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April 2013· B 1309 | € 5,90 Schweiz CHF 11,50 | Österreich € 6,50 | Be/Ne/Lux € 6,90

SAMMLER JOURNAL

APRIL 2013

KUNST • ANTIQUITÄTEN • AUKTIONEN

Über 2.000 Sammlertermine

Mode Figuren im Jugendstil

Möbel Rudolph Michael Schindler

Gemälde Otto Modersohn

Keramik Eva Stricker-Zeisel

Dialog Leser & Experten

GEMI

Berichte & Preise

Ausstellungen Tipps & Termine

4 195488 705908

Auktionen

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12.03.2013

14:09 Uhr

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April 2013· B 1309 | € 5,90 Schweiz CHF 11,50 | Österreich € 6,50 | Be/Ne/Lux € 6,90

KUNST • ANTIQUITÄTEN • AUKTIONEN

Über 2.000 Sammlertermine

Mode

MÖBEL

Figuren im Jugendstil

Möbel

Rudolph Michael Schindler

Rudolph Michael Schindler

Bettina Krogemann

Gemälde Otto Modersohn

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Keramik Eva Stricker-Zeisel

Dialog Leser & Experten

Berichte & Preise

Ausstellungen Tipps & Termine

4 195488 705908

Auktionen

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PORZELLAN / KERAMI K Titelfotos: A. Laurenzo. Die Neue Sammlung – The International Designmuseum Munich

DIALOG

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MAGAZIN

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MESSETERMINE

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KUNSTMARKT

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AUKTIONSNOTIZEN

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AUKTIONSTERMINE

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INSERENTENVERZEICHNIS

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AUSSTELLUNGEN

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AUSSTELLUNGSTERMINE

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LITERATURTIPP

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AUKTIONSPREISE

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IMPRESSUM

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VORSCHAU

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Modefiguren Dieter Weidmann

GEMÄLDE Otto Modersohn Silke Köhn

KERAMIK / DESIGN Eva Stricker-Zeisel

TERMINE & KLEINANZEIGEN IN DER BEILAGE

Wolfgang Hornik

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Schi ndler Rudolph Michael Schindler Bettina Krogemann

1887-1953 Er hinterließ ein amerikanisches – oder genauer gesagt – ein auf Kalifornien maßgeschneidertes Werk, der Wiener Architekt und Innenraumgestalter Rudolph Michael Schindler. Schindler war künstlerischer Einzelgänger und vertrat einen Stil, der sich außerhalb der Avantgarde und der internationalen Moderne der 1920er- und 1930erJahre bewegte. Auf der anderen Seite hinterließen auch die vielen eklektischen Stile des frühen 20. Jahrhunderts keine Spuren in seinem Schaffen. Sein künstlerischer Alleingang, angesiedelt zwischen einer pragma-

Porträt Rudolph Michael Schindler (Foto: Gebhard) Armlehnsessel und Tisch aus der Residenz von Basia Gingold, Herman Sachs Manolo Court, Silver Lake, Kalifornien, um 1926-1940. Bemaltes Holz, Stuhl H 67,3 cm, Tisch H 67,3 cm, B 137,8 cm. Schätzpreis Stuhl: 30.000-50.000 USDollar, Tisch: 20.000-30.000 US-Dollar. Sotheby’s Important 20th Century Design, New York, 15.12.2011, Lots 64 und 65 (Foto: Sotheby’s) Schreibtisch, entworfen für das J. L. Armon House, 1946. Auktion am 6. Mai 2012 bei Los Angeles Modern Auctions, Lot 314, Ergebnis (inkl. Aufgeld) 21.250 US-Dollar (Foto: Los Angeles Modern Auctions)


