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Sara Evans mit Rachel Hauck Das bittersĂźĂ&#x;e Leben Roman


Über die Autoren Sara Evans ist ein gefeierter Country-Musik-Star mit vielen Nr.-1-Hits und Auszeichnungen. Die dreifache Mutter lebt in Birmingham, Alabama. Dies ist ihr erstes Buch. Rachel Hauck wurde durch ihre herzerwärmenden, humor­ vollen Romane „Willkommen im Cottonfield Café“ und „Unter dem Magnolienbaum“ bekannt. Schon als Kind verfasste sie umfangreiche Geschichten. Rachel und ihr Mann Tony waren viele Jahre in der Jugendarbeit tätig.


Sara Evans mit Rachel Hauck

Das bittersĂźĂ&#x;e Leben Roman

Deutsch von Eva Weyandt


Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100 Das für dieses Buch verwendete FSC®-zertifizierte Papier Super Snowbright liefert Hellefoss AS, Hokksund, Norwegen. Die amerikanische Originalausgabe erschien im Verlag Thomas Nelson Inc., Nashville, Tennessee, unter dem Titel „The Sweet By And By“. © 2009 by Sara Evans © der deutschen Ausgabe 2011 by Gerth Medien GmbH, Asslar, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 1. Auflage 2011 Bestell-Nr. 816 642 ISBN 978-3-86591-642-6 Umschlaggestaltung: Michael Wenserit Umschlagfoto: Masterfile Satz: Die Feder GmbH, Wetzlar Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany


Prolog Sommer 1977 Die Bühne lag im Dunkeln. Im Hintergrund begann eine elektrische Gitarre zu spielen und sofort brach lauter Jubel im Iowa State Fair Stadion los. Aufgeregte Schauer liefen Beryl über den Rücken, als sie über die Schulter nach hinten schaute und das Meer von Feuerzeugen erblickte, die die begeisterten Fans in den Abendhimmel reckten. Sie lehnte sich an Harlan und gab sich dem Rhythmus der Musik hin. Sein Arm lag um ihre Hüften. Zum ersten Mal seit Woodstock besuchte sie ein Konzert, ohne Drogen in der Tasche zu haben, und sie hatte auch nicht die Absicht, irgendeinen Mann abzuschleppen. Sie war verliebt, und sie schwelgte in der Begeisterung der Zuhörer und in der Vorfreude auf die Musik, die sie hören würden. Man erzählte sich, ein so großes Konzert hätte es in diesem Stadion noch nie gegeben. Die Fans drängten sich in der Arena. Der Abend war schwül und die Luft stand; es wehte nicht das kleinste kühle Lüftchen. Pfiffe zerrissen die Nacht, dann ertönten Jubel und Begeisterungsrufe: „Stevie!“ „Lindsey!“ „… Mick!!!!“ Eine zweite Gitarre setzte ein, so schrill, dass es Beryl in der Brust wehtat. Sie legte die Hände an den Mund und schrie aus Leibeskräften. Harlan stimmte in ihren Schrei nach Musik

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ein. Dann strich er mit den Lippen über ihr Ohr, über ihre Wange. Ein betrunkener Fan stolperte und rempelte sie an. Sein Bier ergoss sich über ihren verschwitzten Pullover. Harlan packte den Mann am Kragen. „Pass doch auf, wo du hintrittst.“ Der Betrunkene zog wortlos weiter. „Alles in Ordnung?“, fragte Harlan Beryl. „Nichts passiert.“ Als Beryl Harlan Fitzgerald kennenlernte, war sie eine Vagabundin, eine Getriebene, eine emanzipierte Frau, die wahrhaftig nicht von einem weißen Gartenzaun, Kindern und einer glücklichen Ehe träumte. Doch dann war er in ihr Leben getreten, der Rechtsanwalt mit Pferdeschwanz aus Des Moines. Er hatte sie aus einer Zwangslage befreit – sie war bei einem Sitzstreik verhaftet worden – und ganz nebenbei ihr Herz gestohlen. „Meine Damen und Herren –“, das Mikrofon des Moderators quietschte und die Menge verstummte. „Fleetwood Mac!“ Beryl jubelte mit der Menge, applaudierte mit hochgereckten Armen. Harlan holte tief Luft und stieß ein tiefes Gebrüll aus. Mit den Anfangstönen von „You Can Go Your Own Way“ wurde die Bühne in gleißendes Licht getaucht. Der Zuschauerbereich schien ein Eigenleben zu entwickeln, als die Menge zu schwanken und zu klatschen begann. Beryl bewegte sich im Einklang mit den anderen, mit Harlan und der Musik. „Wenn ich könnte, Baby, würde ich dir meine Welt schenken …“ Beryl reckte sich. Die vor ihr stehenden Fans versperrten ihr die Sicht. „Spring hoch“, forderte Harlan sie auf. Als sie sprang, fing er sie auf und setzte sie auf seine Schultern.

