Page 1

Roman


Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100 Das für dieses Buch verwendete FSC®-zertifizierte Papier Holmen Book Cream liefert Holmen Paper, Hallstavik, Schweden. © 2006 Gerth Medien GmbH, Asslar, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 1. Taschenbuch-Sonderauflage 2012 Bestell-Nr. 816684 ISBN 978-3-86591-684-6 Umschlaggestaltung: Immanuel Grapentin Umschlagfoto: Shutterstock Satz: Daniel Eschner Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany


Für meine Lieblingsschwester und beste Freundin Andrea, die sagte: „Endlich hast du mal ein gutes Buch geschrieben!“


Gott ist anders, als du denkst, als das, was du von ihm kennst. Menschen haben sich geirrt und sein Bild von ihm verwirrt. Er ist anders, als du glaubst, als du dir zu f端hlen erlaubst. Wenn du ihm Vertrauen schenkst, ist Gott anders, als du denkst. Albert Frey


Kapitel 1

E

sther ließ sich mit einem wohligen Seufzer in die warme, schaumige Badewanne sinken. Auf diesen Moment hatte sie den ganzen Tag gewartet! Allein die Aussicht darauf hatte sie den harten und mal wieder nicht gerade erfreulichen Tag im Büro überstehen lassen. Sie liebte Baden. Es war für sie der Inbegriff von Entspannung. Und so vergaß sie auch jetzt in null Komma nichts den gesamten Ärger des Tages und gab sich ganz den angenehmen Schauern hin, die die plötzliche Wärme durch ihren Körper jagte. Sie atmete ganz tief aus und schloss die Augen. Der Badeschaum umspielte sanft ihr Kinn und gab ein leises Knistern von sich. Sie lächelte verklärt, legte den Kopf zurück und ließ ihre lange, kräftig gelockte Haarpracht bis zu den Wurzeln im Wasser versinken. Von oben sah es jetzt fast so aus, als hätte sich das Wasser rot gefärbt, so intensiv war die Farbe, die ihrem Haar von Natur aus mitgegeben worden war. Nur Esthers geschlossene Augen, ihre feine, mit Sommersprossen übersäte Nase und ihre vollen, fast herzförmig geschwungenen Lippen ragten jetzt noch aus dem Wasser. Das Plätschern des Wassers war viel intensiver, ebenso die Geräusche, die ihr Körper verursachte. Sie hörte jetzt sogar das Schlagen ihres eigenen Herzens und spürte, wie ihr das Blut in den Ohren rauschte. Geräusche von außen hingegen nahm sie gar nicht mehr wahr. Sie hätte Stunden auf diese Weise zubringen können! Leider dauerte es nur Minuten, bis doch ein Geräusch aus der Außenwelt zu ihr vordrang. Eine kleine, ärgerliche Falte 7


entstand auf ihrer Stirn. Die Klingel? Das konnte doch unmöglich die Klingel gewesen sein! Esther entfaltete die langen Beine, die ihr im stehenden Zustand ein Gardemaß von 1,83 m verliehen, drückte sie gegen den hinteren Badewannenrand und hob den Kopf. Sie lauschte ein paar Sekunden missmutig in die Stille ihrer kleinen Wohnung hinein. Na also, da war gar nichts. Sie wollte schon wieder abtauchen, als sich das Geräusch wiederholte. Esthers Gesicht verfinsterte sich noch mehr. Irgendjemand wagte es tatsächlich, jetzt bei ihr zu klingeln. Dabei erwartete sie doch niemanden! Und überhaupt, sie bekam fast nie Besuch. Wer also störte sie? Es klingelte zum dritten Mal. Esther schüttelte entschieden den Kopf. Wer auch immer dort vor der Tür stand, würde ein anderes Mal wiederkommen müssen! Sie war sich ohnehin ganz sicher, dass es niemand Wichtiges war, der dort läutete. Ihre Eltern waren im Urlaub . . . Ellen in München . . . und von den Kollegen würde sich sowieso niemand an ihre Tür verirren. Es klingelte erneut. Aber wer zum Donnerwetter war dann so hartnäckig? Einen Moment lang drohte die Neugier die Oberhand zu gewinnen, aber dann schüttelte Esther erneut ganz vehement den Kopf, steckte sich die Finger in die Ohren und tauchte wieder ins warme Wasser ab. Nichts und niemand würde sie jetzt aus dieser Badewanne holen! Es läutete zum fünften Mal, aber dieses Mal nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach und das auch noch in einem bestimmten Rhythmus: lang, kurz, kurz, lang, kurz, lang. Wegen des Wassers und der Finger, die immer noch in ihren Ohren steckten, hatte Esther das Geräusch nur dumpf und leise mitbekommen, aber das genügte. Sie hatte den Rhythmus erkannt. Ellen! Esther schoss wie ein ausbrechender Vulkan aus dem Wasser hervor und richtete sich auf. Sie nahm sich gerade 8


