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1. Januar – 15. Februar 2014

Ken Loach . Stummfilmfestival 2014 . Seijun Suzuki .


Une famille respectable

Stark wie die früheren Filme von Asghar Farhadi, ein Genrefilm und gleichzeitig politisch.

Massoud Bakhshi, Iran

ab Januar 2014 im Kino zu entdecken

Die Edition für Film-Gourmets – jetzt mit Online-Kino www.trigon-film.org – 056 430 12 30


01 Editorial

Ende gut, Anfang gut Nun ist also nicht nur das Jahr 2013 Geschichte, sondern auch die achteinhalb Jahre sind vorbei, in denen ich gemeinsam mit Andreas Furler das Filmpodium geleitet habe, und ich bekenne, dass ich noch nie mit jemandem so gerne zusammen gearbeitet habe. Einerseits, weil unsere Arbeit von grossem gegenseitigem Vertrauen geprägt war, andererseits, weil wir (meistens) die gleichen Filme für überwältigend oder begeisternd oder für nicht der Rede wert hielten. Hinsichtlich Filmgeschmack und spezifischem Wissen haben wir uns vielleicht sogar zu wenig ergänzt – die Fans des Experimentalfilmschaffens aus Tuvalu zum Beispiel sind während unserer «Ära» nicht auf ihre ­Kosten gekommen, weil weder Andreas noch ich uns da auskennen. Ob unser neuer Kollege Michel Bodmer, der Anfang Januar im Filmpodium seine Arbeit aufnimmt, auf diesem Feld ein Experte ist, wird sich weisen. Was ich aber sicher weiss: Sein Filmwissen im Bereich Fiction ist legendär. Als langjähriger Redaktionsleiter für Spielfilme und Serien beim Schweizer Fernsehen hat sich der Filmjournalist fortlaufend einen Überblick über einen grossen Teil der Filmproduktion verschaffen müssen und war lange Garant für die sorgfältige Auswahl dessen, was das Schweizer Fernsehpublikum an Filmen zu sehen bekam. Als Moderator der Sendung «Delikatessen» ist er vielen als hervorragender Vermittler in Erinnerung. Aufgenommen wurden diese Moderationen übrigens im Filmpodium. Damit schliesst sich für Michel Bodmer ein Kreis, wird er doch auch im Filmpodium – neben seinen Aufgaben als stellvertretender Leiter – als Gastgeber und Moderator präsent sein. Ich freue mich sehr auf diese Zusammenarbeit, zumal er auch strategische Erfahrungen mitbringt, die dem Filmpodium in einem Umfeld, das sich in den nächsten Jahren durch die massive Zunahme der Kinoleinwände in ­Zürich stark verändern dürfte, nur zugutekommen kann. Doch auch in der neuen Formation werden wir nicht alles selber machen können. So ist es ein Glücksfall, dass wir in meinem Vorgänger Martin Girod einen ausgewiesenen Kenner zur Hand haben, der unser kleines Stummfilmfestival kuratiert. In seiner elften Ausgabe kommt Spektakuläres wie ­Cabiria mit Legendärem wie The Gold Rush und Unbekanntem wie The Girl in Tails zusammen, und für die Musik konnten wir – auch dank der Unterstützung unseres Fördervereins Lumière – neben traditionellen Klavierbegleitungen etwa auch ein Cello-Oktett einladen. Wir sind überzeugt, dass wir damit auch die letzten hartnäckigen Stummfilm-Muffel werden begeistern können. Corinne Siegrist-Oboussier Titelbild: Kes (1969) von Ken Loach


02 INHALT

Ken Loach

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Ken Loach (*1936) hat mit seinen Geschichten über das Leben der britischen Arbeiterklasse eine eigene Form des Sozialrealismus geschaffen. Von Family Life bis zu The Angels’ Share kämpfen seine Antihelden um ihre Würde und ihr Quäntchen Glück. Dass seine oft sperrigen Filmgestalten gelegentlich auf Abwege geraten, beschönigt er nie, bleibt dabei aber immer fair und voller Anteilnahme. Der mit allen wichtigen Filmpreisen ausgezeichnete Regisseur – an der diesjährigen Berlinale für sein Lebenswerk – hat in seinem Schaffen auch historische Themen wie den Spanischen Bürgerkrieg oder den irischen Freiheitskampf der 1920er Jahre aufgegriffen und auf ihre Aktualität untersucht. Wir lassen sein umfangreiches Werk Revue passieren und zeigen als Premiere seinen Dokumentarfilm The Spirit of ’45. Bild: Bread and Roses

Stummfilmfestival

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Das Stummfilmfestival des Filmpodiums geht bereits ins elfte Jahr, seit 2012 bildet es im Januar zugleich den Auftakt zur permanenten Filmgeschichtsreihe «Das erste Jahrhundert des Films». Aus dem Jahr 1914 stehen der spektakuläre Monumentalfilm Cabiria und das Melodrama Gli spazzacamini della Val d’Aosta auf dem Programm; das Jahr 1924 wartet mit so legendären Titeln wie Der letzte Mann, Gösta Berlings Saga, The Gold Rush und weiteren Highlights auf. Wiederum bietet das Festival auch musikalisch ein vielfältiges Programm: Neben den Auftritten unserer international ausstrahlenden ­Pianisten wird etwa die Gogol-Ver­ filmung Der Mantel von einem CelloOktett begleitet, Die Weber mit Flügel und Schlagzeug, und für Orlacs Hände konnte das IOIC ein Trio mit Hammond-Orgel, E-Bass und Schlagzeug gewinnen. Bild: The Immigrant


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Filmpodium für Kinder: Arrietty – Die wundersame Welt der Borger 29

Premiere: Une famille respectable

Mit wunderbar detaillierten Hintergrundzeichnungen erschafft Hiromasa ­Yonebayashi, langjähriger Mitarbeiter von Hayao Miyazaki, in seinem Regiedebüt Arrietty eine fantastische Welt, in der sich ein winziges Mädchen und ein Menschenjunge anfreunden: Ein Anime, der verzaubert.

In seinem Erstling erzählt Massoud Bakhshi von einem Wissenschafter, der nach über zwanzig Jahren in sei­ne iranische Heimat zurückkehrt, auch, um von seinem Vater Abschied zu nehmen. Daraus entwickelt Bakhshi nicht nur einen Familienthriller mit überraschenden Wendungen, sondern auch ein bedrückendes Bild der heutigen iranischen Gesellschaft.

Seijun Suzuki

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Mit ihrem überbordenden, manierierten Stil, ihrer farbenfreudigen Ausstattung und der erlesenen Kamera­ arbeit erlebten die Yakuza-Filme von Seijun Suzuki (*1923) in den sechziger Jahren ihre grosse Blüte. Ausserhalb Japans wurden sie erst ab den achtziger Jahren entdeckt und erregten bald auch das Interesse junger Regisseure wie Quentin Tarantino. Bild: Detective Bureau 2-3

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Bild: Une famille respectable

Einzelvorstellungen Sélection Lumière: Cul-de-sac von Roman Polanski

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05 Ken Loach

Unbequem und notwendig Sie sind keine «Working Class Heroes», die Figuren in den Filmen von Ken Loach (*1936). Als «Traumwandler im Überlebenskampf» wurden sie beschrieben, seine Antihelden, Menschen, die schlicht versuchen, das Leben zu meistern – oft am Rand der britischen Gesellschaft. Engagiert und liebevoll nimmt Loach daran Anteil, weist auf die Ursachen des Elends hin und ergreift Partei: Auch wenn seine Figuren auf Abwege geraten, er hält ihnen die Stange. Nun geht also auch er von der Fahne. Wenn die Gerüchte stimmen, wird Jimmy’s Hall sein letzter Spielfilm sein. Wie gerade erst Steven Soderbergh und davor Béla Tarr will nun auch Ken Loach dem Kino den Rücken kehren. Im Gegensatz zu den beiden hat Loach zwar ein Alter erreicht, in dem diese Entscheidung nicht überraschend ist. Aber sagte er nicht einmal, dass Filmemacher nicht in Rente, sondern allenfalls stempeln gehen? Dem Vernehmen nach will sich Ken Loach fortan ganz dem Dokumentarfilm widmen. The Spirit of ’45 zeigt zwar, dass dies ein prächtiger Trost sein könnte. Aber eben nur ein Trost. Auf den Fleiss und auf die Erregbarkeit dieses Regisseurs war stets Verlass. Mindestens zwei Generationen von Kinogängern ist er nun schon ein beständiger Begleiter. Das Publikum hielt ihm die Treue, weil sein moralisches Rüstzeug intakt und seine Empörung über die gesellschaftlichen Zustände ebenso aufrichtig waren wie seine Zuneigung zu den Figuren. Fast jedes Jahr kam ein Film von ihm heraus; nur in den 1980ern verdammten ihn Klima und Zensur der Thatcher-Ära zum Schweigen. Danach durfte man sich wieder der Gewissheit anvertrauen, dass er jeden Herbst im Schneideraum verbringen würde, um mit seinem treuen Cutter Jonathan Morris den Film zu montieren, den er im Sommer gedreht hatte. Bei Jimmy’s Hall fehlte ihm jedoch, der Digitalisierung sei es geklagt, das Filmmaterial dazu. Ausgerechnet die Animationsfilmschmiede Pixar musste ihm zu Hilfe eilen. Immer wieder zurück zum Start Ein Unzeitgemässer war er immer. Ob die Konservativen oder die Labour Party an der Macht waren, stets blieb Ken Loach ein Stachel im Fleisch der politischen Verharrungskräfte. Die politische Klasse und auch die Kritik hätten mitunter gern auf ihn verzichtet. Ohne europäische Koproduzenten und

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Poor Cow (1967), Vorbote einer neuen Ära im britischen Kino

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Unkonventionelle Whiskyexperten planen den genialen Coup: The Angels’ Share (2012)


06 die Unterstützung des französischen Bezahlsenders Canal plus hätte er einen Grossteil seiner Projekte nicht realisieren können. Sein Kollege Stephen Frears vermutet, er sei es nun schlicht leid, bei der Finanzierung jedes neuen Films wieder am Fuss der Leiter beginnen zu müssen. Dabei waren seine Filme keineswegs nur Kassengift. Sie feierten, angefangen mit Kes, beachtliche Publikumserfolge. The Wind That Shakes the Barley, sein Drama über die Unruhen in Irland zu Beginn der 1920er Jahre, war sogar ein veritabler Hit. Ist es nicht wunderbar, dass er trotz aller Widerstände nicht anders konnte, als weiterzumachen? Vielleicht gilt für ihn, was Federico Fellini einst über seinen Kollegen Francesco Rosi sagte: «Fabelhaft, dass es ihn gibt, denn er entlastet mich.» Loach verfilmt Stoffe, die unbequem und notwendig sind, und um die andere Regisseure gern einen grossen Bogen machen. Er greift soziale und politische Missstände auf, widmet sich der existenziellen Not derjenigen, die am Rand der Gesellschaft stehen, und doch deren Mehrheit ausmachen. Er scheut sich nicht, in der drangvollen Enge ihrer Wohnungen zu filmen. Loach verleiht den Schicksalen hinter den politischen Entscheidungen ein Gesicht und eine Stimme. In The Navigators beispielsweise untersucht er die Auswirkungen der Privatisierung der britischen Eisenbahn, die ehemalige Kollegen zu Konkurrenten macht. Selbst wenn Loach historische Stoffe aufgreift, folgt er nicht der Nostalgie, einem Grundimpuls des britischen Kinos. Er fragt sich vielmehr, was eine Geschichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg oder dem Nordirland-Konflikt uns über die Gegenwart erzählen kann. Die Besetzung seiner Filme findet er nur selten mit Hilfe von CastingAgenten. Er sucht sie lieber auf dem Sozialamt. Seine Darsteller, auch wenn sie keine Laien, sondern Profis sind, beglaubigen die Milieusicherheit seiner Filme. Sie sind tief verwurzelt in der Region, in der sie spielen. Kaum ein Regisseur ist so schwer zu synchronisieren wie Loach. In den USA müssen seine Filme wegen ihrer regionalen Dialekte mit englischen Untertiteln vorgeführt werden. In The Wind That Shakes the Barley wird ein Ire von den englischen Besatzern getötet, weil er seinen Namen gälisch ausspricht. Die Heldin von Ae Fond Kiss … war im Drehbuch eine Schottin. Aber die irischstämmige Darstellerin Eva Birthistle war beim Vorsprechen so überzeugend, dass die Dialoge umgeschrieben wurden, um ihnen eine andere Sprachmelodie zu geben. Loach selbst ist ein Kind der Arbeiterklasse. 1936 wurde er in Nuneaton in Warwickshire als Sohn eines Elektrikers geboren. In Oxford studierte er Jura, verlor jedoch bald das Interesse daran, als er das experimentelle Theater entdeckte. Er trat als Schauspieler auf und durchlief bei der BBC eine fruchtbare Lehre. Seine TV-Dramen und Dokumentationen erregten Mitte der 1960er Jahre grosses Aufsehen. Diese zwei Schulen vereint er in seinen Filmen. «Fact and Fiction» ist in einer Schlüsselszene von Kes an einer Tafel zu lesen. Während der Unterrichtsstunde erlebt der Held, ein aufgeweck-


07 ter und gleichzeitig verträumter Schüler, seinen grossen Triumph: Er soll eine wahre Geschichte erzählen, von der er glaubt, dass sie seine Klassenkameraden interessiert. Also berichtet er von seiner Liebe zur Falknerei und schreibt mit sicherer Hand Fachbegriffe an die Tafel, die nicht einmal sein Lehrer kennt. Um Lernprozesse geht es fortan regelmässig in seinen Filmen. Ken Loach ist ein Vermittler, aber kein Vereinfacher. Er entlässt seine Drehbuchautoren, etwa Jim Allen oder Paul Laverty, nicht aus der Verantwortung, expositorische Dialoge zu schreiben, in denen Arbeitsprozesse oder das Funktionieren der Bürokratie erklärt werden. Der lyrische Mehrwert Loach ist kein Leitartikler des Kinos. Vielmehr übersetzt er die thematische Dringlichkeit seiner Stoffe stilsicher in eine dramaturgische Wucht. Er sucht den exemplarischen Konflikt, den Moment, in dem ein Dilemma entsteht und sich Widerstand regt. Der Druck, der auf Loachs Figuren lastet, ist ungeheuer. Und jederzeit ist es wahrscheinlich, dass die Schraube des Unglücks noch eine Drehung weiter angezogen wird. Für die entstandenen Probleme gibt es am Szenenende nie eine Lösung; die muss sich erst später finden. Verständnis bringt Loach seinen Charakteren auch dann entgegen, wenn sie jenseits von Vernunft und Legalität handeln – wie beispielsweise der stolze, arbeitslose Vater aus Raining Stones, der um jeden Preis das Kommunionskleid seiner Tochter selbst bezahlen will: Wenn sich die Verhältnisse gegen dich verschwören, musst du dich eben auch gegen sie verschwören. Kein Film, der nicht eine Hymne auf die Solidarität wäre. Selbst mit den Bösewichten geht dieser Regisseur fair um. Zusehends parieren seine Figuren ihr Schicksal mit robustem Humor. Auch darin ist er Realist. Er verweigert sich den sentimentalen Tröstungen – eine gerechtere Welt ist in seinen Filmen nicht versprochen, aber der Kampf für sie unabdingbar –, verschliesst jedoch auch nie die Augen vor der Schönheit, die trotz aller Härte des Lebens aufscheinen kann. Seine Kameraleute Chris Menges und Barry Ackroyd sind empfänglich für die Anmut eines Lichteinfalls oder einer Landschaft. Die Partituren, die Stewart Copeland und George Fenton für ihn komponieren, signalisieren den Zuschauern nicht, was sie in der jeweiligen Szene fühlen sollen. Sie schaffen einen lyrischen Mehrwert. Der Kritiker David Thomson ist der Ansicht, es sei leichter, Loachs Filme zu respektieren, als sie zu geniessen. Er irrt sich. In ihrer Erzähldisziplin sind sie Pflicht und Kür zugleich. Gerhard Midding

Gerhard Midding arbeitet als freier Filmjournalist in Berlin.


> Hidden Agenda.

> Raining Stones.

> Riff-Raff.

> Ladybird Ladybird.

> Looks and Smiles.


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Ken Loach.

