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DIE WELT BEWEGT: DAS MAGAZIN VON GEBRÜDER WEISS

AUSGABE 09

RAINER GROOTHUIS

Our little red dot JANINA LOH

Ich und es JANOSCH SCHOBIN

Zusammen überleben HARALD MARTENSTEIN

Freundschaft plus

Außerdem: Gemeinsame Geschäfte, gespaltene Geister, Freunde und Feinde

Freundschaft


Gute Freundschaften entwickeln sich allmählich, nicht wie die Liebe auf den ersten Blick. Dafür halten sie in der Regel auch länger als eine stürmische Romanze. Es bedarf der gemeinsamen Erlebnisse und nicht zuletzt eines ähnlichen Blicks auf die Welt, um sich einem anderen Menschen wirklich zugehörig zu fühlen.


Der enge Freund versteht das eigene Handeln oft besser als man selbst und kann damit souverän umgehen.


Das schafft eine tiefe Verbundenheit, fĂźr die es zahllose Symbole und Rituale gibt.


Und wo es gelingt, den Draht zu halten und ab und an durch geteilte Erfahrungen zu erneuern, da spenden sich Freunde untereinander oft größeres Wohlwollen als beispielsweise Ehepartner: »So ist er eben« ist das »Ich liebe dich« unter Freunden. Sich zugehörig zu fühlen, einem anderen Menschen wichtig zu sein als das, was man eben ist – ja, vielleicht ist das tatsächlich das Beste, was es gibt auf der Welt.


Gekommen, um zu bleiben: Seit fast 40 Jahren schon ist Willibald Nigsch bei Gebrüder Weiss – ein Urgestein. 1978 hat er als Speditionsange­ stellter angefangen und leitet seit 1991 die Niederlassung in Wolfurt. Wenn er nicht für GW im Einsatz ist, fährt er im Sommer Cabrio und im Winter Ski – das hat er im Interview auf S. 3 1 verraten.


Haben Sie enge Freunde, wollen Sie welche? Und könnten Sie nicht auch einer Sache gegen­ über freundschaftliche Gefühle hegen? Solche Über­legungen finden in der neunten A ­ usgabe des ATLAS ihren Platz. Janosch Schobin erklärt Grundsätz­ liches und Janina Loh Spezielles. Dass gute B ­ e­ziehungen durchaus naheliegend sein ­können, zeigen Willibald Nigsch und ­Michael Wohlgenannt, die vielleicht nicht beste Freunde, ­dafür ­jedoch ausgezeichnete Nachbarn und ­Kol­legen sind – was ebenfalls wertvoll ist. Denn Geschäfts­ partner, so weiß Till Hein, sind zumindest keine Feinde mehr. Und auch auf s­ chwierigem ­Terrain kann Freund­ schaft Blüten ­treiben, wie Alex Raack in seinem Artikel über das Stockholm-­Syndrom schildert. Also freunden Sie sich doch einfach mal wieder an –­ ­ enschen, mit den Umständen, mit einem anderen M mit diesem ­Magazin. Herzlich, Gebrüder Weiss


IN BEWEGUNG I Zu Fuß täglich zurückgelegte Strecke, in km:

30–40

Steinzeitmensch

13,5

Briefträger (heute)

2,1

Büroangestellte (heute) Quelle: ergotopia.de

IN BEWEGUNG III

IN BEWEGUNG II Weltrekorde im Geschwindigkeitsskifahren:

Wanderfalke im Sturzflug

345 – 360 km/h

Frauen

242,590 km/h

CO2

Männer

252,632 km/h   

Mauersegler im Segelflug

180 km/h

Quelle: Wikipedia

Quelle: Wikipedia

BRIEFFREUNDSCHAFTEN Laufzeiten von Briefen aus Deutschland in Tagen nach

FERNBEZIEHUNGEN Heute kostet ein über das Internet geführtes Telefonat von New York nach London überhaupt nichts mehr. Als man noch zum Hörer griff, war das jedoch anders. Durchschnittliche Kosten für ein dreiminütiges Telefongespräch von New York nach London in Dollar 

Kanada

3 – 6

Neuseeland

4 – 8

VR China

6 –14

Singapur

8 –14

$

$

im Jahr 1930

im Jahr 1960

im Jahr 2000

244,65

10 –18

Chile

Anteil der Online-Bevölkerung weltweit, die Facebook nutzt:

38,6 %

Nutzer, die nur mobil auf die Plattform zugreifen:

47 %

Eltern auf Facebook, die dort mit ihren Kindern befreundet sind:

83%

Facebook-Freunde von Gebrüder Weiss*:

30.000

45,86

0,86

Quelle: Brand Eins Online Archiv

Quelle: Deutsche Post

Rund

$

8 –11

Südafrika

Anzahl der Unicode-Emojis insgesamt*:

Anzahl der täglich über den Facebook Messenger verschickten Emojis:

2.623

5

ca. 100

Anzahl der Emojis für Reisen und Orte:

ca. 200

* Stand: September 2017  Quelle: brandwatch.com, expandedramblings.com, blog.emojipedia.org

1. Dachs 2. Flamingo 3. Nilpferd 4. Känguru 5. Faultier

Milliarden

Anzahl der Emojis für Essen und Getränke:

SOCIAL-MEDIA 1

TOP 5 der bei Unicode gewünschten Tier-Emojis:

SOCIAL-MEDIA 2

SOCIAL-MEDIA 3


Die Welt bewegt:

RAINER GROOTHUIS

JUDITH GEBHARDT-DÖRLER

10

Our little red dot

50

SUSANNE PERRAS

54

Du schon wieder Gib mir fünf!

D  er Pflanzenflüsterer

24

TILL HEIN

Nachgelesen

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Gespaltene Geister, gemeinsame Geschäfte. Reformation und ­Wirtschaftsboom

56 

MIRIAM HOLZAPFEL

Berühmte Freunde

28 

WILLIBALD NIGSCH, MICHAEL WOHLGENANNT

»Dann ist bei mir halt fertig mit der Harmonie«

31

FAMILIENSEITE

Erkenne deine Freunde!

60

Die Welt orange

62

IMKE BORCHERS

Kleine Welt groß vernetzt

36

IMKE BORCHERS

Berühmte Feinde

64

JANINA LOH

Ich und es. Beziehungen zu jedem – und allem

39 

GW-STIMMEN

Ständige Begleiter

43 

JANOSCH SCHOBIN

Zusammen überleben

46

ALEX RA ACK

Mein Freund, der Kidnapper

67

HARALD MARTENSTEIN

Freundschaft plus

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Impressum


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12  OUR LITTLE RED DOT

reportage:  Rainer Groothuis Es war warm genug, unbekleidet umherzulaufen, Essen gab es reichlich, für das Wohlergehen der Einwohner wurde von höherer Stelle überhaupt gut gesorgt, und solange man handelte wie von dort geheißen, war die Welt in Ordnung: So ging es zu im Garten Eden. Längst ist leer das Paradies des Alten Testaments, dafür leuchtet heute ein Little Red Dot auf den Karten dieser Welt: Hier ist übers Jahr jede Nacht mindestens 25, jeder Tag min­ destens 29 Grad warm, an jeder Ecke gibt es gutes Essen, und die Ruhe ist sicher – welcome im Inselstadtstaat Singapura, Singa­pore, Singapur. Im Financial District regiert die Ruhelosigkeit der glo­ba­ lisierten Geldströme, im Hafen werden alljährlich rund 30 Millionen Container bewegt, überall wird gebaut. Viele sind stolz auf ihr Singapur, das in der Welt jemand ­geworden ist – 11 Millionen Touristen jährlich kommen schließlich in die Stadt. Denn in wenig mehr als zwanzig Jahren hat das kleinste Land Asiens aufgeschlossen zur Gruppe der reichs­ ten Staaten der Welt, ist nach Hongkong zweitwichtigster Finanzplatz des Kontinents, liegt auf Platz 5 beim Index der mensch­lichen Entwicklung. FAST AND FURIOUS

Besiedelt von wenigen malaysischen Fischerfamilien, Zuflucht für Seeräuber – Singapur zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Als Sir Thomas Stamford Raffles, Handelsagent der britischen East India Company, im Januar 1819 erstmals am Ufer des Singapore River steht, ist ihm klar, was er entdeckt hat: das Potenzial zu einem neuen Knotenpunkt im Welthandel, einem Hub entlang der Schifffahrtswege zwischen China und Europa. Jedenfalls gründet er hier die erste britische Niederlassung – schon 1824 übernimmt die East India Company die ganze Insel für einmalig 60.000 Dollar und eine Jahresrente von 24.000 Dollar vom Sultan von Johor. Als Raffles 1826 an einem Schlaganfall stirbt, hinterlässt er eine aufstrebende Zweig­ stelle, die 1867 Kronkolonie wird – und rasant wächst: 1881 leben schon mehr als 170.000 Menschen auf den damals nur 550 Quadratkilometern Singapur. Die Singapurer sehen auf die britische Zeit nicht als eine Epoche kolonialer Unterdrückung, von deren Drangsal und Ketten man sich mit der Unabhängigkeit von der Krone 1963 befreit hätte. Es hatte keine Gewalt gegeben, keine Vertrei­ bungen, die kolonialen Jahrzehnte sind Teil der gesuchten nationalen Identität. Raffles ist der anerkannte Urvater und

Löwe und Fisch: Der Merlion, Singapurs Wahrzeichen, steht als große Marke am Rand der neuen Marina Bay und ist Zielpunkt vieler Ausflügler. »Singapur« kommt aus dem Sanskrit und setzt sich zusammen aus Singha (Löwe) und Pura (Stadt).


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Gründer; die Erinnerung an die Briten und Australier, die 1942/43 gegen die japanische Invasion kämpften, wird ­hochgehalten, die Gefallenen geehrt. Die aus der Kolonial­ zeit ­gebliebenen Bauten sind saniert, ihre Backsteinfassaden mit den weißen Fensterrahmen, Fensterläden und Säulen leuchten aus dem Grau der sie umgebenden modernen Ge­ bäude. Singapur ist Mitglied im Commonwealth of Nations, Links­ verkehr und Schuluniformen sind Alltag wie der British Tea im 5-Sterne-Hotel »Raffles«, der Cricket Club besitzt noch heute eine der zentralen Grünflachen in der City, an deren Rand sich das angemessene Publikum im British Recreation Club erholt. Irgendwo wirbt ein ziemlich leeres Lokal namens »The Mad Sailors« mit British Kitchen. Und der Gründer­ vater begegnet dem Besucher als Statue am Singapore River, als Platz und Boulevard, als heritage brand für Keks, Tee und Marmeladen. Thomas Raffles begann mit der Besiedelung der Insel, indem er Menschen aus China, Indien und Malaysia einlud, ihr Glück in der neuen Stadt zu suchen – und sie kamen, ­bauten die ersten Häuser auf den ihnen von den Briten zu­ gewiesenen Flächen. Heute leben rund 76 Prozent Chinesen, 14 Prozent Malaien, acht Prozent Inder dauerhaft im Stadt­ staat, der kleine Rest sind Europäer, Araber und andere. In den Straßen und an vielen Häusern hängt die National­ fahne mit fünf weißen Sternen und weißer Mondsichel auf rotem Grund, der Tag der Unabhängigkeit wird groß gefeiert – es ist eine Aufgabe geblieben, den Menschen aus drei sehr alten Kulturen eine gemeinsame Identität zu geben. Was schon aufgrund der vier Amtssprachen Tamil, Malaiisch, ­Chinesisch und Englisch nicht einfach ist. The Straits Times, größte Tages­ zeitung des Landes, die schon seit 1845 erscheint, berichtet den heute 5,6 Millionen Einwohnern täglich aus kleinen und großen Projekten, die der nationalen Identitätsstiftung dienen und die Erfolge feiern, von denen die Nationalhymne Majulah Singapura (Vorwärts, Singapur) erzählt: »Wir, das Volk von ­Singapur, / marschieren gemeinsam zum Glück. Unser edles Bestreben ist es, / Singapur zum Erfolg zu führen. Lasst uns vereinen / in einem neuen Geist. / Zusammen verkünden wir: / Vorwärts, Singapur, / Vorwärts, ­Singapur.« Gemeinsam ist man vorangekommen, und vorn will man bleiben – auch wenn nicht jeder sein Glück finden kann. Denn das Hamsterrad des Leben beginnt früh: Viele Kinder können mit vier Jahren schon lesen, fast schreiben – wer sich anstrengt, wird belohnt und kann erfolgreicher Teil­ nehmer am großen Spiel um den Wohlstand und seine ­Symbole ­werden. Bildung steht an zweiter Stelle des Staats­ haushalts, eine Gesundheitsversorgung auf Basisniveau ist kostenlos, die Steuern sind ­niedrig, für das Alter muss man selbst vorsorgen. Viele Doppelverdiener können sich auch die teureren Wohnungen und zwei Autos leisten, das Kinder­ mädchen dazu und Urlaub außerdem.


AMAZING, NICE, SAFE AND FREE ENOUGH

Der Staat macht klare Ansagen, seine Bürger befolgen sie, die vielen Überwachungskameras stören niemanden – sie gehören wie selbstverständlich zum Stadtbild. Die teils drako­ nischen Strafen sind für Europäer absurd – aber sie wirken: Die Kriminalitätsrate liegt unter der Österreichs, Singapur gilt als das bestorganisierte, sicherste und sauberste Land Asiens. Auch wenn es auf den Straßen sonst kaum Haustiere zu sehen gibt – Singvögel werden geliebt, sie zwitschern vor allem in Chinatown aus beschatteten Käfigen, die vor Fens­ tern hängen. Singapur, die fine city, wird auch als »Stadt des Buß­geldes« bespöttelt, denn selbst kleine Verstöße werden mit Geld­ bußen geahndet. Wer in der Nähe eines Zebrastreifens regel­ widrig die Straße überquert, wird mit 50 Singapur Dollar (SGD) belegt; wer in öffentlichen Gebäuden, Verkehrsmitteln, Einkaufszentren, Kinos usw. raucht, muss mit Strafen bis zu 1.000 SGD rechnen; das Einführen von Zigaretten und Kau­ gummi ist generell verboten, das achtlose Wegwerfen einer Kippe eine Ordnungswidrigkeit. Bei wem geringste Mengen von Drogen gefunden wurden, der musste noch vor nicht lan­ ger Zeit mit der Todesstrafe rechnen. Dass diese nicht mehr automatisch verhängt, sondern in einem Prozess in langjähri­ ge Gefängnisstrafen gewandelt werden kann, ist ein Schritt der Liberalisierung. »It’s amazing, nice, safe and – free enough«, sagt Thomas, der europäische Ingenieur, der seit drei Jahren mit seiner ­Familie in der Löwenstadt lebt. Auch für Wirtschaft und ­Tourismus seien die Bedingungen bestens: Die Politik extrem verlässlich, die Rechtsprechung klar, Schiedsverfahren bei Reklamationen einfach und schnell, vor der Küste gibt es ­keine Piraten, die Verwaltung ist angehalten, Unternehmern zu helfen. So lässt sich die Anmeldung einer Firma im Internet erledigen und dauert bis zur Bestätigung der betreffenden Behörde – eine Stunde. Ohne zahlreiche Formulare, ohne Behördengänge, ohne misstrauische Rückfragen und Blocka­ den seitens der Bürokratie. Wer eine Firma gründen, ein ­Start-up anmelden will, der genießt das Vertrauen des Staates bis auf Widerruf. Denn jeder Versuch ist gut für Singapur und wird entsprechend problemlos begleitet, mit Optimismus befördert. Man probiert aus, man macht – man wagt etwas mit überschaubarem Risiko, und sollte der Versuch nicht erfolg­ reich sein: neues Spiel. »The people trust the authorities ­– they tell you what to do, and if you do so, everything is fine «, sagt Thomas noch zum Stichwort Freiheit. Und so ist Singapur keine Gesellschaft, in der die Menschen geduckt gingen, keine Despotie, die über eine »graue Masse« herrschen würde, es gibt keinen Perso­ nenkult, und Polizisten sieht man selten; die meisten von ­ihnen stehen als Pappdisplays in den Malls und warnen vor Diebstahl. Die Atmosphäre der Stadt ist geprägt von einem friedlichen Miteinander, von Gelassenheit.

gegenüber: Die Kuppeln der Masrij ­ Sultan Mosque in der Arab Street setzen Glanzpunkte im ­Straßenbild, der bunte ­Hindu-Tempel ­wetteifert mit einem blauen Himmel; hier: Schöne Zeugnisse der Peranakan-­Kultur in der Koon Seng Road; vereinzelt finden sich noch Rikschas auf den Straßen.


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Blick vom Mount Faber, Station des Cable Cars, der Drahtseilbahn, auf die Straße von ­Singapur; rechts: Aus der Gondel sieht man deutlich, wie sehr Hafen und Stadt aufeinander zu gewachsen sind.

WHAT A HUB!

