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1. Juli –20. September 2020

Robert Redford La comédie

: -Abo r e o m Som hen Kin oc 11 W Filme ! 70 ken n a r 5F für 9


* 11. Juli bis 30. August 2020 * KUNSTSTIPENDIEN DER STADT ZÜRICH Erneut bringt Stadt Zürich Kultur die Werke einer stattlichen Anzahl von Künstler*innen mit Wohnsitz in der Stadt ins Helmhaus und versieht sie mit den für eine weitere Zirkulation der Kunst oft entscheidenden finanziellen Mitteln. – H Z –

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Limmatquai 31 8001 Zürich Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr Donnerstag 11 bis 20 Uhr, Montag geschlossen Führungen und Veranstaltungen: www.helmhaus.org Facebook: helmhauszuerich Instagram: helmhaus_zuerich

Über 90 Prozent des Filmpodium-Programms finden Sie nicht bei Netflix, sondern nur in diesem Kino.


01 Editorial

Jeder streamt für sich allein Die Corona-Pandemie, die Mitte März auch zur Schliessung des Filmpodiums führte, hat unter anderem einen Wertewandel mit sich gebracht, dessen Nachhaltigkeit noch nicht abzusehen ist. Während das Klima die Verschnaufpause genoss, hat sich vieles nicht eben zum Besseren gewendet: Der ÖV, bisher als ökologisches Massentransportmittel gefeiert, gilt neu als fahrendes Viren­ reservoir; der verpönte motorisierte Individualverkehr feiert ein Comeback als sozial distanzierter Reigen mobiler Blechdosen. Wiederverwendung ist out; wir schwelgen in Wegwerfware. Trotz Globalisierung wurden Grenzen geschlossen, aber die Digitalisierung triumphierte: Gemeinschaft stiftende Kulturveranstaltungen entfielen, während die Isolation zu Hause den Streaming-Plattformen Rekordumsätze bescherte. Nun also kehren wir schrittweise zu analogen Erlebnissen zurück, auch gemeinsamen, mit gebührender Vorsicht und gebotenen Schutzmassnahmen. Ob die Kinobranche, die schon vor dem Auftreten von Covid-19 krankte, sich während des Lockdown teilweise auf der Internetkonkurrenz abstützen und vom Staat finanziell beatmet werden musste, in der neuen Normalität wieder auf die Beine kommt, wird sich weisen. Das Filmpodium jedenfalls zeigt nach wie vor ein Programm, das bei Netflix & Co nicht zu finden ist. Auch in unserem Kino gelten die mittlerweile gewohnten Abstands­ regeln und Hygienevorkehrungen, um Sie und unsere Mitarbeitenden zu schützen. Die 263 unnummerierten Plätze bieten genügend Freiraum, sodass Sie sitzen können, wo Ihnen wohl ist. Nur unsere Lounge bleibt vorerst zu, und Verweilen im Foyer und an der Bar ist derzeit nicht angesagt. Trotz dieser Einschränkungen hoffen wir, dass Sie den Weg zurück an die Nüscheler­ strasse wagen. Das detaillierte Schutzkonzept finden Sie auf unserer Website. Als Auftakt im Juni haben wir vier Filme von Kirk Douglas programmiert, die im Frühling ausgefallen sind. Dieses reduzierte Angebot soll Ihnen und uns die Chance geben, sich mit den veränderten Gegebenheiten vertraut zu machen und neue Abläufe zu testen und zu optimieren. Ab Juli dann b ­ ieten wir wieder ein Vollprogramm. Krisengerecht haben wir uns für ein eher sommerlich-unbeschwertes Angebot entschieden: Neben französischen «comédies» von Filmemacherinnen gibt es klassisches Star-Kino mit und von Robert Redford. Die Meilensteine von 1940 und 1950 aus der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» sind nicht der Viruspause zum Opfer gefallen; wir zeigen sie jetzt, gefolgt von den besten Filmen von 1960 und 1970. Unser Sommerabo ist ebenfalls wieder da – und Sie hoffentlich auch. Michel Bodmer Titelbild: The Natural von Barry Levinson


02 INHALT

Robert Redford

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Wenige Stars der 60er- und 70erJahre haben einen so unverwüstlichen Appeal wie Robert Redford. Mit einem blendenden blonden Äusseren ­gesegnet, gab er sich aber nicht mit blandem Mainstream-Kino zufrieden, sondern suchte immer auch schwierige Rollen und politisch relevante Projekte. 1980 fing er zudem selbst an zu inszenieren, und als Pate des Sundance Institute und Film Festival wurde er ein grosser Förderer des ­Independent-Kinos. Wir zeigen Filme mit und von Redford aus der Zeit bis 2000, darunter Hits wie Butch Cassidy and the Sundance Kid, Jeremiah Johnson, The Sting, The Great Gatsby, Three Days of the Condor, Out of ­Africa und The Horse Whisperer, einige Entdeckungen und als Premiere seine vorletzte Regiearbeit The Conspirator (2010). Bild: Brubaker

La comédie

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Alice Guy-Blaché (1873–1968) war als Regisseurin und Produzentin eine Pionierin, auch des komödiantischen Films. Danach galt die Komödie in Frankreich als Männersache, bis Nelly Kaplan 1969 ihren frechen Erstling La fiancée du pirate auf die Leinwand brachte; einen weiteren Meilenstein setzte Coline Serreau 1985 mit dem äusserst erfolgreichen 3 hommes et un couffin. Kamen die einen vom Drehbuch her – Danièle Thompson schrieb für ihren Vater Gérard Oury, Agnès Jaoui für Alain Resnais und Cédric Klapisch –, so wandten sich vor allem Schauspielerinnen wie Josiane Balasko, Julie Delpy, Valérie Lemercier, Noémie Lvovsky oder Anne Le Ny eigenen Komödienprojekten zu. Un­se­ re Sommerauswahl umfasst Deftiges eben­so wie die typisch französische comédie dramatique. Bild: Les sœurs fâchées


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Das erste Jh. des Films: 1940, 1950, 1960 und 1970

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Zwei Filmpodium-Programme sind Covid-19 zum Opfer gefallen, aber die Filmgeschichte soll deswegen keine Lücken aufweisen: Mit den Meilensteinen von 1940, 1950, 1960 und 1970 bietet dieses Sommerprogramm einen Crashkurs in Sachen grosses Kino, von The Great Dictator, The Thief of Bagdad und Fantasia über Orphée, All About Eve, Saturday Night and Sunday Morning und ­Psycho bis zu Hanyo und Dällebach Kari. Leopold Lindtbergs Komödie Die missbrauchten Liebesbriefe ist ebenso dabei wie John Fords Epos Rio Grande, Robert Drews Direct-­ Cinema-Film Primary und Michael ­Powells selbstreflexiver Peeping Tom; Les yeux sans visage zwinkern Little Big Man und El Topo zu, während M*A*S*H, Il conformista und Performance für Aufruhr sorgen. Bild: Peeping Tom

Filmpodium für Kinder: Horton hört ein Hu!

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Eines Tages hört der Elefant Horton ein leises, piepsiges «Hu», das von ­einem vorbeischwebenden Staubkorn kommt. Darauf, so nimmt er an, müssen kleine Menschen leben – so winzig, dass man sie nicht sehen kann. Ein fröhlicher Animationsfilm nach dem Kinderbuch von Dr. Seuss. Bild: Horton hört ein Hu!

Einzelvorstellungen Sélection Lumière:  Una giornata particolare

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Robert Redford Die Kritik hatte oft Mühe, Robert Redford ernst zu nehmen: Wer so gut aussah, war zum Hollywoodstar bestimmt und musste deswegen nichts können. Bei genauerem Hinsehen allerdings hat es sich Redford bei der Rollenwahl keineswegs immer einfach gemacht und oft schillernde, nicht nur heldenhafte Figuren verkörpert. Früh wurde auch sein politisches Engagement spürbar, erst recht, als er hinter die Kamera trat. Unsere Retrospektive konzentriert sich auf die ersten vier Jahrzehnte seiner Karriere. «Er war wie das Land, in dem er lebte. Alles fiel ihm zu leicht.» So wie seine Filmfigur des gut aussehenden Collegestudenten im Film The Way We Were (1973) charakterisiert wird, erscheint Robert Redford seinen Fans bis heute. Damals war er der weltweit beliebteste Hollywoodstar. Mehr als jeder andere amerikanische Schauspieler seiner Zeit verkörperte er jene Mischung aus Leichtigkeit, Unbeirrbarkeit und Natürlichkeit, auf die man im Heimatland des Individualismus besonders stolz ist. Doch Redford trug schwer am Geschenk dieser besonderen Ausstrahlung, die fast alle seiner Hauptrollen prägen sollte. Seinem Wunsch, einmal einen Schurken zu spielen, wurde kaum je entsprochen – auch wenn eine der Entdeckungen dieser Retrospektive, seine Rolle als undurchsichtiger Fremder in This Property Is Condemned (1966), sein Talent dafür bezeugt. Umso mehr fühlte er sich gefangen in seinem Star-Image: 1974 klagte er in einem Interview über eine Passantin, die ihn auf New Yorks 5th Avenue ehrfürchtig gefragt habe: «Sind Sie wirklich Robert Redford?» Er habe geantwortet: «Nur wenn ich allein bin.» Selten suchte Redford den öffentlichen Auftritt, es sei denn, es ging um politische Belange als Verfechter ökologischer und humanitärer Anliegen oder als Hüter der unabhängigen Filmkultur mit seinem Sundance Film Festival. Widerwilliger Star, engagierter Filmemacher Der amerikanische Traum, als dessen archetypischer Repräsentant er in vielen seiner Filme erscheint, war spätestens seit dem Vietnamkrieg in die Kritik geraten. Für die politisierte Jugend hatten die USA ihre Vorbildrolle verloren. Für den vielleicht amerikanischsten aller Hollywoodstars ist das zwiespältige Verhältnis zum eigenen Land prägend. Eine Werkschau, die 23 Filme umfasst,

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Verkannt und verfolgt in The Chase > Hartnäckig und unbestechlich in All the President’s Men Gejagt und begehrt in Three Days of the Condor


06 erlaubt ein faszinierendes doppelgesichtiges Porträt: Als Star verkörpert er Heldenfiguren, mit denen er sich als Mensch immer weniger identifizieren kann. Als Filmemacher untersucht er mit imponierender Konsequenz den Unschuldsverlust dieser amerikanischen Werte. Die Wahlkampfsatire The ­ Candidate (1972) und das Politdrama All the President’s Men (1976), die er beide mit seiner Produktionsfirma Wildwood Enterprises auf den Weg bringt, bezeugen sein kritisches Interesse am Politikbetrieb. Anlässlich der anstehenden Präsidentschaftswahl 2020 warnte er unlängst im US-Sender NBC: «Wir sehen einer Krise entgegen, die ich zu meinen Lebzeiten nie vorhergesehen hätte: einem diktatorartigen Angriff durch Präsident Trump auf alles, wofür dieses Land steht.» Wofür Amerika steht: Das ist auch das Thema von Redfords Regie­ arbeiten, die seit 1980 entstehen. Sie unterziehen die amerikanische Alltags­ folklore einer Neubetrachtung und stellen damit auch die Ideale des alten Hollywood auf den Prüfstand. Das Drama Ordinary People, das ihm 1980 Oscars für die beste Regie und den besten Film einbringt, blickt schonungslos hinter die Fassade einer scheinbar makellosen Familie. In The Milagro Beanfield War (1988) geht es um die Verteidigung des Erbes eines von indianischer Mythologie geprägten Landstrichs. In A River Runs Through It (1992) ­hinterfragt er in fast autobiografischer Weise die Überlebensfähigkeit eines naturverbundenen, konsumkritischen Lebensideals. Quiz Show (1994) rekonstruiert den Augenblick eines Sündenfalls im amerikanischen Fernsehen. The Horse Whisperer (1998) warnt vor der Entfremdung des modernen Lebens und sieht eine Chance zur Heilung in der Rückbesinnung auf die Natur. «Unschuld» ist der zentrale Begriff in diesen Filmen. Ihn ernsthaft und ohne jede ironische Brechung vorzubringen, mag naiv erscheinen, in jedem Fall aber ist es mutig. Der gelernte Kunstmaler Redford findet dabei mitunter zu hochromantischen Bildkompositionen; grosse Bildgestalter wie Michael Ballhaus bei The Horse Whisperer stehen ihm zur Seite. Redfords spätere Regiearbeiten wirken ästhetisch weniger schwelgerisch, aber ebenso kompromisslos im Eintreten für die Verfassungswerte. Zu entdecken ist das in der Schweiz bislang nicht gezeigte Politdrama The Conspirator (2010) über einen historischen Unschuldsverlust in der amerikanischen Geschichte: die Ermordung Abraham Lincolns. Die Leidenschaft, mit der Redford in seiner Regiearbeit The Company You Keep (2015) einen politischen Aktivisten gegen den Terrorismusvorwurf verteidigen sollte, deutet sich bereits 1975 an, als er die Hauptrolle in Sydney Pollacks Three Days of the Condor spielt: Als Whistle­blower wird er darin zum Staatsfeind im eigenen Land. Zu einer Zeit, als e­ inige der 68er-Ideale Teil des politischen Mainstreams wurden, war Redford der «poster boy» eines «besseren», linksliberalen Amerika – auch wenn er seine Haare lediglich in seiner Westernrolle in Jeremiah Johnson bis zu den Schultern wachsen liess.


07 Von echten und falschen Wahrheiten Wer bereits als «all-American boy» auf die Welt gekommen ist – 1936 im kalifornischen Santa Monica –, befindet sich vielleicht in der besten Position, den amerikanischen Traum auf den Prüfstand zu stellen. Die meisten Figuren, die Redford als Star verkörperte, waren Helden auf der Flucht vor einem Ideal, das sie selbst repräsentierten; Charaktere, für die die einfachste aller Lösungen nicht die erstrebenswerte sein konnte. Die Geradlinigkeit und Unschuld der eigenen Ausstrahlung gewährten Redford scheinbar unbeschränkten Kredit. Die Konsequenz, die er daraus zog, war zwiespältig: Den hohen Sympathiewert konnte der Umweltaktivist für seine Ziele nicht ungenutzt lassen, politische Ämter hingegen wollte er nicht bekleiden. Noch seine beste Darstellerrolle der letzten Jahre, der einsame Segler in All Is Lost (2013), zeigte seine Filmfigur im Dialog mit den Naturgewalten. Tatsächlich ist er längst selbst eine Naturgewalt: Kaum ein Schauspieler hat seine Prominenz in ähnlicher Weise eingesetzt, um humanitäre und kulturelle Ziele zu verwirklichen – von der Rettung gewaltiger Naturgebiete im Bundes­ staat Utah (die er – welch Ironie des Kapitalismus – dazu mit eigenen Mitteln kaufen musste) bis zur Förderung des anspruchsvollen und unabhängigen Films am Sundance Institute. Sosehr er den Mythos vom amerikanischen Traum bekämpfte und seine falschen Versprechungen entlarvte, so sehr verkörpert er den Traum eines besseren Amerika. Und nie konnte man ihn besser gebrauchen. In einem persönlichen Gespräch fasste Redford die Themen seines Werks einmal so zusammen: «Viele meiner Arbeiten handeln von der echten Wahrheit hinter der falschen Wahrheit. Als ich geboren wurde, während der Depression in Amerika, gab man uns eine Menge Slogans. Regeln, wie man sein Leben führen sollte. Wie die Pfadfinder. Aber ich fand heraus, dass das meistens Lügen waren. Ernüchterung war die Folge, ein stiller Aufruhr gegenüber diesen falschen Wahrheiten.» Daniel Kothenschulte

Daniel Kothenschulte ist Filmkritiker und Buchautor und verantwortet den Filmteil der «Frankfurter Rundschau». Sein Buch «Nachbesserungen am amerikanischen Traum – der ­Regisseur Robert Redford und seine Filme» erschien erstmals 1999 im Schüren Verlag, ­Marburg.


> Downhill Racer.

> Tell Them Willie Boy Is Here.

> War Hunt.

> Jeremiah Johnson.

> Butch Cassidy and the Sundance Kid.

> This Property Is Condemned.


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Robert Redford

WAR HUNT USA 1962 «Der Film spielt in den letzten Tagen des Koreakrieges, im Mai 1953. Im Mittelpunkt des Drehbuchs steht der moralische Konflikt zwischen zwei Soldaten, dem unschuldigen Loomis und einem erfahreneren Soldaten, Ray Endore, der nahezu ein psychopathischer Mörder ist. Endore ist das Gegenteil eines Teamplayers. Jede Nacht schlüpft er aus dem Basislager, schleicht sich hinter die feindlichen Linien und tötet feindliche Soldaten mit dem Messer, bevor er am Morgen heimkehrt. Die Offiziere dulden sein Verhalten, weil er zu bockig zu sein scheint, um diszipliniert werden zu können, und auch weil er auf seine unkonventionelle Art Resultate erzielt. ‹Im Krieg, der eine wahnsinnige Tätigkeit ist, wird der Wahnsinnige unsichtbar›, erklärt Produzent Terry Sanders heute das Thema. (...) Der Film markiert den ersten Kinoauftritt von Redford, der seine Rolle natürlich und sympathisch spielt, mit Anzeichen jenes Charismas, das er im Laufe dieses Jahrzehnts festigen sollte.» (Stephen Farber, Michael McClellan: «Cinema ’62: The Greatest Year at the Movies», Rutgers University Press 2020) 83 Min / sw / Digital HD / E // REGIE Denis Sanders // DREHBUCH Stanford Whitmore // KAMERA Ted McCord, Terry ­Sanders (ungenannt) // MUSIK Bud Shank // SCHNITT John Hoffman // MIT Robert Redford (Roy Loomis), John Saxon (Ray Endore), Charles Aidman (Capt. Wallace Pratt), Sydney Pollack (Sgt. Owen Van Horn), Tommy Matsuda (Charlie), Tom Skerritt (Sgt. Stan Showalter).

des Wohlstands›, und es wirkt tatsächlich wie La dolce vita auf dem Weideland.» (Pauline Kael, 5001 Nights at the Movies, Marion Boyars 1993) 135 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Arthur Penn // DREHBUCH Lillian Hellman, nach dem Roman und Theaterstück von Horton Foote // KAMERA Joseph LaShelle // MUSIK John Barry // SCHNITT Gene Milford // MIT Marlon Brando (Sheriff Calder), Jane Fonda (Anna Reeves), Robert Redford (Charlie «Bubber» Reeves), E. G. Marshall (Val Rogers), Angie ­Dickinson (Ruby Calder), Janice Rule (Emily Stewart), Miriam Hopkins (Mrs. Reeves), Martha Hyer (Mary Fuller), Richard Bradford (Damon Fuller), James Fox (Jason «Jake» Rogers).

