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Arthur Gordon

Geschenke des Himmels Die kleinen, wunderbaren Momente des Lebens

Aus dem Englischen von Antje Balters


Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Das Geschenk der Selbstlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Hochzeit am Meer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die stille Kraft des Mitgefühls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „Beautiful Dreamer“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorsicht – Charme! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie bist du wundervoll! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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2. Das Geschenk der Weisheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Fremde, der mich das Staunen lehrte . . . . . . . . . . . . Jenseits des Scheiterns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „Hätte ich bloß …“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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3. Das Geschenk der Selbsterkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gezeitenwechsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Weg der Annahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Selbsterneuerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nach dem Guten suchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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4. Das Geschenk des Glaubens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Glaube, der trägt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Antwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Geheimnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der verborgene Schatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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5. Das Geschenk heiterer Begegnungen . . . . . . . . . . . . . . . . Die Freude am Hier und Jetzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Botschaft vom Meer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Antwort bei Einbruch der Nacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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6. Das Geschenk des Bewusstseins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Nacht, als die Sterne vom Himmel fielen . . . . . . . . . Der Tag, an dem wir beinahe nicht losgefahren wären . . Die Gabe des Enthusiasmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gemeinsames Staunen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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7. Das Geschenk der Anpassungsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . Sei unerschrocken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom richtigen Timing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entschleunigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kunst, anders zu sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mini-Maximen für meinen Patensohn . . . . . . . . . . . . . . .

163 164 170 175 179 182

8. Das Geschenk des Lebens – und was danach kommt . . . 189 Das Ende der Reise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Heimgegangen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207


Vorwort Manchmal verblüfft mich das Leben, irritiert mich, begeistert mich – aber nur manchmal. Ab und zu überwältigt mich ein Augenblick oder schreit mich an, doch endlich aufzuwachen! Aber nur ab und zu. Meistens gehe ich einfach nur irgendwie durch den Tag und registriere zwar Dinge und Menschen und Ereignisse, aber ich nehme sie gar nicht wirklich wahr. Ich existiere, aber lebe nicht wirklich. Oft kommt mir das Leben einfach nur normal und nicht unbedingt bemerkenswert vor. Aber – und vielleicht ist das bei Ihnen ja auch so – es gibt diese seltenen Momente, in denen ich in Berührung mit der Ewigkeit komme, in denen mir plötzlich vor Staunen über diese Welt der Mund offen stehen bleibt. Und dann verblasst alles, was ich gerade wahrgenommen habe, wie ein Regenbogen wieder hinter den Wolken des Alltags, aber es lässt meine Seele ein ganz klein wenig bunter und lebendiger zurück. Also, ab und zu ist mir bewusst, wie großartig diese Momente sind, die an mir vorbeiziehen, und welche unglaublichen Chancen in ihnen liegen. Aber viel häufiger ist es so, dass ich diese kleineren Wunder des Lebens schlicht und einfach verpasse, weil ich von meinem ganz normalen Alltag so sehr in Beschlag genommen werde. Und genau deshalb bin ich so dankbar für dieses kleine Buch. Es hat mir dabei geholfen, wieder wacher zu werden. In diesem Buch lässt Arthur Gordon den Leser an einer seiner Gaben teilhaben, nämlich an seiner Art, über die Pflichten und Plagen des Alltags, über die immer gleichen Abläufe

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hinauszublicken – und mit dem Heiligen, dem Geheimnisvollen, der „Unglaublichkeit“ ganz gewöhnlicher Momente in Berührung zu kommen. Er sieht eine Bedeutung darin, wenn die Wellen den Sand liebkosen; er bleibt lange genug stehen, um zu hören, wie ihm das Dünengras durch den Wind Geheimnisse zuwispert; er findet geistliche Wegweisung, wenn er bei Regen Holz hackt oder an einem Sonntagnachmittag mühsam ein paar kryptische Worte auf einem vergessenen Grabstein entziffert. Lernen Sie in diesem Buch einen Mann kennen, der die Wunder, von denen das ganz Normale und Alltägliche durchzogen ist, noch wahrnimmt. Dieses Buch hat in mir ein Wiedererwachen ausgelöst, hat mir neu die Herrlichkeit des Lebens gezeigt, das Arthur Gordon als „großartige Aneinanderreihung von Wundern“ bezeichnet. Für den Autor dieses Buches ist jeder Moment ein Gedicht, das darauf wartet, gelesen zu werden, weil „eine Tragödie nicht das ist, worunter wir leiden, sondern das, was wir verpassen“, wie er sagt. Dieser Augenblick hält große Schätze für diejenigen bereit, die bereit sind, sich ganz auf das Leben einzulassen. Ich glaube, unsere Welt kommt uns oft so profan vor, weil uns alles darin so bekannt ist. Gewohnheit und Routine dämpfen unseren Sinn für die Großartigkeit des Universums, für das Wunder all der Augenblicke, die sich überall um uns her entfalten. Die großen Philosophen, Dichter und Propheten haben das immer schon gewusst und versucht, uns für diese Herrlichkeit und für das Staunen über diese Wunder wieder wach und offen zu machen. Doch meistens schlafen wir zu fest, um ihre Stimmen hören zu können. Vielleicht tippt Ihnen Arthur Gordon mit seinen Essays sachte auf die Schulter, um Ihre Aufmerksamkeit zu wecken.

