Issuu on Google+

Das  Magazin  d er  Oper  K öln 2010 › Juni, Juli & saisonvorschau 2010.11

oper / pur \ köln

04 orte Alles bleibt anders: Exklusive Spielorte und das Opernhaus › Über Orte & Utopien › Die Oper Köln in China › Premiere: »Don Giovanni« › Tanzgastspiele »Sutra« & »Hubbard« › Im Interview: Simone Kermes › Mit Seiten des Gürzenich-Orchesters Köln


oper in bewegung

› Shanghai › Peking › Opernhaus am Offenbachplatz › Palladium › Gerling-Quartier › Uni Aula › Trinitatiskirche › Philharmonie › Staatenhaus am Rheinpark › Roncalliplatz › Altes Pfandhaus


1

Auftakt   EDITORIAL

auftakt

Editorial text Uwe Eric Laufenberg

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Opernfreunde,

am rande › fernweh Noch nie reisten so viele Menschen wie heutzutage. 919 Millionen Menschen waren laut UNO-Tourismusbehörde 2008 unterwegs. Das meist besuchte Land der Welt ist Frankreich. Das meiste Geld für Reisen geben die Deutschen aus: 91 Milliarden Dollar im Jahr 2008.

das letzte Quartal unserer ersten Spielzeit wird mit dieser vierten Ausgabe von Oper pur vorgestellt. Sie, liebes Publikum haben bisher diese unsere erste Spielzeit in der Oper Köln zu einem großen, außerordentlichen Erfolg gemacht. Ihr lebhafter Besuch, Ihre Begeisterungsstürme haben gezeigt, dass Köln wieder ein wesentlicher Ort auf der Karte der internationalen Opernszene ist. Wir – mein Team, unsere Sänger und Musiker, unsere Mitarbeiter auf und hinter der Bühne, danken Ihnen herzlich für diesen Zuspruch. Zwei große Projekte stehen noch aus und sollen Ihnen in diesem Heft vorgestellt werden: Zwei zyklische Aufführungen von Richard Wagners »der ring des nibelungen« und Wolfgang Amadeus Mozarts »don giovanni«, der in einer Neuinszenierung heraus kommt. Die beiden Aufführungen des » rings « sind auch ein Probelauf für unser Gastspiel auf der Expo in Shanghai, wo wir mit zwei weiteren zyklischen Aufführungen im September gastieren werden. Die bewährte Inszenierung von Robert Carsen und Patrick Kinmonth wird in einer neuen Besetzung einstudiert, Sie können Wagner-Koriphäen wie Evelyn Herlitzius, Greer Grimsley, Lance Ryan, Stefan Vinke, Matti Salminen, Kurt Rydl, Gerhard Siegel und viele andere mehr erleben. Unser gmd Markus Stenz hat die musikalische Leitung inne. Sie werden den »ring« dann für mehrere Jahre nicht am Offenplatz erleben können, weil die technischen Voraussetzungen im Bühnenbereich durch die dringend notwendige Sanierung erst wieder geschaffen werden müssen. Die Carsen-Inszenierung

dieses großen Opernwerkes können Sie nach Shanghai allerdings in Barcelona am berühmten Teatro Liceu und im Teatro La Fenice in Venedig sehen, dorthin haben wir das Werk »verliehen«. Im »don giovanni « wird Christopher Maltman die zweite Titelrollenauslegung nach seinem erfolgreichen Salzburg-Debüt in Köln absolvieren. »Seine« Frauen sind Simone Kermes, Maria Bengtsson und Claudia Rohrbach, sein Diener ist Mikhail Petrenko, seine Widersacher sind Mirko Roschkowski, Wolf Matthias Friedrich und Nikolai Didenko. Ich freue mich, bei dieser Inszenierung sowohl mit Gisbert Jäkel als auch mit Antje Sternberg und Markus Stenz wieder arbeiten zu können. Zu diesen beiden Großprojekten präsentieren wir weiterhin Aufführungen von Bizets »carmen« und Puccinis »madama butterfly«. Zu den überraschenden Entwicklungen in der Sache Sanierung / Neubau unserer Gebäude am Offenbachplatz finden Sie im hinteren Teil des Heftes ein Interview aus der Kölnischen Rundschau. Wir arbeiten auf Hochtouren daran, die Übergangsphase bis zur Sanierung und während der Sanierung für Sie so bequem, so künstlerisch produktiv und spannend wie nur möglich zu gestalten. Es grüßt Sie herzlich Ihr


2

Orte LEIDENSCHAFT

inhalt › Ausgabe 04.  2 010 AUFTAKT 1

Editorial › Uwe Eric Laufenberg

LEIDENSCHAFT › orte 4

Alle Wege führen nach Wedding . . . . . . . . . . . . . . . . › Zwischen Utopie und Fernweh: Den Orten auf der Spur

7

Orte aus der Retorte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Reißbrett-Fantasien: Das Scheitern der perfekten Stadt

8

Tapetenwechsel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Die Ausweichspielorte im Portrait

10

Oper in Bewegung / Ausblick Spielzeit 2010. 2011

10

› Shanghai Grand Theatre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Der »Ring« erstmals in Shanghai

12

Wiederaufnahme »Der Ring des Nibelungen«

18

› National Center for the Performing Arts Beijing . . › Die Oper Köln im »Ei von Beijing«

20

Premiere »Don Giovanni«

24

› Das Opernhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Neubau auf historischem Grund

28

› Das Palladium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Das Drahtwerk der Moderne

32

› Das Gerling-Quartier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Im Casino der Assekuranz

34

› Die Uni Aula . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Ein Hörsaal mit Bühnenhunger

36

› Die Trinitatiskirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Protestantischer Inszenierungsethos

38

› Die Philharmonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Amphitheater unter Tage

40

› Das Staatenhaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Das Erbe der Pressezaren

42

› Der Roncalliplatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . › Im Skaterparadies

44

Tanz in der Oper

ANTRIEB 50

Fundstück › Im Kleinklein der Semantik

52

Oper für Kinder &  Jugendliche › Kinderoper

52

› Spielplatz Opernhaus / › Schultheaterwoche in Köln

56

› Das Alte Pfandhaus

58

› Ich packe meinen Koffer und …

61

› Wo Kinder auch am Tage träumen …

62

Gürzenich-Orchester

66

Service

66

› Spielplanüberblick / › Tannhäuser in 80 Minuten

69

› Der Intendant hört …

APPLAUS 72

Stand der Dinge › Oper bewegt

74

In der Garderobe mit Simone Kermes

76

Hinterbühne › Die Notenbibliothek

Impressum

IMO-COC-029380

»Oper pur« 04.2010 herausgeber Oper der Stadt Köln, Offenbachplatz, 50667 Köln intendant Uwe Eric Laufenberg (V. i. S. d. P.) geschäftsführender direktor Patrick Wasserbauer redaktionsleitung Dr. Birgit Meyer ( bm) / Tanja Fasching (tf ) autoren Georg Kehren (gk ), Hanna Koller ( hk), Frank Rohde, Till Schröder (ts), Elena Tzavara (et), Tobias Werner, Gastautoren siehe jeweilige Beiträge anzeigen & druck Köllen Druck und Verlag GmbH, Bonn gestaltung & konzept formdusche, Berlin › In einigen Fällen konnten Bildrechte nicht ausfindig gemacht werden. Wir bitten, sich bei bestehenden Ansprüchen an uns zu wenden. Stand: 31. Mai 2010, Änderungen vorbehalten


Orte   LEIDENSCHAFT

Sie sind auf keiner Karte verzeichnet. Die wahren Orte sind das nie. Herman Melville

3


4

Orte LEIDENSCHAFT

orte

Alle Wege führen nach Wedding text Till Schröder fotos kallejipp / photocase.com

Orte sind geografische Anker unserer Vorstellungskraft. Deshalb reisen wir so gern. Es könnte ja irgendwo wirklich so schön sein, wie wir uns ausmalen. Eine Typologie.

Als Kind im baufälligen Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg der Honecker-Zeit gab es zwei Orte, deren Existenz mich ungemein beschäftigten: zum einen die Aussichtsplattform im angrenzenden Westberliner Bezirk Wedding, deren Publikum immer ängstlich über die Mauer äugte. Und zum anderen die vor seiner Hütte in den Hügeln von Hollywood freistehende Badewanne von Colt Seavers, dem stets schaumgebadeten Stuntman und Kopfgeldjäger aus »Ein Colt für alle Fälle« im Westfernsehen. Beides völlig unerreichbare Reiseziele für einen Jungpionier aus der Kastanienallee der 1980er -Jahre. Aber durch ihre tägliche Präsenz (nun gut, im Falle von Colt wöchentlicher), wuchsen sie in meiner Vorstellung proportional mit ihrer Unerreichbarkeit zu überirdischen Ausmaßen. Die Utopie schaute praktisch täglich über den gemauerten Gartenzaun. Entweder in Form von zum Greifen nahen Rentnern, die eigentlich jede Sekunde mit ihrem Bonbonregen aus Westsüßigkeiten die Straßenbahnen in ihrer Wendeschleife vor der Mauer zum Entgleisen bringen müssten. Was habe ich nicht sehnsüchtig gewartet ... Oder das telegene Schaumbad unter kalifornischen Koniferen, das niemals erkaltete, nicht so wie bei uns Zuhause, wenn der 30-Liter -Boiler bereits vom Rest der Familie leergesaugt wurde, und ich eigentlich nur noch kneippen konnte. Das Außenklo in unserem Haus, das jeden Winter einfror, hatte angesichts Colts Badewanne einen wirklich schweren Stand, die Überlegenheit des wissenschaftlichen Sozialismus unter Beweis zu stellen.

Das Hirn, dein Reiseleiter des Vertrauens Orte bestehen aus zwei Komponenten: Wunsch und Wahrheit. Das war mir auch damals schon klar. Denn natürlich saß Colt in keiner amerikanischen Wunderwanne. Wahrscheinlich hielten wohlgeföhnte Assistentinnen die Badetemperatur am Set per Tauchsieder stets auf Wohlfühllevel. Und auch die Senioren im Wedding steckten ihre knappe Rente lieber in einen Flug nach Mallorca als in die Flugbahn von Süßwaren gen Osten. Aber die Vorstellung, es könnte anders sein, ließ mich nicht so einfach los.


Orte   LEIDENSCHAFT

Erst ihre Geschichte macht Orte zu Identifikationsankern.

5


6

Orte LEIDENSCHAFT

Eine Badewanne für alle Fälle: Colt Seavers planschte auch hinter dem Eisernen Vorhang.

till schröder ist Jahrgang 1974, er lebt und arbeitet in Berlin als freier Journalist. Er kennt sich aus im Orte-Surfen: Er ist in seinem Leben bereits siebenmal umgezogen, hat auf zwei Kontinenten gelebt und bisher 28 Länder der Welt bereist. Doch Berlin hat ihn bisher immer wieder zurückgeholt.

Seit Thomas Morus nennen wir diese optimierten Orte unserer Fantasie Utopien. »Nicht-Orte« oder wie Christa Wolf einmal formulierte »Kein-Ort. Nirgends«. Hier ist alles besser, schöner, neuer. Alle Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten sind wie fort gefegt. Schlaraffen- und Nimmerland, Shangri-La und Atlantis: Utopische Welten haben sich die Menschen immer und immer wieder ausgemalt. Karl Marx pries den Kommunismus und Helmut Kohl die blühenden Landschaften. Wunschwelten, deren angestrebte Realisierung Antrieb eigenen Handelns im Hier und Heute sind. Jede Wunschwelt jedoch besitzt ihr eingebautes Haltbarkeitsdatum, denn ist die Utopie erst einmal erreicht, hat sie sich im selben Moment bereits selbst abgeschafft. Dann muss die nächste Utopie ran. Als wir aus dem Altbau in den Plattenbau zogen, mit fließend warmem Wasser aus der Wand, war auch Colt Seavers schnell keine Lichtgestalt mehr. Die fiese Schwester der Utopie ist die Dystopie. In ihr läuft alles schief, was schief laufen kann. Mit züchtigender Hand treibt diese Domina der Zukunft so ziemlich jeden negativen Aspekt der heutigen Zeit zur vollen Blüte. 1984 ist zwar schon seit über einem Vierteljahrhundert vorbei, die Angst vor den Entwicklungen, die seit George Orwell in dieser Jahreszahl steckt, rumort dennoch weiter in unserem Hinterkopf: Sie zeigt sich in unserem Bedürfnis nach Privatsphäre und Datensicherheit, im Unbehagen gegenüber staatlicher Kontrolle, im Misstrauen gegenüber Wirtschaftsmacht, in der Skepsis angesichts offensichtlicher Propaganda. Atomkrieg, Seuchen, Diktatur: All die hässlichen Dinge, für die wir Menschen schon heute verantwortlich sind, schieben wir mit der Dystopie in die Zukunft, übersteigern sie als Warnung an und vor uns selbst. Die Dystopie will nicht sein, sie will vermieden werden.

Neben diesen Orten der Zukunft fasziniert uns noch eine zweite Kategorie Ort: Orte der Erinnerung. Wir nennen sie oft Heimat. Es sind Orte, die ihre Existenz unseren Erfahrungen und Erlebnissen verdanken. Definiert über Gerüche, Geräusche und Gestalt. Bevölkert von Menschen, die wir kennen und lieben. Die Menschen, die wir verabscheuen, leben zwar auch dort, sie aber haben mit der Heimatmachung der zufälligen Geographie unserer Herkunft nichts zu tun. Sie sind nur Staffage unserer Anekdoten von damals. Oder aber die Verursacher von Traumata. Dann nennt der Geschädigte diesen Ort aber nicht Heimat sondern Hölle. Und ist selbst schon längst woanders hin geflüchtet, um das alles zu vergessen. Diese Orte der Erinnerung definieren sich somit über unsere Beziehung zu anderen Menschen. Getrieben von einer Sehnsucht nach der vermeintlichen Geborgenheit der Vergangenheit, erschaffen wir uns auch auf diese Weise wieder subjektive Traumwelten, nostalgische Retro-Utopien. Denn so schön wie damals, war es nie. Und jeder, der Zeuge unserer Erlebnisse war, hat das Geschehen und die involvierten Protagonisten anders in Erinnerung. Für unseren Heimatbegriff ist das aber unerheblich. Schließlich hat jeder seine eigene Heimat. Die muss ja auch nur ihm gefallen. Das ist wie mit der Liebe. Kriterien der objektiven Vergleichbarkeit finden in diesem Fall einfach keine Anwendung. Wäre ja noch schöner.

Fernweh als Phantomschmerz Orte sind vielmehr die geografischen Anker von Ideen, von Vorstellungswelten. Auch wenn wir in unserem Drang nach Orientierung der erfahrbaren Welt ein dreidimensionales Koordinatennetz übergestülpt haben – auch wieder nur ein Produkt unserer Einbildung, einen Längengrad


Orte   LEIDENSCHAFT

7

quergeschaut hat noch niemand in natura gesehen – bleiben Orte doch nur so gut wie die Vorstellungskraft seiner Bewohner und Besucher. Hört man Hollywood, denken 99,9 Prozent der Menschheit an die Traumfabrik der Filmindustrie. Die wenigsten an die ebenfalls dort vorhandenen Teergruben und ihre Urzeit-Fossilien. Oder Colt Seavers Badewanne. Des einen Paradies ist des anderen Müllhalde. Alles eine Frage der Perspektive. Damit die Fantasie nicht einrostet, reisen wir. Und mit Reisen meine ich nicht das bloße Unterwegs-Sein, die Zivilisationskrankheit unserer Tage. Wir verbringen bald mehr Zeit in den Transitbereichen der Flughäfen – weiteren de facto und de jure »Kein-Orten« – als an unserer Zieldestination. Wir haken Sehenswürdigkeiten ab, statt ihre Aura zu genießen. Wir dokumentieren im Sucher unserer Digitalkameras die Exotik vor unserer Nase, statt die Exotik durch Befühlen und Erfahren zu unserer Heimat zu machen. Wirkliches Reisen bedeutet das Selbst schärfen im Austausch mit anderen Kulturen und vor allem das ungeplante Dahintreibenlassen im Strom der Eindrücke und Umgebungen. Im ständigen Abgleich mit unseren Vorstellungen überprüfen wir liebevoll die örtlichen Gegebenheiten an den anderen Enden der Welt. Je weiter weg um so ergiebiger scheint uns die Expedition. Nicht selten kehren wir desillusioniert heim, weil sich der vermeintliche Traumstrand doch wieder als Touristenfalle entpuppte. Oder im Falle des Autors nach dem Ende des Eisernen Vorhangs die Weddinger Aussichtsplattform als eindeutig nicht katapultfähig, so wackelig war die Konstruktion. Örtliche Gegebenheiten: Das klingt nicht nach Struktur, nach Ordnung. Das klingt nach Zufall. Nach hat-sich-so-gefügt. Orte sind eben flüchtig. Besonders, wenn die vierte Dimension ins Spiel kommt – die Zeit. Orte wachsen und schrumpfen. Fragen Sie mal Mumbai oder Dessau. Sie ändern gern ihren Namen. Nischni Nowgorod hieß mal Gorki. New York ursprünglich Nieuw Amsterdam. Sie verändern ihre Charakteristik. Aachen war mal Kaiserstadt. Jetzt ist einzig Lebkuchen-Lambertz dort König. Oder sie haben Persönlichkeitsstörungen: Jerusalem – judeo-christlich oder muslimisch. Ja, was denn nun? Und dann gibt es noch das stille Örtchen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Orte sind das ganz große Versprechen nach Wandel und Möglichkeiten. Der heilige Gral nicht nur der Touristik, sondern auch der Psyche. Kristallisationspunkte von Hoffnung, Mythos und Liebe. Orte sind die Chance, die Welt neu zu erfahren. Denn »wer nicht auszieht, kommt nicht heim« heißt es im Sprichwort. Vielleicht finde ich noch einmal mein Glück in einer Badewanne im Wedding. Oder auf einer Aussichtsplattform in den Hügeln Hollywoods. Oder eben doch im Neo-Prenzlauer-Berg der nach dem Mauerfall zugezogenen Kreativen und Kapitalstarken. Dann wäre die Exotik der weiten Welt zu mir gekommen, statt ich zu ihr. Der Kreislauf der Ortswechsel hat eben auch seine Poesie.

Orte aus der Retorte text Till Schröder

Immer wieder plant der Mensch die perfekte Stadt. In natura sind die Reißbrett-Fantasien nur selten lebenswerte Orte.

Den sesshaften Menschen stört nichts mehr als krumme Linien. Sie bedeuten ihm Unordnung, Chaos, Unübersichtlichkeit. Zerzauste Waldesränder, schlängelnde Flussufer oder spitze Gebirgsformationen genügen schnell nicht mehr als Grenzmarkierung. Der Zaun wurde erfunden. Schön gerade quer durch die Landschaft. Und in seinen Städten hat es der Mensch genauso gern stringent. Also erfand der erste Bürgermeister das quadratische Straßenraster. Nachweisbar zuerst im IndusTal vor 4.600 Jahren. Seitdem plant die Welt mit Rechtecken. Bekannte Beispiele sind Alexandria in der Antike. Oder Teotihuacan, der Nukleus des heutigen Mexico-City, bei dem bereits 1.500 vor unserer Zeit die Azteken den Urwald in der Größe von Köln-Ehrenfeld in Planquadraten mit Pyramiden bebauten – Reihenhaus-Tempel sozusagen. Überhaupt die jungfräuliche Fläche. Tabula Rasa im Urwald oder auf der Steppe: Nirgendwo kann der Mensch besser seine Ebenbürtigkeit mit den schöpferischen Göttern messen. Hammurabi plante Babylon. Hippodamus das griechische Milet. Mannheim ist eine Rasterplanung der Renaissance. Maltas Hauptstadt Valletta das barocke Pendant. Zar Peter baute Sankt Petersburg in die Flussufer der Newa. Die Amerikaner bauten Washington mitten in die Sümpfe von Virginia. Die Australier kopierten diese Idee 100 Jahre später mit Canberra. Kaiser Wilhelm knallte Wilhelmshaven an die Nordsee. Henry Ford baute sein amerikanisches Musterstädtchen Fordlandia in den brasilianischen Urwald der 1920er Jahre. Ganz so wie die Brasilianer selbst 30 Jahre später ihre neue Hauptstadt Brasilia – mit großem B wie Beton. Dass man die Beamten vielfach zwingen musste, in den Dschungel zu ziehen, ist da nur eine Petitesse. Hauptsache, die Straßen laufen gerade. Und auch die derzeit größte Stadt der Welt, Chongqing, mit mehr als 30 Millionen Einwohnern ist eine Retortenstadt – auf der Fläche von der Größe Österreichs. Der Drei-Schluchten-Damm am Jangtse gebar sie: Zahlreiche Dörfer wurden abgerissen und Hunderttausende Bauern nach Chongqing umgesiedelt. Die Stadt vom Reißbrett hat sicherlich ihre Vorteile, war aber bisher wenig sozial. Alle Städte ohne gewachsene Stadtkerne verödeten bisher schnell. Zwangsumsiedlungen zerstörten gewachsene Tradition. Es geht aber auch anders. Die Stadt Shanghai plant eine neue Satellitenstadt, Dongtan, als erste nachhaltige Stadt der Welt. Viel Grün und saubere Luft. Weniger Energieverbrauch und niedrigere Müllverursachung inklusive. Und auch die Vereinigten Arabischen Emirate planen die erste Ökostadt am Persischen Golf: Masdar-City. Vielleicht entdeckt man ja endlich, dass das Wort Retorte die Orte bereits im Namen trägt. Wurde nur bisher etwas stiefmütterlich behandelt.


8

Orte LEIDENSCHAFT

orte

TApeten wechsel text Birgit Meyer foto suze / photocase.com

Die Oper Köln macht in der nächsten Saison ganz Köln zur Bühne – gar mit einem Abstecher nach China. Ein Blick auf alle überraschenden Spielorte.

am rande › hitparade Die 10 meist gesuchten Begriffspaare mit »Orte« bei Google im Mai 2010: Orte der Angst Orte der Macht Orte des Schreckens Orte Deutschland Orte der Kraft Orte der Vielfalt Orte des Grauens Orte der Erinnerung Orte der Stille Orte des Terrors

Zehn Jahre hat es gedauert, bis die Stadt Köln im Dezember 2009 endgültig grünes Licht für den Beginn der Bauarbeiten – Sanierung der Oper und Neubau des Schauspielhauses – gegeben hat. Es hat leider nicht lange gehalten. Am 13. April 2010 wurde dieser Beschluss wieder revidiert und das gesamte Bauvorhaben gestoppt. Wir nutzen die – vorübergehend – verschobenen Sanierungspläne und bieten Ihnen die Oper für eine weitere Saison als vertrauten Spielort an. Gleichzeitig können wir auf unser Vorhaben, die ganze Stadt zu bespielen, nicht verzichten, denn das Gebäude und die Technik unseres Hauses am Offenbachplatz sind so marode, dass nur ein sehr eingeschränkter en-suite Spielbetrieb durchführbar ist. Wir laden Sie daher herzlich ein, Oper auch an ungewöhnlichen und spannenden Orten zu erleben. Man hört ja nicht nur mit den Ohren – Hören ist ganz wesentlich auch von visuellen Eindrücken beeinflusst. Mit den Augen hören ist kein Paradox. In diesem Sinne gibt es in der nächsten Saison nicht nur neue Spielorte, sondern auch neue Hör- und Sichtweisen bekannter Werke zu entdecken. Die Uraufführung von »Sonntag« aus dem »Licht«-Opernzyklus von Karlheinz Stockhausen kann nur an einem Ort außerhalb der Oper stattfinden, da man für die fünfte Szene »Hoch – Zeiten« zwei parallele Spielorte benötigt, die wir auf ideale Weise im Staatenhaus vorgefunden haben. Umgekehrt haben uns auch Orte zu Werken angeregt: Wo könnte ein Werk wie die »Zauberflöte«, die zeitweilig in einen »Weisheitstempel« führt, treffender platziert sein als in der Aula der Universität, einem Ort, an dem die Studenten auf der Suche nach Bildung und Vervollkommnung sind? Folgen Sie uns auf den kommenden Seiten zu den Spielorten der Saison 2010 . 2011. Den Anfang machen Shanghai und Beijing, Orte eines ausgedehnten China-Gastspiels der Oper Köln mit dem »Ring« und »Don Giovanni«. Danach stellt Ihnen der bekannte Kölner Publizist und passionierte Stadthistoriker Martin Stankowski die vielen spannenden Ausweichspielorte in Köln vor – und erzählt ihre Geschichte und Geschichten.