Lautlos, hundert Meter über der Stadt, weite Aussicht in jede Richtung – die Fahrt in der Drahtseilbahn vom Mount Faber hinunter nach Sentosa ist eigentlich nichts für Höhenängst­ liche. Doch der Blick in Richtung Innenstadt belohnt den ­Hasenfuß, denn man versteht, warum Singapur einen neuen Hafen plant und mit dessen Bau begonnen hat: Die City ist in die Hafenanlagen hineingewachsen, weder sie noch der Port können sich dehnen und weiter entwickeln. Von hier oben begreift man, was es bedeutet, ein Hub zu sein: es fordert ständige Veränderung, verlangt Dynamik im Denken, Entscheiden und Handeln. Der Inselstadtstaat sitzt als Spinne in dem zwischen China, Indien, Australien und Europa gespannten Netz. Dreißig Prozent der im Welthandel bewegten Güter gehen über Singapur, in dessen Hafen täg­ lich Hunderte von Schiffen liegen, er ist der zweitgrößte nach Shanghai. Die Konkurrenz ruht nicht: Malaysia und Indonesien, ­Thailand und Vietnam beschäftigen sich mit Hafenprojekten, die die Rolle Singapurs als führendem Umschlagplatz gefähr­ den könnten. Mit diesen Nachbarn ist es übrigens nicht immer einfach. So wurde der spöttelnde Spitzname Little Red Dot vom ehemaligen Präsidenten Indonesiens Habibie aufge­ bracht, der damit auch seinen Ärger über diese kleine, doch so erfolgreiche Fläche nicht verbergen konnte – der Spott

­ urde von Singapur selbstbewusst aufgenommen: Als die w Stadt 2015 ihren 50. Geburtstag feierte, tat sie dies mit den vier Zeichen »SG50« in einem roten Punkt. Die globale Erwärmung öffnet die Arktik-Route im Norden Russlands, die kürzeste Verbindung zwischen Fernost und Europa. 2016 wurden zwar erst 6,5 Millionen Tonnen Waren über die Arktik-Route befördert, doch ist das Wachstum auf der Strecke beachtlich. Konsequent wird der Bau von Tuas, dem neuen Mega-­ Hafen im Südosten Singapurs, vorangetrieben – bis 2040 soll er 65 Millionen Standard-Container bewältigen können. Viele warehouses sind fertig oder im Bau, mit acht bis zehn Metern Geschosshöhe wuchern sie in den heute grauen Himmel. Auch für Singapur ist die Volksrepublik China inzwischen nicht nur Konkurrent, sondern Partner. Im Zuge der Entwick­ lung der Neuen Seidenstraße entstehen Verbindungen zwi­ schen Südchina und Singapur in Kombination aus Schiene und Schiff, gehen zum Beispiel Waren aus dem Landesinneren Chinas an den Golf von Tonkin und von dort mit dem Schiff nach Singapur. Kostet der Transport heute noch drei Wochen Zeit, wird er nach Fertigung neuer Schienen, Kanäle und dem Ausbau von Häfen weniger als eine Woche dauern. Logistik und Finanzwirtschaft, Dienstleistung und Bio­ technologie sind die vier großen Cluster, mit denen Singapurs Regierung die wirtschaftliche Zukunft des Landes sichern


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will. Changi, der zentrale Flughafen Singapurs, wird ebenfalls erheblich erweitert, bekommt sein nächstes großes Terminal. Man wirbt um die Fluglinien des Globus und ist aktuell sehr zufrieden, dass Qantas, Australiens führende Fluglinie, ­ihren Logistikknoten von Dubai nach Changi verlegt hat. Und was die Fläche der Insel nicht mehr hergibt, wird dazugeholt: In den kommenden Jahren werden weitere hun­ dert Quadratkilometer Land durch Aufschüttungen gewon­ nen – Platz muss her für neue Pläne, die mit dem Stadtmotto ­»Passion made possible« angegangen werden. Ach, Sentosa, die Endstation des Drahtseiltrips: Sentosa, selbstdeklarierter State of Fun, begrüßt seine Gäste mit »Our borders are open for everyone, but shut to boredom« und bietet auf seinen fünf Quadratkilometern eine laute ­Palette gegen jede Form von Langeweile – ein asiatisches Disneyland mit Wasserrutschen, Achterbahnen, Fahrgeschäften jeder Art, Parks, schönen Stränden, Jubel und Trubel. An den Wochen­ enden steppt hier selbst der Merlion, Singapurs Wappentier, halb Löwe, halb Fisch, zur Sentosa-Hymne »Fun is the funda­ mental right for all«. LIFE IS CHANGE

In nur fünfzig Jahren hat sich die Einwohnerzahl mehr als verdreifacht, und die Stadt wächst weiter, das Leben verän­ dert sich.

»Die Menschen hatten früher mehr Zeit – heute springen die Leute ins Taxi und wieder raus, dazwischen telefonieren sie oder schicken Nachrichten. So ist Singapur geworden«, sagt Cheng, der ältere Taxifahrer, und ist voller gemischter Gefühle über die Entwicklungen der letzten Jahre. Unter den Älteren ist dies ein wohl verbreitetes Gefühl – man hat ge­ wonnen und verloren zugleich: Viel mehr Menschen haben Arbeit und Einkommen, Analphabeten gibt es kaum mehr, die Angebote auf allen Feldern haben zugenommen. Aber das traditionelle Gefüge wankt. Viele Paare sind nicht mehr bereit, die Zukunft des Familienverbundes mit mehreren Kindern zu sichern – Singapur hat inzwischen die niedrigste Geburtenrate Asiens. Damit ist das alte System ­infrage gestellt, in dem der Lebensabend der Alten von den Kindern und Kindeskindern finanziert wurde. Deshalb auch sind viele der Taxifahrer »Silver Driver«, bessern mit dem Kutschieren ihr Altersauskommen auf. (Apropos: Taxifahren ist so beliebt, dass es völlig selbstverständlich ist, am Ausgang eines Marktes mit den Einkäufen in vielen bunten Tüten in eine Schlange zu treten und auf ein Taxi zu warten, bis man dran ist und der Fahrer beflissen die Einkäufe im ­Kofferraum verstaut.) Auch den unzähligen Garküchen, die in anderen asia­ tischen Ländern Gerüche und Gesichter der Straßen prägen, hat man in Singapur ein Ende gemacht. Für sie hat man die


Szenen aus Chinatown und Geylang Serai Market; gegenĂźber: StraĂ&#x;enleben in Little India


»Hawker« gebaut, Markthallen, unter deren vielen Dächern sich nunmehr die kleinen Küchen mit ihren Spezialangeboten sammeln. Wo die Schlange am längsten, dort ist das Essen am besten. In einem Hawker kannst du dir für weniger als vier Euro eine schmackhafte Mahlzeit holen und den Menschen beim Essen zuzusehen, das sie zelebrieren – hier wird schon einmal geschlürft, dass sich die Löffel biegen, denn gerade für Chinesen ist Essen ein lustvoller Teil ihrer Kultur. Die Stadt ist nicht »grün« – die Stadt ist pflanzenbunt. Wo immer etwas blühen kann, blüht es. Hat Singapur die meisten Alleen der Welt? Auch sechsspurige Straßen sind von Palmen gesäumte Alleen, zwischen den Bäumen leuchten Oleander und Hibiskus, an vielen Häusern ranken Pflanzen die Fassade hinab, am »Utopia«-Hotel sind sie organischer Teil der Archi­ tektur. Der botanische Garten – »Connecting Plants and People since 1859« – ist ein überraschender Raum der Stille mitten in der Stadt, UNESCO -Weltnaturerbe. Mehr als zweihundert Jahre alte Mammutbäume recken sich riesengleich in die Höhe, 60.000 Quadratmeter Regenwald geben einen Ein­ druck von Ursprünglichkeit, der National Orchid Garden ist ein Blütenkontinent für sich – allein das knarzende Schnarren der asia­tischen Zikaden, nimmermüde wie ihre europäischen Schwestern, stört die Ruhe in diesem Ort der Demut vor ­einer Natur, die sich allein mit ihren rund 30.000 Orchideen­ arten als nahezu unerschöpflich zeigt –, aufkommender Bauund Straßenlärm holt dich irgendwann dann doch zurück auf den Boden der Stadt. GLITTER AND GLAMOUR

Einkaufen ist den Menschen Vergnügen, Herausforderung, Freude, Leidenschaft – die Shopping Malls sind Schaufenster in die weite Welt, die internationalen Marken Verheißungen eines wachsenden Wohlstands: »Shopping is about the ­pleasure of authentic discovery, an urban adventure that is characterized by creative and spontaneous exploration.« So überhöht das Architekturbüro DP Architects, das einige der Konsumhallen gebaut hat, das, was kritische Stimmen in Europa inzwischen so anders sehen. Insbesondere an den Wochenenden sind die Malls voller Menschen, die allüberall mit »Sale!, Take 3, pay 2!« und an­ derem gelockt werden – und »fun and excitement«, wie die ­VivoCity ihr Angebot beschreibt, liebend gern annehmen. Eine andere Mall nennt sich Lucky Plaza, auch wenn sie dieselben internationalen Marken präsentiert wie all die anderen. Die Stimmung in den Malls ist volksfestartig – heiter und laut, Kinder skaten, spielen, toben hier, niemand, der »Ruhe!« zischelte. Selbstverständlich fand der große Wettbewerb asia­ tischer Elvis-Presley-Darsteller zum 40. Todestag des King of Rock ’n’ Roll in einer Mall statt. Die zentrale Orchard Road ist gesäumt von den großen Flagship-Stores von Prada, Ferragamo, Kors, Apple. »Feels like nothing – does everything«, wirbt Victoria’s Secret und meint die Wirkung der ausgestellten Lingerie-Waren – der Westen ist angekommen.

Auf den Bürgersteigen der Orchard ist selbst das Warten auf das Grün der Ampeln mit gelben Linien und Hinweisen organisiert; überhaupt kümmern sich die höheren Stellen mit zahlreichen Hinweisen um das Wohlergehen ihrer Bürger: Wo auch immer man ausrutschen, fallen, danebentreten und Ähnliches könnte, findet sich sicher ein Warnhinweis. Doch zurück auf die Straßen – anderswo gibt es mehr zu entdecken als die künstlichen Kosmen der Malls.


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SOUNDS AND SMELLS

Chinatown ist ein Chinatown wie viele Chinatowns auf der Welt – wuselig und hektisch, selbst im Gehen werden kleine Geschäfte gemacht, die Straßenzüge liegen unter dem ­eigenen Duft chinesischer Küchen, Teehäuser und Läden jeden Angebots, die Food Street ist ein Jahrmarkt möglicher Gaumenfreuden. »Where do you come from?« ist die Frage, mit der ein klei­ nes Gespräch gern eröffnet wird. Wie sich herausstellt, waren viele schon in Australia and the US , in Germany and anywhere else auf der Suche nach Arbeit und Zukunft … man wundert sich, wo überall auf dem Globus diese Menschen Verwandte und »best friends« haben. Auch wenn sie zurück sind, »it was good to be there«. Auf der New Bridge Road stellt sich mir Sammy in den Weg. Er sieht mir in die Augen und skizziert ungefragt meine aktuelle Verfassung. Smart, denke ich, und frage mich, woher er weiß, was an seiner Zeichnung richtig ist. »I’m a Yogi from India«, klärt er mich auf und bietet an, noch ein wenig mehr in die Zukunft zu sehen. Als Westeuropäer kann ich mir ein Schmunzeln über das Angebot des Kaffeesatzlesens nicht verkneifen, auch nicht die Frage nach seinem Honorar für den Blick nach vorn, die mit einem Augenaufschlag und »Nothing!« beantwortet wird. Sein wichtiger Rat: »Secrets are important! Don’t talk to anyone about your wishes, ’til these wishes are realized –« Aha, denke ich, daran liegt’s. »Germans have good hearts«, sagt er irgendwann und bittet um eine Spende für das von ihm begleitete Waisenhaus im indischen Irgendwo. Also doch ein Handgeld. Aber egal – die ­Begegnung war anregend, weil überraschend, so geht Unter­ wegssein auch: Einfach mal stehen bleiben. Zwischendurch lohnt immer wieder ein Blick in den ho­ hen Himmel: Die Wolken stapeln sich zu gewaltigen Forma­ tionen, eigentümlichen Türmen, Burgen, Monstren, die einen Regenschauer ankündigen oder auch nur schmücken sollen – selbst der Himmel bietet Entertainment auf hohem Niveau. Der Geylang Serai Market und sein Umfeld ist die Bühne des malaysischen Lebens. Im Erdgeschoss der Halle wird der Bedarf an Lebensmitteln gedeckt – an Fisch, Muscheln, ­Krebsen, Fleisch, Obst, Gemüse und allem dazwischen –, man trifft sich und hält, inmitten atemraubender Gerüche und größten Gedrängels, ein nachbarschaftliches Schwätzchen. Niemand regt sich auf, wenn es deswegen nicht weitergeht in den schmalen Gängen zwischen den Ständen. Die Frauen tragen malaysisch-traditionell Kopftücher, wenige Männer die vollen Beutel. Laut preisen die Marke­ tender ihre Waren, abgewogen wird hier kaum, die Tüten werden großzügig mit den Händen gefüllt, das ist lässiger und gefällt der weiblichen Kundschaft. Im ersten Stock findet sich auf der einen Hälfte Bekleidung jedweder Art, jedweden Materials und eigenwilligen Zu­ schnitts – vom wertvollen Kaschmir-Schal zur schrillen Poly­ ester-Krawatte –, in der anderen der Hawker der Gegend: ­malaysische Küche, vielfältig wie die chinesische, preiswert, für jedermann. Sind die Einkäufe getan und der Magen zu­


gegenüber: Einer der seltenen ­Polizisten in einer Shopping Mall; hier: ­Fotoshooting mit B ­ rautpaar auf der ­Cavanagh Bridge, im ­Hintergrund liegt u. a. das A ­ rts House.

frieden, stellt man sich in die Taxischlange, die auch vor dem Geylang Serai gut organisiert ist. Wenige Schritte weiter, in der benachbarten Koon Seng Road, stehen einige der schönsten Häuser der farbigen ­Peranakan-Kultur, die aus den Ehen chinesischer Männer mit malaysischen Frauen entstand. Die Peranakan waren die ­ersten Asiaten, die Englisch sprachen und europäische Sitten annahmen. Auch wenn sie zeitweise stilbildend wirkten, ­wurden sie von den weniger königstreuen Asiaten als »King’s Chinese« missachtet. Wenn Grau deine Lieblingsfarbe ist, Patschuli dir die ­Laune verdirbt und du nicht angesprochen werden willst – meide Little India. Denn dort sind selbst die Kinderstühle bunter als anderswo, die Mischung aus Düften und Gerüchen stellenweise nasebetäubend – »Experience the five senses«: Little India wird seinem eigenen Anspruch gerecht. Zwischen all den Shops und Ständen finden sich noch traditionelle Handwerker wie Gold- und Silberschmiede – und überall ­grüßen die knalligen Elefanten, Stellvertreter Ganeshas, des naschhaften, ­gütigen, verspielten Gottes des Hinduismus. Mit »Come on, sir, we will find –« wirst du in jeden Stand ­gelockt. Auch hier: Viele waren in der Welt unterwegs, nicht wenige in Europa, schwärmen von Bier, Bayern München oder deutschen Autos.

SPECTACLES – ENJOY!

Am Tag wird intensiv gearbeitet, der Abend gehört einem anderen Leben. Besonders die Jüngeren flanieren in den Stra­ ßen, zum Beispiel am Clarke Quay am Singapore River: Hier ist kein Platz für die Bedrängnisse des Alltags – Restaurants, Bars und Clubs reihen sich aneinander, es wird gegessen und getrunken, getratscht und gelacht, die Musik ist laut und inter­ national. Liveauftritte sind sehr beliebt, solange es nur Spaß macht, ihnen zuzuhören – soeben mischt sich die Stimme einer neuen Whitney Houston mit der Elvis Presleys und eines John Lennon, der Imagine über den River schmachtet. In der Marina Bay, entlang des Lower Boardwalk, wird allabendlich eine beeindruckende Musik- und Lichtershow geboten, die sich vom 33. Stockwerk des Financial Center ­bestens beobachten lässt, vom dreiseitigen Balkon des dor­ tigen Level 33 hast du einen großartigen Blick auf die neue ­Marina mit ihrem Riesenrad, dem ArtScience Museum, den Crystal Pavillons, Theatern und Casino. Dahinter liegt Gardens by the Bay, eine weitere, 55 Hektar große, neue Parkland­ schaft. In dieser ungewöhnlichen Präsentation der Flora ste­ hen auch die Supertrees, die zweimal am Abend ihr eigenes Lichterfest feiern. Die Bussorah Street, Teil des verbliebenen arabischen ­Viertels, das Arab Street genannt wird, ist palmenbestandene


Während in der Haji Lane ein Geburtstag gefeiert wird, strahlt in der Marina Bay die Lightshow.

Fußgängerzone, gesäumt von libanesischen und türkischen Restaurants, Schmuckangeboten und ein wenig dies & das. Auch ihre niedrigen Häuser stammen aus der Zeit, in der die Stadt noch nicht in die Höhe wachsen musste, inzwischen sind sie umzingelt von modernen Hochbauten. In Arab Street ist es lässig-chic, man shoppt nicht unbedingt, sondern ergeht sich, bewundert die Zeugnisse arabischer Kultur aus früherer Zeit. Ein Schild preist nun das »Original Swedish Cafe«, ­Lickety offeriert »Icecream and Waffles«. Der Cappuccino ­kostet dort sechs Euro, das allerdings großartige Croissant nach franzö­sischem Rezept, »directly from Paris«, schlägt mit vier Euro ins Buch – kein Ort für jedermann. An einem Ende der Bussorah steht Singapurs schönstes Gotteshaus, die Masjid Sultan Mosque. Ihre goldenen Kuppeln leuchten in die späte Dämmerung eines anderen Tages – sie sind das Fotomotiv für Pärchen und Familien, junge Mus­ lime kommen auf schweren Motorrädern, ordnen die gegelten ­Haare, rauchen eine Zigarette und gehen zum Gebet. Von dort in den Abend, in die Haji Lane. Junge Leute von überallher sitzen auf dieser Gasse im arabischen Viertel, ­vielen ist das Tattoo selbstverständlich, die Zigarette, das Glas Wein. Die kleine Straße summt von den unterschiedlichen Sprachen, die gesprochen werden – alle hier scheinen Wichti­ ges zu machen, sie gründen oder gerade nicht, sie schaffen Räume des Austauschs, der Anregung und Kreation. Die Live­ musiker danken ihrem Publikum nicht für Applaus, sondern für »positive energy«. In dieser Gasse, deren Häuser mit schrillen Graffiti bemalt sind, atmen New York und Toronto (siehe ATLAS 7), Tel Aviv, Berlin und Wien, London, Paris und Barce­lona – der Staat ist draußen, es leben die Neugier und die Grenzüberschreitung, die Idee und die neue Freundschaft. Das ist der creative hub der Stadt. Touristen stromern durch die Gasse, einige setzen sich und bleiben, kommen ins Gespräch. Es ist gleich, wo jemand her­ kommt, wenn er nur ein fellow ist, einer von denen, die eine große Lust auf das Morgen teilen, auch wenn sie nicht wissen, wie es aussehen wird – »but passion makes the impossible possible«.

Rainer Groothuis, geboren 1959 in Emden  / Ost­ friesland, ist Gesellschafter der Kommunikations­ agentur Groothuis. www.groothuis.de Mit herzlichem Dank an Cristian Predan und die GW-Teams in der Löwenstadt.


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GW SINGAPUR WÄCHST MIT geführt werden (Bild unten rechts). Einsatzbereitschaft und verantwortungsvolles Handeln haben sich ausgezahlt: Seit Ende 2016 hat der Standort die Genehmigung, sein Terminal zusätzlich als Zolllager führen zu dürfen. Davon profitieren besonders die Kunden, die ihre Waren dort zoll­ und steuerfrei lagern können.

Wie die Stadt, so wächst auch Gebrüder Weiss in Singapur. Angefangen 2015 mit sechs Mitarbeitern, machen inzwischen unter dem Geschäftsführer Cristian Predan rund 20 Kollegin­ nen und Kollegen aus acht verschiedenen Nationen das, wofür die ganze Stadt steht: »things possible«. Die Kollegen im Büro bereiten die Geschäfte vor (Bild unten links), die dann vom Team im Terminal in unmittelbarer Nähe zum Hafen durch­

www.gw-world.com/standorte

Cristian Predan, Mohamed Sahrom Abdul Kahar, Mandy Lee Sze Hooi, Fanne Polad, Mariane Dullah Tabilin, Noy Denman, Zainabah Beevi Mohd Sahdat, Komala Raju, Hanis Hashim, Leroy Oh Kong Wee

(von links nach rechts) Roziyah Ismail, Derek Tan Lye Hee, Murugeswari Mergaya, Hoo Chern Kiong, John Lim Chew Huat, Janbasah Maniaman, Ravin Pragsarau, Jason Lim Wen Xuan, Kalliyapan Gunasakram, Cristian Predan

SINGAPUR Der Insel­ und Stadtstaat Singapur ist das kleinste Land in Südostasien – obwohl es durch Land­ gewinnungsmaßnahmen seit den 60er Jahren mehr als 20 Prozent Fläche dazugewonnen hat. Singapur besteht aus drei Hauptinseln und 58 kleineren Inseln.