CATHY COME HOME GB 1966 Cathys und Regs jugendlicher Optimismus nach Hochzeit, erstem Kind und Umzug in ein modernes Daheim wird durch Regs Arbeitsunfall getrübt, auf den Arbeitslosigkeit und eine Kaskade von weiteren Schicksalsschlägen folgen. Der unaufhaltbare Sog nach unten droht die Familie auseinanderzureissen. «Loach arbeitete in der Realisierung dieser düsteren Geschichte – die in monatelanger Arbeit vorrecherchiert worden war – mit improvisierten Dialogen, Handkamera, Originalschauplätzen und Laien in den Nebenrollen – mit dem Effekt, dass das Spiel den Eindruck grosser Unmittelbarkeit und Authentizität machte. Der Film löste eine heftige öffentliche Diskussion über Armut in England aus, war sogar Anlass für eine Parlamentsdebatte. (…) Cathy Come Home ist nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich der erste Film, der das ­Loach-Programm in ganzer Fülle enthält: Mittel des filmischen Ausdrucks, die eher dem Dokumentar- als dem Spielfilm entstammen, ­ (…) eine entschiedene Sympathie für die Helden und ein propagandistisch-aufklärerisches An­ liegen, das den ganzen Film trägt und sich aller – melodramatischer, satirischer, sentimentaler usw. – Mittel bedient, um den Zuschauer zur Stellungnahme zu bewegen; und schliesslich ein entschieden moralisches Interesse für das englische Proletariat resp. Subproletariat.» (Hans J. Wulff, f-lm.de, 5.1.2008) «Ken Loach wurde als Filmemacher buchstäblich über Nacht berühmt. Die starke Publikumswirkung seines Fernsehfilms Cathy Come Home ist als erstaunliches Ereignis in die Filmgeschichte eingegangen.» (Claudia Hoffmann, in: Werkschau Ken Loach, Kommunales Kino Villingen-Schwenningen) 77 Min / sw / Digital SD / E/e // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Jeremy Sandford // KAMERA Tony Imi // SCHNITT Roy Watts // MIT Carol White (Cathy Ward), Ray Brooks (Reg Ward), Emmett Hennessy (Johnny), Adrienne Frame (Eileen), Wally Patch (Grossvater), Winifred Dennis (Mrs. Ward), Geoffrey Palmer (Makler), Gabrielle Hamilton (Fürsorgerin), Phyllis Hickson (Mrs. Alley).

POOR COW GB 1967 Bei ihren unzulänglichen Versuchen, einen kleinen Zipfel Glück zu erhaschen, gerät Joy, eine junge Frau aus den Londoner Slums, immer wieder an den falschen Mann. Die Abwärtsspirale

nimmt ihren Lauf, bis ihr Sohn verschwindet und Joy sich ansatzweise zu Selbsterkenntnis und zu positiver Lebenseinstellung durchringen kann. Über den Spielfilmerstling des damals 31jährigen Regisseurs schrieb Roger Ebert 1968: «Er könnte der Vorbote einer neuen Ära im neueren britischen Kino sein. Nach dem sozialen Realismus und der Satire kommt hier ein Film daher, (...) der uns gleichermassen aufrütteln, unterhalten und belehren will. Er ist Teil eines neuen Zorns, der sich unter Künstlern in England und Amerika bemerkbar macht.» (Chicago SunTimes, 3.3.1968) «Obschon der Film kommerziell erfolgreich war, betrachtet ihn Loach rückblickend mit grossen Vorbehalten. (...) Er ist sich selbst gegenüber eher unfair. Auch wenn der Film etwas im Thema befangen erscheint, so gelang es Loach doch, den kruden Ton der Situation seiner Heldin zu treffen.» (Jonathan Harker/David Price) 101 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Ken Loach, Nell Dunn, nach dem Roman von Nell Dunn // KAMERA Brian Probyn // MUSIK Donovan // SCHNITT Roy Watts // MIT Carol White (Joy), John Bindon (Tom), Queenie Watts (Tante Emm), Kate Williams (Beryl), James Beckett (Toms Freund), Geraldine Sherman (Trixie), Ellis Dale (Anwalt), Gerald Young (Richter), Terence Stamp (Dave Fuller).

KES GB 1969 REEDITION MIT NEUER KOPIE «Loachs Kes bleibt einer seiner bewegendsten Filme; auch er untersucht soziale und spirituelle Armut und den Kampf um Individualität, wie sie alle seine Filme prägen, aber hier mit dem Gespür eines Kindes für das Lächerliche und Ungerechte. Kes ist die Geschichte des Jungen Billy Casper, ein Schulversager und ewiges Opfer, der durch die Zähmung eines Falken [englisch ‹kes­ trel›] Freiheit und ein Gefühl persönlicher Identität gewinnt. Da er sich der Falknerei mit einer Hingabe widmet, die er in der Schule für nichts aufbringen kann, wird Billy von seinen rotznäsigen Mitschülern und seinem heimtückischen Turnlehrer misshandelt. Nur der heitere Mr. Farthing zeigt Interesse an Billys ausserschulischen Aktivitäten, als er entdeckt, dass dieser scheinbare Nichtsnutz hoch intelligent und engagiert ist. Trotz seinem Mix aus trübem Schulalltag und deprimierendem gesellschaftlichem Kommentar ist Kes wirklich lustig, vor allem, wenn der diktatorische Sudgen ins Bild schreitet. Seine Bot-


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Ken Loach. schaft mag düster sein, aber anders als in einigen seiner späteren Filme lässt Loach hier weder ­Polemik noch Pessimismus eine gute Story überwältigen.» (britmovie.co.uk) Kes wurde vom British Film Institut als einer der zehn besten Filme des Jahrhunderts ausgewählt: «Kes brachte das gesellschaftspolitische Engagement, das Loach in seiner Arbeit für die BBC aufgebaut hatte, auf die grosse Leinwand und trieb den britischen ‹angry-young-man›-Film auf eine neue Ebene der Authentizität, indem er reale Schauplätze und nicht professionelle Schauspieler einsetzte. Loachs packendes Entwicklungsdrama ist immer noch der beliebteste und einflussreichste Film des inzwischen legendären Regisseurs.» (criterion.com) 110 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Barry Hines, Ken Loach, Tony Garnett, nach dem Roman «A Kestrel for a Knave» von Barry Hines // KAMERA Chris Menges // MUSIK John ­Cameron // SCHNITT Roy Watts // MIT David Bradley (Billy Casper), Lynne Perrie (Mrs. Casper), Freddie Fletcher (Jud, Billys Bruder), Colin Welland (Mr. Farthing), Brian Glover (Mr. Sugden), Bob Bowes (Mr. Gryce), Robert Naylor (MacDowell), Trevor Hesketh (Mr. Crossley).

FAMILY LIFE GB 1971 Die ungeplante Schwangerschaft von Janice stürzt eine englische Familie in die Katastrophe. «Sechs Monate aus dem Leben und (seelischen) Sterben eines 19-jährigen Mädchens, das den Mut zur Selbständigkeit nicht aufbringt und unter dem Druck der unverständigen Liebe seiner Eltern und einer traditionellen ärztlichen Behandlung in Schizophrenie versinkt.» (Lexikon des int. Films) «In einer kühlen, distanziert-sachlichen Atmosphäre lässt Loach diese Schreckensvision eines Familienlebens vor dem Zuschauer abrollen. Da ist jedes Detail, jedes Wort, jede Geste von solch schlagkräftiger Beredsamkeit, da springt einem aus jeder Einstellung der faschistoide Grundzug dieses ‹alltäglichen Lebens› mit solch nackter Spontaneität entgegen, dass ein Hitchcock-Thriller nicht schweisstreibender sein kann, mit dem gravierenden Unterschied allerdings, dass man es dort mit reiner Fiktion zu tun hat, während hier einem eine von allen Verstellungskünsten entblösste Wirklichkeit ihre Zähne schmerzvoll, aber auch sehr heilsam ins Fleisch schlägt.» (Stuttgarter Zeitung, 186/1973) 105 Min / Farbe / Digital SD / E/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH David Mercer, nach seinem Theaterstück // KAMERA Charles Stewart // MUSIK Marc Wilkinson // SCHNITT Roy Watts // MIT Sandy Ratcliff (Janice Baildon), Bill Dean

(Janices Vater), Grace Cave (Janices Mutter), Malcolm ­ Tierney (Tim), Hilary Martin (Barbara Baildon), Michael ­ ­Riddall (Dr. Donaldson), Alan MacNaughton (Mr. Caswell).

LOOKS AND SMILES GB 1981 «Loachs Protagonisten sind drei Jugendliche aus Sheffield, die nach Schulabschluss mit dem Elend erzwungenen Nichtstuns konfrontiert werden. Karen begräbt bald einmal ihre Träume von einem qualifizierten Job; Alan wird Soldat, was bedeutet, dass er wenigstens Sold kriegt, dafür aber seinen Kopf in Nordirland hinhalten muss. Mick jedoch hofft auf eine Lehrstelle als Mechaniker, geht fleissig zur Stellenvermittlung und versucht, den Mut nicht zu verlieren.» (Corinne Schelbert, Tages-Anzeiger) Die Begegnung mit Karen in der Disco bringt vorerst Licht in Micks tristen Alltag. «Loachs offener dokumentarischer Blick und sein dramaturgisches Kalkül, sein Realitätssinn und sein Kunstverstand schärfen sich wechselseitig. Weit über den schichtenspezifischen Ansatz und Appell hinaus faszinieren Loachs Figuren elementar als Traumwandler im Überlebenskampf.» (Claudia Hoffmann/Dieter Krauss, Werkschau Ken Loach, Kommunales Kino Villingen-Schwenningen) 104 Min / sw / 35 mm / E/d // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Barry Hines, nach seinem Roman // KAMERA Chris Menges // MUSIK Marc Wilkinson // SCHNITT Steve Singleton // MIT Graham Green (Mick Walsh), Carolyn Nicholson (Karen Lodge), Phil Askham (Mr. Walsh), Pam Darrell (Mrs. Walsh), Tony Pitts (Alan Wright), Roy Hardwood (Phil Adams), Arthur Davies (Eric Lodge, Karens Vater), Tracey Goodlad (Julie), Patti Nicholls (Mrs. Wright), Cilla Mason (Mrs. Lodge), Les Hickin (George), Deirdre Costello (Jenny).

HIDDEN AGENDA GB 1990 «Ein hochkarätiger Polit-Thriller, in dem jedes Bild, jeder Satz, jeder Ton mit frappanter Präzision Loachs Kernthese stützt: Nordirland ist ein Land im Kriegszustand, und an den Briten läge es, ihre Besetzung endlich aufzugeben. Die Handlung – ein Vertreter einer Menschenrechtsorganisation wird im Auftrag des britischen Geheimdiensts umgebracht, seine Frau versucht, die Umstände zu klären – basiert auf realen Ereignissen. (...) Loachs Film wirkt stärker als die Polit-Thriller eines Costa-Gavras in seinen besten Tagen, weil jedes Detail recherchiert scheint und die Sprengkraft


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Ken Loach. des Films nicht zuletzt auf eine hervorragende Besetzung selbst kleinster Rollen zurückzuführen ist.» (Walter Ruggle, Tages-Anzeiger) 108 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Jim Allen // KAMERA Clive Tickner // MUSIK Stewart Copeland // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Frances McDormand (Ingrid Jessner), Brian Cox (Insp. Peter Kerrigan), Brad Dourif (Paul Sullivan), Mai Zetterling (Moa), Maurice Roëves (Harris), Robert Patterson (Ian Logan), Bernard Bloch (Henri), John Benfield (Maxwell), Bernard Archard (Sir Robert Neil).

RIFF-RAFF GB 1991 Eine Gruppe zusammengewürfelter Gelegenheitsarbeiter aus verschiedenen Weltregionen soll unter schwierigen Bedingungen ein Spital renovieren. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Bauarbeiter Stevie, der versucht, für sich und seine drogensüchtige Freundin eine Wohnung in einem heruntergekommenen Sozialbau zu besetzen. Währenddessen kommt es auf der Baustelle zu Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Auftraggebern. «Eine grimmige, aber von grosser Sympathie für die Protagonisten getragene Komödie über den Niedergang der britischen Arbeiterklasse. Eine Momentaufnahme aus scheinbar hoffnungslosen Zeiten, die überzeugend dafür argumentiert, gerade jetzt nicht aufzugeben.» (Lexikon des int. Films) «Der Klassenkampf, Loachs Lieblingsthematik, ist in Riff-Raff natürlich zentral, doch wird er ohne jegliche Didaktik aufgegriffen. Larry etwa wird mit seinen Denunzierungen des Thatcherismus von seinen Freunden auf den Arm genommen – spielend schafft Loach dabei die Balance zwischen Humor und Leid. Dies ist wunderbares, humanistisches Filmschaffen.» (britmovie.co.uk) 95 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Bill Jesse // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK Stewart Copeland // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Robert Carlyle (Stevie), Emer McCourt (Susan), Jim R. Coleman (Shem), George Moss (Mo), Ricky Tomlinson (Larry), David Finch (Kevin), Richard Belgrave (Kojo), Ade Sapara (Fiaman), Derek Young (Desmonde), Bill Moores (Smurph), Peter Mullan (Jake).

lichen Jobs und nicht immer ganz legal aufzubessern. In Schwierigkeiten gerät er, als er seine Tochter Coleen für ihre Erstkommunion ebenso schön ausstaffieren möchte wie all die anderen Mädchen – und er sich in seinem Eigensinn nicht davon abbringen lässt. «Loach beschreibt, in ebenso simplen wie raffinierten kleinen Alltagsszenen, in satirischen Sketches ebenso wie in einer brillanten Dramaturgie der wachsenden Verzweiflung und Aggression, die praktische Hinterlassenschaft eines wirtschaftlichen Darwinismus, wie er im Credo des Thatcherismus besonders giftige Blüten trieb.» (Pia Horlacher, NZZ) 90 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Jim Allen // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK Stewart Copeland // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Bruce Jones (Bob), ­Julie Brown (Anne), Gemma Phoenix (Coleen), Ricky Tomlinson (Tommy), Tom Hickey (Pater Barry), Jonathan James (Tansey), Mike Fallon (Jimmy), Christine Abbott (May), Geraldine Ward (Tracey), William Ash (Joe), Matthew Clucas (Sean).

LADYBIRD LADYBIRD GB 1994 Ladybird Ladybird erzählt im halbdokumentarischen Stil die bewegende Geschichte von Maggie, der im Laufe der Jahre alle Kinder vom britischen Sozialamt weggenommen werden – zu deren Schutz. Im Vorspann betont Loach die Authentizität der Geschichte, was nötig erscheint, wenn das schreiende Unrecht im Laufe von Maggies Geschichte immer unfassbarer wird. Erst eine warmherzige, allerdings nicht ganz einfache Beziehung zu Jorge, einem politisch verfolgten Dichter aus Paraguay, löst einen Veränderungsprozess aus, auch wenn die beiden erst recht in die Mühlen einer unmenschlichen Entmündigungs-Maschinerie geraten. «Ken Loach gelang mit Ladybird Ladybird erneut eine erschütternde Anklage gegen die sozialen Verhältnisse Englands. Loach ist zurzeit wohl die Speerspitze des sozial-engagierten britischen Films. (…) Dabei ist sein Blick scharf für die Situation und sanft zu seinen Figuren.» (Günter H. Jekubzik, filmtabs.de) 101 Min / Farbe / 35 mm / E/d // REGIE Ken Loach // DREH-

RAINING STONES GB 1993

BUCH Rona Munro // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Crissy Rock (Maggie Conlan), Vladimir Vega (Jorge), Sandie Lavelle (Mairead), Mauricio Venegas (Adrian), Ray Winstone (Simon),

Bob Williams, Vater einer katholischen Familie aus Manchester, ist arbeitslos. Das bescheidene Unterstützungsgeld versucht er durch alle mög-

Clare Perkins (Jill), Jason Stracey (Sean), Luke Brown ­(Mickey), Lily Farrell (Serena), Scottie Moore (Maggies Vater), Linda Ross (Maggies Mutter).


> It’s a Free World ....

> Looking for Eric.

> Carla’s Song.

> My Name Is Joe.

> The Wind That Shakes the Barley.


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Ken Loach.