Orte   LEIDENSCHAFT

9


10

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

SPIELORT CHINA

Shanghai Grand Theatre text Tobias Werner foto Shanghai Grand Theatre


Spielorte   LEIDENSCHAFT

11

Es ist das erste Mal, dass in Shangai »Der Ring« aufgeführt wird.   Vor zwanzig Jahren waren in Shanghai nur sechs Gebäude höher als 100 Meter. Wer heute am Bund, der früheren Kaimauer, entlang flaniert und über den Huangpu-Fluss auf die Skyline von Pudong schaut, kann sich die Stadt nur schwer ohne die atemberaubenden Hochhäuser vorstellen, die bei Einbruch der Dunkelheit eine ganz besondere Aura entfalten. Pudong gehört zu jenem Distrikt Shanghais, der seit der Schaffung als Sonderwirtschaftszone einen atemberaubenden Aufstieg erlebt hat und Shanghai zu einer internationalen Metropole vergleichbar mit New York, Paris, London oder Tokyo werden ließ. Mit den großen Veränderungen der letzten Jahre ist auch die kulturelle Landschaft der Stadt in Bewegung gekommen. Shanghai baute mit beträchtlichem Einsatz seine kulturelle Infrastruktur aus, um sich so nicht nur den Status einer Wirtschafts-, sondern auch einer Kulturmetropole zu erwerben. Shanghai unterhält zwei sinfonische Orchester und hat mit dem Bau des neuen Shanghai Museums für traditionelle chinesische Kunst Maßstäbe für Asien gesetzt. Mit dem prestigeträchtigen Neubau des Shanghai Grand Theatre, im Herzen der Stadt zwischen People’s Square und Renmin Square, hat die Stadtregierung einen eindrucksvollen Ort des Kulturgenusses geschaffen. Das von dem französischen Architekten Jean Marie Charpentier entworfene und nach einer Bauzeit von weniger als vier Jahren fertig gestellte Shanghai Grand Theatre verbindet architektonische Elemente aus westlichen und östlichen Stilen. Der quadratische Korpus aus Glas und Stahl steht für die Erde, und das an den beiden Rändern nach oben geschwungene Dach symbolisiert den Himmel und soll als einladende Geste für die Künste aus aller Welt stehen. Es ist ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt für die kulturelle Offenheit der Stadt. Seit der Eröffnung im Jahre 1998 hat das Shanghai Grand Theatre nach eigenen Angaben über 5.000 Vorstellungen präsentieren und dabei rund 7 Millionen Zuschauer zählen können. Die hochmoderne Akustik und große zentrale Konzerthalle wurden so konzipiert, dass alle möglichen Kunstformen, angefangen bei westlichen Theaterstücken, Opern und Kammermusikkonzerten bis hin zu Chinesischer Oper und Lesungen klassischer Werke, dort aufgeführt werden können. Das Theater beherbergt neben dem sogenannten Lyric Theatre mit einer Kapazität von 1.800 Plätzen zusätzlich einen Saal für Sprechtheater (600 Plätze) und ein Studiotheater mit 300 Plätzen. Auf den drei Theaterbühnen finden Ballett- und Opernaufführungen sowie Sinfoniekonzerte statt. Unter der riesigen, gebogenen Kuppel befindet sich ein Multifunktionssaal mit weiteren 500 Sitzplätzen speziell für Empfänge und Ausstellungen. Mit 1.700 Quadratmetern Fläche ist die Bühne des Lyric Theatres – samt Hinterbühne und zwei Seitenbühnen – eine der größten in Asien. Dadurch ist es erst möglich, die aufwändige Kölner Inszenierung von

Wagners »Der Ring des Nibelungen« zu übertragen. Nur das Beund Entladen von 25 Containern innerhalb von nur drei Nächten (in Shanghai existiert tagsüber ein Fahrverbot für LKWs) stellt die Kölner sowie die chinesische Technikmannschaft vor logistische Herausforderungen. Das Ausmaß des Gebäudes verlangte beim Bau neuartige Lösungen und den Einsatz modernster Technologien, um etwa die hängende Glasfassade des 40 Meter hohen Besucherfoyers zu installieren. Das 7.000 Tonnen schwere Stahlgerüst, ein Schiffsrumpf, das in den Werften von Shanghai vorgefertigt und auf dem Boden vormontiert wurde, wurde anschließend mit Winden auf die bereits stehenden Pfeiler des Gebäudes in 40 Meter Höhe gezogen. Mit seinem geschwungenen überdimensionalen Dach und dem riesigen Foyer aus Glas und weißem Marmor wirkt das Shanghai Grand Theatre nachts beleuchtet wie ein schwebender Kristallpalast. Vom sechsten Stock des Besucherfoyers aus hat man dank der durchgängigen Glasfassade einen wunderbaren Blick auf den People’s Square mit dem Shanghai Museum sowie die umliegenden Hochhäuser. Mit Spannung verfolgt man in Shanghai die Vorbereitungen auf das Gastspiel der Oper Köln mit »Der Ring des Nibelungen«. Die Kölner Oper präsentiert dieses mächtige Werk gleich zweimal als geschlossenen Zyklus originalgetreu an vier Abenden hintereinander. Es wird das erste Mal sein, dass Wagners monumentales Musiktheaterepos in der Stadt präsentiert wird. Kein anderes Theater eignet sich hierfür besser als das Shanghai Grand Theatre und kein Zeitpunkt hätte besser gewählt werden können als die Zeit der Weltausstellung Expo 2010.


12

Spielorte LEIDENSCHAFT

Juni 2010 › Oper Köln September 2010 › Shanghai Grand Theatre

der ring des nibelungen › Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend › Text und Musik von Richard Wagner

Bayreuther Verhältnisse am Offenbachplatz Bevor sich die Oper Köln im September 2010 mit Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen« – bestehend aus »Das Rheingold«, »Die Walküre«, »Siegfried« und »Götterdämmerung« – auf Gastspielreise zur EXPO 2010 nach Shanghai begibt, besteht in den nächsten Wochen in der Oper Köln die besondere Gelegenheit, sich noch einmal einen Eindruck von diesem großen Musiktheaterwerk in der Erfolgs-Inszenierung von Robert Carsen unter der musikalischen Leitung von GMD Markus Stenz, zu bilden. Die vier Teile des »Rings«, von denen auch jeder für sich – unabhängig vom gesamten Zyklus – den Besuch lohnt, stehen am 01., 02., 04. und 06. Juni sowie am 08., 09., 11. und 13. Juni auf dem Spielplan der Oper Köln. Eine besondere Ehrung wurde Robert Carsens Inszenierung »Götterdämmerung« gerade in diesen Tagen zuteil: Anlässlich der Aufführung am Gran Teatro La Fenice in Venedig erhielt die Produktion den Premio Abbiati, den renommiertesten Kritikerpreis, der in Italien vergeben wird. Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen«, das große Epos um Liebe, Weltherrschaft, Liebesverzicht und Verrat, dessen Figurenpersonal gleichermaßen Götter, Riesen, Helden, Kriegerinnen und Realpolitiker vorsieht, ist bei der Wiederaufnahme in Köln hochkarätig besetzt. In ebenso hochkarätiger Besetzung wird der »Ring« in Shanghai auf die Bühne gebracht: Dazu reisen rund 315 Mitglieder der Oper Köln im September 2010 ins ferne China. Es ist das erste Mal, dass Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen« in Shanghai gezeigt wird – und das gleich in zwei vollständigen Zyklen! ( gk)

musikalische leitung Markus Stenz

inszenierung Robert Carsen

bühne & kostüme Patrick Kinmonth

licht Manfred Voss

chor Andrew Ollivant Chor der Oper Köln Gürzenich-Orchester Köln

OPERNBAROMETER ========== LIEBE 100% ========== TOD 100% TEUFEL 0%


Spielorte   LEIDENSCHAFT

13

› FOTO Klaus Lefebvre


14

› FOTO Klaus Lefebvre

Spielorte LEIDENSCHAFT


Spielorte   LEIDENSCHAFT

15

DAS RHEINGOLD Am Anfang war das Wasser. Der Nibelung Alberich raubt den Rheintöchtern das Rheingold, denn wer das Gold zum Ring schmiedet, dem wird unbegrenzte Macht zuteil. Dafür verflucht er die Liebe. – Göttervater Wotan ist in einer Zwangslange, weil er die beiden Riesen Fasolt und Fafner für den Bau der Götterburg Walhall bezahlen muss. Um zu verhindern, dass sie wie vereinbart die Göttin Freia – und mit ihr die ewige Jugend der Götter – entführen, muss er ihnen einen adäquaten Ersatz bieten. Gemeinsam mit seinem Ratgeber Loge entwendet Wotan dem Nibelungen Alberich den Schatz des Rheins mitsamt Ring. Doch bald schon wird der Fluch, der auf dem Ring lastet, erste Opfer fordern. › Musikalische Leitung Markus Stenz › Inszenierung Robert Carsen › Bühne & Kostüme Patrick Kinmonth › Licht Manfred Voss › Wotan Greer Grimsley › Donner Miljenko Turk › Froh Mirko Roschkowski › Loge Carsten Süß › Alberich Oliver Zwarg › Mime Martin Koch › Fasolt Kurt Rydl › Fafner Ante Jerkunica › Fricka Dalia Schaechter › Freia Cassandra McConnell › Erda Hilke Andersen › Woglinde Jutta Böhnert › Wellgunde Regina Richter › Flosshilde Katrin Wundsam › Gürzenich-Orchester Köln Opernhaus › wiederaufnahme 1. Jun. › 2. Vorstellung 8. Jun. 2010 Shanghai › Premiere 16. Sep. 2010 › 2. Vorstellung 21. Sep. 2010

DIE WALKÜRE Gott Wotan glaubt, nur ein »freier Held« könne ihm den Ring zurückgewinnen, ihn den Rheintöchtern zurückgeben und damit die Götter vor dem Untergang retten. Darum hat er das Zwillingspaar Siegmund und Sieglinde – die »Wälsungen« – gezeugt, die in der Kindheit voneinander getrennt wurden. Als Siegmund seine Schwester wiedertrifft, ist sie in unglücklicher Zwangs-Ehe mit Hunding verbunden. Siegmund und Sieglinde fühlen sich schicksalhaft voneinander angezogen, werden zum Liebespaar und fliehen, nachdem Siegmund das Schwert Nothung aus dem Stamme einer Esche gezogen hat. Wotan wird von seiner Gemahlin Fricka aufgefordert, die Liebe der Geschwister Siegmund und Sieglinde nicht zu dulden. Daraufhin gebietet er seiner Tochter, die »Walküre« Brünnhilde, im bevorstehenden Zweikampf zwischen Siegmund und Hunding nicht dem Helden Siegmund, sondern Hunding beizustehen. Brünnhilde widersetzt sich diesem Befehl. Zur Strafe nimmt Wotan ihr den göttlichen Status und versetzt sie in einen Schlaf: Alleine auf einem Felsen, von einem Feuer umgeben, soll sie als sterbliche Frau jenem Mann gehören, der als erster den Feuerkreis durchschreitet. › Musikalische Leitung Markus Stenz › Inszenierung Robert Carsen › Bühne & Kostüme Patrick Kinmonth › Licht Manfred Voss › Siegmund Lance Ryan 2. Jun. /Stefan Vinke 9. Jun. › Hunding Mikhail Petrenko › Wotan Greer Grimsley › Sieglinde Astrid Weber › Brünnhilde Evelyn Herlitzius › Fricka Dalia Schaechter › Gerhilde Ingeborg Schöpf › Helmwige Cassandra McConnell › Ortlinde Machiko Obata › Waltraute Regina Richter › Rossweisse Christina Khosrowi › Siegrune Andrea Andonian › Grimgerde Katrin Wundsam Schwertleite Hilke Andersen › Gürzenich-Orchester Köln Opernhaus › wiederaufnahme 2. Jun. › 2. Vorstellung 9. Jun. 2010 Shanghai › Premiere 17. Sep. 2010 › 2. Vorstellung 22. Sep. 2010


16

Spielorte LEIDENSCHAFT

siegfried Mime, Alberichs Bruder, hat Siegfried im Wald aufgezogen. Dessen Mutter Sieglinde war bei seiner Geburt gestorben. Mime plant, mit Hilfe des zum Helden herangewachsenen Siegfried den Nibelungenhort – die Schätze des Rheins und den Ring – zurückzugewinnen. Dieser Schatz wird mittlerweile von Fafner, der die Gestalt eines riesigen Wurmes angenommen hat, in einer Höhle bewacht. Siegfried tötet Fafner und gelangt so an den Schatz und den Ring. Dann findet er die schlafende Brünnhilde auf jenem Felsen, auf dem Wotan sie einst zurückgelassen hat. Der Held und die einstige Walküre entbrennen in Liebe zueinander. Siegfried schenkt Brünnhilde den Ring. › Musikalische Leitung Markus Stenz › Inszenierung Robert Carsen › Bühne & Kostüme Patrick Kinmonth › Licht Manfred Voss › Siegfried Stefan Vinke › Mime Gerhard Siegel › Wanderer Greer Grimsley › Alberich Oliver Zwarg › Fafner Ante Jerkunica › Erda Hilke Andersen › Brünnhilde Evelyn Herlitzius › Waldvogel Anna Palimina › Gürzenich-Orchester Köln Opernhaus › Wiederaufnahme 4. Jun. › 2. Vorstellung 9. Jun. 2010 Shanghai › Premiere 18. Sep. 2010 › 2. Vorstellung 23. Sep. 2010

Götterdämmerung Der Held Siegfried bricht zu neuen Taten auf und lässt seine Gefährtin Brünnhilde für kurze Zeit alleine. Am Hofe der Gibichungen – bei König Gunther, seiner Schwester Gutrune und deren Halbbruder Hagen – bekommt er einen Trank gereicht, der ihn alles bisher Erlebte vergessen lässt. Hagen, ein Sohn des Nibelungen Alberich, möchte den Ring des Nibelungen – der mittlerweile im Besitz Brünnhildes ist – zurückgewinnen und plant, Gunther mit Brünnhilde zu verheiraten. Siegfried nimmt mithilfe einer Tarnkappe die Gestalt Gunthers an, bezwingt Brünnhilde, nimmt den Ring an sich und führt die Gedemütigte dem Gibichungen zu. Er selbst lässt sich mit Gutrune vermählen. Brünnhilde, die nichts von dem Vergessenstrank weiß, fühlt sich verraten. Hagen spinnt eine Intrige, die es ihm zuletzt ermöglicht, Siegfried zu ermorden. Brünnhilde, die erst jetzt die ganzen Zusammenhänge erkennt, sucht als Reaktion auf die Ermordung ihres Geliebten den Freitod in den Flammen. Der Weltenbrand zerstört die Götterburg Walhall, der Fluss Rhein tritt über seine Ufer, und die Rheintöchter holen sich den Ring zurück. Der Kreis schließt sich. › Musikalische Leitung Markus Stenz › Inszenierung Robert Carsen › Bühne & Kostüme Patrick Kinmonth › Licht Manfred Voss › Chor Andrew Ollivant › Siegfried Lance Ryan 6. Jun. / Stefan Vinke 13. Jun. › Gunther Alexander Marco-Buhrmester › Hagen Matti Salminen › Alberich Oliver Zwarg › Brünnhilde Evelyn Herlitzius › Gutrune Astrid Weber › Waltraute /

Erste Norn Dalia Schaechter › Zweite Norn Katrin Wundsam › Dritte Norn Cassandra McConnell › Woglinde Jutta Böhnert › Wellgunde Regina Richter › Flosshilde Katrin Wundsam › Chor der Oper Köln › GürzenichOrchester Köln Opernhaus › wiederaufnahme 6. Jun. › 2. Vorstellung 13. Jun. 2010 Shanghai › Premiere 19. Sep. 2010 › 2. Vorstellung 24. Sep. 2010


Spielorte   LEIDENSCHAFT

17

› FOTO Klaus Lefebvre


18

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

SPIELORT CHINA

National Centre for the    Performing Arts Beijing text Tobias Werner foto Paul Maurer in: »Beijing. Architecture & Design«, erschienen im daab Verlag Köln 2008


Spielorte   LEIDENSCHAFT

19

Ein Opernhaus unter Wasser: Das »Ei« von Beijing ist ein Architekturjuwel im Wasser. Und das erste Nationaltheater der Welt, das man nur durch einen Tunnel betreten kann.   Beijing, von den Einwohner Shanghais oft als Provinz belächelt, hat in den vergangenen Jahren einen unvergleichlichen Umbruch erlebt, der sich unter anderem in der Realisierung einzigartiger Bauwerke manifestiert. Die chinesische Hauptstadt ist inzwischen zu einer modernen Metropole mit herausragenden Beispielen zeitgenössischer Architektur herangewachsen. Die Bilder des Olympischen Stadions, das »Vogelnest« der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, sind während der Olympischen Sommerspiele von Beijing 2008 um die Welt gegangen. Spektakulär ist auch der von Rem Koolhaas und Ole Scheeren entworfene »Triumphbogen« für das chinesische Staatsfernsehen CCTV, der in seiner aberwitzigen Konstruktion scheinbar allen Gesetzen der Schwerkraft trotzt. Nicht weniger beeindruckend ist das im Jahre 2007 fertig gestellte Nationaltheater Beijings, das National Centre for the Performing Arts. Wer sich die Mühe macht und die Stufen des Kohlenhügels nördlich der Verbotenen Stadt erklimmt und dabei noch das Glück hat, Beijing bei schönem Wetter und guter Sicht erleben zu können, hat einen wunderbaren Blick auf die strahlende Glaskuppel des NCPA, die scheinbar schwerelos im künstlich angelegten See zu schwimmen scheint. Das NCPA befindet sich im Zentrum Beijings. Die Architektur des NCPA steht im scharfen Kontrast zu ihrer Nachbarschaft, der Halle des Volkes, dem Platz des Himmlischen Friedens (Tian’ anmen-Platz) und der Verbotenen Stadt. Die Geschichte des NCPA geht zurück auf das Jahr 1958/59, als der Staatspräsident der VR Chinas und Vorsitzende der Kommunistischen Partei Mao Zedong beschloss, den 10. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China mit dem Bau einer Reihe von öffentlichen Gebäuden zu feiern. Diesem Wunsch folgte eine imperiale Demonstration von Macht, denn innerhalb von zehn Monaten wurden zehn Gebäude (darunter das Militärmuseum, der Kulturpalast der Minderheiten, der Hauptbahnhof, eine Gemäldegalerie und ein Arbeiterstadion) zum 10. Jahrestag der VR China gebaut. Das NCPA war noch nicht darunter, aber die Idee eines Nationaltheaters war geboren. Bevor sich jedoch der Vorhang des NCPA zum ersten Mal hob, dauerte es noch nahezu ein halbes Jahrhundert. Erst Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entschied man sich für den Standort eines neuen Theaters im Herzen der Stadt. Spätestens seit Bekanntgabe des Errichtungsortes wurde das futuristische Projekt des französischen Architekten Paul Andreu oft durch finanzielle und ästhetische Kontroversen belastet. Es dauerte weitere vier Jahre, bevor der erste Grundstein gelegt werden konnte. Die Bauarbeiten begannen im April 2000, wurden aber immer wieder durch Proteste aus akademischen, technischen und architektonischen Kreisen unterbrochen. Aufsehen erregte die riesige, 22.000 Tonnen schwere aber dennoch freistehende

Glaskuppel, die als »Perle von Beijing« oder einfach nur als »das Ei« in den Volksmund einging. Am 22. Dezember 2007 fand das erste offizielle Konzert im neu erbauten Theater statt. Von außen sind die gigantischen Ausmaße dieses Gebäudes kaum auszumachen. Die Besucher betreten das futuristische Theater durch einen 80 Meter langen Gang unterhalb eines künstlich angelegten Sees, der das gesamte Gebäude umgibt. Ein ausgeklügeltes Reinigungssystem sorgt dafür, dass das Wasser ständig zirkuliert und gereinigt wird. Somit ist die 35.000 Quadratmeter große Wasseroberfläche im Winter stets eis- und im Sommer algenfrei. Mit 54 Aufzügen und 36 Rolltreppen erreichen die Zuschauer die zweite und dritte Ebene des gigantischen Gebäudes. Das NCPA beherbergt drei Aufführungsorte: das knapp 2.400 Zuschauer fassende Opernhaus, die Konzerthalle mit über 2.000 Plätzen und einen weiteren Saal für Theateraufführungen mit rund 1.000 Plätzen. Die technische Ausstattung dieses Kulturkomplexes ist ebenso umwerfend wie die magisch strahlende Außenhaut: 18.000 Titanplatten sorgen für einen makellosen Glanz, der nur durch eine Glasfassade durchbrochen wird, die den Blick in das Innere freigibt und an einen sich öffnenden Bühnenvorhang erinnern soll. Oper in Beijing, das ist zwar noch immer eine Rarität und etwas völlig anderes als die traditionelle Peking-Oper, die selten den Weg in den Westen findet. Trotzdem entdeckt das »Land der Mitte« zunehmend das europäische Musiktheaterrepertoire, ob nun italienisch oder deutsch. Seit der Eröffnung zeigt das NCPA nicht nur Opernaufführungen (unter anderem während des jährlich stattfindenden Opernfestivals), sondern auch Tanzgastspiele aus aller Welt, zeitgenössische und historische Bühnenspiele, Theatervorstellungen, Sinfoniekonzerte und Aufführungen traditioneller Musikstücke. Im Oktober diesen Jahres wird die Oper Köln im NCPA zu Gast sein und in der Partnerstadt Kölns die Neuproduktion des »Don Giovanni« präsentieren. Die Einladung der Kölner Produktion nach Beijing stellt in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit dar. Der Titelheld dieser Mozartoper steht bekanntermaßen für jede Form von Grenzüberschreitung. Grenzen überschreiten wird auch die Oper Köln und im Idealfall Kulturen verbinden. Die Neugierde der Chinesen ist dafür eine ideale Voraussetzung.


