich finde, ich gehöre auf die Bühne. Da fühle ich mich extrem wohl!

Rot steht für mich für Zuhause, weil das Herz rot ist und meine Familie und meine Freunde in meinem Herzen sind. Blau sind der Himmel und das Wasser, und die Wand in meinem Zimmer ist blau. Außerdem mag ich die Farbe Blau, weil Blau für mich Freiheit bedeutet. Muna Al Ahmad, *2003

Luis Kröplin, *2008

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Auf meiner Fahne sieht man die Sonne und hier die große Wolke und der Blitzschlag, dann der Tornado, der alles aufsaugt, ganz doll, so richtig stark. Ich habe mehrere Tornados gemalt. Ich selbst erinnere mich nicht an den Tornado – damals war ich noch zu klein – aber mit meinem Freund aus meiner Klasse spreche ich oft über Tornados. Zwei Blumen habe ich auch gemalt: die Rote ist eine Tulpe, die Gelbe ist ein Löwenzahn. Die Herzen schenke ich meiner Mama!

Die Worte auf meiner Fahne stehen für das, was ich selbst gerne für mich beanspruche und leben möchte und was ich den Kindern, die ich in der Tagesgruppe betreue, vermittele: Der Mut, manche Entscheidung zu treffen. Anerkennung zu bekommen, für das, was man tut. Die Freude am Leben, die ich erlangt habe. Grün ist meine Farbe. Grün mag ich gerne. Zum Beispiel sind die grünen Spielfiguren in einem Spiel immer meine! Aber das Grün steht auch für das Grün im Logo der Volkssolidarität. Die Herzen symbolisieren die Liebe.

Thore Czastrau, *2012

Andrea Besemer, *1967

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Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und bis heute sehr gerne in der Natur. Wenn ich in solch einer Landschaft stehe, wenn ich das vor Augen habe, dann geht es mir gut. Das ist für mich schön. Ich möchte in der Ferne den Horizont sehen! Dann ist Ruhe in mir. Dann ist Frieden in mir.

Damals: Zusammenhalt. Durcheinander. Einzelkämpferin. Gefühle. Liebe. Hoffnung. Geheimnisvoll. Verschlossen. Offen.

Ich habe mich mit meinen Lieblingsfarben ausgetobt. Dabei ist eine Insel herausgekommen. Dort wohne ich mit den roten Pandabären.

Michelle Sabban, *2005

Käte Krüger, *2012

Gudrun Präfcke, *1949

In der Nacht denke ich viel nach. Ich habe Angst vor der Zukunft, vor dem, was kommen könnte. Man selbst kennt sich, weiß, wie man ist, aber vor den anderen steht man blöd da. Trotz aller Zerrissenheit gibt es einen Hoffnungsschimmer, nämlich sich für andere einzusetzen und zu kämpfen, das möchte ich, denn das lohnt sich. Anonym, *2002 105


Die Fahne zeigt ein Sonnensystem. Mein Sonnensystem. Es hat nicht nur eine Sonne, um die sich alles dreht, sondern viele Sonnen. Diese Sonnen sind die Menschen, die ich liebe und um die ich kreise: Meine Familie und meine Freunde. In ihrer Mitte ist mein Platz im Leben. Sie geben mir Wärme, Geborgenheit und Kraft. Manche sind immer ganz nah, andere mal nah, mal fern, aber ich weiĂ&#x;, dass sie immer da sind.

Ich habe drei Herzen gemalt, die miteinander verschmelzen. Denn mein Platz im Leben, das ist die Familie und dass man Freunde hat. Seine Geschwister muss man in Schutz nehmen. Die Eltern sind wichtig, weil wir durch sie auf der Welt sind, aber auch, weil sie uns erziehen, sodass wir zu ordentlichen Menschen werden. Lucas Tessendorf, *2009

Sara Klapp, *1988

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Unser Kinderjugendheim, das ist mein Zuhause. Als ich sechs Jahre alt war, bin ich dort mit meiner Schwester eingezogen. Das Besondere ist, dass wir immer schöne Ausflüge machen, und die Erzieher etwas organisieren. Wir machen Urlaub mit der ganzen Gruppe!

Das ist das Haus, wo Mama wohnt. Da bin ich gerne. Dort ist mein Zuhause. Da sind auch meine Geschwister. Da möchte ich irgendwann wieder leben. Die Bäume habe ich gemalt, weil ich gerne im Wald spazieren gehe. Die gelbe Farbe steht für die Sonne. Sie ist immer da.

Nele Maruhn, *2007

Vanessa Harms, *2008

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Meine Heimat ist für mich bunt, weil Heimat verschieden ist: Mehrere Orte, mehrere Personen und mehrere Tiere. Meine Heimat ist da, wo Familie und Freunde sind. Anne-M. Wilde, *2005

Meine Heimat ist da, wo Liebe ist, wo es Zusammenhalt gibt – bei der Familie und den Freunden. Dafür steht das Herz in der Mitte der Fahne. Heimat hat für mich sehr viel mit Nachdenken zu tun. Nachdenken heißt, ich überdenke alles, bevor ich es tue, jeden Schritt, den ich mache, mit positiven und negativen Seiten. Meine Heimat ist Natur, die Natur ist mein Rückzugsort. Meine Heimat ist Musik. Meine Heimat ist Schreiben und Zeichnen.

Meine Heimat ist dort, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe Sehnsucht nach meiner Heimat, weil dort viele Bäume und viele Felder sind. Ich vermisse den Boitiner See, weil ich meine Kindheit dort im Sommer verbracht habe. Mein Bett ist mein Rückzugsort, wenn es mir nicht gut geht oder ich etwas Zeit für mich brauche. Eila Peter, *2004

Michelle Sabban, *2005

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Ich habe ein Familienbild gemalt: Papa, Carl und mich. Und Mama ist der Engel, der uns beschützt. Charlotte Lidzba, *2011

Die Fahne habe ich mit meinen Lieblingsfarben bemalt. Und obwohl ich die Farben mag, trage ich sie nie. Es sind zufällig auch die Farben vom Fußballverein Hansa Rostock. Einmal war ich im Stadion, aber mir war das zu laut. Ich mag Ruhe und mein Bett. Ich ziehe die Kopfhörer auf und höre nur noch, was ich möchte. Paul Pepito Krause, *2009

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Auf meiner Fahne ist das Holsteiner Brandzeichen zu sehen, da wir 13 Holsteiner Springpferde haben und mein Zuhause bei den Pferden ist. Ich bin mit Pferden aufgewachsen. Meine Heimat sind die Pferde. Anna-Kristin Holster, *2004


Heimat ist für mich kein Ort, sondern das sind die Menschen – und in dem Fall auch mein Hund Hugo. Es ist egal, wo man sich aufhält, denn es ist dann schon heimatlich, wenn Hugo, mein Bulli-Bus und jetzt auch mein Freund dabei sind. Der Bus frisst mir zwar die Haare vom Kopf, aber er wird wohl bei mir bleiben. Damit bin ich total frei. Es ist ein kleines Zuhause auf eineinhalb Quadratmetern. Ich beziehe das Bett, steige ein und fahre los!

