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30. März –15. Mai 2020

Louise Brooks King Vidor


17. 4. A B ING UF OS K A CL L ER & IVA RV NG EST U F FN . ÖF 21.4

VO

ER

NI GH T

23. 28.4. — 7.5.20 8.5. — 10.5.20 Zürich

Frauenfeld

Über 90 Prozent des Filmpodium-Programms finden Sie nicht bei Netflix, sondern nur in diesem Kino.


01 Editorial

Cinéma du marché «Es gibt keine Garbo, es gibt keine Dietrich, es gibt nur Louise Brooks!» Also sprach Henri Langlois, Direktor der Pariser Cinémathèque, und lancierte in den 50er-Jahren das Revival dieser fast vergessenen Ikone. Es gibt viele gute Gründe, Brooks eine Reihe zu widmen. Aber Louise Brooks und gleichzeitig King Vidor? Zweimal Hollywood mit Stummfilmen? Das ist weder komplementär noch publikumsfreundlich! Nun, auf den ersten Blick ist das tatsächlich so. Und es war ja auch anders geplant: Im April/Mai-Programm sollten ursprünglich der längst vorgesehenen Brooks-Retrospektive Filme aus Albanien gegenübergestellt werden. Da jedoch die Filmarchive viele Unikate und Raritäten aus ihren Beständen nicht mehr oder nur noch selten herausrücken, sind wir beim Kuratieren zunehmend gezwungen, auf die augenblickliche Verfügbarkeit von Material auf dem «Markt» zu reagieren. Es stellte sich heraus, dass die albanischen Filmklassiker aus der Hoxha-Zeit im Februar in Wien und Frankfurt laufen und im März in Zürich gezeigt werden müssen, da diese Kopien nicht beliebig lange im Umlauf sein dürfen. Und dann bot die Berlinale dem Filmpodium an, ihre diesjährige Retrospektive zu King Vidor zu übernehmen, was ebenfalls nur zeitlich befristet möglich war. Das Brooks-Programm zu verschieben, war jedoch keine Option; bei der ZHdK war bereits ein Plakat in Arbeit und dessen Aushang gebucht. So sind wir mitunter durch die Fristen anderer Institutionen fremdbestimmt. Nun trifft es zu, dass Louise Brooks und King Vidor kurz gleichzeitig in Hollywood tätig waren. Aber 1928, als Vidor The Crowd, The Patsy und Show People schuf, sprang Brooks bereits nach Europa ab, wo sie ihre drei wichtigsten, gänzlich unamerikanischen Filme über männliche Begierde und weibliche Selbstbehauptung drehte. Und anders als Brooks, die 1938 ihre Schauspielkarriere begrub, drehte Vidor noch zwanzig Jahre lang weitere Spielfilme. Wenn Ihnen diese zwei Hauptreihen immer noch zu ähnlich sind: Das aktuelle Programm hält zwei weitere Schwerpunkte bereit. Zum einen widmen wir dem jüngst verstorbenen Kirk Douglas eine kleine Hommage (ja, ja, schon wieder Hollywood – aber nochmals ganz anders), und zum andern bietet die diesjährige Gewinnerin des Pink Apple Festival Award, Ulrike ­ ­Ottinger, quasi das Gegenstück zur Brooks-Reihe: den queer-weiblichen Blick auf die Welt, ein unverwechselbar schräges Universum, das bis heute zu befremden vermag. Michel Bodmer Titelbild: Louise Brooks


02 INHALT

Louise Brooks

04

King Vidor

15

Mit ihrem Bob wurde Louise Brooks (1906–1985) zur Ikone der Roaring Twenties; als Schauspielerin war sie ihrer Zeit voraus. Hollywood setzte die ausgebildete Tänzerin ab 1925 vor allem in Komödien ein, zum Beispiel im Klamauk It’s the Old ­ Army Game (1926) mit W. C. Fields. Howard Hawks machte sie 1928 in A Girl in Every Port zum kühlen Vamp und William A. Wellman entdeckte in Beggars of Life Brooks’ Fähigkeiten im ernsten Fach. Erst in Europa entstanden ihre legendärsten Filme: G. W. Pabst besetzte sie als verführerische Lulu in Die Büchse der Pandora (1928) und als unterdrückten Freigeist in Tagebuch einer Verlorenen (1929); in Prix de beauté (1930) von Augusto Genina spielte Brooks ihre letzte Hauptrolle. Mit 32 Jahren beendete sie ihre Karriere.

King Vidor (1894–1982) gehört zur Generation der in den 1890er-Jahren geborenen Regisseure, die das Hollywoodkino von den zwanziger bis in die fünfziger Jahre massgeblich prägten. Schon zur Stummfilmzeit realisierte er legendäre Filme wie The Crowd (1928); Filmgeschichte schrieben aber auch Duel in the Sun (1946), The Fountainhead (1948) und War and Peace (1956). Vidor gilt als einer der grossen amerikanischen Independents von Hollywood. Er wechselte zwischen mächtigen Studioaufträgen und kleinen, eigenen Projekten, die nicht nur unterhalten wollten, sondern auch gesellschaftliche und politische Realitäten reflektierten. Er arbeitete mit grossen Stars wie Audrey Hepburn und Gary Cooper, galt aber ebenso als Entdecker von vielversprechenden Jungtalenten.

Bild: Prix de beauté

Bild: Beyond the Forest


03

Ulrike Ottingers Kino der Attraktionen

26

Ulrike Ottinger hat sich mit queeren Fantasien, satirischer Kritik an patriarchalischen Verhältnissen und einer unerschöpflichen Neugier in Bezug auf andere (Sub-)Kulturen den Pink Apple Festival Award 2020 verdient.

Zur Erinnerung an Kirk Douglas 32 Kirk Douglas (1916–2020) brillierte als Hollywood-Produzent, als Offizier, als Van Gogh und als Gladiator.

Das 1. Jh. des Films: 1940

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The Great Dictator setzt einen Kontrapunkt zu Jud Süss, Fantasia misst sich in Sachen Spektakel mit The Thief of Bagdad, und in Seldwyla wundert man sich währenddessen über Die missbrauchten Liebesbriefe. Bild: The Great Dictator

Premiere: Bildbuch – Le livre d’image

42

Die Premiere von Godards jüngstem Film, in einer Fassung, die er höchstpersönlich auf Deutsch eingesprochen hat.

Filmpodium für Kinder: 43 Ente gut! Mädchen allein zu Haus Die elfjährige Linh und ihre kleine Schwester Tien sind plötzlich auf sich allein gestellt, als ihre Mutter nach ­Vietnam muss, um sich um die kranke Oma zu kümmern. Doch das darf niemand erfahren. Bild: Ente gut! Mädchen allein zu Haus

Einzelvorstellungen The Roaring Twenties:  The Great Gatsby Sélection Lumière: Una giornata particolare

14 44


Š Deutsche Kinemathek


05

Louise Brooks Eher sternschnuppen- als kometenhaft wirkt die Karriere von Louise Brooks (1906–1985): Ihre wichtigsten Filme entstanden alle zwischen 1928 und 1930, und doch gelang es ihr, zum Sinnbild der Roaring ­Twenties zu werden. Ihr natürlicher Schauspielstil war der Zeit um Jahrzehnte voraus, ihr Appeal bleibt unvergänglich. Kein Stummfilmstar verkörpert die 1920er-Jahre so nachhaltig wie Louise Brooks. Der lange, elegante Nacken, das makellos weisse Gesicht, die ausdrucksstarken dunklen Augen und der pechschwarze Bubikopf, der ihr Gesicht wie ein glatter Helm einrahmt, stehen bis heute exemplarisch für den «Flapper»: Sie ist der Inbegriff der jungenhaften, selbstbewussten und unbekümmerten Frau der Zwischenkriegsjahre, naiv, verspielt-frech und uneingeschränkt sinnlich. Sie verzauberte ihre Generation mit einer eigenwilligen Mischung aus Schönheit und Intelligenz, doch ihre Interpretation der Femme fatale ist von Widerspruch gezeichnet. So sehr ihre erotische Ausstrahlung für die, die sich in sie verlieben, einen gefährlichen Ausgang nehmen kann, Brooks ist nie böse. Genussvoll überschreitet sie die Grenzen bürgerlicher Konventionen, ohne je sündhaft zu wirken. Die Intensität, die sie verkörpert, ist stets mit einem Hauch Unschuld versehen. Zudem lässt sie sich nie auf ein Sexualobjekt reduzieren. Vielmehr war die Devise dieser Filmikone, sich uneingeschränkt ihrem Begehren hinzugeben, koste es, was es wolle. So kommt in ihrer unberechenbaren Impulsivität auch ein Eigensinn zum Vorschein, der vor allem für sie – auf der Leinwand und im Leben – schwerwiegende Konsequenzen hatte. Flucht aus Kansas – und Hollywood Geboren ist Louise Brooks am 14. November 1906 in Cherryvale, Kansas. Wie Dorothy in «The Wizard of Oz» sehnt sie sich nach einer bunteren Welt und flieht deshalb im Alter von 15 Jahren nach New York. Dort wird sie als Showgirl in den Ziegfield Follies vom Produzenten Walter Wanger entdeckt. Paramount bietet ihr einen Fünfjahresvertrag an. Doch auch wenn sie dem Look der Zeit perfekt entspricht, ist sie ihrer Zeit voraus, zu rebellisch und zu analytisch, um sich erfolgreich an das Studiosystem Hollywoods anzupassen. Als G. W. Pabst sie in Howard Hawks’ A Girl in Every Port (1928) entdeckt

< >

Freundlicher Flapper: The Show Off von Malcolm St. Clair Femme fatale: Die Büchse der Pandora von Georg Wilhelm Pabst


06 und ihr die Hauptrolle in Die Büchse der Pandora anbietet, ergreift sie am 14. Oktober 1928 erneut die Flucht. Sie setzt damit bewusst ihre amerikanische Karriere aufs Spiel, wird dafür aber ihren internationalen Durchbruch in jener Rolle erreichen, mit der sie seither gleichgesetzt wird. Von ihrer Darstellung der Lulu hat sie gerne behauptet, dass sie, da als Tänzerin und nicht als Schauspielerin ausgebildet, schlicht sich selber gespielt habe. Nachträglich lässt sich erkennen, wie sehr die Geschichte der unwiderstehlichen Verführerin Lulu auch die ihre war. Die einzigartige körperliche Präsenz, die Louise Brooks auf der Leinwand entfaltet, hat zur Folge, dass sie in jeder Szene heraussticht. Doch diese Ausstrahlung hat auch etwas Vergängliches: Ihre Lulu ist der von ihr so intensiv erfahrenen Gegenwart völlig verhaftet. Die Geschichte nimmt ihren fatalen Lauf, als Lulu den Gatten, der sie in der Hochzeitsnacht zum Selbstmord zwingen will, aus Notwehr umbringt. Im Zeugenstand nutzt sie das Spiel mit ihrem durchsichtigen Witwenschleier, um die Richter zu betören. Die Nahaufnahme, die als Beweis ihrer Unschuld dienen soll, ist schicksalshaft. Das Porträt wird nach ihrer Flucht aus dem Gerichtssaal als Steckbrief eingesetzt und zieht einen Erpresser an, der ihre Schönheit auszubeuten hofft. Diese Festschreibung auf ihr Gesicht lässt sich auch als Kommentar zu den unliebsamen Folgen des Ruhms der Filmikone verstehen. Sosehr Louise Brooks an ihrem Starimage mitgearbeitet hat, so sehr fühlte sie sich auch davon verfolgt. Der Umstand, dass ihre Lulu in der letzten Szene als verarmte Prostituierte in London Jack the Ripper explizit zu sich ruft, wirft ein weiteres kritisches Licht auf die Bedrängnis, in die ihr unvergleichlicher Charme sie brachte. Als sei sie des Spiels mit den Männern, die sie auf ihren Sex-Appeal reduzieren, überdrüssig, lässt Lulu sich auf den Mann ein, der ihr den Tod bringt. Louise Brooks selbst wird nach ihrer Rückkehr aus Berlin faktisch beruflichen Selbstmord begehen. Ruhm, Ruin und Revival Im Rückblick wirken beide Filme, die sie mit Pabst dreht – Tagebuch einer Verlorenen (1929) ebenso wie Die Büchse der Pandora –, prophetisch. In der fantastischen Kunstgestalt, zu der er sie erhöht, erfährt der Stummfilm ebenso wie sein Star eine Apotheose. Als Inbegriff der jungen Verführerin, die hartnäckig im Jetzt lebt, ohne sich um die Zukunft zu kümmern, gehört Louise Brooks ganz ihrer Zeit an. Und just als vollendete Vertreterin der sterbenden Kunstform, die ihr zum Ruhm verholfen hat, wird sie von der Veränderung im Filmgeschäft – dem Übergang zum Tonfilm – überholt. Im Hollywood der 1930er-Jahre kann sie nicht wieder Fuss fassen. Sie selber erklärt, sie hätte sich zu sehr gelangweilt und deshalb das Spiel um ihre Schönheit nicht weiter mitspielen wollen. Doch lässt sich mutmassen: Auf den bestrickenden Charme ihres Gesichtsausdrucks festgelegt, passte sie nicht in


07 die neue Kinolandschaft: weder als «fast talking dame» der dunklen Komödie noch als resolute Stepptänzerin im Musical noch als sich aufopfernde Mutter im Melodrama. Nach Overland Stage Raiders (1938) mit dem blutjungen John Wayne verschwindet Louise Brooks aus dem Blick der Öffentlichkeit. Prophetisch wirkt nachträglich auch der Titel des ersten Tonfilms, den sie noch in Europa dreht: Prix de beauté (1930). Um die Verschmelzung von Rolle und Star zu unterstreichen, heisst Brooks auch hier Lulu. Sie gewinnt einen Schönheitswettbewerb und zieht damit nicht nur die Gunst des Publikums auf sich. Ein Mann mit Geld und Einfluss wird auf sie aufmerksam und ermöglicht ihr den Sprung ins Filmgeschäft. Lulu entschliesst sich, den Ehemann, der ihr diese Karriere verbieten will, zu verlassen. Er aber folgt ihr in den Vorführraum, in dem sie sich begeistert eine Gesangszene aus ihrem ersten Film ansieht. Dort erschiesst er sie. Der Film läuft weiter, während die Schauspielerin leblos auf die Rücklehne ihres Sitzes niedersinkt. Für einen kurzen Augenblick vereint der Bildausschnitt die Nahaufnahme der Toten mit ihrer Doppelgängerin auf der Leinwand. Dem Filmbild geopfert, überlebt Lulu als Wesen aus Zelluloid. Louise Brooks selbst erfährt als Vergessene immerhin noch zu Lebzeiten ein Comeback. Henri Langlois’ Retrospektive an der Cinémathèque in Paris 1957 erlaubte cineastisch Interessierten, sie wiederzuentdecken. Die Liebe zum Filmbild und die Liebe zum Gesicht einer Frau treffen noch einmal in Jean-Luc Godards Vivre sa vie (1962) als explizite Hommage an Louise Brooks zusammen: Anna Karina passt den Brooks-Look dem Stil der Nouvelle Vague an. Es folgt eine Reihe von Nachahmungen, in denen das kulturelle Nachleben der Stummfilmikone eine Nachreife erfährt: Melanie Griffith in Something Wild (1986), Uma Thurman in Pulp Fiction (1994), Audrey Tautou in Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (2001). Louise Brooks bleibt das Gesicht ihrer Zeit und hat dennoch – oder deshalb – ihre kinematische Ausstrahlung nie verloren. Durch die Linse der vielen Recyclings können wir sie heute einmal mehr – und zugleich ganz anders – geniessen. Elisabeth Bronfen

Elisabeth Bronfen ist Kulturwissenschaftlerin an der UZH und Autorin.


> Love ’Em and Leave ’Em.

> Now We’re in the Air.

> A Girl in Every Port.

> It’s the Old Army Game.