noch Zeit, ihre bleischweren Haare durch kurzes Auswringen von den Wassermassen zu befreien, dann sprang sie förmlich aus der Wanne, warf sich ihren Bademantel über und hechtete Richtung Wohnungstür. Dass sie dabei nasse Fußspuren auf dem hellen Veloursteppich hinterließ, bemerkte sie nicht einmal. An der Wohnungstür begann sie, in rasendem Tempo die verschiedenen Sicherheitsvorkehrungen zu bearbeiten. Sicherheitsriegel gedreht, oben, mittig, unten – offen. Sicherheitskette gelöst – offen. Den Spezialschlüssel dreimal im Türschloss herumgedreht – offen. Die Türklinke gedrückt, die Tür aufgerissen . . . Esther hielt mitten in ihrer Bewegung inne. Ihre Augen weiteten sich. Sie brauchte eine ganze Weile, bis sie begriff, dass es nicht Ellen war, die dort vor ihrer Tür stand. Sondern – ein Mann!? Sie ging unwillkürlich einen Schritt rückwärts, starrte ihn aber weiter voller Fassungslosigkeit an. Der Mann sah aus, als wäre er einem Modemagazin entsprungen. Er war nicht größer als sie selbst, dabei aber ungeheuer gut gebaut. Seine prallen Muskeln steckten in einem hautengen schwarzen Shirt, sein flacher Waschbrettbauch mündete in eine schwarze Lederhose. Er trug einen hochmodernen Haarschnitt, bei dem einzelne Strähnen neckisch ins Gesicht fielen, während andere frech nach oben gefönt waren. Seine Haare waren dunkelbraun, aber zum Teil blondiert, die Augenfarbe aufgrund einer Sonnenbrille nicht erkennbar. Trotzdem gab es keinen Zweifel daran, dass der Mann hervorragend aussah. Er hatte markante, männliche Gesichtszüge mit ausgeprägten Unterkieferknochen und einen sinnlichen Mund. Und dieser Mund lächelte sogar! Objektiv betrachtet war dieser Mann der Traum jeder Frau. Esther hingegen machte den Eindruck, als wäre sie einem ihrer Albträume begegnet. Die nackte Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. 9


Der Mann brach als Erster das Schweigen. „Willst du mich nicht reinlassen?“, fragte er und lächelte immer noch. Du? Wieso duzte dieser Mann sie? Sie hatte ihn doch noch nie zuvor gesehen! „Wer sind Sie?“, presste Esther hervor. „Also, du bist wirklich ’ne Nummer“, grinste der Mann und nahm seine Sonnenbrille ab. „’ne heiße Nummer“, fügte er in einem Tonfall hinzu, der keinen Zweifel an der Bedeutung seiner Worte ließ. Gleichzeitig ließ er seinen Blick so intensiv und fordernd über ihren Körper gleiten, dass Esther erzitterte. Erst jetzt wurde sie sich ihres Aufzugs bewusst. Sie zog den Bademantel enger um sich und trat einen weiteren Schritt zurück. „Jetzt tu doch nicht so“, grinste der Mann und betrat wie selbstverständlich den Flur. Dann kam er langsam auf Esther zu. „Vorgestern warst du auch nicht so prüde.“ „W-was?“, hauchte Esther. Sie wollte schreien, um Hilfe rufen, aber die Angst hatte sich wie ein Strick um ihren Hals gelegt. „Ich konnte einfach nicht länger warten“, erklärte der Mann, noch während er weiter auf sie zukam. „Ich musste dich sofort wiedersehen!“ Er war jetzt bis auf wenige Zentimeter an sie herangetreten und lächelte ihr freundlich, ja beinahe verliebt ins Gesicht. Esther allerdings registrierte keine solchen Details. Sie war wie erstarrt vor Angst. Der Mann legte die rechte Hand um Esthers Nacken und zog sie zärtlich, aber bestimmt zu sich heran. Dann presste er seine Lippen auf ihren Mund und begann, sie leidenschaftlich zu küssen. Er wird dich vergewaltigen!, hämmerte es in Esthers Kopf. Er wird dich vergewaltigen! Wie immer malte sie sich das Schlimmste aus. Die Todesangst setzte auf einmal riesige Kräfte frei. Mit dem Mut der Verzweiflung warf sie ihr rechtes Bein zurück und rammte es dann mit voller Wucht in den empfindlichsten Bereich eines jeden Mannes. 10


