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1. Januar – 15. Februar 2018

Stummfilmfestival 2018 Memento Moreau


Film4 and New Sparta Films present, in association with HanWay Films, with the participation of Bord Scannán na hÉireann / the Irish Film Board an Element Pictures production in association with Limp

a film by Yorgos Lanthimos

director of photography THIMIOS BAKATAKIS GSC edited by YORGOS MAVROPSARIDIS ACE casting director FRANCINE MAISLER CSA sound designer JOHNNIE BURN production designer JADE HEALY costume designer NANCY STEINER co-producers WILL GREENFIELD PAULA HEFFERNAN ATILLA SALIH YÜCER executive producers ANDREW LOWE DANIEL BATTSEK SAM LAVENDER DAVID KOSSE NICKI HATTINGH AMIT PANDYA ANNE SHEEHAN PETER WATSON MARIE-GABRIELLE STEWART produced by ED GUINEY YORGOS LANTHIMOS written by YORGOS LANTHIMOS and EFTHIMIS FILIPPOU directed by YORGOS LANTHIMOS

AB 11. JANUAR IM KINO ©2017 EP Sacred Deer Limited Channel Four Television Corporation New Sparta Films Limited


01 Editorial

The Winter of Our Dis-content Am 8. Februar findet im Filmpodium eine Buchvernissage statt: Präsentiert wird die neue Ausgabe des CINEMA-Filmjahrbuchs, die Artikel und Essays zum Thema «Zukunft» enthält. Eine mögliche Zukunft des Kinos ist ja: keine. Mehr und mehr verlagert sich der Filmkonsum weg von Kino, DVD/Blu-ray und Fernsehen ins Internet. Digital Natives raffen sich nur selten auf und pilgern in einen Lichtspielsaal, um einen Film auf der Leinwand zu sehen, erst recht nicht zu vorgegebenen Zeiten und bei winterlichen Temperaturen. Zu Hause auf der Couch kann man ja den Content (bzw. filmische Inhalte) runterladen, wanns einem passt. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und geschaut, welche Filme aus dem aktuellen Programm im deutschen Raum bzw. in der Schweiz (legal) online verfügbar sind. Dazu haben wir einen Service verwendet, der einen Überblick über 24 deutsche Plattformen gibt – darunter Branchenriesen wie iTunes, Amazon, Netflix und Google Play, aber auch speziellere Anbieter wie Mubi und realeyz –, und noch ein paar Schweizer Plattformen abgegrast. Von den Werken in unserem Stummfilm-Festival ist gerade mal eines im Netz (aber Live-Musik dazu gibts nur bei uns im Saal). Von den 17 Titeln unserer Hommage an Jeanne Moreau findet man vier, von Eliseo Subiela ist derzeit kein einziger Film online verfügbar (aber da wird trigon-film mittelfristig mehrere auf seiner eigenen Plattform aufschalten). Will sagen: Wer unseren Content zu Hause streamen will, dem blüht frei nach Richard III. ein «Winter des Missvergnügens». Mit dem neuen Jahr beginnt eine weitere Tranche unserer Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films»: Diesmal stehen die Meilensteine der Jahrgänge 1918, 1928 usw. bis 1998 auf dem Programm. Wir haben die Filme dieser Reihe bereits fürs ganze Jahr ausgewählt, und von den rund 42 Meisterwerken aus der Tonfilmzeit (ab 1938) sind immerhin 20 online zu finden, eines davon allerdings nur bei der Verleihplattform von trigon. Um die übrigen 22 sowie die 16 Jahrhundertfilme aus der Stummfilmzeit zu sehen, muss man sich wohl oder übel zu uns schleppen, denn das Internet ist genauso ­Hollywood-lastig wie das kommerzielle Kino und das Fernsehangebot: Independentfilme und Werke von ausserhalb der USA sind online Mangelware. Selbst Filmstudierende (die bei uns für die Jahrhundertreihe ein neues Spezialabo zum Vorzugspreis beziehen können, wie übrigens alle in Ausbildung) ­haben also gute Gründe, das Filmpodium aufzusuchen und zu entdecken, was unser treues Stammpublikum längst weiss: Grosses Kino gibts nur im Kino. Michel Bodmer Titelbild: Jeanne Moreau in Eva von Joseph Losey


02 INHALT

Stummfilmfestival 2018

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1918 brillierte Charles Chaplin mit A Dog’s Life wie auch mit Shoulder Arms, einer Satire über den Krieg; der Däne Holger-Madsen setzte im gleichen Jahr mit Das Himmels­schiff eine pazifistische Utopie dagegen. ­Einen zweiten Schwerpunkt im 15. Stummfilmfestival bildet das Jahr 1928 mit 13 Filmen, darunter The Wedding March, The Crowd, Hitchcocks Champagne und Niblos The Mysterious Lady mit Greta Garbo. Ein paar Perlen aus anderen Jahren und fernen Ländern, darunter Wu Yong-gangs legendäres Portrait ­einer Prostituierten und liebevollen Mutter, The Goddess (1934), ergänzen das Programm. Neben grossen ­ Filmen sind natürlich wiederum grossartige Musikerinnen und Musiker zu erleben, die diese «alten» Werke in neuer Frische aufblühen lassen. Bild: A Girl in Every Port

Memento Moreau

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Jeanne Moreau (1928 – 2017) hatte sich schon auf der Bühne einen Namen gemacht, ehe sie zum Film ging und Ende der fünfziger Jahre in Louis Malles Ascenseur pour l’échafaud und Les amants zum Star der Nouvelle Vague wurde. Moreaus herbe erotische Ausstrahlung, gepaart mit einer hintergrün­ digen Intelligenz, faszinierte neben Louis Malle, François Truffaut und François Ozon auch nicht-franzö­ sische Cineasten wie Michelangelo ­Antonioni, Joseph Losey, Luis Buñuel, Tony Richardson und Orson Welles. Zu Moreaus Filmpartnern zählten Jean-Paul Belmondo, Maurice Ronet, Marcello Mastroianni – und Brigitte Bardot. Bis ins hohe Alter blieb sie eine starke Präsenz im Kino und überzeugte auch als Regisseurin (L’adolescente). Bild: Moderato Cantabile


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Adiós, Eliseo Subiela

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Eliseo Subiela (1944 – 2016) war einer der international erfolgreichsten argentinischen Filmemacher. Auch hierzulande fanden seine bildstarken und sinnlichen Filmfabeln in der Tradition des magischen Realismus grossen Anklang. Zum Gedenken an diesen bedeutenden Cineasten zeigen wir seine sieben besten Filme, darunter El lado oscuro del corazón (1992) und No te mueras sin decirme adónde vas (1995).

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Das Kapuzineräffchen Saï muss sich im Urwald zurechtfinden und viele Gefahren bestehen. Ein abenteuerlicher Dokumentarfilm über die Flora und Fauna des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes, geeignet für die ganze Familie. Bild: Amazonia

Einzelvorstellungen

Bild: Pequeños milagros

Premiere: Lumière!

Filmpodium für Kinder: Amazonia

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Eine Auswahl von restaurierten Filmen der Lumières, die diese Frühwerke der Filmkunst in nie gesehener Pracht entdecken lässt.