LAND AND FREEDOM

MY NAME IS JOE

GB 1995

GB/Spanien/Italien 1998

Eine «Geschichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg»: Jene von David, der sich als Arbeitsloser im Frühjahr 1936 aus Liverpool nach Spanien aufmachte, um die Republik gegen den Faschismus zu verteidigen. «Seit Land and Freedom denke ich, dass Loach nicht nur ein guter und anständiger, sondern auch ein grossartiger Filmemacher ist, der uns mit seiner Prätentions- und Kunstlosigkeit an der Nase herumgeführt hat. Bestimmt ist Land and Freedom sein kühnstes Werk, sein ambitioniertestes Projekt mit einem grossen, über die britische Misere hinausgehenden Thema: der Verrat nämlich an der Weltrevolution. (...) Grosses, entfesseltes Kino eines, der die Botschaft schon längst im Sack und das Publikum auf seiner Seite hat.» (Corinne Schelbert, WoZ)

«‹My name is Joe and I’m an alcoholic.› Joe Kavanagh wird nicht müde, diese Worte zu wiederholen. Er gibt sie nicht zerknirscht von sich, sondern durchaus selbstbewusst, schliesslich ist er seit fast einem Jahr ‹trocken›, und das Bekenntnis zur Krankheit gehört zur Therapie. Joe steht wieder mit beiden Beinen im Leben, zumindest soweit, wie es eine Existenz im Glasgower Arbeiter- und Arbeitslosen-Vorort Ruchill zulässt, dessen Bewohner weitgehend von der Sozialhilfe leben. Die einzige Flucht vor dem tristen Alltag stellen Training und Spiele einer hoffnungslos überforderten Fussballtruppe dar, die sich immerhin den Luxus leistet, in den Trikots der deutschen Weltmeisterschaftsmannschaft von 1974 zu spielen. Joes Leben indes ist im Lot, und als er die Sozialarbeiterin Sarah kennenlernt, die die Familie von Liam – einem seiner Spieler, dessen Frau heroinsüchtig ist –, betreut, ist durchaus Platz für Hoffnung in seinem Leben.» (Hans Messias, film-dienst, 1/1999) «Loach erzählt die Geschichte mit viel Wärme und Humor sowie jener Prise bitterem Realismus, welche viele britische Filme auszeichnet.» (SonntagsZeitung)

109 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Jim Allen // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Ian Hart (David Carr), Rosana Pastor (Blanca), Icíar Bollaín (Maite), Tom Gilroy (Lawrence), Marc Martínez (Juan Vidal), Frédéric ­ ­Pierrot (Bernard Goujon), Suzanne Maddock (Kim, Davids Enkelin), Angela Clarke (Kitty).

105 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK

CARLA’S SONG GB 1996 «Mitte der achtziger Jahre verliebt sich ein schottischer Busfahrer in eine junge Frau aus Nicaragua, die nach einem Contra-Angriff aus dem Land geflüchtet ist. Er reist mit ihr in ihre Heimat, auf der Suche nach ihrer dort zurückgelassenen Liebe. Auf der Reise wird der politisch ahnungslose Brite mit der jüngsten Geschichte Nicaraguas konfrontiert. Ken Loachs starker Film erzählt vom Kampf der Sandinisten gegen die amerikanisch unterstützten Contras, aber auch von den Schwierigkeiten, sich auf andere Kulturen einzulassen.» (Lexikon des int. Films) 127 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Robert Carlyle (George Lennox), Oyanka Cabezas (Carla), Scott Glenn (Bradley), Gary Lewis (Sammy), Salvador Espinoza (Rafael), Stewart Preston (McGurk), Margaret ­ ­McAdam (Georges Mutter), Pamela Turner (Eileen), Louise Goodall (Maureen), Subash Singh Pall (Victor), Richard Loza (Antonio).

George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Peter ­Mullan (Joe Kavanagh), Louise Goodall (Sarah Downie), Gary Lewis (Shanks), Lorraine McIntosh (Maggie), David McKay (Liam), Anne-Marie Kennedy (Sabine), Scott Hannah (Scott), David Peacock (Hooligan), Gordon McMurray (Scrag), Paul Clark (Zulu).

BREAD AND ROSES GB/Frankreich/Deutschland 2000 Mit Hilfe einer Menschen-Schmuggler-Bande lässt Maya ihr Heimatland Mexiko hinter sich, um sich in Los Angeles dem Traum von einem neuen, besseren Leben anzunähern. Vorerst kommt sie bei der Familie ihrer Schwester Rosa unter, die ihr auch einen Job vermitteln kann. Doch als illegale Immigrantin erlebt sie vor allem Ausbeutung und Unterdrückung. Durch Sam, einen jungen Gewerkschafter, wird ihr die ausbeuterische Situation erst richtig bewusst und sie entscheidet sich, nicht einfach klein beizugeben. «Reale Grundlage für Loachs packendes Melodrama war ein Streik von Einwanderinnen, die sich 1999 mit ihrem Arbeitskampf sozialen Schutz


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Ken Loach. erkämpften. (…) Laverty hat ein Drehbuch geschaffen, welches über die Dramatisierung eines individuellen Schicksals die Augen für soziale und politische Zusammenhänge öffnet. Dabei ist die Vitalität der vielen mexikanischen LaiendarstellerInnen auch in der Fiktion hautnah zu spüren.» (Programmheft Xenix, Mai 2008) 110 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Pilar ­Padilla (Maya), Adrien Brody (Sam Shapiro), Elpidia Carrillo (Rosa), Jack McGee (Bert), Monica Rivas (Simona), Frankie Davila (Luis), Lillian Hurst (Anna), Mayron Payes (Ben), Maria Orellana (Berta), Melody Garrett (Cynthia).

THE NAVIGATORS GB/Deutschland/Spanien 2001 «Mit einem Blick von innen nimmt Loach diesmal in gewohnt sozialkritischer Manier und mit gewitztem Ton die Schicksale englischer Bahnarbeiter rund um die Privatisierung von ‹British Rail› ins Visier. Das Drehbuch für The Navigators schrieb einer, der die Verhältnisse genau kannte: Rob Dawber arbeitete 18 Jahre bei ‹British Rail› und er war Gewerkschaftsvertreter – er starb letztes Jahr an Krebs durch Asbest auf den Geleisen. Für den Trupp der Bahnarbeiter in The Navigators – sie werden allesamt von Komikern, Kabarettisten und Kleindarstellern aus der Gegend von Sheffield, wo der Film auch spielt, dargestellt – sind die Folgen der Privatisierung verheerend: Sie haben keinen sicheren Job mehr, sie müssen ohne die gängigen Sicherheitsvorkehrungen arbeiten, Ferien- und Krankentage sind gestrichen, und ehemalige Teamkollegen sind nun plötzlich Konkurrenten. Jedenfalls krempeln die neuen Herren der privatisierten britischen Bahngesellschaften alles um und erlassen die absurdesten Bestimmungen.» (Jana Ulmann, Basellandschaftliche Zeitung, 28.3.2002) «The Navigators ist ein höchst politischer Film, der vom Niedergang der Arbeitsbedingungen erzählt, seinem Publikum jedoch die Lust auf das Lachen und das Leben nicht verleiden will.» (Rolf Niederer, NZZ, 28.3.2002) 96 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Rob Dawber // KAMERA Barry Ackroyd, Mike Eley // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Dean Andrews (John), Thomas Craig (Mick), Venn Tracey (Gerry), Joe Duttine (Paul), Steve Huison (Jim), Andy Swallow (Len), Sean Glenn (Harpic), Charlie Brown (Jack), Juliet Bates (Fiona), John Aston (Bill Waters), Graham Heptinstall (Owen), Angela Saville (Tracy).

SWEET SIXTEEN GB/Deutschland/Spanien 2002 «Liam ist 15: Gemeinsam mit seiner Schwester Chantelle und ihrem kleinen Sohn wohnt er in einer schottischen Arbeitersiedlung. Seine Mutter sitzt wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis, soll aber in wenigen Monaten wieder entlassen werden. Vom Freund seiner Mutter wird Liam gezwungen, Drogen in die Haftanstalt zu schmuggeln. Als er sich weigert, bezieht er Prügel. Doch Liam bleibt standhaft. Er träumt von einer besseren Zukunft für seine Familie. Ein kleiner Wohnwagen auf dem Land mit Meerblick erfüllt seine bescheidenen Vorstellungen vom Glück. Als er ihn entdeckt und sieht, dass er zum Verkauf steht, ist er fest entschlossen, das dazu nötige Geld aufzutreiben.» (Stefan Volk, film-dienst, 1/2002) «Es gibt keinen anderen Regisseur, der sich so konsequent als Anwalt der Unterdrückten und Chronist sozialer Missstände versteht wie der Brite Loach. Es gibt aber auch keinen, der dabei weniger Mitleid schindet. Zwar ist ihm und seinem Drehbuchautor Paul Laverty die Sympathie hochwillkommen, die Liam, mit lodernder Energie verkörpert von Martin Compston, auf sich zieht. (...) Aber Regie und Drehbuch unterschlagen nicht, wie verhängnisvoll Liams Träume sind, indem sie keine Grenzen kennen zwischen Zweck und Mittel und so gut wie alle Werte, wenn’s nottut, ins Gegenteil verkehren.» (Hans-Dieter Seidel, FAZ, 24.6.2003) 106 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Martin Compston (Liam), William Ruane (Pinball), Annmarie Fulton (Chantelle), Michelle Abercromby (Suzanne), Michelle Coulter (Jean), Gary McCormack (Stan), Tommy McKee (Rab), Robert Rennie (Scullion), Martin McCardie (Tony).

AE FOND KISS … GB/Belgien/Italien 2004 «Magisch werden die selbstbewusste Klavierlehrerin Roisin und der charmante DJ Casim voneinander angezogen. Sie ist Katholikin, er der Sohn pakistanischer Muslime. Während auf emotionaler Ebene ihrer Beziehung nichts im Wege steht, werden die kulturellen und religiösen Differenzen zunehmend zum Problem. Casim, der als ‹Secondo› ein Leben zwischen zwei Welten führt, soll nach dem Willen seiner Eltern eine Cousine heiraten; er muss sich für einen persönlichen Weg zwischen Tradition und Assimilation entscheiden.» (Nicole Hess, Tages-Anzeiger, 9.9.2004)


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Ken Loach. «Ae Fond Kiss … ist eine mitreissende Geschichte über Ehre, Etikette, Kultur und verletzten Stolz. Und Ken Loach versteht es einmal mehr, dem Zuschauer eine differenzierte Sicht der Dinge aufzuzeigen und mögliche Vorurteile abzubauen.» (Ottokar Schnepf, Baslerstab, 8.9.2004) 104 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Atta Yaqub (Casim Khan), Eva Birthistle (Roisin Hanlon), Ahmad Riaz (Tariq Khan), Shamshad Akhtar (Sadia Khan), Shabana ­ Akhtar Bakhsh (Tahara Khan), Ghizala Avan (Rukhsana Khan), David McKay (Wee Roddie), Raymond Mearns (Big Roddie), Gary Lewis (Danny), Emma Friel (Annie), Karen ­Fraser (Elsie).

THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY Irland/GB/Deutschland 2006 «Am Schicksal zweier Brüder, Damien und Teddy, blenden Loach und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty zurück in die Geburtsstunden der IRA, die als Reaktion auf die von der britischen Regierung mit eiserner Faust betriebene Politik der Verhinderung irischer Unabhängigkeit erscheint. Der erkämpfte anglo-irische Vertrag von 1921 liess auf der Insel einen Bürgerkrieg aufflammen, der buchstäblich Brüder zu Todfeinden machte. Das ist die Geschichte von Teddy und Damien nach ursprünglich gemeinsamen Kampf.» (Martin Walder, NZZ, 12.6.2006) «The Wind That Shakes the Barley spielt auf dem Land, wo die grossen Kämpfe in kleinem Rahmen stattfinden. Endlich einmal tritt bei Loach die Natur in den Vordergrund. Inmitten der imposanten grünen Hügel wirken die Menschen seltsam verloren wie Störenfriede gegen die überzeitliche Ruhe des Landes. (...) Es gelingt ihm, das historische Drama so sehr zu konzentrieren, dass man darin Hoffnung und Schrecken einer Befreiungsbewegung beispielhaft nachempfinden kann.» (Merten Worthmann, Die Zeit, 20.11.2008) 127 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Cillian Murphy (Damien O’Donovan), Padraic Delaney (Teddy O’Sullivan), Liam Cunningham (Dan), Orla Fitzgerald ­(Sinead), Mary O’Riordan (Peggy), Mary Murphy (Bernadette), L ­ aurence Barry (Micheail), Damien Kearney (Finbar), Frank Bourke (Leo), Myles Horgan (Rory), Martin Lucey (Congo).

IT’S A FREE WORLD … GB/Italien/Deutschland 2007 «Angie ist zwar ein Kind der Arbeiterklasse, aber auch ein Kind ihrer Zeit – mit dreissig ziemlich genauso alt wie das neue Grossbritannien der gnadenlosen Frau Thatcher und ihrer Nachfolger, die mit der Zerschlagung der Working Class auch gleich alle Werte von Anstand und Solidarität entsorgt haben. Angie, sozialisiert im Zeitgeist des ‹Jeder für sich und Gott gegen alle›, ist tough und nicht auf den Kopf gefallen. Sie wird Startup-Unternehmerin. Bald vermittelt sie halblegale und illegale Arbeitsuchende aus dem Osten auf eigene Rechnung. Und legt dabei schnell ab, was im Getriebe der mit Gier geölten Wirtschaft nur als Sand empfunden wird: Mitleid, Skrupel, moralisches Empfinden.» (Pia Horlacher, NZZ, 9.3.2008) «Am Puls der Zeit und als einer der kompromisslosesten Vertreter des traditionsreichen sozialrealistischen Kinos Grossbritanniens» (Susanne Ostwald, NZZ, 13.3.2008) skizziert Loach als Beobachtender eindringlich Angies Schicksal. 96 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Nigel Willoughby // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Kierston Wareing

(Angie),

Juliet

Ellis

(Rose),

Leslaw

Zurek

(Karol), Joe Siffleet (Jamie), Colin Coughlin (Geoff), Maggie Russell (Cathy), Raymond Mearns (Andy), Davoud Rastgou (Mahmoud), Mahin Aminnia (Mahin, Mahmouds Frau).

LOOKING FOR ERIC GB/Frankreich/Italien 2009 Während Briefträger Eric in seinem Schlafzimmer heimlich einen Joint seines Sohnes raucht, um den Mühen des Lebens für einen Moment zu entschwinden, erscheint ihm sein Idol, Fussballstar Eric Cantona höchstpersönlich. Mit Lebensweisheiten wie «Wer sich vor dem Würfeln fürchtet, wird nie einen Sechser werfen», beginnt dieser, Eric langsam wieder aufzubauen. «Das Team Laverty-Loach bringt es immer wieder fertig, sein klassisches Thema von der Solidarität der kleinen Leute zu variieren. (…) All die bekannten Elemente der besten Filme von Loach sind in dieser Komödie vereinigt: Der kleine Mann, der seinen Mut erst wieder finden muss, seine Freunde, die da sind, wenn er sie braucht, Fussball, Pub, eine Liebesgeschichte und ein soziales Umfeld, das echt und zeitgenössisch gezeichnet ist. (…) Szenenapplaus ist selten in Cannes, dieser Film hat ihn gleich ein paar Mal ausgelöst. Dazu konstantes Lachen über die


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Ken Loach. wirklich drolligen Einfälle, welche samt und sonders einer sorgfältigen und klugen Figurenzeichnung zu verdanken sind.» (Michael Sennhauser, sennhausersfilmblog.ch, 18. 5.2009)

vor Williams (Nelson), Stephen Lord (Steve), Russel Anderson (Tommy), Jamie Michie (Jamie), Najwa Nimri (Marisol).

THE ANGELS’ SHARE

116 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREH-

GB/Frankreich/Belgien 2012

BUCH Paul Laverty // KAMERA Barry Ackroyd // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Steve Evets (Eric Bishop), Eric Cantona (er selbst), Stephanie ­Bishop (Lily), Gerard Kearns (Ryan), Stefan Gumbs (Jess), Lucy-Jo Hudson (Sam), John Henshaw (Meatballs), Justin Moorhouse (Spleen), Des Sharples (Jack), Greg Cook (Monk), Mick Ferry (Judge).

