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Für Rätemacht und Revolution!

KLASSENKAMPF

Nummer 35 | MÄRZ 2019 | 2,--

Zeitung der Gruppe Klassenkampf, öst. Sektion des Kollektivs permanente Revolution

WILLKÜRHAFT DROHT

VERDÄCHTIG

SIND WIR ALLE!

Sebastian Kurz und Herbert Kickl wollen die "Verhaftung auf Verdacht".

NEIN ZUM POLIZEISTAAT! Editorial: Abbau demokratischer Freiheiten

Arbeitende Frauen

Algerien

Die heimische herrschende Klasse zelebriert den 85. Jahrestag des Bürgerkriegs mit einer autoritären Offensive.

Weltweit steigern reaktionäre Kräfte die Attacken auf die Rechte der Frauen. Die gesamte Arbeiter_innenklasse ist gefordert, diese Angriffe abzuwehren.

In Algerien bahnt sich eine explosive vorrevolutionäre Situation an. Alles wird davon abhängen, ob sich die Arbeiter_innen unabhängig organisieren.

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ISSN: 2220­0657


Editorial

Klassenkampf 35/2019

Es ist notwendig, dass die Lohnabhängigen gemeinsam den Widerstand organisieren.

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ast hat  es  den  Anschein,  dass  die  österreichische  Bourgeoisie  ein  perverses  Vergnügen daran hat, den 85. Jahrestag der Niederlage des heldenhaften Wi­ derstandes der Besten der österreichischen Arbeiterklasse gegen den Faschismus  im  Jahr  1934  mit  einem  noch  deutlicheren  und  noch  akzentuierteren  reaktio­ Fast hat es den Anschein, dass die ös­ terreichische  Bourgeoisie  ein  perverses  Vergnügen  daran  hat,  den  85.  Jahrestag  der  Niederlage  des  heldenhaften  Wider­ standes der Besten der österreichischen  Arbeiterklasse gegen den Faschismus im  Jahr  1934  mit  einem  noch  deutlicheren  und  noch  akzentuierteren  reaktionären  Rechtsruck zu feiern. Schamlos  werden  grundlegende  Er­ rungenschaften  der  Arbeiterbewegung  wie  Generalkollektivverträge,    Arbeits­ zeitgesetze oder bis vor kurzem geheilig­ te  Prinzipien  und  Grundlagen  der  bürgerlichen  Demokratie  mit  einem  Fe­ derstrich  zunichte  gemacht.    So  wie  1933/34  scheint  die  herrschende  Klasse  in Österreich zu glauben, dass sie demo­ kratische  Freiheiten  als  störenden  Bal­ last  über  Bord  werfen  kann,  weil  ihr  ohnehin  kein  Widerstand  entgegenge­ setzt  wird  und  sie  dadurch  noch  viel  leichter als unter Nutzung der parlamen­ tarischen  Hülle  ihre  Interessen  politisch  durchsetzen kann.  Jawohl,  parlamentarischer,  demokra­ tischer  Hülle.  Während  bürgerliche  His­ toriker  und  Politologen  alles  daran  setzen,  das  „Ende  des  Klassenkampfes“  zu beschwören und den Lohnabhängigen  einzureden,  dass  sie  ohnehin  auf  dem  Weg zur Verbürgerlichung seien, hat sich  unter  der  schönen  Oberfläche  des  Sozi­ alstaates  nichts  an  der  grundlegenden  Realität  des  Kapitalismus  geändert,  wie  wir sie in Österreich seit den 40er Jahren  des  19.  Jahrhunderts  kennen.  Daran  konnten  weder  die  Revolutionen  von  1848  und  1918  etwas  ändern.  Nach  wie  vor  stehen  sich  zwei  Hauptklassen  un­ versöhnlich  gegenüber:  die  Lohnabhän­ gigen,  die  allen  Wert  in  der  Gesellschaft  schaffen  und  die  Kapitalisten,  die  über 

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die Produktionsmittel  verfügen  und  sich  das  gesellschaftlich  erarbeitete  Vermö­ gen privat aneignen. „Aber  die  österreichischen  Arbeiter  sind  doch  nicht  mehr  die  ausgemergel­ ten  Gestalten,  die  wir  aus  dem  Feder­ zeichnungen  der  Schulbücher  kennen“,    behaupten  jetzt  die  Ideologen  der  herr­ schenden  Klasse.  Und  sie  haben  recht.  Ja, zum Glück hat sich die Lebenssituati­ on  der  arbeitenden  Klassen  in  den  letz­ ten  180  Jahren  deutlich  verbessert.  Das  war aber nicht das Ergebnis einer beson­

können. In  beiden  Situationen  ist  die  herrschende Klasse bereit, angeblich ge­ heiligte  Prinzipien  der  bürgerlichen  De­ mokratie  über  Bord  zu  werfen.  Dazu  gehört  die  oft  strapazierte  Gewaltentei­ lung,  die  bei  genauerem  Hinsehen  in  Wirklichkeit ohnehin nur eine Illusion ist. Wenn wir uns von der in den Schulen  gelehrten  Ideologie  verabschieden,  dass  „der  Staat  wir  alle  sind”,  sondern  erken­ nen,  dass  der  Staat  ein  Instrument  der  Klassenherrschaft  ist,  nämlich  das  In­ strument  einer  Klasse  zur  Unter­ drückung  der  anderen,  kommen  wir  der  Sache  näher.  Solange  in  einem  Klassen­ staat  die  Justiz,  die  Gesetzgebung  und  die  Exekutivgewalt  in  der  Hand  einer  Klasse  bzw.  ihrer  bezahlten  Stellvertre­ ter  und  Büttel  liegt,  kann  von  einer  Ge­

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olange in einem Klassenstaat die Justiz, die Gesetzgebung und die Exekutivgewalt in der Hand einer Klasse bzw. ihrer bezahlten Stellvertreter und Büttel liegt, kann von einer Gewaltentrennung im Sinne der arbeitenden Klasse keine Rede sein.

deren Liebenswürdigkeit  der  herrschen­ den  Klasse.  Alle  Errungenschaften  wie  Arbeitszeitverkürzungen,  Mindestlöhne,  der  Schutz  der  arbeitenden  Jugend,  die  besonderen  Schutzbestimmungen  für  ar­ beitende  Frauen,    Gesetze  zur  Sicherheit  am Arbeitsplatz … ­ das alles sind Errun­ genschaften  des  Klassenkampfes,  den  die bürgerlichen Ideologen heute verteu­ feln.  Nur weil wir in Österreich in den letz­ ten 70 Jahren  ein relativ stabiles bürger­ lich­demokratisches  Regime  erlebt  haben,  dürfen  wir  nicht  vergessen,  dass  die  Bourgeoisie  jederzeit  bereit  ist,  mit  harter  Hand  durch  zu  greifen,  wenn  sie  entweder ihre Herrschaft gefährdet sieht  oder eine reale Gelegenheit wittert, einer  geschwächten  Arbeiterklasse  schlechte­ re  soziale  Bedingungen  aufzwingen  zu 

waltentrennung im  Sinne  der  arbeitenden Klasse keine Rede sein. In  der  Zeit  der  bürgerlichen  Aufklä­ rung, also vor der Französischen Revolu­ tion,  wurde  das  Prinzip  der  Gewaltenteilung  von  Philosophen  wie  John  Locke  oder  dem  französischen  Ba­ ron Montesquieu als klares Gegenmodell  zum  Absolutismus  des  Feudalismus  ent­ wickelt.  So,  wie  Freiheit,  Gleichheit  und  Brü­ derlichkeit  der  französischen    Bourgeoi­ sie    weder  die  Arbeiter  noch  die  Frauen  umfasste,    diente  auch  das  Staats­  und  Rechtssystem  in  erster  Linie  der  Beile­ gung  von  Streitigkeiten  im  Rahmen  der  Verteidigung,  Verwaltung  und  Sicherung  des  Privateigentums  an  den  Produkti­ onsmitteln.  Die  Bourgeoisie  hatte  guten  Grund,  sich  auf  der  abstrakten  Ebene 


Klassenkampf 35/2019 des Staates  vor  sich  selbst  und  ihrer  Habgier  zumindest  teilweise  zu  schüt­ zen.  Der  steinige  und  oft  blutgetränkte  Weg  zur  demokratischen  Vertretung  der  Arbeiterklasse  innerhalb  der  bürgerli­ chen  Demokratie  legt  beredtes  Zeugnis  davon  ab,  dass  die  Gleichheitsidee  der  Bourgeoisie  immer  eine  Fiktion  war,  nie  jedoch  ein  Prinzip,  das  ernsthaft  freiwil­ lig umgesetzt werden sollte. Die  revisionistischen  Strömungen  in  der  Arbeiterbewegung,  die  ab  den  90er  Jahren des 19. Jahrhunderts daran arbei­ teten,  den  Marxismus  aus  der  Arbeiter­ bewegung  zu  vertreiben,  waren  auch  diejenigen,  die  im  Proletariat  die  Illusio­ nen  in  den  unabhängigen  bürgerlichen  Staat  verbreiteten.  Dadurch  rechtfertig­ ten sie die Annahme von Ministerämtern  in  bürgerlichen  Regierungen,  die  Unter­ stützung  von  bürgerlichen  Budgetvorla­ gen  in  den  Parlamenten  und  schließlich,  1914,  die  Unterstützung  des  imperialisti­ schen Weltkrieges. 1918/19 tat die österreichische Sozial­ demokratie,  die  1914  vor  dem  Kaiser­ reich in die Knie gegangen war, alles, um  die bürgerliche Herrschaft zu retten. Mit  der  verbalradikalen  Sprache  der  Austro­ marxisten  wurden  die  Arbeiter­  und  Sol­ datenräte  von  Innen  lahmgelegt  und  entmachtet,  in  Koalitionen  mit  den  bür­ gerlichen  Parteien  wurden  die  gesetzli­ chen  Grundlagen  für  den  bürgerlichen  österreichischen  Staat  geschaffen.  Trotz  der  sich  im  Laufe  der  20er  Jahre  immer  mehr  zuspitzenden  Klassengegensätze  war  der  Sozialismus  für  die  SDAP  nie  ei­ ne  wirkliche  Option.  Es  ist  bezeichnend,  dass  die  Wehrformation  der  Sozialdemo­ kraten  „Republikanischer  Schutzbund”  hieß.  Tatsächlich  waren  die  Sozialdemo­ kraten  die  einzige  politische  Kraft  in  Ös­ terreich,  die  die  bürgerliche  Republik  anerkannten  und  verteidigten.  Die  öster­ reichischen  bürgerlichen  Parteien,  egal  welcher Richtung, hatten komplett ande­ re  Vorstellungen.  Diese  reichten  von  der  Wiedererrichtung  der  Monarchie  über  bonapartistisch­autoritäre  Staatsformen  hin zum offenen Faschismus.  Nach dem  Willen  des  Parteivorstandes  war  der  Schutzbund  keine  Arbeiter­Miliz,  die  für  den Sozialismus kämpfen sollte, sondern  ein  Wehrverband,  der  die  bürgerliche  Republik  vor  ihrer  eigenen  herrschen­ den Klasse schützen sollte. Der  Weg  in  den  Austrofaschismus,  al­

Editorial so zur  bewaffneten  Niederschlagung  der  Arbeiterbewegung  im  Februar  1934,    wurde von den in erster Linie christlich­ sozial  dominierten  Regierungen  auf  streng  legalem  Weg  vorbereitet.  Das  kriegswirtschaftliche  Ermächtigungsge­ setz  aus  dem  Jahr  1917  wurde  aus  der  Mottenkiste  geholt,  im  März  1933  das  Parlament  durch  100  Kriminalbeamte  ausgeschaltet,  während  sich  auf  der  Ringstraße  Panzer  und  Lastkraftwagen  des  Bundesheeres  mit  Maschinengeweh­ ren sammelten. Auf  dem  Weg  von  Verordnungen  be­

Migrationshintergrund, die  Verachtung  gegenüber  den  arbeitenden  Frauen,  die  hündische Unterwerfung unter die Inter­ essen des österreichischen Kapitals. Und auch sie arbeiten daran, das  bür­ gerlich­demokratische System  unter Zu­ hilfenahme  dessen  eigener  Instrumente  zu unterminieren und immer mehr einzu­ schränken.  Statt einem Notverordnungs­ diktat  greifen  FPÖ  und  ÖVP  zum  Mittel  des  Initiativantrages,  um  Gesetze  ohne  Begutachtung  mit  ihrer  parlamentari­ schen Mehrheit durch den Nationalrat zu  peitschen.    Der  österreichische  Beam­

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ehenden Auges führte die sozialdemokratische Parteiführung das österreichische Proletariat in die Februarniederlage.

reitete der christlichsoziale Bundeskanz­ ler  Engelbert  Dollfuß  die  endgültige  Ausschaltung  der  verhassten  Arbeiter­ bewegung  vor.  Aber  immer  alles  legal,  immer  streng  rechtsstaatlich.  Genauso,  wie  auch  die  Nationalsozialisten  in  Deutschland  darauf  achteten,  alle  ihre  Verbrechen  formaljuristisch  korrekt  ab­ zusichern.  1933  verpasste  die  österreichische  Sozialdemokratie  die  letzte  Chance,  sich  der Errichtung eines faschistischen Regi­ mes  entgegenzustellen.  Trotz  Zensur  ih­ rer  Zeitungen,  trotz  Verboten  von  Arbeiterorganisationen  waren  die  Struk­ turen  von  Partei,  Schutzbund  und  Ge­ werkschaften  noch  intakt.  Der  Parteiführung  war  aber  auch  klar,  dass    im  Falle  eines  bewaffneten  Kampfes  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  die  aufge­ staute  Wut  der  Arbeiterinnen  und  Arbei­ ter  den  Rahmen  der  bürgerlichen  Republik  sprengen  und  die  Perspektive  einer  sozialen  Revolution  eröffnen  wür­ de. Sehenden Auges führte die Parteifüh­ rung  das  österreichische  Proletariat  in  die Februarniederlage. Was  können  wir,  was  müssen  wir  aus  der  Geschichte  lernen?  Heute  regieren  die  Nachfolgeparteien  jener  politischen  Parteien,  die  in  Österreich  1933  und  1938  die  bürgerliche  Demokratie  zer­ stört,  den  Faschismus  vorbereitet  und  1934  errichtet  hatten,    und  auch  ihr  Bündnis  wird  durch  einen  einzigen  schmierigen  Klebstoff  zusammengehal­ ten:  den  Hass  auf  die  arbeitende  Bevöl­ kerung,  vor  allem  auf  alle  Menschen  mit 

tenapparat, der seit der Ära Kaiser Jose­ phs  II.  mit  großem  Selbstbewusstsein  und  intellektueller  Schläue  loyal  jedem  Regime  gedient  hatte,  wird  jetzt  durch  parteipolitisch  bestellte  Generalsekretä­ re,  die  direkt  in  den  Ministerien  sitzen,  zu einer noch schärferen Gangart im Sin­ ne  der  Regierung  getrieben.  Mit  unver­ hohlenen  Zynismus  werden  Regelungen    des  Generalkollektivvertrags  wie  die  Karfreitagsregelung  aufgehoben  und  da­ mit  ein  neuer  Angriff  auf  die  Kollektiv­ vertragsfreiheit  unternommen.  Der  von  den  bürgerlichen  Parteien  aufgeheizte  Fremdenhass  und  die  Islamophobie  bil­ den  den  Vorwand,  um  Grundrechte  auf­ zuheben  und  das  so  zu  argumentieren,  als  würden  sich  derartige  Brüche  der  Verfassung ohnehin “nur gegen kriminel­ le Ausländer” richten.  Dabei  zeigt  sich  oft  schon  wenige  Ta­ ge  nach  Beschlussfassung  im  National­ rat,  was  wirklich  gespielt  wird.  Beispiel  Mindestsicherung.  Es  geht  nicht  gegen  die „Ausländer, die sich in unser soziales  Netz  hinein  schummeln”,  es  geht  gegen  die  am  schlechtest  gestellten  Schichten  der  Bevölkerung,  unabhängig  von  ihrer  ethnischen Herkunft. Und  jetzt  kommt  Innenminister  Kickl  mit  seiner  Idee  einer  Willkürhaft,  die  er  als  „Sicherheitsverwahrung”  verkaufen  will.  Der  Gedanke,  unliebsame  Personen  wegsperren  zu  lassen,  ohne  dass  sie  ir­ gendeine  konkrete  Straftat  begangen  ha­ ben,  ist  so  alt  wie  der  bürgerliche  Klassenstaat selbst. Während des Ersten  Weltkrieges  ließ  das  deutsche  Kaiser­

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Editorial reich sozialistische  Kriegsgegner_innen  wie  Rosa  Luxemburg  mittels  Schutzhaft  aus dem Verkehr ziehen. Ab 1933 setzten  die  Nazis  in  Deutschland  dieses  Instru­ ment  sofort  nach  ihrer  Machtergreifung  ein,  die  Intensität  der  willkürlichen  Ver­ haftungen  steigerte  sich  nach  dem  von  Ihnen  inszenierten  Reichstagsbrand  so­ gar noch mehr. In Österreich konnten die  erwähnten  Austrofaschisten  und  ihre  Vorgänger,  gestützt  auf  Gesetze  aus  der  Kriegszeit,  ebenfalls  präventiv  Menschen  aufgrund  ihrer  Gesinnung  einsperren  las­ sen.  Wer  glaubt,  dass  damit  der  Gipfel­ punkt der politischen Infamie erreicht ist,  täuscht  sich.  Denn  wenn  die  bürgerliche  Demokratie  den  Bach  hinunter  geht,  fin­ det  sich  immer  ein  rechter  Sozialdemo­ krat,  der  noch  bösartigere 

Klassenkampf 35/2019 genügend Leute,  die  irgendwie  verdäch­ tig  ausschauen.  Am  besten  alle  gleich  wegsperren.  Das  würde  viele  Probleme  lösen. Auch die Bettler, die das Strassen­ bild  verschandeln,  könnte  man  auf  die  Art  und  Weise  gleich  entsorgen.  Misslie­ bige  Fragesteller  bei  Veranstaltungen,  egal  welcher  Partei:  Ab  in  irgendein  La­ ger für Willkürhäftlinge.  Erst  nach  einer  gehörigen  Schreckse­ kunde  meldete  sich  Parteivorsitzende  Pamela  Joy  Rendi­Wagner  zu  Wort  und  sagte,  dass  eine  vorbeugende  Inhaftie­ rung  ohne  richterlichen  Beschluss  eine  rote  Linie  für  die  Sozialdemokratie  sei.    Da  war  aber  die  Büchse  der  Pandora  be­ reits  geöffnet,  und  auch  etliche  Landes­ fürsten  der  Sozialdemokratie  zeigten  mehr  oder  minder  deutlich  Verständnis  für die autoritären Pläne der Regierung. 

