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Prolog

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ie Bäume, die den Fluss säumten, wurden dicker und höher. Ich bog um den abgesägten Stumpf einer Zeder und dann sah ich Dave. Er stand reglos auf einem kleinen Streifen Sand, zwischen glatten, großen Felsbrocken, und beobachtete einen älteren Mann, der knietief im seichten Wasser stand. Dave stand wie angewurzelt da und beobachtete zum ersten Mal in seinem Leben, wie ein Fliegenfischer mit gekonntem Wurf zielgenau und gefühlvoll seine Flugschnur, an der eine künstliche Fliege befestigt war, auf dem Wasser ablegte. Staunen und Bewunderung standen Dave ins Gesicht geschrieben. Die untergehende Sonne warf lange Schatten auf die Seite des Flussufers, auf der wir uns befanden. Fröstelnd zog ich meine Jacke enger um mich, lehnte mich gegen einen rauen Zedernstamm und nahm das Bild, das sich meinen Augen bot, tief in mich auf. Der Mann hatte Dave nicht bemerkt. Konzentriert und mit routinierter Leichtigkeit setzte er die Fliege immer wieder an einer bestimmten Stelle, unter der er die Fische vermutete, auf die Wasseroberfläche. Dort hielt sie sich – trotz der starken Strömung – mit ihren borstigen Härchen aufrecht über den Fluten. Doch kein Fisch biss an. Immer wieder zog der Mann die Schnur ein und warf sie erneut aus, kraftvoll, elegant, fast anmutig. Wie ein winziges ferngesteuertes Flugzeug schwirrte die Fliege über seinem Kopf, ehe sie wieder sanft auf dem Wasser landete. Sie sah einem lebenden Insekt 5


täuschend ähnlich. Mein Herz begann zu flattern wie ein aufgescheuchter Vogel. Diese vollkommene Wurfbewegung, dieser starke Arm, der leichte Ruck seines Kopfes – obwohl er eine mir fremde Mütze trug –, er war es! Dave trat einen Schritt auf ihn zu. Der Angler hörte das Knirschen des Sandes, drehte sich um und starrte den Jungen an. Ich schnappte nach Luft und duckte mich hinter einen Baum.

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Kapitel 1

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er Richter hatte immer das letzte Wort. Er legte fest, was richtig und was falsch war, und seine Wahrheit war unumstößlich. Für mich war er Gott. Als ich noch klein war, sagte ich „Papa“ zu ihm. Es gab in meiner Kindheit unbeschwerte Zeiten. Im Sommer lag ich im kühlen Gras und stellte mir vor, die Wolken wären Dinosaurier. So unendlich wie der Himmel, so grenzenlos erschienen mir die Möglichkeiten meines Lebens. Meine damalige Welt war ein fünf Hektar großes Stück Land, das in östlicher Richtung von einem Bach, zum Süden hin von einem Fluss mit dem beinahe unaussprechlichen Namen Stillaguamish begrenzt wurde, im Westen säumte eine Pappelreihe unsere Einfahrt, und zum Norden hin stieß unser Grundstück an die Hartles-Straße. Der Fluss erschien mir wie ein Zug, der aus einem fernen Land kam. Er verlangsamte seine Fahrt, wenn er um die Ecke unseres Grundstücks bog, und rollte weiter, einem unbekannten Ziel, einem fernen Ozean entgegen. Das vermutete ich jedenfalls. Und wie Kinder nun einmal sind, so nahm ich an, dass auch mein Dasein die Biegungen meines Lebensweges mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit nehmen würde, mit der unser Fluss tagein, tagaus an unserem Grundstück vorüberströmte. Mit dem Tod kam ich nur einmal in Berührung, als mein Urgroßvater starb. Er war bis zu dem letzten Tag seines Le7