ROUTE IRISH GB/Frankreich/Italien 2010 «Es geht um private Söldner in Irak, um Sicherheitsfirmen, die für Regierungen den Krieg privatisiert haben. Konkret um zwei Jugendfreunde, die bei so einer Truppe gelandet sind. Der eine kommt zerfetzt im Sarg nach Hause, der andere, der schon früher ausgestiegen ist, glaubt nicht, dass sein Freund ‹normalen› Umständen zum Opfer gefallen ist. Der Film, den Laverty und Loach offensichtlich inner kürzester Zeit auf die Beine gestellt haben, ist brandaktuell, nachdem Anfang April der Skandal um die US-Helikopterbesatzung, die einen Reuters-Journalisten zusammen mit Dutzenden von Zivilisten niedergemäht hatten, via Video und Wikileaks an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Denn um ein solches Video dreht sich Route Irish, ein Handy-Video von einer Szene, in der die Söldner der privaten Firma ein Taxi mit zwei Kindern drin mit Kugeln durchsieben. Einer der Söldner (…) rekonstruiert nun die ganze Geschichte mit Hilfe der Freundin des Toten, via Skype mit Kollegen in Irak, einer Barfrau in Ibiza, via Telefon und Mobiltelefon.» (Michael Sennhauser, sennhausersfilmblog.ch, 20.5.2010) «Loach filmt, was er schon immer gefilmt hat: Die Beziehungen der Klassen untereinander, die Emanzipation aus einem System, einer Kaste. Die Kraft von Route Irish kommt anderswo her, indem der filmische Raum de-territorialisiert wird. Liverpool wird zu Bagdad. (…) Krieg ist ein Job wie jeder andere, und man stirbt nur noch, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.» (Thomas Pietrois-Chabassier, Les Inrocks) 109 Min / Farbe / Digital HD / E/e // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Chris ­Menges // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Mark Womack (Fergus), ­Andrea Lowe (Rachel), John Bishop (Frankie), Geoff Bell (Walker), Jack Fortune (Haynes), Talib Rasool (­Harim), Tre-

Durch Zufall wird Robbie, ein arbeitsloser junger Hitzkopf aus Glasgow, in die Geheimnisse des Whiskys eingeführt. Obwohl er eigentlich seinem neugeborenen Sohn zuliebe «vernünftig» werden wollte, reift beim Besuch einer Distillerie eine Idee, für die Robbie bereit ist, ein letztes grosses Risiko in Kauf zu nehmen. «Auch das jüngste Werk vom britischen Altmeister des sozialkritischen Films lebt nicht ­zuletzt von der Unmittelbarkeit der Schauspielerei seiner Laiendarsteller, denen sich einige ­‹Gelernte› hinzugesellen und die der Regisseur durch ‹konstruktiven Druck› antreibt, wie er sagt. Loach bewegt sich in seinem jüngsten Film spielerisch zwischen den Genres, bedient sich ­eines pseudodokumentarischen Sozialrealismus ebenso wie der Erzählkonventionen des HeistMovies, das von genial ausgeheckten Coups wie in The Sting oder How to Steal a Million handelt.» ­(Susanne Ostwald, NZZ, 28.11.2012) 101 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Ken Loach // DREHBUCH Paul Laverty // KAMERA Robbie Ryan // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris // MIT Paul Brannigan (Robbie), John Henshaw (Harry), Roger Allam (Thaddeus), Gary Maitland (Albert), Siobhan Reilly (Leonie), Jasmin ­Riggins (Mo), William Ruane (Rhino), Scott Dymond (Willy), Scott Kyle (Clancy), James Casey (Dougie), Gilbert Martin (Matt).

THE SPIRIT OF ’45 GB 2013 PREMIERE In seinem Dokumentarfilm zeigt Loach, wie die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs in Grossbritannien Energien für gesellschaftliche Veränderungen freisetzten – und was Thatcher daraus gemacht hat. «Loachs Film ist eine Feier und eine Klage. Mit Interviews, Archivmaterial und Ausschnitten aus dem reichhaltigen dokumentarischen Erbe jener Zeit feiert er den Moment des Idealismus, als die demobilisierten Truppen aus dem Krieg zurückkehrten, ‹durchdrungen vom Geist, dass alles möglich ist›. (...) Was bei den Aussagen der Zeitzeugen, die Loach zusammengestellt hat, am meisten auffällt, ist das Gefühl von totaler Identifikation, der tiefe persönliche Stolz, mit dem die


Ken Loach. Entwicklungen der Nachkriegs-Welt die Menschen erfüllte. (...) Loach hat diese Themen früher schon gestreift, (...) etwa die Privatisierung der Eisenbahn in The Navigators (2001), doch The ­Spirit of ’45 ist bis heute seine umfassendste Darstellung von dem, was im Nachkriegs-England ­erreicht und dann, vier Jahrzehnte später, systematisch ausgehöhlt wurde – ausgehöhlt von genau den Leuten, ‹die damit aufgewachsen sind und vom System profitiert haben›.» (Philip Kemp, Sight & Sound, 15.3.2013) «Man darf es nicht laut sagen, aber Loachs aufwühlender Dokumentarfilm über Ursache und Wirkung des Nachkriegs-Wahlsiegs von Labour schlägt alle seine jüngsten Spielfilme – es ist vermutlich sein bester Film seit Sweet Sixteen. (...) Zuschauer mit einem anderen Parteibuch werden sofort über den Mangel an Ausgewogenheit maulen – so werden die Gewerkschaften nur mit verehrenden Worten genannt –, aber von einem Loach-Film Ausgewogenheit zu erwarten, hiesse, von einer Ziege den Handstand zu verlangen. Das

> The Spirit of ’45.

Archivmaterial, das seine Mitarbeiter über den Eifer und Unternehmungsgeist ausgegraben haben, der in jenen Labour-Jahren Britannien mitriss, ist grossartig. Wenn er Themen anpackt, die wirklich die Leidenschaften entfachen, wie die Gründungsprinzipien des nationalen Gesundheitssystems NHS und dessen allmähliche Privatisierung, die seine Zukunft bedroht, erinnert uns der Film auf heilsame Weise daran, wozu es Ken Loach braucht.» (Tim Robey, The Daily Telegraph, 15.3.2013) 94 Min / Farbe + sw / DCP / E/d // DREHBUCH UND REGIE Ken Loach // MUSIK George Fenton // SCHNITT Jonathan Morris.

Die Retrospektive Ken Loach entstand in Zusammenarbeit mit dem Stadtkino Basel, wo die Loach-Filme im Februar zu sehen sind.

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19 Stummfilmfestival 2014

Filmjugendliches Feuerwerk Zum elften Mal widmet das Filmpodium dem Stummfilm ein Festival. Seit 2012 bildet es im Januar zugleich den Auftakt zur permanenten Filmgeschichtsreihe «Das erste Jahrhundert des Films». Die Jahrgänge 1914 und 1924 sind diesmal der Programmschwerpunkt innerhalb eines Festivalangebots, das mit einer Reihe weiterer visueller und musikalischer Highlights aufwartet. Die Zehnersprünge erlauben jeweils eine Art Bilanz, wie sich das Kino im dazwischenliegenden Jahrzehnt verändert hat. In der Zeit der jungen, sich rasant entwickelnden Kinematografie sind es Riesenschritte. Den vollen Genuss des Ideen- und Formenreichtums, mit dem uns die Filme der ersten Jahrzehnte beglücken, verbaut man sich jedoch, wenn man in ihm nur eine «primitive» Vorstufe zu den visuellen und narrativen Standards des späteren Tonfilms sieht. Das Fehlen einer synchronen Tonaufzeichnung und die dadurch bedingte «Stummheit» der Figuren standen in eklatantem Kontrast zur Realitätsillusion, wie sie die Fototechnik der Filmkamera mit ihrer getreuen Ab­ bildung der äusseren Wirklichkeit schuf. So bewegten sich die Filme der Stummfilmzeit permanent in diesem Spannungsfeld zwischen der «pantomimischen» Künstlichkeit und dem fotografischen Naturalismus. Daraus entstanden Ausdrucksformen, die teilweise zu höchster künstlerischer Perfektion entwickelt wurden. Nach dem Einzug des Tons gerieten sie jedoch weitgehend in Vergessenheit – das Stummfilmfestival lässt erahnen, wie viel da verloren ging. Die berühmteste, bis heute beliebte Stummfilmgattung war der USamerikanische Slapstick, vor allem in seiner raffiniertesten Spielart, wie wir sie in den fast tänzerisch eleganten Pantomimen Chaplins finden (dessen erste Filmauftritte 1914 stattfanden und der 1924 mit The Gold Rush eines seiner Meisterwerke drehte). In der Sowjetunion suchten derweil junge Filmschaffende auf ihre Weise nach Wegen, im Kino den vom Theater herrührenden naturalistischen Schauspielstil zu überwinden. Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg etwa gründeten die «Fabrik des exzentrischen Schauspielers» (FEKS); in ihrem Film Der Mantel (1926) erscheint das hoch artifizielle Spiel >

The Docks of New York, feine Studie in Schwarz-Weiss-Fotografie und packende Liebesgeschichte

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C  abiria, legendärer Monumentalfilm um Sklavenhandel, Seeräuber und Rettung in höchster Not


20 der aus dieser Schule hervorgegangenen Darsteller ebenso sehr vom Zirkus beeinflusst wie vom deutschen Expressionismus. Was in den Stummfilmjahren kontinuierlich erweitert und perfektioniert wurde, sind die filmischen Techniken und ihre künstlerische Anwendung. Bei aller Willkürlichkeit, die den Jahrzehntsprüngen anhaftet, sind sie doch im diesjährigen Stummfilmfestival von besonderer Bedeutung: Cabiria (Italien 1914) stand am Anfang einer Entwicklung, die mit Der letzte Mann (Deutschland 1924) ihre entscheidende letzte Stufe erklomm: Die Kamera löste sich aus den Fesseln des Stativs und verabschiedete sich vom unveränderlichen Blickpunkt des Theaterzuschauers in der 7. Reihe. Nicht, dass sie das zuvor nie getan hätte: Schon die Lumière-Kameraleute stellten ihren Apparat mal auf die Plattform einer Strassenbahn oder bestiegen damit ein Schiff, die Fahrt dieser Vehikel für erste «Travellings» nutzend. Die wachsende Beweglichkeit der Kamera resultierte nicht nur aus technischen Neuerungen, sie ging einher mit der zunehmenden Vertrautheit des Publikums mit der Variation filmischer Einstellungsgrössen und dem dadurch wachsenden Vertrauen der Filmemacher in die Bereitschaft der Zuschauer, solche Standpunktveränderungen zu akzeptieren. 1914 war es für die Filmregisseure Standard, eine handelnde Person dem Zuschauer dadurch näherzubringen, dass diese sich auf die Kamera zubewegte, oder durch einen Schnitt, der es erlaubte, die Kamera zwischen den Takes näher bei den Darstellern aufzustellen. Die Neuerung in Cabiria bestand in einem «carrello», der es der Kamera ermöglichte, in einer diagonal zum Dekor verlaufenden Fahrt dieses und die davor agierenden Darsteller nach und nach grösser ins Bild zu bringen. In den USA machten diese Fahrtaufnahmen derart Furore, dass man sie in der Folge als «Cabiria movement» bezeichnete; ihr Einfluss lässt sich bei David W. Griffith wie Cecil B. DeMille nachweisen. So ist Giovanni Pastrones Monumentalfilm nicht zuletzt für die erste systematische Verwendung des «Travellings» als filmisches Gestaltungsmittel in die Filmgeschichte eingegangen. Friedrich Wilhelm Murnau und sein Kameramann Karl Freund haben zehn Jahre später diese Kamerabewegungen konsequent zur Gestaltung von Der letzte Mann eingesetzt und sich darüber hinaus neue ausgedacht: die Kamera, die den Helden umkreist oder an einer Art Seilbahn zwischen dem Fenster eines Mietshauses und dem darunterliegenden Hof vermittelt. Ihre «entfesselte Kamera» wurde zu einem weiteren Meilenstein in der Entwicklung der Filmtechnik und ihres kreativen Einsatzes. Die Bereicherung der gestalterischen Möglichkeiten sollte man, so augenfällig ihre Resultate im Einzelfall sein mögen, nicht unbedingt gleichsetzen mit Fortschritt im Sinn künstlerisch stärkeren Ausdrucks. Dies zu verdeutlichen gehört zu den Reizen des Vergleichs, zu dem der Blick auf den Filmjahrgang 1924 einlädt. So ist das schwedische Epos Gösta Berlings saga – abge-


21 sehen von den Schlittenfahrten – noch grösstenteils mit unbewegter Kamera gedreht, und doch beeindrucken Mauritz Stiller und sein Kameramann Julius Jaenzon mit unglaublicher Intensität. In Hollywood war man dafür nicht blind: Stiller und etwas später Murnau gehörten zu den europäischen Talenten, die nach Amerika wegengagiert wurden. Wie auch ihre Darsteller Emil Jannings und Greta Garbo. Ob bewegt oder statisch, ob in stilisierter Künstlichkeit oder abbildender Realitätsillusion, ob komisch oder tragisch, all diese Filme, vom Kammerspiel bis zur Monumentalhistorie, werden in der Aufführung erst zum lebendigen heutigen Erlebnis durch die Musikbegleitung. Für diese hat das Filmpodium – neben seinen bewährten hochkarätigen Hauspianisten – einmal mehr einige der weltweit besten Spezialistinnen und Spezialisten engagiert, die solo, zu zweit oder als kleines Orchester auftreten. Sie sorgen dafür, dass die Kinobegegnung mit der «stummen» Filmkunst auf der Leinwand zum einmaligen Live-Erlebnis wird. Martin Girod

Für die Unterstützung des Stummfilmfestivals danken wir

Hinweis: Im Juni 2014 zeigen wir aus Anlass des hundertjährigen Gedenkens an den Ersten Weltkrieg weitere Filme von 1914; im Herbst ist ein Programm mit Filmen aus dem Jahr 1904 vorgesehen.

> Blackmail.


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Stummfilmfestival 2014.

CABIRIA Italien 1914 «Kein Film in der Geschichte des italienischen Stummfilms war annähernd so wichtig und so erfolgreich wie Cabiria. (…) Heute gilt er als eines der folgenreichsten Werke in der Geschichte des Films als Kunst und Unterhaltung.» (Alberto Barbera) Eine junge Römerin wird während des Dritten Punischen Kriegs von Seeräubern gefangen genommen und als Sklavin nach Karthago verkauft, wo sie im Laufe abenteuerlicher Verwicklungen mehrfach von dem römischen Patrizier Fulvio und dessen Diener, dem Kraftprotz Maciste, gerettet werden muss. Der Film ist ein unerreichtes Beispiel von Grössenwahn und Bescheidenheit zugleich: Mit einer Filmlänge von drei Stunden, mit dem zwanzigfachen Budget einer damaligen Normalproduktion und Aussenaufnahmen in den Alpen und in Tunesien stellte das Spektakel alles in den Schatten, was man zuvor im Kino gesehen hatte. Mit Gabriele D’Annunzio, der für das Drehbuch zeichnete (obwohl nur die Zwischentitel und die Namen der Figuren von ihm stammten) und der Verpflichtung des Komponisten Ildebrando Pizzetti (der schliesslich nur eine 11-minütige Komposition beitrug) wurde zugleich höchstes künstlerisches Prestige angestrebt. Giovanni Pastrone versteckte sich als Autor hinter D’Annunzio und für die Regie hinter dem Pseudonym Piero Fosco. Der Film und seine Figuren wurden zur Legende; der populäre Maciste wurde in unzähligen Sequels vermarktet und sein Gebaren fand sogar einen Nachahmer in einem – leider ebenfalls erfolgreichen – italienischen Politiker. (meg) 166 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Giovanni Pastrone // KAMERA Segundo de Chomón, Giovanni Tomatis, Augusto Battagliotti // MIT Lidia Quaranta (Cabiria), Italia Almirante Manzini (Sophonisba), Umberto Mozzato (Fulvio Axilla), Bartolomeo Pagano (Maciste), Raffaele Di Napoli (Bodastoret), Gina Marangoni (Croessa), Dante Testa (Karthalo), Emilio Vardannes (Hannibal). DO, 23. JAN. | 20.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH

GLI SPAZZACAMINI DELLA VAL D’AOSTA Italien 1914 Soziale Melodramen waren in den 1910er Jahren beliebte Filmstoffe; besonders zahlreich waren die Dickens-Verfilmungen. Die Turiner Pasquali Filmproduktion hat ein ähnlich gelagertes Thea-

terstück von Giovanni Sabbatini zum Ausgangspunkt genommen. Es behandelt – wie Lisa Tetzners und Kurt Helds bei uns bekannteres Buch «Die schwarzen Brüder» – das Schicksal der Kaminfegerjungen. Eine einzige Kopie dieses Films hat überlebt, diese enthielt aber die originalen Einfärbungen durch Tinting (Einfärben des Trägermaterials) und Toning (Farbveränderung der Silberschicht). Davon ausgehend wurde der Film 2010 restauriert. (meg) «Das Phänomen der Kaminfegerjungen war im 16. und 17. Jahrhundert in Europa weitverbreitet, besonders stark in Norditalien, wo sich diese Praxis noch lange hielt und erst während des Zweiten Weltkriegs verschwand. Die in diesem Gewerbe eingesetzten Kinder (meist zwischen 6 und 12 Jahren) kamen aus den ärmsten Tälern der Alpenregion. (…) Obwohl Sabbatinis Drama 1854 erschienen ist, sind die Kostüme und die städtische Szenerie des Films zeitgenössisch von 1914. Paradisis brennende Sorge um den andauernden Missbrauch der Kaminfegerjungen ist in seiner streckenweise fast dokumentarischen Schilderung offensichtlich.» (David Robinson, Katalog Pordenone 2012) Im Vorprogramm zwei fast gleichzeitig entstandene filmische Armutsdarstellungen: The Little Match Girl (frei nach Hans Christian Andersen; Regie: Percy Nash, GB 1914) und Christmas Day in the Workhouse (Regie: George W. Pearson, GB 1914). Dauer: ca. 24 Min. ca. 55 Min / Farbe / 35 mm / Stummfilm, ital.+engl. Zw’titel // ­REGIE Umberto Paradisi // nach dem Theaterstück von ­Giovanni Sabbatini // MIT Giovanni Cimara (Graf Federico ­Alberici), Laura Darville (Pina), Tonino Giolino (Tonino). FR, 17. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ

