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1. Januar – 15. Februar 2020

Stummfilmfestival James Mason


Geschenke fürs ganze Jahr – ein Abonnement oder ein Plakat! Erhältlich an der Kinokasse

Stream99 99 Filme pro Jahr für 9 Franken pro Monat


01 Editorial

Eintritt immer freier Dem Kino mangelt es bekanntlich an Publikumsnachwuchs. Die Digital N ­ atives sind es gewohnt, Filme wo und wann immer sie wollen zu konsumieren, mög­ lichst kostenlos und sei es nur auf dem Handy. Lichtspieltheater, zu denen man sich hinunbequemen muss, um Filme zu fixen, vorgegebenen Zeiten zu konsumieren, sind für sie nur wenig attraktiv – sofern sie solche Institutionen überhaupt noch auf dem Radar haben. Das Filmpodium tut sich besonders schwer damit, junge Leute anzuzie­ hen: Egal, wie toll unsere Klassiker sind und wie gut die Qualität der Kopie – die Filme im Programm sind oft älter als die Angehörigen der Generation Y und sie werden meist höchstens dreimal gezeigt. Ausserdem ist die Leinwand eher klein, die Sitze laden nicht zum Abhängen oder Knutschen ein, und Pop­ corn gibt’s auch nicht, nur schwer verdauliche Untertitel. Immer mal wieder wird überdies bemängelt, der Eintrittspreis sei zu hoch. In den letzten Jahren haben wir deshalb verschiedene Ermässigungs­ varianten geschaffen, die unser Kulturangebot für junge Filmfans mit kleinem Budget niederschwelliger machen sollten: das Jahrhundert-Abo, Sonderange­ bote für Filmstudierende oder das U25-Abo, ein Halbtax-Abo zum halben Preis für Unter-25-Jährige. Keines dieser Angebote fand den erwünschten ­Zuspruch. Möglicherweise liegt es an der Form der Vergünstigung an sich, dem Abo: Junge Leute wollen sich nicht auf längere Zeit binden. Abo, das klingt nach Verpflichtung und verplanter Freizeit. Also haben wir uns gesagt: dann halt ohne! Ab sofort können alle Unter-­ 25-Jährigen, egal ob in Ausbildung oder nicht, zum halben Preis ins Film­ podium, ganz ohne Abo oder sonstige Verbindlichkeiten, spontan, einmalig oder auch regelmässig. Im Klartext bedeutet dies: Ein Besuch im Filmpodium kostet für sie im Normalfall 9 Franken, gerade mal so viel wie ein Bier in einem Club. Bei Stummfilmen mit Live-Musik, wie sie im aktuellen Film­ podium-Programm gehäuft zu finden sind, kostet der Kinobesuch inklusive Konzert zwischen 11.50 und 13.50 Franken. Wo gibt’s das sonst? Für alle ohne Bindungsangst und/oder jene, die die 25 schon überschritten haben, bieten wir weiterhin unsere Jahresabos an sowie den beliebten Pro­ grammpass, der das ganze Angebot einer Programmperiode für 60 Franken zugänglich macht. Der Kinobesuch bleibt selbstverständlich auch mit Abo freiwillig, lohnt sich aber doppelt! Corinne Siegrist-Oboussier & Michel Bodmer Titelbild: Dragnet Girl


02 INHALT

Stummfilmfestival 2020

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James Mason

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1920, ein Jahr der Hochblüte der Stummfilmkunst, und 1930, das Jahr, in dem der Tonfilm mindestens im Westen anfing sich durchzusetzen, prägen die Auswahl des diesjährigen Stummfilmfestivals. Neben bekannten Regiegrössen wie Lubitsch, Ozu, ­Sjöström, Dowshenko, neben legen­ dären Titeln wie Der Golem, wie er in die Welt kam und The Cameraman überrascht das Festival mit Wieder­ entdeckungen und Raritäten – etwa dem sowjetischen Film Kain und Artjom. Zudem gelingt den tonlosen ­Filmen immer wieder das Kunststück, Literatur in reine Bildsprache zu über­ setzen: diesmal mit Werken von Zola, Gorki, Lagerlöf und Stevenson. Auch ein Slapstick-Programm für Familien zählt zum breit gefächerten Angebot, das wie immer von hochkarätigen Musikerinnen und Musikern live be­ gleitet wird.

Nach Anfängen beim Theater reüs­ sierte der Brite James Mason (1909– 1984) ab 1935 auch im Film. Seine Spezialität waren schillernde Schurken; er war ein Meister der widersprüch­ lichen Verkommenheit und verführte sein Publikum dazu, ihn dafür zu ­lieben. Auch in Hollywood, wohin es ihn bald zog, spielte er meist düstere oder gequälte Gestalten, sei dies der ruhe­ lose Kapitän in Pandora and the ­Flying Dutchman (1951), der Lehrer, bei dem eine Überdosierung von Cor­ tison eine Persönlichkeitsveränderung auslöst (Bigger than Life, 1956), das dem Alkohol verfallene ehemalige Matinee-Idol, das mit dem Erfolg ­seiner Partnerin nicht klarkommt (A Star Is Born, 1954) oder natürlich Professor Humbert Humbert, der 1962 der blutjungen Lolita im gleich­ namigen Film verfällt.

Bild: L’Hirondelle et la Mésange

Bild: Odd Man Out


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Hommage à Francis Reusser

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Der Westschweizer Francis Reusser (*1942) hat als aufmüpfiger Angehö­ riger der 68er-Generation explizit po­ litische Themen angesprochen und kritisch reflektiert, etwa in Le grand soir (1976). In seinem letzten Film La séparation des traces hält er Rück­ schau auf sein Leben und Werk und auf deren historischen Kontext. Bild: Le grand soir

Reedition: C’eravamo tanto amati

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Anhand der Geschichte dreier Freunde zeichnet Ettore Scola ein lustiges und gleichzeitig pessimistisches Bild vom Italien der Nachkriegszeit.

zeigen wir The Shining und Eyes Wide Shut, zwei Filme, deren Premiere sich zum 20. bzw. 40. Mal jährt.

Filmpodium für Kinder: African Safari

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Eine Reise quer durch Namibia. Fas­ zinierende Begegnungen und grandi­ ose Tier- und Landschaftsaufnahmen bringen uns zum Staunen. Darüber ­hinaus regt der Film auch zum Nach­ denken an und weist auf die von Men­ schen verursachten Probleme hin. Bild: African Safari

Einzelvorstellungen Zur Stadthaus-Ausstellung «Privatsphäre»: In My Room

Zwei Filme von Stanley Kubrick 40 Sélection Lumière: Peppermint Frappé In Ergänzung zu Stanley Kubricks ­Lolita (in der James-Mason-Reihe)

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Stummfilmfestival 2020 Martin Girod, ehemaliger Koleiter des Filmpodiums, hat unser jähr­ liches Stummfilmfestival ins Leben gerufen und bisher hauptsächlich kuratiert. 2020 übernimmt er zum letzten Mal die Federführung, und zwar mit Verve. Live begleitet werden diese Meilensteine wie immer von einer erlesenen Garde von Musikerinnen und Musikern, die jede Filmvorführung zum einmaligen Event machen. «Stummfilm» – das Wort lässt die meisten Leute wohl zuerst an Slapstick-­ Komödien denken, andere vielleicht an einen russischen Revolutionsfilm. Und dabei bleibt es oft. Seit 2003 versucht das Stummfilmfestival im Film­ podium alljährlich, dieses Image zu erweitern. Ja, Stummfilm, das sind Chaplin, Keaton und Co., das sind der Panzerkreuzer Potemkin und Die Mutter, aber eben noch sehr viel mehr. So reicht das diesjährige Programm mit Filmen aus den Jahren 1913 bis 1933 vom kurzen Thriller (Suspense) und populären Western (The Covered Wagon) bis zum sozial-engagierten Werk (The Blot) und zum Avantgardefilm (Borderline). Es bringt neben Titeln aus Westeuropa und den USA auch Bei­ spiele aus Skandinavien, Osteuropa und Japan. Die Festivalfilme erzählen – unerlässlich! – Liebesgeschichten, Kriminalstorys und Fantastisches, themati­ sieren aber auch Rauschgiftsucht, Antisemitismus und Rassimus. Neben bekannten Regiegrössen wie Lubitsch, Ozu, Sjöström, Dow­ shenko, neben legendären Titeln wie Der Golem und The Cameraman über­ rascht das Festival mit Wiederentdeckungen und Raritäten – etwa dem ­sowjetischen Film Kain und Artjom. Zudem gelingt den tonlosen Filmen ­immer wieder das Kunststück, Literatur in reine Bildsprache zu übersetzen: diesmal mit Werken von Zola, Gorki, Lagerlöf und Stevenson. Das Filmschaffen ohne integrierten Ton – üblicherweise, wenn auch ­etwas irreführend, «Stummfilm» genannt – reicht in der Bildgestaltung wie im Schauspielerischen vom Naturalismus bis zum Expressionismus, stilistisch und thematisch ist es ebenso vielfältig wie der Tonfilm. Man könnte sogar ­sagen: noch facettenreicher, weil technisch und materiell weniger aufwendig und damit weniger standardisiert, offener für Innovationen.

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Seltenes Juwel aus dem tsche­chischen Filmarchiv: Die Galgentoni von Karl Anton Eine junge Provinzlerin kommt nach Paris: Au bonheur des dames von Julien Duvivier


06 Die Filmpodium-Reihe «Das erste Jahrhundert des Films», 2011 mit Filmen von 1911 gestartet, kommt 2020 zum Abschluss. Für das Stummfilmfestival setzt sie noch einmal den Schwerpunkt mit Werken der Jahre 1920 und 1930. Diese beiden Jahrgänge spannen den Bogen vom vollen Erblühen bis zum Ende des Stummfilmzeitalters. 1920 waren die filmischen Ausdrucksmittel – 25 Jahre nach der Patentierung des Cinématographe der Lumières – voll ent­ wickelt, inhaltlich prägte die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg das Schaffen. 1930 gehörte der Stummfilm für die USA weitgehend der Vergangen­heit an, in Westeuropa neigte sich seine Zeit klar dem Ende zu, während L ­ änder wie Japan und China, aber auch die UdSSR noch einige der ergiebigsten Stumm­ filmjahre vor sich hatten. Vom 9. Januar bis zum 5. Februar werden die Filme des 17. Zürcher Stummfilmfestivals während vier Wochen wieder dazu beitragen, den Begriff «Stummfilm» mit reichem, vielfältigem, relevantem und poetischem Leben zu füllen. Es lädt ein zum vergnüglichen Erlebnis, sich dem Sog der Bilder und der Begleitmusiken hinzugeben und zu staunen, wie sich Geschichten ganz ohne gesprochene Worte erzählen lassen. 

Martin Girod

Stummfilmfans empfehlen wir unseren Programmpass: Das ganze Programm vom 1.1. bis 15.2. für 60 Franken!

Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 w ­ egweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2020 sind Filme von 1920, 1930, 1940 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1920 Algol Hans Werkmeister, Deutschland Anna Boleyn Ernst Lubitsch, Deutschland Das Cabinet des Dr. Caligari Robert Wiene, Deutschland Das Kloster von Sendomir Victor Sjöström, Schweden Erotikon Mauritz Stiller, Schweden Il sacco di Roma Enrico Guazzoni, Italien La fête espagnole Germaine Dulac, Frankreich L’homme du large Marcel L’Herbier, Frankreich One Week Buster Keaton, USA The Admirable Crichton Cecil B. DeMille, USA The Kid Charles Chaplin, USA Von morgens bis mitternachts Karlheinz Martin, Deutschland

Weitere wichtige Stummfilme von 1930 A propos de Nice Jean Vigo, Frankreich City Girl F. W. Murnau, USA (auch Tonfassung) Das Fest des heiligen Jürgen Jakow Protasanow, UdSSR Lohnbuchhalter Kremke Marie Harder, Deutschland Menschen am Sonntag Robert Siodmak, Deutschland So ist das Leben Carl Junghans, Tschechoslowakei/Deutschland The Silent Enemy H. P. Carver, USA (teilweise mit Ton)

Tonfilme des Jahrgangs 1930 folgen im Feb./März-Programm.


07 DIE MUSIKERINNEN UND MUSIKER «Stummfilme» wurden zu ihrer Zeit kaum je stumm gezeigt, sondern waren von Musik ­begleitet. Deshalb ist die passende Live-Musik ein wesentliches Element des Festivals. Regelmässig treten in diesem Rahmen neben Künstlern aus der Region als Gäste einige der international renommiertesten Spezialisten der Stummfilm-Begleitung auf: Frank Bockius (Perkussion), Freiburg im Breisgau Günter A. Buchwald (Piano, Violine), Freiburg im Breisgau Martin Christ (Piano), Ligerz André Desponds (Piano), Zürich Hans Hassler (Akkordeon), Hagendorn Stephen Horne (Piano, Flöte, Akkordeon), London Maud Nelissen (Piano), Doorn NL Alexander Schiwow (Piano), Zürich Richard Siedhoff (Piano), Weimar Bruno Spoerri (Saxofon), Zürich Gabriel Thibaudeau (Piano), Montréal Dazu kommen erstmals nach Zürich: Elizabeth-Jane Baldry (Harfe), London. Sie spielt Harfe – nicht nur zu Filmen –, komponiert und macht selbst Filme. An Stummfilmfestivals ist sie u. a. in Bologna und Bonn aufgetreten. Mykyta Sierov (Oboe), Weimar. Der aus der Ukraine stammende Musiker spielt als frei­ schaffender Solist und in Ensembles sowohl Klassisches als auch Jazz und Pop. Als Stummfilmbegleiter ist er mehrfach mit Richard Siedhoff zusammen aufgetreten, u. a. beim Bonner Sommerkino. Filipp Tschelzow (Piano), Moskau. Er hat sich auf Stummfilmmusik spezialisiert und spielte bisher für das Staatliche Filmarchiv Russlands (Gosfilmofond), die Tretjakow-Galerie und das Moskauer Filmmuseum. Auslandauftritte u. a. in Bonn, München und Hamburg.

> Mabel’s Strange Predicament.


> Der Golem, wie er in die Welt kam.

> Fante-Anne.

> Romeo und Julia im Schnee.

> Kohlhiesels Tรถchter.

> Opium.


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Stummfilmfestival 2020

OPIUM Deutschland 1919 «Robert Reinert verbindet in seinem Film, der ­einen englischen Arzt bei seinen Forschungen über die Wirkung von Opium nach China und Indien führt, exotischen Thrill mit erotischen ­ Schauwerten. Die Einfärbungen des Films ver­ stärken die psychedelische Wirkung der von Elfen und Satyrn bevölkerten frivolen Traumsequenzen.» (Bonner Sommerkino 2017) «Ein Opiumtraum ist in seinem Fantasiereich­ tum mit einem Filmtraum zu vergleichen, es liegt daher nahe, dass begabte Filmregisseure sich daranmachten, in Filmwerken diese Wunder­ ­ träume erstehen zu lassen.» (Heinz SchmidDimsch, in: Der Film, 1919) «Mit der Lichtdramaturgie und den raumtiefen Aufnahmen seines Kameramanns Helmar Lerski erschafft Reinert rauschhafte Traumsequenzen und eine Metaphorik, die bereits den filmischen Expressionismus einleitet. Zudem registriert Opium mit seiner ‹halluzinatorischen Filmsprache› (Tobias Nagl) die durch Morphine und Granat­ schock ausgelösten mentalen Zustände der Fronterfahrung im Ersten Weltkrieg.» (Stumm­ filmfestival «Schock der Freiheit» im Rahmen des Kunstfests Weimar 2019) «Wenige Monate vor Caligari spielten Veidt und Krauss in dieser Grossproduktion. (…) Die Bild­ gestaltung ist das Werk von Helmar Lerski, mit dem Reinert öfter zusammenarbeitete. Seine Aufnahmen sind für jene Zeit absolut ungewöhn­ liche Meisterwerke der Tiefenschärfe.» (Meredith Brody, San Francisco Silent Film Festival 2019) Der als Fotograf berühmt gewordene Helmar Lerski (1871–1956) wuchs in Zürich auf und ver­ brachte seine letzten Lebensjahre hier. 92 Min / tinted / DCP / Stummfilm, d Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Robert Reinert // KAMERA Helmar Lerski // MIT Eduard von Winterstein (Prof. Gesellius), Werner Krauss (Nung-Tschang), Conrad Veidt (Dr. Richard Armstrong Jr.), Sybill Morel (Sin/Magdalena), Hanna Ralph (Maria Gesellius), Friedrich Kühne (Richard Armstrong), Alexander Delbosq (Ali). SA, 18. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: RICHARD SIEDHOFF, WEIMAR (PIANO), MYKYTA SIEROV, WEIMAR (OBOE) EINFÜHRUNG: STEFAN DRÖSSLER, FILMMUSEUM ­MÜNCHEN (CA. 10 MIN.)

2 × ERNST LUBITSCH: ROMEO UND JULIA IM SCHNEE & KOHLHIESELS TÖCHTER Deutschland 1920 Zwei frühe, noch ungeniert burleske, derb gro­ teske Lubitsch-Komödien. Nicht nur der Romeound-Julia-Film nimmt auf Shakespeare Bezug, über Kohlhiesels Töchter schrieb Lubitsch später: «Es war ‹Der Widerspenstigen Zähmung› in die bayrischen Berge versetzt.» «Der Bauernschwank nach Shakespeares ‹Romeo und Julia› destilliert aus seiner klas­ sischen Vorlage eine turbulente Groteske. In einem kleinen Schwarzwalddorf liegen die Bauernfami­ lien Capulethofer und Montekugerl in erbittertem Streit, mit entsprechender Auswirkung auf die verliebten Sprösslinge. Gegen die verblendeten Alten bringt Lubitsch einen verschmitzten Apo­ theker in Stellung und führt den Beweis, dass jugendlicher Überspanntheit wie verbohrtem ­ ­Altersstarrsinn letztlich nur mit List und Pragma­ tismus beizukommen ist.» (Viennale 2016) «Slapstick trifft auch zu als Definition [der ­frühen Lubitsch-]Filme, Groteskfilm übersetzte man das damals, sie haben dessen Tempo und den Rhythmus. Emil Jannings ist in den Berliner Lubitsch-Filmen eine Masse wie Fatty Arbuckle oder Oliver Hardy. Kohlhiesels Töchter ist allein schon durch ihn kinematografisch. (…) Nie wieder war Henny Porten so überzeugend wie als Tram­ pel-Liesl in dem berühmten Doppelpart.» (Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 1979 bzw. 1982) ROMEO UND JULIA IM SCHNEE 42 Min / tinted / DCP / Stummfilm, d Zw’titel // REGIE Ernst Lubitsch // DREHBUCH Hanns Kräly, Ernst Lubitsch // ­KAMERA Theodor Sparkuhl // MIT Lotte Neumann (Julia), Gustav von Wangenheim (Romeo), Jakob Tiedtke (Bauer), Marga Köhler (Bäuerin), Ernst Rückert (Montekugerl), Josefine Dora (seine Frau), Julius Falkenstein (Paris).

