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Uwe Bremer, ein moderner MythologeDatenverarbeitung der anderen Art Christine Kremers Unter Kosmogonie verstehen wir die Lehre von der Entstehung der Welt. Nicht zufällig wird diese Lehre in mythologischen Geschichten vermittelt. So sind neben anderen die Erde, der Himmel und das Meer die Protagonisten in einem Stück, das die Entstehung der Welt, wie wir sie kennen, erklärt, - allerdings nur bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Möglicherweise kennen wir noch nicht alle Akteure, in jeden Fall ist das Ende offen. Es fragt sich nun, wer diese Geschichten weitererzählt. In den überlieferten Mythen sind die Motive für das Welttheater meist psychologischer Natur. Auch wenn wir nicht alle kennen, so sind doch Machtstreben, Eifersucht, Hass und Liebe die häufigsten Antriebsfedern. Der Kosmos ist beseelt. Eine besonders wilde Geschichte erzählt Hesiod: Aus dem anfänglichen Chaos gehen als erste Gottheiten Himmel und Erde – Gaia und Uranos – hervor, die gemeinsam die Titanen zeugen. Diese repräsentieren sowohl Naturgewalten, Planeten, als auch Gemütszustände wie Behaglichkeit oder gesellschaftliche Ordnungsprinzipien wie Gerechtigkeit. Da die ersten Nachkommen von Ihrem Vater Uranos in die Unterwelt, den Tartaros, verbannt wurden, ermutigt Gaia die nachgeborenen Söhne, ihre Geschwister zu rächen und ihren Vater zu entmannen. Sie binden Uranos an den vier Enden der Erde fest, schneiden ihm das Geschlechtsteil ab und werfen es ins Meer. Blut und Samen mischen sich und aus dem Schaum entsteht - Aphrodite. Die die Göttin der Liebe ist also die Folge einer Kastration. Die Tatsache, dass die schauspielernden Naturgewalten nach menschlichem Muster gestrickt sind, macht vielleicht erklärlich, warum sich die Weltentstehungsmythen in den Überlieferungen unterschiedlicher Kulturen ähneln. Die Entstehung vielfältiger Lebensformen aus der Dualität zweier entgegengesetzter Prinzipien, die in unterschiedlichen, inzestuösen und strategischen Allianzen Familienfehden austragen, um die Entstehung des Kosmos voranzutreiben, finden wir nicht nur in griechischen, sondern auch in ägyptischen, afrikanischen, chinesischen oder indianischen Schöpfungsmythen. Auch die Kosmologie ist die Lehre von der Welt. Aber sie beschreibt den Kosmos nicht mittels Geschichten, sondern anhand physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Die allgemeine Gültigkeit dieser Gesetze garantiert ihre „Herrschaft“ über die Welt. Aber wie in der Mythologie Herrschergeschlechter, z.B. Titanen und Olympier, einander ablösen, so werden auch physikalische Erklärungsmodelle von Nachfolgern ersetzt. Mit immer feineren Messinstrumenten, die in Raumsonden auf die Reise geschickt in


