Wirtschaftstalk
Im Corona-Modus
Kritiker überzeugt
Diskussion über Mode, Corona, Handel und Marken.
Wie die DBU dafür sorgt, dass Projekte weiter Geld bekommen.
Mit Randy de Jong hat Osnabrück wieder einen Sternekoch.
Mode & Wandel – Seiten 16 und 17
Geld & Geschäft – Seite 9
Leben & Leidenschaft – Seite 21
Foto:Hiekmann
K Z ACer da iss
www.maler-schulte.de DONNERSTAG, 25. JUNI 2020 AUSGABE 03/20 | EINZELPREIS 1,90 €
OSNABRÜCK | EMSLAND | GRAFSCHAFT BENTHEIM
Am seidenen Faden?
4
Ein Modeherz schlägt auch weiterhin in Ostwestfalen. Einen goldenen Weg in die Zukunft für alle gibt es nicht. VON NINA KALLMEIER OSNABRÜCK/MEPPEN/LINGEN/
Die Rottendorfer S.Oliver Gruppe hat gerade erst die Entlassung von 200 Mitarbeitern angekündigt, ebenso viele wird der Haller Modekonzern Gerry Weber entlassen, wenn das neue Zukunftskonzept umgesetzt wird. Die Hamburger Tom Tailor Holding hat indes Insolvenz angemeldet. Esprit, Bonita und Hallhuber sind nur einige der Unternehmen, die sich ins Schutzschirmverfahren gerettet haben. Die deutsche Modeindustrie steckt in der Krise – allerdings nicht erst, seit die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus dazu führten, dass Lieferketten stockten und der Handel über Wochen Kollektionen nicht abverkaufen konnte. „Die deutsche Modeindustrie hat seit einigen Jahren mit mehreren Entwicklungen zu kämpfen: einem deutlich geänderten Einkaufsverhalten, zurückgehenden Passantenfrequenzen in den Innenstädten, zurückgehender Nachfrage in wichtigen Exportmärkten, hohen Belastungen durch Auflagen und Vorgaben bei einem gleichzeitig sehr großen Angebot an Ware“, zählt Oliver Teuteberg, Leiter der Abteilung Wirtschaft des Verbands der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, die Herausforderungen auf. Durch den Lockdown wurden diese Entwicklungen nun noch einmal verschärft. Also eine Modeindustrie am seidenen Faden? Ganz so schwarz malt Teuteberg die Zukunft nicht. Auch wenn er sagt: Einzelne Unternehmen hätten aufgrund dieser Entwicklung nicht das notwendige Polster, um diese Phase zu überstehen. Die Lage der Modeindustrie – und letztlich auch des Modehandels – erinnert an die Automobilindustrie: Auf einen vor der Pandemie eingeleiteten Strukturwandel trifft nun die durch Corona ausgelöste Wirtschaftskrise – und das Virus droht den angestoßenen Prozess zu beschleunigen. Als Modeikone Coco Chanel sagte: „Wer unersetzbar sein will, muss vor allem ,anders’ sein“, kann sie nicht geahnt haben, wie sehr dieser Ausspruch auch im Jahr 2020 Gültigkeit haben könnte. Das wird auch an den oben genannten Marken-Beispielen deutlich. Sind sie unersetzbar? Die Frage wird sich jeder Hersteller heute möglicherweise noch einmal ganz anders stellen müssen als früher. Ein Blick auf die Beispiele zeigt: Sie alle hatten schon vor Corona ihre Probleme. Gleiches gilt für den Handel und hier NORDHORN
Foto:Colourbox.de,Montage:M.Michel
allen voran Galeria Karstadt Kaufhof. Der Branchenverband GermanFashion sieht aufgrund der CoronaKrise Hunderttausende Arbeitsplätze in Industrie und Handel vor dem Aus. Wie stehen vor diesem Hintergrund die Unternehmen da, die in
„Gerade in Ostwestfalen gibt es starke Marken, die über viele Jahre aufgebaut und gepflegt wurden.“ Oliver Teuteberg, Verband der Nordwestdeutschen Textilund Bekleidungsindustrie
der Region und dem angrenzenden Ostwestfalen ihre Wurzeln haben? In der Grafschaft Bentheim hat der in den 1970erJahren einsetzende Strukturwandel der Branche bereits dazu geführt, das von einem der ehemals größten Textilzentren Deutschlands in Nordhorn nicht viel übrig ist. Povel, Nino, Rawe, keine der traditionsreichen Firmen überlebte die Zeit. Bundesweit hat die Branche seit 1970 etwa neun Zehntel ihrer Betriebe und Beschäftigten verloren. In der Grafschaft zeugen nur noch einige Bauwerke wie der Povelturm, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Firma Nino oder die Alte Weberei von der einstigen Blütezeit. Heute gibt es nur noch vereinzelt Unternehmen wie Rofa, einen Hersteller von Arbeitskleidung, die die Ära überdauert haben – und sogar noch am Standort produzieren. Sie bleiben gefragt. Gefragt sind auch die Marken aus dem benachbarten Ostwestfalen. Auch wenn der eine oder andere Hersteller in den vergangenen Jahren kriselte und sich restrukturierte, in OWL schlägt bis heute ein Herz der deutschen Modeindustrie. Die vier großen Bekleidungshersteller der Region – Brax (Umsatz: 320 Millionen Euro), Bugatti (Umsatz: 212 Millionen Euro), Seidensticker (Um-