Sélection Lumière:  Sophie’s Choice Buchvernissage:  CINEMA und die Zukunft

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Stummfilmfestival 2018 Zum 15. Mal lädt das Filmpodium ein zum Zürcher Stummfilmfestival. Trotz seiner filmhistorischen Natur ist das Programm einmal mehr ganz aktuell: Es zeigt die neuesten Ausgrabungen, Wiederentdeckungen und Restaurierungen der internationalen Filmarchive – von den frühen Lumière­-Filmen bis zu einem späten Stummfilm mit Tonspur. Als ­Jahresauftakt zur Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» b ­ ietet es zudem eine repräsentative Auswahl von Werken aus den Jahren 1918 und 1928. 1918, das letzte Jahr jenes «Grossen Krieges», den man später den «Ersten Weltkrieg» nennen sollte. Dessen Schrecken begannen sich langsam auch im Kino zu spiegeln, nachdem dieses den Krieg zuvor – ausser in pseudodokumentarischen Propagandastreifen – verdrängt hatte. Ausgerechnet dem «Clown» Chaplin kommt mit seinem mittellangen Film Shoulder Arms dabei eine besondere Pionierrolle zu. Auch der dänische Science-Fiction-Ahn Das Himmelsschiff ist mit seiner pazifistischen Botschaft eine deutliche Antwort auf die Gräuel des Kriegs. 1928, im Jahr vor dem Black Friday, stand das Filmschaffen in den USA im Zeichen der immer gewisser werdenden Ab­ lösung des «stummen» durch den Tonfilm, während die Stummfilmkunst in Europa, aber auch im Fernen Osten eine letzte grosse Blüte erlebte. Man hüte sich aber vor Verallgemeinerungen: Den Stummfilm gab es nicht. Gerade in der Stummfilmzeit entwickelten sich nicht nur unterschiedlichste Genres, sondern auch prinzipiell unterschiedliche Ästhetiken. Die einen­ Filmemacher sahen vor allem die Nähe zum gemalten Bild, andere zur Pantomime, und die filmischen Melodramen lehnten sich an die grossen Opern an. Nur das Sprechtheater war etwas völlig anderes. Nirgends wurde das sicht­ barer als bei der filmischen Adaption von Theaterstücken: Was auf der Bühne durch den Dialog vermittelt wurde, musste auf der Leinwand Bildaussage werden. So entwickelte etwa René Clair eine besondere Meisterschaft darin, den Dialogwitz von Boulevardkomödien durch filmische Gags zu ersetzen. In der Stummfilmzeit überschritten die Filmemacher mit Leichtigkeit Grenzen: jene zu anderen Künsten, jene zwischen den (heute weitgehend ­getrennt gesehenen) filmischen Genres und erst recht jene zwischen den Staaten. Nicht nur die Regisseure, sondern auch die Schauspielerinnen und Schauspieler konnten im noch «sprachlosen» Film problemlos grenzüberschreitend

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Mann und Weib: Erich von Stroheim und Fay Wray in The Wedding March (1928) Herr und Hund: Charles Chaplin und Brownie in A Dog’s Life (1918)


06 agieren. So findet man in deutschen Filmen Stars wie Pola Negri – zuvor in Polen, später in Hollywood erfolgreich – oder den Dänen Olaf Fönss, und was wären die amerikanischen ohne Importe wie Greta Garbo und Emil Jannings? Ganz zu schweigen von den unzähligen europäischen Filmemachern in den USA wie Paul Fejos, Josef von Sternberg, Erich von Stroheim, Robert Florey und Slavko Vorkapich. Die Hauptdarstellerin von The Informer, die gebürtige Ungarin Lya de Putti, kennt man sonst vor allem aus deutschen Filmen; sie kam via Hollywood nach England. Das frappanteste Beispiel kulturellen Austauschs liefert vielleicht der japanische Film Jujiro. Eines der Hauptwerke des deutschen expressionistischen Films, Von morgens bis Mitternacht ­(Regie: Karlheinz Martin), fand in Japan weit grössere Beachtung als zu Hause; nur dort ist eine Kopie erhalten geblieben. Teinosuke Kinugasa machte mit seinem ästhetisch verwandten Film die umgekehrte Reise: Er ging damit nach Europa und konnte den Film in Deutschland und anschliessend in anderen europäischen Ländern verkaufen, sodass Jujiro nur in europäischen Archiven überlebt hat. Wie wenig die Stummfilme als isolierte Phänomene zu betrachten, wie sehr sie als Teil einer weiteren kulturellen Entwicklung zu sehen sind, verdeutlichen auch die vielen Wechselwirkungen und Austausche zwischen den Künsten. Nicht nur Franz Kafka und Carl Spitteler haben den jungen Film angeregt verfolgt. Auch viele Grosse des Theaters haben sich zum Sprung in das stumm-bildhafte Medium herausgefordert gefühlt. So kann man in diesem Festival Theaterlegenden wie Charles Dullin oder Wsewolod Meyerhold begegnen. Manhatta des als Maler bereits bekannten Charles Sheeler und des jungen Fotografen Paul Strand zeugt ebenso von der Anziehungskraft des Films auf Künstler anderer Sparten. Der künstlerische Austausch setzt sich bis heute fort in der Zusammenarbeit mit Musikerinnen und Musikern, die zu den Aufführungen der alten, auch zu ihrer Zeit nicht wirklich «stumm» gezeigten Werke eine akustische Ebene beisteuern und so die Festivalaufführungen zu Live-Events werden lassen. Einmal mehr holt das Filmpodium eine Reihe der renommiertesten Vertreter ihres Fachs nach Zürich: den Pianisten Joachim Bärenz (Oberhausen), den Pianisten und Violinisten Günter A. Buchwald und den Schlagzeuger Frank Bockius (beide Freiburg i. Br.), die niederländische Pianistin Maud Nelissen,­ihre Kollegen Stephen Horne (London), Richard Siedhoff (Weimar) sowie Gabriel Thibaudeau (Montréal). Dazu kommen die nicht minder hochkarätigen «einheimischen» Pianisten Martin Christ, André Desponds und Alexander Schiwow, und als hiesige Gäste Saadet Türköz (Stimme), Hans Hassler (Akkordeon) und Bruno Spoerri (Saxofon). Diese Musiker improvisieren, mal völlig spontan, mal minutiös vorbereitet; daneben ist mit Gabriel Thibaudeaus Musik zu Carmen eine Neukomposition live zu hören, die er zusammen mit der Cellistin Isabelle Sajot vor-


07 trägt. Die beiden Chaplin-Filme laufen mit der von ihm selbst nachträglich komponierten Musik, und Lonesome hat einen originalen Movietone-Soundtrack mit Musik und Geräuschen. Die nachstehenden Texte zu den einzelnen Filmen verdeutlichen, dass diese Aufzählung nur ein kleiner Vorgeschmack sein kann auf den Reichtum an Themen, Stars und Attraktionen des 15. Zürcher Stummfilmfestivals. Martin Girod

Martin Girod war von 1993 bis 2005 Koleiter des Filmpodiums der Stadt Zürich. Seither ist er als freier Filmjournalist und Programmkurator tätig.

