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Bad Gastein Hotel Straubinger – Badeschloss – Alte Post


Schaugeschichten Wer einen vor vielen Jahren verlassenen Raum betritt und sich genug Zeit nimmt, wird schnell zum scharfen Beobachter. Dann formen sich aus zurückgelassenen Gegenständen Geschichten. Das achtlos hingeworfene ärztliche Attest eines kurenden Gemeindebeamten. Schminktische, in denen sich schon so viele längst verwelkte Gesichter spiegelten. Selbst die Kochlöffel – sie hängen noch. Hans Schubert hat sich zwei Tage auf diese Welt der zu Ende gelebten Gegenstände eingelassen und einen großen Bilderschatz mitgebracht. In seinen Fotografien wird die lange Historie dreier epochemachender Häuser in Bad Gastein im Salzburger Land greifbar: dem Grandhotel Straubinger, dem Badeschloss und der Alten Post. Ende der 1990er kauften zwei Spekulanten das leerstehende Ensemble am zentral gelegenen Straubingerplatz, der österreichischen Bundesimmobiliengesellschaft ab und ließen es verfallen. Jetzt soll es als Luxushotel revitalisiert werden. Die wenigen Stunden, die Hans Schubert darin den Spuren einer wechselhaften Vergangenheit nachspürte, waren wohl die letzte Chance, diese Räume nackt zu sehen. Noch unverstellt von makellosen Oberflächen und prallem Leben, dafür übersät mit Cuts, Verletzungen und offenen Stellen, die bis in die Seele der mehr als hundert Jahre alten Gebäude blicken lassen. Erbaut wurde etwa das Badeschloss schon in den Jahren von 1791 bis 1794 nach Plänen von Wolfgang Hagenauer im Auftrag des Salzburger Fürsterzbischofs Colloredo.

Der deutsche Kaiser Wilhelm I. war hier ab 1863 jeden Sommer Stammgast und zählte somit zu den ersten der Abermillionen deutscher Touristen, die seither auf Sommerfrische nach Bad Gastein kamen. Die eng verwobene und oft delikate Beziehung zu den deutschen Nachbarn, hat in den Räumen des zwischen 1840 und 1842 errichteten Grandhotels Straubinger sogar einen ihrer entscheidenden Momente erlebt. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck und der österreichische Gesandte Gustav von Blome unterschrieben 1865 im mit Zirbenholz getäfelten Zimmer Nummer 7 die Gasteiner Konvention. Sie wurde im Jahr darauf zum Auslöser für die Schlacht bei Königgrätz. Preußen drängte Österreich von der deutschen Bühne und versetzte den deutsch-österreichischen Beziehungen einen herben Schlag, der bis heute nachwirkt. In Hans Schuberts Bildern schwingen diese Ereignisse und Persönlichkeiten auf eine seltsame Weise mit. Sie werden überlagert von den ganz banalen Hinterlassenschaften einer Gesellschaft von Allerweltsmenschen. Klobige, dunkelbraune Lounger, windige Betten und Waschtischarmaturen wie bei der Großmama: Das alles bekommt in den Fotografien auf den folgenden Seiten eine Größe, die es eigentlich nicht hat. Vielleicht liegt es daran, dass diese Aufnahmen uns für einen Moment die immer rarer werdende Freude am stillen Betrachten schenken. Christoph Rösch, 2019


Hotel Straubinger


Badeschloss


Alte Post


Hans Schubert 1986-91 Akademie der Bildenden Künste Wien 1991

Diplom / Akademie der Bildenden Künste Wien

1990

Meisterschulpreis der Akademie der bildenden Künste

1991

Würdigungspreis des Bundesministeriums

für Wissenschaft und Forschung, Wien

1992

Arbeitsstipendium der Stadt Wien

1997

Artist in Residence, Bermuda

2000-16 Kuratorentätigkeit Kunst im Öffentlichen Raum lebt und arbeitet in Wien und Hallstatt

Photographie © Hans Schubert Bad Gastein, 2019


www.hansschubert.com

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