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ie österreichische Bourgeoisie und ihre Interes‐ sensvertretungen IV, WKÖ, ÖVP, FPÖ wollen die po‐ litische Schwächung der heimischen ArbeiterInnenbewegung ausnützen, um immer schärfere Angriffe umsetzen zu können.

Gedankengänge formuliert.  Den  ersten  Preis  bekommt  auch  dieses  Mal  der  bur­ genländische  Landeshauptmann  Hans  Peter  Doskozil.  Der  gelernte  Sicherheits­ wachebeamte  meldete  sich  gleich  zu  Wort,  als  der  größte  Innenminister  aller  Zeiten  Herbert  Kickl,  sein  Konzept  der  Willkürhaft  für  Geflüchtete  vorlegte.  “Warum  denn  nicht  auch  für  Österrei­ cher”,  fragte  der  besorgte  Sozialdemo­ krat.  Ja,  warum  eigentlich  nicht?  Es  gibt 

Da war  es  ja  geradezu  herzerfri­ schend,  dass  in  der  Karfreitags  Debatte  SPÖ  und  ÖGB  beinahe  einen  geschlosse­ nen Eindruck machen konnten. Dass man  als  einzige  Alternative  zum  Urlaubsraub­ zug  der  Regierung  und  dem  Angriff  auf  den  Generalkollektivvertrag  nichts  ande­ res  zu  bieten  hat  als  Klagsdrohungen  ist  allerdings  erschütternd.  Das  scharfe  Schwert des Streiks scheint bei den Spit­ zen  der  sozialpartnerschaftlich  orientier­

ten Interessensvertretungen  der  Werktätigen  endgültig  Rost  angesetzt  zu  haben. Genossinnen  und  Genossen  der  SPÖ,  die  dem  ultrareaktionären  Kurs  der  schwarz­blauen  Regierung  Widerstand  entgegensetzen  wollen,  sollten  ihre  Par­ teiführer  an  den  Beginn  jenes  Liedes  er­ innern,  dass  bei  den  Feiern  zum  Gedenken  an  die  Februarkämpfe  fast  überall  angestimmt  wurde:  „Schluss  mit  Phrasen,  vorwärts  zu  Taten”.  Die  Zeiten  der  Verhandlungen  und  der  sozialpart­ nerschaftlichen  Packelei  sind  endgültig  vorbei.    Die  österreichische  Bourgeoisie  und  ihre  Interessensvertretungen  IV,  WKÖ,  ÖVP,  FPÖ    wollen  die  politische  Schwächung  der  heimischen  ArbeiterIn­ nenbewegung  ausnützen,  um  immer  schärfere  Angriffe  umsetzen  zu  können.  Es  ist  notwendig,  dass  die  Lohnabhängi­ gen,  egal,  ob  In­  oder  Ausländer,  egal  ob  Männer  oder  Frauen,  egal  ob  alt  oder  jung,  gemeinsam  den  wirksamen  Wider­ stand organisieren.  Bilden wir, unabhän­ gig  von  Parteigrenzen,  Aktions­  und  Widerstandskomitees  in  den  Betrieben,  den Stadtteilen, den Schulen, den Univer­ sitäten, den Dörfern.  1934  sind  die  österreichischen  Arbei­ terinnen und Arbeiter unterlegen. Es gilt,  aus dieser Niederlage zu lernen. Die wohl  wichtigste  Lehre  ist  die:  ohne  bewusste  politische  Führung,  ohne  politische  Par­ tei  kann  es  keinen  siegreichen  Wider­ stand  gegen  die  Reaktion  geben.  Der  Widerstand  gegen  die  Pläne  der  jetzigen  Regierung  kann  nur  dann  erfolgreich  sein,  wenn  er  mit  dem  Kampf  für  die  Schaffung  einer  neuen,  einer  revolutio­ nären Arbeiterbewegung verbunden ist.

Gedenken an die proletarischen Opfer des Februar 1934 Am 17.2.2019,  um  11  Uhr,  hielten  wir  eine  würdevolle  Februar­Gedenkkundge­ bung  im  Zentralfriedhof  ab.  Langsamen  Schrittes  ging  es  vom  Tor  II  des  Zentral­ friedhofs  zum  Gedenkstein  für  die  Opfer  der  Februarkämpfe  1934.  Mit  dem  Trau­ ermarsch der russischen Revolution „Un­ sterbliche  Opfer“    zu  Beginn  der 

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Kundgebung wurde  der  Bedeutung  der  damaligen  Ereignisse  gedacht.  Anschlie­ ßend  gab  es  eine  Rede,  die  auf  unserer  Homepage  nachgelesen  werden  kann,  ge­ folgt von einer Trauerminute. Mit dem Lied  „Die  Arbeiter  von  Wien“  wurde  in  eine  kämpferische  Stimmung  übergeleitet.  Die  anschließende  Kranzniederlegung  war 

ein weiterer  Höhepunkt,  wobei  sich  un­ ser Kranz frisch und glänzend neben den  der  SPÖ  gesellte.  Die  Internationale  war  der Schlusspunkt unserer Veranstaltung. Besonderen  Dank  an  dieser  Stelle  gilt  unseren  Unterstützerinnen  und  den  Ge­ nossen  des  ArbeiterInnenstandpunkt  für  ihre Teilnahme.


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Innenpolitik

Karfreitagsdebatte: Es geht um mehr als einen Feiertag!

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in bisschen  ähnelt  die  Debatte  um  den  Karfreitag  Matrjoschka,  der  russischen Puppe. Oder besser gesagt den vielen verschachtelten russischen  Puppen, die sich in einer größeren Hülle verstecken.

Am Anfang stand die Klage eines kon­ fessionslosen  österreichischen  Lohnab­ hängigen  (der  von  der  Arbeiterkammer  Rechtsbeistand  erhielt),  der  nicht  einse­ hen  wollte,  warum  er  im  Gegensatz  zu  seinen  evangelischen  Kollegen  keine  An­ spruch  auf  einen  Feiertag  am  Karfreitag  habe.  Tatsächlich  ist  es  für  konfessions­ lose  und  atheistische  Arbeiterinnen  und  Arbeiter nicht einzusehen, warum immer  wieder von einer besonderen Schutzwür­ digkeit  religiöser  Bräuche  die  Rede  ist,  andererseits  im  öffentlichen  Raum  (Stichwort  Kruzifix  im  Klassenzimmer)  keine  Rücksicht  auf  nicht  religiöse  Men­ schen genommen wird. Nachdem  der  österreichische  OGH  die  heiße  Frage  nicht  entscheiden  woll­ te,  da  bereits  bei  Bekanntwerden  der  Klage  die  Wirtschaftskammer  den  Zu­ sammenbruch  der  heimischen  Ökono­ mie  an  die  Wand  gemalt  hatte,  sollte  ein  Feiertag für alle die Folge einer Gerichts­ entscheidung  sein,  hatte  er  die  Angele­ genheit  an  den  Europäischen  Gerichtshof weitergereicht. 

Die Regierung  begründete  ihren  pro­ vokanten  Schritt  damit,  dass  96  %  der  Lohnabhängigen  von  dieser  Gesetzesän­ derung  gar  nicht  betroffen  seien.  Die  300.000  lohnabhängigen  Angehörigen  di­ verser evangelischer und altkatholischer  Kirchen  sind  im  Weltbild  von  Sturz  und  Krache  also  eine  vernachlässigbare  Grö­ ße.  Das  ist  eine  gefährliche  Aussage,  da 

Schritt zur  Arbeitszeitverlängerung.  Ein  Urlaubstag  wird  einfach  zum  „persönli­ chen  Feiertag“  umbenannt  ­  Trickbetrug  nennt  man  das  üblicherweise.  Die  Da­ men  und  Herren  Großkapitalisten  kön­ nen  sich  befriedigt  zuprosten.  Die  von  ihnen  mit  millionenschweren  Wahl­ kampfspenden  unterstützte  schwarz­ blaue Bundesregierung tut wirklich alles,  was  das  Kapital  braucht,  um  seine  Pro­ fitraten  nach  oben  zu  schrauben.  Kein  Wunder,  dass  Herr  Kapsch  von  der  In­ dustriellenvereinigung  gleich  im  März 

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eal bedeutet das eine schwere Niederlage der Arbeiter_innenbewegung. Erstmals hat eine Regierung in den seit 1952 bestehenden Generalkollekivvertrag eingegriffen.

Kurz und  Strache  auch  durchaus  zuzu­ trauen  ist,  dass  sie  auch  bei  anderen  Minderheiten  gegebenenfalls  derart  zu  relativieren  versuchen  werden.  Zudem  bietet  das  Thema  gleich  Stoff  für  ein  bisschen  Islam­Bashing.  In  der  „Zeit  im  Bild  2“  am  7.  Februar  erklärte  Vizekanz­ ler  H.C.  Strache,  dass  durch  das  ent­ schlossene  Vorgehen  der  Bundesregierung  die  Gefahr  eines  even­ tuellen  islamischen  Feiertages  gebannt    AK­  und  ÖGB­Spitzen  hatten  kurzfris­ worden  sei.  Jaja,  man  muss  der  Islami­ tig  die  illusionäre  Hoffnung,  dass  nun­ sierung wirklich an allen Fronten Einhalt  mehr  der  bezahlte  Feiertage  für  alle  gebieten. zumindest  eine  kleine  Retourkutsche  für  die  Niederlage  rund  um  den  12­Stunden­ Was  den  Zynismus  der  Regierung  tag  wäre.  Die  Lohnabhängigen  sollten  aber  auf  die  Spitze  trieb,  war  der  als  sich  bereit  halten,  um  bei  ihren  Bossen  große  Reform  angekündigte  Gesetzes­ ihren  Anspruch  auf  den  Karfreitag  als  entwurf,  demzufolge  jeder  und  jede  Feiertag  anzumelden,  falls  die  Regierung  Lohnabhängige    das  großzügige  Recht  auf  eine  Neuregelung  verzichten  sollte.  haben sollte, einen Tag des bestehenden  Dann  geschah  etwas,  womit  die  sozial­ Urlaubsanspruches  zum  persönlichen  partnerschaftlich  konditionierten  Arbei­ Feiertag  erklären  zu  können  und  bei  terfunktionäre  nicht  gerechnet  hatten:  rechtzeitiger,  also  dreimonatiger,  Voran­ Nach  einem  kurzen  Scheingefecht  mit  kündigung  auch  wirklich  frei  zu  bekom­ der  Aussicht  auf  einen  halben  (!!!)  Feier­ men.    Abgesehen  von  der  Frechheit,  die  tags  ab  14  Uhr  wurde  der  Karfreitag  für  Arbeiter  und  Angestellten  für  dumm  zu  alle  Arbeiter_innen  als  Feiertag  gestri­ verkaufen,  handelt  es  sich  bei  dem  Re­ chen.  gierungsbeschluss  um  einen  weiteren 

nachhakte: Warum  nicht  alle  Feiertage  abschaffen  und  dafür  ein  paar  Tage  Ur­ laub gewähren? Für die (Groß)Unterneh­ men  ein  lukratives  Geschäft,  bei  dem  sich  allerhand  an  Feiertagszuschlägen  einsparen  ließe  ­  auf  Kosten  der  Erho­ lungszeit der Beschäftigten! Real  bedeutet  das  eine  schwere  Nie­ derlage  der  Arbeiter_innenbewegung.  Erstmals  hat  eine  Regierung  in  den  seit  1952  bestehenden  Generalkollekivver­ trag  eingegriffen.  Dieser  Tabubruch  be­ deutet  in  weiterer  Folge,  dass  sämtliche  kollektivvertraglichen  Vereinbarungen  vor  dem  reaktionären  Zugriff  der  schwarzblauen  Kapitalistenregierung  nicht sicher sind. Die  Spitzen  des  ÖGB,  der  Arbeiter­ kammer  und  der  Sozialdemokratie  rea­ gierten  wie  immer  hilflos  auf  diese  aggressive  Provokation.  Statt  die  The­ men Kollektivvertragsautonomie der Ge­ werkschaften    und  Arbeitszeitver­  längerung  sofort  in  das  Zentrum  einer  Kampagne  zur  Mobilisierung  in  den  Be­ trieben  zu  machen,    bot  man  der  Regie­ rung    wieder  einmal  Gespräche  an  und 

