Metamorphosis II, Fiona Ackerman, The Cosmic Tiger

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Galerie Kremers Berlin Fiona Ackerman

Edition Galerie Kremers Berlin

Metamorphosis II

THE COSMIC TIGER

Schmiedehof 17, 10965 Berlin www.galerie-kremers.com

Metamorphosis II THE COSMIC TIGER

Fiona Ackerman Galerie Kremers Berlin



Metamorphosis II

The Cosmic Tiger Gemälde von / Paintings by

Fiona Ackerman Musik und Videokollaboration mit / Music and video collaboration with

Arjan Miranda

Edition Galerie Kremers Berlin Übersetzungen von / Translations by Herbert Genzmer

2021

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Metamorphosen überall Christine Kremers

Metamorphosen sind Verwandlungen der Wirklichkeit und finden immer und überall statt. Metamorphosen dienen aber auch der Beschreibung von Wirklichkeit, sie sind Fachbegriffe einzelner Wissenschaften, Ordnungsbegriffe, die Prozesse strukturieren und ihre Beobachtung allererst ermöglichen. Mit ihrer Fähigkeit, Wirklichkeit zu verwandeln, sind Künstler­ innen und Künstler immer an Prozessen der Metamorphose beteiligt. Diese Eigenschaft macht sie zu Experten auf diesem Feld, was Fiona Ackerman und Erik Nieminen auf je eigene Art in ihren Arbeiten reflektieren. Ihre Gemälde, Zeichnungen und Filme sind nicht nur Metamorphosen, son­ dern auch durch ihre Arbeit als bildende Künstlerin und Kün­ stler gewonnene Kommentare und Einsichten zum Thema „Metamorphose“. Ihr Werkzeug erlaubt es ihnen, auch dazu Stellung zu beziehen, was in den Wissenschaften damit gemeint ist, sie sind als Künstler immer auch Biologen, Physiker, Erzähler, Politiker, Psychologen und vor allem Philosophen … Katastrophale Metamorphosen In der Zoologie werden die Metamorphosen als katastrophal bezeichnet, in denen die Verwandlung so vollständig ist, dass vom vorherigen Zustand kaum noch etwas übrig ist1. Wären wir nicht Zeugen der Metamorphose, wir würden nie­ mals glauben, dass es sich bei Raupe und Schmetterling um ein und dasselbe Lebewesen handelt. Für Gregor Samsa in Franz Kafkas Erzählung „Die Ver­ wandlung“2 hatte die Metamorphose alle Eigenschaften einer Katastrophe: 1. Nichts war mehr, wie es vorher gewesen war. Der Prozess war unumkehrbar. 2. Er wusste nicht, wie ihm geschehen war, kannte weder den Auslöser noch den Sinn des Verwandlungsprozesses und damit auch nicht dessen Anfang und Ende. 1. Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphose_(Zoologie). Es han­ delt sich um den letzten Verwandlungsschritt zum Erwachsenenzustand (Imago) eines Insekts, in dem die Larve sich fast vollständig selber verdaut. 2. In Franz Kafkas Erzählung verwandelt sich der Protagonist, Gregor Samsa, über Nacht in einen Käfer. 2

3. Durch die Verwandlung in einen Käfer war der größte Teil seiner vorigen Existenz vernichtet. Auch wenn sie für die Außenwelt sofort sichtbar war, kamen für ihn die Folgen der Katastrophe in ihrer Tragweite erst nach und nach zum Vorschein und führten schließlich zu seiner Vernichtung. Tiefgreifende Verwandlungsprozesse sind ungeachtet ihres­ Ergebnisses immer gefährlich. Die Raupe ist im Zustand der Verpuppung völlig dem Prozess der Umwandlung hingegeben und kann nicht mit der Umgebung kommunizieren, ist wehr­ los allen äußeren Gefährdungen ausgeliefert. Doch auch wenn Metamorphosen immer krisenhafte und instabile Zustände implizieren, haben sie nicht naturgemäß negative Folgen für das Wesen, das der Veränderung unter­ liegt. Hätte die Raupe, besäße sie denn ein Bewusstsein, welches bei ihrer Verwandlung erhalten geblieben wäre, ihre neue Existenz als Schmetterling als Bereicherung empfunden? Für die meisten menschlichen Beobachter jedenfalls ist die finale Schmetterlingsform schöner als der RaupenZwischenzustand. Ob vom ästhetischen oder rein natur­ wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, ob unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit oder in der interesselosen Betrachtung: Für den Beobachter eines Verwandlungsproz­ esse ist das Resultat der Verwandlung immer von anderer Bedeutung als für den Verwandelten, und die Einschätzung der Sinnhaftigkeit der Metamorphosen von anderer Natur. Typen von Metamorphosen In der Naturwissenschaft fungiert die Metamorphose als Ordnungsbegriff, der der Beobachtung und Beschreibung natürlicher Phänomene zugrunde liegt. So wird die Metamor­ phose in der Botanik als im Zuge der Evolution stattfindende kontinuierliche funktionale Anpassung einer Pflanze an neue Umstände oder in der Zoologie als die Entwicklung eines Tieres vom Jugend- zum Erwachsenenstadium beschrieben. Übertragen auf die gesellschaftliche Ordnung des Men­ schen und sein Verhältnis zur Natur, ist die Metamorphose als Beschreibungskategorie schon deutlich weniger präzise, kann sogar den Charakter einer ideologischen Voreinstel­ lung haben in Fragen wie: • Sind wir momentan einem gesellschaftlichen Wandel unterworfen, durch den die Demokratie endgültig der ­ Vergangenheit angehört oder handelt es sich um eine momentane Krise und wird sich die Demokratie erholen?


• Ist der Klimawandel ein Prozess, der in naher Zukun­ ft zu einem Untergang der Menschheit führen wird oder ist dies eine grobe Übertreibung bzw. lassen sich die negativen Folgen durch technologischen Fortschritt weitge­ hend abfedern? • Wird die Corona-Pandemie unser gesellschaftliches Miteinander für immer verwandeln oder handelt es sich um eine vorübergehende Krise, nach der alles so weitergeht wie vorher? Genauso gut könnte man fragen, ob es sich bei den genan­ nten Prozessen um katastrophale Metamorphosen handelt oder eben nicht. In den Erzählungen der Mythologie wiederum, in denen die Geschichten der Entstehung der Welt überliefert sind und die für den Menschen in seiner jeweiligen Kultur eine hohe symbolische Bedeutung haben, markiert die Metamorphose oft den Umschlagpunkt, an dem die Geschichte eine neue Richtung einschlägt. Sie ist Ergebnis eines Kampfes, einer Revolution oder auch von höheren Mächten ausgelösten (Natur)-katastrophen, Kataklysmen wie Sintflut, Vulkanaus­ brüche und Erdbeben. Die Art und Weise, wie sich Natur­ phänomene in den verschiedenen mythischen Erzählungen zu Göttern und schließlich zum Menschen wandeln, definiert Zugehörigkeit, Sinn und Zweck der menschlichen Existenz. In der Kunstbetrachtung sind wir Zeugen von Metamor­ phosen und können als Betrachter und Betrachterin staunen über die Verwandlung, die Material, Farbe und andere Medien im Gestaltungsprozess erfahren haben. Im Kunst­ werk sind wir konfrontiert mit dem Neuem, vorher nie Dage­ wesenen, auch unabhängig davon, ob es mit jahrhunderte­ alter Technik produziert wurde. In der jüngsten Kunstgeschichte wurde immer wieder behauptet, dass bestimmte Prozesse zu einem Ende ge­ kommen sind – so wurde z.B. das Ende der Malerei oder das Ende des Tafelbildes proklamiert. Wie sich herausstellte, waren diese Einschätzungen aber immer falsch und das ­sogenannte Ende war eher der Anfang neuer Varianten und Wandlungen. Nirgendwo spielen Metamorphosen eine so große Rolle wie in der Kunst. In der schöpferischen Arbeit sind Künstlerin und Künstler wie auch die Betrachter der Kunst an einer Metamorphose

beteiligt, sie stoßen sie an, sie unterliegen ihr und sie beo­ bachten sie, wobei alle drei Handlungen sich gegenseitig beeinflussen, ablösen und überlagern können. Dabei kom­ mt dem Kunstwerk eine besondere Vermittlungsrolle zu, als ­Katalysator des Prozesses und ebenso als sein Ergebnis. In der kreativen Metamorphose manifestieren sich für den Künstler und die Künstlerin am Beginn getroffene Entschei­ dungen, die sich als so bedeutend erweisen, dass sie die weitere künstlerische Arbeit lenken. Künstler und Werk sind quasi ineinander verschlungen und erst, wenn beide vonein­ ander ablassen, ist das Resultat der Metamorphose ein verwandeltes Kunstwerk und eine verwandelte Künstler­ in. Diese sind wiederum Auslöser für Verwandlungen im Betrachtenden. Den prägnantesten Ausdruck für dieses Phänomen findet Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Archaischer Torso Apollos“, in dem er die Betrachtungsrich­ tung umdreht. Das Kunstwerk schaut den Betrachter an: „… denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.“3 In jedem Schaffensprozess wird die Welt neu erfunden. Aber Künstlerinnen und Künstler sind auch Spezialistinnen und Spezialisten für Metamorphosen. Sie sind immer auch Naturwissenschaftler und Naturwissenschaftlerinnen, die allerdings Querverbindungen und Analogien herstellen, welche die Gesetze der Wahrnehmung und die Begriffssys­ teme der Wissenschaften korrumpieren. Sie sind Geschicht­ enerzähler und Geschichtenerzählerinnen, die mit den Er­ zählsträngen spielen und uns mit irrationalen Analogien konfrontieren. In ihrer Wandlungsbereitschaft und Unange­ passtheit sind sie oft auch Identifikationsfiguren und Vor­ bilder. Wie im Folgenden deutlich wird, zeigen sich alle diese As­ pekte in den Arbeiten von Fiona Ackerman und Erik Nieminen und beide beschreiben selbst die Veränderungen, die ihnen im Laufe der kreativen Arbeit widerfahren. Für den Künstler­ und die Künstlerin ist die Metamorphose oft mehr oder ­weniger katastrophal. Dass beide sich dessen ungeachtet immer noch auf zwei Beinen und ungepanzert bewegen können, ist sehr zu ­begrüßen. 3. Rainer Maria Rilke: Archaïscher Torso Apollos. In: Sämtliche Werke. Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1955, S. 557. 3