KOHLHIESELS TÖCHTER 64 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, d Zw’titel // REGIE Ernst Lubitsch // DREHBUCH Hanns Kräly, Ernst Lubitsch, nach dem Theaterstück von Hanns Kräly // KAMERA Theodor Sparkuhl // MIT Henny Porten (Gretel/Liesl), Emil Jannings (Peter Xaver), Gustav von Wangenheim (Paul Seppl), Jakob Tiedtke (Mathias Kohlhiesl), Willy Prager (Handelsmann). DI, 28. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ (PIANO)


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Stummfilmfestival 2020

DER JUDASLOHN (Judaspengar) Schweden 1915

FANTE-ANNE 75 Min / tinted / DCP / Stummfilm, norweg + e Zw’titel // ­REGIE Rasmus Breistein // DREHBUCH Rasmus Breistein, nach dem Roman von Kristofer Janson // KAMERA Gunnar Nilsen-Vig // MIT Aasta Nielsen (Anne), Einar Tveito (Jon, ein

«Die kürzlich erfolgte Entdeckung einer Nitroko­ pie aus dem Schweizer Verleih im französischen Archiv in Bois d’Arcy ist geradezu sensationell. Nicht nur wurde ein verlorener Film eines der grössten Regisseure der Stummfilmzeit gefunden, (...) Der Judaslohn ist auch ein bemerkenswertes Werk. Es zeigt einen Arbeitslosen, der für seine kranke Frau und sein Kind sorgen möchte. Gleich die erste Einstellung, eine Fahrt durch das Fen­ ster in die Behausung der Hauptfigur, zeigt einen Regisseur, der ein hohes Mass an Beherrschung der Filmsprache erreicht hat, und der Film ist reich an optisch ähnlich starken Bildern.» (Jon Wengström/Laurent Bismuth, Giornate del cinema muto, Pordenone 2018)

FANTE-ANNE Norwegen 1920 «Fante-Anne ist der erste norwegische Spielfilm, der in einem ausgeprägt norwegischen Milieu spielt, und der erste norwegische Film, der auf einem literarischen Werk beruht. Die Geschichte ist ein archetypisches Beispiel für norwegische Bauernerzählungen, die oft von der Liebe über Klassen- und Wohlstandsgrenzen hinweg han­ deln. (...) Es ist auch eine Geschichte über eine Frau, die sich gegen ihr Schicksal auflehnt, ge­ fährliche Entscheidungen trifft und sich von Tra­ dition und Autorität nicht einschüchtern lässt. (...) Als erster norwegischer Heimatfilm wurde FanteAnne zum Ausgangspunkt für eine wichtige Genre-Tradition in der norwegischen Filmge­ schichte.» (Bent Kvalvik, Giornate del cinema muto, Pordenone 2017) «Der Film, einer der wichtigsten Spielfilme der norwegischen Filmgeschichte, ist ein kraft­ volles Melodrama über die Erfahrung, in der ­traditionellen Gesellschaft anders zu sein, und darüber, wie zentral Ethnizität und Herkunfts­ fragen in der traditionellen und der modernen norwegischen Gesellschaft sind. (...) Auch wenn die Geschichte von Anne auf dem Land spielt und sich die Hauptthemen des Films um das traditio­ nelle ländliche Leben drehen, sind seine Anliegen modern.» (Gunnar Iversen, kosmorama.org) DER JUDASLOHN 38 Min / tinted / DCP / Stummfilm, schwed + d Zw’titel // REGIE Victor Sjöström // DREHBUCH Axel Frische // KAMERA Julius Jaenzon // MIT Egil Eide (Blom, Arbeiter), John Ekman (Holk, Bloms Freund), Kaja Eide Norena (Frau Blom), Stina Berg (Milchverkäuferin), Gabriel Alw (Beamter).

Knecht), Lars Twinde (Haldor), Johanne Bruhn (seine Mutter), Dagmar Myhrvold (Annes Mutter), Henny Skjønberg (Jons Mutter), Edvard Drabløs (Richter). Kristine Ullmo (Margit). DI, 14. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ (PIANO)

DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM Deutschland 1920 Restaurierte Fassung 2019 Der letzte der drei Golem-Filme, die Wegener drehte, erzählt, wie es der Titel verspricht, den Anfang der Legende: Wie der Prager Rabbi Loew eine riesenhafte Lehmstatue schafft und sie zum Leben erweckt, wie dieser Golem die von Vertrei­ bung bedrohte Judengemeinde rettet und wie das künstliche Wesen letztlich selbst zur Gefahr wird. «Verwinkelte Bauten, eine erstaunlich nuan­ cierte Lichtgestaltung und inspirierte Kamera­ führung schufen eine stimmige Atmosphäre in diesem Golem-Film. (…) Das auf dem Ufa-Freige­ lände gestaltete Studio-Prag wurde zum Prototyp einer plastischen expressionistischen Filmarchi­ tektur.» (Thomas Kramer: Lexikon des deutschen Films, Reclam 1995) «Wegeners Film war einer der künstlerisch wie geschäftlich grössten Erfolge der deutschen Stummfilmproduktion, dessen aussergewöhn­ liche, von Jugendstil und Expressionismus be­ stimmte Bild- und Dekorgestaltung nichts an suggestiver Wirkung eingebüsst hat.» (Lexikon des int. Films) 85 Min / sw / DCP / Stummfilm, d Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Paul Wegener // KAMERA Karl Freund // MUSIK­ PARTITUR 1920 Hans Landsberger // MIT Paul Wegener ­(Golem), Albert Steinrück (Rabbi Löw), Ernst Deutsch (Famu­ lus), Lyda Salmonova (Miriam), Lothar Müthel (Junker Flo­ rian), Otto Gebühr (Kaiser Rudolf III.), Hans Sturm (alter Rabbi), Max Kronert (Tempeldiener), Dore Paetzold (Kebse des Kaisers). FR, 17. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: RICHARD SIEDHOFF, WEIMAR (PIANO), NACH DER PARTITUR VON 1920 EINFÜHRUNG: STEFAN DRÖSSLER, FILMMUSEUM ­MÜNCHEN


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Stummfilmfestival 2020

Rudolf Blümner (hungernder Gelehrter), Carl Ebert (Graf).

Kaum hatte Robert Louis Stevenson 1886 seine Novelle «The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde» veröffentlicht, entstand schon eine Bühnenfassung, denn diese Geschichte bot ­jedem grossen Schauspieler eine Parade-Doppel­ rolle. Schon 1908 wurde der Stoff ein erstes Mal verfilmt, doch die erste wegweisende Adaption schuf John S. Robertson 1920. Sein Trumpf war der berühmte Bühnenschauspieler John Barry­ more, der die Verwandlung vom gut aussehenden Edelmann Jekyll in den monströsen Mr. Hyde beim ersten Mal in einer einzigen Einstellung, ohne Make-up und Spezialeffekte vollführt, mit nichts als Mimik und Gestik. Später, als Hyde im­ mer grausiger wird, setzt Barrymore auch unap­ petitliche Zähne und Fingernägel ein sowie eine Prothese, die seine Kopfform verändert. (mb) «Man kann hier den ausserordentlichen ­modernisierenden Einfluss erahnen, den sein Ta­ lent auf die Schauspieler seiner Zeit gehabt haben muss, indem es sie von dem pantomimischen Stil des Schauspiels, der die viktorianische Bühne und einen Grossteil des Stummfilms dominierte, wegführte, wie Brandos späterer Einfluss den typisierenden Schauspielstil, der den Tonfilm ­ prägte, hinwegfegte.» (Matt Bailey, notcoming. com, 2010) Alfred Hitchcock zählte 1939 gleich zwei (nicht erhaltene) Werke des heute kaum mehr be­ kannten Regisseurs John S. Robertson zu den zehn wichtigsten Filmen.

SA, 18. JAN. | 15.00 UHR

85 Min / Farbe + sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE

GOLEM-GESPRÄCH MIT STEFAN DRÖSSLER UND RICHARD

John S. Robertson // DREHBUCH Clara Beranger, nach dem

AUF DER SUCHE NACH DEM GOLEM Die Golem-Filme und ihre musikalische ­Untermalung Drei Filme mit der mystischen Figur des Golems hat Paul Wegener zwischen 1915 und 1920 ge­ dreht. Heute bekannt ist nur der letzte der drei Filme, Der Golem, wie er in die Welt kam. Stefan Drössler berichtet anhand von Filmbeispielen ­darüber, welche Materialien sich von den drei Projekten erhalten haben und was in jüngster Zeit neu gefunden wurde, sowie über die lang­ wierige Arbeit der Rekonstruktion der Filme. Von Wegeners erstem Golem (1915) wird eine Rekon­ struktion gezeigt, die sich aus Fragmenten aus verschiedenen Quellen zusammensetzt. Richard Siedhoff spricht über die Wiederent­ deckung der Originalmusik zu Der Golem, wie er in die Welt kam von 1920 und über deren Kompo­ nisten Hans Landsberger.

DER GOLEM Deutschland 1915 REKONSTRUKTION // Stummfilm, d Zw’titel // REGIE Henrik Galeen // DREHBUCH Henrik Galeen, Paul Wegener // ­KAMERA Guido Seeber // MIT Paul Wegener (Golem), Lyda Salmonova (Tochter des Trödlers), Henrik Galeen (Trödler),

SIEDHOFF (DAUER CA. 100 MIN.)

Roman von Robert Louis Stevenson // KAMERA Roy F. Over­ baugh // MIT John Barrymore (Dr. Henry Jekyll/Mr. Edward

DR. JEKYLL AND MR. HYDE USA 1920 Dr. Henry Jekyll ist ein brillanter Arzt und Wohl­ täter, der sich auch der Armen annimmt, zum Verdruss seines konservativen Kollegen Dr. Lan­ yon. Sir George Carew hingegen, für dessen Tochter Millicent Jekyll zärtliche Gefühle hegt, ist ein L ­ ebemann, der seinen Schwiegersohn in spe für unnatürlich tugendhaft hält. Er nimmt Jekyll mit in einen Nachtclub und macht ihn mit der lasziven Tänzerin Gina bekannt. Jekyll rea­ giert auf diese Versuchung, indem er sich vor­ nimmt, das Böse in sich zu isolieren. Der Trank, den er zu diesem Zweck braut, verwandelt ihn in einen ebenso hässlichen wie skrupellosen Men­ schen, der sich Mr. Hyde nennt und eine eigene Existenz ent­wickelt. Zunächst kann Jekyll die Verwandlung noch rückgängig machen, wenn die Wirkung des Tranks verfliegt, aber allmählich gewinnt Hyde die Oberhand und sein Wüten ­fordert erste Opfer.

Hyde), Brandon Hurst (Sir George Carew), Martha Mansfield (Millicent Carew), Charles Lane (Dr. Lanyon), Cecil Clovelly (Edward Enfield), Nita Naldi (Miss Gina), Louis Wolheim ­(In­haber der Konzerthalle). FR, 31. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ALEXANDER SCHIWOW, ZÜRICH (PIANO)

KARIN INGMARSDOTTER Schweden 1920 «Die Jahre, die unmittelbar dem Ersten Weltkrieg folgten, waren die Sternzeit des schwedischen Films. (…) In diesem Filmschaffen war der Ein­ fluss Selma Lagerlöfs hervorragend. (…) Es ent­ stand ihre nordische Welt wieder – diese Welt, in der Legende und Wirklichkeit miteinander ver­ schmelzen, in der die reinen Gefühle, die Leiden­ schaft der Liebe zu den Menschen und zur Natur zu Hause sind.» (Martin Schlappner, Filmpodium, Jan. 1994)


> Moulin Rouge.

> The Covered Wagon.

> The Blot.

> Karin Ingmarsdotter.

> Dr. Jekyll and Mr. Hyde.


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Stummfilmfestival 2020 «In Karin Ingmarsdotter spielt Sjöström selbst den verwitweten Vater, der sich angesichts der eige­ nen irrtumsbelasteten Vergangenheit weigert, seiner Tochter bei der Wahl eines Partners zu ­helfen. Sie entscheidet sich schliesslich für Hal­ vor, was vernünftig erscheint, doch bald schon entwickelt dieser einen Hang zum Trinken. (…) Trotzdem ist der Film nicht deprimierend, denn Sjöström entwickelt in der Schilderung der schei­ ternden Ehe viel Humor; er lässt uns mit den schwachen Charakteren mitfühlen und zeigt die Einengung durch die lokalen Sitten und Ge­ bräuche.» (Brian McIlroy: World Cinema: Sweden, Flicks Books 1986) Wie die meisten Filme Sjöströms schöpft Karin Ingmarsdotter seine Kraft aus dem Zusammen­ spiel von Mensch und Natur, hier der Landschaft von Dalarna. «Die Sequenz der Überschwem­ mung, aus der Ingmar drei Kinder rettet, hat nichts von ihrer grandiosen Wildheit und ihrer ­bewegenden Herrlichkeit verloren.» (Jean Mitry: Histoire du Cinéma, Éditions universitaires 1969)

die dokumentarischen Möglichkeiten der Ka­ mera, um seine Geschichten in einem sie prä­ genden Milieu zu verankern: (…) In L’Hirondelle et la Mésange versetzt er uns mitten in den Alltag von Kanalschiffern. (…) Der einzige Film Antoines, den er nach einem Originaldrehbuch drehen konnte, ist das am radikalsten realistische unter seinen Werken – zu radikal allerdings für den Produ­ zenten, der das gedrehte Filmmaterial unmon­ tiert ins Archiv abschob, wo es glücklicherweise erhalten blieb, sodass dieses Meisterwerk mehr als sechzig Jahre später von Henri Colpi fertigge­ stellt werden konnte.» (Martin Girod, NZZ, 28.10.2005) 80 Min / tinted / 35 mm / Stummfilm, f + e Zw’titel // REGIE ­André Antoine // DREHBUCH Gustave Grillet // KAMERA René Guychard, Léonce-Henri Burel // SCHNITT Henri Colpi (1984) // MIT Maguy Deliac (Marthe), Pierre Alcover (Michel), Louis Ravet (Pierre Van Groot), Jane Maylianes (Griet Van Groot). MI, 22. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON (PIANO,

115 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, schwed + e Zw’titel // REGIE

FLÖTE), ELIZABETH-JANE BALDRY, LONDON (HARFE)

Victor Sjöström // DREHBUCH Victor Sjöström, Ester Julin, nach einem Roman von Selma Lagerlöf // KAMERA Gustaf Boge, Henrik Jaenzon // MIT Victor Sjöström (der alte Ing­ mar), Tora Teje (Karin, seine Tochter), Bertil Malmstedt (sein Sohn Ingmar), Tor Weijden (Halvor), Nils Lundell (Elias), Carl Browallius (Elias' Vater), Nils Arehn (Berger Sven Persson), Paul Hallström (Lehrer Storm), Anna Thorell (Frau Storm). SA, 11. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU, MONTRÉAL (PIANO)

L’HIRONDELLE ET LA MÉSANGE Frankreich 1920 «Eine einfache Geschichte: ein Frachtkahn, ein Schiffer, der nebenbei Diamanten schmuggelt, ein junger Strolch, der sich, um das Versteck des Schatzes herauszufinden, als Matrose anheuern lässt und die Tochter des Chefs verführt. (…) Sel­ ten geht ein Film so bis zum Ende auf die Gefühle seiner Personen ein, ohne ihnen etwas zu schen­ ken, ihnen so wenig wie den Zuschauern. L’Hirondelle et la Mésange verzichtet auf alle The­ atereffekte, auf billige Dramatisierung, die Ent­ wicklung der Geschichte scheint mit jeder Ein­ stellung neu aus den Gefühlsregungen der Figuren zu entstehen.» (Bertrand Tavernier, Posi­ tif, Mai 1984) «André Antoine, der glühende Verfechter des Naturalismus im französischen Theater und recht eigentlich Begründer des modernen Regiethea­ ters in Frankreich (…) fand im Film ein ihm ge­ mässes Medium. Entsprechend stark nutzte er

SUSPENSE USA 1913 «Der Titel des Films, seine Themen und sein Auf­ bau laden zwangsläufig zum Vergleich mit dem ‹Master of Suspense› Alfred Hitchcock ein. (...) Es war die Fähigkeit, echte nervenaufreibende Span­ nung mit der erforderlichen Plumpheit des Happy Ends zu verquicken, die Hitchcock für die Film­ studios profitabel machte, und das galt damals genauso für Lois Weber.» (Bryony Dixon: 100 Silent Films, BFI 2011)

THE BLOT USA 1921 «Lois Weber war zweifellos die bedeutendste [amerikanische] Regisseurin der Stummfilmzeit. Ihre Produktionen waren nicht nur jenen der meis­ ten ihrer männlichen Zeitgenossen ebenbürtig, sondern sie hat in praktisch allen ihren Filmen Prinzipien und Überzeugungen zum Ausdruck ge­ bracht, die ihr selbst existenziell wichtig waren.» (Anthony Slide: Engel vom Broadway, Münster 1982) «The Blot ist eine Anklage gegen eine Gesell­ schaft, die sich so sehr dem Wohlstand und dem Konsum verschrieben hat, dass sie ihre Erzieher und Geistlichen unterbewertet. Er spielt die noble Armut der Familie eines Professors gegen den protzigen Reichtum des bessergestellten Vereh­ rers ihrer Tochter und den grellen Materialismus


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Stummfilmfestival 2020 einer ausländischen Schusterfamilie von neben­an aus. Der Film findet Ironie in dem Umstand, dass diejenigen, die Konsumgüter produzieren und verkaufen, ein besseres Auskommen haben als diejenigen, die mit der Bildung der Köpfe und See­ len der Nation betraut sind.» (Il cinema ritrovato, Bologna 2012)

Dorothy Arzner // MIT Lois Wilson (Molly Wingate), J. Warren Kerrigan (Will Banion), Ernest Torrence (Jackson), Charles Ogle (Mr. Wingate), Ethel Wales (Mrs. Wingate), Alan Hale (Sam Woodhull), Tully Marshall (Bridger), Guy Oliver (Kit ­Carson), John Fox (Jed Wingate). MI, 5. FEB. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR.