20

Spielorte LEIDENSCHAFT

» Allein, ganz allein an diesem dunklen Ort, fühle ich mein Herz zittern.« donna elvira, »don giovanni«, 2. Akt


21

Spielorte   LEIDENSCHAFT

Spielort Opernhaus premiere 27. jun. 2010 Weitere Vorstellungen 30. jun. 2010 › 2., 4., 8., 11. Jul. 2010 Spielort peking premiere 29. Sep. 2010 Weitere Vorstellungen 30. Sep. 2010 › 1. Okt. 2010

› in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln Musikalische Leitung

Don Giovanni

Markus Stenz Inszenierung

Uwe Eric Laufenberg Bühne

Gisbert Jäkel Kostüme

Antje Sternberg › Dramma giocoso in zwei Akten › Text von Lorenzo Da Ponte › Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

Dramaturgie

Birgit Meyer Licht

Andreas Frank Chor

Der zweideutigste Liebhaber der Operngeschichte in neuem Licht. In Italien waren es 46, in Deutschland 230, 100 in Frankreich, in der Türkei 91, aber in Spanien – in Spanien hat Don Giovanni 1003 Frauen erobert! Don Giovanni, der legendäre Edelmann und größte Verführer aller Zeiten, liebt die Frauen. Nicht einzelne, nein er liebt alle Frauen, quer durch alle Gesellschaftsschichten und ungeachtet dessen, ob sie einem anderen gehören. Bei seinem letzten Abenteuer läuft nicht alles nach Plan … Der ebenso verführerische wie verruchte, lächerliche wie unwiderstehliche Don Juan ist wohl die am vollkommensten zweideutige Figur, die uns die abendländische Legende über die männliche Sexualität hinterlassen hat. Erst durch Mozarts in Prag uraufgeführte Oper »Don Giovanni« wird die fast furchterregende Verführungskraft des spanischen Adligen von der moralischen Verurteilung befreit. Er hält seine Umgebung in Trab, führt seine Mitmenschen an ihre Grenzen: »Tag und Nacht mühe ich mich ab für einen, der es nicht zu schätzen weiß; Regen und Wind soll ich ertragen, schlecht essen, schlecht schlafen, ich will selbst der Herr sein, will nicht länger dienen,« beklagt Leporello gleich zu Begin der Oper. Doch natürlich nimmt sein Herr keine Rücksicht darauf – er ist auf der Suche: »Das Unmögliche, wonach Don Juan sucht, so wurde mir klar, ist nicht Liebe, auch nicht die Bestie, die unter dieser Adresse residiert, sondern eine akzeptable Erklärung für sein eigenes Ende, für seine Sterblichkeit, eine mit der er leben kann. Don Juan sucht die Tat, die ihn mit der endgültigen Strafe, dem Tod, versöhnen kann. Dafür ist kein Mittel geeigneter als die undankbare Bestie Liebe. Die wichtigste Eigenschaft der unmöglichen und daher absurden Liebe ist, dass sie etwas liefert, wofür es sich zu sterben lohnt, sie ist fantastisch, totalitär und blutrünstig.« (Marek von der Jagt). Am Ende findet DON GIOVANNI denTod, den er mit großer Ambivalenz im Verlauf des gut dreistündigen Dramma giocoso gleichzeitig bekämpft und herausgefordert hat. Doch ganz am Ende, den Tod quasi vor Augen, bleibt er sich – zunächst – selber treu. Der Aufforderung des KOMTURS, zu bereuen und sein Leben zu ändern, schleudert er entgegen: »Ich bereue nicht! Geh fort von mir!« Als aber der Tod ihn schließlich umschlingt und mit sich reißt, singt er von Qualen, Hölle und Schrecken. Wie mag es sich da anfühlen in ihm? Wenn das ganze Leben noch einmal in Sekundenbruchteilen vor seinem inneren Auge abläuft? War es gut? War es richtig? Ist er am Ziel? In der Kölner Aufführung werden die für Wien 1788 nachkomponierten Arien Don Ottavios und Elviras gesungen. (bm)

Andrew Ollivant Don Giovanni Christopher Maltman Donna Anna Simone Kermes Don Ottavio

Mirko Roschkowski Il Commendatore Nikolai Didenko Donna Elvira Maria Bengtsson Leporello

Mikhail Petrenko Zerlina

Claudia Rohrbach masetto

Wolf Matthias Friedrich Chor der Oper Köln Gürzenich-Orchester Köln

OPERNBAROMETER ===== LIEBE 50% ========= TOD 90% ===== TEUFEL 50%


22

Spielorte LEIDENSCHAFT

biografien Christopher Maltman › Don Giovanni › Zu den Stationen des

Wolf Matthias Friedrich › Masetto › war Mitglied des Opernstu-

international gefragten Baritons gehören u. a.: Royal Opera House Covent Garden London, Metropolitan Opera New York, Deutsche Staatsoper Unter den Linden, Bayerische Staatsoper München, English National Opera, Opernhaus von Seattle, Welsh National Opera, Teatro Regio in Turin sowie das Glyndebourne Festival und die Salzburger Festspiele, wo er 2008 als Don Giovanni debütierte.

dios der Staatsoper Dresden. Er gastierte bei den Schwetzinger Festspielen, den Festwochen der Alten Musik Innsbruck, in Leipzig, am Nationaltheater Prag, bei den Göttinger Händelfestspielen und der Potsdamer Winteroper. Verpflichtungen unter Dirigenten wie Kurt Masur, Fabio Luisi, Rafael Frühbeck de Burgos, Howard Arman, Jan Willem de Vriend, Peter Neumann, Paul Dyer, Konrad Junghänel u. a. führten ihn in die Opernund Konzerthäuser aller Kontinente.

Simone Kermes › Donna Anna › Die Sopranistin war u. a. an der Brooklyn Academy of Music in New York und an den Opernhäusern von Paris, Stuttgart und Lissabon zu erleben. Konzertverpflichtungen führten sie durch ganz Europa, die USA und Japan; ebenso sang sie bei zahlreichen internationalen Festivals.

Mirko Roschkowski › Don Ottavio › Der lyrische Tenor war bis 2009 Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf und Duisburg. Gastengagements führten ihn u. a. an die Staatsoper Stuttgart, an das Staatstheater am Gärtnerplatz München und die Semperoper Dresden.

Nikolai Didenko › il commendatore › Der russische Bass war von 2003 bis 2004 Solist an der Neuen Oper in Moskau und bis 2005 Mitglied des Opernstudios der Grand Opera in Houston/Texas. Als Gastsolist hörte man ihn in der Alten Oper Frankfurt, beim Rheingau Musikfestival sowie in der Tchaikovsky Konzerthalle in Moskau. Weitere Engagements erfolgten an der Houston Grand Opera, der New York City Opera, der Pariser Opéra Bastïlle sowie am Teatro Comunale in Trieste.

Maria Bengtsson › Donna Elvira › Die schwedische Sopranistin war von 2000 bis 2002 Ensemblemitglied der Volksoper Wien, anschließend an der Komischen Oper Berlin (2002 – 2007). Sie gastierte u. a. am Staatstheater Wiesbaden, an der Semperoper Dresden und beim internationalen Musikfestival im Topkapi Palast in Istanbul, an der Vlaamse Oper Antwerpen, bei den Berliner Festspielen, im Konzerthaus Wien, beim KlangBogen Festival Wien und an der Alten Oper Frankfurt. Zukünftige Engagements umfassen Debüts am Royal Opera House Covent Garden und an der Opéra National de Bordeaux.

Mikhail Petrenko › Leporello › Der junge Bass hat sich in kurzer Zeit zu einem der wichtigsten Vertreter seines Fachs entwickelt und kann auf vielen Opernbühnen in Europa und Amerika große Erfolge verzeichnen, so u. a. an der Staatsoper Unter den Linden unter dem Dirigat von Daniel Barenboim, unter Sir Simon Rattle bei den Festspielen in Salzburg und Aix-en-Provence, an der Hamburgischen Staatsoper, der Mailänder Scala, am Royal Opera House Covent Garden sowie bei der Canadian Opera Company.

Claudia Rohrbach › Zerlina › Nach ihrem Engagement am Luzerner Theater wechselte die Sopranistin in das Ensemble der Oper Köln. Als Gast war sie u. a. in Hannover, bei den Bregenzer Festspielen und an der Staatsoper München tätig. Rohrbach arbeitete mit Persönlichkeiten wie Markus Stenz, Jac van Steen, Claus Peter Flor, Jonathan Nott und Friedrich Haider, Günter Krämer, Christof Loy, Helmuth Lohner, Alfred Kirchner und Martin Duncan zusammen. Markus Stenz › Gürzenich-Kapellmeister und GMD der Oper Köln › gastiert an den wichtigsten internationalen Opernhäusern und Festivals in Mailand, Brüssel, San Francisco, Salzburg, Stuttgart, München, Berlin u. a.

Uwe Eric Laufenberg › Regie › war als Schauspieler und Regisseur am Schauspiel Köln (1990 – 93) tätig, anschließend Regisseur und Schauspieler am Schauspielhaus Zürich (1993 – 96) und Oberspielleiter am Maxim Gorki Theater Berlin (1996 – 2000). Gastinszenierungen von ihm waren ab 1993 u. a. am Deutschen Theater Berlin, Residenztheater München und Burgtheater Wien zu sehen. Von 2004 bis 2009 war er Intendant des Hans Otto Theaters Potsdam. Seit Beginn der Spielzeit 2009/2010 ist er Intendant der Oper Köln.

Gisbert Jäkel › Bühnenbildner › arbeitet europaweit in den Bereichen Oper und Schauspiel, u. a. in Zürich, Graz, Bozen, am Burgtheater und Akademietheater Wien, an der Pariser Opéra de la Bastille, an der Oper Brüssel, am Deutschen Theater Berlin, an der Staatsoper Unter den Linden, der Komischen Oper Berlin und an der Schaubühne am Lehniner Platz. Seit 1998 ist er auch als Regisseur tätig.

Antje Sternberg › Kostümbildnerin › studierte Kostümgestaltung in Dresden. Zehn Jahre lang war sie als Kostümassistentin und Gewandmeisterin am Berliner Metropol-Theater tätig. Von dort wechselte sie 1999 als Kostümdirektorin an das Hans Otto Theater Potsdam. Neben dieser Position übernimmt sie auch regelmäßig eigene Kostümbildaufträge.


Spielorte   LEIDENSCHAFT

23

premiere

Viva la libertà! text Bernulf Kanitscheider

»Ma non manca in me corragio, non mi perdo o mi confondo: ce cadesse ancora il mondo nulla mai temer mi fa.« »Doch mir fehlt der Mut nicht, ich gebe nicht auf, ich lasse mich nicht beirren, auch wenn die Welt einstürzt, ich fürchte nichts.« Don Giovanni, Finale 1. Akt

  Tief in der Frühgeschichte des Menschen muss das Wissen aufgetaucht sein, dass die Lebenszeit, die die Natur ihm zugedacht hat, endlich ist. Die Erkenntnis von der Begrenztheit seiner Lebensspanne ist sicherlich eine der dramatischsten Erfahrungen gewesen, eine traumatische Einsicht, die er bis auf den gegenwärtigen Tag nicht bewältigt hat. Das denkende Tier war auf einmal mit der Tatsache konfrontiert, dass ein absolut unwiederbringliches Ende mit ihm sein könnte. Das zur Vernunft gelangte Lebewesen konnte aber damit nicht leben, es musste sich wehren gegen diese Zumutung, nur ein vergängliches Stück Materie zu sein, das mit kurzer Verweildauer über einen Planeten wandeln darf, um dann wieder – nach einer flüchtigen Zeitspanne – zu einem Stück bewusstloser Erde zu werden. Alles wehrte sich im Menschen gegen diese Erniedrigung seiner Existenz. Dieser kurze Aufenthalt konnte nicht alles sein, es musste eine angstlösende Ausgleichsbewegung in Gang gesetzt werden. Immerhin hatte das bewusste, erkennende Wesen nicht nur seinen Verstand, sondern auch wachsende Phantasieräume zur Verfügung. Die Vorstellungskraft und der Bilderreichtum der menschlichen Ideenwelt konnte nun zur virtuellen Bewältigung des unerhörten Wissens um seine begrenzte Verweildauer auf dem Planeten eingesetzt werden. Der Endlichkeit der Lebenszeit kam die Rolle eines Stimulans zu, den kreativen Geist bis zum Äußersten anzuspannen, und so hat das Wissen um die menschliche Vergänglichkeit eine Fülle von kompensatorischen Reaktionsmustern auf den Plan gerufen, die dazu dienen sollten, diese Einsicht erträglich zu machen. Die Sterblichkeit des Menschen bildet bis in die Gegenwart die stärkste Motivation für die Religion. Unsterbliche bedürfen keiner Religion. Sollte dereinst der Tod besiegt werden,

würde dies das sichere Ende der Religionen bedeuten. Alle Religionen sind nichts anderes als Bewältigungsstrategien der Existenzangst, der Furcht vor dem endgültigen Versinken im Strom der Vergänglichkeit. Der Libertin ist jemand, der sich von allen gesellschaftlichen Zwängen frei gemacht hat, der keine Autorität, weder auf dem Gebiet der Religion noch im Bereich der Sitten anerkennt. Er lebt nach den Prinzipien seiner von ihm geschaffenen autonomen Moral und zieht noch Befriedigung daraus, die zivilisatorischen Regeln maximal zu brechen. Die Gefahr von Sanktionen nimmt er in Kauf. Als öffentliches Ereignis wirkt der Libertin subversiv, anarchisch herrschaftsgefährdend und als Maulwurf der sozialen Ordnung. Die politische Dimension der Libertinage – und das haben Da Ponte und Mozart genau gesehen – ist der Kampf des Individuums gegen die Domestizierung durch das Kollektiv. Die Überwindung der kollektiven Zwänge beginnt mit der Dekonstruktion des asketischen Ideals als Unterdrückungsinstrument von Religion, Staat und Gesellschaft. Deshalb kommt der Sexualität bei der Liberalisierung eine paradigmatische Rolle zu. In allen autokratischen Systemen wird dem Menschen die Gestaltung seiner Triebwelt streitig gemacht. Libertinismus führt somit durch die Ethik des gegenwärtigen Augenblicks und den Genuss der Existenz zur Befreiung des Individuums. Der Sinn des Lebens wird nicht mehr eschatologisch durch eine Projektion in eine ferne übernatürliche Existenz bestimmt, sondern für Don Juan ist das Leben selbst sein existenzieller Höhepunkt. Endzeitliche Visionen sind Illusionen. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Dies alles reflektiert Don Giovanni nicht, sondern er handelt danach.


24

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

Das Opernhaus text Martin Stankowski foto Matthias Baus


Spielorte   LEIDENSCHAFT

25

Martin Stankowski 1944 im Sauerland geboren, zog es den Publizisten, Rundfunkautor, Fremdenführer und Kabarettisten in den 1960er Jahren nach Köln. Neben mehreren Büchern über Köln ist er vor allem für seine Kölner Straßenbahntouren mit dem Kabarettisten Jürgen Becker und die »Klangstätten« beliebt – die musikalische Eroberung von Kölner Sehnsuchtsorten wie Bunker, Brücken, Fabrikhallen oder das Rheinufer im Morgengrauen.

Zwei weitere Spielzeiten am Offenbachplatz für ausgewählte Vorstellungen. Genießen Sie die letzten Male den Riphahn-Bau vor der Sanierung.   Gäbe es heutzutage noch die Ruinen der alten Oper am Rudolfplatz, so wie sie zerstört und ausgebrannt nach dem Krieg dastand, sie würde ganz sicher wieder aufgebaut. Heute wäre man stolz, ein Stück des alten Köln zu erhalten, aber nach 1945 galt der Pathos des Klassizismus als abgewirtschaftet, und man wollte nach Krieg und Nazizeit etwas ganz Anderes, das Neue. Und so sehr beim Wiederaufbau auch Wohnungen und Betriebe im Vordergrund standen, für die Kultur wollte man dauerhafte und architektonisch ausgereifte Projekte. Der Städteplaner Rudolf Schwarz entwarf »Das neue Köln«, das Arbeit und Fabriken ausdrücklich in einer »Werkstadt« außerhalb vorsah, dagegen eine der Kultur vorbehaltene »Hochstadt« durch Konzentration von Oper und Schauspiel im Stadtkern. Dem genügten nicht die halbherzig erstellten Provisorien, es mussten architektonisch ausgereifte Bauten von den fähigsten »Baumeistern« sein. Der Architekt Wilhelm Riphahn war einer von ihnen und das Ensemble von Oper und Schauspielhaus sicher sein Hauptwerk. Der Kern der Stadt, das ist historischer Boden. Eine Tafel an der Nordost-Ecke der Oper erinnert an die große Synagoge aus dem 19. Jahrhundert, die hier stand, in der Pogromnacht 1938 angesteckt und zerstört, und deren Trümmer noch während des Krieges abgeräumt worden waren. Man kann noch weiter zurückgehen und tiefere Schichten freilegen. Bis ins ausgehende 18. Jahrhundert war dies Teil der eng besiedelten Quartiere der Handwerker und Kaufleute, der städtebaulich ins Mittelalter zurückreichte und zur vornehmsten Stadtpfarrei St. Kolumba gehörte. Schmale Straßen, enge Gassen, dichte Häuser – und könnte man mit einer Zeitmaschine zurückreisen, würde man etwa im Nord-SüdVerlauf des heutigen Orchestergrabens auf die »Pützgasse« stoßen, deren Namen schon offeriert: Hier gab es einen öffentlichen Brunnen, kölsch eben den Pütz. Und an der Seite, so etwa zwischen Opernterrasse und Kartenvorverkauf, landete man mit der Zeitmaschine in einer Badestube, und das war schon seinerzeit etwas besonderes. 1187 taucht sie das erste Mal in den städtischen Urkunden auf als »Haus, in dem jeder baden konnte«. Es gab nur ein knappes Dutzend Bäder in Köln. Die Bader bildeten eine eigene Zunft, gehörten sie doch zu den Besserverdienenden, wie eine Sondersteuer für sie belegt. Sie fungierten ja nicht nur als Bademeister, denn private Bäder hatten allenfalls ein paar ganz Reiche, sondern auch als Masseure und Kosmetiker. Man ließ sich damals im Bad auch rasieren, die Haare schneiden, sie boten medizinische Dienste an wie den Aderlass und das Schröpfen. Das Wichtigste aber, und das machte trotz guter Einkommen ihren schlechten Ruf aus: Sie waren als Kuppler tätig. Die Badestuben waren Orte der fröhlichen Zweisamkeit zwischen den Geschlechtern, jedenfalls bis ins 16. Jahrhundert, als sich die Syphilis ausbreitete und die Bäder in Verruf gerieten. So etwas würde man etwa bei einer Zeitreise am Ort der heutigen Oper erfahren, wenn man sich neugierig umschaut, was es alles nicht mehr gibt, Geschichten und Geschichte. Aber das Entscheidende ist geblieben: Es ist ein öffentlicher Ort, für jedermann und jede Frau! Bis heute.

premiere › spielzeit 2010. 2011

elektra

Mach keine Türen auf in diesem Haus! Gepresster Atem, pfui! und Röcheln von Erwürgten, nichts andres gibt’s in diesen Mauern. Mach keine Türen auf! Schleich nicht herum. Sitz an der Tür wie ich und wünsch den Tod und das Gericht herbei auf sie und ihn. elektra › Oper von Richard Strauss › Musikalische Leitung Markus Stenz › Inszenierung Gabriele Rech › Bühne & Kostüme Tobias Hoheisel › Dramaturgie Birgit Meyer › Licht Andreas Frank › Chor Andrew Ollivant › klytÄmnestra Dalia Schaechter › elektra Catherine Foster › chrysothemis Edith Haller › aegisth René Kollo › orest Samuel Youn › sowie Cordelia Weil, Machiko Obata, Hanna Larissa Naujoks, Sandra Janke, Regina Richter, Csilla Csövári, Kathleen Parker, Martin Koch, Dennis Wilgenhof, Werner Sindemann u. a. › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln Premiere 17. Okt. 2010 Vorstellungen 20., 23., 28., 31. Okt. 2010 › 6. Nov. 2010


26

Spielorte LEIDENSCHAFT

premiere › spielzeit 2010. 2011 premiere › spielzeit 2010. 2011

aida

Ach! Unglückselige, was sagt’ ich? und meine Liebe? Ach, kann ich es je vergessen, Dies Liebesglühen, das die Verhärmte, Die Sklavin wie ein Strahl der Sonne wärmte? – Ich muss den Tod dir wünschen, Radames, so heiß ich dich auch liebe! Ach! niemals litt auf Erden Ein Weib so namenlose Qualen! aida, 1. akt, 6. auftritt

aufstieg und fall der stadt mahagonny

Fatty

Fern vom Getriebe der Welt liegt die Goldstadt Mahagonny. Zu unserer Zeit gibt es in den großen Städten viele, denen es nicht mehr gefällt. Solche gehen nach Mahagonny, der Goldstadt. … Hier in euren Städten ist der Lärm zu groß, nichts als Unruhe und Zwietracht und nichts, woran man sich halten kann. Moses

Weil alles so schlecht ist. 1. Akt, Nr. 2

› Oper von Giuseppe Verdi › Musikalische Leitung Will Humburg › Inszenierung Johannes Erath › Bühne Kaspar Glarner › Kostüme Christian Lacroix › dramaturgie Francis Hüsers / Birgit Meyer › Licht Hans Toelstede › chor Andrew Ollivant

› Oper von Kurt Weill › Musikalische Leitung Lothar Koenigs › Inszenierung Katharina Thalbach › Bühne Momme Röhrbein › Kostüme Angelika Rieck › Chor Andrew Ollivant

› Aida Hui He / Rossella Ragatzu › Amneris Laura Brioli / Dalia Schaechter

› Leokadja Begbick Dalia Schaechter › Fatty, der Prokurist Martin Koch

› Sacerdotessa Kathleen Parker › Radames Scott MacAllister / Vsevolod

› Dreieinigkeitsmoses Dennis Wilgenhof › Jenny Regina Richter

Grivnov › Amonasro Samuel Youn / Dimitris Tiliakos › Ramfis Mikhail

› Jim Mahoney ⁄ Johann Ackermann Matthias Klink

Kazakov / Roman Polisadov › Il Re Wilfried Staber › Un messagero Jeongki

› Jack O’Brien ⁄ Jakob Schmidt John Heuzenroeder › Bill Miljenko Turk

Cho › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln

› Joe Wolf Matthias Friedrich › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln

premiere 15. Jan. 2011 Vorstellungen 16., 18., 19., 21., 22., 23., 25., 26., 28., 29., 30. Jan. 2011

premiere 23. Mär. 2011 Vorstellungen 25., 27., 29., 31. Mär. 2011 › 1., 3., 6., 8. Apr. 2011


Spielorte   LEIDENSCHAFT

27

wiederaufnahme › spielzeit 2010. 2011

don giovanni

Donna Elvira

O der Verbrecher, Der mich Ärmste verriet. Leporello

premiere › spielzeit 2010. 2011

rinaldo Jedes Zaudern ist für einen Liebenden eine schlimme, qualvolle Strafe. Die Flucht peitscht ihn ständig, die Hoffnung treibt ihre Späße, das fühle ich jetzt. rinaldo, 1. akt, 1. auftritt › Oper von Georg Friedrich Händel › Musikalische Leitung Alessandro de Marchi › Inszenierung Sabine Hartmannshenn › Bühne Dieter Richter › kostüme Susanna Mendoza › Dramaturgie Tanja Fasching › Licht Nicol Hungsberg › Goffredo Hagen Matzeit › Almirena Krenare Gashi › Rinaldo Patricia