THIS PROPERTY IS CONDEMNED USA 1966 Die 13-jährige Willie erzählt dem kleinen Jungen Tom von ihrer grossen Schwester Alva, die von den Männern in der Pension ihrer Mutter umschwärmt wurde. Alva verliebt sich in den smarten Owen L ­ egate, der von der Eisenbahngesellschaft in ihr Städtchen geschickt wird und in ihr Hoffnungen auf ein besseres Leben weckt. Sydney Pollacks Williams-Adaption war von Drehbuchproblemen geplagt. Natalie Wood wollte Redford, mit dem sie in Inside Daisy Clover gut zusammengespielt hatte, als Partner, und die Chemie zwischen den beiden stimmt. «Kate Reid gibt eine kraftvolle Vorstellung als Alvas manipulative Mutter. Robert Blake und Charles Bronson sind hervorragend in komplexen Nebenrollen. Und James Wong Howes polierte, meisterhafte Bildgestaltung unterstreicht die elegische Stimmung des Films.» (Margarita Landazuri, tcm.com)

THE CHASE

110 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Sydney Pollack // DREH-

USA 1966

BUCH Francis Ford Coppola, Fred Coe, Edith Sommer, nach einem Einakter von Tennessee Williams // KAMERA James

Bubber Reeves bricht aus dem Gefängnis aus und wird von der Polizei gesucht. In seiner Heimatstadt haben viele Bürger etwas zu verlieren, wenn er zurückkehrt. Der Sheriff versucht sich gegen die diversen Machtgruppen durchzusetzen und das Gesetz zu wahren. «Lillian Hellman schrieb das Drehbuch und die ‹kleinen Füchse› nahmen prompt überhand. ‹Unsere Weinreben› haben keine Blüten mehr in diesem Sündenpfuhl voller Frauentausch, Nigger-Hass und Nigger-Freund-Hass, wo die Menschen von schmutzigem Sex oder vom grossen Geld motiviert werden (...). Viele Leute in aller Welt geben Texas die Schuld an der Ermordung Kennedys – als wäre der Mord aus dem Unterbewusstsein der Menschen dort emporgekocht – und der Film schlachtet diese hysterische Sichtweise aus und bestätigt sie (...). Produzent Sam Spiegel sagte, der Film handle von den ‹Folgen

Wong Howe // MUSIK Kenyon Hopkins // SCHNITT Adrienne Fazan // MIT Natalie Wood (Alva Starr), Robert Redford (Owen Legate), Charles Bronson (J. J. Nichols), Mary Badham (­ Willie Starr), Kate Reid (Hazel Starr), Alan Baxter (Knopke), Robert Blake (Sidney).

BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID USA 1969 Nach einem verpatzten Überfall auf einen Zug in Wyoming müssen die zwei Banditen Butch Cassidy und Sundance Kid vor der Bürgerwehr fliehen und versuchen sich nach Bolivien abzusetzen. Aber dann ist da noch Etta Place, die Freundin von Sundance Kid. «Man könnte es schlimmer treffen, als Redford und Newman in einem der lustigsten, wenn auch


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Robert Redford belanglosesten Western der letzten Jahre zu erwischen. Unverschämt eskapistisch, klaut er den grössten Teil seiner Handlung (...) und viel von seinem visuellen Stil bei Peckinpahs The Wild Bunch und parodiert sogar Jules et Jim. (...) Das Drehbuch ist oft urkomisch, und Newman und Redford holen das Beste heraus, wenn sie sich ­Dialoggefechte liefern können (z. B. während der Verfolgung). Dieser Film ist viel besser und lustiger als The Sting, gerade weil er den beiden Stars erlaubt, ihre Unterschiede auszuspielen.» (Rod McShane, Time Out Film Guide) 110 Min / Farbe / DCP / E+Sp/d // REGIE George Roy Hill // DREHBUCH William Goldman // KAMERA Conrad L. Hall // MUSIK Burt Bacharach // SCHNITT John C. Howard, Richard C. Meyer // MIT Paul Newman (Butch Cassidy), Robert Redford (Sundance Kid), Katharine Ross (Etta Place), Strother Martin (Percy Garris), Henry Jones (Fahrradhändler), Jeff Corey (Sheriff Bledsoe), George Furth (Woodcock).

DOWNHILL RACER USA 1969 Zu einer Zeit, als das unterfinanzierte US-Skiteam erst anfängt, an internationalen Wettkämpfen in der Schweiz, Österreich und Italien teilzunehmen, muss sich der begabte Newcomer David Chappellet gegen Neid und Missgunst seiner Teamgenossen durchsetzen. Der abgebrühte Coach versucht, Chappellets Talent zu fördern und zugleich die Mannschaft zusammenzuhalten. «Manche der besten Momente in Downhill Racer sind Momente, in denen nichts Besonderes zu passieren scheint. (...) Zusammen bilden sie das Porträt eines Mannes, das so vollständig und so tragisch ist, dass Downhill Racer zum besten Film wird, der je über Sport gedreht wurde – ohne dass es dabei wirklich um Sport geht. (...) David Chappellet, ein Mitglied des US-Skiteams, lebt seine Menschlichkeit nur im Rausch des Sieges voll aus. (...) Robert Redford spielt diesen Menschen sehr gut, auch wenn es für ihn schwierig gewesen sein muss, seine eigene Persönlichkeit in einer derart begrenzten Figur unterzubringen. Er spielt einen Mann, der nichts gut kann ausser Ski fahren – das aber besser als jeder andere.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 22.12.1969) 101 Min / Farbe / 35 mm / E+D+F // REGIE Michael Ritchie // DREHBUCH James Salter, nach dem Roman «The Downhill Racers» von Oakley Hall (ungenannt) // KAMERA Brian ­Probyn // MUSIK Kenyon Hopkins // SCHNITT Richard A. ­Harris // MIT Robert Redford (David Chappellet), Gene Hackman (Claire), Camilla Sparv (Carole), Karl Michael Vogler (Machet), Jim McMullan (Creech), Kathleen Crowley (Reporterin), Dabney Coleman (Mayo), Kenneth Kirk (D. K.).

TELL THEM WILLIE BOY IS HERE USA 1969 «Nach 21 Jahren auf der schwarzen Liste, seit Force of Evil, kehrt Polonsky zur Regie zurück mit einem zeitgenössischen Western über eine Menschenjagd auf einen Paiute-Indianer, der mutmasslich eines Verbrechens schuldig ist, das eher aufgrund der Umstände als der Tatsachen definiert wird. Die Allegorie der McCarthy-Hexenjagd lässt sich mühelos ausmachen, wobei sie eine Stufe weiter getragen wird als üblich, durch die bittere Ironie, dass der bisher amerikanisierte Willie, dem man faktisch vorwirft, ein Indianer zu sein, allmählich wieder zu einem Indianer im ­archetypisch wilden Sinne wird. Ein kraftvoller Film, auch wenn das Drehbuch seine linke Gesinnung offen zur Schau trägt (und auf Nummer sicher geht, indem es die Rolle des Sheriffs mit dem netten Robert Redford besetzt), mit nüchterner Autorität inszeniert in Wüstenlandschaften, die Conrad Hall wunderbar ins Bild setzt.» (Tom Milne, Time Out Film Guide) 98 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Abraham Polonsky // DREHBUCH Abraham Polonsky, nach einem Roman von Harry Lawton // KAMERA Conrad L. Hall // MUSIK Dave ­Grusin // SCHNITT Melvin Shapiro // MIT Robert Redford (Cooper), Robert Blake (Willie Boy), Katharine Ross (Lola), ­Susan Clark (Dr. Elizabeth Arnold), Barry Sullivan (Calvert), John Vernon (Hacker), Charles Aidman (Benby), Charles ­McGraw (Frank Wilson), Shelly Novack (Finney).

JEREMIAH JOHNSON USA 1972 «Der Film erforscht den Mythos und die Realität der zähen Trapper, die in den 1850er-Jahren den unbezwungenen Westen durchstreiften. Der erste Teil, in traumhaft schönen, einsamen Schneelandschaften in Utah gedreht, ist grandios: die ersten, verblüfften Schritte des Greenhorns Johnson im Kampf ums Überleben; die seltsame Begegnung mit einer aufrecht im Schnee gefrorenen Leiche, die ihm sein erstes richtiges Gewehr liefert; der alte Bergler, der (...) ihm beibringt, wie man fischt, Biber fängt, einen Indianer vom anderen unterscheidet und am Leben bleibt. Danach wechseln die Dinge vom Dokumentarischen zum pikaresken Abenteuer, und das Drehbuch von John Milius gerät ins Stolpern. Gegen Ende aber kommt es wieder auf Kurs, als die Indianer, halb verehrend und halb verächtlich, ihre Jagd auf den seltsamen weissen Mann beginnen, der ihre Tabus gebrochen hat und im Schnee verschwunden ist – hier entsteht die Legende des Westens.» (Tom Milne, Time Out Film Guide)


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Robert Redford 108 Min / Farbe / Digital HD / E-Crow+F/d // REGIE Sydney Pollack // DREHBUCH John Milius, Edward Anhalt, nach ­einem Roman von Vardis Fisher und einer Erzählung von Raymond W. Thorp, Robert Bunker // KAMERA Andrew ­ «Duke» Callaghan // MUSIK John Rubinstein, Tim McIntire // SCHNITT Thomas Stanford // MIT Robert Redford (Jeremiah), Will Geer (Bear Claw), Delle Bolton (Swan), Josh Albee ­(Caleb), Joaquín Martínez (Paints His Shirt Red), Allyn Ann McLerie (Verrückte), Stefan Gierasch (Del Gue).

THE WAY WE WERE USA 1973 Die jüdische Kommunistin Katie verliebt sich in den 1930er-Jahren in den blonden Sportler und Schriftsteller Hubbell. Ihre stürmische Beziehung spitzt sich fatal zu, als sie nach dem Krieg in Hollywood in die Hexenjagd der McCarthy-Ära verstrickt werden. «The Way We Were ist ein traumatischer, schmerzlicher Film über eine Frau, die mit einem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit geboren wurde und sich letztendlich aus einer qual­ vollen Liebesbeziehung/Ehe mit einem Mann befreit, der ihr natürlicher Feind sein sollte, einem Fitzgerald-mässigen Helden, mit eisigem, gefährlichem Charme verkörpert von Robert Redford. Der Film sieht aus wie eine grosse Hollywood-Romanze, aber weil Regisseur Pollack der Korruption ins Gesicht blickt und sie als das entlarvt, wie sie sich anfühlt, entpuppt sich The Way We Were als eine der unsentimentalsten Liebesgeschichten, die je verfilmt wurden.» (Alan R. Howard, The Hollywood Reporter, 3.10.1973) 118 Min / Farbe / DCP / E+F/d // REGIE Sydney Pollack // DREHBUCH Arthur Laurents; ungenannt: Francis Ford ­Coppola, Paddy Chayefsky, Herb Gardner, David Rayfiel, Alvin Sargent, Dalton Trumbo, nach dem Roman von Arthur ­Laurents // KAMERA Harry Stradling Jr. // MUSIK Marvin Hamlisch // SCHNITT Margaret Booth, John F. Burnett // MIT Barbra Streisand (Katie Morosky), Robert Redford (Hubbell Gardiner), Bradford Dillman (J. J.), Lois Chiles (Carol Ann), Patrick O’Neal (George Bissinger), Viveca Lindfors (Paula Reisner), Allyn Ann McLerie (Rhea Edwards), Murray Hamilton (Brooks Carpenter).

THE STING USA 1973 Chicago, 1936. Der gewiefte Betrüger Henry Gondorff und sein jüngerer Gehilfe Johnny Hooker haben mit dem Gangster Lonnegan eine Rechnung zu begleichen und planen zu diesem Zweck einen gross angelegten Schwindel («sting»). «The Sting sieht aus und klingt wie ein Musical, aus dem die Lieder entfernt wurden, sodass nur

eine Hintergrundmusik aus altmodischen, fusswippenden Piano-Rags übrig bleibt, die ebenso sehr an die 1910er-Jahre vor dem Ersten Weltkrieg wie an die 1930er-Jahre erinnern. Auch andere historische Details sind nicht allzu fest in der Zeit verankert, aber der Film ist so gutmütig, sich so offensichtlich bewusst, was er da alles treibt, einschliesslich seiner eigenen pittoresken Mogeleien, dass ich beschliesse mitzugehen. Man verzeiht ihm seine unerbittlichen Bemühungen um Charme, und sei es nur, weil The Sting selbst eine Art Schwindel ist, ohne die poetischen Ansprüche, die Butch Cassidy and the Sundance Kid belasteten.» (Vincent Canby, The New York Times, 26.12.1973) 129 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE George Roy Hill // DREHBUCH David S. Ward // KAMERA Robert Surtees // MUSIK Scott Joplin // SCHNITT William H. Reynolds // MIT Paul ­Newman (Henry Gondorff/Mr. Shaw), Robert Redford (Johnny Hooker/Kelly), Robert Shaw (Doyle Lonnegan), Charles ­Durning (Lt. William Snyder), Ray Walston (J. J. Singleton), ­Eileen Brennan (Billie), Harold Gould (Kid Twist).

THE GREAT GATSBY USA 1974 Der geheimnisvolle Jay Gatsby protzt mit Neureichtum im hoffnungslosen Versuch, seine einstige Liebe Daisy zu erobern, die mit dem treulosen Geldadligen Tom verheiratet ist. «Immer wieder spielen die Darsteller – Robert Redford in der Titelrolle des enigmatischen New Yorker Neureichen, Mia Farrow als übernervöses (und letztlich wertloses) Objekt der Begierde, Bruce Dern als Matador des Establishments, Lois Chiles als High-Snobiety-Girl, Karen Black als teures Flittchen, Scott Wilson als Vollstrecker aus dem Tal der Asche, Sam Waterston als Erzähler – an der transusigen Inszenierung ganz einfach vorbei, lassen immer wieder die Ahnung eines wunderbaren Films aufblitzen: Gatsby (...) ist der romantische Held einer Welt, die, indem sie sich zerstört, zu ihrer Unschuld zurückzufinden hofft.» (Sebastian Schubert, kinotagebuch.blogspot.com, Mai 2013) 144 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Jack Clayton // DREHBUCH Francis Ford Coppola, nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald // KAMERA Douglas Slocombe // MUSIK Nelson Riddle // SCHNITT Tom Priestley // MIT Robert Redford (Jay Gatsby), Mia Farrow (Daisy Buchanan), Bruce Dern (Tom Buchanan), Karen Black (Myrtle Wilson), Scott Wilson (George Wilson), Sam Waterston (Nick Carraway), Lois Chiles (Jordan Baker), Howard Da Silva (Meyer Wolfsheim).


> The Sting.

> The Way We Were.

> The Great Waldo Pepper.

> Ordinary People.

> The Electric Horseman.

> Out of Africa.


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Robert Redford

THE GREAT WALDO PEPPER USA 1975 «Ein überraschender Kassenflop im Vergleich zu seinen Vorläufern Butch Cassidy and the Sundance Kid und The Sting, der sich im Grossen und Ganzen niedlich-nostalgischer Manipulation verweigert (wie sie sich bei einer wilden Geschichte über die schwindenden Tage und schrumpfenden Grenzen der Kunstfliegerei anbieten würde) und sich stattdessen kohärent einer Kritik der nie hinterfragten ‹heroischen› Aufhänger jener früheren Filme widmet: Abenteurertum, Betrügerei und Männerfreundschaft. Redfords Figur, Waldo Pepper, ein Flieger aus dem Ersten Weltkrieg, hat bis 1926 seine tragenden Lügen über seine waghalsige Rivalität mit dem ehemaligen deutschen Gegner Kessler (...) so zurechtgeschneidert, dass er sie fast selbst glaubt, und er ist jedenfalls überzeugend genug, um sie mit gefährlicher Verführungskunst einzusetzen. (...) Ein unterschätzter Versuch, den unreifen amerikanischen Leinwandhelden unter die Lupe zu nehmen, und gleichzeitig ein schöner verspäteter Nachtrag zu Hollywoods anhaltender romantischer Faszination für das Fliegen.» (Paul Taylor, Time Out Film Guide) 107 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE George Roy Hill // DREHBUCH William Goldman, nach einer Story von George Roy Hill // KAMERA Robert Surtees // MUSIK Henry Mancini // SCHNITT William Reynolds // MIT Robert Redford (Waldo Pepper), Bo Svenson (Axel Olsson), Bo Brundin (Ernst Kessler), Susan Sarandon (Mary Beth), Geoffrey Lewis (Newt), ­Edward Herrmann (Ezra Stiles), Philip Bruns (Dillhoefer), ­Roderick Cook (Werfel), Kelly Jean Peters (Patsy), Margot Kidder (Maude).

an die deprimierendsten Möglichkeiten unserer Regierung gewöhnen – und wie schnell wir sie auch kommerzialisieren. Früher spielten Hollywoodstars Cowboys und Generäle. Heute verkörpern sie Abhörspezialisten und Attentäter oder Zielpersonen. Redford spielt hier eine Zielperson, und er gibt eine gute Zielperson ab, ganz offen und vertrauensselig.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 1.1.1975) 117 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Sydney Pollack // DREHBUCH Lorenzo Semple Jr., David Rayfiel, nach einem Roman von James Grady // KAMERA Owen Roizman // MUSIK Dave Grusin // SCHNITT Fredric Steinkamp, Don Guidice // MIT ­Robert Redford (Joe Turner), Faye Dunaway (Kathy Hale), Cliff Robertson (Higgins), Max von Sydow (Joubert), John Houseman (Mr. Wabash), Addison Powell (Atwood).

ALL THE PRESIDENT’S MEN USA 1976 «Unvermeidlich geschwächt durch etwas Selbstbeweihräucherung bezüglich des Erfolgs von Woodwards und Bernsteins Aufdeckung der Watergate-Affäre, ist Pakulas Film dennoch bemerkenswert intelligent und funktioniert sowohl als wirkungsvoller Thriller (obwohl wir das Ergebnis ihrer Ermittlungen kennen) wie auch als geradezu abstraktes Kartogramm der dunklen Korridore von Korruption und Macht. Pakulas visuelle Inszenierungen sind oft aussergewöhnlich. Sie kon­ trastieren das Licht der Nachrichtenredaktion der ‹Washington Post› mit den Schatten, in denen sich der Starinformant ‹Deep Throat› verbirgt, und lassen Hoffman und Redford auf dramatische Weise in monumentalen Gebäuden versinken, um die ungeheuerliche Dimension ihrer Aufgabe hervorzuheben.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide)

THREE DAYS OF THE CONDOR

138 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Alan J. Pakula // DREH-

USA 1975

BUCH William Goldman, nach einem Buch von Carl Bernstein, Bob Woodward // KAMERA Gordon Willis // MUSIK David

Die Mitglieder eines literarischen Vereins, der in Wirklichkeit für die CIA fremdsprachige Bücher auf verschlüsselte Nachrichten hin analysiert, werden ausgelöscht – bis auf Turner, der gerade in der Mittagspause war. Er taucht unter und versucht herauszufinden, wer den Anschlag verübt hat. Die Spur führt in die eigenen Reihen. «Three Days of the Condor ist ein gut gemachter Thriller, spannend und mitreissend, und das Beängstigende in diesen Monaten nach Watergate ist, dass er nur allzu glaubwürdig ist. Verschwörungen samt Mord durch Bundesbehörden fand man früher in obskuren Pamphleten der extremen Linken. Heute erscheinen sie als Hochglanz-Unterhaltung mit Robert Redford und Faye Dunaway in den Hauptrollen. Wie schnell wir uns

Shire // SCHNITT Robert L. Wolfe // MIT Dustin Hoffman (Carl Bernstein), Robert Redford (Bob Woodward), Jack Warden (Harry Rosenfeld), Martin Balsam (Howard Simons), Hal Holbrook («Deep Throat»), Jason Robards (Ben Bradlee), Jane Alexander (Buchhalterin), Meredith Baxter (Debbie Sloan).