SUSPENSE

(VIOLINE), ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO)

10 Min / sw / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Phillips Smalley, Lois Weber // MIT Lois Weber (die Frau), Val Paul (der Mann), Douglas Gerrard (der Verfolger), Sam Kaufman (der Landstreicher).

MOULIN ROUGE GB 1928

THE BLOT 94 Min / sw / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Lois ­Weber // DREHBUCH Marion Orth, Lois Weber // KAMERA Philip R. Du Bois, Gordon Jennings // MIT Philip Hubbard (Prof. ­Andrew Theodore Griggs), Margaret McWade (Mrs. Griggs), Claire Windsor (Amelia Griggs), Louis Calhern (Phil West). SO, 26. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN (PIANO)

THE COVERED WAGON USA 1923 «Der Film erzählt die Geschichte von Amerikas ‹Grossem Treck› von 1849, der zur Gründung des Staates Oregon und zur Erschliessung des ­Westens führte. Wir folgen der unüberblickbaren Karawane der ‹Prärie-Schoner› auf ihrem ge­ fährlichen 2000-Meilen-Weg und lernen in vielen Schlaglichtern die kühnen Männer und Frauen kennen, die diese harte Pioniers-Gesellschaft ausmachten. Der Film ist voll aufregender Zwi­ schenfälle, von denen das Überqueren des PlatteRivers durch den Wagenzug, ein Präriebrand, eine Büffeljagd und eine Attacke von Hunderten von Indianern auf den Zug durch ihren Realismus ­ ­herausragen.» (The Times, 6.9.1923) «Der Film führte Ideen und Techniken ein, die in Hunderten von späteren Filmen verwandt wur­ den; man kann Cruze geradezu als den Pionier einer ‹Odyssee-Tradition› des amerikanischen ­ Westernfilms ansehen.» (Buchers Enzyklopädie des Films) «Ein Meisterwerk des Western, das den Weg zum modernen Western eröffnete. (...) Der Film begeistert noch heute, nicht zuletzt dank Karl Browns Bildkompositionen.» (Hubert Niogret/ Eithne O’Neill, Positif, April 2019) 98 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE James Cruze // DREHBUCH Jack Cunningham, nach dem Ro­ man von Emerson Hough // KAMERA Karl Brown // SCHNITT

Die Revue im Pariser Nachtklub «Moulin Rouge» glänzt mit den erwarteten Choreografien, bis schliesslich als Star die knapp bekleidete Tänze­ rin Parysia erscheint. Die blonde junge Dame im Publikum sagt zu ihrem ebenfalls faszinierten Begleiter: «Das ist meine Mutter!» Margaret, die Tochter, war lange fort an einer Schule und hat sich in der Zwischenzeit mit dem feschen Jung­ adligen André verlobt – heimlich, denn dessen ­Vater will nicht, dass er die Tochter einer Tänzerin heiratet. Als Parysia André kennenlernt, spürt sie, dass dieser sie begehrt. Nicht zuletzt deshalb wendet sie sich an seinen Vater, um dessen Segen für die Heirat der jungen Leute zu erflehen. Er lässt sich von Parysias Tränen erweichen, und Margaret ist überglücklich. André aber erklärt Parysia seine Liebe ... Der expressionistische deutsche Filme­ macher Ewald André Dupont erzielte 1925 einen Welterfolg mit Varieté, einem Liebesdrama im ­Zirkusmilieu (Stummfilmfestival 2016; sein Film Das alte Gesetz von 1923 lief 2019 am Stummfilm­ festival). Er wagte den Sprung nach Hollywood, konnte dort jedoch nur einen einzigen Film reali­ sieren; sein Projekt Moulin Rouge, in dem Gloria Swanson die Hauptrolle spielen sollte, kam nicht zustande. Dupont zog enttäuscht nach London, wo er als Produzent Herbert Wilcox' Film Madame Pompadour betreute. Daraufhin übertrug ihm Bri­ tish International Pictures die Inszenierung von Moulin Rouge. Die Hauptrolle gab Dupont Olga Tschechowa, die in Russland von Stanislawski ausgebildet worden war, einige Erfolge gefeiert hatte und später zu einem Liebling der Nazis wer­ den sollte (von manchen allerdings auch für eine verkappte Sowjetagentin gehalten wurde). Sie war drei Jahre älter als Eve Gray, die Darstellerin ihrer Filmtochter. Dupont drehte die Showeinlagen (da­ runter eine mit Blackface-Chor) teilweise im Ca­ sino de Paris und holte für die wichtigsten Char­ gen namhafte Leute aus Deutschland: Werner Brandes (Das indische Grabmal u. a.) übernahm die Kamera; Alfred Junge besorgte wie schon bei Varieté die Ausstattung. Der Film kam 1928 als


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Stummfilmfestival 2020 Stummfilm ins Kino, wurde 1929 aber nochmals in einer vertonten Fassung herausgebracht. (mb)

THE SCARECROW 19 Min / sw / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Buster Keaton, Edward F. Cline // KAMERA Elgin Less­

127 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel // DREH-

ley // MIT Buster Keaton (Landarbeiter), Joe Keaton (Bauer),

BUCH UND REGIE Ewald André Dupont // KAMERA Werner

Sybil Sealey (Tochter des Bauern), Joe Roberts (Landar­

Brandes // SCHNITT Harry Chandlee // MIT Olga Tschechowa

beiter), Al St. John (Motorradfahrer), Edward F. Cline (Last­

(Parysia), Eve Gray (Margaret), Jean Bradin (André), Georges

wagenfahrer, der Fahrerflucht begeht).

Tréville (Andrés Vater), Marcel Vibert (Marquis), Blanche Bernis (Garderobiere), Ellen Pollock (Mädchen), Andrews ­

THE CAMERAMAN

Engelmann (Chauffeur), Forrester Harvey (Tourist), Ray ­

69 Min / sw / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Edward

­Milland (ein Gönner des Theaters).

­Sedgwick, Buster Keaton (ungenannt) // DREHBUCH Richard Schayer, Clyde Bruckman, Lew Lipton, nach einer Story von

DO, 9. JAN. | 20.00 UHR

Clyde Bruckman, Lew Lipton // KAMERA Elgin Lessley, Reggie

LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR.

Lanning // SCHNITT Hugh Wynn // MIT Buster Keaton (Luke

(VIOLINE, PIANO), FRANK BOCKIUS, FREIBURG I. BR.

Shannon), Marceline Day (Sally Richards), Harry Gribbon

­(PERKUSSION) & BRUNO SPOERRI, ZÜRICH (SAXOFON)

(Hennessey, der Polizist), Harold Goodwin (Harold Stagg), Sidney Bracy (Edward J. Blake), William Irving (Fotograf).

2 × BUSTER KEATON: THE SCARECROW USA 1920 Als Landarbeiter lebt Buster mit seinem Kollegen in einem höchst praktisch eingerichteten Einzim­ merhaus, aber im Werben um die Farmerstochter sind sie erbitterte Rivalen. 1920 trennte sich Buster Keaton von seinem Lehrmeister Roscoe «Fatty» Arbuckle und be­ gann, selbst eine Reihe von Zweiaktern zu produ­ zieren. «The Scarecrow ist der Prototyp jener Filme, in denen Keaton seine Ingenieurslust spielen lässt und die Technik hinauf und hinunter dekli­ niert: wie sie funktionieren, aber auch alles ver­ wirren kann.» (Walter Schobert: Buster Keaton, Hanser 1975)

THE CAMERAMAN USA 1928 «Als Kameramann der amerikanischen Wochen­ schau ist Buster in New York auf der Suche nach Sensationen, um eine von ihm verehrte junge Frau zu beeindrucken. Doch er vermasselt immer wie­ der die Aufnahmen. (...) Der Film gilt als einer der besten des Komikers. Zudem ist es eine wunder­ bare Auseinandersetzung mit dem Medium Film, seinen Möglichkeiten und Grenzen.» (Bonner Sommerkino 2010) «Fabelhafte Gags (...) machen ihn zum lustigs­ ten aller Keaton-Filme.» (Jean Tulard: Guide des films) 2019 wurde The Cameraman digital restauriert; ausgehend vom besten erhaltenen Material ent­ stand eine nahezu vollständige Fassung (es fehlen noch ca. drei Minuten) dieses bisher meist in ver­ stümmelten Kopien von problematischer Bild­ qualität gezeigten Films.

SO, 12. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU, MONTRÉAL (PIANO)

KAIN UND ARTJOM (Kain i Artem) UdSSR 1929 «Die eindrucksvolle Verfilmung einer Kurzge­ schichte von Maxim Gorki über einen jüdischen Flickschuster und einen bärenstarken Hafenar­ beiter spielt im vorrevolutionären Russland. Der aus Leningrad stammende Regisseur verbindet Stilmittel des expressionistischen deutschen Films mit denen des russischen Montagekinos.» (Bonner Sommerkino 2019) «Ein Kunstwerk, wie man es nur ganz selten im Kino zu sehen bekommt. Ein Gesang in Bildern, getragen von einer charakteristischen Melodie, schwermütig, düster, heroisch, brutal und menschlich. Eine kleine Stadt wird geschildert, mit einer Wahrheitstreue, einer lebendigen Far­ bigkeit, einem Zeit- und Milieukolorit, das ver­ blüfft. (…) Wie [das] hinübertransponiert wird zur sieghaften Melodie des neuen Russland, der neuen Menschheit und ihrer neuen Gedanken, das ist so grandios gemacht, dass man sogar den po­ litischen Vorwand entschuldigt.» (Berliner VolksZeitung, 16.4.1930) 85 Min / sw / DCP / Stummfilm, russ + d Zw'titel // REGIE P ­ awel Petrow-Bytow // DREHBUCH Olga Kusnezowa, Jelena New­ jashskaja, Michail Remezow, Pawel Petrow-Bytow, nach der Erzählung von Maxim Gorki // KAMERA Nikolai Uschakow, Michail Kaplan // MIT Emil Gal (Kain), Nikolai Simonow (Art­ jom), Jelena Jegorowa (Frau am Markt), Georgi Uwarow (Mann der Frau am Markt). SO, 2. FEB. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: FILIPP TSCHELZOW (PIANO), MOSKAU


> Erde.

> Kain und Artjom.

> The «High Sign».

> Borderline.

> Good Night, Nurse!.

> Früchte der Liebe.


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Stummfilmfestival 2020

AU BONHEUR DES DAMES Frankreich 1930 «Duviviers letzter Stummfilm ist ein Meisterwerk, einer der Höhepunkte seines Schaffens über­ haupt und vielleicht sein bester Film. (…) Au bonheur des dames bekundet von den ersten Einstel­ lungen an seine symphonische Ambition: Sie zeigen die Ankunft einer jungen Provinzlerin in der Hauptstadt, wie sie vom hektischen Tempo des Pariser Lebens beeindruckt ist, von der unun­ terbrochenen Flut der Menschen und Maschinen. Ihre Faszination gipfelt in der Entdeckung des rie­ sigen Warenhauses ‹Au bonheur des dames›. Es erhebt sich genau gegenüber dem armseligen Laden ihres Onkels, der von Konkurs und Schlies­ sung bedroht ist, weil die unfaire Konkurrenz die kleinen Händler erdrückt.» (Olivier Père, arte.tv, 29.1.2013) «Die Verlegung der Handlung in die Gegenwart beraubt den Kampf zwischen den beiden Wirt­ schaftsformen seiner historischen Dimension. Doch in seiner Realisierung ist der Film hinreis­ send. Er besitzt die Virtuosität der brillantesten englischen, amerikanischen oder deutschen Filme der letzten Stummfilmjahre.» (Jacques Lourcelles: Dictionnaire du cinéma, Robert Laffont 1992) 85 Min / sw / DCP / Stummfilm, f Zw’titel // REGIE Julien ­Duvivier // DREHBUCH Noël Renard, nach dem Roman von

nen Aufnahmen. Diese Arbeitskopie wurde von einem Schweizer Labor deponiert; sie stammt wahrscheinlich vom Ende der 1930er-Jahre, als Richter in der Schweiz war. (...) Die digitale Re­ staurierung macht nun den unvollendeten Cha­ rakter des Werks deutlich, zeigt aber auch eine kohärente Arbeit.» (Caroline Fournier, Il cinema ritrovato, Bologna 2019)

BORDERLINE Schweiz/GB 1930 «Der Film spielt in einer kleinen Grenzstadt, wo sich in der provinziellen Umgebung ein Eifer­ suchtsdrama zwischen einem schwarzen und einem weissen Paar entspinnt.» (absolutmedien.de) «Borderline kann nicht auf eine solche Inhalts­ angabe reduziert werden, die dramatisch und psychologisch erwartete Konventionen voraus­ setzen würde. Macpherson entwickelt im Gegen­ teil eine Erzählweise, die ganz von den Affekten bestimmt ist, und dies sowohl auf der Ebene des Spiels als auf der Ebene der Erzählung. Die Inter­ pretation der Schauspieler ist extrem expressiv.» (Roland Cosandey, in: Cinema, Jahrbuch, Stroem­ feld/Roter Stern 1984) «Ein Film, der immer unterschätzt wurde und niemals die ihm gemässe Anerkennung fand, we­ der zu der Zeit, als er herauskam, noch später.» (Andrea Weiss: Vampires & Violets, Ed. Ebersbach im eFeF-Verlag 1995)

Émile Zola // KAMERA André Dantan, René Guychard, Emile Pierre, Armand Thirard // MIT Dita Parlo (Denise Baudu),

EVERY DAY

­Pierre de Guingand (Octave Mouret), Armand Bour (Baudu),

16 Min / sw / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Hans

Nadia Sibirskaïa (Geneviève Baudu), Germaine Rouer (Ma­

­Richter // DREHBUCH Hans Richter, Hans Arp // MIT Sergej

dame Desforges), Ginette Maddie (Clara), Mireille Barsac

Eisenstein (Polizist), Michael Hankinson, Basil Wright, Len Lye.

­(Madame ­Aurélie), Andrée Brabant (Pauline), Adolphe Candé (Baron Hartmann), Albert Bras (Bourdoncle), Fabien Haziza

BORDERLINE

(Colomban).

82 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // SCHNITT, KA-

DO, 23. JAN. | 18.15 UHR

Paul Robeson (Pete), Eslanda Robeson (Adah), Helga Doorn

LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON (PIANO,

[= Hilda Doolittle alias H.D.] (Astrid), Gavin Arthur (Thorne),

AKKORDEON)

Charlotte Arthur (Barfrau), Blanche Lewin (alte Dame), Wini­

MERA, DREHBUCH UND REGIE Kenneth Macpherson // MIT

fred Bryher (Wirtin), Robert Herring (Pianist).

EVERY DAY GB/Schweiz 1929

MI, 29. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: HANS HASSLER, HAGENDORN ­(AKKORDEON)

Ein dadaistisches Stück über routinemässige Ab­ läufe im Arbeitsleben. «Hans Richter begann 1929 an diesem Film zu arbeiten und er hat ihn bis an sein Lebensende immer wieder umgeschnitten. So hinterliess er eine Anzahl unterschiedlicher Versionen, stumm und mit Ton, die nur in 16-mm-Kopien überlebt haben. 2012 entdeckte die Cinémathèque suisse eine Filmdose mit der Aufschrift Every Day: eine Zusammenstellung von teilweise ungeschnitte­

DIE GALGENTONI (Tonka Šibenice) Tschechoslowakei/Deutschland 1930 «Dieses selten zu sehende Juwel aus dem tsche­ chischen Filmarchiv vereint deutsche Chiaros­ curo-Ästhetik mit sowjetischem Flair für über­ raschende Blickwinkel zu einer aufwühlenden Parabel über die Grausamkeit, die aus Engstirnig­


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Stummfilmfestival 2020 keit entsteht. Im Zentrum einer internationalen Besetzung steht Ita Rina, die slowakische Naive mit den eindringlichen Augen. An Garbos Anna Christie gemahnt ihr Porträt einer Prostituierten, die selbstlos die letzte Nacht mit einem Verurteil­ ten verbringt und sich dadurch selbst zur Geäch­ teten macht.» (San Francisco Silent Film Festival 2019) «Diese wichtige Wiederentdeckung schlägt eine Brücke zwischen dem sozialen Realismus von Pabsts Freudloser Gasse und der dunklen Ly­ rik von Murnaus Sunrise.» (Museum of Modern Art, New York, 22.4.2017) Die Galgentoni wurde ursprünglich stumm ge­ dreht. Nachdem ein Teil der Aufnahmen bei einem Brand vernichtet worden war, beschloss man, den Film mit Ton fertigzustellen. Zwei Szenen wurden in Frankreich tschechisch, deutsch und franzö­ sisch nachsynchronisiert (erhalten ist nur die französische Fassung). Dennoch bleibt er weitge­ hend ein grosser später Stummfilm.

tivierung, die Dowshenko eher zu rechtfertigen als zu bekräftigen versuchte. (...) Erde wurde am 8. April 1930 in den Kiewer Kinos gestartet – und nur neun Tage später wegen Vorwürfen von ‹Bio­ logismus› und Naturalismus verboten. (...) In der UdSSR wurde Erde erst nach dem Tod Dowshen­ kos 1958 rehabilitiert. Im selben Jahr wurde Erde in einer internationalen Umfrage unter Filmkriti­ kern zu einem der zwölf wichtigsten Filme in der Geschichte des Weltkinos gewählt.» (Iwan Kos­ lenko, Giornate del cinema muto, Pordenone 2013) «Der Film gilt heute als Dowshenkos Meister­ werk, ein Film von lyrischer Schönheit und ästhe­ tischer Originalität, der den Stil von Tarkowskij und Paradshanow vorwegnimmt.» (Bryony Dixon: 100 Silent Films, BFI 2011) FRÜCHTE DER LIEBE 27 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, russ + d Zw’titel // SCHNITT, DREHBUCH UND REGIE Alexander Dowshenko // KAMERA Daniil Demuzki // MIT Marian Kruschelnitzki (Jean Kolbas­ juk), Margarita Barskaja (junge Frau), Dmitrij Kapka (Spiel­

81 Min / sw / DCP / teilweise stumm, F + f Zw'titel/e // REGIE

zeugverkäufer), Iwan Samitschkowski (Tolstjak).