Gebt Euch zufrieden, Denn Ihr seid, Ihr waret und Ihr werdet Nicht die Erste noch Letzte sein! Hier seht nur, dies korpulente Büchlein, Da sind verzeichnet die Namen seiner Schönen; Jedes Städtchen, jedes Dörfchen ringsum im Reiche Kennt meinen Herrn und seine losen Streiche. 1. Akt, 5. Szene › Oper von Wolfgang Amadeus Mozart › Musikalische Leitung Markus Stenz › Inszenierung Uwe Eric Laufenberg › Bühne Gisbert Jäkel › Kostüme Antje Sternberg › Dramaturgie Birgit Meyer › Licht Andreas Frank › Chor Andrew Ollivant › Don Giovanni Thomas J. Mayer / Daniel Golossov › Donna Anna Tatiana Monogarova / Evelina Dobraceva › Don Ottavio Daniel Behle / Mirko Roschkowski › Komtur Dennis Wilgenhof › Donna Elvira Nicole Cabell

Bardon / Adriana Bastidas Gamboa › Eustazio Steve Wächter › Argante

/ Regina Richter › Leporello Patrick Carfizzi / Matias Tosi › Zerlina Jutta

Wolf Matthias Friedrich › Armida Simone Kermes › Gürzenich-Orchester Köln

Böhnert / Claudia Rohrbach › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln

premiere 30. Apr. 2011 Vorstellungen 2., 4., 6., 8., 11., 14., 19., 21. Mai 2011

Wiederaufnahme 27. Mai 2011 Vorstellungen 29. Mai 2011 › 2., 4., 8., 10., 12., 19., 22., 24., 26. Jun. 2011


28

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

Das Palladium text Martin Stankowski foto Matthias Baus


Spielorte   LEIDENSCHAFT

29

Einst lieferte das Kabelwerk den Draht für das angehende Kommunikationszeitalter. Heute hält es den Draht zur Kreativelite für Funk und Fernsehen.   Die Postadresse des Palladium ist Schanzenstraße, aber wenn man sich ein wenig umschaut rechts und links auf dem Gelände, findet man noch Hinweise auf Straßennamen, die kein Stadtplan verzeichnet: Zink- oder Drahtstraße, Band- Hütten- und Eisenstraße. Ganz prosaisch, und jeder weiß oder ahnt gleich, worum es hier ging: um Eisen und Draht in einem der größten Kölner Industriebetriebe des späten 19. Jahrhunderts – Felten & Guilleaume. Bei den Gebäuden war es noch banaler: Sie hatten lediglich Nummern. Das Palladium war die 75, da wurde einfach durchnummeriert in der Reihenfolge des Erbauens. Nur beim E -Werk auf der anderen Straßenseite gibt auch der Name Auskunft über die Funktion und enthält so ein wenig Geschichte. F&G – so die gängige Bezeichnung – entstand schon Mitte des 19. Jahrhunderts aus einer Seilerei an der Ulrepforte in der Kölner Südstadt und siedelte sich 1874 im damals noch selbstständigen und weit vor Köln industriell entwickelten Mülheim auf der rechten Rheinseite an: immer ganz vorn an der technologischen Front. Die erste Dampfmaschine am Rhein stand bei F&G, man wuchs mit dem Bergbau, aber der Durchbruch gelang mit der Hardware für die neuen Kommunikationstechniken: Kabel! Industrie, Handel, Börse, auch Polizei und Militär, Wirtschaft und Politik hingen im neuen Deutschen Reich von schnellen Nachrichten und guten Verbindungen ab. F&G wurde noch größer mit den Überseekabeln nach Amerika, und Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten mehr als 10.000 Menschen in den Mülheimer »Carlswerken« – so genannt nach Franz Carl Guilleaume, dem potentesten der Unternehmerdynastie. In dieser Zeit, 1899, wurde die Maschinenbauhalle errichtet – heute das »Palladium«. Bis auf einen kleinen Rest der »Drahtwerke« nebenan geht es auf dem Areal heute nicht mehr um Stahl oder Kabel, aber immer noch um Kommunikation. Man hat das Industriegelände zwischen Keupstraße und Schanzenstraße als »Medienzentrum Ost« bezeichnet. Hier haben sich nach dem Niedergang der Altindustrie die neuen »Creative Industries« angesiedelt, vor allem Dienstleister rund um das Film- und Fernsehgeschäft. Hier entstehen Fernsehserien, Produktionsfirmen wie Brainpool, quirlige Investoren der Medienwirtschaft, Softwareentwickler, und alle Arten von Zulieferern für TV-Produktionen arbeiten auf dem Gelände. Die Atmosphäre der aufgehübschten Industriedenkmäler reizt und animiert die neuen Kreativen, und inzwischen haben über 4.000 Menschen auf dem Areal neue Arbeitsplätze gefunden und oft auch geschaffen. Ein Zentrum der Kölner Kulturwirtschaft. Palladium ist ein Edelmetall, man kennt es als Zahnersatz und in Abgaskatalysatoren und – das »Palladium« war ein berühmter Club im New York der 1950er Jahre, ein Mekka des Latin Jazz. Edelmetall und Vergnügen, das passt.

premiere › spielzeit 2010. 2011

die Entführung aus dem Serail

Traurigkeit ward mir zum Lose, weil ich dir entrissen bin. Gleich der wurmzernagten Rose, gleich dem Gras im Wintermoose, welkt mein banges Leben hin. Selbst der Luft darf ich nicht sagen meiner Seele bittern Schmerz, denn unwillig ihn zu tragen, haucht sie alle meine Klagen wieder in mein armes Herz. konstanze, 2. aufzug › Oper von Wolfgang Amadeus Mozart › Musikalische Leitung Konrad Junghänel › Inszenierung Uwe Eric Laufenberg › Bühne Matthias Schaller › Kostüme Antje Sternberg › Licht Andreas Frank › Chor Andrew Ollivant › Bassa Selim Ishan Othman › Konstanze Olesya Golovneva / Anna Palimina › Belmonte Brad Cooper / Mirko Roschkowski › Blonde Anna Palimina / Csilla Csövári › Pedrillo John Heuzenroeder › Osmin Wolf Matthias Friedrich / Dennis Wilgenhof › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln premiere 26. Nov. 2010 Vorstellungen 1., 3., 5., 10., 12., 15., 17., 19., 21., 23., 26. Dez. 2010


30

Spielorte LEIDENSCHAFT

premiere › spielzeit 2010. 2011

Die Csárdásfürstin

Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht! Ganz ohne Sonne blüht die Rose nicht! Drum hie und da, so einmal noch – da küss ich doch! Da küss ich doch! boni, 1. akt › Operette von Emmerich Kálmán › Musikalische Fassung von Gerrit Prießnitz und Béla Fischer › Musikalische Leitung Gerrit Prießnitz › Inszenierung Bernd Mottl › Bühne & Kostüme Friedrich Eggert › Dramaturgie Georg Kehren › Choreographie Otto Pichler › Licht Andreas Frank › Chor Andrew Ollivant › Sylva Varescu Christoph Marti alias Ursli Pfister › Edwin Carsten Süß / Miljenko Turk › Fürst Leopold Maria Ludwig Sebus › Anhilte, seine

Gemahlin Andreja Schneider › Stasi Claudia Rohrbach / Csilla Csövári › Graf Boni Kancsianu Martin Koch › Feri von Kerekes Alexander Fedin

premiere › spielzeit 2010. 2011

Wozzeck

Moral: das ist, wenn man moralisch ist! Versteht Er? Es ist ein gutes Wort. hauptmann, 1. akt, 1. szene › Oper von Alban Berg › Musikalische Leitung Markus Stenz › Inszenierung Ingo Kerkhof › Bühne Gisbert Jäkel › Kostüme Jessica Karge › Dramaturgie Georg Kehren › Licht Andreas Frank › Chor Andrew Ollivant › Wozzeck Florian Boesch › Tambourmajor Gordon Gietz › Andres Martin Koch › Hauptmann Alexander Fedin › Doktor Dennis Wilgenhof › Marie

› Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln

Asmik Grigorian › sowie Andrea Andonian, Jeongki Cho, John Heuzenroeder

premiere 30. Dez. 2010 Vorstellungen 31. Dez. 2010 › 2., 5., 9., 14., 20., 27. Jan. 2011 › 2., 4., 6., 8., 10., 12., 15., 20., 25. Feb. 2011

premiere 20. mai 2011 Vorstellungen 22. Mai 2011 › 1., 5., 9., 11., 13., 16., 18., 23., 25. Jun. 2011

u. a. › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln


Spielorte   LEIDENSCHAFT

31


32

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

Das Gerling-Quartier text Martin Stankowski foto Matthias Baus


Spielorte   LEIDENSCHAFT

33

Die »Kölner Reichskanzlei«: Der ehemalige Firmensitz fasziniert noch heute mit eigenwilliger Ästhetik – den Unternehmenserbe als Jesuskind inklusive.   Als 1979 das Kölner Denkmälerverzeichnis erschien, das erste nach dem Krieg und – damals überraschend neu – mit einigen Hundert herausragenden und typischen Gebäuden der 1950er Jahre, waren die Bauten des Gerling-Konzerns im Friesenviertel nicht dabei, obwohl sie doch überwiegend nach 1950 entstanden waren. Dagegen sprach das negative Image in der stadtkölnischen Öffentlichkeit, bezeichnen doch manche heute noch das Areal rund um den Gereonshof als »Kölner Reichskanzlei«. Unterschiedliche Architekten hatten die Gebäude, das Hochhaus samt Seitenflügel und die gegenüberliegenden, den Platz wie eine Barockanlage einrahmenden Bürobauten, geplant. Aber entscheidend war der Versicherungschef Hans Gerling selber. Er war sein eigener »Architekt«, an seiner Seite als künstlerischer Berater der Düsseldorfer Bildhauer Arno Breker. Breker war einer der ästhetischen Apologeten und Hofkünstler des Dritten Reichs, hatte monumentale Plastiken für die Nazis geschaffen und sich auch später niemals davon distanziert. Auf ihn ging die Gestaltung wie auch die städtebauliche Wirkung des so genannten Ehrenhofs zurück. Nun mag man über Gestalt, Ausdruck und sogar die Ziele des Bauherrn streiten, doch sicher ist der Gerling-Komplex das größte Baudenkmal der Nachkriegszeit in Köln. Und da »Geschmack und Schönheit für den Denkmalschutz keine Rolle spielen« wie der Amtschef später betonte, ist der gesamte Gerling-Komplex inzwischen unter Denkmalschutz gestellt. Vor einigen Jahren wurde der gesamte Komplex von einem Finanzinvestor erworben, der hier »Premium«-Wohnungen, Büros und Cafés, Gourmet-Restaurants und ein 5-Sterne-Hotel einrichten will. Dabei ist der Blick eher aufs Innere gerichtet, das heute sichtbar wird und das Publikum entzückt: großzügige Wandelhallen und Repräsentationsräume, Treppenschwünge und eine Bar im Stil der 1950er Jahre, ausgewählte Materialien, großzügige Grünanlagen und auch der jetzt der Öffentlichkeit zugängliche vormalige Speisesaal für die Angestellten des Konzerns, auch »Casino« oder »Jahrhundertsaal« genannt. Diese Art von Repräsentation war für eine Versicherung Markenzeichen und zugleich Nachweis von Bonität in einer Branche, die ständig ihre Solidität zu belegen hatte. Selbst ihren Angestellten gegenüber. Für die Kunden dagegen waren die Heiligen zuständig, draußen an den Ein- und Ausgängen des Ehrenhof, Martin und Georg, Christopherus oder die Heiligen drei Könige samt Krippe und Jesuskind, das als bezeichnendes Detail das Porträt des Erben und Sohnes des Konzernchefs zeigt. Auch diese Figuren stammen von Breker, was unschwer an den pathetischen Körpern zu erkennen ist. Aber was wollen sie sagen an einem säkularen Firmensitz im »hilligen Köln«? Sind das die Ahnen der Versicherung? Ist der Heilige Martin für Almosen und Georg bei Feuersbrunst zuständig? Ersetzt Christopherus die Reiseversicherung und sorgen die Heiligen drei Könige für überraschende Bonuszahlungen? Vielleicht kompensieren sie ja auch die Assekuranz, denn das wusste der Kölner immer genau: Die Heiligen früher, die haben tatsächlich geholfen, und das war der Unterschied zu einer Versicherung heute.

premiere › spielzeit 2010. 2011

L’incoronazione di Poppea

Hoffnung, du betörst weiterhin mein Herz. Hoffnung, du schmeichelst weiterhin meinem Geist, inzwischen jedoch umhüllst du mich mit dem Traumbild des königlichen Mantels. poppea, 1. akt, 4. szene › Oper von Claudio Monteverdi › Musikalische Leitung Konrad Junghänel › Inszenierung Dietrich Hilsdorf › Bühne Dieter Richter › Kostüme Renate Schmitzer › Dramaturgische Beratung Silke Leopold › Licht Nicol Hungsberg › fortuna Ji Hyun An › virtù Adriana Bastidas Gamboa › amore Maike Raschke › poppea Sandrine Piau › nerone Franco Fagioli › ottone David DQ Lee › ottavia Romina Boscolo / Katrin Wundsam › seneca Wolf Matthias Friedrich › drusilla Claudia Rohrbach › nutrice Andrea Andonian › arnalta Daniel Lager › liberto console  ⁄ 2. soldato John Heuzenroeder › lucano  ⁄ 1. soldato Gustavo Quaresma Ramos › Gürzenich-Orchester Köln premiere 16. okt. 2010 Vorstellungen 19., 21., 24., 27., 29., 30. Okt. › 01., 03., 05., 07. Nov. 2010


34

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

die uni  AUla text Martin Stankowski foto Matthias Baus


Spielorte   LEIDENSCHAFT

35

Von Konrad über Kulturhunger bis Kommunismus: Der Hörsaal spiegelt 75 Jahre Kölner Neuzeit wie kaum ein anderer Kölner Ort.   In alten Universitäten findet man als Mittelpunkt des akademischen Betriebs das »auditorium maximum«, in Köln heißt dieser Raum ganz prosaisch »Hörsaal I«. Es existiert keine alte Universität, weil die Franzosen 1798 den klerikalen Laden – viele sagen aus guten Gründen – geschlossen haben, und erst Konrad Adenauer erreichte 121 Jahre später, nach dem Ersten Weltkrieg, die Neugründung der Kölner Universität in Berlin. 1935 wurde der Neubau an der Inneren Kanalstraße eröffnet, ein Zweckbau nach Plänen des städtischen Baudirektors Adolf Abel, mit tragenden Außenmauern und Decken, sodass er im Inneren auf Stützen und Säulen verzichten konnte, und dieser große Hörsaal mit über 1.200 Plätzen in treppenartiger Steigung entstand. Der Raum erlebte akademische Feiern, große Reden und pompöse Aufmärsche, jedenfalls in den ersten zehn Jahren, diente aber auch mit einer 10 x 10 Meter großen Bühne als Studiobühne der Universität. Ein Glücksfall nach dem Krieg: Schauspiel und Oper in Trümmern, aber Hörsaal I war heil geblieben. Hier fokussierte sich das städtische Kulturleben. Zehn Jahre lang diente er vier Ensembles, Oper, Operette, Schauspiel und Gürzenich-Orchester als Spielstätte. Und trotz fehlender Verkehrsanbindungen, Kälte und Not pilgerten die Kölner in langen Fußmärschen zu Tausenden durch die Trümmer nach Lindenthal. »Kulturhunger« nennt man dieses Phänomen, das die Sehnsucht nach Sinn, aber auch nach Schönheit beschreibt. Es begann am 17. August 1945 – noch ehe die Universität selber ihren Betrieb aufnahm – mit Shakespeares »Ein Sommernachtstraum«, der in der ersten Spielzeit 420 Aufführungen erlebte. Und dann vor allem die Klassiker: der »Seidene Schuh«, »Othello« und »Figaro«, »Ariadne auf Naxos« oder »Orpheus und Eurydike«. Am zugkräftigsten aber waren bald die Operetten wie »Der Vetter aus Dingsda« oder »Das Land des Lächelns« und »Zar und Zimmermann« . Die Sehnsucht des Publikums inmitten von Ruinen nach Zerstreuung und Trost war eben groß. Aber nicht nur Oper und Theater: die Sonntagsmatineen der Volkshochschule, politische Versammlungen von Stadt und Parteien, Vorlesungen der Universität – Millionen Menschen waren schon im Hörsaal I. Außerdem war er immer ein Ort des studentisches Protestes. Der Durchbruch der außerparlamentarischen Opposition an der Universität im legendären 1968 gehört auch zu seiner Geschichte. Nach einer spontanen Besetzung des Rektorats durch eine kleine Gruppe von Aktivisten im November 1968 entschied sich nach einem stundenlangen Teach-In die Mehrheit von annähernd 2.000 Studenten, diese Aktion zu unterstützen. Die Abstimmung erfolgte per Hammelsprung, rechts die Befürworter der Besetzung, links die Gegner. Es wurde genau gezählt: 939 dafür, 746 dagegen. Wenn auch durch die rechte Tür: Die Linke hatte gesiegt im Hörsaal I.

premiere › spielzeit 2010. 2011

die zauberflöte

Dieser Jüngling will seinen nächtlichen Schleyer von sich reißen, und ins Heiligthum des größten Lichtes blicken. Sarastro, 2. Akt › Oper von Wolfgang Amadeus Mozart › Musikalische Leitung Modestas Pitrenas › Inszenierung René Zisterer › Bühne Hyun Chu › Kostüme Susanne Füller › Dramaturgie Birgit Meyer › Licht Nicol Hungsberg › Chor Andrew Ollivant › Pamina Mojca Erdmann / Krenare Gashi › Tamino Lothar Odinius / Brad Cooper › Königin der Nacht Jeanette Vecchione › 1. Dame Susanne Niebling › 2. Dame Regina Richter / Adriana Bastidas Gamboa › 3. Dame Katrin Wundsam › Papageno Miljenko Turk › Papagena Maike Raschke › Sarastro Stefan Kocán / Roman Polisadov › Sprecher Wilfried Staber / Jan Buchwald › Monostatos Martin Koch › 1. Geharnischter  ⁄ 1. Priester Alexander Fedin › Chor der Oper Köln › Knaben des Tölzer Knabenchores › Gürzenich-Orchester Köln premiere 11. Dez. 2010 Vorstellungen 14., 16., 18., 20., 22., 25., 27., 29. Dez. 2010


36

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

die Trinitatiskirche text Martin Stankowski foto Matthias Baus


Spielorte   LEIDENSCHAFT

37

Von der protestantischen Amtskirche bis zum Ursprung der Gay Liberation Front: Eine feste Burg ist unsere Trinitatiskirche.   In den Reden der Oberbürgermeister ist öfter vom multikulturellen Köln die Rede und von der Toleranz der 2000-jährigen Stadt – aber da gibt es größere Lücken. Die Protestanten könnten ein Lied davon singen. Dauerte es doch vom Thesenanschlag Martin Luthers 1517 in Wittenberg fast 300 Jahre, bis zum ersten Mal ein amtlicher evangelischer Gottesdienst in Köln gefeiert werden konnte – ohne Polizei und ohne Verbot. Erst 1802 war es soweit, in einem Brauhaus auf der Schildergasse. Und es dauerte noch einmal knapp 60 Jahre bis die Gemeinde endlich eine neue Kirche bekam: Trinitatis am Filzengraben. Am 3. Juni 1860 wurde sie eingeweiht, mit einer eigens komponierten Festkantate von Max Bruch. Ohne den Druck und die tatkräftige finanzielle Unterstützung des preußischen Monarchen Friedrich Wilhelm IV. hätte es noch länger gedauert. Jahrhunderte lang hatte das katholische Köln die Protestanten aus der Stadt gehalten – zum Schaden ihrer eigenen Entwicklung. Waren doch die innovativsten der jungen evangelischen Handwerker schon Anfang des 18. Jahrhunderts ins Bergische und nach Mülheim ausgewandert und hatten dort als Start-up-Unternehmer die industrielle Revolution begründet – auf der rechten Rheinseite! Und erst als das Rheinland mit dem Wiener Kongress an Preußen fiel, siedelten sich mit den neuen Beamten und Soldaten auch nennenswert Protestanten in der Stadt an, aber schon bald gab es Zoff. Es ging um Mischehen dieser protestantischen Jungs mit den kölschen Mädchen und um das Recht, über die Taufe ihrer Nachkommen zu bestimmen. Evangelischer Staat und katholische Kirche stritten, aber am Ende zog der Erzbischof den Kürzeren. Er wurde 1837 abgesetzt und verhaftet und bis zu seinem Tode in der Festung Minden eingesperrt. Das hinderte Friedrich Wilhelm, den »Romantiker auf dem Königsthron«, jedoch überhaupt nicht, mit Energie und Geld auch den Weiterbau des Doms zu fördern, in dessen Vollendung er ein nationales Symbol der deutschen Einigung unter preußischer Flagge sah. Aber zugleich musste er etwas für seine treuen evangelischen Staatsbürger tun. Er schlug eine völlig neue Kirche, einen »Protestantischen Dom« vor, der sich stilistisch weder an der rheinischen Romanik noch an der Gotik des Doms, sondern an dem für das Rheinland völlig neuartigen preußischen Klassizismus orientieren sollte. Als Architekt gewann man den Berliner Baumeister Friedrich August Stüler. Seit genau 150 Jahren ist Trinitatis die protestantische »Amtskirche« in der Domstadt am Rhein, seit einigen Jahren jedoch ohne eigene Gemeinde. Dafür dient der Bau mit seiner hervorragenden Akustik nicht nur für Konzerte oder bisweilen für Ausstellungen der benachbarten Hochschule für Kunst und Medien, sondern für vielerlei Veranstaltungen: Hier trat die Gay Liberation Front an die Öffentlichkeit, und inzwischen ist es das Gotteshaus der Gehörlosengemeinde. Einmal im Jahr nur, am 31. Oktober, steht der kirchenamtliche Charakter im Vordergrund: zur Feier des Reformationsfests und zur Erinnerung an den Tag, an dem Luther im fernen Wittenberg seine Thesen an die Kirchentür nagelte!

premiere › spielzeit 2010. 2011

the turn of the screw

Mrs. Grose

Was werden Sie tun? Governess

Ich tu rein gar nichts. Mrs. Grose

Was sagen Sie nun zu ihm? Governess

Ich sag ihm gar nichts. Mrs. Grose

Bravo! 1. Akt, 3. Szene › Oper von Benjamin Britten › Musikalische Leitung Raimund Laufen › Inszenierung Benjamin Schad › Bühne Gisbert Jäkel › dramaturgie Georg Kehren › Prolog / Quint John Heuzenroeder › Governess Claudia Rohrbach › Mrs. Grose Helen Donath › Miss Jessel Adriana Bastidas Gamboa premiere 11. Feb. 2011 Vorstellungen 19., 25., 27. Feb. 2011 › 19., 24., 26., Mär. 2011 › 2. Apr. 2011