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Beryl hob die Arme und ging mit Harlans Bewegungen mit. Als das Lied zu Ende war, beugte sie sich herunter und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Er war wirklich ein Schatz. Harlan drückte ihr etwas in die Hand. „Was ist das?“ Beryl öffnete den Deckel einer kleinen schwarzen Schachtel. „Harlan –“ Er half ihr von seinen Schultern herunter. „Das ist ein Verlobungsring. Er soll unsere Liebe besiegeln. Da du auf Traditionen keinen Wert legst, dachte ich, dass ein Diamant dir vielleicht nicht gefällt –“ Trotz der einsetzenden Dunkelheit war das Funkeln in seinen blauen Augen zu erkennen. Es war so süß, wie er versuchte, ihr einen Heiratsantrag zu machen und dabei locker zu sein. „Ein Verlobungsring also, ja?“ Sie legte die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich hinunter, um ihn zu küssen. „Sehr cool.“ „Das ist Jade. Das Grün passt zu den Punkten in deinen Augen.“ Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht, nahm den Ring und steckte ihn ihr an den Finger. „Willst du mich heiraten, Beryl Walker?“ Dieses Mal brauchte sie keine Woche Bedenkzeit für ihre Antwort wie vor einem Monat, als Harlan sie mit seinem Antrag im Mondschein überrascht hatte. „Ja, Harlan Fitzgerald, ich will dich heiraten.“

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Kapitel 1 Whisper Hollow, Tennessee Die Oktobersonne fiel durch das Fenster in das Büro des Blue Umbrella und heizte es auf. Die Sonnenstrahlen strichen über Jades Schreibtisch hinweg, von dem die Farbe bereits abplatzte, und fielen auf die Schachtel mit den rubinroten Einladungen auf dem Fenstersims. „So, das wäre geschafft, Liz. Fünfundachtzig Dollar für den antiken Brotkasten Ihrer Tante.“ Jade schob den Brotkasten zur Seite, um nach dem Scheck zu greifen, den sie für ihre Kundin ausgestellt hatte. Eine einsame, verirrte rote Einladung kam zum Vorschein. An Beryl Hill, Prairie City, Iowa. „Gott segne die liebe alte Tante Ginny für den alten Krempel.“ Liz Carlton drückte einen Kuss auf den Scheck, bevor sie ihn zusammenfaltete und in ihrer Tasche verschwinden ließ. „Jade, ich habe noch eine ganze Menge von dem alten Zeug. Das können Sie auch verkaufen.“ „Ich bin immer an guter Ware interessiert.“ Sie tätschelte der rüstigen Dame die Schulter. „Und vergessen Sie nicht, einige Ihrer Wertsachen können Sie auch über eBay verkaufen.“ „Über eBay? Du meine Güte, Kind, ich habe keine Ahnung, wie man –“ „Und dann gibt es auch noch den Sperrmüll.“ Jade begleitete sie durch den lichtdurchfluteten, blitzsauberen Laden zur Eingangstür.