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MÖBEL

Armlehnsessel, entworfen für das Janson House, ausgeführt circa 1948. Auktion am 10.2.2008 im Los Angeles Modern Auctions, Lot 60, Ergebnis inklusive Aufgeld 31.200 US-Dollar (Foto: Los Angeles Modern Auctions) Stuhl, entworfen für das Janson House 1948. Auktion am 6.3.2011 Los Angeles Modern Auctions, Lot 1, Ergebnis inklusive Aufgeld 5.000 US-Dollar (Foto: Los Angeles Modern Auctions)

tisch gehaltenen Moderne, einem zeitgemäßen, bodenständigen Stil ohne utopische Ansätze, wurde von seinen Kollegen keineswegs geschätzt und ihm haftete als Architekt eher ein uncharmanter Hautgout an. Für die bahnbrechenden Vorreiter waren seine Architektur und sein Möbeldesign zu wenig radikal, fast jovial, der Front der akademisch-konservativen Baumeister erschienen sie hingegen zu unkonventionell. In den Medien fanden seine Werke kaum Niederschlag, vielleicht auch deshalb, weil er nur mit Auftragsarbeiten für private Residenzen und Häuser bedacht wurde und die großen, investitionsstar-

ken, öffentlichen oder von Privatunternehmen beauftragten Bauten in seinem Oeuvre fehlen. Seine privaten Projekte, Wohnhäuser und Villen, waren in den Ausmaßen meist fast überdimensional groß. Im Bereich des Entwerfens stand für Rudolph Michael Schindler eines ganz klar im Vordergrund, die dreidimensionale Komposition, die Gestaltung des Raumes, seines Gefüges mitsamt seiner Inneneinrichtung. Die Wahl edler und langlebiger Materialien, einhergehend mit einer perfekten handwerklichen Ausführung, wie es etwa der Deutsche Werkbund postuliert hatte, beschäftigte ihn nur marginal oder gar nicht. Er entwarf extrem kostengünstige Möbel und ebensolche, nämlich meist in Stahlbeton ausgeführte Architekturen. Dies hatte zur Folge, dass seine Architekturen in der Regel auch nicht sehr langlebig waren. Durch die bevorzugte Verwendung von Stahlbeton als Bau-

stoff bei seinerzeit geringen Fertigkeiten der ausführenden, nicht gut erprobten Firmen sind viele Gebäude von Schindler bereits nach sechzig bis achtzig Jahren in schlechte, fast baufällige Zustände gekommen.

WIENER WURZELN Rudolph Michael Schindler hatte Wiener Wurzeln, sowohl, was seine familiäre Herkunft anging, als auch, was das Fundament seines künstlerischen Schaffens betraf. Sein Vater war ein Wiener Metallhandwerker, der seine Ausbildung in New York absolviert hatte und dann wieder zurück in die Donaumetropole wanderte, um dort ein lukratives Importgeschäft zu eröffnen. Mit 19 Jahren besuchte Rudolph Michael Schindler das Königlich Technische Institut in Wien, 1910 erhielt er die Zulassung in die „Schule" von Otto Wagner an der Wiener Kunstakademie. Schindler studierte sodann an beiden Institutionen, der Technischen Universität und der Kunstakademie, schloss 1911

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Mo de

Modefiguren Dieter Weidmann

MODE ALS PROZESS In der Mode bekennt man sich zur gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung, die mit jedem Tag, jedem Monat, jedem Jahr, jedem Jahrzehnt, jedem Jahrhundert und jedem Jahrtausend voranschreitet. Sie tut dies teilweise spektakulär sichtbar, meist aber eher im Verborgenen, langsam, doch in der Summe kraftvoll und unaufhaltsam. So spürt man schon nach wenigen Jahren einen gewissen Unterschied, eine Veränderung des Meinungsklimas, des Denkens im Allgemeinen, der Gewohnheiten, in der Kunst der Stilformen. Diese Gesamtveränderung der Kultur – bzw. die Summe all der Einzelveränderungen in den unzähligen Kulturbereichen – ist einerseits zu langsam, als dass man sie direkt wahrnehmen könnte – so wie man einem Baum nicht beim Wachsen zusehen kann –, doch andererseits im Rückblick erstaunlich stark. Das war in der abendländischen Geschichte schon immer so. Auch wenn sich das Tempo in den letzten Jahrhunderten wohl noch etwas beschleunigt hat. Doch auch im Mittelalter finden wir diese Veränderungen. Wir sehen eine Kathedrale, deren Chor noch in frühgotischem Stil gebaut wurde. Und dann, kaum 50 Jahre später, ist das Langhaus schon in einem deutlich anderen Stil weitergebaut worden. Wer die Oeuvres von Malern selbst im 14. Jahrhundert überblickt, kann oft nicht mehr erkennen, dass die Werke der Frühzeit und die der Spätzeit von ein und