Metamorphoses everywhere Christine Kremers

Metamorphoses are transformations of reality; they happen always and everywhere. In addition, metamorphoses aid as descriptions of reality, They are technical terms of the sciences, defining arguments that structure processes and, first and foremost, enable their proper observation. Artists, as transformers of reality, are constantly involved in the processes of metamorphosis. This quality makes them specialists. Fiona Ackerman and Erik Nieminen, each in their own way, reflect this property in their respective work. Their paintings, drawings, and films are not only transformations, they are comments on and insights into the very subject matter: “Metamorphosis”. Their tools permit them to comment on that which in scientific terminology is called metamorpho­ sis. As artists they, too, subsequently always are biologists, physicists, narrators, politicians, psychologists and, most of all, philosophers … Catastrophic Metamorphoses In zoology, those kinds of metamorphosis are called cata­ strophic whose transformation is so total that there is hard­ ly anything left of the original state.1 Were it not for us as witnesses of this particular metamorphosis, nobody would believe that the caterpillar and the butterfly are one and the same living being. Gregor Samsa’s transformation in Kafka’s story “The Meta­ morphosis”2 is catastrophic: 1. Nothing was as it had been before. The process was irreversible. 1. Vgl.: https://en.wikipedia.org/wiki/Metamorphosis. In zoological meta­ morphosis, the last stage before an insect reaches maturity is called “ima­ go”; the larva consumes itself nearly completely. 2. In Franz Kafka‘s story, Gregor Samsa, the protagonist, is transformed into a bug overnight. 4

2. He didn’t know what happened, did not know what trig­ gered it nor did he understand the deeper meaning of his transformation and, by this token, neither of its beginning nor its end. 3. By way of his transformation into a bug everything that made up his former existence was destroyed. Even though the consequences of this catastrophe were apparent to every­body else, he only slowly came to grips with its scope and the fact that it would ultimately lead to his annihilation. No matter what the results, radical processes of transfor­ mations are always dangerous. In the state of pupation, the caterpillar is completely absorbed by the process of trans­ formation and incapable of communicating with the envi­ ronment; it is defenselessly exposed to any kind of external dangers. Even though metamorphoses always imply critical and volatile conditions, they nevertheless don’t necessarily have negative consequences for the being that undergoes the transition. But would the caterpillar – if it had a conscious­ ness, which would have stayed intact during the process of the metamorphosis – experience its new existence as a butterfly as an enhancement? For most observers, however, the final form of the butterfly is far more beautiful than the interim state of the caterpillar. Whether from an aesthetic or a purely scientific point of view, in view of its utility or any kind of indifferent observation, for the observer of a metamorphosis the result of the transfor­ mation is always of a different importance than for the trans­ formed themselves, and the assessment of the sense of pur­ pose of the metamorphosis is of a totally different nature. Types of metamorphoses In natural science, metamorphosis serves as a concept of order based on observation and description of natural phenomena. For example in botany, metamorphosis is de­ scribed as the continuous, functional adaptation of a plant to new conditions in the process of evolution, and in zoology, as the development of an animal from its youth to its adult state. Translated into the social order of human beings and their interrelationship with nature, the description of metamorpho­ sis is far less precise. It can even have the character of an ideological bias triggering questions such as: • Are we at this point subject to a social change which would make democracy a thing of the past or are we dealing


with a crisis through which democracy will reclaim its posi­ tion again? • Is climatic change a process which will ultimately lead to the extinction of humankind, or is this a gross exaggeration and the negative consequences will be mostly absorbed by technological progress? • Will the COVID-19 crisis change our social interaction ­forever or are we facing a transitory crisis, which, once over­ come, will allow all previous conditions return? One could just as well ask whether or not we are facing catastrophic metamorphoses in these aforementioned pro­ cesses. Mythologies, on the other hand, which narrate the cre­ ation of the world and have a highly symbolic importance for humans in their respective cultures, often mark a transi­ tion point when history takes a new direction. These turning points are the result of struggle, of revolution, or are caused by (natural) catastrophes, cataclysms like the Deluge, volca­ nic eruptions, or earthquakes, and in mythology, are always induced by higher entities. The different ways natural phe­ nomena change into gods and ultimately into human beings in the various mythological narratives define belonging, sig­ nificance, and a purpose for human existence. Through viewing works of art, we, as observers, turn into witnesses of metamorphosis and watch in wonder how ma­ terials, colors, and other media are transformed in the act of artistic creation. In the work of art, we are confronted with something new, something that did not exist before – and this experience is independent of whether it was produced with century-old techniques or not. Recent art history has always claimed that certain pro­ cesses have come to an end. In this vein, the end of the panel painting or the end of painting itself was repeatedly proclaimed. We have come to understand that these asser­ tions have always been wrong and the so-called end was nothing but a new beginning of new variations and trans­ formations.

one another continuously. It is the artwork itself that main­ tains the particular position of mediation, as catalyzer of the process just as much as its result. Each decision the artist makes at the beginning of the inspired process is a manifestation of creative transforma­ tion. All prove to be so important that they guide the entire ­artistic work. Artist and work are intertwined, and only when they separate again is the result of this metamorphosis a transformed artwork - and a transformed artist. And they, in turn, are triggers for the transformation of the spectator. The most concise interpretation for this phenomenon was coined by Rainer Maria Rilke in his poem “Apollo’s Archaic Torso”, where the gaze is inverted and the work of art looks at the spectator: “ … for there is no angle from which it cannot see you. You have to change your life.” 3 Each act of creation is a re-invention of the world. Artists are specialists in metamorphoses; they are, to a certain extent, natural scientists, too, even though they es­ tablish references and analogies set up to corrupt the laws of perception and the terminological systems of the scienc­ es. Artists are story tellers playing with narrative strands and confronting us with irrational analogies. In their willingness to change and their unconventionality, they are often both role models and paragons, at the same time. As shown in the following pages, all the aforementioned aspects can be found in the works of Fiona Ackerman and Erik Nieminen. Both define the actual transformations they undergo in the course of their creative work. For the artist, metamorphosis often is more or less catastrophic. And the fact that, despite all, these two artists are still mov­ ing on both their legs and go unarmored, is greatly appre­ ciated.

In no other field than art does metamorphoses play such an important role. Both artists and spectators of art are implicated in the cre­ ative process; they initiate it, depend upon it, observe it, and these three engagements influence, supersede, and overlap

3. Rainer Maria Rilke: Archaïscher Torso Apollos. In: Sämtliche Werke. Erster Band, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1955, S. 557. (Translation by Sarah Stutt. https://www.theguardian.com/books/booksblog/2010/nov/15/ apollos-archaic-torso-sarah-stutt) 5


Metamorphosis II: Fiona Ackerman – The Cosmic Tiger Chrsitine Kremers

Fiona Ackerman beschreibt die Zeit unter den restrik­ tiven Bedingungen der Corona-Pandemie als Arbeit unter einzigartigen Inkubationsbedingungen und vergleicht den Reifungsprozess der schöpferischen Arbeit mit dem Verpup­ pungszustand der Schmetterlingsraupe. Die erzwungene Ruhe und Starrheit dieses Zustandes sind Voraussetzung dafür, dass etwas Neues entsteht, sei dies ein Schmetter­ ling oder ein Kunstwerk. Für die Künstlerin ist die besondere Herausforderung nicht nur das Aushalten dieses Zustandes, sondern auch die Bereitschaft – wie mit verbundenen Augen – an dem Ergebnis zu arbeiten, ohne es zu kennen. Fiona Ackerman arbeitet in Serien und nähert sich durch immer weitere Modifikationen des Arbeitsergebnisses dem Zustand an, der die Idee am besten zum Ausdruck bringt, dem, was in der zoologischen Metamorphose „Imago“ genannt wird (Erwachsenenzustand). „There was nothing in the caterpillar that told us it would be a butterfly.” Typisch für die Künstlerin Fiona Ackerman ist, dass sie dem Thema auf mehreren Ebenen begegnet und seine Be­ deutung spielerisch auslotet. Dies zeigt sich schon in ihrem früheren Arbeitszyklus zu Foucaults Begriff der Heterotopie: Sie erweitert das Begriffsfeld mit dem Fokus auf die Kunst, indem sie zeigt, dass Künstlerateliers Orte mit heteroto­ pischen Eigenschaften sind1, zudem experimentiert sie aber auch mit den von Foucault benannten Heterotopien, indem sie sie in ihren Kompositionen anschaulich werden lässt, wie in „Glasslands“2 (Gartenheterotopie).