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Vielleicht werden Sie ja auch richtig wachger端ttelt; so war es jedenfalls bei mir. Ich glaube jedenfalls, dass beides gut ist, und ich denke, dass Sie mir darin zustimmen werden, wenn Sie das Buch zu Ende gelesen haben. Stephen James

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1. Das Geschenk der Selbstlosigkeit Die meisten Menschen verbringen ihr Leben damit, dem Egoismus zu entkommen. Vielleicht geht es wirklich nur darum. Vielleicht ist das die ganze Herausforderung  – das, worum sich eigentlich alles im Leben dreht. Den einen gelingt es besser, diese Herausforderung zu meistern, anderen nicht so gut. Mir kommt es so vor, als ob die Menschen, die dabei am erfolgreichsten sind, auch diejenigen sind, die es gelernt haben, ihre Selbstsucht in etwas umzuwandeln, das man vielleicht als Fürsorge für andere bezeichnen könnte. Es erfordert Mut, jemand zu werden, der sich um andere kümmert, weil Menschen, die sich kümmern, ein hohes Risiko eingehen, selbst verletzt zu werden. Es ist nicht leicht, sich verletzlich zu machen, die Selbstschutzmechanismen auszuschalten und mit Mitgefühl, Mitleid, Empörung oder Begeisterung auf andere zu reagieren, wenn es doch sehr viel einfacher ist, sich herauszuhalten. Aber Menschen, die dieses Risiko dennoch eingehen, machen eine ungeheuerliche Entdeckung: Je fürsorglicher jemand wird, desto lebendiger wird er. Die Fähigkeit zu selbstlosem Handeln kann jede Beziehung bereichern und wertvoller machen: die Ehe, die Familie, eine Freundschaft – ja sogar die innige Beziehung, die oft zwischen Mensch und Tier besteht, kann dadurch kostbarer werden. Jeder Mensch wird mit dieser Grundfähigkeit zur Fürsorge geboren, aber ob wir sie weiterentwickeln oder verkümmern lassen, das liegt ganz bei uns. Wer selbstlos sein und sich um andere kümmern will, muss den Panzer der Gleichgültigkeit ablegen. Er muss bereit sein zu handeln, einen ersten Schritt zu tun.

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Eines Abends beobachteten meine kleine Tochter und ich bei Sonnenuntergang, wie langsam die Flut kam. Es war ein stiller Abend, und in der untergehenden Sonne schimmerte alles – auch das Wasser, das wie Blattgold über den trockenen Sand immer näher kam und sich schließlich fast liebkosend um den Fuß einer Düne legte. Und meine Tochter sagte nachdenklich: „Ist es nicht schön, wie sich das Meer um das Land kümmert?“ Sie hatte recht; meine Tochter hatte den unfehlbaren Instinkt eines Kindes: Es war wirklich eine Art der Fürsorge. Die Düne lag einfach passiv da, aber das Meer, das kam und ging, kümmerte sich fürsorglich um das Land. In diesem wunderschönen Bild war die komplette Lektion enthalten: Werde wach, werde aktiv, handele, gehe auf einen Menschen zu, lass dich ganz auf ihn ein und erlebe dadurch selbst Erfüllung.