THE ELECTRIC HORSEMAN USA 1979 Sonny, ein ehemaliger Rodeo-Champion, ist zum lämpchenbekränzten Werbeträger für Frühstücksflocken abgestiegen und dem Alkohol verfallen. Bei einem Auftritt für den Mutterkonzern Ampco in Las Vegas merkt er, dass das millionenteure Rennpferd, auf dem er reiten soll, verletzt


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Robert Redford und gedopt ist. Er entführt es in die Wüste, verfolgt von der Reporterin Hallie, die eine tolle Story wittert. «Der Film hat eine Menge Spass mit KonzernKlischees, die nicht immer harmlos sind, aber er kommt erst richtig in Fahrt, als Sonny und Hallie auf dem grossen Weg zur Pferdefreiheit sind, verfolgt von der Staatspolizei, dem FBI und den Rufmördern im Sold von Ampco. Jane Fonda ist (...) eine erstklassige Komödiantin, ob sie nun in schicken Lackstiefeln mit Pfennigabsätzen über einen Berg in Utah stolpert oder nach einer wohlverbrachten Nacht im Schlafsack des Cowboys plötzlich schüchtern wird. Redford ist genauso lustig und genauso entspannt, sowohl in den frühen Abschnitten des Films als aufgebrezelter Frühstücks-Fürsprecher wie auch später als Naturbursche, der seinen ureigenen amerikanischen Traum verwirklicht. (...) Die beste amerikanische Romantic Comedy von 1979.» (Vincent Canby, The New York Times, 21.12.1979) 121 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Sydney Pollack // DREHBUCH Robert Garland, Paul Gaer, Shelly Burton // ­KAMERA Owen Roizman // MUSIK Dave Grusin // SCHNITT Sheldon Kahn // MIT Robert Redford (Sonny Steele), Jane Fonda (Hallie Martin), Valerie Perrine (Charlotta Steele), Willie Nelson (Wendell), John Saxon (Hunt Sears), Nicolas Coster (Fitzgerald), Allan Arbus (Danny), Wilford Brimley (Farmer).

BRUBAKER USA 1980 In der Wakefield Prison Farm herrschen desolate Zustände: Die Verwaltung setzt ausgewählte Häftlinge als «Sachwalter» ein, was zu Gewalt und Missbrauch führt; das angebaute Gemüse wird von korrupten Hintermännern gewinnbringend verschachert, während im Knast madiges Essen aufgetischt wird. Einer der Insassen entpuppt sich plötzlich als Henry Brubaker, der neue, reformorientierte Direktor, der das Gefängnis auf Vordermann bringen soll. Doch mit seinem Vorgehen hat er sich mächtige Feinde geschaffen. 1969 erschien das Buch «Accomplices to the Crime: The Arkansas Prison Scandal» von Tom Murton und Joe Hyams. Murton war angetreten, um zwei Prison Farms zu reformieren; als er aber nach ersten Erfolgen anfing, auf dem einen Gelände Gräber von mutmasslichen Mordopfern aus dem Knast auszuheben, wurde er gefeuert. Abgesehen von der fiktionalen Undercover-Recherche folgt Stuart Rosenbergs Film eng den Erkenntnissen Murtons, der auch als Berater fungierte. (mb) 131 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Stuart Rosenberg // DREHBUCH W. D. Richter, Arthur A. Ross, Bob Rafelson (ungenannt), nach dem Buch «Accomplices to the Crime» von

Joe Hyams, Thomas O. Murton // KAMERA Bruno Nuytten // MUSIK Lalo Schifrin // SCHNITT Robert Brown // MIT Robert Redford (Henry Brubaker), Yaphet Kotto (Dickie Coombes), Jane Alexander (Lillian), Murray Hamilton (Deach), David Keith (Larry Lee Bullen), Morgan Freeman (Walter), Matt Clark (Purcell), Tim McIntire (Huey Rauch).

ORDINARY PEOPLE USA 1980 Der Unfalltod des älteren Sohns stürzt eine Familie in die Krise. Die Eltern und der verbleibende Sohn Conrad ringen nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit anderen Problemen, die ihre Beziehungen prägen «Redford stellt alle Ereignisse in eine Vorstadtwelt, die mit einer unterspielenden Sachlichkeit betrachtet wird. Es gibt keine billigen Witze über Lebensstil oder Wohlstand oder Manierismen der Vorstädter: Die Probleme der Menschen in diesem Film werden nicht durch ihr ­Milieu verursacht, sondern erwachsen aus ihnen selbst heraus. Und die Mitwirkenden müssen sich damit auseinandersetzen, ob es ihnen passt oder nicht. Das unterscheidet den Film von der kultivierten Vorstadtseifenoper, zu der er leicht hätte werden können. Jede Figur in diesem Film erhält die dramatische Gelegenheit, in sich selbst hineinzuschauen, ihre eigenen Beweggründe wie auch die Beweggründe anderer zu hinterfragen und zu versuchen, ihren Umgang mit einer schwierigen Situation zu verbessern. Zwei der Figuren lernen sich anzupassen; die dritte lernt es nicht. (...) Intelligent, scharfsinnig und tief bewegend.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 1.1.1980) 124 Min / Farbe / 35 mm / E/d // REGIE Robert Redford // DREHBUCH Alvin Sargent, nach dem Roman von Judith Guest // KAMERA John Bailey // MUSIK Marvin Hamlisch // SCHNITT Jeff Kanew // MIT Donald Sutherland (Calvin), Mary Tyler Moore (Beth), Judd Hirsch (Berger), Timothy Hutton (Conrad), Elizabeth McGovern (Jeannine), M. Emmet Walsh (Schwimmlehrer), Dinah Manoff (Karen).

THE NATURAL USA 1984 «Diese fröhliche Adaption von Bernard Malamuds düsterer Allegorie über die Welt des Baseballs ist eine jener Nagelproben für die Stimmung oder die Grosszügigkeit des Zuschauers: Wenn Sie sich ganz und gar ihrer naiven Mythologisierung hingeben, werden Sie von ihr mit einer Flutwelle von Emotionen, Heldenverehrung und einer kuriosen mittelalterlichen Moralität belohnt; ein Anflug von Unglauben jedoch genügt, und Sie werden nichts als ihre Mängel sehen. Dass Roy Hobbs’


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Robert Redford Aufstieg zum Baseballstar auf der Artus-Sage beruht, erlaubt der Erzählung einige sehr un-Hollywood-mässige Kunstgriffe, wie z. B. eine unerklärte Lücke von 16 Jahren, während welcher Hobbs aussen vor bleibt und seinen Sündenfall mit einer mörderischen Femme fatale sühnen muss. Darüber hinaus befreit diese mythologische Grundlage das Schauspielerensemble von der Verpflichtung zum Naturalismus. Es gibt auch noch anderes zu geniessen: eine grossartige Besetzung von Nebendarstellern (...), Caleb Deschanels Bildgestaltung, Randy Newmans Musik.» (Chris Peachment, Time Out Film Guide) 138 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Barry Levinson // DREHBUCH Roger Towne, nach dem Roman von Bernard Malamud // KAMERA Caleb Deschanel // MUSIK Randy Newman // SCHNITT Stu Linder, Christopher Holmes // MIT Robert ­Redford (Roy Hobbs), Robert Duvall (Max Mercy), Glenn Close (Iris Gaines), Kim Basinger (Memo Paris), Wilford Brimley (Pop Fisher), Barbara Hershey (Harriet Bird), Robert Prosky (der Richter), Richard Farnsworth (Red Blow), Joe Don Baker

THE MILAGRO BEANFIELD WAR USA 1988 Im verschlafenen Kaff Milagro, New Mexico, wird ein gewaltiges Feriendorf mit Golfplatz gebaut. Als der arbeitslose Joe Wasser aus der Gemeindeleitung auf ein geerbtes Feld leitet, um dort Bohnen anzupflanzen, gerät er in Konflikt mit den Behörden. Diese sind mit dem Immobilien-Tycoon Devine verbandelt, der sein Tourismusprojekt gefährdet sieht. Als sich die aufmüpfige Garagistin Ruby hinter Joe stellt und den Anwalt und Journalisten Bloom für die Sache rekrutiert, kommt es in Milagro zum Krieg um das Bohnenfeld. John Nichols’ Romanvorlage ist von der lateinamerikanischen Tradition des magischen Realismus angehaucht. Die muntere Verfilmung seiner kauzigen Neo-Western-Fabel ähnelt ihrem Regisseur: gutaussehend, linksliberal, grün gesinnt, spitzbübisch und am Ende vielleicht etwas gar blauäugig. (mb)

(The Whammer). 117 Min / Farbe / 35 mm / E+Sp/d/f // REGIE Robert Redford

OUT OF AFRICA USA 1985

// DREHBUCH John Nichols, David S. Ward, nach dem Roman von John Nichols // KAMERA Robbie Greenberg // MUSIK Dave Grusin // SCHNITT Dede Allen, Jim Miller // MIT Rubén Blades (Sheriff Bernabe Montoya), Richard Bradford (Ladd

Die dänische Autorin Karen Blixen gelangt als Gattin des Barons Bror Blixen nach Kenia und baut sich eine neue Existenz als Farmerin auf. Mit dem Grosswildjäger Denys Finch Hatton, der ihre Liebe zu Afrika teilt, beginnt sie eine Affäre. «Out of Africa ist eine der grossen epischen Liebesgeschichten der letzten Zeit. (...) Der Film, atemberaubend an Originalschauplätzen gedreht, ist grossartig anzuschauen. Es ist ein Film, der den Mut aufbringt, von komplexen, mitreissenden Gefühlen zu handeln und die Star-Power seiner Darsteller einzusetzen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Sydney Pollack hat schon früher mit Redford zusammengearbeitet – insbesondere bei einem anderen Epos unter weitem Himmel, Jeremiah Johnson. Er versteht den besonderen, etwas zerbrechlichen Nimbus seines Stars, der sein ­eigenes Image übermässig zu schützen scheint. In den falschen Händen kann Redford selbstverliebt wirken. Hier hat er sichtlich allen Grund, selbstverliebt zu sein.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 20.12.1985) 161 Min / Farbe / 35 mm / E+Swahili/d/f // REGIE Sydney ­Pollack // DREHBUCH Kurt Luedtke, nach einem Roman von Isak ­Dinesen (=Karen Blixen) // KAMERA David Watkin // MUSIK John Barry // SCHNITT Fredric Steinkamp // MIT Meryl Streep (Karen Blixen), Robert Redford (Denys Finch Hatton), Klaus Maria Brandauer (Bror Blixen), Michael Kitchen ­(Berkeley Cole), Malick Bowens (Farah Aden), Joseph Thiaka (Kamante), Michael Gough (Lord Delamere).

Devine), Sônia Braga (Ruby Archuleta), Julie Carmen (Nancy Mondragon), Melanie Griffith (Flossie Devine), John Heard (Charlie Bloom), Carlos Riquelme (Amarante Cordova), Chick Vennera (Joe), Christopher Walken (Kyril Montana).

A RIVER RUNS THROUGH IT USA 1992 Die gegensätzlichen Brüder Norman und Paul wachsen im ländlich-idyllischen Montana als Söhne eines presbyterianischen Pfarrers auf, der zwischen Religion und der anmutigen Kunst des Fliegenfischens keinen Unterschied macht. Der besonnene Norman zieht weg, um Literatur zu studieren, während der rebellische Paul in Montana sein Glück als Journalist versucht und sich in gefährliche Händel verstrickt. «Nach John Nichols’ Roman ‹The Milagro Bean­ field War› hat Redford sich nun diesen poetischen Entwurf von Norman Maclean ausgesucht, um daraus einen Film zu machen. Die eine Vorlage ist eine sozialkritisch akzentuierte Klage über die verlorene Begabung des Menschen, mit Heiligen und Engeln zu sprechen, die andere eine Wiederentdeckung der Stimmen, die aus dem Innern kommen. Was sie – bei aller thematischen Verschiedenheit – eint, ist die Tatsache, dass beide sehr irdische Stoffe sind, deren Bedeutung jedoch in der Spiritualität liegt, mit der sie empfunden und erzählt sind.» (Franz Everschor, filmdienst.de)


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> The Horse Whisperer.

> A River Runs Through It.

> Quiz Show.

> The Milagro Beanfield War.

> The Conspirator.


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Robert Redford 123 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Robert Redford // DREHBUCH Richard Friedenberg, nach der Erzählung von ­Norman Maclean // KAMERA Philippe Rousselot // MUSIK Mark Isham // SCHNITT Robert Estrin, Lynzee Klingman // MIT Craig Sheffer (Norman Maclean), Brad Pitt (Paul Maclean), Tom Skerritt (Reverend Maclean), Brenda Blethyn (Mrs. Maclean), Emily Lloyd (Jessie Burns), Edie McClurg (Mrs. Burns), ­Stephen Shellen (Neal Burns).

QUIZ SHOW USA 1994 In den 1950er-Jahren ging es in TV-Quiz-Sendungen noch um Wissen, nicht um Glück. Allerdings wurde in der scheinheilen Fernsehwelt auch gemogelt, und bei der Show «Twenty-One» hielt sich Herbie Stempel so lange an der Spitze, weil man ihm manche richtige Antwort zuspielte. Als die TV-Bosse den sperrigen Stempel absägten und den charmanten Charles Van Doren zum neuen Champion aufbauten, kam es zum Skandal. «Robert Redford hat Quiz Show als Unterhaltung, Historie und Herausforderung inszeniert. (...) Und dann fragt er uns, was wir wohl getan hätten, wenn uns jemand viel Geld und Popularität dafür angeboten hätte, dass wir uns klüger geben, als wir sind. Der Film zeigt, wie Sponsoren die Kandidaten casten, als wären sie Hauptfiguren einer Seifenoper. Er reflektiert auch faszinierende Rassen- und Klassenkonflikte: Stempel wird als ungeschliffener Jude dargestellt, der durch Van Doren, einen urbanen WASP, ersetzt wird. Der Ermittler des Kongresses, Richard Goodwin, ist ein Jude, der sich vom vornehmen Intellektualismus der Van Dorens angezogen fühlt.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 16.9.1994) 133 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Robert Redford // DREHBUCH Paul Attanasio, nach dem Buch «Remembering America: A Voice from the Sixties» von Richard N. Goodwin // KAMERA Michael Ballhaus // MUSIK Mark Isham // SCHNITT Stu Linder // MIT John Turturro (Herbie Stempel), Rob Morrow (Dick Goodwin), Ralph Fiennes (Charles Van Doren), Paul ­Scofield (Mark Van Doren), David Paymer (Dan Enright), Hank Azaria (Albert Freedman), Christopher McDonald (Jack Barry), Johann Carlo (Toby Stempel).

würde. Sie wendet sich an den «Pferdeflüsterer» Tom Booker, einen menschenscheuen Cowboy in Montana. «Redford legt den Schwerpunkt darauf, Grace zu heilen, Annie zu erneuern und Pilgrim daran zu erinnern, dass ein Pferd ein Pferd sein darf. Wie der Film eine Liebesbeziehung zwischen den beiden Hauptdarstellern angeht, ist so effektiv erwachsen, dass seine Zurückhaltung funktioniert. (...) Die majestätische Bildgestaltung von Robert Richardson sorgt für grosse visuelle Intensität.» (Janet Maslin, The New York Times, 15.5.1998) 169 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Robert Redford // DREHBUCH Eric Roth, Richard La Gravenese, nach dem Roman von Nicholas Evans // KAMERA Robert Richardson // MUSIK Thomas Newman, Gwil Owen // SCHNITT Hank Corwin, Tom Rolf, Freeman A. Davies // MIT Robert Redford (Tom Booker), Kristin Scott Thomas (Annie MacLean), Sam Neill (Robert MacLean), Dianne Wiest (Diane Booker), Scarlett Johansson (Grace MacLean), Chris Cooper (Frank Booker).

THE CONSPIRATOR (PREMIERE) USA 2010 Washington, 1865, nach dem Bürgerkrieg. Nach den koordinierten Anschlägen rachsüchtiger Südstaatler auf Präsident Lincoln und andere Politiker werden die Verschwörer vor ein Militärgericht gestellt. Unter ihnen ist Mary Surratt, in deren Pension das Komplott geschmiedet wurde. Das Land ist traumatisiert und der junge Anwalt Frederick Aiken übernimmt als Nordstaatler widerwillig Surratts Verteidigung. Erst allmählich kommt er zur Einsicht, dass ihre Rechte als Bürgerin geschützt werden müssen, selbst wenn sie als Mitverschwörerin schuldig sein sollte. «In Redfords Justizdrama geht es nicht nur um den Fall, sondern auch um die von ihm geschaffenen rechtlichen Präzedenzfälle, mit denen wir bis heute zu tun haben. (...) Redford und Robin Wright wären durchaus imstande, Mary Surratt zu einem leidenschaftlichen, heroischen Opfer zu machen. Sie haben sich entschieden, dies nicht zu tun. Sie verlangen von uns, dass wir den Fall selbst durchdenken und uns eine eigene Meinung bilden, und darin liegt der Wert von The Conspirator.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 14.4.2011)

THE HORSE WHISPERER

122 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Robert Redford //

USA 1998

DREHBUCH James D. Solomon, Gregory Bernstein // KAMERA Newton Thomas Sigel // MUSIK Mark Isham // SCHNITT Craig

Bei einem Unfall werden die 14-jährige Grace und ihr Pferd Pilgrim schwer verletzt. Grace’ Mutter Annie, Herausgeberin einer schicken New Yorker Zeitschrift, will das Pferd retten, weil das zur Genesung ihrer traumatisierten Tochter beitragen

McKay // MIT James McAvoy (Frederick Aiken), Robin Wright (Mary Surratt), Kevin Kline (Edwin Stanton), Evan Rachel Wood (Anna Surratt), Tom Wilkinson (Reverdy Johnson), Justin Long (Nicholas Baker), Danny Huston (Joseph Holt), James Badge Dale (William Hamilton).


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La comédie Die Komödie war in Frankreich während rund sieben Jahrzehnten reine Männersache. Erst 1969 fand sich in Nelly Kaplan und ihrem frechen Erstling La fiancée du pirate eine Erbin von Alice Guy-Blaché, die als Pionierin bereits um das Jahr 1900 Komödien gedreht hatte. Ab den 1980er-Jahren waren es dann vor allem Schauspielerinnen wie Josiane Balasko, Julie Delpy, Valérie Lemercier, Noémie Lvovsky oder Anne Le Ny, die sich dem Inszenieren von Komödien zuwandten, aber auch erfahrende Drehbuchautorinnen wie Agnès Jaoui und Danièle Thompson widmeten sich der «comédie au féminin». Unter den zahlreichen Filmen über Zeitreisen findet sich nicht einmal eine Handvoll mit weiblichen Hauptfiguren. Weshalb zögert das Kino, Frauen auf derlei Expeditionen zu schicken? Unterstellt es ihnen einen Mangel an Neugierde, Fantasie, Tatkraft oder Verspieltheit? Noémie Lvovskys Camille redouble stellt da eine überfällige, beherzte Pioniertat dar. Die Regisseurin selbst spielt die Titelheldin, eine frisch geschiedene Schauspielerin Mitte 40, die in einer Silvesternacht zurück in ihre Teenagerzeit expediert wird. Dieses hübsche Meisterwerk der Unternehmungslust nutzt das komische Potenzial der Ausgangsidee prächtig, ohne sich lange mit vorherseh­baren Verwicklungen aufzuhalten. Vielmehr schürft die Regisseurin vergnügt nach den emotionalen Schichten, die sich offenbaren, wenn man die Weichen der eigenen Biografie neu stellen kann. Als Erstes kommt Camille in der wiedergefundenen Jugend auf die Idee, die Stimme ihrer Mutter (Yolande Moreau) mit dem Kassettenrecorder aufzunehmen, deren Timbre von Geborgenheit und Zuversicht sie als Erwachsene so sehr vermisste. Die Schulfreundinnen beeindruckt Camille gewitzt mit ihrem Wissensvorsprung in Liebesdingen. Romantische Pläne verfolgt sie jedoch nicht, im Gegenteil: Um jeden Preis will sie die Anbahnung der Liebe zu ihrem späteren Mann verhindern. Die beste Vergeltung Familienbeziehungen, der Blick über den romantischen Tellerrand, «was wäre, wenn» und eine Schauspielerregisseurin – Lvovskys Komödie enthält zentrale Elemente der «comédie au féminin», und wie Camille redouble erzählt auch diese Filmreihe von einer Revision. Rund sieben Jahrzehnte lang galt die Komödie in Frankreich als Männersache; vor und hinter der Kamera.