Thekla Harth (1887-1968), Modedame, Rosenthal, um 1912, Unterglasurbemalung, Porzellan, H 21 cm. Gegenüber den weiten Reifröcken der Gründerzeit bedeutet dieses dunkle, eng geschnittene Kostüm eine enorme Versachlichung der Frauenkleidung und eine teilweise Annäherung an die Männermode (Foto: Auktionshaus Dr. Fischer)


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PORZELLAN / KERAMI K

Annie Offterdinger (1894-1980), Modedame, 1914, Wächtersbacher Steingutfabrik, Schlierbach, farbig glasierter Steingutscherben, H 27 cm. Lange, schwingende Linien und gerundete Formen sind für diese Mode typisch. Die Figur entstand für die Ausstellung des Deutschen Werkbundes 1914 in Köln, die wegen des fatalen Kriegsbeginns unter keinem guten Stern stand (Foto: Auktionshaus Quittenbaum)

dem gleichen Maler stammen. Dies führt in der Zuschreibungspraxis dazu, dass nicht urkundlich gesicherte Werke den Oeuvres verschiedener „Meister" zugeschrieben werden. Die Mode ist ein Thema, über das sich die etablierten Geisteswissenschaftler reflexartig erhaben dünken, weil sie es nicht verstehen. Denn die Mode ist eine komplexe Angelegenheit. Das aber macht sie auch so interessant, wobei es geraten ist, sich hier überschaubare Themenbereiche zu suchen, um nicht in den Fluten der Komplexität zu ertrinken.

MODEFIGUREN Wenn man sich in der Zeit des Jugendstils im Bereich Keramik und Porzellan umsieht, stößt man unvermeidlich auf Frauenfiguren, die entweder in demonstrativer Weise die Kleidermode der Zeit präsentieren oder sogar explizit als Modefiguren bezeichnet werden. Wenn man, durch diese Beobachtung sensibilisiert, das weite Feld der Por-

Dame mit Hund, Fraureuth, 1919, Unterglasurbemalung, Porzellan, H 30 cm. Die schlanke, elegante Linie war hier nicht nur für den Entwurf der Kleidung, sondern auch für die Auswahl des passenden Hundes ausschlaggebend (Foto: Auktionshaus Dr. Fischer) Konrad Hentschel (1872-1907), Modedame mit Muff, 1906, Meißen, Unterglasurbemalung, Porzellan, H 31 cm. Typisch für Jugendstil-Porzellanfiguren sind nicht nur die schlanke Linienführung, sondern auch die zarten Pastelltöne (Foto: Auktionshaus Dr. Fischer)

zellan- und Keramikfiguren durchforstet, ergibt sich vereinfacht folgender Befund: Figuren mit zeitgenössischer Mode finden wir gehäuft in der Zeit des Jugendstils bis in die des Art déco. Demgegenüber sind sie im ganzen 19. Jahrhundert eher selten. Stattdessen finden wir sie aber im Rokoko, also in der Zeit, in der das Porzellan in Europa erfunden und künstlerisch kultiviert wurde, d.h. im 18. Jahrhundert, besonders in dessen Mitte. Während das Rokoko es ausgesprochen liebte, Frauen und Männer der eigenen Zeit in der jeweils zeitgenössischen Mode regelrecht zu zelebrieren, lässt diese Neigung im Zeitalter des Klassizismus, also im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, schlagartig nach. Diese Abstinenz hält sich dann durch die Zeit des Biedermeier und des Historismus. Allerdings hatte man in dieser Zeit nichts dagegen, die Modelle des Rokoko neu auszuformen: also Figuren in einer Mode, die nicht die eigene war. Dies ändert sich dann, wie gesagt, mit dem Aufkommen des Jugendstils, in dem in der keramischen Figur ein gesteigertes Interesse an der zeitgenössischen Mode festzustellen ist. Doch dieses neu erwachte Interesse an der Mode erstreckt sich nicht nur auf aktuelle Kleidung, Frisuren, Körperhaltungen, Accessoires und Gesten, sondern auch auf vergange-