Stilllebenmoduli, Ă–l auf Holz, 2006, 108 x 108 cm


unbekanntes Terrain vorstoßen, werden Daten gesammelt, die die bisher bestehenden Theorien in Frage stellen. Ist die Suche nach einer Weltformel noch sinnvoll oder führt es nicht weiter, die Existenz von Multiversen anzunehmen? Wie viele Dimensionen gibt es? Kann man Strings messen? In der Kosmologie sind sich Naturwissenschaftler und Mathematiker durchaus nicht einig über Ort, Zeit und Handlung der Ereignisse. Quanten, Photonen, Gravitonen, Quarks, Neutrinos und Strings sind also nicht die Protagonisten einer Schlacht um die Weltherrschaft wie einst Titanen und Olympier? Wohl kaum: Kosmogonie und Kosmologie scheinen unterschiedlichen, nicht aufeinander reduzierbaren Diskursformen zu entspringen: Die Kluft zwischen Mythos und Logos ist unüberbrückbar– nicht für Uwe Bremer. Er benutzt die „Vokabeln“ aus der theoretischen Physik, um sie als Akteure seines mythologischen Weltentstehungstheaters zur Schau zu stellen: Protonen und Neutronen sind sehr lebendig in hocherotische, aber auch gewalttätige Geschichten verstrickt. Sternbilder treten auf. Krallenbewehrte, vollbusige und sehr sportliche Zeitreisende werden von Medusenhäuptern beäugt, die eine große Ähnlichkeit mit Uwe Bremer aufweisen. Ein Tisch ist gedeckt, eine Kaffeetasse und ein halbvolles Glas fliegen durch den Raum. Dem Geschehen Halt zu geben und der Entropie entgegen zu wirken ist die vorzügliche Aufgabe des Stillleben malenden Künstlers. Stilllebenmodule, -moleküle und –strings bilden den ordnenden, kompositorischen Rahmen. Wir wissen nicht, was dabei herausgekommen wäre, wenn Hesiod seine Mythologie gemalt hätte. Die Entstehung Aphrodites wäre ein besonders spannendes Motiv gewesen. Uwe Bremers galaktische Welten sind energiegeladen, voll erzählerischer Wucht und gleichzeitig perfekt komponiert. Wellen oder Teilchen? Wie man sich auch entscheidet, die Geschichten, die daraus hervorgehen sind in jedem Fall spannend.

„Der Quantentheoretischen Unschärferelation begegnet der Entropist mit scharfgezogenem Pinselstrich.“ Uwe Bremer, Heterotischer Futurismus (2000)


Stilllebenmoduli 2, Ă–l auf Holz, 2004, 108 x108 cm


„Der Entropist schätzt Singularitäten. Schwarze Löcher sind seine Gehäuse. Seine Fesseln sind kosmische Strings. Sein aviatorischer Weg folgt der Krümmung des Raumes. Zweiflern begegnet der Entropist mit fraktalem Stolz.“ Aus: Uwe Bremer, Heterotischer Futurismus (2000)


Stilllebenstrings, Ă–l auf Holz, 2007, 108 x 108 cm


Stilllebenebenen, Ă–l auf Holz, 2003, 107 x 107 cm


AUSFLUG Gregor Hiltner, Juni 2016 Der Navigator bringt mich über flaches Land auf eine versteckte Allee mit altem Baumbestand und schließlich zu einem rustikalen Anwesen, an dem man noch heute erkennt, dass es ehemals wehrhafter war. Naturgeschützte Heide, endlose Wiesen, Landkreis Lüchow-Dannenberg, Niedersachsen, ehemaliges Zonenrandgebiet. Auf einer von alten Eichen beschatteten Terrasse sitzt Bremer und schaut auf seine Welt: Wiesen bis zum Horizont mit schottischen Hochlandrindern bewegunslos wie perfekt angeordnete Skulpturen. Vereinzelt tänzelnde Pferde. Ein lang gestreckter See mit tausendfach spiegelnder Oberfläche. Alles weit und wunderbar. Neben Bremer liegt eine schnarchende Bulldogge und wacht mit geschlossenem Auge. Ich denke: Er sieht aus wie Boris Karloff. Verwerfe den Gedanken, das herrliche Sommerwetter passt nicht dazu. „Ich mag Ferne!“ sagt Bremer unvermittelt, nachdem er zu Begrüßung genickt hat, und leert sein Glas Weißwein. „Komm mit, ich zeig dir was! Wir machen einen kleinen Abstecher, nicht weit, keine Sorge, nur bis zum Rand unserer Galaxie.“ Er lacht. „Keine Sorge, zum Abendessen müssen wir zurück sein. Es gibt Spargel. Ingrid kocht und sie hasst es, wenn ich nicht rechtzeitig zum Essen erscheine.“ „Abstecher zum Rand der Galaxie. Einverstanden! Und Spargel mag ich auch“, sage ich und habe keine Ahnung, auf was ich mich einlasse. Wir überqueren den Hof. Bremer öffnet die Flügeltür des Wirtschaftsgebäudes auf der anderen Seite. Im Dämmerlicht bewegen wir uns durch dunkle Räume. Als sich die Augen an das wenige Licht gewöhnt haben, erkenne ich Maschinen und Setzkästen, wir sind in einer alten Druckerei. Dann geht es eine steile Treppe hinauf in Bremers Allerheiligstes. Nach dem Chaos unten, hier oben totale Ordnung. Karten, Pläne und Bilder mit rätselhaften Verweisen hängen an den Wänden, stehen und liegen in Stapeln. Als ich etwas sagen will, ruft er: „Setz dich!“ und zeigt auf den Stuhl neben sich. Bremer hantiert, schafft Stapel von rechts nach links, Gerätschaften vom Tisch auf den Boden, Zeichnungen von einer in eine andere Ecke. Als ich wieder etwas sagen will, legt er den Finger auf seine Lippen: „Warts ab! Ich nehm’ dich mit auf eine Weltreise.“ Ich lache, aber Bremer meint es ernst: „Schnall dich an, gleich geht’s los!“ Ich denke Bremer macht Witze, aber Bremer ist voll bei der Sache: „Das mag dir komisch klingen, aber 27-fache Schallgeschwindigkeit ist nichts für Anfänger mit nervösem Magen. Ohne Gurt hast du kaum eine Chance. Bist du bereit?“ Keine Ahnung, wozu ich bereit sein soll, aber ich spiele mit und ziehe den Gurt stramm. Vor uns eine Leinwand. „Ein Meter acht Zentimeter mal ein Meter acht Zentimeter, größer muss ein Tor zum All nicht sein“, behauptet er. Dann geht es los, ich erlebe den Übergang wie eine kleine Ohnmacht, schon tauchen wir ein, schwimmen, fliegen … wie soll ich es nennen … es scheint, wir bewegen uns schwerelos im leeren Raum. „Hier gibt´s kein Oben und kein Unten, kein Vorher und kein Nachher!“ erklärt Bremer. „Daran wirst du dich gewöhnen müssen.“ Ein Gegenstand aus grauen Würfeln schießt an uns vorbei.


