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Emily Ackerman

Ich bin

f端r dich da Ermutigung und praktische Anregungen f端r Menschen mit pflegebed端rftigen Eltern

Aus dem Englischen 端bersetzt von Eva Weyandt


Verlagsgruppe Random House FSC® N001967 Das für dieses Buch verwendete FSC®-zertifizierte Papier Enso Classic 95 liefert Stora Enso, Finnland. Die Bibelzitate wurden, wenn nicht anders vermerkt, der folgenden Bibelübersetzung entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten (NL) Außerdem wurde vereinzelt aus den folgenden Übersetzungen zitiert: Revidierte Elberfelder Bibel, © 1985/1991/2008 SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten (ELB); Willkommen daheim, © 2009 by Gerth Medien GmbH, Asslar, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München (WD). Die englische Originalausgabe ist im Verlag Inter-Varsity Press, Norton Street, Nottingham NG7 3HR, England, erschienen unter dem Titel „A Time to Care“. © 2010 by Emily Ackerman © der deutschen Ausgabe 2013 Gerth Medien GmbH, Asslar in der Verlagsgruppe Random House, München Best.-Nr. 816794 ISBN 978-3-86591-794-2 1. Auflage 2013 Umschlaggestaltung: Björn Steffens Titelfoto: Getty Images Satz: DTP Verlagsservice Apel, Wietze Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany


Inhalt Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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01. Wer, ich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Wenn die Eltern Hilfe brauchen 02. Aber ich habe keine Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Im Lebensplan Raum für die Pflege finden 03. An manchen Tagen möchte ich einfach nur schreien . . . . 38 Mit Druck umgehen 04. Die Sandwich-Generation: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 Pflege innerhalb der Familie 05. Die Schürzenzipfel abschneiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Erwachsen werden im Umgang mit den Eltern 06. Warum empfinde ich so? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Umgang mit schwierigen Gefühlen 07. Hallo, Mama, ich bin es, deine Tochter . . . . . . . . . . . . . . 97 Mit Gedächtnisverlust umgehen 08. Gesteigerte Bedürfnisse, veränderte Bedürfnisse . . . . . . 113 Neue Wege der Pflege finden 09. Ich habe es doch versucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Den alten Eltern von Gott erzählen


10. Aber ich wohne so weit weg! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Wenn die Eltern in der Ferne leben 11. Die Wahrheit macht frei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Zuversichtlicher Umgang mit Krankheit und Tod

Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174


Einführung Während einer Konferenz begegneten wir zufällig alten Freunden und verabredeten uns mit ihnen zum Essen. Im Restaurant erzählten wir uns, was wir seit unserem letzten Zusammentreffen erlebt hatten: Neuigkeiten von den Kindern, von unserer Arbeitsstelle, unseren Plänen und aus unseren Gemeinden. Schließlich fragte mich unser Freund: „Und was macht deine Mutter?“ Sofort wandte sich das Gespräch unseren Eltern zu. Ich war die Jüngste in dem Kreis und machte gerade erste Erfahrungen mit der Pflege meiner Eltern. Ich muss gestehen, Panik stieg in mir hoch, denn mir wurde schlagartig bewusst, dass mit unserer Rückkehr nach Hause ein beängstigender Lebensabschnitt für mich beginnen würde, in dem meine Eltern zunehmend auf meine Hilfe angewiesen wären. Ich fühlte mich isoliert, ängstlich und entwurzelt. Während des Gesprächs mit unseren Freunden ging etwas ganz Besonderes in mir vor. Ich hatte das Gefühl, ganz offen über meine oft wirren und nicht immer positiven Gedanken reden zu können und trotzdem geliebt und verstanden zu werden. Für mich war es ein großes Geschenk, mit Menschen zusammenzusitzen, die in derselben Situation steckten wie ich, und irgendwie fühlte es sich seltsam vertraut an. Und schließlich fiel der Groschen. Es war dasselbe Gefühl wie früher, als wir uns als junge Eltern trafen und über die Erziehung unserer Kinder redeten. Wir waren ein Team gewesen. Gemeinsam hatten wir Probleme gewälzt, Anteil genommen und über unsere Fehler gelacht. Wir hatten miteinander gebetet, den anderen in einer Krise unterstützt und dabei gelernt, füreinander da zu sein. 


