Filmpodium 1. Januar – 15. Februar 2015 / Programme issue january 1 – february 15, 2015

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1. Januar–15. Februar 2015

Gene Kelly Stummfilmfestival 2015 Neues tschechisches und slowakisches Kino


Durak J U R I

B Y K O W ,

R U S S L A N D

«Ein sozialrealistisches Rockstück.» Radio SRF

AB MITTE JANUAR IM KINO

SHAHRAM MOKRI, IRAN

Ein berauschendes filmisches Vexierbild AB 8. JANUAR IM KINO


01 Editorial

Einmal, zweimal, keinmal? Sicher haben Sie schon festgestellt, dass manche Filme in unserem Programm nur ein einziges Mal zu sehen sind, andere zwei-, dreimal oder noch öfter. Das hat nur selten etwas mit dem cinephilen Wert des jeweiligen Films zu tun. Alte 35-mm-Kopien aus Archiven und neuere Raritäten werden häufig nur für eine oder zwei Vorführungen verfügbar gemacht; ist ein Film aber restauriert oder liegt er gar in digitaler Form vor, kann er öfter gezeigt werden. Im kommenden Gene-Kelly-Programm etwa läuft Singin’ in the Rain nur zweimal, da die Kopie der Cinémathèque Suisse geschont werden soll. Dafür dürfen wir dank der Fürsprache von Patricia Ward Kelly, der Witwe des grossen Stars, eine rare Kopie seines 1956 im Studio 4 uraufgeführten Tanzfilms Invitation to the Dance, die aus Los Angeles geliefert wird, dreimal zeigen. Und An American in Paris ist in digitaler Form sechsmal zu sehen. Bisweilen müssen wir abwägen, ob der aufwendige internationale Versand einer schweren 35-mm-Kopie für eine einzelne Vorführung überhaupt gerechtfertigt ist. Bei unserem Stummfilmfestival gilt dieser Vorbehalt allerdings nicht; solche Raritäten mit Live-Musik sind in aller Regel nur einmal zu sehen, was die Vorstellungen umso wertvoller macht. Die kleine Zahl von Vorführungen macht unser Programm (leider) unflexibel; wer eine Vorstellung verpasst, hat kaum Ausweichmöglichkeiten. Erschwerend kommt bis Frühjahr 2015 hinzu, dass Umbauarbeiten der UBS für Lärmimmissionen sorgen können. Falls Sie das Pech haben, eine Vorstellung zu besuchen, die in unerträglichem Masse gestört wird, bemühen wir uns, Sie in eine andere Vorstellung desselben Films einzuladen; wo dies nicht möglich ist, offerieren wir Ihnen eine Freikarte. Trotz allem: Viel Vergnügen! Michel Bodmer

Erhöhung der regulären Eintrittspreise um Fr. 2.– per 1.1.2015 Mit dem Ziel, einen Bilanzfehlbetrag zu vermeiden und mittelfristig eine ausgeglichene Rechnung zu erreichen, hat der Stadtrat im vergangenen Sommer die Finanzplanung 2015 bis 2018 überarbeitet. Zu den vielen Massnahmen, die bereits 2015 wirksam werden, gehört auch die Anhebung der regulären Eintrittspreise im Filmpodium von Fr. 16.– auf Fr. 18.–; entsprechend erhöht sich auch der AHV-Preis auf Fr. 15.– und der Preis für das Ticket mit dem Filmpodium-Halbtaxabo auf Fr. 9.–. Unverändert bleiben unsere Abonnementspreise (Fr. 40.– für das U25-Halbtax-, Fr. 80.– für das Halbtax- und Fr. 400.– für das Generalabonnement des Filmpodiums); bei überlangen Filmen und bei Sondervorstellungen werden wir bei der Preisanpassung Augenmass walten lassen. Wir danken für Ihr Verständnis.

Titelbild: Singin’ in the Rain von Stanley Donen/Gene Kelly (1952)


02 INHALT

Gene Kelly

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Er war der Athlet unter den Stars des Hollywood-Musicals und als Choreograf und Regisseur ein kreativer Erneuerer und absoluter Perfektionist. Gene Kelly (1912–1996) kam mit Broadway-Lorbeeren zum Film und lernte schnell, die künstlerischen Möglichkeiten des Kinos zu nutzen. Mit Partnerinnen wie Judy Garland und Leslie Caron brillierte er auf dem Parkett, und schauspielerisch bewies Kelly seine Vielseitigkeit in Komödien und Krimis, Dramen und Abenteuerfilmen. Auch als Filmemacher machte er sich einen Namen. So inszenierte er mit den Ballett-Stars von damals Invitation to the Dance, den ersten Tanzfilm ohne Dialog und Gesang. Seine Witwe, die Filmhistorikerin Patricia Ward Kelly, wird unsere Retrospektive mit Einblicken in sein Schaffen ergänzen. Bild: Singin’ in the Rain

Stummfilmfestival

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Das Stummfilmfestival ist gleichzeitig Auftakt zur permanenten Filmgeschichtsreihe mit Werken aus den Jahren 1915 und 1925: David W. Griffiths The Birth of a Nation gehört ebenso zu den Meilensteinen des Filmjahrs 1915 wie Charles Chaplins His New Job und die italienischen DivenFilme Assunta Spina und Rapsodia satanica wie, eine Dekade später, Alfred Hitchcocks The Pleasure Garden oder Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin. Weitere «stumme» Highlights, darunter Neurestaurierungen von Klassikern und überraschende Wiederausgrabungen, sowie prominente Gäste laden ein zum Eintauchen in die vielfältige Welt der ersten Kinojahrzehnte. Bild: Panzerkreuzer Potemkin


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Neues tschechisches und slowakisches Kino

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Filmpodium für Kinder: Der blaue Tiger

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Das tschechische und slowakische Filmschaffen seit der Wende und der Auflösung der Föderation hat eine neue Cineasten-Generation hervorgebracht. Jan Svěrák, Martin Šulík, Jan Hřebejk, Alice Nellis und andere befassen sich mit der Gegenwart sowie mit der Geschichte ihrer Länder, mal komisch, mal tragisch, mal skurril.

Johanna wohnt in einem verwunschenen botanischen Garten, der allerdings abgerissen werden soll – mit seiner blühenden Fantasie versucht ­ das Mädchen, sein Zuhause zu retten. Ein märchenhaftes Abenteuer aus Tschechien, das an die Kinderfilme der einstigen Tschechoslowakei erinnert und durch seine magische Atmosphäre überzeugt.

Bild: Wilde Bienen

Bild: Der blaue Tiger

Premiere: Vic + Flo ont vu un ours 38

Einzelvorstellungen

Mit zwei grossartigen Hauptdarstellerinnen – der Kanadierin Pierrette Robitaille und der Französin Romane Bohringer – erzählt der Frankokanadier Denis Côté (*1973) von einer Frauenliebe in den Wäldern Québecs, in die die Vergangenheit mit verstörender Gewalt einbricht. Silberner Bär Berlinale 2013.

Zur Kosmos-Ausstellung im Museum Rietberg: Big Bang 40 Sélection Lumière: Mein Leben als Hund 44



05 Gene Kelly

Aufforderung zum Tanz Die Biografin und Filmhistorikerin Patricia Ward Kelly ist Gene Kellys Witwe. Sie und Kelly lernten sich 1985 am Smithsonian Institute in Washington kennen, wo er als Moderator und Erzähler einer TV-Sendung auftrat, für deren Drehbuch Patricia zeichnete. Kurz darauf lud er sie nach Kalifornien ein, um seine Memoiren zu schreiben, und sie blieben bis zu seinem Tod im Jahre 1996 ein Paar. Patricia Ward Kelly hat uns bei der Gestaltung dieser Reihe, die Gene Kellys Vielseitigkeit zur Geltung bringen soll, tatkräftig unterstützt und gibt uns einen einzigartigen und persönlichen Einblick in sein Schaffen. Ich hatte das Privileg, während mehr als eines Jahrzehnts fast täglich Genes Worte aufzuzeichnen. Manche dieser Sitzungen fanden als ausgedehnte, formelle Interviews statt, andere waren intimer – hastig auf Cocktailservietten und Zuckertütchen gekritzelte Notizen, während wir uns spätnachts in Pianobars Musik anhörten. Unsere Gespräche deckten im Laufe der Jahre viele Themen ab, doch ein Anliegen stach hervor: wie man sich an ihn erinnern sollte. Obschon er wohl am meisten für seine brillante Tanzkunst und seine fesselnde Präsenz auf der Leinwand bekannt war, wollte Gene eher für seine innovative Arbeit hinter der Kamera anerkannt werden und insbesondere dafür, dass er «die filmische Darstellung von Tanz veränderte». T-Shirt statt Frack und Fliege So sagte er mir im Frühjahr 1988: «Ich will keinen Publikumswettbewerb gewinnen. Ich will nicht der Lieblingstänzer der Welt sein. Die Krux ist vielmehr: Wer hat den Tanz beeinflusst? Wer hat ihn verändert? Wer hat ihn in einem Sprung vorwärts gebracht? Das ist das Einzige, womit ich mir einen Namen machen möchte.» Gene war entschlossen, einen besonderen amerikanischen Stil zu schaffen, und er ging dabei gezielt und mit einer anspruchsvollen Methodik vor. Obschon seine Darbietungen auf der Leinwand oft locker und mühelos wirken, waren sie in Wirklichkeit sehr kalkuliert. «Verärgert» darüber, dass Tänzer in Hollywood immer reich aussahen und in Frack und weisser Fliege auf poliertem Parkett auftraten, wollte Gene stattdessen den «Normalbürger» spielen, in T-Shirt und Loafers. In Hosen, die um Taille und Oberschenkel eng geschnitten waren, und hochgekrempelten >

Welt-Uraufführung im Studio 4, dem heutigen Filmpodium: Invitation to the Dance (1956) von und mit Gene Kelly

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M atrosen auf Heimaturlaub erobern Hollywood: Gene Kelly und Frank Sinatra in Anchors Aweigh (1944)


06 Ärmeln konnte er die Muskeln und die athletischen Linien des Männerkörpers zeigen. Er wollte sich dem Balletttrikot so weit wie möglich annähern, dabei aber immer noch wie ein normaler Kerl aussehen. «Solange das Kostüm nicht die Rolle entstellt», meinte er, «bin ich immer der Ansicht gewesen, man solle den Körper vorführen, den Leuten zeigen, was sie beim Tanz sehen.» Die Herausforderung bestand darin, diese neue Form auf Film zu bannen. Gene nannte die Kamera «das einäugige Monster» und ihre Position im Verhältnis zu den Tänzern war entscheidend. «Man choreografiert für die Kamera», sagte er. «Es ist anders als auf der Bühne. Man muss stets bedenken, dass nur zählt, was die Kamera sieht.» Wie Fred Astaire bestand er darauf, dass die Tanzenden mit der ganzen Figur gefilmt wurden, mit frontaler Kamera und nicht aus schrägen Winkeln, die den Körper verzerrten. Er mied schnelle Schnitte und machte «die Montage in der Kamera», wobei er musikalische Takte verwendete, um die Einstellungen zu verknüpfen. Die Kamera tanzt mit Besonders schwierig war es, Tanz in einem zweidimensionalen Medium dreidimensional wirken zu lassen. Indem er mit brillanten Kameraleuten wie etwa John Alton beim «American in Paris»-Ballett zusammenarbeitete, begriff Gene, wie man Licht und Farben einsetzen konnte, um das Auge zu täuschen, so dass die Tänzer plastisch und nicht flach wirkten. Den Tanz auf eine regennasse Strasse hinaus zu verlegen, diente nicht nur der Handlung, sondern brachte eine kinetische Wucht hinzu, die ein wesentliches Ausdrucksmittel von Genes Stil war. «Je höher man springt», sagte er, «und je stärker die Kinetik, desto mehr sieht es aus, als wäre man in einem dreidimensionalen Medium.» Seine Schritte beruhten auf den breiten, offenen Bewegungen der Lieblingssportarten seiner Kindheit, insbesondere Hockey. Gene behauptete, der Schlüssel zur filmischen Darstellung von Tanz sei Bewegung. Damit die Kamera etwas dazu beitragen könne, müsse sie fliessend drehen, meinte er. Sie müsse sich mit dem Tänzer bewegen, «denn so wird das Objektiv zum Auge des Zuschauers, zu deinem Auge». Gene stellte gerne sein Licht unter den Scheffel und hatte Mühe, seine Leistungen in der Ichform zu beschreiben. Bei einem typischen Resümee sagte er einmal beiläufig: «Ich hab die Dinge so genommen, wie ich sie vorge­funden habe, und als ich damit fertig war, waren sie anders. Das sollte ich mir wohl als Verdienst anrechnen.» Häufig hinterliess er mir Notizen, auf die ich dann in Büchern und anderen Veröffentlichungen stiess; Randbemerkungen, die seine Gedanken zu verschiedensten Themen enthüllten. Oft bildeten diese Markierungen eine Art Fährte, der ich folgen konnte, um ihn besser zu verstehen und Dinge zu erfahren, die er ungern über sich selbst sagen mochte. Als ich nach Genes Tod in «Magill’s Cinema Annual» blätterte, stiess ich auf diesen Abschnitt, den er angestrichen hatte: «Als Choreograf und Regisseur


07 GENE KELLY: THE LEGACY MIT PATRICIA WARD KELLY

ONE-WOMAN-SHOW SA, 17. JAN. | 20.45 UHR

Unter dem Titel «Gene Kelly: The Legacy» präsentiert Patricia Ward Kelly eine Soiree, die Kellys Leben und Werk gewidmet ist. Anhand von Filmausschnitten, Requisiten und anderen Memorabilien macht die Filmhistorikerin spürbar, wer Gene Kelly war und wie dieses Multitalent als Tänzer, Sänger, Schauspieler, Choreograf und Regisseur gearbeitet hat. Die Soiree findet am Samstag, den 17. Januar im Filmpodium statt (in englischer Sprache). Am Freitag, den 16. Januar gibt Patricia Ward Kelly ausserdem eine Einführung zu einem Film, der Gene Kelly besonders am Herzen lag und der auch für Zürich und unser Kino von Bedeutung ist: Invitation to the Dance, der aller­erste Tanzfilm ohne Dialog und Gesang, erlebte seine Weltpremiere 1956 im Studio 4 (also dem heutigen Filmpodium) in Anwesenheit von Regisseur und Star Kelly, der diese Erfahrung zu den Höhepunkten seiner Karriere zählte. Mit freundlicher Unterstützung des Fördervereins Lumière Hinweis: An der Volkshochschule Zürich findet vom 14.–28. Januar unter der Leitung von Thomas Binotto eine dreiteilige Vorlesungsreihe zum Thema «Die Traumfabrik tanzt – Hollywood und das Musical» statt. Näheres unter www.vhszh.ch

lotete Kelly die Möglichkeiten des Tanzes im Film in einer Weise aus, die das Musical verwandelte und eine Vermählung filmischer und choreografischer Techniken hervorbrachte, die unübertroffen bleibt.» Obschon es mich aufwühlte, am Rande neben diesen Worten Genes vertraute Wellenlinien zu sehen – sie erinnerten mich gleichzeitig an seine Gegenwart und sein furchtbares Fehlen –, freute es mich zu wissen, dass er eine so angemessene Würdigung seiner Errungenschaften gelesen und zur Kenntnis genommen hatte und dass er daran gedacht hatte, dies mit mir zu teilen. Patricia Ward Kelly Patricia Ward Kelly amtiert heute als Sachwalterin des Gene Kelly Image Trust und als Creative Director von «Gene Kelly: The Legacy», einem Unternehmen, das gegründet wurde, um Gene Kellys Kunst weltweit in Erinnerung zu behalten. Sie lebt in Los Angeles und ist dabei, ein Buch über ihren verstorbenen Gatten zu vollenden. (Übersetzung: Michel Bodmer)


> The Three Musketeers.

> Black Hand.

> Christmas Holiday.

> The Pirate.

> On the Town.

> Cover Girl.


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Gene Kelly.

ANCHORS AWEIGH

CHRISTMAS HOLIDAY

USA 1944

USA 1944

Gene Kelly und Frank Sinatra als Matrosen Joe und Clarence haben Heimaturlaub und nutzen die Tage, um tanzend Hollywood zu erobern. Joe soll dabei dem schüchternen New Yorker Clarence zeigen, wie man sich eine Frau angelt. Bald laufen sie der jungen Sängerin Susan über den Weg, die plötzlich zwischen den beiden Freunden steht. Trotz Konkurrenz von Frank Sinatra ist «Mr. Kelly (…) das apollinische Wunder des Films. Entzückend tanzt, singt und spielt er ebenso fröhlich wie anmutig. (...) Er ist ein Kerl, um den ihr Mädchen ein Geschrei veranstalten könnt, insbesondere wenn er tanzt, was in diesem Film ziemlich oft der Fall ist.» (Bosley Crowther, The New York Times, 20.7.1945)

Der Titel trügt; das ist kein musikalisches Weihnachtsmärchen, sondern ein Film noir, frei nach einer Vorlage von W. Somerset Maugham. Die Tänzerin Jackie Lamont erzählt einem Soldaten auf Weihnachtsurlaub, der auf der Durchreise in New Orleans gestrandet ist, ihre tragische Geschichte. In Wahrheit heisst sie Abigail Manette, und ihr Ehemann Robert ist ein Mörder ... «Die atypische Besetzung des Bösewichts mit Gene Kelly ist nahezu perfekt. Es ist schade, dass Kellys dunkle Seite (...) nach Christmas Holiday nie mehr voll ausgeschöpft wurde. Siodmaks deutsche Sensibilität gestattete ihm, die bilderbuchmässige Darstellung einer lächelnden Mutter samt Sohn und Schwiegertochter (…) zu untergraben. Was durchdringt, sind Liebes- und Sexbeziehungen, die so pervers sind, dass sie die Noir-Unterwelt heraufbeschwören, als wäre diese ein verdorbenes Fundament (...), das einer augenscheinlich attraktiven Realität zugrunde liegt.» (Robert Porfirio: Film Noir, 1979)

143 Min / Farbe / 35 mm / E/f // REGIE George Sidney // DREHBUCH Isobel Lennart // KAMERA Robert Planck, Charles P. Boyle // MUSIK George Stoll // SCHNITT Adrienne Fazan // MIT Gene Kelly (Joe Brady), Frank Sinatra (Clarence Doolittle), Kathryn Grayson (Susan Abbott), José Iturbi (als er selbst), Dean Stockwell (Donald Martin).