1. Viele dieser Arbeiten waren in der Ausstellung „Spiegel im Spiegel“ 2016 zu sehen, Näheres auch im Katalog „Expeditions through the Mirror“, (https://galerie-kremers.de/expeditions-through-the-mirror/) 2. Diese Arbeiten waren zu sehen in der Ausstellung „Glasslands“ 2017, (https://galerie-kremers.de/fiona-ackerman-glasslands/)

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Ein besonderes Highlight dieser Ausstellung ist, dass ­ iona Ackerman das Video als ein weiteres Medium in ihren F Werkzeugkasten aufgenommen hat. In enger Koopera­ tion mit dem Videokünstler Arjan Miranda ist dabei ein Film entstanden, der sowohl Metamorphosen darstellt als auch selbst eine Metamorphose ist. Ausgangspunkt war eine Zeichnung von Fiona Ackerman, die, von Arjan Miranda in bewegte Bilder verwandelt, wiederum Grundlage weiterer Zeichnungen von Fiona Ackerman wurde. Dieser Austausch wurde schon mehrmals vollzogen und vollzieht sich immer noch, das Ende ist im Augenblick noch offen, der Schmetter­ ling hat sich noch nicht entfaltet. Fiona Ackerman ist eine Forscherin, die sich in ihren Ar­ beiten gerne auf naturwissenschaftliche Diskurse bezieht und deren Methoden in ihre Kompositionen einfließen lässt. Die im kreativen Prozess befindliche Künstlerin vergleicht sich und ihre Kunst nicht nur mit der verpuppten Raupe, sondern auch, im Rahmen des anderen wissenschaftlichen Diskur­ ses, auf den sie sich hier bezieht, mit Schrödingers Katze3. Erst nach Öffnen des Kastens wissen wir, ob die Katze tot oder lebendig, das Kunstwerk beseelt oder nur eine Material­ anhäufung ist. Besonders raffiniert ist, dass es gerade die Metaperspektive ist, die es der Künstlerin erlaubt, dort etwas anschaulich werden zu lassen, wo die Naturwissenschaft am spekulativsten ist. Hier öffnet sich das Feld, wo auch die fundamentalen Fragen nach den Grenzen der menschlichen Wahrnehmung, dem Sinn und den Unsinn seiner Ordnungs­ begriffe zu Tage treten.

Dabei können, wie wir sehen, unsere Beobachtungen dra­ matische Folgen haben. Selber eine Expertin auf diesem Gebiet ist sich Fiona Ackerman der Tatsache bewusst, dass sie, folgt sie Schrödingers Theorie, für den Tod seiner fiktiven Katze verantwortlich ist. Ihr Arbeitsergebnis ist keine Formel, sondern ein Bild und damit eine Vorstellung von der Welt, in der sie über das Schicksal der fiktiven Katze entscheidet. Neu ist auch der Zyklus von Arbeiten, die im Zusammen­ hang mit der Begegnung mit Maria Sybilla Merian entstan­ den sind, und auch hier spielt der Zufall eine große Rolle. Fiona Ackerman fiel im Antiquariat ein Buch in die Hände, das Leben und Werk der Naturforscherin und Künstlerin sowie ihrer Töchter beschreibt. Die Lektüre hat sie nicht ­losgelassen und ihre Arbeit dramatisch verändert. Fasziniert von dieser mutigen Frau, ihren Forschergeist und ihre akri­ bische, innovative und künstlerische Arbeitsweise fand sie in ihr eine nahe Verwandte und gleichzeitig ein Vorbild für das Verfolgen ihrer Ziele unter erschwerten Bedingungen, sei es die Malerordnung, die zu Zeiten Maria Sybilla Merians der freien beruflichen Entfaltung von Künstlerinnen enge Grenzen setzten oder die erschwerten Arbeitsbedingungen einer Künstlerin und Mutter unter den Bedingungen der Pandemie heute.

3. Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Schrödingers_Katze.a. Nach diesem von Erwin Schrödinger vorgenommenen Gedankenexperiment, das einer bestimmten Deutung der Quantenphysik folgt, entsteht eine Paradoxie: Eine in einem Kasten eingeschlossene Katze ist gleichzeitig lebendig und tot, erst nach Öffnen des Kastens entscheidet der Beobachter über ihren Zustand.

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Metamorphosis II: Fiona Ackerman – The Cosmic Tiger Christine Kremers

Fiona Ackerman describes her time during the restrictions of the COVID-19 pandemic as working under unparalleled conditions of incubation. She compares the maturing process of her creative work with the pupation of the butterfly cater­ pillar. Enforced stillness and rigidity are preconditions for the creation of something new – be it a butterfly or a work of art. For the artist it is not only the endurance of this condition, it is their willingness – with eyes blindfolded – to begin work on a project without knowing anything about it. Fiona Ackerman works in series. By way of endless modifications of the Kafka 2, 2021 Acryl auf Papier, 25,4 x 20,3 cm Acrylic on paper, 10” x 8” 8


results, her work she reaches a stage which best expresses her idea. In zoological metamorphosis this is called “imago”, the stage in which the insect reaches maturity. “There was nothing in the caterpillar that told us it would be a butterfly.” Typically of Fiona Ackerman’s work, she uses a multi-level approach to her chosen topic, fathoming its significance in a playful manner. We already know this from her works on Foucault’s term Heterotopia, where she expanded the terminology by focusing on art, showing that artists’ studios are places with heterotopical properties.1 In addition, she expe­rimented with Foucault’s heterotopias by making them visible in her compositions, for example, in her project “Glasslands”2 (garden heterotopia). As a special highlight of the present exhibition, Ackerman has added a new medium to her toolbox: video. Working in close cooperation, she and video artist Arjan Miranda made a film that depicts metamorphoses and that, in itself, is a metamorphosis. The film was based on one of Ackerman’s drawings, which Miranda transformed into animated pic­ tures, which, in turn, became the springboard for her new drawings. This exchange happened several times and it is still in progress as an open-ended project – the butterfly hasn’t yet unfolded. In her work, Fiona Ackerman likes to deal with scientific dis­ course, its methods and observation criteria and enter them into her compositions. The artist, in her creative process, re­ sembles the caterpillar in the state of pupation, or, taking into account another scientific discourse that Ackerman has

often referred to in her work: Schrödinger’s cat.3 Only after having opened the box do we know whether the cat is alive or dead; whether the work of art is inspired or only a compi­ lation of materials. It is particularly intriguing that it is the very meta-perspective that enables the artist to make something visible where the sciences are at their most speculative. It is the point that opens the field to fundamental questions about human perception and sense and senselessness of science’s defining arguments. A champion of observation herself, Fiona Ackerman is very well aware that she, following Schrödinger’s theory, is responsible for the death of the fictitious cat, because her work does not result in any kind of formula but is a painting and as such, is an image of the world. Thus, it is she who decides the fate of the cat. A new aspect of her work is a series that emerged from her encounter with Maria Sybilla Merian. By chance Fiona Ackerman got hold of a book about this natural scientist and artist, and her two daughters’ life and work in a second hand bookstore. Reading this book became a central part of and dramatically changed her work. Fascinated by this coura­ geous woman, her spirit as a researcher and her meticulous, innovative, and artistic operating principles, she discovered both a soulmate and a paragon who was pursuing her goals under difficult circumstances – be that the particularity of women under the repressive social order of their time or the difficult conditions of an artist and mother working under the conditions of the pandemic.

1. Many of these works were in the exhibition „Spiegel im Spiegel“ 2016, please see the reference in the catalogue „Expeditions through the Mirror“, (https://galerie-kremers.de/expeditions-through-the-mirror/) 2. These works were in her exhibition „Glasslands“ 2017, (https://galeriekremers.de/fiona-ackerman-glasslands/)

3. see: https://de.wikipedia.org/wiki/Schrödingers_Katze In the theorem by the Austrian-Irish physicist Erwin Schrödinger, following a certain inter­ pretation of quantum physics, a cat, locked into a box, is both alive and dead, her condition can only be determined by the observer after opening the box.