bens gesund gewesen. Während er seine Felder pflügte, erlitt er einen Herzinfarkt, starb auf der Stelle und fuhr samt Traktor geradewegs in den Fluss. Sein Tod und sein Leben waren eins: Der Fluss hatte ihn ernährt, jetzt begrub er ihn samt seines rostigen Fahrzeugs. Niemand schien ernsthaft erschüttert zu sein. Bei der Beerdigung wurden kaumTränen vergossen. Großvater lag in seinem Sonntagsanzug aufgebahrt da, als würde er ein Schläfchen machen, nur dass er nicht schnarchte. Die meisten Freunde und Verwandten, die gekommen waren, trugen Heilsarmee-Uniformen, dunkle Anzüge mit glitzernden Abzeichen, die Frauen hatten seltsame Hüte auf. Ihr Gesang wurde von Trommeln und Bläsern begleitet. Mein Vater sang kaum. Er hielt meine Hand mit eisernem Griff fest, um mich von davon abzuhalten, irgendeine Dummheit zu begehen. Meine Schwester, die ein weißes Spitzentaschentüchlein in ihren Händen hielt, sang alle Lieder auswendig mit. Tante Pearl lächelte mich an und sagte hinterher zu mir, Opa sei jetzt bei Jesus. So war auch das Sterben Teil meiner kleinen, heilen Welt. Zielgerichtet und ohne Brüche, so würde das Leben verlaufen, bis ich meine Bestimung erfüllt haben und in angemessenem Alter sterben würde. Mein Vater gehörte zur vierten Generation der Dodds. Von ihm wurde daher ganz selbstverständlich erwartet, dass er das fruchtbare Land bebaute, so wie es auch seine Vorfahren getan hatten. Doch er ging zur Universität, um Jura zu studieren. Sein Vater, Lee Dodd (oder Opa Lee, wie ich ihn nannte), hatte seine Kinder im Nordwesten Washingtons großgezogen.Wenn man so abgelegen lebte, kam man höchstens dann nach Seattle, wenn es bei der Heilsarmee eine Großveranstaltung gab. Diese strenge, abgeschottete Kindheit hatte meinen Vater sicherlich entscheidend geprägt. Die Scheibenwischer quietschten über trockenes Glas 8


und rissen mich aus meinen Gedanken. Wann hatte es eigentlich aufgehört zu regnen? Ich war immer Richtung Norden gefahren, ohne den Verkehr oder die Landschaft wahrzunehmen. Ich fuhr nach Hause. Sieben schwere Jahre lagen hinter mir. Jetzt ging es zurück zum Fluss, zu Mutter – und zum Richter. Mich durchfuhr Angst, während mir gleichzeitig warm ums Herz wurde. „Dave?“ Ich strich über die dunklen Locken meines Sohnes, während ich von der Schnellstraße abfuhr. Er fuhr hoch und richtete sich kerzengerade auf. „Sind wir da?“ „Nein, noch nicht ganz. Aber ich will dir etwas zeigen.“ „Was denn?“ „Die Landschaft. Schau doch nur, wie schön es hier ist!“ Er betrachtete die schwarz-weiß-gefleckten Kühe auf der Weide, drehte und wandte den Kopf in alle Richtungen und griff dann nach der zerfledderten Straßenkarte. Seine kurzen Finger fuhren die Straße entlang bis zu der Stelle, die das Haus seiner Großeltern markierte. Unzählige Male war sein Finger in den vergangenen beiden Tagen diese Strecke entlanggefahren. „Du musst hier abbiegen, Mama. Dann da lang und dann hier …“ „Dreh die Karte um, sie steht auf dem Kopf!“ Er drehte sie um und fuhr unbeirrt fort: „Hier, Mama, da musst du aufpassen, dass du nicht die falsche Straße erwischst. Diese Linie ist ein Fluss.“ „Ja, Schatz, dieser Fluss verläuft parallel zu Opas Garten. Du darfst dort niemals alleine spielen, hast du das verstanden?“ Er nickte, und ich nahm mir vor, ihn baldmöglichst wieder daran zu erinnern. 9