satz: 179 Millionen Euro) und die Ahlers AG (Umsatz: 207 Millionen Euro), die eigenen Angaben zufolge den Konzernumbau nun abgeschlossen hat – kamen zuletzt zusammen auf einen Umsatz von mehr als 900 Millionen Euro. Hinzu kommen die Erlöse des krisengebeutelten Modekonzerns Gerry Weber. Anders als in anderen Regionen haben diese Firmen den Strukturwandel überdauert und sind zum Teil seit mehr als 100 oder 200 Jahren am Markt. Die Stärke des Modestandorts OWL erklärt Oliver Teuteberg so: „Gerade in Ostwestfalen gibt es starke Marken der deutschen Modeindustrie, die über viele Jahre aufgebaut und gepflegt wurden.“ Und hinzu kommt: Brax, Bugatti, Seidensticker, Ahlers – sie alle sind mittelständische Unternehmen mit einer starken (Gründer-) Familie im Rücken. „In diesen Unternehmen wird langfristig und strategisch gedacht. Das zahlt sich aus“, so Verbandsexperte Teuteberg. Die Corona-Pandemie konnten jedoch auch sie nicht kommen sehen und müssen ihre Prognosen daraufhin anpassen. Insgesamt sieht Teuteberg deutsche Modehersteller jedoch nicht vor mehr oder weniger Problemen als die interna-
198252
601901
20003
Jörn Hasenfuß leitet jetzt das VW-Werk
Die deutsche Modewelt ist im Wandel – und war es lange vor der Corona-Pandemie
Maßnahmen zur Eindämmung des Virus haben Branche getroffen.
WWW.DIEWIRTSCHAFT-GN.DE
tionale Konkurrenz. Und auch die Umsatzeinbrüche zögen sich durch die ganze Branche, unabhängig vom Preissegment. „Richtig ist aber zum einen, dass die Nachfrage in der Mode sehr preissensitiv ist und dass zum anderen gerade die sogenannten Billiganbieter dafür sorgen, dass sehr viel Ware auf dem Markt ist“, so Teuteberg. Was allerdings für deutsche Hersteller hinzukomme: Strenge Umweltauflagen, eine hohe Abgaben- und Steuerlast sowie rein deutsche Diskussionen zum Beispiel über ein Lieferkettengesetz würden die Situation noch verschärfen, warnt er. Wie geht es nun weiter? Laut Gesamtverband Textil+Mode haben mehr als 80 Prozent der Unternehmen der Branche Kurzarbeit beantragt, viele würden Umsatzeinbrüche von 80 Prozent und mehr verkraften müssen und wüssten nicht, wie sie die kommenden Monate überstehen. Mit der zeitlich befristeten Mehrwertsteuersenkung alleine sei den Betrieben nicht geholfen. Das könnte auch Einschnitte in der Region bedeuten. Und die Vermarktung? Hersteller sind oft auch der eigene Handelsunternehmer. Zu viele eigene Filialen aufgebaut zu haben ist jedoch nicht nur Gerry Weber zum Verhängnis geworden. Gleichzeitig steckt aber auch der Fachhandel in der Krise. Eine allgemeingültige Vermarktungsstrategie gebe es nicht, so Oliver Teuteberg. „Kleider werden anders verkauft als Hosen, Anzüge anders als Hemden. Klar ist, dass sich mehr in Richtung OnlineHandel verlagern wird.“ Ob und inwiefern dies als Ergänzung oder Ersatz zum stationären Handel geschehe, sei aber eine offene Frage. „Den goldenen Weg für alle und jeden gibt es da nicht.“
Aus Hannover nach Osnabrück: Seit 1. Mai sitzt Jörn Hasenfuß im Chefsessel des Osnabrücker VW-Werks und leitet den Standort mit seinen rund 2400 Mitarbeitern. Dass der Wechsel zur Zeit der Corona-Pandemie stattfand, sieht Hasenfuß ganz pragmatisch: „Der Zeitpunkt ist so, wie er ist.“ Kurz nach seiner Ankunft fuhr VW nach wochenlanger Schließung die Produktion wieder hoch. „Insofern ist es ein guter Zeitpunkt, um zu starten“, fand Hasenfuß damals. Vor seinem Wechsel war Jörn Hasenfuß – seit 33 Jahren für den Volkswagen Konzern tätig – Mitglied des Vorstandes für den Bereich Beschaffung bei Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover. Auch wenn Osnabrück nicht allzu weit entfernt liegt, will Jörn Hasenfuß zusammen mit seiner Frau seinen Lebensmittelpunkt in die Hasestadt verlagern. Seine Tätigkeit in Osnabrück plant der neue Standortchef langfristig. „Ich habe vor, in jedem Fall noch bis 2023 zu arbeiten. Danach wird man sehen. Ich habe Lust zu gestalten. Der Standort in Osnabrück hat eine lange Tradition. Darauf aufzubauen und zusätzliche Fahrzeuge hierher zu holen, das sehe ich vor allem als meine Aufgabe.“ nika OSNABRÜCK
JörnHasenfuß
Foto:GertWestdörp
WIE PERFEKT LOGISTIK WIRKLICH IST, MERKT MAN ERST, WENN ETWAS FEHLT.
Heinrich Koch Internationale Spedition GmbH & Co. KG Fürstenauer Weg 68 | D-49090 Osnabrück | www.koch-international.de