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Brilliert als Komödiantin: Isabelle Huppert in Mon pire cauchemar von Anne Fontaine > Mamas neuer Lover muss weg: Lolo von und mit Julie Delpy Adoleszenz- und Zeitgeschichte zugleich: Diane Kurys’ Erstling Diabolo menthe


20 Darin folgte die Filmgeschichte jedoch keinem Naturgesetz. Das Werk von Alice Guy-Blaché führt vor Augen, wie anders es hätte kommen können. Sie war eine Pionierin, die nicht nur die Regeln des neuen Mediums mit entdeckte und erfand, sondern es auch verstand, die herrschenden Geschlechterverhältnisse im Konjunktiv zu denken. Bereits 1896 inszenierte sie ihre erste komische Pantomime, die einen Fortschritt zu dem berühmten L’arroseur arrosé der Brüder Lumière markiert, da sie nicht nur auf einem einzigen Gag beruht. Zwar wird die französische Filmproduktion auch danach von Regisseurinnen mitgeprägt, aber Jacqueline Audry, Agnès Varda oder Marguerite ­Duras verfilmen eher dramatische Stoffe oder fungieren als Avantgarde eines experimentierfreudigen Kinos. Erst 1969 findet Guy-Blaché in Nelly Kaplan eine Erbin des Komödiantischen. La fiancée du pirate ist eine hinreissend rabiate Satire auf provinzielle Doppelmoral. Lustvoll seziert Kaplan die Korruption der Landbourgeoisie, gegen die Bernadette Lafont als wehrhafte, spöttische Aussenseiterin einen einfallsreichen Rachefeldzug führt. Die Filmreihe erzählt auch ein Stück Emanzipationsgeschichte von Künstlerinnen und Regisseurinnen. Von Diane Kurys stammt der Leitspruch, einen guten Film zu drehen sei die beste Vergeltung. Mit Diabolo menthe erobert sie sich ihre ­eigene Kindheit in den frühen 1960er-Jahren zurück. Vorwitzig trotzen die Schülerinnen den strengen Sitten und der ehernen Disziplin, die in ihrem Pariser Lycée herrschen. Sensibel erzählt Kurys von den Nöten der Pubertät, aber auch davon, wie nach Ende des Algerienkriegs sacht ein politisches Bewusstsein erwacht. Coline Serreaus 3 hommes et un couffin wiederum leistet auch kommerzielle Schrittmacherdienste für die «comédie au féminin». Die vergnügliche Läuterung dreier Schwerenöter zählt nach wie vor zu den zehn erfolgreichsten französischen Produktionen überhaupt. Weitere Meilensteine setzen Tonie Marshall, die für Vénus beauté (institut) als bisher einzige Regisseurin mit dem César ausgezeichnet worden ist, sowie Agnès Jaoui, die ein eigenes Genre begründet hat: die «depressive Komödie», die gesellschaftliche Konflikte mit melancholischem Witz im Alltäglichen verdichtet. Komödiantischer Mehrwert Coline Serreau fing als Zirkusakrobatin an und ist auch hinter der Kamera eine Equilibristin geblieben, die leichtfüssig Einsichten in die Widersprüche der modernen Gesellschaft gewährt. Die meisten Regisseurinnen jedoch gingen in eine andere Schule: Sie haben als Schauspielerinnen debütiert, als sensible, kluge und charismatische Komplizinnen. Das prägt ihre Regiearbeiten. Josiane Balasko, Julie Delpy, Valérie Lemercier, Anne Le Ny und ihre Kolleginnen besitzen ein präzises Gespür dafür, welchen Raum Darstellende brauchen, welche Dialoge zu ihnen passen und welches Tempo ihnen liegt. Y ­ olande Moreau knüpft in Quand la mer monte ... an Erfahrungen an, die sie auf Tournee in der Provinz sammelte.


21 Ihre künstlerische Herkunft ist für diese Regisseurinnen eine Schule der Vielseitigkeit. Ihre Inszenierungen sind empfänglich für Wechsel im Erzählton. Ihre Komödien schlagen der Eindeutigkeit ein Schnippchen. Die französische Genrekategorie «comédie dramatique» besteht ja nicht auf dem Widerspruch, sondern der Durchdringung unterschiedlicher Elemente. Mon pire cauchemar von Anne Fontaine und Je vous trouve très beau von Isabelle Mergault spielen zwar die Dramaturgie des Kulturschocks, die Anziehung sozialer Gegensätze, mit boulevardesker Verve durch. Die schöne Kunst der Eskalation, die Julie Delpy in Lolo (gewissermassen ein Psychothriller zum Schenkelklopfen) praktiziert, speist sich aus den alltäglichen Katastrophen der Erziehung und des Erwachsenwerdens. Nie hat man das Gefühl, die Regisseurinnen stünden vor dem Dilemma, sich zwischen Charakternähe oder einer Pointe entscheiden zu müssen. Die Filmemacherinnen streuen Sand ins Getriebe der Konventionen, verwandeln das Hergebrachte. Sie haben nicht nur Lust an den unwahrscheinlichen Begegnungen, aus denen sich komödiantische Funken schlagen lassen, sie haben auch Vertrauen in deren Tragfähigkeit. In Les sœurs fâchées von Alexandra Leclère treffen provinzielle Lebensfreude und Pariser Verdrossenheit aufeinander. Während des munteren Belagerungszustandes müssen sich die ungleichen Schwestern nicht rührselig annähern, vielmehr darf das Publikum sie in ihrer komplexen Gegensätzlichkeit entdecken – und sie sich selbst. Serreaus Krisenkomödien geben sich nicht damit zufrieden, männliche Lebenslügen zu entlarven; bei ihr erteilt das Dasein den Figuren zuverlässig Lektionen in Toleranz und Verantwortung. Jaoui erweitert die Zuständig­ keiten des Genres, indem sie Ausgrenzung, Ignoranz und archaische Machtverhältnisse geisselt; ihre Komödien sind Plädoyers für das Anderssein. Die komplizierte Dynamik ihrer Ensemblefilme findet ein vielfältiges Echo in den Arbeiten ihrer Kolleginnen. Der Schönheitssalon in Vénus beauté (institut) ist ein Mikrokosmos, ein märchenhafter Spielraum der Rituale und Begegnungen, der Vertraulichkeiten und Sehnsüchte. Im Mittelpunkt von Diabolo ­menthe mögen zwar zwei Schwestern stehen. Aber Kurys verleiht auch ihren Kameradinnen einfühlsam Kontur und begreift die Schulklasse als ein spannungsvolles Gemeinwesen. Die Vielstimmigkeit ist ein elementarer Wesenszug der «comédies au féminin». Das Publikum, das eigentlich eine Beziehungskomödie erwartet, findet sich oft genug in einem Familienfilm wieder. Verliebte sind für die Regisseurinnen selbstverständlich auch Töchter, Söhne, Geschwister, Freundinnen, Kolleginnen oder Mütter. Gewiss, sie setzen die Romantik in ihr Recht. Aber ihr Blick reicht weiter. Gerhard Midding Gerhard Midding arbeitet als freier Filmjournalist in Berlin.


> Matrimony’s Speed Limit.

> La fiancée du pirate.

> Gazon maudit.

> La crise.

> 3 hommes et un couffin.

> Pas très catholique.


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La comédie

KOMÖDIEN VON ALICE GUY-BLACHÉ

DIABOLO MENTHE

Frankreich und USA 1902–1913

Frankreich 1977

Alice Guy-Blaché (1873–1968) war die erste und viele Jahre lang einzige Frau, die im franzö­ sischen und amerikanischen Kino erfolgreich als Filmemacherin, Autorin und Produzentin arbeitete. Unsere Auswahl reicht von der komischen Hundenummer (Les chiens savants, 1902) bis zu eigentlichen Kurzspielfilmen, die Guy-­Blaché in den USA realisierte. In Canned Harmony und Cupid and the Comet müssen Töchter ihre uneinsichtigen Väter überlisten, in Matrimony’s Speed Limit bringt eine reiche junge Frau ihren bankrotten Bräutigam mit einem Trick dazu, sie doch noch zu heiraten, während im satirischen Making an American Citizen ein Einwanderer lernen muss, seine Frau wertzuschätzen. (cs)

«September 1963, Schulbeginn nach den Sommer­ ferien für Anne, 13, und ihre Schwester Frédérique, 15. Sie träumen von Freiheit, und ihr Leben, wie auch die Welt um sie herum, ist am Überschäumen. Zwischen (...) den ersten Flirts und der nächsten Party zieht Anne heimlich Strumpfhosen an und sammelt schlechte Noten. Mit einem Transistor am Ohr entdeckt Frédérique die Politik und die Jungen, und die Lehrer um sie herum sind streng oder hysterisch.» (allocine.fr) «Der sympathische, überzeugende Erstlingsfilm ist zugleich ein Stück Zeitgeschichte. Mit Charme, Humor und Sinn für politische und gesellschaftliche Zusammenhänge fängt er den Alltag junger Leute realistisch ein.» (Lexikon des int. Films)

LES CHIENS SAVANTS Frankreich 1902 DIE MAUS IN DER KRINOLINE Frankreich 1906 DIE FRÜHLINGSFEE Frankreich 1906 UNE HISTOIRE ROULANTE Frankreich 1906 CUPID AND THE COMET USA 1901 CANNED HARMONY USA 1912 MAKING AN AMERICAN CITIZEN USA 1912 MATRIMONY’S SPEED LIMIT USA 1913 Gesamtlänge: ca. 69 Min. DO, 9. JULI | 18.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO)

LA FIANCÉE DU PIRATE Frankreich 1969 Nach dem Tod ihrer Mutter, die im Dorf als Aussenseiterin diskriminiert wurde, beschliesst Marie, als schlaue Verführerin «ihre Emanzipation voranzutreiben und der Macht anderer über sie ihre eigene Machtentfaltung entgegenzusetzen. (...) Ein feministischer Film insofern, als er männliche (und kleinbürgerliche) Unterdrückungsmechanismen blossstellt und ein neues, die Unterdrückung sprengendes Frauenbild präsentiert. Zwar ist die Handlung betont fantastisch, ein triumphaler Befreiungstraum, die Grundsituation doppelter Moral und Ausbeutung jedoch real genug, um das Bedürfnis nach neuen Verhaltensformen zu entzünden.» (Buchers Enzyklopädie des Films, Verlag C. J. Bucher, 1977)

101 Min / Farbe / DCP / F/e // DREHBUCH UND REGIE Diane Kurys // KAMERA Philippe Rousselot // MUSIK Yves Simon // SCHNITT Joële Van Effenterre // MIT Eléonore Klarwein (Anne Weber), Odile Michel (Frédérique Weber), Anouk Ferjac (Madame Weber), Michel Puterflam (Monsieur Weber).

3 HOMMES ET UN COUFFIN Frankreich 1985 Ein Junggesellenhaushalt muss unfreiwillig einem Baby die Mutter ersetzen. «Eine temporeiche, intelligente Komödie, in der geschickt mit traditionellen Geschlechterrollen gespielt wird. Coline Serreaus Gesellschaftssatire zählt zu den grossen französischen Kinohits der 80er-Jahre. Rührend und witzig zugleich, wie die eingeschworenen Junggesellen ein Wiegenlied anstimmen, um die kleine Dame in den Schlaf zu lullen. (...) Bereits drei Jahre später produzierte Hollywood das schwache US-Remake Three Men and a Baby (…). Doch das französische Original bleibt an Frische und Charme bis heute unübertroffen!» (Carlo Avventi, filmreporter.de) 106 Min / Farbe / 35 mm / F/d // DREHBUCH UND REGIE ­Coline Serreau // KAMERA Jean-Jacques Bouhon, Jean-Yves Escoffier // SCHNITT Catherine Renault // MIT Roland Giraud (Pierre), Michel Boujenah (Michel), André Dussollier (Jacques), Philippine Leroy-Beaulieu (Sylvia), Dominique L ­ avanant (Madame Rapons), Marthe Villalonga (Antoinette).

107 Min / Farbe / DCP / F/e // REGIE Nelly Kaplan // DREHBUCH Nelly Kaplan, Claude Makovski // KAMERA Jean Badal // MUSIK Georges Moustaki // SCHNITT Gérard Pollicand,

LA CRISE

Nelly Kaplan, Noëlle Boisson // MIT Bernadette Lafont

Frankreich/Italien 1992

­(Marie), Georges Géret (Gaston Duvalier), Michel Constantin (André), Julien Guiomar (Le Duc), Jean Parédès (Monsieur Paul), Francis Lax (Emile), Louis Malle (Jésus).

«Victor verliert am selben Tag seine Frau und seinen Job als Anwalt. Niemand um ihn herum


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La comédie scheint sich um sein Schicksal zu kümmern. Das einzige offene Ohr, das er findet, ist das von ­Michou, einem Obdachlosen, den er in einem Café kennengelernt hat und der ihm bald auf der Tasche liegt.» (allocine.fr) «Wie ein guter Wein ist La crise, Coline Serreaus brillantes Sittenbild, über die Jahre besser geworden. (…) Mit der Figur von Victor schiesst Serreau mit einer Präzision auf unsere Gesellschaft, wie sie im Kino selten anzutreffen ist. (…) Serreau attackiert das beschränkte und präten­ tiöse Leben der sogenannten ‹wohlmeinenden› Leute mit Bravour und kommunikativer Energie. Viel mehr noch als ein Film ist La crise ein Blitzableiter, der es uns erlaubt, loszulassen und über unsere Gesellschaft zu lachen, was heute eine Meisterleistung ist.» (senscritique.com, 17.3.2015)

tenzaun zusammenklappt. Die Spannungen zwischen Loli und ihrem Mann Laurent, einem notorischen Schürzenjäger, bleiben Mari-Jo nicht ver­borgen, und alsbald macht sie Loli unverhohlen den Hof, sehr zum Ärger und zur Verwirrung von Laurent. «Ein Teil des Witzes dieser Komödie rührt daher, dass Balasko mit der männlichen Rivalität zwischen zwei Menschen spielt, die in dieselbe Frau verliebt sind, nur dass hier einer der beiden eine Rivalin ist.» (Barbara Shulgasser, San Francisco Examiner, 19.1.1996) 104 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Josiane Balasko // DREHBUCH Josiane Balasko u. a. // KAMERA Gérard de ­Battista // MUSIK Manuel Malou // SCHNITT Claudine Merlin // MIT Victoria Abril (Loli), Josiane Balasko (Marie-Jo), Alain Chabat (Laurent Lafaye), Ticky Holgado (Antoine), Catherine

95 Min / Farbe / 35 mm / F/d // DREHBUCH UND REGIE ­Coline

Hiegel (Dany), Catherine Samy (Prostituierte).

Serreau // KAMERA Robert Alazraki // MUSIK Sonia WiederAtherton // SCHNITT Catherine Renault // MIT V ­ incent Lindon (Victor), Patrick Timsit (Michou), Zabou (Isabelle), Maria

VÉNUS BEAUTÉ (INSTITUT)

Pacôme (Victors Mutter), Yves Robert (Victors Vater), Annick

Frankreich 1999

Alane (Mamie), Michèle Laroque (Martine).

PAS TRÈS CATHOLIQUE Frankreich 1994 «Eine selbstbewusste, unangepasste Detektivin in Paris wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als sie in einem Mordfall ermittelt und plötzlich ihrem 17-jährigen Sohn gegenübersteht, den sie vor 14 Jahren verliess. Eine (…) melancholische Kriminalkomödie, originell und charmant erzählt.» (Lexikon des int. Films) «Anémone ist wie Katharine Hepburn mit einer Überdosis Vitamine. Der Film profiliert sich zuerst durch seinen Comic-Geist und seinen freizügigen Tonfall. Aber jenseits der vordergründigen Verspieltheit dieser sehr persönlichen Komödie verbirgt sich eine zutiefst existenzielle Auseinandersetzung.» (Gilles Médioni, L’Express, 31.3.1994)

Die Kosmetikerin Angèle ist schon lange im Salon «Vénus beauté» tätig. Nach der Arbeit geht sie aus und flirtet mit Männern. An die grosse Liebe indes glaubt sie nicht mehr. Das macht es Antoine nicht einfach, sie näher kennenzulernen. Er bleibt dennoch hartnäckig und setzt alles daran, Angèles Herz zu erobern. «Unter dem Make-up des Selbstbetrugs arbeitet Vénus beauté (institut) noch jede Nuance der Seelenbemalung so behutsam heraus wie ein Res­taurator unter der Patina der Zeit den Ursprung eines schwer zu bewahrenden Freskos.» (Heike Kühn, Die Zeit, 2000) 105 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Tonie Marshall // DREHBUCH Jacques Audiard, Marion Vernoux, Tonie Marshall // KAMERA Gérard de Battista // MUSIK Khalil Chahine // SCHNITT Jacques Comets // MIT Nathalie Baye (Angèle ­Piana), Bulle Ogier (Madame Nadine), Samuel Le Bihan (Antoine DuMont), Jacques Bonnaffé (Jacques), Mathilde Seigner (Samantha), Audrey Tautou (Marie), Robert Hossein (Pilot).

100 Min / Farbe / 35 mm / F/d // DREHBUCH UND REGIE ­Tonie Marshall // KAMERA Dominique Chapuis // SCHNITT Jacques Comets // MIT Anémone (Maxime Chabrier), Michel

LA BÛCHE

Roux (André Dutemps), Roland Bertin (Monsieur Paul), Chris-

Frankreich 1999

tine Boisson (Florence), Denis Podalydès (Martin), Grégoire Colin (Baptiste Vaxelaire), Micheline Presle (Mme Loussine).

GAZON MAUDIT Frankreich 1995 Mari-Jo, gespielt von Drehbuchautorin und Regisseurin Josiane Balasko, lernt die Hausfrau Loli kennen, als ihr Lieferwagen vor deren Gar-

«Weihnachten läutet die Stunde der Wahrheit für drei Schwestern ein: Louba, die Sängerin, Sonia, die Bürgerliche, Milla, die Rebellin. Auch für ihre Eltern, Stanislas, Zigeunergeiger im Ruhestand, und Yvette, frisch gebackene Witwe ihres zweiten Ehemannes.» (allociné.fr) «Ein kleines Wunder: ein Weihnachtsfilm, der Sie nicht mit Verdauungsstörungen, hämmernden Kopfschmerzen oder kariösen Zähnen zurück-


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La comédie lässt. (…) Jeder in dem Film hat ein Geheimnis, aber anstatt auf ein melodramatisches Überraschungsende hinzuarbeiten, streut Thompson diskrete Hinweise in ihre Geschichte und lädt uns ein, die Dinge selbst herauszufinden. (…) La bûche (...) entspinnt sich mit dem Schwung und der Klarheit eines sorgfältig komponierten und leidenschaftlich gespielten Musikstücks.» (A. O. Scott, The New York Times, 17.11.2000) 106 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Danièle Thompson //

nem Tanz von Anziehung und Abstossung, Ehrgeiz und Enttäuschung, Loyalität und Verrat gefangen, der einem (eher vom Leben als vom Kino her) erschreckend vertraut vorkommt. (…) Ganz einfach ein unglaublich witziger, berührender, wunderbar scharfsinniger Reigen, welcher zeitgenössische Verhaltensweisen und Einstellungen zu Familie, Freundschaft, Aussehen, Berühmtheit, Sex, Alter, Kunst und sozialer Klasse und dem ganzen verdammten Kram erkundet.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide)

DREHBUCH Danièle Thompson, Christopher Thompson // KAMERA Robert Fraisse // MUSIK Michel Legrand //

110 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Agnès Jaoui // DREH-

SCHNITT Emmanuelle Castro // MIT Sabine Azéma (Louba),

BUCH Jean-Pierre Bacri, Agnès Jaoui // KAMERA Stéphane

Emmanuelle Béart (Sonia), Charlotte Gainsbourg (Milla),

Fontaine // MUSIK Philippe Rombi // SCHNITT François Gé-

Claude Rich (Stanislas Roman), Françoise Fabian (Yvette),

digier // MIT Agnès Jaoui (Sylvia Millet), Marilou Berry (Lolita

Jean-Pierre Darroussin (Gilbert), Isabelle Carré (Annabelle).