In der Gemeinde fanden wir als Eltern die Möglichkeit, uns in unserem Glauben weiterzuentwickeln, und die Kinder waren in der Sonntagsschule gut aufgehoben. Wir hatten Zugang zu wertvollen, an der Bibel orientierten Büchern, gutem Spielzeug und vielen anderen Hilfsmitteln, die uns die Erziehung erleichterten. Wir nahmen diese Aufgabe als eine Gemeinschaft in Angriff. Als wir uns so unterhielten, änderten sich meine Empfindungen. Dieses Essen mit unseren Freunden bot mir dieselbe Möglichkeit des gemeinsamen Überlegens, nur die Themen hatten sich geändert. Bestimmt gab es noch viel mehr Menschen in unserer Situation, die für ihre Eltern da waren, den Haushalt versorgten und zur Verfügung standen, wenn Not am Mann war. Wo konnten wir Unterstützung finden? Früher fanden wir uns als Gruppe zusammen und tauschten uns über Erziehungsfragen, ­Kindesentwicklung und Teenagerprobleme aus. Gab es solche Gruppen auch für Leute in unserer jetzigen Situation? Wo waren die Predigten, Hauskreise, christlichen Bücher, Internetseiten und Zeitschriften zum Thema „Pflege alternder Eltern“? Brauchten wir nicht auch Unterstützung, Anteilnahme und Ermutigung? Sofort fragte ich nach, ob mir jemand ein gutes christliches Buch zum Thema Pflege von Angehörigen empfehlen könnte. Doch alle schüttelten die Köpfe. „Ihr könntet doch ein Buch zu diesem Thema schreiben“, schlug ich vor und blickte meine Freunde an. „Ich wünschte, jemand würde mal den Anfang machen und seine Erfahrungen aufschreiben. Das würde anderen in unserer Situation sicher helfen.“ Doch jetzt bin ich es, die ein solches Buch geschrieben hat. Auf der Basis meiner eigenen und der Erfahrung und Erkenntnisse vieler Freunde ist ein Buch entstanden, das meiner Meinung nach schon längst überfällig war.

Ein Weg für ganz normale Menschen Ich bin nicht perfekt, und meine Bemühungen, meinen Eltern im Alter eine Stütze zu sein, sind viel zu oft unzulänglich. Auch lebe ich nicht immer so, wie Gott es von mir erwartet und wie ich es 10


gerne würde – fragen Sie nur meine Familie. Aber ich kann Ihnen von meinen Erfahrungen berichten, die vielen Rückschläge schildern, die ich hinnehmen musste, und Ihnen erklären, welche Strategien ich und andere in meiner Situation entwickelt haben, um die Aufgabe bewältigen zu können. Natürlich übernehmen nicht nur Christen die Pflege ihrer Eltern im Alter. Wie gut! Mein Ziel ist es jedoch, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Gott uns seinen Segen verspricht, wenn wir uns den Herausforderungen dieser Aufgabe stellen. Auf den folgenden Seiten werden Sie eine Fülle biblischer Inhalte finden, dazu hilfreiche Informationen, Anregungen und Hilfen. In der Vorbereitung für dieses Buch habe ich ganz bewusst in der Bibel nach Versen gesucht, in denen zum Ausdruck kommt, wie Gott unsere Bereitschaft, für unsere Eltern da zu sein, sieht. Die Ergebnisse haben mich überrascht. So finden wir in Gottes Wort zum Beispiel einige Aussagen über das Alter. Immer wieder werden wir in der Bibel dazu aufgefordert, unsere Eltern nicht allein zu lassen. Wer diese Herausforderungen annimmt, findet praktische Hilfestellung und Ermutigung in schwierigen Zeiten. Gott möchte, dass es uns gut geht, und ihm ist deshalb auch absolut nicht egal, welchen Einfluss diese Lebensphase auf unser Leben hat. Ja, es kann sogar sein, dass die Zeit, in der wir in besonderer Weise für unsere alten Eltern da sind, unsere Entwicklung positiv beeinflusst. Wieder ein Aspekt, dem wir uns im ­Laufe dieses Buches widmen werden. Ich habe mit vielen Menschen in dieser Phase des Lebens über die großen Probleme gesprochen, vor die wir uns gestellt se­hen: Rollentausch, Stress, Verlegenheit, Zeitmanagement, Bewältigung eines Umzugs und der Umgang mit dem Tod. Auch eigene Erfahrungen aus den Jahren, in denen ich meine Eltern pflegte, und was ich aus dem Umgang mit älteren Menschen und ihren Familien im Rahmen meiner Arbeit als Ärztin gelernt habe, finden Eingang in dieses Buch. Da ich nun selbst durch eine chronische Krankheit körperliche Einschränkungen erlebe, kann ich Ihnen außerdem aus eigenem Erleben darlegen, wie es ist, wenn die Gesundheit beeinträchtigt ist und man selbst Pflege in Anspruch nehmen muss. 11