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„Den Sperrmüll? Sie sind undankbar, Jade Fitzgerald. Ich bringe Ihnen meine kostbaren Familienschätze, teile den Gewinn mit Ihnen, und was bekomme ich als Dank? Also wirklich!“ „Liz, ich weiß Ihre Bemühungen zu schätzen. Das wissen Sie. Aber das Blue Umbrella steht für zeitlose Dinge, für Gegenstände mit einer Geschichte. In der vergangenen Woche haben Sie mir eine Tüte mit altem Modeschmuck und ein paar mottenzerfressene Pullover gebracht.“ „Diese Pullover hatten eine Geschichte, Jade. Ich habe Ihnen doch erzählt, dass meine Ururgroßmutter sie am Kohlenfeuer gestrickt hat.“ Jade schob liebevoll ihren Arm durch den von Liz. Immerhin war sie eine geschätzte Kundin, obwohl sie den Wert ihrer Ware häufig nicht richtig einschätzen konnte. „Ich suche Qualität, nicht Quantität, Liz. Aber ich muss zugeben …“ Jade blieb an der Tür stehen, „… die Dinge, die Sie mir bringen, haben immer einen interessanten Hintergrund.“ Liz öffnete die Tür. „Warten Sie nur, bis Sie sehen, was ich als Nächstes ausgrabe.“ „Ich kann es kaum erwarten“, erwiderte Jade grinsend. Jade kehrte in ihr Büro zurück und ließ sich seufzend auf ihren Schreibtischstuhl sinken. Auf jeden Fall war Liz sehr unterhaltsam. Ihr Blick wanderte über die limonengrünen Haftzettel auf ihrem Schreibtisch. Ihre Aufgabenliste, Dinge, die noch auf ihre Erledigung warteten. Der Zettel mit den eingerollten Ecken fiel ihr ins Auge. Einladungen verschicken. Jade riss ihn ab. Am Klebestreifen hatten sich Staub und Fussel festgesetzt; deshalb haftete er nicht mehr richtig an der Schreibtischoberfläche. Der Klumpen in ihrer Brust war von einem Stein zu einem Felsblock angewachsen. Immer wieder

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hatte sie einen Anlauf genommen und es dann doch wieder verschoben. Wie lange konnte sie es noch hinauszögern? Die Hochzeit sollte in fünf Wochen stattfinden! „Hey, Boss, was steht heute an?“ Jade blickte auf. Lillabeth, ihre einzige und hoch geschätzte Teilzeitkraft, stand vor ihr. „Du bist heute aber früh dran.“ „Der Trainer hat das Mannschaftstreffen auf Freitag verlegt.“ Die Siebzehnjährige ließ sich auf den wackeligen Metallstuhl neben dem Schreibtisch sinken. Ihr blonder Pferdeschwanz fiel ihr über die Schulter. Die Sonnenbrille mit Tigermuster hatte sie auf ihren Kopf geschoben. „Es ist Montag und nicht viel los. Du könntest an der Inventarliste des Baker-Nachlasses weiterarbeiten.“ „Hättest du die nicht längst verschicken sollen?“ Lillabeth zog eine Hochzeitseinladung aus dem Kasten. „Du redest wie meine zukünftige Schwiegermutter.“ Jade nahm ihr den Umschlag aus der Hand und steckte ihn zu den anderen zurück. „Was ist mit der da?“ Lillabeth deutete auf die verbannte Einladung. „Das ist eine besondere. Sozusagen.“ Jade schob sie noch ein wenig weiter unter die Schachtel. „Sag mal, was denkst du, wenn du das Wort Einladung hörst?“ „,Du bist eingeladen‘, denke ich.“ Lillabeth zuckte die Achseln und verzog das Gesicht. „,Komm zur Party. Wir möchten dich gern dabeihaben.‘“ „Komm und sei dabei? Deine Anwesenheit ist erwünscht?“ Jade dachte schon eine ganze Weile darüber nach. „So ungefähr.“ Der weibliche Basketball-Star von Whisper Hollow nickte. „Ist das eine Fangfrage? Gewinne ich einen Preis, wenn ich sie richtig beantworte? Einen Geldpreis vielleicht?“ „Geld? Du bekommst doch einen fürstlichen Stundenlohn.“