Cassard), Jean-Pierre Bacri (Étienne Cassard), Laurent Grévill (Pierre Millet), Virginie Desarnauts (Karine Cassard).

LE GOÛT DES AUTRES Frankreich 2000

LES SŒURS FÂCHÉES Frankreich 2004

Der Unternehmer Castella hat mit Kultur wenig am Hut. Eines Abends jedoch, als er nicht ganz freiwillig eine Aufführung von «Bérénice» besucht, verliebt er sich in den Text und die Hauptdarstellerin Clara. «Jaouis Debütfilm brach in Frankreich alle Rekorde: (...) Ganz beiläufig erzählt sie vom Leben in der Provinz – schön und schrecklich zugleich, ein Kinojuwel, das man lieben muss. (…) Jaouis Helden sind ganz normale Alltagsfiguren, die unvermittelt kleine Aus- und Aufbrüche wagen, die in Liebe, Freundschaft, Familie oder Arbeit um Positionen kämpfen. Es sind liebenswerte Jedermanns, die eigentlich nur eins möchten: glücklich sein. Und diese komplizierte Aufgabe lösen sie mit unterschiedlichem Erfolg.» (Margret Köhler, viennale.at) 112 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Agnès Jaoui // DREHBUCH Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri // KAMERA Laurent

Louise, Kosmetikerin und angehende Schriftstellerin aus der Provinz, reist nach Paris, um ihre Schwester Martine zu besuchen – und um einen Verleger zu treffen. Durch ihr unkonventionelles Verhalten bringt sie Martines nur oberflächlich geordnetes Leben komplett durcheinander. «Eine elegante Pariserin mit Stil und eine etwas naive Landpomeranze, die das Herz auf der Zunge trägt und der grossen Stadt wie dem grossen Ereignis entgegenfiebert. (…) Die Regiedebütantin Alexandra Leclère lässt zwar kein Klischee über Frauenbeziehungen aus, auch kommen die dazugehörigen Mannsbilder und die gehobene Pariser Mittelschicht nicht ungeschoren davon, trotzdem überwiegt der federleichte Erzählton der französischen Salonkomödie, der diesem ­Balanceakt über den menschlichen Abgründen ­einen liebenswerten Rahmen verpasst.» (Marli Feldvoss, NZZ, 2.9.2005)

Dailland // MUSIK Jean-Charles Jarrel // SCHNITT Hervé de Luze // MIT Anne Alvaro (Clara), Jean-Pierre Bacri (Castella),

92 Min / Farbe / 35 mm / F/d // DREHBUCH UND REGIE

Alain Chabat (Castellas Chauffeur), Agnès Jaoui (Manie),

­Alexandra Leclère // KAMERA Michel Amathieu // MUSIK

Gérard Lanvin (Franck Moreno), Christiane Millet (Angélique

Philippe Sarde // SCHNITT Hervé de Luze, Jacqueline Mariani

Castella), Wladimir Yordanoff (Antoine), Anne Le Ny (Valérie).

// MIT Catherine Frot (Louise Mollet), Isabelle Huppert ­(Martine Demouthy), François Berléand (Pierre Demouthy),

COMME UNE IMAGE Frankreich/Italien 2004 «Agnès Jaouis hinreissender Film dreht sich vordergründig um die zwanzigjährige klassische Sängerin Lolita Cassard, die weder mit ihrem Aussehen noch mit der Beziehung zu ihrem erfolgreichen, aber egozentrischen Vater zufrieden ist; doch wird (...) allerlei weiteren Figuren genauso viel Raum eingeräumt. Sie alle sind in ei-

Brigitte Catillon (Sophie), Michel Vuillermoz (Richard).

QUAND LA MER MONTE ... Frankreich/Belgien 2004 Die rundliche, mittelalte Irène zieht mit ihrer OneWoman-Show «Sale affaire» durch Nordfrankreich. Ihr Stück erzählt von einer Frau, die ihren Liebhaber umbringt. Jeden Abend bittet sie einen anderen Zuschauer auf die Bühne, um eine Rolle


> Le goût des autres.

> Comme une image.

> La bûche.

> Quand la mer monte ….

> Je vous trouve très beau.


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La comédie in ihrer Show zu spielen. Eines Tages besteigt der junge Flame Dries die Bretter, und aus der anfänglichen Zuneigung entwickelt sich bald eine Romanze. «Eine ernste romantische Komödie mit surrealen Einflüssen. (…) Moreau erhielt für ihre Darstellung zu Recht einen César. (...) Ihre Figur erweist sich als tiefgründige, vielschichtige Frau: meist freundlich, sanft und glücklich die einfachen Vergnügungen des Lebens geniessend, aber wenn nötig so hart wie ihre Bühnenfigur, durch die sie gerne ihren unterschwelligen Ärger über die Nöte und Enttäuschungen des Lebens zum Ausdruck bringt.» (Stephen Holden, The New York Times, 13.1.2006) 90 Min / Farbe / 35 mm / F/d // DREHBUCH UND REGIE ­Yolande Moreau, Gilles Porte KAMERA Gilles Porte // MUSIK Philippe Rouèche // SCHNITT Muriel Douvry, Éric Renault // MIT Yolande Moreau (Irène), Wim Willaert (Dries), Olivier Gourmet (Polizist), Jackie Berroyer (Journalist in Béthune), Philippe Duquesne (Café-Inhaber), Jacques Bonnaffé (Kell-

PALAIS ROYAL! Frankreich 2005 «Als ihr Ehemann zum Nachfolger des tödlich verunglückten Königs ernannt wird, wird eine Sprachpädagogin (…) mit repräsentativen Aufgaben überhäuft und bedrängt, dem Volk einen Thronfolger zu schenken. Als der Druck zu gross wird, schlägt sie zurück, spannt die Medien für ihre Zwecke ein und wird durch gezielte Indiskretionen zur ‹Königin der Herzen›.» (filmdienst.de) «Regisseurin und Hauptdarstellerin Valérie Lemercier setzt ihren Film als Parodie auf die rührselige und tragisch endende Geschichte (von Lady Di) in Szene. (…) Sehenswert ist Palais Royal! dank eines gut gelaunten Ensembles, dank schmissiger Musik und augenzwinkernden Humors. Und Valérie Lemercier schafft mit ihrem Film das Kunststück, eine für Royal-Freunde und -Hasser gleichermassen amüsante Komödie zu drehen.» (Simon Eberhard, outnow.ch, 19.8.2006)

ner), Séverine Caneele (Zimmermädchen), Bouli Lanners (Marktleiter), Jan Hammenecker (Jan).

110 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Valérie Lemercier // DREHBUCH Valérie Lemercier, Brigitte Buc // KAMERA James

JE VOUS TROUVE TRÈS BEAU Frankreich 2005

Welland // MUSIK Bertrand Burgalat // SCHNITT Luc Barnier // MIT Valérie Lemercier (Prinzessin Armelle), Lambert Wilson (Prinz Arnaud), Catherine Deneuve (Königin Eugénia), Michel Aumont (René-Guy), Mathilde Seigner (Laurence), Denis Poda-

Der plötzliche Unfalltod seiner Frau ist für Aymé vor allem ein praktisches Problem: Wie soll er mit der vielen Arbeit auf seinem Bauernhof allein klarkommen? Auf der Suche nach einer zupackenden Frau erhält er den Rat, sich in Rumänien umzusehen. Doch seine Nachbarn dürfen davon nichts mitbekommen, und so reist bald eine «entfernte Nichte» an, die charmante Elena, die von einem besseren Leben in Frankreich träumt. «Isabelle Mergault erzählt in ihrem ersten Film die uralte Geschichte von der Schönen und dem Biest: Der alte Griesgram wird von der lebensfrohen jungen Frau zum liebevollen Galan in Gummistiefeln verwandelt. (…) Medeea Marinescu spielt die Elena mit so viel Lebenslust und Herzenswärme, und Michel Blanc ist als verliebter Bärbeiss so hinreissend rührend, dass man dem Film schliesslich sogar das Happy End auf dem Acker verzeiht.» (Nani Fux, artechock.de) 97 Min / Farbe / 35 mm / F/d // DREHBUCH UND REGIE Isabelle Mergault // KAMERA Laurent Fleutot // MUSIK Bob Lenox, Alain Wisniak // SCHNITT Colette Beltran, MarieJosèphe Yoyotte // MIT Michel Blanc (Aymé Pigrenet), M ­ edeea

lydès (Titi), Gilbert Melki (Bruno).

PARLEZ-MOI DE LA PLUIE! Frankreich 2008 Die erfolgreiche Autorin und Politikerin Agathe Villanova zieht sich für zehn Tage nach Südfrankreich ins Haus ihrer Kindheit zurück. Der ebenso ungeschickte wie uninspirierte Filmemacher Michel Ronsard nutzt diese Gelegenheit, um mit der Unterstützung seines aufgeweckten Assistenten eine TV-Dokumentation über ihre Karriere zu drehen. Doch das Projekt steht unter keinem guten Stern: Es regnet, es ist kalt und das ungleiche Trio stürzt sich zielsicher in jedes Fettnäpfchen, das am Wegrand liegt. «Erneut geht es um gesellschaftlichen Erfolg und Misserfolg (und um die Gründe dafür); um (fehlende) Anerkennung in der Familie und im sozialen Umfeld – oder allgemeiner gesprochen: darum, wie wir uns über den Spiegel definieren, den uns andere vorhalten.» (Kathrin Halter, Filmbulletin, 3/2009)

Marinescu (Elena), Wladimir Yordanoff (Roland), Benoît ­Turjman (Antoine), Éva Darian (Madame Marais).

99 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Agnès Jaoui // DREHBUCH Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri // KAMERA David Quesemand // SCHNITT François Gédigier, Sylvie Lager // MIT Agnès Jaoui (Agathe Villanova), Jean-Pierre Bacri (Michel), Jamel Debbouze (Karim), Mimouna Hadji (Mimouna).


> Parlez-moi de la pluie!.

> Palais Royal!.

> Camille redouble.

> On a failli ĂŞtre amies.


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La comédie

MON PIRE CAUCHEMAR

ON A FAILLI ÊTRE AMIES

Frankreich/Belgien 2011

Frankreich 2014

«Isabelle Huppert spielt eine erfolgsverwöhnte Galeristin, verheiratet mit einem Verleger. Sie haben einen gemeinsamen Sohn. Und der Gegenspieler der Story ist ein ungebildeter Tölpel, der mit seinem Sohn in einem Wohnwagen lebt, ­keiner geregelten Arbeit nachgeht. (…) Ja, und da wären noch die beiden pubertären Söhne der ungleichen Partner, die eigentlich die Voraus­ ­ setzung dafür schaffen, dass der Prolet die Society-Lady für sich einnehmen kann. (…) Benoît ­Poelvoorde (…) grimassiert sich mit einer solchen Vehemenz durch die Rolle, dass die schon mit ältlichem Charme ausgestattete Huppert die ideale Gegenspielerin ist, deren beider Einvernehmen dann wie das Ende einer Commedia dell’Arte erscheinen mag.» (Erwin Schaar, Filmbulletin, 1/2012)

Marithé arbeitet als Berufsberaterin für Erwachsene. Eine ihrer Klientinnen ist Carole, die an der Seite ihres Mannes, eines gefeierten Sterne­ kochs, als Gastgeberin wirkt, aber in seinem Schatten verkümmert. Offenbar müsste sie nicht den Job wechseln, sondern den Ehemann … «Eine freundschaftlich-sentimentale Komödie um das berühmte Dreieck von zwei Frauen und einem Mann, aus der Anne Le Ny die nötige existenzielle Melancholie herausdestilliert (...). Und niemand kommt aus diesem Vollwaschprogramm ganz weiss heraus, mögen die ursprünglichen Gewissheiten noch so stark gewesen sein (…). Im Zentrum der Affäre oszillieren Karin Viard und Emmanuelle Devos (...) brillant zwischen Komplizenschaft und Armdrücken.» (Sabrina Champenois, Libération, 24.6.2014)

103 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Anne Fontaine //

90 Min / Farbe / DCP / F // REGIE Anne Le Ny // DREHBUCH

DREHBUCH Anne Fontaine, Nicolas Mercier // KAMERA

Anne Le Ny, Axelle Bachman // KAMERA Jérôme Alméras //

Jean-Marc Fabre // MUSIK Bruno Coulais // SCHNITT Luc

MUSIK Éric Neveux // SCHNITT Guerric Catala // MIT Karin

Barnier, Nelly Ollivaut // MIT Isabelle Huppert (Agathe Novic),

Viard (Marithé), Emmanuelle Devos (Carole), Roschdy Zem

Benoît Poelvoorde (Patrick Demeuleu), André Dussollier

(Sam), Anne Le Ny (Nathalie), Philippe Rebbot (Pierre), Annie

(François Dambreville), Virgine Efira (Julie).

Mercier (Jackie), Marion Lécrivain (Dorothée).

CAMILLE REDOUBLE

LOLO

Frankreich 2012

Frankreich 2015

In Camilles Leben steht gerade nichts zum Besten, als sie an einem Silvesterabend in Ohnmacht und in einer schwindelerregenden Zeitreise in die Pubertät zurückfällt. «Willkommen in den 80ern: Camille hat ihren Körperbau und ihr erwachsenes Bewusstsein bewahrt, aber sie ist die Einzige, die das weiss. Alle um sie herum sehen sie als das Kind, das sie nicht mehr ist. (...) Wird Camille es vermeiden können, die Fehler zu wiederholen, von denen sie weiss, dass sie sie gemacht hat? (…) Die Titelrolle in diesem sehr persönlichen Film konnte wahrscheinlich nur von seiner Autorin selbst verkörpert werden. Camille wiederholt ein Schuljahr, aber im französischen Kino hat Lvovsky gerade mehrere Klassen gleichzeitig übersprungen.» (Olivier De Bruyn, Le Nouvel Observateur, 17.11.2016)

Während eines Urlaubs in Südfrankreich verliebt sich die leicht neurotische Pariser Modefachfrau Violette in den gutmütigen Informatiker JeanRené vom Land. Als Jean-René jedoch nach Paris umzieht, sieht Violettes 19-jähriger Sohn Lolo seine Komfortzone im «Hotel Mama» bedroht. «Vom charmanten Lächeln des freundlichen Jungen sollte man sich nicht täuschen lassen: Hinter der netten Fassade steckt ein kleiner Teufel (…). Die Mischung aus Situationskomik und selbstironischer Satire gelingt umso besser, als die Chemie zwischen dem Schauspiel-Trio spürbar stimmig ausfällt. Julie Delpy agiert sichtlich entspannt zwischen Danny Boon als sympathischem Tollpatsch und Newcomer Vincent Lacoste als postpubertärem Psychopathen.» (Dieter Osswald, programmkino.de)

115 Min / Farbe / Digital HD / F/e // REGIE Noémie Lvovsky //

99 Min / Farbe / Digital HD / F/d // REGIE Julie Delpy // DREH-

DREHBUCH Noémie Lvovsky u. a. // KAMERA Jean-Marc

BUCH Julie Delpy, Eugénie Grandval // KAMERA Thierry

Fabre // MUSIK Joseph Dahan, Gaëtan Roussel // SCHNITT

­Arbogast // MUSIK Mathieu Lamboley // SCHNITT Virginie

Annette Dutertre, Michel Klochendler // MIT Noémie Lvovsky

Bruant // MIT Vincent Lacoste (Lolo), Julie Delpy (Violette),

(Camille Vaillant), Samir Guesmi (Éric), Judith Chemla (Jose-

Dany Boon (Jean-René), Karin Viard (Ariana), Antoine Lon­

pha), India Hair (Alice), Julia Faure (Louise), Yolande Moreau

guine (Lulu), Christophe Vandevelde (Gérard), Élise Larnicol

(Camilles Mutter), Michel Vuillermoz (Camilles Vater), Denis

(Élisabeth), China Moses (Make-up Artist), Karl Lagerfeld

Podalydès (Alphonse Da Costa), Vincent Lacoste (Vincent).

(er selbst), Frédéric Beigbeder (er selbst).