Die Hochzeit am Meer Sie wollten von Anfang an keine traditionelle Hochzeit. Keine Brautjungfern, keinen Hochzeitsmarsch, nichts von alledem. „Die alte Sprache und die alten Rituale und Bräuche sind zwar wunderschön“, sagte unsere Tochter, „aber sie werden doch von Millionen von Menschen benutzt. Ken und ich möchten etwas ganz Eigenes.“ In einer kleinen Stadt wie unserer sind Traditionen wie silberne Ketten – hübsch zwar, aber trotzdem Fesseln. „Also gut“, sagten wir ein wenig zweifelnd, „es ist eure Hochzeit. Wie wollt ihr sie dann feiern?“ „Bei Sonnenuntergang“, sagte Dana verträumt und schüttelte ihr langes blondes Haar zurück. „Am Strand, so nah wie möglich am Wasser. Mit einem Pfarrer, der versteht, was wir

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empfinden, und der ein paar Worte sagen kann, die ins zwanzigste Jahrhundert passen.“ Und ihre Mutter fragte sie natürlich: „Und was willst du tragen?“ „Ein langes, weißes Kleid“, sagte sie, „und dazu möchte ich einen Brautstrauß aus Strandhafer. Ich werde barfuß gehen, denn ich möchte den Sand unter meinen Füßen spüren. Ich weiß zwar auch nicht genau, warum, aber so will ich es.“ Sie will am Strand heiraten, sagte ich mir, weil du ihr beigebracht hast, das Meer zu lieben. Irgendein tiefer Instinkt in ihr weiß, dass das Leben dort, wo Sand und Salzwasser aufeinandertreffen, auf ganz stille Art unglaubliche Botschaften aussendet. Sie folgt diesem Instinkt. Und recht hat sie! Ich freute mich darüber, aber eine leise, seltsame Vorahnung schien das Vergnügen zu trüben. Das hatte nichts mit Ken zu tun – er war ein feiner Kerl, stark und groß, mit der sportlichen Anmut eines Surfers und einer hoffnungsvollen Laufbahn als Lehrer vor sich. Diese Vorahnung war nicht greifbar, wirklich nicht. Du hast Angst, sagte ich schließlich irgendwann zu mir selbst, das ist alles. Angst davor, dass etwas sehr Wichtiges in deinem Leben zu Ende geht. Angst, dass vielleicht eine lieb gewordene Nähe verloren geht. Du kannst dieses Gefühl zwar überspielen oder es sogar leugnen, aber du wirst es nicht ganz verdrängen können. Es sitzt zu tief für den Verstand – und zu tief für Worte. „Bitte sorgt dafür, dass die Flut zum festgesetzten Termin besonders nah ist, ja?“, sagte Dana lächelnd und verabschiedete sich mit einer lockeren Umarmung von uns. „Und kein Gewitter bitte.“ „Also, für diese Angelegenheiten bin ich zwar eigentlich nicht zuständig“, sagte ich zu ihr. „Aber wir werden tun, was wir können.“

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Und dann war es so weit. Wir – Freunde, Nachbarn, Verwandte – hatten uns in einem kleinen Natur-Amphitheater, das aus Dünensand errichtet worden war, zusammengefunden. Hinter uns schleuderte die untergehende Sonne bernsteinfarbene Lichtspeere aufs Wasser. Vor uns brandete das eifersüchtige Meer elfenbein-, gold- und jadefarben. Der junge Pfarrer stand vor uns, sein Talar flatterte im Wind, und die Schaumkronen auf den Wellen berührten beinah seine Fersen. Er musste sehr laut sprechen, um das Tosen der Brandung zu übertönen. „Freunde, wir sind heute hier zusammengekommen, um gemeinsam mit Ken und Dana einen sehr wichtigen Augenblick ihres Lebens zu erleben. An einem Ort wie diesem hier haben sie sich kennen- und lieben gelernt. Jetzt haben sie beschlossen, als Ehepartner miteinander zu leben …“ An einem Ort wie diesem … Ich merkte, wie sich in meinem Kopf Bilder formten und wieder auflösten. Es war Jahre her. Genau hier, an dieser Stelle, hatte das ablaufende Wasser in einer Senke einen kleinen Tümpel hinterlassen. Die Dreijährige spielte gerade noch am Rand der Senke und im nächsten Augenblick – unglaublich – war sie verschwunden. Und dann folgte das langsame Begreifen, was passiert war. Mein Herz blieb fast stehen, dann der panische Sprung in das Wasser, um die kleine Gestalt mit einem festen Griff wieder nach oben ins Sonnenlicht heraufzuholen; die überwältigende Erleichterung darüber, dass sie sich an das erinnert hatte, was ihr beigebracht worden war, nämlich unter Wasser die Luft anzuhalten. Sie öffnete ihre großen grauen Augen und die kleine vorwurfsvolle Stimme sagte: „Wieso bist du denn nicht früher gekommen? Es ist da unten so dunkel und sprudelig!“