Eine Sonne mit Strahlen und so viele Sterne wie Lebensjahre, als ich die Fahne gemacht habe, sind zu sehen. Das Helle durchdringt das Dunkle – ein Blau wie der Himmel und wie das Wasser. Ich tauche für mein Leben gern. Dabei fühle ich mich frei und schwerelos. Dafür muss man nicht auf den Mond fliegen. Nathan Hägele, *2010

Anke Dose, *1984

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Auf meiner Fahne habe ich wichtige Familienmitglieder verewigt: Meine große Cousine mit den langen Haaren, meine kleine Schwester, die oft weint, den Kater Oskar und Labrador Hermann, den ich an der Leine halte. Hermann ist mein Lieblingstier, er läuft mir immer hinterher. Oskar lebt mittlerweile nicht mehr. Ich hatte ihn sehr, sehr gern. Immer, wenn ich traurig war, kam er zu mir, und ich konnte mit ihm kuscheln. Dann ging es mir besser. Das war so ein Tröste-Kater. Mit Symbolen, Würfelaugen und Buchstaben habe ich die anderen Felder auf der Fahne gefüllt. Das „U“ für Ulrike steht auf dem Kopf, weil ich beim Sprühen um die Fahne herumgehen musste. Ulrike Röse, *2010

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Ich habe dieses Motiv ausgewählt, weil ich schon oft schief angeguckt wurde. Aber niemand sollte verurteilt werden, nur weil er oder sie jemanden gleichen Geschlechts liebt. Wichtig ist doch, dass jede*r auf die eigene Art und Weise glücklich wird. Jede Anfeindung oder abstoßende Reaktion bringt für die betroffene Person Leid mit sich. Also bitte, zeigt auch ihr Toleranz gegenüber anderen! Franziska Wilde, *1999

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Meine Heimat ist fĂźr mich bunt, weil Heimat verschieden ist: Mehrere Orte, mehrere Personen und mehrere Tiere. Meine Heimat ist da, wo Familie und Freunde sind. Anne-M. Wilde, *2005

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Ich mag das Meer, die Bewegung der Wellen. Ich liebe es auch zu schwimmen. Ein Boot ist wie ein Haus auf dem Meer. Auf dem Boot bin ich allein, und ich bin frei!

Meine Heimat ist da, wo Liebe ist, wo es Zusammenhalt gibt – bei der Familie und den Freunden. Das Herz in der Mitte der Fahne steht für Liebe, Familie und Freunde. Meine Heimat hat bei mir sehr viel mit Nachdenken zu tun. Nachdenken heißt, ich überdenke alles, bevor ich es tue, jeden Schritt, den ich mache, mit positiven und negativen Seiten. Meine Heimat ist Natur, die Natur ist mein Rückzugsort. Meine Heimat ist Musik. Meine Heimat ist Schreiben und Zeichnen.

Enis Kamberi, *2005

Michelle Sabban, *2005

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Kuno erläutert die bunten Farben von Mecklenburg: Wiesen, Kornfelder, Seen, Flüsse, das Meer, die Dächer der Häuser, Häuser aus Ziegelstein. Die Region hier ist mein Platz im Leben, sagt Carsten. Wir haben eine Zeit lang in Berlin gelebt, aber da bin ich nie angekommen. Familie und Freunde sind für mich entscheidend, auch Sprache und Mentalität.

Der Anker ist das Symbol für das Ankommen und das Festmachen. Er steht für meine jetzige Lebensphase. Ich habe hier festgemacht: Ich habe mich erst vor Kurzem bewusst dazu entschlossen, mich hier niederzulassen, an dem Ort, aus dem ich ursprünglich stamme. Wenn man ein Haus kauft, dann will man an dem Ort bleiben. Der Anker ist übrigens ein beliebtes Tattoo-Motiv. Er steht für die Heimat. Die Farbe Rot verweist auf eine Feuerzeit nach Feng Shui. Es herrscht viel Unruhe in der Welt. Die Situation ist bedrohlich. Die momentane Energie auf der Welt ist sehr zerstörerisch. Man denke nur an die Waldbrände und den Mangel an Wasser.

Carsten Krüger, *1979 und Kuno Krüger, *2011

Karl-Michael Constien, *1981

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In die Mitte habe ich ein Anime-Zeichen gemalt. Ich bin ein großer Anime-Fan. Es ist das Zeichen des Clans meines Lieblingscharakters, der cool und stark ist. Er ist wie ich: Ruhig, nachdenklich und vor allem gechillt. Das Herz steht für meine Familie, der Mond steht für mich, weil ich den Mond mag. Das Kreuz ist für jemanden, den ich sehr mochte, der gestorben ist. Den vermisse ich sehr. „Yin und Yang“ steht für mich und meine beste Freundin. Weil ich die Natur so sehr mag, habe ich diese Ranke gemalt. Es ist doch schön, wenn etwas – wie ein altes Fahrrad – von einer Ranke umwachsen wird. Die Fahne spiegelt mein Leben wider: Was ich mag, was ich gerne anschaue. Wolflissi, *2006

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Ich habe Regenbogenmenschen gemalt, weil die Menschen und die Welt bunt sind wie der Regenbogen. Wir sind alle unterschiedlich. Wir sollen keinen Menschen auf der Welt vergessen. Alle sollen beachtet werden, auch die Menschen, die in armen Ländern leben. Charlotte Lidzba, *2011

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Mein rotes K-Haus liegt an einem schönen Fluss in einem Traumland. Die Häuser sind hier aus den Anfangsbuchstaben der Menschen, die drin wohnen, geformt. Die Äpfel sind kunterbunt und die Blumen aus Zuckerwatte. Käte Krüger, *2012

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Endlich sind mal alle Enkel zusammen abgebildet. Auf Fotos fehlt immer einer von uns. Links, das ist Käte als Katze. Rechts, das ist Lotte, das süße Reh. Das hat sie sich so gewünscht. In der Mitte bin ich als Affe. Unten sind die beiden kleinen, verspielten Äffchen: Carl mit Haaren und Theodor mit den gelben Schuhen, dem ich beigebracht habe, die Zunge rauszustrecken. Kuno Krüger, *2011

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Das Jugendrotkreuz spielt eine große Rolle für mich. Als ich noch die Zeit dafür hatte, war es dort für mich wie in einer großen Familie, weil wir alle zusammengehalten haben. Ich habe vor, mich nach der Ausbildung ehrenamtlich im Katastrophenschutz zu engagieren. Das Herz mit den Tatzen steht natürlich für meine Liebe zu Tieren. Ich habe noch zwei Anliegen auf die Fahne gemalt: Toleranz und Umweltschutz. Die Menschheit hält die Erde in ihrer Hand. Sie soll sie schützen, sonst geht sie irgendwann unter. Wie ich finde, sollen die Leute zu ihrer sexuellen Orientierung stehen und das auch zeigen. Lisa-Marie Latzke, *2001

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„Ewigkeit!“

So ganz scharf kann ich meinen Platz im Leben nicht erkennen. Viele Ebenen überdecken sich. Manches reibt sich mächtig. Manches passt zusammen. Im Englischen sagt man „something falls into place“. Es herrscht jedenfalls ganz schön viel Unruhe. So bleibt es abenteuerlich im Dickicht des Lebens.