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Jade stand auf und ging zum Lagerraum. „Komm mit. Ich zeige dir das Baker-Zeug.“ Der Lagerraum befand sich hinter dem Ladenlokal des alten Five & Dime. In der aus Ziegelsteinen errichteten Halle war es angenehm kühl und dunkel. An der hinteren Wand hingen alte Kalender in einer Reihe. Als Jade ihr Blue Umbrella eröffnete, ließ sie die Kalender aus reiner Sentimentalität hängen, der Nachwelt zuliebe. Sie waren ein Teil der Geschichte dieses Gebäudes. Der erste Kalender stammte aus dem Jahr 1914. Dann folgte einer aus dem Jahr 1920 und einer von 1929. Außerdem hingen noch Kalender aus den Jahren 1945 und 1950, 1963 und 1967, 1980 und 1988, 1996 und 2001 an dieser Wand. Jade hatte vor, diese Tradition fortzuführen, aber es musste ein richtig gutes Jahr sein. Bisher war das Jahr für sie nicht schlecht verlaufen. Als sie nach Whisper Hollow gezogen war, eine typische Kleinstadt im Süden, bei Chattanooga in den Bergen gelegen, wollte sie eigentlich noch nebenher für ihren früheren Chef bei Smoky Hills Media Werbetexte schreiben. Aber das Blue Umbrella war von den Bürgern der Stadt ausnehmend gut angenommen worden, und sie konnte sich über schöne Umsätze freuen. Und dann hatte sie Max kennengelernt, diesen tollen Mann mit der olivbraunen Haut und den dunkelbraunen Augen, der so viel Stärke und Freundlichkeit ausstrahlte. Ja, dieses Kalenderjahr hatte das Potenzial, an der Wand verewigt zu werden. „Also gut, wo ist nun dieser berühmte Baker-Nachlass?“ Lillabeth ließ sich auf den Hocker vor der antik-weiß gestrichenen Kiste sinken, die Jade im Lagerraum als Schreibtisch benutzte, und spielte mit der Computermaus herum. „Deine Frage zu dem Wort Einladung war komisch, Jade.“ „Du hast sie aber trotzdem beantwortet.“ Jade schob mit dem Fuß eine Kiste zu Lilla hinüber. „Hier sind die in Leder gebundenen, fast neuwertigen Erstausgaben.“

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„Bücher? Seit wann nehmen wir Bücher?“ Lillabeth verdrehte den Kopf, um die in Gold geprägten Buchstaben auf den Buchrücken zu lesen, während sie gleichzeitig auf ihrem iPhone den Internetzugang öffnete. „Weil die hier sehr kostbar sind. Eine Freundin vom College war mit der Familie bekannt und hat mir diesen Auftrag vermittelt.“ Jade zeigte ihr den hochgereckten Daumen. „Jesse Baker war Gouverneur von Tennessee, und seine Frau Cecilia hat alle möglichen humanitären Auszeichnungen bekommen, weil sie Leseprogramme in den Bergen gefördert hat.“ „Wer soll die denn lesen?“ Lillabeth zog die Nase kraus, während sie eines der Bücher näher untersuchte. Sie schlug es auf. Der Buchrücken knackte und die Seiten knisterten. „Da gibt es viele Menschen. Wir müssen uns nur überlegen, wie wir Buchliebhaber nach Whisper Hollow locken.“ Lillabeth legte das Buch auf den Sekretär. „Wen willst du zu deiner Hochzeit nicht einladen?“ „Äh … jemanden. Also los, mach dich an die Arbeit. Fertige die Inventarliste an und achte auf die Türglocke. Ich bin im Büro.“ Im Türrahmen blieb Jade stehen. „Die Kamera liegt im Aktenschrank. Wärst du bitte so nett, die Bücher für die Website zu fotografieren?“ „Ich sprenge deine Hochzeit, wenn du mich nicht einlädst!“ Lillabeth grinste und machte sich daran, die Angaben einzutippen, die sie veröffentlichen wollten. „Ich habe dein erstes Zusammentreffen mit Max hier im Laden miterlebt. Eigentlich hätte ich einen Finderlohn oder so etwas verdient.“ „Was ist denn heute mit dir los? Du sprichst so viel vom Geld.“ Jade lehnte sich gegen den Türrahmen. „Nichts.“ Der Gesichtsausdruck des Mädchens wurde ernst. Jade betrachtete sie eine Weile. „Hey, wenn du reden möchtest …“ „Ich weiß.“