Karl ­Anton // DREHBUCH Willy Haas, Benno Vigny, nach dem Reportageroman von Egon Erwin Kisch // KAMERA Eduard

ERDE

­Hoesch // MUSIK Erno Koštál // MIT Ita Rina (Tonka), Vera

77 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, russ + d Zw’titel // SCHNITT,

­Baranowskaja (ihre Mutter), Josef Rovensky (Prokupek, der

DREHBUCH UND REGIE Alexander Dowshenko // KAMERA

Mörder), John Mylong Münz (Jan), Felix Kühne (Hausierer),

Daniil Demuzki // MIT Stepan Schkurat (Opanas, der Vater),

Antonie Nedošinská (Puffmutter), Jindřich Plachta (Kut­

Semjon Swaschenko (Wassili, sein Sohn), Julia Solnzewa (die

scher), Theodor Pištěk (Betrunkener), Jindra Hermanová

Tochter), Jelena Maximowa (Natalja, Wassilis Verlobte), Pjotr

(Prostituierte).

Masocha (Choma, Sohn des Kulaken), I. Franko (der Kulak), Nikolai Nademskij (Grossvater Semjon), W. Michailow (der Priester), P. Petrik (der Redner), Umanez (der Vorsitzende

FRÜCHTE DER LIEBE (Jagodka ljubwi) UdSSR 1926 Eine Komödie über die Missgeschicke eines ­Coiffeurs, «eine kurze, angenehme Burleske, in schnellem Tempo, ganz im Stil von Mack Sennett. (…) Der Humor, der satirische Schwung sind allen Filmen Dowshenkos eigen und für sie charakteri­ stisch.» (Barthélemy Amengual, Dossiers du Ci­ néma, Casterman 1971)

ERDE (Semlja) UdSSR 1930 Gegen den Widerstand der Grossgrundbesitzer schliessen sich Bauern zu einem Kollektiv zu­ sammen und sehen der Erleichterung der Land­ arbeit durch neue Maschinen entgegen. «Die Politik der Kollektivierung war erst kürz­ lich von der Partei verkündet worden, und Dow­ shenko ging das Thema mit einer mystischen phi­ losophischen Vision an. (...) Die Filmbilder von üppiger Natur, fruchtbarem Land und reichen Ernten untergruben faktisch die Idee der Kollek­

des Rats), E. Bondina (eine junge Bäuerin), L. Liaschenko (ein junger Kulak). MO, 3. FEB. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: FILIPP TSCHELZOW (PIANO), MOSKAU

DRAGNET GIRL (Hijosen no onna) Japan 1933 «Ozu, oft missverständlich als der ‹japanischste› aller Regisseure bezeichnet, hat aus seiner Be­ wunderung für Hollywood nie ein Hehl gemacht, besonders in seinen frühen Werken. Seine augen­ fälligste Hommage an das Amerika der Gangster ist – wie die kosmopolitische Hafenstadt Yoko­ hama, in der sie spielt – ein faszinierendes Bei­ spiel der Begegnung von Ost und West. (...) Toki­ kos ehrbarer Tagesjob in einer Schreibstube subventioniert den Lebensstil des zweitklassigen Gangsters und ehemaligen Boxmeisters Jyoji, dessen Gangsterbraut sie spielt. Gemeinsam herrschen sie über eine verrauchte Halbwelt von Cocktailbars und verschwitzten Boxhallen im


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Stummfilmfestival 2020 amerikanischen Stil, frei von fast jedem japa­ nischen Element ausser den Gesichtern der Schauspieler, bis Jyoji die traditionellere jüngere Schwester eines seiner neuen Komplizen ins Auge fasst.» (Jasper Sharp, BFI, Jan. 2017) Dragnet Girl (der Originaltitel Hijosen no onna be­ deutet übersetzt: eine Frau in der Gefahrenzone) zeigt, wie bei Ozu die Verarbeitung dieses Ein­ flusses – etwa der Gangsterfilme Josef von Stern­ bergs – und das Entwickeln eines eigenen Stils Hand in Hand gingen. «Tagsüber arbeitet Tokiko als Schreibkraft in einem Büro, doch sie lebt mit Jyoji zusammen, dem Boss einer unbedeutenden Verbrecher­ bande. Der Student Hiroshi schliesst sich der Bande an und Jyoji fühlt sich von Hiroshis Schwe­ ster Kazuko angezogen (...) Das ist tatsächlich ­einer von Ozus ansprechendsten Filmen, vor allem aufgrund seiner Verwendung von Gangster­filmKonventionen.» (David Bordwell: Ozu and the ­Poetics of Cinema, Princeton University Press 1988)

fene Komiker-Duo Stan Laurel (1890–1965) und Oliver Hardy (1892–1957) seiner Rachsucht und seinem Zerstörungstrieb freien Lauf lässt.

100 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, jap + e Zw’titel // REGIE

USA 1918

MABEL’S STRANGE PREDICAMENT USA 1914 Mabel wartet im Hotel auf ihren Liebsten und wird von einem betrunkenen Landstreicher belästigt. Auf ihrer Flucht vor dem zudringlichen Verehrer gerät sie in Teufels Küche. Mabel Normand (1892–1930) war nicht nur als Model und Schauspielerin erfolgreich, sie führte auch bei zahlreichen Filmen Regie, auch bei Mabel’s Strange Predicament (1914). Darin hat Charlie Chaplin seinen zweiten Auftritt überhaupt in der Rolle des Tramps.

GOOD NIGHT, NURSE!

Yasujiro Ozu // DREHBUCH Tadao Ikeda, nach einer Story von Yasujiro Ozu // KAMERA Hideo Shigehara // SCHNITT Kazuo Ishikawa, Minoru Kuribayashi // MIT Kinuyo Tanaka (Tokiko), Joji Oka (Jyoji), Sumiko Mizukubo (Kazuko), Koji Mitsui (Hiro­ shi), Yumeko Aizome (Misako), Yoshio Takayama (Senko), Koji Kaga (Misawa), Yasuo Nanjo (Okazaki, Sohn des Chefs), Chishu Ryo (ein Polizist). SA, 25. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN (PIANO)

SLAPSTICK-FAMILIENPROGRAMM Stummfilm ist nicht nur Slapstick, aber auch. In diesem Familien-Programm zeigen wir fünf kurze Komödien mit damaligen Stars wie Mabel ­Normand, Charlie Chaplin, Fatty Arbuckle, Buster Keaton, Charley Chase und Laurel & Hardy, ­darunter einige Raritäten. Damit auch Kinder, die noch nicht schnell lesen können, die Zwischen­ titel verstehen, werden diese live in Dialekt einge­ sprochen.

BIG BUSINESS USA 1929 Stan und Ollie hausieren im sonnigen Kalifornien mit Christbäumen. Einer ihrer potenziellen Kun­ den reagiert unwirsch, als sie bei ihm klingeln. Es kommt zu einer fatalen Eskalation. Leo McCarey inszenierte diesen Klassiker des rabiaten Slapsticks, in dem das von ihm geschaf­

Der betrunkene Fatty möchte in einem Lokal Schutz vor dem Unwetter suchen, aber der Besit­ zer lässt ihn nicht mehr herein. Als er endlich nach Hause kommt, hat seine Frau beschlossen, ihn in ein Sanatorium einzuweisen, um ihn von seiner Trunksucht zu kurieren. Da ihm der Chef­ arzt der Heilanstalt kein Vertrauen einflösst, ver­ sucht Fatty mit einer hübschen Patientin abzu­ hauen. Von den Slapstick-Komikern der 1910er-Jahre konnte sich nur Charlie Chaplin in Sachen Ruhm mit Roscoe «Fatty» Arbuckle (1887–1933) mes­ sen. Er war ein gewaltiger Star, der auch als Ent­ decker von Buster Keaton in die Filmgeschichte einging. In Good Night, Nurse! (1918) ist Keaton noch nicht das «Stoneface» und zeigt als flir­ tender Chefarzt virtuoses Mienenspiel.

MIGHTY LIKE A MOOSE USA 1926 Mr. Moose hat ein grausiges Gebiss, Mrs. Moose eine entstellende Nase. Beide lassen sich heim­ lich chirurgisch verschönern. Als sie sich begeg­ nen, erkennen sie sich nicht, verlieben sich aber ineinander. Es droht ein doppelter Ehebruch, der keiner wäre. Charley Chase (1893–1940) war bereits ein ar­ rivierter Filmemacher, als Leo McCarey bei den Hal Roach Studios anheuerte. Chase wechselte vor die Kamera, und McCarey drehte mit ihm klas­ sische Komödien über einen sympathischen Durchschnittsbürger, der in aussergewöhnliche Bredouillen gerät.


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Stummfilmfestival 2020

THE «HIGH SIGN»

LUMIÈRE!

USA 1921

Frankreich 2016 Buster heuert bei einer Schiessbude an und gibt sich gegenüber dem Besitzer als Meisterschütze aus. Der Mann ist Chef einer Gangsterbande, ­deren Mitglieder sich mit einem kuriosen Hand­ zeichen identifizieren. Er befiehlt Buster, den Geizkragen Nicklenurser umzubringen. Aber Nicklenurser und seine Tochter haben soeben Buster als Leibwächter engagiert. Buster Keaton (1895–1966) drehte The «High Sign» 1921 als ersten Kurzfilm in Eigenregie. Ver­ öffentlicht hat er ihn aber erst später, vermutlich weil er mit der Gestaltung seines Stils und seiner Figur noch nicht zufrieden war. Auch deshalb war der Film eher selten zu sehen, obschon er höchst unterhaltsam ist. BIG BUSINESS 19 Min / sw / DCP / Stummfilm, e + d Zw’titel // REGIE James W. Horne, Leo McCarey // DREHBUCH Leo McCarey, H. M. Walker // KAMERA George Stevens // SCHNITT Richard C. Currier // MIT Stan Laurel (Stan), Oliver Hardy (Ollie), James Finlayson (Hausbesitzer), Tiny Sandford (Polizist).

MABEL’S STRANGE PREDICAMENT 12 Min / sw / DCP / Stummfilm, e + d Zw’titel // REGIE Mabel Normand, Mack Sennett // DREHBUCH Charles Chaplin, Henry Lehrman // KAMERA Hans F. Koenekamp, Frank D. Williams // MIT Mabel Normand (Mabel), Charles Chaplin (Betrunkener), Chester Conklin (Ehemann), Alice Davenport (Ehefrau), Harry McCoy (Mabels Liebhaber).

GOOD NIGHT, NURSE! 23 Min / sw / DCP / Stummfilm, e + d Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Roscoe «Fatty» Arbuckle // KAMERA George Peters // SCHNITT Herbert Warren // MIT Roscoe «Fatty» Arbuckle (Fatty), Buster Keaton (Dr. Hampton/Frau mit Schirm), Al St.

Einem verbreiteten Klischee zufolge haben Louis und Auguste Lumière zwar das Kino erfunden, in­ dem sie den Cinématographe entwickelten, der nicht nur die Aufnahme, sondern auch die Projek­ tion von Filmen erlaubte, aber als Filmemacher waren sie uninteressant; sie bildeten bloss in knapp einminütigen Schnipseln die Realität ab, während Georges Méliès und andere Künstler das neue Medium nutzten, um andere Welten zu er­ schaffen. Ein genaueres Studium des Werks der Lumières enthüllt aber, dass sie nicht nur mit Fik­ tion experimentierten – L’arroseur arrosé gilt als erste Filmkomödie überhaupt –, sondern auch ihre fast 1500 scheinbar nüchternen kleinen Dokumen­ tarfilme, die sie in ganz Europa drehten und drehen liessen, inszenierten und durchgestalteten. Thierry Frémaux, Leiter des Institut Lumière in Lyon, und die Cinémathèque française haben un­ längst die erhaltenen, aber selten gezeigten Filme der Lumières restaurieren lassen. Frémaux hat daraufhin eine schöne Kompilation mit dem mehrdeutigen Titel Lumière! geschaffen, die nicht nur visuelle Höhepunkte versammelt, sondern ­einen neuen Blick auf diese unterschätzten Mini­ atu­ ren ermöglicht. Informationen zum Hinter­ grund der Filme sowie Bezüge zwischen einzel­ nen Filmen bereichern das ohnehin einzigartige Seherlebnis, denn so schön erstrahlten die Filme wohl nicht einmal bei ihrer Uraufführung. Aus Anlass des 125. Jubiläums der Patentie­ rung des Cinématographe am 13. Februar 1895 zeigt das Filmpodium noch einmal Lumière!. (mb) 90 Min / Farbe + sw / DCP / F/d // REGIE Thierry Frémaux // MUSIK Camille Saint-Saëns // SCHNITT Thomas Valette,

John (Assistent des Chirurgen), Alice Lake (verrückte Frau).

Thierry Frémaux // MIT Thierry Frémaux (Erzähler), Auguste

MIGHTY LIKE A MOOSE

selbst; Archivbildmaterial), Martin Scorsese (er selbst).

Lumière (er selbst; Archivbildmaterial), Louis Lumière (er

22 Min / sw / DCP / Stummfilm, e + d Zw’titel // REGIE Leo ­McCarey // DREHBUCH H.M. Walker, Charley Chase // ­KAMERA Len Powers // SCHNITT Richard C. Currier // MIT Charley Chase (Mr. Moose), Vivien Oakland (Mrs. Moose), Ann Howe (das Dienstmädchen der Mooses), Charles Clary (Zahn­ arzt), Gale Henry (Floradora).

THE «HIGH SIGN» 19 Min / sw / DCP / Stummfilm, e + d Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Edward F. Cline, Buster Keaton // KAMERA Elgin Lessley // MIT Buster Keaton (unser Held), Bartine Burkett (Miss Nickelnurser), Charles Dorety (Gangmitglied), Ingram B. Pickett (Tiny Tim). SA, 25. JAN. | 15.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO)

> Lumière!.


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James Mason Weil seine Schurken so schön schillerten, nannte man James Mason gern «The Man They Loved to Hate». Das gilt für seine frühen Rollen in seiner Heimat Grossbritannien ebenso wie für die, die er in Hollywood spielte. Dass sein Spektrum dennoch eine grosse Breite aufweist, zeigt die Filmreihe, die das Filmpodium dem Schauspieler widmet. Wenn man in Interviews den alten Titanen der britischen Schauspielkunst – John Gielgud, Laurence Olivier oder eben auch James Mason (1909–1984) – mit der Frage nach dem amerikanischen «method acting» kam, war da immer so ein höfliches Sich-Winden; so will es einem scheinen, jedenfalls auf You­ Tube, dieser segensreichen Einrichtung eines archivarischen Eklektizismus. In den Augen glitzert ein nachsichtiger Sarkasmus, um die Münder kräuselt sich eine diskrete Mokanz. Einer wie Laurence Olivier zum Beispiel gab dann so manierlich wie möglich zu verstehen, dass er Lee Strasberg, den Meister der «Methode», für einen ziemlich wirren Erweckungsprediger des naturalisti­ schen Sich-selber-Seins hielt (er war dabei gewesen, als Pamela Strasberg, die Meistersfrau, Marylin Monroe riet, zur Herstellung eines erotischen Flui­ dums an ihr Gefühl für Coca-Cola zu denken). Erwischte man James Mason mit der Frage 1954 nach A Star Is Born, 1962 nach Lolita oder später noch in der Altersmilde seiner Erinnerungen, wurde er ein wenig schmallippig und «very British» vor dem Abgrund zwischen Kunst und Kunst. Er sprach von Judy Garland, die es zerrieben hatte im höchst gefährlichen Gemenge von «komödiantischer Genialität» (von ihren dramatischen Begabungen hielt er weniger), studioärztlich verordneter ­Tablettensucht und der Methode, das Spiel mit dem Sein zu verwechseln. Er sprach von Anne Bancroft, diesem wunderbaren, konzentrierten Talent, das noch wunderbarer geworden sei, wenn das Methodische sich nicht bemerk­ bar gemacht habe (sie trafen sich unter anderem in Franco Zefirellis pom­ pösem Gesù di Nazareth, 1977). Und man versteht: James Masons Abscheu vor egozentrischen Posen, die sich Methode nannten, war tief und rein und streng im Urteil. Der Rollenbauer Schauspielerei, richtig begriffen, körperlich und intellektuell, das war für ihn Dienst an einem Werk, nicht mönchisch, sondern lustvoll, aber doch: Dienst. Er frage, sagte er oft, weniger nach seiner Figur und was so ein Film für sie tun könne. Er ordnete einer Gesamtschau unter, was er ihr nach bestem ­Wissen und Können an Individualität abgewann, Melodienbögen, Charakter­ facetten, Gedankenlogik. Er «baute» Rollen, könnte man sagen, die in ihren