Für die Unterstützung des Stummfilmfestivals danken wir

Für die Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» können Studierende und alle anderen in Ausbildung im Kalenderjahr 2018 von einem neuen Spezial-Abo profitieren: Das Abo für 50 Franken gewährt ihnen freien Zutritt zu den über 60 Filmen dieser Reihe, einschliesslich der Stummfilme von 1918 und 1928 mit Live-Begleitung. Das Jahrhundert-Abo ist gegen ­entsprechenden Ausweis an der Kinokasse erhältlich.

Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2018 sind Filme von 1918, 1928, 1938 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1918

Weitere wichtige Filme von 1928

Berg-Ejvind und seine Frau (Berg-Ejvind och hans hustru) Victor Sjöström, Schweden Hearts of the World David W. Griffith, USA Ich möchte kein Mann sein Ernst Lubitsch, Deutschland Le cirque de la mort Alfred Lind, Schweiz

Beggars of Life William A. Wellman, USA Das Haus am Trubnaja-Platz (Dom na Trubnoi) Boris Barnet, UdSSR L’argent Marcel L’Herbier, Frankreich La chute de la maison Usher Jean Epstein, Frankreich La coquille et le clergyman Germaine Dulac, Frankreich La passion de Jeanne d’Arc Carl Th. Dreyer, Frankreich Shooting Stars A. V. Bramble/Anthony Asquith, GB Street Angel Frank Borzage, USA Sturm über Asien (Potomok Tschingis-Chana) Wsewolod Pudowkin, UdSSR The Cameraman Buster Keaton/Edward Sedgwick, USA The Docks of New York Josef von Sternberg, USA The Wind Victor Sjöström, USA Un chien andalou Luis Buñuel, Frankreich Underground Anthony Asquith, GB La passion de Jeanne d’Arc läuft im kommenden Programm im Rahmen der C.-Th.-Dreyer-Retrospektive.


> Carmen.

> Un chapeau de paille d’Italie.

> Africa Before Dark.

> Das Himmelsschiff.

> Maldone.

© Collection La Cinémathèque française

> Blue Jeans..


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Stummfilmfestival 2018

BLUE JEANS USA 1917 Der Sohn einer Sägereibesitzerfamilie kehrt in das heimatliche Provinznest zurück, um den Betrieb zu übernehmen, verliebt sich in eine Waise und gerät in die Intrigen der Lokalpolitik. John H. Collins ist selbst unter filmhistorisch Bewanderten ein kaum bekannter Name. Umso grösser war die Begeisterung über seine Wiederentdeckung am Stummfilmfestival in Pordenone 2016. «Er drehte 1914/15 bei Edison erste Kurzfilme und danach rund zwei Dutzend Spielfilme, bis die Grippewelle 1918 den knapp 29-Jährigen dahinraffte. (…) Blue Jeans (1917) wirkt im Vergleich zu Griffith-Filmen jener Zeit viel direkter zupackend, moderner auch in der Spielweise. Dazu trägt wesentlich Viola Dana bei. Sie verleiht der eher konventionellen Story durch eine starke Frauenfigur eine ungewöhnliche Note.» (Martin Girod, Filmbulletin, 8/2016) «Es ist spannend, einen hervorragenden Regisseur wie John H. Collins zu entdecken. (…) Seine Filme ziehen alle Register, doch seine grösste Stärke liegt in den einfühlsamen und nuancierten Bildern eines ländlichen Amerikas, das fast wie zur Pionierzeit wirkt.» (Jean-Pierre Berthomé und Hubert Niogret, Positif, Dez. 2016) From the collection of George Eastman Museum 84 Min / sw / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE John H. Collins // DREHBUCH June Mathis, Charles A. Taylor, nach dem Theaterstück von Joseph Arthur // KAMERA John ­Arnold, William H. Tuers // MIT Viola Dana (June), Robert Walker (Perry Bascom), Sally Crute (Sue Eudaly), Clifford Bruce (Ben Boone), Russell Simpson (Jacob Tutwiler). MI, 24. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, OBERHAUSEN (PIANO)

DAS HIMMELSSCHIFF (Himmelskibet) Dänemark 1918 «Avanti Planetaros startet in einem Raumschiff zum Mars. Die Reise verläuft nicht störungsfrei: Der amerikanische ‹Astronaut› David Dane greift zum Alkohol, dann droht eine Meuterei. Auf dem Mars begegnet der Besatzung der ‹Excelsior› eine Hochkultur aus Pazifisten und Vegetariern (...). In Marya, der Tochter des regierenden Weisheitsfürsten, findet Avanti Planetaros seinen ‹Lebensmenschen›. Auf der Heimreise begleitet sie ihn, um die Menschheit zur Vernunft zu bekehren … Während des Ersten Weltkriegs eine Friedensbotschaft: (…) Das Himmelsschiff entwirft das Andere

als Ideal einer aufgeklärten, geistig und moralisch überlegenen Gesellschaft. Moderne technische Errungenschaften der Kinematografie und der Fliegerei treffen hierbei auf hellenistische Gewänder und florale Jugendstilformen. Auch deshalb gehört der frühe ‹Blockbuster› (…) eindeutig zu den Blütenträumen des Genres.» (Katalog Berliner Filmfestspiele 2017) «Dieser aufwendig produzierte Weltraumfahrtsfilm ist ein Meilenstein im Science-FictionGenre. (...) Auch wenn die druidenähnlichen Marsbewohner unfreiwillig komisch erscheinen mögen, ist die Vorstellung des Films von einer utopischen idealen Welt, kulturgeschichtlich gesehen, recht erstaunlich.» (Casper Tybjerg, Katalog Giornate del cinema muto, Pordenone 2006) 81 Min / sw / DCP / Stummfilm, dän + e Zw’titel // REGIE ­Holger-Madsen // DREHBUCH Sophus Michaëlis, Ole Olsen, nach dem Roman von Sophus Michaëlis // KAMERA Louis Larsen // MIT Gunnar Tolnæs (Avanti Planetaros), Zanny Petersen (Corona), Nicolai Neiiendam (Prof. Planetaros), ­ Alf Blütecher (Dr. Krafft), Lilly Jacobsson (Marya). DI, 30. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON (PIANO, AKKORDEON, FLÖTE)

A DOG’S LIFE USA 1918 «Der Kampf eines arbeitslosen armen Mannes, der nur einen Mischlingshund als Gefährten hat, gegen eine Welt von herzlosen, an Macht und Geld reichen Menschen.» (Lexikon des int. Films) Dank einem Millionenvertrag mit dem First National Exhibitors’ Circuit kann sich Chaplin als Produzent unabhängig machen. Mit den beiden ersten da entstandenen Filmen, A Dog’s Life und Shoulder Arms, nutzte Chaplin seine neue Position sogleich für ambitioniertere Werke. «Ein Wendepunkt in der Entwicklung Chaplins und Charlies. (...) Von nun an wird jeder seiner Filme die volle Bitterkeit des Heruntergekommenen, des armen Teufels zeigen. (…) Keine Karikaturen mehr, die Alltagsrealität, aber stilisiert und rhythmisiert.» (Jean Mitry: Tout Chaplin, Éditions Atlas 1972)

SHOULDER ARMS USA 1918 Entgegen den Warnungen, dass eine Militärsatire mitten im Krieg nicht unbedingt opportun sei, produzierte Chaplin 1917 diesen längsten seiner Kurzfilme, der auch einer seiner erfolgreichsten werden sollte. Indem er sich mit dem einfachen