EINWOHNERZAHL

5,6 Millionen BEVÖLKERUNGSDICHTE

7.799 Einwohner / km2

MALAYSIA

FLÄCHE

719,2 km2

SINGAPUR

AMTSSPRACHEN

INDONESIEN

Tamil, Malaiisch, Chinesisch und Englisch


24  ET CETERA: SINGAPUR

Der Pflanzenflüsterer

Grüne Wände sind typisch für Singapurs Stadtbild: Entlang eines Fußgängerwegs in Mediapolis, dem zentralen Stadtteil für Unternehmen aus der Medien- und Kommunikationsbranche (oben), und an einem Wohnhaus in der Belmont Road (unten).


ET CETERA: SINGAPUR 25

interview:  Susanne Perras 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Metro­ polen leben. Klimawandel, Umweltzerstörung, Nahrungs­ knappheit und Wassermangel werden die Menschheit ­zunehmend beschäftigen, auch und gerade in schnell wach­ senden urbanen Zentren. Wie lässt sich das Leben dort ge­ sünder und schöner gestalten? Der Botaniker Veera Sekaran arbeitet in seiner grünen Werkstatt »Greenology« daran, Lösungen für solche Probleme auszuarbeiten. Singapur ist sein Zukunftslabor. Veera war Gartenbau-Chef am Changi Airport, arbeitete in leitenden Positionen im Singa­ purer Zoo und der Nationalparkbehörde, bevor er sein eige­ nes Unternehmen gründete. Viele der berühmten »Living Walls«, die Hochhäuser in Singapur wie eine Art grüne Haut überziehen, sind sein Werk. Veera ist studierter Bota­ niker, mühelos kann der 54-Jährige die lateinischen Namen von 3.000 Pflanzen benennen. Aber er ist nicht nur Natur­ wissenschaftler, sondern auch Philosoph und Visionär. Herr Sekaran, man nennt Sie hier in Singapur den ­»Pflanzenflüsterer«. Wie kam das?

Als Dozent an der Universität habe ich meinen Studenten, die noch nie etwas mit Pflanzen zu tun hatten, eine Aufgabe gegeben: Schreibt mir ein Gedicht über irgendein Gewächs, das eine wichtige Rolle in eurem Leben gespielt hat. Anfangs waren sie verunsichert, aber dann kamen sie alle mit ihren Texten. Manche haben beim Vortragen geweint, ich erinnere mich an ein chinesisches Mädchen, das schluchzte und von einem Baum in ihrem Hof erzählte. Er hat seine ganze Familie aufwachsen sehen, die Großeltern, die schon tot waren, die Eltern und schließlich auch sie selbst. Dem Mädchen wurde plötzlich bewusst, dass der Baum seine ganze Familien­ geschichte begleitet hat, er war so etwas wie ein Testament. Am Ende der Vorlesung haben mir die Studenten dann ein T-Shirt mit der Aufschrift »The Plant Whisperer« geschenkt, als Dank dafür, dass ich ihnen den Wert von Pflanzen näher­ gebracht und damit auch irgendwie ihr Leben verändert habe. Sie schaffen mit Ihren Projekten»vertikales Grün« oder »lebende Wände«. Aber sicher nicht nur aus ästhetischen Gründen, oder? Als ich anfing, die grünen Wände zu entwickeln, entsprach das dem Platzmangel und den besonderen Verhältnissen in Singapur. Die Bäume konnten in den Häuserschluchten wegen des schlechten Lichts nicht wachsen, viele Pflanzen starben. Wir haben dann die Idee der »vertikalen Gärten« aus Frank­ reich aufgegriffen und für die Tropen weiterentwickelt. Mit neuen Ideen und neuen Technologien. Das war für mich die Lösung: das Grün zurück in die Stadt zu bringen mit all seinen

Vorteilen. Die Pflanzen senken die Temperatur, binden den Staub und verbessern die Luftqualität, sie reduzieren Lärm. Und natürlich haben sie einen positiven Einfluss auf die ­Psyche der Menschen. Sie betreiben ein ehrenamtliches Projekt, in dem Sie ­demenzkranke und behinderte Menschen mit Pflanzen ­arbeiten lassen. Welche Erfahrungen haben Sie damit ­gemacht? Ich habe viele Altenheime gesehen, und oft ist es deprimie­ rend, wie die Menschen in diesen vier Wänden liegen und aufs Sterben warten. Wenn man sie aber mit hinaus in die Natur nimmt, sie in der Erde wühlen lässt, sie daran riechen können, wenn sie Pflanzen umtopfen, dann weckt das Erinnerungen und zaubert ihnen ein Lächeln ins Gesicht. Auch mein autis­ tischer Neffe, der bei mir vier Wochen ein Praktikum gemacht hat, hat einen riesigen Schub in seiner Entwicklung gemacht. Plötzlich war er für etwas Lebendiges – eine Pflanze – verant­ wortlich. Und das war offenbar wichtig. Und die singapurische Jugend? Ist sie leicht für den Garten­ bau zu gewinnen? Wissen Sie, in Asien ist erst mal jede Arbeit, bei der man sich die Hände schmutzig macht, jede Handarbeit oder der Um­ gang mit Erde, eher verpönt. Eltern raten ihren Kindern von dieser Arbeit oft ab. Sie setzen Gartenbau mit Landwirtschaft gleich. Also haben wir uns bei der Gründung von Greenology als »Urban Greening Specialists« neu erfunden. Wir brauchen dafür inzwischen auch viele Elektriker, Mechaniker, Ingenieure, technische Kenntnisse sind gefragt, nicht allein das Wissen über Pflanzen. Jetzt sind die jungen Leute stolz, wenn sie nach

Veera Sekaran gründete Greenology 2008 und hat seitdem mit seinem Büro weit mehr als 15.000 m2 Wand in Singapur begrünt.


26 ET CETERA: SINGAPUR

Hause kommen und ihren Eltern erzählen, dass sie einen Beruf in dieser Branche haben. Das klingt sehr anspruchsvoll. Kann man denn als Laie so eine grüne lebende Indoor­Wand selbst pflegen? Klar, das geht. Unsere Systeme sind ausgeklügelt und ge­ brauchsfertig. Sie müssen sie nur einschalten. Man muss unsere Pflanzen nicht ständig austauschen, weil sie nach kurzer Zeit eingehen. Wir wollen etwas schaffen, was bleibt und gedeiht. Es sind Lebewesen. Ich habe einen Bekannten, der ist ein gestresster Anwalt. Jeden Abend freut er sich darauf, die Pflänzchen seiner grünen Wand zu zupfen und zu schneiden. Eine bessere Anti­Stress­Therapie könne er gar nicht finden, sagt er. Sie haben sich durch die Arbeit mit Ihren Pflanzen selbst geheilt, als die Ärzte Sie wegen einer seltenen Nerven­ erkrankung aufgegeben hatten. Wie war das möglich? Ich kann es nicht erklären, aber es hat mit meinem Weg und meiner Verbindung zur Natur zu tun. Das hat mich aufrecht­ erhalten und mir positive Schwingungen zum Leben mitge­ geben. Der Überlebensinstinkt einer Pflanze ist so stark, dass sie bei noch so widrigen Umständen alles daransetzen wird, zu überleben. Das sollte sich der Mensch zu eigen machen. Wir sind als Wesen beweglich, wir können Herausforderungen ausweichen, die Pflanze aber wird alles tun und kämpfen, um zu überleben. Das ist der Instinkt eines lebenden Organis­ mus. Wenn wir diesen Instinkt verlieren, stirbt die Mensch­ heit. Ich glaube, dieser Gedanke hat mich überleben lassen. Sie erfinden immer wieder neue Systeme. Wie sieht Ihre Vision für Singapur und für den Rest der Welt aus? Ich freue mich auf den Tag, an dem ich ein nachhaltiges Habi­ tat oder Ökosystem schaffen kann, in dem alles ferngesteuert miteinander kommuniziert. Daran arbeiten wir intensiv. Ich möchte ein Habitat schaffen, wo das ganze Heim mit Pflanzen ausgestattet ist, die Luftqualität, Lebensbedingungen und Psyche der Menschen zum Positiven verbessern. Meine Idee wäre, dass jeder Balkon, jedes Zuhause eine grüne Wand hat. Ein kleiner Schritt für jeden Einzelnen, aber eine Riesen­ wirkung fürs Ganze. So kann jeder zum Klimaschutz beitragen und unsere Welt in einen besseren Ort verwandeln. W W W.GREENOLOGY.SG

Grün, außen wie innen: Feuerleiter am The Heeren (oben) und Oberlicht im Gebäude an der Duxton Road (unten)

Susanne Perras, geboren 1963, hat Romanistik, Germanistik und Lateinamerikanistik studiert. Die Fernsehjournalistin lebt mit ihrer Familie in Südostasien. Sie schreibt für diverse Magazine und arbeitet zurzeit an dem realsatirischen Buch Mama Mzungu.


Nachgelesen Ab durch die Röhre Hyperloop One hat auf einer Teststrecke in der Mojave­Wüste in Nevada einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt: Das Start­up schickte die Testkapsel »XP­1« auf einer Länge von 300 Metern durch eine Röhre, in der Unterdruck herrscht. Die Kapsel erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 310 Kilometern pro Stunde. »Eine neue Ära des Transports beginnt«, schwärmt Mitbegründer Shervin Pishevar. Nachdem das Unternehmen damit bewiesen hat, dass die Hyperloop­ Technologie funktioniert, sollen nun mit Partnern die nächsten Schritte besprochen werden.

»Alte Freunde« auf dem Weg nach oben Alex Honnold, der derzeit wohl weltbeste Free­Solo­ Kletterer (wir berichteten im ATLAS 05/2015), hat im Juni die 1.000 Meter hohe Felswand El Capitan im Yosemite National Park in Kalifornien als Erster ganz ohne Sicherung bestiegen – in nur 3:56 Stunden. Honnold sagte hinterher: »I knew exactly what to do the whole way. A lot of the hand­ holds feel like old friends.«

Brüssel: Preis für Stadtlogistik Im ATLAS 08/2017 war von schlauen Ideen für die Ent­ wicklung urbaner Räume zu lesen. Die Region Belgien ist jetzt für ihr Gesamtkonzept zur städtischen Güterverwal­ tung in einem Wettbewerb der EU­Kommission ausgezeich­ net worden. Brüssel überzeugte mit der Einrichtung von zentralen Sammelstellen für Güter und der Einbindung des stadtnahen Hafens in das Belieferungskonzept, das bis ins Jahr 2050 reicht.

Jeff Bezos folgt auf Heidi Senger-Weiss

»Lass uns zusammen auf der Seidenstraße gehen« Im Mai trafen sich auf Einladung Chinas in Peking Vertreter von 130 Nationen, um über die Infrastruktur­Initiative Neue Seidenstraße, auch »One Belt, One Road«, zu beraten (siehe auch ATLAS 07/2016). China gab bekannt, den ohne­ hin großzügigen Projektfonds noch einmal aufzustocken und weitere 14 Milliarden US­Dollar bereitzustellen – und komponierte eigens für das Zusammentreffen einen Song: »Lass uns zusammen auf der Seidenstraße gehen«.

Der Amazon­Gründer und Pionier des Internethandels, Jeff Bezos, ist in die Logistics Hall of Fame gewählt worden, der Heidi Senger­Weiss schon seit 2015 angehört. Der US-Amerikaner, der seine Karriere 1994 mit einem Internetbuchhandel begann, habe die Innovation im Bereich eCommerce und Logistik maßgeblich vorangetrieben, so die Begründung der Jury. Er stehe für eine neue Generation Unter­ nehmer, deren Geschäftsmodelle auf Algorithmen vertrauen.


28 

Berühmte Freunde Verbundenheit hat viele Gesichter. Und auch wenn keine Freundschaft genau der anderen gleicht, stehen die berühmten Paare, die wir auf dieser Seite vorstellen, doch für bestimmte Tugenden, die immer dazugehören, wenn Menschen mehr füreinander sind als einfach nur irgendwer: Akzeptanz, Verlässlichkeit, Empathie und Treue – manchmal bis über den Tod hinaus. text:  Miriam Holzapfel  illustrationen:  Gerd Schröder

SIEGFRIED UND ROY

Die Freundschaft von Siegfried Fischbacher und Roy Uwe Ludwig Horn wurzelt in einer ähnlichen Prägung: Beide sind in Deutschland geborene ­Söhne ­alkoholkranker Väter, die es mit Talent und viel Ehrgeiz geschafft haben, ihren engen Familien­ verhältnissen zu entfliehen. Als Duo erlangten sie mit einer der erfolgreichsten und auch teuersten Shows in Las Vegas Weltruhm, ihre Auftritte mit den ­weißen Tigern sind bis heute legendär. Als Roy 2003 auf der Bühne plötzlich ohnmächtig wird, ver­ letzt ihn der Tiger Montecore schwer. W ­ ochenlang schwebt Roy in ­Lebensgefahr. Zu diesem Zeitpunkt waren die ­beiden Zauberkünstler ­bereits kein

­ iebes­paar mehr, doch immer noch eng verbunden. L Im Krankenhaus spielt Siegfried seinem Freund ein Stück aus der Oper Thaïs vor, die Erkennungs­ melodie in ihrer Show für die Ankunft der Raub­ katzen auf der Bühne. »Als ich sah, wie eine Träne seine Wange herunterlief, wusste ich, dass er es ­gehört und mich verstanden hatte. Danach war ich mir sicher, dass alles wieder okay werden würde«, beschreibt Siegfried das Erlebnis am Krankenbett seines Freundes. Für die einen mag das ein Zeichen für die hochsensiblen Bande sein, aus denen Freund­schaft besteht. Für die anderen ist es ein­ fach Magie.


BERÜHMTE FREUNDE 29

MICHAEL KNIGHT UND K.I.T.T.

Mittlerweile weiß die Forschung, dass Computer viele menschliche Aufgaben bald besser und billi­ ger erledigen als Menschen selbst. In den 80er Jah­ ren aber war diese Vision für die breite Masse vor allem spannende Vorabendunterhaltung, die sich aus dem Wunsch speiste, von übermenschlichen Kräften beschützt zu werden. Denn, mal ehrlich: Ein zuverlässiger Freund, der immer dann zur Stel­ le ist, wenn es brenzlig wird – wer wünscht sich das nicht? Michael Knight aus der Serie Knight Rider hatte es gut. Er musste nur »Ich brauch Verstär­ kung, K. I. T. T.!« in seine Digitaluhr raunen, und schon war das sprechende Wunderauto mit Turbo Boost zur Stelle. 1982 eroberten die vier Staffeln der Serie die USA und wurden auch international ein Erfolg, mit David Hasselhoff und einem Pontiac Firebird Trans Am in den Hauptrollen. Und obwohl der Schauspieler mittlerweile schon weit über sech­ zig ist, wird es nun eine Neuauflage geben. Darin hat sich nicht nur Hasselhoff verändert, auch das Auto sieht anders aus, es ist nun ein schwarzer ­Shelby GT 500KR Mustang. Die wesentlichen Zuta­ ten aber sind dieselben: Ein Auto. Ein Computer. Ein Mann.

LAURA DAHLMEIER UND GABRIELA KOUKALOVA

Laura Dahlmeier und Gabriela Koukalova sind Freundinnen – und scharfe Konkurrentinnen zu­ gleich: Im Biathlon stehen sie an der Weltspitze und kämpfen gegeneinander um die beste Platzierung. Abseits von Loipe und Schießstand aber pflegen die beiden Athletinnen ein inniges Verhältnis, dabei haben sie außer dem Sport augenscheinlich nur ­wenig gemeinsam. Während Koukalova bei einem Rennen niemals ohne Make-up antreten würde und ausgedehntes Shopping liebt, zieht Dahlmeier Natürlichkeit und Freizeit an der frischen Luft vor, wo sie gerne klettern geht. »Shoppen finde ich furchtbar anstrengend – es sei denn, es geht um Bergschuhe. Und es würde mir auch nicht einfallen, vollgeschminkt an den Start zu gehen.« Koukalova dagegen macht sich nichts aus den Bergen – und auch nichts daraus, dass Dahlmeier so andere Vor­ lieben hat: »Sie ist ganz besonders, sie hat einen tollen Charakter, ist ein fantastischer Mensch. Ich denke nur Gutes, wenn ich an sie denke.« Ähnlich sein und dennoch grundverschieden: Für Dahlmeier und Koukalova ist es eine Selbstverständlichkeit. Und am Ende gewinnt eben die Bessere.


30  BERÜHMTE FREUNDE

AUSTRIA 3: WOLFGANG AMBROS, RAINHARD FENDRICH, GEORG DANZER

DAMON UND PHINTIAS

Durch dick und dünn zu gehen, füreinander einzu­ stehen – was im Überschwang als Schwur vielleicht leichtfertig ausgesprochen wird, haben Damon und Phintias nach der Ballade von Friedrich Schiller ­einer harten Prüfung unterzogen. Als Damon we­ gen des versuchten Tyrannenmordes zum Tode verurteilt wird und um Aufschub bittet, um zuvor noch der Hochzeit seiner Schwester beiwohnen zu können, erklärt sich Phintias bereit, tapfer für die rechtzeitige Rückkehr des Freundes zu bürgen – und notfalls auch ­stellvertretend für ihn zu sterben. Es wird knapp: Als Damon mit Verspätung in die Stadt zurückkommt, rät man ihm zur Flucht: »Zu­ rück! du rettest den Freund nicht mehr, / So rette das eigene Leben! / Den Tod erleidet er eben. / Von Stunde zu Stunde gewartet’ er / Mit hoffender Seele der Wiederkehr«. Damon denkt aber gar nicht daran, diese Gelegenheit zu ergreifen, lieber folgt er dem treuen Freund in den Tod: »Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht, / Ein Retter, will­ kommen erscheinen, / So soll mich der Tod ihm vereinen«. Das Ende ist bekannt, die Treue rührt den Tyrannen ­Dionys und rettet beide. Ob sie sich danach tat­sächlich mit ihm angefreundet haben, wie Dionys ­hoffte, ist ungewiss.

Es gibt Freundespaare, die sind zu dritt. Wer im Jahr 2017 die Internet-Seite austria3.at aufruft, fin­ det dort unter »Aktuelles« eine Mitteilung, die be­ reits zehn Jahre alt ist: Darin wird der Tod Georg Danzers bekanntgegeben. Weitere zehn Jahre zuvor rief Rainhard Fendrich gemeinsam mit Danzer und Wolfgang Ambros die Gruppe Austria 3 ins Leben, die eigentlich nur für eine einzige Benefizveran­ staltung für Obdachlose bestehen sollte. Beflügelt durch den immensen Erfolg des Auftritts ließ sich das Trio aus den drei österreichischen Musikern aber überreden, fortan weiter gemeinsam aufzutre­ ten. Der Name der Gruppe ist eine Anspielung auf eine gleichnamige, billige filterlose Zigarettensorte, die von den Austria Tabakwerken bis in die 70er Jahre hinein produziert wurde. Dass Danzer kurz nach der Trennung der Band an Lungenkrebs er­ krankte, mag wie bittere Ironie erscheinen. Ein Jahr nach der Erkrankung erlag er seinem Leiden. Georg Danzer konnte nicht ersetzt werden, über die Idee einer Wiedervereinigung haben sich Fendrich und Ambros 2011 zerstritten. Der Eintrag zu Danzers Tod ist also in gewisser Weise wirklich noch aktuell. Wenn von dreien einer fehlt, bleibt mitunter weni­ ger als zwei zurück.