„Backt Oma Kuchen?“ „Vielleicht.“ Dave stellte Fragen über Fragen, streckte die Hände aus dem offenen Fenster und hielt sie in den Fahrtwind. Er freute sich, während meine Anspannung zunehmend wuchs. Der Druck auf meinem Brustkorb verschlimmerte sich. Jetzt noch einmal tief durchatmen … Ich bremste, rumpelte über die Schienen und fuhr auf den Parkplatz eines kleinen Ladens, zu dem auch eine Tankstelle gehörte. Der Laden hieß immer noch „Carter Store“, aber das Schild war jetzt beleuchtet, und der Eingang hatte ein Vordach bekommen. „Hast du Hunger oder Durst?“ Dave nickte begeistert. Er ahnte nicht, wie nahe wir dem Ziel unserer Reise waren. Ich presste die Handflächen gegen mein Brustbein, während Dave schon aus dem Auto gesprungen war. „Komm doch, Mama“, rief er und rannte wieder aus dem Laden heraus. Zum tausendsten Mal staunte ich, wie schön dieser Junge war – mein Sohn! „Einen Moment noch“, bat ich und versuchte, ruhig zu atmen. „O Mann, wir sind da“, stöhnte ich leise, stieg zögernd aus, streckte meine steifen Beine und strich meine durchgeschwitzte Jeans glatt. Früher hatte der Laden in Carter einer resoluten alten Dame namens Nellie gehört. Ob der neue Besitzer mit ihr verwandt war? Der Verkaufsraum war kleiner gewesen als heute; alles Wichtige drängte sich damals auf wenigen Regalen. Seife, Alufolie und Motoröl lagen Seite an Seite mit Holzkohle, Brötchen und Süßigkeiten. Wegen der bunten Gläser, die auf dem Ladentisch standen, radelten meine Schwester und ich den anstrengenden Weg selbst in der Sommerhitze gerne entlang. Wenn sie nicht zu viel Kundschaft hatte, dann beriet Nellie uns sorgfältig und rechnete 10


mit uns aus, wie viele Süßigkeiten wir für unser Taschengeld kaufen konnten. Einmal hatten wir einen regelrechten Glückstag erwischt: Der große Kühlschrank hatte unmittelbar vor unserem Eintreffen im Laden den Geist aufgegeben. Mit einem Karton voller Eis am Stiel machten wir uns auf den Heimweg und lutschten die klebrige Flüssigkeit, so schnell wir konnten, ehe sie an unseren Unterarmen herabtropfte. Dave hatte das Angebot des Ladens mit einem Blick erfasst, ging nach hinten zum Kühlschrank und nahm sich eine Orangenlimo heraus. „Willst du auch eine Limo, Mama?“, fragte er. Am liebsten hätte ich meine Nerven mit einem Schnaps beruhigt. Aber ich antwortete: „Ich nehme das Gleiche wie du.“ An der Kasse unterhielt sich ein großer, junger Mann mit dem älteren Herrn, der hinter der Ladentheke stand. Der Mann trat zur Seite, um mir Platz zu machen. Er hielt eine Anglerzeitschrift in der Hand. Ich fühlte seinen prüfenden Blick auf mir, während ich bezahlte. „Ist dieser Fisch aus Opas Fluss?“, hörte ich plötzlich Dave fragen, der auf ein Foto in der Zeitung des Mannes deutete. „Keine Ahnung. Wie heißt denn der Fluss deines Opas?“, fragte dieser. Dave sah mich hilfesuchend an. „Stilly“, antwortete ich, denn ich kannte die hier übliche Abkürzung für den Stillaguamish. „O nein“, grinste der Mann, „dieser Fisch ist nicht aus unserer Gegend.“ Er zeigte Dave, was unter dem Foto stand. „Er wurde im Yellowstone-Nationalpark gefangen.“ Dann reichte er Dave die Zeitschrift. „Hast du schon mal so einen Fisch gefangen?“ Dave schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe überhaupt noch nie einen Fisch gefangen. Aber mit Opa werde ich fi11


schen gehen. Opa weiß nicht, dass wir kommen.Wir sind so weit gefahren, weil wir ihn überraschen wollen.“ Der Mann warf mir einen amüsierten Blick zu und wandte sich dann wieder an Dave. „Wie heißt denn dein Opa?“ Dave lachte. „Na Opa.“ „Richter Dodd“, half ich meinem Sohn. Der Mann schüttelte den Kopf. Er kannte den Richter nicht? Entweder war er neu zugezogen oder auf der Durchreise. „Der Wurmverkäufer“, warf der Ladenbesitzer ein. Ich strich mir meine Haare aus der Stirn und sah ihn mitleidig an. Er war wohl etwas verwirrt. „Mein Vater ist Richter Blake Dodd. Er lebt etwa fünf Kilometer flussabwärts.“ Ich gab Dave seine Limonade, steckte das Wechselgeld ein und wandte mich zur Tür. „Sagten Sie ,Blake‘?“ Der junge Mann schlug sich mit der Handfläche auf die Hüfte. „Blake, natürlich kenne ich den. Er hat mich mal zum Angeln eingeladen und mir seine Geräte ausgeliehen. Ich wusste ja nicht, dass er Richter ist.“ „Wie auch immer … Bis bald“, verabschiedete ich mich, nahm Dave die Zeitschrift aus der Hand und ging zur Tür. „Einen Moment noch!“, rief mir der Ladenbesitzer hinterher. „Sagen Sie ihm, ich bräuchte dringend ein paar Dutzend Kartons frischer Würmer.“ „Was?!“ Hilflos blickte ich von einem zum anderen. Der Mann grinste. Er lehnte sich betont lässig gegen ein Regal und schaute mich durchdringend an: „Sie wissen wohl nicht viel über Ihren Vater, was?“ Das hätte er nicht sagen sollen. „Zunächst einmal“ – ich war jetzt wirklich aufgebracht – „mein Verhältnis zu meinem Vater geht Sie einen Dreck an! Außerdem reden wir wohl über zwei verschiedene Personen!“ Er wich einen Schritt zurück und hob besänftigend die Hände. Ich hatte überreagiert. Etwas beherrschter fuhr ich fort: „Mein Vater ist Richter. Wer Zeitung liest, kennt seinen Namen.“ 12