23 Harmonien und Dissonanzen der dramatischen Statik nützten; und da passt es ganz gut, dass er vor seiner Karriere nicht daran gedacht hatte, Schau­ spieler zu werden. Er hatte in Cambridge Architektur studiert und dann ein­ fach nichts zu bauen gehabt. Das Theater also. Und dann der Film. Ein wenig Blut geleckt hatte ­Mason im Rahmen des beliebten Laientheaterwesens an englischen Universi­ täten, und der Weg ans Old Vic in London, wo er mit Charles Laughton spielte (oder wenigstens in seiner Nähe), scheint nicht besonders steinig ge­ wesen zu sein. Es ist nichts zu berichten von einem Elend der frühen Jahre. Zum Kino im Übrigen pflegte er eine Liebesbeziehung seit der Jugend, die leichte Verachtung eines jungen Olivier für das «kuriose kleine Medium, das grosse Schauspielerei nicht aushält», war ihm ganz und gar fremd. Die sehr rührige britische Filmförderung half, und item, 1935 debütierte ein Film­ schauspieler. Ein Schurke geht nach Hollywood Sein Fach, wenn es denn eines gab, war der schillernde Schurke. Jener, der einem Publikum nicht gab, was es wollte, sondern es verführte, das zu wol­ len, was er gab, contre cœur. Der flamboyante Mörder, der elegante Sadist standen ihm gut, er brachte es zu einer Meisterschaft der widersprüchlichen Verkommenheit insbesondere in den Produktionen der Firma Gainsborough, diesen heftig kostümierten Maskenspielen von Verbrechen und Strafe. Die Geschichten und Zeiten, die da melodramatisch verwirbelt wurden, mögen schon damals in den Vierzigern klischiert gewesen sein. Er war es nie: nicht als der Landadelige in The Man in Grey (1943), der Mord mit Mord rächt; nicht im tadellosen Frack jenes Manipulators einer jungen Pianistin in The ­Seventh Veil (1945). Er kam mit dem Unmoralischen seiner Figuren davon. Vielleicht lag es an der Stimme, die in Masons Filmen ihren Zauber webte. Am Tonfall, in dem er Worte spuckte wie Pfeile, dorthin, wo’s wehtat, sie tröpfelte wie Gift, sanft und dosiert, oder langsam fallen liess wie Eiswürfel, hart und klar und klirrend. Und das musste einer ja erst einmal zuwege bringen durch seine Rol­ lenwahl gegen den moralischen Strich: dass er als Englands Lieblingsschänder von Seelen und Körpern von der Leserschaft der «Daily Mail» zum popu­ lärsten Schauspieler des Landes gewählt wurde; 1946 war das. (Aber es soll jetzt, zumindest in Klammern, auch dies gesagt sein: Grässliche Frauenbilder sind auszuhalten in manchen Mason-Filmen, nicht nur in der «Gainsborough Gothic», auch später in der «amerikanischen» Zeit des internationalen Ruhms.) < >

Unerbittlich gejagt: James Mason als verwundeter IRA-Kämpfer in Odd Man Out Vom Ab- und Aufstieg im Showbusiness: James Mason und Judy Garland in A Star Is Born


24 Es lockte Amerika: Hollywood und die wahre, die globale Popularität. Er sei, liest man, gewarnt worden. Er werde schrecklichen Schaden an seiner Intelli­ genz nehmen. Und als er dann in Henry Hathaways The Desert Fox (1951) den Feldmarschall Rommel spielte (er, der sich während des Kriegs als Mili­ tärdienstverweigerer hatte registrieren lassen) oder den Grafen Rupert von Hentzau in The Prisoner of Zenda (1952), hätten ein paar berühmte Kollegen zu Hause sich gesorgt, wohin es den «armen Jimmy Mason», der doch nicht mehr der Jüngste sei, wohl treiben werde. Er aber stand dazu, ein internatio­ naler Star werden zu wollen, und das wurde er ja, wenn auch nicht ganz so, wie er sich das vorgestellt hatte. Nicht als der selbstverständliche «leading man», eher als der «sinistere Fremdling». Ein wenig hat das an ihm genagt, er sei, sagte er, zum Bereuen nicht gemacht, aber einmal – da wohnte er schon lang am Genfersee – brach es aus ihm heraus. Ja, man könne es wohl so aus­ drücken, «I screwed up my career by going to Hollywood». Das war jedoch eine Klage auf hohem filmhistorischen Niveau. Seine charismatische Beredsamkeit überstand auch den Unsinn, den er sich zumu­ tete. Und dieses Filmpodium-Programm, handverlesen aus über hundert Fil­ men, wird das Wunder schauspielerischer Grösse zeigen: den düsteren, traum­ verlorenen Odd Man Out von Carol Reed (1947), seinen Lieblingsfilm. Wie James Mason sich in den Wahnsinn einer Sucht delirierte in Bigger Than Life (Nicholas Ray, 1956). Und A Star Is Born natürlich und jene Szene, worin er in tragischer, fast ballettöser Trunkenheit eine Oscar-Party sprengt. 1962 zog er in die Schweiz, er habe die europäische Luft vermisst in jeder Hinsicht, deutete er an (und tatsächlich ist er auch ein Teil des Schweizer Films geworden in Alexandre, dem Spielfilmdebüt von Jean-François Amiguet, 1983; er hatte ein Herz fürs Unabhängige). Am 27. Juli 1984 starb James ­Mason in Lausanne. Erst 16 Jahre später, nach einem bizarren Rechtsstreit um Erbe und Asche, wurde seine Urne auf dem Friedhof von Corsier-sur-Vevey beigesetzt. Dort liegt er nun ganz in der Nähe von Charlie Chaplin, den er gut kannte, Nachbar im Tod wie im Leben. Christoph Schneider

Christoph Schneider, von Hause aus Theaterwissenschaftler, schrieb lange Jahre im «TagesAnzeiger», im «Züritipp» und im «Bund» über Film, wobei er sich für Schweizer Filme ebenso begeistern kann wie für Hollywood. 2015 wurde er für seinen Nachruf auf den Filmemacher Peter Liechti mit dem Prix Pathé in der Kategorie «Printmedien» ausgezeichnet.


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James Mason

THE MAN IN GREY GB 1943 England, Beginn des 19. Jahrhunderts: Der reiche Misanthrop Lord Rohan (James Mason) heiratet die junge Clarissa Marr, um einen Erben für sein Vermögen zu zeugen. Es ist eine Zweckehe, und die beiden führen mehr oder weniger getrennte Leben. Rohan willigt ein, dass mit Hesther eine frühere Freundin Clarissas auf den Landsitz zieht. Als Rohan mit Hesther eine Affäre beginnt und Clarissa sich in den Schauspieler Rokeby verliebt, beginnen die Verstrickungen und Intrigen, die schliesslich tödlich enden. Die Adaption von Eleanor Smiths Roman wurde während der Kriegszeit in Grossbritannien zum grossen Publikumserfolg und verhalf James Mason zum Durchbruch. Fortan war der Schau­ spieler in zahlreichen historischen Melodramen als Antiheld zu sehen, der die Protagonistinnen ins Verderben führt. «The Man in Grey war unter den zehn erfolg­ reichsten britischen Produktionen von 1943. (…) Es ist einfach zu verstehen, warum: Er hat die da­ malige nationale Stimmung hervorragend ein­ gefangen. Aspekte aus älteren erfolgreichen ‹women’s pictures› (Filmen mit weiblichen Haupt­ figuren, die sich spezifisch an ein weibliches Pu­ blikum wandten; Anm. Red.) wie Rebecca, Gaslight und natürlich Gone with the Wind verschmelzen mit einer überraschend eigenständigen Formel, die authentischen Star-Appeal mit einer Hand­ lung vermischt, deren melodramatische Oberflä­ che ein komplexes Labyrinth von Gegensätzen und Doppelungen verbirgt: Gut gegen Böse, Ge­ horsam gegen Rebellion, Mann gegen Frau und Klasse gegen Klasse.» (Michael Brooke, BFI Screen Online) 90 Min / sw / DCP / E // REGIE Leslie Arliss // DREHBUCH ­Doreen Montgomery, Margaret Kennedy, Leslie Arliss, nach dem Roman von Eleanor Smith // KAMERA Arthur Crabtree // MUSIK Cedric Mallabey // SCHNITT R.E. Dearing // MIT James Mason (Lord Rohan), Margaret Lockwood (Hesther Shaw), Phyllis Calvert (Clarissa Marr), Stewart Granger ­(Peter Rokeby), Helen Haye (Lady Rohan), Martita Hunt (Miss Patchett), Antony Scott (Toby).

ODD MAN OUT GB 1947 Ein Auftragskiller der IRA bricht aus dem Gefäng­ nis aus und wird bei einem Überfall schwer ver­ wundet. Unerbittlich gejagt von der Polizei, ver­ sucht er ein Schiff im Hafen von Belfast zu erreichen. Ganz in der Tradition des Film noir

drehte Carol Reed mit Odd Man Out einen Klassi­ ker des westeuropäischen Nachkriegsfilms. «Die Hauptrolle besetzte Reed mit James ­Mason, der mit dieser überzeugenden Darstel­ lung seinen internationalen Durchbruch hatte. (…) Reed schuf einen dichten und packenden Film, in dem der Heroismus der Kriegsjahre einem deut­ lichen Skeptizismus der Nachkriegszeit gewichen ist, was auch durch die hervorragende Kamera von Robert Krasker unterstrichen wird.» (rf, Film­ archiv Austria, Feb. 2009) «Das nächtlich regenglänzende Pflaster, die harten Schlagschatten der Menschen und Fahr­ zeuge auf den Backsteinen, die Mauerschluchten ohne Licht geben Belfast das Gesicht einer fast ausweglosen Finsternis. Die Figuren erscheinen in der todgeweihten Welt des fiebernden Gejagten wie gefangen in hoffnungsloser Ermattung und greller Lebensgier.» (Wolfgang Tietze, Reclam Filmklassiker) 111 Min / sw / DCP / E/f // REGIE Carol Reed // DREHBUCH F. L. Green, R. C. Sherriff, nach dem Roman von F. L. Green // KAMERA Robert Krasker // MUSIK William Alwyn // SCHNITT Fergus McDonnell // MIT James Mason (Johnny McQueen), Robert Newton (Lukey), Kathleen Ryan (Kathleen Sullivan), Robert Beatty (Dennis), Elwyn Brook-Jones (Tober), Cyril Cusack (Pat), F.   ­ J.   McCormick (Shell), William Hartnell ­(Fencie), Fay Compton (Rosie), Denis O’Dea (Inspektor), Beryl Measor (Maudie), W. G. Fay (Pater Tom).

THE RECKLESS MOMENT USA 1949 Nach Caught (1949) die zweite Zusammenarbeit von Max Ophüls mit James Mason. «Eine Amerikanerin wird wegen eines von ih­ rer Tochter begangenen Totschlags, bei dessen Vertuschung sie geholfen hat, von zwei Männern erpresst. Sie verliebt sich in einen von ihnen, der seinen Komplizen umbringt, jedoch bei der Besei­ tigung der Leiche umkommt. Exzellent gespieltes und gefilmtes Melodram mit Genre-Elementen des Film noir.» (Heyne Film Lexikon) «Die Brillanz dieses Films kommt von den subtilen Nuancen in den Beziehungen zwischen den Hauptfiguren, durch die nach und nach Recht und Unrecht neu definiert werden. So ist es zum Beispiel vor dem Auftauchen von Masons Figur praktisch unmöglich, die Vertuschung des Ver­ brechens durch die Mutter zu entschuldigen, und eine Zeitlang wirkt es so, als wäre sie der Haupt­ bösewicht des Films. Dann ergibt sich ein grösse­ res und vollständigeres Bild, mit dem Toten im Mittelpunkt, und es wird viel einfacher, die ver­ zweifelten Handlungen der Mutter zu rechtferti­ gen; sie ist auch nicht mehr der Bösewicht. Hier


> The Man in Grey.

> Five Fingers.

> The Man Between.

> Pandora and the Flying Dutchman.


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James Mason beginnt das Publikum auch über mehrere ‹Was wäre, wenn›-Szenarien nachzudenken, die ein weit grösseres Drama hätten auslösen können, und darüber, ob das Schicksal wohl tatsächlich das am wenigsten tragische ausgewählt haben könnte. So verändert der von Mason gespielte Be­ sucher nicht nur das Gleichgewicht der Kräfte, sondern auch die bisherige, vermeintlich logische Einschätzung der ganzen Geschichte durch die Zuschauer. (...) Masons Besucher hat die düstere Aura vieler klassischer ‹bad guys›, die durch nichts von dem, was er sagt oder tut, abge­ schwächt wird.» (Svet Atanasov, blu-ray.com, 20.5.2019) 82 Min / sw / 35 mm / E // REGIE Max Ophüls // DREHBUCH Henry Garson, Robert W. Soderberg, Mel Dinelli, Robert E. Kent, nach einer Story von Elisabeth S. Holding // KAMERA Burnett Guffey // MUSIK Hans J. Salter // SCHNITT Gene ­Havlick // MIT Joan Bennett (Lucia Harper), James Mason (Martin Donnelly), Geraldine Brooks (Beatrice Harper), Henry O’Neill (Mr. Harper), Shepperd Strudwick (Ted Darby), David Bair (David Harper), Roy Roberts (Nagel), Frances Williams (Sybil, die Köchin).

PANDORA AND THE FLYING DUTCHMAN GB 1951 Eine ins 20. Jahrhundert verlegte Variante der Le­ gende vom Kapitän, der ruhelos auf dem Geister­ schiff umherirrt: In einem spanischen Küstenort, wo sich die mondäne Welt trifft, erlöst eine exzen­ trische Amerikanerin den zur Unrast Verdammten mit ihrer hingebungsvollen Liebe. Das elegante Liebesmelodram benutzt die alten europäischen Mythen auf sehr unkonventionelle Weise für seine Zwecke. «Lewin kombiniert ein sprachlich ausgefeiltes Drehbuch mit einem visuellen Reichtum, der oft ans Surreale grenzt. Hin und wieder zeigt der Film absurden Humor, und er erzählt die schwelge­ rische Romanze so geschickt, dass sie selbst zum Mythos wird.» (Time Out Film Guide) «Mason wurde nach einer Reihe von internati­ onal erfolgreichen britischen Kostümfilmen als grüblerische, romantische Figur mit einem Hang zum Sadomasochistischen wahrgenommen. In Pandora scheint er als Hendrick van der Zee sei­ nen eigenen Archetypen zu spielen, einen myste­ riösen Kapitän und Hobbymaler, der eines schö­ nen Morgens in Esperanza auftaucht.» (Dave Kehr, The New York Times, 27.8.2010)

Cardiff // MUSIK Alan Rawsthorne // SCHNITT Ralph Kemplen // MIT James Mason (Hendrick van der Zee), Ava Gardner (Pandora Reynolds), Nigel Patrick (Stephen Cameron), Sheila Sim (Janet Fielding), Harold Warrender (Geoffrey Fielding), Mario Cabré (Juan Montalvo), Marius Goring (Reggie Dema­ rest), John Laurie (Angus), Pamela Kellino (Jenny Ford), Patricia Raine (Peggy Ford), Margarita d’Alvarez (Señora ­ Montalvo).

FIVE FINGERS USA 1952 Die Verfilmung einer historisch belegten Spiona­ geaffäre in Ankara 1944: Der Kammerdiener des britischen Botschafters verkauft den Nazis wich­ tige Geheimdokumente. Da diese, aus Angst vor gezielter Desinformation, dem Material nicht trauen, ziehen sie letztlich so wenig Nutzen aus dem Coup wie der Spion selbst. «Mit jener schwerelosen Eleganz, die nur wahre Könnerschaft hervorbringt, rollt dieses ‹einzige Meisterwerk des Spionagegenres in der Filmgeschichte› (Bertrand Tavernier und JeanPierre Coursodon: 50 ans de cinéma américain) die reale ‹Affäre Cicero› auf. (...) Ein damaliger deutscher Botschaftsangestellter resümierte die Geschehnisse später in einem Bestseller, um den sich die britischen Mogule Arthur J. Rank und Ale­ xander Korda ebenso rissen wie MGM und Twen­ tieth Century Fox. Fox-Boss Darryl F. Zanuck machte das Rennen und vertraute die Regie schliesslich Mankiewicz an, der ein bereits beste­ hendes erstes Script brillant überarbeitet und sich mit All About Eve soeben als einer der Top­ regisseure des Studios empfohlen hatte. Wich­ tigste literarische Freiheit gegenüber dem realen Fall war seine Anreicherung um ein ‹love in­ terest›, Masons/Diellos Obsession für Danielle Darrieux in der Rolle einer verarmten polnischen Gräfin, mit der er sich nach Rio absetzen will. Der Verräter, die Gräfin, der britische und der deut­ sche Botschafter sind sich absolut ebenbürtig in diesem Spiel, jeder Schachzug strotzt vor Doppel­ bödigkeit und böser Ironie: 108 Minuten reine Schaulust.» (Andreas Furler, Filmpodium, Nov./ Dez. 2013) 108 Min / sw / DCP / E/f // REGIE Joseph L. Mankiewicz // DREHBUCH Michael Wilson, Joseph L. Mankiewicz, nach dem Buch «Operation Cicero» von L. C. Moyzisch // KAMERA Nor­ bert Brodine // MUSIK Bernard Herrmann // SCHNITT James B. Clark // MIT James Mason (Diello), Danielle Darrieux (Anna Staviska), Michael Rennie (George Travers), Walter Hampden (Sir Frederic), Oscar Karlweis (Moyzisch), Herbert Berghof (Col. von Richter), John Wengraf (von Papen), A. Ben Astar

118 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Albert Lewin // DREH-

(Siebert), Roger Plowden (MacFadden), Michael Pate (Mor­

BUCH Albert Lewin, nach der Legende vom «Fliegenden Hol­

rison), Ivan Triesault (Steuben), Hannelore Axmann (von

länder» und der Oper von Richard Wagner // KAMERA Jack

­Papens Sekretärin).


> Bigger Than Life.

> North by Northwest.

> 20,000 Leagues Under the Sea.

> The Pumpkin Eater.