»Dann ist bei mir halt fertig mit der Harmonie« Michael Wohlgenannt und Willibald Nigsch im Gespräch über das richtige Verhältnis zwischen Nähe und Distanz


32 ATLAS

interview:  Frank Haas  fotos:  Lukas Hämmerle

Gerade einmal 1,6 km liegen zwischen den beiden ­Gebrüder Weiss-Niederlassungen Lauterach und Wolfurt. Grund g ­ enug, die beiden Niederlassungsleiter Willibald Nigsch (Wolfurt) und Michael Wohlgenannt (­ Lauterach) zu befragen, wo Freundschaft aufhört und Konkurrenz ­beginnt. Bei den Management-Meetings von Gebrüder Weiss sieht man euch und eure Kollegen aus der Region West immer an einem Tisch sitzen. Täuscht der Eindruck, oder habt ihr trotz aller Konkurrenz wirklich ein freundschaftliches ­Verhältnis? Michael Wohlgenannt: Freundschaft ist immer Definitions­

sache. Aber ich würde schon sagen, dass wir ein freundschaft­ liches Verhältnis pflegen. Das kommt wahrscheinlich in erster Linie daher, dass wir in der Region auf eine lange gemeinsame Erfolgsgeschichte zurückblicken und Neid eigentlich kein Thema ist. Willibald Nigsch: Es liegt aber auch schlichtweg daran, dass der Kollege Mayr (Niederlassungsleiter Hall / Tirol) bei den Tagungen immer zwei Stunden früher da ist als alle anderen und einfach die Plätze für uns reserviert. Würde er das nicht tun, könnte ich mir auch vorstellen, mal an einem anderen Tisch zu sitzen. (lacht) Unter euren Vorgängern soll die Stimmung dagegen alles andere als harmonisch gewesen sein. MW: Das stimmt schon. Das war aber eine ganz andere Zeit. Die standen in einem viel größeren Konkurrenzverhältnis. WN: Mein Vorgänger hat als Repräsentant seiner Zeit natür­ lich noch einen anderen Führungsstil gelebt. Das Profitcenter­ denken in den Niederlassungen war noch wesentlich stärker

ausgeprägt als heute und dadurch auch die Rivalität. Wir arbeiten heute weiterhin als Profitcenter, aber zusätzlich mit übergeordneten Konzernzielen und -strukturen, und fahren damit recht erfolgreich. Wie kam es zum Umdenken? WN: In den letzten Jahrzehnten hat sich die Wirtschaft stark verändert: Heute ist alles viel stärker vernetzt als früher, also müssen auch Dienstleister gut miteinander verbunden sein, um Erfolg zu haben. Die Vorteile eines konstruktiven Mitein­ anders fallen doch zu schwer ins Gewicht, als dass sie noch infrage gestellt werden könnten. Wie würdet ihr euer Verhältnis zueinander beschreiben? MW: Als ein gutes kollegiales Verhältnis. WN: Ja, und zwar in dem Sinne, dass wir uns gegenseitig akzeptieren und die Leistung des jeweils anderen respektie­ ren. Dazu kommt, dass wir natürlich auch gemeinsame Ziele definiert haben, an denen wir arbeiten. Wir haben die Region Vorarlberg in den letzten Jahren wesentlich verändert und die Organisation nun so aufgestellt, wie sie für die nächsten Jahre funktionieren kann. Also kommt diese Kollegialität auch durch die richtige Struktur zustande. WN: Genau. Unsere Niederlassungen konkurrieren nicht mehr so stark, sondern ergänzen sich gegenseitig in ihrem Portfolio. Da ist der eine froh, dass er den anderen hat. Dennoch: Um zu einer gemeinsamen Struktur und gemeinsamen Zielen zu kommen, braucht es ja ein belastbares ­persönliches Fundament. MW: Da ist unsere Situation schon besonders. Der Willi und ich sind seit Jahrzehnten im Unternehmen, und seit vielen Jahren sind wir gemeinsam im Management. Da gab es sehr viele Gelegenheiten, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. WN: Und dieses vertrauensvolle Verhältnis belebt ja nicht nur unsere Zusammenarbeit. Es überträgt sich auch auf unsere jeweiligen Abteilungen. Und ohne Ressentiments


in den jeweiligen Häusern kommt man einfach sehr viel ­schneller zu guten Ergebnissen. Was schätzt ihr aneinander? MW: Was ich am Willi schätze, sind seine Fachkompetenz und seine lange Erfahrung als Spediteur und Führungskraft. Man kann ihn gut einschätzen, er ist berechenbar – im posi­ tiven Sinne. Ich weiß einfach immer, woran ich bin bei ihm. WN: Der Michael hat eine klare Art, die Dinge zu formulieren. Und fachlich passt es sowieso zwischen uns, er ist auch seit über 40 Jahren Spediteur. Weiterhin schätze ich seinen in­di­vi­ duellen Stil, wie er seine Niederlassung führt. Der ist ganz anders als meiner. Inwiefern? WN: Ich rede ein bisschen mehr, bin harmoniebedachter und bemühe mich immer, dass alle Beteiligten in einer Situation zufrieden sind. Im Umkehrschluss: Der Michael kommuniziert nicht, braucht keine Harmonie und drückt die Dinge durch? MW: Das würde ich so nicht sagen. Ich nenne die Dinge halt beim Namen, kurz und knapp – und ich tu’ nicht lang umein­ ander. Wenn bei uns Führungskräfte wochenlang um ein und dasselbe Thema herumreden, dann ist bei mir halt fertig mit der Harmonie. Was stört euch aneinander? MW: Eigentlich nichts. Und das ist jetzt keine Bauchpinselei. Aber ich muss überlegen, ob das früher einmal anders war. WN: Wir haben unseren Modus gefunden und akzeptieren einander so, wie wir sind. Da wir uns über die Zeit nicht wesentlich verändert haben, gelingt das schon seit vielen Jahren reibungsfrei. Ich muss allerdings sagen, dass ich auch gar keine große Erwartungshaltung an den Michael habe – ­außer halt, dass er gute Ergebnisse schreibt. Und wenn die Ergebnisse einmal nicht mehr so gut sind? WN: Na, dann bekommt er ein Problem! Dann müssen wir ­diskutieren. Andersrum verhält sich das natürlich genauso.

Wir sind beide auf die Leistung des anderen angewiesen, wir wirtschaften in einen Topf. Was unser Chef von uns ver­ langt, das verlangen wir beide auch voneinander. Wir kon­ trollieren uns gegenseitig. Solange die Zahlen stimmen, sind alle zufrieden. Gab es schon solche Krisensituationen? WN: Die Krise 2008/2009 hat uns natürlich beide in gleichem Maße getroffen. Aber auch damals konnten wir das gegen­ seitige Übereinkommen erzielen, trotz der massiven Einbrüche keine Mitarbeiter abzubauen. Heute zahlt sich das aus, und wir sind noch stärker als zuvor. Wenn ihr mal für einen Tag die Rollen tauschen könntet – was würdet ihr tun? MW: Also, ich würde mir mal seine Anlagen ganz genau ­an­schauen. Feldkirch und Bludenz kenne ich eigentlich zu wenig. Und du? WN: Deine Anlagen kenne ich zur Genüge. Ich denke, ich sehe mich da eher auf der kommunikativen Ebene. Ich würde mal mit deinen Leuten reden, fragen, wie es läuft, wo der Schuh drückt. Gibt es etwas, worum ihr den anderen beneidet? WN: Aus meiner Sicht als Spediteur halte ich das Aufgaben­ gebiet des Kollegen Wohlgenannt mit seinen internationalen Landverkehren für etwas interessanter als meines. Ich bin für die nationalen Landverkehre verantwortlich und denke, dass mir ein stärkerer Austausch mit den internationalen Partnern durchaus Spaß machen würde, auch wenn mir bewusst ist, dass diese Verkehre durch das jeweilige Produktmanagement der einzelnen Partner heute viel stärker reglementiert sind als früher. MW: Ich beneide den Willi eher darum, dass er vorwiegend mit GW -Häusern zusammenarbeiten kann. Die Arbeit mit unterschiedlichen Partnern aus verschiedenen Ländern macht zwar großen Spaß, bringt aber natürlich auch einige große Herausforderungen in puncto Integration mit sich. Die IT -


34  »DANN IST BEI MIR HALT FERTIG MIT DER HARMONIE«

Michael Wohlgenannt, geboren 1959, hat als Auszubildender 1976 bei Gebrüder Weiss ­angefangen, war 1983 bei dem Gebrüder Weiss-Partner Davies ­Turner in London und danach Bereichsleiter Logistik. Seit 2005 leitet Wohlgenannt die Niederlassung Lauterach.

Willibald Nigsch, Jahrgang 1956, kam 1978 als Speditionsangestellter im nationalen Sammelverkehr in Bregenz zu Gebrüder Weiss. Seit 1991 leitet er die Niederlassung in Wolfurt, seit 2008 auch den Standort Feldkirch-Bludenz. 2005 hat Nigsch außerdem­ die Geschäftsführung von GW Rail Cargo übernommen.


»DANN IST BEI MIR HALT FERTIG MIT DER HARMONIE« 35

Bodensee

GEMEINSAM AM SEE In unmittelbarer Nähe zum Bodensee liegen seit den 80er Jahren die beiden Gebrüder Weiss-­ Niederlassungen Lauterach und Wolfurt in guter Nachbarschaft nebeneinander. In Lauterach, wo sich auch die Unternehmenszentrale befindet, beschäftigt die Niederlassung 220 Mitarbeiter und verfügt über 23.500 m2 Lagerfläche (1). Auf der an­deren Seite der Autobahn in Wolfurt arbei­ ten 165 Mitarbeiter mit 13.800 m2 Lagerfläche (2).

Rheintal-Autobahn Rhein Rhein

Lauterach Wolfurt

1

2

Schnittstellen müssen stimmen, die Systeme müssen zuein­ ander passen. Ich behaupte mal, dass man diese Hürden nicht nehmen muss, wenn man überwiegend mit GW -Häusern zusammenarbeitet. Persönlicher gefragt: Wer hat denn den schöneren Arbeitsplatz von euch beiden? MW: Also, das Büro vom Willi ist moderner. Meines ist ­Vollholz. Gefällt mir aber beides gleich gut. WN: Aber ich schaue auf die Berge und habe deshalb den schöneren Ausblick! MW: Das kannst du so nicht sagen. Ich schaue direkt auf die Zentrale. Was gibt es denn Schöneres? WN: Viereckig. Schwarz. Zwölf Meter hoch. O.k. (lacht) Seht ihr euch auch privat? MW: Eigentlich nicht. Manchmal gehen wir gemeinsam auf ein Altach-Match zum Fußball oder zum Eishockey bei den Bulldogs in Dornbirn. WN: Aber nicht regelmäßig. Wenn wir unsere Lehrlinge für ihren Abschluss feiern, dann gehen wir gemeinsam mit unseren Damen hin. MW: Unsere Frauen kennen sich schon auch, von diversen Geburtstagen. Gemeinsam zum Fußball, gegenseitige Einladungen – klingt nicht gerade so, als ob ihr euch aus dem Weg geht. Beide: Nein, nein, das nicht … WN: … aber besonders viele Gemeinsamkeiten haben wir nicht. Er fährt Motorrad, das mag ich nicht. Ich fahre Cabrio, das mag er nicht. MW: Er geht in Kanada Ski fahren. Dafür wäre ich jetzt nicht der Typ. Ich bin nicht so der Weltreisende. O.k. ist alles, was ich mit dem Motorrad erreichen kann. Wie muss man bei Gebrüder Weiss gestrickt sein, um Akzeptanz zu finden und Erfolg zu haben? MW: Das, was das Arbeiten bei Gebrüder Weiss besonders macht, ist die Handlungsfreiheit des Einzelnen. Jeder kann

hier seine eigenen Ideen einbringen und genießt von Anfang an einen großen Vertrauensvorschuss. Wenn sich dann der Erfolg einstellt, kann diese Handlungsfreiheit auch auf Dauer erhalten bleiben, ohne allzu großes Hineinregieren von oben. Das motiviert. Man ist hier nach wie vor ein Unternehmer im Unternehmen. WN: Das ist richtig. Dazu kommt, dass wir als unternehme­ risch denkende Niederlassungsleiter zusätzlich von den ­geschäftspolitischen Entscheidungen dieses Konzerns profi­ tieren. Gebrüder Weiss baut seit über 20 Jahren sein Netzwerk massiv aus. Für unsere exportorientierten Vorarlberger Kun­ den ist es natürlich attraktiv, wenn wir sämtliche Destina­ tionen weltweit mit eigenen Standorten abdecken können. Gebrüder Weiss hat gerade zahlreiche neue Standorte in Asien und Amerika eröffnet. Wie wird sich das ­Unternehmen eurer Meinung nach durch diesen Schritt verändern? MW: Ich denke, dass diese Expansion die konsequente Fort­ führung des Entwicklungskurses der letzten Jahre ist. Sie kommt auch zur richtigen Zeit, weil das Unternehmen aus­ reichend stabil und solide aufgestellt ist. Ich denke nicht, dass sich dadurch die Kultur groß verändern wird. WN: Zum Erfolgsgeheimnis von Gebrüder Weiss gehört, dass man fähigen regionalen Managern einen hohen Entschei­ dungsspielraum einräumt. Wenn es uns gelingt, an diesem Modell festzuhalten, dann werden wir auch in Zukunft erfolg­ reich agieren können – in Vorarlberg genauso wie an jedem anderen Ort in der Welt.

Frank Haas wurde 1977 ­geboren und studierte ­Geschichte und Philosophie. Er ist verantwortlich für die Unternehmenskommuni­ka­tion bei Gebrüder Weiss und C ­ hef­redakteur des ATLAS .


Kleine Welt groĂ&#x; vernetzt Ăœber die globale Nutzung von Social-Media- und MessengerDiensten


KLEINE WELT GROSS VERNETZT 37

text:  Imke Borchers Freundinnen aus dem Studium in Spa­ nien, Reisebekanntschaften aus China, der Partner vom Südafrika-Austausch, mit allen können wir täglich Kontakt halten, wir können verfolgen, was sie zu Abend essen oder wo sie ihren Urlaub verbringen – sofern wir zu den über drei Milliarden Menschen gehören, die welt­ weit in sozialen Netzwerken aktiv sind. Auch die Karriere lässt sich im online im Netzwerk für berufliche Kontakte pla­ nen, für die privaten Interessen gibt es zahlreiche Foren und Netzwerke, über die ich mich mit wildfremden Menschen vom anderen Ende der Welt oder auch aus der Nachbarstadt über Musik und Literatur beispielsweise austauschen kann.

Facebook ist mit monatlich etwas über 2 Milliarden aktiven Nutzern ­immer noch die weltweit am meisten ­frequentierte Social-Media-Plattform. ­Darauf folgen YouTube (1,5 Milliarden Nutzer) und der Instant-MessagingDienst WhatsApp, mit immerhin einer 1,2 Milliarden Nutzern*. Die Philippinen verbrachten 2016 am meisten Zeit mit der Online-Vernetzung: 257 Minuten pro User täglich, in China sind es 110 Minu­ ten, mit lediglich 40 Minuten nimmt sich der Japaner am wenigsten Zeit für virtuelle Freunde.** VERNETZT IN CHINA

Ein in der westlichen Welt fast unbe­ kanntes Netzwerk ist in China und auch in Teilen von Indonesien und Indien weit verbreitet: Weixin, im Ausland ­WeChat genannt, von der chinesischen Internetfirma Tencents hat in China eine Reichweite von 76 Prozent und insge­ samt über eine Milliarde registrierte Nutzer. Das liegt unter anderem natür­ lich auch daran, dass Kanäle wie You­ Tube, Facebook, Twitter und WhatsApp im Reich der Mitte offiziell gesperrt sind.

WeChat ist Messenger-Dienst und soziales Netzwerk in einem, es gibt in­ nerhalb des Dienstes Möglichkeiten zum Online-Shoppen, zum Buchen von Flug-, Zug- und Kinotickets. WeChat-Sports er­ laubt Fitness-Tracking mit der App, das WeChat-Wallet, der integrierte Bezahl­ dienst, wird von 200 Millionen Usern verwendet. Selbst um kleine Schulden zu begleichen, zücken Freunde nicht mehr das Portemonnaie, sondern schicken sich mit dem Smartphone über WeChat Geld hin und her. Rund ein Viertel der Nutzer verbringt eine halbe bis ganze Stunde täglich mit der App. Die Betrei­ berverfolgen das Ziel, ihren Nutzern ­alles anzubieten, was sie brauchen, um ihren Alltag zu organisieren und nicht mehr auf andere Dienste zurückgreifen müssen. Eine Strategie, der die Kon­ kurrenz aus dem Westen hektisch hinter­ her­eifert.


38 KLEINE WELT GROSS VERNETZT

VERNETZT ZUR LIEBE

Nicht nur um Kontakt mit alten Bekann­ ten oder Freunden in Übersee zu halten, auch um idealerweise in der Nachbar­ schaft die große Liebe – oder die nächste Affäre – zu finden, bewegen sich die Menschen zunehmend online. Dating­ Apps verzeichnen in den letzten Jahren starken Zulauf, allein in Deutschland geben 32 Prozent der Erwachsenen an, schon einmal im Internet nach einem Partner gesucht zu haben. Der Umsatz im Segment Online­Dating­Services wird hier Prognosen zufolge bis 2020 auf 265 Millionen Euro ansteigen. In Sachen Liebe scheinen regionale Anbieter beson­ ders geschätzt zu sein – kulturelle Ge­ pflogenheiten spielen offenbar beim Da­ ting eine entscheidende Rolle. Weltweit ist Tinder die am meisten genutzte Platt­ form für kurze Flirts und große Liebe, in Südamerika ist Badoo Marktführer, in Russland Frim und in China Momo.

Man könnte meinen, die Welt rücke über solche Dienste näher zusammen. Das ist aber noch längst nicht erwiesen. Dem »Kleine­Welt­Phänomen« zufolge, einer Hypothese, die Stanley Milgram bereits 1967 auf Grundlage der Ergeb­ nisse eines Experimentes aufstellte – lange bevor es soziale Netzwerke im In­ ternet gab –, sind alle Menschen auf der Welt durch eine überraschend kurze Kette von sechs Bekanntschaftsbezie­ hungen miteinander verbunden. Im Jahr 2008 haben Microsoft­Wissenschaftler Milgrams These auf Basis eines Netz­ werkes unter Instant­Messenger­Nut­ zern bestätigen können. Vielleicht ist die Welt also gar nicht sehr viel kleiner geworden, seit uns das Internet ver­ bindet. Vielleicht war sie schon längst weniger groß als angenommen.