Pascal Schwank, *2000

Alexandra Thomas, *1985

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Mein Ich bewegt sich auf einer wilden Umlaufbahn um eine Mitte herum, die es nicht erreicht und droht, dabei ständig aus der Bahn geschleudert zu werden.

„Balance“ – so lautet mein Mantra. Yin und Yang. Ich tue alles dafür, um im Gleichgewicht zu leben. Damit habe ich angefangen, als ich zehn war. Ich habe gelernt, mit Situationen, die für mich schwierig sind, umgehen zu können. Das war eine deutliche Befreiung.

Andrea Theis, *1966

Fabian Mindt, *2004

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Irgendwo und irgendwann sollte sich jeder zu Hause fühlen. Das Universum ist unendlich. Warum kann dann nicht Heimat unendlich sein? Im Raumschiff kann jeder durch das Universum fliegen. Jeder kann sich irgendwo auf einem Planeten seinen Traum erfüllen. Jeder Planet hat was Individuelles. Jeder kann seinen Planeten finden, mit dem Raumschiff landen und den Planeten erkunden. Im Universum hat man Zeit für sich und kann so sein, wie man ist. Man ist frei vom Druck der sozialen Medien. Für den Jugendclub Domizil habe ich auf Wunsch eine zweite Fahne mit diesem Motiv gesprüht, die ich zeige. Isabell Meyer, *2005

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Die Aufteilung in fünf Teile basiert auf einer asiatischen Philosophie. Die farbigen Flächen symbolisieren die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Mit diesen sollte der Mensch, repräsentiert durch die Fläche im Zentrum, im Gleichgewicht stehen. Das ist gewissermaßen schon eine Utopie, ein theoretischer Zustand, der in der Praxis kaum zu erreichen ist. Aber es ist ein schöner Gedanke.

Einhörner sind schöne Tiere. Sie sehen so niedlich aus. Meine damalige Mitbewohnerin hatte ein Rieseneinhorn, ein Plüschtier. Ich habe es mir immer heimlich ausgeborgt und damit gekuschelt. Es hat mich beschützt. Die beiden Einhörner auf der Fahne sollen weiter auf mich aufpassen. Kevin Keßler, *2001

Erik Krüger, *1998

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Wenn Leute einem nicht guttun, muss man loyal zu sich selbst sein. Ich hatte ein Umfeld, das mir nicht gutgetan hat. Als ich das verstanden habe, habe ich meinen Freundeskreis geändert, und ich bin glücklich darüber. Es ist ein Kampf mit mir selbst, um rauszufinden, was ich mache und was ich will. Es war schwer, den Kontakt abzubrechen. Mir geht es heute besser als früher.

Das Weltall ist schön. Viele Leute gucken nicht nach oben in den Himmel. Sie sehen die Planeten und Sterne nicht. Also habe ich sie gemalt. Ich selbst habe ein kleines Teleskop und schaue mir damit den Mond an. Was wohl da draußen im All noch lauert? Ob da andere Menschen so wie wir sind, nett oder verrückt, die aber besser auf ihre Umwelt achten? Das frage ich mich oft. Ich wünsche mir eine friedliche Erde ohne Hass, wo Menschen so akzeptiert werden, wie sie sind.

Maike Guhrke, *1999 Larissa Kallenbach, *2006

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KANN MAN AUCH IN EINER ZEIT BEHEIMATET SEIN?


VOM AN KOMMEN

ANDREA THEIS

In Folge des Zweiten Weltkrieges kamen etwa eine Million Menschen, die aufgrund von Flucht und Vertreibung ihre Heimaten in Ost- und Südosteuropa verlassen mussten, nach Mecklenburg und Vorpommern. Zwischen 1945 und 1949 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl dadurch annähernd. Unter den Flüchtlingen und Vertriebenen waren auch etwa 300.000 Kinder. Ihrem Schicksal widmet sich die von Brit Bellmann wissenschaftlich aufbereitete und kuratierte Ausstellung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt. Kindheiten in Mecklenburg 1945-1952“ der Stiftung Mecklenburg und der Landeszentrale für politische Bildung M-V.1 Im Rahmen von „HEIMAT – lost and found“ haben wir die Wanderausstellung im Winter 2019/20 im Rathaus Bützow gezeigt, begleitet von einem Vortragsprogramm und einem Erzählcafé. Wichtiger Bestandteil der Ausstellung waren die Erzählungen und Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Bützow, veranschaulicht durch Objekte, Originaldokumente und Fotografien, die sie uns freundlicherweise zur Verfügung stellten.

der Quarantäne in einem Lager lebten viele der Ankömmlinge in der Regel zunächst sehr beengt und einfach in Massenunterkünften in den Dörfern, beispielsweise in den ehemaligen Gutshäusern oder in Barackensiedlungen. Andere kamen bei Bauern unter. Manche lebten lange in diesen Umständen, andere erhielten schneller eine eigene Wohnung, ein Haus oder einen Hof zum Bewirtschaften. Die Bedingungen waren für die Flüchtlinge und Vertriebenen meist noch schlechter als für die einheimische Bevölkerung. Es herrschte ein Mangel an Wohnraum. Die Lebensmittelversorgung war nicht ausreichend. Der Prozess des Ankommens und des Heimisch-Werdens konnte sich über viele Jahre bis Jahrzehnte erstrecken.2 Aus den Zeitzeugeninterviews und dem Protokoll des Erzählcafés HEIMAT VERLOREN. HEIMAT GEFUNDEN. am 08.01.2020 habe ich 14 Zitate ausgewählt, die ich – nach Autorisierung – zu einer künstlerischen Arbeit transformiert habe. Die Zitate beschreiben exemplarisch die Facetten des Lebens in den Nachkriegsjahren als Flüchtlinge oder Vertriebene. Die Erinnerungen und Résumés erzählen von Chancen, Demütigungen, Scham und Zuversicht. Es wird auch angedeutet, dass es erst nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten die Möglichkeit gab, offiziell über den Verlust der Heimat zu sprechen. Die Gründung von Interessensverbänden war in der DDR ver-

Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen haben mir im Herbst 2019 in lebensgeschichtlichen Interviews vom Ankommen in Mecklenburg erzählt. Sie kamen als Kinder im Alter zwischen zwei und elf Jahren nach Flucht und Vertreibung mit ihren Familien in die Sowjetische Besatzungszone. Nach einer kurzen Phase 129


boten. Die Politik ab 1945 in SBZ und DDR unterband dies aus Gründen der Staatsraison (Akzeptanz der Sowjetischen Besatzungsmacht und der neuen Grenzen, insbesondere der Oder-Neiße-Grenze u. a.). Statt von Flüchtlingen und Vertriebenen zu sprechen, lautete der offizielle Sprachgebrauch bereits ab 1945 „Umsiedler“.3 „Das Innenministerium der DDR untersagte auch im Kulturleben sämtliche Bezüge zur alten Heimat und deren Gebrauch in der Öffentlichkeit.“4

ANMERKUNGEN 1 Siehe: lpb-mv.de und stiftung-mecklenburg.de 2 Rüchel, Uta: „Verschwiegene Erbschaften“. Schwerin 2018, S. 28 ff und Bellmann, Brit: „Vertrieben, entwurzelt, verpflanzt“. Vortrag zur Ausstellungseröffnung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt. Kindheiten in Mecklenburg 1945-1952“, Bützow, 15.11.2019 3 Rüchel, Uta: „Verschwiegene Erbschaften“. Schwerin 2018, S. 36 ff 4 Ther, Philipp: „Vertriebenenpolitik in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR 1945 bis 1953“. In: Kleßmann, Christoph et al. (Hrsg.): „Vertreibung, Neuanfang, Inte-

Die Gespräche und Interviews mit den Bützowerinnen und Bützowern, die heute zwischen 76 und 87 Jahre alt sind, zeigen, dass es ein großes Bedürfnis in dieser Generation gibt, über die Erlebnisse zu sprechen. Dies ist zum einen den oben genannten Restriktionen in der DDR geschuldet. Zum anderen hat die Zunahme der Migration aufgrund von Flucht aus Kriegs- und Krisengebieten in den vergangenen Jahren die Erinnerung an die eigenen Erfahrungen wieder wachgerufen. Auch das Alter an sich und die damit verbundene Zeit, über die Vergangenheit nachzudenken, werden als Gründe genannt.5

gration. Erfahrungen in Brandenburg“. Potsdam 2001, S. 89-111. Siehe auch: http://library.fes.de/library/netzquelle/zwangsmigration/45ddr.html, (30.08.2020) 5 Bellmann, Brit: „Vertrieben, entwurzelt, verpflanzt“. Vortrag zur Ausstellungseröffnung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt. Kindheiten in Mecklenburg 1945-1952“, Bützow, 15.11.2019 6 Fotografische Dokumentation: Andrea Theis

Die Stickerei, eine uralte Kulturtechnik. Und ein weißes Taschentuch, aus einem leichten Baumwollstoff gewebt. Das im Wind weht, wenn man damit zum Abschied winkt, das die Tränen trocknet und das die Großmutter für den Notfall immer im Ärmel des Kleides stecken hatte. Das Leichte und das Schwere. Das Erhabene und das Erniedrigende. 14 weiße Damentaschentücher aus Baumwolle, 31 cm x 31 cm, jeweils maschinell bestickt mit einem Zitat und den Initialen einer Zeitzeugin, wurden in der Ausstellung HEIMAT IM MUSEUM präsentiert. Auf den folgenden Seiten sind sie fotografisch dokumentiert.6

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HEIMAT VERLOREN. HEIMAT GEFUNDEN. ERZÄHLCAFÉ, 08.01.2020 Andrea Theis

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HABEN SIE IHRE HEIMAT SCHON MAL VERLEUGNET? WELCHE HEIMAT WAR DAS? WARUM IST IHNEN DAS PASSIERT?


SPRECHEN IM CHOR

NEFELI ANGELOGLOU

Der 1. Bützower Sprechchor wurde im Rahmen des Projektes „HEIMAT – lost and found“ unter der Leitung von Schauspielerin Sara Klapp im März 2019 initiiert. Seinen ersten Auftritt hatte der Sprechchor schon wenige Wochen später am 1. Mai beim Frühlingsfest des Krummen Hauses mit dem Gedicht „Die Welt ist so groß“ von Anna Thalbach. Nach dem Weggang von Sara Klapp hat Theaterpädagogin Nefeli Angeloglou in Zusammenarbeit mit ihrer Kollegin Lea Liepe die künstlerische Leitung des Sprechchores im September 2019 übernommen. Der 1. Bützower Sprechchor ist ein wichtiges Element des Projektes „HEIMAT – lost and found“, begleitet die Aktionen und Veranstaltungen und beforscht gleichzeitig das große Thema Heimat. Eine feste Gruppe von elf aktiven Chormitgliedern im Alter von 18 bis 86 Jahren hat sich über die 17 Monate hinweg gebildet. Es sind Bützower*innen, die Interesse haben, sich sowohl mit dem Medium als auch mit dem Thema auseinanderzusetzen.

PREMIERE DES 1. BÜTZOWER SPRECHCHORES, KRUMMES HAUS, 01.05.2019 Andrea Theis

Der Chor als zentrales Element des antiken griechischen Theaters stellt mal die Bürger der Stadt (Orestes), mal die alten Männer (König Ödipus) oder aber die jungen Frauen, die Dienerinnen der Königin (Perser) dar. Der Chor erzählt, fördert die Entwicklung der Handlung, kommentiert oder übt sogar Rache, um die Kraft der Gruppe und der einfachen Bürger*innen zu symbolisieren. Im Theater der Gegenwart wird der Sprechchor als Stilmittel immer mehr genutzt und erforscht. Er steht für das, was Menschen mit unterschiedlichen Haltungen zusammenbringt, um eine gemeinsame Story, die sie verbindet, zu erzählen, oder eine wichtige Aussage zu machen. Als eigene Kunstform – nicht in eine Theateraufführung eingebunden –

Die Arbeit über das Thema Heimat mit dem 1. Bützower Sprechchor ist so spannend, weil jede*r der Teilnehmer*innen dieser Mehrgenerationengruppe sehr eigene Erfahrungen und Prägungen durch die Zeitgeschichte mitbringt: Das Erleben von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg, das Leben in der DDR, das neue Millennium, die sogenannte Flüchtlingskrise. Sie treffen in der Gruppe aufeinander und haben die Möglichkeit, durch ein künstlerisches Medium zu kommunizieren – nämlich einen sprechenden Chor.

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DREH DER BEIDEN VIDEOS FÜR DIE AUSSTELLUNG HEIMAT IM MUSEUM, 16.07.2020 Andrea Theis

hat ein Sprechchor die Kraft, Aussagen Einzelner zu verstärken und beim Publikum ein tieferes Verständnis für einen Text oder ein Thema zu erzeugen, in dem der Chor das Publikum in den Text hineinzieht.