Dieses Buch muss übrigens nicht unbedingt von vorne bis hinten durchgelesen werden, Sie können sich gerne auch nur die Kapitel heraussuchen, die für Sie gerade relevant sind. Am Ende eines jeden Kapitels finden Sie Fragen und Denkanstöße oder ­Anregungen zur Diskussion und kurze Zitate, die Sie in den Tag begleiten können, wenn Ihnen die Zeit fehlt, sich hinzusetzen und in aller Ruhe zu lesen. Mein Gebet ist, dass Sie in diesem Buch für Ihre wichtige Aufgabe Ermutigung und praktische Anregungen finden. Dr. Emily Ackerman Edinburgh April 2010

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1. Wer, ich? Wenn die Eltern Hilfe brauchen Viele von uns werden ohne Vorwarnung vor die Aufgabe gestellt, die Pflege der eigenen Eltern übernehmen zu müssen, und dabei werden wir meistens ins kalte Wasser geworfen. Das erinnert mich an den Spaniel meines Bruders, der in seiner Begeisterung am Ende des Piers herumtänzelte und sich unversehens im Wasser wiederfand. Tatsache ist, dass die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens auf die eine oder andere Weise damit konfrontiert werden, die Pflege der Eltern organisieren zu müssen. Dieses Thema wird in unserer Gesellschaft jedoch leider häufig ignoriert, manchmal auch von der Kirche. Wenn wir aber im Vergleich bedenken, welchen Stellenwert die Kindererziehung hat, lässt sich nicht leugnen, dass in dieser Hinsicht ein großes Missverhältnis besteht, denn jeder von uns hat Eltern, aber nicht jeder erzieht Kinder. Natürlich ist auch der Einfluss unserer Kultur nicht zu unterschätzen, der nicht immer hilfreich ist. Dazu kommt, dass in unserer Gesellschaft die demografische Zeitbombe in Person unserer alternden Bevölkerung tickt und jeden Augenblick explodieren und uns um die Ohren fliegen kann. Dieser äußerst negative Begriff weckt Panik in uns in Bezug auf die Versorgung der älteren Menschen um uns herum. Manche von ihnen werden zu Heiligen gemacht („Ist sie nicht wundervoll?“), wieder andere zu Opfern („Vernachlässigter Ruheständler stirbt allein“). So oder so, in unserem Sprachgebrauch nehmen sie eine Sonderstellung ein. In der Zwischenzeit müssen wir uns mit einer Fülle von praktischen Problemen und schwierigen Gefühlen auseinandersetzen – 13


Unzulänglichkeit, Verlegenheit, Traurigkeit, Sorge, ­Mitgefühl, aber auch Schuldgefühle und Zorn, um nur einige zu nennen. Die Pflege der Eltern ist schwer zu organisieren, uns fehlt die Zeit dafür. Wir haben uns weit aus unserem Wohlfühlbereich herausgewagt und suchen verzweifelt nach dem Notausgang. Was passiert da gerade? Was sagt Gott dazu? Ist diese mit so vielen Gefühlen verbundene Aufgabe wirklich so wichtig?