09

Louise Brooks

NOW WE’RE IN THE AIR USA 1927 Wally und Ray wollen das Erbe ihres schottischen Grossvaters antreten. In Europa werden die ahnungslosen Abenteurer ins Geschehen des Ersten Weltkriegs verwickelt. Sie verlieben sich in Zwillinge, von denen eine in Deutschland, die andere in Frankreich aufgewachsen ist. Vom Film existiert heute nur noch ein Fragment von rund 20 Minuten (knapp ein Drittel), das 2016 wiederentdeckt und vom San Francisco Silent Film Festival restauriert wurde. (mb)

druckt die naive Amy Fisher, die ihn heiraten will. Amys ärmliche Familie hat in jeder Hinsicht wenig übrig für das gefrässige Grossmaul Aubrey. Amys Bruder Joe macht kostspielige Experimente mit einem neuen Rostschutzverfahren. Joes Freundin Clara sieht mit Missfallen, wie Aubrey die Fishers ausnutzt und Amy ins Unglück zu stürzen droht. «The Show Off» war ein grosser Broadway-Erfolg. Ford Sterling, ein Klamaukkomiker aus dem Stall von Mack Sennett, verkörpert den unausstehlichen Grosskotz Aubrey, und Louise Brooks als Clara ist die Einzige, die ihn in die Schranken weisen kann – oft allein mit einem Blick. (mb) 82 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Malcolm

IT’S THE OLD ARMY GAME

St. Clair // DREHBUCH Pierre Collings, nach dem Theater-

USA 1926

stück von George Kelly // KAMERA Lee Garmes // SCHNITT

Elmer Prettywillie, der Inhaber eines Drugstores, verstrickt sich in allerlei Ungemach. Eine Frau auf der Suche nach einer Briefmarke bringt ihn um den Schlaf, die Feuerwehr kommt im falschen Moment, und ein windiger Immobilienmakler, der sich in die Verkäuferin Marilyn verguckt, gewinnt Elmer für ein dubioses Geschäft. Louise Brooks und W. C. Fields kannten sich von den Ziegfeld Follies. Kurz nach den Dreharbeiten heiratete Brooks den Regisseur, Eddie Sutherland. Der Titel It’s the Old Army Game meint das bei Schwindlern beliebte Hütchenspiel. (mb)

well (Mrs. Fisher), Charles Goodrich (Mr. Fisher), Lois Wilson

NOW WE’RE IN THE AIR 23 Min / tinted / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel/d // REGIE Frank R. Strayer // DREHBUCH Thomas J. Geraghty, George Marion Jr., Ralph Spence, nach einer Idee von Monte Brice, Keene Thompson // KAMERA Harry Perry // MIT Wallace Beery (Wally), Raymond Hatton (Ray), Russell Simpson (Lord Abercrombie McTavish), Louise Brooks (Griselle/Grisette).

IT’S THE OLD ARMY GAME 75 Min / tinted / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel/d // REGIE A. Edward Sutherland // DREHBUCH William LeBaron, Thomas J. Geraghty, J. Clarkson Miller, Ralph Spence, nach dem Theaterstück von Joseph P. McEvoy, W. C. Fields // KAMERA Alvin Wyckoff // SCHNITT Thomas J. Geraghty // MIT W. C. Fields ­(Elmer Prettywillie), Louise Brooks (Marilyn Sheridan), Blanche Ring (Tessie Gilch), William Gaxton (William Parker), Mary Foy (Sarah Pancoast), Mickey Bennett (Mickey).

Ralph Block // MIT Ford Sterling (Aubrey Piper), Claire McDo(Amy Fisher), Louise Brooks (Clara), Gregory Kelly (Joe Fisher). From the Collection of Library of Congress FR, 3. APRIL | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: EPHREM LÜCHINGER, ZÜRICH (PIANO), NEAL SUGARMAN, ZÜRICH (SAXOFON)

LOVE ’EM AND LEAVE ’EM USA 1926 Mame Walsh und ihre jüngere Schwester Janie arbeiten als Verkäuferinnen in einem Kaufhaus. Mames Freund Bill ist ein kleiner Fisch in der Belegschaft, aber sie erreicht, dass er ein Schaufenster dekorieren darf, und dank ihren Ideen wird das zum Erfolg. Janie widmet sich lieber den Männern (auch Bill) und dem Glücksspiel. Als sie das Geld für den Benefiz-Ball des Kaufhauses verspielt, hält Mame sich für sie den Kopf hin. «Die Besetzung führt drei Stars auf – Evelyn Brent, Lawrence Gray und Louise Brooks. Man hätte die Reihenfolge der Namen ebenso gut umkehren können, denn Louise Brooks, die die gänzlich unsympathische Rolle der Flapper-haften Schwester der Verkäuferin spielt, reisst sich den ganzen Film unter den Nagel.» (Variety, 8.12.1926) 76 Min / sw / 16 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Frank Tuttle // DREHBUCH Townsend Martin, nach dem Bühnen-

FR, 8. MAI | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO), SAMUEL MESSERLI, ZÜRICH (PERKUSSION)

stück von John V. A. Weaver, George Abbott // KAMERA George Webber // SCHNITT Julian Johnson // MIT Louise Brooks (Janie Walsh), Evelyn Brent (Mame Walsh), Lawrence Gray (Bill Billingsley), Osgood Perkins (Lem Woodruff), Jack

THE SHOW OFF USA 1926

Egan (Cartwright), Marcia Harris (Miss Streeter). George Eastman Museum: Bequest of Philip Serling MI, 13. MAI | 18.15 UHR

Aubrey, ein kleiner Angestellter bei der Eisenbahn, trumpft als grosser Manager auf und beein-

LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON (PIANO, FLÖTE, AKKORDEON)


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Louise Brooks

A GIRL IN EVERY PORT USA 1928

81 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE ­William A. Wellman // DREHBUCH Benjamin Glazer, Jim Tully, nach dem Buch von Jim Tully und dem Roman «Apache Rising» von Julian Johnson // KAMERA Henry Gerrard //

Die Matrosen Skip und Bill haben in jedem Hafen eine Liebschaft und sind Rivalen im Kampf um deren Gunst. Als sie sich in die Quere kommen, raufen sie sich zusammen, doch die verführerische Marie in Marseille gefährdet ihre neue Eintracht. Unter den unwiderstehlichen und unverwechselbaren Komödien, für die Howard Hawks berühmt ist, die früheste. Möglicherweise der Film, der das Genre der Buddy-Movies begründete, zugleich aber jener, der Louise Brooks definitiv zum Star machte. «Ein wunderbar unwahrscheinliches kleines Komödien-Drama. Auf halbem Weg kippt es von der genialen, überdrehten Komödie zum gedämpften Drama, von der jugendlich-übermütigen Geschichte zweier Seeleute, die sich gerne prügeln, zur präzisen Studie einer Dreiecksbeziehung.» (Donald C. Willis: The Films of Howard Hawks, Scarecrow Press 1975) 78 Min / sw / 35 mm / E // REGIE Howard Hawks // DREHBUCH Seton I. Miller, James Kevin McGuinness, nach einer Story von Howard Hawks // KAMERA L. William O’Connell, Rudolph Berquist // SCHNITT Ralph Dixon // MIT Victor McLaglen (Spike Madden), Louise Brooks (Godiva/Marie), Robert Armstrong (Bill), Maria Casajuana (Chiquita), Francis McDonald (Bandenchef), Phalba Morgan (Lena), Felix Valle (ihr Mann). George Eastman Museum; Museum accession DI, 5. MAI | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: NEIL BRAND, LONDON (PIANO)

BEGGARS OF LIFE USA 1928 «Ein ungewöhnlich realistisches Drama um ‹Hoboes›, Obdachlose, die auf Güterzüge aufspringen und so durch das Land reisen, um auf den Feldern zu jobben. Um sich in dieser Männergesellschaft behaupten zu können und um der Polizei zu entkommen, die sie wegen eines Mordes sucht, schlüpft Louise Brooks in Männerkleidung. William Wellman inszenierte on location einen der besten amerikanischen Stummfilme, in dem Louise Brooks den bereits etablierten Stars Wallace Beery und Richard Arlen die Schau stiehlt.» (Bonner Sommerkino 2009) «Obwohl Wallace Beery hervorragend ist, sind alle Augen auf die 22-jährige Louise Brooks gerichtet. (…) Die Kamera liebt sie – und wird dafür mit einer Darbietung belohnt, die ein reiches Innenleben ausstrahlt.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide)

SCHNITT Allyson Shaffer // MIT Louise Brooks (Nancy, das junge Mädchen), Wallace Beery (Oklahoma Red), Richard ­Arlen (Jim), Edgar Washington (Black Mose), Kewpie Morgan (Skinny), Andy Clark (Skelly), Mike Donlin (Bill), Roscoe Karns (Lame Hoppy), Bob Perry (The Arkansaw Snake). FR, 17. APRIL | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ (PIANO)

DIE BÜCHSE DER PANDORA Deutschland 1928 «Frank Wedekinds Dramen vom Aufstieg und Untergang der Tänzerin Lulu, die den Männern, denen sie begegnet, den Tod bringt, bis sie schliesslich selbst das Opfer des geheimnisvollen Mörders Jack the Ripper wird, sind von Pabst in einem Film zusammengefasst worden. (...) Er hat seinen Film ganz auf zwei Wirkungsmöglichkeiten gestellt: auf expressive Grossaufnahmen und auf atmosphärische Bildimpressionen.» (Reclams Filmführer) «Louise Brooks, eine grosse – nahezu unpersönliche – Schönheit, die in der Flapper-Ära stilprägend wirkte und deren glattes Haar und Pony auf der ganzen Welt nachgeahmt wurde (...), verliess 1928 Hollywood auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und ging nach Deutschland für die Rolle ihres Lebens. (...) In Sachen schiere erotische Dynamik sind die Szenen hinter den Kulissen am Premierenabend einer Show, in der Lulu auftritt, unerreicht. (...) Wie sie sich durch dieses Chiaroscuro bewegt, scheint Louise Brooks mit ihrem aufrechten Rücken und ihren starken Schultern eine eigene Form von Sexualität zu haben – vorbewusst und doch intuitiv allwissend. Sie wirkt wie eine kühle, schöne, unschuldig tödliche Katze, von der keiner die Finger lassen kann.» (Pauline Kael: 5001 Nights at the Movies, Marion Boyars 1993) 134 Min / sw / DCP / Stummfilm, d Zw’titel // REGIE Georg ­Wilhelm Pabst // DREHBUCH Ladislaus Vajda, nach den Theaterstücken «Erdgeist» und «Die Büchse der Pandora» von Frank Wedekind // KAMERA Günther Krampf // MIT Louise Brooks (Lulu), Fritz Kortner (Dr. Peter Schön), Gustav Diessl (Jack the Ripper), Franz Lederer (Alva Schön), Carl Goetz (Schigolch), Krafft-Raschig (Rodrigo Quast), Alice Roberts (Gräfin Geschwitz), Siegfried Arno (der Inspizient), Daisy d’Ora (Dr. Schöns Verlobte). MI, 6. MAI | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: NEIL BRAND, LONDON (PIANO)


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Louise Brooks

THE CANARY MURDER CASE USA 1929 Margaret O’Dell macht im Varieté Furore, wenn sie sich in einem gefiederten Kostüm als «Kanarienvogel» aufs Trapez schwingt. Nebenher ist sie allerdings als Erpresserin aktiv, womit sie sich gefährliche Feinde schafft. Als sie ermordet wird und der junge Jimmy Spottswoode, der mit Margaret liiert war, unter Verdacht gerät, ruft Jimmys Vater seinen Freund, den Amateurdetektiv Philo Vance, zu Hilfe. The Canary Murder Case beruhte auf dem gleichnamigen Roman von S. S. Van Dine, dessen Krimis um Philo Vance sehr beliebt waren. William Powell, später in den Thin Man-Filmen als Schnüffler erfolgreich, debütiert hier als Detektiv. Von Malcolm St. Clair als Stummfilm inszeniert, wurde die Produktion hinterher von Frank Tuttle mit Ton versehen, was einen Nachdreh und Synchronarbeiten erforderte. Louise Brooks weigerte sich, dafür nach Hollywood zurückzukehren, womit sie ihren verbliebenen Kredit bei Paramount verspielte. Sie wurde dann in einzelnen Szenen von der ungenannten Margaret Livingston notdürftig vertreten und synchronisiert. (mb) 82 Min / sw / 35 mm / E // REGIE Malcolm St. Clair, Frank Tuttle // DREHBUCH Albert S. Le Vino, Florence Ryerson, S. S. Van Dine, nach dem Roman von S. S. Van Dine // KAMERA Harry Fischbeck, Cliff Blackstone // MUSIK Karl Hajos // SCHNITT William Shea // MIT William Powell (Philo Vance), Jean Arthur (Alice LaFosse), Louise Brooks (Margaret O’Dell/The Canary), James Hall (Jimmy Spottswoode), Charles Lane (Charles Spottswoode), Lawrence Grant (John Cleaver), Gustav von Seyffertitz (Dr. Ambrose Lindquist). Preservation funded by Hugh M. Hefner

TAGEBUCH EINER VERLORENEN Deutschland 1929 «Die Kamera weidet sich an Brooks’ strahlender Schönheit, wenn Pabst dem Abenteuer der Apothekerstochter Thymian folgt, die ihre Unschuld verliert. Ihre Entwicklung vom Augapfel des Vaters über ihren sexuellen Fehltritt und das Erziehungsheim zum Liebling eines teuren Bordells und schliesslich zur verwitweten Gräfin gibt Pabst Gelegenheit, schonungslos das Deutschland der Weimarer Republik darzustellen im Kontrast zu Brooks’ Verkörperung einer überschäumenden, gleichsam unschuldigen Vitalität.» (Ruth Baumgarten, Time Out Film Guide) «Pabst umschifft in seinem letzten Stummfilm die Klippen des kolportagehaften Sujets geschickt und erzählt in sehr dynamischen Bildern. Der im September 1929 der Zensur vorgelegte

Film bekam zunächst Schnittauflagen, wurde dann zwischenzeitlich als ‹entsittlichend› ganz verboten, nachdem eine Reihe von Frauenvereinen und Jugendhilfeeinrichtungen Sturm gelaufen waren. Schliesslich durfte er, abermals gekürzt, wieder auf die Leinwand. (…) Die rekonstruierte Version ist etwas länger als die Uraufführungsfassung.» (Ursula von Keitz, Filmpodium, Jan. 2004) 113 Min / sw / DCP / Stummfilm, d + e Zw’titel // REGIE Georg Wilhelm Pabst // DREHBUCH Rudolf Leonhard, nach einem Roman von Margarete Böhme // KAMERA Sepp Allgeier // MIT Louise Brooks (Thymian), Edith Meinhard (Erika), Fritz Rasp (Provisor Meinert), Josef Rovensky (Apotheker Henning), Andrews Engelmann (der Vorsteher), Valeska Gert (seine ­ Frau), André Roanne (Graf Osdorff). FR, 24. APRIL | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO)

PRIX DE BEAUTÉ (STUMMFILM) Frankreich 1930 Lucienne ist Tippse bei einer Firma, die einen Schönheitswettbewerb organisiert. Ihr Verlobter André ist Typograf und krankhaft eifersüchtig. Deshalb nimmt Lucienne hinter seinem Rücken am Wettbewerb teil und wird zur Miss France erkoren, was André aus der Zeitung erfährt. Sie reist nach Spanien, wo ihre Wahl zur Miss Europa sie zum Objekt der Begierde mächtiger Männer macht. André spürt sie auf und stellt sie vor die Wahl: Ruhm oder Liebe. Doch Luciennes Rückkehr in Andrés Arme und in den anonymen armseligen Alltag macht sie nicht glücklich. Da bekommt sie ein Angebot, in einem Tonfilm mitzuspielen. René Clair hatte die Idee zu diesem Drama um eine Frau, die ihrem Milieu und der Macht der Männer entfliehen will, dann aber für ihre Schönheit einen hohen Preis zahlen muss. Brooks’ grosser Förderer G. W. Pabst arbeitete am Drehbuch mit, doch Regie führte der Italiener Augusto Genina, der in manchen Sequenzen dokumentarischen Realismus walten lässt, aber Brooks, die während der Dreharbeiten viel zu viel trank, auch sehr schmeichelhaft in Szene setzt. Der Schauspielstil und die Bildgestaltung von Rudolph Maté entsprechen noch ganz dem Stummfilm, mit viel Sinn für visuelles Erzählen und stimmige Details in Dekors und Kostümen. Die legendäre Schlussszene des Films war aber schon von Clair mit Ton konzipiert worden. (mb) 113 Min / sw / DCP / Stummfilm, i Zw’titel/e/d // REGIE Augusto Genina // DREHBUCH René Clair, Georg Wilhelm Pabst // KAMERA Rudolph Maté, Louis Née // MUSIK Horace Shepherd,


> Overland Stage Raiders.

> Beggars of Life.

> Tagebuch einer Verlorenen.

> The Chaperone.


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Louise Brooks René Sylviano, Wolfgang Zeller // SCHNITT Edmond T. Gys // MIT Louise Brooks (Lucienne Garnier), Georges Charlia (­ André), Augusto Bandini (Antonin), André Nicolle (Sekretär), Marc ­Ziboulsky (Manager), Yves Glad (der Maharajah). DI, 12. MAI | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON (PIANO, FLÖTE, AKKORDEON)

PRIX DE BEAUTÉ (TONFASSUNG) Frankreich 1930 Im Nachhinein wurde der Film in vier Sprachen synchronisiert und das Bild beschnitten, um Platz für die Tonspur zu schaffen. Wir zeigen deshalb beide Fassungen des Films, die restaurierte Stummfilmfassung mit Live-Musik und die französische Tonfilmfassung. (mb)

LOUISE BROOKS: LOOKING FOR LULU USA 1998 Mary Louise Brooks, 1906 in Kansas geboren, wuchs mit einer kulturell und feministisch engagierten, erzieherisch aber weniger begabten Mutter auf. Mit neun Jahren von einem Nachbarn missbraucht, was ihr Verhältnis zu Sex und Männern prägte, machte Louise bald als Tanztalent von sich reden. Als 15-Jährige zog sie mit einer Anstandsdame nach New York und trat der avantgardistischen Denishawn Company bei. Über die Revue Ziegfeld Follies kam sie 1925 zum Film; 1938 liess sie das Kino hinter sich und versuchte sich neu zu erfinden. Hugh Munro Neelys Dokumentarfilm zeichnet Brooks’ einzigartigen Lebensweg nach. (mb)

113 Min / sw / 35 mm / F // REGIE Augusto Genina // DREH-

OVERLAND STAGE RAIDERS

BUCH René Clair, Georg Wilhelm Pabst, Bernard Zimmer //

USA 1938

KAMERA Rudolph Maté, Louis Née // MUSIK Wolfgang Zeller, René Sylviano, Horace Shepherd, Jean Boyer // MIT wie bei Stummfilm (s. oben).