Imke Borchers, ist Literaturwissenschaftlerin und Redakteurin für den ATLAS .

* Zahlen vom August 2017, Quelle: Global Digital Stat Shot Q3 2017, Agentur We are social ** Quelle: Statista.com


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Ich und es. Beziehungen zu jedem – und allem

text:  Janina Loh  illustrationen:  Frederik Jurk


40  ICH UND ES

Einmal traf ich in einem Bus in Berlin auf eine alte Frau, die offenkundig ohne Begleitung war. Sie hatte eine kleine Wunde am Bein. Nachdem ich ihr ein Pflaster besorgt hatte, fragte ich sie, ­wohin sie wolle und ob ich ihr vielleicht weiterhin behilflich sein könne. Die ­Antwort, die sie mir mit einem müden Lächeln gab, verblüffte mich: Ihr gehe es gut, bedankte sie sich, sie wolle nirgend­ wo hin. Sie fahre jeden Tag Bus, nur um unter Leuten zu sein, denn sonst wäre sie ganz allein. Diese Begegnung ist nun mehrere Jahre her, doch immer wieder kehre ich in Gedanken zu ihr zurück. Menschen haben eine faszinierende Fähigkeit: Sie können Beziehungen ein­ gehen. Sie binden sich an ein Gegen­ über, das in manchen Fällen (wie bei der Frau im Bus) gar nicht konkret sein muss und in zahlreichen anderen Fällen noch

nicht einmal menschlich. So vielfältig die Arten des Kontakts, der sich etwa in Geschäfts-, Liebes-, sexuellen und freundschaftlichen Beziehungen rea­li­ siert, so facettenreich das mögliche ­Gegenüber: Menschen erkennen Tiere als Familienmitglieder an, um deren Ab­ leben sie trauern, sie spielen ihren Zim­ merpflanzen auf der Violine vor, um ihr Wachstum anzuregen, sie hängen über Jahrzehnte an ihren Schnuffeldecken und geben ihren Autos Namen. Glaubt man Hannah Arendt, liegt das vielleicht daran, dass Menschen bereits in ihrem Denken niemals gänzlich allein, sondern immer schon an ein imaginiertes Gegen­ über gebunden sind. Arendt nennt diese Tatsache menschlichen Daseins das ­»innere Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst«. Und jede Beziehung, die ein Mensch eingeht, ist Ausdruck davon.

Das gilt auch für Beziehungen zu ­Unbelebtem. Objekte wecken unter­ schiedliche Gefühle in uns, sie vermit­ teln Geborgenheit, leisten Gesellschaft oder regen uns auch mal auf. Ganz ehr­ lich: Wer von Ihnen hat noch niemals den Computer angeschrien, wer besitzt eine Lieblingstasse, eine Glückssocke oder spricht mit dem alten Spielzeug­ teddy? Einige von uns gehen sogar ­intime Verbindungen mit Objekten ein: So ­heiratete Aaron Chervenak 2016 in Las ­Vegas sein iPhone, und die Berline­ rin ­Michelle lebt seit 2014 in einer festen Partnerschaft mit einer Boeing 737-800. Die beiden sind damit Mitglieder einer seltenen Gruppe von Menschen, denen Objektophilie »diagnostiziert« wird, also eine ungewöhnlich stark ausgepräg­ te emotionale Bindungsfähigkeit an be­ stimmte Gegenstände. Entgegen den gängigen Reaktionen, über solche und ähnliche Fälle zu lachen, empört den Kopf zu schütteln oder sie als patholo­ gisch bzw. »verrückt« abzutun, inter­ pretiere ich sie als ehrliche, wenngleich auffällige Beispiele der besagten Fähig­ keit, Beziehungen nicht nur zu jedem (Menschen und Tier), sondern auch zu allem (Unbelebten und Objekthaften) eingehen zu können. Aber – so wird die eine oder der an­ dere an dieser Stelle vielleicht einzu­ wenden geneigt sein – mache ich es mir nicht ein bisschen zu einfach, wenn ich alle Beziehungsarten über einen Kamm schere? Ist denn nicht eine Geschäfts­ beziehung von ganz anderer Qualität als eine freundschaftliche Beziehung? Und sich Schutz und Geborgenheit suchend in die Lieblingsdecke hineinzukuscheln, bedeutet doch noch lange nicht, die ­Decke auch zu lieben. Also sind Michelle und Aaron vielleicht doch »nicht ganz dicht«, wenn sie ihre iPhones heiraten und sexuellen Umgang mit Modellflug­ zeugen pflegen? Diesem Urteil hätte ­zumindest Aristoteles zugestimmt, der Freundschaften aus Lust, Nutzen und Tugend unterscheidet und die Möglich­ keit von Freundschaft mit unbeseelten Dingen dabei kategorisch ausschließt. Diese These untermauert er mit einer entsprechenden Theorie von Beseelt­ heit, der die Mehrheit der Leserinnen


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Theodore: »Nun, du wirkst wie ­ eine Person, aber du bist nur eine Stimme in einem Computer.« Samantha: »Ich verstehe, wie die beschränkte Perspektive einer nichtkünstlichen Intelligenz das so sehen mag. Du wirst dich daran gewöhnen.« Dialog zwischen einem Briefautoren und ­seinem sprechenden Betriebssystem im Film Her (Spike Jonze, 2013)

und Leser sicherlich intuitiv zustimmen würde. So scheinen sich Objekte doch gerade dadurch zu definieren, dass sie keine Seele haben, also tot, eben bloß Dinge sind. Andererseits lässt sich darüber, was eine Seele ist und welchen Entitäten im Kosmos eine solche zukommt, vor­ trefflich streiten. Die Antwort auf diese ­Frage ist auch kulturspezifisch: So steht Aristoteles mit seiner Position exem­ plarisch für die klassisch westliche Sicht der Dinge. Im Animismus hingegen wie im japanischen Shintōismus oder der germanischen Mythologie ist die Vor­ stellung von beseelten Objekten funda­ mental. Zudem begründen Leute wie Michelle und Aaron ihre Bindung an die geliebten Gegenstände gar nicht einmal damit, dass diese mit einer Seele aus­ gerüstet und deshalb liebenswert seien,


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»Wir nehmen Maschinen und stopfen sie mit Informationen voll, bis sie smarter sind als wir.  (…) Die meisten Männer schenken ihrem Auto in einer Woche mehr Liebe und Zeit und Geld, als sie ihrer Frau und ihren Kindern in einem Jahr zukommen lassen. Und was passiert bald darauf? Die Maschine fängt an zu glauben, sie sei jemand. « Tennessee Steinmetz in Ein toller Käfer (The Love Bug, Robert Stevenson, 1968)

sondern damit, dass sie die Erwartun­ gen, die die beiden jeweils an Liebesbe­ ziehungen stellen, vollständig erfüllen: im und mit dem Gegenüber zur Ruhe zu kommen, gemeinsam einzuschlafen, eine erfüllte Sexualität zu haben, Ge­ spräche zu führen, sich wertzuschätzen. Daher möchte ich eine andere De­ finition von (freundschaftlichen) Bezie­ hungen vorschlagen, die nicht notwen­ dig an die Bedingung der Beseeltheit geknüpft ist: Eine Beziehung bis hin zu einer Freundschaft kann man desto eher mit einem Gegenüber eingehen, je mehr es eine befriedigende Antwort auf die eigenen Bedürfnisse zu geben imstande ist. Inwiefern und in welchem Ausmaß das jeweils der Fall ist, unter welchen Umständen etwas als angemes­ sene Antwort interpretiert wird, mag jeder Mensch für sich individuell ent­

scheiden. Erinnern wir uns etwa an E. T. A. Hoffmanns berühmte Erzählung Der Sandmann, in der sich der Student Nathanael in eine automatisierte, huma­ noide Holzpuppe namens Olimpia ver­ liebt, freilich ohne zu wissen, dass es sich bei der betörenden Kunstfigur um einen leblosen Apparat handelt. Obwohl im Gespräch wortkarg und in ihrem sons­ tigen Verhalten eher einfach gestrickt, kann Olimpia Nathanael doch zunächst die von ihm gewünschte Antwort auf seine Bedürfnisse geben. Wer von uns mag darüber urteilen, ob diese Form der Zuneigung besser oder schlechter ist, von »geringerer Qualität« gar als die zu einem anderen Wesen? Wen das Thema Liebe und Freund­ schaft mit Blick auf Objekte zu sehr irri­ tiert, der sei an weniger intime Formen der Beziehung erinnert: In der Service­ robotik werden derzeit artifizielle Sys­ teme entwickelt, die Menschen in ihrem Alltag zur Hand gehen sollen. Ob der Staubsauger­Roboter Roomba (iRobot), Rasenmäher­Roboter wie der Automo­ wer (Husqvarna), der Verkaufsassistent Paul, der Kundinnen und Kunden durch die Gänge des Elektrohandels Saturn führt, oder die gegenwärtig in ihren Fähigkeiten noch recht eingeschränkten Haushaltsassistenzsysteme und Unter­ haltungsroboter wie Pepper (Aldebaran Robotics SAS in Kooperation mit Soft­ Bank Mobile Corp.), sie alle stehen für die wachsende Gruppe der sozialen Ro­ boter, die im Nahbereich des Menschen zum Einsatz kommen und daher über soziale Kompetenzen verfügen müssen – abhängig davon, was ihre jeweilige Auf­ gabe ist und inwieweit sie damit in di­ rekte Interaktion mit Menschen treten. In den Bereichen Pflege und Thera­ pie ist das Eingehen von Beziehungen zwischen Mensch und Maschine viel­ leicht noch offensichtlicher: Eine von William A. Banks 2007 durchgeführte Studie hat ergeben, dass alte Menschen zu einem Roboterhund (in diesem Fall AIBO von Sony) eine ganz ähnliche Bindung aufbauen können wie zu einem lebenden Hund. Der Roboter­Robbe Paro gegenüber (entworfen von Taka­ nori Shibata) öffnen sich insbesondere demenzkranke Menschen, die oftmals

dazu neigen, sich von ihren mensch­ lichen Betreuerinnen und Betreuern zu isolieren. Ich bin mir sicher, dass auch die alte Frau, der ich vor vielen Jahren in Berlin im Bus begegnet bin, ihre Freude an AIBO, Paro und Co. hätte. Vielleicht kann ein artifizieller Begleiter ihr nicht jeden menschlichen Umgang ersetzen, aber doch zumindest ihre Einsamkeit ein wenig lindern. Womöglich würde sie mit ihm aber auch einen späten zweiten Frühling erleben, sich ehrlich verstan­ den und wertgeschätzt fühlen in einer Weise, in der sie von Menschen schon lange keine Zuneigung mehr erhält. Menschen verlieren ihre wunderbare Fähigkeit, Beziehungen mit jedem und allem eingehen zu können, nicht ur­ plötzlich durch den Einsatz von Robo­ tern. Mir persönlich ist die Kultivierung dieser menschlichen Beziehungskom­ petenz – ganz egal, zu welchem Gegen­ über – viel wichtiger, als darüber zu dis­ kutieren, ob die Zuneigung zu einem Menschen besser ist als die zu einem Tier, einer Pflanze oder einem Roboter. Ich halte es für perfide, wenn sich je­ mand in einer Zeit der zunehmenden Alterseinsamkeit, der frappierenden Ausbeutung und großen körperlichen Belastung in Altenpflegeberufen gegen den Einsatz von Assistenzsystemen sträubt, weil sie oder er die Sorge hat, Menschen würden dann aufhören, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen. Wann haben Sie zuletzt Ihre Großtante im Altersheim besucht? Während Sie diese Zeilen lesen: Wer von Ihnen streicht dabei gelegentlich gedankenverloren und fast zärtlich über das Smartphone, das neben Ihnen auf dem Tisch liegt?

Janina Loh (geb. Sombetzki) ist Universitätsassistentin im Bereich Technik- und Medienphilosophie an der Universität Wien. Gegenwärtig arbeitet sie an einer Einführung in den Trans- und Posthumanismus (Junius 2018) sowie an einer Einführung in die Roboter-Ethik (Suhrkamp 2019).


GW-STIMMEN 43

STÄNDIGE BEGLEITER Es gibt Dinge, die sind im Alltag unverzichtbar – und seien sie noch so klein und unscheinbar. Wir haben Kolleginnen und Kollegen gebeten, für uns ihre Taschen zu öffnen und zu zeigen, was sie tagtäglich dabeihaben, wenn sie das Haus verlassen.

MARTINA THOMASER, IT, GW GRAZ, ÖSTERREICH

Als Frau mit einer ständig prall gefüllten Handtasche ist es schwer, die Dinge rauszupicken, die nicht fehlen dürfen – schließlich ist alles in der Handtasche überlebenswichtig. Als Hörbuch-, eBook-, Musik- und Filmjunkie darf mein iPad nie fehlen. Ebenso wichtig ist die richtige Würze, daher ist mein Salz- und Pfefferstreuer im Miniformat immer dabei – und Kaugummi.


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JOY WANG, IT & QM, GW TAIPEH, TAIWAN

Die Menschen in Taiwan gehen jedes Jahr in die Tempel und bitten um einen kleinen Talisman. Er passt in die Geldbörse oder die Brieftasche, so dass man ihn überallhin mitnehmen und Gott um Geld und Erfolg bitten kann.

ANITA MAMIĆ, MARKETING UND VERTRIEB, GW ZAGREB, KROATIEN

Ein Schlüsselanhänger mit einem Bild von Papst Johannes Paul II. Glaube ist mir wichtig und gibt mir Kraft in guten wie in schlechten Zeiten. Und dann habe ich noch Lippenstift dabei – falls mein Selbstvertrauen mal eine Auffrischung braucht.

ROBIN ZEIDLER, KUNDENSERVICE, GW ESSLINGEN, DEUTSCHLAND

Dieser Schlüsselanhänger, ein Trikot vom VfB Stuttgart, meinem Lieblingsfußballverein, hängt an meiner Tasche. Er erinnert mich immer an die genialen Momente im Stadion!


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ARAM POHOSYAN, LANDESLEITER, GW MUK ACHEVO, UKRAINE

Ich habe immer meinen USB-Stick in Form einer Matrjoschka bei mir. Er sieht gut aus und ist praktisch. Ich habe ihn seinerzeit von FarFreight (heute GW East Plus) als Werbung für ihre Filiale in Russland bekommen.

SANDRA MUSIELAK, HUMAN RESOURCES, GW CHICAGO, USA

Mein treuer Begleiter, Ratgeber, Helfer und Nachschlagewerk – das ist mein orangefarbenes Gebrüder Weiss-Notizbuch, das all meine Gedanken, essenziellen Informationen und alles, was mir im Leben wichtig ist, immer parat hat. Es ist wie ein echter Freund, der mir auf jedem Weg zur Seite steht.

TRAJCHE PANOV, IT, GW SKOPJE, MAZEDONIEN

Roses are red, violets are blue, I have a »few« USBs – how about you?


Zusammen überleben Worauf es in Freundschaften ankommt und wie sie funktionieren – ein Gespräch mit Janosch Schobin


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Janosch Schobin untersucht als Soziologe unter anderem die gesellschaftliche Bedeutung von Freundschaften. Von 2006 bis 2015 war er am Hamburger Institut für Sozialforschung, in dieser Zeit ist sein Buch Freundschaft und Fürsorge. Bericht über eine Sozialform im Wandel erschienen, danach der Titel Freundschaft heute: Eine Einführung in die Freundschaftssoziologie. Derzeit leitet er die Nachwuchsgruppe »Gamifizierung als soziologisches Problem« an der Universität Kassel.

INTERVIEW: Miriam Holzapfel In der Europäischen Union ist die Zahl der Eheschließungen seit Jahren schon im Sinkflug, während die Zahl der Scheidungen steigt. Wo Paarbeziehungen, die eigentlich auf Dauer angelegt waren, scheitern, wo Familienbande loser werden und an Bedeutung verlieren, da entsteht eine Lücke, von der Freundschaften möglicherweise profitieren. Schließlich können sich Freunde doch genauso gut umeinander kümmern wie Ehepartner – oder? Darf man von Freunden überhaupt erwarten, dass sie uns nützlich sind? Janosch Schobin hat sich mit solchen und ähnlichen Fragestellungen befasst. Herr Schobin, kühle Berechnung und tiefe Zuneigung – ist das ein Widerspruch, oder lässt sich in einer Freundschaft beides auch zusammen denken? Historisch betrachtet ist die Idee, dass Freundschaften nicht

unbedingt an einen konkreten Zweck gebunden sind und man zwischen Freunden und Geschäftspartnern unterscheiden sollte, relativ neu. Man kann ihren Ursprung in der schottischen Aufklärung im 18. Jahrhundert verorten. Im heutigen Alltagsleben ist es so, dass sich Freundschaft und Nutzen ergänzen, dass man also beispielsweise seinen Freunden durchaus auch Geld leiht. Konsequenter sind wir in der Regel eher in der Umkehrung: Es gibt eine Übereinkunft, dass man seine Freunde nicht nur deshalb haben sollte, weil man sich einen konkreten Nutzen von ihnen verspricht – und das ist universal

gültig. Im internationalen Vergleich wurde einmal die Frage gestellt, ob es in Ordnung sei, eine Freundschaft nur deshalb einzugehen, weil der Freund einen ganz bestimmten Gewinn bringt. Dafür wurden Menschen in 28 Ländern befragt, darunter Südafrika, Japan, Neuseeland, Europa, USA , Chile – eine sehr globale Studie also. Die Zustimmung war überall niedrig, nimmt allerdings in reicheren Gesellschaften noch einmal ab. Und das ist ja auch sinnvoll. Wenn du in deinen Lebenszusammenhängen darauf angewiesen bist, dass andere dir helfen, weil zum Beispiel der Staat, in dem du lebst, dir nicht hilft, dann bist du etwas eher geneigt, nützliche, hilfreiche Freundschaften eingehen. Aber sind Freundschaften nicht immer von Eigennutz getrieben? Wir haben unsere Freunde doch nicht nur zum Spaß! Natürlich spielen unsere Freunde im Hinblick auf unsere Existenz eine wichtige Rolle. Es gibt in der Freundschaftsethik seit der Antike das klassische Bild der doppelten Geiselgabe, oft dargestellt als zwei Krieger, die Rücken an Rücken stehen. Und diese beiden können nur überleben, wenn sie sich gegenseitig Deckung geben und keiner den anderen übers Ohr haut. Das heißt, man kann nur zusammen überleben und muss für dieses Überleben ständig Opfer bringen. Das ist das Grundbild. Darin eingelagert ist das, was Freundschaften kennzeichnet: dass man sich füreinander verletzbar macht und dass man existenzielle Risiken, die der andere hat, für ihn absichert, weil er die nicht selber absichern kann. Die Frage ist allerdings: Hat dieses Bild in der Moderne noch einen Ort? Ich meine: Ja. In dem Maße, wie das Leben nicht mehr durch