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„Singen heißt mich das Herz von Gestalten, verwandelt in neue Leiber. Ihr Götter, gebt, habt ihr doch auch sie einst verwandelt, Gunst dem Beginnen und leitet mein stetig fließendes Lied vom Ersten Ursprung der Welt bis herab zu unseren Tagen.“ Ovid, Metamorphoses1

Now I shall tell of things that change, new being Out of old: since you, O Gods, created Mutable arts and gifts, give me the voice To tell the shifting story of the world From its beginning to the present hour. Ovid, The Metamorphoses2

1. Publius Ovidius Naso, Metamorphosen (lat.-deut.), übersetzt von Erich Rösch, 1992, Artemis & Winkler, München, Erstes Buch, S. 7 2. Translation by Horace Gregory, 1958, The Viking Press, New York, Book 1, pg 3

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Atelier / Studio Vancouver 2021

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Under Garden, 2019 Acryl auf Leinwand, 162,5 x 101,5 cm Acrylic on canvas, 64 x 40”

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Reflections on Art and Metamorphosis During a Pandemic Fiona Ackerman, Oct 2020

Art is the site where ideas converge – the essence of what we’re seeing, reading, hearing, and experiencing. My paint­ ing practice is an attempt to fuse ideas and consolidate concepts through composition. The approach is abstract and collage-like, a process of posing questions in order to find connections between ideas, textures, marks, and co­ lour. As such, my work over the past twenty years has not remained stylistically constant. While there are clear threads running throughout, I’ve worked primarily in series, evolving the approach to meet current personal inquiries. The result of this continued pursuit is constant metamorphosis. Recently, I’ve been responding to historical botanical illustration, as exemplified by Painting for M.S. Merian, in­ spired by 17th century German-born scientific illustrator and naturalist Maria Sibylla Merian and her two daughters, Johanna and Dorothea. From a very young age, Merian was interested in insects. In her thirties she engraved and etched the 100 plates that made up a two-volume series on caterpillars and the pro­ cess of metamorphosis that produces a butterfly. She’s been credited as the first to do so; her work has influenced future scientists and artists alike. In 1699, Merian was a 52-year-old divorced mother of two living in Amsterdam. She was also ambitious and accomplished in her field. She sold 255 of her illustrations to help finance a trip to Dutch Suriname with her 21-yearold daughter Dorothea, where they would study and do­ cument insects. Both of Maria’s daughters made significant contributions to scientific illustration, often working under their mother’s name. I was struck to discover a woman of such ambitious in­ dependence in the 17-century. Her life and work on meta­ morphosis set me thinking about the incubation of creative ambition. I was reminded recently of a Buckminster Fuller quote: “There is nothing in the caterpillar that tells you it’s going to be a butterfly”. Thirteen-year-old Maria raised silk­ worms. One could point to that as the thread to her later self. But children are curious by nature. How are ideas woven to­ gether? Who would have predicted the girl who liked bugs would open our eyes to metamorphosis? There’s nothing in the caterpillar that tells you it will one day be a butterfly. 14

Maria Merian’s life was an expression of metamorphosis. She incubated ideas and continually reinvented herself. Metamorphosis is the seamless action of evolution. In researching botanical history, I read The Botany of ­Desire by Michael Pollan, in which Pollan describes highly symbiotic relationships between humans and a number of plants such as tulips and apples, suggesting that these plants have effectively used humans to facilitate their own reproduction and achieve their great successes as species. Today, painting through the Covid-19 pandemic period, I’m reflecting on the last six months of global withdrawal. I share with many others a strong sense of isolation and loss. During the first pandemic months, I worked feverishly to keep up momentum, exercising my creative muscles in every way possible in an effort to come through this period unchanged. But it soon became clear that time and change are insepa­ rable. As the pandemic destabilized artists and the art world at large, many felt bewildered, asking What now? What next? How will we climb back? Where does forward go? Jerry Saltz responded to these questions in his very hope­ ful article When The Artworld Goes Dark, pointing out that art is by nature a changing beast. In the piece, he wrote, “I actually think art might be using us to reproduce and evolve itself”. Art is the tulip and apple. Art is metamorphosis. A life in art is a life of constant metamorphosis. For Maria, Johanna, and Dorothea, life was shaped by their service to art. In our pre-pandemic culture, Art focused on the new, the next, the fresh. It was something in constant need of push. We asked of art to show us the future, or at very least to demonstrate believable chronology to explain the evolving present, to give the relentless forwardness of time some kind of shape. What can we ask of art in this strange new time, when our previous foresight seems in retrospect so naive? There was nothing in the caterpillar that told us it would be a butterfly. We know now that the incubation itself indicated the poten­ tial. The metamorphosis is the art. In a time when the past seems distant and the future unclear, perhaps art has never made more sense.


Painting for Maria Sibylla Merian, 2019, Acryl auf Leinwand, 122 x 128,6 cm / acrylic on canvas, 48” x 90”

Gedanken über Kunst und Metamorphose in Zeiten einer Pandemie Fiona Ackerman, Oktober 2020

Kunst ist der Ort, wo Ideen zusammenlaufen – der Kern dessen, was wir sehen, lesen, hören und erleben. Meine Malweise ist ein impressionistischer Versuch, Ideen in Kompositionen zu verschmelzen und Konzepte zusam­ menzuführen. Der Ansatz ist abstrakt und kollagenhaft, ein Prozess der Fragestellung, der darauf abzielt, Verbin­ dungen zwischen Ideen, Texturen, Zeichen und Farben zu hinterfragen. Meine Arbeit der letzten zwanzig Jahre ist ­stilistisch nicht konstant. Gibt es auch klare Verbindungen, die sich durch mein Werk ziehen, habe ich hauptsächlich in Serien gearbeitet und den Ansatz so gestaltet, mich j­e­weils augenblicklichen persönlichen Fragestellungen anzu­ nähern. Das Ergebnis dieses fortlaufenden Prozesses ist konstante Metamorphose.

In letzter Zeit setzte ich mich in meiner Malerei mit his­ torischen botanischen Illustrationen auseinander, wie zum Beispiel in dem Bild Painting for M.S. Merian (Gemälde für M.S. Merian), inspiriert durch die deutsche Naturforscherin Maria Sybilla Merian und ihrer beiden Töchter Johanna und Dorothea aus dem 17. Jahrhundert. Schon früh in ihrer Jugend interessierte sich Merian für Insekten. Ab etwa ihrem dreißigsten Lebensjahr fertigte sie die 100 Gravuren und Radierungen für ihre zweibändige Ausgabe über Raupen und den Prozess der Metamorphose bis hin zum Schmetterling an. Man schreibt ihr zu, die erste gewesen zu sein, die sich mit diesem Thema auseinander­ setzte, und ihre Arbeiten beeinflussten sowohl zukünftige Wissenschaftler als auch Künstler. 15


Im Jahr 1699 war Merian mit 52 Jahren geschieden und lebte als alleinerziehende Mutter in Amsterdam. Sie war ­ambitioniert und in ihrem Fach anerkannt. Um eine Reise mit ihrer 21jährigen Tochter Dorothea in die niederländische ­Kolonie Surinam zu finanzieren, wo sie Insekten beobacht­ en, untersuchen und dokumentieren wollten, verkaufte sie 255 ihrer Illustrationen. Beide Töchter Marias leisteten maß­ gebliche Beiträge im Bereich wissenschaftlicher Illustrationen und beide arbeiteten oft unter dem Namen ihrer Mutter. Es hat mich beeindruckt, im 17. Jahrhundert eine Frau mit derart ausgeprägtem Sinn für Unabhängigkeit zu entdecken. Weit darüber hinaus waren ihr Leben und ihre Beschäftigung mit Metamorphosen der Beginn meiner Auseinandersetzung mit der Inkubation kreativer Ambitionen. Unlängst stieß ich auf ein Zitat von Buckminster Fuller: „Nichts an einer Raupe sagt dir, dass sie ein Schmetterling sein wird.“ Die 13jäh­ rige Maria züchtete Seidenraupen, was man als Vorzeichen auf ihr späteres Leben deuten könnte. Doch Kinder sind von Natur aus neugierig. Auf welche Weise sind bestimmte Vor­ stellungen miteinander verwoben? Wer hätte sich vorstellen können, dass dieses Mädchen und ihre Vorliebe für Käfer uns dabei helfen würde, die Metamorphose zu erschließen? Nichts an einer Raupe sagt dir, dass sie eines Tages ein Schmetterling sein wird. Maria Merians Leben war an sich Ausdruck von Metamor­ phose. Sie brütete Ideen aus und erfand sich immer wieder neu. Metamorphose ist das nahtlose Vorgehen der Evolution. Während meiner Beschäftigung mit der Geschichte der Botanik las ich „Die Botanik der Begierde“ von Michael ­Pollan. Er beschreibt darin äußerst symbiotische Beziehun­ gen zwischen Menschen und einer Reihe von Pflanzen wie zum Beispiel Tulpen und Apfelbäumen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass sich diese Pflanzen auf besonders wirk­ same Weise der Menschen bedient haben, um ihre eigene Fortpflanzung voranzutreiben und als Arten einen derart großen Erfolg erzielen zu können. Und während ich heute in Zeiten der Covid-19 Pandemie male, denke ich über mein sechsmonatiges zurückge­