GOD’S GIFT TO WOMEN USA 1931 Toto Duryea gilt in Paris als moderner Don Juan. Er verliebt sich in Diane, die Tochter eines amerikanischen Millionärs, der dies angesichts von Totos Ruf mit Missfallen beobachtet. Toto greift zu allerlei Listen, um Diane für sich zu gewinnen. Da bescheidet ihm ein Arzt, er habe ein Aorta-Aneurysma und müsse Frauen und Alkohol abschwören, da sonst der sichere Tod drohe. Als Totos frühere Freundinnen sich um den armen Kranken kümmern wollen, steht es schlecht um seine ärztliche Anweisung, jegliche Erregung zu vermeiden. Frank Fay, ein Vaudeville-Star, sollte in Hollywood in Komödien Karriere machen, hatte aber nicht den erhofften Erfolg. Michael Curtiz, 1926 in den USA eingewandert, führte Regie bei diesem (recht braven) Pre-Code-Schwank, der Brooks ihre letzte Rolle in einer Komödie bescherte, neben Joan Blondell und vielen anderen dekorativen Damen. (mb)

Die «Three Mesquiteers» (Mesquite ist ein taffes Wüstengewächs) Stony Brooke, Tucson Smith und Lullaby Joslin sollen verhindern, dass Goldtransporte von Banditen überfallen werden. Stony kommt auf die Idee, das Gold nicht mehr auf Bussen zu befördern, sondern durch die Luft. Er gewinnt den Piloten Ned Hoyt und dessen Schwester Beth für diesen Plan und überredet die örtlichen Viehzüchter, in diese Fluggesellschaft zu investieren. Doch die Banditen erweisen sich als erfinderisch und wagen einen Raubüberfall in der Luft. Die «Three Mesquiteers» waren ein WesternHeldenteam, das in 51 Filmen vor allem jugendliches Kinopublikum begeisterte. Die Rolle des Stony Brooke spielt in Overland Stage Raiders ein 30-jähriger Hüne, der noch im selben Jahr in John Fords Stagecoach zum Star werden sollte. Brooks hatte für ihren letzten Film wenig übrig; in Kansas aufgewachsen, hatte sie eine andere Vorstellung von Cowboys, als dieser Kinderkram vermittelte. Als sie 1956 anfing, scharfsinnig und oft giftig über das Filmgeschäft zu schreiben, fand sie für John Wayne aber nur gute Worte. (mb) LOUISE BROOKS: LOOKING FOR LULU 60 Min / Farbe + sw / Digital SD / E // REGIE Hugh Munro Neely // DREHBUCH Barry Paris // KAMERA John Luker // MUSIK

72 Min / sw / Digital SD / E // REGIE Michael Curtiz // DREH-

Nigel Holton // SCHNITT Hugh Munro Neely // MIT Shirley

BUCH Joseph Jackson, Raymond Griffith, nach dem Theater-

MacLaine (Erzählstimme), Dana Delany, Roddy McDowall

stück von Jane Hinton // KAMERA Robert Kurrie // MUSIK

Louise Brooks, Paolo Cherchi Usai, Roseanna Brooks,

­David Mendoza // SCHNITT James Gibbon // MIT Frank Fay

­Margaret Brooks, Francis Lederer.

(Toto Duryea), Laura La Plante (Diane Churchill), Louise Brooks (Florine), Joan Blondell (Fifi), Charles Winninger (John

OVERLAND STAGE RAIDERS

Churchill), Alan Mowbray (Auguste, Totos Butler), Arthur

55 Min / sw / Digital HD / E // REGIE George Sherman //

­Edmund Carewe (Dr. Louis Dumont).

DREHBUCH Bernard McConville, Edmond Kelso, Luci Ward,


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Louise Brooks nach Motiven von William Colt MacDonald // KAMERA ­William Nobles // SCHNITT Tony Martinelli // MIT John Wayne (Stony Brooke), Ray Corrigan (Tucson Smith), Max Terhune (Lullaby Joslin), Louise Brooks (Beth Hoyt), Anthony Marsh (Ned Hoyt), Ralph Bowman (Bob Whitney).

THE CHAPERONE (PREMIERE) GB/Australien/USA 2018 Als die 15-jährige Louise Brooks aus Kansas nach New York ziehen will, um dort Tänzerin zu werden, muss sie von einer Anstandsdame begleitet werden. Die Hausfrau Norma Carlisle stellt sich zur Verfügung, und das unterschiedliche Paar aus der Provinz entdeckt die Verlockungen und Herausforderungen der Grossstadt gemeinsam. Während Louise in der Denishawn Company ausgebildet wird, sucht die als Kind adoptierte Norma nach ihrer leiblichen Mutter. Sie freundet sich mit einem eingewanderten Handwerker an, der ihr eine Liebe entgegenbringt, die sie von ihrem Gatten nie erfahren hat.

THE ROARING TWENTIES

Julian Fellowes, Schöpfer von Downton Abbey, hat Laura Moriartys Roman «The Chaperone» adaptiert; die Titelrolle spielt Elizabeth McGovern, die Darstellerin der Lady Grantham in der Serie. ­Haley Lu Richardson verkörpert die junge Louise Brooks mit einer kongenialen Mischung aus Unschuld und Provokation, Verletzlichkeit und Stolz und macht spürbar, welche Wirkung der aufstrebende Star in jener Gesellschaft hatte. Das Filmpodium zeigt The Chaperone als KinoEuropapremiere. (mb) 103 Min / Farbe / DCP / E // REGIE Michael Engler // DREHBUCH Julian Fellowes, nach dem Roman von Laura Moriarty // KAMERA Nick Remy Matthews // MUSIK Marcelo Zarvos // SCHNITT Sofía Subercaseaux // MIT Elizabeth McGovern (Norma), Haley Lu Richardson (Louise), Géza Röhrig (Joseph), Victoria Hill (Myra Brooks), Campbell Scott (Alan), Blythe ­Danner (Mary O’Dell), Andrew Burnap (Floyd), Miranda Otto (Ruth St. Denis), Robbie Fairchild (Ted Shawn).

SA, 4. APRIL | 20.30 UHR

THE GREAT GATSBY THE GREAT GATSBY / Australien/USA 2013 142 Min / Farbe + sw / DCP / E/d/f // REGIE Baz Luhrmann // DREHBUCH Baz Luhrmann, Craig Pearce, nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald // KAMERA Simon Duggan // MUSIK Craig Armstrong // SCHNITT Jason Ballantine, Jonathan Redmond, Matt Villa // MIT Leonardo DiCaprio (Jay Gatsby), Carey Mulligan (Daisy Buchanan), Tobey Maguire (Nick Carraway), Joel Edgerton (Tom Buchanan), Elizabeth Debicki (Jordan Baker), Isla F ­ isher (Myrtle Wilson).

Nachzufühlen, wie wild die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts waren, ist heute nicht ganz einfach. Baz L ­ uhrmann zieht deshalb bei The Great Gatsby, seiner Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Kultroman über das «Jazz Age», alle audio­visuellen Register und mischt anachronistische musikalische und gestalterische E ­ ffekte bei. Nick Carraway, angehender Schriftsteller, bezieht ein Häuschen auf Long Island. Nebenan wohnt der geheimnisvolle, unbeschreiblich reiche Jay Gatsby, der legendäre Partys schmeisst. Und gegenüber, am anderen Ufer der Bucht, liegt das Haus von Nicks Cousine Daisy, die mit dem arroganten Tom Buchanan verheiratet ist. Nick erfährt, dass Daisy einst in Gatsby verliebt war und er sie nun zurückzuerobern will. Das Filmpodium zeigt am 4. April um 20.30 Uhr The Great Gatsby in Zusammenarbeit mit Maximum Cinema. Der ­einmalige Event dient als Auftakt für die Twenties-Filmreihen zu Louise Brooks und King Vidor. Das Carlton Restaurant & Bar stimmt Sie mit dem «Ciné-Dinner» Angebot auf den Abend ein: Für CHF 86.00 geniessen Sie ein 3-Gang Menü im Carlton, Kinoticket inklusive. Wer im Twenties-Outfit ins Filmpodium kommt, erhält an der KinoBar einen Gratis-Drink. Nach der Vorstellung von The Great Gatsby steigt in der Carlton Bar eine themengerechte Roaring Twenties Party. Reservation & Ticketverkauf unter www.carlton.ch Vom 30. März bis 15. Mai bietet die Carlton Bar zudem einen «Roaring Twenties Cocktail» an. Wer ein FilmpodiumTicket vom selben Tag vorweist, erhält den Drink zum Sonderpreis.


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King Vidor Das Werk von King Vidor (1894–1982) umfasst mehr als 50 Filme, die von Stummfilmklassikern zu gesellschaftspolitischen Themen wie ­ The Crowd (1928) über Schilderungen sozialer Umbruchsituationen wie Our Daily Bread (1934) bis zum Western Duel in the Sun (1946) und zur epischen Literaturverfilmung War and Peace (1956) reichen. Sein Werk ist nicht nur repräsentativ für ein halbes Jahrhundert Hollywoodkino, sondern dokumentiert auch fünfzig Jahre USA, indem es bedeutende Ereignisse und aktuelle politische Entwicklungen vom Ersten Weltkrieg über die Weltwirtschaftskrise bis zum New Deal aufnimmt. King Vidor gehörte jener ersten Generation von Filmbegeisterten an, die schon wie selbstverständlich mit den bewegten Bildern aufwuchs, jener Generation, für die das Kino noch neu und zugleich schon ganz eigene Gegenwart war. Als Heranwachsender erlebte er mit, wie sich das Potenzial des Films rapide erweiterte und die neue Kunst zu ihren Möglichkeiten fand; Vidor und seine Altersgenossen wurden gewissermassen zusammen mit dem Film erwachsen. Wie andere Cinephile seines Alters entschloss er sich, Film zu seinem Metier zu machen. Noch keine zwanzig Jahre war Vidor alt, als er seine ersten Filme drehte: Er lieferte Bilder für Wochenschauen und realisierte kurze Spielfilme als Auftragsproduktionen. Innovativ und experimentierfreudig Zwischen 1919 und 1959 hat King Vidor 54 Spielfilme gedreht. Zählt man die dokumentarischen Arbeiten und kurzen Zweiakter, die ab 1913 entstanden, sowie die beiden essayistischen Filme, die er 1966 und 1980 realisierte, hinzu, kommt man auf 67 Jahre aktive Filmarbeit – ein Leben für den Film. Fünfmal wurde King Vidor als bester Regisseur für die Academy Awards nominiert, nie gewann er. Aber 1979 überreichte ihm Audrey Hepburn, die in seinem War and Peace die Hauptrolle gespielt hatte, den Honorary Award «für seine unvergleichlichen Leistungen als Wegbereiter und grosser Gestalter der Filmkunst». Die Begründung der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für die Auszeichnung mit dem Ehrenpreis fasst durchaus treffend die besonderen Qualitäten dieses Künstlers zusammen: Vidor war ein innovativer Regisseur, der sich über die Jahrzehnte stets mit grossem Interesse auch den aktuellen filmtechnischen Entwicklungen stellte. Im Tonfilm setzte er bereits mit seinem ersten Versuch, Hallelujah (1929), Massstäbe. Für Billy the Kid (1930) arbeitete er mit einem frühen 70-mm-Format namens Reallife, das MGM versuchsweise einsetzen wollte. Vidor drehte häufig «on location», er liess sich von der sowjetischen Montagekunst ebenso beeinflussen wie von der


17 beweglichen Kamera des Teams Murnau/Freund; ab 1939 nutzte er den neuen Dreistreifen-Technicolorfilm. Auch erzählerisch schlug er neue Wege ein: Mit The Crowd (1928) fasste er als Erster die Realität der jungen Metropole New York in eine Erzählung über den sprichwörtlichen Mann in der Menge und dessen Schicksal im Kapitalismus und verwendete dafür unter anderem dokumentarische Aufnahmen. Hier ebenso wie schon in früheren Filmen blickt ­Vidor recht skeptisch auf die männliche Hauptfigur, die mit leeren Ambitionen und vielen Wunschträumen ausgestattet ist, aber wenig Durchhaltevermögen und Verlässlichkeit an den Tag legt. Wacher Blick auf die US-Gesellschaft Immer wieder untersucht Vidor in seinen Filmen die Verhältnisse der Geschlechter. Selten verkörpern seine männlichen Figuren das stärkere Geschlecht, vielmehr fallen die dominanten weiblichen Charaktere auf: ob lebensklug wie Mary Sims in The Crowd, aufopfernd wie Stella Dallas in dem gleichnamigen Film, kalt kalkulierend wie Rosa Moline in Beyond the Forest (1949) oder ihre Rache zelebrierend wie Ruby Gentry in dem Melodram gleichen Titels, die als wohlhabendste Frau der Stadt keine früher erlittene Kränkung vergessen hat. Glückliche Paare sind rar in Vidors Werk. Wiederkehrende Themen sind die amerikanischen Klassenverhältnisse und die unsichtbaren, gleichwohl unüberschreitbaren Grenzen, die sie darstellen, und der alltägliche Rassismus. Für manche Projekte, die Vidor besonders wichtig waren, setzte er sich ausdauernd ein; der Kampf um Hallelujah, seinen ersten Tonfilm, zugleich der erste Film eines grossen Studios mit ausschliesslich afroamerikanischen Mitwirkenden, zog sich über Jahre hin. Vidors New-Deal-Film Our Daily Bread (1934) musste er selbst mitfinanzieren, weil dieses Werk den üblichen Rahmen von Studioproduktionen sprengte. Nicht nur bei diesem Film zeigte er ein starkes Interesse an Arbeitsvorgängen. Wohl kein anderer Regisseur jener Zeit hat in so vielen Filmen und mit ähnlicher Aufmerksamkeit für Details alltägliche Arbeit gezeigt – von den Baumwollfeldern des Südens bis hin zum Stahlwerk im Rust Belt. King Vidor, der das Aufkommen des Autorenfilms mit grosser Sympathie verfolgte, wirkte in unterschiedlicher Funktion an den Drehbüchern zu vielen seiner Filme mit. Oft lieferte er die zugrunde liegende Story, etwa für Hallelujah, Our Daily Bread und An American Romance. Bei anderen Titeln war er am Drehbuch beteiligt, ohne einen Credit zu reklamieren. Er prägte seine Filme und deren Charakteristik auf vielerlei Weise, er inszenierte keineswegs einfach, was ihm vom Script Department geliefert wurde – dafür war < >

Aristokraten-Epos: War and Peace Alltags-Studie: The Crowd


18 seine Reputation spätestens seit The Big Parade (1925) zu gross. Auf die Frage nach einem Rat für junge Regiestudenten antwortete er: «Vor allem muss man sich selbst achten und herausfinden, wer man ist; man muss irgendwie den Mut und den Schneid aufbringen, sich ganz dem hinzugeben, was man gerade tut.» Auszudrücken, was nur man selbst zu sagen vermag, sich darin treu zu sein – so sah er die Aufgabe des Regisseurs. Als Regisseur weniger bekannt als sein Werk An den Regisseuren, die zur Generation Vidors gehörten, entdeckten die jungen Kritiker der Cahiers du cinéma ab den 1950er-Jahren des letzten Jahrhunderts das Besondere von Inszenierungsstilen, die weit über Studioroutine ­hinausgingen. Das Autorenkonzept wurde geboren, eine «Handschrift» identifiziert, die «politique des auteurs» ausgerufen. King Vidor befand sich in diesem Kreis nicht in der ersten Reihe der Vorbilder. Er war ein Regisseur, der stets vom Thema her dachte, der nicht im Vorhinein eine bestimmte Haltung gegenüber dem Stoff definierte, sondern von diesem ausgehend einen entsprechenden Stil suchte und umsetzte. Dieses Vorgehen zeugt von seiner grossen Experimentierfreude und zugleich von seiner Abneigung gegen Schablonen. Wie viele seiner fast gleichaltrigen Kollegen ergründete er die unterschiedlichsten Genres – Western, Melodramen, Kostümfilme, Komödien, am Ende realisierte er noch einen Bibelfilm. Dabei erwies er sich als Profi, der die Filme auf seine ganz eigene Weise prägte, ohne dabei die Stoffe in immer gleicher Weise anzugehen. Die filmhistorische Beschäftigung mit ihm kennt kaum Kontinuität, ist eher auf Ausnahmen beschränkt. Zwar wurden Titel wie The Big Parade, The Crowd, Stella Dallas oder Duel in the Sun zu Klassikern, die neue Lesarten und Verortungen herausforderten. Ihr Regisseur jedoch wurde nicht annähernd in dem Masse bekannt wie seine Werke. Auch aus diesem Grund ist King Vidor eine Entdeckung. Connie Betz, Karin Herbst-Messlinger, Rainer Rother

Connie Betz (Festivalkoordinatorin), Karin Herbst-Messlinger (Redakteurin) und Rainer Rother (Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek) sind für die Filmauswahl der ­Retrospektive der Berlinale verantwortlich. Der vorliegende Text ist eine stark gekürzte Fassung des Vorworts zur zweisprachigen ­Monografie, die anlässlich der diesjährigen ­Berlinale zur King-Vidor-Retrospektive im Bertz + Fischer­Verlag publiziert wird. Das vollständige Vorwort finden Sie auch auf unserer Website. Wir danken der Berlinale für die gute Zusammenarbeit. Um Vidors Werk im Rahmen dieses Programms möglichst breit vorstellen zu können, haben wir auf Filme verzichtet, die wir erst kürzlich gezeigt haben, wie etwa The Big Parade.