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Mode rsohn Otto Modersohn Silke Köhn

Mädchen am Birkenstamm, ca. 1901/03, Öl/Karton, 57,6 x 40,6 cm. Hauswedell & Nolte, Hamburg 2009, Zuschlag bei 98.000 Euro – bei einem Schätzpreis von 40.000 Euro

1865-1943 Die Maler der Worpsweder Künstlerkolonie – allen voran Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Hans am Ende und das Ehepaar Modersohn – gehören seit Jahrzehnten zu den Publikumslieblingen der deutschen Kunst. Ausstellungen über ihr Schaffen sind bis in die jüngste Zeit gut besucht. In diesem Jahr jährt sich der 70. Todestag von Otto Modersohn und gleich an mehreren Orten, darunter Karlsruhe, Hagen und Fischerhude, sind große Werkschauen zu sehen. Stand die Dresdnerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) zu Lebzeiten mit ihren naiv anmutenden Frauen- und Kinderbildern im Schatten ihres Mannes Otto, so ist es heute umgekehrt, allein die Publikationen der vergangenen drei Jahrzehnte belegen das größere Interesse an der jung verstorbenen Malerin, die sich in Paris mit der Malerei von Cézanne und Gauguin auseinandersetzte. Dies spiegelt sich gleichermaßen in Auktionsergebnissen: Werden die attraktiven Worpsweder Moorlandschaften von Otto Modersohn mit seltenen Ausnahmen im unteren fünfstelligen Eurobereich gehandelt, so erzielen die Kinder- und Frauenbilder Paula Modersohn-Beckers zumeist das Zehnfache. Trotz ihres kurzen Lebens schuf sie in nur wenigen Jahren über 750 Gemälde und annähernd 1.000 Zeichnungen, die zu ihren Lebzeiten eher kritische Beachtung fanden und als „unfertig" angesehen wurden. Das Oeuvre von Otto Modersohn umfasst dagegen ein Vielfaches, denn es umspannt von seiner Düsseldorfer Akademiezeit 1884 bis in die letzten Lebenstage des Künstlers in Fischerhude im März 1943 sechs Dekaden. Die Internet-Datenbank Artprice verzeichnet nur für die vergangenen zwei Jahrzehnte Auktionsangebote von mehr als 500 Gemälden und annähernd 100 Zeichnungen, letztere wurden durchschnittlich mit 1.000 bis 2.000 Euro gehandelt. Nach eigenen Anga-


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GEMÄLDE

Sonniger Herbsttag, 1887, Öl/Lwd., 46 x 38 cm. Van Ham Kunstauktionen, Köln 2007, Zuschlag 30.000 Euro Winterlandschaft mit Kirchgängern, 1888, Öl/Karton, 26 cm x 33,2 cm. Lempertz, Köln 2008, Zuschlag 19.000 Euro

ben malte Otto Modersohn circa 6.000 Gemälde, hinzu kommen 78 Skizzenblöcke à 36 Seiten und 20.000 erhaltene Zeichnungen, womit er zweifellos zu den produktivsten Künstlern Deutschlands zählt. Otto Modersohn lässt sich stilistisch in keine der üblichen Ismen-Schubladen einsortieren. Weder konnte er den zeitgenössischen Strömungen von Impressionismus, Symbolismus oder gar dem versponnenen Jugendstil etwas abgewinnen, noch hegte er große Sympathien für die Themen des Naturalismus. Botanische Genauigkeit und anatomische Richtigkeit vernachlässigte er geflissentlich und seine Werke waren nicht im üblichen Sinn schön, denn sie widersprachen in ihrer Anlage der romantischen oder realistischen Vorstellung einer durchkomponierten Landschaft.