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Oder Jahre später, sie war damals vielleicht elf oder zwölf, der Tag, an dem wir dort am Strand einen alten Pelikan gefunden hatten, krank und am ganzen Körper zitternd. Es war nichts mehr zu machen. Wir mussten mit ansehen, wie er starb. Und ich sah, was diese erste bewusste Begegnung mit dem Tod in ihr auslöste. Es war der bohrende Schmerz des Mitleidens, der auf die junge und ungeschützte Seele traf. „Ach“, sagte sie schließlich unter Tränen und verzweifelt auf der Suche nach etwas, das ihren Schmerz lindern könnte, „da bin ich aber wirklich froh, dass wir ihn nicht so gut gekannt haben.“ Und dann, noch später, die goldenen Nachmittage, an denen sie losging und ganz ernsthaft sagte, sie müsse mit dem Hund raus. Dabei war uns und auch ihr selbst völlig klar, dass sie hoffte, dort am Strand Ken beim Surfen anzutreffen. Damals hatte er sie kaum wahrgenommen, aber sie saß einfach auf einer Düne, die Knie mit den Armen umschlungen, mit einem Herzen voller Sehnsucht und Liebe, den Deutschen Schäferhund regungslos wie eine Statue neben sich sitzend. An einem Ort wie diesem … Wieso rauscht die Zeit nur so schnell vorbei?, fragte ich mich. Wieso bleibt nichts, wie es war? Die ruhige Stimme des jungen Pfarrers fuhr fort: „Wir haben euch eingeladen, dabei zu sein, wenn Ken und Dana sich gegenseitig versprechen, die Zukunft gemeinsam anzugehen und dabei alles anzunehmen, was an Frohem und Traurigem vor ihnen liegt. Sie haben sich dazu diese Umgebung nicht zufällig ausgesucht. Wer das Meer liebt, hört den Herzschlag der Schöpfung darin, wenn die Flut kommt und wieder geht; wenn die Sonne auf- und wieder untergeht und wenn abends die Sterne am Himmel erstrahlen. Wir sind dankbar für all die Schönheit, von der wir hier umgeben sind,

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für die Kraft, die wir dadurch bekommen, für den Frieden, der uns dadurch geschenkt wird.“ Ja, dachte ich, die Schönheit gibt wirklich Kraft. Um Beständigkeit zu erlangen, brauchen wir nichts anderes zu tun, als solche Orte aufzusuchen, an denen große, elementare Dinge geschehen. Für manche ist das eben das Meer, für andere wiederum sind es die Berge, die dem Psalmisten Anlass gaben zu schreiben: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen …“ Jetzt wurde das junge Paar direkt angesprochen: „Dana und Ken, nichts ist leichter, als Worte zu sagen. Doch nichts ist schwerer, als das Gesagte dann auch Tag für Tag zu leben. Was ihr heute versprecht, muss morgen und jeden neuen Tag, der vor euch liegt, bestätigt und von Neuem entschieden werden. Am Ende dieser Trauzeremonie werdet ihr vor dem Gesetz Mann und Frau sein, aber ihr müsst trotzdem jeden Tag wieder neu beschließen, dass ihr verheiratet bleiben wollt.“ Ob sie das wohl verstehen?, fragte ich mich und beobachtete die beiden. Ob sie das wohl jetzt überhaupt erfassen können? Oder wird es, wie bei den meisten von uns, Jahre dauern, bis sie es wirklich begreifen? Und dieses Begreifen wird dann so still und leise kommen, dass sie selbst nicht einmal ganz sicher sind, ob es wirklich da ist …? Der junge Pfarrer sagte liebevoll: „Wir wissen alle, dass ihr euch sehr liebt. Aber was ist Liebe, einmal abgesehen von der Wärme und dem Strahlen, der Erregung und Romantik?