Die inhaltliche Arbeitsweise mit dem Fokus auf biographischer Arbeit möchte ich anhand des Stückes „Kindheit auf der Flucht“, das wir auf diese Weise erarbeitet haben, darlegen. Aufgeführt haben wir es am 15.01.2020 im Rahmen der Ausstellung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt. Kindheiten in Mecklenburg 1945-52“. In der biographischen Arbeit haben wir durch Story-Telling und kreatives Schreiben den Begriff Heimat beforscht. Bei der Materialsuche lasen die Sprecher*innen Augenzeugenberichte1 aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, wählten Sätze oder Worte aus den Erzählungen aus, die ihres Erachtens die Fluchterfahrung und die Atmosphäre am eindringlichsten beschrieben. Gleichzeitig durften wir vom ältesten Sprecher des Chores, der selbst als Kind am Ende des Zweiten Weltkrieges mit seiner Familie flüchten musste, viele Geschichten und Erzählungen aus seiner Perspektive hören. Die Sprecher*innen haben Zitate aus den Augenzeugenberichten eingesprochen. Das Audiomaterial haben wir zu einer „Hörcollage“ zusammengeschnitten, um die Atmosphäre zu symbolisieren. Auf meiner Suche nach Informationen über Kindheit in der Zeit um 1945 bin ich auf ein altes Spiel mit dem Lied „Dreht euch nicht um, der Plumpsack geht rum!“ gestoßen, das zu einem Element dieses Auftrittsprogrammes wurde. Die Reise wurde mit dem Gedicht „Wenn einer fortgeht“ von Mascha Kaléko2 dargestellt. Mit dem Gedicht „Seelen“ von Ganca Saǧlam3 haben wir die Ankunft an einem fremden Ort und die ewige Suche nach Heimat interpretiert. Über den dramaturgischen Faden haben wir gemein-

Der theaterpädagogische Arbeitsansatz wird durch die partizipative Arbeitsweise der Anleitung gemeinsam mit den Teilnehmenden des 1. Bützower Sprechchores charakterisiert. In den Proben etablieren wir einen Schutzraum innerhalb der Gruppe, um die künstlerische Arbeit zu fördern und den Teilnehmenden Schutz und Sicherheit zu bieten, sich künstlerisch zu entfalten. Wir konzentrieren uns auf gruppenbildende Aktivitäten, um ein Ensemble zu bilden, das Impulse voneinander aufnehmen kann und als Chor wie mit einer Stimme, aus einem Körper heraus, agieren kann. Dazu ist eine Atmosphäre notwendig, in der wir bewertungsfrei kommunizieren und eine gewaltfreie Sprache verwenden. In dieser Gruppe sind die Hierarchien flach: Alle Mitglieder sind gleichberechtigt, dürfen Wünsche äußern oder ihr Veto einlegen. In Plenumsdiskussionen trifft die Gruppe Entscheidungen, wie beispielsweise über Auftrittselemente bis hin zu künstlerischen Darstellungsformen. Meine Aufgabe ist hierbei die Anleitung: Ich fungiere als Moderatorin sowie als Ratgeberin und führe eine offene Regie. Die ästhetisch-künstlerische Arbeit besteht aus einer ständigen Schulung der ästhetischen Wahrnehmung durch Stimmund Körpertraining und das Ausprobieren verschiedener Erzähl- und Sprechformen. 148

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sam in der Gruppe entschieden. Zur Vorbereitung des Auftrittes haben wir uns intensiv über die Atmosphäre, die auf der Bühne erzeugt werden sollte, unterhalten. Es wurden dann verschiedene Bilder und Haltungen, die zu den Texten passten, mit der Gruppe ausprobiert und schließlich diejenigen ausgewählt, mit denen sich die Sprecher*innen wohlfühlten. Die Arbeit mit dem Sprechchor ist durch die Konflikte zwischen den Generationen, aber auch durch die Diskussionen innerhalb einer Generation immer spannend. Uns alle verbindet jedoch die Suche nach Heimat, unsere Sehnsucht nach Zugehörigkeit und dem Eigenen sowie unser Heimweh nach verlorenen Heimaten. In diesem Raum zwischen den Texten, in den Sprechpausen, während der Einatmung unter den verbindenden Blicken und den unsichtbaren Impulsen treffen wir uns und überwinden jedes Mal ein Stückchen Lampenfieber.

LETZTE ABSPRACHEN VOR DER AUFZEICHNUNG, 16.07.2020 Andrea Theis

Nefeli Angeloglou Theaterpädagogin, Leiterin des 1. Bützower Sprechchores ANMERKUNGEN 1 Vgl.: Seidel, Michael: „Flucht Vertreibung Neuanfang. Zeitzeugen erzählen ihre Geschichte“, Band 1, Schwerin 2016 und Seidel, Michael: „Flucht Vertreibung Neuanfang. Zeitzeugen erzählen ihre Geschichte“, Band 2, Schwerin 2017 2 Aus: Kaléko, Mascha: „Das Lyrische Stenogrammheft. Verse vom Alltag“. Hamburg 2007, Originalausgabe erschienen bei Rowohlt 1933 3 Aus: Düzyol, Tamer und Taudy Pathmanathan (Hrsg.): „Haymatlos“. Münster 2018

VON LAMPENFIEBER KEINE SPUR VOR DEM AUFTRITT UNTER DER LEITUNG VON LEA LIEPE, 15.01.2020 Andrea Theis

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HABEN SIE ANGST, IHRE HEIMAT ZU VERLIEREN? AUF WELCHE WEISE KÖNNTE DAS PASSIEREN?


LESEN ÜBER HEIMAT

ANDREA THEIS

Das Krumme Haus beherbergt neben dem Museum der Stadt Bützow und dem Dokumentationszentrum zum politischen Missbrauch des Strafvollzugs auch die Stadtbibliothek. Es lag also nahe, dort im Frühjahr 2019 eine Abteilung mit Literatur zum Thema Heimat einzurichten, die über die Monate hinweg stetig wuchs. Die Abteilung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Jedoch haben wir eine große Bandbreite an Publikationen, die sich mit dem Heimatbegriff kritisch auseinandersetzen, zusammengestellt. Davon sind übrigens auffallend viele Titel 2019 erschienen, ein zeitlicher Höhepunkt des Diskurses über „Heimat“, wenn man zudem die Konferenzen und Symposien zum Thema sowie dessen mediale Präsenz mitbetrachtet. Weitere thematische Schwerpunkte sind Flucht und Vertreibung, Fragen der Migration, der Integration und der ostdeutschen Identität. Der Bestand der Abteilung umfasst vor allem Sachbücher, aber auch einige Romane, Kinder- und Jugendliteratur, Lyrik und Periodika.