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Auf dem Weg zurück in ihr Büro überzeugte Jade sich davon, dass keine Kunden im Laden warteten. Heute war nichts los, genau wie vergangenes Jahr um diese Zeit. Die kleine Pause kam ihr nicht ungelegen. Sie konnte die Zeit nutzen, die liegen gebliebene Arbeit vom Sommer nachzuholen, in dem sie unglaublich viel zu tun gehabt hatte, neue Quellen auszuloten und neue Kunden zu werben, die ihr ihre Sachen in Kommission gaben. Schließlich wurde Vintage-Ware nicht durch Vertreter angeboten. Jade blieb an ihrem Schreibtisch stehen und überflog ihre Haftzettel. • Hanna Swift anrufen und fragen, ob wir im Februar bei dem Antik-Festival in Nashville einen Stand bekommen. • Neue Fotos auf die Website laden. • Irene sagen, sie soll ihre Kommissionsware abholen. • Anprobe um 14 Uhr am kommenden Montag. • Termin vereinbaren für Probefrisur. • Rezept für Max’ Rücken abholen. • Einladungen verschicken. Über den Punkt Einladungen verschicken kam sie einfach nicht hinaus. Nicht heute. Sie hatte diesen Zettel hartnäckig ignoriert, trotz der ständigen Bitte ihrer zukünftigen Schwiegermutter: „Bitte schick endlich die Einladungen raus.“ Beryl Hill, Prairie City, Iowa. Unter ihrem Schreibtisch wurde ein Schnarchen laut. Jade nahm auf ihrem Schreibtischstuhl Platz und beugte sich vor. Sanft stieß sie den schlafenden Hund mit dem Fuß an. „Wach auf, Roscoe, und gib mir einen Rat.“ Der Schäferhund hob den Kopf und schaute sie mit seinem gesunden Auge an. Jade zeigte ihm die rote Einladung. „Soll ich sie zur Hoch-

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zeit einladen? Was würdest du tun, wenn Hunde Hochzeit feiern würden?“ Er schnaufte, streckte die Pfoten, schloss sein Auge und legte den Kopf wieder auf den Boden. „Und das nach allem, was ich für dich getan habe!“ Jade tippte mit dem Fuß auf seinen Bauch. „Rechne nicht damit, dass ich das nächste Mal meine Pizzakruste mit dir teile, Kumpel.“ Die Drohung zeigte keine Wirkung. Er brauchte ja auch nur einmal mit seinem großen braunen Auge zu blinzeln und sie würde ihm ohne zu zögern ein ganzes Pizzastück hinwerfen. „Also gut, Roscoe, wie wäre es damit: Kopf – ich lade sie ein; Zahl – ich lade sie nicht ein.“ Jade fischte eine Münze aus der mittleren Schreibtischschublade, in der sie die Büroklammern aufbewahrte. „Heb deinen Kopf für, na ja … Kopf. Wedel mit dem Schwanz für Zahl. Los geht’s.“ Bevor sie die Münze zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen konnte, ließ Roscoe einen lauten Furz entweichen. „Oh Mann. Puh!“ Jade rollte ihren Schreibtischstuhl so heftig zurück, dass er gegen den Aktenschrank prallte. „Warum sagst du mir nicht, wie es dir wirklich geht?“ Er schnarchte wieder. „Ich brauche dringend was zu trinken.“ Lillabeth platzte ins Büro und griff sich einen Vierteldollar aus der Kleingeldschale. „Meine Kehle ist wie ausgedörrt von den Buchmilben.“ „Warte.“ Jade rollte zu ihrem Schreibtisch zurück und legte die Hand auf Lillabeths, die gerade eine Münze genommen hatte. „Kopf oder Zahl?“ „Was?“ „Sag schon. Schnell.“ Jade warf die Münze in die Luft. „Kopf oder Zahl?“ „Kopf, nein … Zahl. Zahl.“ Die Münze drehte sich in der Luft, blitzte im warmen