30 Das erste Jahrhundert des Films

1940, 1950, 1960 und 1970 1940 ist der Zweite Weltkrieg in vollem Gange. Propagandaminister Joseph Goebbels erklärt, das Medium Film sei wichtig für die Moralsteigerung, aber auch die Gegner Nazi-Deutschlands entdecken den Film als ideologische Waffe: In den USA kommt Charles Chaplins The Great Dictator auf die Leinwand, der als erster grosser Hollywoodfilm klar Stellung gegen die Nazis bezieht. Am Broadway feiert derweil Walt Disneys Fantasia Premiere, ein malerischer Vorläufer des Musikvideos; in England produziert Alexander Korda The Thief of Bagdad, dank üppiger Dekors, leuchtender Technicolor-Farben und oscargekrönter Spezialeffekte einer der erstaunlichsten Märchenfilme überhaupt. In der Schweiz macht die überraschend leichtfüssige Komödie Die missbrauchten Liebesbriefe von Leopold Lindtberg Furore. 1950 setzt nach dem Zweiten Weltkrieg der Kalte Krieg ein und der Konflikt zwischen Nord- und Südkorea führt zur Intervention der USA. Die ­innenpolitische Stimmung in Amerika wird von Senator McCarthys Jagd nach angeblichen Kommunisten aufgeheizt – die Studios beugen sich dem Druck und die schwarze Liste ist geboren. Joseph L. Mankiewicz hinterfragt im hochkarätig besetzten Oscar-Preisträger All About Eve das Showbusiness und seine Stars mit bissiger Ironie. John Ford dagegen legt mit Rio Grande den Abschluss seiner Auseinandersetzung mit der Entstehung der USA nach dem traumatisierenden Bürgerkrieg vor. Währenddessen überträgt Jean Cocteau im poetischen Orphée den Orpheus-Mythos ins Nachkriegs-Frankreich und kreiert mit einfachen filmischen Mitteln eine surreale Welt. 1960 sind Freiheit und Unfreiheit die beherrschenden Themen: Viele ­afrikanische Kolonialstaaten werden unabhängig und in den USA beginnt mit der Wahl von John F. Kennedy zum Präsidenten eine neue Ära. Um JFKs Vorwahlkampf für seinen Film Primary möglichst unbemerkt zu d ­ okumentieren, entwickelt Robert Drew neuartige handliche Kameras und Tonbandgeräte und wird zum Pionier des Direct Cinema. Mit einem kleinen TV-Team dreht Alfred Hitchcock den Schocker des Jahres: Psycho bricht mit den Sehgewohnheiten des Publikums und brennt sich unauslöschlich ins ­kulturelle Gedächtnis ein. Michael Powells Peeping Tom, ein erstaunlich moderner Thriller über den Zusammenhang von Schaulust, Todessehnsucht und sexueller Neurose, löst in Grossbritannien einen ungeheuren Skandal aus. ­Karel Reisz rückt in seinem Spielfilmdebüt Saturday Night and Sunday ­Morning die Arbeiterklasse ins Zentrum und sein aufmüpfiger Held wird zur ­Symbolfigur der unzufriedenen britischen Nachkriegsgeneration. Eine M ­ ischung aus subtilem Horror und Märchen schafft der Franzose Georges Franju mit Les yeux sans


31 visage, und mit The Housemaid, seiner explosiven Mischung aus Psychothriller und surrealem Gesellschaftsdrama, überrascht in Korea Kim Ki-young. 1970 ist in Vietnam die Moral der US-Truppen auf dem Tiefpunkt; Präsident Nixon beginnt zwar mit dem Rückzug, sendet aber Truppen zur erweiterten Kriegsfront nach Kambodscha, worauf es zur grössten Antikriegs­ demonstration in den USA kommt. Robert Altmans Satire M*A*S*H lässt den Koreakrieg unschwer als Metapher für den Vietnamkrieg erkennen. ­Arthur Penn wiederum macht im bitterbösen Antiwestern Little Big Man mit einer überaus kritischen Sicht auf die US-Armee seine Anti-VietnamkriegsHaltung deutlich. Einen ganz anderen Antiwestern liefert der Chilene Alejandro Jodorowsky: El Topo, ein intensiver Rausch der Fantasie, wird zu einem ­Manifest der Hippie-Kultur. Einen Skandal entfacht Donald Cammells und Nicolas Roegs Performance, ein klassisches Gangster-Movie in der ersten Hälfte, ein psychedelischer Cocktail aus Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll in der zweiten. Bernardo Bertolucci gelingt mit Il conformista der Durchbruch: Sein eleganter Politthriller ist eine Abrechnung mit der Generation der Väter und dem Faschismus. Und Kurt Früh überzeugt mit Dällebach Kari: Diese Tragikomödie um einen Loser gilt bis heute als einer seiner poetischsten Filme. Tanja Hanhart Weitere wichtige Filme von 1940: Dance, Girl, Dance Dorothy Arzner, USA Foreign Correspondent Alfred Hitchcock, USA Gaslight Thorold Dickinson, GB His Girl Friday Howard Hawks, USA Pinocchio Hamilton Luske, Ben Sharpsteen, USA Rebecca Alfred Hitchcock, USA Stranger on the Third Floor Boris Ingster, USA The Grapes of Wrath John Ford, USA The Mortal Storm Frank Borzage, USA The Philadelphia Story George Cukor, USA The Sea Hawk Michael Curtiz, USA The Shop Around the Corner Ernst Lubitsch, USA Wuthering Heights William Wyler, USA Weitere wichtige Filme von 1950: Asphalt Jungle John Huston, USA Born Yesterday George Cukor, USA Cinderella Clyde Geronimi, USA Das kalte Herz Paul Verhoeven, DDR Gun Crazy Joseph H. Lewis, USA Harvey Henry Koster, USA In a Lonely Place Nicholas Ray, USA La ronde Max Ophüls, F Los olvidados Luis Buñuel, Mexiko Night and the City Jules Dassin, USA No Way Out Joseph L. Mankiewicz, USA Rashomon Akira Kurosawa, J Schwarzwaldmädel Hans Deppe, BRD Sunset Boulevard Billy Wilder, USA The Breaking Point Michael Curtiz, USA The Sound of Fury Cyril Endfield, USA Winchester ’73 Anthony Mann, USA

Weitere wichtige Filme von 1960: À bout de souffle J.-L. Godard, F (Nov./Dez. 2020) Die Bösen schlafen gut Akira Kurosawa, J Die Jungfrauenquelle Ingmar Bergman, S Die nackte Insel Kaneto Shindo, J L’avventura Michelangelo Antonioni, I La dolce vita Federico Fellini, I La vérité Henri-Georges Clouzot, F Le trou Jacques Becker, F Plein soleil René Clément, F Rocco e i suoi fratelli Luchino Visconti, I Spartacus Stanley Kubrick, USA Spätherbst Yasujiro Ozu, J The Apartment Billy Wilder, USA The Magnificient Seven John Sturges, USA Tirez sur le pianiste François Truffaut, F Zazie dans le métro Louis Malle, F Weitere wichtige Filme von 1970: Catch-22 Mike Nichols, USA Deep End Jerzy Skolimowski, GB/BRD Five Easy Pieces Bob Rafelson, USA Gimme Shelter Albert Maysles u. a., USA Hospital Frederick Wiseman, USA Husbands John Cassavetes, USA L’aveu Costa-Gavras, F/I Le cercle rouge Jean-Pierre Melville, F/I Le fou Claude Goretta, CH Les choses de la vie Claude Sautet, F Patton Franklin J. Schaffner, USA Rote Sonne Rudolf Thome, BRD Tristana Luis Buñuel, Sp/I/F Wanda Barbara Loden, USA Woodstock Michael Wadleigh, USA Zabriskie Point Michelangelo Antonioni, USA


32

Das erste Jahrhundert des Films: 1940

THE GREAT DICTATOR

DIE MISSBRAUCHTEN LIEBESBRIEFE

USA 1940

Schweiz 1940

Diktator Adenoid Hynkel träumt davon, die Welt zu beherrschen, regiert unbarmherzig sein Reich Tomania und lässt Juden durch seine Schergen verfolgen. Ein jüdischer Friseur, der Hynkel ungewöhnlich ähnelt, setzt sich mutig gegen die Übergriffe zur Wehr und wird zum Opfer der Kriegshetze. Als ihm die Flucht aus dem KZ gelingt, wird er prompt mit Hynkel verwechselt. The Great Dictator war Charles Chaplins erster Tonfilm, mit dessen Dreharbeiten er bereits 1938 begann. Der Film, in dem Chaplin als Hynkel sowie als Friseur zu sehen ist, gilt als gelungenste Satire über den Faschismus. «Das teutonisch angehauchte Kauderwelsch ist längst zum Erkennungszeichen des erfolgreichsten Chaplin-Films aller Zeiten geworden. (...) Es war der erste amerikanische Film, der gegen Nazi-Deutschland unmissverständlich Position bezog. (...) Das Publikum war hingerissen.» (Marli Feldvoss, deutschlandfunk.de, 15.10.2015)

Viggi Störteler, Kaufmann und Möchtegern-Dichter, muss für einige Zeit verreisen und hofft auf ­einen geistreichen Briefwechsel mit seiner Frau Gritli, den er publizieren möchte. Überfordert greift Gritli zu einer List: Sie schreibt Viggis Briefe ab, unterzeichnet mit ihrem Namen und steckt ­ sie dem jungen Dorflehrer zu. Dieser antwortet prompt feurig. Gritli leitet seine Ergüsse in ihrem Namen an Viggi weiter, der entzückt ist über die Begabung seiner Gattin – bis der Schwindel auffliegt. Leopold Lindtberg inszenierte Die missbrauchten Liebesbriefe, der auf einer Geschichte aus Gottfried Kellers Novellensammlung «Die Leute von Seldwyla» basiert, mit überraschend charmanter Leichtigkeit. Die Liebeskomödie wurde in Venedig ausgezeichnet und gehört zu den grössten Erfolgen des alten Schweizer Films. «Die Rollenverteilung ist ausgesprochen glück­ lich (...): Paul Hubschmid und Anne-Marie Blanc, beide von entzückender Natürlichkeit, Alfred Rasser als eitler Verseschmied in der Rolle seines Lebens, Heinrich Gretler, Elsie Attenhofer, Emil Hegetschweiler, Rudolf Bernhard und sogar ein Phänomen wie die Giehse.» (Hervé Dumont: ­Geschichte des Schweizer Films, Cinémathèque suisse 1987)

126 Min / sw / DCP / E/d // DREHBUCH, REGIE UND MUSIK Charles Chaplin // KAMERA Roland Totheroh, Karl Struss // SCHNITT Willard Nico // MIT Charles Chaplin (Adenoid Hynkel/ der jüdische Barbier), Paulette Goddard (Hannah), Maurice Moscovitch (Herr Jaeckel), Emma Dunn (Frau Jaeckel), Jack Oakie (Benzino Napaloni), Reginald Gardiner (Schultz), Billy Gilbert (Feldmarschall Herring), Henry Daniell (Garbitsch).

95 Min / sw / DCP / Dialekt/d, wahlweise mit Audiodeskription // REGIE Leopold Lindtberg // DREHBUCH Horst Budjuhn,

Vor einzelnen Filmen der Jahre 1940, 1950, 1960 und 1970 werden Beiträge der Schweizer Filmwochenschau aus dem jeweiligen Jahr gezeigt (Daten siehe Programmübersicht). Die Auswahl besorgt der Historiker Severin Rüegg. Mit freundlicher Unterstützung von Lumière, Förderverein Film­ podium.

Kurt Guggenheim, Leopold Lindtberg, Richard Schweizer, nach der Literatursatire aus «Die Leute von Seldwyla» von Gottfried Keller // KAMERA Emil Berna // MUSIK Robert Blum // SCHNITT Käthe Mey // MIT Anne-Marie Blanc (Gritli Störteler), Alfred Rasser (Viggi Störteler), Paul Hubschmid (Wilhelm), Heinrich Gretler (Schulpfleger), Therese Giehse (Marie), Mathilde Danegger (Kätter Ambach), Emil Hegetschweiler (Pfarrer), Elsie Attenhofer (Anneli), Emil Gyr (Beisitzer), Emil Gerber (Beisitzer), Rudolf Bernhard (Apotheker).


33

Das erste Jahrhundert des Films: 1940

THE THIEF OF BAGDAD

FANTASIA

GB 1940

USA 1940

Durch eine Intrige des Grosswesirs Jaffar wird Kalif Ahmad entthront. Er findet im Dieb Abu einen Verbündeten und flieht mit ihm nach Basra, wo er sich in die schöne Prinzessin verliebt. Doch auch Jaffar hat es auf sie abgesehen, er lässt Ahmad erblinden und verwandelt Abu in einen Hund. Nun gilt es, Jaffar zu stürzen und die Prinzessin zu retten. Ein zeitloser, oscarprämierter Märchenfilmklassiker mit Killerstatuen, fliegenden Pferden und Riesenspinnen, der fast alle damals bekannten Special-Effects-Techniken vereint und obendrein das Bluescreen-Verfahren entwickelte. «Dieser Film lässt das Herz aufgehen. Ein früher Technicolor-Film, der mit Freude und ­ Kühnheit Farben einsetzt (…). Er bleibt einer der grössten Fantasyfilme, von gleichem Rang wie The Wizard of Oz.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 6.5.2009) «Es hat lange gedauert, bis ich realisierte, dass sich alle Filmemacher meiner Generation an The Thief of Bagdad als prägenden Einfluss erinnerten. Wenn man den Film heute Francis Ford Coppola gegenüber erwähnt, wird er sofort anfangen, ­Sabus Lied zu singen: ‹I want to be a sailor, can’t you understand it!›» (Martin Scorsese, in: Arrows of Desire, Faber and Faber 1994)

«Ein Konzert als Zeichentrickfilm aus Episoden, die berühmte klassische Musikstücke ‹illustrieren›, zusammengehalten durch kurze Spiel­ szenen mit Orchester und einem überleitenden ­Erzähler. Die Bandbreite reicht von abstrakten Figurenarrangements zu Bachs ‹Toccata und Fuge d-Moll› über den zu Recht gerühmten Kampf von ‹Zauberlehrling› Mickey Mouse mit den Besen bis zu einer Vision der irdischen Frühgeschichte, untermalt von Strawinskis ‹Le sacre du printemps› (...). Eines der genuinen Wunderwerke des Zeichentrickkinos.» (Christoph Huber, filmmuseum. at, 2/2015) «Mehr als 40 Jahre vor der Erfindung der Dolby-Surround-Technik erfand Walt Disney den ‹Fantasound›. Dafür wurden die Säle mit 30 bis 80 zusätzlichen Lautsprechern ausgestattet. (…) Bei­nahe ein Fünftel des Budgets verschlangen allein die neue Soundtechnologie sowie die aufwendigen Orchesteraufnahmen. Doch der Verleih RKO Radio Pictures zog sich zurück, (…) Disney aber gab nicht auf – er übernahm den Verleih einfach selbst. (…) Der Film wurde ein finanzielles Desaster, das Disney beinahe in den Ruin trieb. (…) Das junge Publikum, das 1969 die Kinosäle stürmte, interessierte sich weder für Mickey Mouse noch für klassische Musik, aber ohne es zu merken, hatte Disney den wohl ersten psychedelischen Film gemacht. (…). Bis heute hat das durchgeknallte Meisterwerk mehr als 75 Millionen Dollar eingespielt und gilt als einer der wichtigsten Filme Disneys.» (Benjamin Maack, spiegel.de, 1.12.2010)

99 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Michael Powell, Alexander Korda, Ludwig Berger, William Cameron Menzies, Zoltan Korda, Tim Whelan // DREHBUCH Miles Malleson, Lajos Biro // KAMERA Georges Périnal, Osmond Borradaile // MUSIK Miklos Rozsa // SCHNITT Charles Crichton // MIT Sabu (Abu), Conrad Veidt (Jaffar), John Justin (Ahmad), June Duprez

125 Min / Farbe / DCP / E // REGIE James Algar, Samuel

(Prinzessin), Morton Selten (der alte König), Miles Malleson

­Armstrong, Bill Roberts u. a. // DREHBUCH Joe Grant, Dick

(Sultan), Rex Ingram (Flaschengeist), Mary Morris (Halima),

Huemer u. a. // KAMERA James Wong Howe // MUSIK Johann

Bruce Winston (Händler), Allan Jeayes (Erzähler), Roy Emer-

Sebastian Bach, Peter Iljitsch Tschaikowski, Paul Dukas, Igor

ton (Kerkermeister).

Strawinski, Ludwig van Beethoven.


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Das erste Jahrhundert des Films: 1950

ALL ABOUT EVE USA 1950 Der glamouröse Broadway-Star Margo Channing befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, ist aber in Sorge, weil sie gerade 40 Jahre alt geworden ist. Eines Tages wird ihr die junge, ­ schüchtern wirkende Verehrerin Eve Harrington vorgestellt. Margo nimmt Eve unter ihre Fittiche, zweifelt aber bald an deren Uneigennützigkeit und will sie loswerden – doch Eve intrigiert, um Margo den Platz auf der Bühne und im Bett ihres Geliebten abzujagen. Joseph L. Mankiewicz’ All About Eve gilt als einer der bissigsten und schwärzesten Filme über das Showbusiness. Der Film wurde 1990 ins National Film Registry der Library of Congress auf­ genommen, das Drehbuch von der Gilde der amerikanischen Drehbuchautoren zum fünftbesten aller Zeiten gewählt. «Durch die messerscharfen Dialoge, die Regie von Mankiewicz und durch die unvergessliche Bette Davis in der Rolle, die ihre Karriere wieder-

belebt und definiert hat, ist dieser mehrfach oscar­prämierte, umwerfend scharfsinnige Hollywood-Klassiker der köstlichste Unterhaltungs­ film, der je über die Rücksichtslosigkeit des Showbusiness gemacht wurde.» (criterion.com) «Anne Baxter ist Eve Harrington, die sich mit weit aufgerissenen Augen durch die Bühnentür in die Welt von Bette Davis als ‹monstre sacré› Margo Channing einschleicht. (...) Währenddessen sitzt die wahre Bedrohung – Marilyn Monroe – strahlend am Rande der Party und angelt sich einen weiteren Drink.» (timeout.com) 138 Min / sw / 35 mm / E/d/f // REGIE Joseph L. Mankiewicz // DREHBUCH Joseph L. Mankiewicz, nach der Erzählung «The Wisdom of Eve» von Mary Orr // KAMERA Milton R. Krasner // MUSIK Alfred Newman // SCHNITT Barbara ­McLean // MIT Bette Davis (Margo Channing), Anne Baxter (Eve Harrington), George Sanders (Addison DeWitt), Marilyn Monroe (Miss Casswell), Celeste Holm (Karen Richards), Gary Merrill (Bill Simpson), Hugh Marlowe (Lloyd Richards), Thelma Ritter (Birdie Coonan), Gregory Ratoff (Max Fabian), Barbara Bates (Phoebe).


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Das erste Jahrhundert des Films: 1950

RIO GRANDE

ORPHÉE

USA 1950

Frankreich 1950

An der texanisch-mexikanischen Grenze am Rio Grande leitet Oberstleutnant Kirby Yorke ein Fort der US-Kavallerie, das regelmässig von Apachen überfallen wird. Das Verbot, die Indianer über den Grenzfluss zu verfolgen, und die Unterbesetzung der Truppe machen Kirby zu schaffen – und dann taucht auch noch seine von ihm getrennt lebende Ehefrau Kathleen auf, um den unter seinem Kommando dienenden Sohn heimzuholen. Währenddessen rüsten die Indianer zum Grossangriff. Rio Grande, der letzte Teil von John Fords Kavallerie-Trilogie (nach Fort Apache und She Wore a Yellow Ribbon), ist eine Mischung aus klassischem Western und hintergründigem Familiendrama. «Das Finale von Fords Kavallerie-Trilogie ist der schönste und schwierigste der Filme, vielleicht sogar von all seinen Western: John Waynes tendenziell indianerfreundlicher Captain York aus Fort Apache ist zum Lt. Col. geworden, der Texas im Krieg mit den Apachen verteidigt. (…) Der im Spätwerk zusehends tiefer und dunkler anmutende Spalt zwischen persönlichen Werten und jenen der Gemeinschaft, zwischen patriotischer Pflicht und familiärer Verantwortung, wird von Ford in unübertroffen gespannter Intimität ausgestaltet, während die Indianer zur Allegorie auf die ‹rote Gefahr› reduziert werden. Ein Film der unversöhnlichen Konflikte.» (Christoph Huber, filmmuseum.at, 10/2014)

Orphée, ein gefeierter Dichter, ist mit Eurydice verheiratet. Er macht die Bekanntschaft einer geheimnisvollen Prinzessin, die für den Tod eines Rivalen verantwortlich zu sein scheint. Als sie erfährt, dass Eurydice schwanger ist, lässt sie sie aus Eifersucht töten. Orphée folgt Eurydice in die Unterwelt, um sie zurückzuholen. Jean Cocteau lässt die griechische Sage im zeitgenössischen Frankreich spielen und schuf in Orphée ein kunstvoll verschachteltes Labyrinth aus poetischen Zeichen, mythologischen Anspielungen und ironischen Seitenhieben auf die Situation des modernen Künstlers. «Einer der grossen Aussenseiterfilme des Jahrhunderts. (…) Der ganze Film vermischt unentwegt Alltag und Fantasie, Parodie und Rätsel, Gegenwart und Traumzeit, das reale Paris und die Labyrinthe des Hades, um einen geeigneten Boden für eine surreal-filmische Vexierbild-Frage zu schaffen: ‹Was ist das, ein Dichter?›» (Harry Tomicek, filmmuseum.at, 3/2002) «Die Low-Tech-Spezialeffekte haben etwas seltsam Brillantes an sich: die Rückprojektionen, die Rückwärtsaufnahmen, die Spiegelflächen, die sich wie vertikale Wasseroberflächen kräuseln: ‹Spiegel sind die Türen, durch die der Tod kommt; schaut man lange genug rein, kann man dem Tod bei der Arbeit zusehen›.» (Peter Bradshaw, The Guardian, 18.10.2018)

105 Min / sw / DCP / E/d // REGIE John Ford // DREHBUCH

112 Min / sw / 35 mm / F/d // DREHBUCH UND REGIE Jean

James Kevin McGuinness, nach einer Erzählung von James

Cocteau // KAMERA Nicolas Hayer // MUSIK Georges Auric //

Warner Bellah // KAMERA Bert Glennon // MUSIK Victor

SCHNITT Jacqueline Sadoul // MIT Jean Marais (Orphée),

Young // SCHNITT Jack Murray // MIT John Wayne (Lt. Col.