93 Min / sw / 35 mm / E // REGIE Robert Siodmak // DREHBUCH Herman J. Mankiewicz, nach einem Roman von W.

COVER GIRL USA 1944

Somerset Maugham // KAMERA Elwood Bredell // MUSIK Hans J. Salter // SCHNITT Ted J. Kent // MIT Gene Kelly (Robert Manette), Deanna Durbin (Jackie Lamont/Abigail Manette), Richard Whorf (Simon Fenimore), Dean Harens (Lt.

Vidors Cover Girl erzählt die bekannte Geschichte vom Aufstieg einer jungen Frau zum Star, und wie sie am Ende in die Arme ihrer grossen Liebe zurückkehrt. Hier geht es um die Nachtclubtänzerin Rusty, welche die Chance nutzt, als Cover Girl am Broadway aufzutreten. Statt um sie zu kämpfen, lässt ihr Freund, der Klubbesitzer Danny, sie gehen – vermeintlich für immer. Das Ganze wird in aufwendigen Dekors und prachtvollem Technicolor erzählt. Columbia Pictures gab Gene Kelly, nicht zuletzt bei den Choreografien, beinahe die komplette Verantwortung über die Produktion. Herausgekommen ist ein «temperamentvoller Revuefilm mit erstklassiger Musik und tänzerischen Glanzleistungen von Gene Kelly.» (Lexikon des int. Films) 107 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Charles Vidor // DREHBUCH Virginia Van Upp, Marion Parsonnet, Paul Gangelin, nach einer Story von Erwin Gelsey // KAMERA Rudolph Maté, Allen M. Davey // MUSIK Morris W. Stoloff, Carmen Dragon, Jerome Kern // SCHNITT Viola Lawrence // MIT Gene Kelly (Danny McGuire), Rita Hayworth (Rusty Parker/Maribelle), Lee Bowman (Noel Wheaton), Phil Silvers (Genius), Jinx Falkenburg (Jinx), Leslie Brooks (Maurine Martin).

Charles Mason), Gladys George (Valerie De Merode), Gale Sondergaard (Mrs. Manette).

THE PIRATE USA 1948 In dieser Operetten-Parodie gibt Judy Garland das naive, bücherlesende Mädchen Manuela, das von Piraten träumt, in Wirklichkeit aber den fetten Bürgermeister heiraten soll. «The Pirate ist ein blendendes, opulentes Spektakel, gefilmt in allen Farben des Regenbogens sowie ein paar, die von Technicolor patentiert sind. (…) Gene Kelly vollführt im Film einige der raffiniertesten, gymnastischsten Tänze seiner Karriere, und er ist gut, sogar sehr gut. Als Wanderschauspieler Serafin, der sich als kühner Pirat Macoco verkleidet, um die junge Schönheit Manuela zu erobern und gleichzeitig ihre Heirat mit dem schwabbeligen und spiessigen Don Pedro Vargas zu verhindern, erklimmt Mr. Kelly Balkone und schwingt sich durch die Luft mit einer Souveränität und Grazie, die an Douglas Fairbanks gemahnen.» (Thomas M. Pryor, The New York Times, 21.5.1948)


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Gene Kelly. 102 Min / Farbe / 35 mm / E/f // REGIE Vincente Minnelli // DREHBUCH Albert Hackett, Frances Goodrich, nach einem Theaterstück von S. N. Behrman // KAMERA Harry Stradling // MUSIK Cole Porter // SCHNITT Blanche Sewell // MIT Gene Kelly (Serafin), Judy Garland (Manuela), Walter Slezak (Don Pedro Vargas), Gladys Cooper (Tante Inez), Reginald Owen (Anwalt), George Zucco (Vizekönig).

seinem lebenslangen Freund und Arbeitspartner Stanley Donen als Ko-Regisseur genannt, wurde er einer der wenigen Stars im Schauspielbusiness, die einen solchen Status erreichten. Für Kelly – und Donen – war das in der Tat ein Meilenstein.» (Jeanine Basinger: Gene Kelly, Pyramid Communications 1976) 98 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Gene Kelly, Stanley

THE THREE MUSKETEERS USA 1948 Der junge D’Artagnan schliesst sich drei ausgemusterten Musketieren an, um gegen Richelieu zu kämpfen und den jungen König zu retten. Wäre da nur nicht Lana Turner als verführerisch-fiese Lady de Winter ... Gene Kelly als D’Artagnan verleiht dem Film «eine Lebendigkeit, dank seines dynamischen Auftretens in diesem Nicht-Musical. Die vielen Duell-Sequenzen erinnern dabei in hohem Masse an choreografierte Tanznummern». ­(Dennis Schwartz, Ozus’ World Movie Reviews, 27.3.2007) Ganz abseits der vertrauten Pfade Kellys führt dieser Film also nicht; vielmehr profitiert er von der legendären Leichtfüssigkeit des Schauspielers und mündet dank dessen Darbietung in «übermütiger Vitalität, rasantem Tempo, Fantasie und brillanten Fechtszenen». (Lexikon des int. Films) 128 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE George Sidney // DREHBUCH Robert Ardrey, nach dem Roman von Alexandre Dumas // KAMERA Robert Planck // MUSIK Herbert Stothart // SCHNITT Robert J. Kern, George Boemler // MIT Gene Kelly (D’Artagnan), Lana Turner (Milady Charlotte de Winter), June Allyson (Constance Bonacieux), Frank Morgan (Ludwig XIII.),

Donen // DREHBUCH Adolph Green, Betty Comden, nach dem Musical // KAMERA Harold Rossen // MUSIK Lennie Hayton, Roger Edens, Saul Chaplin, Conrad Salinger, Leonard Bernstein // SCHNITT Ralph E. Winters // MIT Gene Kelly (Gabey), Frank Sinatra (Chip), Betty Garrett (Brunhilde Esterhazy), Ann Miller (Claire Huddesen), Jules Munshin (Ozzie), Vera-Ellen (Ivy Smith), Florence Bates (Mme Dilyovska), Alice Pearce (Lucy Schmeeler), George Meader (Professor).

BLACK HAND USA 1950 Ein Sohn italienischer Einwanderer unterbricht sein Jurastudium und reist nach New York, um sich an der Schutzgeldmafia für den Tod seines Vaters zu rächen. «Die modernen Filmhelden sind nicht mehr strahlende und unbesiegbare Ritter (...). Es wird ihnen schwer gemacht, und sie müssen einen mühsamen Weg durch das Dornengestrüpp der Niederlagen zurücklegen. Erst im letzten Moment dürfen sie sich vom Boden erheben, ihren geschundenen Rücken straffen (...) und mit müder Faust das Böse doch noch k. o. schlagen. Auch Gene Kelly, der als Amateurdetektiv gegen die Erpresserbande der Schwarzen Hand kämpft, die um 1900 im Italienerviertel New Yorks raubte, mordete und plünderte, wird hart mitgenommen.» (pu., National Zeitung, 24.10.1950)

Van Heflin (Athos), Angela Lansbury (Königin Anne), Vincent Price (Richelieu), Keenan Wynn (Planchet), Gig Young (Port-

92 Min / sw / 35 mm / E // REGIE Richard Thorpe // DREH-

hos), Robert Coote (Aramis).

BUCH Luther Davis // KAMERA Paul C. Vogel // MUSIK Albert Colombo // SCHNITT Irving Warburton // MIT Gene Kelly

ON THE TOWN USA 1949 24 Stunden Landurlaub für drei ausgelassene Matrosen, die «New York, New York – a wonderful town» unsicher machen, Liebe und Lacher finden, bevor die nächsten Matrosen sie ablösen und sich der Kreis schliesst. «Die Handlung beschränkte sich auf: Junge läuft hinter Mädchen her, basta. Die dadurch erreichte Erheiterung (...) wirkte sich auf das gesamte Genre aus. On the Town wurde als Meilenstein des Musicals bejubelt. Gene Kelly hatte bei On the Town erstmals die volle Kontrolle über einen Film erhalten. Neben

(Johnny Columbo), J. Carroll Naish (Louis Lorelli), Teresa Celli (Isabella Gomboli), Marc Lawrence (Caesar Xavier Serpi), Frank Puglia (Carlo Sabballera).

SUMMER STOCK USA 1950 Die Schauspieltruppe von Abigail braucht einen Ort zum Proben und findet diesen auf einer Farm. «Die beiden Höhepunkte des Films sind Garlands zu Recht berühmte Darbietung von ‹Get Happy›, für viele ihre beste Filmszene überhaupt, und Gene Kellys umwerfende Tanzeinlage auf einer knarrenden Diele und einer herumliegenden Zeitung.


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Gene Kelly. Kelly (...) schuf für sich eine fantasievolle Nummer, die langsam beginnt und sich zu einem fulminanten, athletischen Finale steigert. Wie wohl kein anderer seiner Tänze ist das hier ‹reinster Gene Kelly›, denn er drückt einen Stimmungswechsel allein durch einen Wechsel im Tanzstil aus, auf einer leeren Bühne und indem er reibungslos die unwahrscheinlichsten Requisiten integriert. Wie er die knarrende Diele in den Tanz einbaut, wirkt so leicht und natürlich wie nur denkbar, und eine komplizierte Folge von musikalischen Stilwechseln wird dank seinen geschickten Übergängen brillant umgesetzt.» (Jeanine Basinger: Gene Kelly) 108 Min / Farbe / 35 mm / E // REGIE Charles Walters // DREHBUCH George Wells, Sy Gomberg // KAMERA Robert Planck // MUSIK Conrad Salinger // SCHNITT Albert Akst // MIT Gene Kelly (Joe D. Ross), Judy Garland (Jane Falbury), Eddie Bracken (Orville Wingait), Gloria DeHaven (Abigail Falbury), Marjorie Main (Esme), Phil Silvers (Herb Blake), Ray Collins (Jasper G. Wingait), Nita Bieber (Sarah Higgins).

AN AMERICAN IN PARIS USA 1951 Ein amerikanischer Soldat bleibt nach dem Krieg als Maler in Paris, erliegt zunächst dem Charme der Stadt und später der Liebe einer aparten Französin. Für die Szenerie gestaltete Minnelli ein Paris durch die Augen des Malers. «Immer wieder nimmt er Bezug auf Bilder so berühmter Maler wie Toulouse-Lautrec, Utrillo, Dufy und andere. Am gelungensten wirkt eine solche Referenz in der berühmt gewordenen 17minütigen Schlusssequenz. Malerei und Filmgestaltung erreichen hier eine bemerkenswerte Synthese, die so weit geht, dass einzelne Einstellungen direkt aus den Bildern der genannten Maler heraus entwickelt werden. (…) Kelly, der nicht nur die Hauptrolle, sondern auch die Choreografie der Tanzszenen übernahm, gelingt es, einen flüssigen Stil zu schaffen, gepaart mit einem sicheren Gefühl für Eleganz und Leichtigkeit. Zudem zeichnet sich der Film durch eine überzeugende Umsetzung der getanzten Szenen in eine originelle Bildsprache aus, die jeden Eindruck von Bühnenhaftigkeit zu vermeiden sucht.» (Thomas Christen, Zoom, 16/1987) 113 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Vincente Minnelli // DREHBUCH Alan Jay Lerner // KAMERA Alfred Gilks, John Alton (Ballett) // MUSIK George Gershwin, Saul Chaplin (ungenannt) // SCHNITT Adrienne Fazan // MIT Gene Kelly (Jerry Mulligan), Leslie Caron (Lise Bouvier), Oscar Levant (Adam Cook), Georges Guétary (Henri Baurel), Nina Foch (Milo Roberts), Eugene Borden (Georges Mattieu).

SINGIN’ IN THE RAIN USA 1952 Als Hollywood sich 1928 auf den Tonfilm umstellen muss, machen ein ehemaliger Tragöde und ein Pianist Karriere, während eine eitle Stummfilmdiva – auch in Herzensdingen – in der Konkurrenz mit dem frischen Charme einer Nachwuchstänzerin unterliegt. Mit liebevoller Ironie, musikalischer und tänzerischer Verve, spielerischem Temperament und technischer Perfektion machten Kelly und Donen aus einem Stück Filmgeschichte einen absoluten Höhepunkt des Filmmusicals, in dem alle Elemente miteinander harmonieren. Debbie Reynolds war eine vorzügliche Partnerin für Gene Kelly (der zum zweiten Mal – und zum zweiten Mal zusammen mit Stanley Donen – Regie führte). Das Titellied bietet die Grundlage für eine der inspiriertesten Nummern Kellys. Donald O’Connor hat als Kellys Kumpel in diesem Film seine beste Rolle, und seine «Make ’Em Laugh»-Nummer ist schlicht genial. 103 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Gene Kelly, Stanley Donen // DREHBUCH Adolph Green, Betty Comden // KAMERA Harold Rosson, Arthur Freed // MUSIK Nacio Herb Brown // SCHNITT Adrienne Fazan // MIT Gene Kelly (Don Lockwood), Donald O’Connor (Cosmo Brown), Debbie Reynolds (Kathy Selden), Jean Hagen (Lina Lamont), Millard Mitchell (R. F. Simpson), Cyd Charisse (Tänzerin), Douglas Fowley (Roscoe Dexter), Rita Moreno (Zelda Zanders), King Donovan (Rod), Judy Landon (Olga Mara), Madge Blake (Dora Bailey).

INVITATION TO THE DANCE USA 1956 «Wenn Invitation to the Dance als erster Tanzfilm bezeichnet wurde, dann weil er sich von der konventionellen Art des Tanzfilms mit Rahmenhandlung und Gesang lossagt. In durchgängig getanzter Pantomime stellt Gene Kelly, der erstmals sein eigener Regisseur und Choreograf war, drei sich stilistisch unterscheidende Episoden dar: Zirkus heisst die erste, und es ist die Tragödie eines Clowns, der sich unglücklich in die weib­ liche Schönheit verliebt. (…) Ins Moderne abgewandelt, reizvoll und fantastisch, spielt die Commedia dell’Arte in die Episode hinein. Der Ringelreihen, die zweite Pantomime, ist der Höhepunkt des Films. Ganz modern, ganz zeitverliebt, gibt er eine kecke Parodie auf die amerikanischen Song- und Salonfilme. (…) Verspielter wirkt Sinbad the Sailor. Hier ist es vor allem das artistische Können, das bestrickt: Gene Kelly und sein jugendlicher Partner, David Kasday, tanzen nach Rimski-Korsakows Musik, dass es eine Freude ist.» (H. R. Haller, Radiozeitung, 13/1956)


> An American in Paris.

> What a Way to Go!.

> Hello, Dolly!.

> Inherit the Wind.


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Gene Kelly. «Invitation to the Dance ist ein reiner Tanzfilm und kein verfilmtes Theater, weil choreografischer Gedanke und Kamera-Auge in diesem Film eins werden. Ein Film, der dank der genialen Behandlung des Themas sich selbst trägt.» (Roman Clemens, Tages-Anzeiger, 21.4.1956) Invitation to the Dance wurde 1956 an der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. 93 Min / Farbe / 35 mm / ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Gene Kelly // KAMERA Freddie Young, Joseph Ruttenberg // MUSIK Jacques Ibert, André Previn, Nikolai Rimski-

chiatercouch und lässt uns in Rückblenden am schlechten Einfluss von Geld und Erfolg teilhaben, dem Grund für den Untergang ihrer vier Ehen und Ehemänner. Das Autorenteam von Singin’ in the Rain legt jede der vier Episoden als Parodie eines bestimmten Filmgenres an: Die klamaukige Stummfilm-Komödie, die französische Nouvelle Vague, der Ausstattungsfilm und, in der Eheposse mit Gene Kelly, das klassische Hollywood-Musical – alle kriegen ihr Fett ab. Gene Kelly errang für seine Darbietung 1964 in Locarno den Darstellerpreis.

Korsakow // SCHNITT Raymond Poulton, Adrienne Fazan, Robert Watts // MIT Gene Kelly (Clown/Marineinfanterist/

111 Min / Farbe u. sw / 35 mm / E/d // REGIE Jack Lee Thomp-

Sinbad), Igor Youskevitch (Liebhaber/Künstler), Tamara

son // DREHBUCH Betty Comden, Adolph Green, nach einem

Toumanova (Mädchen auf der Treppe), Claire Sombert (Ge-

Roman von Gwen Davis // KAMERA Leon Shamroy // MUSIK

liebte), Diana Adams (Garderobiere), Claude Bessy (Model),

Nelson Riddle // SCHNITT Marjorie Fowler // MIT Gene Kelly

David Kasday (Flaschengeist).

(Jerry Benson), Shirley MacLaine (Louisa), Paul Newman (Larry Flint), Dean Martin (Leonard Crawley), Robert Mitchum

INHERIT THE WIND USA 1960 Spencer Tracy und Fredric March liefern sich ein atemberaubendes Schauspielduell um die Frage, was in den Schulen von Tennessee unterrichtet werden soll: Evolutionstheorie oder Kreationismus. Der Gerichtsfilm dramatisiert einen der legendärsten amerikanischen Prozesse des 20. Jahrhunderts. Das Thema des Films ist 50 Jahre später in den USA wieder so aktuell wie damals. «Inherit the Wind ist ein Dialogfilm, der durch hervorragende schauspielerische Leistungen gerettet wird, zu denen auch Kellys kleine, aber entscheidende Rolle zählt. Seine entspannte Ungezwungenheit passt perfekt zu diesem zynischen Reporter. (...) Kelly hat damit den letzten Test für sein Schauspieltalent abseits des Tanzparketts bestanden.» (Jeanine Basinger: Gene Kelly) 128 Min / sw / Digital HD / E // REGIE Stanley Kramer // DREHBUCH Nathan E. Douglas, Harold Jacob Smith, nach dem Theaterstück von Jerome Lawrence, Robert E. Lee // KAMERA Ernest Laszlo // MUSIK Ernest Gold // SCHNITT Frederic Knudtson // MIT Gene Kelly (E. K. Hornbeck), Spencer Tracy (Henry Drummond), Fredric March (Matthew Harrison Brady), Florence Eldridge (Mrs. Brady), Dick York (Bertram T. Cates), Claude Akins (Reverend Brown).

(Rod Anderson), Dick Van Dyke (Edgar Hopper).