THE IMMIGRANT USA 1917 Chaplins Kurzfilme hielt man grösstenteils für wohlbekannt. Seit einigen Jahren läuft jedoch ein gross angelegtes Restaurierungsprojekt, das Verblüffendes zutage fördert: Viele dieser Filme sind, um sie tauglich zu machen für ein Familienund Kinderpublikum, verstümmelt worden. Nun werden sie nach und nach wieder in ihrer ursprünglichen Respektlosigkeit sichtbar. «Ein Meisterwerk der Komik, dessen Ironie, Satire und Mitgefühl noch immer überzeugen.» (David Robinson: Chaplin – Sein Leben, seine Kunst, Diogenes 1993) ca. 30 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, engl. Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Charles Chaplin // KAMERA Roland H. Totheroh // MIT Charles Chaplin (Einwanderer), Edna Pur-


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Stummfilmfestival 2014. viance (Einwanderin), Kitty Bradbury (ihre Mutter), Eric Campbell (Kellner), Albert Austin (Restaurantgast), Henry Bergman (Maler), John Rand (mittelloser Betrunkener). SA, 4. JAN. | 20.45 UHR (ZUSAMMEN MIT DER MANTEL) LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL & CELLO8CTETT, AMSTERDAM

DER LETZTE MANN Deutschland 1924 «Wie kein anderes Werk gilt Der letzte Mann als Vollendung der deutschen Filmklassik.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films) «Die Geschichte vom sozialen Abstieg des stolzen Portiers vor dem Hotel Atlantic zum Toilettenwärter, der mit seiner Uniform auch die Achtung seiner Familie und Umwelt verliert. (…) Weder die Tatsache, dass Der letzte Mann fast ohne erklärende Zwischentitel auskommt, noch die ‹entfesselte Kamera› Karl Freunds sind neu in diesem Film. Aber wie Murnau die drehende, schwebende oder schwingende Kamera einsetzt, ist einzigartig.» (Joachim Paech, in: Metzler Film Lexikon) «Die Kamera verharrte nicht mehr konventionell auf einem Stativ, sie wurde zu einer handelnden Person des Dramas.» (Marcel Carné, in: Cinémagazine, 1929) «In den alten italienischen Filmen hatte die Fahrtaufnahme vor allem die Bedeutung der Bauten zu unterstreichen. [Hier] wurde sie zu einem Mittel des psychologischen Ausdrucks. (…) Der letzte Mann wurde überall als Meisterwerk begrüsst; er war Höhepunkt und Ende der Kammerspielära.» (Georges Sadoul: Geschichte der Filmkunst) ca. 90 Min / sw / DCP / Stummfilm, dt. Zw’titel // RESTAURIERTE FASSUNG, 2003 // REGIE Friedrich Wilhelm Murnau // DREHBUCH Carl Mayer // KAMERA Karl Freund // MIT Emil Jannings (Hotelportier), Maly Delschaft (seine Nichte), Max Hiller (ihr Bräutigam), Emilie Kurz (seine Tante), Hans Unterkircher (Geschäftsführer des Hotels), Hermann Vallentin (Gast im Hotel), Georg John (Nachtwächter). DI, 7. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, ESSEN

DIE SELTSAMEN ABENTEUER DES MR. WEST IM LANDE DER BOLSCHEWIKI (Neobychainye priklyucheniya mistera Vesta v strane bolshevikov) UdSSR 1924

Diese Komödie «ist ganz im Stil eines amerikanischen Detektivfilms gehalten, ironisiert aber gleichzeitig die westlichen Vorurteile (…). Die Fa-

bel des Films ist grotesk: Der amerikanische Senator West begibt sich in die Sowjetunion in der Erwartung, dort fellgekleidete Wilde vorzufinden; zu seinem Schutz hat er einen Cowboy mit Lasso mitgenommen. In Moskau fällt Senator West einer Bande von Gangstern in die Hände, die ihn unter der Vorspiegelung, sie seien Bolschewisten, erpressen wollen. (…) Die Darsteller des Films befleissigen sich einer ekstatischen Mimik und Gestik, die ausgezeichnet zu dem parodistischen Stil des Films passte.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films) «Diese mitreissende Parodie wimmelt von Einfällen. (…) Wegen seines Schwungs und seiner Neuheit war Mr. West ein grosser Publikumserfolg.» (Georges Sadoul: Histoire du cinéma, tome 5) ca. 90 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, russ.+dt. Zw’titel // ­REGIE Lew Kuleschow // DREHBUCH Nikolai Assejew, Lew Kuleschow // KAMERA Alexander Lewitzky // MIT Porfiri ­Podobed (Mr. John S. West), Boris Barnet (Jeddy, ein Cowboy), Wsewolod Pudowkin (Shban, der Bandenanführer), ­Alexandra C ­ hochlowa (die Gräfin), G. Charlampijew (Senka Swistsch, Bandenmitglied), Leonid Obolenski (der Geck, ­Bandenmitglied), Sergej Komarow (der Einäugige, Bandenmitglied). FR, 10. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON

GÖSTA BERLINGS SAGA Schweden 1924 In seinem letzten grossen schwedischen Film versuchte Stiller den überbordenden Roman Selma Lagerlöfs auf die Länge von zwei Kinoabenden zu reduzieren. Die in der Zeit nach den napoleonischen Kriegen spielende, in Värmland angesiedelte Geschichte eines wegen Trunksucht entlassenen Pfarrers, der seinen Weg sucht in einer mal offen genusssüchtigen und geldgierigen, dann wieder heuchlerisch moralisierenden Gesellschaft, vereint lyrische Naturszenen mit opernwürdigen Gefühlsaufwallungen. Berühmte Höhepunkte sind der Tumult in einer Kirche um den aufmüpfigen Pfarrer, der Brand des Schlosses und die Schlittenfahrt übers Eis, verfolgt von Wölfen. Stillers Werk kam nur in Skandinavien in der ursprünglichen Form ins Kino, für den Export wurde es massiv gekürzt und erst seit es 1975 vom Schwedischen Filminstitut restauriert wurde, hat man begonnen, es in seinem vollen Umfang zu würdigen. Dennoch hat Gösta Berlings saga in der Filmliteratur einen festen Platz gefunden als «Schwanengesang» der schwedischen Stummfilm-Blütezeit. Diese ging nicht zuletzt wegen ihres Erfolgs zu Ende mit den HollywoodEngagements von Sjöström, Stiller, des männli-


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> Die seltsamen Abenteuer. des Mr. West ....

> The Iron Horse.

> The Girl in Tails.

> The Gold Rush.


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Stummfilmfestival 2014. chen Stars Lars Hanson und der in diesem Film erstmals eine grössere Rolle spielenden Greta Garbo. (meg)

Larue), Nicolas Rimsky (Théodore Larue/Anselme Larue), ­Pierre Labry (Capitaine Mouche), René Maupré (Fayot). MO, 13. JAN. | 18.15 UHR

ca. 180 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, schwed.+dt. Zw’titel //

LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS,

REGIE Mauritz Stiller // DREHBUCH Mauritz Stiller, Ragnar

ZÜRICH

Hyltén-Cavallius, nach dem Roman von Selma Lagerlöf // KAMERA Julius Jaenzon // MIT Lars Hanson (Gösta Berling), Gerda Lundequist (Margaretha Samzelius), Hilda Forsslund (Margarethas Mutter), Otto Elg-Lundberg (Major), Greta Garbo (Elisabeth Dohna), Jenny Hasselqvist (Marianne Sinclaire), Karin Swanström (Gustafva Aurore Sinclaire). MI, 8. JAN. | 20.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD, WOLFGANG J. FERNOW & FELIX BOREL, FREIBURG I. BR.

L’HEUREUSE MORT Frankreich 1924 Die sehr aktive Gruppe russischer Filmleute im Pariser Exil hatte mit der Firma Albatros eine eigene Plattform. Neben den hochdramatischen Filmen um den Star Ivan Mosjoukine (z. B. Le brasier ardent, Stummfilmfestival 2013) produzierte sie Komödien wie diese des Russen Serge Nadejdine, aber auch Filme von René Clair und Jacques Feyder. «Théodore Larue hat genug von seinem Ärger als Theaterautor und bricht mit seiner Frau Lucie zu einer Schiffsreise auf. Eine Welle spült den Seekranken über Bord. Man hält ihn für ertrunken und lobt den Toten in den höchsten Tönen. Als Lucie Théodore wieder auftauchen sieht, überzeugt sie ihn von den Vorteilen seines Totbleibens. Er gibt sich als seinen nach Madagaskar ausgewanderten Bruder Anselme aus. (…) Doch eines Tages taucht der echte Anselme in Frankreich auf.» (Raymond Chirat: Catalogue des films français de long métrage) Nadejdine war ein Ballettmann, dessen Ausflug zum Film nur zwei Jahre dauerte, doch «L’heureuse mort verrät ein aussergewöhnliches Talent für Komödien. (…) Die scharf unterschiedene Doppelrolle von Théodore und Anselme bietet Nicolas Rimsky Gelegenheit zu seiner grossartigsten komischen Leistung. (…) Vor allem in der dramatischen Sturmszene, wie sie Lucie für die Elite der französischen Literatur heraufbeschwört, bedient sich Nadejdine der Manierismen der zeitgenössischen Regie-Avantgarde und setzt sie mit geistreicher Ironie ein.» (David Robinson, Katalog Pordenone 2009) 83 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, franz. Zw’titel // REGIE Serge Nadejdine // DREHBUCH Nicolas Rimsky, nach einer Komödie von Comtesse de Baillehache // KAMERA Fédote Bourgasoff, Gaston Chelle // MIT Suzanne Bianchetti (Lucie

THE GOLD RUSH USA 1924 «Chaplins berühmtester Film, über den er gesagt haben soll, es sei der Film, mit dem man sich an ihn erinnern solle. (…) Charlie ist darin ein Goldsucher während des Goldrauschs von 1898 in Alaska, der unter den Härten der Umwelt und der Gier anderer Goldsucher zu leiden hat, die natürlich alle grösser und stärker sind als er. Der Film enthält zahlreiche meisterhafte komische Sequenzen, die alle von einer eigentlich tragischen Situation ausgehen. (…) [Sie] sind nicht so sehr wegen ihrer Originalität als wegen der Grazie und Sicherheit, mit der Chaplin sie ausführt, bemerkenswert.» (Buchers Enzyklopädie des Films) «Realität und Traum, Action und Poesie in einem Stummfilm, den Chaplin selbst für seinen besten hielt und der seinen Weltruhm begründete. Unvergesslich die Szene, in der der hungernde Charlie seinen Schuh geniesserisch verzehrt.» (Lexikon des int. Films) Die Vorführung von The Gold Rush ist von den Rechtsinhabern an die Bedingung geknüpft, dass der Film nur mit Chaplins eigener, für die nachträgliche Vertonung des Films komponierter Musik gezeigt werden darf. Daher läuft eine Tonfilmkopie. 72 Min / sw / Digital HD / Stummfilm mit Musik, engl.+dt. Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Charles Chaplin // ­KAMERA Roland H. Totheroh // MUSIK Charles Chaplin // MIT Charles Chaplin (der einsame Goldgräber), Georgia Hale (Georgia), Mack Swain (Big Jim McKay), Tom Murray (Black Larsen), Malcolm Waite (Jack Cameron). SA, 25. JAN. | 18.15 UHR / SO, 2. FEB. | 15.00 UHR

THE IRON HORSE USA 1924 Der Film, mit dem John Ford der Durchbruch zum Kassenerfolg und zum international beachteten Regisseur gelang, erzählt «von dem Bau der transkontinentalen Eisenbahn zwischen Missouri und Kalifornien in den Jahren 1861 bis 1869. Zwei Eisenbahngesellschaften legten die Schienen aufeinander zu, vom Westen her die Central Pacific, vom Osten her die Union Pacific. Lange vor dem Bau hatte ein Mann schon davon geträumt


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Stummfilmfestival 2014. und zog mit seinem Sohn nach Westen, um eine Passage durch die Rocky Mountains zu finden. (…) Der Vater kam um, aber der Sohn fand später, als Erwachsener, die Passage. (…) Nach langen Jahren trafen endlich die beiden Bahnlinien in Promontory Point im Staate Utah zusammen, und der Direktor schlug einen goldenen Nagel in die letzte Schwelle.» (Peter Handke: Der kurze Brief zum langen Abschied) «Fords Film versammelt und integriert alles, was ein Western sein kann: vom Visionären der Anfangs- und Schlussszenen über die RevengeStory, die Indianerkämpfe, die Boomtown-Geschichte, die semi-dokumentarische Darstellung eines grossen organisatorisch-technischen Unternehmens bis zur diskreten Sentimentalität einer Liebesgeschichte und zum robusten Humor.» (Joe Hembus: Western-Lexikon)

fach beim Stummfilmfestival im Filmpodium zu Gast war, hat 2003 eine Musik zu Der Mantel komponiert und diese seither für unterschiedliche Besetzungen adaptiert. In Zürich wird sie sie mit einem Ensemble von acht Cellos aufführen. Im Vorprogramm: Le Grand Prix de Violoncelle, ein anonymer komödiantischer Kurzfilm aus dem Jahr 1907 um einen Strassenmusiker und intolerante Nachbarn. Dauer: ca. 3 Min. ca. 72 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, russ.+engl. Zw’titel // REGIE Grigori Kosinzew, Leonid Trauberg // DREHBUCH Juri Tynjanow, nach den Erzählungen «Der Mantel» und «Der Newskij-Prospekt» von Nikolaj W. Gogol // KAMERA Andrej Moskwin, Jewgeni Michailow // MIT Andrej Kostritschkin (Akaki Akakiewitsch Bashmatschkin), Antonina Jeremejewa («himmlisches Geschöpf»), Sergej Gerassimow (Erpresser), Alexei Kapler (wichtige/unwichtige Person).

ca. 130 Min / sw (tinted) / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw’titel

SA, 4. JAN. | 20.45 UHR (ZUSAMMEN MIT THE IMMIGRANT)

// REGIE John Ford // DREHBUCH Charles Kenyon, John

LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL & CEL-

­Russell // KAMERA George Schneiderman, Burnett Guffey //

LO8CTETT, AMSTERDAM

MIT George O’Brien (Davy Brandon), Madge Bellamy (Miriam Marsh), Charles Edward Bull (Abraham Lincoln), Will Walling (Thomas Marsh), Cyril Chadwick (Peter Jesson), Fred Kohler (Bauman), Gladys Hulette (Ruby), James A. Marcus (Judge Haller), Francis Powers (Serg. Slattery), J. Farrell MacDonald (Corp. Casey), James Welch (Schultz). MO, 6. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, ESSEN

DER MANTEL (Schinjel) UdSSR 1926 «Zur Meisterschaft gelangte das Team [Kosinzew und Trauberg] erstmals in der Gogol-Bearbeitung Der Mantel. Die im expressionistischen Stil gehaltene Verfilmung stilisiert die Personen Gogols zu Exzentrikern: Der kindlich-schüchterne Beamte Akaki Akakiewitsch Bashmatschkin, dem der schwer erworbene Mantel gestohlen wird, gleicht der Schlafwandlerfigur aus Caligari, während der Schneider und sein Weib über ein akrobatisches Bewegungsrepertoire verfügen. Die Fotografie des Films wusste alle Vorgänge ins Groteske, Masslose und Dämonische zu steigern. Zusammen mit dem Dekor schuf sie eine düsterbedrohliche, traumhafte Atmosphäre. Allein ein Gang Akakis durch eine verschneite Strasse, an einer riesenhohen Mauer vorbei, brachte im Bild alle Verlassenheit und Demütigung des kleinen Schreiber-Beamten zum Ausdruck.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films) Die Musikerin Maud Nelissen war beim wiederholten Anschauen des Films «immer wieder von Neuem wie gebannt» (Katalog Pordenone 2011). Nelissen, die in den letzten Jahren mehr-