„GERADE ENTGEGENGESETZT" 1884 kam der 19-jährige Otto Modersohn von Münster an die Düsseldorfer Kunstakademie und entschied sich nach der Grundausbildung, in der Klasse von Eugen Gustav Dücker (1841-1916) Landschaftsmalerei zu studieren. Allerdings kam Modersohn zunehmend weniger mit der Präzision und Perfektion in der Landschaftsauffassung seines Akademieprofessors zurecht und ärgerte sich über dessen „Glätte" und „Trockenheit", obwohl er ihr anfangs kräftig nacheiferte. Nach einer Studienreise in den Harz, die im Lehrplan vorgesehen und vermutlich von Dücker begleitet wurde, schrieb der Student am 13. 8. 1886 in sein Tage-

buch, dass ihn die Gebirgsnatur im Harz nicht so reize, wie die schlichte Ebene. Im darauffolgenden Sommer 1887 malte der Student in seiner westfälischen Heimatstadt Münster das detailreiche, fast impressionistisch anmutende Gemälde „Sonniger Herbsttag" (Van Ham 2007). Es zeigt die etwas karge Landschaft Westfalens mit tiefem Horizont, ein Gehöft mit Wegstock und steil empor weisende Pappeln. Die Wiesen ringsherum sind saftig grün und von bunten Sommerblumen übersät. Zu dieser Idylle passen spielende Kinder, eine träge im Schatten lagernde Kuh und zum Trocknen auf einer Hecke ausgebreitete Wäsche. Nur wenige Monate später hatte sich Modersohn bereits in eine andere künstlerische Richtung weiterentwickelt, exemplarisch für diese neue Ausrichtung ist ein kleines, in das Jahr 1888 zu datierendes, auf Karton gemaltes Winterbild (Lempertz 2008): Es zeigt schwarz gekleidete Kirchgänger im Sonntagsstaat unter blauem Frosthimmel auf einem verschneiten Dorfweg der Kirche mit spitzem Turm zustrebend, das manchen allenfalls an eine Kinderbuchillustration denken lässt. Vieles ist zu lesen über die Enttäuschung des angehenden Malers, der insgeheim etwas

trotzig formulierte: „Ich werde es gerade entgegengesetzt machen" (zit. n. Ausst.-Kat. 1977, S. 300). Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen ist auch zu erfahren, dass sich seine künstlerischen Ziele mit den Begriffen „Einfachheit", „Intimität" und „Innerlichkeit" verbanden und er darauf hoffte, seine kreative Kraft aus der „geistigen Versenkung" in die Natur zu heben. Geradezu ein Topos – allerdings nicht nur in der ModersohnLiteratur – ist sein „Revoltieren ge-

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Stric ker

Eva StrickerZeisel Wolfgang Hornik

Eva Stricker-Zeisel, Vase (Form 3228, Dekor Futura), 1929, Herst.: Schramberger Majolikafabrik, Schramberg, Sammlung Volker Hornbostel

