GUSE, Kunstpublikation als Hochglanzmagazin

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GUSE ST EPHA N I E

2018

LIMITIERTE EDITION AUFLAGE: 500 STÜCK

WE LOVE

GOLD RECORDS

What a Mess! LEBEN MIT ART OBJECTS

YEAH

»DIE KUNST DES ACCESSOIRES«

WANNA HAVE!

INSZENIERTE PORTRAITS


MY VERSACE G E M Ü S E N E T Z

2 | GUSE | 2018

2011, C-Print, 100 x 70 cm


ABOUT

INHALT

dieser Edition

A L LT Ä G L I C H U N D D O C H B E S O N D E R S Kronleuchter aus Eislöffelchen (Detail). HOMESTORY S. 8

IMPRESSUM 6 Information, Dank

EDITORIAL 7

LIEBE KUNSTFREUNDINNEN UND KUNSTFREUNDE Über diese Publikation

Stephanie Guse, Paula Marschalek

KUNST

8 HOMESTORY What a Mess! Leben mit Kunstobjekten 10 VERORTUNG Aller Anfang ist Wiederaufnahme: Alte Meister und ihre Inszenierung in der zeitgenössischen bildenden Kunst Paula Marschalek 14 WANNA HAVE! Fotografie: Inszenierte Portraits nach kunsthistorischen Vorbildern V I E L E N G E F A L L E N I S T S C H L I M M Zitat von Friedrich Schiller in Gustav Klimts Gemälde Nuda Veritas. Abbildung: Trashcollage mit Bonbonpaier und Einkaufstütengriffen. WANNA HAVE! S. 14

26 GESPRÄCH Weltcollage: Alles sein und haben Singulart Interview

WIE MAN KOLOMAN M O S E R W I R D Ein Portraitshooting mit Claudius von Stolzmann und künstlerische Bearbeitung machen es möglich, das Selbstportrait des berühmten Wiener Malers in den eigenen Besitz zu bringen. Abbildung: links Original Moser von 1916 und rechts Work in Progress mit Claudius. WANNA HAVE! S. 21

COVER

Selbstportrait, Detail aus Willhaben: Adele (nach Gustav Klimt «Adele Bloch-Bauer», 1907) 2011, Lambda-Print, 180 x 100 cm 2018 | GUSE | 3


ARGON Re a l i t ä t e n v e r w a l t u n g

Re a l i t ä t e n v e r w a l t u n g Jo h a n n 4 | GUSE | 2018

A RG O N G m b H

St r a u ß - G a s s e 3 2 / 8 A - 1 0 4 0 Wi e n

Te l e f o n

+

4 3 - 1 - 5 0 5 5 0 4 5


ABOUT 28 MUSIK GOLD: Begehrte Trophäen als Fotokunst

Stephanie Guse und POP, Berlin

30 BETRACHTUNG Die Kunst des Accessoires: Nicht die persönliche Schönheit und Würde machen die Kaiserin – es sind die Accessoires MADONNA: LIKE A VIRGIN Eine goldene Langspielplatte, kreiert nach dem Vorbild von 1984 aus Pralinen Inlay, Einkaufstüte und Etikettenschnipseln. GOLD. Die Ausstellung. S. 22

Eva Horn

35 STUDIO LIFE Work in Progress und Ausblick

MORE

38 KOOPERATION Konflikt & Konsens inklusive: Die Illustratorengruppe BETTINE malt sich gegenseitig in die Bilder. Ein »No Go« wird zum Programm und ist nicht leicht konsumierbar Stephanie Guse

DIE POSE DER M A L E R I N Tamara de Lempicka dient als Vorbild für ein Portrait der Wiener Malerin Susanna Schwarz STUDIO LIFE, S. 35

42 AUSSTELLUNGEN MUST HAVE! und WANNABE! in Museum und Galerie 44 REISE Im Künstlerparadies Berge + Kunst + Küche Stephanie Guse 48 BIOGRAFIE Studium, Stipendien, Vorträge, Ausstellungen und Publikationen

TYPISCH

50 WAS MACHT STEPHANIE GUSE? Zitate

M E E T A N D TA L K AUSSTELLUNGEN, S. 42 PAU L A , R I L K E S R EQ U I E M F Ü R E I N E F R E U N D I N Kollaborativ illustriert mit der Illustratorengruppe BETTINE. KOOPERATION, S. 38

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IMPERIAL

STYLE

GUSE Dieses Magazin ist eine Publikation in limitierter Auflage von 500 Stück. Alle Abbildungen, falls nicht anders ausgewiesen, zeigen das Werk von Stephanie Guse.

IMPRESSUM Idee, Design, Satz, Redaktion Stephanie Guse Texte Stephanie Guse, Eva Horn, Paula Marschalek Aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text allgemein die männliche Form gewählt, dennoch beziehen sich die Angaben auf Angehörige aller Geschlechter. © Stephanie Guse, Wien 2018 Die Rechte an den Texten, Fotos und Abbildungen liegen, falls nicht anders ausgewiesen, bei Stephanie Guse © Abbildungen Seite 4 (oben), 38 - 41 Illustratorengruppe BETTINE (Katrin Funcke, Stephanie Guse, Kristina Heldmann, Ute Helmbold, Stefan Michaelsen) und Gastillustrator Soenke Hollstein www.bettinebettine.de © Zitate und Fotos Seite 51 Sven Drühl, Anne Frechen, Eva Horn, Franziska Maderthaner, Beatrix Obernosterer, Petra Prahl und die ausgewiesenen Fotografen Herausgeberinnen Stephanie Guse, Paula Marschalek Verlag Kunstverlag Wolfrum, Augustinerstraße 10, 1010 Wien ISBN 978-3-900178-33-8 Druck & Bindung Flyeralarm Printed in Austria

Bremen

Unterstützung Die Mittel für diese Publikation wurden mit Hilfe von wemakeit – Crowdfunding für kreative Projekte erbracht. Zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer haben über diese Plattform zur Umsetzung beigetragen. Besonderer Dank gilt an dieser Stelle: Friedrich Bauer, Elisabeth Grund, Julian Marschalek, Eva Horn

Mit Luftpolsterfolie. 6 | GUSE | 2018

N E U E R K U N S T V E R E I N W U P P E R TA L 2 0 1 1

www.stephanieguse.com


EDITORIAL

Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde, diese Publikation im Design eines Hochglanzmagazins ist die logische Präsentationsform für meine künstlerische Praxis. Denn die von mir geschaffenen Objekte und die Settings für meine fotografischen Inszenierungen sind substanziell inspiriert von Bildern unserer Konsum- und Warenwelt und den Gütern, die allgemein für Schönheit und Luxus stehen. In der vorliegenden Sonderausgabe stelle ich mein Werk der letzten fünfzehn Jahre im Zusammenhang dar. Ich möchte somit beleuchten, dass meine Arbeiten jeweils nicht nur einzeln stehen, sondern immer auch leben und sich entfalten durch das Zusammenwirken besonderer Menschen und Ausstellungsorte. STEPHANIE GUSE

Viele von denen, die sich für die Kunst von Stephanie Guse begeistern, erscheinen auch in dieser Publikation in verschiedenen Positionen: als Autoren, Sponsoren, Fotomodelle, Ausstellungsmacher oder Kunstsammler. Das macht dieses Magazin nicht nur zu einer neuartigen Vermittlungsebene eines künstlerischen Kosmos, sondern es zeigt auch ein aktives deutsch-österreichisches Kunstnetzwerk, dem nicht zuletzt auch der große Erfolg der Crowdfunding-Kampagne für diese Publikation bei „wemakeit“ (www.wemakeit.com) zu verdanken ist. PAULA MARSCHALEK, Kunsthistorikerin

Stephanie Guse & Paula Marschalek 2018 | GUSE | 7


N ale rnm ue Ba rei auf Plastikte ller

Fireplace DIVA , 2007

HOMESTORY

BELOVED TRAD ITI O

DO-IT-YOURSELF (DIY)-KAMIN Den Traum vom offenen Kamin jederzeit und überall erfüllen – daheim, im Museum oder im Atelier. (Gemüsekisten, Lichterketten und Farbe) TROPHÄE Ein tolles Exemplar einer Bezoarziege (Kreppklebeband auf Frühstücksbrettchen)

SWEET VENEZIA - LUSTER

Plastik-Eislöffelsammlung und Büroklammern mit Muranoglaseffekt

WHAT A MESS!