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Stummfilmfestival 2018 deutschen Soldaten solidarisierte und stattdessen den Militärbetrieb karikierte, bewies Chaplin, «dass die Komödie ihre Wirkung am besten entfalten kann, wenn sie auf der Schwelle zur Tragödie steht. Es gelang ihm, die wahren Schrecken des Krieges so darzustellen, dass man darüber lachen muss. Und wie sich herausstellte, wusste kein Publikum Shoulder Arms mehr zu würdigen als die Männer, die diese Wirklichkeit gesehen und durchlitten hatten.» (David Robinson: Chaplin – Sein Leben, seine Kunst, Diogenes 1989)

den Rhythmus und die Handlung des Films betont.» (Gabriel Thibaudeau) 90 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, d Zw’titel // REGIE Ernst Lubitsch // DREHBUCH Hanns Kräly, Norbert Falk, nach der Novelle von Prosper Mérimée // KAMERA Alfred Hansen // MIT Pola Negri (Carmen), Harry Liedtke (Don José Navarro), Leopold von Ledebur (Escamillo, Stierkämpfer), Grete Diercks (Dolores), Wilhelm Diegelmann (Gefängniswärter), Paul Conradi (Don Cairo, Schmuggler), Paul Biensfeld ­(Garcia, Schmuggler), Max Kronert (Remendado, Schmuggler), Magnus Stifter (Leutnant Esteban), Sophie Pagay (Don

A DOG'S LIFE

Josés Mutter), Margarete Kupfer (Carmens Wirtin).

32 Min / sw / DCP / Stummfilm mit Musik, e Zw’titel //DREHBUCH, REGIE UND MUSIK Charles Chaplin // KAMERA

SO, 7. JAN. | 18.15 UHR

­Roland H. Totheroh // MIT Charles Chaplin (Tramp), Edna

LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU, MONTRÉAL

Purviance (Barsängerin), Sydney Chaplin (Imbissstand-­

(PIANO), ISABELLE SAJOT, PARIS (CELLO)

Besitzer), Henry Bergman (Dicker Arbeitsloser/Dame im Tanzcafé), Dave Anderson (Barkeeper), Albert Austin (Dieb).

SHOULDER ARMS

DER GANG IN DIE NACHT Deutschland 1921

45 Min / sw / DCP / Stummfilm mit Musik, e Zw’titel // DREHBUCH, REGIE UND MUSIK Charles Chaplin // KAMERA ­Roland H. Totheroh // MIT Charles Chaplin (Soldat), Edna Purviance (französisches Mädchen), Sydney Chaplin (amerikanischer Sergeant/der deutsche Kaiser), Henry Bergman (deutscher Feldwebel/Feldmarschall von Hindenburg), Tom Wilson (Sergeant im Ausbildungslager), Jack Wilson (Kronprinz), Albert Austin (amerikanischer Soldat/deutscher Soldat/Chauffeur des Kaisers). Verschiedene Spielzeiten, s. Leporello

CARMEN Deutschland 1918 Carmen lockt Don José vom Weg der Tugend und Pflichterfüllung auf die Pfade der Schmuggelei. Als sie ihre Liebe zum Stierkämpfer Escamillo entdeckt, wird sie von Don José erstochen. Was im letzten Kriegsjahr als grössenwahnsinniges Projekt des Produzenten Paul Davidson erscheinen musste, zahlte sich aus: Die Carmen wurde als eine der ersten ihrem Talent entsprechenden Filmrollen Pola Negris gefeiert. Später kam der Film sogar in den USA heraus und trug dazu bei, dass der Star nach Hollywood verpflichtet wurde. Lubitschs Carmen ist nicht jene der BizetOper. Deshalb ist es konsequent, wenn Gabriel Thibaudeau in der von ihm 2016 komponierten Begleitmusik zum Film nicht auf Bizet zurückgreift. «Während Jahren habe ich nach einem Film gesucht, zu dem sich die Wärme des Cellos und das Prickelnde des Klaviers vereinen liessen. Lubitschs Carmen erscheint mir als Traummedium dafür. Ich wollte das Cello für die Stimme und die Sinnlichkeit Carmens, während das Piano

«Der früheste erhaltene Film von F. W. Murnau ist paradoxerweise der einzige seiner Filme, von dem das originale Kameranegativ vorhanden ist. Von diesem ausserordentlichen Material ausgehend, hat das Münchner Filmmuseum eine ausserordentliche Restaurierung gemacht: einen Film, der zum ersten Mal eine genaue Vorstellung vermittelt von Murnaus innovativer, höchst ausdrucksvoller Lichtführung. Die Story – ein bedeutender Arzt erliegt dem Zauber einer skrupellosen Tänzerin – wird in der ganzen Weimarer Zeit ihren Widerhall finden, Sternberg inklusive.» (Museum of Modern Art, New York, Nov. 2016) «Ein spontanes Gespür entwickelt sich für jenen eigenen filmischen Rhythmus, der nicht bestimmt wird von der Logik des Erzählens. (…) Ein Film über das Sehen, über das Sich-Verschauen. Demonstrativ schaut Eigil im Varieté weg, er scheut den Blick auf die Szene. (…) Automatisch kommen einem bei diesem komischen Professor Freudtexte in Erinnerung. Den anderen sehen machen, so sah auch Freud seinen Job.» (Fritz Göttler, in: Friedrich Wilhelm Murnau, Hanser 1990) «Von den neun Filmen, die Murnau vor Nosferatu drehte, haben nur zwei mehr oder minder vollständig überlebt. (…) Man schaut sich diese Einstellungen an und realisiert, dass die meisten Stummfilmfassungen in keiner Weise dem gerecht werden, was das Publikum damals sah. (…) In jenen Tagen wurden die Vorführkopien in der Regel direkt vom Kameranegativ gezogen, das heisst, was aufgezeichnet war, gelangte auch auf die Leinwand. Diese neue Münchner Restaurierung erlaubt es uns, in jedem einzelnen Bild alles zu sehen, mit einer wunderbaren Klarheit und Detailgenauigkeit.» (David Bordwell, www.davidbordwell.net/blog)


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Stummfilmfestival 2018 81 Min / tinted / DCP / Stummfilm, d Zw’titel // REGIE Friedrich Wilhelm Murnau // DREHBUCH Carl Mayer, nach dem dänischen Filmszenarium «Der Sieger» von Harriet Bloch //

AFRICA BEFORE DARK USA 1928

KAMERA Max Lutze // MIT Olaf Fönss (Professor Eigil Boerne­, Augenarzt), Erna Morena (Helene, seine Verlobte), Gudrun Bruun-Steffensen (Lily), Conrad Veidt (der Maler). SO, 21. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: SAADET TÜRKÖZ, ZÜRICH (STIMME), HANS HASSLER, HAGENDORN (AKKORDEON)