SUCHE NACH SCHÖNHEIT Durchschnittlichkeit und Mittelmaß waren nie ihr Ziel. Das spiegelt sich schon in ihrer extremen Biografie wider, in der sie nahezu kein politisches System ausgelassen hat. Geboren und ausgebildet in der österreichisch-ungarischen K. u. K. Monarchie, weiter entwickelt in der fragilen Demokratie der Weimarer Republik, politischen Idealen folgend in die kommunistische UdSSR ausgewandert, hat sie schließlich ihre endgültige Heimat im Kapitalismus der USA gefunden. Dort zählt sie inzwischen zu den wichtigsten Industrie-Designerinnen des 20. Jahrhunderts, was in Deutschland, einer der prägenden Stationen ihres 105 Jahre langen Lebens, noch nicht der Fall ist. Dies soll sich mit der Ausstellung der Neuen Sammlung – The International Design Museum Munich (Staatliches Museum für angewandte Kunst) im Internationalen Keramik-Museum in Weiden vom 14. April bis 21. Juli 2013 nachhaltig ändern. Die Ausstellung zeichnet ihre künstlerische Entwicklung von den 1920er-Jahren, in denen sie stark vom Bauhaus und französischen Art déco beeinflusst wurde, hin zu dem von ihr entwickelten organischen Keramikdesign nach. Von besonderem Interesse dürfte hierbei das Schlaglicht sein, das auf ihre Arbeit in Deutschland, genauer gesagt in Hirschau, zu Beginn der 1930erJahre gerichtet wird. Dabei konnten einige bisher noch namenlose Entwürfe eindeutig Eva Stricker-Zeisel zugeordnet und datiert werden. Am 13. November 1906 wurde Eva Polanyi Stricker in Budapest in eine weltoffene ungarische Unternehmerfamilie geboren. Die Mutter, eine promovierte Historikerin und politisch engagierte Feministin, arbeitete als Bibliothekarin und Herausgeberin, der Vater leitete eine Textilfabrik. Kunst- und Geschäftssinn wurde ihr somit in die Wiege gelegt. Der erste Schritt der 17-Jährigen in Richtung künstlerischer Karriere war das


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KERAMIK

Eva Stricker-Zeisel, Vase (Form 3393), 1930, Herst.: Schramberger Majolikafabrik, Schramberg, Sammlung Volker Zelinsky Eva Stricker-Zeisel, Krug (Form 3287, Dekor Gobelin 13), 1929, Herst.: Schramberger Majolikafabrik, Schramberg, Sammlung Wienecke-Zuschlag Eva Stricker-Zeisel, Likörkanne (Form 3366, Dekor Schottland), 1930, Herst.: Schramberger Majolikafabrik, Schramberg, Sammlung Werner Steinecke

Studium an der Kunstakademie (Képzomuveszeti Academie) in Budapest, das sie schon nach drei Semestern wegen des Berufswunsches Keramikerin und ihres Strebens nach Unabhängigkeit beendete. Bereits mit achtzehneinhalb Jahren gründet sie nach einer kurzen Ausbildung in der traditionellen Budapester Töpferei von Jakob Karapancsik ihr eigenes Atelier, wo sie noch unter dem Einfluss der Wiener Werkstätte und der traditionellen Töpferkunst Ungarns steht. Rasch findet ihr Schaffen Anerkennung bis hin zur ungarischen Regierung, die sie in Philadelphia ausstellt. Erste Erfahrungen mit der industriellen Produktion sammelte sie 1926 mit einigen sehr verspielten Entwürfen für Aschenbecher und Schälchen in Tierform in der 1922 gegründeten Keramikmanufaktur in Kispest. Dem Eigentümer der Manufaktur war die mit Strickers Anstellung einher gehende künstlerische Ausrichtung des Unternehmens bald zu betont, weshalb bereits nach einem Jahr die Kunstabteilung schloss und die Fabrik nur noch Sanitärkeramik produzierte.

DEUTSCHLAND Ihr Weg führte sie nicht zurück in ihre eigene Werkstätte, sondern nach Hamburg, wo die erst 22-Jährige ein

