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STARRING

STEPHANIE GUSE

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STARRING STEPHANIE GUSE


DIE KUNST MIT DEM SCHÖNEN SCHEIN von Petra Prahl Als Ende der 50er Jahre die ersten Künstler in Großbritannien und den USA mit dem begannen, was später als Pop-Art weltweit Furore machte, war die Welt des Konsums noch in Ordnung. Der gesellschaftliche Wohlstand hatte um sich gegriffen und eine Gesellschaft hervorgebracht, die sich immer stärker und in immer weiteren Bereichen ihres Alltags spiegeln wollte. Die Waren-, Medien- und Modewelt entwickelte eine solche Dynamik und Verfeinerung, dass die Künstler sich ihrer annahmen – und sie von da an entscheidend prägten. Die Pop Art nahm sich die Phänomene der Massenmedien zum Thema und wurde selbst ein Massen-Phänomen. Was folgte war die Auflösung der Abgrenzung von Hochkultur und Trivialem, ein Umstand, der heute zur Normalität geworden ist. Diese Verbindung war künstlerisch so fruchtbar, dass die Pop-Art, die erst in den 60er Jahren gesellschaftskritische Züge annahm, kaum als kritische Kunstrichtung sondern bestenfalls als ambivalent wahrgenommen wurde und wird. Damals wie heute gönnen sich Künstler die Freiheit ihre Faszination für den ästhetischen Reichtum, den Glamour und Luxus hervorzubringen vermögen, auszuleben. Und sie sind wider besseren Wissens genussvoll bereit, die auratische Überhöhung von Alltagsgegenständen durch Werbung zu akzeptieren, auch wenn sie sie, wie Stephanie Guse, im nächsten Moment karikieren. Ihre künstlerische Position wäre ohne die Errungenschaften der pop artists nicht denkbar und ist darüber hinaus geprägt von den 68ern und dem sich später entwickelnden „grünen“ Bewusstsein. Zwar ist die geistige Nähe zu alternativen Lebensformen und Kritik am Konsumverhalten in ihren Arbeiten unübersehbar, doch verzichtet die Künstlerin weise

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auf jeden Vorwurf. Sie lässt den Betrachter stattdessen selbst nachvollziehen, wie die werbliche Inszenierung von Menschen und Objekten in Fotografie, Film und Hochglanzmagazinen seine Wahrnehmung und Gedanken lenkt. Stephanie Guses künstlerischer Ansatz hat seinen Ausgangspunkt in einem weit verbreiteten Empfinden: dem Verlangen nach schönen, teuren Accessoires, nach Luxusobjekten, die dank ausgefeilter Werbung Schönheit und sozialen Status verheißen. In der Serie „Boutique“ aus dem Jahr 2006/07 präsentieren sich in wohl kalkulierten Präsentationen Luxusaccessoires wie Designer-Handtaschen, Kristalllüster, ein Kamin, Designer-Lampen; die typischen Insignien eines gesellschaftlich privilegierten Daseins. Sie alle lösen unmittelbar Wünsche, Begierden oder auch Verwünschungen und Neid aus. In jedem Fall machen sie kurzzeitig blind für das, was sie wirklich sind: aus Verpackungsresten grob zusammen geklebte Plastiken, Objekte aus Plastik, Karton oder Folie, nicht einmal die Machart zeugt von besonderer Hingabe. Der schöne Schein lebt einzig von der Inszenierung und den eigenen Erwartungen. Damit ist auch das reale Vorbild keck herabgesetzt und respektlos fröhlich seiner erhebenden Aura enthoben. Guse begeistert sich für ihre Materialien und erkennt die eigene Schönheit aufwändig gestalteter Inlays von Pralinenpackungen, der Netzstruktur von Orangennetzen oder der Formung von Plastikteilen. Die Struktur von Luftpolsterfolien, Formen von Plastikflaschen, farbige Bänder oder auch Anzeigen in Hochglanzmagazinen animieren sie. Sie legt mit der Arbeit los, meist ohne direkt zu wissen, was für ein Objekt dabei heraus kommen wird, lässt sich leiten von Farben, Formen, Oberflächen und Design-Moden. Die Produktion ist ein Spiel mit der temporären Aneignung und also eine Strategie mit Dingen umzugehen, die man nicht haben kann. Die Videoarbeit „For your eyes only“ von 2004 setzt die Künstlerin selbst in Szene. Ihr schablonenhaftes Porträt „verwandelt“ sich alle paar Sekunden. Mit wenigen Stilmitteln, wie Farben, Formen, mal einer Brille oder ein Haarband werden Nationalitäten oder Typen geschaffen, wird sie wechselnd zur Deutschen, Amerikanerin, Inderin oder auch zum Fußballfan, Hippie oder zur Geliebten. In Verbindung mit dem pathetischen Popsong, der im Hintergrund läuft, erliegt man schnell der Versuchung diese Etiketten zu vergeben. Erst die Reihung der Verwandlungen führt die Zuschreibungen ad absurdum. Die dreiteilige Fotoarbeit „Empresses’ Must Haves“ treibt die Überhöhung durch Accessoires auf die Spitze. Auch hier gibt es ein Vorbild: Franz Xaver Winterhalters Porträt der österreichischen Kaiserin Elisabeth von 1865. Kaiserin ist nicht mehr, wer durch das Symbol einer Krone dazu ausgezeichnet wird, sondern wer im Besitz des richtigen Accessoires ist. Sehr schön sind übrigens die Schriftreste eines Werbetextes auf der linken Krone!