Was sagt Gott über die Pflege unserer Eltern? Wie steht Gott zu älteren Menschen?

Schon im ersten Kapitel des ersten Buches Mose wird deutlich, dass wir nicht allein im Leben stehen, sondern in Beziehung zu unserer Umgebung und unseren Mitmenschen. Gott hat alle Menschen nach seinem Bild erschaffen, und wir sind ihm unendlich wertvoll. Das bedeutet, dass wir uns allen Menschen gegenüber respektvoll verhalten sollten, jungen wie alten, ob nun gesund und fit oder krank und hinfällig. Das ist eine manchmal herausfordernde, aber auch gute Nachricht für alle, deren Eltern schwach, ruhelos und verwirrt sind oder in anderer Hinsicht nicht mehr die Menschen sind, die sie früher einmal waren. Auch unsere gebrechlichen Eltern haben Respekt verdient, weil sie nach dem Bilde Gottes geschaffen wurden und ihm als Person wichtig und wertvoll sind. Weil uns als Angehörige viele Erinnerungen an unsere Eltern begleiten, als sie noch gesund waren, können diese uns helfen, uns unsere Liebe und unseren Respekt ihnen gegenüber zu bewahren. Sie sind ein Geschenk Gottes an die Familie und wecken in uns den Wunsch, unseren nun hinfälligen Eltern liebevolle Fürsorge zukommen zu lassen. Gott hat uns die Zehn Gebote gegeben und damit eine Hilfestellung für das Zusammenleben der Menschen innerhalb einer Gemeinschaft. Und wenn wir uns mit dem Thema „alte Eltern pflegen“ befassen, so sollten wir uns ganz besonders das fünfte Gebot anschauen: 14


Ehre deinen Vater und deine Mutter. Dann wirst du lange in dem Land leben, das der Herr, dein Gott, dir geben wird. 2. Mose 20,12 Dieses Gebot ist sehr vielschichtig, denn es gilt für uns Menschen in allen Altersgruppen. So werden Kinder und Teenager, die noch zu Hause leben, aufgefordert, ihre Eltern zu ehren und sich an ihre Regeln zu halten. Sind die Eltern unabhängige Erwachsene, die fit und bei guter Gesundheit sind, fällt es uns leicht, das fünfte Gebot zu halten, doch sobald sie gebrechlich und alt werden, fordert es uns neu heraus. Diese Phase ist unsere letzte Gelegenheit, das fünfte Gebot praktisch umzusetzen und unsere Eltern zu ehren. Und auch Jesus war die Umsetzung der Gesetze und Gebote des Alten Testaments wichtig. Dies sehen wir besonders in der Passage, in der er mit den sehr gesetzestreuen, aber wenig mitfühlenden Pharisäern sprach: Einer von ihnen, der sich im Gesetz Moses besonders gut auskannte, versuchte, ihm mit der folgenden Frage eine Falle zu stellen: „Meister, welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz von Mose?“ Jesus antwortete: „‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.‘ Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ein weiteres ist genauso wichtig: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.‘ Alle anderen Gebote und alle Forderungen der Propheten gründen sich auf diese beiden Gebote.“ Matthäus 22,35–40 Was für unser Leben wichtig ist, kommt hier unmissverständlich zum Ausdruck: Die Liebe hat oberste Priorität; alles andere ist ihr untergeordnet. Ja selbst im Leiden ist Jesus seiner Mutter voller Liebe zugetan und kümmert sich um ihre Bedürfnisse. Darin wird deutlich, wie wichtig er diese Pflicht nimmt: In der Nähe des Kreuzes standen die Mutter von Jesus und ihre Schwester sowie Maria, die Frau von Klopas, und Maria Magdalena. Als Jesus seine Mutter dort neben dem Jünger stehen sah, 15