HELLO, DOLLY! USA 1968 Dolly Levi, eine agile und mit allen Wassern gewaschene Heiratsvermittlerin, bringt sich mit vielerlei Listen und Tücken selber an den Mann. «New York, wie es um die Jahrhundertwende war, ist auf die Leinwand gezaubert – mit einer Generosität der Ausstattung, einer kenntnisreichen Lust an der Atmosphäre, einem Raffinement der Kostüme, der Architektur, der Intérieurs, des Geschmacks, dass man seine helle Freude hat. (...) Und weiss man auch, dass ein so in das Schauvergnügen ausschweifender Film nie das Werk eines Einzelnen ist, man glaubt doch, die Handschrift Kellys in ihm zu erkennen. Am Tempo, (...) an der Choreografie vor allem, nicht allein der einzelnen Tänze, sondern des ganzen Films. Denn hier ist Regie zu Choreografie geworden, und Gene Kelly bringt alles hinein, was er einst als Tänzer (mit Stanley Donen als Choreografen) und was er, als er vor mehr als zwölf Jahren seinen ersten Tanzfilm als Regisseur drehte, Invitation to the Dance, an choreografischen Möglichkeiten für den Film ersonnen hat: Da gibt es keine Bühne mehr, nicht einmal eine imaginäre.» (Martin Schlappner, NZZ, 25.12.1969)

WHAT A WAY TO GO!

148 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Gene Kelly //

USA 1964

DREHBUCH Ernest Lehman, nach dem Musical von Michael Stewart, nach «The Matchmaker» von Thornton Wilder // KA-

Louisas Suche nach einem Mann, der gemäss dem Schriftsteller Thoreau in der Lage ist, das einfache Leben zu geniessen, erweist sich als schier unmöglich. Denn alle Männer, die in ihr Leben treten, werden stets reich und machen sie zur Millionenerbin. Schliesslich liegt sie auf der Psy-

MERA Harry Stradling // MUSIK Jerry Hermann // SCHNITT William H. Reynolds // MIT Barbra Streisand (Dolly Levi), Walter Matthau (Horace Vandergelder), Michael Crawford (Cornelius Hackl), Joyce Ames (Ermengarde), Tommy Tune (Ambrose Kemper), Marianne McAndrew (Irene Molloy), Louis Armstrong (Dirigent).



15 Stummfilmfestival 2015

Kanonisiertes und Wiederzuentdeckendes Mit dem schon fast traditionellen Stummfilmschwerpunkt beginnt das Jahr im Filmpodium: Den Auftakt zur permanenten Filmgeschichtsreihe bilden Werke aus den Jahren 1915 und 1925. Weitere «stumme» Highlights, darunter Neurestaurierungen von Klassikern und überraschende Wiederausgrabungen, sowie prominente Gäste – Musiker, Filmhisto­ riker, Archivfachleute – verdichten das Angebot zum Festival. Dieses lädt ein zum Eintauchen in die vielfältige Welt der ersten Kinojahr­ zehnte. Zwei Paukenschläge prägen das Hollywoodkino des Jahres 1915: Während David W. Griffiths The Birth of a Nation in den USA Triumphe feierte, fand Cecil B. DeMilles The Cheat in seinem Ursprungsland aus Zensurgründen anfänglich wenig Verbreitung, wurde dafür in Frankreich umso lebhafter gefeiert. Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass die Mühe der US-Amerikaner mit The Cheat und jene der Europäer mit dem Griffith-Opus gleicher Natur waren: Es ging um Rassismus. In Europa verstellte die Irritation über Griffiths Südstaatleroptik mit ihrer verächtlichen Darstellung der Schwarzen den Blick für den gewaltigen filmkünstlerischen Schritt, den The Birth of a Nation bedeutete. In den USA sorgte die Aufregung über einen Japaner und die Vorstellung, dass er gar mit einer Weissen intim werden möchte, für eine analoge Blindheit gegenüber den starken Chiaroscuro-Bildern und dem gezügelt-intensiven Schauspielstil von The Cheat. Aus dem Abstand eines vollen Jahrhunderts dürfen wir die gestalterischen Leistungen bewundern, ohne die fragwürdigen Seiten der beiden Filme zu übersehen. Bei aller Problematik klischeehafter Darstellungen sollte man auch bedenken, dass diese nicht zwangsläufig rassistischer Natur sein müssen, wie uns der zehn Jahre später entstandene US-amerikanische Film Body and Soul von Oscar Micheaux vor Augen führt. Es ist ein frühes, erst in neuerer Zeit gewürdigtes Beispiel eines Films über Schwarze, gedreht von einem schwarzen Filmemacher mit schwarzen Darstellern für ein (damals fast aus-

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Legendäres deutsches Serial um einen künstlichen Menschen: Homunculus von Otto Rippert (1916)

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Zieht alle Register ihres Könnens: Stummfilm-Star Gloria Swanson in der Komödie Stage Struck (1925)


16 schliesslich) schwarzes Publikum – und er lässt uns erkennen, wie wesentlich zeitgeistig-allgegenwärtige Stereotype auch für das Selbstverständnis und die Binnenverständigung einer Bevölkerungsschicht sein können. Der Nachruhm eines alten Films, das zeigen schon diese drei Beispiele, ist weder völlig zufällig – noch über jeden Revisionszweifel erhaben. So erweisen sich einige legendäre Titel aus den Jahren 1915 und 1925 als unverzichtbar, doch daneben muss auch das (womöglich zu Unrecht) Vergessene seinen Platz finden. Die Wiederentdeckungen treten dabei nicht unbedingt mit dem Anspruch an, die kanonisierten Titel aus dem Film-Olymp zu verdrängen, sie helfen vielmehr, diese im Zusammenhang zu verstehen und besser einzuschätzen. So darf man aufgrund der ersten Reaktionen des Filmhistorikers David Bordwell auf den lange Zeit völlig übersehenen deutschen Film Der Tunnel gespannt sein, der 1915 fast zur selben Zeit wie The Birth of a Nation entstand. Wiederentdeckung und filmhistorische Berühmtheit brauchen sich nicht einmal auszuschliessen: Das sechsteilige deutsche Serial Homunculus ist als Titel in der einschlägigen Literatur durchaus präsent geblieben, nur galt es – abgesehen von einer einzigen Folge – bislang als verschollen. Stefan Drößler, dem Leiter des Filmmuseums München, ist es in langjähriger hartnäckiger Arbeit gelungen, diese Legende weitgehend zu rekonstruieren und wieder lebendig werden zu lassen. Eine kleine Sensation, die er in Zürich selbst präsentieren wird. Leinwand- und Bühnenstars vergangener Tage werden zeigen, wie weit ihre einst magische Kraft noch zu strahlen vermag: Gloria Swanson, Lillian Gish, Francesca Bertini, Fritzi Massary und Marlene Dietrich, Paul Robeson, Paul Wegener, Victor Francen und Fritz Kortner, um nur einige zu nennen. Und die filmische Zeitreise erlaubt die Begegnung mit den jugend­lichen Erstlingswerken nachmaliger Grössen wie Josef von Sternberg und Al­fred Hitchcock. Musikalische «Originaltexte» und heutige «Musiker-Dialoge» Das Festival will jeweils neben der Vielfalt des «stummen» Filmschaffens und seiner bis heute starken Wirkung auch daran erinnern, dass dieses kaum je in völliger Stille gezeigt wurde. Zum Stummfilm gehört die das Filmwerk zur Geltung bringende und bereichernde musikalische Begleitung, ob komponiert oder improvisiert, ob zeitgenössisch oder heutig. Originalkompositionen gab es damals zwar nur für besonders prestigereiche Premieren, viel Notenmaterial ist verloren gegangen, und die alten Musiken waren auch nicht immer kongenial. Doch gibt es einige berühmte Ausnahmen. Dazu zählt die Komposition des italienischen Opernkomponisten Pietro Mascagni für Rapsodia satanica (1915) ebenso wie die Musik, die Edmund Meisel, teilweise in Zusammenarbeit mit Eisenstein, für die Berliner Premiere des Panzerkreuzers Potemkin geschrieben hat. Beide werden mit der Originalmusik gezeigt, wenn


17 auch – allein schon aus Platzgründen – nicht live. Als weiteres Beispiel zeitgenössischer Begleitung bringt das Festival eine der ältesten deutschen Kompositionen für den Stummfilm: Die von Josef Weiss 1913 für den Studenten von Prag geschriebene und bei der Premiere selbst gespielte Musik wird im Filmpodium vom Pianisten Mark Pogolski (München) live aufgeführt. Im Zentrum des Festivals stehen jedoch einmal mehr die «Dialoge» heutiger Musiker mit den alten Filmen. Neben den beim Zürcher Publikum bestens eingeführten einheimischen Vertretern des Fachs, Martin Christ (Ligerz), André Desponds (Zürich) und Alexander Schiwow (Zürich), kommen wieder international renommierte Künstler nach Zürich: Joachim Bärenz (Essen), Frank Bockius (Freiburg i. Br.), Günter A. Buchwald (Freiburg i. Br.), Stephen Horne (London), Maud Nelissen aus den Niederlanden und Gabriel Thibaudeau aus Montréal. Eine besondere Hommage gilt dem 2009 verstorbenen Aljoscha Zimmermann, der viele Jahre regelmässig im Filmpodium zu Gast war. Der Pianist Mark Pogolski und die Violonistin Sabrina Zimmermann (die man in Zürich mehrfach mit ihrem Vater zusammen hören konnte) werden seine Komposition zum Marlene-Dietrich-Film Die Frau, nach der man sich sehnt wieder zum Erklingen bringen. Den Auftakt wird ein prominentes Debüt machen: Bruno Spoerri, als Jazz-Saxofonist und elektronischer Musiker weitherum bekannt, als Filmkomponist auch dem Schweizer Filmschaffen verbunden, geht erstmals unter die Live-Begleiter und wird zusammen mit Günter A. Buchwald ein Komödien-Programm befeuern. Martin Girod

Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d.h. im Jahr 2015 sind Filme von 1915, 1925, 1935 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1915

Weitere wichtige Filme von 1925

Der Golem Henrik Galeen/Paul Wegener, Deutschland Evangeliemandens liv Holger-Madsen, Dänemark Les vampires (Episoden 1–3) Louis Feuillade, Frankreich Posle smertij (Nach dem Tode) Jewgenij Bauer, Russland Regeneration Raoul Walsh, USA The Tramp Charles Chaplin, USA Vordertreppe und Hintertreppe Urban Gad, Deutschland

Die freudlose Gasse Georg W. Pabst, Deutschland Evreyskoje Stschastje (Das jüdische Glück) Alexej Granowski, UdSSR Feu Mathias Pascal Marcel L’Herbier, Frankreich La fille de l’eau Jean Renoir, Frankreich Lady Windermere’s Fan Ernst Lubitsch, USA Lazybones Frank Borzage, USA Prem Sanyas (The Light of Asia) Franz Osten, Indien/Deutschland Seven Chances Buster Keaton, USA Tartüff Friedrich W. Murnau, Deutschland The Big Parade King Vidor, USA The Merry Widow Erich von Stroheim, USA The Phantom of the Opera Rupert Julian, USA Variété Ewald A. Dupont, Deutschland Visages d’enfants Jacques Feyder, Schweiz/Frankreich


> The Cheat.

Š Courtesy George Eastman House, International Museum of Photography and Film

> The Birth of a Nation.

> Rapsodia satanica.

> Der Student von Prag.

> Der Tunnel.


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Stummfilmfestival 2015.

DER STUDENT VON PRAG Deutschland 1913 «Der Student von Prag gilt neben Max Macks Der Andere als der bedeutendste frühe deutsche Spielfilm.» (Wolfgang Jacobsen, in: Geschichte des deutschen Films) «Der erste deutsche ‹Künstlerfilm› wurde von einem Schriftsteller mit Schauspielern des Deutschen Theaters inszeniert. Dabei weiss die Geschichte um den Studenten, der seinen Schatten dem Teufel verkauft, die Möglichkeiten des neuen Mediums geschickt zu nutzen. Die neue Restaurierung lässt den Film in seiner ganzen fotografischen Pracht erstrahlen.» (Bonner Sommerkino 2014) Tatsächlich nennen alle zeitgenössischen Quellen den Drehbuchautor Hanns Heinz Ewers explizit auch als Regisseur, und nicht Stellan Rye, wie die spätere Filmgeschichtsschreibung das tut. «Der an Prager Originalschauplätzen gedrehte Film ist ein früher Klassiker des fantastischen Kinos. Das Doppelgänger-Motiv ist von literarischen Vorbildern aus der Romantik inspiriert. (…) Die technischen Lösungen, die der Kameramann Guido Seeber mit seinen avantgar­ distischen Doppelbelichtungen für die Erscheinungen des Spiegelbildes fand, haben ihn zu einem genuinen Werk des Kinos gemacht. Zu diesem Film schrieb der Liszt-Schüler und Klaviervirtuose Josef Weiss eine Musik, die zu den ersten Originalmusiken der Filmgeschichte gehört.» (Int. Filmfestspiele Berlin 2013) Mit dieser Musik, die Weiss selbst 1913 bei der Premiere in Berlin spielte, wird der Münchner Pianist Mark Pogolski in Zürich auftreten. ca. 80 Min / sw, tinted / Digital HD / Stummfilm mit dt. Zw’titeln // REGIE Hanns Heinz Ewers, Stellan Rye (Regie­ assistenz) // DREHBUCH Hanns Heinz Ewers // KAMERA Guido Seeber // MIT Paul Wegener (Balduin, ein Student), Lyda Salmonova (Lyduschka, ein fahrendes Mädchen), Grete Berger (Comtesse Margit Schwarzenberg), Fritz Weidemann (Baron Waldis-Schwarzenberg, ihr Verlobter). SO, 1. FEB. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARK POGOLSKI, MÜNCHEN

ASSUNTA SPINA Italien 1915 «Die etwas melodramatische Geschichte eines Mädchens und seiner zwei Bewerber enthält eine für die Zeit ungewöhnliche Dosis Sozialkritik: Wie ein Gerichtsbeamter kraft seines Amtes die Braut eines Gefangenen erpresst, wird mit satirischer Schärfe dargestellt.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films)

«In der Abfolge von Posen, Gesten und Blicken modulierten die italienischen Filmdiven ihre stummen Arien, jede mit dem ihr je eigenen physischen Timbre. Francesca Bertini bewahrte stets klare Konturen und eine unreduzierbare Würde. (…) Die Bertini, vom neapolitanischen Theater herkommend, engagierte sich begeistert für diesen Film über Neapel: malerisches Hafenpanorama, Stadtbilder und Szenen aus dem Volksleben. Seine dekorative Bildsprache ist ebenso zeit- wie genretypisch, doch wegen seines Inhalts wurde er im filmhistorischen Gedächtnis als ein veristisches Werk und als Vorläufer des Neorealismo kanonisiert.» (Mariann Lewinsky) «Bertini, in Vamp-Rollen ebenso zu Hause wie in Figuren aus dem Volk, hat das italienische Kino stark geprägt. Ihre Bedeutung erscheint heute noch herausragender, weil man weiss, dass sie eng an der Realisierung der Filme mitarbeitete, in denen sie auftrat.» (Dictionnaire du cinéma Larousse) ca. 60 Min / sw, tinted / 35 mm / Stummfilm mit ital. Zw’titeln // RESTAURIERTE KOPIE // REGIE Gustavo Serena, Francesca Bertini, ungenannt // DREHBUCH Gustavo Serena, Francesca Bertini, nach dem Roman von Salvatore Di Giacomo // KAMERA Alberto G. Carta // MIT Francesca Bertini (Assunta Spina), Gustavo Serena (Michele Boccadifuoco), Carlo Benetti (Don Federico Funelli), Luciano Albertini (Raffaele), Amelia Cipriani (Peppina), Antonio Cruichi (Assuntas Vater), Alberto Collo (Offizier). DO, 22. JAN. | 20.45 UHR (ZUS. MIT RAPSODIA SATANICA) LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH

RAPSODIA SATANICA Italien 1915 «Italien war das erste Land, in dem sich ein Kult um ‹göttliche› Filmschauspielerinnen zu ranken begann. Zu den berühmtesten ‹Diven› des italienischen Stummfilms gehörte Lyda Borelli (…). Borelli, eine blasse, ätherische und erhabene Heroine, gleichsam aus der Fantasie D’Annunzios hervorgegangen, wurde zu einer halb mytho­ logischen Figur, sie war der erste Star in der Geschichte des Films.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films) Rapsodia satanica wurde 1915 gedreht, nach einer ersten geschlossenen Vorführung aber umgeschnitten und erst 1917 in die Kinos gebracht. Der Komponist Pietro Mascagni («Cavalleria rusticana») komponierte eine Originalmusik, die wesentlich zum Erfolg des Films beitrug; sie ist im Filmpodium zu hören. «Üppig und traumartig entfaltet dieses poema-cinema-musicale seine berückende Bildwelt des Jugendstils und des Symbolismus. Die Handlung ist so unwesentlich wie in einem Ballett,


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Stummfilmfestival 2015. lässt sich am besten in Substantiven erzählen: Schönheit, Triumph, Tod, Reue, Begehren. Der Blick schweift über lyrische Szenarien von Frühlingsreigen und melancholischen Herbstgärten und verengt sich auf den Körper von Lyda Borelli. Die seelenlose Femme fatale wandelt sich zu einer liebesatmenden Sterblichen, aufgelöst in Verschleierungen und Spiegelungen und von Licht­ effekten plastisch überhöht.» (Mariann Lewinsky) «Dieses Melodram ist weit von einer schlichten Theaterverfilmung entfernt; hier wird der Raum zur Poesie. Wenn man Visconti verstehen und wirklich lieben will, muss man bis zu dieser Art von CINES-Produktion zurückschauen.» (Freddy Buache) ca. 45 Min / sw, tinted u. handkoloriert / Digital SD / Stummfilm mit Musik, ital. Zw’titel // RESTAURIERTE KOPIE // REGIE Nino

Überzeugung, dass wir es beim Tunnel mit einem weiteren elektrisierenden, eigenwilligen Meisterwerk der 1910er Jahre zu tun haben. Ich hoffe, es macht die Runde, damit ein grösseres Publikum es entdecken kann.» (David Bordwell, www. davidbordwell.net/blog) ca. 100 Min / sw / Digital HD / Stummfilm mit dt. Zw’titeln // REGIE William Wauer // DREHBUCH William Wauer, nach dem Roman von Bernhard Kellermann // KAMERA Axel Graatkjær // MIT Friedrich Kayssler (Max Allan, Tunnelerbauer), Fritzi Massary (Ethel Lloyd), Hermann Vallentin (Milliardär Lloyd, ihr Vater), Felix Basch, Hans Halden. SO, 11. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ALEXANDER SCHIWOW, ZÜRICH EINFÜHRUNG: STEFAN DRÖSSLER, FILMMUSEUM MÜNCHEN (CA. 20 MIN)

Oxilia // DREHBUCH Alberto Fassini, Fausto Maria Martini (Gedicht) // KAMERA Giorgio Ricci // MUSIK Pietro Mascagni // MIT Lyda Borelli (Contessa Alba d’Oltrevita), Ugo Bazzini (Mephisto), Giovanni Cini (Sergio), Andrea Habay (Tristano). DO, 22. JAN. | 20.45 UHR (ZUSAMMEN MIT ASSUNTA SPINA)