„Hast du das gesehen?“ rufe ich staunend. „Was?“ „Diesen eigenartigen Körper da drüben?“ „Das war nur ein Schatten“, belehrt Bremer, „ein so genannter Tesserakt, der Schatten eines vierdimensionalen Würfels und als solcher natürlich dreidimensional.“ „Klar!“ murmle ich aber klar ist hier nichts. „Und das da?“ frage ich. „Diese komischen Bänder?“ „Strings! Zerren an den Dimensionen!“ Klar, denke ich. Strings. Bremer ist in seinem Element: „Und das da“, er zeigt auf einen galaktisch großen Schwimmring, „ist ein Superstring, der diese Quantenstruktur verformt. Ich habe nämlich festgestellt, das ist mittlerweile übrigens auch der Stand der Wissenschaft, dass es sehr gut sein kann, dass die Welt aussieht wie ein Rettungsring. Denn sie ist relativ flach, glaub mir, viel flacher als wir denken. Aber was bedeutet das schon … flach!“ Bremer schaut mich an. „Ein Ring! Warum ist ein Ring flach?“ Er schaut mich nur an, sagt aber nichts. Dann, nach einer kleinen Pause und fast mit Mitleid in der Stimme: „Weil man mit zwei Schnitten aus einem Ring eine Fläche machen kann. Das ist die Lösung des Flachheitsproblems.“ Zum besseren Verständnis macht er mir eine Skizze. „Ich mache diese Exkursionen schon mein ganzes Leben, aber glaube nicht, dass ich das hier um uns herum schon alles durchschaut hätte. Alles ist immer wieder anders, immer wieder neu und hängt von der Perspektive des Betrachters ab. Dasselbe Phänomen taucht sozusagen immer wieder in einem neuen Gewand auf, wandelt sich, wird unsichtbar oder taucht plötzlich an zwei oder drei verschiedenen Orten gleichzeitig auf. Allein dass ich dich heute mitnehme, und wir also nach dem Vieraugenprinzip vermeintlich objektiver beobachten, lässt die Phänomene ganz anders erscheinen als auf meinen solistischen Spaziergängen. Ich will gar nicht wissen, was die hier alles treiben, wenn ich sie nicht beobachte. Du weißt ja: Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse. Dabei ist nicht mal klar, ob es die Mäuse, also bildlich gesprochen, überhaupt gibt, ob sie also existieren, wenn ich nicht hinschaue.“ Er sieht mich streng an und hebt den Zeigefinger: „Erst unsere Beobachtung erschafft ihre Evidenz!“ Ich sehe Bremer an und frage mich, ob es ihn nur gibt, weil ich ihn beobachte. Verwerfe den Gedanken aber, das Phänomen Bremer gibt es auch ohne meine Beobachtung. Wenn der nicht evident ist, wer dann, sage ich mir. „Gleich durchqueren wir eine Quantenlandschaft“, erklärt Bremer. „Da kann`s schon mal rütteln und zu Turbulenzen kommen. Das kommt von den Quantenfluktuationen. Wir sprechen hier von den vier Mannigfaltigkeiten: Der Doppelhelix, der Kugel, dem Ring und so einer Art Möbiusschleife.“ Die vier Mannigfaltigkeiten. Noch nie gehört. Mir brummt der Schädel. Vier und mannigfaltig erscheint mir paradox, aber was bitteschön ist in Bremers Welt nicht paradox. Schon durchfliegen wir in einem treppenartig gekrümmten Raum drei parallel übereinander geschichtete Ebenen. „Endliche Ebenen!“ Bremer hebt das mit großem Ernst hervor. Aus einer Ebene erhebt sich eine weiße Singularität, chromglänzend und kegelförmig, die sich zu einem gallertigen Faden verjüngt, aus