LESEN ÜBER HEIMAT IN DER STADTBIBLIOTHEK, APRIL 2019 Andrea Theis 151


BIBLIOGRAPHIE AUSGEWÄHLTER PUBLIKATIONEN

Ebermann, Thomas: „Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung“. Hamburg 2019

Aras, Muhterem und Hermann Bausinger: „Heimat. Kann die weg? Ein Gespräch“. Tübingen 2019

Egger, Simone: „Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden“. München 2014

Aydemir, Fatma und Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.): „Eure Heimat ist unser Albtraum“. Berlin 2019

Eichenlaub, Carolin und Beatrice Wallis (Hrsg.): „Neu in der Fremde. Von Menschen, die ihre Heimat verlassen“. Weinheim 2016

Bausinger, Hermann: „Heimat und Identität“. In: Moosmann, Elisabeth (Hrsg.): „Heimat. Sehnsucht nach Identität“. Berlin 1980

Eigler Friderike und Jens Kugele (Hrsg.): „Heimat. At The Intersection Of Memory And Space“. Berlin/Boston 2012

Bausinger, Hermann: „Auf dem Weg zu einem neuen, aktiven Heimatverständnis. Begriffsgeschichte als Problemgeschichte“. In: „Heimat heute“. Redigiert von Hans-Georg Wehling. Stuttgart 1984

Engler, Wolfgang und Jana Hensel: „Wer wir sind: Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“. Schriftenreihe Band 10349, BpB. Bonn 2019 (Originalausgabe erschienen im Aufbau-Verlag, Berlin 2018)

Bausinger, Hermann: „Heimat in einer offenen Gesellschaft. Begriffsgeschichte als Problemgeschichte“. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): „Heimat. Analysen, Themen, Perspektiven“. Bonn 1990

Fatah, Sherko: „Weg sein – hier sein. Texte aus Deutschland“. Schriftenreihe 10359, BpB. Bonn 2019 (Originalausgabe erschienen im Secession Verlag für Literatur, Zürich 2019)

Bettini, Maurizio: „Wurzeln. Die trügerischen Mythen der Identität“, München 2019

Frisch, Max: „Fragebogen“, 17. Auflage. Frankfurt am Main 2019 (1. Auflage 1988)

Bienek, Horst (Hrsg.): „Heimat. Neue Erkundungen eines alten Themas“. Dichtung und Sprache, Band 3. München 1985

Gunther, Gebhard et al. (Hrsg.): „Heimat. Konturen und Konjunkturen eines umstrittenen Konzepts“. Bielefeld 2007

Binder, Beate: „Heimat als Begriff der Gegenwartsanalyse“. In: Göttsch, Silke et al.: „Zeitschrift für Volkskunde“, 104. Jahrgang. Münster 2008

Goddar, Jeannette und Dorte Huneke (Hrsg.): „Auf Zeit. Für immer. Zuwanderer aus der Türkei erinnern sich“. Schriftenreihe Bd. 1183, BpB. Bonn 2011 (Originalausgabe erschienen bei KiWi, Köln 2011)

Bode, Sabine: „Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation“. Stuttgart 2009 Bode, Sabine: „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“. Stuttgart 2004

Haviv-Horiner, Anita und Sibylle Heilbrunn (Hrsg.): „Heimat? – Vielleicht. Kinder von Holocaustüberlebenden zwischen Deutschland und Israel“. Schriftenreihe Bd. 1371, BpB. Bonn 2013

Burk, Hennig et al.: „Fremde Heimat. Das Schicksal der Vertriebenen nach 1945“. Hamburg 2013

Hoßmann, Fritz: „Bützower Geschichte aus dem Schuhkarton“. Bützow 2017

Can, Ali: „Mehr als eine Heimat. Wie ich Deutschsein neu definiere“. Schriftenreihe Bd. 10510, BpB. Bonn 2020 (Originalausgabe erschienen im Dudenverlag, Berlin 2019)

Hoßmann, Fritz: „Bützower Geschichte aus dem Schuhkarton“. Teil 2, Bützow 2018 Hoßmann, Fritz: „Bützower Geschichte aus dem Schuhkarton“. Teil 3, Bützow 2019

Düzyol, Tamer und Taudy Pathmanathan (Hrsg.): „Haymatlos“. Münster 2018

Joisten, Karen: „Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie“. Berlin 2003 152

HEIMAT – lost and found


Koska, Manuela: „Ich bin ein Mensch. Heimat. Leben in Mecklenburg-Vorpommern“. Rostock 2017

Scharnowski, Susanne: „Heimat. Geschichte eines Missverständnisses“. Darmstadt 2019

Koska, Manuela: „Heimat – Menschen in Thüringen“. Erfurt 2019

Schlink, Bernhard: „Heimat als Utopie“. Frankfurt am Main 2017

Kossert, Andreas: „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“. München 2008

Schmitt-Roschmann, Verena: „Heimat. Neuentdeckung eines verpönten Gefühls“. Gütersloh 2010

Krug, Nora: „Heimat. Ein deutsches Familienalbum“. München 2018

Schreiber, Daniel: „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“. Berlin 2017

Kusz, Fitzgerald und Anton G. Leitner (Hrsg.): „Der Heimat auf den Versen“, Band 24 in der Reihe: „Das Gedicht. Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik“, 24. Jahrgang. Weßling 2016

Seils, Mirjam: „Die fremde Hälfte. Aufnahme und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Mecklenburg nach 1945“. Schwerin 2012

Mau, Steffen: „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“. Berlin 2019

Seidel, Michael: „Flucht Vertreibung Neuanfang. Zeitzeugen erzählen ihre Geschichte“, Band 1, Schwerin 2016

Leo, Maxim: „Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte“. München 2010

Seidel, Michael: „Flucht Vertreibung Neuanfang. Zeitzeugen erzählen ihre Geschichte“, Band 2, Schwerin 2017

Metz, Markus und Georg Seeßlen: „Der kritische HeimatAbend“. Diskurs (für zwei Stimmen). Programmheft zur Aufführung am 27. Juni 2019, Akademie der Künste Berlin. Bundeszentrale für politische Bildung und Akademie der Künste. Berlin 2019

Ther, Philipp: „Vertriebenenpolitik in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR 1945 bis 1953“. In: Kleßmann, Christoph et al. (Hrsg.): „Vertreibung, Neuanfang, Integration. Erfahrungen in Brandenburg“. Potsdam 2001 Türcke, Christoph: „Heimat. Eine Rehabilitierung“. Springe 2018

Mitzscherlich, Beate: „Heimat ist etwas, was ich mache“. München 1997

Vogelsang, Lucas: „Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“. Berlin 2017