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Innenpolitik

Klassenkampf 35/2019

jammerte darüber, nicht ausreichend an­ mus  (sei  er  evangelikal,  katholisch  oder  es Initiativen von der Basis gibt. gehört  worden  zu  sein  und  kündigte  islamisch),  um  die  Lohnabhängigen  zu  mysteriöse Aktionen an. spalten  und  zu  knechten.  Während  wir  Letzten Endes wird es aber notwendig  internationalistischen  Kommunisten  als  sein, dass sich die Arbeiterinnen und Ar­ Dabei  kann  man  den  ÖGB­Spitzen­ Materialisten,  d.h.  Atheisten,  prinzipiell  beiter  selbst  eine  neue,  eine  revolutio­ funktionären  nicht  einmal  vorwerfen,  das Recht auf private Religionsausübung  näre  Partei  schaffen,  die  tatsächlich  auf  dass  sie  nicht  wüssten,  was  Sache  ist.  verteidigen,  lehnen  wir  die  staatliche  dem  Boden  des  marxistischen  Interna­ Am 1. März erklärte ÖGB ­ Präsident Kat­ Unterstützung welcher Religion auch im­ tionalismus  für  ihre  Interessen  eintritt  zian  im  ORF­Interview  völlig  korrekt,  mer entschieden ab. und  folgende  Forderungen  in  die  laufen­ dass  es  sich  hier  um  eine  Machtfrage  handle.  Das auch der ÖGB eine Macht in  abei enthüllt die aktuelle Debatte den ganzen diesem Land darstellt, scheint dem ÖGB­ Präsidenten  jedoch  nicht  bekannt  zu  Gegensatz zwischen den Interessen der sein.    Statt  einer  möglichst  breiten  kol­ Lohnabhängigen und der Kapitalisten. So lange dieser lektiven  Antwort  der  Lohnabhängigen  Gegensatz besteht, d. h. die Herrschaft der Kapitalisten werden  rechtliche  Schritte  geprüft  und  über die Lohnabhängigen aufrecht ist, kann es keine individuelle  Aktionen  auf  Betriebsebene  „gerechten“ Löhne bzw. „gerechten“ Arbeitszeiten vorgeschlagen,  etwa,  dass  alle  Beschäf­ tigten  den  gleichen  persönlichen  Feier­ geben. tag  anmelden  sollten.  Das  wird  die  Kapitalisten  aber  kaum  kratzen,  da  sie  gegebenenfalls  aus  „betrieblichen  Erfor­ de Diskussion einbringen würde: dernissen“ das Urlaubsansuchen zurück­ Die  Art,  in  der  die  Diskussion  um  die  weisen können. Karfreitagsfeiertagsregelung  geführt  wird,  zeigt,  dass  diese  Auseinanderset­ • Hände  weg  von  Feier­  und  Urlaubsta­ zung  eine  zwischen  den  herrschenden  gen! Worum es wirklich geht Kapitalisten  und  ihren  Handlangern  auf  • Rücknahme  des  12­Stundentags­Ge­ der  einen  und  der  Arbeiter_innenklasse  setzes von schwarz­blau! auf  der  anderen  Seite  ist.  Eine  Minder­ • Radikale  Arbeitszeitverkürzung  durch  Doch  anstatt  den  Fokus  auf  die  Ge­ heit  ­  bestenfalls  5  %  der  Bevölkerung,  Aufteilung  der  Arbeit  auf  alle  Hände  samtarbeitszeit  (Lebensarbeitszeit)  zu  nämlich  die    Kapitalistenklasse  ­  diktiert  bei vollem Lohnausgleich! richten  und  eine  Verkürzung  der  Wo­ der  großen  Mehrheit  von  mindestens  95  • Freier  Zugang  zum  Arbeitsmarkt  für  chenarbeitszeit  zu  fordern,  beschränken  %  der  Bevölkerung  ihre  Arbeitszeiten,  Geflüchtete! sich  die  SP­  und  Gewerkschaftsbürokra­ bestimmt insgesamt deren Leben. • Senkung  des  Pensionsantrittsalters,  ten  auf  den  Teilaspekt  Karfreitag.  Dabei  Verkürzung der Lebensarbeitszeit! enthüllt  die  aktuelle  Debatte  den  ganzen  Solange  die  Arbeiterinnen  und  Arbei­ • Bildung  von  demokratisch  gewählten  Gegensatz  zwischen  den  Interessen  der  ter,  die  Angestellten  und  die  Beschäftig­ Komitees  rechenschaftspflichtiger  De­ Lohnabhängigen und der Kapitalisten. So  ten  im  öffentlichen  Dienst  mehrheitlich  legierter zur Vorbereitung von Kampf­ lange dieser Gegensatz besteht, d. h. die  auf  die  alten,  auf  Klassenzusammenar­ aktionen  zur  Durchsetzung  dieser  Herrschaft  der  Kapitalisten  über  die  beit  ausgerichteten,  Parteien  und  deren  Forderungen! Lohnabhängigen  aufrecht  ist,  kann  es  Gewerkschaftsfraktionen  setzen,  ist  kein  • Führer von SPÖ und ÖGB ­ brecht mit  keine  „gerechten“  Löhne  bzw.  „gerech­ ernsthafter  Widerstand  gegen  die  sich  der Bourgeoisie! ten“  Arbeitszeiten  geben.  Das  Lebenseli­ rasant  steigernden  Angriffe  der  Bour­ • Weg mit der Kapitalistenregierung! xier  des  Kapitalismus  ist  die  Aneignung  geoisie  zu  erwarten.  Der  Widerstand  • Nieder mit dem Lohnsystem! des  Mehrwerts,  also  des  nicht  in  Lohn  muss  von  unten  organisiert  werden,  in  abgegoltenen  Teils  der  geleisteten  Ar­ den Betrieben, auf Stadtteilebene, in den  beit.  Die  Abhängigkeit  der  Lebensar­ Dörfern,  Schulen,  Universitäten.  Komi­ beitszeit  von  katholischen  Feiertagen  ist  tees,  in  denen  die  Betroffenen  unabhän­ ein  Relikt  des  Jahrhunderte  alten  gesell­ gig  von  ihrer  Parteizugehörigkeit  schaftlichen  Einflusses  der  katholischen  gemeinsam gegen die reaktionären Pläne  Kirche  in  Österreich.  Dementsprechend  von Regierung und Kapital über ihre Ge­ ist  es  nur  konsequent,  wenn  eine  Regie­ genoffensive  beraten,  wären  ein  erster  rung,  die  bei  jeder  Gelegenheit  das  Kru­ Schritt.  Selbstverständlich  bedeutet  das  zifix  schwenkt,  die  „heidnischen“  nicht, SPÖ, KPÖ und ÖGB aus der Pflicht  IMPRESSUM: Evangelischen  als  Christen  zweiter  Klas­ zu  entlassen.  Sie  sagen,  dass  sie  die  In­ Eigentümer, Herausgeber, Verleger, Druck: Gruppe Klassenkampf. Druckort: Wien. Offenlegung nach §25 se betrachtet. Das ist nämlich die zweite,  teressen  der  Arbeitenden  vertreten?  Mediengesetz: 100%-Eigentümer der periodischen ideologische  Komponente  der  Karfrei­ Dann sollen sie mit der Bourgeoisie bre­ Druckschrift KLASSENKAMPF ist die im Parteienverzeichnis registrierte politische Partei GRUPPE KLASSENKAMPF tagsdebatte:  Weltweit  bedient  sich  die  chen  und  Protestaktionen  und  Streiks  (früher: Trotzkistische Gruppe Österreichs/TGÖ). Die Partei ist an keinen anderen Medienunternehmen finanziell beteiligt. Bourgeoisie  des  religiösen  Obskurantis­ organisieren  oder  unterstützen,  sofern 

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Weg mit der Mindestsicherung ­ her mit der existenzsichernden Arbeit!

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ie sich zunehmend verschärfende  Krise  des  österreichischen  Kapi­ talismus ist offensichtlich – die Rekord­ zahl  an  Arbeitslosen  und  MindestsicherungsbezieherInnen  spricht  eine  deutliche  Sprache.  Arbeit  zu  haben  bedeutet  jedoch  keineswegs,  nicht  auf  Mindestsicherung  angewie­ sen zu sein. In Österreich haben nur 13  %  aller  MindestsicherungsbezieherIn­ nen  keine  Arbeit  und  müssen  daher  ausschließlich  von  der  Mindestsiche­ rung  leben.  Ausgerechnet  dieser  etwa  256.000  Menschen  umfassende  Perso­ nenkreis  ist  im  Zuge  der  Flüchtlingsde­ batte  ins  Fadenkreuz  der  österreichischen  Ausbeuterklasse  gera­ ten.  Die  alte  Sozialschmarotzerdebatte  aus  der  Mottenkiste  des  längst  verbli­ chenen  FPÖ  Gurus  Jörg  Haider  muss  also wieder herhalten, wenn es für die  Kapitalisten  gilt,  Sündenböcke  für  ihre  Systemkrise zu finden.

aufkommen nur zu knapp 5 % aus Unter­ nehmensgewinnen  und  zu  1,3  %  aus  vermögensbezogenen  Steuern  stammt,  suggerieren  die  Klassenkämpfer  der  Ka­ pitalisten,  dass  das  große  Geld  bei  den  MindestsicherungsbezieherInnen,  insbe­ sondere den Flüchtlingen, sein soll. 

einmal mehr zur Hetze gegen Asylwerbe­ rInnen  missbraucht  wird.  Fakt  ist,  dass  von den 2015 nach Österreich gekomme­ nen  ca.  90.000  Flüchtlingen  nur  etwa  30.000  (diejenigen  mit  abgeschlossenem  Asylverfahren)  Mindestsicherung  bezie­ hen. Es ist eine Lüge, dass in Österreich  besonders  oft  Mindestsicherung  in  be­ In  Österreich  wurden  2014  673  Mio.  trügerischer Weise bezogen wird. Die Be­ EUR  für  Mindestsicherung  aufgewendet.  trugsrate  beträgt  im  internationalen  Die Bankenrettung war der Republik bis­ Vergleich zwischen 2 und 4 % und ist da­ her 7,3 Mrd. EUR wert und das Kärntner  mit so hoch wie in Österreich.  Finanzdebakel  schlägt  bisher  mit  19  Mrd. EUR zu Buche. Während Mindestsi­ Die  Notwendigkeit  einer  Mindestsi­ cherungsbezieherInnen Monat für Monat  cherung  ist  ein  Beleg  für  das  Scheitern  jeden Cent mehrmals umdrehen müssen,  des  kapitalistischen  Gesellschaftssys­ nutzen  große  Kapitalistenverbände  die  tems,  welches  das  Menschenrecht  auf  von  ihren  politischen  Handlangern  in  existenzsichernde  Arbeit  verletzt.  Die  den diversen kapitalistischen Staaten ge­ Mindestsicherung ist das Pflaster auf die 

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esonders widerwärtig ist, dass die Kapitalistenforderung nach Kürzung der Staatsausgaben für Mindestsicherung einmal mehr zur Hetze gegen AsylwerberInnen missbraucht wird. Fakt ist, dass von den 2015 nach Österreich gekommenen ca. 90.000 Flüchtlingen nur etwa 30.000 (diejenigen mit abgeschlossenem Asylverfahren) Mindestsicherung beziehen.

Die Forderung  nach  Kürzung  der,  so­ wie  Zugangsbeschränkung  zur,  Mindest­ sicherung  fügen  sich  nahtlos  in  andere  Begehrlichkeiten  von  ÖVP  und  Wirt­ schaftskammer  wie  Senkung  der  Min­ destpensionen  von  870  auf  560  EUR,  erster  Krankenstandstag  unbezahlt  und  Ausgleichszulage erst ab 70. Dabei ist die  schaffenen Gesetze mit dem Kommentar,  Wunden, die der Kapitalismus den Lohn­ jüngste Diskussion um die Mindestsiche­ es sei rechtlich alles in Ordnung. So wur­ abhängigen  immer  wieder  aufs  Neue  rung eine Story aus Absurdistan!  de  erst  im  Februar  2016  bekannt,  dass  schlägt.  Vorbeugen  statt  heilen  –  Sturz  ein  großes  schwedisches  Möbelhaus  des  Kapitalismus  statt  Linderung  seiner  Während  500  Konzerne  mehr  als  die  zwischen  2009  und  2014  durch  diverse  Folgeschäden,  Revolution  statt  Be­ Hälfte  des  Umsatzes  der  Weltwirtschaft  „legale“,  wenn  auch  nur  für  Steuerjuris­ schränkung auf den Reformismus ist die  machen  und  die  62  reichsten  Menschen  tInnen  verständliche  Machenschaften  1  Aufgabe, vor der die ArbeiterInnenklasse  der  Erde  so  viel  wie  die  ärmere  Hälfte  Mrd. EUR an Steuern gespart haben soll.  in  Österreich  und  weltweit  unter  der  der  Weltbevölkerung  besitzen,  in  Öster­ Führung  einer  zu  schaffenden  Arbeiter­ reich 1 % der Bevölkerung 37 % des Ver­ Besonders  widerwärtig  ist,  dass  die  Innenpartei steht. mögens  besitzt,  die  ärmere  Hälfte  Kapitalistenforderung  nach  Kürzung  der  dagegen  nur  2  %,  das  heimische  Steuer­ Staatsausgaben  für  Mindestsicherung 

Kontakt: gruppe.klassenkampf@gmail.com Die Gruppe Klassenkampf im Internet: www.klassenkampf.net 7


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Lögers Pensions­Deal – ein Aktionär macht Kasse

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inanzminister Hartwig Löger, türkise Erfindung von Sebastian Kurz, stellt in  einem  Zeitungsinterview  das  österreichische  Pensionssystem  in  Frage:  der  Staat  würde  den  Arbeitnehmern  nach  40  Jahren  Arbeit  nicht  auf  Dauer  ausrei­ chende Pensionen zahlen können. Und – wenig verwunderlich – die Österreicher  sollen auf private Vorsorge setzen. „Mehr  private  Vorsorge  statt  staatli­ che“  fordern  private  Pensionsversiche­ rungen  seit  Jahrzehnten,  Profit  zu  machen ist ihr Geschäft. Womit  wir  noch  einmal  bei  Finanzmi­ nister  Löger  wären,  der  „zufällig“  bis  zum  Engagement  durch  Sebastian  Kurz  Vorstandsvorsitzender  der  Uniqa  Öster­ reich  war  und  laut  Medienberichten  selbst  12.500  Aktien  am  Uniqa­Unterneh­ men besitzt. Der neue Stil des Abcashens  findet von ganz oben statt und es ist nur  eine  kleine,  aber  bezeichnende,  Randno­ tiz,  dass  Sebastian  Kurz  selbst  Versiche­

mittels steuerlicher  Förderungen  stär­ ken.  Die  privaten  Versicherungen  sollen  profitieren  statt  den  Pensionisten!  Und  die  restlichen  kapitalistischen  Unterneh­ men auch, weil bei jeder Verlagerung der  Pensionen  weg  vom  staatlichen  System  die  Arbeitgeberbeiträge  zur  Pension  auch weniger werden – what a wonderful  world! Dabei ist belegt, dass sich private Ver­ sicherungsmodelle  kaum  für  den  Einzel­ nen  rechnen  (bestenfalls  ein  Nullsummenspiel),  abgesehen  davon,  dass das gesamte Risiko, ob sich die ver­

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ie so oft wird von der Regierung gelogen, um die Wirtschaft und deren Kapitalisten-Vertreter zu begünstigen.

rungsverkäufer bei der Uniqa war. Wie so oft wird von der Regierung ge­ logen, um die Wirtschaft und deren Kapi­ talisten­Vertreter  zu  begünstigen.  Die  Pensionen  können  in  einem  Staat  grund­ sätzlich  so  sicher  sein,  wie  es  die  Werk­ tätigen  in  einem  solidarischen  Prozess  festlegen.  Aber  selbst  im  bürgerlichen  kapitalistischen  System  stimmen  die  alarmistischen  Rufe  einer  Unfinanzier­ barkeit  und  unbedingten  Reformnotwen­ digkeit  des  Pensionssystems  einfach  nicht:  aktuell  fließen  nur  6%  der  staatli­ chen Ausgaben in die Pensionen und die  Beiträge  der  Erwerbstätigen  decken  die  Auszahlungen  immer  besser  ab,  sodass  die  öffentliche  Hand  zwischen  2016  und  2020  um  4  Mrd  Euro  weniger  für  Pensio­ nen  ausgeben  muss  als  ursprünglich  an­ genommen. Was will die Regierung tun? Steuermit­ tel  für  das  öffentliche  Pensionssystem  kürzen  und  dafür  die  private  Vorsorge 

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sprochenen Renditen  tatsächlich  so  ent­ wickeln,  vom  Einzahler  getragen  wird.  Und dass sich die Versicherungsbeiträge  schlicht  viele  nicht  leisten  können.  Steu­ erliche  Vorteile  wurden  entweder  gestri­ chen  oder  sind  ohnehin  nur  von  Vermögenden zu lukrieren. Kurz,  Löger  und  die  türkise  Kapitalis­ ten­Gang  propagieren  die  verstärkte  Ei­ genvorsorge  unter  Rückendeckung  der  heimlichen  Kapitalistenfreunde  der  FPÖ,  um  auch  die  Pensionsfinanzierung  zu  ei­ nem  lukrativen  Sektor  für  das  Finanzka­ pital  auf  Kosten  sozialer  Ansprüche  zu  machen.  Bei  jährlich  über  30  Mrd  Euro  Pensionsleistungen  sind  natürlich  Profit­ interessen  vorhanden,  die  von  Türkis­ Blau bedient werden. Wenn  auch  die  jetzige  Regierung  ebenso  wie  Schwarz­Blau  I  (Pensionsre­ form  2003  mit  Ausdehnung  des  Durch­ rechnungszeitraumes,  Erhöhung  der  Abschläge  bei  früherem  Pensionsantritt, 

steuerliche Förderung  der  Privatvorsor­ ge  etc.)  als  besonders  willfährige  Hand­ langer  des  Kapitals  entlarvt  werden  können,  darf  man  nicht  übersehen,  wel­ che  unrühmliche  Rolle  die  SPÖ  schon  seit  den  Pensionsreformen  der  1990er  Jahre  gespielt  hat  und  den  Lebensstan­ dard der PensionistInnen bereits gesenkt  hatte  und  beigetragen  hat  die  Altersar­ mut  anwachsen  zu  lassen,  wovon  ­  auf­ grund  geringerer  Versicherungszeiten,  Teilzeitarbeit  und  geringerer  Aktivein­ kommen ­ insbesondere Frauen betroffen  sind.  Und  trotz  Protesten  des  ÖGB  und  eines  Pensionsvolksbegehrens  war  die  SPÖ  nach  Rückkehr  in  die  Regierung  2006  nicht  bereit,  die  Maßnahmen  der  „Pensionsreform  2003“  zurückzuneh­ men. Das  Märchen  von  der  Unfinanzierbar­ keit des Systems hat letztlich null Logik,  wenn  man  bedenkt,  dass  es  vor  einigen  Jahrzehnten  bei  geringerer  Wirtschafts­ leistung  noch  möglich  war  und  nun  bei  höherer  Produktivität  angeblich  nicht  mehr.  Statt  ständig  seitens  IV  und  WKÖ  die  Senkung  der  sogenannten  Lohnneben­ kosten zu fordern, die in Wirklichkeit ein  indirekter  von  den  Werktätigen  erarbei­ teter  Lohnbestandteil  sind,  ist  mindes­ tens  zu  fordern,  dass  die  Beiträge  der  Unternehmer  zur  Finanzierung  der  Pen­ sionen  nicht  nur  von  den  Löhnen,  son­ dern  auch  auf  Basis  von  Zinsen,  Mieten,  Gewinnen  und  Abschreibungen  errech­ net werden. Mit  Horrorzahlen  zur  Verschuldung  des  Staates  wird  seit  Jahrzehnten  Stim­ mung  gemacht,  die  Expertengruppen  sind  reichlich,  von  Finanzakteuren  und  politischen  Machthabern  finanziert,  zur  Stelle,  um  das  zu  untermauern,  aller­ dings  mit  argumentativen  Mogelpackun­ gen:  wenn  es  zu  wenig  Geld  in  den  Staatshaushalten  gibt,  liegt  es  nicht  an  der  überbordenden  Verschwendungs­ sucht  der  Arbeiter_innen,  sondern  viel­ mehr  daran,  dass  nach  der  Finanzkrise  2008  Milliardenbeträge  zur  Bankenret­