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Wahre Liebe heißt, sich um das Wohl und das Glück des Ehepartners genauso zu sorgen wie um das eigene. Wahre Liebe ist nicht besitzergreifend oder eifersüchtig; sie ist befreiend; sie befreit dazu, ganz und gar man selbst zu werden, und sie bringt das Beste in uns hervor. Wahre Liebe bedeutet nicht, ganz und gar im anderen aufzugehen, sondern sie bedeutet, gemeinsam in dieselbe Richtung zu schauen. Liebe macht die Lasten leichter, weil sie die Lasten teilt. Sie macht die Freuden intensiver, weil man sie miteinander teilt. Sie macht uns Menschen stärker, sodass wir auf andere zugehen und am Leben teilhaben können – auf eine Weise, wie man es sich allein wohl nicht trauen würde.“ Stimmt, dachte ich. Stimmt alles. Aber man lernt es nicht dadurch, dass man es hört. Man muss es lernen, indem man es lebt, und selbst dann ist noch niemand ein Heiliger und kann mehr als nur Bruchteile davon im eigenen Leben umsetzen. Alles, was wir tun können – und das gilt auch für die Besten von uns –, ist, es zu versuchen. Und selbst das Versuchen ist schwer. Jetzt war es Zeit für die entscheidenden Fragen, und die Sprache, in der das geschah, gehörte wirklich ins 20. Jahrhundert: „Ken, willst du Dana zur Frau nehmen? Willst du sie lieben und achten? Willst du immer ehrlich zu ihr sein? Willst du ihr in allem, was auch kommen mag, beistehen? Willst du alles tun, was nötig ist, und bist du bereit, dich so zu verändern und anzupassen, dass du wirklich dein Leben mit ihr teilen kannst?“

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„Ja, ich will“, sagte der große Junge, und das zarte, schlanke Mädchen gab auf dieselbe Frage auch dieselbe Antwort. Jetzt fiel der Blick des Geistlichen auf uns. „Wer führt diese Frau her, dass sie neben diesem Mann steht?“ „Wir“, antworteten meine Frau und ich gemeinsam. Weggeben konnten wir unsere Tochter ja nicht, denn sie war nicht unser Besitz. Sie war einzigartig und auf immer und ewig sie selbst. Und wenn wir nicht selbst diese Liebe gemeinsam erlebt hätten, dann stünde sie nicht hier unter dem friedlichen Himmel, nah am rastlosen Meer. Auch Kens Eltern stellte der Pfarrer die Frage. Und dann kam die Herausforderung für uns alle vier: „Seid ihr bereit, jetzt und für immer diese Ehe zu unterstützen und euch für sie einzusetzen, indem ihr Ken und Dana mit eurer Liebe und Fürsorge Halt gebt?“ „Ja“, antworteten wir wieder, und jetzt waren wir alle Teil der Vereinbarung. Es ging nicht um Bevorzugung, um Parteilichkeit. Lediglich um eine beständige Verteidigung dieses Bundes gegen die finsteren Kräfte, die jede Ehe bedrohen. Wenigstens das, so dachte ich, steht ganz in unserer Macht; so viel können wir tun. Einen Moment lang schien völlige Windstille zu herrschen, und der wogende Strandhafer um uns her schien zu erstarren. Ich sah, dass Danas Hand zitterte, als sie sie in Kens legte und auf das uralte Symbol der Treue und Liebe wartete. „Ich gebe dir diesen Ring“, sagte Ken. „Trage ihn mit Liebe und Freude. Ich habe dich zu meiner Frau erwählt, für heute und jeden Tag, der noch kommt.“

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„Ich nehme diesen Ring“, sagte unser Kind mit ganz leiser Stimme – aber der Stimme einer erwachsenen Frau. „Ich werde ihn mit Liebe und Freude tragen. Ich habe dich als meinen Mann erwählt, für heute und jeden Tag, der noch kommt.“ Dann herrschte Schweigen. Niemand rührte sich. Die Gesichter der Anwesenden waren berührt von etwas Undefinierbarem, einer Art Zeitlosigkeit, dem Gefühl, dass sich hier das Leben selbst erfüllte und dann weiterging. Vielleicht beginnt so alles, was von Bedeutung ist, dachte ich. Keine Gewissheit. Keine Garantien. Nur eine Entscheidung, eine Absicht, ein Versprechen, eine Hoffnung … Der Pfarrer umfasste die ineinandergelegten Hände des Brautpaares. „Ken und Dana, wir haben euer Versprechen gehört, euer Leben in der Ehe zu teilen. Wir erkennen den Bund an, den ihr geschlossen habt, und respektieren ihn. Nicht der Pfarrer, der hier vor euch steht, macht eure Ehe real, sondern die Aufrichtigkeit und Verbindlichkeit der Worte, die ihr hier vor euren Freunden und Eltern und vor Gott gesagt habt. Im Namen aller hier Anwesenden nehme ich eure Hände und bestätige, dass ihr jetzt Mann und Frau seid.“ Er lächelte und ließ ihre Hände wieder los. „Jetzt ist die Zeremonie zu Ende, und die Erfahrung, euren Alltag als Ehepaar zu leben, liegt vor euch. Geht es mit Freude an. Liebt das Leben, damit das Leben euch liebt. Der Segen Gottes sei mit euch. Amen.“