LEBEN MIT KUNSTOBJEKTEN

PLASTIK-UNIVERSUM 8 | GUSE | 2018

Lichtobjekt aus Barbie-Accessoires, Kunststoffblumen, Souvenirs und Minipüppchen


2011, Lambda-Print, 100 x 70 cm Inszeniertes Objekt n a c h d e m Vo r b i l d e i n e r D e s i g n e r h a n d t a s c h e für das Magazin »Schaufenster« d e r W i e n e r Ta g e s z e i t u n g » D i e Pr e s s e «

BOSS My

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VERORTUNG

ALLER ANFANG IST WIEDERAUFNAHME ALTE MEISTER UND IHRE INSZENIERUNG IN DER ZEITGENÖSSISCHEN KUNST. EINE VERORTUNG DURCH DIE KUNSTHISTORIKERIN PAULA MARSCHALEK Stephanie Guse: Willhaben Renoir, Portrait von Petra Stuckmann, Lambda-Print, 2015 und Gemälde von Pierre-Auguste Renoir: Portrait der Schauspielerin Jeanne Samary, 1877

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W

as ist eigentlich inszenierte Fotografie? Diese Frage stellt sich im zeitgenössischen Kunstkontext immer wieder und kann so beantwortet werden: Unter inszenierter Fotografie versteht man in der geläufigen Auffassung jede Art der Fotografie, die erkennbar nicht im sogenannten Schnappschussverfahren entstanden ist. Bei der inszenierten Fotografie liegt der Fokus auf dem strategischen Aufbau einer Bildaussage mit dem Schwerpunkt auf Motiv und Gestaltung. Durch die Inszenierung der Künstler werden Elemente des Bildinhaltes in einem definierten Zusammenhang dargestellt und sollen beim Betrachter bestimmte emotionale Reaktionen auslösen.

E

ine bis heute vorrangige Fotografin, die auch provokante Inszenierungen in ihre Fotos aufnahm, ist Cindy Sherman. Wie ein roter Faden ziehen sich Selbst-Inszenierungen durch ihre fotografischen Selbstporträts, in verschiedene Kostümierungen gehüllt und posierend. In den History Portraits inszenierte sich Sherman zum Beispiel als junger Bacchus; Angelehnt an den italienischen Meister Caravaggio setzt sie sich hier als Göttin in Szene. Die Schminke ist dabei absichtlich grob aufgetragen, zum Aufzeigen der Maskierung. Mit dieser Serie wandte sie ihr zentrales Thema der Kostümierung und des Rollenspiels auf die Kunstgeschichte an. Dies ermöglicht Sherman, sich als Kommentatorin zur Rolle der Frau in der Geschichte der Kunst zu betätigen. Denn Frauen traten meistens nur als Modelle auf, die dem Blick des Malers und indirekt dem des heutigen Betrachters ausgesetzt sind. Sherman verkehrte diese Rollen. Von nun an durfte auch das Modell intervenieren: Als Frau bediente sie sich aus dem Fundus der Kunstgeschichte, erstellte eine eigene Version unter Verwendung ihrer eigenen Person und manifestierte somit ihre Position in der Kunstgeschichte.

Renaissance- und Barockgemälden aussondert und sie mit einem mo­ dernen Setting und zeitgenössischen Bildelementen versetzt, untersucht sie historische und gegenwärtige gesellschaftliche Projektionen.

N

icht nur die Themen der Kunstgeschichte, sondern auch die Faszination für die Alten Meister zogen die Wiener Künst­ 2 lerin Stephanie Guse in ihren Bann und veranlassten sie 2007 zur Serie Willhaben/Wanna Have. Diese inszenierten kunsthistorischen Motive werden von der Künstlerin sowohl im Auftrag für Sammler gefertigt als auch in Kooperation mit Künstlerkollegen, die für sie Modell stehen. Sie schöpft für die fotogra­fische Inszenierung aus ihrem Trash-Archiv, das einen Fundus an Zeitungsschnipseln, Pralinenschachtel-Inlays, Gemüsenetzen oder Luftschlangen birgt. Die Künstlerin recycelt in ihrer Kunst Abfallprodukte, die sich oft ästhetisch darstellen und aufwändig produziert werden, um Dinge nachzuahmen, die als Luxusprodukte oder hier auch als Meisterwerke gelten. Dadurch erfährt der Abfall eine mehrfache Aufwertung: als Parodie, als Darstellungsmittel für Gemälde und Preziosen, als Bezug auf die klassischen Werke der Geschichte der Kunst und durch seine Gestaltung zum Kunstwerk an sich, ein Luxusprodukt in der heutigen Gesellschaft. Guse thematisiert somit unser aller Konsumverhalten und bietet Kunst als Placebo für Konsumartikel an. Mithilfe ihrer Materialsammlung und ihres pathetisch-theatralischen Blicks inszeniert sie ihre Modelle und eine besondere Atmosphäre, den Eindruck kunsthistorischer Meisterwerke erweckend. Sie ist fasziniert von der Überraschung: Ihre Werke zeigen aus der Entfernung ein eindeutiges Motiv, das bei der näheren Betrachtung in unerwartete Versatzstücke profaner Alltagsgegenstände zerfällt. Und sie erfüllt ihren Drang nach Pathos, indem sie mit Abfall arrangierte Posen berühmter Idole inszeniert und jedem einzelnen Werk die Note ihres subtilen Humors beimischt. So schafft sie mit ihrer einzigartigen Arbeitsweise eine Diskrepanz zwischen geringwertigem Alltagsmüll, Ab-fall, der überhöht als etwas Besonderes und Kostbares dargestellt und konserviert wird. Viele der bisher entstandenen Motive der Serie Willhaben, die in kunsthistorischer Hinsicht eine interessante und im zeitgenössischen Kunstkontext eine sehr eigenständige Position bilden, werden erstmals in der vorliegenden Publikation zusammengefasst und auf besondere Weise vermittelt. Sie ermöglicht es, das Prinzip von Guses Kunst in konsequenter Weise zu zeigen und sie mit den Ausgangspunkten ihrer Inspiration, Hochglanzmagazinen und Konsum, zu verbinden.

FASZINIERT VON DER ÜBERRASCHUNG

D

er parodistische Gebrauch alter Werke in der Geschichte der Kunst zeichnet auch noch andere Künstlerinnen neben Sherman aus. So nutzen auch Franziska Maderthaner, Dorothee Golz und Stephanie Guse bekannte Gemälde als Inspiration für ihre Kunst. Maderthaner nimmt bewusst Werke von Meistern der Kunstgeschichte auf, die sie durch Übermalung oder partielle Vernichtung annektiert und sich so zu eigen macht. Sie inszeniert und setzt sie in unerwartet neue Kontexte, die mit Motiven aus dem Alltagsleben auf einer Stufe stehen. Ausgehend von der Beschäftigung mit Madonnenbildnissen befasst sich Golz vor allem mit der Renaissance und dem Barock, mit der Absicht, Schnittstellen zwischen einer historischen und einer aktuellen Ästhetik auszumachen. Indem sie Gesichter aus bekannten

1 Franziska Maderthaner: Ich Rubens 2, 2018, Öl und Mischtechnik auf Leinwand, 170 x 130 cm, 2 Dorothee Golz: Der Perlenohrring, 2009, C-Print, Diasec, 210 x 150 cm

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PAULA MARSCHALEK

Als Kunsthistorikerin studiert Paula Marschalek aktuell „Art and Economy“ im Masterstudium an der Universität für angewandte Kunst Wien. Sie plant derzeit ein lebendiges Kunstvermittlungszentrum, in dem durch räumliche Verbindung von Galerie, Ateliers und Gastronomie Kunst und Leben zusammengebracht werden. Facebook: Marschalek Art Projects 2018 | GUSE | 11


Beitrag zur Ausstellung From Alexa with Love, 2018, initiiert von enigma liberta im Verein Symposion Lindabrunn, Laboratorien experimenteller Kunst und Architektur (VSL Lindabrunn) www.enigmaliberta.com


Wie lieben wir in der Zukunft? „ALEXA, Magazin“, Lambda-Print, 137 x 90 cm, 2018 Fiktives Covermotiv für ein Magazin, das, grafisch inspiriert vom Playboy-Magazin, Liebe im Zeitalter von Cyberspace und Robotern thematisiert.


WANNA HAVE

WANNA HAVE!