Der Mann schrie auf, taumelte zurück und gab Esther frei. Die sah ihre Chance, wirbelte herum und flüchtete in Richtung Badezimmer. Es dauerte nur Sekunden, dann hatte sie den Raum erreicht. Sie riss in Panik die Tür auf, warf sich hindurch und knallte die Tür zurück ins Schloss. Dann griff sie nach dem Schlüssel, stellte jedoch zu ihrem Entsetzen fest, dass er gar nicht steckte. Sie gab einen kläglichen Angstschrei von sich, hechtete auf den kleinen weißen Badezimmerschrank zu und riss so heftig die Tür auf, dass er beinahe umfiel. Wie von Sinnen wischte sie mit der Hand einmal durch alle drei Regale und ließ den gesamten Inhalt des Schrankes dabei mit Poltern und Klirren zu Boden fallen. Dann warf sie sich selbst auf den Boden und durchsuchte das Durcheinander. Dabei wimmerte sie vor Angst, widerstand aber der Versuchung, zwischendurch die Tür anzusehen. Da! Sie fand erstaunlich schnell den Schlüssel, stürmte damit zurück zur Tür und versuchte, ihn ins Schloss zu stecken. Dabei zitterte sie jedoch so stark, dass der Schlüssel zu Boden fiel. Esther begann zu weinen, gab aber nicht auf. Sie nahm den Schlüssel zum zweiten Mal an sich und versuchte es erneut. Dieses Mal ging es besser, der Schlüssel flutschte ins Schloss. Aber noch bevor sie ihn herumdrehen konnte, wurde die Türklinke heruntergedrückt und jemand schob die Tür auf. Ein kräftiger Männerarm kam dahinter zum Vorschein. „Esther!“, rief eine Stimme beschwörend. „Nein“, schrie Esther in allerhöchster Panik und warf sich mit aller Kraft gegen die Tür. Der Mann schrie zum zweiten Mal auf und zog seine Hand zurück. Wieder warf sich Esther gegen die Tür. Sie schnappte ein. Flink griff Esther nach dem Schlüssel und drehte ihn herum. Jetzt wurde die Türklinke erneut von außen heruntergedrückt. Jemand zerrte daran, doch die Tür ließ sich nicht öffnen. 11


„Verdammt!“, schrie der Mann und hämmerte wutentbrannt erst auf der Türklinke, dann am Türblatt herum. „Mach sofort die Tür auf! Mach auf, sag ich!“ Esther starrte ängstlich auf die Tür und ging rückwärts, bis sie beinahe in die noch gefüllte Badewanne gefallen wäre. Dann sank sie wie in Zeitlupentempo zu Boden, presste die Hände auf ihre Ohren und ließ ihren Tränen freien Lauf. Nach einer Weile verstummte das Geräusch an der Tür. Nur Esthers Schluchzen war jetzt noch zu hören. „Esther!“, rief der Mann erneut. Aber dieses Mal klang er nicht wütend, sondern eher betroffen. Esther antwortete nicht, nahm allerdings die Hände von den Ohren und hörte auf zu weinen. Erst jetzt registrierte sie, dass der Mann ihren Namen kannte. „Esther, was soll das?“, fragte der Mann beinahe sanft. „Gehen Sie weg!“, flehte Esther schluchzend. „Ich kenne Sie nicht.“ „Bist du verrückt?“, brauste der Mann auf. „Vorgestern hast du dich mir an den Hals geworfen und heute kennst du mich nicht mehr? Was ist das für ein Spiel, das du da treibst?“ Esther schluckte. „Sie müssen mich verwechseln“, jammerte sie. „Bitte gehen Sie!“ Auf der anderen Seite herrschte einen Moment lang Stille. Der Mann schien auf einmal unsicher zu werden. „Dann . . . dann heißt du gar nicht Esther?“ Der Mann klang jetzt so durcheinander und seine Frage so ehrlich, dass sich Esther ihr nicht entziehen konnte. „D-doch“, antwortete sie nicht minder verwirrt. „Aber . . . ich meine“, stammelte der Mann, „. . . bist du . . . vielleicht psychisch krank oder so was?“ Die offensichtliche Verwirrung des Mannes beruhigte Esther. Allmählich gewann sie ihren klaren Menschenverstand zurück. War es möglich, dass der Mann die Wahrheit sagte? War es möglich, dass . . . ? 12