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King Vidor

BARDELYS THE MAGNIFICENT USA 1926 Frankreich im 17. Jahrhundert: Der Marquis de Bardelys, Charmeur bei Hofe und Günstling des Königs, wettet darauf, dass ihn die schöne, aber kratzbürstige Roxalanne, Tochter eines opposi­ tionellen Landadligen, heiraten wird. Als ein gesuchter Aufrührer getarnt, gewinnt er ihr Vertrauen – und ihre Liebe. Doch als Roxalanne die Maskerade durchschaut, verrät sie ihn an seine Häscher und ihm droht der Galgen. In seinem einzigen Mantel-und-Degen-Film nutzt King Vidor die Gelegenheit, das Genre sanft zu ironisieren. Fechtkämpfe und Verfolgungsjagden münden in ein Finale voller Unwahrscheinlichkeiten, wobei mit der turbulenten Handlung auch die Kamera immer entfesselter agiert. ­Zugleich enthält Bardelys the Magnificent eine der romantischsten und berühmtesten Szenen in ­Vidors Werk: die Kahnfahrt der Liebenden durch einen Tunnel herabhängender Weidenzweige. Bis zur Restaurierung des verschollen geglaub­ ten Films in den Jahren 2007/08 hatte nur ein kurzer, in Show People zitierter Ausschnitt überlebt. 90 Min / tinted / DCP / Stummfilm, e Zw’titel/f // REGIE King Vidor // DREHBUCH Dorothy Farnum, nach dem Roman von Rafael Sabatini // KAMERA William H. Daniels // MIT John Gilbert (Bardelys), Eleanor Boardman (Roxalanne de Lavedan), Roy D’Arcy (Chatellerault), Arthur Lubin (König Louis XIII.), ­Lionel Belmore (Vicomte de Lavedan), Emily Fitzroy (Vicomtesse de Lavedan), George K. Arthur (St. Eustache). DO, 14. MAI | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE (PIANO) SA, 2. MAI | 15.00 UHR AUFFÜHRUNG MIT MUSIKSPUR

SHOW PEOPLE USA 1928 Die ehrgeizige Peggy Pepper lässt sich von ihrem Vater nach Hollywood kutschieren und ergattert dort eine Rolle in einem komischen Zweiakter. Die Preview wird ein so grosser Erfolg, dass sie die Niederungen der Komödie hinter sich lässt und fortan nur noch in ernsten Dramen auftritt – sehr zum Leidwesen des Komödiendarstellers Billy Boone, der sie unterstützt und sich dabei in sie verliebt hat. Angeregt von der Karriere Gloria Swansons gibt King Vidors letzter Stummfilm einen einzigartigen Einblick in die frühe Filmindustrie. Show People ist eine Hommage an das Hollywood der angeklebten Schnurrbärte und gezielten Torten-

würfe – nostalgisch, aber auch authentisch. In Nebenrollen treten die alten Keystone Cops auf sowie John Gilbert, Douglas Fairbanks, Norma Talmadge und Charles Chaplin, der sich von Peggy ein Autogramm geben lässt. 79 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE King ­Vidor // DREHBUCH Agnes Christine Johnston, Laurence Stallings, Wanda Tuchock // KAMERA John Arnold // SCHNITT Hugh Wynn // MIT Marion Davies (Peggy Pepper), William Haines (Billy Boone), Dell Henderson (Col. Pepper), Paul Ralli (André), Tenen Holtz (Casting-Verantwortlicher), Harry Gribbon (Komödienregisseur), Sidney Bracey (Dramenregisseur), und als sie selbst: Louella Parsons, Charles Chaplin, John Gilbert, Douglas Fairbanks und King Vidor. MI, 15. APRIL | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD (VIOLINE, ­PIANO), FRANK BOCKIUS (PERKUSSION), BRUNO SPOERRI (SAXOFON) & MARK ROOS (POSAUNE)

THE CROWD USA 1928 John Sims, geboren am 4. Juli 1900, hat eine grosse Zukunft vor sich – jedenfalls glaubt das sein Vater bei der Geburt. Doch tatsächlich führt John das ganz gewöhnliche Leben eines Angestellten in einem New Yorker Grossraumbüro: Er lernt Mary kennen, die beiden heiraten und bekommen zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Während andere Karriere machen, geht es für John aber nicht voran. Als das Schicksal zuschlägt und die Tochter tödlich verunglückt, gerät er vollends aus dem Tritt. Das in The Big Parade bekundete Interesse am Leben des «einfachen Mannes» richtet sich in King Vidors zweitem grossen Meisterwerk auf den zivilen Überlebenskampf. Dem Moloch Grossstadt ausgeliefert, findet der Protagonist einmal mehr nur in der Natur seinen Frieden. Berühmt ist die Kamerafahrt entlang einer Wolkenkratzerfassade und direkt hinein in Johns überdimensionierten Arbeitssaal. In den New Yorker Strassenschluchten teils mit verdeckter Kamera gedreht, nahm The Crowd den Neorealismus der 1940erJahre vorweg. 104 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE King Vidor // DREHBUCH King Vidor, John V. A. Weaver, Harry Behn // KAMERA Henry Sharp // SCHNITT Hugh Wynn // MIT ­Eleanor Boardman (Mary), James Murray (John Sims), Bert Roach (Bert), Estelle Clark (Jane), Daniel G. Tomlinson (Jim, Marys Bruder), Dell Henderson (Dick, Marys Bruder). DI, 7. APRIL | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ALEXANDER SCHIWOW (PIANO)


> The Patsy.

> Stella Dallas.

> Bardelys the Magnificent.

> Hallelujah.

> Our Daily Bread.

> Street Scene.


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King Vidor

THE PATSY

100 Min / sw / 35 mm / E/f/d // REGIE King Vidor // DREHBUCH Wanda Tuchock, King Vidor, Richard Schayer // KAMERA

USA 1928

­Gordon Avil // MUSIK Eva Jessye, Irving Berlin // SCHNITT Hugh

Die junge Pat hat sich in den Verehrer ihrer älteren Schwester Grace verliebt, den soliden Geschäftsmann Tony. Als Grace im Jachtclub einen Flirt mit dem Playboy Billy Caldwell beginnt und dies zur Entfremdung des Paares führt, sieht Pat ihre Chance gekommen. Die rasante Boulevardkomödie bildet den passenden Rahmen für Marion Davies’ exaltierte Komik. Als jugendlicher «Flapper» profiliert sie sich in drolligen Pantomimen und chaplinesken Extempores. Ihre Wandlungsfähigkeit beweist sie mit parodistischen Imitationen der Hollywood­ diven Mae Murray, Lillian Gish und Pola Negri, deren veralteten Tragödienstil sie gekonnt karikiert. Der von Marion Davies’ Gönner, dem Pressemagnaten William Randolph Hearst, finanzierte Film war der erste von dreien, die King Vidor mit ihr drehte. Neben Show People (1928) gilt The Patsy als eine ihrer gelungensten Leinwandauftritte.

(Chick), William E. Fountaine (Hot Shot), Harry Gray (Pappy),

84 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE King ­Vidor // DREHBUCH Agnes Christine Johnston, nach dem Theaterstück von Barry Connors // KAMERA John Seitz // SCHNITT Hugh Wynn // MIT Marion Davies (Patricia Harrington), Orville Caldwell (Tony Anderson), Marie Dressler (Ma Harrington), Dell Henderson (Pa Harrington), Jane Winton (Grace Harrington), Lawrence Gray (Billy).

Wynn // MIT Daniel L. Haynes (Zeke), Nina Mae McKinney Fanny Belle DeKnight (Mammy), Victoria Spivey (Missy Rose).

STREET SCENE USA 1931 New York in einem heissen Sommer – der Fussweg und der Treppenaufgang vor einem Mietshaus werden zur Bühne für die Bewohner. Hier treffen sich die Frauen und ihre von der Arbeit heimkehrenden Männer zum Tratsch, es werden politische Meinungen ausgetauscht und antisemitische Ressentiments sichtbar. Aus dem vielstimmigen Treiben schälen sich zwei Paare heraus: die attraktive Anna Maurrant und ihr roher Mann Frank, ihre gemeinsame Tochter Rose und deren schüchterner Verehrer Sam. In einem Set, das einen ganzen Strassenzug inklusive Hochbahnstation umfasst, komponierte King Vidor mit einer Kamera, die ständig in Bewegung ist, eine Grossstadtsinfonie des gesprochenen Worts. Interpunktiert und gesteigert werden die Dialoge durch die Musik von Alfred Newman, deren Einsatz Regisseur und Komponist gemeinsam planten. Vidor, 1953: «An manchen Höhepunkten wurde die Musik fast zum Echo der Stimmen.»

Preserved by The Library of Congress MI, 8. ARPIL | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: RICHARD OCTAVIANO KOGIMA (PIANO)

80 Min / sw / 35 mm / E // REGIE King Vidor // DREHBUCH ­Elmer Rice // KAMERA George Barnes // MUSIK Alfred Newman // SCHNITT Hugh Bennett // MIT Sylvia Sidney (Rose Maurrant), William Collier jr. (Sam Kaplan), Estelle Taylor

HALLELUJAH USA 1929 Von der verführerischen Tänzerin Chick zum Würfeln angestiftet, verliert Zeke die Einkünfte seiner Familie aus der Baumwollernte an den Falschspieler Hot Shot. Beim Versuch, das Geld zurückzufordern, erschiesst er versehentlich seinen eigenen jüngeren Bruder. Aus Gram und Reue wird Zeke daraufhin zum Erweckungsprediger. Auch Chick lässt sich von ihm taufen. King Vidors erster Tonfilm ist im Grunde ein Oratorium. Von Spirituals, Blues- und Worksongs rhythmisch vorangetrieben, schildert Hallelujah den Konflikt zwischen Religion und Sexualität und reiht religiöse Ekstasen an sexuelle Avancen. Leidenschaftlich und expressiv von einem «all African-American cast» dargestellt, fand die Besetzung des Films in Europa durchweg faszinierte Aufmerksamkeit, während sich das weisse Publikum in den USA nicht nur durch die Hautfarbe der Protagonistinnen provoziert fühlte.

(Anna Maurrant), David Landau (Frank Maurrant), Russell Hopton (Steve Shankey), Beulah Bondi (Emma Jones), John Qualen (Karl Olsen), Greta Granstedt (Mae Jones).

OUR DAILY BREAD USA 1934 «Zurück aufs Land!» Um der Massenarbeitslosigkeit zu entkommen, folgen John Sims und seine Frau Mary der Parole von Präsident Roosevelt und übernehmen die heruntergekommene Farm eines Onkels. Doch rasch zeigt sich, dass die beiden Städter sie nicht bewirtschaften können. Als ein landloser Farmer ihnen hilft, hat John die Idee, weitere Arbeitslose hinzuzuziehen. In der Absicht, dem Glamour Hollywoods Bilder der amerikanischen Wirklichkeit entgegenzusetzen, drehte King Vidor einen der ersten Filme des New Deal. In Anlehnung an reale Einrichtungen wie die texanische Woodlake Community schuf er die konservative Sozialutopie einer religiös grundierten, auf Tauschökonomie basier-


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King Vidor ten Kooperative. Mal als kommunistisch, dann faschistisch denunziert, glorifiziert Our Daily Bread vor allem das amerikanische Arbeitsethos. 74 Min / sw / DCP / E/f // REGIE King Vidor // DREHBUCH ­Elizabeth Hill, King Vidor, Joseph L. Mankiewicz (Dialoge) // KAMERA Robert Planck // MUSIK Alfred Newman // SCHNITT Lloyd Nosler // MIT Karen Morley (Mary Sims), Tom Keene (John Sims), John Qualen (Chris Larsen), Barbara Pepper (Sally), ­Addison Richards (Louie), Lloyd Ingraham (Onkel Anthony), Bill Engel (Mr. Cohen), Nellie V. Nichols (Mrs. Cohen), Henry Hall (der Zimmermann), Frank Minor (der Spengler).

THE WEDDING NIGHT

Nach der Geburt von Tochter Laurel entfremdet sich das Paar jedoch; Stella findet Stephen langweilig, Stephen hält ihre Freunde für vulgär. Als er nach New York versetzt wird, bleibt Laurel das einzige Band zwischen ihnen. Das Kind scheint sich ganz für den Vater zu entscheiden, als dieser seine einstige Jugendfreundin, eine reiche Erbin, heiraten will. Und Stella Dallas ist ein Muttertier: Die Liebe ihrer Tochter liegt ihr ebenso am Herzen wie deren sozialer Aufstieg. Die feministische Filmtheorie hat Vidors Melodram in den vergangenen Jahren ausgiebig gewürdigt, denn gemeinsam mit den für die Oscars nominierten Darstellerinnen gelang ihm die vielschichtige Zeichnung einer dominanten Frauen­ figur zwischen Selbstaufopferung und Triumph.

USA 1935 110 Min / sw / 35 mm / E/d // REGIE King Vidor // DREHBUCH

Als Tony Barretts Verleger seinen neuen Roman ablehnt, gerät der New Yorker Schriftsteller finanziell in die Klemme. Er zieht sich auf den Familiensitz in Connecticut zurück, wo seine mondäne Ehefrau Dora es allerdings nicht lange aushält. Tony aber findet Interesse an einer Nachbarsfamilie aus Polen, die Tabak anpflanzt und ihm ein Stück Land abkauft. Es soll bei der Heirat der Tochter Manya mit einem Landsmann als Mitgift dienen. Bis dahin hilft sie Tony im Haushalt. Doch nicht nur wird Tony von Manya zu einem neuen Buch inspiriert, unmerklich verliebt er sich auch in sie. Da sie seine Neigung erwidert, sieht Manyas Vater seine Heiratspläne gefährdet und verbietet ihnen den Kontakt. Doch noch in der Hochzeitsnacht setzt sich Tony darüber hinweg. King Vidors sensibler Schauspielführung ist es zu verdanken, dass Gary Cooper und die russische Immigrantin Anna Sten zu überzeugenden Repräsentanten eines Kulturkonflikts wurden. Dabei unterliegen sie einer Tragik, die ihre sinnlichen Begegnungen von Anfang an überschattet. 81 Min / sw / 35 mm / E // REGIE King Vidor // DREHBUCH Edith Fitzgerald, nach einem Roman von Paul Green, Edwin Knopf // KAMERA Gregg Toland // MUSIK Alfred Newman // SCHNITT Stuart Heisler // MIT Gary Cooper (Tony Barrett), Anna Sten (Manya Nowak), Ralph Bellamy (Frederik Sobieski), Helen Vinson (Dora Barrett), Sig Rumann (Nowak), Esther Dale (Kaise Nowak), Walter Brennan (Bill Jenkins).

STELLA DALLAS USA 1937 Stella Martin, Tochter eines Fabrikarbeiters in Massachusetts, träumt nicht nur vom sozialen Aufstieg, sie nimmt ihn zielstrebig in Angriff: Geschickt angelt sie sich den Fabrikmanager Stephen Dallas, Sohn eines ruinierten Millionärs.

Sarah Y. Mason, Victor Heerman, nach dem Roman von Olive Higgins Prouty // KAMERA Rudolph Maté // MUSIK Alfred New­man // SCHNITT Sherman Todd // MIT Barbara Stanwyck (Stella Martin Dallas), John Boles (Stephen Dallas), Anne Shirley (Laurel «Lollie» Dallas), Barbara O’Neil (Helen Morrison Dallas), Alan Hale (Ed Munn), Marjorie Main (Mrs. Martin), George Walcott (Charlie Martin), Anne Shoemaker (Miss ­Margaret Phillibrown), Tim Holt (Richard «Dick» Grosvenor III.), Nella Walker (Mrs. Grosvenor).

DUEL IN THE SUN USA 1946 Nachdem eine Eifersuchtstragödie beide Elternteile das Leben gekostet hat, wird das «Halbblut» Pearl Chavez von der Frau eines texanischen Grossgrundbesitzers aufgenommen. Auf der Ranch von Senator McCanles trifft die junge Frau auf zwei Söhne: Während der ältere, Jesse, die entfernte Verwandte respektvoll verehrt, verfolgt Lewt, der jüngere Bruder, Pearl mit aggressiven Avancen, die in einer Vergewaltigung gipfeln. Fortan sind die beiden in glühender Hassliebe miteinander verbunden, die unaufhaltsam auf jenes Finale zusteuert, dem der Film seinen Titel verdankt. Mit diesem megalomanen Melodram wollte David O. Selznick den Erfolg von Gone with the Wind (1939) womöglich noch übertreffen. Ein halbes Dutzend Regisseure und Kameraleute sowie Fachberater u. a. für Waffen, Tänze und das Rancherleben im 19. Jahrhundert wirkten mit. Vidor, 1954: «Der Film begann als mittelgrosser Western. Als wir fertig waren, war es so ziemlich der tollste Technicolor-Film aller Zeiten.» Obwohl er das Set vor Abschluss der Dreharbeiten im Streit mit dem omnipotenten Produzenten verliess, ist Duel in the Sun doch der Film, der weithin am engsten mit King Vidors Namen verbunden ist.