38

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

die Philharmonie foto Matthias Baus


Spielorte   LEIDENSCHAFT

39

Premiere › spielzeit 2010. 2011

il trovatore – Der troubadour

Ihn vergessen? Ach! dieses Schreckenswort Kann nicht fassen mein liebend Herz. – Ein unnennbares Sehnen Durchbebet meine Seele, Ich lächle unter Tränen, Nur er, nur er, nur er liegt mir im Sinn! Ist fruchtlos auch mein Streben, Bleibt ungestillt dies Sehnen, Kann ich für ihn nicht leben, Will sterben, will sterben ich für ihn! Leonore, 1. Akt, 2. Auftritt

premiere › spielzeit 2010. 2011

PArsifal

Gurnemanz

Sag, Knab’! Erkennst du deine große Schuld? Wie konntest du sie begehn? Parsifal

Ich wusste sie nicht. 1. aufzug › Oper von Richard Wagner › Konzertante Aufführung › Musikalische Leitung Markus Stenz › Chor Andrew Ollivant

› Oper von Giuseppe Verdi › Konzertante Aufführung › Musikalische Leitung Markus Stenz › Chor Andrew Ollivant

› Amfortas Franz Grundheber › Titurel Franz Mazura › Gurnemanz

› Leonore Anja Harteros › Inez, deren Vertraute Adriana Bastidas

Evelyn Herlitzius › sowie Adriana Bastidas Gamboa, Anna Palimina,

Robert Holl › Parisfal Marco Jentzsch › Klingsor Samuel Youn › Kundry

Gamboa › Graf von Luna Thomas J. Mayer › Ferrando Mirco Palazzi

Kathleen Parker, Maike Raschke, Regina Richter, Claudia Rohrbach, Katrin

› Azucena Andrea Ulbrich › Manrico Yonghoon Lee › Ruiz, Manricos

Wundsam, Jeongki Cho, John Heuzenroeder u. a. › Chor der Oper Köln

Vertrauter Alexander Fedin › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln

› Gürzenich-Orchester Köln

premiere 21. Feb. 2011 Vorstellungen 24., 26. Feb. 2011

premiere 17. Apr. 2011 Vorstellungen 22., 25. Apr. 2011


40

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

das  StaAtenhaus text Martin Stankowski foto Matthias Baus


Spielorte   LEIDENSCHAFT

Uraufführung › spielzeit 2010. 2011

sonntag aus licht

Gebaut für die weltweit größte Medienmesse der 1920er Jahre ist das Staatenhaus heute Ort kulturellen Selbstverständnisses Kölns.   Selten hat Köln den gern und oft erhobenen Anspruch eingelöst, Metropole zu sein. Aber im Sommer 1928 war die Domstadt tatsächlich ein Ort internationaler Reputation: als Gastgeber der »Pressa«. Die damals größte Medienschau der Welt zog über 1.500 Aussteller an den Rhein, aber was noch wichtiger war nach dem desaströsen Ersten Weltkrieg: Sie kamen aus 43 Staaten, darunter der jungen Sowjetrepublik und den USA. Sogar der Völkerbund nahm mit eigenen Pavillons an der Pressa teil. Eigens dafür hatte der Oberbürgermeister Konrad Adenauer einen Bau errichten lassen, der sich im Halbrund als Rondell um den Messehof, den heutigen Tanzbrunnen, herumzog, mit einer vorgelagerten Kolonnade und dahinter tageslichthellen Hallen, in der Mitte optisch geteilt durch einen hohen Bogenbau. Gedacht als Präsentationsbau für die teilnehmenden Länder und seitdem versehen mit dem Signet »Staatenhaus«. Damals leistete sich die Stadt noch den Luxus, die leitenden Stellen mit versierten Baumeistern zu besetzen, wie den Chef des Hochbauamtes Adolf Abel, Architekt der neuen Messe. Mit der Pressa entstand auch der Messeturm, die Rheinhallen wurden mit Backstein ummantelt, der gesamte Komplex umgestaltet und bis heute – jedenfalls was den alten Teil der Messe betrifft – gelungen in die Stadtlandschaft eingebunden. Für Abel war Architektur nicht nur Hülle. Die klar gegliederte Struktur seines vornehmen Neo-Klassizismus setzt sich im Inneren mit einer Folge rhythmischer Gliederungen in gleicher Regelmäßigkeit fort, sichtbar vor allem an der Abfolge der Stützen und Pfeiler. Die architektonische Qualität entsprach dem historischen Anlass. Das Staatenhaus war der Mittelpunkt internationaler Aufmerksamkeit und Publizität, sein Bild ging um die Welt, und zugleich war es Kölns bester Ort für Kultur. Jedem, der sehen konnte und wollte, war die ästhetische Qualität des Staatenhauses bewusst, und so fanden später zahlreiche große Kunstausstellungen statt – und das Wichtigste vielleicht nach Krieg und Nationalsozialismus – auch die ersten Anknüpfungen an die Welt und die Kunst der Moderne bis hin zur »Westkunst« 1981. Wie sehr den Kölnern allerdings selbst das Wissen um die metropolen Teile der Stadt verloren geht, zeigte der öffentliche Disput um das Staatenhaus im Jahre 1985. Damals wollte die Messe »aus wirtschaftlichen Erwägungen« große Teile abreißen. Der Kulturausschuss des Rates hatte schon zugestimmt, bis der heftige Protest engagierter Bürger, vor allem der Widerstand der Chefin der Denkmalpflege, Hiltrud Kier, die Pläne wieder kippte. Aber so ist das eben mit den Träumen von der Weltstadt: Jeder Kölner ahnt, diese Stadt ist Provinz! Nun ist es ja keine Schande Provinz zu sein, peinlich ist nur, wenn man es nicht weiß.

Ma-a-a-a-a-a Mei-hei-ster, schütze unser Sonnensystem, alle Planeten Monde. Heilig ist die Erde, auf der Du die Menschen lehrst, Himmelskörper zu studieren als Modelle für Musik ja ha! Sonntags-Gruss, michael, 1. akt › Oper von Karlheinz Stockhausen › Musikalische Leitung Peter Rundel › Klangregie Kathinka Pasveer / Paul Jeukendrup › Szenisches Konzept Carlus Padrissa / Roland Olbeter / Frank Aleu › Inszenierung Carlus Padrissa (La Fura dels Baus) › Bühne Roland Olbeter › Kostüme Chu Oroz › Video Frank Aleu › Dramaturgie Dr. Thomas Ulrich › Licht Andreas Frank

Teil 1 1. Szene › Lichter – Wasser (Sonntags-Gruß) › Anna Palimina › Hubert Mayer › Benjamin Kobler * › Orchester musikFabrik

2. Szene › Engel – Prozessionen › Csilla Csövári › Noa Frenkel › Michael Leibundgut › Capella Amsterdam › Chorleitung James Wood

3. Szene › Licht – Bilder › Hubert Mayer › Marco Blaauw * › Chloe L’Abbe › Fie Schouten

Teil 2 4. Szene › Düfte – Zeichen › Csilla Csövári › Hubert Mayer › Maike Raschke › Martin Koch › Jonathan de la Paz Zaeus › Michael Leibundgut › Noa Frenkel › Benjamin Kobler *

5. Szene › Hoch – Zeiten für Chor / Hoch – Zeiten für Orchester › Marco Blaauw * › Orchester musikFabrik

Sonntags – Abschied * Mitglieder der musikFabrik In Zusammenarbeit mit der musikFabrik / Gefördert durch die Ernst-von-Siemens Musikstiftung München uraufführung Teil 1  9. Apr. 2011 uraufführung Teil 2  10. Apr. 2011 Vorstellungen Teil 1 20., 26., 28. Apr. 2011 Vorstellungen Teil 2 21., 27., 29. Apr. 2011 vorstellungen (Teile 1 + 2): 24. Apr. 2011 › 1. Mai 2011

41


42

Spielorte LEIDENSCHAFT

orte

der 窶ビoncalliplatz text Martin Stankowski foto Matthias Baus


Spielorte   LEIDENSCHAFT

Bettlerheimstatt, Hexenverbrennungsplatz, Skaterparadies: Alles im Namen eines Reformpapstes. Die Domplatte ist zwar hässlich, aber nie langweilig.   Frühmorgens nach Sechs, wenn der Dom aufgeschlossen wird und es regnet in Köln, kann man ein schönes Spiel beobachten: Die Menschen hasten aus dem Bahnhof die Domtreppe hinauf, verschwinden im Nordportal der Kathedrale und kommen im Westen wieder heraus. Hundert Meter Trockenheit – denn das ist einmalig in Europa, das hat weder Paris noch Rom oder Florenz: ein Dom direkt neben dem Bahnhof! Wir haben das dem romantischen Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. zu verdanken, der unbedingt und gegen den Rat aller Ingenieure die neue Eisenbahnbrücke exakt in der Verlängerung der alten Domachse haben wollte. Die gotische Kathedrale sollte sich symbolisch in das technische Brückenwerk der Moderne verlängern. Die Folge ist die Domplatte, die seit der städtebaulichen Akzentuierung durch den Architekten Fritz Schaller in den 1960er Jahren in Köln scheel angesehen wird. Von den Dombaumeistern bis zu den Fremdenführern tönt es unisono: hässlich, ein Fehler und Schandfleck in der Stadtlandschaft. Aber was passiert denn tatsächlich, wenn man aus dem Bahnhof kommt? Wo kann man denn mal in der planlos und zugebauten Stadt wirklich das Haupt erheben? Wann geht es nach oben und himmelwärts und prallt nicht der Blick gegen Einkaufspassage oder Firmenschild, und man kann durchatmen, bevor man eintaucht in die Schlucht der Hohe Straße? Der Roncalli-Platz auf der Südseite des Doms – der Name geht zurück auf den gütigen Papst Johannes XXIII, bürgerlich Angelo Roncalli – ist in Wirklichkeit Frei- und Spielfläche für jedermann. Man setze sich an einem beliebigen Tag – diesmal nicht bei Regenwetter – auf die Terrasse des Domhotels, welch ein Schauspiel mit urbanem Flair: grandiose Skater mit ihren Sprüngen und Kapriolen, Pflastermaler und Artisten, die lebenden Statuen als Charlie Chaplin oder Napoleon, Partygäste, Museumsbesucher und Touristen. Wenn man Glück hat, erlebt man eines der derzeit beliebten Flashmobs: »spontan« versammelte Jugendliche in einer Zombieperformance oder Wasserschlacht, die mit ihrer Attacke die Ordnungshüter ratlos zurücklassen – das ist städtisches Theater bei freier Platzwahl und kostenlosem Eintritt. Dieser Platz war immer schon Mittelpunkt des urbanen Lebens. Jahrhunderte lang betraten die Pilger hier den Dom. Vor dem – erst neuerdings geschlossenen – Portal saßen tief gestaffelt die Bettler, mit vererbbaren Plätze, denn das Almosengeben war für die sündige Christenheit eine der Eintrittskarten ins Paradies – absurd übrigens, dass heute gerade das Domkapitel die Bettler vor der Kathedrale vertreibt. Zur Stadt hin begrenzte das Palais des Stadtherrn den Platz, an der Ecke stand die Hacht, das erzbischöfliche Gefängnis, in dem zahlreiche Frauen als Hexen verurteilt und auf dem Domplatz dem Publikum vorgeführt und anschließend vor der Stadt auf Melaten hingerichtet wurden. Manchmal diente auch der Domplatz selbst als Hinrichtungsstätte. Zuletzt 1803 für Mathias Weber, genannt »der Fetzer«, ein Schmuggler und rheinischer Robin Hood der Franzosenzeit. Alles das öffentlich: eben großes Theater!

Premiere › spielzeit 2010. 2011

carmina burana

Veni, domicella, cum gaudio, veni, veni, pulchra, iam pereo! Komm, Geliebte! Bring Freude! Komm, komm du Schöne! Sonst muss ich vergehn! chor, aus »tempus est iocundum« › musikalische leitung Markus Stenz › künstlerische leitung und choreographie Royston Maldoom › kostüme Ruth Pulgram  › licht Pete Ayres  › chor Andrew Ollivant › dramaturgie Tanja Fasching › mit 120 Kölner Schülerinnen und Schülern › sopran Anna Palimina › Tenor Martin Koch › bariton Miljenko Turk › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln premiere 14. Jul. 2011 Vorstellungen: 15., 16. Jul. 2011

43


44

› FOTO Todd Rosenberg

Tanz in der Oper LEIDENSCHAFT


45

Tanz in der Oper   LEIDENSCHAFT

Vorstellung 29. Mär. 2010, 19:30 Uhr › Opernhaus

HUBBARD › Tanzgastspiel

Die Hubbard Street Dance Company wurde im Jahre 1977 von Lou Conte, Tänzer und Choreograf, als ein Ensemble für vier Frauen in Chicago gegründet. Heute – über 30 Jahre später – zählt sie zu den führenden zeitgenössischen Tanzkompanien der USA, die die meisten Uraufführungen zeigt. Seit Herbst 2009 hat Clenn Edgerton die künstlerische Leitung der Kompanie inne. Edgerton war langjähriger Tänzer beim Joffrey Ballet und Nederlands Dans Theater, dessen künstlerischer Leiter er auch für zehn Jahre war. Er führt nun die Tradition seiner Vorgänger, die Kompanie mit den innovativsten Choreografen des zeitgenössischen Tanzes zu konfrontieren, weiter. Das Repertoire besteht aus kraftvollen, athletischen und rasanten Stücken – in einer Mischung aus Modern Dance und Jazz mit Balletteinflüssen. Die Tänzer werden vom Publikum geliebt wegen ihres sinnlichen rückhaltlosen Körpereinsatzes voll Rhythmus und unendlicher Energie.

TABULA RASA Ohad Naharins Choreographie zeichnet sich im Besonderen durch die Geschmeidigkeit und Durchlässigkeit eines technisch sehr anspruchsvollen Bewegungsvokabulars aus. Naharin schickt seine zehn Tänzer in eine Welt der Klage und des Verlustes, als Überlebende in einer kargen Landschaft. Der aus Israel stammende Ohad Naharin hat bei der Batsheva Dance Company, Martha Graham und Maurice Béjart getanzt, bevor er in New York sein Debüt als Choreograf gab. Seit 1990 ist er künstlerischer Leiter der Batsheva Company, und seine Choreografien werden von Kompanien auf der ganzen Welt aufgeführt. WALKING MAD Zu Ravels »Bolero« ist »Walking Mad« ein dramatisches Abenteuer dreier Frauen und ihrer Beziehungen zu sich selbst und den Männern in ihrem Leben. Es ist ein humorvolles Werk mit einem ernsten Unterton. Johan Inger, in Schweden geboren, begann seine tänzerische Karriere beim Royal Swedish Ballet. 1990 tanzte er mit dem Nederlands Dans Theater, wo er seine ersten Choreografien kreierte. Von 2003 bis 2008 war Johan Inger künstlerischer Leiter des Cullberg Ballet. »Walking Mad« erhielt mehrere Auszeichnungen. DEEP DOWN DOS

»Deep Down Dos« feiert im Juni 2010 in Chicago Premiere und ist Alejandro Cerrudos vierte Arbeit für die Kompanie. Der Spanier Cerrudo war Mitglied der Victor Ullate Company, bevor er vom Stuttgarter Ballett engagiert wurde. Nach einem dreijährigen Engagement beim Nederlands Dans Theater II wurde er 2005 Mitglied von Hubbard Street Dance und ist erster Hauschoreograf. (hk)

TABULA RASA

choreografie & licht Ohad Naharin

musik Arvo Pärt

kostüme Mari Kajiwara

WALKING MAD

choreografie & Ausstattung Johan Inger musik Maurice Ravel und Arvo Pärt

licht Erik Berglund

DEEP DOWN DOS choreografie Alejandro Cerrudo

Musik Sound Collage


46

Tanz in der Oper LEIDENSCHAFT

Vorstellung 6. und 7. jul. 2010, 19:30 Uhr › Opernhaus

sutra › Tanzgastspiel

» … ein Stück wie ein Donnerschlag und gleichzeitig so filigran wie Brüsseler Spitzen … « Die Welt Inspiriert von der Jahrhunderte alten Kampfkunst und atemberaubender Körperbeherrschung der Shaolin-Mönche hat Sidi Larbi Cherkaoui zusammen mit den buddhistischen Mönchen, dem britischen Künstler und Turner Anthony Gormley sowie der Musik des polnischen Komponisten Szymon Brzóka ein atemberaubendes Gesamtkunstwerk geschaffen. »In meiner Kindheit war Bruce Lee ein großes Vorbild für mich; nicht nur seine Rollen, sondern er selbst und die Weltsicht, die er repräsentierte. Es überzeugte mich, wie er über Kampfkunst sprach, über die Natur als Lehrer und das Schöpfen aus elementaren Kräften. Durch ihn habe ich mich eingehender mit Kung Fu beschäftigt, bis zur ShaolinLehre des Zen Buddhismus. Später, als Choreograf und Tänzer, hat mich das Bewegungsverständnis der ShaolinMönche inspiriert, ihre vollständige außergewöhnliche Fähigkeit, das Wesen eines Tigers, eines Kranichs oder einer Schlange zu verkörpern.« Sidi Larbi Cherkaoui Der flämisch-marrokanische Tänzer und Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui, 1976 als Sohn einer belgischen Mutter und eines marokkanischen Vaters in Antwerpen geboren, ist derzeit einer der innovativsten und gefragtesten Künstler der internationalen Tanzszene: 2008 wählten Kritiker ihn zum Choreograf des Jahres, 2009 wurde er mit dem KAIROS-Preis der Alfred Toepfer Stiftung ausgezeichnet, und im selben Jahr kürten Kritiker der Fachzeitschrift ballettanz »Sutra« zur Aufführung des Jahres. Als junger Tänzer wurde er von Alain Platel für seine Kompanie »Les ballets C. de la B« entdeckt und erhielt bereits 2002 in Monte Carlo den Nijinski Award als weltbester Nachwuchschoreograf. »Sutra« feierte seine Uraufführung im Mai 2008 im Sadler’s Wells Theater London und reist seither um die Welt. (hk)

Regie & Choreografie Sidi Larbi Cherkaoui

Visuelles Konzept & Ausstattung Anthony Gormley Live-Musik Szymon Brozóska

Mit Ali Ben Lotfi Thabet und den Mönchen des Shaolin-Tempels, Henan (China) Eine Produktion Sadler’s Wells in Koproduktion mit Athens Festival, Festival de Barcelona Grec, Grand Théatre de la Ville de Luxembourg, La Monnaie Brüssel, Festival d’Avignon, Fondazione Musica per Roma und Shaolin Cultural Communications Company


Tanz in der Oper   LEIDENSCHAFT

47

› FOTO Andree Lanthier


48

Tanz in der Oper LEIDENSCHAFT

› Babel

› FOTO Koen Broos

› Autorretrato

tanzgastspiel › spielzeit 2010. 2011

tanzgastspiel › spielzeit 2010. 2011

babel

Compania María Pagés: Autorretrato (Selbstportrait)

»Babel« heißt das neue Tanzstück des gefeierten flämisch-marokkanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui in Zusammenarbeit mit Damien Jalet und dem bildenden Künstler Antony Gormley – mit der grandiosen Produktion »Sutra« bereits zu Gast in der Oper im Juli 2010. Das Stück handelt vom Mythos des Turmbau zu Babel – wo die Menschen mit dem Auftreten der Sprachen das Verständnis füreinander verlieren. Das Produktionsteam vereint hier 18 Künstler (13 Darsteller und 5 Musiker) aus 13 verschiedenen Ländern mit ebenso vielen Muttersprachen in der künstlerischen Arbeit miteinander. »›Babel‹ ist nicht nur das innovativste Tanzstück des Jahres: in seiner Bewegungssprache so neu wie in den siebziger Jahren Pina Bauschs ›Idiom‹. Es ist auch eines der stärksten Werke des Jahres.« Tanznetz Jochen Schmidt 2009 › Choreografie Sidi Larbi Cherkaoui and Damien Jalet › Bühne & Design Antony Gormley › Kostüme Alexandra Gilbert › Licht Adam Carrée › Dramaturgie Lou Cope Vorstellungen 21., 22. Sep. 2010 › Opernhaus

› FOTO Victoria Hidalgo

María Pagés ist ein Orkan, der über die Bühnen von New York, Singapur, Paris und Tokyo hinwegfegt und die Zuschauer förmlich von ihren Sitzen reißt. Auf Einladung von Michail Baryschnikow erarbeitete María Pagés im Baryschnikow Art Centre (BAC) in New York City ihre Kreation »Autorretrato«, eine Performance, die ihre wichtigsten Tanz-Soli beinhaltet. Das Ergebnis ist ein fulminantes, offenes, sehr feinfühliges Selbstbildnis von einer der besten Flamencotänzerinnen der Welt! › choreographie und regie María Pagés › mitwirkung bei der choreographie Farruca José Barrios › original-musik Rubén Lebaniegos, José Antonio Carillo, Isaac Muñoz, María Pagés › musik und texte Alberto Cortez, Miguel Hernández, José Saramago, María Pagés, traditional folk

› beleuchtung Pau Fullana › bühnenbild und kostüme María Pagés › kostüme Luis F. Santos › färben und bemalen der textilien María Calderón › Koproduktion von The Lab Art und Norddeutsche Konzertdirektion M. Grevesmühl in Koproduktion mit Theater im Pfalzbau und Oper Köln Vorstellungen 3., 4. Nov. 2010 › Opernhaus


49

Tanz in der Oper   LEIDENSCHAFT

tanzgastspiel › spielzeit 2010. 2011

»LOVE HURTS … PETRUSHKA«

Ein Dancical. »Die Geschichte einer Puppenfigur, die zum Leben erwacht und gleich an seiner ersten Liebe tragisch scheitert, ist angelehnt an Stravinskys »Petrushka«-Ballett – und ist letztlich nur Mittel zum Zweck, so überzeugend und fesselnd ist die tänzerische Leistung der Darsteller … Dieser wilde Mix von Tanzstilen, die in Zeit, Ausdruck, Technik und zugrunde liegender Musik so vollkommen unterschiedlich sind, ist fast ein bisschen wie die sichtbar gewordene Evolution des Tanzes: Alles baut aufeinander auf. Alles lässt sich zueinander beziehen. Das ist fast schon Anarchie. Innovativer und umfassender kann es auf der Bühne kaum zugehen.« (frw) Kölner Stadtanzeiger › musik Igor Strawinsky: »Petrushka« , Ballett in vier Bildern, 1947 und Mike Dietrich aka DJ Opossum › idee, konzept & gesamtleitung Dirk Elwert › choreografie & szenische leitung Mario Schröder › co-choreografie Julie Pecquet › ausstattung Claus Stump › Koproduktion von The Lab Art und Norddeutsche Konzertdirektion M. Grevesmühl in Koproduktion mit Theater im Pfalzbau und Oper Köln Vorstellungen 7., 8., 9. dez. 2010 › PAlladium

› »Love hurts … Petrushka«

tanzgastspiel › spielzeit 2010. 2011

tanzgastspiel › spielzeit 2010. 2011

Sasha Waltz & Guests: TRAVELOGUE I TWENTY TO EIGHT

BÉJART BALLET LAUSANNE

»Twenty to eight« ist der 1. Teil der Trilogie »Travelogue« – einer Reise durch Innenräume. »Aus der Liebe zum (Stumm-) Film und zum Tango hat Sasha Waltz in ihrem Stück »Travelogue-Twenty to eight« eine choreographische Sprache entwickelt, die ruppig ist und leidenschaftlich, schmerzvoll und skurril, aggressiv und ironisch, aufgeladen mit Sex und voller Absurditäten: eine wilde, traurige, wütende, hässliche Schönheit.« taz –Michaela Schlagenwerth › regie / konzept Sasha Waltz › bühnenbild Barbara Steppe › musik Tristan Honsinger Quintett Jean-Marc Zelwer »Le Tourment de Vassilissa la Belle« / CD Made to measure › lichtdesign Tomski Binsert, André Pronk

› Eine Koproduktion von Sasha Waltz & Guests und dem Grand Theatre Groningen, nl. Mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten / Berlin, des Fonds Darstellende Künste e. V. und der Initiative Neue Musik Berlin e. V. › Sasha Waltz & Guests wird gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds Vorstellungen 7., 8. Jan. 2011 › PAlladium

› FOTO Natrice Bullard

»Und verloren sei uns der Tag, wo nicht einmal getanzt wurde!« – Ein Nietzsche-Zitat, mit dem man das ganze Leben Maurice Béjarts überschreiben könnte, für den Tanz und Bewegung zum einzig denkbaren Lebenselixier wurden. Das Béjart Ballett Lausanne präsentiert sich bei seinem Gastspiel in Köln mit einem Programm, das Choreografien von Béjart mit einer Arbeit des neuen Leiters der Company verbindet. ARIA › choreografie Gil Roman › musik JS Bach, Nine Inch Nails, Melponem, Inuit traditional chants › original musik Thierry Hochstätter & Jean-Bruno Meier (CityPercussion) › kostüme Henri Davila › Licht Dominique Roman L’OISEAU DE FEU › choreografie Maurice Béjart › musik Igor Strawinsky Vorstellungen 1., 2. jul. 2011 › Opernhaus


50

Fundstücke ANTRIEB

fundstücke

Im Kleinklein der Semantik am rande Es geht doch nichts über einen tadellosen Stammbaum: 1994 gründete die EU den Arbeitskreis der ältesten Städte Europas (Most Ancient European Towns Network). Dem Gremium gehören folgende Städte an, deren Vertreter sich jährlich im Vorsitz abwechseln: Argos (Griechenland, gegründet vor 5.000 Jahren) Béziers (Frankreich, gegründet vor 2.700 Jahren) Cádiz (Spanien, gegründet vor 3.100 Jahren) Colchester (Großbritannien, gegründet vor 1.970 Jahren) Cork (Irland, gegründet vor 1.400 Jahren) Évora (Portugal, gegründet vor 2.100 Jahren) Maastricht (Niederlande, gegründet vor 2.500 Jahren) Roskilde (Dänemark, gegründet vor 1.100 Jahren) Tongeren (Belgien, gegründet vor 2.025 Jahren) Worms (Deutschland, gegründet vor 5.000 Jahren)

text Till Schröder foto Matthias Baus

Das Detail erzählt die eigentliche Geschichte, sagt nicht nur der Kriminalist. Auf Streifzug durch die Ecken und Nischen der Oper Köln.