DIE WEBER Deutschland 1927 «Die Verfilmung von Gerhart Hauptmanns Schauspiel ist wohl die bedeutendste Regieleistung Zelniks. Offenbar hat er von den russischen Revolutionsfilmen gelernt, was besonders in den Massenszenen und streckenweise auch im agitatorischen Impetus seiner Inszenierung deutlich wird. Der Fabrikant Dreissiger wird so ohne karikaturistische Übertreibung zum Sinnbild der Ausbeutung, während der Agitator Moritz Jäger die neue Zeit verkörpert. (…) Einen beträchtlichen Teil seiner Wirkung verdankt der Film dem Maler George Grosz. Er zeichnete die Zwischentitel und zielte durch ihre Gestaltung auf zusätzliche Wirkungen. (…) [Seinen] Einfluss spürt man auch in den Bauten, vor allem in den stilisierten Hütten der Weber.» (Reclams Filmführer) «Die deutschen proletarisch-revolutionären Filme der späten zwanziger Jahre folgten der Schnitt- und Kameratechnik von Eisensteins Potemkin; rasche Montagesequenzen traten an die Stelle der expressionistischen Vorliebe für Bildkomposition und Ausleuchtung. (…) Die rasantesten Montagen begleiten das wiederholt gesungene ‹Weber-Lied›. Für uns heute sind Die Weber ein seltener Klassiker des politischen Films, der die proletarische Revolution als ein fesselndes visuelles Spektakel präsentiert.» (Anton Kaes, Katalog Giornate del Cinema Muto, Pordenone 2012) ca. 100 Min / sw / DCP / Stummfilm, dt. Zw’titel // RESTAURIERTE FASSUNG, 2012 // REGIE Friedrich Zelnik // DREHBUCH Fanny Carlsen, Willy Haas, nach dem Theaterstück von


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Stummfilmfestival 2014. Gerhart Hauptmann // KAMERA Frederik Fuglsang, Friedrich Weinmann // MIT Paul Wegener (Fabrikant Dreissiger), Valeska Stock (Frau Dreissiger), Theodor Loos (Weber ­Bäcker), Wilhelm Dieterle (Moritz Jäger), Hermann Picha (Baumert), Hertha von Walther (Emma Baumert). DO, 16. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD & FRANK BOCKIUS

THE GIRL IN TAILS (Flickan i frack) Schweden 1927 Katja, die Tochter eines erfolglosen Erfinders, gibt ihrem Mitschüler Ludwig, einem jungen Grafen, Privatunterricht, damit dieser die Matur besteht. Obwohl sie intelligenter ist als ihr dandyhafter Bruder Curry, finanziert der Vater nur diesem eine Ausgehgarderobe. Um nicht zu Hause bleiben zu müssen, taucht Katja am Mitsommernachtsball der Kleinstadt im Frack ihres Bruders auf – und löst einen Skandal aus. Karin Swanström war eine vielbeschäftigte Schauspielerin; sie spielt hier selbst die Probstwitwe Hyltenius und ist in einer Nebenrolle in Gösta Berlings saga zu sehen. Sie gehört zu den wenigen Frauen im schwedischen Stummfilm, die auch als Regisseurinnen hervortraten: Sie realisierte vier eigene Filme und produzierte zwei weitere. Später, von 1933 bis 1941, war sie künstlerische Leiterin der Produktionsfirma AB Svensk Filmindustri. In Flickan i frack stellt Swanström einfallsreich und humorvoll Genreklischees in Frage und verdeutlicht (zumindest zwischendurch, das Ende fällt dann arg versöhnlich aus), dass ökonomische Selbstständigkeit Grundvoraussetzung für jede Emanzipation ist. (meg) ca. 114 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, schwed.+engl. Zw’titel // REGIE Karin Swanström // DREHBUCH Hjalmar Bergman, Ivar Johansson, nach dem Roman von Hjalmar Bergman // KAMERA Ragnar Westfelt // SCHNITT Ivar Johansson // MIT Einar Axelsson (Ludwig von Battwhyl), Magda Holm (Katja Kock), Nils Aréhn (Vater Kock), Georg Blomstedt (Starck), ­Karin Swanström (Hyltenius), Erik Zetterström (Curry Kock). DO, 2. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL

ELISSO UdSSR (Georgien) 1928 «Der talentierte Dichter und Schriftsteller Nikolai Schengelaja, ein Bewunderer Majakowskis, (…) schuf mit seinem [zweiten] Film Elisso ein epochales Werk. Er verbindet darin eine klassische Dramaturgie mit der fast ethnografischen Studie

der Gesten der Hauptfiguren, tschetschenischer Dorfbewohner, die von ihrem Land vertrieben werden durch die zaristischen Machthaber.» (Larousse Dictionnaire mondial du cinéma) «Als Durchbruch des georgischen Kinos und schon bald als Klassiker des sowjetischen Films gepriesen, bleibt Elisso eine Offenbarung. [Der Film schildert] das Leben kaukasischer Bergbewohner mit Sympathie und Verständnis, [und er zeigt] die Beziehungen zwischen Christen und Moslems sowie die Macht weit zurückreichender Traditionen. (…) Die Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Liebe tritt gegenüber der literarischen Vorlage zurück zugunsten der tragischen Spannung der epischen Massenszenen. (…) [Der Film] verband georgisches Kulturerbe mit den Errungenschaften des Montagekinos (…); er bewahrt seine Kraft und historische Bedeutung gerade auch vor dem Hintergrund der Dramen, die sich heute im Kaukasus abspielen.» (Sergej Kapterew, Katalog Pordenone 2011) ca. 95 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, russ.+dt. Zw’titel // ­REGIE Nikolai Schengelaja // DREHBUCH Sergei Tretiakow, Nikolai Schengelaja // KAMERA Wladimir Kereselidse // MIT Alexander Imedaschwili (Astamur), Kochta Karalaschwili (Washia), Kira Andronikaschwili (Elisso). SO, 26. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ

THE DOCKS OF NEW YORK USA 1928 «Eine der feinsten Studien in Schwarz-Weiss-Fotografie der Filmgeschichte und eine der packendsten Liebesgeschichten. Betty Compson spielt eine heruntergekommene Frau, die ein Heizer (George Bancroft) widerwillig vor dem Selbstmord im Hafenbecken rettet. Nirgends, auch nicht in seinen besten Dietrich-Filmen, beherrscht Sternberg das dramatische Tempo, den Wechsel von Action-Szenen und fast bewegungslosen Tableaus besser – dazwischen geschnitten das Aufeinanderprallen der Emotionen. Das Ende ist von fast mythologischer Magie, bodenhaftig nur durch die poetische Alltäglichkeit gewöhnlicher Leute.» (Janet Bergstrom, Katalog Il Cinema Ritrovato, Bologna 2008) «Zweifellos der Film, der am besten die absolute Meisterschaft symbolisiert, die einige Filmschaffende am Ende der zwanziger Jahre erreicht hatten. (…) Das Licht ist möglicherweise nie mit so viel Sorgfalt behandelt worden wie in The Docks of New York. (…) Unter den Filmen, die wir von Sternbergs stummem Werk kennen, ist dies das Meisterwerk.» (Pascal Merigeau: Josef von Sternberg)


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Stummfilmfestival 2014. ca. 80 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw’titel // REGIE ­Josef von Sternberg // DREHBUCH Jules Furthman, nach ­einer Story von John Monk Saunders // KAMERA Harold ­Rosson // SCHNITT Helen Lewis // MIT George Bancroft (Bill Roberts), Betty Compson (Sadie), Olga Baclanova (Lou), Clyde Cook («Sugar» Steve), Mitchell Lewis (Andy, der dritte Maschinist), Gustav von Seyffertitz (Harry). SA, 11. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON

BLACKMAIL GB 1929 «Eine erfolgreiche, sachliche Polizeiuntersuchung, die in eine chaotische, persönliche Story aus versuchter Vergewaltigung, Mord aus Notwehr, Erpressung und tödlicher Verfolgungsjagd übergeht.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide) «Hitchcocks Stummfilm Blackmail ist einer der besten, wenn nicht der beste britische Film der späten zwanziger Jahre. In der Übergangszeit zum Tonfilm wurde er als Stummfilm und zugleich als teilweiser Tonfilm – mit Musik und einigen Dialogszenen – in Produktion gegeben. (…) Die letztere Version hat tendenziell den Ruf der stummen überschattet, die ihr aber in mehrfacher Hinsicht überlegen ist. Wie Hitchcock sagte: ‹Die Stummfilme waren die reinste Form des Kinos›. Tatsächlich (…) zählt hier jede Szene, und jede Einstellung verdichtet die Atmosphäre oder treibt die Handlung voran.» (Bryony Dixon, Katalog Il Cinema Ritrovato, Bologna 2013) A restoration by the BFI National Archive in association with STUDIOCANAL; principal restoration funding provided by The Hollywood Foreign Press Association and The Film Foundation. Additional funding provided by Deluxe 142, Pia Getty, Col & Karen Needham, and the Dr Mortimer & Theresa Sackler Foundation.

75 Min / sw / DCP / Stummfilm, engl.+dt. Zw’titel // REGIE ­Alfred Hitchcock // DREHBUCH Alfred Hitchcock, Benn W. Levy, Charles Bennett, nach einem Theaterstück von Charles Bennett // KAMERA Jack E. Cox // SCHNITT Emile de Ruelle // MIT Anny Ondra (Alice White), Sara Allgood (Mrs. White), Charles Paton (Mr. White), John Longden (Frank Webber), Donald Calthrop (Tracy), Cyril Ritchard (Mr. Crewe, der Künstler), Hannah Jones (Mrs. Humphries, die Vermieterin), Harvey Braban (Oberinspektor), Alfred Hitchcock (Zeitung lesender Mann in U-Bahn). FR, 3. JAN. | 19.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL

ORLACS HÄNDE Österreich 1924 NEUE INTEGRALE FASSUNG FILMARCHIV AUSTRIA 2013 «Einem Pianisten, der bei einem Zugunglück seine Hände verloren hat, werden die Hände eines hingerichteten Raubmörders transplantiert. Fortan wird er von panischen Angstzuständen heimgesucht, die erst ein Ende finden, als er ein teuflisches Komplott aufdecken kann. Spätexpressionistischer Stummfilm, der realistische Kriminalfilm-Motive mit Elementen der seinerzeit noch jungen Wissenschaft der Psychologie verbindet und damit die Bewusstseinslage der unsicheren zwanziger Jahre zum Ausdruck bringt. Ein beeindruckendes Spiel mit Licht und Schatten.» (Lexikon des int. Films) «In dem fünf Jahre nach Das Kabinett des Dr. Caligari gleichfalls von Robert Wiene gedrehten Film Orlacs Hände erreicht Conrad Veidt die intensivste Expression des Unheimlichen: Der langsam zum Wahnsinn getriebene Orlac, der sich vor seinen ihm seltsam entfremdeten Händen fürchtet, weil er glaubt, dass man ihm die Hände eines Raubmörders gegeben hat, vollführt mit einem Messer, dem diese Hände nicht entrinnen können, zuckende Bewegungen. Die arabeskenhaften Körperwindungen von Veidt nehmen eine unerhörte Vehemenz an, das expressionistisch Tänzerische übersteigert sich.» (Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand) Für die Vertonung spannen die aus Steamboat Switzerland bekannten Dominik Blum an der Hammond-Orgel und Marino Pliakas am E-Bass mit dem Schlagzeuger Michael Wertmüller zusammen. Steamboat Switzerland widmet sich seit 1996 mit ungebrochener Leidenschaft den Grenzgängen zwischen Rock, Improvisation und Neuer Musik und ist mittlerweile eine Institution. Wertmüller wiederum ist Schlagzeuger der Formation Full Blast um den Saxofonisten Peter Brötzmann, in der auch Pliakas mitspielt. Und er hat bereits vier Kompositionsaufträge von Steamboat Switzerland erhalten. ca. 100 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Robert Wiene // DREHBUCH Louis Nerz, nach der Erzählung von Louis Renaud // KAMERA Günther Krampf, Hans Androschin // MIT Conrad Veidt (Paul Orlac), Alexandra Sorina (Yvonne Orlac), Fritz Kortner (Nera), C ­ armen Cartellieri (Regine), Paul Askonas (Diener), Fritz Strassny (Vater Orlac). DO, 30. JAN. | 20.45 UHR LIVE-VERTONUNG: BLUM/PLIAKAS/WERTMÜLLER Eine Veranstaltung im Rahmen der IOIC-Soirées (ioic.ch)


29 Filmpodium für Kinder

Arrietty – Die wundersame Welt der Borger Von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem winzigen Mädchen und einem Menschenjungen: Ein Anime, der verzaubert – allein in Japan begeisterte er 8 Millionen Menschen.

ARRIETTY – DIE WUNDERSAME WELT DER BORGER (Kari-gurashi no Arietti) / Japan 2010 94 Min / Farbe / Digital HD / D / ab 6 Jahren // REGIE Hiromasa Yonebayashi // DREHBUCH Hayao Miyazaki, Reiko Niwa, nach «The Borrowers» von Mary Norton // MUSIK Cécile Corbel.

Niemals dürfen Menschen die Winzlinge zu Gesicht bekommen, die unter den Holzdielen eines Hauses in einem Vorort von Tokio leben. Arrietty, bloss ein paar Zentimeter klein, ist ein abenteuerlustiges, knapp 14-jähriges Mädchen, das zu den letzten ihrer Art gehört, zu den Borgern. Deren Name kommt daher, dass sie sich von den Menschen alles, was sie zum Leben benötigen, «borgen»: ein Stück Würfelzucker etwa, eine Stecknadel, die Arrietty als Degen braucht oder doppelseitiges Klebeband, das ihnen wie Steigeisen beim Klettern hilft. Von der Existenz dieser heimlichen Untermieter weiss niemand, doch gibt es Menschen, die überzeugt sind, dass es sie gibt. Dazu gehört auch die Familie von Sho, einem 12-jährigen herzkranken Jungen, der vorübergehend in das Haus einzieht. Als Arrietty ihren Vater zum ersten Mal auf seiner nächtlichen Borger-Expedition begleitet, blickt sie plötzlich in die Augen von Sho. Verängstigt flieht sie – doch schon bald freundet sie sich mit dem Jungen an. Mit lebensechten Figuren und wunderbar detaillierten Hintergrundzeichnungen erschafft Hiromasa Yonebayashi in seinem Regiedebüt eine fantastische Welt, in der auch Themen wie Krankheit und Heimatverlust nicht ausgeblendet werden. Yonebayashi, der bereits seit den neunziger Jahren bei dem von Altmeister Hayao Miyazaki gegründeten Studio Ghibli als Animator tätig war, zeigt mit Arrietty, dass er die Ghibli-Kunst, die Welt bis ins kleinste Detail zu beleben, souverän beherrscht: Sein poetisch-melancholischer Anime ist ein visuelles Meisterwerk, das Klein wie Gross berührt. Tanja Hanhart


31 Seijun Suzuki

Opulenz und Exzentrik Bis in die achtziger Jahre war das Werk von Seijun Suzuki (*1923) ausserhalb Japans weitgehend unbekannt. Seine produktivste Zeit erlebte er in den sechziger Jahren, doch erst Retrospektiven etwa am Film­ festival von Pesaro 1984 oder die internationale Tournee «Branded to Thrill: The Delirious Cinema of Suzuki Seijun» im Jahr 1994 machten auch das westliche Publikum auf das Schaffen dieses grossen B-Regisseurs und Meisters des Yakuza-Films aufmerksam. Zurzeit befindet sich sein einzigartiges Werk wieder auf Reisen; wir freuen uns, eine Auswahl von elf herausragenden Filmen präsentieren zu können. 1912 wurde das erste japanische Filmgrossstudio Nikkatsu gegründet. In der äusserst wechselvollen Geschichte des Studios stechen zwei Perioden besonders hervor: die späten 1930er Jahre, in denen die Filme von Nikkatsu vieles von dem vorwegnahmen, was einige Jahre später in Europa als Neorealismus gefeiert wurde, und die Zeit von Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre, in denen Genrefilme im Zentrum standen. Während der Besatzungszeit fungierte Nikkatsu als Verleiher amerikanischer Filme, die einen wichtigen Einfluss ausübten, als das Studio 1954 seine Produktion wieder aufnahm. Eine Reihe Filmschaffender wurde von der Konkurrenz abgeworben, darunter von Shochiku die beiden Regieassistenten Shohei Imamura und Seitaro Suzuki. Beide repräsentierten die duale Struktur der japanischen Studios jener Zeit. Das wöchentlich wechselnde Doppelprogramm bestand aus einem Haupt- und einem Begleitfilm; ersterer war Star­ vehikel und stand im Zentrum der Aufmerksamkeit von Presse und Kritik, letzterer bediente in erster Linie die Interessen des Publikums. Während Imamura rasch zum auch international gefeierten A-Picture-Regisseur aufstieg, blieb Seijun Suzuki, wie er sich seit 1958 nannte, dem B-Picture verpflichtet. Sein Regiedebüt gab er 1956, es folgten in hoher Kadenz Genrefilme, vor allem Actionfilme, in denen Suzuki sein Handwerk weiterentwickeln und seinen Stil reifen lassen konnte. Einen ersten Höhepunkt erreichte dieser 1963 in Youth of the Beast (Yaju no seishun). Im selben Jahr lernte Suzuki den SetDesigner Takeo Kimura kennen, mit dem als kongenialem Partner er seinen visuellen Stil weiter verfeinerte.