den er lieb hatte, sagte er zu ihr: „Frau, das ist jetzt dein Sohn.“ Und zu dem Jünger sagte er: „Das ist nun deine Mutter.“ Von da an nahm der Jünger sie zu sich in sein Haus. Johannes 19,25–27 Jesus stirbt qualvoll am Kreuz. Er hat keine Kraft für Nichtigkeiten. Er spricht nur das aus, was ihm wichtig ist. Dem sterbenden Dieb versprach er ewiges Leben, Gott, seinen Vater, bat er, seinen Feinden zu vergeben, und ganz besonders wichtig war ihm auch, wie wir oben gelesen haben, dass Maria, seine verwitwete Mutter, versorgt war. Jesus gab Johannes nicht den Auftrag, sich ihrer anzunehmen, obwohl Johannes seiner Bitte sicherlich nachgekommen wäre. Vielmehr bittet er ihn, Maria ein liebevoller Sohn zu sein und für sie zu sorgen. Das war Jesus ein großes Anliegen. Er sollte sie respektieren und lieben, sich aber auch um alle praktischen Dinge kümmern.1 Warum sollte ich?

Gott liebt alle Menschen und möchte, dass wir gut versorgt sind, besonders im Alter. Aber warum kann ich die Pflege der Eltern denn nicht ausschließlich den Fachkräften überlassen? Warum ist es wichtig, dass auch ich meinen Beitrag leiste? ❦ Gott erwartet von mir, dass ich meinen Eltern mit Respekt begegne. Das beinhaltet auch, dass ich Verantwortung für ihr Wohlergehen im Alter übernehme. Wenn ich das fünfte Gebot erfüllen will, gehört es dazu, dass ich mich um sie kümmere, auch wenn vielleicht Fachkräfte die praktische Pflege leisten. ❦ Meine Eltern haben sich nach bestem Wissen und Gewissen jahrelang um mich gekümmert. Jetzt ist meine Zeit gekommen, zu erwidern, was sie für mich getan haben. Ich möchte dies aus Dankbarkeit tun und nicht, weil ich mich verpflichtet fühle. ❦ Meine Eltern brauchen mich. Die wenigsten Menschen kommen im Alter ohne Unterstützung durch andere zurecht. Und wer könnte ihnen besser dabei helfen, sich mit dem Bewusstsein abzufinden, dass ihre Kräfte langsam schwinden, als ein Familienangehöriger? 16


❦ Ich kenne meine Eltern gut. Ich weiß genau, was ihnen gefällt, was sie verabscheuen, mögen oder lieber meiden. Das ist Voraussetzung für eine effektive Pflege. Und weil wir gemeinsame Erinnerungen teilen, kann ich gewährleisten, dass die Pflege tatsächlich auch eine Pflege ist. Denn es ist nicht schön, alt und gebrechlich zu werden, dann seiner Vergangenheit beraubt und allein auf der Basis der Gegenwart beurteilt zu werden. ❦ Ich möchte mich persönlich weiterentwickeln. Dazu kann Gott auch die Herausforderungen der Pflegephase nutzen. Gott befähigt zu dieser Aufgabe

Gott wirft uns nicht einfach ins kalte Wasser und überlässt uns uns selbst. Zwei Prinzipien können uns dabei helfen, uns der Herausforderung zu stellen, unseren Eltern eine gute Pflege angedeihen zu lassen. Erstens, wir brauchen diese Aufgabe nicht alleine zu erfüllen. Wenn Sie im Augenblick das Gefühl haben, erschöpft und isoliert zu sein und dringend Hilfe zu brauchen, schleudern Sie dieses Buch bitte nicht aufgebracht quer durch das Zimmer. Schon in Kapitel 3 finden Sie Anregungen, wie Sie zur Bewältigung dieser Aufgabe ein Team bilden können. Doch jetzt erst mal zu Prinzip eins: Als Christen arbeiten wir in einer Partnerschaft mit Gott und unseren Mitmenschen zusammen. Es ist Gott wichtig, dass wir seine Prinzipien in unseren weiteren und engeren Lebensgemeinschaften umsetzen. Dabei möchte er uns an die Hand nehmen und in enger Beziehung mit uns leben. Und das zweite Prinzip: Gott hat einen Plan für unser Leben. Für uns mag es überraschend kommen, dass wir von heute auf morgen die Pflege der Eltern übernehmen müssen, aber Gott wusste es bereits: „Denn ich weiß genau, welche Pläne ich für euch gefasst habe“, spricht der Herr. „Mein Plan ist, euch Heil zu geben und kein Leid. Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung.“ Jeremia 29,11 17