Inszenierte Portraits nach kunsthistorischen Vorbildern LAMBDA-PRINTS (DIASEC / GERAHMT) 14 | GUSE | 2018


Nuda Veritas (Willhaben: Klimt IV) Portrait Erni Mangold

(nach Gustav Klimt »Nuda Veritas«, 1899) 2018, 244 x 56 cm

links Paulas Collection (Teil eines Dyptichons, 4-teilige Serie) Selbstportrait

(nach Paula Modersohn-Becker »Selbstportrait zum 6. Hochzeitstag«, 1905/06) 2007, 180 x 120 cm

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WANNA HAVE

Willhaben: Rubens Portrait Familie Wildmann

(nach Peter Paul Rubens »Boreas entführt Oreithya«, 1605) 2016, 100 x 100 cm

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WANNA HAVE

Willhaben: Dürer Portrait Katrin Liesenfeld

(nach Albrecht Dürer »Portrait der Mutter des Künstlers Barbara Dürer«, 1490) 2013, 70 x 54 cm

rechts Willhaben: Rembrandt Portrait Katrin und Dirk Liesenfeld

(nach Rembrandt van Rijn »Selbstportrait mit Saskia in der Parabel des verlorenen Sohnes«, 1635/36) 2011, 160 x 125 cm

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WANNA HAVE

Willhaben: Moser Portrait Claudius von Stolzmann

(nach Kolomann Moser »Selbstportrait«, 1916) 2018, 74 x 50 cm

links Willhaben: Füger Portrait Otto Guse

(nach Heinrich Friedrich Füger »Portrait des Sohnes des Künstlers im Alter von vier Jahren«, 1795) 2017, 110 x 88 cm

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WANNA HAVE

Willhaben: Kurzweil Portrait Katrin Funcke

(nach Maximilian Kurzweil »Dame in Gelb«, 1899) 2011, 135 x 125 cm

rechts Willhaben: Schiele Portrait Paula Marschalek

(nach Egon Schiele »Sitzende Frau mit hochgezogenem Knie«, 1917) 2018, 46 x 30,5 cm

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WANNA HAVE

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WANNA HAVE

Willhaben: Holbein Portrait des Sammlers Dirk Liesenfeld (nach Hans Holbein »Portrait Henry VIII«, 1540) 2013, 90 x 74 cm

rechts Margarete (Willhaben: Klimt III) Selbstportrait

(nach Gustav Klimt »Margarete Stoneborough-Wittgenstein«, 1905) 2007, 240 x 180 cm

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GESPRÄCH

WELTCOLLAGE ALLES SEIN UND HABEN. SINGULART INTERVIEW MIT STEPHANIE GUSE

Singulart: Können Sie sich und Ihre künstlerische Arbeit kurz vorstellen? Guse: Ich habe Grafikdesign studiert und dabei gemerkt, dass es mir ein Bedürfnis ist, über Design hinaus auch selbst Stellung zu Themen zu beziehen. Deshalb habe ich angefangen, Freie Kunst zu studieren und gehe seitdem mittels Fotografie und Objektkunst die Sujets Werbung, Schönheitsideale, Statussymbole und Konsum an. Wichtig ist mir dabei, dass die verwendeten Materialien zwar der Konsumwelt entspringen, aber Abfallprodukte sind: also Verpackungen, Folien, Plastikspielzeug, Tüten, Pralinenschachteln oder Gemüsenetze. Zu diesem Zweck habe ich ein Trash-Archiv angelegt, aus dem ich für meine Inszenierungen schöpfe. So wird das Wertlose zur Kunst und damit wiede­rum zum Luxusgut. Mir gefällt dabei, dass die Abfälle eine Wertschätzung erfahren. Das erscheint mir gerecht. Gleichzeitig erinnert es auch daran, wie viel von diesen Abfällen wir alle (leider) produzieren … Singulart: Sie haben in Philosophie promoviert – inwiefern beeinflusst das Philosophiestudium Ihr künstlerisches Schaffen? Guse: Promoviert habe ich über Social Design, das den Anspruch hat, der Gesellschaft zu dienen und sie teilhaben zu lassen. Ich habe mich gefragt, wie das konkret funktionieren kann und deshalb die künstlerische Methode „Thin­king Hands“ entwickelt, mit der Spezialwissen aus Forschung und Wissenschaft mittels gemeinsamer Zeichnungen von Forschern verbildlicht wird. Das ist nützlich, um die Gesellschaft allgemeinverständlich zu informieren und sie darüber hinaus auch teilhaben zu lassen. Bei diesem Prozess kann jeder, ebenfalls durch Zeichnung, beitragen. Dadurch entsteht Austausch und Feedback über Disziplinen hinweg, und das ist etwas, was wir in Anbetracht der komplexen Fragen unserer Zeit benötigen. Entstanden ist Thinking Hands, weil ich schon seit vielen Jahren mit Künstlerkollegen regelmäßig kollaborativ zeichne und diese Methode auch mit Nichtkünstlern erprobt habe. Von daher hat eher meine Kunst die philosophische Arbeit beeinflusst und nicht umgekehrt. Singulart: In Ihren Arbeiten hinterfragen Sie Sehgewohnheiten. Wie genau spielen Sie künstlerisch damit, gibt es wiederkehrende Motive und wie gehen Sie bei neuen Arbeiten vor? Guse: Meine Motive entspringen der Konsum- und Luxuswelt. Es sind die Dinge und Bilder, deren Attraktivität man sich nur schwer entziehen kann, obwohl klar ist, dass sie nicht lebensnotwendig sind, wie z. B. Juwelen, Designerhandtaschen, künstlerische Meisterwerke, Kronleuchter oder Trophäen. Dem Zwiespalt zwischen solchen Wünschen und der Maßlosigkeit versuche ich zu begegnen, indem ich Preziosen im Alltäglichen und leicht Verfügbaren entdecke, eben im Konsumabfall. Durch meine Art des Se­hens abstrahiere ich Formen und Flächen, und durch Biegen, Drehen, Kleben oder Zerknüllen werden sie zu etwas Neuem, z. B. zur Nachbil26 | GUSE | 2018

dung einer historischen Krone. Das unterstütze ich durch die entsprechende Inszenierung mit Umgebung und Licht, halte es fotografisch fest und bearbeite es digital. Singulart: Sehen Sie Ihre Sehschwäche als Hindernis in Ihrer künstlerischen Arbeit oder als Alleinstellungsmerkmal? Guse: Es ist sicherlich kein Hindernis, denn zum Glück kann man der Optik ja nachhelfen und dem normalen Sehen sehr nahekommen. Mir gefällt aber, dass ich zwischen zwei Sehgewohnheiten switchen kann. Singulart: Sie machen auch Auftragsarbeiten und inszenieren Kunden in den Rollen historischer Kunstwerke. Welches Kunstwerk würden Sie für Ihr eigenes Portrait auswählen? Guse: Mich selbst habe ich bereits vielfach inszeniert. Als ich nach Wien zog, habe ich mich spontan für Kaiserin Sisi begeistert, was mir deshalb gefiel, weil es eine von der Realität sehr weit entfernte Rolle ist und weil mich ihre würdevolle Haltung beeindruckt. Das wollte ich nachfühlen. Für eine Ausstellung in der Kunsthalle Bremen (2007) habe ich mich als die Malerin Paula Modersohn-Becker inszeniert. Das fühlte sich ganz anders an und war einfacher, denn die Künstlerinnenrolle ist mir natürlich sehr nah. Singulart: Welche Künstler beeindrucken und beeinflussen Sie? Guse: Ich interessiere mich besonders für Künstlerinnen und Künstler anderer Disziplinen, z. B. der Literatur, des Films oder der Musik, denn sie stellen mit ihren Mitteln eine inspirierende Atmosphäre her. Lieblingskünstler von mir sind unter anderem Susan Sonntag, Jenny Holzer, Falco, David Bowie, Gary Oldman oder Peter Licht. Singulart: Erzählen Sie uns etwas zu Ihrer fotografischen Arbeit? Welches der beiden Medien finden Sie herausfordernder und welches bevorzugen Sie persönlich – Zeichnung oder Fotografie? Guse: Ich benutze beides gern, je nach Stimmung und Anlass. Grundsätzlich ist mir abgesehen von der Technik aber der soziale Aspekt der wichtigste, also das, was durch die Menschen, mit denen ich zeichne oder die ich fotografiere, entsteht. Was ich von Kollegen, Kunstsammlern, Wissenschaftlern, Familie oder Freunden erfahre und lerne, sind die Elemente, aus denen ich mir ein Weltbild zusammensetze. Sozusagen eine Weltcollage, die ich dann als Künstlerin versuche sichtbar zu machen.