­Marie Déa (Eurydice), Maria Casarès (Prinzessin), François

Kirby Yorke), Maureen O’Hara (Kathleen Yorke), Ben Johnson

Périer (Heurtebise), Juliette Gréco (Aglaonice), Edouard­

(Tyree), Claude Jarman jr. (Jeff), Harry Carey jr. (Boone), Chill

Dermitte (Jacques Cégeste), Henri Crémieux (der Verleger),

Wills (Dr. Wilkins), J. Carroll Naish (Lt. Gen. Sheridan), Victor

Pierre Bertin (der Kommissar), Roger Blin (Dichter), Jean-­

McLaglen (Serg. Maj. Quincannon), Grant Withers (U.S. Deputy

Pierre Melville (Hoteldirektor).

Marshal), Peter Ortiz (Capt. St. Jacques), Steve Pendleton (Capt. Prescott), Karolyn Grimes (Margaret Mary).


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Das erste Jahrhundert des Films: 1960

PSYCHO USA 1960 Marion Crane hat ihrem Chef 40 000 Dollar gestohlen. Auf ihrer Flucht vor der Polizei steigt sie in einem Motel ab, das vom eigenbrötlerischen Norman Bates geführt wird, der mit seiner kranken Mutter zusammenlebt. Als Marion spurlos verschwindet, machen sich ihre Schwester, ihr Freund und ein Privatdetektiv in Bates’ Motel auf die Suche nach ihr. Alfred Hitchcocks Psycho brach radikal mit allen Normen und Regeln der Kinematografie. Das American Film Institute wählte den Meilenstein 2001 auf den ersten Rang der 100 besten amerikanischen Thriller. «So hat Psycho das Kino verändert: Die Mordszene unter der Dusche ist wohl die berühmteste Szene der Filmgeschichte. Für die 45 Sekunden mit 70 Einstellungen brauchte man eine Woche Drehzeit. (...) So etwas hatte das Publikum noch nie zuvor gesehen – dass eine Hauptfigur nach einem Drittel des Films umgebracht wird, war ein totaler Schock. (...) Der Film spielt mit den Sympathien des Publikums in einer Weise, wie es zuvor noch kein Mainstream-Thriller getan hatte. (...) Sein grösstes Vermächtnis ist die Kamera aus

der Ich-Perspektive, die das Publikum unweigerlich mit den Schlüsselfiguren verbündet. (...) Die augenfällige Sexualität, mit der Leigh in ihrer Unterwäsche im Film gezeigt wurde, die schockierende Gewalt, sogar die Aufnahme einer Toilettenspülung waren im damaligen kommerziellen Kino radikal. (...) Die Geigen, die in der Duschenmord-Szene loskreischen, wurden zu einer kulturellen Kurzform, einem Hinweis auf bevorstehenden gewalttätigen Wahnsinn. (...) Der Einfluss des Soundtracks zeigt sich besonders in Filmen, die mit Musik ein Gefühl von Bedrohung hervorrufen und plötzliche Schocks verstärken, wie z. B. Jaws, (...) bei dem sie u. a. erreichen wollten, dass die Strände Amerikas so leer sind wie die Duschen amerikanischer Motels nach Psycho.» (Stephen Robb, bbc.co.uk, 1.4.2010) 109 Min / sw / DCP / E/d // REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH Joseph Stefano, nach dem Roman von Robert Bloch // KAMERA John L. Russell // MUSIK Bernard Herrmann // SCHNITT George Tomasini // MIT Anthony Perkins (Norman Bates), Janet Leigh (Marion Crane), Vera Miles (Lila Crane), John Gavin (Sam Loomis), Martin Balsam (Milton Arbogast), John McIntire (Sheriff Al Chambers), Lurene Tuttle (Mrs. Chambers), Patricia Hitchcock (Caroline), Alfred Hitchcock (Mann mit Cowboyhut).


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Das erste Jahrhundert des Films: 1960

PEEPING TOM GB 1960

SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING GB 1960

Mark Lewis ist zurückhaltend und unscheinbar. Er arbeitet als Kameramann beim Film und fotografiert für seinen Chef Damen in recht eindeutigen Posen. Eines Tages lernt er Helen, die Tochter seiner Vermieterin, kennen. Sie verliebt sich in ihn – doch sie ahnt nicht, welch dunkles und verstörendes Geheimnis Mark in sich trägt. Michael Powells seinerzeit zu Unrecht angefeindeter, verkannter Peeping Tom löste einen Skandal aus, wurde aber durch Martin Scorsese wiederentdeckt, avancierte zum Kultfilm und gilt heute als Klassiker des Psychothrillers. «Scorsese beschrieb Peeping Tom als Film ‹über den Wahnsinn des Filmemachens und die Gefahr einer künstlerischen Obsession. (…) In unserer heutigen Gesellschaft, in der Ära von YouTube und Überwachung, wird dieser Film immer wichtiger. Über den krankhaften Drang zum Hinschauen muss heute nachgedacht werden.› Beim Wiedersehen des Films ist man – so grauenerregend er auch ist – überrascht, wie komisch gewisse Passagen sind und mit welcher Selbstsicherheit Powell mit dem Tonfall spielt.» (Charlotte Higgins, The Guardian, 9.11.2010) «Powells dunkles Meisterwerk gilt als einer der ersten Slasher-Filme und als einer der frühesten Horrorfilme, die die Handlung aus der Sicht des Mörders zeigen – eine Konvention, die fast allgegenwärtig geworden ist. (...) Es ist nicht schwer zu verstehen, warum der Film damals so geschmäht wurde. Das Kino ist (...) von Natur aus voyeuristisch, aber Peeping Tom verstrickt uns in den entsetzlichen Voyeurismus seines Protagonisten. (...) Einer der grössten britischen Filme.» (Darren Richman, The Independent, 28.2.2018)

In der Industrie- und Bergarbeiterstadt Nottingham: Das Wochenende ist die schönste Zeit für den jungen, etwas grossspurigen Fabrikarbeiter Arthur; dann haut er auf den Putz und versäuft seinen Wochenlohn in den Kneipen. Mit Brenda, der älteren Frau seines Kollegen, hat er eine Affäre; auch die junge, noch ungebundene Doreen würde er gern ins Bett kriegen. Als Brenda schwanger wird, kommt nur eine Abtreibung infrage – doch dann erfährt Brendas Mann von der Affäre. Karel Reisz’ nuancenreiches Sozialdrama Saturday Night and Sunday Morning war ein grosser Kassenerfolg und wurde nicht nur zu einem einflussreichen Klassiker der British New Wave, sondern zählt zu den besten britischen Filmen überhaupt. «Dieses bahnbrechende Spielfilmdebüt brach­ ­te als erster Film das Arbeitermilieu unverblümt und ohne Herablassung auf die Leinwand. Das Drehbuch von Alan Sillitoe, der seinen Roman adaptierte, ist enorm zitierfähig. (...) Finneys Darbietung wirkt immer noch wunderbar frisch und aggressiv. Der Film des tschechischen Regisseurs Karel Reisz, zum grossen Teil in Nottingham gedreht, zeigt eine verschwundene Welt von Fabriken, Kopfsteinpflaster und engen, aneinandergezwängten Häusern. (...) Heute wirkt er als gesellschaftliches Zeitdokument wie auch als Wegweiser in die Zukunft.» (Rob Mackie, The ­Guardian, 20.3.2009) «Finneys kraftvolle Darstellung des Fabrikarbeiters veränderte die britische Schauspielkunst, genau wie Reisz’ prägnanter und authentischer Film das britische Kino veränderte.» (bfi.org.uk)

101 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Michael Powell //

90 Min / sw / DCP / E/d // REGIE Karel Reisz // DREHBUCH

DREHBUCH Leo Marks // KAMERA Otto Heller // MUSIK

Alan Sillitoe // KAMERA Freddie Francis // MUSIK John

Brian Easdale // SCHNITT Noreen Ackland // MIT Karlheinz

Dankworth // SCHNITT Seth Holt // MIT Albert Finney (Arthur

Böhm (Mark Lewis), Anna Massey (Helen), Maxine Audley

Seaton), Shirley Ann Field (Doreen), Rachel Roberts (Brenda),

(Helens Mutter), Moira Shearer (Vivian), Brenda Bruce (Dora)

Hylda Baker (Tante Ada), Norman Rossington (Bert).


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Das erste Jahrhundert des Films: 1960

LES YEUX SANS VISAGE

THE HOUSEMAID (Hanyo)

Frankreich/Italien 1960

Südkorea 1960

Der Pariser Chirurg Dr. Génessier verursacht einen Autounfall, bei dem das schöne Gesicht seiner Tochter Christiane schwer entstellt wird. Daraufhin versteckt er die für tot gehaltene junge Frau ausserhalb der Stadt. Zusammen mit seiner Assistentin bringt er nun Studentinnen in seine Gewalt, um deren Gesichtshaut auf das Gesicht seiner Tochter zu transplantieren, jedoch ohne Erfolg. Eines Tages kommt Christiane hinter das furchtbare Geheimnis ihres Vaters. Ein wegweisender Horrorfilm voller rätselhafter, gespenstischer Bilder. «Kaum ein Regisseur hat die Psychogeografie des Schreckens so gründlich erforscht wie Georges Franju (...). In Eugen Schüfftans exquisiten Schwarzweissbildern finden die quasi-dokumentarischen (eisige Präzision der unmenschlichen Operationen) und fantastischen Interessen von Franju kongenial zusammen: Emotionales Zentrum dieses grausamen Märchens ist die Tochter, durch schimmernde, leere Fluchten wandelnd, das verzweifelte Augenpaar hinter der starren Kabuki-Maske vom langsamen Gleiten in den Wahnsinn berichtend. Ein essenzieller Film über die Poesie des Terrors.» (Christof Huber, filmmuseum.at, 18.10.2005) «Dieser Film rangiert auf Platz 5 der ‹Time Out›-Liste der 100 besten französischen Filme. (...) Eine unglaubliche Mischung aus Horrorfilm und Märchen (…). Ein wundervoller Film im wahrsten Sinne des Wortes.» (timeout.com)

Ein beliebter Musiklehrer ist gerade mit seiner Frau und den beiden Kindern in ein grösseres Haus gezogen. Um seine schwangere Ehefrau zu entlasten, engagiert er ein Hausmädchen. Doch die junge Frau benimmt sich sonderbar, spioniert ihm hinterher, erschreckt die Kinder und fängt Ratten mit der Hand. Bald verführt sie den Familienvater und wird ebenfalls schwanger – ein Abwärtsstrudel aus Manipulation, Obsession, ­ Schuld und Moral beginnt. Suggestives, virtuos komponiertes Psychodrama von Kim Ki-young, 2007 vom koreanischen Filmarchiv in Zusammenarbeit mit Martin Scorse­ ses World Cinema Foundation restauriert. Heute nennen koreanische Regiegrössen wie Park Chan-wook, Kim Ki-duk oder Bong Joon-ho The Housemaid als wesentlichen Einfluss auf ihr Schaffen. «Ein aussergewöhnlicher Film für jedes Land, erst recht Korea. Dieses überhöhte Melodrama wird oft als Meisterwerk des unausgeglichenen Mavericks Kim Ki-young bezeichnet. Es ist eine bewusst schwülstige, wenn auch todernste und Hitchcock-mässige Geschichte (...). Kims Blick auf menschliche Beweggründe wirkt düster und nietzscheanisch, und das Ganze, mit seinem Jazz-Soundtrack, seinen Aufnahmen an Originalschauplätzen, seinem Sirk-mässigen Treibhausdrama und seiner Clouzot-würdigen Horrorspannung, ergibt ein bemerkenswert irrwitziges Erlebnis.» (Wally Hammond, Time Out Film Guide)

90 Min / sw / DCP / F/e // REGIE Georges Franju // DREHBUCH

111 Min / sw / Digital HD / Kor/e // DREHBUCH UND REGIE Kim

Pierre Boileau, Thomas Narcejac, Jean Redon, Claude Sautet

Ki-young // KAMERA Kim Deok-jin // MUSIK Han Sang-gi //

// KAMERA Eugen Schüfftan // MUSIK Maurice Jarre //

SCHNITT Oh Young-keun // MIT Kim Jin-kyu (Kim Dong-sik),

SCHNITT Gilbert Natot // MIT Pierre Brasseur (Dr. Génes-

Ju Jeung-nyeo (Frau Kim), Lee Eun-shim (Myung-sook),

sier), Alida Valli (Louise), Edith Scob (Christiane Génessier),

Eom Aeng-ran (Cho Kyung-hee), Ko Seon-ae (Kwak Seon-

Juliette Mayniel (Edna Gruber), François Guérin (Dr. Jacques

young), Ahn Sung-kee (Kim Chang-soon).

Vernon), Alexandre Rignault (Inspektor Parot).


Das erste Jahrhundert des Films: 1960 & 1970

PRIMARY

LITTLE BIG MAN

USA 1960

USA 1970

Ein Bericht über die Vorwahl der Demokraten zur Präsidentschaft 1960 in Wisconsin: Hubert Humphrey gegen John F. Kennedy. Mit Primary wurde das Direct Cinema geboren. Der Film, eine Kollektivarbeit, an der neben ­Robert Drew seine «Associates» Richard Leacock und als Kameraleute Albert Maysles und D. A. Pennebaker mitwirkten, markierte einen Quantensprung im amerikanischen Dokumentarkino und wurde 1990 ins National Film Registry aufgenommen. «Für uns heute ein eindringliches Dokument der Zeitgeschichte, für die Zuseher von damals ein dokumentarisches Wunder der Mobilität und Unmittelbarkeit. (...) Primary dokumentiert fünf Tage lang den Vorwahlkampf zwischen den Senatoren Humphrey und Kennedy. Das Duell zweier völlig unterschiedlicher Politikertypen. Der eine eher hausbacken, sachorientiert und um kein Detail in Fragen der Viehzucht verlegen. Der andere die charismatische Lichtgestalt und Verkörperung des jungen Amerika. (...) Der Film stellt sich auf Kennedys Seite und benutzt ihn als Initiationsfigur seiner eigenen kinematografischen Erneuerung – und wird von dem Politiker seinerseits als medialer Verstärker seiner Kampagne benutzt, wie es von da an bis heute die Regel sein sollte. Die Bewegung jener Zeit wird zur Bewegung der Kamera, die sich vom Stativ löste und mit ihren Protagonisten immer auf Augenhöhe war.» (Mark Stöhr, ray-magazin.at, 5/2008) «Die moderne Kunst hat Picasso. Rock ´n´ Roll hat Bill Haley. Und der Dokumentarfilm hat R ­ obert Drew.» (Michael Moore, drewassociates.com)

Der Siedlerjunge Jack Crabb verliert bei einem Überfall der Pawnee-Indianer seine Eltern, wird von den Cheyenne verschleppt und vom Häuptling zum tapferen Krieger erzogen. Mit 16 Jahren wird er von der US-Armee gefangen genommen und zu den Weissen zurückgebracht: Er macht erste Erfahrungen mit Frauen und wird am Little Big Horn zum Revolverhelden. Arthur Penns grandioser Antiwestern Little Big Man ist ein Meisterwerk des New-HollywoodKinos, das 2014 ins National Film Registry aufgenommen wurde. «Dustin Hoffman als buchstäblich kleiner Mann zwischen den Kulturen von Weiss und Rot, erlebt die Geschichte dieses Landes als wahrhaft gnadenloses Fortschreiten der ökonomisch-militärischen Interessen, und sein einziges Überlebensglück ist es, dass er zwischen den Kulturen von Weissen und Indianern wechseln kann. (...) Zur Zärtlichkeit des Blicks gehört es im Übrigen, dass Penn die Kultur der Indianer nie zum Mythos edler Wildheit missbraucht.» (Georg Seesslen, Freitag, 9.2.2007) «Die Parallelen zu Vietnam sind zahlreich, doch letztlich ist dies primär eine ironische Neuschreibung amerikanischer Geschichte, die mit lebhafter Regie und leichtfüssiger Schauspielerei wettmacht, dass sie das eine oder andere Heldendenkmal etwas allzu simpel vom Sockel stösst. Lustig, menschlich, mutig und intelligent.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide)

53 Min / sw / Digital HD / E // DREHBUCH UND REGIE Robert

mond // SCHNITT Dede Allen // MIT Dustin Hoffman (Jack

Drew // KAMERA Richard Leacock, Albert Maysles //

Crabb), Faye Dunaway (Mrs. Pendrake), Martin Balsam (Mr.

SCHNITT D. A. Pennebaker // MIT John F. Kennedy, Hubert H.

Merriweather), Chief Dan George (Old Lodge Skins), Richard

Humphrey, Jacqueline Kennedy, Joseph Julian (Erzähler).

Mulligan (Gen. Custer), Jeff Corey (Wild Bill Hickok).

138 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Arthur Penn // DREHBUCH Calder Willingham, nach dem Roman von Thomas ­Berger // KAMERA Harry Stradling Jr. // MUSIK John P. Ham-

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Das erste Jahrhundert des Films: 1970

M*A*S*H USA 1970 Koreakrieg, 1951, in einem «Mobile Army Surgical Hospital» (kurz: MASH) nahe der Front: Die Militärärzte, angeführt vom anarchistischen Freundesgespann Hawkeye und Trapper, versuchen den Krieg zu ignorieren, foutieren sich um alle soldatischen Tugenden und interessieren sich auch weit mehr für Sex und Alkohol als für die Verwundeten. Einer ihrer hochmoralischen Gegenspieler ist der selbstgefällige Major Frank Burns. Der Vietnamkrieg erschütterte die amerikanische Gesellschaft, als Robert Altman 1970 mit M*A*S*H einen Kinoerfolg landete, wie er ihn mit keinem seiner späteren Filme auch nur annähernd erzielte. Diese schwarze Satire auf den «American Way of War» war ein bahnbrechender Film des New Hollywood, der dem Zeitgeist perfekt entsprach. «Der Film hat einen Nerv getroffen. Inmitten seiner Absurdität und seines schwarzen Humors war er ein scharfer Kommentar zur Sinnlosigkeit des Krieges und zur Vergesslichkeit derer, die mit

der Strafverfolgung beauftragt sind. (...) Wie Pauline Kael in ihrer Besprechung des Films schrieb: ‹Ich weiss nicht, wann ich mich bei einem Film so gut amüsiert habe.› (...) Im Kern geht es bei M*A*S*H jedoch darum, mitten im Chaos zu überleben. Es geht darum, in einer unmöglichen Situation gefangen zu sein, in der der Kampf jeden Tag aufs Neue aufgenommen wird (...). 1968 war die Vorstellung, dass unser wahrer Feind die Gefühllosigkeit, Heuchelei und kleingeistige Ignoranz unserer eigenen Führer sein könnte, in Mode. Fünfzig Jahre später ist sie zeitlos geworden.» (Howard Fishman, The New Yorker, 24.7.2018) 116 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Robert Altman // DREHBUCH Ring Lardner jr., nach dem Roman von Richard Hooker // KAMERA Harold E. Stine // MUSIK Johnny Mandel // SCHNITT Danford B. Greene // MIT Donald Sutherland (Capt. Benjamin Franklin «Hawkeye» Pierce), Elliott Gould (Capt. John Francis Xavier «Trapper» McIntyre), Tom Skerritt (Capt. Augustus «Duke» Forrest), Sally Kellerman (Maj. Margaret «Hot Lips» O’Houlihan), Robert Duvall (Maj. Frank Marion «Ferret Face» Burns), Roger Bowen (Lt. Col. Henry Braymore Blake), René Auberjonois (Pater Mulcahy), David Arkin (Sgt. Vollmer), Jo Ann Pflug (Lt. Maria «Dish» Schneider), Michael Murphy (Capt. Ezekiel «Me Lai» Marston IV).