Klassenkampf 35/2018 tung aufgewendet werden mussten, eben  weil gerade Pensionsfonds mit ihren spe­ kulativ  veranlagten  Geldern  die  Finanz­ krise auf die Spitze getrieben haben. Und  es  liegt  daran,  dass  in  der  Steuerpolitik  eine  systematische  Entlastung  von  Kapi­ tal  und  Vermögen  stattfindet,  Finanzmi­ nister  von  SPÖ,  ÖVP,  FPÖ  haben  die  Staatsverschuldung  durch  Maßnahmen  wie  Abschaffung  der  Vermögens­  und 

Innenpolitik Erbschaftssteuer, Einrichtung  steuer­ schonender  Privatstiftungen,  Senkung  der  Körperschaftssteuer  (ist  gerade  wie­ der  in  Planung)  und  Einführung  der  Gruppenbesteuerung erhöht. Also lassen wir uns nicht einreden, es  wäre  kein  Geld  da:  es  wird  nur  falsch  verteilt!  Der  solidarische  Generationen­ vertrag  wird  einseitig  aufgekündigt,  nicht  einmal  innerhalb  des  kapitalisti­

schen Systems gilt der Vertrauensgrund­ satz noch! Wehren  wir  uns  in  Betrieben,  in  Städ­ ten, in Dörfern, auf der Straße gegen die  Angriffe auf die Arbeiterschaft und erhe­ ben  unsere  Forderung  nach  einer  sozia­ listischen,  den  Interessen  der  Werktätigen, dienenden Gesellschaft!

Kickl, Ludwig, Doskozil – im Gleichschritt Marsch

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ichtige innenpolitische  Themen  gibt  es  in  Wien  und  im  restlichen  Öster­ reich genug: Angesichts steigender Immobilienpreise und explodierender  Mieten,  sich  abschwächender  Konjonktur  und  damit  wachsender  Probleme  am  Arbeitsmarkt sollte man meinen, dass ein g´standener Sozialdemokrat in seinem  Element sein sollte; dass das Hauptaugenmerk auf der Einführung von Mietzinso­ bergrenzen und der Forcierung des sozialen Wohnbaus im Fokus stehen; dass so­ zialdemokratische  Landeshauptmänner  mit  Investitionsprogrammen  der  anhaltend hohen Arbeitslosigkeit entgegen zu halten versuchen. 

Aber nein,  im  Gegenteil:  Wiens  Bür­ germeister  Michael  Ludwig  gibt  seit  Amtsantritt  den  "Schmiedl"  in  der  von  der  Bundesregierung  angefachten  Aus­ länderhetze. Stolz wurde der Praterstern  als  Waffenverbotszone  präsentiert.  Gleich ganz Wien zur Waffenverbotszone  zu  erklären  scheiterte  dann  doch  an  bundesgesetzlichen  Vorgaben.  Doch  Ludwig  wird  nicht  müde,  auf  den  immer  schneller  fahrenden  rassistischen  Popu­ lismuszug  der  FPÖ  aufspringen  zu  wol­ len.  Gegenseitig  rechts  zu  überholen  ver­ suchen  sich  Innenminister  Kickl  und  Wiens  Bürgermeister  Ludwig  in  der  Fra­ ge  der  Rücknahme  von  IS­Kämpfern. 

Ludwig hat  diesbezüglich  die  besseren  Karten,  weil  die  Vollziehung  des  Staats­ bürgerschaftswesens  Landessache  ist.  Diesen  Trumpf  spielte  der  Wiener  Bür­ germeister auch gleich aus, forderte Kickl  auf,  eine  rasche  "Lösung"  für  zurückkeh­ rende  IS­Kämpfer  zu  finden  und  kündigte  die Entziehung der Staatsbürgerschaft für  einen  ehemaligen  IS­Kämpfer  an.  Selbst  für  die  im  Regierungsjargon  "Sicherungs­ haft" genannte Willkürhaft für Geflüchtete  fanden  sich  mit  den  Landeshauptmän­ nern Doskozil ­ und wenig überraschend ­  Ludwig  Fürsprecher.  Diese  gingen  sogar  so  weit,  die  Willkürhaft  auf  alle  in  Öster­ reich  lebenden  Menschen  ausdehnen  zu  wollen. 

Wer ­  wie  Innenminister  Kickl  ­  meint,  dass das Recht der Politik zu folgen hat,  Geflüchtete  "konzentriert  halten"  will,  von dem darf man sich eben auch politi­ sche Maßnahmen aus der faschistischen  Mottenkiste  erwarten.  Würden  die  Will­ kürhaftphantansien des Herbert Kickl ei­ ne  Zwei­Drittel­Mehrheit  im  Parlament  bekommen, wären damit weiteren Geset­ zen  für  die  Einschränkung  der  Freiheit  des Einzelnen Tür und Tor geöffnet.  Immerhin  scheint  es  in  der  SPÖ  eine  Mehrheit gegen die Willkürhaft zu geben,  denn  Parteichefin  Rendi­Wagner  hat  Do­ skozil  und  Ludwig  bereits  zurück  gepfif­ fen  und  das  Nein  zur  Willkürhaft  zur  offiziellen  Parteilinie  erklärt.  Wir  dürfen  also  weiter  hoffen,  dass  Gesetzesände­ rungen  für  eine  Faschisierung  Öster­ reichs  keine  Mehrheit  finden.  Besser  als  sich  auf  die  Standhaftigkeit  der  SPÖ  zu  verlassen ist es allerdings selbst im per­ sönlichen Umfeld und auf der Straße ge­ gen  Rassismus  und  Faschismus  aktiv  zu  werden.

Komm zum ROTEN TISCH! Jeden zweiten Dienstag im Monat organisieren wir in der Westbahnstraße 35 im 7. Wiener Gemeindebezirk im kurdischen Lokal ZYPRESSE unseren ROTEN TISCH. Der ROTE TISCH ist ein offenes Diskussionsforum, in dem wir mit Interessierten über die aktuelle Lage, die Artikel in unserer Zeitung oder über theoretische Fragen sprechen. Die Termine und Themen findest Du auf unserer Homepage: www.klassenkampf.net Erreichbar mit U6, Straßenbahnlinien 5 und 49

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Frauen im Klassenkampf

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Gemeinsame Erklärung von CoReP, IKC (Span. Staat) und TML (Brasilien):

Für die arbeitenden Frauen! Jede der  reaktionärsten  bürgerlichen  politischen  Bewegun­ gen,  die  auf  dem  Planeten  erscheinen  und  sich  entwickeln  ­  von  Trump  in  den  USA,  Bolsonaro  in  Brasilien  und  den  frem­ denfeindlichen  und  faschistischen  Parteien  in  Europa,  ein­ schließlich  dem  Dschihadismus  und  der  islamistischen  Diktaturen,  konzentriert  ihre  abscheulichsten  politischen  An­ griffe auf die Rechte der Frauen. Gemeinsam mit migrantischen  Arbeitern  und  ethnischen  und  sexuellen  Minderheiten  bilden  sie  den  gemeinsamen  Sündenbock,  der  der  "Heimat"  angebo­ ten wird, um die Schuld des Kapitalismus zu tragen, der jedes  Land  in  einen  wirtschaftlichen,  sozialen  und  politischen  Mist­ haufen verwandelt hat. 

oder Homophobie ­ werden von der Kapitalistenklasse seit ih­ rer  Existenz  als  mächtiges  Spaltungsinstrument  innerhalb  der  Arbeiterklasse  verwendet.  Eine  Spaltung,  die  es  ermöglicht,  über eine große Masse von zur Unterwürfigkeit erzogenen  und  zum Ausverkaufspreis zu habenden Arbeiterinnen zu verfügen.  Daher  verschwindet  die  Unterdrückung  der  Frauen,  insbeson­ dere  der  Arbeiterinnen,  nicht  und  wurde  nur  dann  abge­ schwächt,  wenn  für  ihre  Befreiung  große  soziale  Kämpfe  ausgetragen  wurden  ...  und  die  Bourgeoisie  es  nicht  geschafft  hat, ihre Siege umzukehren.

Das Recht auf freie und unentgeltliche Abtreibung beispiels­ weise  wurde  zum  ersten  Mal  in  der  Geschichte  von  der  russi­ In der ganzen Welt sind Frauen in stärkerem Maße als Män­ schen  Revolution  eingeführt.  Es  hat  viele  Jahrzehnte  ner von den Auswirkungen der Krise, der Arbeitslosigkeit, von  unaufhörlichen  Kampfes  bedurft,  um  die  derzeitige  Zahl  an  Sozialkürzungen und der Prekarisierung betroffen. Im Vergleich  Ländern  zu  erreichen,  in  denen  Abtreibung  kein  Verbrechen  zu  ihren  männlichen  Kollegen  hatten  sie  mehr  ist.  Aber  heute  wird  dieses  Recht  von Haus aus eine deutlich niedrigere Posi­ in  fast  allen  von  ihnen  in  Frage  gestellt.  tion,  was  das  Arbeitsplatz­  und  Gehaltsni­ Trump  in  den  Vereinigten  Staaten,  PP  veau  anbelangt.  Ihre  häusliche  und  VOX  in  Spanien,  die  Regierungen  Arbeitsbelastung ist im Allgemeinen immer  Brasiliens, Polens oder Ungarns, die bei­ noch viel höher als die von Männern, und  den  reaktionären  österreichischen  Re­ sie  sind  nach  wie  vor  die  Hauptbetreuer  gierungsparteien  und  andere  wollen  von Kindern, älteren Menschen, chronisch  dieses Recht beseitigen. Kranken und Behinderten. Alles Aufgaben,  die der gesamten Gesellschaft zufallen soll­ Die  Siege  der  Frauen  im  Spanischen  ten. Staat 2014 und in Polen 2016, die ihre je­ weiligen Regierungen dazu zwangen, die  Im 21. Jahrhundert leiden Millionen von  Gesetze gegen die Abtreibung zurückzu­ Frauen  immer  noch  an  Genitalamputationen,  Zwangsheiraten  ziehen,  kündigten  eine  neue  Welle  bedeutender  Mobilisierun­ für  Kinder  und  sexueller  Sklaverei.  Die  Arbeiterinnen  in  den  gen in vielen Ländern an, die am 8. März 2018 einen Höhepunkt  ärmsten  Ländern  sind  die  Hauptopfer  des  Menschenhandels  erreichten,  der  sich  2019,  auf    noch  höherer  Stufe,    wiederho­ zum  Zweck  der  sexuellen  Ausbeutung,  und  das  ist  ein  Ge­ len könnte. schäftszweig  mit  exponentiellem  Wachstum  in  allen  Ländern,  Mit zwei Epizentren, einem in Argentinien und einem in Spa­ insbesondere den reichsten. nien, haben die gegenwärtigen Mobilisierungen die echte Neu­ heit  hervorgebracht,  das  zerfallene  Korsett  des  bürgerlichen  Machistische  Dominanz  im  persönlichen,  arbeitsmäßigen  und  kleinbürgerlichen    Feminismus  und  der  Bourgeoisie,  das  und  sozialen  Umfeld,  körperliche  und  psychische  Gewalt  ge­ über  Jahrzehnte  hinweg  das  Lager  der  Verteidigung  der  Frau­ gen Frauen, die Verwandlung ihres Körpers in eine Sache oder  enbefreiung  bis  zum  Ersticken  beherrscht  hat,    zu  zerreissen.  die  Vorstellung  von  Frauen  als  reine  Fortpflanzungstiere  ver­ Der  Prozess  basiert  auf  der  Organisation  von  verschiedenen  schwinden  nicht  nur  nicht,  sondern  finden  auch  ideologische  Arten  von  Vereinigungen,  von  offenen  Versammlungen,  in  der  Unterstützung in Religionen und in den neuen reaktionären po­ Regel auf  Stadtteilebene, die in beiden Ländern zu einer sehr  litischen  Strömungen,  die  sich  ausbreiten.  Wenn  sie  regieren,  weitreichenden  Verwurzelung  unter  jungen  Arbeiterinnen  ge­ haben  sie  vorrangig  die  maximale  Verstärkung  der  Ausbeu­ führt  haben.  Daher  haben  in  den  Mobilisierungen  die  spezifi­ tung    und  die  Vernichtung  der  von  den  Arbeiterinnen  und  Ar­ schen  Forderungen  von  Arbeiter_innen,  Migrant_innen,  beitern eroberten Errungenschaften und Rechte zum Ziel. ethnischen  Minderheiten  und  solchen,  die  die  gesamte  Arbei­ terklasse gegenüber ihren Ausbeutern betreffen, auf natürliche  Die  Religionen,  das  Patriarchat,  frauenfeindliche  und  Ma­ Weise  zusammengefunden.  So  entwickelt  sich  ein  "klassisti­ cho­Ideologien  ­  ebenso  wie  Fremdenfeindlichkeit,  Rassismus  scher Feminismus", wie er genannt wird, der zumindest in Spa­

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Klassenkampf 35/2019 nien einige Minderheitengewerkschaften (CGT, CNT, COS usw.)  hinter sich weiß. Der Klassenkampf entwickelt sich schließlich  auch innerhalb des Feminismus und die Einbindung der arbei­ tenden Frauen mit ihren Forderungen fördert die Massenmobi­ lisierungen.  In  Ermangelung  einer  wirklich  revolutionären  Organisation,  die  ein  kohärentes  Programm  vorschlägt,  sind  die angestrebten Ziele und Methoden jedoch manchmal wider­ sprüchlich  und  fast  immer  sehr  verwirrt  und  durchdrungen  von  einer  herrschenden  Ideologie,  die  sich  auf  persönliche,  strafrechtliche und fürsorgerische Aspekte konzentriert ­  cha­ rakteristisch  für  den  amerikanischen  bürgerlichen  und  klein­ bürgerlichen Feminismus. In Spanien hat die Koordinierung der Bewegung, die Anfang  Februar  in  Valencia  zusammenkam,  den  „feministischen  Gene­ ralstreik“  ausgerufen.    In  Wirklichkeit  ein  Streik  ohne  ein  kon­ kretes  Ziel,  außer  dass  die  Bosse  und  die  Regierung  weg  gehören. Die „schwesterlichen“ Strömungen, die den Krieg der  Geschlechter praktizieren, rufen nur Frauen zur Teilnahme auf,  während  die  "klassistischen”  Strömungen  den  Zusam­ menschluss  beider  Geschlechter  im  Streik  fordern,  in  einem  gemeinsamen und solidarischen Kampf, der natürlich von den  Arbeiterinnen angeführt wird. Sie fordern die Massenorganisa­ tionen  der  Arbeiterklasse  auf,  diese  Forderungen  zu  überneh­ men. Wir  betrachten  es  als  Verpflichtung  und  Notwendigkeit,  dass  die  gesamte  Arbeiterklasse  und  alle  ihre  Organisationen  sich aktiv für die Verteidigung der Freiheit und Gleichheit von  Frauen in allen Bereichen einsetzen, für die Verteidigung ihres  Rechts auf Kontrolle über ihr Leben, ihre Körper und ihre Fort­ pflanzungsfähigkeit  und  zur  Verteidigung  aller  spezifischen  Forderungen als besonders ausgebeutete und unterdrückte Ar­ beiterinnen. Wir  sind  der  Ansicht,  dass  nur  eine  globale  programmati­ sche Vision, die das Ziel der endgültigen Beendigung der Klas­ sengesellschaft,  der  Grundlage  aller  Unterdrückung,  beinhaltet, dem Kampf für die Befreiung der Frau und die For­ derungen der Arbeiterinnen jenen Brennpunkt geben kann, der  ihn  zum  integralen  Bestandteil  der  endgültigen  Befreiung  der  gesamten Arbeiterklasse machen kann. Mit Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Alexandra Kollontaï:  Heran an die Arbeiterin! • Gegen  alle  Arten  von  Diskriminierung  und  Unterdrückung  von Frauen.