Diese wundervolle Verheißung finden wir im Buch des Propheten Jeremia, in welchem Gottes liebevolle Pläne für ein ungehorsames Volk beschrieben werden. Auch heute noch hat Gott für jeden von uns einen wundervollen Plan. Er möchte uns heute, morgen und für den Rest unseres Lebens segnen und gebrauchen, ungeachtet unserer Schwächen. Er liebt uns und schenkt uns Gelegenheiten zur Heilung, zur Veränderung, zum Wachstum und Lernen, damit er uns in der Zukunft viel effektiver gebrauchen kann. Sehen wir die Pflege unserer Eltern doch einmal positiv: Mit Gott an unserer Seite können wir uns weiterentwickeln. Unsere Ecken und Kanten werden abgeschliffen. Die Pflege der Eltern bringt neue Herausforderungen in unser Leben und legt wie nichts anderes die tiefsten Geheimnisse des Herzens offen. Da gibt es viele Baustellen. Und noch ein zweiter Aspekt darf nicht unberücksichtigt bleiben: Gott liebt uns und möchte, dass wir in jeder Phase unseres Lebens aus der Fülle leben. Er bereitet jeden von uns, der die Pflege seiner Eltern übernimmt, über Jahre hinweg auf diese Zeit und diese Aufgabe vor. In einer ungewohnten Situation verfallen wir leicht in Panik und vergessen, was wir bereits als wahr erkannt haben. Wir müssen in uns hineinhorchen und versuchen, das, was wir bereits gelernt haben, auf die vor uns liegende Aufgabe anzuwenden. Gott möchte, dass wir unsere Eltern lieben und für sie sorgen, darum können wir ihnen im Bewusstsein unseres eigenen Wertes dienen und uns der Fürsorge Gottes sicher sein.

Mein Netzwerk Ich möchte Ihnen gerne einige meiner christlichen Freunde vorstellen, die wie ich mindestens ein Elternteil pflegen. Ihnen allen bin ich sehr dankbar, dass sie so ehrlich aus ihrem Leben erzählt haben.2 Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse werden uns durch dieses Buch hindurch begleiten. Aber auch von anderen Personen werde ich berichten.3 Shenaz ist verheiratet, ihr Mann ist berufstätig. Drei ihrer Kinder leben noch zu Hause, doch die älteren Kinder kommen häufig 18


zu Besuch. Ihre verwitwete Mutter lebt in ihrem Haushalt, seitdem Shenaz und ihr Mann sie im Anfangsstadium einer Demenz zu sich nahmen. Das Haus der Mutter wurde verkauft. Ursprünglich wollten sie einen Platz in einem betreuten Wohnprojekt in der Nähe suchen, doch mittlerweile lebt sie seit acht Jahren bei ihnen. Mike ist nicht verheiratet und das einzige Kind einer bereits sehr betagten, verwitweten Mutter. Vor zwanzig Jahren nahm er seine Mutter zu sich. Mike hat seine Arbeitszeit reduziert und arbeitet auf Stundenbasis für die Kirche, da die Pflege seiner Mutter zunehmend mehr Zeit in Anspruch nimmt. Er hat keine Unterstützung seitens seiner Familie. Jan ist verheiratet und Mutter von Teenagern. Sie arbeitet in einem Teilzeitjob und betreut ihre Mutter und ihren Schwiegervater Dan. Ihre Mutter lebt 800 Kilometer entfernt und wird größtenteils von Jans Schwester Nancy vor Ort betreut, die selbst größere gesundheitliche Probleme hat und außerdem ein behindertes Kind versorgen muss. Jan besucht ihre Mutter und Nancy regelmäßig und telefoniert häufig mit ihnen. Jan und ihr Mann sind die einzigen Verwandten von Dan, der in einem Pflegeheim in der Nähe lebt. David und seine Frau arbeiten vollzeitlich in einer Gemeinde. Ihre Kinder sind im Teenageralter. David brachte seine verwitwete Mutter in einem nahe gelegenen Pflegeheim unter, als sie rund um die Uhr Pflege benötigte. Elisabeth hat als Kind erlebt, dass ältere Angehörige zu Hause betreut wurden. Jetzt ist sie Ehefrau, Mutter und Großmutter und versorgt seit mehreren Jahren ihre Eltern und Tanten. Diese Überbelastung hatte bei ihr einen Nervenzusammenbruch zur Folge. Seither teilt sie ihre Zeit anders ein. Julie ließ sich wegen gesundheitlicher Probleme vorzeitig pensionieren. Sie war nie verheiratet und wohnt in der Nähe ihrer Mutter. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm sie die Pflege ihrer Mutter. Im Laufe der Zeit hat sich diese Aufgabe fast zu einer Vollzeitbeschäftigung ausgeweitet. Ihre Mutter ist mittlerweile über neunzig und noch in der Lage, eigenständig zu leben. Julies verheiratete Brüder leben 160 Kilometer entfernt. 19