Oh ja, das war möglich! Alles war möglich! „Was . . . was hatte ich an?“, hörte sich Esther stammeln. „Wie bitte?“ „Antworten Sie mir“, brach es aus Esther hervor. „Was hatte ich vorgestern an?“ „Ein . . . ein enges blaues Kleid . . . mit . . . mit unglaublich . . . tiefem Ausschnitt.“ Bei dem Gedanken an das Kleid verhaspelte sich der Mann beinahe. Esther schluckte. Das konnte sein. „Würden Sie es mir beschreiben?“ „Ich hab nicht auf das Kleid geschaut“, antwortete der Mann trocken. Zum ersten Mal lächelte Esther ein wenig. „Und der Ausschnitt – ist Ihnen denn wenigstens daran etwas aufgefallen?“ „Da war so eine Brosche . . . direkt zwischen . . . also zwischen . . . na ja“, stammelte der Mann. Er räusperte sich. Dann fuhr er einigermaßen gefasst fort: „Die Brosche war silberfarben und mit einem riesengroßen Stein versehen. Der Stein war rot, genauso rot wie . . . “ „. . . unsere Haare?“, ergänzte Esther. „Wie die Haare, genau“, freute sich der Mann. Aber dann stutzte er plötzlich. „Unsere?“ Esther seufzte und spürte, wie sich ihr Herzschlag deutlich verlangsamte. Der Mann war wahrscheinlich ungefährlich! „Wie heißen Sie?“, fragte sie so freundlich, wie es ihre immer noch zitternde Stimme erlaubte. „Markus“, antwortete der Mann. Und die Verwirrung schlug sich deutlich in seiner Stimme nieder. „Mein Name ist Markus Rondthaler.“ „Dann verraten Sie mir doch mal, Markus“, begann Esther, „wie . . . ähm . . . “, an dieser Stelle kam sie ein wenig aus dem Konzept, „also . . . wie intensiv . . . die Begegnung mit meiner Schwester eigentlich war.“ „Mit Ihrer Schwester?“, wiederholte Markus. 13


„Mit meiner Zwillingsschwester“, entgegnete Esther. „Heißt . . . heißt die auch Esther?“ „Nein“, lächelte Esther, „die heißt Ellen.“ „Aber das . . . das kann nicht sein . . . ich meine . . . sie sagte . . . Sie sagten, Ihr Name sei Esther. Sie haben mir sogar Ihre Adresse gegeben!“ „Sie hat Ihnen meine Adresse gegeben“, korrigierte Esther. „Sie hat mich nur gespielt. Das macht sie gern. Es war schon früher ihr liebstes Hobby.“ Einen Moment lang sagte Markus nichts. Dann fragte er forschend: „Und wen spielen Sie jetzt?“ Esther seufzte schon wieder. „Im Gegensatz zu meiner Schwester bin ich vollauf damit beschäftigt, ich selbst zu sein. Ich hatte noch nie was für diese Spielchen übrig. Das macht sie für Ellen ja so interessant.“ „Können . . . können Sie mir beweisen, was Sie da sagen?“ „Im Wohnzimmer auf der Anrichte finden Sie ein Foto von uns beiden.“ Esther hörte Schritte, die sich von der Badezimmertür entfernten und sich ihr kurze Zeit später wieder näherten. „Tut . . . mir echt leid“, sagte Markus zerknirscht. „Ich muss Ihnen ja fürchterliche Angst eingejagt haben.“ Esther nickte nur und tastete mit den Fingern nach ihrem Mund. Er fühlte sich noch immer ganz wund an nach dem Kuss, der ihr aufgezwungen worden war. Sie kämpfte mit der Wut, den dieser Gedanke in ihr auslöste. Dieser Mund war versiegelt. Er hätte nie wieder jemanden küssen sollen. Aber das war nicht seine Schuld. „Könnten Sie jetzt bitte gehen, Markus?“, fragte Esther flehend. „Ich . . . möchte allein sein.“ „Kein Problem“, entgegnete Markus mit deutlicher Niedergeschlagenheit in der Stimme. „Aber könnten Sie vorher die Tür noch mal aufmachen? Ich . . . würd’ mich gern persönlich bei Ihnen entschuldigen.“ 14