DER TUNNEL Deutschland 1915 «Bernhard Kellermanns Erfolgsroman aus dem Jahr 1913 erzählt von einem ehrgeizigen Ingenieur, der Europa und Amerika mit einem Tunnel unter dem Ozean verbinden möchte. (…) Heute beeindruckt der Film durch seine realistischen Aufnahmen vom Bau des Tunnels (die beim Bau der Berliner U-Bahn entstanden) und durch erstaunliche visionäre Einfälle wie z. B. das Fernsehen.» (Bonner Sommerkino 2010) «Die Dramatisierung für den Film ist dank der scheinbar unbegrenzten Mittel, die der modernen Filmtechnik zu Gebote stehen, glänzend gelungen. (…) Das alles ist verblüffend in der Echtheit der Prägung und zeigt uns die Filmkunst in ungeahnter Vollendung.» (Tages-Anzeiger, zit. nach: Kinema, 17.2.1917) William Wauer (1866–1962) ist vor allem als Maler und Bildhauer aus dem Umfeld der Künstlergruppe «Der Sturm» bekannt geworden, er wirkte aber auch als Grafiker, Theaterregisseur und Filmemacher (u.a. Richard Wagner, 1913). «Vergleiche mit dem grossen Film von 1915 sind unvermeidlich. Die intimeren Szenen von Der Tunnel sind entschieden weniger fein inszeniert als die Romanze und das Familienleben in The Birth of a Nation (…), doch Wauers Behandlung der Massenszenen ist kraftvoller als Griffiths Aufruhr auf dem Höhepunkt von Birth und sein Sinn für Bildgestaltung ist in gewisser Hinsicht raffinierter, ja ‹moderner›. (…) Ich bin zunehmend der

THE BIRTH OF A NATION USA 1915 «Griffiths Epos vom amerikanischen Bürgerkrieg berichtet von zwei Familien, den Camerons im Süden und den Stonemans aus dem Norden. (...) Niemals zuvor war ein Film von so gewaltigen Ausmassen gedreht worden. Jeder Aspekt der Filmarbeit (...) wurde von Griffith persönlich geleitet und überwacht. (...) Griffith übernimmt den reaktionären Standpunkt der weissen Südstaatler, der schon in der Romanvorlage manifest war. (...) Berühmt wurde der Film für seine komplexe Struktur, die dynamische Montage und die dramatische Einbeziehung der ganzen Bildfläche.» (Buchers Enzyklopädie des Films) «Das epische Kostümdrama übertraf alle vorausgegangenen [amerikanischen; Anm. Fp.] Spielfilme an Länge und Aufwand und behandelte ein wirklich amerikanisches Thema: Bürgerkrieg und ‹Reconstruction›. Dieser Film war es, der den Langspielfilm von der Ausnahme zur Regel machte.» (Roberta Pearson, in: Geschichte des internationalen Films, Stuttgart 1998) «Auch der Zuschauer, der über den Rassenhass Griffiths empört ist, wird stark beeindruckt von der Schönheit der Bilder und der Vollkommenheit ihrer Montage. (…) Es bedurfte des geschichtlichen Abstands, damit Europa verstand, dass der 8. Februar 1915, das Datum der Uraufführung von The Birth of a Nation, der erste Tag von Hollywoods Weltherrschaft und, zumindest für einige Jahre, seiner künstlerischen Vorherrschaft war.» (Georges Sadoul: Geschichte der Filmkunst, Wien 1957) 192 Min / sw, tinted / Digital HD / Stummfilm mit engl. Zw’titeln // REGIE David Wark Griffith // DREHBUCH David Wark Griffith, Frank E. Woods, nach Romanen von Thomas


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Stummfilmfestival 2015. Dixon // KAMERA G. W. Bitzer // SCHNITT David Wark Griffith, James Smith // MIT Henry B. Walthall (Ben Cameron), Lillian Gish (Elsie Stoneman), Mae Marsh (Flora Cameron), Miriam Cooper (Margaret Cameron), Mary Alden (Lydia Brown), Ralph Lewis (Austin Stoneman), George Siegmann (Silas Lynch), Spottiswoode Aitken (Dr. Cameron), Robert Harron (Tod Stoneman), Donald Crisp (General Grant). DO, 15. JAN. | 19.30 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ

TOIL AND TYRANNY

(Folge 12 der Serie «Who Pays?») USA 1915 Serials, Detektiv- und Abenteuergeschichten in unzähligen Folgen waren in den 1910er Jahren grosse Mode. Doch Who Pays? ist kein Serial, sondern eine – ebenfalls in wöchentlicher Folge herausgebrachte – Serie: Die jeweils gleichen Hauptdarsteller (die damals populäre «serial queen» Ruth Roland und der später als Regisseur bekannte Henry King) verkörperten in jeder Episode eine neue Geschichte mit anderen Figuren. Zusammengehalten wurde das Ganze durch den moralischen Anspruch, mit dem die sozialen und persönlichen Konfliktgeschichten – von der Spekulation bis zu Scheidungsproblemen – angegangen wurden. Toil and Tyranny, die letzte der zwölf Episoden, schildert äusserst dramatisch einen Arbeitskonflikt in der Holzindustrie vor dem gerade aktuellen Hintergrund des Preiszerfalls für Holz. Das Fragezeichen des Serientitels, zu Beginn der Episode die Präsentation der Akteure einrahmend, wird am Ende aufgelöst: Für soziale Ungerechtigkeit müssen letztlich alle einen hohen Preis bezahlen. Restaurierte 35-mm-Kopie mit freundlicher Genehmigung von UCLA Film & Television Archive.

sich von einem reichen Orientalen 10 000 Dollar leihen. Ironie des Schicksals: Mr. Hardy hatte Glück an der Börse und überlässt seiner Frau von seinem Gewinn genau 10 000 Dollar. Als Mrs. Hardy dieses Geld dem Orientalen zurückgeben will, verweigert dieser die Annahme, beschimpft sie als Betrügerin und besteht darauf, dass sie selbst der Preis für die 10 000 Dollar sei … «Die Wirkung von The Cheat auf die Kritik und die Filmschaffenden war so gewaltig wie später jene von Citizen Kane: Als ‹einziges in der Filmgeschichte zu vermerkendes Datum seit der Sortie des usines Lumière von 1895› bezeichnet ihn [der Filmkritiker] Léon Moussinac. (…) Ein Film, der für das Hollywoodkino wegweisend wurde. In einer Zeit, in der die (oft vom Theater kommenden) Schauspieler gestikulierten, wirkte die Leistung Sessue Hayakawas sensationell: Für Colette war er ein ‹asiatischer Künstler, dessen starke Un­ beweglichkeit alles zu sagen vermag›, für Louis Delluc ‹der erste Tragöde der Leinwand›. (…) The Cheat revolutionierte die Beleuchtung mit seiner Erforschung des Chiaroscuro, das einen Teil der Leinwand im Dunkeln lässt. (…) Die Story enthält ein Thema, das später unter dem Hays Code der Zensur zum Opfer gefallen wäre: einen Vergewaltigungsversuch (…) in einem ethnisch gemischten Kontext. Diese Kühnheiten faszinierten die französischen Intellektuellen.» (Sylvie Pliskin, in: Dictionnaire des films Larousse) Kopie aus der Sammlung des George Eastman House.

ca. 60 Min / sw, tinted / 35 mm / Stummfilm mit engl. Zw’titeln // REGIE Cecil B. DeMille // DREHBUCH Hector Turnbull, Jeanie McPherson, nach dem Roman von Hector Turnbull // KAMERA Alvin Wyckoff // MIT Fannie Ward (Edith Hardy), Sessue Hayakawa (Tori), Jack Dean (Dick Hardy), James Neill (Jones), Utaka Abe (Toris Diener). FR, 23. JAN. | 18.15 UHR (ZUS. MIT TOIL AND TYRANNY) LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU, MONTRÉAL

ca. 35 Min / sw / 35 mm / Stummfilm mit engl. Zw’titeln // REGIE Harry Harvey // DREHBUCH Henry King, Will M. Ritchey // MIT Henry King (Karl Hurd), Ruth Roland (Laura Powers), Daniel Gilfether (David Powers, ihr Vater, ein Holzkönig), Edward J. Brady (Perry Travis, Jurist), Mollie McConnell. FR, 23. JAN. | 18.15 UHR (ZUSAMMEN MIT THE CHEAT) LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU, MONTRÉAL

THE CHEAT USA 1915 Mrs. Hardy, eine Dame der besseren Gesellschaft und Kassierin des Wohltätigkeitsvereins, lässt sich einen «todsicheren Tipp» geben – und verspekuliert das ihr anvertraute Vereinsgeld an der Wall Street. Um ihre Tat zu verbergen, lässt sie

HOMUNCULUS Deutschland 1916 «Die sechsteilige Serie Homunculus, in der ein künstlich geschaffener Mensch vergeblich Liebe sucht und dann voller Hass Zerstörung über die Welt bringt, gehört zu den grossen Werken des deutschen Stummfilms, die als verloren galten. In jahrelanger Arbeit hat das Filmmuseum München Fragmente, Dokumente und Fotos gesammelt und kann nun erstmals eine Rekonstruktion des Werks präsentieren, in dem Franken­­stein-Mythos, Kriegsrealität und Vorformen des deutschen Filmexpressionismus zusammenflies­ sen.» (Bonner Sommerkino 2014)


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Stummfilmfestival 2015. «Die Homunculus-Tragödie ist dem Lichtspiel dienstbar gemacht, die Psychologie hat nach hundert fehlgeschlagenen Anläufen die Leinwand erobert. Unzulänglichkeiten der Schauspielbühne werden Ereignis, Wagnisse Selbstverständlichkeiten; das Bild bezwingt das Wort, Gedanklichkeit hat eine neue Formulierung in der Auswertung von Situationen, Episch-Lyrisches hat dramatischen Akzent gefunden.» (B.Z. am Mittag, August 1916) «Heute misst man diesen [Homunculus-]Filmen zu wenig Bedeutung bei und glaubt allgemein, der klassische deutsche Film setze erst mit Caligari ein. Und doch enthalten diese Filme bereits alle Ansätze des berühmten Helldunkel, das für den deutschen Film charakteristisch wird. (…) Alle Elemente der deutschen Filmkunst, wie sie sich in den nächsten zehn, zwölf Jahren entwickeln wird, sind in den Homunculus-Filmen bereits angedeutet. (…) Vor allem zeigen jedoch die Massenbewegungen, wie die Verbindungsfäden von Homunculus zu Metropolis hinüberführen.» (Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand)

In jeder Szene zeigt sich überschäumende Kreativität. Der Film quillt über von Ideen; mit der Macht eines Sturmangriffs reisst er den Zuschauer in die Geschichte hinein (…) und lässt ihn am Ende erschüttert und ernüchtert zurück. Trotz seiner Länge von fast drei Stunden ist J’accuse durchwegs spannend und so erfindungsreich und beeindruckend wie kein bis dahin produzierter Film, mit der einzigen Ausnahme von Intolerance; einige amerikanische Kritiker schätzen ihn in künstlerischer Hinsicht sogar höher ein als alle Griffith-Produktionen.» (Kevin Brownlow: Pioniere des Films) «Abel Gance, der seinen Kriegsdienst abgeleistet hatte, filmte reale Kriegsszenen, die 1919 nachgestellt wurden. Der Film, der für Wiederaufführungen mehrfach gekürzt und umgeschnitten wurde, ist in einer sorgfältig rekonstruierten Form zu sehen.» (Bonner Sommerkino 2014) ca. 180 Min / sw, tinted / 35 mm / Stummfilm mit franz. Zw’titeln // REGIE Abel Gance, Blaise Cendrars (Regieas­ sistenz) // DREHBUCH Abel Gance // KAMERA Léonce-Henri Burel, Maurice Forster, Marc Bujard // SCHNITT Abel Gance,

ca. 200 Min / sw / Digital HD / Stummfilm mit dt. Zw’titeln //

Andrée Danis // MIT Romuald Joubé (Jean Diaz), Séverin-

REGIE Otto Rippert // DREHBUCH Robert Reinert // KAMERA

Mars (François Laurin), Maryse Dauvray (Edith Laurin),

Carl Hoffmann // MIT Olaf Fønss (Richard Ortmann, Homun-

Maxime Desjardins (Ediths Vater), Angèle Guys (Angèle), Mme

culus), Ernst Ludwig (Professor Ortmann), Albert Paul (Dr.

Mancini (Jean Diaz’ Mutter).

Hansen), Lore Rückert (Margarete Hansen, seine Tochter), Max Ruhbeck (Generalprokurator Steffens), Lia Borré (seine Tochter), Friedrich Kühne (Edgar Rodin), Theodor Loos (Sven

DO, 8. JAN. | 20.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON

Fredland), Mechthild Thein (Margot). MO, 12. JAN. | 19.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, ESSEN EINFÜHRUNG ZUR REKONSTRUKTIONSARBEIT: STEFAN DRÖSSLER, FILMMUSEUM MÜNCHEN (CA. 25 MIN)

J’ACCUSE Frankreich 1919 «J’accuse beginnt mit einer Einstellung von einer Vielzahl von Soldaten, die zusammenkommen, um die Buchstaben des Titels zu bilden, und endet mit einer auf geteilter Leinwand ablaufenden doppelten Parade der Toten und der durch den Arc de Triomphe marschierenden Sieger. (…) Er war ein weltweiter Erfolg vor allem wegen Gances bemerkenswert filmischer Behandlung des Themas der Unmenschlichkeit des Krieges, das hinter der melodramatischen Liebesgeschichte dem Film zugrunde lag.» (Buchers Enzyklopädie des Films) «J’accuse kam kurz nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands heraus. Wo immer er gezeigt wurde, erregte er Aufsehen. (…) [Es] war der erste grosse pazifistische Film der Filmgeschichte – und einer der ersten grossen Filme, die sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen. (…) Noch heute wirkt J’accuse überraschend kraftvoll.

BODY AND SOUL USA 1925 Dass man Oscar Micheaux (1884–1951) in den meisten Nachschlagewerken nicht findet, hat einen einfachen Grund: Der schwarze Regisseur hat Filme über Schwarze für ein fast ausschliesslich schwarzes Publikum gedreht. Entsprechend spät erst ist die etablierte Filmkritik und -geschichtsschreibung auf ihn aufmerksam geworden. Weil Hollywood einen Roman Micheaux’ nicht verfilmen wollte, begann er 1919 selbst als unabhängiger Produzent und Regisseur und war bis 1948 aktiv; von den zwei Dutzend Stummfilmen, die er gedreht hat, sind jedoch die wenigsten überliefert. «Um Micheaux kommt man in der Geschichte des afroamerikanischen Films nicht herum (…), den ‹Vater des unabhängigen schwarzen Kinos›, wie man ihn genannt hat. (…) Wenn er auch der produktivste unter den unabhängigen Filmemachern war und bis heute der berühmteste bleibt, so haben seine Werke in ihrer Zeit unzählige Kontroversen ausgelöst, (…) denn insbesondere in der Stummfilmzeit verstand sich Micheaux als militant, engagiert und subversiv. Sein erster Film, The Home­ steader, dreht das Bild um, das The Birth of a Nation vermittelt. (…) In Body and Soul wird ein schwarzer


Stummfilmfestival 2015. Pastor als Trinker und unverbesserlicher Sünder gezeigt, der eine junge Frau vergewaltigt und bestiehlt. (...) Micheaux erforscht die schwarze Gesellschaft sowohl in ihren pittoresken als auch in ihren schmutzigen Aspekten und schreckt nicht davor zurück, seine Erzählungen möglichst zu dramatisieren, hin zu einem wohldosierten Cocktail von Gewalt und Sex. (…) Im subtilen Genremix zwischen Actionfilm, Melodram und politischem Pamphlet dürfte der Schlüssel zum Erfolg der Filme Micheaux’gelegen haben.» (Régis Dubois: Dictionnaire du cinéma afro-américain) Der Film ist das Kinodebüt des berühmten Schauspielers und Sängers Paul Robeson. Micheaux lässt ihn die beiden Seiten der schwarzen amerikanischen Gesellschaft zugleich verkörpern: Er spielt den «bösen» falschen Prediger und seinen «guten» Zwillingsbruder. Erhaltung des Films mit Mitteln der Anthology Film Archives.

ca. 90 Min / sw, tinted / 35 mm / Stummfilm mit engl. Zw’titeln // REGIE Oscar Micheaux // DREHBUCH Oscar Micheaux, nach dem Roman von Oscar Micheaux // MIT Paul Robeson (Pfarrer Isaiah T. Jenkins/Sylvester Jenkins), Julia Theresa Russell (Isabelle), Mercedes Gilbert (Martha Jane, Isabelles Mutter), Marshall Rogers (Kneipenbesitzer), Lawrence Chenault («Yellow-Curley» Hinds), Chester A. Alexander (Diakon Simpkins, Kirchenältester), Walter Cornick (Brother Amos, Kirchenältester), Lillian Johnson (Sis Ca’line). SO, 18. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL UND FRANK BOCKIUS, FREIBURG I. BR.