UN CHAPEAU DE PAILLE D’ITALIE Frankreich/Deutschland 1927 «Spritzige Verwechslungskomödie mit hohem Tempo: Ein Pferd verspeist den Hut einer verheirateten Dame, die gerade mit einem anderen Mann zärtlich ist. Das führt zu zahlreichen Missverständnissen.» (Heyne Film Lexikon) Der 29-jährige René Clair war anfänglich wenig begeistert von der Idee, das 1851 uraufgeführte Boulevardstück für den Film umzusetzen. Er fand die Lösung, indem er die Handlung ins Geburtsjahr des Cinématographe, 1895, verpflanzte. Damit war er einer der Ersten, der den optischen Reiz der Belle Époque und ihrer Kostüme für eine ironische Verfremdung zu nutzen verstand. «Der Film, Clairs erster grosser Publikumserfolg, hat den Dialogwitz seiner Bühnenvorlage geschickt in optische Gags übersetzt. Den roten Faden der Handlung liefert weniger die Dramaturgie als vielmehr die Bewegung – eine ständige Verfolgungsjagd.» (Reclams Filmführer) Dieser Stummfilmkomödien-Klassiker wird in einer 4K-Restaurierung aus dem Jahr 2016 gezeigt, welche die Cinémathèque française und das San Francisco Silent Film Festival ausgehend von den Negativen der französischen und internationalen Versionen erstellt haben. Aufgrund von Vereinbarungen der Cinémathèque française mit den Rechteinhabern kann der Film ausschliesslich mit der Musik gezeigt werden, die Raymond Alessandrini in den 1980er-Jahren für die erste Restaurierung komponiert und nun an die längere Version angepasst hat.

Im Mai 1928 erblickte ein bis heute populärer Star das Licht der Leinwand: Mickey Mouse. In Africa Before Dark, einem drei Monate früher herausgekommenen Film aus der Vorgängerserie «Oswald, the Lucky Rabbit», finden wir die beiden künstlerischen Eltern der legendären Maus, Walt Disney und Ub Iwerks, in der vollen Blüte ihres Erfindungsreichtums. Aus der Sammlung des Österreichischen Filmmuseums

A GIRL IN EVERY PORT USA 1928 Unter den unwiderstehlichen und unverwechselbaren Komödien, für die Howard Hawks berühmt ist, die früheste. Möglicherweise der Film, der das Genre der Buddy-Movies begründete, zugleich aber jener, der Louise Brooks definitiv zum Star machte. «Ein wunderbar unwahrscheinliches kleines Komödien-Drama. Auf halbem Weg kippt es von der genialen, überdrehten Komödie zum gedämpften Drama, von der jugendlich-übermütigen Geschichte zweier Seeleute, die sich gerne prügeln, zur präzisen Studie einer Dreiecksbeziehung.» (Donald C. Willis: The Films of Howard Hawks, Scarecrow Press 1975) «Eine misogyne Komödie, die männliche Kameradschaft – mit homosexuellen Untertönen – zelebriert? Wohl kaum. Eher schon eine böse Satire über falsch verstandene Männlichkeit.» ­ (Rolf Thissen: Howard Hawks, Heyne 1987) AFRICA BEFORE DARK 7 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, ohne Dialog // DREHBUCH UND REGIE Walt Disney, Ub Iwerks // KAMERA Mike Marcus.

A GIRL IN EVERY PORT 70 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Howard Hawks // DREHBUCH Seton I. Miller, James Kevin McGuin-

115 Min / tinted / DCP / Stummfilm mit Musik, f Zw’titel // RE-

ness, nach einer Story von Howard Hawks // KAMERA L. Wil-

GIE René Clair // DREHBUCH René Clair, nach der Komödie

liam O’Connell, Rudolph Berquist // SCHNITT Ralph Dixon //

von Eugène Labiche, Marc Michel // KAMERA Maurice

MIT Victor McLaglen (Spike Madden), Louise Brooks (Godiva/

­Desfassiaux, Nicolas Roudakoff // MUSIK Raymond Alessan-

Tessie), Robert Armstrong (Bill), Maria Casajuana (Chiquita),

drini // MIT Albert Préjean (Fadinard), Olga Tschechowa

Francis McDonald (Bandenchef), Phalba Morgan (Lena), Felix

(Anaïs Beauperthuis), Jim Gérald (Beauperthuis), Paul Olli-

Valle (ihr Mann), Leila Hyams (Frau des Matrosen).

vier (Vésinet), Marisa Maïa (Hélène, die Braut), Yvonneck ­(Nonancourt), Louis Pré fils (Bobin), Alex Allin (Félix), Alice Tissot (Cousine), Alexis Bondireff (Cousin), Henri Volbert (Bürgermeister), Vital Geymond (Lt. Tavernier). Verschiedene Spielzeiten, s. Leporello

DI, 6. FEB. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR. (PIANO, VIOLINE), BRUNO SPOERRI, ZÜRICH (SAXOFON)


> The Last Command.

> The Crowd.

> The Informer.

> Lonesome.


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Stummfilmfestival 2018

CHAMPAGNE GB 1928 «Die Tochter eines Wallstreet-Magnaten büxt aus nach Frankreich; der Vater, der ihre Wahl missbilligt, folgt ihr und macht ihr weis, er sei pleite. Erst lässt sie den Champagner strömen, dann muss sie sich in einem Nachtclub verdingen und andere dazu animieren.» (Enno Patalas: Alfred Hitchcock, dtv 1999) Der junge François Truffaut, der in seinem Hitchcock-Interviewbuch seinem berühmten Gesprächspartner selten widerspricht, protestierte, als dieser Champagne schlechtreden wollte: «Ich finde, Sie sind ungerecht, ich habe mich sehr amüsiert. Der Film ist sehr lebendig (...) und voller Erfindungen.» Dank der komödiantischen Hauptdarstellerin und einer Vielzahl schöner Regieeinfälle ist der Film von jener süffigen Spritzigkeit, die der Titel verspricht. «Am deutlichsten als Hitchcock erkennbar sind die Szenen zwischen Betty und ‹dem Mann›, einem unheimlichen ‹kosmopolitischen› Mann von Welt, der mit irritierender Regelmässigkeit auftaucht.» (Katalog Il cinema ritrovato, Bologna 2013) A restoration by the BFI National Archive in association with STUDIOCANAL. Principal restoration funding provided by The Eric Anker-Petersen Charity. Additional funding provided by Deluxe 142. 95 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Alfred Hitchcock // DREHBUCH Eliot Stannard, Alfred Hitchcock, nach dem Roman von Walter C. Mycroft // KAMERA Jack E. Cox // MIT Betty Balfour (Betty, das Mädchen), Jean Bradin (Junge), Ferdinand von Alten (Mann), Gordon Harker (Mark, Bettys Vater), Clifford Heatherley (Manager), Marcel Vibert (Oberkellner), Jack Trevor (Offizier). SO, 14. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL (PIANO)