dem eine rote Sonne sprießt, die von einer Art Monstranz gehalten wird. Über den Faden bleibt sie mit ihrem Ursprung verbunden. Als wäre das nicht schon eigenartig genug, befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft dieser Sonnengeburt ein schwarzes Loch, ganz so, als müsste selbst im All beim Entstehen bereits das nahe Vergehen in Erinnerung gerufen werden. „Bekanntlich gibt es ganz verschiedene Universumformen“, doziert Bremer, „und so ein schwarzes Loch gehört natürlich dazu. In jeder anständigen Galaxie gibt es davon mindestens eins. Die Masse ist so ungeheuer groß, dass es hungrig alles in seiner Nähe in sich hineinschlingt, was nicht schnell genug den galaktischen Baum rauf kommt … also bildlich gesprochen!“ Er kneift mir ein Auge. „Nicht mal Photonen, das flüchtige Licht, haben eine Chance zu entkommen.“ „Verdammt voll hier.“ Mir fällt nichts Besseres ein. „Alle reden immer davon, das Weltall wäre so leer, in Wirklichkeit geht es hier zu wie in der Geisterbahn. Was soll denn dieses komische Kartenhaus da unten rechts?“ Als er nicht antwortet frage ich unsicher: „Du siehst es doch auch, Bremer? Oder hab` ich Halluzinationen.“ „Keine Hallos! Was du siehst, ist eine Projektion meiner Gedanken. Gedanken sind pure Energie und Energie kann sich, wie du weißt, materialisieren. Klar?“ „Und was soll das bedeuten?“ „Einstein hat gesagt: Gott würfelt nicht, Gott spielt nicht. Aber inzwischen weiß man, dass das nicht stimmt. Gott, wenn es ihn gibt, spielt sehr wohl, und er spielt nicht nur mit Würfeln, bisweilen versteckt er sie sogar. Er ist sozusagen der größte Teufel zur Verwirrung der Wissenschaftler und von uns allen.“ Das amüsiert mich. „Gott ist ein durchtriebener Zyniker, wenn du mich fragst. Er hat einfach zu viel Zeit und keine richtige Aufgabe. Was macht einer mit so viel Freizeit? Den ganzen Tag Golf spielen? Füllt das auf Dauer aus? Und überhaupt Golf im unendlichen Raum … einen Golfball könnte ja nichts mehr bremsen. Gut, hier steht mehr rum, als ich mir vorgestellt hätte. Das Kartenhaus könnte ihn vielleicht aufhalten, ein Tesserakt oder so ein Rettungsring …“ „… oder ein schwarzes Loch!“ wirft Bremer ein. Ein schwarzes Loch ist gut, vielleicht so eins wie das da drüben, das verschlänge so einen Golfball wie nichts, und das, was von ihm übrig bliebe, wäre dann so winzig klein, dass ihn selbst ein Gott mit all seiner Allmacht nicht mehr wieder fände.“ Das bringt selbst Bremer ins Grübeln. „Was würde eigentlich passieren“, frage ich, „wenn Gott auf der Suche nach dem Golfball aus Versehen in so ein schwarzes Loch tappen würde? Verschwände er dann für immer darin? Und wie brächten wir dann sein Verschwinden mit der Idee von Gottes Unsterblichkeit in Einklang?“ „Du kannst Fragen stellen“, Bremer schüttelt den Kopf. „Woher soll ich das wissen. Sind wir hier im Religionsunterricht?“ „Nein, aber lass uns das zu Ende denken. Die ganze Welt glaubt doch an unsterbliche Götter?“ „Nun“, Bremer dehnt das U sehr lang. „Was passiert, wenn dies oder jenes geschieht, kann man nicht voraussagen. Das ist ja gerade das Interessante an der Evidenz, dass sie erst dann eintritt, wenn sie evident wird, vorher ist alles nur Spekulation.“ „Wahrscheinlich ist auch Gott nur eine Schachfigur“, sage ich, „in einem großen