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Erinnert an Ozu und Naruse und ist zugleich ein Wendepunkt in Suzukis Schaffen: The Young Rebel < Love Letter, ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung von Suzukis «Ästhetik der Bilder»

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 Ein ehemaliger Polizist schleust sich für einen Rachefeldzug ins Yakuza-Milieu ein: Youth of the Beast


32 Konventionen und Regeln gab es für Suzuki nur mehr, um sie zu brechen. Narrative Logik trat zugunsten von stilistischem Exzess in den Hintergrund. Tokyo Drifter (Tokyo nagaremono, 1966) etwa ist geprägt durch exzentrische Kameraeinstellungen, eine opulente Farbästhetik, flamboyante Stilisierungen und exaltierte Manierismen. Die Filme sorgten bei den Studiobossen zunehmend für Verwirrung, bis ihn Nikkatsu 1968 nach Branded to Kill (Koroshi no rakuin) wegen angeblicher Unverständlichkeit schliesslich feuerte. Suzukis Entlassung stellte einen entscheidenden Wendepunkt dar, denn obwohl er in den folgenden zehn Jahren keine weiteren Kinofilme mehr drehen konnte, setzte gleichzeitig die kritische Würdigung des bislang von der Filmkritik weitgehend ignorierten Filmemachers ein. Bemerkenswert ist, dass diese «(Neu-)Entdeckung» von Suzuki als einem der herausragenden Stilisten des Weltkinos von Cineasten ausging, die sich nach Suzukis Entlassung zu einem Kampfkomitee zusammenschlossen und Protestaktionen gegen Nikkatsu organisierten, wo Suzukis Filme unter Verschluss gehalten wurden. In dem Konflikt, der auch vor Gericht ausgetragen wurde, wurden nicht nur die Filmbesitzrechte des Studios in Frage gestellt, sondern es wurde erstmals auch ein Anspruchsrecht der Zuschauer auf die Verfügbarkeit von Filmen erhoben. Nach einer Durststrecke, während der er sich mit Arbeiten für das Fernsehen und Werbefilmen sowie als Essayist über Wasser hielt, konnte Suzuki in den 1980er Jahren als unabhängiger Filmemacher mit der sogenannten «Taisho-Trilogie» – Zigeunerweisen (Tsigoineruwaizen, 1980), Heat Shimmer Theater (Kagero-za, 1981) und Yumeji (1991) – ein beeindruckendes und hochkomplexes Spätwerk realisieren, das auch auf internationalen Festivals Anerkennung fand. In den 1990er Jahren arbeitete Suzuki vornehmlich für das Fernsehen, trat gelegentlich aber auch in kleinen Rollen in Filmen von Kollegen auf. Nach der Jahrtausendwende kehrte er für zwei Filme noch einmal ins Kino zurück, für Pistol Opera (Pisutoru Opera, 2001), ein Remake seines mittlerweile zum Kultfilm avancierten Branded to Kill, sowie für Princess Raccoon (Operetta tanuki goten, 2005), ein weiteres Remake einer Musical-Vorlage von Keigo Kimura, die zwischen 1939 und 1959 schon mehrmals verfilmt worden war. Mit diesem Musical erfüllte sich Suzuki, der in seiner Jugend stark von amerikanischen und europäischen Musikfilmen beeinflusst wurde und Erik Charells Der Kongress tanzt (1931) stets zu seinen Lieblingsfilmen zählte, am Ende seiner langen Karriere einen Herzenswunsch. Danach zog er sich aus gesundheitlichen Gründen weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Im Mai 2013 feierte er seinen 90. Geburtstag. Roland Domenig Roland Domenig ist Professor für japanische Filmgeschichte an der Meiji-Gakuin-Universität in Tokio und Kurator zahlreicher Retrospektiven zum japanischen Kino.


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Seijun Suzuki.

HARBOUR TOAST: VICTORY IN MY HANDS

DETECTIVE BUREAU 2-3: GO TO HELL BASTARDS!

(Minato no kanpai: Shori o wagate ni) Japan 1956

(Tantei jimusho 23, Kutabare akutodomo) Japan 1963

Der ehemalige Seemann Shinkichi versucht seinen naiven Bruder Jiro, einen aufstrebenden ­Jockey, vor dem Gangsterboss Ozawa zu schützen, der Jiros Liebe zu einem seiner Mädchen ausnutzt, um ihn für seine finsteren Machenschaften und für Wettabsprachen bei den Pferderennen zu gewinnen. Das auf einem erfolgreichen Popsong basierende Regiedebüt von Suzuki ist ein für die Periode typischer «Schlagerfilm», der als Begleitfilm für das damals obligatorische Doppelprogramm gedreht wurde. «Als Erstlingswerk des Regisseurs, der hier noch unter seinem bürgerlichen Vornamen Seitaro auftritt, zeigt der Film noch kaum die typischen exzessiven Stilmerkmale von Suzukis Arbeiten, wenngleich die Darstellung seelischer Unruhe hier schon auf das verweist, was in späteren Filmen zu sehen ist.» (Werkschau Seijun ­Suzuki, Cinemathek & Japanisches Kultur­institut Köln, 1994)

Privatdetektiv Tajima ist einer der wenigen Detektive, die eine Schusswaffe besitzen dürfen. Im Auftrag des Polizeipräsidenten soll er den Lockvogel spielen, um einer Schmugglerbande das Handwerk zu legen. Die temporeiche Actionkomödie um einen hartgesottenen Superdetektiv weist bereits viele für Suzukis kommende Filme typische Charakteristika auf: bizarre Kamera­ einstellungen, eine wilde Farbchoreografie und artifizielle Sets. Narrative Logik spielt nur mehr eine untergeordnete Rolle. Dem Studio Nikkatsu entgleitet die Kontrolle. «Der Film würde Sam Fuller eifersüchtig machen und zum Weinen bringen – mit seiner barocken Verrücktheit und seiner kinetischen Energie.» (Variety) 89 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREHBUCH Iwao Yamazaki, nach einer Erzählung von Haruhiko Oyabu // KAMERA Shigeyoshi Mine // MUSIK Haruo Ibe // SCHNITT Akira Suzuki // MIT Jo Shishido (Hideo Tajima),

65 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREH-

Reiko Sasamori (Chiaki), Tamio Kawaji (Manabe), Naomi Ho-

BUCH Norio Nakagawa, Kirio Urayama // KAMERA Kume-

shi (Sally), Yuko Kusunoki (Misa), Kotoe Hatsui (Irie), Nobuo

nobu ­Fujioka // MUSIK Hideo Hirakawa // SCHNITT Mitsuo

Kaneko ­(Inspektor Kumagai).

Kondo // MIT Ko Mishima (Shinkichi Kizaki), Shinsuke Maki (Jiro K ­ izaki, sein Bruder), Sumiko Minami (Asako Aoyama), Keiko Amaji, Koichi Aoki.

YOUTH OF THE BEAST LOVE LETTER (Rabu retaa) Japan 1959

Masao lebt zurückgezogen in einem Landhaus in den Bergen, um sich von einer Krankheit zu erholen. Er schreibt seiner Freundin Kozue, die als Nachtclub-Pianistin in Tokio arbeitet, regelmässig Liebesbriefe. Nachdem die Briefe immer kürzer und seltener werden, fährt Kozue in die Berge, um nach dem Rechten zu sehen. Entstanden als B-Film mittlerer Länge zur Ergänzung eines A-Films, gilt Love Letter als wichtiger Meilenstein in Suzukis Entwicklung einer «Ästhetik der Bilder». 40 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREH-

(Yaju no seishun) Japan 1963

Der ehemalige Kriminalpolizist Joe, der im ­Gefängnis sass, weil er einer Yakuza-Bande in die Falle ging, ist überzeugt, dass der als Doppelselbstmord inszenierte Tod seines Kollegen Takeshita und dessen Freundin in Wirklichkeit kaltblütiger Mord war. Er schliesst sich der Yakuza-Bande an, um Rache zu nehmen. Suzukis zweite Verfilmung einer Vorlage von Krimiautor Haruhiko Oyabu ist ein erster Höhepunkt seines Œuvres. «Man vergleiche Detective Bureau 2-3 mit dem darauffolgenden Youth of the Beast. Dort blieb ­Suzuki immer noch diesseits der Grenze – hier hat er sie nun endgültig überschritten. Und er sollte nie mehr zurückkehren.» (Tony Rayns) Kurz: Suzuki ist bei sich angekommen.

BUCH ­Kiichi Ishii, nach einer Erzählung von Takeo Matsu’ura // K ­ AMERA Isamu Kakita // MUSIK Michio Mamiya // SCHNITT

91 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki //

Akira Suzuki // MIT Kyosuke Machida (Ryuji Murakami,

DREHBUCH Ichiro Ikeda, Tadaaki Yamazaki, nach einer Er-

­Masao), Frank Nagai (Ryota Fukui), Hisako Tsukuba (Kozue),

zählung von H ­ aruhiko Oyabu // KAMERA Kazue Nakazuka //

Keisuke Yukioka (Shukichi).

MUSIK Haijme Okumura // SCHNITT Akira Suzuki // MIT


> Fighting Elegy.

© 1980 Presented by Little More Co., Ltd.

> Tokyo Drifter.

© 1966 NIKKATSU Cooperation

> Detective Bureau 2-3.

© 1963 NIKKATSU Cooperation

> Zigeunerweisen.

© 1966 NIKKATSU Cooperation


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Seijun Suzuki. Jo Shishido (Jo Mizuno, «Joe»), Ichiro Kijima (Koichi Takes-

92 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki //

hita, Kriminalbeamter), Misako Watanabe (Kumiko, seine

DREHBUCH Yasutaro Yagi, nach dem Roman «Chitei no uta/

Frau), Tamio ­Kawaji (Hideo Nomoto), Minako Katsuki, Daiz-

Ballade aus der Unterwelt» von Taiko Hirabayashi // KA-

aburo Hirata, Eiji Go, Mizuho Suzuki.

MERA Shigeyoshi Mine // MUSIK Masayoshi Ikeda // SCHNITT Akira Suzuki // MIT Akira Kobayashi (Mitsuo Katsuta), Hiroko

THE YOUNG REBEL (Akutaro) Japan 1963

Ito (Tatsuko Iwata), Daizaburo Hirata («Diamond» Fuyu), Chieko ­Matsubara (Tokiko Izu), Sanae Nakahara (Hanako Yamada), Chikako Shin (Matsue Ichikawa), Taiji Tonoyama (Sota Izu), Toru Abe (Dairyu Yoshida), Keisuke Noro (Tetsu Bikkuri), Yunosuke Ito (Hachi Okaru).

Wegen schlechten Betragens wird Togo seiner Eliteschule verwiesen. Der Mutter gelingt es, ­ihren rebellischen Sohn in einer Oberschule unterzubringen. Dort verliebt er sich in die Tochter des Schularztes, die sein Interesse für Literatur (speziell für Strindberg) teilt. In diesem Film, den Suzuki als einen Wendepunkt in seinem Schaffen betrachtet, arbeitete er erstmals mit dem Ausstatter Takeo Kimura zusammen. Mit diesem kongenialen Partner konnte er in den folgenden Filmen seine eigenwilligen Kinofantasien weiterentwickeln und zur Vollendung bringen. «In seiner entschieden unsentimentalen Art erinnert der Film an die frühen romantischen Melodramen von Ozu und Naruse – und es spricht für Suzukis aussergewöhnliches Talent, dass sein Film durch diese Vergleiche um nichts kleiner wird.» (Tony Rayns) 95 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREHBUCH Ryozo Kasahara, nach einer Erzählung von Toko Kon // ­KAMERA Shigeyoshi Mine // MUSIK Hajime Okumura // SCHNITT Akira Suzuki // MIT Ken Yamanouchi (Togo Konno), Masako Izumi (Emiko Okamura), Midori Tashiro (Yoshie Okano), Chiharu Kuri, Shinsuke Ashida, Hajime Sugiyama.

FIGHTING ELEGY (Kenka erejii) Japan 1966

Um Körper und Geist zu stärken und auch um seine überschüssige Energie im Zaum zu halten, praktiziert der Oberschüler Kiroku ein rigoroses Kampftraining. Auf seine Fäuste und seinen Kampfesmut kann er sich verlassen, wenn es jedoch um das andere Geschlecht geht, verlässt ihn sein Mut. Michiko – klug, kultiviert und katholisch – erscheint ihm wie eine unerreichbare Heilige. Seine Träume zerbersten, als Michiko in ein Kloster eintritt. Drehbuchautor Kaneto Shindo äusserte Missfallen an Suzukis allzu freier Umsetzung seines Skripts über Japan auf dem Weg in den Krieg. Auch die Bosse von Nikkatsu, die Suzuki von seinen «Farbexzessen» abbringen ­ wollten, indem sie ihn zwangen, in SchwarzWeiss zu drehen, zeigten sich wenig erfreut über die Anspielung am Ende des Films auf Ikki Kita, den ideologischen Kopf hinter dem missglückten Februar-Putsch von 1936. 86 Min / sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREH-

KANTO WANDERER (Kanto mushuku) Japan 1963

BUCH K ­ aneto Shindo, nach einem Roman von Takashi Suzuki // K ­ AMERA Kenji Hagiwara // MUSIK Naozumi Yamamoto // SCHNITT Mutsuo Tanji // MIT Hideki Takahashi (Kiroku Nanbu), Junko Asano (Michiko), Yusuke Kawazu (Suppon «Turtle»), ­Kataoka Mitsuo (Takuan), Onda Seijiro (Kirokus Vater).

Der Izu-Yakuza-Clan ist im Niedergang begriffen, und Katsuta ist besorgt, weil die Jagd nach Geld wichtiger scheint als der traditionelle Ehrenkodex. Um die frühere Stellung seines Bosses wiederherzustellen, legt er sich mit dem rivalisierenden Yoshida-Clan an, doch setzt seine ehrenvoll gemeinte Aktion Ereignisse in Gang, die seine gesamte Welt auf den Kopf stellen werden. Die Zusammenarbeit mit Ausstatter Takeo Kimura trägt erste Früchte. Suzuki verfeinert seine extravagante, irreale Farbchoreografie, die Geschichte selbst spielt nur mehr eine untergeordnete Rolle. Der als Begleitfilm von Shohei Imamuras The Insect Woman (Nippon konchuki) ins Kino gebrachte Film profitierte vom medialen Rummel um Imamuras Meisterwerk und war einer von Suzukis wenigen Kassenerfolgen.

TOKYO DRIFTER

(Tokyo nagaremono) Japan 1966 Der Yakuza Tetsu will seine Vergangenheit hinter sich lassen. Auf der Flucht vor Feinden zieht er ziellos durch den winterlichen Norden Japans. Ein letztes Mal kehrt er nach Tokio zurück, um eine offene Rechnung zu begleichen. Der ultimative Suzuki-Film mit allen Merkmalen seines ­einzigartigen Stils: exzentrische Kameraeinstellungen, extravagant im Detail, ironisch und augenzwinkernd in seinen Referenzen, melancholisch und sentimental, surreal und subversiv.


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Seijun Suzuki. «Der Film erreicht sein Level von Abstraktion, Farb-Expressionismus und räumlicher und narrativer Desorientierung, ohne seine Identität als B-Picture-Thriller zu verlieren. Es ist, als hätten Powell & Pressburger und Jean-Luc Godard zusammen an einem Film von Joseph H. Lewis gearbeitet.» (Tony Rayns) 83 Min / Farbe und sw / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREHBUCH Kohan Kawauchi, nach seinem Roman // ­KAMERA Shigeyoshi Mine // MUSIK Hajime Kaburagi // SCHNITT Shinya Inoue // MIT Tetsuya Watari (Tetsuya Hondo), Chieko Matsubara (Chiharu), Hideaki Nitani (Kenji Aizawa), Eiji Go (Tanaka), Tamio Kawaji (Tatsuzo), Tomoko Hamakawa (Mutsuko), Ryuji Kita (Kurata), Tsuyoshi Yoshida (Keiichi), Isao Tamagawa (Umetani).