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zogenes Leben nach. Wie viele andere fühle ich mich sehr isoliert und vermisse vieles. Während der ersten pande­ mischen Monate war ich fieberhaft damit beschäftigt, an der Dynamik meiner Arbeit festzuhalten, ich trainierte meine kreativen Muskeln auf jede nur erdenkliche Weise, um diese Periode unverändert zu überstehen. Aber ich begriff schnell, dass Zeit und Wandel untrennbar miteinander verwoben sind. Und so wie die Pandemie Künstler und Kunst aus dem Gleichgewicht hob, wurde eine Frage immer lauter: Was jetzt? Was kommt als nächstes? Wie schaffen wir den Weg zurück? In welcher Richtung liegt vorwärts? In seinem Artikel „When The Artworld Goes Dark” (Als die Kunstwelt dunkel wird) antwortete Jerry Saltz hoff­ nungsvoll auf diese Fragen, indem er zeigte, dass Kunst an sich eine sich ständig verändernde Bestie ist. Er schrieb: „Ich glaube tatsächlich daran, dass die Kunst uns benutzt, um sich fort­zupflanzen und sich weiter­ zuentwickeln.“ Kunst ist Tulpe und Apfelbaum. Kunst ist Metamorphose. Ein Leben in der Kunst ist konstan­ te Metamorphose. Marias, Johannas und Dorotheas Leben wurden durch den Dienst an der Kunst geformt. In unserer vor-pandemischen Kultur strebte Kunst nach dem Neuen, dem Nächsten, dem Frischen, sie war auf der ständigen Suche nach dem einen, neuen Anstoß. Wir be­ fragten die Kunst wie ein Orakel nach dem, was kommt oder zumindest danach, uns eine glaubhafte Chronologie der sich abspulenden Gegenwart zu zeigen, um dem erbarmungs­ losen Vorwärtsdrängen der Zeit Form gegen zu können. Was können wir aber in dieser auf seltsame Weise neuen Zeit von der Kunst erwarten, wenn uns unser letzter Blick in die Zukunft aus heutiger Perspektive so vollkommen naiv vorkommt? Nichts an einer Raupe sagte dir, dass sie ein Schmetterling sein wird. Heute wissen wir, dass es die Inkubation selbst war, die auf das Potential verwies. Meta­ morphose ist Kunst. Zu einer Zeit, da die Vergangenheit uns so weit weg und die Zukunft so unklar erscheint, wird uns vielleicht klar, dass Kunst noch nie so viel Sinn ge­ macht hat.


Painting for Dorothea and Johanna, 2019 Acryl auf Leinwand, 142. x 208 cm Acrylic on canvas, 56 x 82 inches

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THE COSMIC TIGER Pandemic, Metamorphosis and Creative Collaboration Fiona Ackerman

Change and transformation are the ways of the world. Culture is always in a state of flux, the cycle of life preventing any form of static existence. However, the isolation imposed by the C-19 pandemic has created unique incubative conditions forcing us into what feels like a prolonged in-between, metamorphic state. Em­ barking on an exhibition exploring metamorphosis while in the throws of lockdown feels like a blind pursuit. There is no hindsight with which to understand this murky present, no clear indication of what we will have become when we emerge. The mission of this collaborative project has not been to find conclusions. Rather, to nourish questions. It’s an exploration of the ill-defined state inside the ­cocoon, between caterpillar and butterfly. This active metamorphic state is a highly ­vulnerable condition. Unpredictable and volatile, it happens just out of reach of any singular place or perspective. The same place I believe is born of creative colla­boration, not the result of that collaboration, but specifically the process. Inside the pupa is neither a caterpillar nor a butterfly. Yet there is a something, fighting to define itself. In order to create an in-between space of exploration, one must define the edge. The space between myself and all else being too vast, I invited musician and video artist Arjan Miranda to take this journey with me. We worked incrementally: I would send him snippets of video often derived from painting, which he would manipulate and transform before sending back. This new, always surprising video footage would then be woven into the next paintings – an open-ended reading and note taking about the metamorphosis theme. What it may have meant for Kafka, for Nietzsche, Ovid and Maria Sybilla Merian. Or what the in-between metamorphic state meant to Timothy Leary, Zhuang Zhou or Erwin Schrödinger. The title of this exhibition, The Cosmic Tiger, sprung from my accidental mis­ reading of the title of RA Wilson’s 1977 book The Cosmic Trigger. Once conjured, the image stuck: I’ve found no better symbol to tie together the inside of this creative collaboration than the cat, enclosed in Schrödinger’s box, experiencing all possibilities at once. In our telling of the metamorphosis story, the cat is a tiger, traveling an infinite universe of potential. Destination unknown.

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DER KOSMISCHE TIGER Pandemie, Metamorphose und kreative Zusammenarbeit Fiona Ackerman

Veränderung und Transformation bestimmen den Lauf der Welt. Kultur befindet sich in einem Zustand steten Wandels, denn der Lebenszyklus verhindert jegliche Art von statischer Existenz. Allerdings hat die Isolation, die uns die C-19 Pandemie auferlegt hat, einzigartige, fast einer Inkubation ähnliche Bedingungen geschaffen, die uns in etwas hineingezwungen haben, was sich wie eine verlängerte Zwischenwelt, wie ein metaphorischer Zustand anfühlt. Mit einer Ausstellung zu beginnen, die das Thema Metamorphose erkundet, während man selbst in den Fängen eines Lockdown steckt, fühlt sich an, wie im Dunkeln zu tasten. Es gibt keinen Rückblick, der dabei behilflich sein könnte, diese düstere Gegenwart zu begreifen, keine klaren Anhaltspunkte dafür, was wir geworden sein werden, wenn wir wieder daraus auftauchen. Es war nicht das Anliegen dieses Gemeinschaftsprojekts, Antworten zu finden, statt­ dessen ging es darum, weitere Fragen zu stellen. Es handelt sich um eine Erkundung der nie wirklich definierten Beschaffenheit im Inneren des Kokons, des Übergangs von der Raupe zum Schmetterling, denn diese metamorphische Zwischenwelt ist ein höchst empfindlicher und verwundbarer Zustand. Unvorhersehbar und fast launisch befindet er sich außerhalb jedweden Orts oder jeglicher Perspektive. Für mich ist es derselbe Ort, der durch kreative Zusammenarbeit entsteht, dabei ist er nicht das Ergebnis dieser Kollaboration, sondern eindeutig ihr Prozess. In der Larve ist weder eine Raupe noch ein Schmetterling, aber da ist etwas, das darum kämpft, sich selbst zu definieren. Um einen Zwischenraum schaffen und erkunden zu können, muss man seine Grenzen definieren. Da der Raum zwischen mir und allem anderen zu groß ist, habe ich Musiker und den Videokünstler Arjan Miranda eingeladen, sich gemeinsam mit mir auf diese Entdeckungsreise zu begeben. Unsere Zusammenarbeit verlief schrittweise: Ich schickte ihm Ausschnitte von Videos, die oft auf Gemälde zurückgingen, die er seinerseits bearbeitete und damit verwandelte, bevor er sie zurücksandte. Darauf wurde dieses neue, immer wieder überraschende Videomaterial mit den nächsten Gemälden verwoben. Während der gesamten Zeit unserer Zusammenarbeit haben wir über das Thema Metamorphose gelesen und uns Notizen gemacht, darüber, was es für Kafka, Nietzsche, Ovid und Maria Sybilla Merian bedeutet haben könnte. Oder was der Zwischenraum der Metamorphose Timothy Leary, Zuang Zhou oder Erwin Schrödinger bedeutete. Der Titel dieser Ausstellung: „The Cosmic Tiger“ (Der kosmische Tiger), ergab sich aus einer Verwechslung, einem Fehler, denn ich hatte den Titel von RA Wilsons Buch von 1977 „The Cosmic Trigger“ zu schnell gelesen. Dieser falsch gelesene Titel ­zauberte ein Bild in meine Vorstellung, das ich nicht mehr habe korrigieren können, denn ich fand kein besseres Symbol für die Verdeutlichung des Inneren dieser kreativen Kollaboration als die Katze in Schrödingers Kiste, die sich gleichzeitig allen Möglichkeiten ausgesetzt sah. In unserer metamorphischen Geschichte ist die Katze ein Tiger, der mit unbe­ kanntem Ziel ein endloses Universum unendlicher Möglichkeiten durchreist. 19


Dreizehn Fragen

1. Sehnt sich Gregor Samsa in Kafkas „Die Verwandlung“ danach, anders zu sein? Oder ist die Metamorphose unerwünscht? 2. Wodurch unterscheidet sich die Metamorphose von der Reinkarnation? Wodurch vom Tod? 3. Ist die Raupe in einem Schmetterling gefangen oder hat sie sich von ihm befreit? 4. Bleibt etwas von der Raupe zurück, wenn sie dann weg ist? Wenn nicht, wie könnte das denn nicht der Tod sein? 5. Was geschieht in der Larve? Und was ist mit Schrödingers Katze? 6. a) Schrödingers Katze lebt und ist tot. Ist die Larve Schmetterling und Raupe? b) Ist der schlafende Gregor Samsa gleichzeitig Mensch und Käfer? c) Wann zerfällt in Schrödingers Theorem ein Atom, wann setzt der Geigerzähler ein, hebt sich der Hammer, zerschlägt den Kolben und tötet die Katze? d) Wann genau wird Gregor Samsa zum Käfer? 7. Wenn wir den Schmetterling sehen, denken wir nicht mehr an die Raupe. Warum akzeptieren wir eine visuelle Metamorphose, während uns eine persönliche Metamorphose oft suspekt bleibt? 8. Wenn Gregor Samsa als Käfer aufwacht, beginnt Kafkas Albtraum. Der Quantenphysik nach ist er genau in dem Augenblick zum Käfer geworden, als er als Käfer erkannt wurde. Haben wir also schon eine Metamorphose durchlaufen, wenn wir als andere betrachtet werden? 9. Ist es Metamorphose, wenn wir uns selbst als verändert betrachten oder wenn es andere tun? 10. Kann die Katze auch der Betrachter sein? Können wir uns nicht selbst betrachten? 11. Die Realität der Quantenmechanik schließt beide Möglichkeiten bis zu dem Zeitpunkt ein, wenn eine der beiden festgestellt wird. Wie mächtig ist der Geist? Ist etwas so, wie ich es sehe? Oder bedarf meine Betrachtung eines Betrachters? 12. Können wir das Leben nur in Beziehung zu anderem Leben erleben? 1 3. Wer bin ich in der Isolation?