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King Vidor 145 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE King Vidor // DREHBUCH David O. Selznick, Oliver H. P. Garrett, nach dem Roman von Niven Busch // KAMERA Lee Garmes, Harold Rosson, Ray Rennahan // MUSIK Dimitri Tiomkin // SCHNITT Hal C. Kern // MIT Jennifer Jones (Pearl Chavez), Joseph Cotten (Jesse ­McCanles), Gregory Peck (Lewt McCanles), Lionel Barrymore (Senator Jackson McCanles), Lillian Gish (Laura Belle ­ ­McCanles), Walter Huston (Jubal Crabbe), Herbert Marshall (Scott Chavez), Charles Bickford (Sam Pierce), Joan Tetzel ­(Helen Langford), Harry Carey (Lem Smoot), Otto Kruger (Mr. Langford).

THE FOUNTAINHEAD USA 1948 «Wollen Sie sich allein gegen die ganze Welt stellen?» Der Architekt Howard Roark ist ein sturer Individualist. Auch nach seinem Ausschluss aus der Akademie bleibt er dem modernen Baustil treu. Kompromisse lehnt er ab und verzichtet lieber auf die Realisierung seiner Projekte. Eine gegen ihn gerichtete Zeitungskampagne scheint das Ende seiner Laufbahn zu bedeuten, doch nach einer Affäre mit der Architekturkritikerin Dominique Francon wendet sich das Blatt: Roark wird ein gefragter Mann. Selbst der Zeitungsverleger schwenkt auf seine Linie ein, nachdem Dominique ihn geheiratet hat. Dann aber reagiert Roark auf die Verschandelung eines Neubaus mit einer Aktion, die ihn komplett isoliert. Ein konsequent auf die Spitze getriebener Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft bestimmt den Schlüsselroman von Ayn Rand. King Vidors Verfilmung zitiert Worte von Louis H. Sullivan («Form follows function») und Werke von Frank Lloyd Wright. Seiner Parteinahme für die Avantgarde entspricht auch die moderne Fotografie von Kameramann Robert Burks. 114 Min / sw / 35 mm / E/d/f // REGIE King Vidor // DREHBUCH Ayn Rand, nach ihrem Roman // KAMERA Robert Burks // MUSIK Max Steiner // SCHNITT David Weisbart // MIT Gary Cooper (Howard Roark), Patricia Neal (Dominique Francon), Raymond Massey (Gail Wynand), Kent Smith (Peter Keating), Robert Douglas (Ellsworth Toohey), Henry Hull (Henry Cameron), Ray Collins (Enright), Moroni Olsen (Vorsitzender), ­Jerome Cowan (Alvah Scarret).

BEYOND THE FOREST USA 1949 «Was für ein Loch!»: Rosa Moline, die Ehefrau eines Kleinstadtarztes, sehnt sich nach der Grossstadt. Sie hat heimlich ein Verhältnis mit einem Unternehmer aus Chicago, der eine Jagdhütte in der Nähe besitzt, und ist bereit, für ihn alles aufzugeben. Als er jedoch eine andere heiraten will,

ist Rosa tief verletzt. Resigniert wendet sie sich ihrem ahnungslosen Mann zu und wird schwanger. Als ihr Geliebter seine Meinung ändert, will sie ihm sofort folgen, doch Rosas Plänen steht ein Mitwisser im Weg. Beyond the Forest ist ein extremer Film noir, der seine Heldin als noch verworfener darstellt als für das Genre ohnehin üblich und der zugleich Verdrängtes in einem Frauenleben aufspürt: den Wunsch nach Abtreibung etwa, und die unheilvolle Unterwerfung unter die Macht der Gefühle. Ihnen verleiht King Vidor in dezidiert männlichen Symbolen bildlichen Ausdruck: einem glühenden Hochofen, einer fauchenden Dampflok. Bewusst abstossend und doch faszinierend oszilliert Bette Davis’ Darbietung zwischen Camp und moderner Klassik. Sie inspirierte Edward Albee zur Figur der Martha im Ehedrama «Who’s Afraid of Virginia Woolf?». 95 Min / sw / 16 mm / E/f // REGIE King Vidor // DREHBUCH Lenore Coffee, nach dem Roman von Stuart Engstrand // KAMERA Robert Burks // MUSIK Max Steiner // SCHNITT Rudi Fehr // MIT Bette Davis (Rosa Moline), Joseph Cotten (Dr. ­Lewis Moline), David Brian (Neil Latimer), Ruth Roman (Carol Lawson), Minor Watson (Moose Lawson), Dona Drake (Jenny), Regis Toomey (Sorren), Sarah Selby (Mildred Sorren).

RUBY GENTRY USA 1952 Ruby Corey, Tochter eines Jagdhüttenbesitzers, hat einen Teil ihrer Jugend im Haus des vermögenden Ehepaars Gentry verbracht. Hier hat sie eine Liaison mit dem jungen Boake Tackman begonnen. Doch der ehrgeizige Unternehmer nimmt nicht sie zur Frau, sondern eine reiche Erbin. Ruby sinnt auf Rache, und nachdem sie den inzwischen verwitweten Mr. Gentry geheiratet hat, bewirkt ein tragischer Unfall, dass sie die dazu nötigen Mittel erhält. Trotz einiger Parallelen zu Duel in the Sun (1946) steht der Film King Vidors Hallelujah (1929) letztlich näher. Ruby Gentry zieht so etwas wie die Bilanz aus Vidors Werk. Ebenso sinnhaft wie sinnlich verschmilzt dabei in der provokant präsentierten Ikone der mit einem Winchester-Gewehr bewaffneten Ruby der melodramatische Part seiner Filme mit jenem Teil, der dem amerikanischen Pioniergeist gewidmet ist. 82 Min / sw / Digital HD / E/d // REGIE King Vidor // DREHBUCH Silvia Richards, Arthur Fitz-Richard // KAMERA ­Russell Harlan // MUSIK Heinz Roemheld // SCHNITT Terry Morse // MIT Jennifer Jones (Ruby Gentry), Karl Malden (Jim Gentry), Charlton Heston (Boake Tackman), Tom Tully (Jud Corey), Phyllis Avery (Tracy McAuliffe).


> Man Without a Star.

> Solomon and Sheba.

> Duel in the Sun.

> The Wedding Night.

> The Fountainhead.

> Ruby Gentry.


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King Vidor

MAN WITHOUT A STAR USA 1955 Der arbeitslose Cowboy Dempsey Rae ist gerade als blinder Passagier auf einem Güterzug unterwegs und unterbricht seine Reise in einer Kleinstadt in Wyoming. Gemeinsam mit dem jungen Jeff Jimson nimmt er Arbeit auf der TriangleFarm an. Zunächst unterstützt er die schöne Rancherin Reed Bowman gegen die benachbarten Bauern, die das offene Weideland durch Stacheldrahtzäune vor Bowmans riesigen Herden schützen wollen. Doch als die Dame zur Durchsetzung ihrer Pläne Revolverhelden anheuert, die Dempsey malträtieren, schlägt er sich auf die Seite der Farmer. Ein Spätwestern, in dem der Trail nicht mehr westwärts führt, sondern nach Norden. Und ein Fall von Land Grabbing, der den Helden vor ein Dilemma stellt: Seit ihm der Stacheldraht ins eigene Fleisch geschnitten hat, sieht er seinen Lebensraum durch die Zäune verwüstet. Doch nur durch sie lässt sich das offene Land vor dem Zugriff der kapitalstarken Spekulantin schützen. «Der Mann ohne Stern» gehört zu den rigorosen Einzelkämpfern, die King Vidors Spätwerk prägen. 89 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE King Vidor // DREHBUCH Borden Chase, D. D. Beauchamp, nach einem Roman von Dee Linford // KAMERA Russell Metty // MUSIK Joseph Gershenson // SCHNITT Virgil Vogel // MIT Kirk Douglas (Dempsey Rae), Jeanne Crain (Reed Bowman), Claire Trevor (Idonee), William Campbell (Jeff Jimson), Jay C. Flippen (Strap Davis), Richard Boone (Steve Miles), Myrna Hansen (Tess Cassidy), Eddy C. Waller (Bill Cassidy).

WAR AND PEACE USA/Italien 1956 Moskau, 1805. Anders als sein Freund, der abwägende Zivilist Pierre Bezukhov, zieht Fürst Andrei Bolkonsky in die Schlacht bei Austerlitz, um ein weiteres Vorrücken Napoleons zu verhindern. Die junge Komtesse Natasha bewundert Pierre, verlieben aber wird sie sich in den Fürsten Andrei. Verwoben sind die Liebes- und Lebenswirren dieser drei mit dem Kampf der russischen Truppen gegen Napoleons Invasionsarmee 1805–1812. Gesellschaftsporträt, Schlachtengemälde und düsteres Epitaph auf den imperialen Gestus. In Cinecittà mit einem Rekordbudget gedreht, lässt War and Peace abseits von Prunk und Pracht noch einmal Grundthemen Vidors anklingen: die Kritik am Militarismus ebenso wie die Frage nach der Verantwortung des Individuums in der Gesellschaft. Gleichzeitig gelingt es dem Kameramann

Jack Cardiff, im Vista-Vision-Breitwandformat Historienbilder mit malerischen Qualitäten zu schaffen, wie sie die zeitgenössischen Gemälde besitzen, die der Vorspann zeigt. 208 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE King Vidor // DREHBUCH Bridget Boland, Robert Westerby, King Vidor, Mario ­Camerini, nach dem Roman von Leo Tolstoi // KAMERA Jack Cardiff, Aldo Tonti // MUSIK Nino Rota // SCHNITT Leo Catozzo // MIT Audrey Hepburn (Natasha Rostov), Henry Fonda (Pierre Bezukhov), Mel Ferrer (Prinz Andrei Bolkonsky), Vittorio Gassman (Anatol Kuragin), Herbert Lom (Napoleon Bonaparte), Anita Ekberg (Helene, Pierres Frau), Oscar Homolka (General Kutuzov), Tullio Carminati (Prinz Vasili Kuragine), Anna Maria Ferrero (Mary Bolkonsky).

SOLOMON AND SHEBA USA 1959 Im Sterben bestimmt David, König Israels, den jüngeren Sohn Salomon zu seinem Nachfolger, während der ältere Adonijah leer ausgeht. Aber nicht nur dessen Rachsucht bedroht Salomons Herrschaft: Auf Geheiss des Pharaos hält die Königin von Saba Einzug in Jerusalem. Sie betört ­Salomon, sodass er ihr gestattet, ein Fest zu Ehren ihres Liebesgottes abzuhalten. Dieser Verrat an Jehovah bringt Israels Stämme gegen ihren König auf. Als sich Adonijah auf die Seite der Ägypter schlägt, scheint Salomons Schicksal besiegelt. Thema von Vidors biblischem Epos ist die Erschütterung von Religion und Staatsraison durch die Sexualität. In Tyrone Power schien der Regisseur den perfekten Darsteller für seine Illustration des Konflikts zwischen Pflicht, Vernunft und Neigung gefunden zu haben – bis der Star bei den Dreharbeiten einem Herzinfarkt erlag. Ersetzt wurde er durch Yul Brynner, der in DeMilles The Ten Commandments (1956) Pharao Ramses verkörpert hatte. Mit ihm hielt eine Herrscherattitüde Einzug in den Film, sodass am Ende physische Attraktionen – wie die farbenprächtigen Kos­ tüme, Reiterkämpfe und eine Liebesorgie – über die psychischen Dispositionen triumphierten. 139 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE King Vidor // DREHBUCH Anthony Veiller, Paul Dudley, George Bruce, nach einer Idee von Crane Wilbur // KAMERA Freddie Young // MUSIK Mario Nascimbene, Malcolm Arnold // SCHNITT Otto Ludwig // MIT Yul Brynner (Solomon), Gina Lollobrigida (Sheba), George Sanders (Adonijah), Marisa Pavan (Abishag), David Farrar (Pharaoh), John Crawford (Joab), Finlay Currie (David), Harry Andrews (Baltor), José Nieto (Ahab), Maruchi Fresno (Bathsheba).

Filmtexte: Jörg Schöning, Berlinale


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Ulrike Ottingers Kino der Attraktionen Für ihre Verdienste um schwullesbisches Filmschaffen erhält Ulrike Ottinger den Pink Apple Festival Award 2020. Einen Film von Ulrike Ottinger zu sehen bedeutet immer, gleich mehrfach auf Reisen zu gehen: durch nah und fern, durch Geschichten in der Geschichte, durch die Zeit in der Zeit – oft sind ihre Werke überlang. Die Begegnung mit dem Anderen, dem Fremden, dem Skurrilen ist ein wiederkehrendes Element, ebenso Maskerade und Crossdressing. Die Darstellung des Begehrens wird oft mit Ritualen der Macht verknüpft, aber auch mit Ironie. Ihre frühen Filme inszenieren ante litteram, was der Begriff «queer» in all seinen Facetten ab den 90er-Jahren umfassen sollte: das Sichtbarmachen von LGBT-Lebensweisen, das Spiel mit Gender und Identität, die Kritik an gesellschaftlichen Normen. So etwa in Ottingers Langfilmdebüt Madame X (1978), einem burlesken «Manifest» der Frauenbefreiung. In dem Piratinnenfilm lädt «die absolute Herrscherin» (Tabea Blumenschein) in ihrem Dasein gelangweilte Frauen auf ihre Dschunke und verspricht «Liebe», «Abenteuer», «Welt» und «Gold». Von überallher kommen die Frauen, die zuerst Machtkämpfe und Eifersucht durchstehen müssen, um schliesslich «mit günstigem Wind» in ein neues, selbstbestimmtes Leben zu segeln. Dabei präsentiert ­Ottinger «kein narratives Kino, sondern verlangt vom Publikum eine besondere Art des assoziativen Sehens und Hörens», wie Waltraud Liebl schreibt. Ende der 60er-Jahre kehrte die 1942 in Konstanz geborene Ulrike ­Ottinger aus Paris zurück, wo sie als Malerin, Fotografin und Performerin begonnen hatte, um sich dann dieser neuen Kunst zuzuwenden, dem Film, der alles umfasste, was sie interessierte: «Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, Musik und Sprache, Rhythmus und Bewegung, Öffentliches und Privates, Politisches und Poetisches, Trauer und Freude». Ausgehend von ­Tableaux vivants, Comics und Pop-Art entstanden ihre ersten Filme – in ­Darstellungsart und «Erlebnisweise» ganz «Camp», wie Susan Sontag diese Kunst der Übertreibung beschreibt, die zugleich als «Geheimcode» funktioniere, oft ebenso anziehend wie abstossend – sich aber nur aus dieser Position der Distanz «analysieren» lasse und nicht zuletzt das «Dasein als das Spielen einer Rolle» begreife.

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Freak Orlando: Virginia Woolf trifft auf Tod Browning. Johanna d’Arc of Mongolia: Transsibirischer Kulturkontakt.


28 Satire, Traum und Realität Etwa im Bildnis einer Trinkerin (1979), dem ersten Teil von Ottingers BerlinTrilogie. «Sie» – eine Frau von grosser Schönheit (Tabea Blumenschein), aufsehenerregend gewandet – fliegt one way nach Berlin, um dort ihrer Passion zu frönen: dem Trinken. In Alliance mit einer Pennerin folgt ein seltsam faszinierendes, aber auch geheimnisvolles Sightseeing durch die teils spektakulären, teils maroden Szenerien der geteilten Stadt. Ebendort spielt auch Freak Orlando (1981), inspiriert von Virginia Woolfs «Orlando» und Tod Brownings Freaks (1932). Als «kleines Welttheater von den Anfängen bis heute» zeichnet Ottinger darin die Historie in ebenso grossartigen wie absonderlichen Vignetten – von der Antike über mittelalterliche Säulenheilige und Geisselungsprozessionen bis zum Aufmarsch von Nazi-Truppen – in einem vom Surrealismus beeinflussten Mix aus Satire, Traum und Realität. «Das Kino der Ulrike Ottinger ist ein Kino der Attraktionen», diese «ziehen an, stossen ab, verblüffen, machen staunen», schreibt Gertrud Koch anlässlich von Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse (1984), dem letzten Teil der Berlin-Trilogie. Katakomben mit riesigen Wassertanks, ein mit Zeitungspapier ausstaffierter Ballsaal, die Pappmaché-Opernbühne am vulkanischen Strand: In diesen bizarren Szenerien entfaltet Ottinger eine visionäre Parabel über eine manipulatorische Welt-Boulevardpresse unter dem Zepter von Frau Dr. Mabuse (Delphine Seyrig). Mit Veruschka von Lehndorff in der Rolle des um seine romantische Liebe betrogenen Dorian Gray. Einen Höhepunkt von Ottingers frühem Schaffen, bevor sie sich vermehrt ihren ethnografischen Erkundungen widmet, bildet der Fiktion und Dokumentarisches verknüpfende Johanna d’Arc of Mongolia (1989). Eine heiter-beschwingte Reise in der Transsibirischen Eisenbahn in Gesellschaft eines exzentrischen Trüppchens, dessen weibliche Reisende unter der kundigen Führung von Lady Windermere (Delphine Seyrig) das fahrende «huis clos» im Lauf des Films mit der Weite der Steppe vertauschen, um mit mongolischen Reiterinnen und ihrer geheimnisvollen Prinzessin in eine fremde Kultur einzutauchen. Eine Einführung in Ulrike Ottingers Universum gibt das Künstlerpor­­ trät Die Nomadin vom See von Brigitte Kramer, das diese kleine Hommage ergänzt. Doris Senn

Doris Senn ist Filmwissenschaftlerin und u. a. als Filmkritikerin tätig. Seit 2001 ist sie ­Kokuratorin und Koleiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple.