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Es ist bezeichnend, dass die Künstlerin statt Konsumkritik zu üben lieber eine Strategie vorschlägt, um trotz allen Konsumzwangs frei und sich selbst treu zu bleiben. Wirklich frei ist nur derjenige, der, wie Stephanie Guse selbst, sich mit der Papier-Krone und der Verkleidung zufrieden gibt, weil er nur mit dem Gedanken an Macht spielen braucht. Die Auseinandersetzung mit der Bildsprache der Werbegrafik und -fotografie geschieht bei Stephanie Guse nicht zufällig. Vor ihrem Studium der Freien Kunst hat sie ein Grafikdesign Studium absolviert und dabei die visuellen Mechanismen der Werbung verinnerlicht. Später hat sie sich von ihnen distanziert, um sie als Künstlerin in ihren Arbeiten zu reflektieren. Sie änderte weniger die Handschrift dafür mehr die Inhalte und machte die Handschrift zum Inhalt. So kommt schon mal ein von ihr gestalteter Ausstellungskatalog als Hochglanzmagazin daher, balanciert eine Lampe auf dem schmalen Grad zwischen Kunst- und Designobjekt und gleichen selbst ihre Arbeiten aus Verpackungsmüll in ihrer Flüchtigkeit eher gezeichneten Skizzen als durchkomponierten Endprodukten. Durch diese vom Grafikdesign stark geprägte Arbeitsweise rückt sie auch technisch in die Nähe der Pop-Art. Was ihre Kunst so zeitgenössisch macht ist der Umstand, wie offen und unverkrampft mit der Tatsache umgegangen wird, dass man sich etwas nicht leisten kann. Selbstbewusst wird Ersatz angeboten, der, weil er Kunst ist, wiederum einen ähnlich imageträchtigen Mehrwert wie andere Konsumartikel verspricht. Stephanie Guse reflektiert auch die Tatsache, dass ihre Arbeiten ebenso wie Design-Handtaschen letztlich kommerzielle Produkte sind, die ohne entsprechende Werbung, wie etwa den vorliegenden Katalog, schlecht auskommen. Ihre Leistung ist ihre Leichtigkeit und ihr Optimismus. Alles nicht so ernst zu nehmen ist ein unerhört ernster Anspruch – dann kann man sich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren und es ist nur lebensbejahend, wenn es dann um die Kunst geht.

ART OF A DECEPTIVE BEAUTY by Petra Prahl When, at the end of the 1950’s, the first artists in the United Kingdom and the USA began with what would later cause a furore throughout the world as Pop Art, the world of consumption was still in good order. Social prosperity had escalated and produced a society that increasingly wished to see itself reflected in more and more areas of its everyday life. The world of products, media and fashion developed such a dynamic and refinement that artists adopted it, and from then on decisively influenced it. Pop Art made the phenomenon of mass media a theme and itself became a mass phenomenon. What followed was the dissolution of the boundary between high culture and the trivial, a situation that has today become normality.