BRANDED TO KILL (Koroshi no rakuin) Japan 1967

Goro Haneda wird in der Unterwelt als Nr. 3 auf der Liste professioneller Auftragskiller geführt. Sein Ehrgeiz ist es, Nr. 1 zu werden. Ein Schmetterling vereitelt die erfolgreiche Ausführung

­ ines Mordauftrages, und da Versagen nicht gee duldet wird, wird Goro schon bald von Nr. 1 gejagt. In diesem Film wirft Suzuki endgültig alle Konventionen über Bord. «Ein absurder Thriller, der die Themen und die Rhetorik des Genres so vollständig dekonstruiert, dass er schliesslich wie Godards annähernd zeitgenössischer Made in USA aussieht.» (Tony Rayns) Der heute zu Recht als Meisterwerk gefeierte Film fand bei Nikkatsu kein Verständnis. Er wurde als «unverständlich» gebrandmarkt, und Suzuki wurde gefeuert. Daraufhin klagte er gegen das Studio – und gewann. «Suzuki macht sich (…) über alles lustig, von den Klischees der Yakuza-Story bis hin zu den Konventionen der Filmzensur. (…) Die normale Zensur der Zeit ging so vor, dass sie anstössige Passagen schwärzen liess; Suzuki greift hier nun den Zensoren vor, indem er selbst Schwärzungen vornimmt. Doch seine Schwärzungen sind eine lebendige Zutat und werden (…) zu einem grafischen Element eigener Art.» (Tony Rayns, ­Branded to Thrill – The Delirious Cinema of ­Seijun ­Suzuki, London 1994) 91 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREHBUCH Guryu Hachiro // KAMERA Kazue Nagatsuka //

TON DEZEMBER 2013 SEC Y SOPR R ET A LIFE NO'S AS A N AC TOR

Bus 32 & Tram 8 bis Helvetiaplatz, Tram 2 & 3 bis Bezirksgebäude Telefonische Reservation: 044 242 04 11 Reservation per SMS und Internet siehe www.xenix.ch


Seijun Suzuki. MUSIK ­Naozumi Yamamoto // SCHNITT Mutsuo Tanji // MIT Jo Shishido (Goro Hanada), Mariko Ogawa (Mami Hanada, seine Frau), Anne Mari (Misako Nakajo), Koji Nanbara (No. 1), Isao Tamagawa (Yabuhara Michihiko), Hiroshi Minami ­(Kasuga Gihei).

ZIGEUNERWEISEN (Tsigoineruwaizen) Japan 1980

Japan zu Beginn der 1920er Jahre. Der Deutschprofessor Nakasono trifft während einer Reise seinen ehemaligen Studienkollegen Aochi wieder. Gemeinsam lernen sie die Geisha Koine kennen, die die beiden in einen Strudel der Gefühle hineinzieht, der bald auch ihre Ehefrauen erfasst und in einem bizarren Beziehungsgeflecht endet. Nach dem Fiasko des vorigen Films feierte Suzuki mit Zigeunerweisen einen triumphalen Erfolg. Der erste Teil von Suzukis «Taisho-Trilogie» ist ein surreales Bildgedicht, in dem er die stilistischen Charakteristika seiner früheren Filme mit einer gänzlich neuen Kino-Poetik verband. Er war jetzt kein B-Picture-Regisseur mehr. «Zigeunerweisen ist Suzukis erster vollkommen unabhängig produzierter Film. Japanische Kinos weigerten sich anfangs, ihn zu zeigen, sodass der Filmgesellschaft Arato nichts anderes übrigblieb, als Vorführungen in einem Zelt zu organisieren, die sehr erfolgreich waren. 1981 gewann er einen Sonderpreis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin und wurde von Filmkritikern in Japan zum besten japanischen Film der 1980er Jahre gewählt.» (Werkschau Seijun Suzuki, Cinemathek & Japanisches Kulturinstitut Köln, 1994)

Im zweiten Teil seiner «Taisho-Trilogie» erlangt Suzukis Bildästhetik ihre grösste Reife. «Heat Shimmer Theater dringt tiefer in den von Halluzinationen bestimmten Raum zwischen Realität und Fantasie ein, und dies nicht durch Verwendung spezieller visueller Effekte, sondern ­dadurch, dass die Unsicherheiten der Personen zur letztendlichen Grundlage der Geschichte gemacht werden. Dieser Film kann als ­Suzukis gelungenste Arbeit jenseits der Zwänge der Produktion von Genrefilmen bezeichnet werden.» (Tony Rayns, Branded to Thrill – The Delirious Cinema of Seijun Suzuki, London 1994) 140 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREHBUCH Yozo Tanaka, nach Erzählungen von Kyoka Izumi // KAMERA Kazue ­Nagatsuka // MUSIK Ki Kochi // SCHNITT Akira Suzuki // MIT Yusaku Matsuda (Shunko Matsuzaki), Katsuo Nakamura (Tamawaki), Michiyo Okusu (Shinako), ­Mariko Kaga (Mio), Eriko Kusuda (Ine), Yishio Harada (Wada).

145 Min / Farbe / 35 mm / Jap/e // REGIE Seijun Suzuki // DREHBUCH Yozo Tanaka, nach dem Roman «Sarasate no ban» von H ­ yakken Uchida // KAMERA Kazue Nagatsuka // MUSIK ­Kaname Kawachi // SCHNITT Nobutaka Kamiya // MIT Yoshio Harada (Nakasono), Naoko Otani (Koine/Sono), Toshiya ­Fujita (Aochi), Michiyo Okusu (Shuko), Kisako Makishi

Ein Programm in Zusammenarbeit mit der Japan Foundation Tokyo und dem Japanischen Kulturinstitut Köln.

(Taeko), Kiki Kirin (Frau), Akaji Maro (blinder Künstler).

Quelle der Kurztexte, wo nicht anders vermerkt: Programmheft Filmmuseum München.

HEAT SHIMMER THEATER (Kagero-za) 1981

Dank an:

Tokio im Jahr 1926. Der Dramatiker Matsuzaki lernt über einen gefundenen Liebesbrief Shinako kennen. Bald danach trifft er sie zufällig wieder und verbringt eine Nacht mit ihr. Seine Reise nach Kanazawa führt ihn zu einem geheimnisvollen Theater, in dem schliesslich, in einem Finale der Zerstörung, das Ende der Welt zelebriert wird.

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38 Premiere: Une famille respectable von Massoud Bakhshi

In die Falle getappt Nach über 20 Jahren im Exil kehrt ein iranischer Wissenschaftler als Gastdozent in seine Heimat zurück. Dabei soll er auch von seinem ihm fremd gewordenen Vater Abschied nehmen. Doch die Familie will ihm nicht gut. Massoud Bakhshis Spielfilm-Erstling ist nicht nur ein wendungsreicher, abgründiger Thriller, sondern auch ein bedrückendes Porträt der heutigen iranischen Gesellschaft. Eigentlich ist Arash nur für eine Gastdozentur in den Iran zurückgekommen. Nach über zwei Jahrzehnten Abwesenheit ist er hier der Fremde, dessen Wissen und ausländische Erfahrung man mit offenen Armen zu empfangen scheint. Aber eben nur scheinbar – denn wie Drehbuchautor und Regisseur Massoud Bakhshi in Une famille respectable immer deutlicher entwickelt, wurde Arash wie eine Fliege in das Netz einer perfiden Intrige gelockt, um ihn nicht nur seines Erbes, sondern auch seiner Würde und Rechte zu berauben. Das Ausmass von Verstellung und Betrug zeigt sich nur langsam, doch umso erschreckender; nach und nach wird der Boden unter seinen Füssen immer brüchiger, bis Arash schliesslich erkennt, dass er gezielt hinters Licht geführt worden ist. Bereits mit der ersten Szene, gefilmt aus der Subjektiven, kreiert Bakhshi eine bedrohliche Stimmung, die schnell in Gewalt umschlägt. Wir sitzen in einem Taxi, als der Fahrer uns mit einer rhetorischen Frage eröffnet, dass er noch einen Kollegen mitnehmen werde; bald steigen zwei stiernackige Typen mit gleichgültig-brutalen Augen ein, die sich wenig später auf uns stürzen. Wir wissen nicht, wer diese Männer sind und weshalb das passiert – so muss sich Kafkas Josef K. gefühlt haben, als er in «Der Prozess» verhaftet wurde. Mit diesem Auftakt – ein klassisches Suspense-Moment – stellt sich das beklemmende Gefühl ein, das uns durch den ganzen Film begleiten wird. Immer wieder möchten wir Arash zurufen, er solle sich vorsehen. Ist es Naivität, Gutmütigkeit oder sein schlechtes Gewissen, zu lange weggewesen zu sein, die Arash blind in die Falle tappen lassen, die ihm sein Stiefbruder und dessen Sohn stellen? Wie Bakhshis Regiekollegen Asghar Farhadi und Jafar Panahi, die auch zur Generation der in den 1960er/70er Jahren geborenen iranischen Künstler gehören, wirft Bakhshi einen alles andere als schmeichelhaften Blick auf die Zustände in seiner Heimat. Korruption und Heuchelei, Habgier und Bigotterie sind die Triebkräfte der Protagonisten, und wer – wie ein eben erst Heimgekehrter – die unbarmherzigen Regeln dieser Welt nicht beherrscht, muss unterliegen. Une famille respectable erzählt vordergründig von einem Kon-


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UNE FAMILLE RESPECTABLE (Yek Khanévadéh-e Mohtaram) / Iran/Frankreich 2012 90 Min / Farbe / DCP / Farsi/d/f // DREHBUCH UND REGIE Massoud Bakhshi // KAMERA Mehdi Jafari // SCHNITT Jacques Comets // MIT Babak Hamidian (Arash), Mehrdad Sedighian (Hamed), Mehran Ahmadi (Hameds Vater), Ahu Kheradmand (Arashs Mutter), Parivash Nazarieh, Behnaz Jafari, Mehrdad Ziaei.

flikt zwischen der Familie der ersten und der zweiten Frau eines Mannes, doch die Konstellation dieses Mikrokosmos weist über sich hinaus, spiegelt Missverhältnisse auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Bakhshi, der mit Une famille respectable nach zahlreichen Dokumentarfilmen im Spielfilmfach debütiert, arbeitet in die Familiengeschichte vielfältige Querbezüge ein und hebt sie durch historische Rückbezüge letztlich auch auf eine metaphorische Ebene: Die Ausschnitte aus einem Film von Amir Naderi (geb. 1946), der zur Zeit des Ersten Golfkriegs spielt und den Arash seinen Studenten vorführt, sowie Rückblenden in seine Kindheit und Archivaufnahmen entlarven die zerstörerische Kraft scheinheiliger Parolen. Die Kinder von damals sind erwachsen geworden, sie haben die Verlogenheit verinnerlicht, leben sie nun selbst, unter veränderten gesellschaftlichen Voraussetzungen, bis in den privatesten Raum hinein. Nur eine kleine Hoffnung liegt noch auf einer versprengten Gruppe von Studierenden, die Widerstand leisten. Der ernüchterte Arash schliesst sich ihnen an. Bettina Spoerri

Bettina Spoerri ist freie Autorin und schreibt als Filmjournalistin u. a. für die NZZ; seit Oktober 2013 leitet sie das Aargauer Literaturhaus in Lenzburg.


40 SÉLECTION LUMIÈRE

CUL-DE-SAC VON ROMAN POLANSKI Mit 80 scheint Roman Polanski aktiver denn

tung durch ihren Boss Katelbach (daher der

je. In den vier Jahren, die seit seiner Verhaf-

ebenfalls verbreitete Titel Wenn Katelbach

tung in der Schweiz vergangen sind, hat er

kommt). Doch während Katelbach seiner-

drei Filme realisiert – der jüngste, La Vénus

seits auf sich warten lässt, wird die Situation

à la fourrure, startete letzten November

immer absurder.

auch hierzulande in den Kinos –, dabei um-

«‹Das ist mein bester Film. Ich habe

fasst sein bisheriges Gesamtwerk als Re-

ihn immer geliebt. Ich habe immer an ihn

gisseur lediglich 20 lange Spielfilme. Auf

­geglaubt. Er ist echtes Kino, gemacht fürs

der Wunschliste der Lumière-Mitglieder

Kino – wie Kunst für die Kunst.› So sah

steht sein zweites Werk nach seiner Emig-

­Roman Polanski Cul-de-sac 1970, vier Jahre

ration aus Polen vor fünfzig Jahren.

nach seiner Erstaufführung, gleich nach seinem grossen Erfolg mit Rosemary's Baby (1968) und vor dem ebenso gefeierten Chinatown (1974). Gilt dieses Urteil für ihn heute noch, trotz der offensichtlichen – und nachfolgenden – Karrierehöhepunkte? Ich vermute, ja. Ein Grund seines Stolzes auf Culde-sac war die Tatsache, dass der Film direkt seiner Vorstellungswelt entsprungen war, weder eine Adaptation noch die Erfüllung einer Anfrage Dritter. Die Dreharbeiten waren zwar durchaus problematisch, aber die Welt,

CUL-DE-SAC / GB 1966

die er vor der Kamera entstehen liess, merk-

113 Min / sw / 35 mm / E/d/f // REGIE Roman Polanski //

würdig real und doch abstrakt, erscheint

DREHBUCH Roman Polanski, Gérard Brach // KAMERA Gil-

perfekt gelungen. Der Film flirtet schamlos

bert Taylor // MUSIK Krzysztof Komeda // SCHNITT Alastair McIntyre // MIT Donald Pleasence (George), Françoise Dor-

mit mehreren Genres gleichzeitig – Thriller,

léac (Teresa), Lionel Stander (Richard), Jack MacGowran

Horror, Komödie –, aber schliesslich zählt er

(Albert), Iain Quarrier (Christopher), Geoffrey Summer (Christophers Vater), Renée Houston (Christophers Mutter),

zu keinem, ausser dem einen: Es ist ein

Robert Dorning (Philip Fairweather), Marie Kean (Marion

Polanski-Film.» (David Thompson, Criterion

Fairweather), William Franklyn (Cecil Yorke), Jacqueline

Collection)

Bisset (Jacqueline), Trevor Delaney (Horace).

H am Mi, 5. Feb., 18.15 Uhr mit Einführung Cul-de-sac beginnt mit einem seltsamen Gangsterpaar, das, verletzt und auf der Flucht (vor wem?), Unterschlupf auf einem Inselschloss bei einem anderen seltsamen Paar – ein kahlköpfiger Neurotiker und seine gelangweilte, sexuell frustrierte Frau – erzwingt. Dort warten die Gangster auf die Ret-

von Martin Girod


41 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), Michel Bodmer WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Primo Mazzoni (pm) // SEKRETARIAT Claudia Brändle REDAKTIONELLE MITARBEIT Martin Girod (meg), Liliane Hollinger BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: British Film Institute, London; La Cinémathèque française – Musée du cinéma, Paris; Deutsches Filminstitut – DIF, Wiesbaden; Faber Music, London; The Festival Agency, ­Paris; Filmarchiv Austria, Wien; Filmcoopi, Zürich; Frenetic Films, Zürich; Gosfilmofonds of Russia, Moskau; Hollywood Classics, London; The Japan Foundation, Tokio; Japanisches Kulturinstitut, Köln; Little More, Tokio; Lobster Film, Paris; MK2, Paris; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Museo Nazionale del Cinema, Turin; Nikkatsu, Tokio; Park Circus, Glasgow; Pathé Distribution, Paris; Sixteen Films, London; Svensk Film­industri, Stockholm; Svenska Filminstitutet, Stockholm; Tamasa Distribution, Paris; The Works Media Group, London; Trigon-Film, ­Ennetbaden; UCLA Film & Television Archive, Hollywood; Wild Bunch, Paris. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner AG, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 7000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : SFr. 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: SFr. 80.– / U25: SFr. 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: SFr. 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Jean-Claude Carrière

Woche der Nominierten

Was haben Le charme discret de la bourgeoi-

Seit letztem Jahr werden die Schweizer

sie, Die Blechtrommel, Danton oder Birth ge-

Filmpreise alternierend in Zürich und Genf

meinsam? Sie alle wurden vom vielleicht

vergeben; dieses Jahr ist Zürich Schauplatz

produktivsten Drehbuchautor der Welt ge-

dieser Feier. Der Reigen beginnt Ende Ja-

schrieben: Jean-Claude Carrière (*1931).

nuar mit der «Nacht der Nominationen» an

Zu Beginn der 1950er Jahre arbeitete

den Solothurner Filmtagen, wo die nomi-

Carrière als Schriftsteller; seine ersten ­

nierten Filme und Personen bekannt gege-

Kontakte zum Film erhielt er, als Jacques

ben werden. Um die besten Filme des Jah-

Tati ihn beauftragte, Romanfassungen zu

res nachzuholen, nochmals zu sehen oder

zwei seiner Filme zu schreiben. In den fol-

vielleicht sogar in den Genuss einer Vorpre-

genden Jahren arbeitete er u. a. mit Louis

miere zu kommen und die Menschen, die

Malle, Milos Forman, Andrzej Wajda, Volker

daran beteiligt waren, kennenzulernen,

Schlöndorff, Jean-Luc Godard, vor allem

werden alle diese Filme vom 17. bis 23. März

aber mit Luis Buñuel zusammen – ein viel-

im Filmpodium an der «Woche der Nomi-

seitig begabter «Mann hinter den Kulissen».

nierten» gezeigt.


JANUARY 16 © MMXIII TWOWS, LLC. All Rights Reserved.

TheWolfOfWallStreet.ch

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium 1. Januar – 15. Februar 2014  

Filmpodium cinema arthouse retrospective Ken Loach Seijun Suzuki Stummfilmfestival Programme Issue

Filmpodium 1. Januar – 15. Februar 2014  

Filmpodium cinema arthouse retrospective Ken Loach Seijun Suzuki Stummfilmfestival Programme Issue

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