Mhairi und ihr Mann sind erst kürzlich in Rente gegangen. Ihre Kinder leben nicht mehr zu Hause. Mhairi beaufsichtigt die Pflege ihrer Mutter in einem nahe gelegenen Seniorenheim, die neuste Station in einer langen Geschichte sich verändernder Bedürfnisse und Pflegestrategien. Was gehört zur Pflege der Eltern?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche Menschen denken, „Pflege der Eltern“ bedeute, dass sie mit im eigenen Haushalt leben, aber darum geht es nicht. Unsere Eltern sind Individuen mit eigener Geschichte, eigenen Wünschen, Gebrechlichkeiten und Bedürfnissen genau wie wir. Darum ist es nur verständlich, dass wir ganz individuell auf die Bedürfnisse unserer Eltern eingehen müssen. Mike zum Beispiel ermöglicht seiner Mutter die Pflege in seinem Haushalt: Meine Mutter ist in ihrer Mobilität eingeschränkt und extrem schwerhörig. Um eine Pflegestufe durchzusetzen, müsste ich mindestens fünfunddreißig Arbeitsstunden in der Woche nachweisen. Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich den Aufwand an Arbeitsstunden gar nicht genau berechnen kann. Einige Stunden am Tag wende ich für die direkte Pflege – Toilettengang, Hilfe beim Anziehen, sie ins Bett bringen etc. – auf. Aber dazu kommt noch die Hausarbeit, Wäsche waschen, bügeln, kochen und Gartenpflege. Ich empfange die Besucher meiner Mutter (auch Arzt und Krankenschwester) und begleite sie ins Krankenhaus und zu Besuchen von Freunden, wenn sie dazu in der Lage ist. Und auch nachts bin ich in „Rufbereitschaft“. Man kann also sagen, ich bin sieben Tage die Woche vierundzwanzig Stunden im Einsatz. Mikes Bericht macht deutlich, wie schwierig es ist, eine Pflege in Stunden aufzurechnen, denn die Zeit, die nötig ist, um die Pflegekräfte zu beaufsichtigen und bei Bedarf zur Stelle zu sein, macht einen größeren, unsichtbaren Teil der Arbeitsbelastung aus. Jan betreut zwei Angehörige, von denen keiner bei ihr im Haushalt lebt, auf unterschiedliche Weise: 20