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So sei es, dachte ich und sah zu, wie Dana ihren Mann küsste und sich dann umdrehte, um ihre Mutter zu umarmen. „So sei es!“, verkündeten alle Umarmungen und jedes Händeschütteln, jedes aufgeregte Lachen und jede Träne, die geweint wurde. „So sei es“, murmelten der Wind und die Wellen. Und als ich noch einmal den Befürchtungen, die ich gehabt hatte, nachspüren wollte, waren sie nicht mehr da.

Die stille Kraft des Mitgefühls Vor nicht allzu langer Zeit nahm ich an einem Trauergottesdienst für einen bekannten Geschäftsmann teil. Die Stimmung war gedrückt, und mehrere Freunde von ihm hielten Abschiedsreden, in denen sie ihm Achtung und Anerkennung zollten. Gegen Ende der Feier erhob sich ein junger Mann. Die vorhergehenden Redner waren sicher im Auftreten und redegewandt gewesen, aber dieser hier stand unter großer emotionaler Anspannung und brachte kaum ein Wort heraus. Es wurde ganz still, während er nach Worten rang. Schließlich erzählte er den versammelten Trauergästen unter Tränen, dass der Verstorbene ihn gefördert hatte, als er noch Laufbursche in dessen Bürogebäude gewesen sei. Der Industrielle habe ihm geholfen, ihn immer wieder ermutigt und ihm seine Ausbildung finanziert. „Sehr lange“, sagte der junge Mann, „habe ich ihm gar nichts gebracht, weder ihm noch sonst jemandem. Ich habe versagt, und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder. Aber er hat mich trotzdem nie aufgegeben – und er hat auch nie zugelassen, dass ich mich selbst aufgebe.“ Und er erzählte weiter, dass es nicht schwer sei, einen Menschen zu fördern, der viel Potenzial hat, dass aber nur ganz

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wenige Menschen an einen Versager glauben könnten. Nun sei einer dieser wenigen Menschen für immer gegangen, und er selbst habe seinen besten Freund verloren. Als schließlich seine Stimme brach und er sich wieder setzte, weinten fast alle Anwesenden, und zwar nicht nur um den Menschen, den sie verloren hatten, sondern auch um den Mann, der so viel von sich preisgegeben hatte. Als sich der Gedenkgottesdienst dem Ende näherte, war ich fest davon überzeugt, dass wir uns alle zum Besseren verändert hatten, dass ein winziger Teil von jedem von uns nie wieder so sein würde wie zuvor. Später erzählte ich einem Freund, der von Beruf Psychiater ist und auch an der Trauerfeier teilgenommen hatte, was ich empfunden hatte. „Ja“, sagte er nachdenklich, „das war schon bemerkenswert, nicht wahr? Aber genau so etwas kann durch Mitgefühl ausgelöst werden. Es ist die heilsamste aller menschlichen Empfindungen. Wenn wir es nur zulassen würden, könnte dadurch die ganze Welt verändert werden.“ Tatsache ist, dass diese Fähigkeit des Mitleidens – und das Wort enthält ja das Wort „leiden“ – die Welt bereits verwandelt hat, besonders in den vergangenen beiden Jahrhunderten. Durch Mitleid wurden in den USA die Sklaverei und die Kinderarbeit abgeschafft. Mitleid ist die Kraft, durch die Florence Nightingale nach Krimea und Albert Schweitzer nach Afrika kam. Ohne Mitleid gäbe es keine Sozialversicherungssysteme, keine „Ärzte ohne Grenzen“, kein „Brot für die Welt“, kein Rotes Kreuz und keine Aidshilfe. Es ist bemerkenswert, was Mitgefühl bei dem Menschen bewirken kann, der es empfindet. Ja, sogar auf Menschen, die es plötzlich und nur vorübergehend verspüren, hat es Auswirkungen. Als junger Mann reiste ich zusammen mit zwei anderen Collegestudenten in den