„Auf keinen Fall!“, rief Esther in einem erneuten Anfall von Panik. „Gehen Sie weg!“ „Schon gut!“, beschwichtigte Markus. „Regen Sie sich nicht auf. Ich gehe, ja? Ich verlasse die Wohnung und schließe die Tür von außen. Einverstanden?“ Esther antwortete nicht und lauschte stattdessen jedem Geräusch, das sie von draußen vernehmen konnte. Sie hörte, wie jemand davonging, wie dessen Schritte immer leiser wurden, dann vernahm sie das unverkennbare Klappen der Wohnungstür. Anschließend war Ruhe. Trotzdem konnte Esther noch nicht aufatmen. Sie war nicht sicher, ob sie dieser Situation trauen konnte. Was war, wenn Markus sie reinlegen wollte? Wenn er die Tür von innen geschlossen und sich anschließend wieder herangeschlichen hatte? Nicht, dass er einen hinterhältigen Eindruck vermittelt hätte. Aber man wusste ja schließlich nie! Aufgrund dieser Befürchtung blieb Esther weiter auf den kalten Badezimmerfliesen sitzen und lauschte in die Stille ihrer Wohnung hinein. Die Minuten verrannen und aus der Wohnung war kein Geräusch zu hören. Nur das leise Ticken der Badezimmeruhr drang zu Esthers Ohren vor und schien eine fast hypnotisierende Wirkung auf sie auszuüben. Sie wurde müde. Außerdem war ihr kalt. Sie verkroch sich immer tiefer in ihren Bademantel, aber auch das half nur begrenzt. Irgendwann zitterte sie vor Kälte fast so stark wie vorhin vor Angst. Sie sehnte sich nach ihrem Bett. Sie konnte doch nicht die ganze Nacht im Badezimmer verbringen! Sie rappelte sich mühsam hoch, bezwang ihre schlotternden Knie und ging langsam zur Tür. Fast beschwörend starrte sie auf das Schloss. Sollte sie es wagen? Sie drückte ihr Ohr an das Türblatt und horchte. Es war nichts zu hören. Also gab sie sich einen Ruck, drehte vorsichtig den Schlüssel im Schloss herum und drückte die Türklinke herunter. 15


Niemand war zu sehen. Trotzdem klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Sie rechnete jeden Moment damit, dass Markus hinter einer Tür hervorstürmen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Esther konnte unbehelligt die ganze Wohnung durchsuchen. Sie war unglaublich sorgsam dabei. Sie durchforstete Schränke, sah unter ihrem Bett nach, rückte sogar das Sofa ab. Endlich atmete sie auf. Es war definitiv niemand mehr in der Wohnung. Sie lief schnell auf die Wohnungstür zu, schloss ab, legte die Kette vor und die drei Sicherheitsriegel um. Sie war in Sicherheit! Erst jetzt erlaubte sie sich, ihren körperlichen Bedürfnissen nachzugehen. Sie hastete ins Schlafzimmer, warf sich in einen dicken, langärmeligen Flanellschlafanzug und ließ sich anschließend ins Bett fallen. Sie zog die Bettdecke fast bis zu ihrer Nase hoch und kuschelte sich so tief in die Federn, wie es nur eben ging. Erst jetzt, in dieser entspannten Lage, merkte sie, wie fertig sie wirklich war. Ihr Zittern ließ keineswegs nach, eher verstärkte es sich zu einem Schlottern. Sogar ihre Zähne klapperten jetzt aufeinander. Sie spürte die Kälte nicht nur äußerlich, sondern auch noch ganz tief in sich drinnen. Eine halbe Stunde verging, ohne dass sich etwas veränderte. Esther schloss die Augen. Sie wollte schlafen, die ganze Situation hinter sich lassen und am Morgen warm und beruhigt aufwachen. Aber daran war nicht zu denken. Sie war viel zu aufgewühlt. Wieder und wieder ließ sie die Begegnung mit Markus Revue passieren. Dabei ärgerte sie sich über sich selbst. Wie hatte sie nur alle Vorsicht vergessen und einfach so die Tür aufmachen können? Das war doch sonst nicht ihre Art! Aber dann erinnerte sie sich an das Klingelzeichen. Sogar das musste Ellen ihm verraten haben. Ellen! Ihr hatte sie das alles zu verdanken. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie versuchte, sich darüber klar zu werden, was Ellens Part bei der ganzen Sache gewesen war. Ellen hatte was mit Mar16