Ich kümmere mich um Dans rechtliche und finanzielle Angelegenheiten. Ich besuche ihn und kaufe ihm neue Kleidung, wenn es nötig ist, und ich kümmere mich um Probleme in dem Heim, in dem er lebt. Ich achte darauf, dass Arzttermine wahrgenommen werden und gehe auf die Suche nach Gegenständen, die er verloren hat. Ich verwalte seine frühere Wohnung, suche einen Mieter, wenn es nötig ist, bezahle alle Rechnungen, nehme die Miete ein und leite sie an das Heim weiter als Teil seines Kostenbeitrags. Ich achte darauf, dass mein Mann und unsere Söhne Dan regelmäßig besuchen und Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke für ihn besorgen. Mit meiner Mutter telefoniere ich regelmäßig, höre ihre Klagen und biete ihr meinen Rat an, wenn sie mich darum bittet. Manchmal besuche ich sie und übernachte bei ihr. Das sind Dinge, denen niemand Beachtung schenkt. Kinder, die die Pflege ihrer Eltern übernommen haben, neigen dazu, ihre Arbeit herunterzuspielen. „Ich tue doch gar nicht viel“, oder: „Das würde doch jeder machen“, wiegeln sie ab, obwohl ihre Arbeit sich tatsächlich positiv auf die Lebensqualität der Eltern auswirkt. Häusliche Pflege der Eltern durch die Kinder spart dem Volk sehr viel Geld.4 Im Folgenden lesen Sie Shenaz’ Arbeitsbeschreibung. Bedenken Sie, dass sie zusätzlich noch eine große Familie zu versorgen hat: Ich bereite Mums Mahlzeiten zu, das heißt, ich püriere ihr das Essen, weil sie keine Brocken schlucken mag. Auch ihre Medikamente stelle ich bereit. Ich sorge dafür, dass sie sich jeden Tag ein wenig bewegt, obwohl sie das nicht besonders mag, weil sie sich vor einiger Zeit die Hüfte gebrochen hat, aber Bewegung ist wichtig für sie. Ich setze mich zu ihr und höre mir ihre immer wiederkehrenden Geschichten an, solange ich es ertragen kann, koche ihr Tee und Kakao, wische die verschütteten Getränke vor ihrem Stuhl auf und bringe ihr Wärmflaschen. Ich wasche ihre Wäsche und kaufe ihre Kleidung. 21


Ich empfange ihre (vom Staat bezahlten) Pflegekräfte, den Arzt, die Fußpflegerin, die Friseurin und alle anderen Besucher. Ich halte den Kontakt mit dem für sie zuständigen Sozialarbeiter und der Tagespflege. Ich bringe sie in die Tagespflege und kennzeichne alle ihre Kleidungsstücke, sorge dafür, dass genügend Inkontinenzeinlagen, die nötigen Medikamente und Stärkungssäfte zur Verfügung stehen. Ich achte darauf, dass sie nie allein ist, wenn ich mal nicht da bin, für den Fall, dass Mum etwas braucht. Wir haben unser Leben um sie herum organisiert, und auch wenn sie den Tag einmal woanders verbringt, müssen wir auf jeden Fall zu Hause sein, wenn sie wiederkommt. Sie wird von einer Pflegekraft um 19:30 Uhr zu Bett gebracht, darum können wir erst nach 20 Uhr ausgehen. Am Abend gehe ich immer noch einmal zu ihr und gebe ihr einen Gutenachtkuss. Shenaz setzt sich wirklich umfassend für ihre Mutter ein. Doch es gibt viele Wege, gut für die eigenen Eltern zu sorgen, ihrer jeweiligen Situation entsprechend. Lesen Sie, wie David im Augenblick auf die Bedürfnisse seiner Mutter eingeht: Ich sehe meine Mutter alle vierzehn Tage – einmal hole ich sie zu uns nach Hause und einmal besuche ich sie in ihrem Pflegeheim und gehe mit ihr zum Essen aus. Zwischen den Besuchen telefonieren wir miteinander. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass sie einen Platz im Heim bekam, und kümmerte mich um den Verkauf ihres Hauses und ihrer Möbel. Das war sehr zeitaufwändig und anstrengend, aber jetzt läuft alles glatt. Ich würde nicht sagen, dass ich jeden Aspekt der Pflege schwierig finde, aber für mich ist es emotional extrem anstrengend, wenn meine Mutter niedergeschlagen und weinerlich ist. Bei der Pflege unserer hinfälligen Eltern sind wir häufig schon froh, wenn wir den Tag ohne größere Krise überstehen. Die unsichtbaren Auswirkungen unseres Handelns auf die Zukunft können wir nicht einschätzen, aber wir praktizieren den geistlichen Prozess des Säens und Erntens. 22


Ich bin für dich da - 9783865917942