Das muss wohl sehr herablassend geklungen haben, denn der junge Mann sah den Ladenbesitzer an und meinte gedehnt: „Nun, ab und zu habe ich hier schon mal diese Zeitungen aus der Stadt gesehen … aber leider konnte keiner von uns Hinderwäldlern die Zeichen entziffern.“ Das Lachen des Ladenbesitzers mündete in einen hässlichen Hustenanfall. „Komm, Dave!“ Ich schnappte mir seinen Arm und zerrte ihn eilig nach draußen, während er versuchte, sich nach den Männern umzudrehen und „Tschüss!“ zu sagen. Als ich anfuhr, flogen kleine Schottersteine in die Luft und prasselten gegen den dunkel glänzenden Wagen, der neben mir geparkt war. Carter war ein Ort, der neben dem Laden mit der Tankstelle und dem Postschalter noch über eine Kneipe und eine methodistische Kirche verfügte. Zur Schule mussten die Kinder mit dem Bus fahren, in das dreißig Kilometer entfernte Darlington. Dort gab es auch ein Kino und ein Café. Während wir weiterfuhren, holten mich meine Kindheitserinnerungen wieder ein. Dave sah aus dem Fenster und erfreuet sich an den Schafherden mit ihren vielen kleinen Lämmern. Ich erinnerte mich daran, dass auch ich als Kind gerne die Lämmer beobachtet hatte, wie sie dem Muttertier so lange gegen den Bauch stießen, bis sie ans Euter gelassen wurden. Wilde, weiße Lilien wuchsen außerhalb der Weidezäune, Pappeln strahlten in der Abendsonne, und die Luft roch so süß, wie ich es aus jedem Frühling meiner ersten siebzehn Jahre kannte, die ich hier gelebt hatte. Als sich die Straße verzweigte, sah ich zum ersten Mal den Fluss. „Das ist er, Dave“, rief ich aufgeregt. Die Baumreihen lichteten sich an dieser Stelle ein wenig und gaben den Blick frei auf das klare Wasser, das heiter und kraftvoll seinen Weg suchte, über Steine spritzte und Felsbrocken umspülte. Dann standen die Bäume wieder dichter und verbargen den Fluss vor unseren Augen. 13


Da entdeckte ich den Bauernhof der Duncans. Nichts schien sich verändert zu haben. Zum ersten Mal seit Jahren fragte ich mich, was wohl aus Donnie Duncan, meinem ehemaligen Spielkameraden, geworden war. Nur noch wenige Baumreihen zogen an uns vorbei; dann endete der Zaun zu unserer Rechten, und wir standen vor der Einfahrt zum Grundstück meiner Eltern. Wie riesige Soldaten säumten hochaufragende Pappeln den Weg – und da entdeckte ich es: ein rotes, offensichtlich selbstgemaltes Schild mit dem Hinweis „Würmer 1 Dollar“. Ich lenkte meinen Jeep in die lange Auffahrt, und Dave plapperte jetzt pausenlos. „Wir sind da! So sieht es also aus! Mami, sind wir da? Kannst du nicht schneller fahren?“ Mein Körper verlangte nach einer Zigarette. Doch das Fach in der Fahrertür war leer; ich hatte sie alle weggeworfen. Zur Unterstützung meiner Selbstdisziplin hatte ich Dave davon erzählt, und er glaubte so unerschütterlich an mich, wie nur ein Kind das tun kann. Sein Vertrauen wollte ich nicht enttäuschen. Dabei hatte ich ihm gegenüber schon so unendlich viele Versprechen gebrochen. Es war wirklich ein Wunder, dass er mir immer noch glaubte. Für mich war seine vertrauensvolle Liebe wie ein übergroßes Geschenk, das ich nur demütig und staunend annehmen konnte. Jedenfalls – ich würde nie wieder rauchen, zumindest nicht in Daves Gegenwart. Nun gab es kein Zurück mehr. Mit einem tiefen Atemzug presste ich eine Handfläche gegen meinen Brustkorb. Was hatte sich hier wohl alles in den zurückliegenden sieben Jahren ereignet? Was hatte meinen Vater dazu gebracht, Würmer zu verkaufen? Wie würden sie reagieren, wenn sie uns sahen? Ich mache das für dich, Dave, dachte ich und wusste gleichzeitig, dass das nur ein Teil der Wahrheit war. Links von der Einfahrt erstreckten sich umzäunte Weideflächen, in denen das Gras hoch stand; die Heuernte stand 14