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Zugehörigkeiten zu sozialen Klassen und durch die Eingebundenheit in soziale Strukturen vorherbestimmt ist, in dem Maße also, wie wir frei sind, das eigene Leben zu wählen und zu gestalten, stellt sich die Frage: Wie soll ich das eigentlich tun? Was sind meine Möglichkeiten? Und das machen Menschen gerne in Gesprächen mit ihren Freunden aus, die dabei eine wichtige Rolle als Ratgeber und kompetente Bezugspersonen haben. Salopp gesagt: Fast jeder hat Seiten, die er an sich selber nicht sehen kann, man hält sich beispielsweise für sehr bescheiden, ist aber eigentlich total auftrumpfend, man hält sich für einen guten Zuhörer, bekommt in Wahrheit aber sehr wenig mit im Gespräch – hier sind Freunde bedeutsam, weil sie Informationen über uns sammeln, die für uns selbst unverfügbar sind. Und sie weisen auf diese Informationen hin und machen dadurch die Gestaltung des eigenen Lebens möglich. Was will ich? Was treibt mich an? Für diese Fragen brauchen wir Freunde. Sie helfen uns dabei, die eigene Existenz zu begreifen. Das heißt, unsere Freunde nehmen uns bestimmte Illusionen, die wir von uns haben. Ist das angenehm, wollen wir das wirklich? Die Statistik sagt, dass die Bereitschaft, enge Freundschaften einzugehen, in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft ein wenig zugenommen hat: Seit Mitte der 80er Jahre gibt es einen leichten Anstieg der Anzahl an Menschen, die mindestens einen engen Freund haben, mit dem sie wichtige Dinge besprechen. Es sind aber insgesamt immer noch eher wenig Menschen, in Deutschland etwa jeder Dritte. Häufig wird in diesem Zusammenhang auch gefragt, von wem man sich eine

unangenehme Wahrheit sagen lassen würde. Hier ist der Anteil der Menschen, die so jemandem haben, zumindest in den letzten zehn Jahren stabil. Interessant ist dabei, wie das in der Praxis funktioniert, denn dies hängt stark von der jeweiligen Beziehung ab. Ich selbst habe Freunde, von denen ich mir tatsächlich alles Mögliche sagen lassen würde, aber es gibt auch Menschen, die so eine direkte Ansprache nicht mögen. Und deshalb haben Freundschaften immer beziehungsspezifische Kommunikationsformen, das heißt, der eine weiß, wie eine bestimmte, möglicherweise heikle Information verpackt sein muss, damit der andere sie auch annehmen kann. Es gibt in Freundschaften diesen Moment der Offenbarung, in dem man etwas über die Wahrheit des anderen erfährt. Um damit umzugehen, entwickeln Freunde eine vertrauliche Art, über Schwächen und Verletzlichkeiten zu reden, ohne dass diese direkt thematisiert werden müssen. Das ist dann eine Art Geheimniskommunikation, die von Außenstehenden nicht verstanden werden kann und soll. Vielleicht braucht man diese Art des verschlüsselten Sprechens auch, damit es etwas leichter wird, über die eigene Bedürftigkeit zu sprechen und sich vor einem anderen Menschen angreifbar zu machen. Das ist psychologisch sicherlich richtig. Freundschaften basieren darauf, dass man sich voreinander verletzbar macht. Allerdings sind die meisten Freundschaften nicht besonders intim, sondern auf bestimmte Lebensaspekte beschränkt. Dann ist auch die Verletzbarkeit, die man dem anderen zeigt, an diese eine Sache gebunden und leichter zu ertragen. Richtig heikel wird es tatsächlich erst bei Intimfreundschaften. Denn natürlich ist es schwer, sich angreifbar zu machen, das muss man lernen. Und zugleich muss man umgekehrt in der Lage sein, dem Freund etwas von dieser Last abzunehmen, es ihm leichter zu machen, seine Verletzlichkeit zu präsentieren. Wenn Freundschaften nützlich sind und uns bei der Gestaltung unseres Lebens helfen, sollte ich mir dann nicht vielleicht ab der Mitte des Lebens jüngere und fittere Freunde suchen, die mir auch dann noch zur Seite stehen können, wenn ich alt und gebrechlich werde? Solche Überlegungen haben in der Praxis tatsächlich eine gewisse Logik, weil Pflege meist erst in den letzten Lebensjahren eine Rolle spielt. Freunde sind aber oft etwa gleich alt. Dadurch ergibt sich ein Problem, das sich auch unter miteinander alt gewordenen Lebenspartnern stellt: dass man gemeinsam in eine Bedürftigkeit hinein altert. Man braucht schon einen größeren Altersunterschied, damit das statistisch nicht zu oft passiert. Allerdings ist Pflege nicht ganz einfach und in der Regel noch sehr weiblich dominiert, d. h. Männer wissen oft gar nicht, wie man das macht, die haben keine Erfahrung damit. Wenn Männer also pflegende Aufgaben füreinander übernehmen wollen – und die Freunde von Männern sind eben häufiger Männer –, dann haben sie weniger Leute zur Verfügung, die überhaupt über das entsprechende Know-how verfügen. Frauen sind da privilegierter, die haben eher andere Frauen, mit denen sie eng befreundet sind. Ein weiteres Problem ist, dass Freundschaften eigentlich auf das Möglich-


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»Gibt es etwas Beglückenderes, als einen Menschen zu kennen, mit dem man sprechen kann wie mit sich selbst? Könnte man höchstes Glück und tiefstes Unglück ertragen, hätte man niemanden, der daran teilnimmt?« Cicero

machen der Autonomie des anderen hinauslaufen. Und Pflege passt in dieses Spiel nicht hinein. Pflege im hohen Alter ist meistens unumkehrbar und einseitig, das heißt, ich werde das, was ich an Pflege erhalten habe, vermutlich nicht zurückgeben können, zumindest nicht der gleichen Person. Trotzdem wird jeder, der schon einmal ein Altenheim von innen gesehen hat, wissen, warum man über so etwas nachdenken sollte. Allerdings sind Freunde mit größerem Altersunterschied nicht gerade häufig. Stimmt, und sie sind besonders selten, was Intimfreundschaften angeht. Pflege ist aber eine sehr intime Tätigkeit, weswegen häufig Ehepartner eher dafür akzeptiert werden als eigene Kinder oder Freunde. Die Art und Weise, wie wir unsere Freunde finden, ist einfach nicht darauf ausgelegt, dass wir altersdifferente Intimfreundschaften schließen: In der Schule und im Studium ist man mit Gleichaltrigen zusammen, der Arbeitsplatz später ist dann schon nicht mehr unbedingt der Ort, wo man wirklich intime Freundschaften pflegt. Und ist es nicht auch so, dass altersdifferente Menschen sich eben nicht so ähnlich sind, es aber einer bestimmten Ähnlichkeit bedarf, um miteinander intim sein zu können? Freunde sind sich in der Tat meistens ähnlich, die Frage ist aber: Waren sie das von vornherein, oder sind sie mit der Zeit ähnlich geworden? Wir wissen, dass beides passiert, dass sich beispielsweise gerne Menschen mit ähnlicher Herkunft und vergleichbarem sozioökonomischen Hintergrund anfreunden. Dazu kommen Annäherungen in Bereichen, die veränderbar sind, zum Beispiel die politische Einstellung, bestimmte Konsumvorlieben, der Musikgeschmack – all das wird von

Freundschaften sehr stark beeinflusst. Das heißt, die Ähnlichkeit von Freunden erklärt sich auch durch den Prozess der Freundschaft selbst, und dabei spielt dann ein Altersunterschied keine entscheidende Rolle mehr. Gibt es etwas wie einen globalen Kern von Freundschaft? Bestimmte Ansprüche, die überall auf der Welt gestellt oder eingelöst werden? Das grundlegende Schema von Freundschaften ist immer gleich: Man übergibt eine Form von Information, durch die man sich selbst verletzbar oder die eigene Existenz angreifbar macht. Das ist seit der Antike der Bindungsmechanismus, der Freundschaft überall kennzeichnet, eine gesellschaftliche Universalie, über Zeit und Raum hinweg. Unterschiedlich ist, wie wir dieses Schema gestalten, was das Lebenspfand ist, das wir einsetzen. In der Antike war es Blut als Zeichen der Ehre, als Sitz der Seele, das zieht sich auch durch die europäische Geschichte. Die Symbolik ist immer: Wir überleben nur zusammen, ich mache mich für dich verletzbar, und du machst dich für mich verletzbar. Wie ich eine Freundschaft ausgestalte, hängt also immer von der eigenen Existenz ab und davon, was meine individuellen Risiken dabei sind. Gibt es einen Klassiker, woran Freundschaften scheitern? Oft ist es Geheimnisverrat. Noch üblicher aber ist, dass Freundschaften einfach einschlafen. Sie sind nämlich nicht unbedingt auf ewige Dauer angelegt, sondern basieren darauf, immer wieder durch Rituale reproduziert zu werden. Das heißt, man muss immer wieder über intime Dinge sprechen, man muss sich immer wieder offenbaren, damit die Freundschaft weiter existiert. Bei uns sind Freundschaften aber keine Primärstruktur der Gesellschaft, nach der wir unser Leben ausrichten, sie sind im Allgemeinen zum Beispiel nicht einmal so wichtig wie der Beruf. Viele würden wohl für einen Job umziehen, nicht aber hinterhergehen, wenn ein Freund wegzieht. Und so trennen sich Lebenswege, und Freundschaften hören auf. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich da etwas ändert. Einen Freundeskreis aufzugeben und nur mit dem Partner an einen anderen Ort zu gehen, kann unter Umständen nämlich mehr Steinchen ins Rollen bringen, als einem lieb ist. Beispielsweise zieht das etwas von der sekundären Stabilisierung einer Liebesbeziehung ab, die dann vielleicht gefährdet ist. Und vieles im Leben hängt ganz eng organisch zusammen, wir wissen zum Beispiel, dass sich Scheidungen in einem Freundeskreis oft epidemisch ereignen. Für eine vermeintlich lebenspraktische Entscheidung wie ein etwas höheres Einkommen das soziale Netz aufs Spiel zu setzen, ist deshalb riskant. Ab einem gewissen Alter würde ich das nicht mehr empfehlen – aber das ist jetzt sehr normativ, so sehe ich das einfach ganz persönlich.

Miriam Holzapfel ist Kulturwissenschaftlerin und Redakteurin für den ATLAS .


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DU SCHON WIEDER Nach vielen Jahren im Beruf ist es wie nach ­vielen Jahren in einer Beziehung: Man kennt sich gut, man schätzt sich sehr, und man geht sich ein bisschen auf die Nerven – manchmal alles zur gleichen Zeit. Der Lkw-Fahrer Tarek Kohler erzählt, wie er die ­Routinen auf seinen Routen gestaltet und die Liebe zu ­seinem ­Beruf erhält. protokoll:  Judith Gebhardt-Dörler fotos: Manuel Riesterer


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Seit ich mich erinnern kann, wollte ich Lkw-Fahrer werden. Ich glaube, ich bin mit dem Lkw-Gen auf die Welt gekommen. Ich komme von einem Bauernhof, Maschinen haben mich schon als kleiner Bub interessiert. Für mich galt damals: Groß, größer, noch größer, am besten. Wenn irgendwo ein Lkw vorbeigedonnert ist, dann hab ich immer hinterhergeschaut. Eigentlich wollte ich eine Lehre zum Berufskraftfahrer machen, das ist in Deutschland ein dreijähriger Ausbildungsberuf. Aus gesundheitlichen Gründen ging das aber leider nicht. Also hab ich eben einfach den Lkw-Führerschein gemacht und mir einen Job gesucht. Mittlerweile bin ich seit zwölf Jahren Lkw-Fahrer, davon die vergangenen sieben Jahre für Gebrüder Weiss. Seit ich im Beruf bin, hat sich viel geändert, die Lkw sind automatisiert. Zum Beispiel hat mittlerweile fast jeder neue Lkw einen automatischen Abstandssensor, Spurassistenten und natürlich Automatik – ich habe noch mit einer Schaltung das Fahren gelernt. Oder den Müdigkeitsassistenten, der sich meldet, wenn


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»IN DIE RASTSTÄTTE ­GEHEN, ETWAS ESSEN, KAFFEE TRINKEN – MAN MUSS HALT ­IRGENDWIE VOM ­FAHREN ­R UNTER­KOMMEN.« du lange auf der Autobahn geradeaus fährst: »Du bist müde, bitte kurz eine Pause einlegen!« Das bringt einerseits Vorteile, andererseits hat man nur noch wenig Möglichkeiten, etwas selbst zu entscheiden oder zu reparieren. Meine Touren beginnen meist früh am Morgen. Da komme ich zwischen 5:30 und 6:30 Uhr in die Firma und melde mich in der Dispo. Dort erhalte ich meinen Auftrag, meistens weiß ich aber schon am Vorabend, was ansteht. Ich ­bekomme die Ladeliste, gehe ins Lager

und lade den Lkw – wenn er nicht schon vorgeladen ist. Bevor ich schließlich losfahre, mache ich eine Abfahrtskontrolle, überprüfe kurz den Reifendruck mit ­einem Hammer, außerdem die Beleuchtung, die Elektrik, die Anschlüsse, die Verbindungen und die Ladung. Je nach Kunde und je nachdem, welchen Linienverkehr ich fahre, bin ich ­anschließend neun bis elf Stunden unterwegs – mit Pausen. Wir dürfen sechs Stunden fahren, dann müssen wir eine Dreiviertelstunde Pause machen, danach wieder sechs Stunden Fahrt. Wenn ich also morgens um sechs Uhr anfange, muss ich spätestens um zwölf Uhr Mittagspause machen. Als ich vor meiner Zeit bei GW noch im Fernverkehr unterwegs war, bin ich am Sonntagmittag gestartet und am Samstagmittag wieder heimgekommen. Dazwischen habe ich jeden Abend auf ­einer anderen Raststätte übernachtet.

links: Ruhepause vor dem Lkw rechts: Ein Gespräch für den ATLAS ist auch willkommene Abwechslung vom Alltag

Damit muss man sich abfinden, in die Raststätte gehen, etwas essen, Kaffee trinken – man muss halt irgendwie vom Fahren runterkommen, lesen und dann früh schlafen gehen, um am nächsten Morgen wieder fit zu sein. Weil ich jetzt Springer bin, fahre ich immer auf unseren eigenen Linien und stets die gleichen Touren. Besonders ­gerne fahre ich die Nachtlinie, die Begegnung von GW Graz. Dafür geht es von Memmingen nach Salzburg, wo ich meinen Kollegen treffe, der von GW Graz kommt. In Salzburg tauschen wir unsere Wechselaufbauten, genannt WAB , wir »wabben« also komplett um. Dann fährt er mit »meiner« Wechsel­ brücke nach Graz und ich nach München zu einer Partnerspedition. Dort brücke ich um und fahre zurück nach Memmingen. Die Abläufe sind an meinen Arbeitstagen deshalb meistens gleich, ich gehe


DU SCHON WIEDER 53

oben: Routinemäßige Kontrolle vor der Abfahrt Mitte: Auch der Besuch in der Metzgerei ist für den Lkw-Fahrer Routine. unten: Die täglichen Wege von Tarek Kohler

DEUTSCHLAND 117 km

München

Memmingen

km

145 km

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an dieselben Raststätten und kenne die Leute unterwegs. Da entstehen dann nicht unbedingt Freundschaften, aber ich habe schon Kollegen, die ich meist zufällig immer wieder treffe, und dann isst man vielleicht was miteinander. ­Früher war es noch gang und gäbe, dass man sich auf der Straße untereinander gegrüßt hat: Wenn ein Lkw einen anderen überholt hat, hat man ihm per Lichthupe oder zweimaligen Blinken signalisiert, dass er sich vor einem einreihen kann. Das ist heute leider nicht mehr so. Auch das Zusammenspiel zwischen Lkw- und Pkw-Fahrer hat etwas gelitten. Es gibt etliche Pkw-Fahrer, die einen aus dem Auto heraus beschimpfen. Manche reihen sich beim Überholen nur zwei Meter vor meinem Lkw wieder ein. Ich habe aber einen Abstandstempomat, der dann sofort auf die Barrikaden geht und zu bremsen beginnt. Da muss man höllisch aufpassen und sofort vom Gas runter. Aber aufregen hat keinen Wert, da musst du drüberstehen, es ignorieren. Mit den Kunden ist der Umgang aber meist freundschaftlich, weil ich viele von ihnen kenne. Bei einem Kunden in der Schweiz kommt es sogar vor, dass ich auf den Hof komme und die Kollegen aus dem Lagerbereich gerade grillen. Da heißt es dann ganz selbstverständlich: »Komm, setz dich her und iss mit uns, es ist noch genug da.« Momentan fahre ich die Linie Schweiz, und jedes Mal, wenn ich über die Grenze komme, stelle ich meinen Lkw ab und kaufe mir meine Jause – ­immer bei der Metzgerei Feurstein in Höchst, immer zur gleichen Uhrzeit, so zwischen 11:00 und 11:30 Uhr. Da stiefle ich hinein und bestelle meine zwei ­Leberkäs-Semmeln und werde immer freundlich mit folgendem Satz begrüßt: »Mei, jetzt kommt der Allgäuer wieder.« Das ist schon ein schöner Moment.

St. Margrethen

Judith Gebhardt-Dörler hat Sozial- und Wirtschafts­ wissenschaften in Innsbruck studiert und ist bei GW als Project Manager Corporate Communications zuständig für Publikationen.

Nendeln FÜRSTENTUM LIECHTENSTEIN

SCHWEIZ

ÖSTERREICH

Salzburg


54 FÜNF FREUNDE

1982

Gib mir fünf !

Eigentlich sollte es nur ein Urlaubsschnappschuss sein, aber es wurde ein festes Ritual daraus: Seit 1982 treffen sich fünf Freunde aus Kalifornien alle fünf Jahre am selben Ferienort wieder, um auf derselben Bank dasselbe Gruppenfoto wie damals abzulichten, zumindest teilweise sogar mit denselben Klamotten. Das neunte Foto wird in einem Jubiläumsjahr aufgenommen: Die Freunde sind dann 40 Jahre älter als beim ersten Foto. Nur die Kakerlake im Glas bleibt jung – es ist immer eine andere.


FĂœNF FREUNDE 55

1987 1992

1997 2002

2007

2012

2017

von links nach rechts: John Wardlaw, Mark Rumer, Dallas Burney, John Molony, John Dickson


Gespaltene Geister, gemeinsame Geschäfte Reformation und Wirtschaftsboom text:  Till Hein  illustrationen:  Lars Hammer


GESPALTENE GEISTER, GEMEINSAME GESCHÄFTE 57

Das Zeitalter der Reformation war für Europa und die Welt ein bewegtes, nicht nur was Religion betrifft: Vormals im Glauben vereinte Menschen gingen nun ­getrennte Wege, alte Beziehungen in der Welt wurden neu ­geordnet, unbekannte Bande geknüpft und die Basis für die globalisierte Wirtschaft geschaffen. ­Entstand der moderne Kapitalismus gar aus dem Geist der Glaubensspaltung?