Frauen im Klassenkampf • Für die Verteilung der Arbeit zwischen allen, Arbeitszeitver­ kürzung  bei  vollem  Lohnausgleich,  bis  zum  Ende  der  Ar­ beitslosigkeit. • Gegen  prekäre  Arbeit  und  für  gleiche  Löhne  von  Männern  und Frauen. • Gehälter,  Unterstützungen  und  Renten,  die  allen  Arbeiterin­ nen  und  Arbeitern  ein  menschenwürdiges  Leben  ermögli­ chen. • Ausreichende, kostenlose und qualitativ hochwertige öffent­ liche  Dienste  für  die  Betreuung  von  Kindern,  Kranken  und  auf Hilfe angewiesenen. • Menschenwürdiger    Wohnraum  für  alle  Arbeiterinnen  und  Arbeiter. • Für  eine  universelle  öffentliche  Schule,  weltlich,  frei  und  koedukativ.  • Für eine wissenschaftliche Sexualerziehung, die sich auf die  Liebe  und  den  Respekt  für  die  eigene  sexuelle  Freiheit  und  die  der  anderen  konzentriert,  unabhängig  von  der  gewähl­ ten Form. • Gegen jede Art von direkter oder indirekter Finanzierung re­ ligiöser Bekenntnisse. • Freie  und  unentgeltliche  Verhütungsmittel  und  Abtreibung  als  Teil  des  öffentlichen  Gesundheitswesens.  Verteidigung  des allgemeinen, freien und weltlichen  öffentlichen Gesund­ heitswesens. Für die Achtung und die angemessene medizi­ nische  Behandlung  der  spezifischen  weiblichen  Biologie    und ihrer  Erkrankungen. • Gegen die Verdinglichung und Vermarktung von Frauen. Für  das Verbot und die Verfolgung der Zuhälterei. Für das Verbot  von "Mietbäuchen". • Für das Recht auf freie und sichere Migration für alle Arbei­ terinnen, Arbeiter und Jugendlichen, die sich in Ausbildung  befinden. Nieder mit allen Mauern und Grenzen! • Gegen  Macho­Justiz  und  Medien­Lynchjustiz  aller  Art.  Ent­ lassung  aller  reaktionären  Richter.  Für  eine  authentische  nicht­sexistische  demokratische  Justiz,  bei  der  Richter  von  den Räten der Arbeiterinnen und Arbeiter ein­ und abgesetzt  werden können. • Mit einer Regierung der Arbeiterinnen und Arbeiter zu einer  klassenlosen Gesellschaft ohne Ausbeutung und ohne Unter­ drückung. Für den internationalen Sozialismus. 8. März 2019 CoReP IKC / spanischer Staat TML / Brasilien

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Großbritannien

Klassenkampf 35/2019

Großbritannien: Politische Krise angesichts des Brexit

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973 war  der  Beitritt  zur  Europäischen  Union  (EU)  die  erste  Wahl  für  die  Mehrheit  des  britischen  Großkapitals,  dessen  politische  Vertretung  heute  zwischen der Führung der Konservativen Partei (CP), des Liberaldemokratischen  Partei  (LD),  der  Scottish  National  Party  (SNP)  und  der  irisch­nationalistischen  Sinn Féin (SF) aufgeteilt ist.

Das Referendum von 2016: eine falsche Entscheidung für die Arbeiter

Niederlage der Premierministerin im Unterhaus Die Europäische  Union  zeigt    zur  großen  Freude  des  US­Präsidenten  Trump ihre Schwäche. Aber der US­ame­ rikanische  Staat  würde  den  britischen  Imperialismus  in  möglichen  bilateralen  Verhandlungen  noch  viel  tiefer  in  die  Knie  zwingen.  In  der  EU  hatte  Großbri­ tannien  ein  Mitspracherecht  und  konnte  sich zumindest intern widersetzen. Der  Brexit  deckt  die  Schwierigkeiten  auf, mit denen alle Länder konfrontiert  sind,  die  im  Rahmen  einer  Austritts­ kampagne  in  einer  internationalisier­ ten  und  voneinander  abhängigen  Welt 

nusmus und  Zentrismus  kommende  Par­ teien  und  Organisationen  ...  darin  einen  Sieg  der  Arbeiter,  was  ziemlich  kurios  war,  weil  sich  die  bürgerliche  UPR,  DlF  und  die  halbfaschistische  Front  National  am  britischen  Ergebnis  erfreuten  und  Die  Feindseligkeit  der  UK  Indepen­ dies  nutzten,  ein  Referendum  über  den  dence  Party  (UKIP),  einer  bedeutenden  “Frexit" zu fordern. Minderheit  der  CP  und  der  Unionist  De­ Cameron  tritt  zurück  und  macht  The­ mocratic  Party  (UDP)  gegenüber  der  EU  resa May, ehemalige Innenministerin und  spiegelte die Entscheidung anderer Frak­ Initiatorin  der  „feindlichen  Umgebungs­ tionen  der  Bourgeoisie  wider,  die  sich  politik“ (um die Einreise von Ausländern  lieber  den  Vereinigten  Staaten  unterord­ nen wollen, die mehr Geschäfte mit dem  ie Kampagne war auf beiden Seiten verlogen, aber Rest  der  Welt  als  mit  Kontinentaleuropa  jene der EU-Gegner brach alle Rekorde an machen, die nach wie vor auf den heimi­ schen Markt beschränkt sind oder unter  Demagogie und Chauvinismus ... dem europäischen Wettbewerb leiden. Im  Jahr  2014  beschloss  Premierminis­ ter David Cameron (Konservative Partei)  zu  verhindern),  Platz.  In  Nordirland  und  „die Kontrolle wiedererlangen“ wollen.  ein  Referendum  über  die  EU­Mitglied­ Schottland  wachsen  die  Spannungen,  Wenn sie das Recht erhalten, ihre eige­ schaft,  um  die  ausländerfeindliche  UKIP  und rassistische Akte verzeichnen insbe­ nen  Regeln  und  Standards  zu  definie­ zu  stoppen,  die  gerade  die  Wahlen  zum  sondere  gegen  Polen  einen  Anstieg.  Die  ren, wird es schwieriger, Geschäfte mit  Europäischen  Parlament  gewonnen  hat­ neue  Regierung  verstärkt  ihre  Politik  ge­ Ländern  zu  tätigen,  die  andere  haben.  te. gen Migranten, indem sie bürokratischen  Wenn  sie  Handel  treiben  wollen,  müs­ Die  Kampagne  war  auf  beiden  Seiten  Schikanen und Ausweisungen erhöht. sen Sie wahrscheinlich das Recht eines  verlogen, aber jene der EU­Gegner brach  Seit  dem  EU­Referendum  haben  Fest­ mächtigeren Partners einhalten, der für  alle  Rekorde  an  Demagogie  und  Chauvi­ nahmen  und  Ausweisungen  von  Aus­ Großbritannien  entweder  die  EU  oder  nismus, was aber das größten Abfallpro­ ländern,  einschließlich  EU­Bürgern,  die  USA  ist,  ohne  etwas  gegen  diese  dukt  des  Stalinismus  (CPB)  und  die  stark zugenommen. (The Guardian, 28.  Anpassung sagen zu können. (The Eco­ beiden  größten  „trotzkistischen“  Organi­ November 2017) nomist, 19. Januar 2019)  sationen    (SWP  [Schwesterorganisation  Dies  führte  zum  Windrush­Skandal,  May  aktiviert  im  März  2017  den  Arti­ von  Linkswende  und  Marx21]  und  SP  als  das  Innenministerium  die  Papiere  kel  50  des  Vertrags  der  Europäischen  [Schwesterorganisation  von  SLP  und  mehrerer  hundert  britischer  Bürger  ver­ Union,  der  die  Trennung  vor  dem  29.  SAV]) nicht hinderte, sich ihr anzuschlie­ nichtete,  die  jedoch  familiäre  Wurzeln  März  2019  in  Gang  setzt.  Sie  ist  weit  da­ ßen.  Die  Kampagne  für  den  Verbleib  in  auf den Antillen (Jamaika ...) oder in Afri­ von  entfernt,  ihr  Versprechen  einer  der  EU  wurde  von  der  Labour  Party,  die  ka  hatten  und  sie  von  ihren  Arbeitsplät­ „starken  und  stabilen  Regierung“  einzu­ von  Jeremy  Corbyn  (LP)  angeführt  wur­ zen und aus ihren Häusern vertrieb. halten:  Wegen  der  Brüche  innerhalb  der  de, und von einigen zentristischen Grup­ Seit zwei Jahren verhandelt die Regie­ herrschenden  Klasse  wurde  ihre  Regie­ pen  (SR/Socialist  Resistance,  AWL/ rung May mühsam mit der Europäischen  rung vom Rücktritt von nicht weniger als  Alliance for Workers' Liberty ...) halbher­ Union,  die  sich  aber  standhaft  erweist,  32  Ministern  in  18  Monaten  erschüttert.  zig unterstützt. und sei es auch nur, um andere Austritte  Seit  den  vorgezogenen  Parlamentswah­ Im  Juni  2016  ergab  das  Referendum  zu verhindern. len 2017 kann May nur mit Unterstützung  fast 52% der Stimmen für den Austritt. In  von  UDP,  der  loyalistischen,  klerikalen  Frankreich  sahen  etliche  aus  dem  Stali­ Die schockierende und  ultrareaktionären  Partei  in  Nordir­

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Klassenkampf 35/2019 land, regieren. Im  November  2018  schloss  die  briti­ sche  Regierung  eine  Vereinbarung  mit  der  Europäischen  Kommission  (beste­ hend aus 27 Kommissionsmitgliedern, ei­ nem  pro  Mitgliedstaat,  und  einem  von  den Staats­ und Regierungschefs ernann­ ten  Präsidenten).  Diese  von  May  und  Barnier  sorgfältig  ausgehandelte  Verein­ barung  ermöglichte  einen  schrittweisen  und  relativ  geordneten  Austritt  des  Ver­ einigten  Königreichs  aus  der  Europäi­ schen  Union  und  vermied  es  zumindest  vorübergehend,  eine  Grenze  zwischen  der  Irischen  Republik  (die  Mitglied  der  EU  ist)  und  Nordirland  (das  weiterhin  Teil  des  Vereinigten  Königreichs  ist)  zu  errichten.  Dies  ist  ein  Quasi­Status  quo,  der  die  Situation  von  2016­2018  bis  2020  aufrechterhalten  hätte.  Diese  Vereinba­ rung  wurde  von  einem  erheblichen  Teil  der  britischen  Unternehmer  unterstützt  (der  Mehrheit  des  Finanzkapitals  und  dem Großteil des verarbeitenden Gewer­ bes).  Wer  möchte  nicht  die  lukrativen  europäischen  Märkte  behalten,  während  er  versucht,  einen  „weichen“  Brexit  zu  genießen,  der  gleichbedeutend  mit  billi­ ger Arbeitskraft ist. Im Dezember 2018 verschiebt May die  Abstimmung  im  House  of  Commons,  die  für  die  Ratifizierung  des  geschlossenen  Vertrags  unerlässlich  ist.  Am  15.  Januar  lehnte  das  House  of  Commons  jedoch  mit  überwältigender  Mehrheit  die  Ver­ einbarung  mit  432  Abgeordneten  dage­ gen  und  nur  202  dafür  ab.  Dies  ist  eine  historische  Niederlage  von  einer  Grö­ ßenordnung, wie Britannien sie seit über  hundert Jahren nicht mehr gesehen hat. Von  317  Abgeordneten  ihrer  CP­UDP­ Mehrheit stimmten 118 gegen Mai. Diese  „harten Brexiter“ stimmten mit den „Ver­ bleiber“­Abgeordneten  (remainers),  ei­ nem  Flügel  der  Konservativen  Partei  (CP),  allen  Liberaldemokraten  (LD)  und  vielen  Labour­Abgeordneten  (LP)  des  „blairistischen  Typs“  für  die  Ablehnung  der  Vereinbarung  .  Die  einen  lehnten  sie  ab,  weil  die  Vereinbarung  nicht  ausrei­ chend  mit  der  Europäischen  Union    ge­ brochen  hatte.  So  erklärte  der  „Hard  Brexiter“  Jacob  Rees­Mogg  am  Tag  der  Abstimmung,  dass  „die  Menschen  nicht  für  einen  Kompromiss  gestimmt  haben,  sondern  um  die  Europäische  Union  zu  verlassen“  und  dass  „kein  Abkommen  besser  ist  als  ein  schlechter  Deal“.  Auf  der anderen Seite hoffen die Befürworter 

Großbritannien eines neuen  Referendums,  zur  Abstim­ mung von 2016 zurück gehen zu können,  indem  sie  die  Gefahr  eines  Zusammen­ bruchs  der  britischen  Wirtschaft  und  ei­ ner  allgemeinen  Verknappung  an  die  Wand malen. So  prophezeit  die  Bank  of  England  „die  schlimmste  Rezession  seit  dem  Zweiten  Weltkrieg,  einen  Absturz  des  britischen  Pfunds  um  ein  Viertel  seines  Wertes  in  einem  Jahr,  einen  massiven 

ausgesprochen. Aber die britische parla­ mentarische  Ablehnung  scheint  zum  ersten  Mal  Risse  zu  verursachen.  Bun­ deskanzler  Sebastian  Kurz  lehnte  jede  Neuverhandlung  am  Abend  der  Abstim­ mung  ab.  Die  deutsche  Bundeskanzlerin  Angela  Merkel  hat  das  Risiko  einer  Schwächung  der  Europäischen  Union  aufgegriffen  und  sagte:  „Ich  werde  bis  zum  Schluss  daran  arbeiten,  mit  einer  Vereinbarung  eine  Lösung  zu  finden,  und 

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er möchte nicht die lukrativen europäischen Märkte behalten, während er versucht, einen „weichen“ Brexit zu genießen, der gleichbedeutend mit billiger Arbeitskraft ist.

Anstieg der  Arbeitslosigkeit  und  der  Zinssätze  sowie  eine  Nettoemigrati­ on“  (Les  Échos,  28.  November  2018).  In  einem  Regierungsbericht  heißt  es,  wenn  es  keine  Vereinbarung  mit  der  Europäi­ schen Union gäbe, würde sich das BIP in  15 Jahren um 9,3% verringern.