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James Mason

THE MAN BETWEEN GB 1953 Ein zwielichtiger Ehrenmann und Geschäftema­ cher verliebt sich im Berlin der Nachkriegsjahre in eine junge Engländerin und opfert sich für das Mädchen, das im Verlauf eines politischen Ban­ denkriegs zwischen Ost und West entführt wird. Perfekt und kühl konstruierter Krimi und PolitThriller mit Zeit- und Lokalkolorit. «Wie mit Dublin (Odd Man Out) und Wien (The Third Man) stellt Reed sein Genie dafür unter Be­ weis, die düsteren Seiten ikonischer Städte zu vermitteln. Aber er kontrastiert auch die Selbst­ gefälligkeit der Sieger mit dem Zynismus der Be­ siegten und fängt so die quälende Alltagsrealität eines Landes mit einer beschämenden Vergan­ genheit und einer hoffnungslosen Zukunft ein.» (David Parkinson, bfi.org.uk, 11.1.2017) «Die eintönige, schneebedeckte Stadt findet ihre menschliche Entsprechung in Masons sardo­ nischem, verrufenem Doppelagenten, welcher der provozierend jungfräulichen Claire Bloom zu­ erst nachstellt und ihr dann verfällt. Der KalteKrieg-Dogmatismus ist erfrischend gedämpft, die Helden aus der freien Welt und die stalinisti­ schen schweren Jungs bilden lediglich den Hin­ tergrund für die komplex mehrdeutigen Bezie­ hungen rund um Mason.» (Time Out London) 100 Min / sw / DCP / E/d // REGIE Carol Reed // DREHBUCH Harry Kurnitz, Eric Linklater (ungenannt), nach einem Roman von Walter Ebert // KAMERA Desmond Dickinson // MUSIK John Addison // SCHNITT Bert Bates // MIT James Mason (Ivo Kern), Claire Bloom (Susanne Mallison), Hildegard Knef ­(Bettina Mallison), Geoffrey Toone (Martin Mallison), Aribert Wäscher (Halendar), Ernst Schröder (Olaf Kastner), Dieter Krause (Horst), Hilde Sessak (Lizzi), Karl John (Insp. Kleiber), Ljuba Welitsch (Opernsängerin).

20,000 LEAGUES UNDER THE SEA USA 1954 «Der menschenfeindliche, aber geniale Kapitän Nemo, der sich an der ganzen Menschheit rächen will, macht im Jahr 1868 mit seinem riesigen ­Unterseeboot den Pazifischen Ozean unsicher.» (Lexikon des int. Films) «Eine unterhaltsame Fantasy-Abenteuerver­ sion des klassischen Jules-Verne-Romans, sorg­ fältig geschrieben und von Richard Fleischer handwerklich gekonnt inszeniert. Die Geschichte kommt lebendig und komisch daher und liebäu­ gelt mit einer politischen Aussage. Letztlich kann sie zwar nicht wirklich laut gegen den Kolonialis­ mus der Grossmächte anschreien, doch liefert sie

dem verrückten Wissenschaftler immerhin einen Grund dafür, warum er derart wütend auf die Welt ist – etwas, das im Roman nicht vorkommt. Gross­ artige Ausstattung, farbenfrohe Unterwasserauf­ nahmen, ein ultramodernes U-Boot (…) plus ein wunderbar düsterer James Mason ergeben gutes Sci-Fi-Seemannsgarn.» (Dennis Schwartz, Ozus’ World Movie Reviews, 29.5.2012) 127 Min / Farbe / 35 mm / E/d // REGIE Richard Fleischer // DREHBUCH Earl Felton, nach dem Roman von Jules Verne // KAMERA Franz Planer // MUSIK Paul Smith // SCHNITT Elmo Williams // MIT Kirk Douglas (Ned Land), James Mason (Cpt. Nemo), Paul Lukas (Prof. Pierre Aronnax), Peter Lorre (Con­ seil), Robert J. Wilke (Obermaat der Nautilus), Carleton Young (John Howard), Ted de Corsia (Capt. Farragut), Percy Helton (Kutscher), Ted Cooper (Obermaat der «Abraham ­Lincoln»), Joseph M. Kerrican (Billy).

A STAR IS BORN USA 1954 Melodram um den Aufstieg eines Revuegirls zur gefeierten Sängerin. Die Kehrseite: Ihr geliebter Mann macht analog den Abstieg vom Filmstar zum Nobody und zum Alkoholiker durch. Eine künstlerische Meisterleistung Cukors, von der gelungenen Integration scheinbar unvereinbarer Genres, vom Wagemut im Umgang mit dem da­ mals noch ungewohnten CinemaScope-Format, von einer atemberaubenden Schnitttechnik und dem Gespür für filmischen Rhythmus. «Da sind Bilder und Szenen, die in ihrer kine­ matographischen Energie auch den grössten Zyniker­überrollen: Selten sind Hollywood und Hollywood im Film so nahtlos ineinander überge­ gangen.» (Corinne Schelbert, zit. nach Film­ podium, Juli 1999) «Von allen Rührstücken Hollywoods muss die­ ses hier das erschütterndste sein. Die Geschichte vom Aufstieg eines Gesangsstars schien den empfindlichen Nerv seiner Darsteller so genau zu treffen, dass man ihnen mit gebanntem Unbe­ hagen zusieht. (…) Auch James Mason ist gross­ artig, ob er nun müssig die Tanzsäle von L. A. nach Frauen absucht, dem Alkohol verfällt oder an der Oscar-Zeremonie einen Skandal verursacht: Er zeigt eine unvergleichliche Leistung.» (Chris Peach­ment, Time Out Film Guide) 176 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE George Cukor // DREHBUCH Moss Hart, basierend auf dem Drehbuch von ­Dorothy Parker, Alan Campbell, Robert Carson, nach einer Story von William A. Wellman, Robert Carson, basierend auf «What Price Hollywood?» von George Cukor // KAMERA Sam Leavitt // MUSIK Harold Arlen, Ray Heindorf // SCHNITT Folmar ­Blangsted // MIT Judy Garland (Esther Blodgett/Vicki Lester),


> Georgy Girl.

> Alexandre.

> The Verdict.

> The Deadly Affair.


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James Mason James Mason (Norman Maine), Jack Carson (Matt L ­ ibby), Charles Bickford (Oliver Niles), Tommy Noonan (Danny ­McGuire), Lucy Marlow (Lola Lavery), Amanda Blake (Susan Ettinger), Irving Bacon (Graves), Hazel Shermet ­(Libbys Se­ kretärin), James Brown (Glenn Williams), Lotus Robb (Miss Markham).

BIGGER THAN LIFE USA 1956 «Ein High-School-Lehrer in einer properen ame­ rikanischen Vorstadt der fünfziger Jahre wird mit Cortison gegen eine schmerzhafte Krankheit be­ handelt. Die Überdosierung des Medikaments löst eine Persönlichkeitsveränderung aus, die sich von asozialer Ehrlichkeit über Grössenwahn bis zur gemeingefährlichen Psychose steigert. (...) Ray verschweisst die Kollegen, die Ärzte und die Ehefrau des Protagonisten zu einem Bündnis der Diskretion, das auch da noch eisern schönredet oder schweigt, wo längst geschrien werden müsste. Der virtuose Einsatz des ScopeFormats und irrwitziger Komplementärfarben stilisieren die Krankheitsgeschichte vollends zum parabelhaften Trip. Dass sich die Übersteigerung patriarchalischer Selbstgerechtigkeit dennoch nicht in der Karikatur erschöpft, verdankt sich der Kunst James Masons, der selbst in der Tyrannei verletzlich bleibt.» (Andreas Furler, Filmpodium, Aug./Sept. 2011) «Masons Spiel ist von ausserordentlicher Klarheit und Genauigkeit; unter der meister­ haften Führung von Nicholas Ray kommt er zu den drei oder vier schönsten Grossaufnahmen von Gesichtern, die ich seit dem Aufkommen des Ci­ nemascope habe bewundern können.» (François Truffaut, Die Filme meines Lebens, Hanser Verlag 1999)

Mason) entführt wird. Dem Geheimdienst kommt dies sehr recht, will er doch die Gegenseite auf eine falsche Spur locken. Eine Verfolgungsjagd quer durch den nordamerikanischen Kontinent beginnt, bei der Thornhill unfreiwillig zum Helden wird, einen Gentleman-Agenten zur Strecke bringt und die Frau fürs Leben findet. «Hitchcock vereint auf höchst unterhaltsame Weise alle Qualitäten des Thrillers, des Aben­ teuerkinos und der Kriminalkomödie; darüber hinaus­ ist North by Northwest eine doppelbödigironische Anthologie US-amerikanischer Land­ schaften, Mythen und Denkmäler. Gewisse Sze­ nen haben Filmgeschichte gemacht: der Mordanschlag mithilfe eines Gift sprühenden Flugzeugs in einem Maisfeld beispielswiese so­ wie das Finale auf den steinernen Präsidenten­ köpfen des Mount Rushmore.» (Lexikon des int. Films) «Dies ist einer jener Filme, für die sich so viele Lesarten finden lassen, wie man nur will: Ver­ schwörungsparanoia, freudianischer Albtraum, in dem Mütter, Geliebte, Schwule und Polizisten alle gegen einen Mann konspirieren, Parabel über das moderne Amerika.» (Helen MacKintosh, Time Out Film Guide) «James Mason, der vollendete Profi, spielt Philipp Vandamm perfekt: Kultiviert und ruhig, mit nur einem leisen Hauch von Bedrohlichkeit.» (James Berardinelli, reelviews.net) 136 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH Ernest Lehman // KAMERA Robert Burks // MUSIK Bernard Herrmann // SCHNITT George Tomasini // MIT Cary Grant (Roger O. Thornhill), Eva Marie Saint (Eve Kendall), James Mason (Phillip Vandamm), Martin Landau (Leonard), Leo G. Carroll (Professor), Jessie Royce Landis (Clara Thorn­ hill, Rogers Mutter), Philip Ober (Lester Townsend), Josephine Hutchinson (Mrs. Townsend), Adam Williams (Valerian), ­Edward Platt (Victor Larrabee), Alfred Hitchcock (Mann, der

95 Min / Farbe / DCP / E/e // REGIE Nicholas Ray // DREH-

den Bus verpasst).

BUCH Cyril Hume, Richard Maibaum, nach einem Zeitungsar­ tikel von Berton Roueche // KAMERA Joseph MacDonald // MUSIK David Raksin // SCHNITT Louis R. Loeffler // MIT

LOLITA

James Mason (Ed Avery), Barbara Rush (Lou Avery), Walter

GB/USA 1962

Matthau (Wally Gibbs), Robert F. Simon (Dr. Norton), Christo­ pher Olsen (Richie Avery), Roland Winters (Dr. Ruric), Rusty Lane (Bob LaPorte), Rachel Stephens (Krankenschwester), Kipp Hamilton (Pat Wade).

NORTH BY NORTHWEST USA 1959 Das Leben des harmlosen Madison-Avenue-Wer­ befachmanns Roger Thornhill gerät aus den Fu­ gen, als er irrtümlich für einen Spion gehalten und vom mysteriösen Phillip Vandamm (James

«Humbert Humbert, ein alternder Literatur­ dozent mit einer Schwäche für junge Mädchen, gerät an die Witwe Haze und verfällt ihrer halb­ wüchsigen Tochter Dolores. Er lässt sich auf die Heirat mit der Frau ein, nur um der vergötterten Kindfrau nahe zu sein. Damit beginnt eine tra­ gische Liebe, die Humbert in moralische Abgründe führt und tödliche Folgen für alle Beteiligten hat. Kubricks mit eigenständigen Akzenten verse­ hene tragikomische Filmbearbeitung des Nabo­ kov’schen Romans besticht durch kluge Auswahl und Führung der Darsteller und die in ihrer permanenten­Doppeldeutigkeit glänzend entwi­


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James Mason ckelten Dialoge. Die Kamera- und Regiearbeit versteht selbst die realistischsten Ausstattungs­ gegenstände noch für die von schwarzem Humor bestimmte Illustration eines surrealen Albtraums zu nutzen.» (Filmpodium, Dez./Jan. 2002) Trotz der Änderungen, die Kubrick gegenüber dem Roman vornahm, wurde die Rolle des Hum­ bert Humbert von vielen Schauspielern, die der Regisseur anfragte – etwa Laurence Olivier, David Niven, Errol Flynn –, als Karrieregift angeschaut. James Mason, Kubricks erste Wahl, hatte die Rolle ursprünglich abgelehnt und sagte erst zu, als Freunde auf seine Absage ungläubig reagierten.

Wie die meisten der andern Nebendarsteller hat auch James Mason nur wenige Auftritte, «ist dann aber in denkwürdiger Hochform». (cinemafringes. com) 110 Min / sw / DCP / E // REGIE Jack Clayton // DREHBUCH Harold Pinter, nach dem Roman von Penelope Mortimer // KAMERA Oswald Morris // MUSIK Georges Delerue // SCHNITT Jim Clarke // MIT Anne Bancroft (Jo Armitage), Peter Finch (Jake), James Mason (Conway), Janine Gray ­ (Beth), Cedric Hardwicke (Jos Vater), Maggie Smith (Philpot), Alan Webb (Jakes Vater), Rosalind Atkinson (Jos Mutter).

153 Min / sw / DCP / E/d // REGIE Stanley Kubrick // DREH-

GEORGY GIRL

BUCH Vladimir Nabokov, nach seinem Roman // KAMERA

GB 1966

­Oswald Morris // MUSIK Nelson Riddle, Bob Harris (Titel­ musik) // SCHNITT Anthony Harvey // MIT James Mason (Humbert Humbert), Sue Lyon (Dolores Haze, gen. Lolita), Shelley Winters (Charlotte Haze), Peter Sellers (Clare Quilty), Marianne Stone (Vivian Dark­ bloom), Diana Decker (Jean ­Farlow), Jerry Stovin (John ­Farlow), Gary Cockrell (Dick), ­Suzanne Gibbs (Mona Farlow), Roberta Shore (Lorna), Eric Lane (Roy), Shirley Douglas (Mrs. Starch).

THE PUMPKIN EATER GB 1964 «Eine aussergewöhnlich fertile Frau mit zahl­ reichen Kindern und ihr Ehemann, ein Drehbuch­ autor, der im Verdacht ebenso vieler Affären steht: Harold Pinters Adaption des gleichnamigen Romans von Penelope Mortimer beschreibt Hö­ hen und Tiefen einer Ehe. Sanfte Kamerafahrten entlang der Charaktere und ungewöhnliche Per­ spektiven verleihen dem Film aussergewöhn­ lichen Independent-Charakter, während sich Anne Bancroft in virtuose Liebes- und Leidenspo­ sen wirft und James Mason mal wieder brillant den Fiesling gibt.» (filmkuratorium.de) «Jack Clayton (...) inszeniert die Beziehungs­ geschichte der krankhaft fruchtbaren Frau und des zwanghaft fremdgängerischen Mannes im Stile eines extravaganten Naturalismus von bis­ weilen halluzinatorischer Qualität. Die Themati­ sierung zwischenmenschlicher Entfremdung, die satirische Verzerrung gesellschaftlicher Verhält­ nisse verraten Einflüsse von Antonioni und Fellini; Oswald Morris’ scharfsichtige Schwarzweiss­ bilder, Georges Delerues elegischer Score, vor allem aber die ausserordentlichen Leistungen der Schauspielerinnen und Schauspieler verlei­ hen dieser ebenso originellen wie strapaziösen filmischen Betrachtung von Liebe und Sex, Bin­ dungswunsch und Fluchtreflex, Normen und Neurosen ihre ganz eigentümliche Faszinations­ kraft.» (Sebastian, kinotagebuch.blogspot.com, 16.2.2017)

«Die Bediensteten-Tochter Georgy hat sich aus dem Haus ihrer Kindheit und ihres reichen Zieh­ vaters James (James Mason) in eine einfache Bude in Soho abgesetzt, passt mit ihrer robusten Statur, ihrem Schlabberlook und ihrem Hang zur Selbstverulkung aber ganz und gar nicht ins coole Swinging London. Ihre Wohnpartnerin Meredith hingegen ist das It-Girl der Stunde: skrupellos und umschwärmt, ihre Mitbewohnerin und ihren Liebhaber nach Belieben manipulierend. Als Me­ redith schwanger wird und Georgy ein ‹indecent proposal› von James bekommt, wendet sich das Blatt allmählich. Die Erzkomödiantin Lynn Redgrave, die blut­ junge, wunderschöne und schon damals eiskalte Charlotte Rampling und der grosse James Mason bilden (zusammen mit Alan Bates) die Schau­ spielercorona dieser liebenswert verschrobenen Komödie, mit welcher der gebürtige Kanadier und langjährige Fernsehregisseur Silvio Na­riz­ zano 1966 den Zeitgeist auf ganz eigene Weise traf.» (Andreas Furler, Filmpodium, Juli/Aug. 2012) 99 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Silvio Narizzano // DREHBUCH Margaret Forster, Peter Nichols, nach dem Ro­ man von Margaret Forster // KAMERA Kenneth Higgins // MUSIK Alexander Faris // SCHNITT John Bloom // MIT James Mason (James Leamington), Alan Bates (Jos Jones), Lynn Redgrave (Georgy), Charlotte Rampling (Meredith), Bill Owen (Ted), Clare Kelly (Doris), Rachel Kempson (Ellen Leaming­ ton), Denise Coffey (Peg).

THE DEADLY AFFAIR GB 1966 Der Geheimagent Charles Dobbs soll einen Re­ gierungsbeamten beschatten, weil dieser angeb­ lich Kontakt zu den Sowjets unterhält. Dieser wird allerdings kurze Zeit später tot aufgefunden. Dobbs bezweifelt einen Selbstmord und stösst


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James Mason bei seinen Recherchen auf einen Spionagering, der viel grössere Kreise zieht, als er je erwartet hätte. Ein Kalter-Krieg-Thriller nach dem Debüt­ roman von John le Carré, «der eine nochmalige Betrachtung verdient, nur schon wegen der trost­ los ausgebleichten Herbstfarben, eingefangen von Freddie Youngs Kamera, wegen der Filmmu­ sik von Quincy Jones oder wegen der grandiosen Darsteller, die die Thematik des sexuellen Verrats über die Spionagegeschichte stellen. (…) Wie im­ mer bei einem Lumet-Film ist Politik persönlich zu verstehen, wie immer sind die Schauplätze klug ausgewählt.» (Gary Giddins, zit. nach Film Forum New York, Feb. 2005) «Mason als verletzlicher, moralisch kompro­ mittierter Spion ist grossartig in dieser Hauptrolle; daneben ist es natürlich immer ein Vergnügen, Harry Andrews, Harriet Andersson, Maximilian Schell und Simone Signoret zuzusehen.» (Dennis Schwartz, Ozus’ World Movie Reviews, 19.5.2011) 115 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Sidney Lumet // DREHBUCH Paul Dehn, nach dem Roman «Call for the Dead» von John le Carré // KAMERA Freddie Young // MUSIK Quincy Jones // SCHNITT Thelma Connell // MIT James Mason (Charles Dobbs), Simone Signoret (Elsa Fennan), Maximilian Schell (Dieter Frey), Harriet Andersson (Ann Dobbs), Harry Andrews (Inspektor Mendel), Kenneth Haigh (Bill Appleby), Roy Kinnear (Adam Scarr), Lynn Redgrave (Jungfrau in «Edward II»), Leslie Sands (Inspektor), Corin Redgrave ­ ­(David), Robert Flemyng (Samuel Fennan).