  Das Requisit ist den alten Lateinern zufolge ein »erforderliches Ding«. Laut Branchendefinition alles, das kleiner als ein Möbelstück ist und nicht am Körper getragen wird. Da hat man schon alle Hände mit zu tun als Requisiteur. Schließlich will der erforderliche Kleinkram pünktlich gefunden, sortiert und bereitgestellt werden. Wer schon einmal Brille, Schlüssel oder Pin-Code verlegt hat, weiß um die mühselige und nervenaufreibende Suche. Die Abteilung am Offenbachplatz jedoch scheint noch ein weiteres Tätigkeitsfeld aufgetan zu haben: Warnungen und Sinnsprüche. Auch Kleinkram. Diesmal der Semantik. Für alle frei einsichtig haben die diplomierten Dingebewahrer an ihrer Tür stets einen Ratschlag für jede Lebenslage. Mal wieder Langeweile im Paradies? Einfach bei den Requisiteuren vorbeigeschaut: »Eva kommt« steht da. Na also. Als Personaler auf Motivationssuche vor dem Mitarbeitergespräch? Die Sentenz mit der Reibungshitze und der Nestwärme lässt Sie ganz bestimmt wieder beschwingt die Kohlen aus dem Feuer des angespannten Personalbudgets holen. Oder zum x-ten Mal lästiger Dienst als Scharfrichter? »Narr, geh fort! Hier wird gefoltert und geköpft!« So kann man sich souverän allen Avancen der Henker-Groupies erwehren. Also, auf, wer Hilfe sucht. Opernbühne Herrenseite, zweite Tür rechts. Regelmäßige Updates garantiert.


Fundstücke   ANTRIEB

51


52

Oper für Kinder & Jugendliche ANTRIEB

oper /  für Kinder & Jugendliche \ Köln

Spielplatz       opernhaus text Tanja Fasching Fotos Klaus Lefebvre

Im Juli steht die Schultheaterwoche an, und die Kids rätseln diesmal rund um »Don Giovanni«.

kinderrätsel

Du kannst gut beobachten und genau hinhören? – Dann ist das Kinderrätsel genau das richtige für Dich! Bei der Vorstellung von Wolfgang Amadeus Mozarts »Don Giovanni« am 4. Juli bekommst Du vor Vorstellungsbeginn eine für Dich gestaltete Handlung des Werkes sowie einen bunten Fragebogen zum Geschehen auf der Bühne. Kreuze die jeweils richtige Antwort an, füll Deine Anschrift ein und wirf den Fragebogen in die goldene Box im Parkettfoyer – so nimmst Du an einer Verlosung teil! Viel Vergnügen und viel Glück!

kinderrätsel »Don Giovanni«, fr., 4. Jul. 2010


Oper für Kinder & Jugendliche   ANTRIEB

Kinderworkshop »Madama Butterfly«

Kinderworkshops

Nach den vier Kinderworkshops – »Orfeo ed Euridice« , »Kiss me, Kate«, »Madama Butterfly« und »Don Giovanni« – in der Saison 2009 . 2010, wird die Oper Köln auch in der Spielzeit 2010 . 2011 Kinderworkshops anbieten.

› Kinderworkshop »Die Entführung aus dem Serail« › Sa., 20. Nov. 2010 › 14 – 17 Uhr › für Kinder von 8 – 14 Jahren › Preis Euro 15,–/ Kind › Kinderworkshop »Don Giovanni« › So., 9. jan. 2011 › 14 – 17 Uhr › für Kinder von 8 – 14 Jahren › Preis Euro 15,–/ Kind › Kinderworkshop »Carmina Burana« › Sa., 25. Jun. 2011 › 14 – 17 Uhr › für Kinder von 8 – 14 Jahren › Preis Euro 15,–/ Kind Vorkenntnisse sind nicht erforderlich! Für einen Imbiss ist gesorgt. Anmeldung unter mail theaterpaedagogik@buehnenkoeln.de

53


54

Oper für Kinder & Jugendliche ANTRIEB

oper /  für Kinder & Jugendliche \ Köln

schultheater   woche in köln text Frank Rohde

Von Klassenspiel bis Musical: 28. Kölner Schultheaterwoche

Veranstaltungsort: Kinderoper im Alten Pfandhaus

5. Juli 2010, 15.30 Uhr Robin Hood – König der Lieder Musical nach Walt Disney KGS Lebensbaumweg Köln 6. Juli 2010, 15.30 Uhr Sterne für die Hochseekuh Musical Eigenentwicklung KGS FuSSfallstraSSe Köln

  Wie in jedem Jahr organisieren und veranstalten die Bühnen Köln in Zusammenarbeit mit der Theatergemeinde zum Ende der Spielzeit eine Schultheaterwoche, diesmal in der Halle Kalk und der Kinder­ oper im Alten Pfandhaus. Eine Jury hat sich Proben und Aufführungen in Schulen angesehen. Dabei wurden herausragende Produktionen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen bemerkenswert sind und Impulse für die Theaterarbeit in anderen Schulen geben können, ausgewählt und zu einem einwöchigen Festival zusammengestellt. Die Schüler erhalten Gelegenheit, sich vor einem weithin fremden Publikum zu bewähren. Sie können ihre Stücke unter professionellen Bedingungen bei den Bühnen Köln aufführen und so über den Rahmen der jeweiligen Schule hinaus einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Im Alten Pfandhaus werden Schultheater-Vorstellungen aus Kölner Grund- und Förderschulen zu sehen sein. Die Bandbreite reicht vom Klassenspiel in der Grundschule über selbsterarbeitete Stücke bis zum großen Musical mit mehr als 50 Sänger-, Tänzer- und Schauspielerkindern.

7. Juli 2010, 15.30 Uhr Eine Geburtstagstorte für die Schule Sprechtheater Eigenentwicklung GGS Manderscheider Platz Köln 8. Juli 2010, 15.30 Uhr Die silberne Kugel Masken-Pantomime Eigenentwicklung KGS Gotenring Köln Sie nannte sich Zorro Sprech- und Bewegungstheater nach Martin Auer und Axel Schiffler Nordparkschule Köln, Förderschule Lernen › Schauspiel-Vorstellungen finden vom 4. bis 11. Juli in der Halle Kalk statt.

infos theaterpaedagogik@buehnenkoeln.de

Workshops der 28. Kölner Schultheaterwoche

Am 9. Juli 2010 finden drei Workshops für Lehrer und ein Workshop für Schüler zum Thema: »Körpersprache« statt. Die Workshops sind kostenlos, bedürfen aber unbedingt der Anmeldung und Bestätigung! Anmeldungen erbeten unter mail theaterpaedagogik@buehnenkoeln.de


Oper für Kinder & Jugendliche   ANTRIEB

oper /  für Kinder & Jugendliche \ Köln

schulklassen     aufgepasst text Frank Rohde

Die Oper sucht Euch! Für die »Carmina Burana«-Aufführung vor dem Dom im Juli 2011 werden Schulklassen gesucht.

Im Juni und Juli 2011 möchte die Oper Köln mit Schulklassen aus Köln ein außergewöhnliches Tanztheater-Projekt durchführen. Royston Maldoom, internationaler Choreograph und Regisseur, leitet seit vielen Jahren weltweit Tanzprojekte für jedermann, unabhängig von Talent, Erfahrung, ethnischer Zugehörigkeit oder sozialer Herkunft. Er ist vor allem durch sein »RHYTHM IS IT!«-Projekt mit Berliner Jugendlichen und durch seine Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Sir Simon Rattle bekannt geworden. Mit Kölner Schulen wird er eine Community-Dance-Version von Carl Orffs »CARMINA BURANA« erarbeiten. Gesucht werden dazu fünf bis sechs Schulklassen der Jahrgangsstufen 7 bis 10 aller Schulformen und Schultypen. Der Probenbeginn liegt Anfang Juni 2011. In den ersten vier Wochen werden Royston Maldoom und seine Assistenten vorwiegend nachmittags in Ihrer Schule mit den Schülern trainieren und probieren. Die in den einzelnen Schulen erarbeiteten Teile des Stücks werden in den vierzehn Tagen vor der Premiere in Probenräumen der Bühnen Köln zusammen gesetzt. Die Aufführungen finden am 14., 15. und 16. Juli 2011 auf dem Roncalliplatz statt, zu jeder werden jeweils 2000 Zuschauer erwartet. Es spielt das Gürzenich-Orchester, die musikalische Leitung hat der Kölner Generalmusikdirektor Markus Stenz inne. Falls wir Ihr Interesse geweckt haben, möchten wir Sie gerne kurz vor Beginn der Sommerferien zu einer ersten, zunächst unverbindlichen Informationsveranstaltung für Lehrer in die Oper Köln einladen. Wir werden Ihnen dort das Projekt genauer vorstellen und Details und weitere Informationen mit Ihnen absprechen. Anmeldung und Informationen ab sofort unter: mail frank.rohde@stadt-koeln.de

55


56

Oper für Kinder & Jugendliche ANTRIEB

Das alte Pfandhaus text Martin Stankowski foto Matthias Baus

»Kartäuser-Bräu« und eine Sparkasse ohne Zinsen: Das »Alte Pfandhaus« liefert die Antworten auf die derzeitige Finanzkrise.

  Als am 26. März 1819 der Kölner Regierungspräsident ein »Leihhaus« genehmigte, geschah dies gegen den Willen der Kölner Stadtverwaltung. Man kannte ja im katholischen Köln seit Jahrhunderten das Prinzip der Almosen: Der Reiche sündigt und gibt, der Arme nimmt und betet für dessen Seelenheil. Was soll da ein Leihhaus, das die Unterschichten aktiviert und ihnen sogar noch einen Kredit einräumt? Aber wie so oft am Rhein kam der Fortschritt von außen und die Preußen setzten sich durch. Denn ein Viertel der Bewohner galt als arm und war auf Fürsorge, Suppenküchen und ähnliches angewiesen. Sechs Jahre später wurde – auch auf Druck von oben – eine Sparkasse angegliedert, mit einem überraschend innovativen Modell: Die kleinen Einlagen wurden höher verzinst als die größeren. Bis 100 Taler gab es 3,5 % Zinsen, dann weniger und ab 500 Taler gar nichts mehr! Man soll ja aus der Geschichte lernen und hätte die Nachfolgerin dieses Instituts, die Stadtsparkasse, sich in der jüngsten Zeit wieder an diesem Prinzip orientiert und etwa bei der Finanzierung der KölnMesse die reichen Investoren des Esch-Oppenheim-Fonds so behandelt, säße sie jetzt nicht auf den Millionenverlusten! Aus dem Leihhaus wurde die »Pfandkreditanstalt der Stadt Köln«, zunächst ansässig in dem vormaligen Kloster der Minoriten, wechselte dann mehrmals den Standort, bis sie am Kartäuserwall landete. Alles durften die Kölner gegen Bargeld hier verpfänden – auf Zeit und mit einer Ausnahme: Textilien wurden nicht angenommen! Nackt aus der Pfandleihe war nicht erwünscht. Und bis zum Jahre 1999 nahm man hier alles an, was der Kölner und die Kölnerin entbehren konnte. Dann wurde die Pfandleihe nach 180 Jahren wegen Unwirtschaftlichkeit geschlossen. Seitdem ist es das »Alte Pfandhaus«, an das vor allem der ovale Versteigerungssaal erinnert, mit den niedrigen Bänken im Halbrund der kleinen Arena, über Stufen ansteigend und ohne Lehnen, dass auch jeder gut den Auktionator im Zentrum sehen konnte.


Oper für Kinder & Jugendliche   ANTRIEB

57


58

Kinderoper im Alten Pfandhaus ANTRIEB

Ich packe meinen Koffer und … interview Elena Tzavara foto Matthias Baus

Drei Fragen an den Kinderoper-Schirmherrn Ralph Caspers.

Lieber Ralph, welche drei Dinge würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen? Gitarre, Notizbuch und viele Stifte. Wenn Du einen Koffer mit ca. 15 Sachen packen müsstest – welche würdest Du wählen? 1. Zahnbürste 2. Zahnpasta 3. Unterhose 4. T-Shirt 5. Socken 6. Hose 7. Schuhe 8. Notizbuch 9. Stifte 10. iPod 11. Computer 12. Fotoapparat 13. Skateboard 14. »Infinite Jest« von David Foster Wallace 15. Skalpell Erzähle bitte eine kleine Geschichte eines Umzuges als Du Kind warst. Gab es bei einem Ortswechsel eine besondere Begebenheit oder Erfahrung? Als wir einmal umgezogen sind – ich war vielleicht vier Jahre alt – haben meine Eltern wie üblich alles in Kisten verpackt. Das Einladen der Kisten in den Umzugswagen dauerte total lange. Ich wurde immer müder, aber es gab kein Bett und kein Sofa, auf das ich mich legen konnte. Also krabbelte ich in eine der Kisten, die voll mit unseren Decken waren, machte es mir da gemütlich und schlief ein. Als alle Kisten im Umzugswagen waren, fuhr er los – und meine Eltern wollten direkt hinterherfahren. Ging aber nicht, weil ihnen auffiel, dass ich nicht da war. Sie suchten das ganze Haus ab, den Garten, unsere Straße. Ich war nirgendwo zu finden. Meine Mutter war kurz vorm Nervenzusammenbruch, als das Telefon klingelte. Es war einer der Möbelspediteure. Während einer Pause auf einem Rastplatz hörten sie ein zartes Stimmchen aus dem Laderaum: Ich war aufgewacht und heulte wie der Hund von Baskerville während einer nebeligen Vollmondnacht in Dartmoor, weil ich nicht wusste, wo ich war. Und vor allem, wo meine Eltern waren. Die Möbelmänner räumten den Wagen aus und fanden mich in einer der Kisten. Sie fütterten mich mit Schokoriegeln und Pommes Frites, bis meine Eltern den Rastplatz endlich erreichten und mich in ihre Arme schlossen.


Kinderoper im Alten Pfandhaus   ANTRIEB

› Ralph Caspers »beschirmt« den Butt aus dem »Fischer und seiner Frau«

59


60

Kinderoper im Alten Pfandhaus ANTRIEB

die kinderoper in der spielzeit 2010 . 2011

Vom Fischer und seiner Frau › Auftragswerk der Kinderoper Köln › Jazzoper für Kinder von Ingfried Hoffmann › Libretto von Barbara Hass nach dem Märchen von Philipp Otto Runge › Musikalische Leitung Samuel Hogarth › Regie Elena Tzavara › Bühne Conrad Moritz Reinhardt › Kostüme Elisabeth Vogetseder › Dramaturgie Tanja Fasching › Mit dem Jazz-Ensemble »Altes Pfandhaus« empfohlen für kinder ab 5 Jahren aufführungsdauer 65 Minuten wiederaufnahme 30. Sep. 2010

Aschenputtel / Cenerentola › von Ermanno Wolf-Ferrari › Märchenoper in drei Aufzügen nach den Versen von Maria Pezze-Pascolato › freie deutsche Übersetzung von Franz Rau › Kölner Fassung von Christian Schuller › Orchesterbearbeitung von Reiner Schottstädt › Musikalische Leitung Raimund Laufen › Regie Brigitta Gillessen › Bühne & Kostüme Ute Lindenbeck › Dramaturgie Tanja Fasching › Mit Musikern des Gürzenich-Orchesters empfohlen für kinder ab 5 Jahren aufführungsdauer 65 Minuten

Schneewittchen › Auftragswerk der Kinderoper Köln › Musik und Libretto von Marius Felix Lange › nach dem Märchen der Gebrüder Grimm › Konzeption von Ralph Caspers und Elena Tzavara › musikalische leitung Samuel Hogarth › Regie Ralph Caspers & Elena Tzavara › Bühne Conrad Moritz Reinhardt › Kostüme Elisabeth Vogetseder › Mit Musikern des Gürzenich-Orchesters empfohlen für kinder ab 5 Jahren aufführungsdauer 60 Minuten uraufführung 21. Apr. 2011

premiere 13. Nov. 2010

Das Kind und der Zauberspuk / L’enfant et les sortilèges › von Maurice Ravel › Lyrische Fantasie in zwei Teilen › Libretto von der Dichterin Colette, deutsche Übertragung von Elke Heidenreich › Orchesterbearbeitung von Didier Puntos

Dornröschen/ La bella addormentata nel bosco › von Ottorino Respighi › Musikmärchen in drei Akten von Gian Bistolfi nach Charles Perrault › Deutsche Übersetzung von Christian Schuller › Textfassung und Zwischentexte von Elke Heidenreich › Orchesterbearbeitung von Dirk Lotfering

› Musikalische Leitung n. n. › Regie Tomo Sugao › Bühne Ulrike Plehn › Kostüme Marie Gerstenberger › Dramaturgie Lars Gebhardt

› musikalische leitung Samuel Hogarth › Inszenierung nach einer Konzeption von Christian Schuller › Bühne Petra Möhle › Kostüme Ulrich Schulz › Mit Musikern des Gürzenich-Orchesters

empfohlen für kinder ab 5 Jahren aufführungsdauer 60 Minuten

empfohlen für kinder ab 5 Jahren aufführungsdauer 60 Minuten

premiere 22. Feb. 2011

wiederaufnahme 22. Jun. 2011


Kinderoper im Alten Pfandhaus   ANTRIEB

61

Wo Kinder auch    am Tage träumen … text Prof. Asmus Werner

Kinder brauchen greifbare Orte der Fantasie. Wie man sie schafft und warum sie auch für uns Erwachsene notwendig sind, erklärt Professor Asmus Werner, Architekt und Spezialist für Kindergärten und Schulen.

  … da herrscht meist Erwachsenenmangel. Es sind Orte, die der Vorstellungswelt der Erwachsenen nicht mehr zugänglich sind – aus eigener Schuld der »Großen«. Sie haben fast immer vergessen, sich wirklich fallen zu lassen, mit Haut und Haaren Erdachtes durchzuspielen. An diesen Orten der Fantasie spielen Märchen und Gruselgeschichten, Abenteuer und Ritterkämpfe – kleine Lieben und große Enttäuschungen. Keineswegs müssen diese Orte Fantasie bleiben. Wir »Großen« können ihnen und uns auf die Sprünge helfen – in dem wir Freiräume schaffen. Ein solcher Ort des Zaubers und Zauberns ist für viele Kinder bereits der Kindergarten. Vieles, was das Elternhaus nicht bieten kann, wartet hier auf die Kleinen: anderes Spielzeug als zu Hause, eine Kuschelecke, vielleicht ein richtiger Garten für Kinder und kleine Tiere, die hier von ihnen geliebt, gepflegt und verwöhnt werden. Und dann die neuen Freunde und vielleicht auch ein Kindergärtner, der spannend vorlesen und erzählen kann. In Athen hatte der Architekt und Gartenarchitekt Pikionis vor Jahren in mehreren Kindergärten unter Platanen winzige Hütten aus Thymian-Gesträuch errichten lassen. Im Sommer, wenn es dann wirklich sehr heiß geworden war, aber sich auch ein erster lauer Wind regte, schliefen und spielten alle in diesen Hütten, umweht von einem wunderbaren Thymian-Lüftchen. Und das im mehr oder weniger lauten und stinkenden Athen. Für Kinder sicherlich ein unvergesslicher Ort. Nicht so weit liegt das Städtchen Bullerbü. Dort leben Britta, Inga, Ole & Co. Welches Kind wünschte es sich nicht, gemeinsam mit diesen stets zu Streichen aufgelegten Bengeln und Engeln neue Überraschungen auszuhecken? Und wenn keine Reise nach Bullerbü gebucht werden kann, gibt es doch noch die Möglichkeit, das eigene Zimmer in einen Bullerbü-ähnlichen Zustand zu verzaubern. Auch Ritterburgen bereichern die Welt der Kinder. Auf Berggipfeln und hinter hohen und starken Mauern wohnen die Ritter. Tag und Nacht sind sie darauf vorbereitet, sofort in den Kampf zu ziehen. Und ihre Burgfräuleins staunen und jubeln auf den Zinnen, weil ihre Ritter nämlich nie verlieren. Zu Hause wird dann das eigene Zimmer zum Turnierplatz oder das Wohnzimmer der Großeltern, die stets

Verständnis zeigen, wenn bei ihnen kleine Ritter mit Holz-Schwertern, Plastik-Degen, Pfeil und Bogen gegeneinander antreten. Das ist die geträumte Ritterburg in den eigenen vier Wänden. Für viele Kinder gibt es aber noch einen ganz anderen Abenteuerspielplatz: Leider haften hier die Eltern für das Tun ihrer Kinder – und außerdem besteht Lebensgefahr. Das sind Baustellen. Kinder können stundenlang mit großen Augen und Ohren davor stehen, und wie gerne würden sie mithelfen beim Sägen, Hämmern, Mauern. Dann noch die Bagger, Rammen, Kräne, Kies- und Zementlaster, alles am besten selbst steuern und fahren. Für Kinder ein großartiger Ort voller technischer Wunder! Von besonderer Faszination sind Schlösser: märchenhafte Architektur, üppig ausgestattet, romantisch gelegen im dunklen Wald, wo bekanntlich die guten und bösen Geister wohnen. Sie tun oft Gutes, seltener Gruseliges. Doch manchmal muss man sich fürchten, denn niemals trifft man auf Erwachsene, die helfend und rettend eingreifen könnten, wenn die Geister spuken und ihr Unwesen treiben. Dagegen sind Prinzessinnen meistens erfreuliche Erscheinungen … Eine Höhle oder ein Baumhaus – weit entfernt von der Welt der Erwachsenen – sind ideale Orte, um Pläne zu schmieden, neue Abenteuer vorzubereiten, sich zurückzuziehen. Für eine kurze Zeit eine »Auszeit« zu nehmen vom Alltag – davon träumen nicht nur Kinder, sondern manchmal auch wir Erwachsene. In der Nacht und sogar am Tage.