Der britische Staat und die Europäische Union in einer schwierigen Lage Die konservative  Regierung  konnte  am  16.  Januar  nur  knapp  dem  von  der  Labour  Party  eingebrachten  Misstrau­ ensantrag  entgehen.  Es  wurde  mit  325  gegen 306 abgelehnt. Für  den  Moment  hat  May  ein  neues  Referendum  oder  vorgezogene  Parla­ mentswahlen  mit  dem  Argument  ausge­ schlossen,  dass  dies  nur  die  „Unsicherheiten  und  Spaltungen“  erhö­ hen und den Termin des Brexit verschie­ ben würde. Corbyn  erinnerte  daran,  dass  es  im  Unterhaus  keine  Mehrheit  für  einen  Bre­ xit  ohne  Zustimmung  gab.  Er  forderte  daher,  dass  in  den  kommenden  Tagen  „alle  Optionen  auf  dem  Tisch“  kommen  sollten,  einschließlich  der  Wiederauf­ nahme der Verhandlungen mit der EU. Am  anderen  Ende  des  Spektrums  hat­ te  Dominic  Raab,  der  im  vergangenen  November  als  Brexit­Minister  zurückge­ treten  war,  vor  der  Abstimmung  ent­ schieden,  dass  es  für  Großbritannien  an  der Zeit sei, sich auf ein „no deal“ vorzu­ bereiten. Natürlich  hat  sich  die  Europäische  Union  bisher  gegen  Neuverhandlungen 

ich werde  daran  arbeiten,  die  besten  Be­ ziehungen  zu  London  zu  haben“. Auf der  anderen  Seite  zögert  der  französische  Präsident Macron: Wir werden schauen, vielleicht können  wir  ein  oder  zwei  Punkte  verbessern,  ich  glaube  das  jedoch  nicht  allzu  sehr,  weil  wir  bereis  am  Ende  dessen  ange­ langt  waren,  was  wir  in  der  Vereinba­ rung  festlegen  konnten.  Wir  werden  nicht  versuchen,  ein  Problem  der  briti­ schen  Innenpolitik  zu  lösen  und  dafür  die  Interessen  der  Europäer  nicht  zu  verteidigen.  (Le  Figaro,  15.  Januar  2019) Die  Lösung  eines  „No  Deals“  bedroht  das  Friedensabkommen  in  Irland,  indem  die  Grenze  neu  eingeführt  wird.  Der  iri­ sche Premierminister Leo Varadkar zeigt  sich sehr besorgt und übt Druck auf den  britischen Staat und die EU aus. Der Präsident der Europäischen Kom­ mission,  Jean­Claude  Juncker,  weist  dar­ auf  hin,  dass  das  Risiko  eines  Austritts  ohne  Vereinbarung  zugenommen  hat:  „Obwohl  wir  dies  nicht  wünschen,  wird  die  Europäische  Kommission  ihre  Vorbereitun­ gen  fortsetzen,  um  sicherzustellen,  dass  die  EU perfekt vorbereitet ist", sagte er am Tag  nach  der  Abstimmung  in  einer  Erklä­ rung. May hat den britischen Abgeordneten  einen  neuen,  eher  vagen  Plan  vorgelegt,  der  jedoch  bestätigt,  dass  Großbritanni­ en  die  Rechnung  für  die  Scheidung  be­ zahlen  wird  (39  Milliarden  Pfund).  Graham  Bradys  Änderungsantrag  be­ kräftigt  die  Klausel  des  Abkommens  mit  der EU, die Nordirland faktisch in der EU  behält (ohne jedoch festzulegen, wie die 

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Großbritannien Grenze in  der  Praxis  verwaltet  werden  würde) und fordert, dass die Übergangs­ zeit  verlängert  wird  (31.  Dezember  2021  statt  2020).  Das  House  of  Commons  stimmt  am  29.  Januar  diesem  Plan  zu.  Die  Premierministerin  muss  also  nach  Brüssel zurückkehren. Die  Abgeordneten  haben  das  mit  der  EU  ausgehandelte  Abkommen  akzeptiert,  sofern  das  Sicherheitsnetz  für  Irland  zurückgezogen  wird.  Aber  bei  der  entscheidenden  Frage,  was  ersetzt  werden  sollte  ­  einem  Problem,  über  das  sich  die  Unterhändler  in  Brüssel  fast  zwei  Jahre  lang  den  Kopf  zerbrochen  haben  ­  schlägt  der  Antrag  nur  vage  "Alternativen"  vor.  Frau  May  will  in  Brüssel  den  Kuchen  essen  und  ihn  trotzdem  behalten.  (The  Economist, 2. Februar 2019).  Dass  dieser  Punkt  nicht  noch  einmal  diskutiert  wird,  zeigt  folgende  Aussage:  "Die  Verhandlungen  sind  vorbei",  sagte  Sabine Weyand, die deutsche Assistentin  des  EU­Unterhändlers  Barnier.  Sie  sagte  auch,  dass  das  Risiko  eines  Austritts  Großbritanniens  ohne  Vereinbarung  “hoch" sei.

Die bürgerliche Arbeiterpartei hat und ist keine Lösung. Niemand weiß  genau,  was  die  Füh­ rung der Konservativen Partei will. Aber  die  Arbeiterklasse  kennt  auch  die  Positi­ on  ihrer  traditionellen  Partei  bezüglich  der  kommenden  Beziehungen  zwischen  Großbritannien und der EU nicht. Die Li­ nie  Corbyns    reduziert  sich  darauf,  May  zu ersetzen. Im Falle von Parlamentswahlen dürfen  die  revolutionären  Kommunisten    nicht  als  diejenigen  erscheinen,  die  die  Errin­ gung der Regierungsgewalt durch die La­ bour  Party  ablehnen.  Wenn  sie  nicht  über  die  Mittel  verfügen,  um  in  ausge­ wählten  Wahlkreisen  Kandidaten  zu  prä­ sentieren, werden sie die Kandidaten der  LP überall gegen die bürgerlichen Partei­ en,  egal  ob  englische,  walisische,  schot­ tische oder irische, unterstützen. Ich  würde  den  Arbeitern  sagen:  Ihr  lehnt  meine  Meinung  über  die  Labour  Party ab, ihr glaubt ihr. Bringt eure Par­ tei an die Macht. Ich werde euch so gut  ich  kann  helfen.  Ich  weiß,  dass  sie  nicht das tun wird, was ihr euch von ihr  erhofft.  (Trotzki,  Gespräch  mit  C.L.R. 

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Klassenkampf 35/2019 James, April 1939) Die  revolutionären  Kommunisten  ma­ chen  sich  über  Parlamentswahlen  der  erfahrensten  und  hinterhältigsten  Bour­ geoisie  der  Welt  keine  Illusionen.  Und  noch weniger über Referenden. Der  Austritt  aus  der  EU  ist  nicht  pro­ gressiv und die Labour Party will die NA­ TO  aufrechterhalten  (Manifest  für  die  Vielen, nicht für die Wenigen, 2017, 120). Die  Bildung  einer  Corbyn­Regierung  würde  der  Arbeiterklasse  keine  bessere  Lösung  bieten.  Die  LP  wurde  ihrem  Pro­ gramm nach als bürgerliche Partei gebo­ ren. Natürlich  setzt  sich  die  Arbeiterpartei  größtenteils  aus  Arbeitern  zusammen.  Ob jedoch eine Partei wirklich eine po­ litische  Arbeiterpartei  ist  oder  nicht,  hängt  nicht  nur  davon  ab,  ob  sie  sich  aus  Arbeitern  zusammensetzt,  sondern  auch  davon,  wer  sie  führt  und  was  der  Inhalt  ihrer  Aktionen  und  ihrer  politi­

drücken alles aus, was in der britischen  Arbeiterklasse  faul,  demütigend,  unter­ würfig  und  feudal  ist.  Auf  der  anderen  Seite  besteht  die  Aufgabe  der  Kommu­ nistischen  Partei  darin,  die  revolutio­ nären  Qualitäten  der  britischen  Arbeiterklasse  freizusetzen.  (Trotzki,  Brief  an  Reg  Groves,  10.  November  1931)

Für die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa Innerhalb der  Gewerkschaften,  der  Labour Party und außerhalb müssen wir  die  Arbeitervorhut  gegen  Protektionismus  und  ein  neues  Referendum  umgruppieren.  Für  eine  Arbeiterregierung,  die  die  Perspektive  Vereinigter  Sozialistischer  Staaten  von  Europa eröffnet. Eine  revolutionäre  Arbeiterpartei 

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ber die Arbeiterklasse kennt auch die Position ihrer traditionellen Partei bezüglich der kommenden Be‐ ziehungen zwischen Großbritannien und der EU nicht.

schen Taktik  ist.  Nur  das  letztere  ist  würde  ein  Programm  folgender  Art  ent­ maßgebend dafür, ob wir wirklich eine  wickeln: politische  Partei  des  Proletariats  vor  • Keine  Zahlung  irgendeiner  Schei­ uns haben. Von diesem einzig richtigen  dungssumme an die EU! Standpunkt  aus  ist  die  Arbeiterpartei  • Auflösung  des  House  of  Lords,  Tren­ eine  durch  und  durch  bürgerliche  Par­ nung  von  Staat  und  anglikanischer  tei, denn obwohl sie sich aus Arbeitern  Kirche, Abschaffung der Monarchie! zusammensetzt,  wird  sie  doch  von  Re­ • Aufhebung  aller  gewerkschaftsfeindli­ aktionären  geführt  –  von  den  chen  und  die  Prekarisierung  fördern­ schlimmsten  Reaktionären,  die  ganz  den  Gesetze!  Gehaltserhöhungen,  im  Geiste  der  Bourgeoisie  handeln.  Es  Wegfall  der  Studiengebühren  an  den  ist  eine  Organisation  der  Bourgeoisie,  Universitäten, Mittel für das NHS, qua­ die  dazu  existiert,  mit  Hilfe  der  engli­ litativ hochwertige Sozialwohnungen! schen  Noske  und  Scheidemann  die  Ar­ • Gleiche  Rechte  für  ausländische  Ar­ beiter  systematisch  zu  betrügen..  beiter!  Grenzen  auf  für  Arbeiter,  Stu­ (Lenin,  Rede  auf  dem  2.  Kongress  der  denten, Flüchtlinge! Kommunistischen  Internationale  am  6.  • Recht der nationalen Minderheiten auf  August 1920) Abtrennung, Einheit Irlands, Sozialisti­ In der Regierung hat die LP immer vor  sche  Föderative  Republik  der  Briti­ der  britischen  Bourgeoisie  kapituliert.  schen Inseln! Heute  hat  sie  keinen  anderen  Horizont  • Austritt  aus  der  NATO,  Bewaffnung  als  den  parlamentarischen,  monarchi­ der Arbeiter_innen und Auflösung der  schen, nationalen und kapitalistischen. Repressionsorgane! Um  eine  politische  Lösung  für  die  • Entschädigungslose  Verstaatlichung  Massen  zu  eröffnen,  fehlt  eine  revolutio­ der kapitalistischen Konzerne! näre  und  internationalistische  Arbeiter­ 4. Februar 2019 partei. (leicht gekürzt aus Révolution Communiste 33,  Die  unterwürfigen,  käuflichen  und  wür­ Zeitschrift der franz. Sektion des CoReP, GMI) delosen  Bürokraten  des  Gewerk­ schaftskongresses und der Labour Party 


Erklärung des CoReP (Kollektiv Permanente Revolution)

Imperialisten – Hände weg von Venezuela! Am 21.  Januar  scheiterte  in  Cotiza  im  Norden  von  Caracas  ein Putsch von 27 Armeeangehörigen gegen die Regierung von  Präsident  Nicolás  Maduro.  Kurz  danach  twitterte  der  extrem  reaktionäre republikanische US­Senator von Florida Marco Ru­ bio,  der  beträchtlichen  Einfluss  auf  die  Lateinamerika­Politik  von Präsident Donald Trump hat, man  müsse jene Militärs, die  erklären,  sie  würden  die  Verfassung  verteidigen,  unterstützen  und Guaidó als legitimen Interimspräsidenten anerkennen.

lismus des  21.  Jahrhunderts“  praktizierte  bürgerlich­  nationa­ listische Politik gescheitert ist.  Hugo  Chávez,  der  1998  erstmals  zum  Präsidenten  gewählt  wurde, vertrat ein nationalistisches, gegen den Einfluss des Im­ perialismus  in  Venezuela  gerichtetes  Programm,  das  jedoch  niemals, auch in der von ihm angeregten Verfassung von 1999,  das  Privateigentum  an  den  Produktionsmitteln  und  den  Groß­ grundbesitz infrage stellte. Auch die Auslandsschulden wurden  mit einer geradezu verbissenen Pünktlichkeit zurückgezahlt. 

Am 22.  Januar  gingen  die  Straßenproteste  gegen  die  Regie­ rung Maduro weiter, die von den bürgerlichen Oppositionspar­ Die  politische  Entmachtung  eines  Teils  der  proimperialisti­ teien  initiert  wurden.  Sie  sollten  in  einer  Massenkundgebung  schen  Oligarchie  ermöglichte  aber  in  den  ersten  Jahren  des  am 23. kulminieren, jenem Tag, an dem 1958 der damalige Dik­ Chavismus eine Reihe von Sozialreformen, welche die Lebens­ tator Marcos Perez Jimenez gestürzt wurde. bedingungen der ärmsten Schichten der Bevölkerung in vielen  Bereichen tatsächlich verbessern konnten und Chavéz und der  Am  23.  Januar  2019  ernannte  sich  Juan  Guaidó,  Präsident  bolivarischen  Bewegung  eine  breite  Basis  in  der  Bevölkerung  der  venezolanischen  Nationalversammlung,  selbst  zum  Präsi­ sicherten.  Ein  von  den  USA  unterstützter  Umsturzversuch  denten  des  Landes.  Guaidó  ist  Mitglied  von  Voluntad  Popular,  scheiterte  2002,  nicht  zuletzt  deswegen,  weil  die  Arbeiter  die  einer  bürgerlichen  Sammelbewegung,  die  von  den  USA,  unter  bolivarianische  Regierung  verteidigten.  Das  chavistische  Re­ anderem durch das halboffizielle National  gime wankte, aber es stürzte nicht. Nach  Endownment for Democracy (NED) aufge­ dem Scheitern des Putsches amnestierte  baut  und  finanziert  wurde  und  wird.  Un­ Chavéz  den  Großteil  der  proimperialisti­ mittelbar  nach  der  Autoproklamation  des  schen  Verschwörer  und  löste  dafür  die  VP­Führers erkannte US­Präsident Trump   von den Arbeitern, vor allem in der Ölin­ Guaidó  als  neuen  Staatschef  Venezuelas  dustrie,  geschaffenen  räteähnlichen  an.  Guaidó  vertrete  als  Parlamentspräsi­ Machtorgane auf. dent  „das  einzige  legitime“  Staatsorgan  des  Landes,  weil  er  „ordnungsgemäß“  Die  Einnahmen  aus  der  Ölrente  führ­ vom  venezolanischen  Volk  gewählt  wor­ ten  zu  einem  Anstieg  des  BIP  um  12  %  den sei. und  gestatteten  eine  Reihe  von  Refor­ men, die allesamt das kapitalistische Sys­ Dieser  Linie  schlossen  sich  binnen  we­ tem  modernisierten,  aber  nicht  infrage  niger  Stunden  unter  anderem  Brasilien,  stellten.      Eine  Reihe  von  Bruchlinien  ta­ Argentinien,  Ecuador,  Chile,  Peru  und  Ka­ ten sich aber auf als sich zeigte, dass der  nada an, der selbsternannte Präsident erhielt aber auch Unter­ von  oben  proklamierte  „Sozialismus  des  21.  Jahrhundert“  kei­ stützung  von  europäischen  Politikern  wie  Frankreichs  ne  Selbstorganisation  der  Werktätigen  duldete.  So  sollten  die  Staatspräsident Emmanuel Macron, dem italienischen Innenmi­ Gewerkschaften  in  die  bolivarische  Bewegung  und  den  Staat  nister  Matteo  Salvini    und  dem  deutschen  SPD­Außenminister  integriert  werden;  wie  in  jedem  anderen  bürgerlichen  Staat  Heiko  Maas.  EU­Ratspräsident  Donald  Tusk  schrieb  auf  Twit­ ging  die  „bolivarische“  Nationalgarde  gegen  streikende  Arbei­ ter:  „Im  Gegensatz  zu  Maduro  verfügt  das  Parlament,  Juan  ter und protestierende Jugendliche vor.  Guaido  eingeschlossen,  über  ein  demokratisches  Mandat  der  venezolanischen Bürger.“ Eine besondere Verantwortung für die Entstehung der heuti­ gen Krise kommt jenen zentristischen Strömungen, allen voran  Wie  in  einem  Lehrbuch  für  Staatsstreiche  sehen  wir  hier  die  Internationalistische  Marxistische  Tendenz  (Woodisten),  einen  minutiös  vom  Imperialismus  orchestrierten  Putsch,  der  zu, die als linke Flankendeckung für den bürgerlichen Nationa­ den Vorwand für eine militärische Intervention des US­Imperia­ lismus agierten. Sie verteidigten Chavéz gegen die Proteste der  lismus in Venezuela liefern könnte. Arbeiter,  hintertrieben  den  Aufbau  einer  eigenständigen  revo­ lutionären  Arbeiterpartei  und  unterstützten  stattdessen  die  Die  Proteste  gegen  die  Regierung  Maduro  und  seine  PSUV  Schaffung einer Einheitspartei, der PSUV. Sie sprachen von ei­ konnten  nur  deswegen  einen  derartigen  Masencharakter  an­ nem  venezolanischen  Sozialismus,  während  sich  tatsächlich  nehmen  und  von  der  Reaktion  instrumentalisiert  werden,  weil  das  bonapartistische  Regime  festigte.  Ausländische  Wirt­ die im Namen des Bolivarianismus, Chavismus oder gar „Sozia­ schaftssaktionen  und  eine  wuchernde  Bürokratisierung  und 

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Erklärung des CoReP (Kollektiv Permanente Revolution) Korruption führten  zu  einem  neuen  Niedergang  des  Lebens­ standards der Massen und einer Welle von sozialen Protesten. Nach  dem  Tod  von  Chavéz  2013  beschleunigte  sich  unter  seinem  Nachfolger  Maduro,  der  schon  seit  2006  gemeinsam  mit seiner Frau Schlüsselpositionen in Staat und Wirtschaft mit  Verwandten  besetzt  hatte,  die  Wirtschaftskrise  und  die  Kor­ ruption.  Unter  dem  Eindruck  der  Weltwirtschaftskrise  von  2008  fiel  die  Ölrente,  die  nach  wie  vor  eine  der  Haupteinnah­ mequellen  des  Landes  war;  zugleich  nahmen  Streiks  und  Pro­ teste zu, weil die soziale Lage der arbeitenden Bevölkerung in  Stadt und Land immer elender wurde. Das Regime griff immer  häufiger zu repressiven Maßnahmen.  Das  Fehlen  einer  unabhängigen  Arbeiterpartei  begünstigte  den  Aufschwung  der  bürgerlichen  Opposition,  die  sich  nun  volkstümlich und „demokratisch“ gab. 