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The Book of Changes I, 2021 Acryl auf Leinwand, 122 x 183 cm Acrylic on canvas, 48” x 72”

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Thirteen Questions 1. In Kafka’s The Metamorphosis, does Gregor Samsa long to be different? Or is the metamorphosis unwelcome? 2. How is metamorphosis different from reincarnation? From death? 
 3. Is the caterpillar imprisoned in a butterfly or liberated from itself? 
 4. If it is simply gone, does anything essential of the caterpillar still exist? If not, how is this not death? 5. What happens inside the pupa? What about Schrödinger’s cat? 
 6. a) Schrödinger’s cat is dead and alive. Is the pupa both a butterfly and a caterpillar? 
 b) Is the sleeping Gregor Samsa a man and a beetle? c) In Schrödinger’s thought experiment, at what point does the atom decay, set off the Geiger counter, set off the hammer, smash the flask and kill the cat? d) When does Gregor Samsa become a beetle? 7. We forget the caterpillar when we see the butterfly. Why is visual metamorphosis acceptable, but personal metamorphosis often viewed as suspect? 8. When Gregor Samsa wakes up transformed into a beetle, Kafka’s nightmare begins. According to quantum mechanics, he has become a beetle the moment he is recognised as a beetle. Therefore, have we undergone metamorphosis once
 we are seen differently? 9. Is it metamorphosis when we see ourselves as changed, or when others do? 
 10. Can’t the cat be the observer? Can we not self observe? 
 11. A quantum mechanics state of reality includes both possibilities until one possibility 
is observed. If I see it as so, is it so? Or does my observation need an observer? How powerful is the mind? 12. Can one only experience life in relation to other life? 
 13. Who am I in isolation?

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The Book of Changes 2, 2021 Acryl auf Leinwand, 122 x 183 cm Acrylic on canvas, 48” x 72”

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Video Stills Fiona Ackerman & Arjan Miranda 24


Lieber Schrödinger,

Dear Schrödinger,

Ich bemitleide die fiktive Katze Tot, wie sie da liegt In ihren Mord bin ich verstrickt Mein Geist ist eines Gewaltverbrechens schuldig.

I pity our fictitious cat Lying dead I am complicit in its murder My mind is guilty Of a violent fiction.

The Inside, 2021 Acryl auf Leinwand, 50,8 x 96,5 cm Acrylic on canvas, 20” x 38”

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Video Stills Fiona Ackerman & Arjan Miranda


Catasticta Sibyllea Öl und Acryl auf Leinwand, 76,2 x 66 cm Oil and acrylic on canvas, 30” x 26”

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Time I, 2021 Acryl auf Leinwand, 122 x 101,5 cm Acrylic on canvas, 48” x 40”

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Time II, 2021 Acryl auf Leinwand, 122 x 101,5 cm Acrylic on canvas, 48” x 40”

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Video Stills Fiona Ackerman & Arjan Miranda

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Quanta, 2021 Acryl auf Leinwand, 120 x 130 cm Acrylic on canvas, 47,25” x 51”

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Der Schmetterlingstraum Zhuangzi, China 476–221 BC

Einst träumte Zhuang Zhou, dass er ein Schmetterling wurde, der beschwingt umherflatterte. Er hatte Freude an sich und folgte allen seinen Regungen. Dabei wusste er nicht, dass er Zhuang Zhou war. Plötzlich wurde er wach; da war er Zhuang Zhou – ganz eindeutig nur dieser. Nun weiß man nicht, ob es Zhuang Zhou war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling geworden, oder ob es ein Schmetterling war, der geträumt hat, er sei Zhuang geworden. Es gibt aber gewiss zwischen Zhuang Zhou und einem Schmetterling einen Unterschied. Dies ist damit gemeint, wenn gesagt wird: „Die Wesen unterliegen dem Wandel“.1

The Butterfly Dream Zhuangzi, China 476–221 BC

“Once Zhuang Zhou dreamed he was a butterfly, a butterfly flitting and fluttering around, happy with himself and doing as he pleased. He didn’t know he was Zhuang Zhou. Suddenly he woke up, and there he was, solid and unmistakable Zhuang Zhou. But he didn’t know if he were Zhuang Zhou who had dreamed he was a butterfly or a butterfly dreaming he was Zhuang Zhou. Between Zhuang Zhou and a butter­ fly, there must be some distinction! This is called the Transformation of Things.”2

1. Übersetzung Henrik Jäger: http://www.henrikjaeger.de/chinesische-philosophiedas-lesebuch-projekt/zhuangzi/textbeispiele/-schmetterlingstraum.htmlt 2. Zhuangzi: Basic Writings, Burton Watson, trans. Columbia University Press, 2003 32


The Transformation of Things 2021 Acryl auf Leinwand, 142 x 103 cm Acrylic on canvas, 56” x 40” 33


Der Tigertraum Eines Nachts träumte ein Schmetterling, sie wäre eine mächtige Tigerin, deren Streifen das Universum umspannten. Sie war furchtlos in ihrer unendlichen Weisheit und das Wunder besorgte sie nicht. Sie erkannte sich nicht als zerbrech­licher Schmetterling. Sie erinnerte sich nicht daran, zu etwas Neuem geworden zu sein. Plötzlich wachte sie auf und sah, dass ihre schwarzen Streifen unendliche Kreise geworden waren, die sich langsam zuzogen. Sie war ein Schmetterling, deren leichte Flügel sacht auf einer Brise der Neugier schwebten. Nun wusste sie aber nicht, ob sie ein Schmetterling war, die geträumt hat, sie sei eine Tigerin ge­ worden, oder ob sie eine Tigerin war, die geträumt hat, sie sei ein Schmetterling geworden. Zwischen Anfang und Ende muss es einen Unterschied geben. Das meint man, wenn man davon spricht: „Die Wesen unterliegen dem Wandel“.

The Tiger Dream One night, the butterfly dreamed she was a powerful tiger, her stripes expanding to the far reaches of the universe. Fearless in her infinite wisdom, she was unburdened by wonder. She did not know she was a fragile butterfly. She had no memory of being new. Suddenly she woke up and saw that her black stripes were infinite circles, closing in on themselves. She was a butterfly whose light wings floated gently on a breeze of curiosity. But was she was a butterfly dreaming she was the tiger, or the tiger dreaming herself a butterfly. Between the beginning and the end there must be some distinction. This is called the Transformation of Things.

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The Cosmic Tiger, 2021 Acryl auf Leinwand, 120 x 140 cm Acrylic on canvas, 47,25” x 55”

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Video Stills Fiona Ackerman & Arjan Miranda

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The Dream, 2021 Acryl und Öl auf Leinwand, 76,4 x 91,3 cm Acrylic and oil on canvas, 30” x 36”

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Video Stills Fiona Ackerman & Arjan Miranda

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Down the Mountain, 2021 Acryl und Öl auf Leinwand, 142,2 x 172,7 cm Acrylic and oil on canvas, 56” x 68”

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Arjan Miranda Born in Victoria BC Canada, Arjan Miranda is an artist and musician living in Brooklyn NY. He came up in the underground art and music scenes of Vancouver and New York. He currently plays with Black Mountain, and releases music and visuals under his name. arjanmiranda.com