REFORMATION Im beginnenden 16. Jahrhundert gab es in der römisch-katholischen Kirche Re­ form­bestrebungen, die letztendlich in der ­Kirchenspaltung endeten. Grund für den Aufruhr ­waren die von vielen ­Katholiken als falsch und un­gerecht ­empfundenen Lehren der ­Katholiken, i­nsbesondere zum Ablass und zur ­Ämterverteilung. Den Beginn der Bewegung markiert der Thesen­ anschlag Martin Luthers 1517 – also vor 500 Jahren – an die Schlosskirche zu ­Wittenberg in Deutschland, in der Schweiz trieben Huldrych Zwingli und ­Johannes Calvin die Reformation maßgeblich voran. Aufgrund unterschiedlicher Lehren ­gingen aus der Reformation verschiedene Glaubensrichtungen hervor, im deutschsprachigen Raum hauptsächlich die Luther­ aner und die Reformierten. In England führte die Kirchenspaltung zur Gründung der anglika­nischen Kirche, in Teilen Osteuropas zum Unitarismus. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wird die Reformation als abgeschlossen angesehen.

Als Martin Luther im Herbst 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche von Wittenberg anschlug, landeten – rund 9.000 Kilometer weiter westlich – gerade die ersten Spanier an der mexikanischen Küste, und portugiesische Händler erreichten Taiwan. Zwei Jahre später, Luther trieb die Kirchen­ spaltung weiter voran, eroberte Hernán Cortés in Mexiko das Aztekenreich. Bald darauf errichteten die Europäer ein ge­ waltiges Kolonialsystem – und Bodenschätze aus Amerika und Asien ließen den Welthandel erblühen. Historiker sind sich einig, dass im 16. Jahrhundert wichtige Grundsteine für die Globalisierung gelegt wurden. Doch gibt es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang zwischen der Reformation und dem Aufschwung der Weltwirtschaft? Die Überlegungen des berühmten deutschen Soziologen Max Weber (1864 – 1920) gehen in diese Richtung. In seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus vertrat er 1904 die These, dass zwischen dem Kapitalismus und der calvinistischen Ausprägung des Protestantismus eine »innere Verwandtschaft« bestehe: Protestanten haben, so ­Weber, eine »spezifische Neigung zum ökonomischen Ratio­ nalismus« – was den Unternehmergeist fördere. Als Beleg führte er an, dass sich der Kapitalismus in protestantisch ge­ prägten Ländern wie den Niederlanden, England und den USA besonders früh und erfolgreich entwickelt hat. Vor allem Calvins Leitgedanke »Wer Erfolg hat, ist von Gott auser­ wählt« habe dem Gewinnstreben Vorschub geleistet – als Aus­ druck der Gottgefälligkeit. Das Provinzstädtchen Genf, wo der Kirchenreformator ab 1541 als Prediger wirkte, verwandelte sich in wenigen Jahrzehnten in eine pulsierende Wirtschafts­ metropole. Und die ganze Schweiz erlebte im Zuge der Refor­ mation einen Aufschwung. Neben der Uhrenindustrie zeugt besonders das international verzweigte Schweizer Bankwesen bis heute davon.


58  GESPALTENE GEISTER, GEMEINSAME GESCHÄFTE

Dennoch ist Webers These umstritten. Immerhin war in der frühen Neuzeit ja gerade die – erzkatholische – Handelshoch­ burg Venedig das Paradebeispiel einer blühenden Business­ metropole. Auch der katholische Jesuitenstaat in Südamerika prosperierte. Und in Augsburg, wo die Reformation im frühen 16. Jahrhundert besonders viele Anhänger fand, blieb ausge­ rechnet Jakob Fugger, der Chef des weltweit führenden Bank­ hauses und Pionier der internationalen Handels- und Finanz­ wirtschaft, katholisch. Martin Luther dagegen, der wichtigste Kirchenreformator, tat sich als Bremser der Globalisierung hervor. Als er von der Entdeckung neuer Länder in Übersee hörte, interessierten ihn diese ausschließlich als Wirkungs­ felder für die christliche Mission. Den internationalen Finanzund Warenverkehr hielt er für Teufelszeug. Denn durch den Import fremdländischer Luxusgüter wie Goldschmuck, Samt und Seide werde das Geld wie auf einem »grossen schiff ausz deutschen landen gefuret«. Luther fürchtete eine Deflation (sinkendes Preisniveau aufgrund einer zu geringen verfüg­ baren Geldmenge) in der Heimat und plädierte für den Ver­ zicht auf jegliche exotische Kostbarkeiten. Die Zukunft sah er in der bäuerlichen Tradition, nicht im globalen Handel. Der Bankiersfamilie Fugger aus Augsburg und »dergleychen ­ge­selschafften« (»ähnlichen Gesellschaften«) wollte er »ein zawm ynsz maul legen« (»einen Zaum ins Maul legen«). Viele Experten glauben denn auch, dass der Aufstieg der Schweiz und vieler weiterer Länder zu Wirtschafts- und Han­ delsmächten im 16. Jahrhundert weniger mit neuen theolo­ gischen Überzeugungen durch die Reformation zu tun hatte. Entscheidend sei vielmehr die Masseneinwanderung von Fach­ kräften gewesen – ein indirekter Einfluss der Kirchenspaltung: Hunderttausende Protestanten flohen im 16. und 17. Jahr­ hundert im Zuge blutiger Glaubenskriege, die durch die Refor­ mation entfesselt worden waren, aus Frankreich, Italien und weiteren Ländern Europas – und viele suchten in der Schweiz


GESPALTENE GEISTER, GEMEINSAME GESCHÄFTE 59

Schutz. Ein Großteil der Flüchtlinge war gebildet und hoch qualifiziert. Insbesondere Calvinisten aus Frankreich (Huge­ notten) gaben dem Schweizer Wirtschaftsleben neue Impulse. In Nordamerika, Schweden, den Niederlanden, Großbri­ tannien, Deutschland, Russland und Südafrika siedelten sich ebenfalls gut ausgebildete protestantische Flüchtlinge an. Und manche Historiker glauben, dass sich ohne die Einwan­ derung von Hugenotten das unbedeutende Ackerbaustädt­ chen Berlin nie zur späteren deutschen Metropole entwickelt hätte. Nicht immer war es allerdings die Glaubensspaltung, die sich auf die Wirtschaft auswirkte. Manchmal führten wirt­ schaftliche Gegebenheiten auch zur Annahme eines anderen Glaubens: Ins österreichische Salzkammergut etwa brachten Salzhändler die Schriften Martin Luthers schon, als sein Name in vielen anderen Gebieten des heutigen Österreich noch kaum bekannt war. Der Lohn der Knappen im Salzberg­ werk war so niedrig, dass kein Geld übrig blieb, um Ablass­ briefe zu erwerben. Luther, der die Käuflichkeit des Seelen­ heils ablehnte, wurde unter den Bergarbeitern schnell populär, und der Protestantismus etablierte sich in der Gegend um Hallstatt daher bereits in den 1520er Jahren. Weil die Salz­ industrie die Arbeitskräfte dringend brauchte, blieben die katholischen Habsburger jahrzehntelang tolerant gegen die »protestantischen Umtriebe« im Salzkammergut. Theologische Streitigkeiten hin oder her: Menschen, mit denen man Geschäfte machen kann, sind zumindest keine Feinde. So ließ zwar die Stadtverwaltung von Venedig 1527 Luthers Schriften öffentlich verbrennen. In der Fondaco dei Tedeschi am Canale Grande aber, der Niederlassung der deutschen Kaufleute, durften weiter protestantische Gottes­ dienste gefeiert werden. Und die venezianischen Kollegen behandelten die Händler aus dem Norden beinahe freund­ schaftlich. Die Geschäfte gingen eben vor.

Chance ergriffen Auch die frühe Firmengeschichte von Gebrüder Weiss fällt in die Zeit der Reformation. Und was sich damals am Bodensee zutrug, verdeutlicht, wie unternehmerisches Denken mitunter die verbissensten (theologischen) Grabenkämpfe zu umschiffen vermag: Das Unternehmen ging aus dem Expressdienst »Mailänder Bote« hervor, der durch die Via Malaschlucht und über den 2.100 Meter hohen Splügenpass zwischen Lindau und Mailand Briefe, Waren und Passagiere beförderte. Ab dem 16. Jahrhundert waren nicht mehr Bürger aus Lindau, sondern vereidigte Fuhrleute vom gegenüberliegenden Ufer des Bodensees aus Fußach – darunter die Familien Spehler und die Vis (Weiss) – als Boten im Einsatz. Das kam so: Im Zuge der Reformation wurde die Stadt Lindau 1528 protestantisch. Die katholischen Mailänder aber akzeptierten keine »Ketzer« als Boten. Durch die Inquisition in Mailand kam es zu Schwierigkeiten für die Bürger aus Lindau. Daher gingen die Lindauer Handelsherren bald dazu über, statt (protestantische) Mitarbeiter aus ihrer Stadt Katholiken aus dem nahen Fußach in Vorarlberg als Kuriere nach Italien zu schicken. Diese Chance nutzte unter anderem die katholische Familie Vis (Weiss) – Urahnen der heutigen Eigentümerfamilie von Gebrüder Weiss –, um sich durch Generationen im Transportwesen über die Alpen verantwortlich zu engagieren.

Till Hein, geboren 1969, ist freier Wissenschaftsjournalist in Berlin. Er schreibt u. a. für NZZ am Sonntag, Mare, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Spiegel GESCHICHTE und das österreichische Nachrichtenmagazin Profil. Im be.bra Verlag hat er Der Kreuzberg ruft! – Gratwanderungen durch Berlin veröffentlicht.


60 FAMILIE

ERKENNE DEINE FREUNDE! Ein antiker Philosoph hat sich Gedanken gemacht, woran man erkennen kann, wann jemand ein Freund ist – und nicht einfach nur jemand, den man eben kennt. Wenn du so jemanden hast, dann verschenke doch ein Freundschaftsbändchen, damit er oder sie ganz sicher weiß, dass dir die Freundschaft wichtig ist.

Für alle Fälle:

ARISTOTELES’ VORSTELLUNG VON FREUNDSCHAFT Vor 2.400 Jahren lebte in Griechenland der Philosoph Aristoteles. Er hatte zum Thema Freundschaft ganz klare Vorstellungen: Alle Menschen, ob reich oder arm, jung oder alt, brauchen enge Beziehungen zu anderen, meinte er. Denn ein Freund kann dich sowohl vor Fehlern bewahren, dich stärken und cleverer machen als auch eine Hilfe sein und dich zum Beispiel pflegen, wenn du einmal nicht mehr gut für dich selbst sorgen kannst. Je nach dem Grund für die Freundschaft unterschied Aristoteles Freunde in verschiedene Typen: nützliche, angenehme und gute.

GUTE FREUNDE

ANGENEHME FREUNDE In angenehmen Freundschaften triffst du dich vielleicht mit jemandem auf dem Abenteuerspielplatz, wo ihr zusammen toll spielen könnt und gemeinsam Spaß habt. Trotzdem teilst du mit diesem Freund möglicherweise nicht deine Geheimnisse.

Hast du einen angenehmen Freund?

Ein guter Freund ist für Aristoteles einer, den du wirklich besonders gern hast – einfach dafür, dass er ist, wie er ist. Du kannst ihm alles erzählen, weil du sicher sein kannst, dass er es gut mit dir meint und dich versteht. Und du kannst alles Mögliche mit ihm unternehmen.

Wie heißt dein guter Freund?

Oder hast du sogar einen für alles?


FAMILIE 61

FREUNDSCHAFTSBÄNDCHEN

1 Beginne mit der linken Schnur 1 und lege sie erst über, dann unter die danebenliegende Schnur 2. Mache einen Knoten. Wichtig: Halte die Schnur 2 dabei gut gespannt.

1

Du brauchst 4 gleich lange Schnüre, die an einem Ende zusammengeknotet sind. 2

4 2

1

3

2

Das ist die Schnur, mit der du als nächstes arbeitest.

4 So fährst du fort und machst mit  Schnur 1 um jede weitere Schnur zwei Knoten, bis du rechts angekommen bist.

Wiederhole den ersten Schritt ein zweites Mal, so dass um die Schnur 2 zwei Knoten sind.

4

2

Nun fängt alles wieder von vorne an: Nimm die Schnur, die jetzt ganz links liegt, und knote dich bis nach rechts durch, immer zwei Knoten pro Schnur.

5

3 4

1

Fahre so lange fort, bis dein Bändchen lang genug ist.

6 NÜTZLICHE FREUNDE Das können Freunde sein, mit denen du dich zum Beispiel zum Tennis verabredest, aber ansonsten nichts anderes gemeinsam unternimmst. Die Freundschaft ist dann nützlich für euch beide, weil man nun mal nicht alleine Tennis spielen kann.

Wer ist dein nützlicher Freund?

Nimm alle Schnüre zusammen und mache damit einen großen Knoten als Abschluss.

Blätter einmal auf Seite 28 in diesem Magazin, dort findest du berühmte Freundschaftspaare. Fallen dir noch mehr ein?


62 

HONGKONG | Das PerlflussDelta mit der Provinz Guangdong und dem angrenzenden Hongkong ist eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen Chinas und ein bedeu­ tendes Logistik-Drehkreuz Richtung Europa und Amerika. Gebrüder Weiss hat sein Netz in der Region weiter verdichtet und vier neue Standorte in Hongkong, Shenzhen, Zhanjiang und Guangzhou eröffnet. Neben dem Schwerpunkt Luftund Seefracht bieten die Büros auch spezielle Logistiklösungen, von Lagerung und lokaler Distribution bis hin zu eCommerce-Lösungen mit Webshop-Systemen, an.

USA | Auf in den Westen: Gebrüder Weiss hat eine eigene Landesorganisation in den Vereinigten Staaten gegründet. Die Zentrale ist in Chicago, weitere Standorte sind New York, Atlanta und Boston an der Ostküste sowie Los Angeles an der Westküste. In allen Standorten bietet Gebrüder Weiss seinen Kunden neben den klassischen Transportlösungen auch spezifische Logistiklösungen an.

VIETNAM | Seit Juni 2017 verfügt Gebrüder Weiss auch in Vietnam über ein Zolllager. Das Lager wird momentan hauptsächlich von einem langjährigen Kunden genutzt, für den das Team auf 1.000 m2 Fläche 600 Artikel vor­rätig hält. Die Fläche für das Zolllager und die Beschaffungs- und Distributionslogistik kann bei Bedarf auf 3.000 m2 erweitert werden.

DIE WELT ORANGE


63

DEUTSCHLAND | In Deutschland baute Gebrüder Weiss seine Air & Sea-Kompetenz aus und eröffnete neue Standorte in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und München. Das Landverkehrsnetz verstärkte der Logistiker durch die Übernahme der Deutsche Transport C ­ ompagnie Erich Bogdan GmbH & Co. KG (DTC) mit Hauptsitz in Nürnberg.

ÖSTERREICH | Die Tiroler Spedition Kappeler ist als 100-­pro­zentige Tochter von Gebrüder Weiss in das Netzwerk des Logistikers integriert worden. Der Spezialist für Event-, Umzugs-, Lager- und Möbel­logistik sowie Kunsttransporte mit rund 40 Mitarbeitern erweitert das Produktportfolio von Gebrüder Weiss in der Region und ergänzt den Bereich der Endkundenzustellung mit langjähriger Erfahrung.

TSCHECHIEN | Der Hauptsitz Jeneč nahe Prag wird umfassend erweitert. Drei neue Lagerhallen mit 9.000 m2 Gesamtfläche lassen den Standort auf 18.000 m2 wachsen. Damit kann die besonders im Gefahrgutbereich gestiegene Nachfrage bedient werden. Und auch die Mitarbeiter profitieren von den Umbaumaßnahmen: Die Sozialräume der Niederlassung werden umfangreich modernisiert.

DUBAI | Fracht mit vermutlich außergewöhnlichen Kräften: Im Juli nahm das Team von Gebrüder Weiss Dubai neben acht weiteren Autos das Batmobil, das original Filmauto des Superhelden, entgegen. Die Kollegen aus Los Angeles hatten für eine sichere Verladung der einzigartigen Fracht gesorgt, und nach 40 Tagen auf See wurde sie dann in Dubai in Empfang genommen und an die neue Besitzerfamilie übergeben.

UNGARN/ÖSTERREICH | Gebrüder Weiss hat einen japa­ nischen Hersteller digitaler ­Bürokommunikation als Kunden in der Transportabwicklung ge­ wonnen und liefert die Geräte nun in Österreich und Ungarn aus. Das B ­ esondere an dem Auftrag: Innerhalb von nur zwei Wochen hat Gebrüder Weiss die technische Schnittstelle zwischen den beiden Unternehmen programmiert – und implementiert.


Berühmte Feinde Nicht nur mit Freunden teilt man Gemeinsamkeiten, auch Feindschaft setzt eine gewisse Nähe voraus, ähnliche Interessen, ähnliche Bedingungen, ähnliche Bedürfnisse. Von Freund zu Feind ist es daher bisweilen nur ein kleiner Schritt – eine Kränkung, eine Zurückweisung, eine Beleidigung. Und nichts wird mehr, wie es vielleicht hätte sein können. text:  Imke Borchers  illustrationen:  Gerd Schröder

PRINZESSIN DIANA UND DIE HERZOGIN CAMILLA PARKER-BOWLES

»Wir führen eine Ehe zu dritt «, äußerte Lady ­Diana einmal, als ihr Bund mit Prinz Charles schon dem Ende nahe war. Die Hochzeit der jungen, schönen Diana und des Kronprinzen verzückt 1981 das ganze Königreich. Diana fliegen die Herzen zu, obwohl – oder gerade weil – sie Schwierigkeiten hat, mit ihrer ­neuen Rolle klarzukommen, an Bulimie leidet und unter ihrer strengen Schwiegermutter, der Queen. Camilla Parker-Bowles ist von Anfang an Teil der Beziehung zwischen Charles und Diana: ­Camilla und Charles lernen sich schon zu Beginn der 70er Jahre kennen – und lieben. Kurz vor seiner Hochzeit lässt Charles Camilla angeblich ein Armband schicken, am Tag der Vermählung tauscht ­Camilla vielsagende Blicke mit dem Bräutigam aus, er trägt auf der Hochzeitsreise Manschetten-Knöpfe

mit den Initialien »C  &  C «, und aus ­seinem Kalender flattert ein Foto der Geliebten. Begleitet wird die Dreiecksbeziehung stets durch übersteigerte Aufmerksamkeit der Medien. Camilla erträgt das Leid, die ewig Zweite zu sein und von der Presse als spröde und steif beschimpft zu ­werden, über Jahre hinweg stoisch. Diana, die sich selber in Affären flüchtet, gibt öffentlich die kämpferische Ehefrau. Wie dieser Kampf ausgeht, ist hinlänglich bekannt: Charles und Diana verkünden 1991 ihre Trennung, Camilla lässt sich 1995 von ­ihrem ersten Mann scheiden, Charles’ und Dianas Scheidung folgt dann 1996. 1997 stirbt Diana, die der Öffentlichkeit als »Königin der Herzen« in Erinnerung bleiben wird, bei einem tragischen A ­ utounfall. Und 2005 endlich heiratet Charles die Frau, die er seit Jahrzehnten liebt.