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Das erste Jahrhundert des Films: 1970

IL CONFORMISTA

PERFORMANCE

Italien/Frankreich 1970

GB 1970

Marcello Clerici passt sich überall wie unter Zwang an, auch als die Faschisten die Macht übernehmen. Er tritt der Geheimpolizei bei und bekommt ein neues Leben samt neuer Ehefrau zugewiesen, aber bereits die Flitterwochen sind mit Hintergedanken verknüpft: Er soll seinen früheren Philosophieprofessor, den Führer der Antifaschisten, und dessen Gattin in eine Falle locken. Doch er beginnt an seinem Auftrag zu zweifeln. Bernardo Bertolucci etablierte sich mit dem eleganten, melancholischen Politthriller Il conformista, der grossen Geschichte über Konformismus und Mitläufertum, als einer der vielversprechendsten Autorenfilmer Europas. «Kameramann Storaro nutzt Dunkelheit und Schatten, um Clericis gebrochenen Geisteszustand hervorzuheben, während Bertolucci seine Figuren in grossen, leeren, modernen Gebäuden einsperrt, um ein Gefühl der faschistischen Bedrohung zu vermitteln (...). Ein starker Mix aus Sex, Psychologie, Politik und visueller Extravaganz, einer der wirklich grossen Filme der 1970er-Jahre, den man sich nicht entgehen lassen sollte.» (James Rocarois, bbc.com, 23.2.2008) «Il conformista spielt noch einmal das Thema von Held und Verräter durch, ein verführerischer Tanz zwischen Politik und Party. Der Film wurde von den Jungs des neuen amerikanischen Kinos begeistert aufgenommen, Paul Schrader hat den Look seines American Gigolo nach ihm gestaltet (...). Francis Coppola zog mit dem Kameramann Storaro auf die Philippinen, um Apocalypse Now zu drehen.» (Fritz Göttler, tagesanzeiger.ch, 26.11.2018)

Chas ist Schuldeneintreiber einer Gang im Londoner East End und darf nach Herzenslust prügeln, foltern und bei Bedarf auch morden. Als er eines Tages zu weit geht, muss er untertauchen und findet Zuflucht beim exzentrischen Rockstar Turner, der zusammen mit zwei jungen Frauen in einer Art Stadtvilla wohnt und dort seine Sex- und Drogenexzesse auslebt. Chas lässt sich von Turner verführen und durchlebt eine Verwandlung, die ihn zu Turners Doppelgänger werden lässt. Nicolas Roegs und Donald Cammells Performance, mit Mick Jagger in einer der Hauptrollen, ist eine visuell gewagte Major-Produktion, die nicht nur wegen der sexuellen Experimente der Hauptpersonen, sondern auch wegen der Sprün­ ­ge zwischen Wirklichkeit und surrealen Drogenträumen zum Skandalfilm wurde. «Als Performance herauskam, waren die Kritiken alles andere als freundlich. ‹Man muss kein Drogensüchtiger, Knabenschänder, Sadomasochist oder Schwachkopf sein, um Performance zu geniessen›, meinte die ‹New York Times›, ‹aber eines oder mehrere dieser Dinge zu sein, würde helfen.› Doch in den vergangenen 50 Jahren (...) ist er zur Definition eines Kultklassikers geworden. Es sind zwei Filme in einem, er beginnt als britischer Gangsterfilm mit Merkmalen, die später das Genre definieren sollten, (...) und verwandelt sich in einen halluzinatorischen End-60erJahre-Trip, der mit seiner Erforschung von Identität und sexueller Fluidität mehrere Jahrzehnte später unglaublich weitsichtig wirkt.» (Tim Jonze, The Guardian, 16.11.2018)

113 Min / Farbe / DCP / I/e // REGIE Bernardo Bertolucci //

105 Min / Farbe / 35 mm / E // REGIE Nicolas Roeg, Donald

DREHBUCH Bernardo Bertolucci, nach dem Roman von Alberto

Cammell // DREHBUCH Donald Cammell // KAMERA Nicolas

Moravia // KAMERA Vittorio Storaro // MUSIK Georges Delerue

Roeg // MUSIK Jack Nitzsche // SCHNITT Anthony Gibbs,

// SCHNITT Franco Arcalli // MIT Jean-Louis Trintignant

Brian Smedley-Aston // MIT James Fox (Chas), Mick Jagger

­(Marcello Clerici), Stefania Sandrelli (Giulia), Dominique Sanda

(Turner), Anita Pallenberg (Pherber), Michèle Breton (Lucy),

(Anna Quadri), Enzo Tarascio (Prof. Quadri), Gastone Moschin

Ann Sidney (Dana), John Bindon (Moody), Stanley Meadows

(Manganiello), Pierre Clémenti (Lino Seminara).

(Rosebloom), Allan Cuthbertson (Anwalt).


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Das erste Jahrhundert des Films: 1970

DÄLLEBACH KARI

EL TOPO

Schweiz 1970

Mexiko 1970

Zwei Berner Polizisten finden nachts in einem Paar Schuhe den Abschiedsbrief von Kari Dällebach. Der Coiffeur, der für seine Spässe und seine Schlagfertigkeit stadtbekannt war, hat sich umgebracht. Im Rückblick wird klar, wie einsam er war: Seine Hasenscharte und seine bescheidene Herkunft haben ihn um die Liebe zur reichen ­Annemarie Geiger gebracht. Kurt Früh gelang mit seinem zweitletzten Spielfilm, Dällebach Kari, ein überraschendes Come­ back und der Anschluss an den Neuen Schweizer Film. Der so berührende wie tragische Klassiker gilt heute als Kultfilm. «Kurt Früh hat sich immer für die kleinen Leute interessiert, für Randständige und Ausgegrenzte. Da passt es gut, dass er Karl Tellenbach, als ‹Dällebach Kari› zur tragikomischen Berner Legende geworden, ein Film-Denkmal gesetzt hat. Dafür musste allerdings Früh sein Stamm­ revier Zürich verlassen und der Zuger Walo Lüönd Bärndütsch lernen. Die einfühlsame Verkörperung des ebenso gewitzten wie verzweifelten Friseurs (...) verschaffte Lüönd endgültig den Durchbruch. Karis Kniff, von der machtlosen Witzfigur zum bewunderten Witzbold zu werden, besingt Mani Matter prägnant in seinem Bänkellied, das den Film einrahmt. (...) Die zeitlosen Schwarzweissbilder des Films und die RückblendenKons­truktion, die Karis Geschichte erst recht wie eine Moritat wirken lässt, überzeugen nach wie vor.» (Michel Bodmer, filmo.ch)

Revolverheld El Topo («der Maulwurf») nimmt den Kampf mit den «vier Meistern der Wüste» auf, um seine Freundin Mara damit zu beeindrucken und um die Einwohner eines Dorfes, die von den Meistern nieder­gemetzelt wurden, zu rächen. Er gewinnt den Kampf, wird aber später schwer verwundet und totgeglaubt in der Wüste zurückgelassen. Alejandro Jodorowsky gelang mit El Topo ein faszinierendes Dokument seiner Zeit, ein krudes Meisterwerk des Underground-Kinos. «Die Filme eines David Lynch oder Quentin ­Tarantino wären undenkbar ohne das Werk von Alejandro Jodorowsky. (...) Es war sein zweiter Langfilm, der den chilenischen Universalkünstler in den Rang eines visionären Popsurrealisten ­katapultierte: El Topo, ein bizarrer Western über einen schwarz gewandeten Reiter. (...) In der Hauptrolle des namenlosen Reiters: der Regisseur persönlich. Für die Hippiebohème von Dennis Hopper bis zu den Beatles war das damals der ganz heisse Scheiss: 25 Wochen lang lief El Topo täglich um Mitternacht in einem New Yorker ­Sexkino – der ‹Kultfilm›, wie wir ihn heute kennen, war geboren.» (Florian Keller, woz.ch, 31/2016) «In El Topo treffen Italowestern, Autorenkino, hippieselige Ausflüge ins Esoterisch-Religiöse und Surrealismen (...) in solch einer Spielfreude aufeinander, dass man sich in einem bizarren Traum gefangen glaubt. Trotz der eher assoziativen Logik der Geschichte und der Bilder wirkt El Topo aber niemals statisch oder langweilig, sondern auch heute noch bemerkenswert frisch und zeitlos.» (Joachim Kurz, kino-zeit.de, 12.12.2013)

113 Min / sw / DCP / Dialekt, wahlweise mit Audiodeskription // REGIE Kurt Früh // DREHBUCH Kurt Früh, nach der Biografie von Hansruedi Lerch // KAMERA Fritz E. Maeder // MUSIK Tibor Kasics, Mani Matter // SCHNITT Georg Janett // MIT

125 Min / Farbe / DCP / Sp/d // DREHBUCH, REGIE UND MU-

Walo Lüönd (Karl Dällenbach), Lukas Ammann (Basler Nati-

SIK Alejandro Jodorowsky // KAMERA Raphael Corkidi //

onalrat), Annemarie Düringer (Frau Jenny, Wirtin), Fritz

SCHNITT Federico Landeros // MIT Alejandro Jodorowsky (El

­Nydegger (Hermann), Ellen Widmann (Rosa), Hans Gaugler

Topo), Brontis Jodorowsky (Miguel als Kind), Mara Lorenzio

(Landstreicher), Franz Matter (Kunde), ­Peter Markus (Hirschi

(Mara), David Silva (Colonel), Paula Romo (Frau in Schwarz),

Buume), Franziska Kohlund (Annemarie).

Robert John (Miguel als Mann), Julien de Meriche (Priester).


43 Filmpodium für Kinder

Horton hört ein Hu! Eine temporeich und witzig umgesetzte Geschichte über Respekt und Ausgrenzung, die darüber hinaus auch grosse Lebensfragen stellt. Ein Animationsfilm nach dem Kinderbuch von Dr. Seuss.

HORTON HÖRT EIN HU! (Horton Hears a Who!) / USA 2008 87 Min / Farbe / 35 mm / D / ab 6 // REGIE Jimmy Hayward, Steve Martino // DREHBUCH Ken Daurio, Cinco Paul, nach dem Kinderbuch von Dr. Seuss // MUSIK John Powell // SCHNITT Tim Nordquist // MIT DEN STIMMEN VON Christoph Maria Herbst ­(Horton), Uwe Büschken (Bürgermeister Ned McDodd), Anke Engelke (Känguru), Karl Alexander Seidel (Rudy), Klaus-Dieter Klebsch (Vlad), Bernd Rumpf (Morton), Lutz Schnell (Stadtrat Yummo Wickersham), Victoria Sturm (Dr. Mary Lou Larue), Sabine­ ­Arnhold (Sally O’Malley), Dirk Stollberg (Jo-Jo), Andreas Fröhlich (Erzähler).

Der Elefant Horton hört ein leises «Hu», das von einem Staubkorn kommt. Er ist sich sicher, darauf wohnen Menschen, die so klein sind, dass er sie nicht sehen kann. Deshalb glaubt ihm auch keiner der anderen Dschungelbewohner. Ebenso können die Staubkornbewohner in Hu-Heim es kaum glauben, dass ihr Schicksal von jemandem abhängt, der so gross ist, dass sie ihn nicht sehen können. Trotz allem setzt Horton alles daran, das Staubkorn in Sicherheit zu bringen, denn für ihn gilt: «Ein Mensch ist ein Mensch, wie klein er auch ist.» (pm) Kinderfilm-Workshop Im Anschluss an die Vorstellungen vom 5. und 19. September bietet die Filmwissenschaftlerin Julia Breddermann einen Film-Workshop an (ca. 30 Min., gratis, keine Voranmeldung nötig). Die Kinder erleben eine Entdeckungsreise durch die Welt der Filmsprache und werden an einzelne Szenen und Themen des Films herangeführt.


44 SÉLECTION LUMIÈRE

DI, 7. JULI | 18.00 UHR SA, 25. JULI | 21.00 UHR

UNA GIORNATA PARTICOLARE Drei Jahre nach C'eravamo tanto amati, der

Stunden der Gemeinsamkeit und Wahrhaftig-

im Januar das Filmpodium-Publikum be-

keit, während im Hintergrund die Weltge-

geisterte, drehte Ettore Scola einen seiner

schichte ihren Lauf nimmt und das Radio Pa-

grössten Erfolge, Una giornata particolare.

rolen plärrt.

Dessen Inszenierung spiegelt das Under-

«Scola kann einer späteren Generation,

statement des Titels: In diesem nüchternen

die von der Macht des Radios als eines Instru-

Zweipersonendrama mit Sophia Loren und

ments der diktatorischen Manipulation kaum

Marcello Mastroianni, fernab von jedem

mehr eine Ahnung hat, vor Ohren führen, wie

Glamour, geht es im Grunde um alles.

es damals um dieses Einhämmern von Losungen und Dogmen bestellt war. Diese Dra-

An jenem Tag im Mai 1938, da der italienische

maturgie ist aufs Präziseste beherrscht, nicht

«Duce» den deutschen «Führer» in Rom

anders als die Dramaturgie der Farbe, die bei

empfängt und alles, was zwei Beine hat, zur

aller Künstlichkeit, wie Ettore Scola sie liebt,

Parade aufgeboten worden ist, treffen

in diesem Film stimmig ist, bald Momente des

in einem menschenleeren Wohnblock zwei

Schocks schafft, bald atmosphärische Se-

­Zurückgelassene aufeinander: Gabriele, ein

quenzen der schüchternen Harmonie. (…)

schwuler, bereits entlassener Radiospre-

Und aufs Einstimmigste arbeitet Ettore Scola

cher, der auf seine Verbannung wartet, und

mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni,

Antonietta, die Ehefrau und Gebärmaschine

die gegen ihr Image als schöne Menschen

eines überzeugten Faschisten, der mit ihr

den Mut haben zur menschlichen Verwitte-

noch am gleichen Abend jenes siebte Kind

rung.» (Martin Schlappner, NZZ, 29.12.1977)

zeugen will, für das die Mutterschaftsme-

✶ am Dienstag, 7. Juli, 18.00 Uhr: Einführung von Martin Girod

daille winkt. Die beiden Randständigen des faschistischen Systems erleben eine paar

UNA GIORNATA PARTICOLARE / Italien/ Kanada 1977 105 Min / Farbe / Digital HD / I/e // REGIE Ettore Scola // DREHBUCH Ettore Scola, Ruggero Maccari, Maurizio C ­ ostanzo // KAMERA Pasqualino De Santis // MUSIK Armando Trovajoli // SCHNITT Raimondo Crociani // MIT Sophia Loren (Antonietta), Marcello Mastroianni (Gabriele), John Vernon (Emanuele, Antoniettas Ehemann), Françoise Berd (Concierge), Patrizia Basso (Romana).


45 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 412 31 25 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 415 33 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Agora Films, Carouge; American Film Foundation, Santa Monica; Bildstörung, Köln; Filmmuseum München; Frenetic Films, Zürich; Gaumont, Neuilly sur Seine; Impuls Pictures, Steinhausen; JMH Distribution, Neuenburg; Kinemathek Le Bon Film, Basel; Lobster Films, Paris; Minerva Pictures, Rom; MK2, Paris; Park Circus, Glasgow; Pathé Films, Zürich; Praesens Film, Zürich; Pyramide Distribution, Paris; SRF Schweizer Radio und Fern­sehen, Zürich; Studiocanal, Berlin; Surf Film, Rom; TF1 Studio, Boulogne; Tobis Film GmbH & Co. KG, Berlin; Unzero Films, Paris; Warner Bros. Entertainment Switzerland GmbH, Zürich. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS, Zürich // KORREKTORAT Nina Haueter, Daniel Däuber // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 5500 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Jahrhundert-Abo: CHF 50.– (für alle in Ausbildung; freier Eintritt zu den Filmen der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films») // SommerAbo: CHF 95.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen vom 11.6.–20.9.20) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Louise Brooks

Zhang Yimou

Mit ihrem Bob wurde Louise Brooks (1906–

Das Werk des erfolgreichsten Vertreters der

1985) zur Ikone der Roaring Twenties; als

sogenannten «Fünften Generation» des chi-

Schauspielerin war sie ihrer Zeit voraus. Hol-

nesischen Kinos reicht von bildgewaltigen

ly­wood setzte die ausgebildete Tänzerin ab

Historiendramen (Ju Dou, 1990; Rote La-

1925 vor allem in Komödien ein, aber Howard

terne, 1991), über neorealistisch anmutende

Hawks machte sie 1928 in A Girl in Every Port

Gegenwartsfilme wie Die Geschichte der Qiu

zum kühlen Vamp und William A. Wellman

Ju (1992) bis zu opulenten Wuxia-Epen wie

entdeckte in Beggars of Life Brooks’ Fähigkei-

House of Flying Daggers (2004).

ten im ernsten Fach. Erst in Europa entstanden ihre legendärsten Filme: G. W. Pabst be-

Kira Muratowa

setzte sie als Verführerin Lulu in Die Büchse

Kira Muratowa (1934–2018) prägte das sow-

der Pandora (1928) und als unterdrückten

jetische und ukrainische Kino entscheidend

Freigeist in Tagebuch einer Verlorenen (1929);

mit. Kompromisslos und experimentier-

in Prix de beauté (1930) von Augusto Genina

freudig, hat sie sich der ideologischen Ver-

spielte Brooks ihre letzte Hauptrolle; mit 32

einnahmung stets verweigert und einen un-

beendete sie ihre Karriere.

erbittlichen Blick auf die Welt geworfen.


ZURÜCK INS KINO! Im Sommer mit diesen Filmen … KI YO S H I KU RO SAWA U Z B E K I S TA N | J A PA N

TO THE ENDS OF THE EARTH «Feinfühlig fängt Kurosawa die vertraute Fremdheit ferner Kulturen ein.» LE TE M P S Locarno Film Festival Piazza Grande

CANCIÓN SIN NOMBRE MELINA LEÓN, PERU

«Ein mutiges Debüt in eindrucksvollen Bildern.» HOL LY WO O D R EP O RT E R

Fürs Home Cinema empfehlen wir filmingo.ch oder unseren DVD-Shop auf trigon-film.org.

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium Programm Juli/August/September 2020 // Programme issue july/august/september 2020  

Robert Redford / La comédie / Das erste Jahrhundert des Films: 1940/1950/1960/1970 / Filmpodium für Kinder: HORTON HÖRT EIN HU

Filmpodium Programm Juli/August/September 2020 // Programme issue july/august/september 2020  

Robert Redford / La comédie / Das erste Jahrhundert des Films: 1940/1950/1960/1970 / Filmpodium für Kinder: HORTON HÖRT EIN HU

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