62

Gürzenich-Orchester Köln ANTRIEB

gürzenich-orchester

Die Wespe auf dem Musenhügel text Matthias Corvin / Johannes Wunderlich fotos Mats Bäcker / Catrin Moritz

Christian Lindberg spielt und dirigiert eigene Werke.

› Christian Lindberg

  Mit 17 Jahren begann er mit dem Posaunenspiel. Mit 19 war er Mitglied im Stockholmer Opernorchester. Mit 25 begann er eine Solokarriere, die ihn zu allen großen Orchestern der Welt führte, am liebsten mit Uraufführungen – 300 Ersteinspielungen von Posaunenwerken aller Art gehen auf sein Konto. Darunter auch eigene Stücke wie »Helikon Wasp«, denn mittlerweile ist der Schwede Christian Lindberg auch ein arrivierter Komponist und mit vielen Aufträgen gesegnet. Beim Gürzenich-Orchester war er schon einmal zu Gast. Beim kommenden Sinfoniekonzert 11 wird er nicht nur Posaune spielen, sondern auch dirigieren – bei »Helikon Wasp« sogar beides gleichzeitig. »Im 18. und 19. Jahrhundert war es üblich, dass Solisten und Komponisten auch dirigierten. Warum nicht auch heute?«, erzählt er in einem Zeitungsinterview. Unkonventionell ist auch seine Herangehensweise an das Stück »Helikon Wasp« selbst: »Das Umfeld der klassischen Musik kann ziemlich konservativ sein. Als ich den Auftrag zu »Helikon Wasp« bekam, hatte ich die Angepasstheit ziemlich satt, fand die Klassik-Szene verstaubt und wollte das ändern. Die Wespe sticht die noble Gesellschaft auf dem mythischen Musen-Berg ebenso wie unser manchmal träges Publikum«. An den Beginn des Konzertes stellt Christian Lindberg die »Ouvertüre« D-Dur D 590 »Im italienischen Stile« von Franz Schubert. Die Legende

erklärt das Stück als Resultat einer musikalischen Wette. Rossinis Opern waren zu Schuberts Zeit äußerst populär in Wien. Nach einem gemeinsamen Opernabend tat Schubert die Schwärmereien seines Freundes, dem Musikalienhändler Josef Doppler, mit den Worten ab, das könne er auch – die »Ouvertüre im italienischen Stile« ist der schlagenden Beweis. Wo Schubert den Ton seiner Zeit und Umgebung zu treffen vermochte, scheint der schwedische Komponist Allan Pettersson (1911 – 1980) aus ihr heraus zufallen. In den 1950er Jahren setzte er sich beim Studium in Paris mit Zwölftontechnik und Neoklassizismus auseinander, aber Spuren davon sucht man in seiner Musik vergebens. Sie knüpft seelisch wie strukturell an die großen, in sich zerklüfteten Symphonien Gustav Mahlers an. Er beginnt mit kleinsten Motiven, die organisch über sich hinauswachsen zu scheinen. Noch in ihren schroffsten Dissonanzen bleibt seine Musik tonal und für Zuhörer, die mit Petterssons Musik noch nicht vertraut sind, gut nachvollziehbar. Franz Schubert: Ouvertüre D-Dur D 590 »Im italienischen Stile« Christian Lindberg Helikon Wasp › Allan Pettersson Symphonie Nr. 7 › Christian Lindberg Dirigent und Posaune › Gürzenich-Orchester Köln › So., 20. jun., 11 Uhr › Mo., 21. jun., 20 uhr › Di., 22. jun., 20 uhr › Kölner Philharmonie


Gürzenich-Orchester Köln   ANTRIEB

63

ABschlusskonzert saison 2009/10 › Markus Stenz

Mit Gustav Mahlers 3. Sinfonie zu Ehren seines 150. Geburtstags am 7. Juli 2010 beschließt das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Markus Stenz die Konzertsaison. Die 3. Sinfonie ist ein Werk von monumentaler Größe. In ihrer Besetzung mit Alt-Solo, Knaben- und Frauenchor sprengt sie ebenso den Rahmen üblicher Sinfonik wie auch mit ihrer Spieldauer von rund 90 Minuten und ihrer sechssätzigen Anlage. Mahler komponierte sie in den Sommern 1895 und 1896, vornehmlich in seinem »Komponierhäusl« in Steinbach am Attersee. In einem Brief an seine Verlobte Anna von Mildenburg beschreibt er die gerade unter seinen Händen entstehende Sinfonie als »ein so großes Werk, in welchem sich in der Tat die ganze Welt spiegelt – man ist sozusagen selbst nur ein Instrument, auf dem das Universum spielt«. Und

ANZEIGE

den 2. Satz, das Blumenstück, sah er als »das Unbekümmertste, was ich je geschrieben habe«. Da kreuzen sich Kirmes-Musik und MilitärMärsche, ein Posthorn-Ruf schallt durch die Schilderungen der Bergwelt – eine Philosophie, ein Weltbild in Tönen. Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 3 d-Moll Michaela Schuster Alt, Mädchen und Knaben der Chöre am Kölner Dom (Einstudierung: Eberhard Metternich), Damenchor der Oper Köln (Einstudierung: Andrew Ollivant) Markus Stenz Dirigent, Gürzenich-Orchester Köln › So., 4. Jul., 11 uhr › Mo., 5. jul., 20 uhr › Di., 6. jul., 20 uhr › Kölner Philharmonie


64

Gürzenich-Orchester Köln ANTRIEB

gürzenich-orchester

  Der Triangel-spezialist text Sabine Fringes foto Matthias Baus

Mit 25 kam das Ende seiner Karriere – aber nur seiner ersten. Manche Katastrophe bringt auch Gutes mit sich, wie der Schlagzeuger David Gray am eigenen Leib erfahren hat.

David Gray überrascht gerne seine Umwelt. Seine Frau staunte nicht schlecht, als ihr Mann einmal mitten im Konzert plötzlich den Posten des Dirigenten einnahm. Mit dem Hammer schwingend leitete er das Orchester und schlug danach den Amboss. Alles genau wie in der Partitur der Sinfonie von Leif Segerstam vorgesehen, natürlich. Eigentlich sollte bei dem 62-jährigen Schotten, der in passender Umgebung gelegentlich auch gerne Deutsch mit bayrischer Färbung spricht, nichts mehr verwundern. Denn sein heutiges Berufsleben als Schlagzeuger begann mit einem Albtraum. David Gray wurde 1947 in Glasgow in eine musikalische Familie hineingeboren. Die Eltern ermöglichten dem Vierjährigen Klavierstunden. Als er mit 14 ersten Trompetenunterricht erhielt, ließ man ihn bald schon bei einer erfolgreichen Blaskapelle mitspielen, die prompt zum Konzert in die Londoner Royal Albert Hall eingeladen wurde. Doch der Mutter war die Trompete zu laut, sie riet zum Horn. Der Junge hatte nichts dagegen, der Wechsel war kein Problem: Nach vier Jahren Unterricht kam er auf die Royal Scottish Academy of Music and Drama in Glasgow, die er schon nach zwei Jahren mit dem Horndiplom in der Tasche wieder verließ. Ein Stipendium brachte ihn nach Deutschland und bereits mit 25 wurde er erster Solo-Hornist in Baden-Baden. Alles war wie gewünscht: Er lebte in dem Land, dessen Kultur und Geschichte ihn schon als Jugendlichen fasziniert hatten, hatte einen sehr guten Posten mit dem Instrument, das er liebte, er war glücklich verheiratet und soeben Vater geworden. Doch dann, eines Morgens, nach einem langen, anstrengenden Konzert, wachte er auf und konnte nicht mehr spielen. Seine Unterlippe war weiß und kaum mehr durchblutet. Zum Spielen seines Instruments fortan nicht mehr zu gebrauchen. Ein Phänomen, das bei Bläsern gefürchtet ist und das doch erst seit Kurzem offiziell als Berufskrankheit anerkannt ist, weiß Gray. Was tun? Der Künstlerdienst Düsseldorf, sozusagen das örtliche Arbeitsamt für Musiker, legte ihm nahe, Schlagzeug zu erlernen. David Gray war zunächst fassungslos über diesen Vorschlag. Nicht nur, dass er am Horn hing, er konnte sich auch nicht vorstellen, an einem anderen, noch nie gespielten Instrument Höchstleistungen wie auf dem Horn zu entwickeln. Dennoch belegte er zunächst probehalber Schlagzeugunterricht an der Musikhochschule Köln und absolvierte parallel einen Übersetzerstudiengang. Zu seiner eigenen Überraschung ging der »Umschulungs-Plan« des Künstlerdienstes auf: Gray machte rasch Fortschritte auf dem Schlagzeug. Durch das langjährige Klavierspiel waren seine Hände locker genug, sich in einen Trommelwirbel fallen

zu lassen. Erste Auftrittsmöglichkeiten folgten, und 1980 engagierte das Gürzenich-Orchester den mittlerweile 33-jährigen nach einem Probespiel als ersten stellvertretenden Schlagzeuger. Und so wechselte der ehemalige Hornist innerhalb von vier Jahren ins »Kitchen Department«. »Küchenabteilung« – so nennt man in England die Schlagzeuggruppe, weil von dort ein Klappern und Klingeln wie aus der Küche kommt. Gar nicht geringschätzig sei das gemeint, sondern ein gängiger Ausdruck, sagt Gray. Was hat sich für ihn als Orchestermusiker verändert? Nicht viel, sagt er. Bei seinen Soli ist er genauso aufgeregt wie bei seinen Horn-Einsätzen. Ärzte haben gemessen, dass die nervliche Anspannung bei den Schlagzeugern sogar größer ist als bei anderen Spielern. Das mitunter lange Warten auf den Einsatz, der dann aber sofort »sitzen« muss, zehrt an den Nerven. Und doch: Schlagzeuger gelten als die robustesten und kräftigsten Orchestermitglieder. Wenn sie sich geschlossen erheben, dann kann es geschehen, dass sie schon – lange vor ihrem Einsatz – die abwehrend-beschwichtigende Handinnenseite des Dirigenten zu sehen bekommen: »Nicht zu laut«. – Eine Geste, mit der ein Hornist wohl kaum »begrüßt« würde. David Gray liebt die Kameradschaft, das gute Verhältnis der Schlagzeuger untereinander. Man teilt sich einvernehmlich auf, wer was spielt. Besonders viel zu tun gibt es für ihn in der Neuen Musik. Doch nur Weniges gefällt ihm: Musik von Hans Werner Henze etwa oder das jüngst aufgeführte »Asyla« von Thomas Adès, wo u. a. Kuhglocken und Besteck zum Einsatz kamen. Sein Herz gehört der Romantik, insbesondere Gustav Mahler. »In seiner 4. Symphonie gibt es so schöne Hornstellen!« Wehmut schwingt schon mit, wenn er von dem Spiel seiner vor ihm sitzenden Horn-Kollegen schwärmt. Doch nun liebt er halt auch die Triangel bei Mahler, der sie wie einen Sternenglanz der Melodie aufsetzt. Da zählen Timing und Klang. »Ich bilde mir ein, dass ich – auch bei meinen Kollegen – als Triangel-Experte gelte«, sagt Gray augenzwinkernd und erzählt von historischen Triangel-Nachbauten, die bei der Einspielung der Mahler-Symphonien zum Einsatz kamen. Sein Lebensmotto ist das viel zitierte »Nutze den Tag«, »Carpe diem«. Wohl wissend, dass jedes negative Erlebnis eine positive Seite mit sich führt: Ohne die erzwungene »Horn-Abstinenz« hätte er, sagt Gray, wahrscheinlich nicht so schnell seine Liebe zur Natur und seine Leidenschaft fürs Fotografieren entdeckt. Er habe gelernt, das Leben so zu genießen, wie es kommt.


Gürzenich-Orchester Köln   ANTRIEB

› David Gray, Schlagzeuger des Gürzenich-Orchesters Köln

65


66

Service ANTRIEB

IM AKTUELLEN SPIELPLAN

oper / Repertoire \ köln

So., 02. Do., 06. FR., 07. Sa., 08. So., 09. Mi., 12. Do., 13. FR., 14. Sa., 15. So., 16. So., 23. Mo., 24. Sa., 29. So., 30.

› › › › › › › › › › › › › ›

19:30 19:30 19:30 19:30 16:00 19:30 18:30 19:30 19:30 19:30 20:00 17:00 20:00 19:30

› › › › › › › › › › › › › ›

La Traviata Love and Other Demons La Traviata Love and Other Demons Der Rosenkavalier Love and Other Demons Der Rosenkavalier La Traviata Madama Butterfly Love and Other Demons Kiss me, Kate Love and Other Demons Kiss me, Kate Madama Butterfly

ii i /S+ ii /C4 i /E4 ii /n2 i /S6 ii /S3 ii /S1 ii /S4 i /S10 ii /S11 i /n1 ii /S2 ii /D4

› › › › › › › › › › › › › › › ›

Das Rheingold › Wa Die Walküre › Wa Siegfried › Wa Vor der Premiere: Don Giovanni Götterdämmerung › Wa Das Rheingold Die Walküre Tannhäuser in 80 Minuten Siegfried Götterdämmerung Carmen Madama Butterfly Carmen Don Giovanni › Prem Hubbard Street Dance Company › tanZ Don Giovanni

ii /R1 iii /R1 iii /R1

› › › › › › › › ›

Carmen Don Giovanni Madama Butterfly Don Giovanni Sutra › tanZ Sutra › tanZ Don Giovanni Carmen Don Giovanni

ii /S3 iii /S1 ii iii/S11 i i iii /B4 ii iii /n2

Juni 2010

Madama Butterfly

› Japanische Tragödie › Text von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica › Musik von Giacomo Puccini › in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln › musikalische leitung Michael Helmrath › inszenierung Patrick Kinmonth › bühne & kostüme Patrick Kinmonth & Darko Petrovic › licht Hans Toelstede › chor Andrew Ollivant › dramaturgie Christoph Schwandt

Di., 01. Mi., 02. FR., 04. Sa., 05. So., 06. Di., 08. Mi., 09. Do., 10. FR., 11. So., 13. Sa., 19. So., 20. Sa., 26. So., 27. Di., 29. Mi., 30.

› › › › › › › › › › › › › › › ›

19:30 17:00 17:00 19:30 17:00 19:30 17:00 19:30 17:00 17:00 19:30 18:00 19:30 19:00 19:30 19:00

iii /R1 ii /R2 iii /R2 iii /R2 iii /R2 ii / S4 ii / n2 ii / S9 iii / P0 i iii /S+

Juli 2010 › mit Rossella Ragatzu › Katrin Wundsam › Héctor Sandoval › Adriana Bastidas Gamboa › Miljenko Turk › Martin Koch › Jeongki Cho › Wilfried Staber › Anthony Sandle › Charlie Kedmenec › Christoph Westerkamp › Andrea Andonian › Eriko Yamashiro › Akiko Sawatari / Jin Hyeon Park › Yoshiko Kaneko-Schüler / Cordula Hack › Chor der Oper Köln › Gürzenich-Orchester Köln Vorstellungen: 20. Jun. › 3. Jul. 2010

Do., 01. FR., 02. Sa., 03. So., 04. Di., 06. Mi., 07. Do., 08. FR., 09. So., 11.

› › › › › › › › ›

19:30 19:00 19:30 18:00 19:30 19:30 19:00 19:30 18:00

Carmen

› Oper in vier Akten › Musik von Georges Bizet › Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy › nach einer Novelle von Prosper Mérimée › in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

› musikalische leitung Claude Schnitzler › Inszenierung Christof Loy › Bühne Herbert Murauer › Kostüme Bettina Walter › Chor Andrew Ollivant › Choreographische Mitarbeit Athol Farmer › mit Nora Sourouzian › Matthias Klink › Evelina Dobraceva

kartenservice Theaterkasse im Opernhaus › Offenbachplatz › 50667 Köln Die Abendkasse öffnet jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn, für die Kinderoper 30 Minuten vorher. Bitte haben Sie Verständnis, dass der Abendkassen-Verkauf Vorrang hat gegenüber dem Vorverkauf.

› Thomas Laske › Dennis Wilgenhof › Charlie Kedmenec › Claudia Rohrbach › Adriana Bastidas Gamboa › Martin Koch › Alexander Fedin › Boris Djuric

ÖFFNUNGSZEITEN

ABENDKASSE

SPIELPLANANSAGE

› Anthony Sandle › Chor der Oper Köln › Kinderchor Kölner Domchor › Gürzenich-Orchester Köln

Mo. – Fr. 10:00 – 19:30 Sa. 11:00 – 19:30

tel 0221.221 28248

tel 0221.221 28460

Vorstellungen: 19., 26. Jun. › 1., 9. Jul. 2010

kartenBESTELLUNG Bühnen Köln / Kartenservice › Postfach 10 10 61 › 50450 Köln

Besuchen Sie unsere Einführungen, die eine halbe Stunde vor dem jeweiligen Vorstellungsbeginn im Rechten Rangfoyer der Oper Köln stattfinden. Wir freuen uns auf Sie!

ÖFFNUNGSZEITEN

TICKETS

ONLINE

Mo. – Fr. 10:00 – 19:30 Sa. 11:00 – 19:30

tel 0221.221 28400 fax 0221.221 28249

tickets @ buehnenkoeln.de


67

Service   ANTRIEB

sonderveranstaltung

Tannhäuser in 80 Minuten

Neuinszenierung der Klassiker-Persiflage erstmals in Deutschland Unter diesem Titel verbirgt sich eine Opernpersiflage von Johann Nestroy auf Richard Wagners »tannhäuser«. Die originelle Musik zum Nestroyschen »tannhäuser« schrieb Carl Binder, der insgesamt sieben Werke von Nestroy »vertonte«. Die Uraufführung dieses äußerst humorvollen und unterhaltsamen Werks im Wiener Carltheater wurde 1857 zu einem durchschlagenden Erfolg. Tatsächlich fand die Uraufführung der »Zukunftsposse mit vergangener Musik und gegenwärtigen Gruppirungen in drei Akten« – so der Wortlaut des originalen Untertitels – bereits kurz vor der Wagnerschen Uraufführung statt. Der langjährige Burgschauspieler und aktuelle Volksoperndirektor, Ksch Robert Meyer, macht den »tannhäuser in 80 minuten« zum Einpersonenstück, kongenial unterstützt von den vier Musikern der »Neuen Wiener Concert Schrammeln«. In Sekundenschnelle wechselt Meyer Mimik, Stimmlage, Ausdruck und Gestik, ist sowohl schmachtender tannhäuser als auch dessen Gegenüber, die zartfühlende elisabeth. Aber nicht nur das: Meyer singt und spielt auch Elisabeths Onkel (landgraf purzl), den Haudegen wolfgang von dreschenbach und viele mehr. Der Abend entstand 2004 für das Wiener Burgtheater und ist jetzt erstmals in Deutschland zu sehen! (bm)

› Robert Meyer

› FOTO Reinhard Werner

Ksch Robert Meyer

Peter Uhler › Violine

Ksch Robert Meyer, seit 2007 Direktor der Volksoper Wien, studierte an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Mozarteum in Salzburg. Von 1974 bis 2007 war Robert Meyer Mitglied des Wiener Burgtheaters, wo er über 90 Rollen spielte, u. a. in Werken von Nestroy, Gogol, Achternbusch, Schnitzler, Botho Strauß, Thomas Bernhard. Große Erfolge feierte er auch mit diversen Soloabenden sowie als Sigismund (»im weissen rössl«), Sancho Pansa (»der mann von la mancha«) und als Alfred P. Doolittle (»my fair lady«) an der Volksoper sowie an der Wiener Staatsoper als Gefängniswärter Frosch in »die fledermaus«. Regie führte Robert Meyer u. a. beim Sommertheater Reichenau, im Schauspielhaus Graz, bei den Operettenfestspielen Bad Ischl, im Akademietheater Wien sowie im Burgtheater Wien und an der Volksoper. Robert Meyer hat in mehreren Filmen mitgewirkt – so u.  a . in »geschichten aus dem wienerwald« (Regie: Maximilian Schell), »herr ober« (Regie: Gerhard Polt), »die ameisenstrasse« (Regie: Michael Glawogger) – und ist einem breiten Fernsehpublikum bekannt: »Derrick«, »Der Alte«, »Tatort«, »Julia«,

Violinstudium an der Universität für Musik in Wien. Zahlreiche Meisterkurse sowie kammermusikalische als auch solistische Auftritte u. a. in Zypern, Italien, Japan und Deutschland. Mitwirkung in diversen Kammerensembles, bei vielen Theaterproduktionen, bei Fernsehproduktionen und CD-Einspielungen. Seit 2000 Mitglied des RSO Wien.

»Schlosshotel Orth«, »Der Bestseller«, »Soko Kitzbühel«, »Soko Donau Wien«, »Der Bulle von Tölz«. Robert Meyer ist Träger des Nestroy Rings (1993) und der Kainz-Medaille (1999). 1997 wurde er zum Kammerschauspieler ernannt.

Neue Wiener Concert Schrammeln Die Neuen Wiener Concert Schrammeln beleben seit 1995 die Wienerliedszene. Durch ihren unverwechselbaren Stil sind sie inzwischen weit über die Grenzen Wiens bekannt. Sie lassen die traditionelle Schrammelmusik in all ihren Facetten aufleben und verbinden sie gleichzeitig mit den Einflüssen ihrer Zeit, d. h. unserer Zeit.

Valmir Ziu › Violine Studium am Konservatorium und an der Musikakademie Tirana sowie an der Universität für Musik in Wien. Zahlreiche Meisterkurse, internationale Konzerte. Substitutentätigkeit beim RSO Wien. Seit 2000 am Burgtheater Wien.

Günter Haumer › Chromatische Knopfharmonika Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien in Klarinette, Gesang und Gesangspädagogik, Klavier, seit 2000 Beschäftigung mit der Wiener Knopfharmonika, internationale Konzerte als Sänger und Musiker, Engagements am Burgtheater.