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Fiona Ackerman Originally from Montreal, Fiona Ackerman studied paintings at Concordia University and completed a BFA at Emily Carr University in 2002. With over 20 solo exhibitions (Canada, USA, Europe, UK and Asia), she has been represented by Galerie Kremers Berlin since 2016. In 2015 she was longlisted for the Sobey Art Prize and received an honourable mention for the Kingston Prize for Canadian Portraiture in 2009. Fiona’s studio practice extends beyond painting to include several large-scale murals in Vancouver. In 2017 she was commissioned to create a 10 minute video projection for the Facade Festival (Burrard Arts Foundation) which was projected onto the facade of the Vancouver Art Gallery. In her free time, she writes and records music and videos, often working collaboratively with other musicians. Fiona Ackerman has been living and working in Vancouver since 2000. Education 2002 BFA, Emily Carr Institute of Art and Design, Visual Arts, Vancouver 1998 - 2000 Concordia University, Painting and Drawing, Montreal Selected solo exhibitions 2021 Metamorphosis: The Cosmic Tiger, Galerie Kremers, Berlin Germany 2020 Flowers for Rapunzel, Herringer Kiss Gallery, Calgary AB 2019 Canadian Wildflowers, Oeno Gallery, Bloomfied Ont. 2019 Herbaria, Gallery Jones, Vancouver BC 2018 Act Naturally, Herringer Kiss Gallery, Calgary AB 2017 Grasslands II, Galerie Kremers, Berlin Germany 2016 Glasslands, Winsor Gallery, Vancouver BC 2016 Spiegel im Spiegel, Galerie Kremers, Berlin 2016 Chaos Theory, Herringer Kiss Gallery, Calgary AB 2015 Night Driving, p|m Gallery, Toronto ON 2015 Aus der Wunderkammer des Friedrich Meckseper, White Brush Gallery, Düsseldorf Germany 2014 What has Already Been Said is Still Not Enough, Galerie Pfaff, Schwarzenbruck, Germany 2014 It’s not You, Ir’s Me, Winsor Gallery, Vancouver BC 2014 Amplifier, Herringer Kiss Gallery, Calgary AB 2013 Die Ordnung der Dinge, White Brush Gallery, Düsseldorf Germany 2012 Expeditions Through the Mirrror Galerie Claus Steinrötter, Müster Germany 2012 Heterotopia, Winsor Gallery, Vancouver BC 2011 Celebratory Gunfire, Herringer Kiss Gallery, Calgary AB 2010 Artificial Kingdom, Parts Gallery, Toronto ON 2009 A Harlequin Escapade, Diane Farris Gallery, VancouverBC 2005 Heavy Sky Over Surabaya, Galerie Jurgen Kaspar, Nuremberg, DE

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Select Group Exhibitions 2020 Flatbed Pictures, Herringer Kiss Gallery, Calgary AB 2020 Evergreen Cultural Centre, Coquitlam BC 2020 Freestyle, Galerie Kremers, Berlin 2018 Abstraction, Bluerider ART, Taipei, Taiwan 2018 Abstractions Actuelles, Galerie D’Este, Montreal 2017 Vancouver Mural Festival Exhibition, Burrard Arts Foundation, Vancouver BC 2017 O Canada, Beers London, London UK 2017 Modus Operandi, Herringer Kiss Gallery, AB 2016 Mimetic Workshop: Studio Still Lifes of Fiona Ackerman and Kelly Lycan, Surrey Art Gallery, BC 2015 Concurrent 2, Winsor Gallery, Vancouver BC 2014 Concurrent, Winsor Gallery, Vancouver BC 2014 Abstrakt – Informel, White Brush Gallery, Düsseldorf Germany 2010 Pushing the Edge, Diane Farris Gallery, Vancouver BC 2009 “Kingston Prize for Canadian Portraiture” Kingston, Ont., Toronto Ont., Wolfville NS, Calgary AB 2007 “Halcyon Days.” Diane Farris Gallery, Vancouver BC 2007 “Portrayal.” Diane Farris Gallery, Vancouver BC Art Fairs 2020 Hamptons Art Fair 2019 Art Toronto / Seattle Art Fair / Art Budapest 2018 Art Taipei / Seattle Art Fair 2017 Art Budapest / Positions Berlin 2016 Art Toronto / Budapest Art Fair 2014, 2013, 2012, 2010 Art Toronto Special Projects / Honours 2020 750 sq.ft mural at 813 Burrard St, Vancouver BC 2018 City of Vancouver Art Wraps 2018 Interior mural at Earls Ambleside Beach restaurant, Vancouver BC 2017 Mural at 2525 Ontario, Vancouver BC. Vancouver Mural Festival/ Burrard Arts Foundation 2017 Over the Garden Wall. Video projection on Vancouver Art Gallery. Burred Arts Foundation. 2015 Sobey Art Award - Longlist 2009 Honorable Mention, Kinston Prize Portrait Competition, Kingston Arts Council 2008 “Carte Blanche, Vol. 2 – Painting.” The Magenta Foundation Collections Richard Ivey School of Business, Bankhaus Bauer HT, Stuttgart Germany, BMO – Bank of Montreal, Foreign Affairs and International Trade Canada, Polygon, Aritzia fionaackerman.com @ackermanfiona fionaackerman@gmail.com 42


Alle Farben eines Sonnenaufgangs erwachen in einem klaren, blauen Himmel Am Fuß des Bergs, wo Lasten liegen Bin ich mir im Innern fremd Dein Hunger macht dich wild Bin ich mir im Innern fremd Bin ich mir im Innern fremd All the colours of a new sunrise Awake into clear blue sky Down the mountain where burdens lie I am strange on the inside It’s your hunger that makes you wild I am strange on the inside I am strange on the inside

Text / Lyrics Metamorphose Arjan Miranda & Fiona Ackerman, 2021

Silks and Linens of Yesterday’s Gowns To All Tomorrow’s Parties, 2020, Acryl und Öl auf Leinwand, 91,4 x 91,4 cm, acrylic on canvas, 36 x 36,

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Exkurs – Kafka reloaded

Kafka, 2021 Acryl auf Papier, 25,4 x 20,3 cm Acrylic on paper, 10” x 8”


Metamorphose von Gregor Hiltner

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf des­ sen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“1 So steht es bei Franz Kafka. Tatsächlich ereignete es sich anders. Als Gregor Samsa an einem lauen Januarmorgen des Jahres 2020 erwachte, war alles wie immer. Auch an seinem Körper konnte er keinerlei Auffälligkeiten wahrnehmen. Einzig spürte er eine leise, unheimliche Bedrohung, die ihn verunsicherte. Ein angeblich hochgefährliches Virus sei im fernen China aufgetaucht, las er und hörte es in den Nachrichten, auf einem Markt, auf dem lebende Wildtiere zum Verzehr angeboten wurden, darunter Schuppentiere und Fledermäuse. Angewidert schüttelte Gregor den Kopf, allein der Gedanke daran, wie man Derartiges essen konnte, war ihm schleierhaft. Diese Chinesen … dachte er, doch was kümmert mich China oder Afrika, dort kommt es eh immer wieder zu solchen Aus­ brüchen? Keinen Monat später jedoch tauchte das Virus in seiner Heimat auf. Immer mehr ungute Nachrichten sickerten aus Radio, Fernsehen und aus dem Netz. Corona hieß das Virus und mit einem Schlag war es in aller Munde. Es sei hochinfektiös, sagte man, ver­ breite sich rasend schnell. Von der Regierung wurden erste Gegenmaßnahmen verordnet, die auch Gregor Samsa betrafen: Er sollte zu anderen Menschen einen Abstand von zwei Metern einhalten, müsse beim Einkauf einen Mund-Nasen-Schutz tragen und dürfe nur noch wenige, handverlesene Menschen treffen. Jedoch halfen alle Einschränkungen nicht in dem Maße, wie erhofft, die Ansteckungen einzudämmen, aus der nationalen Bedro­ hung wurde eine Pandemie, und die Regierung verschärfte die Maßnahmen. Man verfügte die Schließung von Lokalen, Kinos und Museen, sowie von Geschäften und Schulen. Tanz- und andere Versammlungen wurden verboten. Sein Arbeitgeber forderte ihn auf, in Kurzarbeit zu gehen und zu Hause zu bleiben. Das öffentliche Leben kam zum Erlie­ gen. Eigentlich aber war Gregor Samsa diese Ausbremsung seines vormals gehetzten Lebens nicht unangenehm. Gern sah er darin eine Chance, inne zu halten, um über Sinn und Unsinn seines Lebens nachzudenken. Auf langen, selbstverständlich einsamen Spaziergängen konzentrierte er sich auf das Ein- und Ausatmen, Tätigkeiten also, deren Ablauf und elementare Wichtigkeit ihm vorher gar nicht bewusst gewesen waren. Leben ist Atmen, hatte er gelesen: Vier Schritte ein-, acht Schritte ausatmen, so ließ sich der Kopf beschäftigen. Seine Gedanken waren ganz auf den eigenen Körper gerichtet und langsam war sie da, die ersehnte Entschleunigung. Tage ohne Plan, die neu strukturiert werden wollten. Dabei war es gleichgültig, wann er aufstand oder wann er schlief, denn es gab keine Termine, die einzuhalten er sich verpflichtet fühlte. Natürlich war es Gregor Samsa nicht möglich, ausschließlich über das Atmen nachzudenken. Sein Verstand hielt 1. Franz Kafka: Die Verwandlung. Kurt Wolff Verlag. Leipzig, 1917 S. 5 45