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Trash to Treasure Objekte + Lambda 2007

Troph채en, Objekte, 2004

Werbem채dels, Lambdas, 2005

Goutier, Wandobjekte, 2008

Sissi Lichtobjekt 2007

Fireplace, Lichtobjekt, 2006

Imperial XL, Lichtobjekt, 2007 7


This connection was so artistically fruitful that Pop Art, which first took on aspects of social criticism in the 1960’s, was then as now hardly perceived as a critical artistic direction, but instead at best as ambivalent. Then as now, artists allowed themselves the freedom to recreate and live their fascination with aesthetic abundance, glamour and luxury, and were, against their better judgement, delightedly prepared to accept the auratic exaggeration of everyday objects through advertising, even when they, like Stephanie Guse, caricatured these in the next moment. Her artistic position would be inconceivable without the achievements of the Pop Artists, and is also characterised by the social movements of the late 1960’s and the subsequent “green” consciousness. While it is true that the intellectual proximity with alternative ways of life and criticism of consumer behaviour cannot be overlooked in her work, the artist wisely dispenses with accusations of any kind. Instead she allows the observer to determine for themselves how the promotional orchestration of people and objects in photography, film and glamour magazines directs his/her perception and thoughts. Stephanie Guse’s artistic approach has its starting point in a widely shared sensation: the desire for beautiful, expensive accessories and luxury objects that promise beauty and social status, which, through advertising, become that what we want to see in them. In the “Boutique” series from 2006/07, luxury accessories such as designer handbags, crystal chandeliers, a fireplace, designer lamps, the typical insignia of a socially privileged existence, present themselves in consciously calculated presentations. They all trigger immediate wishes and appetites, or maledictions and envy. In each case they temporarily blind the observer to what they really are: sculptures made of roughly glued together packaging scraps, objects made of plastic, cardboard or cellophane. Not even the process indicates any particular degree of devotion. The sweet illusion lives only from the staging and one’s own expectations. This also pertly diminishes the real model and irreverently and cheerfully divests it of its impressive aura. Guse is enthusiastic about her materials and recognises the inherent beauty of the elaborately designed inlays of chocolate boxes, the net structure of orange bags or the forms of plastic elements. She is animated by the structure of bubble wrap, the shapes of plastic bottles, colourful ribbons or ads in glossy magazines. She usually starts working without directly knowing what kind of object will result, and lets herself be guided by colours, shapes, surfaces and design fashions. The production is a game of temporary appropriation, and thus a strategy for dealing with things that one can’t have. The video work “For your eyes only” from 2004 features the artist herself. Her templatelike portrait “transforms” itself every few seconds. With only a few stylistic devices, such as

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colours, shapes, perhaps a pair of glasses or a hair ribbon, nationalities or types are created. She alternately becomes a German, an American, an Indian or a football fan, hippie or lover. In combination with the melodramatic pop song playing in the background, one is quickly tempted to label these. It is first of all the sequence of the transformations that guides the attributions ad absurdum. The three part photography work “Empresses’ Must Haves” carries the exaggeration to extremes through accessories. Here too there is a prototype: Franz Xaver Winterhalter’s portrait of the Austrian Empress Elisabeth from 1865. An empress is no longer one distinguished as one by the symbol of a crown, but instead the one who has the right accessories. Also very beautiful are the scraps of text from an advertisement on the left crown! It is indicative that the artist, instead of practicing consumer criticism, suggests instead a strategy of remaining free and true to oneself despite all pressure to consume. Truly free are only those who, like Stephanie Guse, are satisfied with the paper crown and the costume, because he/she only needs to play with the idea of power. Stephanie Guse’s examination of the pictorial language of advertising graphics and photography is not coincidental. Prior to her study of Fine Arts she completed a programme of study in graphic design and thereby internalised the visual mechanisms of advertising. She later distanced herself from these in order to reflect upon them in her work as an artist. She changed her “handwriting” less than she did the content and made the handwriting the content. This is, for example, the origin of the exhibition catalogue designed by her as a glossy magazine. She balances a lamp object on the thin line between art and design, and even her objects made of packaging trash, in their cursoriness, more resemble drawn sketches than they do thoughtfully composed final products. Through this work method, which is strongly influenced by graphic design, she also moves in technical terms toward Pop Art. What makes her work so contemporary is how openly and relaxed she deals with the fact that one can’t afford something. She confidently offers an alternative, which, because it is art, in turn promises an image-enhancing added value similar to other consumer items. Stephanie Guse also reflects the fact that her works, just like designer handbags, are ultimately commercial products that fend for themselves only poorly without advertisement, such as the accompanying catalogue. Her achievement is her lightness and her optimism. To not take everything so seriously is an unheard of ambition. One can then concentrate on the important things in life and art remains exclusively life-affirming.