CROSSROADS (Jujiro) Japan 1928 Ein junger Mann glaubt, im Kampf einen Rivalen getötet zu haben. Er flüchtet zu seiner Schwester, die ihm helfen soll. Diese sucht ihrerseits Hilfe bei einem vermeintlichen Polizisten. Als dieser zudringlich wird, bringt sie ihn um. «Diese zur Zeit der Samurais spielende Geschichte hätte den Stoff für ein banales Melodram abgegeben. Doch Kinugasa machte daraus ein Meisterwerk, das er selbst beschrieb als ‹Symphonie von Grautönen in der Art der Sumi-je› (Tuschzeichnungen). Das Drehbuch verwendete

viele Rückblenden, mischte Vergangenheit und Gegenwart ebenso wie Imaginäres und Reales. (...) Ein deutscher Einfluss ist nicht unwahrscheinlich, (…) in diesem zutiefst japanischen Film, der den stärksten amerikanischen, französischen und deutschen Beispielen der zwanziger Jahre ebenbürtig ist.» (Georges Sadoul: Dictionnaire des films, Éditions du seuil 1967) «Der Regisseur fuhr selbst nach Europa und versuchte, den Film zu verkaufen. (…) In Berlin lief er unter dem Titel Im Schatten des Yoshiwara. Später kam er auch in Paris, London und New York heraus; er gilt als der erste japanische Film, der eine grössere Verbreitung im Westen fand.» (Jasper Sharp: Historical Dictionary of Japanese Cinema, Scarecrow Press 2011) 75 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, d + e Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Teinosuke Kinugasa, nach seiner Story // K ­ AMERA Kohei Sugiyama // MIT Akiko Chihaya (Okiku), Junosuke Bando (Rikiya, ihr Bruder), Yukiko Ogawa (O-Ume), Ippei Soma (Mann mit Polizeiknüppel), Yoshie Nakagawa (alte Kupplerin). DO, 18. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: RICHARD SIEDHOFF, WEIMAR (PIANO)

DER WEISSE ADLER (Bely orjol) UdSSR 1928 In einer Industriestadt des zaristischen Russlands streiken die Arbeiter. Die Regierung in Sankt Petersburg treibt den Provinz-Gouverneur zu hartem Durchgreifen an. Als die Arbeiter, von einem Provokateur angeheizt, Steine werfen, gibt der Gouverneur widerstrebend den Schiessbefehl. Angesichts toter Kinder hat er danach Gewissensbisse, doch aus Sankt Petersburg erhält er den Orden vom Weissen Adler. «Der weisse Adler war der erste sowjetische Film, der einen zaristischen Regierungsvertreter in einem moralischen Dilemma zeigte, dem Konflikt zwischen privatem Gewissen und offizieller Pflicht – und der Film wurde deshalb falscher Sympathien bezichtigt.» (Jay Leyda: Kino – A History of the Russian and Soviet Film, London 1960) «Zwei diametral entgegengesetzte Schauspielschulen treffen hier aufeinander: Katschalow war ein echter Stanislawski-Schüler; Meyerhold entwickelte und propagierte die Biomechanik. Protasanow konstruierte eine klare Gegenüberstellung des ‹psychologischen› und des ‹physio­ logischen› Stils.» (Peter Bagrov, Katalog Giornate del cinema muto, Pordenone 2012) 70 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, russ + d Zw’titel // REGIE Jakow Protasanow // DREHBUCH Oleg Leonidow, Jakow ­Protasanow, Jakow Urinow, nach der Erzählung «Der Gouverneur» von Leonid Andrejew // KAMERA Peter Jermolow //


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Stummfilmfestival 2018 MIT Wasili Katschalow (Gouverneur), Anna Sten (Hauslehrerin), Wsewolod Meyerhold (Würdenträger), Andrej Petrowski (Polizeichef), Pjotr Repnin (Bischof), Iwan Tschuweljow (Provokateur), Jelena Wolkonskaja (Frau des Gouverneurs). MO, 15. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL (PIANO)

LES DEUX TIMIDES Frankreich 1928 René Clair, zuvor eher für avantgardistische Filme wie Entr’acte bekannt, wandte sich bei der Produktionsfirma Albatros der Komödie zu. Der Rückgriff auf Theaterstoffe mag auf den ersten Blick kaum Clairs früherer Forderung nach Filmen entsprechen, «die direkt für die Leinwand geschrieben sind und die spezifischen Mittel der Kamera verwenden». Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man sieht, wie Clair an die Stelle der Bühnendialoge eine «mit den Mitteln der Kamera» erzeugte Komik setzt. «René Clairs wichtigste Filme der Stumm­ filmzeit, Un chapeau de paille d’Italie und Les deux timides, lassen sich aus dem Boulevardtheater ebenso wie von den Grotesken Mack Sennetts herleiten. Sie stehen in jenem eigentümlichen Spannungsverhältnis zwischen sozialer Realität, poetischer Erfindung und Ironie, die das Besondere des clairschen Stils ausmacht. (…) Im Mittelpunkt steht ein schüchterner und furchtsamer Rechtsanwalt, den eine Maus im Gerichtssaal völlig durcheinanderbringt und der sich dem Mädchen, das er liebt, nicht zu erklären wagt. (…) Das stete Zögern der Protagonisten vor notwendigen Entscheidungen und ihre Unsicherheit setzt der Film in ballettartige Bildfolgen um.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films, Sigbert Mohn 1962)

LONESOME USA 1928 Zwei alleinstehende junge Angestellte, ein Mann und eine Frau, lernen sich bei einem Ausflug nach Coney Island kennen, verlieben sich und verlieren sich in der Menge wieder aus den Augen. An der Schwelle zur Tonfilmzeit entstand dieser aussergewöhnliche Hollywoodfilm, der an Originalschauplätzen in New York und Coney Island gedreht und nachträglich um drei Dialogszenen erweitert wurde. «Es ist eine Liebesgeschichte, die von New York handelt und von der Einsamkeit junger Menschen in der Stadt. Paul Fejos (1897 in Ungarn geboren; Red.) wusste, wovon er sprach. Er war mit 26 Jahren in New York angekommen, konnte anfangs kaum ein Wort Englisch und hatte kein Geld. Dieses Erfahrene und Erlittene ist in den Film eingegangen.» (Peter Nau, zit. nach Programmheft Filmmuseum München, Sept. 2007) «Aus dem banalen Stoff hat Paul Fejos eine bis zum Rand gefüllte Handlung geschaffen. (...) Die Monotonie dieses Lebens ist durch viele treffende Einzelzüge belegt. Zu unterbrechen vermag sie einzig der Kitsch. Es gehört zu den besten Einfällen des Films, dass dem Schlager eine entscheidende Rolle angewiesen worden ist.» (Siegfried Kracauer, Frankfurter Zeitung, 9.4.1929) 70 Min / sw / Digital HD / Stummfilm mit Musik und Tonsequenzen, e Zw’titel // REGIE Paul Fejos // DREHBUCH ­Edward T. Lowe, nach einer Story von Mann Page // KAMERA Gilbert Warrenton // MUSIK Irving Berlin (Walzer «Always») // SCHNITT Frank Atkinson // MIT Barbara Kent (Mary), Glenn Tryon (Jim), Fay Holderness (herausgeputzte Dame), Gustav Partos (romantischer Herr), Eddie Phillips (guter Kumpel). Verschiedene Spielzeiten, s. Leporello

Nach mehreren Restaurierungen hat die Cinémathèque française 2016 auf der Grundlage des Negativs und der OriginalNitrat-Zwischentitel eine 4K-Restaurierung erstellt. Diese konnte dank der Digitalisierung des CNC und der Partnerschaft mit dem San Francisco Silent Film Festival abgeschlossen werden. 66 Min / sw / DCP / Stummfilm, f Zw’titel // DREHBUCH, REGIE UND SCHNITT René Clair, nach einem Einakter von ­Eugène Labiche, Marc Michel // KAMERA Robert Batton, ­Nicolas Roudakoff // MIT Maurice de Féraudy (Thibaudier), Pierre Batcheff (Frémissin), Véra Flory (Cécile Thibaudier), Jim Gérald (Anatole Garadoux), Yvette Andreyor (Mme Garadoux), Françoise Rosay (Frémissins Tante), Louis Pré fils (Cousin Garadoux), Madeleine Guitty (Annette). DI, 23. JAN. | 21.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, OBERHAUSEN (PIANO)