DIE VERRUFENEN (Der fünfte Stand) Deutschland 1925 «Die Geschichte eines aus dem Gefängnis entlassenen Ingenieurs, der zunächst überall auf Ablehnung stösst. Erst durch die Unterstützung einer Prostituierten kann er dem drohenden Untergang entgehen und sich seinen Platz in der Gesellschaft erarbeiten.» (Lexikon des int. Films) «Dieses Hauptwerk des sogenannten ‹Milljöh› – oder ‹Zille-Films› – benannt nach dem proletarischen Berliner Maler Heinrich Zille – ist weitaus besser, als die Inhaltsangabe suggerieren muss. Die Darstellung der Schauplätze, in der das soziale Anliegen manifest wird, ergibt eine detailgetreue und vielschichtige Milieuzeichnung. Diese gewinnt besondere Glaubwürdigkeit dadurch, dass Lamprecht (…) Laiendarsteller einbezog und so Arbeitslose und Stadtstreicher sich selbst spielen liess.» (Thomas Kramer, in: Reclams Lexikon des deutschen Films) Zu Beginn sieht man Heinrich Zille selbst beim Zeichnen, und viele der besten Szenen sind direkt von Zille-Zeichnungen und ihrer genau beobachteten, unsentimentalen Lakonik inspiriert.

ca. 115 Min / sw / 35 mm / Stummfilm mit dt. Zw’titeln // REGIE Gerhard Lamprecht // DREHBUCH Gerhard Lamprecht, Luise Heilborn-Körbitz, nach Erlebnissen von Heinrich Zille // KAMERA Karl Hasselmann // MIT Bernhard Goetz­ke (Robert Kramer), Aud Egede Nissen (Emma), Arthur Bergen (Gustav), Mady Christians (Regine Lossen), Eduard Rothauser (Rottmann), Frida Richard (Frau Heinicke), Paul Bildt (Roberts Vater), Aribert Wäscher (Klatte), Rudolf Biebrach (ein Viehhändler), Margarete Kupfer (Wirtschafterin). DI, 13. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, ESSEN

LENINSCHE KINO-PRAWDA

(Leninskaya Kino-Prawda; Kino-Prawda Nr. 21) UdSSR 1925 «Der Wochenschau-Operateur Dsiga Wertow war beauftragt worden, als Ergänzung der grossen Tageszeitung Prawda ein gefilmtes Journal, KinoPrawda, zu gründen und zu leiten. Der Name, der Kino-Wahrheit bedeutet, wurde von Wertow als Parole aufgefasst. Er wollte – so wie seinerzeit Lumière – alles aus dem Kino ausschalten, das nicht ‹dem Leben entnommen war›.» (Georges Sadoul: Geschichte der Filmkunst) Eine Spezialausgabe der Kino-Prawda erschien im Januar 1925 zum ersten Todestag von Wladimir Iljitsch Lenin. «Besondere Berühmtheit erlangt die Leninskaya Kino-Prawda (…). Hier montierte Wertow Dokumentaraufnahmen von Lenin mit improvisierten Erzählungen einfacher Menschen und einem grossen Rückblick auf die bisherige Geschichte der Sowjetunion zusammen, um das Ganze dann auf den Trauerzug der Bevölkerung vor dem toten Lenin münden zu lassen.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films) «Eisenstein baut den Potemkin unter dem Einfluss der Leninsche Kino-Prawda, von der er selbst sagt, dass sie ihn stark beeinflusst habe. (…) Die Leninsche Kino-Prawda beginnt mit Elementen des Kampfs des sich auflehnenden Proletariats, der Mittelteil ist um ein Ereignis, den Tod des Anführers, gebaut, und sie endet mit einem Element des Sieges und der Fröhlichkeit. (…) Potemkin beginnt mit dem Kampf der Aufständischen, der Mittelteil ist um den Tod Wakulintschuks gebaut, und er endet mit einem Element des Sieges und der Fröhlichkeit.» (Dsiga Wertow in einer Rede vom 19.3.1926) ca. 40 Min / sw / Digital HD / Stummfilm mit russ. Zw’titeln // REGIE Dsiga Wertow // KAMERA Grigori Giber, Michail Kaufman, Eduard Tisse u. a. MI, 28. JAN. | 18.15 UHR (ZUS. MIT PANZERKREUZER POTEMKIN) LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ

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> The Salvation Hunters.

> His New Job.

> Master of the House.

> Die Verrufenen.

> J’accuse.

> Die Frau, nach der man sich sehnt.


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Stummfilmfestival 2015.

PANZERKREUZER POTEMKIN (Bronenosez Potemkin) UdSSR 1925

«Mit Panzerkreuzer Potemkin gelang es Eisenstein, in wenigen Begebenheiten – dem Aufstand auf dem Kreuzer, der Demonstration der Bevölkerung und dem Massaker auf der Treppe – nicht nur die Aufstandsbewegung von 1905, sondern das Drama der Revolution und ihres Zusammenpralls mit den etablierten Mächten auf seinen klassischen Ausdruck zu bringen. (...) Die Treppenszene, in welcher herabmarschierende Kosaken eine fliehende Menge brutal füsilieren, wurde durch Eisensteins Montagekunst zum Höhepunkt dieses Films und zu einer der berühmtesten Anthologieszenen der Filmgeschichte überhaupt.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films) Eisensteins Panzerkreuzer ist nicht nur einer der meistzitierten Filme der Filmgeschichte, sondern auch einer der von Zensoren aller Länder meistverstümmelten. 1976 gelang es Naum Kleiman, dem Leiter des Moskauer EisensteinArchivs, ausgehend von den verschiedenen alten Kopien, die Originalfassung zu rekonstruieren. Während 1925 die Moskauer Uraufführung des Films mit einer der damals üblichen Musikkompilationen begleitet wurde, hat Edmund Meisel für die Berliner Premiere eine Originalmusik komponiert, die als eine der interessantesten musikalischen Filmbegleitungen der Stummfilmzeit gilt. Das Filmpodium zeigt die 2005 von Enno Patalas rekonstruierte Fassung mit der Orchestermusik von Meisel. 68 Min / sw / DCP / Stummfilm mit Musik + dt. Zw’titeln // REGIE Sergej M. Eisenstein // DREHBUCH Nina Agadshanowa-Schutko, Sergej M. Eisenstein // KAMERA Eduard Tissé // MUSIK Edmund Meisel // SCHNITT Sergej M. Eisenstein // MIT Alexander Antonow (Matrose Wakulintschuk), Wladimir G. Barski (Kommandant Golikow), Grigori Alexandrow (Leutnant Giljarowski), Michail Gomorow (Matjuschenko). MI, 28. JAN. | 18.15 UHR (ZUS. MIT LENINSCHE KINO-PRAWDA)

MASTER OF THE HOUSE (Du skal ære din hustru) Dänemark 1925

«Die Geschichte eines Familienoberhaupts, dem drei Frauen das Rückgrat brechen, das sie ihm erst eingezogen haben: seine Mutter, sein altes Kindermädchen, seine Frau. Dreyer bringt Formen ins Bild, die zur Funktion haben, die unter ihnen liegenden, sie generierenden Strukturen verständlich zu machen. (…) Der Film handelt vom vielzitierten Rollenverhalten, durch das

Männer wider Willen zu Vätern werden, weil sie in symbolische Systeme hineingeboren werden, die auszufüllen sie nicht in der Lage sind.» (Frieda Grafe, Süddeutsche Zeitung, 9.2.1974) «Die Geschichte ist von nahezu linearer Einfachheit, wäre da nicht eine entscheidende Korrektur. In der Bibel steht, dass die Frauen ihren Männern untertan sein sollen. Dreyer hat offensichtlich und berechtigt Zweifel an einer solchen Prämisse des Zusammenlebens. Er formuliert filmisch ein Widerstandsrecht – und das im Jahre 1925!» (Uwe Müller, Filmwärts, Nr. 14, Hannover 1989) «Es ist eine Welt der Kleinbürger, die der Film zeigt; ganz gefangen sind sie in ihrer Welt, ganz auf deren Bedingungen festgenagelt. (…) Eine didaktisch konzipierte Komödie.» (Rainer Rother, Filmwärts, Nr. 14) 107 Min / sw / Digital HD / Stummfilm mit engl. Zw’titeln // REGIE Carl Theodor Dreyer // DREHBUCH Svend Rindom, Carl Theodor Dreyer, nach einem Theaterstück von Svend Rindom // KAMERA George Schnéevoigt // SCHNITT Carl Theodor Dreyer // MIT Johannes Meyer (Viktor Frandsen), Astrid Holm (Ida, seine Frau), Karin Nellemose (Karen, ihre Tochter), Mathilde Nielsen (Mads, Viktors frühere Amme), Clara Schønfeld (Alvilda Kryger, Idas Mutter). MO, 19. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL

HIS NEW JOB USA 1915 Als filmhistorisches Zeugnis in doppelter Hinsicht erhellend: Zum einen war es wirklich Chaplins «new job». Nach seinem ersten Filmengagement bei Keystone, wo er in nur einem Jahr seine TrampFigur gefunden hatte und zu Star- und Regieehren aufgestiegen war, trat er mit diesem Film seinen neuen Vertrag bei der Produktionsfirma Essanay an. Dieser brachte ihm mehr von jener Gestaltungsfreiheit, die ihn bald zu seinen frühen Meister­ werken führen sollte. Zum andern ist His New Job eine entlarvende Darstellung der Zustände in einem damaligen Filmstudio. Die Erfahrungen bei Keystone wie seine erste Enttäuschung über die primitiven Arbeitsbedingungen bei Essanay dürften Chaplin dabei gleichermassen inspiriert haben. ca. 30 Min / sw / DCP / Stummfilm mit engl. Zw’titeln // DREHBUCH UND REGIE Charles Chaplin // KAMERA Roland H. Totheroh // MIT Charles Chaplin (Filmstatist), Ben Turpin (Filmstatist), Charlotte Mineau (Filmstar), Charles Insley (Filmregisseur), Leo White (Schauspieler), Frank J. Coleman (Regieassistent), Gloria Swanson (Stenografin). MO, 5. JAN. | 20.45 UHR (ZUSAMMEN MIT STAGE STRUCK) LIVE-BEGLEITUNG: BRUNO SPOERRI, ZÜRICH, UND GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR.


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Stummfilmfestival 2015.

STAGE STRUCK USA 1925 «Die Komödie Stage Struck ist zusammen mit Manhandled der Höhepunkt der Zusammenarbeit von Allan Dwan und Gloria Swanson. Sie spielt darin eine Kellnerin, die in den Koch des Restaurants verliebt ist. Dieser aber träumt von einer Bühnenkarriere und hat ein Faible für Schau­ spielerinnen. Wie der Koch sich vom Star eines gastierenden Theaterschiffs blenden lässt, belegt die Kellnerin einen Schauspiel-Fernkurs.» (David Robinson, in: Allan Dwan) «Gloria Swanson, einer der grossen Stars des Stummfilms, zieht in Stage Struck alle Register ihres Könnens (…).Die Komödie wartet mit einer technischen Sensation auf: Die farbigen Traumsequenzen, die in der restaurierten Filmkopie des George Eastman House auch heute noch zu bewundern sind, wurden im damals neu entwickelten zweifarbigen Technicolor-Verfahren gedreht.» (Bonner Sommerkino 2009) «In Stage Struck macht Gloria Swanson, was sie als vollendete Komödiantin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere am besten kann: Sie drückt durch die Figur ihren Wunsch aus, eine drama­ tische Schauspielerin zu sein. Es ist eine gute Komödie und sie ist darin wunderbar; in den Restaurant-Szenen bringt sie sogar etwas Slapstick, eine Form von Komik, die sie angeblich verachtete.» (Bryony Dixon: 100 Silent Films)

len jedoch einem brutalen Zuhälter in die Hände. Zu den grossen Bewunderern des Films zählte Charlie Chaplin, der dafür sorgte, dass der Film von United Artists angekauft und ins Kino gebracht wurde.» (Bonner Sommerkino 2010) «Die Charaktere sind in die trostlose Umgebung gesetzt, in der man eine Geschichte erwarten würde, die die gesellschaftlichen Umstände anprangert, die für solche Lebensbedingungen verantwortlich sind. Stattdessen verwendet der Film den Hintergrund des Elendsviertels symbolisch als Ausdruck der Abgründe, die jeder Mensch in sich trägt und überwinden muss. Dabei funktioniert die Geschichte sowohl auf der äusseren Handlungsebene wie auch auf der metaphorischen – je nach Vorliebe des Betrachters. The Salvation Hunters bleibt die entscheidende Arbeit in Sternbergs Karriere. Er selber behauptete später, dass der Film sein einziges ernsthaftes Kunstwerk sei.» (Curtis Harrington, Hollywood Quarterly, Berkeley 1948) Restaurierte 35-mm-Kopie mit freundlicher Genehmigung von UCLA Film & Television Archive.

ca. 80 Min / sw / 35 mm / Stummfilm mit engl. Zw’titeln // DREHBUCH UND REGIE Josef von Sternberg // KAMERA Edward Gheller // SCHNITT Josef von Sternberg // MIT George K. Arthur (der junge Mann), Georgia Hale (die junge Frau), Bruce Guerin (Waisenkind), Otto Matieson (Mann), Nellie Bly Baker (Frau), Olaf Hytten (brutaler Kerl). SA, 24. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU, MONTRÉAL

Kopie aus der Sammlung des George Eastman House.

ca. 80 Min / sw + Farbe / 35 mm / Stummfilm mit engl. Zw’titeln // REGIE Allan Dwan // DREHBUCH Forrest Halsey, Sylvia La Varre, nach einer Story von Frank Ramsey Adams // KAMERA George Webber // SCHNITT George Webber // MIT Gloria Swanson (Jennie Hagen), Lawrence Gray (Orme Wilson), Gertrude Astor (Lillian Lyons), Marguerite Evans (Hilda), Ford Sterling (Waldo Buck), Carrie Scott (Mrs. Wagner). MO, 5. JAN. | 20.45 UHR (ZUSAMMEN MIT HIS NEW JOB) LIVE-BEGLEITUNG: BRUNO SPOERRI, ZÜRICH, UND GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR.

THE SALVATION HUNTERS USA 1925 «Sternbergs vielbeachtetes Filmdebüt entstand als No-Budget-Produktion im Hafen und in den Strassen von San Pedro und erzählt in poetischen Bildern eine Geschichte vom Leben in Armut. Ein Mann, seine Freundin und ein Waisenkind leben auf einem Schlammbagger im Hafen, müssen diese Unterkunft aber nach einem Streit mit dem Besitzer verlassen. Sie flüchten in die Stadt, fal-

THE PLEASURE GARDEN GB 1925 In dreijähriger Arbeit hat das British Film Institute Alfred Hitchcocks Stummfilme restauriert. Für die Arbeit am Regieerstling des 25-Jährigen wurden fünf Kopien herbeigezogen, die alle unvollständig waren. Vier davon waren originale Nitrokopien von guter Qualität, so dass wir heute das Debüt des späteren Master of Suspense in erstaunlicher Frische und mit den originalen Einfärbungen wiederentdecken können. «Pleasure Garden ist der Name eines Nachtclubs, in dem die Handlung beginnt. Tänzerinnen (…) rennen eine Wendeltreppe herunter. Die Kamera fährt die erste Reihe im Parkett ab, lauter lüsterne Greise mit Brille, Operngucker und Monokel. Hitchcocks Welt, eine Welt des Amüsements und des ‹make-believe›, der inszenierten Täuschung. (…) The Pleasure Garden ist eine Vierecksgeschichte, von zwei Chorus Girls, Patsy und Jill, und ihren Beziehungen zu zwei miteinander befreundeten Männern. Hugh und Levet sind beide auf einer Plantage beschäftigt; Jill lässt


Stummfilmfestival 2015. sich, während ihr Verlobter Hugh in den Orient geht, daheim mit einem windigen Fürsten ein; Patsy heiratet Levet, folgt ihm in die Tropen und muss feststellen, dass er ihrer nicht wert ist.» (Enno Patalas: Alfred Hitchcock) «Es ist eine eher zeittypisch-konventionelle Geschichte – Hitchcock selbst meinte: ‹Melodramatisch, aber mit ein paar interessanten Szenen.› Die Story mag ihn nicht besonders interessiert haben, doch er gab ihr eine zusätzliche Dimension: The Pleasure Garden ist eine Abhandlung über Voyeurismus, Geschlechterpolitik und die Kluft zwischen romantischen Träumen und Realität. Hitchcock setzt die Nebenfiguren als Kommentar zu den Hauptpersonen ein. (…) Der ‹Daily Express› bezeichnete in seiner Kritik Hitchcock als ‹young man with a master mind›. Und seine Karriere war lanciert.» (Bryony Dixon im Katalog von Il cinema ritrovato, Bologna 2013)

(Lothar Schwab, in: Aufruhr der Gefühle – Die Kinowelt des Curtis Bernhardt) Als Dr. Karoff gibt sich Fritz Kortner weltmännisch überlegen, je nach Gegenüber mal kaltschnäuzig, mal jovial anbiedernd. Doch hinter dieser gesellschaftlichen Fassade muss der Schauspieler Karoffs wachsende Ängste sichtbar machen: die Angst, dass ihn die begangene Mordtat einholt, und die Angst, dass seine Begleiterin und Komplizin ihm trotz dieser Verstrickung entgleitet. In kurzen Momenten fällt die Maske und Kortner wechselt fast übergangslos von einer Ebene zur anderen, um sich sofort wieder aufzufangen. 80 Min / sw / DCP / Stummfilm mit dt. Zw’titeln // REGIE Kurt Bernhardt // DREHBUCH Ladislaus Vajda, nach dem Roman von Max Brod // KAMERA Curt Courant, Hans Scheib // MIT Marlene Dietrich (Stascha), Fritz Kortner (Dr. Karoff), Frida Richard (Frau Leblanc), Uno Henning (Henri Leblanc), Oskar

A restoration by the BFI National Archive in association with ITV Studios Global Entertainment and Park Circus. Principal restoration funding provided by The Hollywood Foreign Press Association and The Film Foundation, and Matt Spick. Additional funding provided by Deluxe 142.

Sima (Charles Leblanc), Bruno Ziener (Leblancs Diener

92 Min / sw, tinted / DCP / Stummfilm mit engl. Zw’titeln //

LIVE-BEGLEITUNG: MARK POGOLSKI UND SABRINA ZIMMERMANN, MÜNCHEN

REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH Eliot Stannard, nach dem Roman von Oliver Sandys // KAMERA Gaetano Ventimig-

Philipp), Karl Etlinger (Vater Poitrier), Edith Edwards (Poitriers Tochter Angela). MO, 2. FEB. | 20.45 UHR

(Begleitmusik von Aljoscha Zimmermann [1944–2009])

lia // MIT Virginia Valli (Patsy Brand), Carmelita Geraghty (Jill Cheyne), Miles Mander (Levett), John Stuart (Hugh Fielding), Frederic Martini (Mr. Sidey), Florence Helminger (Mrs. Sidey), Georg H. Schnell (Oscar Hamilton), Karl Falkenburg (Fürst Iwan), Nita Naldi (die Eingeborene). FR, 9. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON

DIE FRAU, NACH DER MAN SICH SEHNT

Buchvernissage Als Abschluss des Stummfilmfestivals leitet Die Frau, nach der man sich sehnt zugleich zur Filmreihe über, die das Filmpodium im Februar/MärzProgramm dem Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner widmen wird. Die Vorführung des Films ist verbunden mit der Präsentation der Buchneuerscheinung «Das Gedächtnis des Films – Fritz Kortner und das Kino» (Filmarchiv Austria) durch die Herausgeber Armin Loacker und Georg Tscholl.