Das bonapartistische  und  korrupte  Regime  der  PSUV  und  Maduros,  das  bisher  die  bürgerliche  Herrschaft  in  Venezuela  gesichert  hat,  lehnen  die  internationalistischen  Kommunisten  ebenso ab wie die Pläne der imperialistischen Bourgeoisie und  ihrer  lokalen  Verbündeten.  Wir  lehnen  es  aber  ab,  angesichts  der  imperialistischen  Drohungen  dem  Maduro­Regime  irgend­ welche  Zugeständnisse  zu  machen.  Sollte  es  zu  einem  bewaff­ neten  Putsch  kommen,  müssen  sich  die  Arbeiterinnen  und  Arbeiter, die Landarbeiter und die Kleinbauern, die Jugend und  die  städtische  und  ländliche  Armut  selbständig  organisieren  und die Putschisten bekämpfen.  Auch  wenn  es  in  einem  solchen  Widerstandskampf  zu  ge­ meinsamen  Aktionen  mit  werktätigen  Anhängern  der  PSUV  kommen sollte, müssen die Arbeiter trotzdem ihre völlige poli­ tische  Unabhängigkeit  bewahren.  Sie  müssen  im  ganzen  Land  Widerstands­ und Aktionskomitees aufbauen, die nicht nur den  Kampf gegen die Putschisten, sondern auch gegen das korrup­ te  Maduro­Regime  und  damit  gegen  die  nationale  Bourgeoisie  vorbereiten.

Angesichts der elenden Lage der Arbeiterklasse in Stadt und  Land,  der  Prekarisierten  und  der  Jugend  haben  mittlerweile  drei  Millionen  Menschen  das  Land  verlassen.  Die  nationale  Bourgeoisie  macht  sich  im  Bündnis  mit  dem  US­amerikani­ • Imperialisten – Hände weg von Venezuela! schen Imperialismus und seinen Verbündeten in der Region die  • Unabhängige  Organisierung  der  Arbeiter,  armen  Bau­ buchstäbliche  Erschöpfung  und  Schwächung  der  arbeitenden  ern, der Jugend und der werktätigen Frauen! Klassen zunutze, um offen nach der Macht zu greifen. • Aufbau von Komitees (Räten)! Entwaffnung der Repres­ sivkräfte  und  Arbeiterbewaffnung!  Arbeitermilizen  aufbau­ Wir  warnen  die  venezolanischen  Massen  vor  Illusionen  in  en! die  Sirenengesänge  der  proimperialistischen  Bourgeoisie.  Ihre  • Besetzung  der  Staatsbetriebe,  der  Industriebetriebe,  Machtergreifung würde von einer anderen Form von Repressi­ der Nationalbank und der Banken unter Arbeiterkontrolle! on  begleitet  werden,  die  Angriffe  gegen  die  Gewerkschaften  • Besetzung  der  Latifundien,  Aufteilung  des  Landes  auf  würden sich nicht nur weiterhin gegen die vom Chavismus un­ alle! abhängigen Gewerkschaftsorganisationen, sondern auch gegen  • Beschlagnahme der von den Schwarzhändlern gehorte­ die  Staatsgewerkschaft  richten.  Die  offen  antisozialistische  ten  Lebensmittel  und  Medikamente!  Verteilung  unter  der  Rhetorik  von  Guaidó  und  seinen  Hintermännern  passt  in  das  Bevölkerung! Schema, das sich auch mit der Einsetzung Bolsonaros in Brasi­ • Für  ein  sozialistisches  Venezuela  im  Rahmen  der  Föde­ lien gezeigt hat: der Beginn einer neuen Welle von brutalen An­ ration Sozialistischer Länder Süd­ und Mittelamerikas! griffen auf die Arbeiterbewegung. CoReP, 26. 1. 2019 Wir  fordern  die  internationale  Arbeiterbewegung  auf:  Ver­ hindert eine imperialistische Aggression gegen Venezuela! 

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Klassenkampf 35/2019

Deutschland

Berufspolitikerin Sahra Wagenknecht in der Schmollecke

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ie Initiatorin der „Bewegung #aufstehen“, Sahra Wagenknecht, Mitglied des  deutschen  Bundestages  für  die  Partei  Die  Linke  und  deren  Co­Fraktions­ sprecherin, zieht sich aus dem erst in diesem Jahr gegründeten vorläufigen Vor­ stand  mit  sofortiger  Wirkung  zurück.  Sie  gibt  dafür  sowohl  persönliche  (8­wöchige  Krankheit;  jetzt  genesen)  als  auch  politische  Gründe  an.  „Die  Partei­ en, die wir ansprechen wollten, haben sich eingemauert.“  Außerdem habe sie „die Schwierigkeit  unterschätzt,  auf  rein  ehrenamtlicher  Ba­ sis solide Strukturen für so viele Menschen  zu  schaffen  und  unsere  Unterstützer  dann  auch  in  großer  Zahl  auf  die  Straße  zu  bringen.“  Stand  jetzt  seien  über  170.000  Unterstützer  in  200  Ortsgruppen  organi­ siert. (FAZ, Sonntagszeitung, 10.03.2019) Im  „Bericht  zum  2.  Arbeitsausschuss­ treffen“  vom  19.10.2018  heißt  es,  dass  schon  knapp  160.000  Menschen  an  der  Bewegung  teilnähmen  in  über  70  Orts­ gruppen.  So  etwas  will  gut  organisiert  werden. Politische Klarheit über die stra­ tegischen  Fragen  der  „Sammlungsbewe­ gung“  und  organisatorisches  Vermögen  sind  daher  essentiell.  Dies  soll  u.a.  mit  den  heutigen  technischen  Möglichkeiten  (auf  Pol.is)  geschehen.  Auch  war  man  sich  klar  darüber,  dass  der  „Prozess  der  Meinungsbildung“  „Wochen,  wenn  nicht  Monate  in  Anspruch  nehmen“  wird.  (Be­ richt 19.10.18, ebda.) Bald  schon  sollte  sich  hierbei  eine  große  Unzufriedenheit  entwickeln.  Ein  „Offener  Brief  an  die  Aufstehen  Initiato­ ren“  vom  15.12.2018  stellt  eine  Menge  Fragen.  Die  Autoren,  „Gründer  und  Trei­ ber lokaler und regionaler Gruppen sowie  Mitglieder  in  einer  Vielzahl  von  Arbeits­ gruppen,  die  einzelne  Themen  der  Bewe­ gung  voranbringen  möchten“,  berichten  schon  von  „Resignation  und  Abspaltungs­ tendenzen  Einzelner  und  ganzer  Gruppen  –  auch  von  realen  Aktivgruppen“.  Ihr  Selbstverständnis  innerhalb  von  „aufste­ hen“:  „Wir  sind  so  etwas  wie  der  Mittel­ bau  und  wichtige  Multiplikatoren  für  die  Strategie  und  die  politischen  Kernbot­ schaften  der  Bewegung  zwischen  der  Ba­ sis  und  der  politischen  Führung“.  Sie  beklagen  fehlende  Transparenz  und  Kommunikation: „Wer trifft im Arbeitsstab  und  im  Arbeitsausschuss  die  Entscheidun­ gen?“  „Welche  Entscheidungen  wurden 

bisher getroffen?“  „Wie  wird  eine  Partizi­ pation  der  Basis  an  der  Entscheidungsfin­ dung  künftig  sichergestellt?“  „Gibt  es  Konzepte,  um  als  Bewegung  zu  wach­ sen?“  Mangels  anderer  Kommunikations­ möglichkeiten  habe  sich  Facebook  zur  „Echokammer  der  Bewegung“  entwi­ ckelt. „Es hat sich dort eine immer größe­ re,  zerstörerische  Gegenbewegung  gebildet“, die für ein „Aufstehen 2.0“ plä­ diere.  Es  fehle  an  einem  Forum  oder  ei­ ner  Online­Community  als  zentrale  Arbeitsplattform. Das  „Berufspolitiker“  (Sahra  Wagen­ knecht in ihrem Statement an einen Man­ fred  Büddemann  vom  10.03.2019  über  sich  selbst  und  andere  Führungsmitglie­ der)  „#aufstehen“  behindern  würden,  war  für  die  Autoren  des  Offenen  Briefes 

nem führenden Mitglied der „Bewegung“  und Autor der INTERNETZ­ZEITUNG (IZ),  vom  10.03.2019  auf  der  IZ­Website  deut­ lich.  Es  geht  allein  um  einen  politischen  Richtungsstreit,  der  zugunsten  von  sozi­ aldemokratisch­grünen  Kräften  ausge­ gangen  zu  sein  scheint.  Hierbei  handelt  es  sich  um  die  PSP­Progressive  um  den  ehemaligen  SPD­MdB  Bülow  (mittlerwei­ le aus der SPD ausgetreten). Der erst auf  der  Sitzung  des  Politischen  Arbeitsaus­ schusses vom 15. Januar 2019 nach dem  auf  derselben  Sitzung  beschlossenen  Statut  gewählte  6­köpfige  vorläufige  Vor­ stand  brachte  das  numerische  Aus  für  Wagenknecht.  Nun  konnte  sie  sich  nur  noch  auf  Fabio  de  Masi  (MdB  der  Links­ fraktion)  stützen.  Marco  Bülow  (geb.  Ju­ ni  1971;  bis  2018  SPD­Mitglied,  direkt  gewählter  (SPD­)MdB  aus  Dortmund),  Hendrik Auhagen (geb. Mai 1951; seit Ok­ tober  2004  Mitglied  im  Attac­Rat),  Sabri­ na  Hoffmann  (Näheres  unbekannt)  und  Ludger Volmer (geb. Februar 1952; Bünd­ nis‘90/Die  Grünen,  MdB)  fanden  sich  fortan zu einer beständigen Mehrheit zu­

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ffensichtlich sah Sahra Wagenknecht nun keine Chance mehr, weiterhin bestimmenden Einfluss auszuüben. Die Tendenzen mehren sich, dass die Gruppen vor Ort und regional sich unabhängig vom Vorstand organisieren.

kein Thema.  Wagenknecht  selbst  sieht  vor  allem  Probleme  in  den  Strukturen:  „...  brauchen  wir  genau  dafür  funktionsfä­ hige Strukturen, in den Ländern, vor allem  aber  an  der  Spitze  von  ‚Aufstehen‘.“  Es  sei der „Zeitpunkt gekommen, an dem wir  Berufspolitiker uns an der Spitze von ‚Auf­ stehen‘  stärker  zurücknehmen  und  denje­ nigen  mehr  Verantwortung  übergeben  sollten,  die  die  Bewegung  an  der  Basis  ohnehin  tragen.  Genau  das  wurde  schon  oft  gefordert  und  ich  habe  es  jetzt  öffent­ lich vorgeschlagen.“ Die  ganze  Dimension  des  Rückzugs  von  Wagenknecht  aus  der  Vor­ stands“etage“  der  „Bewegung“  wird  durch  den  Artikel  von  Jürgen  Meyer,  ei­

sammen. Sie haben nun die Möglichkeit,  die  Geschicke  von  „#aufstehen“  bis  zur  im  Sommer  2019  geplanten  ersten  Dele­ giertenkonferenz  nach  ihren  Vorstellun­ gen zu lenken. Offensichtlich sah Sahra Wagenknecht  nun  keine  Chance  mehr,  weiterhin  be­ stimmenden  Einfluss  auszuüben.  Die  Tendenzen  mehren  sich,  dass  die  Grup­ pen  vor  Ort  und  regional  sich  unabhän­ gig  vom  Vorstand  organisieren.  Einige  machen sich dafür stark, „das jetzt basis­ demokratische Strukturen von unten nach  oben geschaffen werden können, die in ei­ nem  Delegiertensystem  oder  sogar  in  ei­ nem  direktdemokratischen  System  münden könnten.“ (Jürgen Meyer, a.a.O.)

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CoReP J. Meyer  appelliert  an  die  Mitglieder:  „Nun ist die Basis gefragt, so ein direktde­ mokratisches  Räte­System  von  unten  auf­ zubauen,  in  jeder  Ortsgruppe  einen  Repräsentanten  wählt  oder  in  dem  jedes  Mitglied auch auf dem geplanten Sommer­ kongress  direktdemokratisch  stimmbe­ rechtigt  ist.  Somit  würde  die  Unterscheidung  von  Delegiertem  und  Mit­ glied  ganz  entfallen.  Jedes  Mitglied  wäre  quasi  delegiert.  Mit  Internetbeteiligung  von  zu  Hause  aus  und  mit  Post  Ident­ Nachweis  wäre  so  ein  System  sogar  ohne  Reisekosten­Problematik  sofort  realisier­ bar.“ Das  Führungsgremium  von  „#aufste­ hen“  hat  sich  bisher  noch  nicht  zum  Rückzug  Wagenknechts  geäußert.  Seine  Arbeitsfähigkeit unabhängig von der Per­ son  Wagenknecht  darf  bezweifelt  wer­ den.  Während  Wagenknecht  durch  2­monatige Krankheit ausfiel, tat sich bei 

Klassenkampf 35/2019 einem zentralen  Vorhaben  nichts.  Es  sollte  bis  März  2019  ein  Regierungspro­ gramm  unter  Einbeziehung  aller  Mitglie­ der von „#aufstehen“ entwickelt werden.  Dazu  ist  bis  heute  nichts  veröffentlicht  worden. Auch  bei  der  Kandidatenaufstellung  der  Partei  DIE  LINKE  zur  Europawahl  2019  schaffte  es  niemand  der  parteiin­ tern  bekannteren  Unterstützer  von  „#aufstehen“  unter  die  gewählten  22  (Website , 12.03.2019). Nun  hat  sich  Sahra  Wagenknecht  auch zum Herbst 2019 aus dem Vorstand  der  Bundestagsfraktion  verabschiedet.  Dieser  wird  neu  gewählt.  Zur  Neuwahl  tritt sie nicht mehr an. Fazit:  Mit  all  ihren  politischen  Projek­ ten  ist  Wagenknecht  nicht  wirklich  er­ folgreich geworden. Die Kommunistische  Plattform  innerhalb  der  Linkspartei  (sieht  die  Alt­Stalinisten  von  DKP  und 

KPD­Ost als bevorzugte Bündnispartner)  ist  bedeutungslos  geblieben.  Mit  Hilfe  von  „#aufstehen“  innerhalb  der  Links­ partei  dieses  Manko  auszugleichen,  ist  ebenfalls  gescheitert.  „#aufstehen“  hat  einen  Nerv  getroffen.  Aber  auch  hier  ist  sie letztlich an den Mühen der täglichen  politischen  Arbeit  gescheitert.  Eben  nichts für Berufspolitiker. Mitglied  des  Deutschen  Bundestags  bleibt  sie  jedoch  weiterhin.  Das  geht  ge­ sundheitlich  noch.  Bei  10.000,­  Euro  mo­ natlichem Salär sollte das schon möglich  sein.

Bremen, 12.03.2019 (Volker Braun)

Spanischer Staat:

Massenmobilisierungen zum Internationalen Frauentag

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er folgende  Bericht  aus  València  von  unseren  Genossinnen  und  Genossen  des  Internaciema  Kolektivisto  Cirklo  (Internationalisischer  Kollektivisti­ scher  Zirkel)  ist  eine  lebendige  Schilderung  der  beeindruckenden  Mobilisierun­ gen im Spanischen Staat anlässlich des 8. März.