Müntzer, Hanni: „Heimat ist ein Sehnsuchtsort“. München 2019

Weyhe, Birgit: „Madgermanes“, Schriftenreihe Bd 10070, BpB. Bonn 2017 (Originalausgabe erschienen im Avant-Verlag, Berlin 2016)

Ramb, Martin und Holger Zaborowski (Hrsg.): „Heimat Europa?“. Göttingen 2019 Reich, Annika und Lina Muzur (Hrsg.): „Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt“. Schriftenreihe Band 10340, BpB. Bonn 2018 (Originalausgabe erschienen bei Ullstein, Berlin 2018)

Zöller, Renate: „Heimat. Annäherung an ein Gefühl“, Schriftenreihe Bd. 1666, BpB. Bonn 2015 (Originalausgabe erschienen im Ch. Links Verlag, Berlin 2015)

Reinoß, Herbert (Hrsg.): „Es gab kein Zurück. Erinnerungen an die Vertreibung“. München 2006 Rüchel, Uta: „Verschwiegene Erbschaften. Wie Erinnerungskulturen den Umgang mit Geflüchteten prägen“. Schwerin 2018

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WIE IST ES FÜR SIE, WENN SIE IN IHRE ERSTE HEIMAT, SAGEN WIR, DIE HERKUNFTSHEIMAT, ZURÜCKKEHREN? WIE VERHALTEN SIE SICH DANN? SIND SIE DANN JEMAND ANDERES?


KURZBIO GRAFIEN

DIE BIOGRAF*INNEN

Nefeli Angeloglou, geboren 1990, studierte Deutsch und Literaturwissenschaften an der Aristoteles Universität Thessaloniki. Währenddessen spielte sie Theater auf studentischen Bühnen. Seit 2012 bildet sie sich in den Bereichen Theaterpädagogik, Regie, Körpertheater und Antikes Theater ständig weiter. 2015 bis 2017 studierte sie im Masterprogramm „Theaterpädagogik“ an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Seither arbeitet sie mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senior*innen als freie Theater- und Schauspielpädagogin in diversen Projekten, u. a. leitet sie seit September 2019 den 1. Bützower Sprechchor und beforscht damit kreativ die Themen Heimat und Sprache.

Fritz Hoßmann, geboren 1943, ist Bützower Urgestein. Mit Leidenschaft erforscht er historische Dokumente, sichtet alte Fotos und spricht mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Dafür reist er auch mal um den Globus. Seit 2002 entstanden so 228 Geschichten über Auswanderer aus Bützow und Umgebung und seit 2011 mehr als 225 „Geschichten aus dem Schuhkarton“, die er regelmäßig in der Schweriner Volkszeitung veröffentlicht. 2019 erschien der dritte Band der „Geschichte aus dem Schuhkarton“ im Selbstverlag. Der Heimatverein Bützow e. V., dessen Vorsitzender er war, schloss sich 2013 mit dem PferdemarktQuartier e. V. zusammen. In das Projekt „HEIMAT – lost and found“ hat er sein umfassendes Wissen über die Bützower Geschichte und die Ökonomie der DDR beratend eingebracht. Im Rahmen der Ausstellung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt. Kindheiten in Mecklenburg 1945-1952“ hielt er einen Vortrag.

Karl-Michael Constien, geboren 1981, ist freischaffender Künstler und arbeitet überwiegend sowohl mit der Sprühdose als auch mit traditioneller japanischer Tusche. Durch das Studium japanischer Malerei in Kyoto wurde er von der asiatischen Kultur und Ästhetik sehr beeinflusst. Seither wandelt er in seiner Arbeit zwischen zwei Welten. Je nach Thema wendet er die entsprechende Technik an, um sich auszudrücken. Internationale Ausstellungen seiner Malerei und Auftragsarbeiten im öffentlichen Raum sind neben seiner Lehrtätigkeit an verschiedenen Schulen und Einrichtungen seine Arbeitsschwerpunkte. Er lebt in Jürgenshagen, Mecklenburg. Seine Expertise mit der Sprühdose brachte er in die Fahnenworkshops im Rahmen von „HEIMAT – lost and found“ ein.

Sara Klapp wurde 1988 in Kassel geboren und studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Mit ihrem Jahrgang gewann sie den Ensemblepreis beim Bundeswettbewerb deutscher Schauspielstudierender. Ihr erstes Festengagement führte sie für fünf Jahre an das Dresdner Theater Junge Generation, das 2017 mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet wurde. Seit 2018 arbeitet sie als freischaffende Schauspielerin und Synchronsprecherin. 2019 arbeitete sie im Projekt „HEIMAT – lost and found“ als künstlerische Assistentin und leitete den 1. Bützower Sprechchor. 155


Lea Liepe wurde 1990 in Berlin geboren. Sie hat Erziehungsund Bildungswissenschaften an der Universität Marburg und Theaterpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater Rostock studiert. Seit März 2020 leitet sie die GeschichtenWerkstatt am Zentrum Kirchlicher Dienste in Rostock. Des Weiteren gibt sie Kurse an der Universität Rostock in Präsenz- und Stimmbildung. Seit September 2019 leitet sie mit Nefeli Angeloglou den 1. Bützower Sprechchor im Projekt „HEIMAT – lost and found“.

Sabine Prescher hat sie den Förderantrag für „HEIMAT – lost and found“ gestellt und verantwortete im Projektzeitraum die Finanzen. „Eine richtige gefühlte Heimat habe ich nicht, vielleicht kann jedoch der Raum, in dem ich gestalten kann, irgendwann Heimat bedeuten.“

Elisabeth Zink hat an der Universität Rostock bis 2015 Öffentliches Recht und Bildungswissenschaften studiert. Zusatzqualifikationen hat sie als Systemische Beraterin, Fachkraft im Kinderschutz, Mediation und Traumapädagogin i. A. Seit 2012 arbeitet sie nebenberuflich als selbständige Fotografin. Nach der Tätigkeit in der sozialpädagogischen Familienhilfe in Rostock arbeitete sie für ein Jahr als Schulsozialarbeiterin in Bützow. Sie leitete eine Video-AG an der Grundschule am Schlossplatz. Mit den Schülerinnen der von ihr initiierten Foto-AG an der Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen hat sie Fotoserien für die Ausstellung MIKROKOSMOS HEIMAT realisiert. Seit September 2019 ist sie als Lehrerin an einer privaten, berufsbildenden Schule in Schwerin tätig.

Sabine Prescher, geboren 1962 in Bützow, leitet seit 2011 kommissarisch und seit 2017 dauerhaft das Krumme Haus mit der Stadtbibliothek, dem Heimatmuseum und dem Dokumentationszentrum zum politischen Missbrauch des Strafvollzugs. Sie ist seit ihrem Abschluss an der FH Leipzig 1983 als Diplombibliothekarin für die Bibliotheken in Schwaan und Bützow tätig. Im Jahr 2000 kam die Museumsarbeit hinzu. Ihr Credo ist: „Gutes bewahren und Neues wagen.“ Sie hatte die Idee für das Projekt „HEIMAT – lost and found“ und mit Katja Voß zusammen für das Krumme Haus den Förderantrag gestellt.