MALDONE Frankreich 1928 «Olivier Maldone, der seit zwanzig Jahren mit den Landstreichern und Flussschiffern lebt, kehrt nach dem Tod seines Bruders heim auf das elterliche Schloss, heiratet eine junge Frau aus der Nachbarschaft, sehnt sich nach seiner Zigeunerliebe zurück und bricht schliesslich wieder auf. Maldone war ein grosser Wurf mit wunderbaren Kanal-Landschaften, Bergen und Weiden. Eine brillante ländliche Ballsequenz nahm die Spitzenleistungen des ‹réalisme poétique› der dreissiger Jahre vorweg.» (Georges Sadoul: Dictionnaire des films, Paris 1967) «Man kann sich vorstellen, dass die komplexe Struktur des Films mit seinen Parallelmontagen


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Stummfilmfestival 2018 und Rückblenden damals ebenso auf Ablehnung und Verständnislosigkeit stiess wie seine gesellschaftliche Provokation: die Weigerung, ein Besitzbürger zu sein; die sehnsüchtige Verklärung des Tagelöhnerlebens; die Ablehnung der bürgerlich-wohlanständigen Ehe; die fleischliche Erotik der Zigeunerin. (…) Ein unglaublich einfallsreicher, beherrschter und starker Spielfilmerstling.» (Hubert Niogret, Positif, April 2002)

rauen Klang von Wahrheit.» (Tom Milne, Time Out Film Guide) The presentation of The Crowd by arrangement with Photoplay Productions and Warner Brothers; Courtesy of Photoplay Productions © 1981

MANHATTA 7 Min / sw / DCP / Stummfilm, ohne Dialog // DREHBUCH, ­REGIE UND KAMERA Paul Strand, Charles Sheeler.

90 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, f Zw’titel // REGIE Jean ­Grémillon // DREHBUCH Alexandre Arnoux // KAMERA Geor-

THE CROWD

ges Périnal // SCHNITT Emmanuel Nicolas, Henriette Pinson

100 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, eng. Zw’titel // REGIE King

// MIT Charles Dullin (Olivier Maldone), Marcelle Charles-

Vidor // DREHBUCH King Vidor, John V. A. Weaver, Harry Behn

Dullin (Missia, die Wahrsagerin), Genica Athanasiou (Zita),

// KAMERA Henry Sharp // SCHNITT Hugh Wynn // MIT Elea-

Annabella (Flora Levigné), Roger Karl (Vater Levigné), Gey-

nor Boardman (Mary), James Murray (John Sims), Bert Roach

mond Vital (Marcellin Maldone).

(Bert), Estelle Clark (Jane), Daniel G. Tomlinson (Jim, Marys Bruder), Dell Henderson (Dick, Marys Bruder), Lucy Beau-

MO, 5. FEB. | 18.15 UHR

mont (Marys Mutter).

LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR. (PIANO, VIOLINE)

MI, 17. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: RICHARD SIEDHOFF, WEIMAR (PIANO)

MANHATTA USA 1921

THE LIFE AND DEATH OF 9413 – A HOLLYWOOD EXTRA

«Paul Strand, durch seine Fotos weltberühmt, drehte zusammen mit dem Maler und Fotografen Charles Sheeler 1921 einen Kurzfilm über New York, Manhatta. Der mit einer Debrie-Kamera handgekurbelte Film ist von einem Text Walt Whitmans inspiriert, dem er die Eingangs- und Zwischentitel entlehnt. Dieser erste Filmessay ist ein zugleich abstraktes und konkretes optisches Gedicht über Strands Geburtsstadt.» (Larousse Dictionnaire mondial du cinéma)

USA 1928

THE CROWD

«Eine Satire auf Hollywood. Ein Mann möchte ein Filmstar werden, bekommt von Mr. Almighty eine Zahl auf die Stirn gemalt, erreicht aber sein Ziel nie. Erst als er stirbt, wird er (im Himmel) von seinem marionettenhaften Dasein befreit.» (Hans Scheugl/Ernst Schmidt jr.: Eine Subgeschichte des Films, Suhrkamp 1974) «Der Film galt im damaligen Hollywood als Sensation; auch in den heute erhaltenen Teilen fasziniert die Kühnheit der optischen Gestaltung.» (Buchers Enzyklopädie des Films)

USA 1928 From the collection of George Eastman Museum

«Geboren am 4. Juli 1900, versucht ein hoffnungsvoller junger Mann sein Glück in New York, bringt es aber nur zum namenlosen Angestellten in einem Grossraumbüro. Seine Träume zerrinnen im Verlauf von Jahren zwischen Eheproblemen, den Sorgen um seine Familie und endloser Arbeit ohne Aussicht auf Aufstieg. Authentische, teilweise mit versteckter Kamera gedrehte Aufnahmen von Manhattan sowie eine ungewöhnlich illusionslose Sicht des amerikanischen Traums haben diesem Film den Ruf eines sozialkritischen Ausnahmefalls und Meisterwerks des späten amerikanischen Stummfilms eingetragen.» (Andreas Furler, Programm Filmpodium, Juli/Aug. 2002) «Die schauspielerischen Leistungen sind makellos, und erstaunliche Aussenaufnahmen in den verkehrsreichen New Yorker Strassen verleihen dieser zutiefst menschlichen Odyssee einen

THE LAST COMMAND USA 1928 «Mit dieser Geschichte eines zum Filmstatisten herabgesunkenen ehemaligen Generals der Zarenarmee, der bei Filmarbeiten noch einmal Gelegenheit erhält, seine einstigen Triumphe und die Entwicklung zu seinem Untergang nachzuerleben, gab Sternberg nicht nur Jannings die Gelegenheit zu einer seiner eindrucksvollsten Verkörperungen pathetischer Altgrössen, er bestätigte auch seinen (…) Ruf als Regisseur von ausserordentlicher Bildkraft. Erstmals setzte er in diesem Film die langsamen Überblendungen ein, die ein wesentliches Element seines flüssigen Stils werden sollten.» (Buchers Enzyklopädie des Films)


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Stummfilmfestival 2018 «Das ist Sternbergs erstes Meisterwerk, die erste seiner glitzernd stilisierten Rhapsodien über Engagement und Verrat, gekonnt ausbalanciert zwischen Satire und ‹absurdem› Melodram.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide) «Einer der seltsamsten, grössten und unbarmherzigsten Filme über Hollywood in der Stummfilmzeit. (…) Aufstieg und Fall von Klassen stehen im Zentrum des Films, auch wenn Sternberg erklärte, sich nicht für Politik zu interessieren.» (Katalog Il cinema ritrovato, Bologna 2008)

The presentation of The Mysterious Lady by arrangement with

From the collection of George Eastman Museum

LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU,

THE LIFE AND DEATH OF 9413

Photoplay Productions in association with Warner Brothers; Courtesy of Photoplay Productions © 2002 85 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Fred Niblo // DREHBUCH Bess Meredyth, nach einem Roman von Ludwig Wolff // KAMERA William H. Daniels // SCHNITT ­Margaret Booth // MIT Greta Garbo (Tania Fedorova), Conrad Nagel (Karl von Raden), Gustav von Seyffertitz (General Boris Alexandroff), Albert Pollet (Max Heinrich). SA, 6. JAN. | 20.45 UHR MONTRÉAL (PIANO)

13 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Robert Florey, Slavko Vorkapich // KAMERA Gregg Toland, Robert Florey, Slavko Vorkapich, Paul Ivano //

THE WEDDING MARCH USA 1928

MIT Jules Raucourt (9413), Voya George (der Star), Adriana Marsh (das Starlet).