BERÜHMTE FEINDE 65

HEKTOR UND ACHILLES

Endlich stehen sie sich gegenüber. Beide Krieger hatten lange auf diesen Moment gewartet und ihn wohl zugleich gefürchtet. Hektor, der Sohn des ­Königs von Troja und heldenhafter Verteidiger der eingeschlossenen Stadt, und Achilles, der mächtigste Krieger auf Seiten der Griechen. Achilles hatte sich aus Zorn gegen Agamemnon von den Kämpfen zurückgezogen, hierauf gewannen die Trojaner ­etliche Schlachten gegen die Griechen. Als dann ­Patroklos, Achilles’ Cousin und Geliebter, in dessen Rüstung in die Schlacht ging, wurde er von Hektor getötet. Gekränkt in seiner Ehre und rasend vor Trauer und Rachsucht zieht Achilles nun doch selbst ins Feld und schlägt alle Trojaner in die Flucht – ­außer Hektor. Im Zweikampf gelingt Achilles im entscheidenden Moment ein tödlicher Schlag mit dem Schwert. Hektor stirbt vor den Toren Trojas, und Achilles schleift die Leiche triumphierend drei Runden um die Stadtmauer. Diese Erzählung ist sehr alt, aber Geschichte wiederholt sich ja bekanntlich.

TUPAC SHAKUR UND NOTORIOUS B.I.G.

Zwei Musiker, die eigentlich Freunde hätten sein müssen: beide Anfang der Siebziger in New York geboren, beide ohne Vater aufgewachsen, beide mit einer Vergangenheit als Drogendealer, die sie nach ersten Erfolgen als Rapper hinter sich lassen. Und zunächst freunden sie sich tatsächlich an. Bis Tupac Shakur nach gemeinsamen Aufnahmen mit Noto­rious B.I.G. und Sean Combs, auch bekannt als Puff Daddy, angeschossen wird und die beiden als Drahtzieher vermutet. Von da an beginnt einer der berühmtesten Beefs der Hiphop-Geschichte: East Coast vs. West Coast, das Plattenlabel Bad Boy ­Records gegen das Death-Row-Label. Die Rapper dissen sich gegenseitig in ihren Songs. Leider bleibt es nicht bei der verbalen Ausseinandersetzung: 1996 wird Tupac Shakur erschossen, 1997 Noto­rious B.I.G., vermutlich aus Rache für den Mord an ­Shakur. Die Musik der beiden Rapper war nach ­ihrem frühen Tod erfolgreicher denn je.


66  BERÜHMTE FEINDE

ENZO FERRARI UND FERRUCCIO LAMBORGHINI

TONYA HARDING UND NANCY KERRIGAN

Beide galten in den USA Anfang der Neunziger als Nachwuchshoffnungen im Eiskunstlauf: Tonya Harding ist unglaublich athletisch und ehrgeizig, Nancy Kerrigan technisch weniger perfekt, dafür aber anmutig, elegant und daher bald Publikumsliebling. Vielleicht liegt bereits darin die entscheidende Kränkung für Harding. Um sich für Olympia 1994 zu qualifizieren, ist ein erster oder zweiter Platz bei den US -Meisterschaften im selben Jahr nötig. Einen Tag vor dem Wettkampf wird Kerrigan nach dem Training von einem Unbekannten mit einer Eisenstange auf das Knie geschlagen und kann nicht an den entscheidenden Meisterschaften teilnehmen. Harding, die mehrere Misserfolge hinter sich hat, gewinnt und qualifiziert sich für Olympia. Kerrigan aber erholt sich überraschend schnell und nimmt den für sie frei gehaltenen Platz bei den Olympischen Spielen wahr. Beide müssen dort ihr Training zusammen auf dem Eis absolvieren und würdigen sich dabei keines Blickes. Harding landet schließlich mit einer schwachen Vorstellung nur auf Platz acht, Kerrigan aber verpasst die Goldmedaille nur knapp und gewinnt Silber. Es konnte nie nachgewiesen werden, ob Harding in die Pläne für das Attentat, hinter dem ihr Mann stand, eingeweiht war oder ob sie, wie ausgesagt, erst danach informiert wurde. Wenn diese tragische Geschichte ein Märchen wäre, würde sie »Schneewittchen und die Eis-­ Hexe« heißen.

Ferruccio Lamborghini hatte bereits erfolgreich eine Traktorenfirma gegründet, sich an der Produktion von Heizungen und Klimaanlagen versucht und vergeblich bemüht, in das Hubschraubergeschäft einzusteigen, als er sich in den 60er Jahren einen ­Ferrari für sein privates Fahrvergnügen kaufte. Der Legende nach war Lamborghini mit dem Wagen ­unzufrieden und wollte – quasi von Chef zu Chef – bei Enzo Ferrari persönlich vorstellig werden, um seine Kritik an Kupplung und Zylinderköpfen des Sportwagens anzubringen. Der »ingegnere«, wie sich Ferrari gerne rufen ließ, führte seine Firma in herrischem Stil, er weigerte sich, »einen Treckerfahrer« – so die Überlieferung – zu empfangen, und nahm die Optimierungshinweise seines zukünftigen Konkurrenten nicht an. Kurz entschlossen engagierte Lamborghini daraufhin die besten Entwickler und Designer und ließ ­selber einen Sportwagen bauen. Aber nicht irgendeinen: Der Lamborghini Miura mit zwölf Zylindern und Mittelmotoren hinter den Sitzen gilt noch heute als erster Sportwagen der Superlative, die Prominenz stand Schlange, um ein Exemplar zu ergattern. Das feindselige Verhalten Ferraris, auch wenn es vielleicht nur ein geschickt platzierter PR -Gag war, hat Lamborghini auf jeden Fall viele Freunde ein­ gebracht.


Mein Freund, der Kidnapper


68 MEIN FREUND, DER KIDNAPPER

Wenn Geiseln für ihre Geiselnehmer Gefühle entwickeln, spricht der Volksmund vom »Stockholm-Syndrom«. Ein Begriff, der dieser psychischen Extremsituation nicht ganz gerecht wird.

TEXT: Alex Raack »The party has just begun!« Mit diesem Satz hat ein Mann eine der spektakulärsten Geiselnahmen der schwedischen Geschichte eröffnet. Am Morgen des 23. August 1973 betrat der 32-jährige Jan-Erik Olsson die »Svenska Kreditbanken« in der Innenstadt von Stockholm, feuerte eine Maschinengewehrsalve ab, schoss einen Polizisten an und verschanzte sich mit vier Geiseln in der Bank. Seine Forderung: drei Millionen Kronen Lösegeld und die Freilassung seines ehemaligen Zellengenossen Clark Olofsson. Als der tatsächlich zum Tatort gebracht wurde und die Freunde sich begrüßt hatten, rief Olsson im Büro des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme an und brüllte in den Hörer: »Wenn wir die Bank nicht verlassen können, werden die Geiseln sterben!« Wie geht es Menschen, die eben noch Geld abheben wollten und nun von einem Kriminellen als Geisel gehalten werden? Und was passiert mit ihnen, wenn ihr Leben plötzlich von diesem Kriminellen abhängt? Das »Drama vom Norrmalmsplatz« endete damals nach sechs Tagen mit einer gewagten Rettungsaktion der Polizei, die zwar Olsson und seinen Kompagnon Olofsson zur Aufgabe zwang, aber auch die Geiseln nachhaltig traumatisierte. Die litten in Geiselhaft Durst und Hunger, weil die Sicherheitskräfte nicht für ausreichend Verpflegung sorgten, mussten im Sitzen schlafen, weil Spezialkräfte Löcher in den Raum gebohrt hatten, in dem sie untergebracht waren, durch die dann Wasser sickerte und schließlich Gas gepumpt wurde, um die Geiselnehmer

zum Aufgeben zu zwingen. Während dieser Zeit ging ein weiterer Anruf im Büro von Olof Palme ein, am anderen Ende war die Geisel Kristin Enmark. Sie sagte: »Lasst uns doch einfach laufen. Ich habe keine Angst vor diesen Männern. Sie beschützen uns.« Tatsächlich entwickelte sich in diesen sechs Tagen eine besondere Beziehung zwischen Enmark und dem freigepressten Olofsson, die später zu einer Freundschaft und sogar einer Liebesbeziehung wurde. Die Öffentlichkeit ist verstört. Wie kann es sein, dass eine Geisel Zuneigung zu ihrem Geiselnehmer entwickelt? Der Stockholmer Polizeipsychologe Nils Bejerot prägt in den Wochen nach dem Überfall den Begriff »Stockholm-Syndrom«, und das psychologische Phänomen bekommt einen Namen, der bis heute Verwendung findet, wenn sich Opfer mit ihren Peinigern verbünden. Wie auch im Falle der Entführung von Patty Hearst: Die Tochter eines US-amerikanischen Medienmoguls wurde im Februar 1974 von einer linksradikalen Gruppierung gekidnappt und wochenlang misshandelt. Nach zwei Monaten Gefangenschaft hat sich die Millionenerbin der Symbionese Liberation Army angeschlossen, in ihrem Namen Überfälle begangen und ist dann später selbst verhaftet worden. Hearst versucht sich viele Jahre später an einer Erklärung für diese erstaunliche Wandlung: »Der physische und psychische Missbrauch bricht einem den Willen. Irgendwann hatte ich die neue Identität völlig aufgesogen.«


Namensgeber für das Stockholm-Syndrom: Die Geiselnahme im Tresorraum der »Svenska Kreditbanken«


Erst Entführungsopfer, dann Täterin: die Millionenerbin Patty Hearst nach ihrer Festnahme 1976

Ähnlich erging es den 17 Touristen, die im Frühjahr 2003 von algerischen Mudschaheddin 54 Tage lang in der Sahara als Geiseln gehalten wurden und sich anschließend für milde Strafen für die Geiselnehmer einsetzten. Als zwei der Entführten, ein deutsches Paar, Monate später heirateten, meldete sich einer der Kidnapper und gratulierte zum frischen Glück. »Während der Geiselnahme bauten wir eine Art Vertrauensverhältnis auf«, erklären die beiden. »Erst ein Jahr später hatten wir das Gefühl, dass es vorbei war und wir unser Leben wiederhatten.« Was war mit Kristin Enmark, Patty Hearst und den Sahara-Geiseln passiert? Der US -Psychiater Frank Ochberg, einer der renommiertesten Forscher auf diesem Gebiet, hat das so erklärt: »Das Opfer ist zunächst schockiert und überfordert und besinnt sich dann auf seine grundlegenden, primitiven Instinkte. Um das eigene Leben zu retten, aktiviert die Geisel zu ihrem Geiselnehmer unbewusst Bindungssysteme wie zur eigenen Mutter.« Der populärwissenschaftliche Begriff »Stockholm-Syndrom« ist unter Fachleuten umstritten, da er dem komplexen psychischen Vorgang einfach nicht gerecht werde. Arnold Wieczorek, Einsatzpsychologe des LKA BadenWürttemberg, sagt: »Um den Täter, in dessen Macht es liegt, das Leben des Opfers zu beenden, zufriedenzustellen, wird jedes Opfer aus reinen Selbsterhaltungsgründen zunächst einmal alles tun, was der Täter verlangt.« Den Moment,

da die Geisel positive Gefühle für ihre Peiniger entwickle, nennt er »eine rational-willkürlich erfolgende Verhaltensanpassung, die in ein nicht mehr willkürlich gesteuertes psychisches Syndrom übergeht«. Die Gründe, warum sich zu dem Verbrecher Clark Olofsson eine Freundschaft entwickelte, hat Kristin Enmark sich nie ganz erklären können. Hat der psychische und physische Druck sie damals gebrochen? Verhielt sich der vom eigentlichen Täter freigepresste Olofsson während der sechs Tage vom Norrmalmsplatz tatsächlich humaner als die teils brachial agierende Polizei? Enmark, die sich später zur Psychotherapeutin ausbilden ließ, hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben, klare Antworten kann sie auch da nicht geben. Vielleicht geht das auch gar nicht: »Seit 43 Jahren verarbeite ich, was damals geschehen ist«, sagte die Urheberin des »Stockholm-Syndroms« nach der Veröffentlichung ihrer Geschichte. »Aber überwunden habe ich es noch lange nicht.«

Alex Raack war von 2009 bis 2016 Redakteur beim Fußball-Magazin 11 FREUN­ DE. 2015 veröffentlichte er das Buch Den muss er machen – Phrasen, Posen, Plattitüden aus der wunder­ baren Welt der Fußball­ Klischees. Raack lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin.


MARTENSTEIN 71

Freundschaft plus HARALD MARTENSTEIN über Beziehungen zwischen Frauen und Männern

Die Frage, ob echte Freundschaft zwischen Männern und Frauen möglich ist, wird oft diskutiert. Kommt einem da nicht irgendwann doch die Sexualität in die Quere? Es gibt durchaus Beispiele für stabile Freundschaften dieser Art, in Deutschland etwa die Freundschaft zwischen dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt und der Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger – nun, Schmidt war um die neunzig, als diese Freundschaft richtig in Fahrt kam. Auch Michael Jackson war zur Freundschaft mit Frauen begabt, etwa mit Liz Taylor. Nun, Michael Jackson war als Mensch sehr speziell, um das Mindeste zu sagen. In den letzten Jahren ist in Deutschland allerdings ein neues Modell der zwischengeschlechtlichen Freundschaft populär geworden, der Fachbegriff heißt »Freundschaft plus«. Ein Mann und eine Frau vertiefen ihre Freundschaft, indem sie es hin und wieder tun, irgendwelche Verpflichtungen entstehen dadurch nicht, kein Wunsch nach Dauer, nach einem gemeinsamen Haushalt oder sonstigen Zukunftsplänen. Wer sich im Internet informiert, findet dazu eine Menge Ratgeber, einfach scheint auch dieses Modell des Zusammenseins nicht zu sein. Die Gefahr, dass einer der Freunde in Richtung tieferer Gefühle abdriftet, ist allgegenwärtig. Es ist ­wichtig, dass man zu Beginn offen sagt, was man will, und dass man die andere Person zwar toll findet, als Freund, auch beim Sex, aber mehr auch nicht. Der Vorteil des Arrangements, schreibt der

Flirt-Ratgeber Andy Pasion, besteht für beide Teilnehmer darin, dass eine ­gewisse Vertrautheit da ist, die es bei ­einem One-Night-Stand nicht gibt und die sexuell beflügelnd wirken kann. Auf der Seite »Erdbeerlounge«, die sich vor allem an Frauen richtet, heißt es: »Kuscheln ist tabu. Nach dem Sex ist das Bett unverzüglich zu verlassen.« Freunde, die miteinander schlafen, müssen also darauf achten, dass es im Raum auch bequeme Sitzgelegenheiten gibt. Andy Pasion, dessen Zielgruppe Männer sind, rät: »Unternimm mit ihr nichts, was feste Paare miteinander tun.« Baden am See, Kino und der Besuch von Sportveranstaltungen sind erlaubt, Freunde tun so etwas schließlich. Verboten sind Küsse und Händchenhalten in der Öffentlichkeit, das führt nur zu Irritationen im restlichen Freundeskreis. ­Eifersucht ist tabu, trotzdem empfiehlt es sich, nicht allzu ausgiebig über andere Affären zu berichten. Es ist erlaubt, zu

sagen: »Ich finde dich scharf.« Verboten dagegen ist der Satz »Du bist meine Traumfrau«. Dieser Satz führt zu Missverständnissen. Vollkommen unmöglich ist »Freundschaft plus« mit dem oder der Ex, das ist einfach zu kompliziert. Wenn einer der Freunde erklärt, dass bei ihm oder ihr nun doch tiefere Ge­ fühle oder ein Liebeswunsch entstanden sind, muss der andere Freund die »Freundschaft plus« sofort beenden, sonst kommt man in Teufels Küche. Leider kommt dies häufig vor. Eine Rückkehr zu »Freundschaft normal« gestaltet sich meist schwierig. Das heißt, nicht der Sex ist der größte Feind einer Freundschaft zwischen Frauen und Männern, sondern die Liebe. Bei der Auswahl von Freunden anderen Geschlechts sollte sich deshalb jede Person die Frage stellen, ob sie den anderen Menschen jemals lieben könnte. Nur wenn dies vollkommen ausgeschlossen ist, weil die andere Person einem bei ­aller Sympathie irgendwie gegen den Strich geht, kann eine dauerhafte Freundschaft gedeihen. Michael Jackson und Liz Taylor haben es geschafft.

Harald Martenstein ist Autor der Kolumne ­»Martenstein« im ­Z EIT magazin und Redakteur beim Berliner Tages­ spiegel. Z ­ uletzt ist von ihm ­erschienen Nettsein ist auch keine Lösung: Einfache ­Geschichten aus ­einem schwierigen Land.


Der nächste ATLAS : Mode

Der nächste ATLAS erscheint im Frühjahr 2018 – wir freuen uns, dass Sie bis hierher ­gelesen oder zumindest geblättert haben. Noch mehr freuen wir uns, wenn Sie uns ­sagen, wie Ihnen dieser ATLAS gefallen hat, damit wir das, was wir tun, noch besser tun können. Schreiben Sie uns doch per E-Mail: redaktion@gw-atlas.com

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Weiss Gesellschaft m. b. H., Miriam Holzapfel, Imke Borchers

S. 6, S. 31–34: Lukas Hämmerle; S. 24–26: Greenology Pte Ltd;

Gestaltung: Rainer Groothuis, Sandra Ost  Korrektorat:

S. 27 (rechts unten): Amazon; S. 27 (links): miksov/iStock;

Regina Louis  Herstellung: Carolin Beck, Raimund Fink für­

S. 28–30, S. 64–66: Illustrationen von Gerd Schröder;

Gebrüder Weiss Gesellschaft m. b. H.  Lithografie: Alexander

S. 36–38: Stocksy / Martí Sans; S. 39–41: Illustrationen von

Langenhagen, edelweiß publish, Hamburg  Druck und

Frederik Jurk / SEPIA; S. 43–45: privat; S. 46: Stocksy / Cactus

Bindung: BULU – Buch­druckerei Lustenau GmbH, Millen-

Blai Baules; S. 47: Bodo Dretzke; S. 48: Stocksy / Cactus Blai

nium Park 10, A-6890 Lustenau  Gedruckt auf: Circleoffset

Baules; S. 50–53: Weissengruber & Partner Fotografie;

klimaneutral

natureOffice.com | AT-157-364396

gedruckt

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der freund es gibt ihn vorlaut, gibt ihn stumm mal käsig, mal gebräunt beherrscht, verwegen, stolz und dumm die rede ist vom freund den einen trifft man pro jahrzehnt vier mal nur. das kann reichen den andren täglich, bis man sehnt der gute möcht’ sich schleichen wie wird man freund? kriterien sind schwer zu definüren die logik macht hier ferien man kann es nur erspüren

INGO NEUMAYER


Der neunte ATLAS mit Nachrichten, Kolumnen, Interviews, vielen Bildern und der Lust, die Welt zu bewegen.

ATLAS 09 deutsch  
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