halbes Jahr für die „Hansa Kunstkeramik" von Martin Zerkowski arbeitete. Da sie ihre Kreativität dem Auftrag, nur vorgegebene Modelle zu wiederholen, nicht unterordnen konnte, verließ sie Hamburg bereits im Frühjahr 1928 wieder. Trotz ihrer nur geringen, bei der Kispester Manufaktur gesammelten Erfahrung auf dem Gebiet der industriellen Fertigung erhielt sie im Herbst 1928 eine Anstellung als Keramikdesignerin bei der Schramberger Majolikafabrik im Schwarzwald, was für sie den Schritt vom Handwerk zum Design bedeutete. Ein befreundeter Architekt lehrte sie das Zeichnen von Entwürfen, da für die industrielle Herstellung maßhaltige Zeichnungen sowohl für die 1:1-Schnittmodelle aus Papier als auch für die dreidimensionalen Modelle aus Ton oder Gips, nach denen schließlich die Gussformen erstellt wurden, benötigt wurden. In Schramberg lernte sie vom Entwurf über die Ausführung bis hin zum Merchandising alle Bereiche moderner industrieller Produktion kennen. Werbeprospekte und -anzeigen gestaltete sie selbst – mit von ihr selbst gemachten Fotos endloser Reihen an Kannen und Krügen. Diese persönliche Weiterentwicklung zusammen mit ihrem Wissen um die Entwicklungen am Bauhaus und in Frankreich schlug sich in der Folge in der geometrischen Formensprache ihrer sachlichen Entwürfe nieder. Nach dem Besuch der Ausstellung des Deutschen Werkbundes in Paris schrieb sie, dass der Gestalter den Zusammenhang zwischen Funktion, Material und Produktionsbedingungen genau kennen muss. Sie fordert in der Zeitschrift „Die Schaulade" (8. Jg, 1932, H. 3/4, 174) Einfachheit für die Produktion besonders im Hinblick auf preisgünstige Ware: „So wenig also bis an die Grenze der Geschicklichkeit des Arbeitspersonals gegangen werden kann, so wenig können die letzten Gestaltungsmöglichkeiten, die dem Material inne wohnen ausgenützt

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AU K T I O N S P R E I S E

€ 2.730,Henkelvase, Haagsche Plateelbakkerij Rozenburg, 1901, „Eierschalenporzellan“, polychrome Malerei von Willem P. Hartgring, Motiv zwei Fasane und Blumen, Nr. „594“, H 18 cm SHU

€ 3.000,Bodenvase, Entwurf Adrien Auguste Leduc, Sèvres, Frankreich, um 1935, Weißporzellan, polychrom bemalt, außen glasiert, mit umlaufendem Landschaftsdekor, Ritz-Nr. „12-32“, Künstlersignatur, H 50 cm HAG € 2.750,Bunte Vase, Entwurf Michael Powolny (Form), Franz von Zülow (Dekor), gefertigt um 1925, Porzellanfabrik Augarten, Wien, vor 1938, farbig und goldstaffiert mit Dekor „Landschaftsbilder und groteske Figuren“, an der Mündung restauriert, Höhe 36 cm DOR

€ 3.300,Deckelvase, Meißen, Knaufschwerter (bis 1924), 1. Wahl, Unterglasurblau floral bemalt mit Türkenbundlilien auf den Flächen alternierend mit Nelken auf den Kanten, auf Schulter und Stand Schuppenfondzwickel, Form-Nr. „Q 165“, Former-Nr. „33“, H 43,5 cm WEN

€ 3.000,Vase mit floraler Metallmontierung, Vilmos Zsolnay, Pécs, hergestellt gefertigt um 1902/ 1904, Keramik, Balusterform, umlaufend marmorierte, grünviolette Eosinglasur, ModellNummer „7024“, Montierung bezeichnet „Orion“, Vasenhöhe 28 cm SBL

€ 3.600,Henkelvase, Ernst Barlach, Ausführung Mutz, Altona, 1903/ 1904, Steinzeugscherben, dunkelblaue Scharffeuerglasur, darüber alkalisch-weiße und grüne Fließglasur, Nummer „1448“, Vasenhöhe 31,6 cm QUI

€ 3.250,Dose, Entwurf Fritz Dietl (geb. 1880), um 1909/1910, Ausführung Wiener Keramik, naturweißer Scherben, glasiert und im Deckel bunt staffiert mit Nikolomotiv, runde Form mit kannelierter, zylindrischer Wandung, Monogramm„FD“, Höhe 7,5 cm, D 12,5 cm DOR

€ 3.000,Vase mit Pferdereigen, Entwurf Franz von Zülow, um 1930, Ausführung Schleiss, Gmunden, Austria, Keramik, farbig staffiert, auf der Wandung signiert, Unterseite mit Pressmarke und altem Firmenetikett, Höhe 28 cm DOR