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Ulrike Ottinger

MADAME X – EINE ABSOLUTE HERRSCHERIN BRD 1978 «Die Herrscherin des Chinesischen Meeres appelliert an alle Frauen, ihren zwar bequemen und sicheren, aber fast unerträglich eintönigen Alltag einzutauschen gegen eine Welt voller Gefahren und Ungewissheit, aber auch voller Liebe und Abenteuer. Madame X wurde zum Angelpunkt queerer Film­geschichtsschreibung: ‹Dieser Film hat keine Spur von Ängstlichkeit. Im Gegenteil: Denen, die gegen die Faszination dieser ritualisierten, vollkommen ästhetisierten Gewalt stramme Abwehr in Marsch setzen, macht er Angst. Denn auf dem Frauenschiff Orlando sind die Flaggen Angriff, ­Leder, Waffen, lesbische Liebe und der Tod mit einer Schönheit aufgezogen, die den Zuschauerblick nicht absolut beherrschen will. Die Ästhetik unterliegt strenger Stilisierung, die ohne Überwältigung sich frei herzeigt.› (Karsten Witte)» (Arsenal, Institut für Film und Videokunst e. V., arsenal-berlin.de) 145 Min / Farbe / DCP / D/e // DREHBUCH, REGIE, KAMERA, MUSIK Ulrike Ottinger // SCHNITT Dörte Völz // MIT Tabea Blumenschein (Madame X), Monika von Cube (Carla FreundGoldmund), Roswitha Jantz (Noa-Noa), Irene von Lichtenstein (Blow-Up), Christine Lutze (Betty Brillo).

BILDNIS EINER TRINKERIN BRD 1979 «Unter Berufung auf Rainer Werner Fassbinders respektlosen, cleveren Kitsch, Federico Fellinis karnevaleske Groteskerien und Werner Schroeters undurchdringliche, autobiografische Selbstevidenz bringt Bildnis einer Trinkerin jenes ­hoch­­­stilisierte, lustige, frustrierende, schräge, dekadente, berauschende und fieberhafte Delirium, das Ulrike Ottingers Kino ausmacht, auf den Punkt. Als Chronik einer archetypisch schönen, tadellos gekleideten Frau ‹von antiker Würde und raffaelischem Ebenmass›, die eingangs ‹Sie› genannt wird, die beschliesst, sich aus ihrem privilegierten Leben in La Rotunda verabschieden, und ein Ticket ‹aller jamais retour› nach Berlin-Tegel bucht, um ihrem einzigen wahren Wunsch zu folgen – sich auf eine Sightseeing-Sauftour durch die Stadt zu begeben –, untergräbt der Film die ikonischen Bilder von Hollywood-Glamour-Königinnen und Problemkiez-Pennerinnen mit einem parodistischen und egalitären Blick auf die Trunksucht aus der Perspektive einer sich nie rechtfertigenden, jetsettenden, fröhlichen Alkoholikerin und stellt sich

dabei gegen die Scheinheiligkeit kultureller Einstellungen zum gesellschaftlichen Alkoholkonsum.» (Acquarello, filmref.com, 22.12.2017) 109 Min / Farbe / DCP / D/e // DREHBUCH, REGIE, KAMERA Ulrike Ottinger // MUSIK Peer Raben // SCHNITT Ila von Hasperg // MIT Tabea Blumenschein (Sie), Lutze (Trinkerin vom Zoo), Magdalena Montezuma (Soziale Frage), Orpha Termin (Exakte Statistik), Monika von Cube (Gesunder Menschenverstand).

FREAK ORLANDO BRD 1981 «Virginia Woolf trifft auf deutschen UndergroundCamp in Ulrike Ottingers 128-minütigem Spek­ takel aus Performance-Kunst und Kuriositäten. Eigentlich liegt der politische Fokus näher bei dem von Tod Brownings Freaks als bei Woolfs ‹Orlando›, auch wenn Ottinger von Woolf die Vorstellung eines ‹idealen Protagonisten, der alle sozialen Möglichkeiten – Mann und Frau – repräsentiert, die wir normalerweise nicht haben›, übernommen hat. Die fünf Episoden zeigen den Helden/die Heldin im Kaufhaus Freak City (zusammen mit ihren sieben zwergenhaften Schuhmachern), im Mittelalter, gegen Ende der Spanischen Inquisition, in einem Zirkus (wo er sich in Delphine Seyrig, eine von zwei siamesischen Zwillingen, verliebt) und mit vier Bunnies auf einer grossen Europa-Tournee (während der sie auf einem jährlichen Festival der Hässlichen auftritt). Der ganze Film ist so unterschiedlich wie ein Zirkus, aber es gibt einige unbezahlbare Sequenzen, darunter eine virtuose Solodarbietung von Christus am Kreuz.» (Jonathan Rosenbaum, chicagoreader.com) 128 Min / Farbe / DCP / D/e // DREHBUCH, REGIE, KAMERA Ulrike Ottinger // MUSIK Wilhelm Dieter Siebert, Else Nabu, Albrecht Riermeier // SCHNITT Jackie Raynal, Dörte Völz // MIT Magdalena Montezuma (Orlando), Delphine Seyrig ­(Helena Müller), Albert Heins (Herbert Zeus), Claudio Pantoja (1. Tänzer), Hiro Uchiyama (2. Tänzer), Galli Müller (Chronistin), Eddie Constantine (Säulenheiliger).

DORIAN GRAY IM SPIEGEL DER BOULEVARDPRESSE BRD 1984 «Frau Dr. Mabuse, Herrscherin über einen internationalen Pressekonzern, will zum Zwecke der Auflagensteigerung eine Kunstfigur kreieren, die zunächst alle Träume der Leserschaft erfüllt, um sie dann vor deren Augen zu vernichten. Ihre Wahl fällt auf Dorian Gray. Dr. Mabuse führt den rei-


> Madame X.

> Bildnis einer Trinkerin.

> Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse.


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Ulrike Ottinger chen, narzisstischen Dandy in die Oper aus, wo er sich in die Sängerin Andamana verliebt. Auch auf dem Presseball und einer Weltreise durch die Unterwelt macht er eine glänzende Figur – und Dr. Mabuse mit der Berichterstattung hohe Profite. Doch dann wendet sich der moderne Homunkulus gegen seine Schöpferin … Anders als ihr androgyner Held im Film hat Ulrike Ottinger die Vorlesung über ‹Subversive Ästhetik› nicht verpasst: In ihrer futuristischen Medientravestie verbindet sie Avantgardekunst und Triviales, Underground und Weltkulturen, Videotechnik und Voodoo zu einem Welttheater, in dem geschlechtliche und sozial verfestigte Rollenzuschreibungen immer wieder lustvoll konterkariert werden. Ottinger hierzu 1984: ‹Für mich würde eine emanzipierte Gesellschaft darin bestehen, dass sie keine Rollenerwartungen mehr an irgendjemanden stellt. Dann käme es auch nicht zur Diffamierung von Minoritäten.›» (Berlinale 2019, berlinale.de) 152 Min / Farbe / DCP / D/e // DREHBUCH, REGIE, KAMERA ­Ulrike Ottinger // MUSIK Peer Raben, Patricia Jünger // SCHNITT Eva Schlensag // MIT Veruschka von Lehndorff (­ Dorian Gray), Delphine Seyrig (Frau Dr. Mabuse), Tabea Blumenschein (Andamana), Toyo Tanaka (Hollywood), Barbara ­Valentin (Susy), Magdalena Montezuma (Golem), Irm Hermann (Passat).

JOHANNA D’ARC OF MONGOLIA BRD/Frankreich 1989 «Vier Frauen reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn aus zaristischen Zeiten von Europa ­ nach Asien. Unter ihnen sind die vornehm elegante Lady Windermere, eine Ethnologin und Kennerin der mongolischen Kultur, die deutsche Touristin Müller-Vohwinkel, die Broadway-Sängerin Fanny Ziegfeld sowie die junge Giovanna. Im Speisesaal begegnen sie dem verfressenen Feinschmecker und Sänger Mickey Katz, einem russischen General und den drei Sängerinnen eines Klezmer-Trios, das die Reisenden auf der Fahrt unterhält. Die fröhliche Reise wird abrupt unterbrochen, als eine Horde Mongolen den Zug anhält und deren Anführerin Prinzessin Ulan Iga die Westfrauen auf Kamelen und zu Fuss in die Weiten der inneren Mongolei entführt. Aus der Kulisse russischer Bahnhöfe und dem musealen Inneren des Eisenbahnwaggons führt Ulrike Ottinger den Betrachtenden in eine fremde, exotische Kultur. Geschickt nutzt sie den ethnografischen Blick und die Wahrnehmungen des Fremden durch ihre fiktionalen Figuren, um einen Einblick in das Leben der Mongolen zu gewähren und gleichzeitig mit viel Situationskomik ihren Spielfilm voranzutreiben. So begegnen sich zwei

extrem unterschiedliche Kulturen in einem farbenfrohen Abenteuer, das die sieben Frauen als je eigene Erfahrung mit auf ihre weiteren Reisen nehmen.» (Xenix, November 2012) 167 Min / Farbe / DCP / Mongolisch+F+D // DREHBUCH, REGIE, KAMERA Ulrike Ottinger // MUSIK Wilhelm Dieter ­Siebert // SCHNITT Dörte Völz // MIT Delphine Seyrig (Lady Windermere), Irm Hermann (Oberstudienrätin Müller-­ Vohwinkel), Gillian Scalici (Musicalstar Fanny Ziegfeld), Inés Sastre (Abenteuerreisende Giovanna), Re Huar Xu (Prinzessin Ulun Iga), Peter Kern (Tenor Mickey Katz).

ULRIKE OTTINGER – DIE NOMADIN VOM SEE Deutschland 2012 Brigitte Kramer macht in ihrem Porträt Ulrike ­Ottinger – Die Nomadin vom See keinen Hehl da­ raus, dass sie ein Fan von Ulrike Ottinger ist und sich von deren unverwechselbarem Schaffen auch beeinflussen liess. Mithilfe von Archivmaterial und Interviews mit Ottinger zeichnet sie deren Werdegang nach, lässt aber auch Weggefährtinnen und Weggefährten über ihre Mitwirkung in den skurrilen und spektakulären Filmproduktionen der Cineastin sprechen. Das Ergebnis ist eine kurzweilige Einführung in Ottingers Werk, das Appetit auf mehr macht. (mb) 80 Min / Farbe / Digital HD / D // DREHBUCH UND REGIE ­Brigitte Kramer // KAMERA Jörg Jeshel // SCHNITT Stephan Talneau // MIT Eva Mattes (Kommentar), Ulrike Ottinger, Wieland Speck, Irm Hermann, Ulrich Gregor, Valérie Smith.

Das 23. Pink Apple Festival zeichnet Ulrike ­Ottinger mit seinem Festival Award aus, den sie am Donnerstag, dem 30. April persönlich entgegennehmen wird. Für Festival-Gäste und Einführungen s. Programm­übersicht.


> The Bad and the Beautiful.

> Lust for Life.

> Paths Tagebuch of Glory. einer Verlorenen.

> Spartacus.


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Zur Erinnerung an Kirk Douglas Kirk Douglas (1916–2020) war kein Mann für halbe Sachen. Seine ­Figuren waren selten reine Helden, sondern oft schillernd und manchmal abgrundtief böse, sein Schauspielstil aber stets intensiv. Schein­bar unverwüstlich, überstand er schwere Unfälle und Schlaganfälle und wurde biblische 103 Jahre alt. Als kleine Hommage zeigt das Filmpodium fünf Filme mit dem letzten grossen Star des klassischen Hollywood. Der rotblonde Recke mit den stahlblauen Augen und dem unverwechselbaren Grübchen im kantigen Kinn wurde 1916 in Amsterdam, New York, als Sohn jüdischer Einwanderer aus dem heutigen Weissrussland geboren. Als «Sohn des Lumpensammlers» – so der Titel seiner Autobiografie von 1988 – und unter antisemitischen Anfeindungen musste sich der kleine Issur Danielovitch durchschlagen. Er liess sich als Isadore Demsky ein Stück weit amerikanisieren und bewährte sich an der Schule sowohl als Ringer als auch als Schauspieler. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte er unter dem Namen Kirk Douglas auf der Bühne Karriere machen, aber eine Kollegin von der Schauspielschule, Lauren Bacall, holte ihn 1946 nach Hollywood für sein Leinwanddebüt in ­Lewis Milestones The Strange Love of Martha Ivers. Als skrupelloser Boxer in Champion (1949) errang er seine erste Oscarnomination und spezialisierte sich fortan auf zwielichtige und gebrochene Figuren. Auch für seine Rollen als despotischer Hollywoodproduzent in The Bad and the Beautiful (1952) und als selbstzerstörerischer Van Gogh in Lust for Life (1956) wurde er oscarnominiert; ausgezeichnet wurde er aber erst 1996 mit einem Ehren-Oscar. Risikofreudig war Douglas bei der Rollenwahl auch in politischer Hinsicht. Selber Kriegsveteran, übernahm er 1957 in Paths of Glory den Part des streitbaren Obersts Dax, der sich gegen unmenschliche Generäle auflehnt; der Film wurde wegen seiner antimilitaristischen Einstellung mancherorts verboten, auch in der Schweiz. Bei Spartacus (1960), wieder unter der Regie von Stanley Kubrick, machte Douglas faktisch der Hollywood-Blacklist ein Ende, weil er den gesperrten Autor Dalton Trumbo, der die Vorlage des linken Romanciers Howard Fast adaptiert hatte, mit eigenem Namen als Urheber des Drehbuchs aufführen liess. Am 5. Februar ist Kirk Douglas in Los Angeles gestorben. Michel Bodmer


34 THE BAD AND THE BEAUTIFUL USA 1952 «The Bad and the Beautiful – kann es einen schöneren und sensationelleren Titel für Hollywoods Hollywood geben? ‹The Bad›, das ist vor allem Kirk Douglas als energiegeladener, manchmal genialer, manchmal fieser Filmproduzent Jonathan Shields. Die realen Vorbilder für diesen manischen Filmemacher, der den American Dream in modellhafter Weise lebt und auch Gangsterboss, Grosskünstler oder Business-Tycoon sein könnte, sind wahrscheinlich Val Lewton und David O. Selznick. Bei der Beerdigung seines Vaters, eines ebenfalls legendären und legendär rücksichtslosen Producers, sieht man Shields, wie er Trauergästen Geld in die Hand drückt. Sie sind nichts anderes als Statisten am Ende des Boulevards der Dämmerung. Ein bitterer, einsamer Abgang droht auch dem jungen Shields, weil ihn das Glück als grossen Impresario verlassen hat. Er braucht jetzt wieder die Schönen und Anständigen, ‹the Beautiful›, die er gemacht und versehrt hat. Seine Kreationen, seine Opfer, auch seine Dämonen, das sind ein Regisseur, ein Autor und die wunderbare Diva Lana Turner. Der Film zeigt in Flashbacks, stark beeinflusst vom Film noir, wie Shields ‹the Beautiful› ausgenutzt hat und wie diese ihn, der auch schön ist als trauriger Satan, jetzt hässlich erscheinen lassen. Ein düsteres Melo also über die grosse Verführerin, die Kino heisst.» (Hans Schifferle, epd Film, 22.8.2014) 118 Min / sw / Digital HD / E/d / ab 14 // REGIE Vincente Minnelli // DREHBUCH Charles Schnee, nach einer Erzählung von George Bradshaw // KAMERA Robert Surtees // MUSIK David Raksin // SCHNITT Conrad A. Nervig // MIT Kirk Douglas ­(Jonathan Shields), Lana Turner (Georgia Lorrison), Walter Pidgeon (Harry Pebbel), Dick Powell (James Lee Bartlow), Barry Sullivan (Fred Amiel), Gloria Grahame (Rosemary Bartlow), Gilbert Roland (Victor «Gaucho» Ribera), Leo G. Carroll (Henry Whitfield), Vanessa Brown (Kay Amiel), Paul Stewart (Syd Murphy), Ivan Triesault (von Ellstein), Kathleen Freeman (Miss March).