kus gehabt, so viel war sicher. Bis dahin war das alles noch nicht verwunderlich. Markus sah ja fraglos gut aus. Und Ellen wechselte ihre Männer wie die Unterwäsche, daran hatte sich Esther allmählich gewöhnt. Die Frage war nur, wann und warum Ellen auf die Idee gekommen war, sich als ihre Schwester auszugeben?! Je mehr Esther darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien es ihr, dass das von Anfang an zu Ellens Plan gehört haben musste. Selbst Ellen würde einen Mann doch erst in ihr Bett lassen, wenn sie sich einander wenigstens vorgestellt hatten. Aber warum? Warum hatte Ellen einen Mann verführt, nur um ihn dann auf ihre Schwester anzusetzen? Auch über diese Frage musste Esther eigentlich nicht lange nachgrübeln. Solange sie denken konnte, hatte Ellen ihr Streiche gespielt. Immer und immer wieder hatte sie sich als Esther ausgegeben. Schon in der Schule war das ihre Lieblingsbeschäftigung gewesen. Wenn Esther krank gewesen war, hatte sie die Entschuldigung geschickt auf sich selbst abgeändert, war als ihre Schwester in der Klasse aufgetaucht und hatte so viel Blödsinn angestellt, dass Esther das Ganze wochenlang ausbaden musste. Und überhaupt, wenn Ellen etwas angestellt hatte und dabei erwischt worden war, hatte ihr Name immer Esther gelautet. Sogar ihre eigenen Eltern waren darauf hereingefallen. Die Ähnlichkeit zwischen ihnen war aber auch so unglaublich, dass selbst ihre Mutter sie nur anhand der Kleidung und der Art zu sprechen und sich zu bewegen voneinander unterscheiden konnte. Und da kam dann Ellens besonderes schauspielerisches Talent zum Einsatz. Wenn sie wollte, konnte sie Esther nachahmen wie keine andere. Sie beherrschte Esthers unschuldigen Augenaufschlag, konnte ihre leicht geduckte, ein wenig unterwürfig wirkende Haltung kopieren und war im Handumdrehen in der Lage, ihre eigene lässig-coole Ausdrucksweise in Esthers etwas steife Sprache zu verwandeln. 17


Im Gegensatz dazu hatte Esther nie, nicht ein einziges Mal versucht, sich als Ellen auszugeben. Es war ihr schon schwer genug gefallen, sie selbst zu sein. Schon als Kind war sie durch ihre Ängstlichkeit aufgefallen. Sie hatte lange, viel länger als ihre Zwillingsschwester gebraucht, um ihren eigenen Beinen zu vertrauen und laufen zu lernen. Immer war sie übervorsichtig gewesen, niemals draufgängerisch. Sie hatte es auch nie gewagt, sich gegen ihre Eltern aufzulehnen, hatte nie den Mut gehabt, den Bereich des Erlaubten zu verlassen. So war sie ein ausgesprochen braves Kind gewesen, eine freundliche und höfliche Erscheinung, eine fleißige und gute Schülerin. All das hatte ihr den Respekt der Erwachsenen, nicht aber den der Gleichaltrigen eingebracht. Sie war oft gehänselt worden und hatte sich dadurch noch mehr in sich selbst zurückgezogen. Über weite Strecken ihrer Kindheit war Ellen ihr einziger engerer Kontakt gewesen. Aber diese Beziehung hätte man nie als gleichberechtigt bezeichnen können. Ellen hatte Esther in ihrem Dunstkreis geduldet, aber auch nach Strich und Faden ausgenutzt. Sie hatte Esthers Taschengeld konfisziert, ihre Hausaufgaben abgeschrieben und sich nachts von ihr aus dem Fenster abseilen lassen. In allem war Esther die treuste Schwester gewesen, die man sich hätte wünschen können. Nie hatte sie Ellen verraten, nie einen Gefallen verweigert. Und warum? Sie wusste es selbst nicht.Vielleicht lag es daran, dass sie Ellen auf irgendeine seltsame Weise bewunderte und fürchtete.Vielleicht lag es auch einfach in ihrer Natur. Fest stand nur, dass sie nun schon seit vielen Jahren versuchte, dieses Muster zu durchbrechen. Sie hasste die Selbstverständlichkeit, mit der Ellen alles forderte und auch bekam. Sie hasste Ellens Mut, ihre Überlegenheit, ihre Sorglosigkeit, ihre Selbstgerechtigkeit. Sie hasste das überhebliche Lächeln, das mit Ellens Gesicht verwachsen zu sein schien. Im Grunde genommen, das hatte sie sich inzwischen eingestanden, hasste sie Ellen. 18