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AU K T I O N S P R E I S E

€ 3.600,Wasserspeier, Julius Scharvogel, Großherzogliche keramische Manufaktur Darmstadt, um 1910, Modell-Nummer „194“, helles Steinzeug mit verlaufender Glasur in grauen und braunen Tönen, stilisiertes Froschgesicht, Wandaufhängung, Höhe 18 cm MEH

€ 8.125,Vase mit vier Atlanten, Goldscheider, Wien, um 1900, Keramik, farbig staffiert, kleine Randscharten, Unterseite mit eingeprägtem Firmenstempel und Modell-Nummer „1500/7/27“, Höhe 33,5 cm DOR

€ 3.800,Bodenvase, Entwurf wohl Lucien Alaurent, Sèvres, datiert 1926, auf dunkelblauem Unterglasurfond stilisierte Sonnenblumen-Blütenrosetten in Poliergold, Fuß- & Mündungsrand vergoldet, Höhe 91 cm SHA

ACN ALL DOR FIS HAG HEN HER HHM IKY KAR KAS KAU LBE MEH NAG QUI SBL

€ 4.000,Jugendstil-Salonofen, um 1900, Eisen mit vernickeltem Dekor, bez. „Oestr. Prid. Nr. 49/1065 Automat No. III“, Porzellangriff, bez. „Emil Krämer Installateur, Lenaugasse 1“, Höhe 145 cm ZEL

AUKTIONSHAUS CITY NORD | Hamburg, 06./07. Dezember 12 ALLGÄUER AUKTIONSHAUS | Kempten, 19.-21. April 2012 DOROTHEUM | Wien, 08. März + 21. Mai + 25. September 2012 FISCHER DR. | Heilbronn, 16. März 2012 HARGESHEIMER & GÜNTHER | Düsseldorf, 10. März 2012 HENRY’S | Mutterstadt, 24. November 2012 HERR | Köln, 24. November 2012 HERMANN HISTORICA | München, 18./19. Oktober 2012 IM KINSKY | Wien, 21. Juni 2012 KARRENBAUER | Konstanz, 05. Mai 2012 KASTERN | Hannover, 22. September 2012 KAUPP | Schloss Sulzburg, 14.-16. Juni 2012 L & B KUNSTAUKTIONEN | Essen, 26./27. Oktober 2012 MEHLIS | Plauen, 24.-26. Mai + 23.-25. August 2012 NAGEL | Stuttgart, 10./11. Oktober 2012 QUITTENBAUM | München, 24. April 2012 SCHEUBLEIN | München, 29. Juni 2012

€ 10.500,Vase, Entwurf Galileo Chini, Arte della Ceramica, Florenz, um 1900, Steingutscherben, cremefarben engobiert, polychrome Glasurmalerei auf grünem Grund, Darstellung mit zwei Mädchenköpfen zwischen Rosenzweigen, H 26,7 cm QUI

SHA SHU SMD VHA VZE WEN ZEL ZOF

€ 12.000,Geschenkvase mit Porträt Wilhelm II. und Ansicht des Neuen Palais in Potsdam, KPM, Berlin, um 1900, polychr. u. Gold bemalt, Goldrelief/-rand, durch Metallring drehbar, Blumenbekrönung, Monogr. „JM“ (Julius Mentzel), „MD“ (Max Dürschke), Nr. „6779“, H 65,5 cm KAS

SCHLOSS AHLDEN | Ahlden, 05. Mai 2012 SCHULER | Zürich, 19.-23. März + 10.-13. September 2012 SCHMIDT | Dresden, 15. September 2012 VAN HAM | Köln, 12. Mai 2012 VON ZENGEN | Bonn, 09. Juni 2012 WENDL | Rudolstadt, 14.-16. Juni + 18.-20. Oktober 2012 ZELLER | Lindau, 12.-14. April + 06.-08. Dezember 2012 ZOFINGEN | Zofingen, 07.-09. Juni 2012

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