LUST FOR LIFE USA 1956 «Im Gegensatz zum normalen Hollywood-Biopic über ‹den grossen Künstler›, in dem die Kunst immer hinter dem Mann zurücksteht, schildert Minnelli hier das Heranwachsen der Intensität von Van Goghs Kunst. Den ganzen Film hindurch kämpft Van Gogh, von Kirk Douglas brillant verkörpert als ein Mann, der immer auf Messers Schneide steht, darum, sich seiner Familie und Gauguin zu erklären. Doch Minnelli untergräbt

jegliche Erklärungen mit den von ihm gewählten Farben – die denen der Gemälde folgen – und indem seine Dramaturgie Ereignisse in Van Goghs Leben kontrapunktisch seinen Bildern gegenüberstellt. Minnelli erklärt weder die Kunst Van Goghs in Bezug auf sein Leben noch umgekehrt, aber er verherrlicht beides.» (Phil Hardy, Time Out Film Guide) 122 Min / Farbe / DCP / E/d / ab 12 // REGIE Vincente Minnelli // DREHBUCH Norman Corwin, nach dem Roman von Irving Stone // KAMERA Frederick A. Young, Russell Harlan // MUSIK Miklos Rozsa // SCHNITT Adrienne Fazan // MIT Kirk Douglas (Vincent van Gogh), Anthony Quinn (Paul Gauguin), Everett Sloane (Dr. Gachet), James Donald (Theo van Gogh), Pamela Brown (Christine), Niall MacGinnis (Roulin), Eric Pohlmann (Colbert), Noel Purcell (Anton Mauve), Henry ­Daniell (Theodorus van Gogh), Madge Kennedy (Anna Cornelia van Gogh).

PATHS OF GLORY USA 1957 Im Ersten Weltkrieg befehlen französische Generäle einen Angriff auf eine deutsche Stellung, der sinnlos viele Verluste fordern wird. Als der Einsatz scheitert, soll durch die Hinrichtung von drei überlebenden Soldaten wegen Feigheit ein Exempel statuiert werden. Oberst Dax, der den Irrsinn des Angriffs durchschaut hatte, übernimmt die Verteidigung der Sündenböcke vor dem Kriegsgericht. Auch im Zeitalter von 1917 überzeugt Paths of Glory in Bezug auf die realistische Darstellung des Kampfgeschehens und noch mehr als seltenes Beispiel eines echten Antikriegsfilms. «Paths of Glory war der Film, mit dem Stanley Kubrick in die Reihen der grossen Regisseure aufstieg, um sie nie wieder zu verlassen. Als ich Kirk Douglas 1969 interviewte, erinnerte er sich an diesen Film als Höhepunkt seiner Schauspielkarriere: ‹Es gibt einen Film, der immer gut sein wird, auch noch in vielen Jahren. Ich muss nicht fünfzig Jahre warten, um das zu wissen; das weiss ich jetzt schon.› Er zeigt eine geradezu brutale Sparsamkeit im Ausdruck; es ist einer der wenigen narrativen Filme, in denen man der Erzählweise selbst die Wut anmerkt.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 25.2.2005) 87 Min / sw / DCP / E/d / ab 14 // REGIE Stanley Kubrick // DREHBUCH Stanley Kubrick, Calder Willingham, Jim Thompson, nach dem Roman von Humphrey Cobb // KAMERA George Krause // MUSIK Gerald Fried // SCHNITT Eva Kroll // MIT Kirk Douglas (Colonel Dax), Ralph Meeker (Corporal ­Paris), Adolphe Menjou (General Broulard), George MacReady (General Mireau), Wayne Morris (Leutnant Roget), ­Richard Anderson (Major Saint-Auban), Joseph Turkel (Soldat Arnaud),


Kirk Douglas Timothy Carey (Soldat Ferol), Peter Capell (Vorsitzender des Kriegsgerichts), Susanne Christian (=Christiane Harlan) (deutsches Mädchen), Bert Freed (Sergeant Boulanger), Emile Meyer (Priester).

SPARTACUS USA 1960 Der als Gladiator ausgebildete Sklave Spartacus will nicht mehr zur Belustigung der Mächtigen um Leben und Tod kämpfen und zettelt einen Aufstand an, der das römische Reich erschüttert. «Der Uropa von Ridley Scotts Gladiator hat nach fast einem halben Jahrhundert kein bisschen Muskeltonus eingebüsst, und Kirk Douglas’ direkte, unprätentiöse Darstellung des grossen rebellischen Sklaven Spartacus ist einnehmender denn je. Der 30-jährige Stanley Kubrick führt Regie; Peter Ustinov gibt den zynischen GladiatorenAusbildner Batiatus und Laurence Olivier spielt Crassus, den gruseligen, manipulativen Senator, der in einer aussergewöhnlichen Szene seinen Badesklaven Antoninus, verkörpert von Tony Curtis, fragt, ob er nicht Schnecken lieber hätte als Austern. Die Unterscheidung sei eine Frage des Geschmacks, erklärt er uns, und nicht der niedrigen, schuldhaften ‹Lust›.

> Lust for Life.

Die Geschichte von Spartacus kehrt den JesusMythos um: Anstatt von seinen Anhängern verkauft zu werden und einen schrecklichen Tod am Kreuz zu sterben, wird Spartacus beschützt von seinen Truppen, die eher bereit sind, die Kreuzigung zu erdulden, als den in ihren Reihen versteckten Anführer preiszugeben. Ein aufwühlender Klassiker.» (Peter Bradshaw, The Guardian, 5.6.2009) Die restaurierte Fassung verfügt über eine rund fünfminütige musikalische Ouvertüre von Alex North und ein ebenso langes Zwischenspiel nach der Pause. 197 Min / Farbe / DCP / E/d / ab 14 // REGIE Stanley Kubrick // DREHBUCH Dalton Trumbo, nach dem Roman von Howard Fast // KAMERA Russell Metty, Clifford Stine // MUSIK Alex North // SCHNITT Robert Lawrence, Robert Schultz, Fred Chulack // MIT Kirk Douglas (Spartacus), Laurence Olivier (Marcus Crassus), Jean Simmons (Varinia), Charles Laughton (Gracchus), Peter Ustinov (Batiatus), John Gavin (Julius ­Caesar), Tony Curtis (Antonius), Nina Foch (Helena Glabrus), Herbert Lom (Tigranes), John Ireland (Crixus), John Dall (Glabrus), Woody Strode (Draba).

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36 Das erste Jahrhundert des Films

1940 1940 ist der Zweite Weltkrieg in vollem Gange: Deutschland erobert mit seinen Blitzkriegen unerwartet schnell halb Europa, erleidet in der Luftschlacht um England eine Niederlage, verbündet sich mit Japan und Italien und bereitet den Genozid an den Juden vor. Propagandaminister Joseph Goebbels erklärt am Anfang des Jahres, das Medium Film sei wichtig für die Moralsteigerung im Krieg. Den meistzitierten und vermutlich auch folgenreichsten NS-Propagandafilm des Dritten Reichs inszeniert Veit Harlan mit dem berüchtigten Jud Süss, «dem ersten wirklich antisemitischen Film» (Goebbels), der von Millionen Deutschen gesehen und zum Pflichtprogramm für SS-Leute, Wehrmachtsangehörige und KZ-Schergen wird und heute zu den sogenannten Vorbehaltsfilmen zählt. Die Gegner Nazi-Deutschlands entdecken das Kino ihrerseits als Mittel zur ideologischen Bekämpfung der Faschisten: In den USA kommt Charles Chaplins The Great Dictator auf die Leinwand, der als erster grosser Hollywoodfilm deutlich Stellung gegen die Nazis bezieht und eine der brillantesten Satiren der Kinogeschichte bleibt. Am Broadway in New York feiert derweil Walt Disneys Animationsfilm Fantasia Premiere – die Geschichte wird einzig durch die Bilder und die Musik erzählt, weshalb der Film als frühe Form des Musikvideos gilt. In England produziert Alexander Korda The Thief of Bagdad, der durch die üppig ausgestatteten Sets, die leuchtenden Technicolor-Farben und die oscar­ gekrönten Special Effects als einer der erstaunlichsten Märchenfilme in die Filmgeschichte eingeht. Im gleichen Jahr macht die überraschend leichtfüssige Schweizer Liebeskomödie Die missbrauchten Liebesbriefe von Leopold Lindtberg Furore: Der gebürtige Wiener, der als Jude von den Nationalsozialisten verfolgt wurde, wird dafür in Venedig mit der «Coppa Mussolini» ausgezeichnet.  Tanja Hanhart Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 w ­ egweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2020 sind Filme von 1920, 1930, 1940 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1940 Dance, Girl, Dance Dorothy Arzner, USA Foreign Correspondent Alfred Hitchcock, USA Gaslight Thorold Dickinson, GB His Girl Friday Howard Hawks, USA Pinocchio Hamilton Luske, Ben Sharpsteen, USA Rebecca Alfred Hitchcock, USA Stranger on the Third Floor Boris Ingster, USA

The Grapes of Wrath John Ford, USA The Mortal Storm Frank Borzage, USA The Philadelphia Story George Cukor, USA The Sea Hawk Michael Curtiz, USA The Shop Around the Corner Ernst Lubitsch, USA Wuthering Heights William Wyler, USA


Das erste Jahrhundert des Films: 1940

THE GREAT DICTATOR USA 1940 Diktator Adenoid Hynkel träumt davon, die Welt zu beherrschen, regiert unbarmherzig sein Reich Tomania und lässt Juden durch seine Schergen verfolgen. Ein jüdischer Friseur, der Hynkel ungewöhnlich ähnelt, setzt sich mutig gegen die Übergriffe zur Wehr und wird zum Opfer der Kriegshetze. Als ihm die Flucht aus dem KZ gelingt, wird er prompt mit Hynkel verwechselt. The Great Dictator war Charles Chaplins erster Tonfilm, mit dessen Dreharbeiten er bereits 1938 begann. Der Film gilt als gelungenste Satire über den Faschismus. «Das teutonisch angehauchte Kauderwelsch ist längst zum Erkennungszeichen des erfolgreichsten Chaplin-Films aller Zeiten geworden. Chaplin spielt die ultimative Doppelrolle: als Hynkel, politischer Tyrann mit Schnauzbart (…), und als ein Namenloser, der vom Diktator verfolgt wird (…). Eine Tour de Force persönlichen Filmemachens: Zwei Stunden lang wechselt Chaplin zwischen Pathos und Parodie, zwischen Grauen

und Groteske, bevor er sich, die Kino-Konventionen ignorierend, einfach zur Schlussansprache hinstellt und ein verbal wie schauspielerisch brillantes Plädoyer für Weltfrieden und Vernunft hält. Ein essenzieller chaplinoider Entwurf darüber, was der Diktator und der Tramp gemeinsam haben.» (Christoph Huber, filmmuseum.at, 1/2016) 126 Min / sw / DCP / E/d // REGIE, DREHBUCH, MUSIK Charles Chaplin // KAMERA Roland Totheroh, Karl Struss // SCHNITT Willard Nico // MIT Charles Chaplin (Adenoid Hynkel/der jüdische Barbier), Paulette Goddard (Hannah), Maurice Moscovitch (Herr Jaeckel), Emma Dunn (Frau Jaeckel), Jack Oakie (Benzino Napaloni), Reginald Gardiner (Schultz), Billy Gilbert (Feldmarschall Herring), Henry Daniell (Garbitsch).

Vor einzelnen Filmen der Jahre 1940, 1950, 1960 und 1970 werden Beiträge der Schweizer Filmwochenschau aus dem jeweiligen Jahr gezeigt (Daten siehe Programmübersicht). Die Auswahl besorgt der Historiker Severin Rüegg. Mit freundlicher Unterstützung von Lumière, Förderverein Filmpodium.

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Das erste Jahrhundert des Films: 1940

THE THIEF OF BAGDAD GB 1940 Durch eine Intrige des Grosswesirs Jaffar wird Kalif Ahmad entthront. Er findet im kleinen Dieb Abu einen Verbündeten und flieht mit ihm nach Basra, wo er sich in die schöne Prinzessin verliebt. Doch auch Jaffar hat es auf sie abgesehen, er lässt Ahmad erblinden und verwandelt Abu in einen Hund. Nun gilt es, Jaffar zu stürzen und die Prinzessin zu retten. Ein zeitloser, oscarprämierter Märchenfilmklassiker mit Killerstatuen, fliegenden Pferden und Riesenspinnen, der fast alle damals bekannten Special-Effects-Techniken vereint und obendrein das Bluescreen-Verfahren entwickelt. «Dieser Film lässt das Herz aufgehen. Ein früher Technicolor-Film, der mit Freude und Kühnheit Farben einsetzt (…). Obwohl an diesem Film so viele Regisseure beteiligt waren (darunter Michael Powell, zwei Kordas und Menzies), scheint er einer einzelnen Vision entsprungen zu sein, und das muss die von Alexander Korda gewesen sein. Er bleibt einer der grössten Fantasyfilme, von gleichem Rang wie The Wizard of Oz.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 6.5.2009) «Wenn jemand heute über The Thief of Bagdad spricht, dann meistens über die Spezialeffekte. (…) Aber die Schauspieler werden dabei vergessen. Allen voran der afro-amerikanische Schau-

spieler Rex Ingram. Er spielte den Flaschengeist. Ein fieser Geselle, ein grosses Monster mit Zopf. (…) Der indischstämmige Sabu war ein Kinderstar, er spielte Abu (…). Sabus Energie und Leinwandpräsenz wirken heute genauso wie 1940. Das trifft auch auf Rex Ingrams Darstellung als Flaschengeist zu. Diese fantastische Figur hat bisher noch keinen würdigen Nachfolger gefunden.» (Enno Reins/Bernhard Koellisch, srf.ch, 11.8.2014) «Es hat lange gedauert, bis ich realisierte, dass sich alle Filmemacher meiner Generation an The Thief of Bagdad als prägenden Einfluss erinnerten. Wenn man den Film heute Francis Ford Coppola gegenüber erwähnt, wird er sofort anfangen, Sabus Lied zu singen: ‹I want to be a sailor, can’t you understand it!›» (Martin Scorsese, in: Arrows of Desire, Faber and Faber 1994) 99 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE Michael Powell, Alexander Korda, Ludwig Berger, William Cameron Menzies, Zoltan Korda, Tim Whelan // DREHBUCH Miles Malleson, Lajos Biro // KAMERA Georges Périnal, Osmond Borradaile // MUSIK Miklos Rozsa // SCHNITT Charles Crichton // MIT Sabu (Abu), Conrad Veidt (Jaffar), John Justin (Ahmad), June Duprez (Prinzessin), Morton Selten (der alte König), Miles Malleson (Sultan), Rex Ingram (Flaschengeist), Mary Morris (Halima).


Das erste Jahrhundert des Films: 1940

FANTASIA USA 1940 «Ein Konzert als Zeichentrickfilm aus Episoden, die berühmte klassische Musikstücke ‹illustrieren›, zusammengehalten durch kurze Spielszenen mit Orchester und einem überleitenden Erzähler. Die Bandbreite reicht von abstrakten Figurenarrangements zu Bachs ‹Toccata und Fuge d-Moll› über den zu Recht gerühmten Kampf von ‹Zauberlehrling› Mickey Mouse mit den Besen bis zu einer Vision der irdischen Frühgeschichte, untermalt von Strawinskis ‹Le sacre du prin-temps›. Eine so unwahrscheinliche wie ehrfurchtgebietende Fusion von Hoch- und Populärkultur, und bei allen berüchtigten, im Sinne Disneys wohl auch unverzichtbaren Ausrutschern in den Kitsch eines der genuinen Wunderwerke des Zeichentrickkinos.» (Christoph Huber, filmmuseum.at, 2/2015) «Mehr als 40 Jahre vor der Erfindung der Dolby-Surround-Technik erfand Walt Disney den ‹Fantasound›. Dafür wurden die Säle mit 30 bis 80 zusätzlichen Lautsprechern ausgestattet. (…) Beinahe ein Fünftel des Budgets verschlangen allein die neue Soundtechnologie sowie die aufwendigen Orchesteraufnahmen. Doch der Verleih RKO Radio Pictures zog sich zurück, (…) Disney aber gab nicht auf – er übernahm den Verleih einfach selbst. (…) Der Film wurde ein finanzielles

Desaster, der Disney beinahe in den Ruin trieb. (…) Das junge Publikum, das 1969 die Kinosäle stürmte, interessierte sich weder für Mickey Mouse noch für klassische Musik, aber ohne es zu merken, hatte Disney den wohl ersten psychedelischen Film gemacht. Elefanten in rosa Tutus, ungewollte Drogenanspielungen wie tanzende Pilze und ein Regenbögen trinkender Bacchus (…). Nun endlich hatte Disneys Vision ein begeistertes Publikum gefunden. Bis heute hat das durchgeknallte Meisterwerk mehr als 75 Millionen Dollar eingespielt und gilt als einer der wichtigsten Filme Disneys.» (Benjamin Maack, spiegel.de, 1.12.2010) «Futurist, Surrealist, abstrakter Künstler: Das sind keine üblichen Beschreibungen von Walt Disney, aber sie alle passen. (…) Fantasia bleibt einer der erstaunlichsten Filme, die je aus Hollywood gekommen sind.» (Leonard Maltin, bbc.com, 12.11.2015) 125 Min / Farbe / DCP / E // REGIE James Algar, Samuel Armstrong, Bill Roberts u. a. // DREHBUCH Joe Grant, Dick ­Huemer u. a. // KAMERA James Wong Howe // MUSIK Johann Sebastian Bach, Peter Iljitsch Tschaikowski, Paul Dukas, Igor Strawinski, Ludwig van Beethoven.