Und sich selbst. Ihre Schwäche und ihre Abhängigkeit. Sie wollte das alles nicht mehr! Sie führte sich noch einmal vor Augen, was Ellen sich heute mit ihr geleistet hatte. Bei Licht betrachtet war es wirklich das Allerletzte. Ellen wusste genau, dass Esther mit Männern abgeschlossen hatte. Seit etwas mehr als sechs Jahren, seit ihrem 20. Geburtstag, hatte sie keinen Mann mehr näher als fünf Meter an sich herangelassen. Und das sollte auch so bleiben! Warum konnte Ellen das nicht respektieren? Und dann die Art und Weise, in der sie ihr diesen Markus auf den Hals gehetzt hatte! Ellen wusste doch um ihre tief verwurzelten Ängste. Sie wusste genau, wie schwer Esther sich damit tat, allein zu leben, kannte ihre Angst vor Einbrechern und ihre – zugegebenermaßen ein wenig übertriebenen – Sicherheitsvorkehrungen. Und nicht mal das hatte sie respektiert! Im Gegenteil, sie hatte einfach ihr gemeinsames Klingelzeichen weitergegeben, ihr Geheimnis! Was für ein Vertrauensbruch! Aber das sah Ellen ähnlich. Sie scherte sich nicht um andere, nicht mal um ihr genetisches Doppel! Alles, was sie interessierte, war . . . Ellen. Und Ellen war für jeden Spaß zu haben, auch wenn er zu hundert Prozent auf Kosten anderer ging! Oh, wie Esther sich wieder einmal über Ellen ärgerte! Heute hatte sie es wirklich zu weit getrieben! Es war der Schreck ihres Lebens, den sie gerade davongetragen hatte. Und dabei war das alles noch glimpflich ausgegangen. In der Katastrophe hätte das alles enden können! In einer Vergewaltigung . . . einem Mord! Esther war ein sanftmütiger Mensch. Sie geriet nur selten in Zorn. Aber jetzt war es so weit. Jetzt war sie wirklich wütend. So wütend, dass sie auf einmal überhaupt nicht mehr fror, sondern eher kochte. Jetzt ist Schluss!, dachte sie. Das Maß ist voll! Ich bin eine erwachsene Frau! Und ich werde mir deine Unverschämtheiten nicht länger bieten lassen! 19


Sie schlug die Bettdecke zurück, sprang aus dem Bett und eilte ins Wohnzimmer zu ihrem Telefon. Früher hatte sie Ellens Späße klaglos ertragen. Aber heute hatte Ellen das Fass zum Überlaufen gebracht! Ab heute, das schwor sie sich, würde sie sich zur Wehr setzen! Mit vor Wut zitternden Fingern wählte sie Ellens Nummer. Es tutete. „Du bist jetzt gefälligst da“, fauchte Esther im Befehlston. „Kieling“, meldete sich eine Stimme. „Was hast du dir dabei gedacht?“, schimpfte Esther ohne Vorwarnung ins Telefon. „Er hätte mich vergewaltigen können . . . ermorden . . . Und dann? Hm? Hättest du dich dann immer noch über deine lustigen Späße gefreut? Oder über deine dumme Schwester gelacht? Aber mit mir kann man’s ja machen. Ich bin’s ja nur, der Fußabtreter. Aber ich hab die Nase voll . . . gestrichen voll . . . und zwar von dir. Ich bin deine Späße leid. Und ich bin es leid, dir, ausgerechnet dir, zu vertrauen. Dass du ihm das Klingelzeichen verraten hast, Ellen, also, das ist wirklich das Allerletzte. Glaub nicht, dass ich das jemals vergessen werde. Glaub das bloß . . .“ Esthers Ausführungen wurden von einem Hustenanfall unterbrochen, den sie ihrer Erregung, aber auch der leichten Erkältung zu verdanken hatte, mit der sie sich seit ein paar Tagen herumärgerte. „Esther?“, fragte Ellen mit leicht amüsiertem Unterton. „Allerdings!“, presste diese inmitten ihrer Husterei hervor. „Schön, dass du mal anrufst“, sagte Ellen betont locker. „Hör auf!“, zischte Esther, die ihre Fassung inzwischen wiedergewonnen hatte. „Ich bin nicht in der Stimmung für Höflichkeitsfloskeln. Ich will wissen, was du dir dabei gedacht hast!“ „Wobei?“ „Das weißt du ganz genau!“, schrie Esther ins Telefon. „Du hast diesen Markus auf mich angesetzt. Du hast mit ihm geschlafen und dich als mich ausgegeben. Dann hast du ihn zu 20