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Frühjahrsferien durch Spanien. In Malaga übernachteten wir in einer Pension, die zwar recht komfortabel, aber irgendwie auch trostlos war. Der Besitzer, der Englisch sprach, war recht wortkarg, und seine Gattin, eine große Frau mit ernstem Blick, trug nur Schwarz und lächelte nie. Im Wohnzimmer der Pension stand ein Konzertflügel, auf dem aber nie gespielt wurde. Die kleine spanische Haushaltshilfe erzählte uns, dass die Señora früher einmal eine berühmte Konzertpianistin gewesen sei, aber vor zwei Jahren sei dann ihr einziges Kind gestorben, und seitdem habe sie den Flügel nicht mehr angerührt. Während unseres Aufenthaltes besuchten wir eine Bodega, einen Weinkeller, in dem Sherry gelagert wird. Der liebenswürdige Besitzer drängte uns, mehrere Sorten zu probieren, was wir auch alle ohne große Gegenwehr taten – mit der Folge, dass wir auf dem ganzen Heimweg sangen und tanzten und herumalberten. Als wir in der Pension ankamen, immer noch fröhlich und übermütig, setzte sich einer von uns an den Flügel und fing an zu spielen, sehr schlecht, und wurde von uns anderen lauthals mit falschem Gesang begleitet. Plötzlich kam die Haushaltshilfe völlig entsetzt hereingestürmt, gefolgt vom Hausherrn, der in einer flehenden Geste die Hände gen Himmel streckte. „Nein, nein!“, schrie er. „Das dürfen Sie nicht!“ Im selben Augenblick ging eine andere Tür auf und die Señora selbst stand im Zimmer, dunkel und ernst, und durchbohrte uns mit ihrem Blick. Die Musik erstarb auf der Stelle und einen endlos langen Augenblick waren wir alle vor Bestürzung und Verlegenheit wie erstarrt. Aber dann merkte die Frau plötzlich, wie elend uns allen zumute war. Sie trat an den Flügel, schob meinen Freund beiseite, setzte sich und begann zu spielen. Ich erinnere mich noch, wie die Haushaltshilfe die Hände vor den Mund schlug und aussah, als würde sie jeden Moment

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in Tränen ausbrechen. Die Señora spielte weiter die herrliche, erhebende Musik, die das ganze Haus erfüllte und die Trauer und ihre Schatten vertrieb. Und obwohl ich damals noch so jung war, wusste ich, dass die Frau jetzt frei war – frei, weil sie Mitgefühl mit uns gehabt hatte und weil die Wärme dieses Mitgefühls das Eis um ihr Herz weggeschmolzen hatte. Schauen Sie sich nur einmal etwas genauer um, und Sie werden diese heilende Kraft in allen möglichen Situationen entdecken. Eines Tages im letzten Sommer wanderte ich mit zweien unserer Kinder durch die Berge im Norden von Georgia. Wir kamen irgendwann an einer winzigen Hütte vorbei, die an einem Felsvorsprung klebte. Hinter einem Holzzaun arbeitete eine weißhaarige, alte Bergbäuerin in ihrem Garten. Als ich stehen blieb, um ihre Blumen zu bewundern, erzählte sie uns, dass sie hier ganz allein lebe. Meine beiden Stadtkinder betrachteten sie staunend. „Und fühlen Sie sich da nicht einsam?“, fragte eines von ihnen. „Ach“, sagte sie, „wenn ich dieses Gefühl habe und Sommer ist, dann bringe ich jemandem Blumen. Wenn ich mich im Winter einsam fühle, dann gehe ich raus und füttere die Vögel.“ Ein Akt des Mitgefühls – das war ihr instinktives Mittel gegen Einsamkeit. Und es machte sie immun dagegen. Woher kommt sie, diese Fähigkeit, den Schmerz oder die Trauer eines anderen mitzufühlen? Ich erinnere mich, wie ich im Zusammenhang mit der berühmtesten Mitleidsgeschichte der Welt, dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, einmal einen weisen, alten Pastor fragte: „Aus welchem Grund ist der Samariter wohl so barmherzig geworden?“ Ich wollte wissen, warum er so sensibel und aufmerksam geworden war für das, was der verletzte Mann brauchte, während die anderen Reisenden, die den Verletzten am Wegesrand hatten liegen sehen, auf die andere Straßenseite wechselten.

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