SINGULART

Singulart ist eine junge Online-Kunstgalerie mit Sitz in Paris. Die Gründer Véra Kempf, Brice Lecompte und Denis Fayolle wollen mit ihrem Konzept die Reichweite herkömmlicher Galerien steigern. Stephanie Guse ist seit 2018 bei Singulart vertreten. singulart.com, Kontakt Sylivia Schneider (sylvia.schneider@singulart.com)


V I E N N A

Aus der Serie „Werbemädels“, 2004, Lambda-Print, 2018 100| GUSE x 75| 27cm


MUSIK

BEGEHRTE TROPHÄEN ALS KUNSTFOTOS

GOLD 1

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1 NEIL YOUNG: Zuma 2 LCD: lcd soundsytem 3 QUEEN: Live Killers, alle aus der Serie

„GOLD“; Alle 2018, Unikate (+3 Artist-Prints), Diasec, 31 x 31 cm

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OP ist ein Berliner Vinylplattenladen. Ladeninhaber Martin Väterlein und Kurt Pyrolator Dahlke veranstalten regelmäßig Ausstellungen, Konzerte und Events zwischen Plattenregalen und DJ-Pult. Damit geben sie der aktuell wiedererwachten Begeisterung für die Vinylschallplatte und dem immer wichtigen, qualifizierten Gespräch über Popmusik einen großartigen Raum. 4 Vom 15.9. bis 15.11.2018 ist hier – kuratiert von Moritz R® (DER PLAN) und Anne Frechen – die Fotoserie GOLD als Installation zu sehen. Der Titel bezieht sich sowohl auf die goldenen Schallplatten, die begehrten Auszeichnungen der Musikindustrie, als auch auf den Song Gold der New-Romantic-Band Spandau Ballet von 1983. Die Fotos inszenieren Trashobjekte als goldene Scheiben nach realen Vorbildern von Musikern und Bands wie David Bowie, Patti Smith oder Queen. Die Labels wurden mittels Einkaufstüten, Pralinenschachtel-Inlays, verschiedenen Konsumschnipseln und Markenetiketten imitiert. Zur Ausstellung erschien eine limitierte Plakat­edition mit einer fiktiven goldenen Schallplatte von DER PLAN (Da vorne steht ’ne Ampel (1980), Gummitwist (1984), CD Unkapitulierbar (2017)). POP Dein Plattenladen, Yorckstraße 52, 10965 Berlin www.pop-berlin.de

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4 Plakatedition 5 Eröffnungsabend outside 6 Artist & Friends: Soenke Hollstein, Katrin Funcke, Kristina Heldmann, Michael Lehner, Stephanie Guse 7 Gruppenbild mit „Kunstkontakter“ (www. berlinerkunstkontakter.de): Moritz Reichelt, Stephanie Guse, 8 Konstantin Schneider, Martin Väterlein 8 Anne Frechen spricht einführende Worte 9 Auftritt Olaf Schulz mit der Band „Flowers for Merlin“ 10 Installation über dem „echten“ Angebot, von links: DAVID BOWIE: Changes, QUEEN: Live Killers, PATTI SMITH: Horses, NEIL YOUNG: Zuma, FELA: Fela & Africa 70, LCD: lcd soundsystem, 9 MADONNA: Like a Virgin, BOB DYLAN: Nashville Skyline, EURYTHMICS: Savage

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BETRACHTUNG

DIE KUNST DES ACCESSOIRES „NICHT DIE PERSÖNLICHE SCHÖNHEIT UND WÜRDE MACHEN DIE KAISERIN – ES SIND DIE ACCESSOIRES.“ EINE BETRACHTUNG DURCH DIE KULTUR- UND LITERATURWISSENSCHAFTLERIN EVA HORN

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in winziger Clutch-Bag, paillettenüberkrustet, silberbestickt, strassgeschmückt. Sieht aus wie aufwändigste Handarbeit, feine Details, saubere Verarbeitung bis ins schimmernde Futter. Das ist Qualität für die Ewigkeit – oder jedenfalls bis zur nächsten Saison. Und so klein, dass nicht mal eine Haarbürste oder ein Portemonnaie hineinpasst, bestenfalls ein Lippenstift und etwas Puder. Mode ist Verschwendung, Vergänglichkeit, Überfluss, purer Schmuck, und in keinem Accessoire drückt sich das prägnanter aus als in der Handtasche. Insbesondere jenen winzigen und zugleich super-luxuriösen kleinen Täschchen, die frau nicht mal über die Schulter hängen und mit nützlichen Sachen füllen kann, sondern

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1 Knockout Collier (Luftpolsterfolie und Goldfarbe), 2007, Lambda-Print, 50 x 73 cm, aus der Serie „Empresses’ Must-Haves“ 2 Red Bag (Gemüsekisteninlay und Goldfolie), 2007, Lambda-Print die in der Hand gehalten werden müssen und das teure dünne Kleid kommentieren, mit dem man nirgendwo anders hingehen kann als zu einer rauschenden Party. Der Clutch begleitet das Kleid, ergänzt es, ist eine Verzierung der Verzierung: ein Meta-Accessoire, ein i-Tüpfelchen, Ding gewordene Überflüssigkeit. Und genau darum ist die Erscheinung erst mit der Tasche perfekt: Sie sind „Must-haves“, absolut notwendige Entbehrlichkeiten.


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BETRACHTUNG

s ist kein Zufall, dass Stephanie Guse diese seltsam überflüssigen und opulenten Mode-Accessoires zum Gegenstand ihrer Kunst gemacht hat, die sich mit Ironie und scharfsichtiger Verspieltheit der Mode und ihren Paradoxien widmet. Mode ist luxuriös und vergänglich zugleich, einerseits aufwändig und kostbar, andererseits Wegwerfartikel, der trotz teuerster Materialien und Verarbeitung schon nach ein paar Monaten nicht mehr zu gebrauchen ist. Mode markiert die Gegenwart, in der eine Person sich zeigt, ob auf der Straße oder im Bild. Sie inszeniert einen Körper nicht nur sozial – reich oder arm, trashig oder im Power-Dress, experimentell oder konservativ – sondern auch zeitlich – Sommer 2011 oder eher liegengebliebene 1990er, ironische Eighties oder drei-

genheit und Zukunft und gibt uns so, solange sie auf ihrer Höhe ist, ein so starkes Gegenwartsgefühl, wie wenige andre Erscheinungen.“ Diese Spannung von Sein und Nichtsein, Luxus und Flüchtigkeit, Überflüssigkeit und Notwendigkeit steht im Zentrum von Guses Inszenierungen und Simulierungen von Accessoires. Ob in der Handtaschenserie my Versace, my Boss etc., in Empresses’ Must-haves oder dem grobklotzigen Schmuck in Paula’s Collection führen ihre mit ironischer Schlampigkeit und doch subtilem Gespür fürs Material „nachgebauten“ Taschen, Kronen und Schmuckstücke gerade die Spannung von Flüchtigkeit und Opulenz, schimmerndem Schein und wertlosem Material vor. Was im Original mit Pailletten oder Silberfäden bestickt ist, ist in Guse Remakes plötzlich

fach wiederaufgewärmte Sixties. Genau ein Jahr alt und jetzt schon nicht mehr tragbar – oder wunderbar wiederbelebtes Vintage. Mode ist Schein, der sein will, aber nicht dauern, wie

Plastikverpackung, Wegwerfmaterial, Pillen- oder Pralinenverpackung, Bonbonpapier oder Obstnetz, was Gold und Edelsteine waren, sind nun die gelben Schalen von Überraschungseiern. Müll und Recycling. Guses Accessoires sind dabei zugleich glamourös und trashig in Szene gesetzt: mal auf schimmernder Folie, mal mit einem surrealistisch sich ins Unscharfe kringelnden Band, mal vor einer Bodenleiste mit Stromverlängerungskabel. Die Photos sind bearbeitet wie in Modezeitschriften, die Posen und Drapierungen kunstvoll, aber auch so gestochen scharf, dass die Banalität des Materials gnadenlos herausgestrichen wird. Die billigen Materialien und ärmlichen Umgebungen kommentieren die glanzvolle Intention der Mode-Fetische mit einer Geste der ironischen Unterbietung: „Das kann ich auch haben, das kann ich auch

EINE VERZIERUNG DER VERZIERUNG : EIN META-ACCESSOIRE der Soziologe Georg Simmel früh bemerkt hat: „Ihre Frage ist nicht Sein oder Nichtsein, sondern sie ist zugleich Sein und Nichtsein, sie steht immer auf der Wasserscheide von Vergan-

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BETRACHTUNG herstellen.“ Diese Unterbietung entblößt die teuren und luxuriösen Objekte ihrer Exklusivität und legt damit das frei, was Luxus-Accessoires und Mode-Artikel ja immer auch sind: Überflüssiges, Wegwerfobjekte, zwar kostbar und geschätzt – aber immer nur bis zur nächsten Saison. as mag alles eine spöttische Kommentierung der Luxus-, Moden- und Konsumwelten sein – und wäre insofern eigentlich nichts Neues, seit dem Waren- und Markenfetischismus der Pop Art. Dass Mode immer auf der Schwelle zum Müll, zur Parodie, zum ironischen Schein steht, weiß die Mode längst selber: Materialrecycling, Vintage-Elemente, teure Verarbeitung billiger oder ungewöhnlicher Stoffe, Gummistiefel mit Nerzbesatz, Mäntel aus Plastikfolie – all das