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Nachmittagssonnenlicht auf und fiel schließlich zu Boden. Mit einem Pling landete sie auf dem Rand und rollte über den Boden. Jade und Lillabeth beugten sich vor und behielten sie im Auge, bis der Vierteldollar in eine Spalte in den Bodendielen rutschte und verschwand. „Mist.“ Jade fiel auf die Knie, legte den Kopf auf die Dielenbretter und versuchte, in den dunklen Schlitz zu spähen. „Hol mir bitte eine Taschenlampe, Lilla. Ich will sehen, ob es Kopf oder Zahl ist.“ „Du bist verrückt, Jade. Bei welcher Entscheidung soll dir die Münze denn helfen?“ „Ob ich meine Haare für die Hochzeit pink färbe.“ „Lügnerin.“ Lillabeth schnappte sich die Taschenlampe vom Regal und drückte sie Jade in die Hand. „Pink ist nicht Vintage.“ „Auf meiner Geige gibt es mehr als nur eine Saite, Lilla. Gelegentlich spiele ich auch zeitgenössische Musik.“ Sie hielt den Strahl der Taschenlampe in den schmalen Spalt und versuchte die Münze zu sehen, aber sie war verschwunden, darum konnte sie auch nicht erkennen, ob Kopf oder Zahl oben lagen. „Zeitgenössisch vielleicht, aber nicht Punk. Zu abgedreht. Die dunkelbraunen Haare stehen dir gut.“ Seufzend richtete sich Jade auf. „Dahin sind fünfundzwanzig Cent und die Antwort auf mein Problem.“ „Geht es um die Einladung? Jade, du kennst die Antwort doch schon.“ Lillabeth tippte ihr auf die Brust. „In deinem Herzen.“ „Hast du nicht im Lagerraum zu tun?“ Jade stellte die Taschenlampe auf das Regal zurück. „Hey, du hast mir eine Frage gestellt. Kopf oder Zahl. Schon vergessen? Ich bin nur hereingekommen, um mir Geld für eine Getränkedose zu holen.“ Lillabeth rieb ihre beiden Vier-

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teldollarmünzen aneinander. „Wenn du meine Meinung wissen willst, ich denke, du solltest sie abschicken. Ich meine, wenn du nicht gerade einen Ex-Geliebten einladen willst. Oder einen Axtmörder.“ „Kann ich nicht so tun, als wäre sie eine Axtmörderin?“ Jade ließ sich auf ihren Stuhl sinken und starrte zum Fenster hi­ naus. Die haben schon wieder vergessen, den Müllcontainer zu leeren. „Wer ist denn diese schreckliche Person, vor der es dir so graut?“ „Ich sage doch, irgendjemand.“ Jade strich sich die Haare aus dem Gesicht und horchte in sich hinein, ob sie auch nur den Hauch einer Regung empfand, die ihr bei der Entscheidung half. „Ach, der schwer fassbare Jemand.“ Lillabeth ließ sich auf dem wackligen Metallstuhl nieder. „Jade, darf ich dich etwas fragen?“ „Natürlich. Was?“ Jade trommelte mit den Fingern auf der Einladung herum. Wenn sie sie abschickte, würden alle ­Themen ihres Lebens, die sie sorgfältig unter „ungenießbarer Jahrgang“ abgelegt hatte, wieder aktuell werden und in ihrer ganzen Hässlichkeit zum Vorschein kommen. Die mottenzerfressenen Pullover von Liz Carltons Ururgroßmutter waren ein Klacks verglichen mit Jades schwieriger Vergangenheit. Das junge Mädchen holte tief Luft, während sie nervös mit den Geldstücken klapperte. Jade beobachtete sie. Unauffällig schob sie die Einladung auf den Schreibtisch. „Scheint ja schwierig zu sein, darüber zu reden. Normalerweise steht dein Mund keine Minute still.“ Jade lächelte und wedelte mit der Hand vor Lillabeths Gesicht herum. „Ja, nun“, ein tiefes Ausatmen, „nimm mal an, du hast etwas gemacht, was du gar nicht tun wolltest, und das Ergebnis –“