THE VERDICT

129 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Sidney Lumet // DREHBUCH David Mamet, nach einem Roman von Barry Reed // KAMERA Andrzej Bartkowiak // MUSIK Johnny Mandel // SCHNITT Peter C. Frank // MIT Paul Newman (Frank Galvin), Charlotte Rampling (Laura Fischer), Jack Warden (Mickey Morissey), James Mason (Ed Concannon), Milo O’Shea (Rich­ ter Hoyle), Lindsay Crouse (Kaitlin Costello Price), Edward Binns (Bischof Brophy), Julie Bovasso (Maureen Rooney), ­Roxanne Hart (Sally Doneghy), James Handy (Kevin Doneghy), Wesley Addy (Dr. Towler), Joe Seneca (Dr. Thompson).

ALEXANDRE Schweiz 1983 «Antoine, von Ariane vor drei Jahren verlassen, kehrt aus dem Ausland zurück und sucht sie. Er trifft auf Alfred, den Ariane erst vor Kurzem ver­ lassen hat. Das Misstrauen, mit dem die beiden sich anfänglich begegnen, da jeder im andern den unbekannten Rivalen und Freund von Ariane ver­ mutet, wandelt sich mit der Zeit in eine beinahe zärtliche Freundschaft. Ein stiller, leichthändiger und ausgezeichnet fotografierter Erstlingsfilm, der mit erfrischendem, leisem und leicht trau­ rigem Humor und überzeugender Sensibilität das Entstehen einer zerbrechlichen Beziehung aus einer tiefen Verunsicherung heraus erzählt.» (Filmpodium, Mai 1999) James Mason, der damals in Corseaux bei Ve­ vey lebte, spielt den Vater von Antoine; eine kleine Rolle mit drei Drehtagen, die er unentgeltlich übernahm. Der Brite unterstützte mit dieser ­Geste einen jungen Nachwuchsregisseur aus der Region bei seinem ersten Film.

USA 1982 80 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE Jean-François Amiguet //

Ein heruntergekommener Anwalt aus Boston übernimmt den Fall einer Frau, die durch einen Narkosefehler ins Koma gefallen ist. Nachdem er das Opfer besucht hat, lehnt er das grosszügige fi­ nanzielle Einigungsangebot des Spitals ab und geht vor Gericht – trotz des enormen Widerstands der Spitalleitung und ihres Staranwalts (James Mason). Durch diesen Kampf voller Intrigen ge­ winnt er allmählich seinen Stolz zurück. «David Mamet hat hier ein temporeiches, elo­ quentes und spannendes Drehbuch geliefert, das seinen Helden – wie bei so vielen der besten Gen­ refilme – derart stürzen lässt, dass es unmöglich erscheint, dass er sich wieder aufrappelt. Und für einmal räumt Sidney Lumet der Handlung den Vorrang vor den Figuren ein – mit dem paradoxen, in amerikanischen Filmen so verbreiteten Re­ sultat, dass die schauspielerischen Leistungen mitunter eine nahezu unfassbare Perfektion er­ reichen.» (David Pirie, Time Out Film Guide) James Mason war als gegnerischer Anwalt für den Oscar für die beste Nebenrolle nominiert.

DREHBUCH Jean-François Amiguet, Anne Gonthier, Gérard Ruey // KAMERA Rainer Klausmann // MUSIK Gaspard Glaus, Antoine Auberson, Jean-François Massy // SCHNITT Daniela Roderer // MIT Didier Sauvegrain (Antoine), Michel Voïta ­(Alfred), James Mason (Vater), Armand Aquistapace (Gara­ gist), Dave Angstadt.


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Hommage à Francis Reusser Aus Anlass der Restaurierung von Le grand soir, Francis Reussers preisgekrönter Studie über Unangepasstheit und Revolution, zeigt das Filmpodium ein paar Schlüsselwerke des Westschweizer ­Cineasten. Der Westschweizer Fotograf und Regisseur Francis Reusser, 1942 in Vevey geboren, absolvierte seine Ausbildung an der École de Photographie in Vevey sowie bei Radio Télévision Suisse. Mehr als die älteren Cineasten der Groupe 5 hat er sich als Angehöriger der 68er-Generation offen und laut gegen die herrschenden Verhältnisse aufgelehnt und explizit politische Themen ange­ sprochen und kritisch reflektiert. Er realisierte mehrere lange Spielfilme, ­darunter Le grand soir (1976), der mit dem Goldenen Leoparden in Locarno ausgezeichnet wurde, Derborence (1985), der in Cannes Premiere feierte und den César für den besten französischsprachigen Film erhielt, sowie La guerre dans le Haut-Pays (1999), der an der Berlinale zu sehen war. Neben diesen beiden letztgenannten Filmen, die auf Stoffen von Charles-Ferdinand Ramuz beruhen, hat sich Reusser auch mit Jean-Jacques Rousseau auseinanderge­ setzt. Francis Reusser hat ausserdem – gemeinsam mit François Albera – die Sektion für audiovisuelle Medien ESAV (École supérieure d’art visuel à ­Genève) ins Leben gerufen. Aus Anlass der Restaurierung von Le grand soir zeigt das Filmpodium neben diesem auch eine Auswahl weiterer Werke sowie Reussers jüngsten Film La séparation des traces, eine Rückschau auf sein ­Leben und sein Werk (2018). (mb)

> Francis Reusser


> Quatre dâ&#x20AC;&#x2122;entre elles.

> Le grand soir..

> Seuls.


Francis Reusser

QUATRE D’ENTRE ELLES Schweiz 1968 Restaurierte Fassung «1966 schlossen sich vier junge Westschweizer Filmemacher – Yves Yersin, Francis Reusser, Claude Champion und Jacques Sandoz – mit dem Kritiker und Produzenten Freddy Landry zusam­ men, um einen Langfilm zu produzieren aus vier unabhängig realisierten Kurzfilmen, indem sie Fi­ nanzierung und Material gemeinsam nutzten. Die Idee war, das Schicksal von vier Frauen zu erzäh­ len, die 16, 22, 31 und 72 alt waren und Sylvie, ­Patricia, Erika und Angèle hiessen. Das mutige Projekt siedelte sich zwischen Fiktion und Doku­ mentarfilm an und hatte eine komplexe, zwei Jahre dauernde Entstehungszeit – wobei Yves Yersins Episode schliesslich für die Semaine de la Critique in Cannes 1968 ausgewählt wurde.» (Ka­ talog Locarno 2018) Francis Reussers Episode 22 ans – Patricia widmet sich einer Soziologie-Studentin im Clinch zwischen revolutionärer Pflicht und der Suche nach dem persönlichen Glück. Ein Besuch auf dem Lande, in der Realität der Arbeiter, über die sie nur Theoretisches geschrieben hat, bringt sie auf neue Gedanken. 50 Jahre nach der Entstehung dieser vier Kurzfilme, die ausdrücklich etwas über die Schweizer Wirklichkeit aussagen sollten, er­ scheinen sie zum einen als Zeitdokumente, zum andern aber sind manche ihrer Themen heute noch von Belang, insbesondere der Umgang un­ serer Gesellschaft mit den Alten, den Yves Yersin (1942–2018) in 72 ans – Angèle aufs Korn nimmt. 105 Min / sw / DCP / F/d // REGIE UND SCHNITT Claude Champion, Francis Reusser, Jacques Sandoz, Yves Yersin // DREHBUCH Claude Champion, Francis Reusser, Jacques Sandoz, Yves Yersin, Jacques Pilet // KAMERA Renato Berta, Erwin Huppert, Henri Rossier, Claude Stebler // MUSIK Mi­ chel Contat, Ariel Cuche, Gérard Gray Rossini, Roland Sassi, Alfred Thuillard // MIT Mary Adossides (Sylvie), Teddy Chessex (Patricia), Erika Dentzler (Erika), Angèle Grammont (Angèle).

LE GRAND SOIR Schweiz 1976 Restaurierte Fassung Léon stammt aus guten Verhältnissen, aber die Konsumgesellschaft verabscheut er. Er jobbt als Wachmann und begegnet dabei einer Gruppe von Leninisten, die sich für die Belange krisengeplag­ ter Arbeiter einzusetzen versuchen. Léon ver­ guckt sich in Léa, die Freundin des Anführers.

Seine nicht ganz selbstlose materielle Unterstüt­ zung für die Möchtegern-Revolutionäre ruft bald die Polizei auf den Plan. «Als engagierter Filmemacher, der die 68erUnruhen in Genf mitverantwortete, kämpferische Kurzfilme realisierte und den explosiven Vive la mort (in der ersten Quinzaine des réalisateurs) präsentierte, kommt Francis Reusser mit Le grand soir ebenso auf seine aktivistischen Jahre zurück wie auf eine gewisse Ernüchterung, die darauf folgte. Die erhoffte Revolution fand nicht statt, und die Revolutionäre von gestern passten sich der bürgerlichen Gesellschaft an. 1976 mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet.» (Frédéric Maire, Katalog Locarno 2019) «‹Die Filme von Soutter, Tanner, Goretta›, schrieb Martin Schaub 1976 in der ‹Weltwoche›, «entstehen am Drehort; Le grand soir entstand am Schneidetisch.› Und: ‹Le grand soir ist ein komplexer Film: Liebesgeschichte, Diskurs über die ­politische Methode, Kritik der grossen Wörter. Das ist neu bei Francis Reusser.› Die Figuren, mit denen Reusser diese Refle­ xion und Distanzierung von 68 vornimmt, heissen Léa und Léon: Sie ist Mitglied einer leninistischen Gruppe, die besser als die Arbeiter zu wissen glaubt, was jene denken und wollen. Er tappt als Securitaswächter in eines ihrer konspirativen Treffen und wirkt in seiner Uniform zunächst wie der klischeehafte Klassenfeind, der sich ans Ka­ pital verkauft hat. Doch das Zusammentreffen stellt beide infrage: Warum dient Léa als Tippmamsell, Megafonhalterin und Geliebte ei­ gentlich so widerspruchslos dem Chef ihrer Gruppe zu? Und versteckt sich hinter Léons anar­ chistischem Einzelgängertum nicht einfach ein Spiesser? ‹Während der Arbeit am Film›, schrieb Bea­ trice Leuthold 1976 im ‹Tages-Anzeiger›, ‹haben sich die Darsteller verselbständigt. Szenen und Dialoge kamen spontan zustande. Léa wurde eine weit positivere Figur, als ursprünglich geplant war. Léons Eigenbrötlerei, sein Fatalismus war­ fen Schatten auf seine lustvolle Art zu leben.› ‹Le grand soir› übrigens ist ein Begriff aus der Zeit der Pariser Kommune und bezeichnet das grosse Fest nach dem Sieg des Volkes. Es soll oft besungen, bisweilen gefeiert, mitunter auch ab­ gebrochen worden sein. So wurde es zur Chiffre für eine Sehnsucht, die sich durch alle Zeiten zieht.» (Andreas Furler, Filmpodium, Juli/Aug. 2009) 95 Min / Farbe + sw / DCP / F/d // REGIE Francis Reusser // DREHBUCH Jacques Baynac // KAMERA Renato Berta // SCHNITT Edwige Ochsenbein // MIT Jacqueline Parent (Léa), Nils Arestrup (Léon), Arnold Walter (Raoul), François Berthet (René), Marina Bucher (Marina), Jacques Roman (Félix), ­Roland Sassi (erster Polizist), Claude Para (zweiter Polizist).

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Francis Reusser

SEULS

LA SÉPARATION DES TRACES

Schweiz 1981 Restaurierte Fassung

Schweiz 2018

«Jean ist 35 und findet zufällig ein Foto in einem Fotoautomaten. Das führt ihn zu ungewöhnlichen Begegnungen und zieht eine Reihe seltsamer Lie­ besbeziehungen nach sich … Zwischen See und Gebirge angesiedelt, erzählt dieses poetische Werk die innere Reise eines Mannes, der seine Er­ innerungen Revue passieren lässt. ‹Es ist ein Film über die symbolische Ordnung der Liebe; in dem das Unbewusste sich zu Wort meldet, wie jener sagt, und die Sprache des Kinos spricht (…). In sei­ nem Wesen ist es eine Art fantastischer Thriller über Ödipus, erzählt durch den Urenkel der Hauptfigur – ein Kind der Elektronik und des Wodka-Cola›. (Francis Reusser) Der Film feierte seine Premiere 1981 im Rahmen der Quinzaine des réalisateurs in Cannes.» (Katalog Locarno 2018) «Einmal mehr schuldet die Hauptfigur alles der Einbildungskraft des Autors, der sich anhand der Marotten dieses Protagonisten Jean einer Art Selbstanalyse unterzieht. Eine zufällig erblickte Fotografie erinnert diesen an seine für immer verlorene Mutter, die er wiederzufinden hofft, zu­ mindest im Traum, indem er die Liebe von Carole gewinnt, die er durch ein nonkonformistisches Künstlerpaar kennenlernt. Am Ende dieser Suche des Herzens findet er jedoch den kleinen eltern­ losen Jungen wieder, der er einst war.» (Freddy Buache: Trente ans de cinéma s­ uisse, 1965–1995, Centre Georges Pompidou 1995)

«Fünfzehn Jahre nach Les printemps de notre vie (fragments) befragt Francis Reusser noch einmal Elemente seiner eigenen Vergangenheit. (...) Be­ harrlich erzählt er hier von sich, indem er die ­Figuren seiner Filme sprechen lässt – und in ihnen hört man wiederum ihn reden. Manchmal lässt er auch seinen Sohn, Jean Reusser, intervenieren, der (...) nun auch diesen biografischen Essay mit­ gestaltet hat. La séparation des traces ist auch die Beschwörung eines nostalgisch getönten Blicks auf die Welt: Das wirkt keineswegs wie Alters­ milde, sondern zeugt von der Fähigkeit, Lebens­ freude zu erhalten. Im Rückblick auf die Zeit, als seine Genfer Lieblingsbar mit bunter Kundschaft Bagdad hiess, sagt der Filmemacher: ‹Wir sehnten uns ständig nach den eben verstrichenen Momenten des Lebens zurück. Die Zukunft konnte warten, solange die Gegenwart in Eastmancolor leuchtete.› (...) Francis Reusser verstand es, Ra­ muz und Rousseau auf die Leinwand zu bringen, Kostümfilme zu machen – nicht konventionell, sondern experimentierend und mit grösster Sorg­ falt fürs Bild und den Ton. Und immer hat er sich auch kritisch mit der Gesellschaft und dem Zeit­ geist auseinandergesetzt. Nun folgt also noch einmal ein schönes Lehrstück von ihm (...). Mit 75 Jahren erzählt er über sich mit Filmbildern, spricht über Eros und Thanatos zu Aufnahmen vom Genfersee und erklärt: ‹Das Alter erschwert das aktive Leben, nicht aber zu begehren und be­ gehrt zu werden.›» (Elisabeth Chardon, Cinébul­ letin, 17.4.2018)

100 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE Francis Reusser // DREHBUCH Francis Reusser, Christiane Grimm // KAMERA

75 Min / Farbe + sw / DCP / F/d // REGIE UND KAMERA ­Francis

Renato Berta // MUSIK Louis Crelier, Michael Galasso //

Reusser // DREHBUCH Francis Reusser, Jean Reusser //

SCHNITT Francis Reusser, Elisabeth Waelchli // MIT Niels

­MUSIK Mesparrow // SCHNITT Jean Reusser // MIT Francis

Arestrup (Jean), Christine Boisson (Carole), Michael Lonsdale

Reusser, Jean Reusser.

(Ludovic), Bulle Ogier (Lucienne), Olimpia Carlisi (Marlène), Andrée Tainsy (Tante), Walo Lüönd (Laval).

> La séparation des traces.


39 Reedition

C’eravamo tanto amati Laut, lustig, geist- und anspielungsreich, sentimental, sarkastisch und pessimistisch: So schildert Ettore Scola anhand der Geschichte dreier Freunde das Auseinanderleben der politischen Kräfte im ­Nachkriegs-Italien und analysiert drei Jahrzehnte christdemokratischer Vorherrschaft. Ein Film von überschäumender Italianità. «Die Lebensgeschichte dreier Männer, die gemeinsam bei den Partisanen ge­ kämpft haben und sich während drei Jahrzehnten italienischer Nachkriegsge­ schichte auseinanderentwickeln, aber nie ganz aus den Augen verlieren. Ettore Scola legt sie als Prototypen des stromlinienförmigen Aufsteigers, des weltfrem­ den Intellektuellen und des kleinen Mannes an und platziert Stefania Sandrelli als die Frau aller ihrer zeitweiligen Träume wie einen Sprengkörper in ihre Mitte. Gemeinsamer Nenner ist der Verlust der Illusionen, doch nur der Auf­ steiger Gianni (Vittorio Gassman) kommt sich gänzlich abhanden. Obwohl der Stoff das Zeug zum klischeehaften Rührstück hat, verkommt der Film nie dazu, weil die ‹universellen Charaktere in einer präzis beschriebe­ nen sozialen und politischen Realität verankert sind› (Dictionnaire des films ­Larousse). Zudem werden die tragischen und rührenden Momente immer wieder auf überraschende, hoch originelle Weise ironisch gebrochen. (...) Das Fazit all der tragikomischen Irren und Wirren: ‹Wir wollten die Welt ändern, doch sie hat uns verändert.›» (Andreas Furler, Filmpodium, April/Mai 2011)

C’ERAVAMO TANTO AMATI / Italien 1974 124 Min / Farbe + sw / DCP / I/d // REGIE Ettore Scola // DREHBUCH Agenore Incrocci, Furio Scarpelli, Ettore Scola // KAMERA Claudio Cirillo // MUSIK Armando Trovajoli // SCHNITT Raimondo Crociani // MIT Stefania Sandrelli (Luciana Zanon), Vittorio Gassman (Gianni Perego), Nino Manfredi (Antonio), Stefano Satta Flores (Nicola Palumbo), Giovanna Ralli (Elide Catenacci), Aldo Fabrizi (Romolo Catenacci, Elides Vater), Marcella Michelangeli (Gabriella, Nicolas Ehefrau).