Deutschland 1929 «Ein junger französischer Industrieller begegnet auf der Hochzeitsreise einer geheimnisvollen Schönen, die ihn um Schutz vor ihrem Begleiter bittet. Er verlässt die Ehefrau und fährt der Fremden nach.» (Lexikon des int. Films) «Marlene Dietrichs späterer Rollentypus in den Filmen Josef von Sternbergs hat hier bereits einen Vorläufer.» (filmportal.de) «Es ist, als habe Kurt Bernhardt in seinem letzten Stummfilm noch einmal zeigen wollen, wie weit Kameraleute, Regisseure und Schnittmeister jetzt gehen konnten in den Anforderungen an die Zuschauer. (…) Kamerabewegungen und extreme Positionen der Kamera visualisieren die Erregung der Akteure. (…) Der Eindruck der Entfesselung entsteht durch Montagerhythmen, vor allem aber durch Bernhardts Massenregie.»

Programmauswahl und Kurztexte, soweit nicht anders vermerkt: Martin Girod.

Mit freundlicher Unterstützung des Fördervereins Lumière

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29 Neues tschechisches und slowakisches Kino

Im Schatten grosser Vorbilder Die Cineastinnen und Cineasten der Neuen Welle in der ČSSR wurden nicht nur aufgrund ihres künstlerischen Könnens zu Kultfiguren, sondern auch wegen ihrer mutigen Aufmüpfigkeit. Auf den Schultern solcher Riesen zu stehen, ist bekanntlich schwierig, und so hatte die Generation der tschechischen und slowakischen Filmschaffenden nach der Wende sowohl mit gesellschaftlichen Umwälzungen als auch mit dem Ruhm ihrer Vorbilder zu kämpfen, ehe sie ihren eigenen Weg fand. Wo dieser hinführt, zeigt die Reihe, die wir mit unserer Kokuratorin Barbara Dusek zusammengestellt haben. Nach der Wende herrschte bei den tschechoslowakischen Filmschaffenden nicht nur Euphorie, vielmehr machte sich auch Ernüchterung breit. Zwar konnten sie nun ohne Zensur erzählen, aber die staatliche finanzielle Unterstützung wurde immer geringer, Produktionsstätten wurden privatisiert; das Tschechische Fernsehen avancierte zum grössten Koproduzenten einheimischer Filme. Die Cineasten mussten lernen, nicht nur an Kunst, sondern auch ans Geld zu denken. Manche opferten dem Erfolg an der Kinokasse alles Künstlerische; andere gingen in die Gegenrichtung und riskierten, dass sie nur ein kleines Publikum erreichten und die Kosten nicht eingespielt wurden. So überrascht es nicht, dass Anfang der neunziger Jahre vor allem populäre Unterhaltungsfilme entstanden. Diese Produktionen waren aber häufig selbst handwerklich unbefriedigend. Auch Filmschaffende der alten Garde versuchten, ihr Können in dieser neuen Epoche zur Geltung zu bringen, vermochten aber – wenn auch formal souverän – oft thematisch nicht zu überzeugen oder erreichten ihr früheres Publikum nicht mehr. Zwar wurden in Prag viele Grossproduktionen wie The Bourne Identity und Casino Royale gedreht; die einheimische Produktion jedoch stagnierte und die Kinobesuche waren bzw. sind rückläufig. Erst als die mittlere oder «samtene» Generation der Filmschaffenden in den achtziger und neunziger Jahren sehr offen von den eigenen Auseinandersetzungen mit der neuen sozialen und politischen Situation zu erzählen begann, besserte sich die Lage etwas. Diese Filme sprachen ein breites Publikum an, ohne Niveau einzubüssen. Ihr internationaler Erfolg

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Erinnert an die slowakischen Happenings der späten sechziger Jahre: Der Garten von Martin Šulík < Teils Roadmovie, teils Familienfilm: Some Secrets von Alice Nellis

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Komplexes Drama über Kollaboration: Kawasaki's Rose von Jan Hřebejk und Petr Jarchovský


30 war und ist aber eher bescheiden. Wohl gewannen sie Preise an kleineren Festivals, aber globale Aufmerksamkeit wie in den «Glanzzeiten» der Neuen Welle erlangten sie nicht mehr. Erfolgreiche Zweiergespanne Den einzigen Welterfolg landeten Sohn Jan (*1965) und Vater Zdeněk Svěrák (*1936), die 1997 mit Kolja den Oscar für den besten fremdsprachigen Film errangen. Dieses intelligente Rührstück wurde teilweise noch mit staatlicher Hilfe produziert. Kolja schildert das Leben unter dem kommunistischen Regime nicht sehr differenziert, aber für jeden verständlich und mit einem politischen Happy End (der Wende von 1989). Das erste Gemeinschaftswerk der Svěráks – das Spielfilmdebüt von Jan, der zuvor Dokumentarfilme gedreht hatte – war Die Volksschule gewesen. Diese leicht autobiografische Geschichte, auch sie schon für einen Oscar nominiert, erzählt den Alltag rund um eine Schule nach dem Zweiten Weltkrieg als spassiges Lausbubenstück. Ähnlich wie das Svěrák-Duo in den Neunzigern hat das Gespann Jan Hřebejk (*1967, Regie) und Petr Jarchovský (*1966, Drehbuch) im letzten Jahrzehnt die erfolgreichsten Filme geschaffen. Wir müssen zusammenhalten, ebenfalls für einen Oscar nominiert, und Kuschelnester zeichnen stimmungsvoll die Atmosphäre der vierziger bzw. sechziger Jahre. Während im ersteren Film ein Normalbürger zur Zeit der Judenverfolgung von einem tragikomischen Dilemma ins andere stürzt, karikiert letzterer die Mentalität des kleinen Mannes. Manche Sprüche aus Kuschelnester haben ihren Weg in die Alltagssprache gefunden, was auch dem Autor der Buchvorlage «Hovno hoří», Petr Šabach, zuzurechnen ist. Kawasaki's Rose, ein neuerer Film von Hřebejk und Jarchovský, ist ein Drama über Kollaboration, ein komplizierteres Werk, zu dem sich die Autoren von Das Leben der Anderen (D 2006) inspirieren liessen. Hřebejk dreht auch Musikvideos, arbeitet für Fernsehen und Werbung und ist als Theaterregisseur tätig. 2012 hat er Fassbinders «Der Müll, die Stadt und der Tod» in der Prager Inszenierung von Dušan David Pařízek (dem Zürcher Publikum als Schauspielhaus-Regisseur bekannt) als Spielfilm adaptiert. Auch Hřebejks Kollege Vladimír Michálek (*1956) dreht oft für Werbung und Fernsehen. Sein Spielfilm Der Bastard muss sterben leistet ebenfalls ein Stück Vergangenheitsbewältigung, mit einem Kriegsdrama, in dem kein Krieg stattfindet – ausser jenem in den Seelen der Bewohner eines Dorfes. Zwar hat David Ondříček (*1969), Sohn des legendären Kameramannes Miroslav (Amadeus, Valmont), an der FAMU Dokumentarfilm studiert; heute dreht er aber mehr Spielfilme – neben den obligaten Brotjobs für die Werbebranche. Sein preisgekrönter Film Einzelgänger schildert seltsame, aber gar nicht so unübliche Beziehungen und Nichtbeziehungen unter tschechischen 30-Jährigen. Nach mehreren munteren Gegenwartsgeschichten nahm


31 auch er sich die fünfziger Jahre vor, diesmal als Film noir: In the Shadow wirkt stimmungsvoll und hochprofessionell, weckt aber neben der Zeitkritik auch Genre-Erwartungen. Umwege aus der Krise Grossen Erfolg, nicht nur bei der Kritik, hatte Der Garten des Slowaken Martin Šulík (*1962), obwohl dieser Film von 1995 in bedächtigem Tempo und altmodisch-poetischer Manier erzählt wird, was gar nicht im Trend lag. Šulík zählt denn auch zu jenen Filmemachern, die es sich kaum je einfach gemacht haben. Nach dem Studium an der FAMU geriet der Regisseur Bohdan Sláma (*1967) in eine kreative Krise: Zwei Jahre lang arbeitete er in Deutschland auf einer Pferdefarm und fand so wieder den Weg zum Film. Als erstes drehte er den kompromisslosen Film Wilde Bienen über die kuriosen Bewohner eines abgelegenen Dorfes im Grenzgebiet zu Polen, der inhaltlich wie formal eine Herausforderung für das breite Publikum darstellte. In Die Jahreszeit des Glücks bringt Sláma seinen Protagonisten schon mehr Sympathien entgegen, was ihm das Publikum mit mehr Zuspruch vergalt. Um das Durchschnittspublikum schert sich der Surrealist Jan Švankmajer (*1934) seit jeher einen Deut; er verfolgt konsequent seine Experimente im Grenzbereich zwischen Real- und Animationsfilm, wobei er sich diverser Inspirationsquellen bedient: Bei Kleiner Otik, einer bösen Satire über die Folgen eines bedingungslosen Kinderwunschs, stand ein Märchen Pate; Verschwörer der Lüste, eine Fetischismusfantasie über beziehungsgestörte Zeitgenossen, ist ausdrücklich Sade, Sacher-Masoch und Buñuel gewidmet. Regisseurinnen sind auch im tschechischen und slowakischen Gegenwartskino selten; zwei höchst unterschiedliche Cineastinnen sind in unserer Reihe dennoch vertreten: Die Altmeisterin Věra Chytilová (1929–2014) drehte nach der Wende noch mehrere Filme, die jedoch nie die Kraft ihrer frühen Werke erreichten und das Publikum eher kalt liessen. Eine Ausnahme ist Grosse Fallen, kleine Fallen, der heftige Kontroversen auslöste: Filmkritiker argumentierten, Chytilová habe mit dieser Fabel über eine vergewaltigte Frau, die sich an ihren Peinigern rächt, eine wahre Begebenheit unzulänglich umgesetzt, während Feministinnen sich ärgerten, die Regisseurin erweise ihnen einen Bärendienst. Ebenfalls feministisch, aber viel versöhnlicher, sind die Filme von Alice Nellis (*1971). Ein wahres Multitalent – Übersetzerin, Musikerin, Autorin, Theater- und Filmregisseurin –, hat Nellis für das Roadmovie Some Secrets nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch die englischen Songs – und einige davon sogar selber gesungen. Barbara Dusek Barbara Dusek ist Dramaturgin (FAMU) und freischaffende Autorin.


> Die Volksschule.

> Kolja.

© Biograf Jan Svěrák

> Kuschelnester.

> Verschwörer der Lüste.

> Der Bastard muss sterben.

> Grosse Fallen, kleine Fallen.

© Biograf Jan Svěrák


Neues tschechisches und slowakisches Kino. KAMERA Martin Štrba // MUSIK Vladimír Godár // SCHNITT

DIE VOLKSSCHULE (Obecná škola) Tschechien 1991

100 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/d // REGIE Jan Svěrák // DREHBUCH Zdeněk Svěrák // KAMERA F. A. Brabec // MUSIK Jiří Svoboda // SCHNITT Alois Fišárek // MIT Václav Jakoubek (Eda Souček), Radoslav Budác (Tonda), Jan Tříska (Igor Zdeněk

Svěrák

(František

(Jakubs Vater), Zuzana Šulajová (Helena), Jana Švandová (Tereza), Katarína Vrzalová (Helenas Mutter), Dušan Trančík

Ein Prager Vorort, nach der Niederlage der Deutschen und vor dem Einmarsch der Russen. Der 11-jährige Eda, der in diesem idyllischen Intermezzo aufwächst, gehört einer LausbubenKlasse an, die ihre Lehrerin buchstäblich in den Wahnsinn treibt und zur Strafe einen militaristischen Pauker vorgesetzt bekommt. Igor Hnízdo, der eine Pistole trägt und sich als Widerstandskämpfer aufspielt, kann die Bengel trotz unzulässiger Prügelstrafen für sich gewinnen, doch er ist nicht ganz, was er zu sein scheint. Jan Svěráks Erstling Die Volksschule kam zwei Jahre nach der Wende ins Kino und dieser nostalgische Blick zurück in die Zeit, als die Tschechen letztmals frei von einer Diktatur waren und (allzu) optimistisch in die Zukunft blickten, wurde zum oscarnominierten Kassenschlager. Svěrák erweist der Elterngeneration die Ehre, besetzt «Aschenbrödel» Libuše Šafránková als Edas hübsche Mutter, Rudolf Hrušínský als Schulleiter und gewährt seinen Vorbildern Jiří Menzel und Karel Kachyňa Gastauftritte. (mb)

Hnízdo),

Dušan Milko // MIT Roman Luknár (Jakub), Marián Labuda

Souček),

Libuše

Šafránková (Frau Součková), Rudolf Hrušínský (Schulleiter).

(Terezas Mann).

KOLJA Tschechien/GB/Frankreich 1996 Sein staatskritisches Verhalten ist Auslöser für einen Dominoeffekt in Loukas Leben: Aus der tschechischen Philharmonie entlassen, muss sich der begnadete Cellist seinen Lebensunterhalt neu mit Gelegenheitsjobs verdienen. Um seine prekäre finanzielle Lage aufzubessern, willigt er in eine Scheinehe mit einer Russin ein, die ihn aber kurz darauf verlässt und ihm zugleich ihren 5-jährigen Sohn Kolja unterjubelt. Trotz sprachlicher Barriere und anfänglichem Widerwillen bahnt sich zwischen den beiden eine zarte Vater-Sohn-Beziehung an. «František Louka hat diese Mischung aus Kleinbürgerlichkeit, künstlerischem Beruf, Weltschmerz, Gemütlichkeit, pfiffiger Schlitzohrigkeit und böhmischer Ironie. Eine Kombination, die extrem gut funktioniert, im Herstellungsland voll ins Schwarze getroffen hat und dabei so liebenswert-rücksichtsvoll ist, dass sie niemandem wehtut.» (Josef Nagel, film-dienst, 14/1997) Kolja wurde mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film ausgezeichnet. 105 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/d/f // REGIE Jan Svěrák // DREHBUCH Zdeněk Svěrák // KAMERA Vladimír Smutný //

DER GARTEN (Záhrada) Tschechien/Slowakei/Frankreich 1995 Schneidersohn Jakub, ein charmanter Tagedieb, wird von seinem Vater aus dem Haus geschmissen, weil er mit Tereza, einer verheirateten Kundin, herummacht. Stattdessen soll er auf dem Lande das baufällige Haus des verstorbenen Grossvaters auf Vordermann bringen. Im überwucherten Garten der Bruchbude erlebt Jakub allerhand Kurioses. Manches davon hat mit der bezaubernden 16-jährigen Nachbarin Helena zu tun, einer offenbar wundertätigen Jungfrau. Oder liegt es an Opas erstklassigem Slivovitz? «Šulíks verführerische Vision von biblischer Reinheit, abgemischt mit Schnaps und MontyPython-haften Spässen, stammt von den slowakischen Happenings der späten sechziger und frühen siebziger Jahre ab.» (Andrew J Horton, Central Europe Review, 23.11.1998) 99 Min / Farbe / Digital SD / Slow/e // REGIE Martin Šulík // DREHBUCH Marek Leščák, Martin Šulík, Ondrej Šulaj //

MUSIK Ondřej Soukup, Bedřich Smetana // SCHNITT Alois Fišarek // MIT Andrej Chalimon (Kolja), Zdeněk Svěrák (František Louka), Libuše Šafránková (Klára), Ondřej Vetchý (Herr Brož), Stella Zázvorková (Františeks Mutter), Ladislav Smoljak (Herr Houdek).

VERSCHWÖRER DER LÜSTE (Spiklenci slasti) Tschechien/Schweiz/GB 1996

Sechs unauffällige Personen huldigen heimlich bizarren sexuellen Fantasien: Herr Pivoňka bastelt sich ein kurioses Hahnenkostüm und eine Figur seiner Vermieterin, Frau Loubalová; diese wiederum fertigt eine Puppe von Herrn Pivoňka. Die Briefträgerin dreht Kugeln aus Brotkrume, während Kommissar Beltinský seltsame Objekte aus Nägeln und Federn herstellt. Seine Frau, die TV-Moderatorin Beltinská schafft sich ein Karpfenpaar an, und der Zeitungsverkäufer, der die Beltinská verehrt, baut ihr einen beweglichen Schrein. Am Sonntag werden die Fantasien der sechs Verschwörer verwirklicht ...

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Neues tschechisches und slowakisches Kino. Der Surrealist Jan Švankmajer dreht schon seit den sechziger Jahren höchst eigenwillige Mischungen aus Realfilm und Puppentrickfilm. Seit der Wende hat sich seine Themenwahl verschärft. Verschwörer der Lüste ist eine wortlose, anspielungsreiche, böse Satire über die Beziehungsunfähigkeit seiner Zeitgenossen. (mb) 75 Min / Farbe / DCP / ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Jan Švankmajer // KAMERA Miroslav Špála // MUSIK Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Jaroslav Jankovec u. a. // SCHNITT Marie Zemanová // MIT Petr Meissel (Herr Pivoňka), Gabriela Wilhelmová (Frau Loubalová), Anna Wetlinská (Frau Beltinská), Jíři Lábus (Zeitungsverkäufer), Pavel Nový (Kommissar Beltinský), Barbora Hrzánová (Briefträgerin).

DER BASTARD MUSS STERBEN

(Je třeba zabít Sekala) Tschechien/Frankreich/Polen/Slowakei 1998

Rache. Ihr Akt der Selbstjustiz hat weitreichende Folgen, sowohl für ihre Peiniger als auch für Lenka selbst. Die unlängst verstorbene Věra Chytilová war die vielleicht eigenwilligste tschechische Filmemacherin der Neuen Welle. Ihre Geschichten drehten sich zwar oft um Frauen und Mädchen, entsprachen aber eher einer allgemein satirischen als einer engagiert-feministischen Ausrichtung. Anders als Miloš Forman, Ivan Passer und Jan Němec wanderte Chytilová nach dem Einmarsch der Russen 1968 nicht aus und wurde dafür in der Heimat mit einem siebenjährigen Arbeitsverbot belegt. Grosse Fallen, kleine Fallen, Chytilovás rabenschwarze Komödie über die Rache eines Vergewaltigungsopfers, polarisierte die Presse, wurde aber zu einem Kassenerfolg. (mb) 117 Min / Farbe / Digital SD / Tsch/d // REGIE Věra Chytilová // DREHBUCH Tomáš Hanák, David Vávra, Michal Lázňovský, Eva Kačírková // KAMERA Štěpán Kučera // MUSIK Jiří Chlu-

«Im heissen Sommer 1943, im stockkatholischen mährischen Dorf Lakotice, soll der neue Fremde im Ort, der protestantische Schmied Baran, die Gemeinde von dem Nazi-Kollaborateur und unbussfertigen Bastard Sekal befreien. Nach seinem hochgelobten Drama Forgotten Light von 1996 fährt Regisseur Vladimír Michálek fort mit seiner symbolbefrachteten, aber verhaltenen Erkundung von Religion, Komplizenschaft und Verrat in ländlichem Ambiente, unter überraschender, aber triumphaler Zugabe formaler Genre-Elemente (wunderschöne Ausblicke, kalibrierte schauspielerische Darbietungen), die geradewegs aus Shane oder Frühwerken von Clint Eastwood stammen. ‹Das Böse hat keine Schwächen›, sagt der innerlich zerrissene Priester des Dorfes vor dem ritualisierten und unausweichlichen Finale, und das gilt ebenso für diese provokative, meisterhafte Studie über Glauben unter Druck – der offizielle Oscar-Kandidat der Tschechischen Republik, von einem der fähigsten zeitgenössischen Filmemacher des Landes.» (Eddie Cockrell, Nitrate Online, 18.6.1999) 109 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/e // REGIE Vladimír Michálek // DREHBUCH Jiří Křížan // KAMERA Martin Štrba // MUSIK Michal Lorenc // SCHNITT Jiří Brožek // MIT Boguslaw Linda (Ivan Sekal), Olaf Lubaszenko (Jura Baran), Jiří Bartoška (Pater Flora), Agnieszka Sitek (Anežka), Vlasta Chramostová (Marie), Ľudovít Cittel (Barbier Záprdek).