meiner Adresse geschickt und ihm auch noch unser Klingelzeichen verraten. Gib’s zu!“ „Esther-Schwester!“, amüsierte sich Ellen. „Ich muss dir größten Respekt zollen. Sonst hast du nicht so schnell herausgefunden, wem du die kleinen Aufmerksamkeiten zu verdanken hast.“ „Nenn mich – zum Donnerwetter – nicht Esther-Schwester“, schrie Esther außer sich. „Du weißt genau, wie sehr ich das hasse. Und wag es nicht noch ein einziges Mal, deine Bösartigkeiten als Aufmerksamkeiten zu bezeichnen!“ Ellen stieß einen übertriebenen Seufzer aus. „Estherchen“, sagte sie von oben herab, „du bist wirklich ein schwieriger Fall. Ich schicke dir den bestaussehenden, bestgekleideten, gebildetsten, coolsten, einfühlsamsten Mann, den ich im Umkreis von fünfhundert Kilometern auftreiben konnte, frachtfrei direkt vor deine Wohnungstür, und du hast nichts Besseres zu tun, als mich dafür anzumeckern. Was soll ich nur mit dir machen?“ „Du sollst mich respektieren“, schimpfte Esther. „Und dir endlich merken, dass ich keinen Bedarf an deinen . . . deinen Strichjungen habe!“ „Strichjunge?“, wiederholte Ellen mit gespieltem Entsetzen. „Bist du verrückt? Der Mann war absolute Oberklasse. Das müsste selbst dir auf den ersten Blick aufgefallen sein!“ „Auf den ersten Blick“, schnaubte Esther, „ist mir nur aufgefallen, dass er nicht die Person war, die ich vor der Tür erwartet hatte!“ „Ja, ja, du und dein bekloppter Kontrollzwang“, kicherte Ellen. „Du bist wirklich ganz schön durchgeknallt.“ Esther hatte schon Luft geholt, um ihr eine passende Antwort entgegenzuschleudern, als Ellen ihr zuvorkam. „Dann ist er also wirklich heute bei dir aufgekreuzt, ja?“, überlegte sie. „Das sind geschlagene zwei Tage früher als vorausberechnet! Ich muss mehr Eindruck bei ihm gemacht haben, als ich vermutet 21


hatte.“ Sie kicherte, und Esther schauderte, weil dieses Kichern eindeutig mit erotischen Erinnerungen einherging. Mit einem Seufzer ließ Esther sich auf den Sessel fallen, der direkt neben ihrem Telefon stand. „Also, den Eindruck habe ich schnell revidiert, indem ich ihm mein Knie in die strategisch wichtigen Teile gerammt habe“, bremste sie ihre Schwester. Für einen Moment erntete Esther mit ihrer Wortwahl ein erstauntes Schweigen am anderen Ende der Telefonleitung. Dann kombinierte Ellen entsetzt: „Du hast ihm in die Eier getreten?“ „Und zwar sehr“, übertrieb Esther. „Du wirst dir bis auf Weiteres einen neuen Liebhaber suchen müssen.“ „Ich hab schon einen neuen Liebhaber“, antwortete ihre Schwester. „Das ist nun wirklich nicht das Problem. Du bist das Problem. Schubst so ein Sahnestück von der Bettkante, das dir auf einem Silberteller serviert wird. Wie kann man nur so dumm sein?“ Esther seufzte schon wieder. Dann sagte sie ernst: „Hör einfach auf, mich verkuppeln zu wollen, okay? Ich will keinen Mann, gar keinen, überhaupt keinen, nicht mal Mister World. Kannst du das nicht begreifen?“ „Ich kann schon, ich will aber nicht. Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass meine Schwester ihr Leben im selbst gewählten Zölibat verbringt. Du stirbst noch als Jungfrau, wenn du so weitermachst.“ „Lieber Jungfrau als Hure“, antwortete Esther scharf. Wiederum schwieg Ellen für einen Moment. Dann fragte sie: „Was genau willst du damit sagen?“ Esther schloss die Augen und ließ die beiden Tränen he­ rauskullern, die sich darin angesammelt hatten. Wieder einmal konnte sie nicht begreifen, dass es nach so vielen Jahren immer noch so wehtat. „Lass uns die alte Geschichte nicht wieder aufwärmen“, sagte sie leise. 22

Schwesterherz - 9783865916846  

Esther hat eigentlich alles, worum andere Frauen sie beneiden: Sie ist groß, schlank, hat ein hübsches Gesicht und massenweise feuerrote Loc...