40 Reeditionen

Zwei Filme von Stanley Kubrick In Ergänzung zu Stanley Kubricks Lolita, der in der James-Mason-Reihe läuft, zeigen wir zwei weitere Filme des Ausnahmeregisseurs, deren Premiere sich zum 20. bzw. 40. Mal jährt. Zum Anlass des 40-Jahr-Jubiläums von The Shining im Jahr 2020 zeigen wir die neue 4K-Restauration des Films, die vergangenes Jahr in Cannes ihre Pre­ miere feierte. Basierend auf dem original 35-mm-Negativ handelt es sich dabei um die 144 Minuten lange US-Fassung. Vom Autor der Vorlage, Stephen King, noch als «schickes Auto ohne Motor» abgelehnt und an den Kinokassen kein Erfolg, wurde The Shining nachträglich in den Kanon der Horrorfilmklassiker aufgenommen. Neben der labyrinthartigen Architektur des Overlook-Hotels, die ­Kameramann John Alcott mit seiner Steadicam durchwandert, sind es nicht ­zuletzt Jack Nicholson und Shelley Duvall – beide in einer ihrer stärks­ ten R ­ ollen –, die den Wahnsinn auf die Leinwand bannen. Nachträglich ehren wir ebenfalls Stanley Kubricks letzten Film Eyes Wide Shut, der 2019 seinen 20. Geburtstag feierte und hier zusammen mit dem neuen Kurzfilm Never Just a Dream: Stanley Kubrick and Eyes Wide Shut prä­ sentiert wird, der Hintergrundinformationen zur Produktion und Rezeption des Films liefert. In enger Anlehnung an Arthur Schnitzlers «Traumnovelle» deuten sich hier die Abgründe unter der Oberfläche an. Neben Nicole­Kidman überrascht dabei vor allem Tom Cruise mit seinem zurückhaltenden Spiel und zeigt sein grosses Talent. Damals Hollywoods Traumpaar, bescherte bereits die Besetzung der Produktion grosse Aufmerksamkeit. Der Film selbst nutzt die Star-Persona seiner Hauptdarsteller, um das Konstrukt einer glücklichen Ehe kritisch zu beleuchten, und scheint rückblickend auch die Beziehung von Cruise und Kidman zu kommentieren, die zwei Jahre später in die Brüche ging. (mk)


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Reeditionen Stanley Kubrick

THE SHINING (EXTENDED VERSION)

NEVER JUST A DREAM: STANLEY KUBRICK AND EYES WIDE SHUT

GB/USA 1979

GB 2019 Wie jedes Jahr schliesst das abgelegene Over­ look-Hotel über die Wintermonate. Einzig der als Hausverwalter engagierte Schriftsteller Jack Torrance bleibt mit seiner Familie zurück. In den leeren Zimmern und Gängen des Hauses verfällt Jack schrittweise dem Wahnsinn. «Eine filmische Tour de Force, welche die for­ malen Klischees des Horrorgenres bisweilen un­ erhört umstülpt (…). Wer den Film einmal gese­ hen hat, vergisst nie mehr Einzelheiten wie die aus Kindersicht gefilmten Fahrten durch beäng­ stigend einsame Korridore, wer ihn wiedersieht, staunt über die Vielzahl der Lesarten, die er an­ bietet: (Klein-)Familien- und (Pseudo-)Künstler­ drama, Mysterienspiel des verwunschenen Ortes und der versiegelten Zeit.» (Andreas Furler, Film­ podium, April/Mai 2008) 144 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Stanley Kubrick // DREHBUCH Stanley Kubrick, Diane Johnson, nach einem Roman von Stephen King // KAMERA John Alcott // MUSIK Wendy Carlos, Rachel Elkind, Béla Bartók, Krzysztof Penderecki, ­György Ligeti // SCHNITT Ray Lovejoy // MIT Jack Nicholson (Jack Torrance), Shelley Duvall (Wendy Torrance), Danny Lloyd (Danny Torrance), Barry Nelson (Stuart Ullman), Scat­ man Crothers (Dick Hallorann), Philip Stone (Delbert Grady), Joe Turkel (Lloyd), Anne Jackson (die Ärztin).

EYES WIDE SHUT USA/GB 1999 Eigentlich führen der Arzt William Harford und seine Frau Alice eine stabile Ehe. Alice gesteht ih­ rem Mann jedoch, dass für sie die Beziehung se­ xuell unbefriedigend ist. Darauf geht auch er ei­ ner Reihe erotischer Versuchungen nach, und die Ehe erhält allmählich Risse. «Eyes Wide Shut ist ein überwältigender Film – elegant, opulent, raffiniert, packend, mit brillanten Schauspielern besetzt, selbst in den kleinsten Nebenrollen, und einer Lichtgebung, die atembe­ raubend ist.» (Rolf Thiessen, Stanley Kubrick, Heyne 1999) «‹Das Leben geht weiter›, sagt Sydney Pollack im Film. ‹So lange, bis es das nicht mehr tut.› ­Kubrick hinterliess als Epitaph eine brillante, pro­ vokante Tour de Force.» (Janet Maslin, The New York Times, 16.7.1999) Im Vorfilm Never Just a Dream, der im Hinblick auf die Präsentation der Restaurierung am Film­ festival von Venedig realisiert wurde, sprechen Kubricks Tochter Katharina und Weggefährten ­ über die Produktion und Rezeption des Films.

> Eyes Wide Shut. NEVER JUST A DREAM: STANLEY KUBRICK AND EYES WIDE SHUT 8 Min / Farbe / DCP / E // REGIE Matt Wells // KAMERA Tegid Cartwright // MUSIK Ariel Loh // SCHNITT Matt Wells, Oscar ­Oldershaw // MIT Jan Harlan, Katharina Kubrick, Anthony Frewin, Julian Senior. EYES WIDE SHUT 159 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Stanley Kubrick // DREHBUCH Stanley Kubrick, Frederic Raphael, nach der «Traum­novelle» von Arthur Schnitzler // KAMERA Larry Smith // ­MUSIK Jocelyn Pook // SCHNITT Nigel Galt // MIT Tom Cruise (Dr. William ­Harford), Nicole Kidman (Alice Harford), Sydney Pollack (Victor Ziegler), Marie Richardson (Marion), Todd Field (Nick Night­ ingale), Vinessa Shaw (Domino), Alan ­Cumming (Rezeptionist), Sky Dumont (Sandor Szavost), Fay Masterson (Sally).


42 ZUR STADTHAUS-AUSSTELLUNG

SO, 2. FEB. | 12.00 UHR

«PRIVATSPHÄRE – GESCHÜTZT, GETEILT, VERKAUFT» Als Ergänzung zur Ausstellung zeigt das Filmpodium den Dokumentarfilm In My Room.

IN MY ROOM / Israel/USA/GB 2017 68 Min / Farbe / DCP / E/d / ab 12 // REGIE Ayelet Albenda // DREHBUCH Ayelet Albenda, Sharon Elovic, Naama Pyritz // M ­ USIK Omer Hershman // SCHNITT Sharon Elovic.

Noch bis Ende Februar ist im Stadthaus die

In In My Room teilen Jugendliche ihre Höhen und Tiefen mit

Ausstellung «Privatsphäre – geschützt, ge­

der weltweiten virtuellen Ersatzfamilie.

teilt, verkauft» zu sehen. Als Ergänzung zeigt das Filmpodium einen Dokumentarfilm, der unter dem Aspekt der Privatsphäre disku­

«Persönliche YouTube-Aufnahmen, filmische Tagebücher, ein ungewöhnlicher Zugang zur Wirklichkeit von Heran­ wachsenden – voller Drama und Experimentierfreude, Mut und Selbstironie.» (Human Rights Film Festival Zürich, 2018)

tiert wird: die clever zusammengestellte

Im Anschluss folgt ein Gespräch mit Dr. Sarah Genner,

YouTube-Kompilation In My Room von Ayelet

­Medienwissenschaftlerin, Collegium Helveticum, und

Albanda. Ausstellung von Stadt Zürich Kultur in Zusammenarbeit mit dem Collegium Helveticum im Stadthaus noch bis 29. Februar 2020. Näheres unter: www.stadt-zuerich.ch/ausstellung

Dr. Christian Ritter, Kulturwissenschaftler, Collegium ­Helveticum. Die beiden haben die Ausstellung kuratiert.


43 Filmpodium für Kinder

African Safari

Eine Reise quer durch Afrika: Von der Westküste Namibias über das Okavango-Delta in Botswana bis nach Tansania zu den Hängen des ­Kilimanjaro.

AFRICAN SAFARI / Belgien/Frankreich 2013 85 Min / Farbe / Digital HD / D / ab 6 // REGIE Ben Stassen // DREHBUCH Ben Stassen, Michel Fessler // KAMERA Sean ­MacLeod Phillips // MUSIK Ramin Djawadi, Pierre Lebecque.

«Geleitet wird die abenteuerliche Expedition von Mara Douglas-Hamilton und Kevin Richardson, die beide ihr ganzes Leben auf dem afrikanischen Kontinent verbracht haben. (...) Mit dem Jeep geht es safarimässig durch die atemberaubenden Landschaften Afrikas, unterbrochen durch gelegentliche Ausflüge in der Luft mit einem Heissluftballon. (...) Auch bekannte Touris­ tenattraktionen wie die Victoriafälle werden nicht ausgelassen. Man trifft nicht nur auf neugierige Elefanten, sondern auch auf verschlafene Leoparden, scheue Spitzmaulnashörner und angriffslustige Löwen, die der Crew in der Nacht einen gehörigen Schrecken einjagen. Dieser Film bietet Afrika-Neulin­ gen wie auch Afrika-Experten atemberaubende Landschaftsaufnahmen sowie beeindruckende Begegnungen mit den tierischen Bewohnern des Kontinents.» (mic, outnow.ch, 6.10.2013) Kinderfilm-Workshop Im Anschluss an die Vorstellungen vom 11.1. und 1.2. bietet die Filmwissenschaftlerin Julia Breddermann einen Film-Workshop an (ca. 45 Min., gratis, keine Voranmeldung nötig). Die Kinder erleben eine Entdeckungsreise durch die Welt der Filmsprache und werden an einzelne Szenen und Themen des Films herangeführt.


44 SÉLECTION LUMIÈRE

PEPPERMINT FRAPPÉ Ein Mann verliebt sich in die Frau seines

späten 1960er-Jahren verbinden. Wie es so

Freundes, umwirbt sie umsonst und schafft

oft der Fall ist, wenn Künstler gezwungen

sich als Ersatz eine Doppelgängerin. Carlos

sind, ihren Protest indirekt zu gestalten, um

Saura gelang 1968 mit Peppermint Frappé

offizielle Repressalien zu vermeiden, hat

eine surrealistisch gefärbte Satire über

die

Verlangen und Fetischismus, die an Hitch-

den positiven Effekt, Sauras Kritik univer­

cocks Vertigo anknüpft und auf Buñuels Cet

seller anwendbar zu machen. (...) Ein wenig

obscur objet du désir vorausweist.

Hintergrundwissen über Buñuel (dem der

aufgezwungene

Allgemeingültigkeit

Film am Ende gewidmet ist) und Hitchcock Als der ehrbare Arzt Julián die neue Frau

wird das Erlebnis jedoch definitiv bereichern

seines Freundes Pablo kennenlernt, ist er

und Sauras kühn wirbelnde 360°-Kamera-

hin und weg: Die junge, attraktive Blondine

Bewegungen und die vornehme Verderbt­

Elena hat er vor einiger Zeit schon einmal

heit seiner Hauptfigur in einen passend,

gesehen, als Trommlerin bei den Feiern zur

massgeschneiderten historischen und fil­

Semana Santa in Calanda. Elena will sich an

mischen Kontext stellen.» (David Blakeslee,

diese Begegnung nicht erinnern, aber als

criterionreflections.blogspot.com, 15.9.2015)

Julián mit ihr zu flirten beginnt, ist sie nicht abgeneigt. Dennoch wird Juliáns heim­

✶ am Mittwoch, 12. Februar, 18.15 Uhr:

liches Werben um sie immer wieder frus­

Einführung von Martin Walder

triert. Deshalb entwickelt er zum einen eine fetischistische

Faszination

für

Elenas

Schminkutensilien und Accessoires, zum andern fängt er an, seine unscheinbare Arztgehilfin Ana in eine Kopie von Elena umzumodeln. «Die Lust an gefälschten Genüssen, die selbstbetrügerische Heuchelei, die davon ausgeht, dass andere Menschen stolze Ei­ telkeit nicht durchschauen können, die Un­ terdrückung natürlicher und emotional beidseitiger Wünsche, der kleinliche Neid auf Prestige und Besitztümer, die rechtens anderen gehören, und die unerhörten Mü­

PEPPERMINT FRAPPÉ / Spanien 1967

hen, die der egomanische Julián auf sich

97 Min / Farbe + sw / DCP / Sp/e // REGIE Carlos Saura //

nimmt, während er seine Beute verfolgt,

KAMERA Luis Cuadrado // MUSIK Luis de Pablo // SCHNITT

sind die Elemente, die diese berauschende Mischung aus Satire und Surrealismus mit dem Leben unter Francos Herrschaft in den

DREHBUCH Rafael Azcona, Angelino Fons, Carlos Saura// Pablo G. del Amo // MIT Geraldine Chaplin (Ana/Elena), José Luis López Vázquez (Julián), Alfredo Mayo (Pablo), Emiliano Redondo (Arturo), Ana María Custodio (Beatriz, Juliáns ­Mutter), Fernando Sánchez Polack (Patient).


45 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Marius Kuhn (mk), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde PRAKTIKUM Kaj Edghill // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 412 31 25 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Telefon 044 415 33 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Roald Breistein, Oslo; CAB Productions, Lausanne; La Cinémathèque française – Musée du cinéma, Paris; Cinephil, Tel Aviv; Cineteca di Bologna; DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Wiesbaden; George Eastman House, Rochester; Filmarchiv Austria, Wien; Filmcoopi, Zürich; Filmmuseum München; First Hand Films, Zürich; Le Giornate del cinema muto, Pordenone; Human Rights Film Festival, Zürich; Impuls Pictu­ res, Steinhausen; Lobster Films, Paris; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Nasjonalbiblioteket, Oslo; NFA, Prag; Österreichisches Filmmuseum, Wien; Park Circus, Glasgow; Thomas Sessler Verlag, Wien; SF Studios, Stockholm; Shochiku International, Tokio; Studiocanal, Berlin; Svenska Filminstitutet, Stockholm; Tamasa Distribution, Paris; trigon-film, Ennetba­ den; Warner Bros. Entertainment Switzerland GmbH, Zürich. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS, Zürich // KORREKTORAT Nina Haueter, Daniel Däuber // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 6000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programm­ heft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Jahrhundert-Abo: CHF 50.– (für alle in Ausbildung; freier Eintritt zu den Filmen der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» // Programm-Pass: CHF 60.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen einer Programmperiode) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Éric Rohmer

Albanien

Éric Rohmer, der Meister des federleichten

Albanien war jahrzehntelang ein faktisch

Dialogfilms, wäre am 21. März 2020 hundert

abgeschottetes Land; abgeschirmt von

Jahre alt geworden. Schwer zu glauben,

westlichen Einflüssen, entwickelte sich in

denn bis zum Ende seiner Laufbahn sind es

Albanien auch ein ganz eigenes Filmschaf­

junge Menschen, die im Mittelpunkt seiner

fen. Enver Hoxha verordnete ab seiner

vielschichtigen Beziehungsgeschichten ste­

Machtübernahme 1944 einen sozialistischen

hen und sich für einen Lebensentwurf ent­

Realismus, wie er in der Sowjetunion prak­

scheiden müssen – obwohl sie doch gemeint

tiziert wurde. Es entstanden diverse Helden­

hatten, dafür längst über ein Konzept und

epen über den kommunistischen Kampf ge­

tragfähige Prinzipien zu verfügen.

gen den Faschismus und gegen veraltete

Wir zeigen die schönsten seiner oft in Zy­ klen – etwa «Contes moraux» oder «Comé­

Sitten, teilweise auf hohem gestalterischem Niveau.

dies et proverbes» – zusammengefassten

Seit dem Zusammenbruch des Regimes

Filme, in denen sich Lebensfreude und Me­

reflektiert das albanische Filmschaffen so­

lancholie subtil die Waage halten und die

wohl die Probleme der Vergangenheit als

auf magische Art so natürlich wirken.

auch die Herausforderungen der Neuzeit.


A B 1 6 . JA N UA R I M K I N O

www.trigon-film.org

EMIN ALPER, TURKEY

«Ein stimmungsvolles Spiel zwischen Märchen und ethnografischem Realismus.» S C R E E N D A I LY

Die Streaming-Plattform für FilmliebhaberInnen

www.filmingo.ch

Cold War (2018) von Paweł Pawlikowski

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium Programmheft Januar/Februar 2020 // Programme issue january/february 2020  

Stummfilmfestival / James Mason / Francis Reussser / Filmpodium für Kinder: African Safari

Filmpodium Programmheft Januar/Februar 2020 // Programme issue january/february 2020  

Stummfilmfestival / James Mason / Francis Reussser / Filmpodium für Kinder: African Safari

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