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WIRKLICH SUBVERSIV WERDEN GUSES IRONISCHE REMAKES DANN, WENN SIE SIE AUF DIE KUNST SELBST ANWENDET ... 32 | GUSE | 2018

gehört längst zum guten Ton avantgardistischer Designer. Wirklich subversiv werden Guses ironische Remakes dann, wenn sie sie auf die Kunst selbst anwendet – und auf eines ihrer auratischsten Genres: das Portrait. Portraits berühren mehr als jede andere Bildform, weil aus ihnen der ferne Blick eines Individuums dem Blick des Betrachters begegnet. Über Jahrhunderte hinweg schauen wir einer Person in die Augen. Wir sehen eine einzigartige Persönlichkeit in der Weise, wie sie sich dem Maler präsentiert, wie sie sich zu sehen gegeben hat. Wir sehen, wie diese Person gesehen werden wollte: ehrwürdig, stolz, glücklich, schön, hochnäsig, imposant. Wir sehen gelegentlich auch, wie der Maler diesen Willen seines Modells durchkreuzt, wenn er etwa Könige degeneriert oder depressiv aussehen lässt, Würdenträger dümmlich, stolze Bürgerfami-

3+4 Empresses’ Must-Haves Teil eines Triptychons, 2007, Lambda-Print, 99 x 150 cm lien bieder, Prinzessinnen blasiert, Ehegattinnen hysterisch präsentiert. Was wir aber frühestens auf den zweiten Blick sehen, sind die Staffagen, mit denen sich das portraitierte Modell in Szene setzt. Die Signaturen der Zeit, mit denen die großen Roben der Vergangenheit dann doch nichts anderes sind als die Modeeinfälle einer Schneiderin 1865 oder 1901. Aber im Portrait soll die Mode vergessen werden: Hier werden Kleider, Hintergründe und nicht zuletzt die kleinen Accessoires zu Bedeutungsträgern von großem symbolischem Gewicht, die die Aura des Individuums unterstreichen, wenn nicht tragen. So sind


BETRACHTUNG die diamantbesetzten Sternenspangen, die in dem berühmtenPortrait der österreichischen Kaiserin Elisabeth von Franz Xaver Winterhalter die Haare Sisis schmücken, unmittelbare Symbole einer imposanten Verkörperung von Macht durch weibliche Schönheit. Sie unterstreichen die Üppigkeit der Frisur und die Hochnäsigkeit des etwas verkrampften Lächelns, das Elisabeth im gezierten Blick über die nackte Schulter aufsetzt. Ausgerechent dieses berühmteste aller österreichischen Herrscherinnenportraits nun nimmt sich Stephanie Guse vor und unterzieht es einem durchgreifenden Remake wie die Taschen von Versace und Boss. Vordergründig sehen wir auch hier die Accessoires einer herrschaftlichen Inszenierung: ein braunes Samtkleid, Perlenkette, schwere Stoffe im Hintergrund drapiert, ein steif durchgedrückter Rücken, ein ernster Blick, der mit aller Anstrengung Ehrwürdigkeit ausstrahlen will. Und wieder die glitzernden Spangen im güldenen Haar. Dann die Überraschung: Die Spangen sind Photoklammern, der Thron ein Bürostuhl. Sisi einmal billig. Das Wiedererkennen der Sternenspangen in ihrer witzigen Remake-Version lässt die Inszenierung plötzlich als solche durchsichtig werden: Nicht die persönliche Schönheit und nicht die Würde machen die Kaiserin – es sind die Accessoires! Was wäre Sisi ohne ihre Sternenspangen? Aber sie müssen eben nicht aus Weißgold und Diamanten sein, zeigt Guse. Kaiserlichkeit wird so ent-

WAS WÄRE SISI OHNE IHRE STERNENSPANGEN? larvt als Inszenierung, die notfalls auch mit einfachsten Mitteln zu haben ist: eine Do-it-yourself-Sisi. Damit dekonstruiert Guse auf eine ziemlich durchgreifende Weise den intendierten Effekt des berühmten Sisi-Portraits, politische Macht durch weibliche Schönheit und Prunk zum Ausdruck zu bringen. Das klassische Herrscherportrait, das nach Louis Marin eigentlich der Herrscher selbst ist (nicht nur darstellt), zerfällt hier in höchst erschwingliche Bestandteile. Die fröhliche Demokratisierung herrschaftlicher Imposanz, die Guses respektloses Remake vornimmt, wirkt so auch auf das verballhornte Original zurück: Wir sehen auf einmal die zeitbedingte Staffage, die den Glamour-Effekt ausmacht. So wird das Kleid der Kaiserin plötzlich zum modischen Outfit (Sommerkollektion 1865), die Sternenspangen zum Accessoire, das bei Licht betrachtet eigentlich „slightly over the top“ ist. So sind Guses Portrait-Remakes eine einerseits höchst ironische und spielerische, aber doch auch recht subversive Auseinandersetzung mit der Gattung Portrait, die diese Gattung nicht ungeschoren lässt. Die Remakes der Selbstportraits Paula Modersohn-Beckers etwa entlarven die scheinbare Nacktheit und Ungeschütztheit, mit der Modersohn ihren Körper und ihr Gesicht dem Betrachter offenlegt, als zitierbare Pose. Die betont plumpen Ketten, die sie trägt, werden bei Guse reinterpretiert als extra-dicker, extra-bunter Plastikschmuck aus Kinderspielzeug, das Kindermotiv kehrt wieder

in der Schale des Überraschungseis. Der gebeugte Nacken in Modersohns Selbstbildnis zum 6. Hochzeitstag wird in Guses Selbstportrait als (in diesem Fall: echte) Schwangere von einer Geste der Kunstlosigkeit uminterpretiert zum eleganten Contrapposto von Renaissance-Modellen. Gerade die Authentizitäts-Anmutung des Portraits, die Vorstellung, dass wir dem Modell nicht nur in die Augen, sondern unmittelbar in die Seele sehen, wird hier durch die Parodie als Fake entlarvt. Alles Pose und Dekor, sagen Guses Bilder. Mit ein bisschen Plastik und Lippenstift kriegen wir das auch selbst hin.

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ber auch das ist noch nicht die ganze Wahrheit. Zwar ist der grundlegende Gestus von Guses Kunst ironisch und parodistisch, aber hinter den Inszenierungen, Remakes und Kostümierungen wird – beim zweiten und dritten Blick – eine Ernsthaftigkeit spürbar, die ihren Portraits eine eigenartige Faszinationskraft verleiht. Diese Faszination trägt weiter als der pure Überraschungseffekt, wenn wir sehen, dass die prachtvollen ornamentalen Roben à la Gustav Klimt oder Max Kurzweil aus transparenten Plastiklöffelchen bestehen oder aus auf Parkett arrangierten Bonbon-Papieren, Glanzpapier und Stoffschnipseln. Haben wir diese Überraschung, diesen Knalleffekt einmal überwunden, haben wir gelernt, dass große Roben auch aus Müll bestehen können und dass Herrschaftlichkeit oder Verwundbarkeit nichts sind als eine kunstvoll einstudierte Pose, dann wandert der Blick zurück zum Gesicht. Der ernsthafte, durchdringende Blick Guses, wenn sie sich selbst als Sisi, Modersohn-Becker oder Klimtsche Society-Dame der Wiener Jahrhundertwende inszeniert, halten den Blick des Betrachters länger, als es die aufwändig gemachten Ornamente der Kleider erwarten lassen. Der klare und etwas höhnische Blick Katrin Funckes, die Max Kurzweils Dame in Gelb nachstellt, prachtvoll überkrustet von durchsichtigen Eislöffelchen, zeigt ein hintergründiges Wissen um die Spannung von Trash und Inszenierung hinter dem vordergründigen Glamour. Gerade weil die kostbaren und stilisierten Kleider zu billigen und witzigen Augentäuschungen zerfallen sind, gerade weil wir sehen, dass alles „nur“ Inszenierung ist, tritt plötzlich die Person, das Gesicht, der Blick in einer anderen Weise hervor. Es ist der Blick von Schauspielern, die dem Zuschauer zuzwinkern: „Ich spiel ja nur. Ich versuche gar nicht der zu sein, den ich hier spiele. Ich bin nicht Gefangener meiner Rolle.“ Der Blick, der aus Guses Portraits schaut, mag ernst und konzentriert sein, aber er vergisst in keinem Moment, dass er Teil einer Rolle ist, Element in einem selbstbewussten Fake. In diesen Portraits treten keine Fashion-Victims auf, wie Sisi eines war, Opfer des eigenen Haar-, Schlankheits- und Kleider-Wahns. Guse und ihre Modelle wissen, dass alles nur Mode ist und dass ein „Must-have“ gerade nichts ist, was man haben muss. Aus Guses ironischen Portraits schauen Augen, die immer schlauer sind als das Bild, das sie abgeben: Sie wissen um die Kunst des Accessoires.