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FOR YOUR EYES ONLY (WERBEMÄDEL No 6) 2004 74 x 202 cm Lambda-Print 11


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FOR YOUR EYES ONLY 2004 Videografik 3:04 min 13


FERRERO LIGHTS 2004 Lichtobjekt Plastikspielzeug, Draht, Elektrik Ă˜ 35 cm 14


WERBEMÄDEL No 10B 2004 Lambda-Print 100 x 75 cm

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IMPERIAL XXL 2007 Lichtobjekt Luftpolsterfolie, Kübel, Elektrik h 340 cm, Ø 100 cm PAULA’S COLLECTION 2007 2 Diptychen einer 4teiligen Serie Lambda-Prints je 180 x 240 cm Kunsthalle Bremen zum 100. Todestag von Paula Modersohn-Becker

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PAULA’S COLLECTION 2007, Diptychon der 4teiligen Serie Lambda-Prints, 180 x 240 cm 19


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EMPRESSES’ MUST-HAVES 2007 Triptychon, Lambda-Prints 1 x (165 x 110 cm) und 2 x (105 x 70 cm) 21


USIA 2004 Video 3:35 min 22


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EMPRESSES’ CHILL OUT 2007 Lambda-Print 99 x 150 cm 24


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STEPHANIE GUSE 1971 * in Bielefeld / Deutschland, lebt und arbeitet in Wien / lives and works in Vienna 1998-2001

Staatliche Hochschule für Bildende Künste Frankfurt a.M. (Städelschule)

1999/00

National College of Art and Design, Dublin, Irland: Freie Kunst / Fine Art

1996-1998

Hochschule für Bildende Künste Braunschweig - Johannes Brus: Freie Kunst / Fine Art

1992-1998

Hochschule für Bildende Künste Braunschweig: Grafik-Design / Graphic-Design

- Georg Herold und Heimo Zobernig: Freie Kunst / Fine Art

Stipendien + Förderungen / Scholarships + Grants 2004 Katalogförderung des Bayerischen Staatsministeriums / Catalog grant from the State Ministry of Bavaria, Germany; 2004 Barkenhoffstipendium, Künstlerhäuser Worpswede / Barkenhoff Grant, Künstlerhäuser Worpswede, Germany 1996 Operation Marinemaler, als Künstlerin an Bord der Fregatte Karlsruhe / Operation Marinemaler, artists aboard Fregatte Karlsruhe; 1999/00 ERASMUS-Stipendium, National College of Art and Design, Dublin, Irland / ERASMUS Scholarship, National College of Art and Design, Dublin, Irland Ausstellungsverzeichnis / Exhibitionlist: http://www.galerie-stock.net --Petra Prahl, 36, hat Kunstgeschichte und Germanistik in Heidelberg und London studiert und lebt seit 2000 in Berlin. Sie hat in Galerien und für freie Kunstprojekte gearbeitet und sich dabei sowohl im kommerziellen wie im non-profit Bereich profiliert. Seit 2006 ist sie freiberuflich tätig und leitet zudem seit Mai dieses Jahres die private Ausstellungshalle FRISCH. Petra Prahl, 36, has studied art history and german literature in Heidelberg and London and lives in Berlin since 2000. While working for galleries and art projects she has taken in the mechanism of the commercial as well as of the non-profit field. Since 2006 she works free-lance ands since last may she manages the private exhibition hall FRISCH. --IMPRESSUM Herausgeber Galerie Michaela Stock, Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien/Vienna info@galerie-stock.net, www.galerie-stock.net Text © Petra Prahl Übersetzung Kenneth Friend, Büro probicon GmbH, Berlin Grafik Stephanie Guse Druck Druckerei Lischkar, Wien Papier Umschlag Siro Pearl coal mine 300g, Kern Tatami white 115g Auflage 300 Stück © 2008 Galerie Michaela Stock und Stephanie Guse

Mit freundlicher Unterstützung von

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Siro Pearl coal mine 300g und Tatami white 115g


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STARRING STEPHANIE GUSE  

ART CATALOG, EXHIBITION GALERIE MICHAELA STOCK 2008, WIEN / VIENNA

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