Andrea Theis, geboren 1966 in Bad Marienberg, arbeitet seit ihrem Diplom im Fach Fotoingenieurwesen an der FH Köln 1994 als freischaffende Künstlerin in nationalen und internationalen Projekten mit den Schwerpunkten Interventionen und Interaktionen im öffentlichen Raum, partizipative Strategien sowie künstlerische Forschung. Nach dem Abschluss als Master of Fine Arts in Kunst im öffentlichen Raum an der Bauhaus-Uni Weimar 2006 unterrichtete sie dort von 2007 bis 2009 in dem englischsprachigen, internationalen Masterprogramm als künstlerische Mitarbeiterin. Anschließend betrieb sie künstlerische Forschung an der University of Ulster in Belfast/Nordirland. Seit 2000 lebt sie in Köln und Berlin – sowie von 2019 bis 2020 auch in Bützow, um das Stadtgefährten-Projekt „HEIMAT – lost and found“ zu leiten.

Katja Voß, geboren 1984, wuchs in Brandenburg und Mecklenburg auf. Als Kind der Mikrogeneration Xennials verließ sie 2003 Mecklenburg, um im Westen der Republik Ausbildung, Studium und Anstellung zu finden. Erst 2014 kehrte sie zurück und arbeitet seit 2017 bei der Stadt Bützow als Referentin für Projekte, Öffentlichkeitsarbeit, Tourismus- und Wirtschaftsförderung. Sie verantwortet städtische Projekte, die maßgeblich den Zusammenhalt einer Stadtgesellschaft und die Identifikation mit der Stadt fördern. Gemeinsam mit 156

HEIMAT – lost and found


23 PLÄTZE IM LEBEN. FAHNENRONDELL, SCHLOSSPLATZ, 08.08.-02.09.2020 Andrea Theis

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WONACH HABEN SIE HEIMWEH? UND WANN TAUCHT ES AUF? WIE UNTERSCHEIDET ES SICH VOM FERNWEH?


DANK SAGUNG

HEIMAT – LOST AND FOUND

„HEIMAT – lost and found“ dankt herzlich für Austausch, Beteiligung, Engagement, Leihgaben, Mitarbeit, Offenheit, Unterstützung und Vertrauen:

Zikarsky sowie den Leiterinnen Nefeli Angeloglou, Sara Klapp und Lea Liepe. Karin Alsleben, Brit Bellmann, Andrea Besemer, Monika Boddien, Eleonore Boldt, Daniel Brügmann, Karl-Michael Constien, Birgit Czarschka, Anke Dose, Bärbel Dreyer, Dr. Franziska Ehlert, Margrit Fischer, Werner Fischer, Karin Fust, Gisa Gierer, Ulrike Gisbier, Sale Gisbier, Monika Gräning, Frank Grotjohann, Uta Herz, Stefanie Höter, Annette Hübner, Kathrin Jacobs, Rainer Jaretzky, Gisela Jörn, Alexander Jonda, Murat Kara, Silvio Klaar, Grit Kunkel-Bröse, Pastorin Johanna Levetzow, Gabi Ludemann, Reiko Micheel, Marco Pahl, Angela Pupke, Charlotte Quandt, Volkmar Rossnagel, Uta Rüchel, Hannah Stoll, Doris Suhrke, Viola Tesch, Dagmar Theis, Hannah Theis, Alexandra Thomas, Pastor Andreas Timm, Heike Zimmermann, Elisabeth Zink, Ralf Zukowski.

Carl Philipp Nies, Anja Piske, Hassan Soilihi Mzé und AnneKathrin Szabó von der Kulturstiftung des Bundes. Gottfried Hägele und Fritz Hoßmann vom Kooperationspartner PferdemarktQuartier e. V. Den Kooperationspartnern Jugendclub Domizil, EvangelischLutherische Kirchengemeinde Bützow, Freizeittreff, KätheKollwitz-Schule, Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen und der Justizvollzugsanstalt Bützow. Den Zeitzeug*innen, Interviewpartner*innen und Leihgeber*innen Dr. Rainer Boldt, Conrad Budweth, Christiane Butz, Hedwig Christochowitz, Gerda Friz, Arnold Hoffmann, Heinz Hornburg, Wolfram Jäkel, Ursula Kiel, Irmgard Klein, Andreas Knauder, Eckhard Knoll, Erwin Kopatzki, David Krämer, Christine Neumann, Elsa Quandt, Gertrud Reimers, Dr. Wolfgang Schmidtbauer, Werner Thalis.

Allen Teilnehmer*innen der Fahnenworkshops und der FotoAG sowie allen Gesprächspartner*innen bei HEIMAT VOR ORT, HEIMAT ZU GAST und den Erzählcafés.

Allen Mitgliedern des 1. Bützower Sprechchores: Conrad Budweth, Anke Dose, Maike Guhrke, Regine Haak, Gabriele Kiefert, Lisa-Marie Latzke, Gudrun Präfcke, Sabine Prescher, Gudrun Radziwolek, Klaus Schröder, Gisela Synder, Christa Viestädt, Franziska Wilde, Adelheid Wischhusen, Margrid 159


IMPRESSUM

H E I M AT lost and found

Geschichten vom Weggehen, Ankommen und Hierbleiben

HEIMAT – lost and found. Geschichten vom Weggehen, Ankommen und Hierbleiben Ein Projekt des Krummen Hauses in Kooperation mit dem PferdemarktQuartier e. V. Januar 2019-September 2020 Projektidee Sabine Prescher, Katja Voß Künstlerische Projektleitung Andrea Theis Herausgeber Krummes Haus • Museum, Bibliothek, Dokumentationszentrum der Stadt Bützow Schlossplatz 2 • 18246 Bützow Konzeption und Redaktion Andrea Theis Autor*innen Nefeli Angeloglou, Sabine Prescher, Hassan Soilihi Mzé, Andrea Theis und die Gestalter*innen Lektorat Katja Voß Korrektorat Stefanie Höter Fotografie Monika Boddien, Daniel Brügmann, Gisa Gierer, Larissa Kallenbach, Sara Klapp, Leonie Koch, Luis Kröplin, Emily Krüger, Selina Langberg, Paula Quade, Andrea Theis, Katja Voß Copyright Stadt Bützow, Krummes Haus und die Urheber*innen, 2020 Gestaltung Grafikagenten, Marco Pahl, Rostock Druck Druckerei Weidner, Rostock Auflage 400 ISBN 978-3-00-066607-0 Gefördert im Fonds Stadtgefährten der



ISBN 978-3-00-066607-0 Gefördert im Fonds Stadtgefährten der