Spiel wie das da oben links. Wahrscheinlich auch wieder deiner Projektionen, oder?“ Bremer nickt, und ich fahre fort. „Gott könnte also eine Schachfigur sein, der König vielleicht, dessen vorzügliche Aufgabe es ist, in einer Partie mitzuspielen, deren Spielregeln nicht er bestimmt. Regeln, die wo ganz anders entschieden werden. Weit ab in dem noch größerem Gegenuniversum der dunklen Materie nämlich, das zu beobachten oder gar zu begreifen uns allen – ihm auch – schier unmöglich ist. Wir ahnen aber, dass dort alle schwarzen Löcher weiß sein müssen.“ „Logisch!“ sagt Bremer, „und die werden dann statt zu weißen, zu schwarzen Singularitäten mutieren und so ähnlich aussehen wie diese dunklen, langen Gebilde da drüben, nur eben in jungfräulichem Weiß.“ Bremer lacht. „Du meinst, die sehen aus wie Spargel?“ „Du grüne Neune“, ruft er und springt auf, „der Spargel! Ich habe völlig vergessen, auf die Uhr zu schauen. Wir müssen los, umkehren! Ingrid kann verdammt unleidlich werden, wenn ihr Essen nicht angemessen gewürdigt wird.“ „Eigentlich müssten wir doch Zeit sparen, wenn wir uns mit diesem Affenzahn durch den Raum bewegen!“, lache ich. „Am Ende kommen wir verjüngt einen halben Tag früher zurück, als wir los geflogen sind und müssen mit unserem Kohldampf noch bis zum Abend auf den Spargel warten.“ „Quatschkopf!“, tönt Bremer mit einem Schmunzeln. „Um wahrnehmbar Zeit zu gewinnen, müssten wir für ein paar Jahrzehnte unterwegs sein und nicht für eine Dreiviertelstunde. Und jetzt Achtung, festhalten!“ Aus dem Gleichgewicht geraten, falle ich mitsamt dem Stuhl nach hinten und lande auf den Holzdielen im Reich der Karten und Pläne. Bremer steht vor mir. „Sei froh, dass du angeschnallt warst“, sagt er. „Ich habe schon von Fällen gehört, bei denen sich Galaxieprobanden beim Fall von Stühlen schwer verletzt haben sollen. Hast du dir wehgetan?“ „Alles o.k.“, sage ich. „Du musst zugeben, das war mal was anderes, was?“ Da hat er Recht. Auch mit dem Spargel hat er Recht. Er ist hervorragend, serviert mit Sauce Hollandaise und Schinken, dazu Rührei mit frischer Minze angebraten und klar: Pellkartoffeln. Ein Festmahl. Ingrid ist eine fantastische Köchin. Es wäre eine Schande gewesen, wegen des zugegeben kurzweiligen Ausflugs zu spät zu kommen. Jorge Luis Borges hat in seiner Geschichte Das Aleph einen Ort beschrieben, an dem allumfassende Erkenntnis möglich ist. Dieser Ort befand sich im Treppenhaus einer alten Villa von Buenos Aires unter einer ganz bestimmten Holzstiege. Die großen Fragen über die rätselhaften Zusammenhänge des Lebens und unseres Daseins, dem Woher und Warum, fanden hier für einen Augenblick umfassende Antwort. Je abstruser diese Antwort ausfällt, umso williger sind Menschen bereit, sie als evident anzunehmen. Es ist augenfällig, dass sie gerade in der Unsinnigkeit, in der Irrationalität der angebotenen Erklärung die Bestätigung ihres Wahrheitsanspruchs finden wollen. Das Aleph könnte aber auch ganz anders verstanden werden, als Tor zur grenzenlosen Freiheit der Fantasie, wie zum Beispiel der Eingang zum Kaninchenbau in Alice im Wunderland. Ein solches Tor bietet uns Bremer an, ein Tor zur unendlichen Weite von Millionen Lichtjahre entfernten Galaxien, zu Phänomenen und Bewohnern, wie sie skurriler nicht sein könnten. Wie man sieht, habe ich dieses Tor mit großer Lust durchschritten.