GROSSE FALLEN, KLEINE FALLEN (Pasti, pasti, pastičky) Tschechien 1998

mecký // SCHNITT Ivana Kačírková // MIT Zuzana Stivínová (Lenka), Miroslav Donutil (Dohnal), Tomáš Hanák (Petr), Milan Lasica (Bach), Kateřina Hajná (Ingrid).

KUSCHELNESTER (Pelišky) Tschechien 1999 Zwei Familien, kurz vor dem Ende des Prager Frühlings 1968: Herr Šebek als überzeugter Kommunist und Herr Kraus als Regime-Gegner und Patriot haben sich arrangiert. In ihre Nester eingekuschelt, merken sie nicht, wie ihre halbwüchsigen Kinder flügge werden. Und der Einmarsch des Warschauer Pakts überrumpelt alle. «Die Tragikomödie fokussiert die geschichtliche Entwicklung in der Tschechoslowakei Ende der 1960er-Jahre auf die gesellschaftlichen Spannungen im Land. Anhand des Schicksals und der Alltagserlebnisse der Familienmitglieder macht er sinnfällig, dass apolitische ‹Kuschelnester› nur Wolkenkuckucksheime sein können.» (Lexikon des int. Films) «Die komödiantische Natur des Films verleiht ihm etwas Allgemeingültiges, das ihm gestattet, über diese Erfahrungen zu sprechen. (…) Wer kann einer Komödie widerstehen, die aufzeigt, wie schmerzhaft peinlich Eltern sich ihren Kindern gegenüber aufführen können?» (Andrew J Horton, Central Europe Review, 30.8.1999) 115 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/d // REGIE Jan Hřebejk // DREHBUCH Petr Jarchovský, Jan Hřebejk, nach dem Roman «Hovno hoří» von Petr Šabach // KAMERA Jan Malíř // MUSIK Ivan Hlas, Ivan Král // SCHNITT Vladimír Barák // MIT Michael Beran (Michal Šebek), Kristýna Nováková (Jindřiška

Als die Tierärztin Lenka von zwei Männern vergewaltigt wird, nimmt sie auf ungewöhnliche Weise

Krausová), Ondřej Brousek (Elien), Miroslav Donutil (Herr Šebek), Emília Vášáryová (Frau Krausová).


Neues tschechisches und slowakisches Kino.

EINZELGÄNGER (Samotáři) Tschechien/Slowakei 2000 Zwischen Radiomoderator Petr und seine Freundin Hanka funkt es nicht mehr. Hanka zieht mit Hilfe des dauerbekifften Jakub zu ihren Eltern, und unterwegs lesen sie ein Unfallopfer auf und bringen den Verletzten ins Krankenhaus. Der operierende Neurochirurg Ondřej erkennt in Hanka eine alte Flamme und beginnt ihr nachzustellen. Und dann ist da noch die Bardame Vesna, die auf Tequila Body Shots und UFOs steht. Einzelgänger nimmmt die verwestlichten Prager Singles, die von Freiheit und Unverbindlichkeit moderner Beziehungen überfordert sind, sanft auf die Schippe. Dabei klingen amerikanische Independent-Komödien ebenso an wie – leicht parodistisch – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. (mb) 104 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/d // REGIE David Ondříček // DREHBUCH Petr Zelenka // KAMERA Richard Řeřicha // MUSIK Jan P. Muchow // SCHNITT Michal Lánský // MIT Saša Rašilov (Petr), Jiří Macháček (Jakub), Ivan Trojan (Ondřej),

KLEINER OTIK

(Otesánek) Tschechien/GB 2001 Božena will um jeden Preis ein Kind, aber ihr Mann Karel ist zeugungsunfähig. Als er auf dem Lande einen Wurzelstock ausgräbt, der einem Kind ähnelt, adoptiert Božena das Ding und bemuttert es, bis es lebendig wird. Die 11-jährige Nachbarstochter Alžbětka erkennt fatale Parallelen zum Märchen vom nimmersatten Otesánek. «In den frühen siebziger Jahren wollte meine Frau Eva ein ‹drastisches› Märchen als kurzen Animationsfilm adaptieren. Ihre Wahl fiel auf ‹Otesánek›. Sie bat mich um Hilfe beim Drehbuch, und ich erkannte plötzlich, was für ein tolles Thema das war – eine aktuelle Version des FaustMythos: eine Rebellion gegen die Natur und die tragische Dimension dieser Rebellion. Ich habe also Eva die Geschichte ‹gestohlen› und ihre ursprüngliche Idee in die Endfassung des Drehbuchs integriert.» (Jan Švankmajer, Interview mit Peter Hames, kinoeye.org, 7.1.2002)

Labina Mitevska (Vesna), Jitka Schneiderová (Hanka), Dana

127 Min / Farbe / DCP / Tsch/d // REGIE Jan Švankmajer //

Sedláková (Lenka), Mikuláš Křen (Robert).

DREHBUCH Jan Švankmajer, nach einem Märchen von Karel Jaromír Erben // KAMERA Juraj Galvánek // SCHNITT Marie

WIR MÜSSEN ZUSAMMENHALTEN (Musíme si pomáhat) Tschechien 2000

Unter der Nazi-Besatzung versucht sich der Durchschnittsbürger Josef unauffällig durchzuschlängeln. Als aber David, der einzige überlebende Sohn seiner ehemaligen jüdischen Arbeitgeber, sich bei ihm verstecken will, nimmt Josef ihn auf. Dieser Akt etwas widerwilliger Menschlichkeit verstrickt ihn und seine Frau Marie in ein wachsendes Knäuel von Widersprüchen und Verstellung. Hřebejks nuancenreiche Satire wurde für einen Oscar nominiert. «Petr Jarchovskýs Drehbücher basieren auf einer Verkettung turbulenter Konfrontationen, die mitunter bedrückend, meist aber humorig überspitzt sind. Zudem kann sich Hřebejk auf ein Schauspielerensemble stützen, das zwischen feinsinniger Ironie und dichter Abfolge pointierter Einzelbeobachtungen zur Höchstform aufläuft.» (Margarete Wach, film-dienst, 6/2002) 117 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/d // REGIE Jan Hřebejk // DREHBUCH Petr Jarchovský // KAMERA Jan Malíř // MUSIK Aleš Březina // SCHNITT Vladimír Barák // MIT Boleslav Polívka (Josef Čížek), Anna Šišková (Marie Čížková), Jaroslav

Zemanová // MIT Veronika Žilková (Božena), Jan Hartl (Karel), Kristina Adamcová (Alžbětka), Jaroslava Kretschmerová (Alžbětkas Mutter), Pavel Nový (Alžbětkas Vater), Dagmar Stříbrná (Hauswartin).

WILDE BIENEN (Divoké včely) Tschechien 2001

«In einer gottverlassenen Gegend im Norden Mährens plätschert der Alltag dahin. (...) Vierzig Jahre Kommunismus haben nur Hilflosigkeit und Langeweile hinterlassen. So lebt auch Kája, der Sohn des selbsternannten Dorfphilosophen, sehr zum Unmut seines Vaters ziellos in den Tag hinein. (...) Als Kájas Bruder Petr unerwartet in die Siedlung zurückkehrt, spitzen sich die Ereignisse beim alljährlichen Feuerwehrball zu.» (Margarete Wach, film-dienst, 20/2003) «Die Figuren, so der Regisseur, haben ihn einerseits total fasziniert, aber genauso völlig verwirrt. In ihrem Zustand ‹kosmischer Weggetretenheit› gibt es für sie selbst kein Entrinnen. Was sie trotz allem miteinander verbindet und sie gleichzeitig aber zu Getriebenen macht, ist ihr wahnsinniger Bedarf nach Liebe und Zuneigung.» (Gisela Säckl, allesfilm.com)

Dušek (Horst Prohaska), Csongor Kassai (David Wiener), Jiří Pecha (František Šimáček), Simona Stašová (Libuše

114 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/d // DREHBUCH UND REGIE

Šimáčková), Martin Huba (Dr. Albrecht Kepke).

Bohdan Sláma // KAMERA Diviš Marek // MUSIK Miroslav

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> Wilde Bienen.

> Wir m체ssen zusammenhalten.

> Die Jahreszeit des Gl체cks.

> Einzelg채nger.

> In the Shadow.


Neues tschechisches und slowakisches Kino. Šimáček // SCHNITT Jan Daňhel // MIT Tatiana Vilhelmová

Soybelman // SCHNITT Jan Daňhel // MIT Tatiana Vilhelmová

(Božka), Zdeněk Raušer (Kája), Pavel Liška (Lada), Marek

(Monika), Pavel Liška (Toník), Anna Geislerová (Dasha),

Daniel (Petr), Vanda Hybnerová (Jana), Cyril Drozda (Tata).

Marek Daniel (Jára), Zuzana Kronerová (Teta), Boleslav Polívka (Souček).

SOME SECRETS (Výlet) Tschechien 2002

KAWASAKI'S ROSE

Die Asche des verstorbenen Vaters soll in seiner slowakischen Heimatstadt verstreut werden. Also fährt die halbe Familie quer durch Tschechien. Unterwegs kommt es zu Krisen und peinlichen Enthüllungen; alle haben ihre Geheimnisse: Zuzana betrügt ihren Ehemann; ihre Schwester Ilona fühlt sich vom Gatten vernachlässigt, erwartet aber schon ihr zweites Kind, und selbst Mutter und Oma verbergen einiges. Teils Roadmovie, teils Familienfilm, ist Some Secrets nicht nur sehr unterhaltsam, sondern berührt dabei viele aktuelle Themen, die gerade auch tschechische Frauen beschäftigen. Das überzeugende Spiel der Hauptdarstellerinnen kommt nicht von ungefähr: Iva Janžurová ist die Mutter von Theodora und Sabina Remundová, die Zuzana und Ilona verkörpern. (mb)

Pavel Josek ist als Psychiater wie auch als legendärer Dissident hoch geachtet; seine Frau Jana und ihre erwachsene Tochter Lucie verehren ihn. Lucies Mann Luděk arbeitet mit an einem Film, der Pavel würdigen soll. Er stört sich am Ruhm des Schwiegervaters, und als er auf eine Akte stösst, die beweist, dass Pavel einst mit dem kommunistischen Regime zusammenarbeitete und einen Freund verriet, kommt es zum Eklat. Frei nach Tatsachen erzählt Kawasaki’s Rose von Erinnerung und Verdrängung, Schuld und Vergebung und der Bewältigung der Vergangenheit im Hinblick auf den Schritt in die Zukunft. (mb)

(Kawasakiho růže) Tschechien 2009

100 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/e // REGIE Jan Hřebejk // DREHBUCH Petr Jarchovský // KAMERA Martin Šácha //

103 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/e // DREHBUCH UND REGIE

MUSIK Aleš Březina // SCHNITT Vladimír Barák // MIT Lenka

Alice Nellis // KAMERA Ramunas Greicius // MUSIK Tomáš

Vlasáková (Lucie), Milan Mikulčík (Luděk), Martin Huba

Polák // SCHNITT Josef Valušiak, Adam Dvořák // MIT Iva

(Pavel), Daniela Kolářová (Jana), Antonín Kratochvíl (Bořek),

Janžurová (Mutter), Theodora Remundová (Zuzana), Igor

Anna Šimonová (Bára), Petra Hřebíčková (Radka).

Bareš (Pavel), Sabina Remundová (Ilona), Naďa Kotršová (Oma), Jakub Chrbolka (Leon), Jiří Macháček (Vítek).

DIE JAHRESZEIT DES GLÜCKS (Štěstí) Tschechien/Deutschland 2005

In einer tschechischen Industriestadt sind Toník, Moni und Dáša auf der Suche nach einem anderen Leben als dem ihrer Eltern in Plattenbauwohnungen. Abhauen, dableiben, sich anpassen oder einen eigenen Weg suchen? «Als Erbe von Miloš Forman, Begründer der tschechischen Neuen Welle, bezeichnet, geht Bohdan Sláma aber in seinen Filmen bei allen Parallelen einen anderen Weg. Entlarvt Forman eine Gesellschaft, bei der jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht war, zeichnet Sláma mit seinen Vignetten vom grauen Alltag auseinanderdriftender Generationen ein unabgefedert nüchternes Bild der Menschen von heute. Sein Schwerpunkt liegt nicht in der politischen Ironie, sondern der poetischen Schilderung einer Gesellschaft, die vergessene Werte neu entdecken muss.» (Doris Senn, Filmbulletin, 3/2006)

IN THE SHADOW

(Ve stínu) Tschechien/Polen/Slowakei 2012 1953 untersucht Hakl, Hauptmann der Prager Kriminalpolizei, einen Einbruch. Er merkt, dass etwas faul ist, als plötzlich mehrere jüdische Täter festgenommen werden und der Staatssicherheitsdienst sich einmischt. Als dann noch ein deutscher Agent als Belastungszeuge auftritt, beginnt Hakl, auf eigene Faust zu ermitteln. In diesem Film noir über die berüchtigten Prager Schauprozesse der fünfziger Jahre, als unliebsame Elemente aus der kommunistischen Machtstruktur entfernt wurden, wird der Protagonist zum symbolhaften Vorkämpfer gegen ein korruptes, allgegenwärtiges System. Ivan Trojan und Sebastian Koch geben ein perfektes Kontrahentenpaar ab. (mb) 106 Min / Farbe / DCP / Tsch+D/e // REGIE David Ondříček // DREHBUCH Marek Epstein, David Ondříček, Misha Votruba // KAMERA Adam Sikora // MUSIK Jan P. Muchow, Michal Novinski // SCHNITT Michal Lánský // MIT Ivan Trojan (Jarda

102 Min / Farbe / 35 mm / Tsch/d/f // DREHBUCH UND REGIE

Hakl), Sebastian Koch (Zenke), Soňa Norisová (Jitka), Jiří

Bohdan Sláma // KAMERA Diviš Marek // MUSIK Leonid

Štěpnička (Pánek), David Švehlík (Beno), Marek Taclík (Bareš).

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38 Premiere: Vic + Flo ont vu un ours von Denis Côté

Drei Mädchen steh’n im Walde Immer wieder gelingt es dem Frankokanadier Denis Côté (*1973), sein Publikum in einen Zustand angespannter Erwartung zu versetzen. Das ist in seinem jüngsten Werk Vic + Flo ont vu un ours nicht anders: Schon der Titel evoziert Bedrohungssituation und Kindermärchen zugleich. Côtés Geschichte einer Frauenliebe ist voll abrupter Wendungen und überraschender Tonwechsel und hakt sich in ihrer ganzen Widerborstigkeit in unserem Gedächtnis fest. Victoria, um die sechzig, wurde eben aus langjähriger Haft entlassen. Unangemeldet erscheint sie bei ihrem greisen Onkel, der in einer abgelegenen ­Gegend Québecs lebt. Er wohnt mitten im Wald in einer «cabane à sucre», ­einem Schuppen, in dem früher Ahornsirup eingekocht wurde. Die Nachbarn, die sich bisher um den Pflegebedürftigen gekümmert haben, komplimentiert Vic umgehend aus dem Haus. Bald gesellt sich Florence, ihre ehemalige Mitinsassin und aktuelle Geliebte, zu ihr. Flo ist um einiges jünger und im Gegensatz zu Vic, die nur noch ihre Ruhe haben möchte, hat sie mit dem Leben noch nicht abgeschlossen. Der beschauliche Alltag der beiden wird immer wieder durchkreuzt von Vics Bewährungshelfer Guillaume, dessen Kontrollbesuche Vic und Flo bald passiv-aggressiv, bald sarkastisch über sich ergehen lassen. Doch dann taucht eine dritte Frau auf, Marina St-Jean. Sie gibt sich Vic gegenüber als Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung und gewiefte Gärtnerin aus, ihre Anwesenheit hat aber auch irgendwie mit der Vergangenheit von Flo zu tun. Spätestens jetzt beginnt das Märchenhafte ins Bedrohliche zu kippen, ein ungutes Gefühl macht sich breit: Gleich wird etwas passieren … Denis Côté erzählt die Geschichte als eine Art Kammerspiel im Freien: Immer wieder kurven Vic und Flo im Golfcaddy durch Feld und Wald, sitzen am Abend auf der Terrasse, leben in den Tag hinein. Dass Flo gelegentlich Abstecher in die Bars der Umgebung unternimmt – auch, um Männer kennenzulernen – verunsichert Vic zunehmend. Die Beziehung der beiden herben Frauen ist von Intimität, Zärtlichkeit und Liebe, aber auch von Spannungen und Verlustängsten geprägt. Das Unheimliche, Bedrohliche entsteht nicht zuletzt dadurch, dass wir immer nur das wissen, was wir sehen. Côté erklärt nichts, löst nichts auf. Karrierestart in Locarno Nach mehreren experimentellen Kurzfilmen begann die internationale Karriere des Frankokanadiers Denis Côté am Filmfestival von Locarno: Schon der erste Langfilm des ehemaligen Filmkritikers, Les états nordiques, wurde


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VIC + FLO ONT VU UN OURS / Kanada 2013 90 Min / Farbe / DCP / F/d // DREHBUCH UND REGIE Denis Côté // KAMERA Ian Lagarde // MUSIK Melissa Lavergne // SCHNITT Nicolas Roy // MIT Pierette Robitaille (Victoria), Romane Bohringer (Florence), Marie Brassard (Marina St-Jean), Marc-André Grondin (Guillaume), Georges Molnar (Émile Champagne), Pier-Luc Funk (Charlot Smith), Olivier Aubin (Nicolas Smith), Guy Thauvette (Yvon Champagne), Ramon Cespedes (Marinas Begleiter), Dany Boudereault (Gokart-Fahrer), Johanne Haberlin (Barbesitzerin), Ted Pluviose (Liebhaber).