augenscheinlich unmittelbar bevor. Die Scheune wurde immer noch von der knorrigen Pappel überragt, deren Äste bizarre Schatten über die Wiese warfen. Direkt vor uns lag das Haus, alt und klotzig, mit seinem ausladenden Vordach und der langgezogenen Veranda. Die Garage war durch einen überdachten Weg mit dem Haus verbunden und verbarg die Autos meiner Eltern – falls sie zu Hause waren. Ich machte den Motor aus und wartete. Worauf? Hoffte ich, Mutter würde mit fliegender Schürze aus dem Haus gelaufen kommen, mich in ihre Arme schließen und zu dem Apfelkuchen hereinbitten, den sie früher immer für mich gebacken hatte? Wenn ich übers Wochenende verreist gewesen wäre, dann vielleicht … Schweigend starrte das Haus uns an. Mich fröstelte. Dave sprang aus dem Wagen. Der Kiesbelag vor der Einfahrt knirschte unter seinen Füßen. Ob meine Eltern hinter den Gardinen standen, uns beobachteten und sich fragten, was diese Fremden mit dem staubigen, vollgepackten Wagen hier zu suchen hatten? Sollten sie uns noch nicht bemerkt haben, dann würden sie uns spätestens jetzt hören. Dave rannte zur Scheune, dann zum Haus, die Eingangstreppen hinauf und klingelte. Ich hatte noch nicht einmal meinen Sicherheitsgurt gelöst. Als die Haustür jedoch verschlossen blieb, fasste ich Mut und folgte Dave auf die Veranda. Wir spähten ins Wohnzimmer. Beim Anblick der unbekannten Ledergarnitur und des wertvollen Perserteppichs fürchtete ich einen Moment lang, meine Eltern könnten umgezogen sein. Doch dann entdeckte ich das vertraute Bild über dem Kamin: Eine riesige Forelle hat angebissen, tanzt, kämpft und wird vorsichtig herausgeholt, die Fliege in ihrem weit aufgesperrten Maul, glitzernde Wassertropfen spritzen in alle Richtungen … Dave sah mich enttäuscht an. „Du hättest ihnen sagen sollen, dass wir kommen, Mami“, seufzte er und lief weiter um 15


das Haus herum. Am Küchenfenster hob ich ihn hoch, doch seine Oma war nicht zu sehen. Alles war so ordentlich aufgeräumt, dass mich zum ersten Mal der Gedanken erschreckte, sie könnten auch verreist sein. Hinter der nächsten Ecke verbreiterte sich die Veranda; hier standen die Gartenmöbel und die Blumenkübel. Doch in diesem Augenblick hatte mein Sohn das Rauschen des Flusses vernommen und durch die Erlen hindurch, die den Rand der Wiese säumten, das Glitzern des Wassers entdeckt. Nun gab es kein Halten mehr. Er sprang die wenigen Stufen der Veranda hinunter und rannte quer über die Wiese dem Fluss entgegen. „Stopp!“, schrie ich. „Wo willst du hin?“ „Zum Wasser!“, rief er und lief weiter. „Komm zurück“, erwiderte ich und ließ mich auf die Treppe sinken. Dave sah sich um, zögerte kurz, rannte dann zurück und sah mich prüfend an: „Geht es dir nicht gut, Mama?“, fragte er besorgt. Ich drückte ihn an mich. „Stimmt, mir ist etwas flau.“ Ich versuchte zu lächeln. „Soll ich lieber bei dir bleiben, Mami?“ Tapfer schüttelte ich den Kopf. „Schau dir mal den Tisch da drüben an. Siehst du, wie lang der ist?“ Er nickte. „So weit musst du vom Wasser wegbleiben.“ Wie eine richtig gute Mutter ließ ich ihn zuerst noch zu dem Tisch gehen, um sich dessen Länge genau einzuprägen, dann durfte er zum Fluss. Lange sah ich ihm zu, wie er Steine ins Wasser warf. Dann barg ich den Kopf auf meinen Knien. Was für ein Tag! Die vielen Kilometer über die Autobahn, durch Oregon und Washington, die zahllosen Fragen meines aufgeregten Fünfjährigen. Ich sehnte mich nach meiner Wohnung, nach meinem Bett, nach Ruhe. Aber das Bett gab es nicht mehr, und ich hätte auch kein Geld mehr gehabt, um den Weg wieder zurückzufahren. Als ich Augenblicke später meinen Blick hob, 16