ihm den Spiegel vor: Ehrgeiz, Karriere und Ansehen, was bedeutet es angesichts einer tödlichen Bedrohung, die ihm seine Endlichkeit vor Augen führte. Eine Auflösung in Nichts erwartete ihn, und dieses Nichts fiele nach kürzester Zeit dem Vergessen anheim. Schon nach wenigen Jahrzehnten würde kaum eine Erinnerung an ihn geblieben sein. Das war eine Kränkung seiner Eitelkeit, die ihn wachrüttelte und ihn sein bisheriges Leben hinterfragen ließ. Wurde ihm, Gregor Samsa, eine falsche Identität aufgezwungen, oder hatte er diese bereitwillig angenommen, ja, sie sogar als passend empfunden, sie vielleicht sogar unbewusst gesucht, denn er gestand sich ein, dass er sich für manche Rollen schämte, die er in seinem Leben gespielt hatte. Oft hatte er sich etwas vorgemacht. Halbherzigkeit, Bigotterie, Unehrlichkeit, Bedeutungshunger. Was war die Folgerung aus dieser Erkenntnis? Eine Hundertachtzig-Grad-Wende? Aber rentierte sich das noch für die überschaubare Restlaufzeit seines Lebens? Da war er wieder, der Effizienz­gedanke! Rentieren in welcher Beziehung, fragte er sich. Was rentierte sich überhaupt noch? Zum Friseur gehen jedenfalls nicht, rasieren auch nicht. Jeden Tag das Theater mit dem Aufstehen, Schlafanzug gegen Tageskleidung wechseln? Wozu? Wochen und Monate vergingen, und Gregors Haare wuchsen ebenso wie sein Bart. Zähneputzen? Wozu, er traf sowieso keinen Menschen mehr, den er mit schlechtem Atem belästigen konnte. Mittlerweile war der Bademantel sein liebstes Kleidungsstück. Und die Firma? Ach ja, die Firma, bei der Gregor angestellt war, der ging es schon vor der Pandemie nicht gut und mittlerweile schleppte sie sich dem Konkurs entgegen. Sie würde dieses Virus nicht überleben. Er schon, das jedenfalls war sein Ziel. Und ein Ziel braucht der Mensch. Überleben, und zwar im Bademantel und vor einer schönen Flasche Rotwein. Menschliche Nähe hatte er immer überschätzt, wie sich jetzt herausstellte. Seit über einem Jahr hatte er keinem mehr die Hand geschüttelt, geschweige denn jemanden umarmt, nicht einmal seinen Sohn, da er in jedem, selbst in ihm einen Überträger der gefährlichen Krankheit befürchtete. Und? Er lebte gut damit im Hier und Jetzt. Diese ständige Umarmerei war noch nie seine Sache gewesen, Küsse auf beide Wangen. Wie oft hatte er Frauen umarmt, die er niemals freiwillig umarmen wollte? Halbherzigkeiten, Konventionen, nichts weiter. Damit war jetzt endlich Schluss. Und die Kleidung? Anzüge, Krawatten, harte Lederschuhe, am Bauch spannende Hemden, ja, Gregor hatte zuge­ legt während der Pandemie, Kuchen und Plätzchen, Pizzas vom Lieferdienst, das alles hatte Gregors Figur nicht gutgetan. Doch nicht nur die Figur hatte gelitten! Auch die Zähne! Es begann mit Druckempfindlichkeiten an zwei Backenzähnen im linken Unter­ kiefer, die er sich vornahm zu ignorieren. Kleine schmerzhafte Fisteln presste er mit Zunge und Fingern bis ihm die Tränen über die Backen liefen. Bei Anbruch des zweiten Jahrs der Pandemie begannen dann pochende Zahnschmerzen, seine Tage zu zer­ mürben. Zunächst war es nur ein Zahn, so schien es, der ihn besonders quälte, dann wütete der Schmerz überall in der linken Seite seines Kopfs. Tag und Nacht konnte er an nichts anderes mehr denken. Ein Zahnarzt kam nicht in Frage, das wäre in diesen Zeiten ein Himmelfahrtskommando gewesen. Er erinnerte sich alter Hausmittel, Eisbeutel, Spülungen mit hochprozentigem Alkohol und Kauen von Nelken. In stabiler Seitenlage auf der Fernsehcouch ausgestreckt, raubte ihm das stetige, seine Kehle hinab sickernde Rinnsal aus Strohrum und Speichel die Sinne. Wenn er es liegend nicht mehr aushielt, torkelte er wie ein gefangenes Tier in der Küche auf und ab. Gewürznelken halfen, in der Backe zerbissen, beschwichtigten sie die Nerven für Stunden, manchmal sogar für Tage, bis die Qual von vorne begann. Es schien, dass der Zahn, von seiner müden Zunge 46


wochenlang umspielt und gedrückt, langsam nachgab. Zunächst kaum wahrnehmbar, dann deutlicher und wie ein alter Baum, an dem der Sturm rüttelte, begann er sich zu bewegen. Dann kamen die Kindheitserinnerungen an einen Faden, der an Zahn und Tür befestigt beim mutigen Zuschlagen der Türe zerreißt oder auch nicht, sondern ihn aus dem Küchenstuhl heraus gegen die Türe katapultierte, vor der er dann mit einem tierischen Aufschrei bewusstlos liegen bleibt. Er spielte auch die Version mit Pferd und Pistole durch und sah sich nach abgefeuertem Schuss hinter dem Pferd herrennen, an dessen Schwanz sein Zahn festgebunden war. Keine Option, fand er schon aus nahe­ liegenden Gründen, er besaß weder Pferd noch Pistole. Es blieb bei der harten, ausdau­ ernden Arbeit seiner Zunge am Zahn, jeden Tag ein bisschen mehr ... und so geschah es, dass er eines Tages erschöpft aber glücklich im Wohnzimmersessel versunken den frischen, noch fleischigen Krater des endlich entwurzelten Zahns mit Kamille begoss. Nicht einen Gedanken verschwendete er an Zahnersatz: Wozu auch? Ein Gutes hatte die Tortur gehabt: Corona war aus seinem Kopf verschwunden, seit Monaten gab es nur noch den Zahn. Doch jetzt, da der Zahn weg war, tauchte das Virus wieder auf und meldete sich sogar mit angeblichen Mutationen zurück. Mutationen, dachte er, dass ich nicht lache! Schlimmer als der Dreckszahn kann so eine Mutation auch nicht sein. Außerdem hatte sich Gregor so sehr an die Anwendung hochprozentiger Medikamente zur Schmerzbehandlung gewöhnt, dass er sich zur Prophylaxe und auch zur Stärkung seiner Immunkraft schon früh morgens eine Tasse einschenkte. Der angenehme Gleich­ mut, der ihn sodann befiel, ließ ihn durch die im Chaos versunkene Wohnung stolpern und gleich wieder zu Bette gehen. Was für ein schönes Leben ohne Schmerz, dachte er und zählte Schäfchen. Ein Leben ohne Corona war für ihn nicht mehr vorstellbar. An ein Leben ohne Mitmenschen hatte er sich gewöhnt. Würde er sich im sogenannten normalen Leben überhaupt noch zurechtfinden? Schaute er in den Spiegel, sah er einen Yeti. Ja, lallte er an einem Tag unter dem Einfluss von Eierlikör, Yetis mögen sowas! Gespräche mit sich selbst genügten ihm inzwischen vollkommen, er brauchte keine an­ deren Meinungen, auch keine Kritik seines Sohnes bezüglich leichter Unaufgeräumtheit bei ihm zu Hause oder gar das anklagende Gemeckere einer Frau: dies passe ihr nicht oder jenes, wie er es aus Zeiten kannte, als ihn Frauen noch besuchten. Zum Glück war sein Feuer erloschen und ohne Begehren und Eitelkeit lebte es sich zufriedener. Kein Yeti auch kein Tier käme je auf die Idee, sich morgens zu fragen: Bin ich gut genug frisiert? Bin ich der Schönste, Wohlriechendste, der Erfolgreichste im ganzen Land? Derartige Fragen berührten ihn nicht mehr und das war gut so. Ab jetzt tat er nur noch das, was ihm am liebsten war: Nichts! Wann habe ich das Haus zum letzten Mal verlassen? Das musste Jahre her sein! Wozu auch, er fühlte sich wohl im Kokon seiner Wohnung. Nach drei Jahren erreichten ihn dann beunruhigende Nachrichten. Im Fernsehen verkündete ein neuer Kanzler, die Pandemie sei vorbei. Gut siebzig Prozent der Be­ völkerung seien geimpft und jeder dürfe jetzt wieder so leben wie er wolle. Lachhaft, brüllte Gregor dem Fernseher entgegen, das sollen Neuigkeiten sein? Was glaubt ihr denn, was ich in den letzten Jahren gemacht habe! Selbst wenn es seine Arbeitsstelle noch gegeben hätte, die Firma nicht liquidiert worden wäre, keine zehn Pferde brächten ihn ins ehemalige Hamsterrad zurück. Ein Sozialhilfeempfänger mehr in diesem Land, sagte er sich. Na und! Hab mich lange genug krumm gemacht! Und als die Frühjahrs­ sonne durch die Fenster strahlte, ließ er die Rollos behutsam bis auf einen Spalt herunter, das Außen sollte seinen inneren Frieden nicht stören. 47


© 2021 EDITION GALERIE KREMERS © Texte und Bilder bei den Autoren © Übersetzungen von Herbert Genzmer Werkfotos von Alan Fidelis Studioaufnahmen von Fiona Ackerman Druck: Druckhaus Sportflieger, Berlin Wir danken der Stiftung Kunstfonds



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