2005 mit einem Goldenen Leoparden prämiert; weitere Auszeichnungen in Locarno (2008 für Elle veut le chaos, 2010 für Curling) und an anderen internationalen Festivals folgten. In seinen meist in der Abgeschiedenheit Québecs angesiedelten Filmen über Aussenseiter und Sonderlinge fügt er gerne Dokumentarisches, aber auch Motive aus Horror- und anderen Genrefilmen ein – etwa Figuren mit geheimnisvoller Vergangenheit. Die Vergangenheit stellt in Vic + Flo zuerst eine latente Bedrohung dar, sie fordert aber bald mit Gewalt ihren Tribut, radikal – und verstörend. Wohl auch für diese Konsequenz wurde Vic + Flo an der Berlinale 2013 mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Verschiedene internationale Kritiker haben Vic + Flo ont vu un ours als Côtés bestes und zugänglichstes Werk bezeichnet. Neben der wunderbaren Kameraarbeit in verhaltenen Blaugrüntönen liegt das auch an den beiden Hauptdarstellerinnen. Pierrette Robitaille, die in Québec vor allem als Komödiendarstellerin bekannt ist, hat Côté als Vic gegen ihr Image besetzt und sie vielleicht gerade dadurch zu einer souveränen Leistung geführt; Romane Bohringer, als 19-Jährige für ihre Darstellung in Cyrill Collards Les nuits fauves mit dem César als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet, war in den letzten Jahren wenig im Kino zu sehen. Dank Côté ist sie nun mit ihrer ganz eigentümlichen Mischung aus Trotz, Schroffheit und Zärtlichkeit wieder auf der grossen Leinwand zu erleben. Corinne Siegrist-Oboussier


40 KOSMOS: ZUR AUSSTELLUNG IM MUSEUM RIETBERG

UNFASSBARE DIMENSIONEN: BIG BANG Das Museum Rietberg widmet dem Kosmos

heit». Das Filmpodium begleitet die Schau

und der Faszination, die er auf Menschen

mit drei ausgewählten Filmen, die dem Reiz

verschiedenster Kulturen ausübt, die grosse

der unerklärlichen Ursprünge auf unter-

Ausstellung «Kosmos – Rätsel der Mensch-

schiedlichsten Wegen nachspüren.

Der Blick in den Sternenhimmel hat die

Auch im Kino sind Weltraum und Gestirne

Menschen schon immer fasziniert. Die

seit jeher ein Faszinosum; man denke etwa

Sterne bieten Orientierung, etwa für die

an Georges Méliès’ Le voyage dans la lune aus

Schifffahrt oder als astronomische Kons-

dem Jahr 1902, oder, über hundert Jahre

tellationen, geben aber auch Rätsel auf:

später, an Gravity und Interstellar. Neben

Woher kommt das Licht, das uns aus der

dem Geheimnisvoll-Unbekannten an sich

Ferne erreicht? Gibt es Welten jenseits des

bietet der Weltraum nämlich auch ein wun-

von uns bewohnten Planeten? Die Ausstel-

derbares Tummelfeld für Tricks, Spezialef-

lung im Museum Rietberg kreist um die

fekte und visuell-akustische Überwältigun-

Frage, wie unterschiedliche Kulturen und

gen – auch wenn inzwischen klar ist: Im All

Religionen aus verschiedenen Epochen das

ist es still.

Universum und die eigene Position darin gesehen haben.

Aus dem Sternenschauer von «Weltall»Filmen haben wir drei ausgewählt, die sich


41 konkret mit Fragen der Kosmogonie und

fang aller messbaren Wirklichkeit in einer gigantischen Ex-

der Stellung des Menschen in der Schöp-

plosion im Universum vermuten: Astronomen, die in abgele-

fung auseinandersetzen. Nach Matthias von

genen Wüsten mit Riesenteleskopen Nacht für Nacht in den Weiten des Universums nach dessen Anfang forschen, Phy-

Guntens Dokumentarfilm Big Bang im aktu-

siker, die tief unter dem Boden mittels riesiger Versuchsan-

ellen Programm folgen im Februar/März

nau in den ersten Milliardstelsekunden geschehen ist. Je

Robert Zemeckis’ Contact und im April/Mai Terrence Malicks The Tree of Life. «Kosmos – Rätsel der Menschheit», Ausstellung im Museum Rietberg, bis 31.5.2015 Weitere Informationen unter www.rietberg.ch

lagen den Urknall simulieren, um herauszufinden, was genäher sie dem Urknall kommen, desto deutlicher stossen sie an die Grenzen ihrer Wissenschaft, wo alles Forschen und Rechnen nutzlos wird und sie unweigerlich doch mit dem ewigen Geheimnis konfrontiert werden. «Matthias von Gunten versteht es, von seinem doch recht lehrhaften Thema eine ganz und gar nicht lehrhafte Darstellung zu geben. Mehr noch, der Gegenstand sieht sich seiner Aura, hochabstrakte Fachidiotensache zu sein, umgehend

BIG BANG / Schweiz 1993

entkleidet. Und zwar ist das spätestens dann der Fall, wenn

85 Min / Farbe / 16 mm / OV/d // DREHBUCH UND REGIE

es einer der befragten Kapazitäten von internationalem

Matthias von Gunten // KAMERA Patrick Lindenmaier, Pio

Rang – an einer Stelle, wo sie weiss Gott selbst beschlagen

Corradi // MUSIK Michel Seigner // SCHNITT Isabelle Dedieu

sein müsste –, nur noch entfährt: ‹Da müssen Sie einen Spe-

// MIT Gustav Andreas Tammann, Bruno Binggeli, Massimo

zialisten fragen!› Den spontanen Aberwitz dieser Auskunft

Tarenghi, Hans Hofer, Pierre Le Coultre.

bemerkt der Gewährsmann sichtlich erst im Augenblick selbst, da er sie schon erteilt hat. Gleich vom Anfang an – der

Matthias von Gunten spürt in seiner Dokumentation der kos-

dem Anfang der Anfänge nachgehen will – hat die ganze Ar-

mischen Ursprungsfrage nach: Wie wird aus nichts etwas

beit so viel Profundes und Gelahrtes wie Spielerisches und

(oder umgekehrt)? Es ist der Wunsch, das Unbegreifliche zu

Absurdes an sich.» (Pierre Lachat, Filmbulletin, 2/1993)

definieren und Formeln für das Unerklärbare zu suchen. Zu Wort kommen Wissenschaftler und Forscher, die den An-

Geschenke fürs ganze Jahr – ein Abonnement oder ein Plakat! Erhältlich an der Kinokasse


42 Filmpodium für Kinder

Der blaue Tiger Mit ihrer blühenden Fantasie kämpft die kleine Johanna um das, was sie liebt. Ein fantastisches, märchenhaftes Abenteuer aus Tschechien.

DER BLAUE TIGER (Modrý tygr) / Tschechien/Slowakei/Deutschland 2012 90 Min / Farbe / DCP / D / 8/6 J // REGIE Petr Oukropec // DREHBUCH Tereza Horváthová, Petr Oukropec, nach dem Kinderbuch von Tereza Horváthová // KAMERA Klaus Fuxjager // MUSIK Jakub Kudláč, Markus Aust // SCHNITT Jakub Hejna // MIT Linda Votrubová (Johanna), Jakub Wunsch (Mathias), Barbora Hrzánová (Johannas Mutter), Jan Hartl (Gärtner Blume), Daniel Drewes (Bürgermeister), Daniela Voráčková (Hausmeisterin), Stano Pytoňák (Kráčmera), Valerie Roza Herzendorfová (Lucy, Kráčmeras Tochter).

Wie ein verwunschenes Paradies liegt inmitten einer Grossstadt, eingeklemmt zwischen Bahngleisen und Strassen, ein alter, etwas verfallener botanischer Garten. Hier lebt die neunjährige Johanna zusammen mit ihrer Mutter und ihrem besten Freund Mathias, dem Sohn des Gärtners. Johanna ist ein quirliges, verträumtes Mädchen. Sie liebt nicht nur all die Tiere und Pflanzen, die ihr Zuhause bevölkern, sondern kann in ihrer Fantasie alles lebendig werden lassen, was sie zeichnet oder sich vorstellt: Da zischen schon mal Schlangen aus dem Turban der schnaubenden Hausmeisterin oder eine Insel auf einem Wandgemälde erwacht plötzlich zum Leben. Doch Johannas Zuhause ist bedroht: Der zwielichtige Bürgermeister will das Altstadtviertel mitsamt botani-


43 schem Garten abreissen lassen und eine saubere, moderne Stadt aus Stahl und Glas errichten. Fieberhaft überlegen Johanna und Mathias, wie sie ihre grüne Oase retten können. Da taucht in der Stadt plötzlich ein Wesen auf, das bislang nur in Johannas Kopf und auf ihrem Skizzenblock existiert hat: ein Tiger, der nicht nur blau ist, sondern auch noch magische Kräfte hat – und sich für Johanna als Glücksbringer erweist. Wie Dinge, die man sich vorstellt, plötzlich Wirklichkeit werden können – das zeigt der tschechische Regisseur Petr Oukropec in seinem Realfilm, der, mit verspielten Animationen bereichert, eine Welt aus den Augen seiner jungen Protagonistin entstehen lässt und damit an die lange Tradition des tschechoslowakischen Kinderfilms anknüpft. Der blaue Tiger handelt auch von der Veränderung des städtischen Lebensraums, von der Johannas Zuhause bedroht ist, und zeigt, dass es sich lohnt, für das, was man liebt, zu kämpfen. Ein Grossstadtmärchen über die Macht der Fantasie, das durch seine ruhige Erzählweise und seine magische, wundersame Atmosphäre überzeugt. Tanja Hanhart Der blaue Tiger läuft im Rahmen der Reihe «Neues tschechisches und slowakisches Kino».

ES EGT W BE R EIN NOJAH I 0 198RCHER K ZÜ

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www.xenix.ch

UAR

201 5

© Gertrud Vogler

Ebenfalls empfehlenswert für Familien in diesem Programm: Kolja und Die Volksschule.


44 SÉLECTION LUMIÈRE

MEIN LEBEN ALS HUND Als Wunschfilm der Mitglieder unseres Fördervereins Lumière präsentieren wir mit Mein Leben als Hund den Film, mit dem Lasse Hallström bei uns bekannt und für den Oscar nominiert wurde. Seither ist der gebürtige Schwede vor allem in Hollywood tätig und realisierte u. a. What’s Eating Gilbert Grape? und Chocolat; zuletzt war von ihm The Hundred-Foot Journey zu sehen. Schweden im Jahr 1959. Oben im Weltraum

MEIN LEBEN ALS HUND (Mitt liv som hund) / Schweden 1985

zieht ein sowjetischer Satellit mit der Hündin

101 Min / Farbe / 35 mm / Schwed/d/f // REGIE Lasse Hall-

Leika seine Bahnen. Unten auf der Erde trau-

ström // DREHBUCH Lasse Hallström, Reidar Jönsson,

ert der 12-jährige Ingemar um die damit zum

Reidar Jönsson // KAMERA Jörgen Persson // MUSIK Björn

Tode verurteilte Hündin, die es bestimmt noch viel schwerer hat als er: Zwischen seinem

Brasse Brannström, Pelle Berglund, nach einem Roman von Isfält // SCHNITT Susanne Linnman, Christer Furubrand // MIT Anton Glanzelius (Ingemar Johanson), Anki Lidén (die Mutter), Thomas von Brömssen (Onkel Gunnar), Melinda

Bruder und ihm fliegen immer häufiger die

Kinnaman (Saga), Kicki Rundgren (Ulla), Magnus Rask

Fetzen, sein Vater arbeitet weit weg und seine

(Fransson), Didrik Gustafsson (Arvidsson), Leif Ericson

schwer erkrankte Mutter sieht sich gezwun-

(Onkel Sandberg).

gen, ihn bei seinem Onkel in Småland unter-

«In der anspruchsvollen Story, die ihre Episo-

zubringen. Hier ist es fast wie im Paradies –

den zu reizvollen Handlungssträngen ver-

oder im Traum. Die aussergewöhnlichsten

schachtelt, wird die Nachvollziehbarkeit einer

Leute bewohnen das Dorf: das hübsche Mäd-

komplizierten Kinderwelt ermöglicht, halten

chen Saga, das im Boxen unschlagbar ist, der

Heiterkeit und Tragik sich die Waage, werden

Künstler Fransson, der immerzu sein Haus-

idyllische Szenen stets von ernsthaften kon-

dach repariert und Models mit erotischer Aus-

terkariert und Konflikte nicht ausgeklam-

strahlung sucht, oder der alte Arvidsson, der

mert. Dabei bleibt die Form der kindlichen Er-

krank im Bett liegt und dem Ingemar aus ei-

zählung stets gewahrt, aus der heraus die

nem Katalog für Damenunterwäsche vorle-

Vorgänge sich entwickeln.» (Jurybewertung

sen soll. Die anfänglich schmerzhafte Tren-

FBW, Deutsche Film- und Medienbewertung)

nung von seinem vertrauten Umfeld ist

Anton Glanzelius als Ingemar spielt, als

angesichts der heiteren Stimmung im Dorf

habe er die zwei Seelen dieser Welt, Komik

und im Hause des Onkels bald vergessen. Als

und Tragik, versöhnt in seiner Brust. Nicht zu-

aber seine Mutter stirbt und er sich mit Saga

letzt durch die sensible Kameraarbeit finden

verkracht, vergleicht Ingemar sein Leben im-

Ingemars Stimmungswechsel auch beim Pu-

mer mehr mit demjenigen der einsamen

blikum ihren Niederschlag.

Leika. Es bedarf aller Behutsamkeit des Onkels und einer kleinen Sensation im Dorf, um

H am Do, 5. Feb., 18.15 Uhr: Einführung von

ihn aus seiner Isolation zu locken.

Madeleine Hirsiger


45 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Primo Mazzoni (pm) // PROGRAMM-MITARBEIT Liliane Hollinger // PRAKTIKANT Marius Kuhn // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Athanor, Prag; Biograf Jan Svěrák, Prag; British Film Institute, London; Bucfilm, Prag; Cineart TV, Prag; Cineteca di Bologna; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin; Stefan Drößler, München; George Eastman House, Rochester; EYE Film Institute Netherlands, Amsterdam; Farbfilm Verleih, Berlin; Filmexport Prag Distribution, Prag; Filmia, Prag; Filmmuseum München; Hollywood Classics, London; In Film, Prag; Martin Koerber, Berlin; Peter Langs/Universal Studios Film Archive, Los Angeles; Lobster Film, Paris; Look Now!, Zürich; Lucky Man Films, Prag; Menemsha Films, Santa Monica; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Park Circus, Glasgow; SRF Schweizer Radio und Fernsehen, Zürich; Frank Strobel, Berlin; Svensk Filmindustri, Stockholm; Théâtre du Temple, Paris; Total Help Art, Prag; Twentieth Century Fox Film Corp., Los Angeles; UCLA Film & Television Archive, Hollywood; Warner Bros., Burbank; Xenix Filmdistribution, Zürich; ZDF, Mainz. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 7000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Fritz Kortner

Koji Yakusho

Ob auf der Bühne oder im Kino, im Stumm-

Geboren ist er 1956 als Koji Hashimoto, aber

oder Tonfilm, auf Deutsch oder Englisch, als

weil er einmal für ein Gemeindeamt gear-

Darsteller, Drehbuchautor oder Regisseur:

beitet hatte, legte er sich den Künstlerna-

Fritz Kortner (1892–1970) kämpfte stets ge-

men Yakusho zu, zu Deutsch: «Amtshaus».

gen routinierte Gedankenlosigkeit und kon-

Koji Yakusho zählt zu den Stars des japani-

ventionelle Äusserlichkeit. Den erfolgrei-

schen Gegenwartskinos, doch sein Name ist

chen Berliner Bühnen- und Filmstar der

international kaum bekannt. Sein Gesicht

1920er Jahre drängte es zur Regie; den in

allerdings schon, denn er hat in einigen der

Hollywood Etablierten zog es 1947 zurück

erfolgreichsten japanischen Filme der letz-

nach Deutschland. Auch wenn Kortners fil-

ten Jahre mitgewirkt, im (japanischen) Ori-

misches Werk nicht die stilbildende Nach-

ginal von Shall We Dance?, in Shohei Imamu-

wirkung seiner Theaterarbeit hat, bleiben

ras Der Aal und Kiyoshi Kurosawas Cure, und

viele seiner Filmrollen, die nach seinen

in Hollywoodproduktionen wie Babel. Koji

Drehbüchern entstandenen Werke und

Yakusho plant, unsere Retrospektive mit ei-

seine wenigen Regiearbeiten sehenswert.

nem Besuch zu beehren.


T H E U N BEL IEVABL E T R U E S T O RY

ANGELINA JOLIE

UNBROKEN FROM DIRECTOR

S U R V I VA L . R E S I L I E N C E . R E D E M P T I O N .

UNIVERSAL PICTURES AND LEGENDARY PICTURES PRESENT A JOLIEMUSICPAS PRODUCTION A 3 ARTS ENTERTAINMENT PRODUCTION “UNBROKEN” JACK O’CONNELL DOMHNALL GLEESON MIYAVI CASTING COSTUME PRODUCTION GARRETTDIRECTORHEDLUND FINN WI T TROCK BY FRANCINE MAISLER CSA BY ALEXANDRE DESPLAT DESIGNER LOUISE FROGLEY EDITORS TIM SQUYRES ACE WILLIAM GOLDENBERG ACE DESIGNER JON HUTMAN OF EXECUTIVE PRODUCED PHOTOGRAPHY ROGER DEAKINS ASC, BSC PRODUCERS MICK GARRIS THOMAS TULL JON JASHNI BY ANGELINA JOLIE p.g.a. CLAYTON TOWNSEND p.g.a. MATTHEW BAER p.g.a. ERWIN STOFF BASED ON SCREENPLAY DIRECTED THE BOOK BY LAURA HILLENBRAND BY JOEL COEN & ETHAN COEN AND RICHARD LAGRAVENESE AND WILLIAM NICHOLSON BY ANGELINA JOLIE SOUNDTRACK ON PARLOPHONE RECORDS

JANUARY 22

VISUAL EFFECTS AND ANIMATION BY INDUSTRIAL LIGHT & MAGIC