Peter Havlicek › Kontragitarre Studium an der Hochschule für Musik in Graz. Unterrichtete am Franz Schubert Konservatorium Wien und an der Franz Schmidt Musikschule in Perchtoldsdorf. Kontragitarre und Jazzgitarre mit: Steinberg und Havlicek, Palmina Waters, DES ANO, Michael Heltau, Ed Thigpen Trio, Benny Bailey, Agnes Palmisano, Roland Sulzer, Karl Hodina, Andrea Händler, Jazz Gitti, Adi Hirschal, Wolfgang Böck und am Burgtheater. 10. jun. 2010 › 19:30 uhr › Opernhaus


68

Service ANTRIEB

veranstaltungsserie

vor der Premiere

An einem Herbstabend des Jahres 1787 kommt Giacomo Casanova auf Einladung des Grafen Pachta nach Prag. Auch Mozart befindet sich in der Stadt. Er bereitet die Uraufführung der Oper aller Opern mit ihrer vollendet schwebenden Musik vor – »Don Giovanni«. Doch die Arbeit stockt. Der Librettist Lorenzo da Ponte gibt dem Verführer vulgäre, bestenfalls grobe Züge, die Sängerinnen neiden einander jede Arie, und Mozart fehlt die Ruhe, seine Partitur zu beenden. Überall wird er von Verehrerinnen verfolgt. Casanova aber bringt den Glanz aus einer großen alten Zeit in die Stadt, er versteht Feste zu feiern, er weiß, über welche Raffinesse und Wortgewandtheit ein wahrer Verführer verfügen müsste, und er hat es sich ebenfalls zu Aufgabe gemacht, diese Oper zur Vollendung zu bringen – auch wenn er dazu einige höchst irdische Intrigen einfädeln muss … (aus: Hanns-Josef Ortheil: »Die Nacht des Don Juan«) Hanns Josef-Ortheil, geboren in Köln, Schriftsteller und promovierter Germanist, liest aus seinem bekannten Buch und schildert anhand von Zitaten die Entstehungsgeschichte von Wolfgang A. Mozarts Oper »Don Giovanni«. 5. jun. 2010 › 19:30 uhr › OPERNFOYER › EINTRITT FREI

ANZEIGE

Wir sind überall da, wo was läuft.

A5querB_Wasserhahn.indd 1

02.12.09 15:02


69

Service   ANTRIEB

empfehlungen des hauses

der Intendant     hört  … text Uwe Eric Laufenberg foto Wilfried Böing

Uwe Eric Laufenberg gibt CD- und DVDTipps zu den aktuellen Produktionen. merung« von Levine, mit Behrens, Ludwig und wieder Salminen zusammenstellen. Die Aufnahmetechnik ist schon bei Karajan sehr gut und wird immer besser, verschiedenste Generationen von Wagnersängern haben wirklich etwas mitzuteilen … Als DVD ist Chéreaus Inszenierung aus Bayreuth mit Boulez als Partner nach wie vor ein Muss – als Beispiel lebendiger Theatergeschichte; und der »Ring« von La Fura del Baus mit Zubin Metha ein Blick in eine visuelle Zukunft …

Don Giovanni

› Uwe Eric Laufenberg

Der Ring des Nibelungen Bayreuth, der Uraufführungsort dieses Mammutwerkes, ist natürlich auch führend in der Aufnahmegeschichte. Nach wie vor ist ein solider Klassiker Karl Böhms nicht immer genaue, aber stürmische Aufnahme aus den 60ern mit Adam, Nilssen, Rysanek, King und Windgassen. Für mich eine der ausgeglichendsten und rundesten Aufnahmen ist die von Clemens Krauss aus den 50ern. Wer große deutsche Oper will, greift am besten zu Furtwängler, die allerdings in Italien mit der RAI entstand. Sehr preisgünstig, sehr schlank in der Klangführung ist der »Ring« von Marek Janowski aus Dresden, der auch den ersten Hagen von Matti Salminen und René Kollo als Siegfried präsentiert, aber mit der Brünnhilden-Besetzung nicht wirklich glücklich werden lässt. Einen gestückelten »Ring« würde ich mit: »Rheingold« von Karajan mit Fischer-Dieskau als intellektuellem Wotan, »Walküre« von Erich Leinsdorf mit Nilsen, Vickers und London, »Siegfried« von Haiting mit Jerusalem und Marton, und »Götterdäm-

Der Klassiker ist die Giulini-Aufnahme mit Eberhard Wächter und den Damen Sutherland, Schwarzkopf und Sciutti, da stimmen Relation der Musikarchitektur Mozarts und Ensembleleistung. Gerne lasse ich mich vom Brio Colin Davis und Kiri Te Kanawas Elvira berauschen, und auf zwei Live-Aufnahmen von Wolfgang Sawallisch sei verwiesen: Aus Köln von 1960 auf Deutsch mit Prey, Wunderlich, Grümmer, Mathis u. a., und aus München aus den 70ern auf italienisch mit Raimondi, Margaret Price, Varady, Popp u. a. Auch diese Münchner Besetzung hat man seinerzeit auf der Kölner Opernbühne erleben dürfen. Auf DVD kann man alles haben, sehr sehr klassisch aus Salzburg unter Furtwängler, aus Köln von Conlon und Hampe, aus Mailand von Muti und Strehler oder sehr, sehr modern aus Barcelona von Calixo Bieto oder aus New York von Peter Sellars.

Madama Butterfly Empfohlen seien die beiden KarajanAufnahmen: mit Maria Callas und Nicolai Gedda die eine, mit Mirella Freni und Luciano Pavarotti die andere. Dann durchaus die neue Aufnahme unter Antonio Pappano mit Angela Gheorgiu und Jonas Kaufmann, außerdem die späte »Butterfly«-Einspielung von Renata Scotto mit Placido Domingo

unter Lorin Maazel sowie die Aufnahme mit Victoria de los Angeles und Giuseppe di Stefano unter Gianandrea Gavazzeni. Als Video ein »Muss«: der Klassiker von Regisseur Jean Pierre Ponnelle, jahrelang auch auf dem Kölner Spielplan, wieder mit Mirella Freni und mit Placido Domingo als »bösem« Amerikaner (unter Herbert von Karajan).

Carmen Wie man Carmen lieber mag: schlank aus dem französischen Chanson entwickelt wie bei Victoria de los Angeles unter Sir Thomas Beecham, oder mit voller Attacke wie unter der unvergleichlichen Leontyne Price unter von Karajan, spanisch edel wie bei Teresa Berganza unter Claudio Abbaddo, oder direkt und ein wenig ordinär wie bei Julia Migenes unter Lorin Maazel. Bei den dvds sollte man wählen zwischen britischer Erotik von Maria Ewing mit einer der seltenen Aufnahmen des (auch in Köln) unvergessenen Luis Lima unter Zubin Mehta oder Carlos Kleiber wegen der russischen Carmen aus Wien (Obstrazowa mit Domingo) oder noch mal London: Jonas Kaufmann mit Maria Catarina Antonacci, eine sehr heißblütige Mischung unter Antonio Pappano.


Foto: Matthias Baus

70

Service ANTRIEB

Der Spielplan 2010/2011

Freuen Sie sich auf über 400 Konzerte! das neue Saisonprogramm der Kölner Philharmonie ist erhältlich

koelner-philharmonie.de

Roncalliplatz 50667 Köln Philharmonie Hotline 0221.280 280 in der Mayerschen Buchhandlung Neumarkt-Galerie 50667 Köln


www.operKoeln.com

abos die bewegen ➽ jetzt abonnements für das opernhaus und andere spielorte sichern

oper / spielzeit 2010. 2011 \ Köln


72

Stand der Dinge APPLAUS

› Das Opernhaus am Offenbachplatz bleibt Köln vor der Sanierung noch weitere zwei Jahre als Spielstätte erhalten.


Stand der Dinge   APPLAUS

73

stand der dinge

Oper Bewegt text  »Zum Ratsbeschluss über die Sanierung der Bühnen« Mit Uwe Eric Laufenberg sprach Annette Schroeder Kölnische Rundschau, 1. Mai 2010 (Auszug) foto  Matthias Baus

Die Stadt hat den anvisierten Neubau des Schauspielhauses gekippt. Alle bisherigen Planungen sind hinfällig. Uwe Eric Laufenberg erklärt im Interview, was dies für die Oper bedeutet.

Sie haben sich vehement für den Schauspielhaus-Neubau engagiert. Der Kampf ist entschieden. Wie geht es für die Oper weiter? Das Hauptproblem ist, dass sich in der nächsten Spielzeit in der Oper baulich nichts tun wird und wahrscheinlich 2011 / 12 auch nicht. Wie kommen Sie darauf? Im Moment diskutieren die Rechtsanwälte, ob man mit JSWD arbeiten kann. Ob die Stadt noch einmal ein Risiko eingeht, dass sie vom Europäischen Gerichtshof verklagt wird wie bei der Messe, ist ja die Frage. Außerdem arbeiten die Planer an verschiedenen Modellen. So ist zum Beispiel die Montagehalle, die an der Krebsgasse für die Oper geplant ist, nicht mit einer Zulieferung fürs Schauspiel zu vereinbaren. All dies soll bis Juli geklärt sein. Das heißt, dass der Rat sich erst im Herbst damit befassen kann, welches Modell überhaupt geplant werden soll. Für die Oper bedeutet dieses ganze Prozedere, dass wir ein leer stehendes Haus für wenigstens ein, zwei Jahre haben. Und das ist nicht akzeptabel. Was bedeutet das für Sie? Ich versuche zu klären, welche Stücke man in der nächsten Saison doch in der Oper spielen kann. Meine Planung unter dem Motto »Tapetenwechsel« stand ja unter ganz anderen Vorzeichen. Es ist besser, statt teure Mieten zu bezahlen, einen Teilbetrieb wieder ins Haus am Offenbachplatz zu nehmen. Es müsste möglich sein, dass man ein einzelnes Stück – zum Beispiel »Elektra« – aufbaut, probiert, es spielt und rausnimmt. Das heißt, dass alle zwei Monate etwa zehn Vorstellungen stattfinden können. Anfang Juni soll der Spielplan stehen. Wir prüfen auch, ob wir aus den Verträgen herauskommen. Gilt das auch fürs Palladium? Nein. Im Moment sieht es so aus, dass wir vier Stücke dort spielen, vier Stücke im Opernhaus und dann noch drei Spielstätten außerhalb bedienen. Da muss ich jetzt viel umtopfen. Sie haben betont, dass die Bauaufsicht das Haus bald schließen könnte. Ist eine weitere Saison überhaupt möglich?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man schließt sofort, dann hätte die Premiere gestern [»Love and Other Demons«, Anm.] nicht stattfinden können. Oder man verbessert das Haus soweit, dass es gerade noch geht. Ein Voll-Repertoirebetrieb ist nach Ende dieser Saison nicht mehr möglich. Ein Großunternehmen wie der »Ring« kann nicht mehr gefahren werden. Aber ein marodes Opernhaus ist immer noch besser als die grüne Wiese. Befürchten Sie nicht, dass es nur zu einer Notsanierung kommen könnte? Wie Sie das nennen, ist mir wurscht. Die goldene Zukunft ist ohnehin abgesagt. Es wird ein Kompromiss-Kuddelmuddel. Jetzt müssen wir uns so gut wie möglich einrichten. Sie haben einen guten Start an der Kölner Oper hingelegt. Fühlen Sie sich durch den Ratsbeschluss ausgebremst? Als erstes denkt man: sehr schade für Köln, als zweites: katastrophal für die Bühnen, als drittes: wie kommt man da raus? Eins ist klar: Für den totalen Stillstand bin ich nicht zu haben. Ich möchte Musiktheater auf oberstem Niveau machen; das will das Publikum, und das hat Köln verdient. Spielen Sie mit dem Gedanken, die Brocken hinzuschmeißen? Es gibt für mich vertraglich die Möglichkeit, dass ich zur Spielzeit 2010 / 11 Schluss machen kann, was ich mir sehr wohl überlegt habe. Ich denke aber, dass es sich lohnt, die neue Herausforderung anzunehmen. Dass wir viele neue Probebühnen und Lagermöglichkeiten und eine Montagehalle bekommen, daran glaube ich nicht mehr. Es muss aber gewährleistet sein, dass Bühne, Zuschauerraum und Foyer als Herzstück des Opernhauses so schnell und so gut wie möglich saniert werden und dass diese Maßnahmen auf eine einzige Spielzeit beschränkt werden. Und dass der Spielbetrieb danach im September 2013 wieder beginnt, wenn auch mit Baustellen drumherum. Wenn das nicht die Marschrichtung ist, dann sehe ich hier keine Zukunft für mich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich fünf, sechs Jahre eine Oper ohne Opernhaus leiten werde.


1

In der Garderobe mit APPLAUS

in der garderobe mit …

 simone kermes interview Georg Kehren foto Andreas Dommenz

Kein Ort am Theater ist intimer als die Künstlergarderobe. Opernstars eilen, glänzen und entschwinden: stets beschäftigt, stets kreativ, stets im Rampenlicht. Nur in der Garderobe, ihrem Refugium auf Zeit, können sie ein wenig Atem holen – bis zum nächsten Auftritt. Für Oper pur öffnen sie einen Moment lang die Tür. Einen Spalt breit nur, aber genug, um die Welt hinter den Kulissen kurz erahnen zu dürfen. Diesmal: Sopranistin Simone Kermes.

Als viel gefragte Opern- und Konzertsängerin sind Sie häufigen Ortswechseln ausgesetzt. Wie hält man das auf Dauer aus? Was hilft einem dabei? Auf Dauer hält man das nur aus, wenn man wirklich Spaß und Freude an seinem Beruf hat. Wenn die Arbeitsbedingungen stimmen, wenn man also die Musik liebt, die man zu singen hat und dies zusammen mit den Menschen macht, die das Gleiche wollen wie du – wo die Chemie untereinander stimmt, wo man sozusagen auf einer Wellenlänge schwimmt, wo man sich gegenseitig inspiriert und stets kritisch bleibt. Wichtig ist auch, dass man in guten Hotels wohnt, die einen gewissen Standard erfüllen, beispielsweise ein gutes Bett mit qualitativer Bettwäsche oder dass man die Klimaanlage ausstellen kann, damit die Luft nicht zu trocken ist und die Schleimhäute nicht krank werden. Natürlich muss man sich hier und da auch etwas Gutes gönnen, wie schmackhaftes, hochwertiges Essen, eine Massage und – wenn man Lust hat – vielleicht ein Paar neue Schuhe. Welche Orte waren in Ihrem Leben bislang von besonderer Bedeutung? Wichtige Orte waren bisher natürlich an erster Stelle meine Ausbildung in Leipzig mit all meinen Lehrern, die mich streng geführt und an mich geglaubt haben, dann in Italien viele Plätze – Venedig, Rom, Neapel, viele italienische Ortschaften, wo ich mit meinen italienischen Musikern – ich sage meine »Band« – »Le musiche nove«, geprobt und cds aufgenommen habe, wie jetzt zuletzt in Toblach/Südtirol und Russland, Moskau und Novosibirsk, wo ich

unglaublich tiefe Erlebnisse hatte, viele Freunde und Fans, die mir sehr viel Energie gegeben haben, und auch Kopenhagen und Lissabon – dort hatte ich eine wunderbare Zeit am Opernhaus. An welchem Ort fühlen Sie sich zuhause? Ich fühle mich fast überall zu Hause. Ganz besonders natürlich im Rheinland, wo ich jetzt lebe, und Italien liebe ich – aber für mich ist es immer etwas Besonderes, neue Menschen auf der Welt kennenzulernen, die offen und ehrlich sind, wo man sich gegenseitig austauschen kann, wo man sich mit der Kultur vertraut macht, zum Beispiel die Küche des jeweiligen Landes, denn ich bin ein Kochfetischist. Man sollte stets Herz und Seele offenhalten – dann begegnet man den interessantesten Menschen. Gibt es persönliche Dinge, von denen Sie sich nicht trennen, und die Sie mitnehmen, egal wohin die Reise geht? Wenn ja, verraten Sie uns, welche das sind? Ja, da gibt es Einiges: Ganz speziell habe ich von einer Freundin aus Moskau einen Schutzengel in Form einer kleinen Ikone geschenkt bekommen. Dieser stammt aus einem geschichtsträchtigen Kloster nahe Moskau. Man sagt, der Platz habe besondere Energien. Diese Engel-Ikone habe ich jetzt immer dabei und fühle mich sicher, vor allem im Flugzeug und im Auto. In welchen musikalischen Bereichen bzw. bei welchen Komponisten fühlen Sie sich besonders »zuhause«?


In der Garderobe mit   APPLAUS

Besonders mag ich die Barockmusik, Neapolitanische Schule – ohne die wäre die Klassik vielleicht doch ziemlich langweilig – dort kann ich sehr viel experimentieren und freier sein als in anderen Stilen; also ich spreche von Vivaldi, Händel, Porpora, Vinci, Broschi, Pergolesi, Hasse usw. Natürlich liebe ich Mozart, er ist die Mitte von allem – für Gesangstechnik, Musikalität und Disziplin – wobei die Zuhörer nicht immer einzuschätzen wissen, wie schwer Mozart eigentlich ist, vor allem wenn er leicht und überirdisch klingt – da hat man mit anderen Komponisten –Verdi, Puccini – häufig mehr Erfolg, selbst wenn schlechter gesungen wird. Bei Mozart hört man jeden Fehler, in seiner scheinbaren Einfachheit doch so schwer – seine Musik liegt offen, ohne Kitsch und Schwulst, deshalb ist er so ehrlich. Mozart perfekt zu singen ist eine große Kunst und Herausforderung für jeden Künstler. Aber es gibt in jeder Epoche super Musik. Man darf sich nur nicht im Fach vergreifen. Welche Musik hören Sie in Ihrer »Freizeit«? In meiner Freizeit höre ich kaum Klassik. Ich liebe Independent – Sigur Ros, Portishead, Björk, aber auch Rammstein oder Filmmusik, wie von Preißner, oder aber, wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe und vollgedröhnt mit Musik bin – genieße ich die Stille. Als Darstellerin der Donna Anna betreten Sie den Kosmos einer hochdifferenziert gezeichneten Frauenfigur. Was sind für Sie hervorstechende Eigenschaften der Donna Anna? Stolz, edel, niemals ordinär, verletzlich und sensibel.

Und wie steht es mit Ihnen? Ehrlich, sehr direkt, überkritisch ...

Don Giovanni landet am Ende der Oper in der »Hölle«. Verbinden Sie mit dieser Ortsbezeichnung etwas? Ich habe keine Religion. Himmel oder Hölle: Ich glaube eigentlich nicht daran. Schon eher, wie im Buddhismus, an verschiedene Leben und an Energien. Doch, da gibt es schon etwas: Wenn man schlechte Sachen tut, kommen sie irgendwann zurück … – auch die guten Taten im Leben. Deshalb gehen wir Menschen in unserem Leben durch Himmel und durch Hölle und sammeln dabei unsere Erfahrungen, um uns selbst zu erkennen und dementsprechend zu handeln und zu wachsen – und um Reife und Weisheit zu erlangen, damit wir gute Menschen werden. Und gibt es ein »Paradies«? Paradies ist im »Hier und Jetzt« – wenn man in den Spiegel sehen kann, ohne sich schlecht zu fühlen. Wenn das Gewissen und die Seele rein sind, wenn man sich selbst liebt, damit man auch andere Menschen lieben und Gutes tun kann. Und am Wichtigsten ist, dass man gesund ist.

2

simone kermes Die Sopranistin war unter anderem an der Brooklyn Academy of Music in New York und an den Opernhäusern von Paris, Stuttgart und Lissabon zu erleben. Konzertverpflichtungen führten sie durch ganz Europa, die USA und Japan; ebenso sang sie bei zahlreichen internationalen Festivals. Unter den Dirigenten, mit denen sie zusammenarbeitete, sind Teodor Currentzis, Riccardo Chailly, Mikhail Pletnev, Leopold Hager, Raphael Frühbeck de Burgos, Lothar Zagrosek, Thierry Fischer, Steven Sloane, Christopher Hogwood, Andrea Marcon, Thomas Hengelbrock, Paul Goodwin, Reinhard Goebel und Jean Christoph Spinosi. Ihre cd-Produktionen umfassen Werke von Vivaldi bis Humperdinck und wurden unter anderem mit dem Echo-Preis sowie dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. In der Neuproduktion »Don Giovanni« wird sie als Donna Anna zu erleben sein.


3

Hinterbühne APPLAUS

hinterbühne

NOTEN   des vertrauens text Georg Kehren foto Klaus Lefebvre

»Bretter, die die Welt bedeuten« – doch wer zimmert, putzt und bewegt sie eigentlich? Ein Besuch hinter den Kulissen.

› Barbara Schönfeld und Gerhard Rieger in der Notenbibliothek

  Wer glaubt, hier werden nur Notenblätter verwaltet, täuscht sich sehr, denn Archivieren und Verleihen bilden nicht den Schwerpunkt innerhalb des Tätigkeitsbereichs der Notenbibliothekare. Viel eher darf die Notenbibliothek als eine Art »Kommunikationszentrale für musikalische Fragen« bezeichnet werden. Im Vorfeld der Proben jeder Opern-Neueinstudierung und jedes Konzerts wird mit der Einrichtung des Notenmaterials die Weiche dafür gestellt, dass alle beteiligten Musiker – Instrumentalisten, Dirigenten, Sänger, Korrepetitoren – ab der ersten Probe dieselbe »Sprache« sprechen. »Eine Partitur ist ein Rohmaterial, das bearbeitet werden muss«, versichern Gerhard Rieger und Barbara Schönfeld übereinstimmend – was soviel heißt wie: Wenn die bei den Verlagen bestellten Noten vorliegen, geht die Arbeit erst richtig los. Bereits mit der ersten Orchesterprobe darf der jeweilige Musiker davon ausgehen, in seiner Stimme nicht nur die zu spielenden Noten, sondern auch die in Aussicht genommene Interpretation vermerkt zu wissen. Die angestrebte Dynamik, die Schlagarten, die Bogenstriche – dies und mehr wird von den Notenbibliothekaren per Hand in die jeweiligen Noten-

materialien eingearbeitet. Bei diesem für das gemeinsame Musizieren essentiellen »Code« fließt zuweilen die Erfahrung von über 100 Jahren ein, etwa bei den Vorgaben zu Richard Wagners »Die Walküre«, wo die Anmerkungen sich bis ins Jahr der ersten Kölner Aufführung zurückführen lassen. Das Bearbeiten jeder »Stimme« nimmt mehrere Stunden in Anspruch. »Vier Minuten pro Seite« – so der Richtwert, von dem die beiden »Profi-Codierer« ausgehen. Führte der Weg von Gerhard Rieger über die Tätigkeit als Lehrer für Deutsch und Geschichte sowie über die Gesangsausbildung zu seiner heutigen beruflichen Tätigkeit, so waren es bei Barbara Schönfeld ein Musikwissenschaftsstudium und die Mitarbeit in der Dramaturgie der Oper Köln. Den »geraden« Weg zu diesem Beruf gibt es nicht. Aber eine Gabe sollte man – neben den musiktheoretischen Kenntnissen – mitbringen: Psychologisches Einfühlungsvermögen – denn das wohlmeinende Verständnis für die Belange eines jeden Musikers ist das »A und O« für das gedeihliche Zusammenwirken von Notenbibliothekar und ausführendem Künstler. Das Codieren des Notenmaterials ist eben eine Angelegenheit persönlichen Vertrauens.


KÖLLEN

G LF Verlagspartner des Deutschen Golf Verbandes

Ihre persönlichen Begleiter für Golf in Deutschland und im Urlaub

Diese und weitere Publikationen können Sie einfach und bequem über unseren Bookshop bestellen! www.koellen-golf.de



Oper Pur 04