Stilllebenwellen, Ă–l auf Holz, 2003, 120 x 120 cm


Stilllebenkeime, Ă–l auf Holz, 2002, 120 x 120 cm


Alphysikalischer Kopfball, Öl auf Holz, 2006, 120 x 200 cm

Ein heterotisches Kunstwerk ist ein Abnäher am Busen des sich stetig verfilzenden Gewebes der Raumzeit.“ Uwe Bremer, Heterotischer Futurismus (2000)


Stilllebenzerfall, Ă–l auf Holz, 2004, 108 x 108cm


Stilllebenpool, Öl auf Holz, 2006, 108 x 108 cm


Parallel Passage, Öl auf Holz, 1998, 120 x 100 cm


Stilllebenkuboid, Öl auf Holz, 2007, 68 x 80 cm


Uwe Bremer Biografie 1940 in Bischleben bei Erfurt) geboren; lebt und arbeitet in Gümse-Dannenberg. Seit 1963 Mitglied der Berliner Künstlergruppe „Die Rixdorfer“ Mappenwerke 1965 “Briefwechsel Frankenstein” 1966 “Striptease” 1967 “Curiosa der Galaxis” 1968 “Die Philosophie im Boudoir”, Merlin Verlag 1968 Mappe “Der Mensch”, Verlag Kress, München 1970 “Vierte Dimension”, Verlag „die insel“, Worpswede 1972 “Dracula et cetera”, Verlag Rosenbach, Hannover; “De Mutantis”, Verlag Galerie Brockstedt, Hamburg 1974 “Paraphrasen”, Verlag Galerie Rosenbach, Hannover 1976 “Atlantis”, Verlag Galerie Schmücking, Braunschweig 1976 “Die Heimholung des Hammers”, Galerie Hilger, Wien 1979 “Die schwarze Kunst”, Galerie Brockstedt, Hamburg 1982 “1ste Sonnencyclopaedie”, Verlag Hilger, Wien 2014 „Die Wiedertäufer zu Münster“, Edition Claus Steinrötter, Münster Bücher 1964 “Auf der Suche nach Dracula”, Rixdorfer Drucke 1966 “Dracula, Dracula, ein transsilvanisches Abenteuer”, Text H.C. Artmann, Rainer Verlag 1970 “Vierte Dimension”, Merlin Verlag 1973 Werkverzeichnis der Radierungen, Kestnergesellschaft, Hannover 1976 “Atlantis”, Verlag Galerie Schmücking, Braunschweig 1980 “Die lüsternen Schwestern”, Arethusa Verlag, Hamburg 1981 “Erlkönigs Tochter”, Merlin Verlag 1983 “Curiosa der Galaxis”, Galerie Steinroetter und Coppenrath Verlag, Münster 1993 “Der Dreibeinige Doktor”, Luchterhand Literaturverlag, München Sowie zahlreiche Erscheinungen innerhalb der ,,Werkstatt Rixdorfer Drucke”. Einzelausstellungen (Auswahl) 2016 Galerie Kremers, Berlin 2015 Galerie Steinrötter, Münster 2007 Galerie Steinrötter, Münster 2004 Kunstverein Ülzen 2003 Kunsthaus Apolda Museum Moderner Kunst, Passau 2001 Kunstverein Bayreuth Haus der Kultur, Halbthurn (A) Gallery Mary Vithold, Seattle (USA) 2000 Galerie Renée Laporte, Antibes (F) Roemer-Pelizaeus-Museum, Hildesheim Galerie Lévy, Madrid Landesmuseum Oldenburg 1997 Saarländisches Künsterhaus, Saarbrücken Kunstverein Salzgitter 1994 SM Spendhaus, Reutlingen 1993 Kunstverein Salzgitter(K), Salzgitter