Im Spanischen  Staat  haben  verschie­ dene  gewerkschaftliche  und  politische  Organisationen zu einem "feministischen  Streiks"  aufgerufen:  die  Gewerkschaften  CGT,  CNT,  Intersindical,  COS,  CCOO­Bil­ dungssektor  und  einige  Regionalverbän­ de riefen zu einem eintägigen Streik auf,   CCOO  und  UGT  forderten  einen  zwei­ stündigen  Streik.  Die  Beteiligung  war  im  Bildungswesen  sowohl  bei  Professor­in­ nen,  Gymnasiast_innen  und  Student_in­ nen  relativ massiv. Die  Demonstrationen  erreichten  eine  historische  Dimension.  Sowohl  in  den  Gro tädten  und  auch  in  kleineren  Orten  waren mehr Menschen auf der Straße als 

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im Vorjahr.  Nach  den  Angaben  der  Poli­ zei:  350.000  Menschen  in  Madrid,  200.000 Menschen in Barcelona,   València  und Zaragoza, 130.000 in Sevilla (Andalu­ sien),  100.000  in  Vigo  (Galicien)  ...  Das  Ausmaß  der  Mobilisierung  ergibt  sich  aus  der  Tatsache,  dass  es  auch  in  allen  kleinen  Städten  (ab  50.000  Einwohner)  zu massiven Kundgebungen kam. Die  IKC  nahmen  unter  ihren  Fahnen  an den Mobilisierungen teil und verteilte  die  CoReP­Erklärung  zum  Internationa­ len Frauentag. Gegen Mittag verbrachten  wir  mit  rund  1.100  Menschen  drei  Stun­ den  bei  einer  Kundgebung  vor  dem  Im­ migrationshaftzentrum  (CIE)  in  València 

und forderten  dessen  Schließung.  Die  Versammlung wurde anschließend zu ei­ nem  Demonstrationszug  hin  zur  zentra­ len  Demo.  Die  Stadt  war  zusammengebrochen.  Wir  demonstrier­ ten  so  gemeinsam  mit  der  radikalen  Ge­ werkschaft  COS  und  den  Jugendlichen  von ARRAN, die ein Banner mit dem von  der  COS  genehmigten  und  von  uns  vor­ geschlagenen Slogan trugen: "Arbeiterin­ nen  der  Welt,  vereinigt  euch!".  ["Treballadores del món, unim­nos"]. Unsere  politische  Bilanz  ist,  dass  die  große  Mobilisierung  in  erster  Linie  auf  die  Einbindung  der  Forderungen  der  be­ rufstätigen  Frauen  zurückzuführen  ist,  wodurch  die  gesamte  Arbeiterklasse  (Frauen  und  Männer)  mobilisiert  wurde.  Die Demonstration war jedoch auch eine  große  politische  Mobilisierung  gegen  den Vormarsch der Rechten mit all ihren 


Erklärung des CoReP (Kollektiv Permanente Revolution) Sozialismus. die  PST  (  zu  Zeiten  Ben  Bellas    aus  der  FLN    hervorgegangen)  ist  durch  das  Verschwinden  der  PAGS  desorientiert; Die PT hat  im Januar 1995  mit der FLN und der  islamistischen  FIS  eine  Volksfront  gebildet  und  hat  sich  nicht  gegen Bouteflikas vier  Amtszeiten ausgesprochen.  Die  Schwäche  der  Arbeiterbewegung  könnte  die  algerische  Bourgeoisie retten. Wenn es dem Staat nicht gelingt, die Mobi­ lisierung der Massen zu verhindern, bereiten einige Fraktionen  bereits  den  Putsch  vor,  sei  es  zur    Errichtung  eines  islamisti­ schen  Despotismus  (von  der  Muslim­Bruderschaft  über  die  MSI bis zu den Islamo­Faschisten der Daesh) oder eine Neuauf­ lage des derzeitigen Systems: "Alle politischen Partner versam­ meln sich um einen Tisch und  entwerfen eine neue Republik,  die den Wünschen der Gesellschaft entspricht und die Heraus­ forderungen  meistern  kann,  mit  denen  wir  konfrontiert  sind..." (El Mujahid, 5. März). Wie der Iran und die Türkei zeigen, hält der Islamismus den  Kapitalismus  und  die  Ungleichheiten,  die  er  erzeugt,  mit  noch  mehr  Heuchelei  in  der  Gesellschaft  und  noch  mehr  Unter­ drückung von Frauen, Jugendlichen, Kommunisten und Homo­ sexuellen  aufrecht.  Die  "neue  Republik",  die  die  "demokratische"  bürgerliche  Fraktion  in  Reserve  hält,  ist  eine  kosmetische  Veränderung,  die  im  wesentlichen  ihrer  Macht  und  die  Vorrechte  ihrer  Lakaien  bewahren  soll.  In  jedem  Fall  würde eine neue Republik, die unter Beteiligung derer, die sich  bis  dahin  schamlos  bereichert  haben,  die  grundlegenden  For­ derungen der Arbeiter und Jugendlichen nicht erfüllen.  Das    Schlagwort  der  "souveränen  konstituierenden  Ver­ sammlung",  das  von  verschiedenen  oppositionellen  politi­ schen  Kräften,  nicht  nur  der  FFS,  sondern  auch  der  MDS,  der  PT und der PST erhoben wird, ist ein Täuschungsmanöver. Das  war  die  Methode  der  tunesischen  Bourgeoisie,  um  die  revolu­ tionäre Bewegung zu ersticken, die Ben Ali von der Macht ver­ trieben  hatte,  indem  er  sie    im  endlosen  Palaver  des  souveränen Konstituante auflöste, die ebenfalls auf Wunsch al­

Fortsetzung von Seite 20 ler Oppositionspar­ teien    einberufen  wurde  (Nostalgiker  des  arabischen  Nationalismus,  reaktionäre  Islamisten,  Arbeiterorganisation).  Infolgedessen  wurde  keine  der  wesentlichen  Forderungen  der  tunesischen  Massen  erfüllt  und  die  tunesische  Bourgeoisie  konnte die volle Kontrolle über die Lage im Land wiedergewin­ nen. Um  alle  Forderungen  zu  erfüllen,  zur  Kontrolle    über  den  produzierten  Reichtum,    seiner  Verwendung,  für  die  Entwicklung des Landes  im Interesse der großen Mehrheit der  Bevölkerung,  für    die  Arbeiter,  Jugendliche,  Bauern  usw.  darf  man  keine  Hoffnung  in  eine  Regierung  der  algerischen  Bourgeoisie  setzen,  weder  auf  die  bestehende  noch  auf  eine  unter einer anderen Maske. Es  sind die Arbeiter selbst, die die  Macht  ergreifen    müssen,  die  ihr  1962  entglitten  ist.  Die  Arbeiter  müssen  die  großen  Unternehmen  enteignen,  die  Kontrolle  über  die    Geschäftsbücher  übernehmen,  die  Produktion  zur  Befriedigung  der  Bedürfnisse  und  nicht  zum  Nutzen der Wenigen  umwandeln. • Nein  zur  fünften  Amtszeit!  Nieder  mit  der  Regierung!    Weg  mit  dem  Regime!  Respektierung    der  demokratischen  Freiheiten! Völlige Trennung von Staat und Religion, weltli­ che Herrschaft! • Alle  Macht  den  Arbeiter_innen!  Arbeiter­  und  Bauern­ regierung! Sozialistische Föderation des Maghreb! Mit  diesen  Perspektiven  muss  die  Avantgarde  organisiert  werden,  um  die  revolutionäre  Arbeiterpartei  aufzubauen,  die  unverzichtbar dafür ist, dass die Massen alle Hindernisse über­ winden können. 5. März 2019 Kollektiv Permanente Revolution  (Deutschland, Österreich, Kanada, Frankreich, Türkei)

Glossar :

MPA – Mouvement Populaire Algérien – Algerische Volksbewegung –

AGEA - Association Générale des Entrepreneurs Algérien – eine han‐

tierte Partei.

delskammerähnliche Struktur der algerischen Unternehmer

MSI – Mouvement de la Société Islamique (MSI-Hamas) – politischer

CAP – Confédération Algérienne du Patronat – einer der zahlreichen

Flügel der Muslimbruderschaft in Algerien

Unternehmerverbände Algeriens

PAGS – Parti de l'avant-garde socialiste – Partei der sozialistischen

CNPA - Confédération Nationale du Patronat Algérien - einer der zahl‐

Avantgarde, Nachfolgepartei der algerischen KP, tritt heute für einen „li‐

reichen Unternehmerverbände Algeriens

beralen Sozialismus“ ein

CSA – Confédération des Syndicats Verband (autonomer) Gewerk‐

PST – Parti Socialiste des Travailleurs – sozialistische Arbeiterpartei,

schaften – Zusammenschluss von 13 von der UGTA unabhängigen au‐

aus einem fraktionskampf in der FLN in den 60er Jahren entstanden

tonomen Gewerkschaften.

PT – Parti des Travailleurs – Arbeiterpartei, mit Wurzeln im „trotzkisti‐

COSYFPO - Confédération syndicale des forces productives - eine le‐

schen“ Zentrismus der 90er Jahre, ging Bündnisse mit den Islamisten

gal zugelassene Arbeitergewerkschaft

und der FLN ein

FCE - Forum des chefs d'entreprise – Forum der Chefs von Unterneh‐

RND – Rassemblement National Démocratique – Nationale Demokrati‐

men – einer der zahlreichen Unternehmerverbände Algeriens

sche Sammlung – im Jahr 1997 aus dem rechten Flügel der FLN her‐

FFS – Front des Forces Socialistes – Front der sozialistischen Kräfte,

vorgegangene Partei der hohen Staatsbürokraten.

offizielle Sektion der sogenannten Sozialistischen Internationale

TAJ – Tadjamoue Amal Al Djazair -– Sammlung für die Hoffnung Algeri‐

FLN – Front de Libération Nationale Nationale – Befreiungsfront – Re‐

ens (Tadjamoue Amal Al Djazair), islamistisch

gierungspartei, ging aus der 1954 geschaffenen linksnationalistischen

UGTA – Union Générale des Travailleurs Algériens – Gewerkschafts‐

gleichnamigen Befreiungsbewegung hervor

dachverband, regierungstreu

MDS – Mouvement démocratique et social – Demokratische und sozia‐

UNEP – Union Nationale des Entrepreneurs Publics – Verband der öf‐

le Bewegung, Abspaltung der PAGS, liberal

fentlichen Unternehmen Algeriens

2003 entstandene, nach eigenen Angaben sozialdemokratisch orien‐

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Erklärung des CoReP (Kollektiv Permanente Revolution)

Weg mit dem FNL­Regime der Diebe und Korrupten!

Alle Macht den algerischen Arbeiter_innen! Trotz der  Proteste,  die  bereits  2014  die  Ankündigung  der  vierten Amtszeit von Abdelaziz Bouteflika gekennzeichnet hat­ ten, wollten die Cliquen der FLN und der Armee, die sich nicht  auf  einen  Ersatz  für  Bouteflika  einigen  konnten,  das  gleiche  Spiel  im  April  2019  stillschweigend  wiederholen.  Neuerlich  wollten  sie  die  Beinahe­Mumie  eines  alten  Mannes,  der  krank  und  unfähig  ist,  die  geringste  Initiative  zu  ergreifen,  recyceln.  Alle traditionellen Stützen der Macht hatten sich dafür zusam­ mengeschlossen.  Zum  einen  das  "Präsidentenbündnis"  der  Parteien FLN, RND, MPA und TAJ; zum andern erklärten  am 1..  Februar 2019 die Führung des Gewerkschaftsbundes UGTA, der  Unternehmerverbände FCE, Cipa, CNPA, CAP, Unep, AGEA und  UNI gemeinsam in Batna in einem Aufruf zur Errichtung "einer  starken Volksfront": "Bouteflika ist unser Kandidat bei den Prä­ sidentschaftswahlen".  Die  bewusst  geschürte  Angst  vor  einer  Rückkehr in die 1990er Jahre, in denen sich der Terror der Isla­ misten  mit  dem  der  Polizei  vermischt  und  Zehntausende  To­ desopfer  In  der  Bevölkerung  gefordert  hatte,  reichte  aus,  um  jede ernsthafte Opposition zu ersticken. Ab Samstag, 16. Februar 2019, eine Woche nach der Ankün­ digung der Kandidatur von Abdelaziz Bouteflika, fanden jedoch  die ersten spontanen Demonstrationen ge­ gen diese fünfte Amtszeit statt. Am Freitag,  den  22.  Februar  2019,  versammelten  sich  spontan,  unter  Nutzung  sozialer  Netzwer­ ke,  zehntausende  Demonstranten,  trotz  ei­ nes  Demonstrationsverbots.  Studenten,  Frauen,  Arbeitslose,  Arbeiter  aller  Art  ste­ hen dabei in der ersten Reihe.. Seither wei­ ten  sich  die  Demonstrationen  trotz  der  Aufrufe  zur  Ruhe  durch  alle  Stützen  der  Macht,  trotz  der  Verhaftungen,  trotz  aller  Drohungen,  in  ganz  Algerien,  aber  auch  in  vielen  anderen  Ländern  einschließlich  Frankreich,  aus.  Die  Journalisten  verwei­ gern die Zensurmaßnahmen. Neben der Parole "Nein zur fünften Amtszeit" zielten bei den  Protesten  Schilder  und  Banner  bald  auf  das  gesamte  Regime  ab:  "Hau  ab,  Regierung!".  Die  führenden  Köpfe  der  FLN,  die  Unternehmer  und  die  Generäle,  die  die  Ölrente  einstreifen,  ohne  die  Wirtschaft  zu  entwickeln,  die  den  Großteil  des  von  den  algerischen  Arbeitern  und  Bauern  erzeugten  Reichtums  monopolisieren,  taktieren:  sie  beharren  auf  die    Kandidatur  von  Abdelaziz  Bouteflika  und  verpflichten  sich  gleichzeitig,  sein  Mandat  zu  verkürzen  und  in  einem  Jahr  neue  Präsidentschaftswahlen  durchzuführen.  Die  regierungsnahe  Zeitung  El  Moudjahid  sieht  darin  "kein  Manöver,  sondern  eine  pragmatische  Antwort...",  aber  das  täuscht  natürlich  niemanden.  Der  Kampf    zwischen  diesem  verhassten  Regime  und der großen Mehrheit der algerischen Bevölkerung hat also  begonnen. Um zu gewinnen, bedarf es klarer Perspektiven: Um  Demonstrationen  zu  schützen,  insbesondere  um  Fest­ nahmen zu verhindern: 

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Ordnerdienst der Demonstranten, Selbstverteidigung von Demonstrationen! Um die Regierung zu lähmen und Angriffe auf die Bewegung  zu  verhindern,  müssen  alle  Gewerkschaftsverbände  (UGTA,  CSA, COSYFOP ...) aufgefordert werden, mit der Bouteflika­Re­ gierung  und  allen  bürgerlichen  Parteien  oder  Kandidaten  zu  brechen.  Sie müssen unverzüglich zum

Generalstreik für den Sturz des Regimes aufrufen. Um die Machtorgane zu besiegen, um diesem Regime ein En­ de zu setzen, ist es notwendig den Generalstreik in den Betrie­ ben  und  Verwaltungseinrichtungen  zu  beschließen  und  gewählte  Komitees  in  den  Unternehmen,  Verwaltungen,  Uni­ versitäten, Stadtteilen, Dörfern usw. zu errichten.  Angesichts  des  Regimes,  das    über  die  Armee,  die  Polizei,  viele Medien usw.  verfügt ­  Zentralisie­ rung aller  Komitees  der gewählten De­ legierten,  deren  Aufgabe  es  ist,  den  Kampf    der  Arbeiter  und  Jugendlichen  zu vereinen und der Bewegung eine poli­ tische Führung  zu geben, die ein Anwär­ ter  auf  die  Macht    der  Arbeiter  und  Jugendlichen  ist. Es gibt zahlreiche Forderungen, unter  anderem  die  sofortige    Erhöhung  der  Löhne, Renten, der Sozialhilfe und deren  Indexierung    entsprechend  der  Lebenshaltungskosten,  gut  bezahlte  Arbeit  für  alle,  alle  demokratischen  Freiheiten,  die  Kontrolle  über  alle    Geschäftsbücher  der  Unternehmen,  die  Kontrolle  über  die  Buchführung  der  Verwaltungen,  über  den  gemeinsam  produzierten  Reichtum  und    dessen  Verwendung!  Und  viele  andere  Forderungen  von  Arbeitern,  Bauern,  Jugendlichen,  Frauen und Kabylen (Subgruppe der Berber).

Welche Regierung kann diese Forderungen erfüllen? Die Arbeiterklasse  sollte  die  Führung  der  Bewegung  übernehmen  und    sie  anführen.  Sie  selbst  hat  jedoch  die  größte Schwierigkeit, eine Lösung zwischen der herrschenden  bürgerlichen  Fraktion  und  ihrer  islamistischen  Fraktion  zu  finden. Die PAGS, die ehemalige stalinistische Partei (Erbe der  KPA,  die  die  Unabhängigkeit  abgelehnt  hatte),  explodierte  1993, ihr  größtes Überbleibsel, die MDS,  beruft  sich  nicht  einmal    mehr  auf  den  weiter auf Seite 19

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KLASSENKAMPF 35  

Im Editorial setzen wir uns mit der autoritären Wende durch die ÖVP/FPÖ-Regierung auseinander. Artikel über die Begünstigungen für die Versi...

KLASSENKAMPF 35  

Im Editorial setzen wir uns mit der autoritären Wende durch die ÖVP/FPÖ-Regierung auseinander. Artikel über die Begünstigungen für die Versi...

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