war Dave nicht mehr zu sehen. Mein Herz begann zu rasen, und ich drückte mich von der Treppenstufe hoch. Sträucher und Bäume versperrten mir die Sicht auf den Fluss. So schnell ich konnte, hastete ich den schmalen Trampelpfad am Wasser entlang. Dave!? Da, hinter einem Strauch konnte ich sein dunkles Haar erkennen; er war rund zwanzig Meter vor mir, flussaufwärts. Ich rief ihn, doch das Rauschen des Flusses verschluckte meine Stimme. Der Weg war matschig; ich konnte zwar Daves Schuhabdrücke sehen, ihn aber nicht einholen. Er lief immer wieder gefährlich nahe an das steile Flussufer. Ich machte mir die größten Vorwürfe. Wie hatte ich mich darauf verlassen können, dass ein Fünfjähriger sich die Länge eines Tisches einprägen würde und sich mit diesem Bild im Kopf davon abhalten ließe, einem so spannenden Uferpfad zu folgen? Die Bäume, die den Fluss säumten, wurden dicker und höher. Ich bog um den abgesägten Stumpf einer Zeder und dann sah ich Dave. Er stand reglos auf einem kleinen Streifen Sand, zwischen glatten, großen Felsbrocken, und beobachtete einen älteren Mann, der knietief im seichten Wasser stand. Dave stand wie angewurzelt und beobachtete zum ersten Mal in seinem Leben, wie ein Fliegenfischer mit gekonntem Wurf zielgenau und gefühlvoll seine Flugschnur, an der eine künstliche Fliege befestigt war, auf dem Wasser ablegte. Staunen und Bewunderung standen Dave ins Gesicht geschrieben. Die untergehende Sonne warf lange Schatten auf die Seite des Flussufers, auf der wir uns befanden. Fröstelnd zog ich meine Jacke enger um mich, lehnte mich gegen einen rauen Zedernstamm und nahm das Bild, das sich meinen Augen bot, tief in mich auf. Der Mann hatte Dave nicht bemerkt. Konzentriert und mit routinierter Leichtigkeit setzte er die Fliege immer wieder an einer bestimmten Stelle, unter der er die Fische vermutete, auf die Wasseroberfläche. Dort hielt sie sich – trotz der starken Strömung – 17


mit ihren borstigen Härchen aufrecht über den Fluten. Doch kein Fisch biss an. Immer wieder zog der Mann die Schnur ein und warf sie erneut aus, kraftvoll, elegant, fast anmutig. Wie ein winziges ferngesteuertes Flugzeug schwirrte die Fliege über seinem Kopf, ehe sie wieder sanft auf dem Wasser landete. Sie sah einem lebenden Insekt täuschend ähnlich. Mein Herz begann zu flattern wie ein aufgescheuchter Vogel. Diese vollkommene Wurfbewegung, dieser starke Arm, der leichte Ruck seines Kopfes – obwohl er eine mir fremde Mütze trug –, er war es! Dave trat einen Schritt auf ihn zu. Der Angler hörte das Knirschen des Sandes, drehte sich um und starrte den Jungen an. Ich schnappte nach Luft und duckte mich hinter einen Baum.

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Der Fluss, der mich trägt - 978-3-86591-609-9  

Samantha ist 17 Jahre alt, als sie ihr Elternhaus verlässt und ihrer großen Liebe folgt. Doch sieben Jahre später kehrt sie ernüchtert zurüc...

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