EVA HORN

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Eva Horn lehrt als Professorin seit 2009 am Institut für Germanistik an der Universität Wien. Sie forscht zu den Themen Krieg, Feindschaft, Staatsgeheimnisse und Klima. 2018 | GUSE | 33


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Belgian Clutch 34 | GUSE | 2018

C- Print, 100 x 75 cm

Belgische Meeresfrüche Packungsinlay, Reißzwecken, Goldpapier

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Henri de Toulouse-Lautrec

STUDIO LIFE

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1 Mariam Wahsel, Designerin nachhaltiger Mode, wird „Jane Avril“ 2 Henri de Toulouse-Lautrec: Jane Avril tanzend, Studie für „Jardin de Paris“, 1893, Gouache auf Karton, 99 × 71 cm, Privatsammlung

WHAT’S NEXT? Work in Progress ...

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STUDIO LIFE 1 Vincent van Gogh: Selbstbildnis mit verbundenem Ohr und Pfeife, 1889, Öl auf Leinwand, 51 x 45 cm, Sammlung Leigh B. Block 2 Dominic Oley, Schauspieler, Theaterregisseur und Dramatiker, wird in 2018/19 zum niederländischen Maler

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Vincent van Gogh

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3 Sissi Guse, Tochter der Künstlerin, wählte ein Motiv der französischen Malerin Marie-Denise Villers, das vermutlich ein Selbstportrait ist. Marie-Denise Villers ist die Schwester der bekannten Malerin Marie-Victoire Lemoine. 4 Eine Pralinenschachtel dient als Hintergrundarchitektur und Himmel 5 Marie-Denise Villers: Zeichnende junge Frau, 1801, Öl auf Leinwand, 161 × 128 cm, Sammlung Isaac Dudley Fletcher

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Marie-Denise Villers 36 | GUSE | 2018


STUDIO LIFE

Frida Kahlo

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Tamara De Lempicka

6 Frida Kahlo: Mi y mis pericos, 1941, Öl auf Leinwand 82 x 62 cm, Privatsammlung New Orleans 7 Handstudie mit Annika Guse, Schwester der Künstlerin, für ein Selbstportrait von Frida Kahlo mit ihren Papageien 8 Work in Progress mit der Wiener Malerin Susanna Schwarz für ein Selbstportrait von Tamara De Lempicka: Tamara im grünen Bugatti, 1929, Öl auf Holz, 35 × 27 cm, Privatsammlung

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9 Willhaben: The Choice (2018, 80 x 64 cm), eine Fotoinszenierung mit dem Schauspieler Claudius von Stolzmann. Das Originalgemälde The Choice (Öl auf Leinwand, 2017) stammt von der zeitgenössischen Künstlerin Andjelka Ljubic und wurde 2018 auf der niederländischen Onlineauktionsplattform „catawiki“ versteigert. 10 Detail aus dieser Fotoarbeit: Schirmgriff aus goldenen Luftballons

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KOOPERATION

KONFLIKT & KONSENS INKLUSIVE 1

„BETTINE“ IST EINE FÜNFKÖPFIGE ILLUSTRATORENGRUPPE, DIE SICH GEGENSEITIG IN DIE BILDER MALT. WAS IN DER KUNST EIGENTLICH EIN „NO GO“ IST, WIRD HIER ZUM PROGRAMM UND IST FÜR DEN BETRACHTER NICHT IMMER LEICHT KONSUMIERBAR 2

TEXT: STEPHANIE GUSE / FOTOS UND ILLUSTRATIONEN: „BETTINE“

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emeinsam zeichnen hört sich erst einmal harmlos an, könnte man doch denken, dass es sich um eine Neigungsgruppe handelt, die der britischen Bewegung The Big Draw folgt, die Zeichnen als Kompetenz des Menschen fördern möchte. Das trifft es aber nicht, denn diejenigen, mit denen ich zeichne, sind die Illustratorinnen Katrin Funcke, Kristina Heldmann und Ute Helmbold sowie der Designer Stefan Michaelsen, und sie befassen sich hauptberuflich alltäglich mit Zeichnungen und Gestaltung. Fernab vom Erwerb des Lebensunterhaltes hat gemeinsames Zeichnen aber eine noch besondere Bedeutung für uns. Wir zeichnen nämlich nicht nur nebeneinander, sondern gegenseitig in unsere Bilder hinein. Auch Zerschneiden und neu Collagieren ist erlaubt und wird begleitet von inhaltlicher und gestalterischer Debatte. Einmal

EINMAL IM JAHR TREFFEN WIR UNS ZU DIESEM ZWECK. im Jahr treffen wir uns zu diesem Zweck und bearbeiten ein ausgewähltes Thema, vorzugsweise künstlerische Biografien oder lite­rarische Werke. Gestartet wird der Prozess mit eigenen Bildern zum Thema, die für alle sichtbar ausgelegt und aufgehängt werden. Im Folgenden bedient sich jeder aus diesem Fundus, um die Motive zeichnerisch zu erweitern und mit eigenen Bildern collagierend zu kombinieren.

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ir haben dieses Prinzip bei einem Aufenthalt im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf entwickelt. Es ist der ehemalige Wohnsitz von Bettine und Achim von Arnim. Bettine von Arnims Biografie war unser erstes illustratives Gemeinschaftswerk: Der Bettinefries (2008), woraufhin wir ihren Vornamen als Gruppennamen entlehnten. In der Folge sind seitdem Werke wie Rheinsberg – Ein Bilderbuch für Verliebte (2012) nach Kurt Tucholsky, Shakespeare mit Frösche (2013) nach Romeo und Julia von William Shakespeare und Mut & Anmut – Frauen in Brandenburg und Preußen im Rahmen des gleichnamigen Kulturland-Brandenburg-Themenjahres 2010 entstanden. 2017 trafen wir uns im bekannten Künstlerdorf Worps­wede und diskutierten und

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arbeiteten eine Woche an Illustrationen zu Rainer Maria Rilkes Requiem für eine Freundin, das er 1908 für die Malerin Paula Modersohn-Becker geschrieben hat. Darin beklagt er die Beeinträchtigungen, die Paulas Eheschließung mit dem Maler Otto Modersohn und die folgende Schwangerschaft auf ihr Künstlerleben ausübten. Aus der Beschäftigung mit dem Requiem sind, wie jedes Mal, viele Zeichnungen entstanden. Sie wurden zerschnitten, zerstört und neu zusammengefügt – Konflikt und Konsens inklusive, denn einfach ist unsere Kooperation nicht, obwohl wir weitestgehend verständnisvoll mit der Sicht- und Malweise der anderen umgehen. Der Arbeitsflow kommt bei Meinungsverschiedenheiten aber durchaus ins Stocken. Auch die gern gestellte Frage Erkennt man das noch? wird oft kontrovers beantwortet. Letztendlich wird der Betrachter über den Reiz der kakophonischen Darstellung entscheiden müssen. Wir selbst haben gelernt, dass wir durch diesen Prozess zu überraschenden Ergebnissen kommen, die ein Einzelner nicht herstellen könnte. Das treibt uns an, und so wurde Rilkes Requiem auf Paula zu einem gemeinsamen Werk namens PAULA, das 2018 in Buchform erschien.

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ür 2019 planen wir erneut eine Zusammenarbeit, bei der diesmal jeder eine eigene Rolle illustrierend übernehmen soll. Ob die Textvorgabe Prosa oder vielleicht ein Theaterstück sein wird, ist noch nicht klar. Fest steht aber der Ort, an dem wir arbeiten werden: die Ateliers Vor den Pferdeweiden in Worpswede. Mit ganz viel Platz für sehr, sehr viele Bilder ...

www.bettinebettine.de Bisher erschienen: Der Bettinefries Der Bettinefries (Bunzel, W.: Bettine von Arnim: Die Welt umwälzen, ed. Frankfurter Goethe-Haus, Freies Deut­sches Hochstift, Frankfurt am Main, 2009, ISBN: 978-3-9811109-7-5) Mut & Anmut, Frauen in Wiepersdorf („BETTINE“ et al.: Illustrationen, in: Mut & Anmut, ed. Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2010) Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte Graphic Novel nach Kurt Tucholskys Erzählung (Nakadake Verlag, Wien, 2014) Brangelina – Are They Social Designers? (S. Guse: Thinking Hands – A Social Design Approach, Dissertation der Philosophie, Universität für angewandte Kunst Wien, 2015) Paula – Rilkes Requiem für eine Freundin (agogo-Verlag, 2018, ISBN 978-3-9819357-1-4)


1 Gemeinsam zeichnen und debattieren: „BETTINE“ im Atelier 2 Buchcover „PAULA“ 3 Shakespeare mit Frösche(n)(Detail) 4 Arbeit am „Bettinefries“ 5 „Bettinefries“(Detail) 6 Doppelseite aus „Rheinsberg“ 7 Zusammen zeichnen 8 Blick ins Buch „PAULA“ 9 Detail aus „PAULA“ 3

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CATSRT FOR A Award

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Illustrated Magazine by BETTINE


AUSSTELLUNGEN

ERBLÄTTERTE IDENTITÄTEN Mode – Kunst – Zeitschrift hieß die Aus-

stellung, die 2006 im Stadthaus Ulm und 2007 in der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig gezeigt wurde. Werke von Nairy Baghramian, Tina Bara, Victor Burgin, Stef Burghard, Hans-Peter Feldmann, Stephanie Guse, Maria Hahnenkamp, Susanne Huth, Izima Kaoru, Regina Möller, Martha Rosler, Gabi Trinkaus und Iké Udé

STUDIO VISIT

Neue Arbeiten im Atelier, mit Susanna Schwarz, 2018

TRASH TO TREASURE

Installation aus Obstkisten, Einkaufstüten & Co Galerie Henrike Höhn, Berlin, 2007

MUST HAVE!