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„Guten Tag, meine Damen.“ Die anmutige, sonnengebräunte Julianne Benson kam mit einem strahlenden Lächeln ins Büro gerauscht. Sie trug Golfkleidung. „Lillabeth, du meine Güte, wie geht es dir? Deine Mutter habe ich den ganzen Sommer noch nicht beim Tennis getroffen. Und jetzt ist schon Herbst. Sag ihr, wir könnten sie auf dem Golfplatz gebrauchen. Uns fehlt eine vierte Spielerin.“ „Neuerdings steht sie eher auf Pilates.“ Lillabeth hielt ihre Münzen in die Höhe und gab Jade zu verstehen, dass sie an die Arbeit zurückkehrte. „Nimm mich mit …“, rief Jade ihr hinterher, doch Julianne hatte die Einladungen schon entdeckt. „Wie ich vermutet habe. Diese hübschen …“ Julianne tätschelte die Schachtel mit den Einladungen, „ … einzigartigen, knallroten Einladungen sind immer noch da. Eins ist sicher: Diese Umschläge werden in der Post auffallen. Also, wie wäre es, wenn wir sie endlich abschickten, ja? Die Zeit wird langsam knapp, Jade. Bitte gib sie mir mit. Ich bringe sie zur Post. Den Umschlag an deine Mutter kannst du ja noch zurückbehalten, bis du entschieden hast, was du tun willst.“ „Ich habe ihr noch nichts erzählt.“ Jade riss den limonengrünen Haftzettel von ihrem Schreibtisch ab. Einladungen verschicken. „Dann ruf sie doch an. Du meine Güte, du bist eine erwachsene Frau.“ Julianne ließ sich auf den Metallstuhl sinken, von dem Lillabeth gerade aufgestanden war. „Was werden die Leute denken, wenn deine Mutter nicht zu deiner Hochzeit kommt?“ „Dass ich klug und weise bin.“ Julianne zog den Saum ihres karierten Golfrockes gerade. „Oder dumm und kindisch.“ Roscoe spähte unter dem Schreibtisch hervor. Seine Augenbrauen zuckten, während sein Blick zwischen Jade und Juli­

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anne hin und her wanderte. Also bitte, meine Damen. Weckt doch keine schlafenden Hunde. „Wenn du damit einverstanden gewesen wärst, dass Max und ich in der Dämmerung oben am Eventide Ridge getraut werden, wie wir es eigentlich wollten –“ „Ich soll zulassen, dass mein einziges Kind ohne angemessenen Rahmen heiratet?“ Julianne stützte ihre Hand auf der Schreibtischkante ab und beugte sich vor. „Nein, meine Dame, keine Chance. Und du würdest es auch bereuen, irgendwann. Glaube mir.“ Jade hielt dem Blick ihrer zukünftigen Schwiegermutter stand. „Glaube mir, das würde ich nicht.“ „Diese eine Einladung überlasse ich dir, Jade, aber die hier …“, Julianne erhob sich, nahm ihre Handtasche, hängte sie über ihre Schulter und klemmte sich die Schachtel mit den Einladungen unter den Arm, „… werden jetzt abgeschickt, ob du dazu bereit bist oder nicht. Es tut mir leid, aber die Zeit wird langsam knapp. Ich will dich nicht bevormunden … wirklich nicht, nein. Aber ich begreife einfach nicht, was da zwischen dir und deiner Mama gelaufen ist. Wurdest du missbraucht? Entschuldige meine Offenheit.“ „Nein.“ „Eins ist sicher.“ Julianne stand jetzt außerhalb von Jades Blickfeld. „Du musst deiner Mutter vergeben, was sie dir angetan hat, was immer das auch sein mag.“ Sie hielt inne. „Glaube mir, wenn du an deinem Groll festhältst, wird deine Verletzung nur noch tiefer und breiter.“ „Ich danke dir für deine Meinung, Julianne, aber zum Vergeben gehört noch etwas anderes: Vergessen.“ Jade schwenkte Beryls Einladung in der Luft. „Und genau das versuche ich.“ Vergeben konnte sie nur, wenn sie ihre Vergangenheit vergaß, da war sich Jade sicher. Und zu ihrer Vergangenheit gehörte nun mal ihre Mama.

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Das bittersüße Leben - 9783865916426  

Jade Fitzgerald steht kurz davor, ihrem Verlobten Max das Jawort zu geben. Wohl oder übel muss Jade ihre Mutter zur Hochzeit einladen - eine...

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