1991 Mönchehaus-Museum für moderne Kunst, Goslar 1988 Galerie Steinmetz, Bonn Det bla Galleri, Oslo (N) 1987 Galerie 2000, Berlin 1987 Galerie Ernst Hilger, Wien (A) 1985 Galerie Schmücking, Braunschweig Galerie Welz, Salzburg (A) 1984 Galerie Peter Infeld, Wien (A) Stadtmuseum Oldenburg 1983 Galerie Ernst Hilger, Wien (A) Salzburger Landessammlungen Rupertinum, Salzburg (A) Kulturhaus Graz (A) 1980 Galerie Schmücking, Braunschweig 1979 Stadtmuseum Oldenburg Galerie Steinrötter, Münster Galerie Brockstedt, Hamburg 1978 Goethe Institut, Paris (F) Städtisches Museum (Schäfer collection), Gießen 1977 Galerie Ernst Hilger, Wien (A) Goethe Institut , New York (USA) Gallery of Graphic Art, New York (USA) Graphisches Kabinett (Karl Vonderbank), Frankfurt/Main 1976 Galerie Steinrötter, Münster Galerie Heimeshoff, Essen Galerie Schmücking, Braunschweig Galerie Hauswedell, Baden-Baden 1975 Galerie Spectrum, Wien (A) Galerie Academia, Salzburg (A) Galerie Birn, Paris (F) Kunstverein Celle 1974 Galerie Rosenbach, Hannover Graphik-Salon Gerhart Söhn, Düsseldorf Krakeslätt Galerie, Bromölla (S) Galerie Schmücking, Basel (CH) Galeri Dierks, Arhus (DK) 1973 Det bla Galeri, Oslo (N) Kestner-Gesellschaft, Hannover Graphisches Kabinett (Karl Vonderbank), Frankfurt/Main 1972 Kwabata-Kunsthaus, Tokyo (Japan) Galerie Richard P. Hartmann, München Galerie Rosenbach, Hannover Galerie Brockstedt, Hamburg Galerie Schmücking, Dortmund 1971 Galerie Niedlich, Stuttgart Galerie Niepel, Düsseldorf Galerie Schmücking, Braunschweig Galerie 2000, Berlin 1970 Galerie Die Insel, Worpswede Galerie Steinrötter, Münster Kunstverein Braunschweig Galerie 2000, Berlin 1969 galeri modern, Silkeborg (DK) Galeri Leger, Malmö (S) Galeri prisma, Kopenhagen (DK) Kunstmuseum Holstebro (DK) 1967 Overbeck-Gesellschaft, Lübeck 1966 Galerie zum Basilisken, Wien (A) 1965 Galerie Dorothea Löhr, Frankfurt/Mai 1963 Laden-Galerie, Berlin


Zeitmaschine, Farbradierung, 1989, 49.4 x 36.5 cm


Galerie Kremers Berlin www.galerie-kremers.com info@galerie-kremers.de

In Zusammenarbeit mit

Galerie SteinrĂśtter MĂźnster www.steinroetter.de info@steinroetter.de

Uwe Bremer  

Galerie Kremers - Berlin 2016

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