U N D WA N N A B E ! I N M U S E U M U N D G A L E R I E IDOL+

FROM ALEXA WITH LOVE

Installation im Verein Symposium Lindabrunn, 2018

PAULAS KINDER

„Paula Modersohn-Becker im Blick zeitgenössischer Kunstproduktion“, KuBo + Kunsthalle Bremen, 2007

SISSI, ADELE & DIE FAMILIE DER KÜNSTLERIN Galerie Mitte, Bremen, 2011

„Prähistorische und zeitgenössische Frauenbilder“ Ausstellung im Künstlerhaus Wien, 2014, und in der Rathausgalerie München, 2015, mit Dörthe Bäumer, Birthe Blauth, 4 Grazien und anderen

USIA Installation

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von Fotos und Lichtobjekten im „Projektraum I“ der Künstlerhäuser Worpswede, 2004


„KÄFER“ AUS DER VIERTEILIGEN SERIE

Fish can’t see Water 2004, Lambda-Print, 100 x 75 cm

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REISE

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1 artlodge 2 Andrea Faciu: KUNST/GELD, Spiegelinstallation 3 Stephanie und Dirk beim High-ArtCooking 4 Ralf Edelmann kocht Tex-Mex 5 Stephanie Guse: IMPERIAL XL, Lichtinstallation aus Luftpolsterfolie 6 Ralf Edelmann: Return to Sender, Holzskulptur 7 Wolfgang Flad: Barinstallation

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IM KÜNSTLERPARADIES

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as Kunstsammlerpaar Katrin und Dirk Liesenfeld hat sich einen Traum verwirklicht: Sie verbinden ihre Leidenschaften Kunst, Natur und Kochen, indem sie einen traditionellen Gastberghof in Kärnten zum Kunsthotel artlodge umfunktionierten. 2010 luden sie uns als Künstlerfamilie erstmals zum Arbeiten und Urlauben auf ihre Alm ein. Gemeinsam veranstalteten wir ein HighArt-Cooking, ein künstlerisches Konzeptmenü für die Gäste. Und in den folgenden Jahren kamen wir immer liebend gern wieder dorthin, um Katrin und Dirk zu treffen und weitere Projekte umzusetzen: die Ausstellung USIA mit Tex-Mex-Menü (2011), ein Salonwochenende (2011), die Edition Willhaben (2012), das Skulpturprojekt Return to Sender (2014), ein Künstlergespräch (2015) und eine Kunst-WG (2018). Jedesmal, wenn wir in die artlodge kamen, hatte sie sich verändert und erweitert, denn Katrin und Dirk spinnen ihr Konzept konsequent weiter. Sie haben einen Skulpturenpark initiiert und präsentieren stets neue Installationen und Raumgestaltungen von befreundeten Künstlern, zum Beispiel vom Berliner Bildhauer Wolfgang Flad oder von Stefan Kaluza aus Düsseldorf. Seit Neuestem grast auch eine kleine Herde von possierlichen Schafen zwischen den Skulpturen und Minidesignspaces Tiny Houses auf der umliegenden Alm, und macht die Kombination aus Kunst und Bergidyll perfekt. Mein Fazit: ein inspirierender Ort für Kunst- und Naturfreunde, die sich von der Tiefenentspannung und Kunstbegeisterung des Gastgeberpaares anstecken lassen wollen. www.kunstalm.at


WANNA HAVE EMILIE

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Nach Gustav Klimt Emilie Flรถge von 1902, C- Print, 2011, 180 x 96 cm


Paula Since 1900

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Paula’s Collection (Dyptichon) Nach einer Portraitfotografie von Paula Modersohn-Becker 2007, C- Print, 180 x 240 cm

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BIOGRAFIE

Stephanie Guse, *1971 in Bielefeld, lebt und arbeitet in Wien

STUDIUM

1992 bis 1998 Kommunikationsdesign, Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig (Diplom) 1996 bis 1998 Freie Kunst, Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig bei Johannes Brus 1998 bis 2001 Freie Kunst, Staatliche Hochschule für Bildende Künste (Städelschule), Frankfurt am Main bei Heimo Zobernig und Georg Herold 2012 bis 2015 Dissertation Kunstphilosophie, Universität für angewandte Kunst Wien: Thinking Hands – A Social Design Approach / Thinking Hands – Eine Social Design-Methode, bei Marion Elias

STIPENDIEN / FÖRDERUNGEN

1999 ERASMUS-Stipendium, National College of Art and Design, Dublin / 1996 Operation Marinemaler, als Künstlerin zu Gast bei der Deutschen Marine an Bord der Fregatte Karlsruhe auf der Fahrt von Wilhelmshaven nach London / 2004 Residenzstipendium des Landes Niedersachsen, Künstlerhäuser Worpswede / 2004 Publikationsförderung des Bayerischen Staatsministeriums / 2008 Publikationsförderung der Stadt Wien

VORTRÄGE / WORKSHOPS

2014 Joseph Binder Symposium, Designforum, Museumsquartier, Wien / 2014 Universität Heidelberg, Centre for Organismal Studies (COS) / 2015 Fachhochschule Salzburg / 2016 Universität für angewandte Kunst, Wien / 2016 Universität Heidelberg, Centre for Organismal Studies (COS) / 2017 Falling Walls Lab, Germany, Forschungszentrum Jülich / 2018 Universität Heidelberg, Centre for Organismal Studies (COS)

SAMMLUNGEN

Schlossmuseum Aschaffenburg / Kunsthotel artlodge, Kärnten / Privatsammlungen in Deutschland und Österreich

AUSSTELLUNGEN

(E) = Einzelausstellung, (K) = Katalog 2000 Noch schöner, Fahrradhalle, Offenbach a. Main (E) Kreuze und Humor, Fluxeum Wiesbaden, mit G. Hendricks, V. Kutscher, T. Ulrichs, K. Staeck, D. Spoerri u. a. (K) 2003 Selbst. Im weitesten Sinne, mit F. Becker, A. Goldmann, C. Wruck u. a., Marburger Kunstverein (K) 2004 for your eyes only, Neuer Kunstverein Aschaffenburg (E)(K) USIA, Projektraum I, Künstlerhäuser Worpswede (E) Sauber, Projektraum I, Künstlerhäuser Worpswede 2006 Erblätterte Identitäten: Mode – Kunst – Zeitschrift, mit T. Bara, M. Hahnenkamp, G. Trinkaus u. a., Stadthaus Ulm (K) 2007 Trash to Treasure, Henrike Höhn Galerie, Berlin (E) It’s cold outside, Galerie Michaela Stock, Wien Erblätterte Identitäten: Mode – Kunst – Zeitschrift, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig (K) 48 | GUSE | 2018