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Das erste Jahrhundert des Films: 1940

DIE MISSBRAUCHTEN LIEBESBRIEFE Schweiz 1940 Viggi Störteler, Kaufmann und Möchtegern-Dichter, muss für einige Zeit verreisen und hofft auf einen geistreichen Briefwechsel mit seiner Frau Gritli, den er publizieren möchte. Überfordert greift Gritli zu einer List: Sie schreibt Viggis Briefe ab, unterzeichnet mit ihrem Namen und steckt sie dem jungen Dorflehrer zu. Dieser antwortet prompt feurig. Gritli leitet seine Ergüsse in ihrem Namen an Viggi weiter, der entzückt ist über die Begabung seiner Gattin – bis der Schwindel auffliegt. Regisseur Leopold Lindtberg inszenierte Die missbrauchten Liebesbriefe nach einer Novelle aus Gottfried Kellers «Die Leute von Seldwyla», mit überraschend charmanter Leichtigkeit. Die Liebeskomödie wurde in Venedig ausgezeichnet und gehört zu den grössten Erfolgen des alten Schweizer Films. «Die Rollenverteilung ist ausgesprochen glücklich und vereinigt alle Stars aus Film/Theater/Kabarett von diesseits der Saane: Paul Hubschmid und Anne-Marie Blanc (die Rolle des keuschen Gritli verschaffte ihr die Hauptrolle in Gilberte de Courgenay, Anm. der Redaktion), beide von entzückender Natürlichkeit, Alfred Rasser als eitler Verseschmied in der Rolle seines Lebens, Heinrich Gretler, Elsie Attenhofer, Emil Hegetschweiler, Rudolf Bernhard und sogar ein Phänomen wie die Giehse. (…) Die missbrauchten Liebesbriefe weist ein Merkmal auf, das im Schweizer Filmschaffen quasi inexistent ist: Charme. Max

Ophüls, der den Film anlässlich seines kurzen Zürich-Aufenthalts im Winter 1940/41 visionierte, war entzückt, ‹gerührt und überrascht, dass hier so etwas entstehen konnte›.» (Hervé Dumont: Geschichte des Schweizer Films, Cinémathèque suisse 1987) «Das eskapistische Element in der dargestellten kleinbürgerlichen Idylle hatte durchaus Bezug zur martialischen Realität seiner Entstehungszeit. 1940, meinte Lindtberg, ‹war es dem Menschen wichtig, diese vermeintlich ‹heile Welt› zu empfinden, zu sagen: Es wäre schade, wenn sie kaputtginge.›» (film.at) 95 Min / sw / DCP / Dialekt/d/

 // REGIE Leopold Lindtberg

// DREHBUCH Horst Budjuhn, Kurt Guggenheim, Leopold Lindtberg, Richard Schweizer, nach der Novelle aus «Die Leute von Seldwyla» von Gottfried Keller // KAMERA Emil Berna // MUSIK Robert Blum // SCHNITT Käthe Mey // MIT Anne-Marie Blanc (Gritli Störteler), Alfred Rasser (Viggi Störteler), Paul Hubschmid (Wilhelm), Heinrich Gretler (Schulpfleger), Therese Giehse (Marie), Mathilde Danegger (Kätter Ambach), Emil Hegetschweiler (Pfarrer), Elsie Attenhofer (Anneli), Emil Gyr (Beisitzer), Emil Gerber (Beisitzer), Rudolf Bernhard (Apotheker), Adolf Manz (Richter), Schaggi Streuli (früherer Lehrer).


Das erste Jahrhundert des Films: 1940

JUD SÜSS Deutschland 1940 Im 18. Jahrhundert verführt der Jude Joseph Süss Oppenheimer als Finanzberater den Herzog von Württemberg zum Luxus, um sich in die ständische Gesellschaft einzuschleichen. Er nimmt nicht nur die Untertanen des Herzogs aus, sondern stellt auch noch der «arischen» Dorothea nach, die ihn abweist. Schliesslich vergewaltigt er sie, woraufhin sie sich das Leben nimmt. Jetzt aber rebellieren die Stände gegen Jud Süss und zwingen den Herzog, ihn hinrichten zu lassen. «Jud Süss war der berüchtigtste Spielfilm im Nationalsozialismus, der alles bot, was die NSPropaganda brauchte: ausgefeilte Technik, eine melodramatische Liebesgeschichte und antisemitische Feindbilder – zusammen ein unheilvolles Gemisch aus Gewalt und Faszination. Regie führte die Symbolfigur des Unterhaltungskinos unter dem Hakenkreuz und der Liebling von ­Propagandaminister Joseph Goebbels, Veit Harlan. In der Titelrolle: Ferdinand Marian als Typus des finsteren, verschlagenen Juden, der laut ­NS-Ideologie eine Gefahr für Leib und Seele der Volksgemeinschaft darstellt. Ihm gegenüber Kristina Söderbaum, Harlans Ehefrau, die wie keine andere das Bild der arischen Frau verkörpert (…). Unter Harlans Regie verkam die Figur des Süss Oppenheimer zum Prototypen des verbrecherischen Juden: geldgierig und gewissenlos, machtbewusst und ein skrupelloser Verführer der arischen Frau. So jedenfalls wollte ihn das NS-Regime auf der Kinoleinwand sehen. (…)

Nach Kriegsende musste sich Harlan vor dem Landgericht Hamburg verantworten. Er wurde beschuldigt, als psychologischer Wegbereiter der Judenvernichtung gewirkt zu haben. Denn die Einsatzkommandos in Osteuropa bekamen vor ihren Erschiessungsaktionen den Film ebenso vorgeführt wie die Wachmannschaften der SS in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Doch Harlan wurde freigesprochen.» (Michael Marek, dw.com, 24.9.2010) 97 Min / sw / 35 mm / D // REGIE Veit Harlan // DREHBUCH Veit Harlan, Ludwig Metzger, Eberhard Wolfgang Möller // KAMERA Bruno Mondi // MUSIK Wolfgang Zeller // SCHNITT Wolfgang Schleif, Friedrich Karl von Puttkamer // MIT Ferdinand Marian (Joseph Süss Oppenheimer), Heinrich George (Karl Alexander, Herzog von Württemberg), Hilde von Stolz (Herzogin von Württemberg), Werner Krauss (Rabbie Loew/ Sekretär Levy/Alter am Fenster), Kristina Söderbaum (Dorothea, Sturms Tochter).

Mitarbeitende, Studierende und Gäste des Seminars für Filmwissenschaft der Universität ­Zürich führen einzelne Filme der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» ein. Neben dem filmhistorischen Kontext werden f­ ormale und thematische Aspekte betrachtet.

✶ am Montag, 6. April, 18.15 Uhr: Einführung von Marius Kuhn, anschliessend ­Gespräch mit Prof. Dr. Daniel Wiegand (Seminar für Filmwissenschaft, Universität Zürich)

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42 Premiere

Bildbuch – Le livre d’image Jean-Luc Godard hat von seinem bisher jüngsten Film eine Fassung erstellt, die er höchstpersönlich auf Deutsch eingesprochen hat. Diese Version feierte an den Solothurner Filmtagen 2020 ihre Schweizer ­Premiere. Wir zeigen Bildbuch – Le livre d’image als Teaser für unsere Godard-­Retrospektive im kommenden November/Dezember-­ Programm. «Eine Filmszene nach der anderen montiert er aneinander, Zugfahrten, Landschaften, menschliche Interaktionen: Godards Bilderfundus scheint unerschöpflich. Aber zeitlich eingegrenzt. Im Wesentlichen hält er sich an seine ganz persönliche Histoire(s) du cinéma, hin und wieder ergänzt durch einen Youtube-Clip von Al Jazeera, die Mobiltelefon-Aufnahme von Anne-Marie Miévilles Hund oder die eine oder andere Sequenz aus einem Trigon-Film von vor tausend und zwei Nächten. Montiert ist das wie am Küchentisch, vielleicht gar am Computer. Abrupt, gezielt amateurhaft, mit den gleichen Musikzitaten, Explosionen und Vignetten, die er seit vielen Jahren einsetzt. Seine Stimme schnarrt über mehrere Tonkanäle, mal von links, dann von rechts und dann wieder, mitten im Satz, von vorne. Godard macht sich lustig mit/über dem/den Surround-Sound. Wer sein Werk und seine Biografie kennt, wird sich selten langweilen in diesem Bildbuch. Wenn man nicht damit beschäftigt ist, die Filmausschnitte zu identifizieren, folgt man Godards Gedankenketten, versucht, sie zu verknüpfen und zu organisieren. Auch darüber mokiert sich dieser Film.» (Michael Sennhauser, sennhausersfilmblog.ch, 12.5.2018)

BILDBUCH (Le livre d’image) / Schweiz/Frankreich 2018 84 Min / Farbe + sw / DCP / D/OV/d // DREHBUCH, REGIE, SCHNITT Jean-Luc Godard // KAMERA Fabrice Aragno, Jean-Luc Godard, Jean-Paul Battaggia // MIT Jean-Luc Godard (Erzählstimme).


43 Filmpodium für Kinder

Ente gut! Mädchen allein zu Haus Die elfjährige Linh und ihre kleine Schwester Tien sind plötzlich auf sich allein gestellt, als ihre Mutter nach Vietnam muss, um sich um die kranke Oma zu kümmern. Doch das darf niemand erfahren.

ENTE GUT! MÄDCHEN ALLEIN ZU HAUS / Deutschland 2016 95 Min / Farbe / DCP / D / ab 6 // REGIE Norbert Lechner // DREHBUCH Antonia Rothe-Liermann, Katrin Milhahn // KAMERA Namche Okon // MUSIK Martin Unterberger // SCHNITT Manuela Kempf // MIT Lynn Dortschack (Linh), Linda Phuong (Tien), Lisa Bahati Wihstutz (Pauline), Chieu Xuan Nguyen Thi (Mutter Thuy), Andreas Schmidt (Frank), Lena Stolze (Frau Trost), J­ anina Elkin (Frau Schneider), Anna Schumacher (Frau Lorenz).

Zu Beginn geht alles noch gut. Allein zu Haus, das klingt erst mal toll. Was man da alles machen könnte! Doch bald sind die beiden Mädchen überfordert. Und als Pauline aus dem Hochhaus nebenan den beiden auf die Schliche kommt, droht alles aufzufliegen. Doch die Spionin hat anderes im Sinn. Kinderfilm-Workshop Im Anschluss an die Vorstellungen vom 4. April und 9. Mai bietet die Filmwissenschaftlerin Julia Breddermann einen FilmWorkshop an (ca. 45 Min., gratis, keine Voranmeldung nötig). Die Kinder erleben eine Entdeckungsreise durch die Welt der Filmsprache und werden an einzelne Szenen und Themen des Films herangeführt.


44 SÉLECTION LUMIÈRE

DO, 2. APRIL | 18.15 UHR SA, 11. APRIL | 15.00 UHR

UNA GIORNATA PARTICOLARE Drei Jahre nach C’eravamo tanto amati, der

erleben eine paar Stunden der Gemeinsam-

unlängst das Filmpodium-Publikum be-

keit und Wahrhaftigkeit, während im Hinter-

geisterte, drehte Ettore Scola einen seiner

grund die Weltgeschichte ihren Lauf nimmt

grössten Erfolge, Una giornata particolare.

und das Radio Parolen plärrt.

Dessen Inszenierung spiegelt das Under-

«Scola kann einer späteren Generation,

statement des Titels: In diesem nüchternen

die von der Macht des Radios als eines In-

Zweipersonendrama mit Sophia Loren und

struments der diktatorischen Manipulation

Marcello Mastroianni fernab von jedem

kaum mehr eine Ahnung hat, vor Ohren füh-

Glamour geht es im Grunde um alles.

ren, wie es damals um dieses Einhämmern von Losungen und Dogmen bestellt war.

An jenem Tag im Mai 1938, da der italie-

Diese Dramaturgie ist aufs Präziseste

nische «Duce» den deutschen «Führer» in

­beherrscht, nicht anders als die Dramatur-

Rom empfängt und alles, was zwei Beine

gie der Farbe, die bei aller Künstlichkeit,

hat, zur Parade aufgeboten worden ist, tref-

wie Ettore Scola sie liebt, in diesem Film

fen in einem menschenleeren Wohnblock

stimmig ist, bald Momente des Schocks

zwei Zurückgelassene aufeinander: Ga-

schafft, bald atmosphärische Sequenzen

briele, ein schwuler, bereits entlassener

der schüchternen Harmonie. (…) Und aufs

Radiosprecher, der auf seine Verbannung

Einstimmigste arbeitet Ettore Scola mit

wartet, und Antonietta, die Ehefrau und Ge-

­Sophia Loren und Marcello Mastroianni, die

bärmaschine eines überzeugten Faschis-

gegen ihr Image als schöne Menschen den

ten, der mit ihr noch am gleichen Abend je-

Mut haben zur menschlichen Verwitte-

nes siebte Kind zeugen will, für das die

rung.» (Martin Schlappner, NZZ, 29.12.1977)

Mutterschaftsmedaille winkt. Die beiden

✶ am Donnerstag, 2. April, 18.15 Uhr: Einführung von Martin Girod

Randständigen des faschistischen Systems

UNA GIORNATA PARTICOLARE / Italien/ Kanada 1977 105 Min / Farbe / Digital HD / I/e // REGIE Ettore Scola // DREHBUCH Ettore Scola, Ruggero Maccari, Maurizio Costanzo // ­KAMERA Pasqualino De Santis // MUSIK Armando Trovajoli // SCHNITT Raimondo Crociani // MIT Sophia Loren (Antonietta), Marcello Mastroianni (Gabriele), John Vernon (Emanuele, ­Antoniettas Ehemann), Françoise Berd (Concierge), Patrizia Basso (Romana).


45 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 412 31 25 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Telefon 044 415 33 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Arsenal – Institut für Film und Videokunst, Berlin); Casa Azul Films, Lausanne; La Cinémathèque française – Musée du cinéma, Paris; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin; George Eastman Museum, Rochester; Filmsyndikat Filmproduktion, Baden-Baden; Kinemathek Le Bon Film, Basel; Library of Congress, Culpeper; Lobster Films, Paris; Louise Brooks Society, Carmichael; MK2, Paris; Motion Picture Licensing Corporation (MPLC), Zürich; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Park Circus, Glasgow; Praesens Film, Zürich; San Francisco Silent Film Festival; Surf Film, Rom; Tamasa Distribution, Paris; Timeline Films, Culver City; UCLA Film & Television Archive, Santa Clarita; Walt Disney Studios Motion Pictures Switzerland, Zürich; Warner Bros. Entertainment Switzerland GmbH, Zürich; Weltkino Filmverleih, Leipzig. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS, Zürich // KORREKTORAT Nina Haueter, Daliah Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 5000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Jahrhundert-Abo: CHF 50.– (für alle in Ausbildung; freier Eintritt zu den Filmen der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» // Programm-Pass: CHF 60.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen einer Programmperiode) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU ZHANG YIMOU

KIRA MURATOWA

Er ist der erfolgreichste Vertreter der so­

Kira Muratowa (1934–2028) gehört zu den

genannten «Fünften Generation» des chine-

prägenden Regiegestalten des sowjeti-

sischen Kinos, die – aufgewachsen während

schen und ukrainischen Kinos. Kompro-

der Kulturrevolution – in den 1980er-Jahren

misslos und experimentierfreudig, hat sie

den Blick auf das vergessene Filmland

sich der ideologischen Vereinnahmung

China öffnete. Von bildgewaltigen Historien-

stets verweigert und einen unerbittlichen

dramen (Ju Dou, 1990; Rote Laterne, 1991),

Blick auf die Welt geworfen, etwa diejenige

über neo-realistisch anmutende Gegen-

einer sowjetischen Provinzstadt in Kurze

wartsfilme wie Die Geschichte der Qiu Ju

Begegnungen (1967). Entsprechend wurde

(1992) oder Not One Less (1999) bis zu opu-

ihre Arbeit oft zensiert: Lange Abschiede,

lenten Wuxia-Epen wie Hero (2002) oder

1971 entstanden, konnte erst 1987 öffent-

House of Flying Daggers (2004) – Zhang

lich aufgeführt werden. Internationale An-

Yimou hat sich in den 35 Jahren seiner Kar-

erkennung fand Muratowas Schaffen erst

riere immer wieder neu erfunden.

nach der Perestroika: Ihre Filme wurden in Cannes und Berlin gezeigt; 1994 erhielt sie in Locarno den Ehrenleoparden.


Die einzigartige Film-Edition

Diese und weitere Filme gibtâ&#x20AC;&#x2122;s als DVD in guten Buchhandlungen oder auf www.trigon-film.org

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium Programm April/Mai 2020  

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