Ice Flowers on Pink Skin, mit M. Nitsche und A. Percht, Galerie Michaela Stock, Wien (K) Best before …, mit W. Eul, H. Kotter, H. Weber u. a., Neuer Kunstverein Aschaffenburg (K) Paulas Kinder, mit R. Tekaat u. a., Kunsthalle Bremen und Kultur- und Bildungszentrum (KuBo), Bremen (K) 2008 Starring Stephanie Guse, Galerie Michaela Stock, Wien (E)(K) Best before …, mit R. Edelmann, W. Eul, H. Kotter, H. Weber u. a., Stadtgalerie Klagenfurt (K) 2009 BS-Visite, mit R. Edelmann, A. Gehlen, H. Kater, H. M. Mahler u. a., Rebenpark, Braunschweig Lehmbruck-Werkstatt, mit M. Benz, F. Burkhardt, R. Edelmann, C. E. Wolff u.a., Lehmbruck-Museum, Duisburg (K) Wahlverwandtschaften-regenerated, mit S. Groschup, C. M. Luenig u. a., Galerie Michaela Stock, Wien (K) Bettine von Arnim: Die Welt umwälzen, Der Bettine Fries, mit BETTINE, Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter GoetheHaus, Frankfurt a. Main (K) Bettine von Arnim: Die Welt umwälzen, Der Bettine Fries, mit BETTINE, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf 2010 Contemporary Istanbul (Messe) mit Ralf Edelmann, Galerie Michaela Stock Finde siècle!, Institut für Germanistik, Wien (E) Finde siècle! – Den ländlichen Sonnenschein verwursten, mit Karin Sulimma, Galerie Michaela Stock, Wien Illustrationen. Frauen in Wiepersdorf, mit BETTINE, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf (K) Hartzreise, mit Ralf Edelmann, Galerie Baal, Bielefeld Summer Stage Wien, Open art an der Rossauer Lände, Wien 2011 Willhaben: Adele, Galerie Filip Rosbach, Leipzig (E) Sissi, Adele und die Famile der Künstlerin, Galerie Mitte, Bremen (E) Krisen und Utopien, Neuer Kunstverein, Wuppertal (E) Usia, Artlodge-Gallery, Kärnten (E) Das ist der Humor davon, mit Ralf Edelmann, Kunstverein Perchtoldsdorf 2014 IDOL+, Prähistorische und zeitgenössische Frauenbilder, mit B. Blauth, D. Bäumer, 4 Grazien, M. Lassnig, Sh. Neshat, Ch. Spatt u. a., Künstlerhaus Wien (K) Salon 69, mit P. Baumüller u. a., Basement, Wien Das Eine, mit Ch. Spatt, 4 Grazien u. a., mo.ë, Wien 2015 IDOL+, Prähistorische und zeitgenössische Frauenbilder, mit B. Blauth, 4 Grazien, M. Lassnig, Sh. Neshat u. a., Rathausgalerie München (K) Danube Dialogues, Festival of Contemporary Art, mit R. Edelmann, U. Königshofer, B. Lang, K. H. Ströhle u. a., Bel Art Galleri, Novi Sad, Serbia (K) 2016 Kunstherbst neubau: Das Glück ist ein Vogerl, mit 4 Grazien u.a., Studio der 4 Grazien, Wien 2018 Studio Visit No 1, mit Susanna Schwarz, Atelierausstellung, Wien Gold, POP, Berlin (E) Paula, Ausst./Buchvorstellung mit BETTINE, Galerie Mitte, Bremen


Latinovic, V.: Danube Dialogues, Festival of Contemporary Art, Novi Sad, 2015, Seiten 37, 38, 42 (ISBN 978-86-89277-20-3) Guse, S. et al.: IDOL+, Prähistorische und zeitgenössische Frauenbilder, GEDOK München (Hrsg.), 2014, Seite 11 f. Kalt, D.: Schein und Sein, Die künstlerische Arbeit von Stephanie Guse ..., in: Schaufenster, Beilage zur Tageszeitung Die Presse, Styria Media Group, Wien, 2010, Seite 18–20. Neumüller, M.: Monat der Fotografie Wien 2008, Vladimir und Estragon (Hrsg.), Fotohof Edition, Wien, 2008, Seite 102 f. (ISBN 978-3-902675-11-8) Hermel, E., Roth, D., Hinrichs, S., Gödde, A., von Wedemeyer, A., Stücke, A., Cohen, B., Guse, S., Becker, M., Guntzel, S., Scheibe, J., Tekaat, R., Wolff, N.: paulaskinder: Paula ModersohnBecker im Blick zeitgenössischer Kunstproduktion, Kulturund Bildungsverein Ostertor (KuBo) (Hrsg.), 2007, Seite 32 f. (ISBN 3-936 951-09-8)

Summerstage Wien, 2010, (Open Art) Rossauer Lände

PUBLIKATIONEN

Ahr, K., et al.: Erblätterte Identitäten: Mode – Kunst – Zeitschrift, Ahr, K., Holschbach, S., Krause-Wahl, A. (Hrsg.), Jonas Verlag, 2007, Seite 144 f. (ISBN 978-3-89445-376-3) Claus, E., Guse, S., Iwan, A., Rasche, S., Reiß, B.: best before …, 2007, Neuer Kunstverein Aschaffenburg (Hrsg.), 2007 Obernosterer, B.: best before …, 2009, Stadtgalerie Klagenfurt (Hrsg.), 2009 Funcke, K., Guse, S., Heldmann, K., Helmbold, U., Hollstein, S., Michaelsen, S.: Illustrationen, in: Mut & Anmut, Frauen in Brandenburg-Preußen, im Rahmen des Themenjahres 2010 von „Kulturland Brandenburg“, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf (Hrsg.), 2010, Seite 34–47 Bunzel, W., Bettine von Arnim: Die Welt umwälzen, Frankfurter Goethe-Haus, Freies Deutsches Hochstift (Hrsg.), Frankfurt am Main, 2009, Seite 4, 39, 123, (ISBN-13: 978-3-9811109-7-5) Drühl, S.: Stephanie Guse, Neuer Kunstverein Aschaffenburg (Hrsg.), 2004 Sundermeier, J.: MS München 24 – Hochseegefühle, Die Reiselektüre als Inspiration zum Spiel, (illustriert von Katrin Funcke), Braunschweig University of Arts (Hrsg.), 1995 Funcke, K., Guse, S.: MS München 24, in: Designbuch, Braunschweig University of Arts (Hrsg.), 1997, 85 f. (ISBN 3-930292-04-1)

KUNSTPHILOSOPHISCHE PUBLIKATIONEN

Guse, S.: Thinking Hands – Schön ist zu verstehen, in: Aisthesis – Ästhetik zur Messbarkeit einer Sensation, Volume I, Marion Elias (Hrsg.), Eigenverlag Angewandte, Wien, 2017, Seite 149–159, (ISBN: 978-3-9504323-0-5) Guse, S.: Thinking Hands – Eine Social Design-Methode / Thinking Hands – A Social Design Approach, Dissertation der Kunstphilosophie, Universität für angewandte Kunst, Wien, 2015 Guse, S.: Thinking Hands – Für Co-Design & Co, in: Design Austria Mitteilungen, Volume 2015, No 1, Design Austria (Hrsg.), Seite 12 f. Guse, S., et al: Von Hand zu Hand denken – Kollaboration durch Zeichnung im Social Design, in: Joseph Binder Symposium, Reader, 2014, Seite 9 f. 2018 | GUSE | 49


Foto: Mathias Swoboda

TYPISCH

WAS MACHT STEPHANIE GUSE?

E VA H O R N , K U LT U R - U N D LITERATURWISSENSCHAFTLERIN

FRANZISKA MADERTHANER

FRANZISKA MADERTHANER, MALERIN

Foto: Roman Jan Frechen

Foto: Sabine Hauswirth

Stephanie Guse bietet Kunst quasi als Ersatz für Konsum an.

E VA H O R N

Aus Guses Portraits schauen Augen, die immer schlauer sind als das Bild, das sie abgeben: Sie wissen um die Kunst des Accessoires.

Statt darunter zu leiden, sich die Waren aus dem Topsegment nicht leisten zu können und Komplexe zu entwickeln, kreiert sie sich selbst die Objekte ihres Begehrens.

Bezogen auf das Material A N N E F R E C H E N zeigt Guse den Mut zum peinlich Besetzten, Uncoolen, sie feiert den Trash-Appeal, das Schräge und Versponnene. Sie ist eine hochgradig subversiv agierende Realitätenvermittlerin.

ANNE FRECHEN, DIREKTORIN DER KÜNSTLERHÄUSER SCHLOSS WIEPERSDORF A.D.

SVEN DRÜHL, KÜNSTLER UND KUNSTWISSENSCHAFTLER

Profanes wird künstlich und künstlerisch erhöht, wertlose Utensilien wie Schätze präsentiert.

SVEN DRÜHL

PETRA PRAHL

BEATRIX OBERNOSTERER, D I R E K T O R I N S TA D T G A L E R I E KLAGENFURT

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Es ist bezeichnend, dass die Künstlerin statt Konsumkritik zu üben lieber eine Strategie vorschlägt, um trotz allen Konsumzwangs frei und sich selbst treu zu bleiben. PETRA PRAHL, K U LT U R M A N A G E R I N

BEATRIX OBERNOSTERER


SEITENBLICKE

what else?


BEMYBAG

2006, C-Print Keksschachtel-Inlay und Reißnagel

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Kunstverlag Wolfrum, Wien – ISBN 978-3-900178-33-8