THE LAST COMMAND 95 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Josef von Sternberg // DREHBUCH John F. Goodrich, nach der Story von Lajos Biró // KAMERA Bert Glennon // SCHNITT William Shea // MIT Emil Jannings (General Dolgorucki/ Grossherzog Sergius Alexander), Evelyn Brent (Natalie Dobrova), William Powell (Leo Andreyev). FR, 2. FEB. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH (PIANO)

THE MYSTERIOUS LADY USA 1928 «Im Wien vor dem Ersten Weltkrieg verliebt sich ein junger österreichischer Offizier in eine schöne russische Spionin, die ihm geheime Papiere stiehlt. Um sich zu rehabilitieren, macht er sich in Russland auf die Suche nach ihr, wo er sich von ihrer Liebe zu ihm überzeugen kann. (...) Greta Garbo auf einem frühen Höhepunkt ihrer (Stummfilm-)Karriere.» (Lexikon des int. Films) Ein Stoff wie für ein Opernlibretto, und tatsächlich spielt eine Opernszene, die grosse Arie der Tosca, eine Schlüsselrolle. Garbos sechster Film in Hollywood zählt merkwürdigerweise nicht zu den ganz berühmten, doch ist er zweifellos einer der Höhepunkte in ihrer Karriere. Hier ist sie noch nicht statisch stilisiert und tragisch ins «Göttliche» entrückt, hier ist sie noch menschlich und sinnlich. Zu der – auch von ihren Kollegen am Set bezeugten – hoch konzentrierten Präsenz der Schauspielerin kommt in diesem Film eine technische Neuerung: Ihr bevorzugter Kameramann William Daniels konnte erstmals mit Glühlampenlicht und panchromatischem Filmmaterial arbeiten, das die Feinheiten von Garbos Gesicht und Mimik besser zur Geltung bringt. (meg)

«Wien vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ein österreichischer Prinz, der ein einfaches Mädchen liebt, muss schliesslich aus Standesund finanziellen Rücksichten eine andere heiraten. (…) Schonungs- und rücksichtslos gestaltet Stroheim die Stationen eines erotischen Konkurrenzkampfes zwischen dem aristokratischen Offizier und dem (Klein-)Bürgertum.» (Lexikon des int. Films) «Der Höhepunkt in Stroheims Auseinandersetzung mit den sozialen Unterschieden in Europa vor dem Ersten Weltkrieg. (…) Stroheim mag den Glanz und das Gloria, das bleibt deutlich, aber er bricht die Darstellung durch Witz und Ironie.» (Norbert Grob, in: Filmklassiker, Reclam 1995) «Die detailgenaue und sehr sympathievolle Entwicklung der komplexen Situation, geschildert in Sequenzen von grosser dramatischer Wucht, die mit exquisit lyrischen Episoden alternieren, machen The Wedding March zu Stroheims zugleich subtilstem und mitreissendstem Werk.» (Buchers Enzyklopädie des Films) The presentation of The Wedding March by arrangement with Photoplay Productions; Courtesy of Photoplay Productions © 1998 110 Min / Farbe + sw / 35 mm / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Erich von Stroheim // DREHBUCH Erich von Stroheim, Harry Carr // KAMERA Hal Mohr, Ben Reynolds // SCHNITT Frank E. Hull, Josef von Sternberg, Julian Johnston MIT Erich von Stroheim (Prinz Nikki), Fay Wray (Mitzi Schrammel), George Fawcett (Prinz von Wildeliebe-Rauffenburg), Maude George (Prinzessin von Wildeliebe-Rauffenburg), George Nichols (Schweisser), ZaSu Pitts (Cecilia Schweisser), ­ Matthew Betz (Schani Eberle), Cesare Gravina (Mitzis Vater), Dale F ­ uller (Mitzis Mutter), Hughie Mack (Schanis Vater). DO, 11. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ (PIANO)


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Stummfilmfestival 2018

Ein Film von Robert Müller

Alte Kunst neu entdeckt eine filmische Reise in die spektakuläre Welt der Köhler im Luzerner Entlebuch

Ab 11. Januar im Kino *koehlernaechte_InsD_127x98_fp.indd 1

THE INFORMER GB 1929

16.11.17 16:39

100 Min / tinted / DCP / Stummfilm, e Zw’titel // REGIE Arthur Robison // DREHBUCH Rolf E. Vanloo, nach dem Roman von Liam O’Flaherty // KAMERA Werner Brandes, Theodor Sparkuhl // SCHNITT Emile de Ruelle // MIT Lya de Putti (Katie

Liam O’Flahertys Geschichte eines irischen Revolutionärs, der einen seiner Kameraden verraten hat und nun von den andern verfolgt wird, ist bekannt geworden durch die Tonfilmversion von 1935 unter der Regie von John Ford. Doch schon vier Jahre nach dem Erscheinen des Romans war diese erste Filmversion entstanden, die Fords berühmtem Film ebenbürtig ist. «The Informer hat alle Kennzeichen eines klassischen Hollywood-Noirs – nur ein Jahrzehnt zu früh und einen Ozean entfernt. Er war eine Spitzenproduktion von British International Pictures, gestaltet von einem kosmopolitischen Team (…). Diese stumme Version (...) trifft das Wesentliche des Romans, die Atmosphäre einer Welt ohne Entrinnen. (…) Robison drehte fast ausschliesslich im Studio, in Grossaufnahmen und mittleren Einstellungen, um ein Gefühl der Enge zu vermitteln, und liess den Film beinahe in ‹Realzeit› spielen – wie der Roman in einem Tag und einer Nacht –, wodurch die Noir-hafte Anspannung entsteht.» (Bryony Dixon, Katalog Il cinema ritrovato, Bologna 2017)

Fox), Lars Hanson (Gypo Nolan), Warwick Ward (Dan Gallagher), Carl Harbord (Francis McPhillip), Dennis Wyndham (Murphy), Janice Adair (Bessie), Daisy Campbell (Mrs. ­McPhillip), Craighall Sherry (Mulholland), Ellen Pollock (Prostituierte), Johnny Butt (Wirt). MO, 29. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON (PIANO), GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR. (VIOLINE), FRANK BOCKIUS, FREIBURG I. BR. (SCHLAGZEUG) FR 9. FEB. | 18.15 UHR Musikfassung von Garth Knox (Neukomposition 2016)

THE GODDESS (Shennü) China 1934 «Dieser vom 27-jährigen Wu Yong-gang geschriebene, inszenierte und ausgestattete Film gehört zu denen, die eine Neuschreibung der Film­ geschichtsbücher erfordern. Die an Garbo erinnernde Ruan Ling-yu spielt eine alleinstehende Mutter, die in die Prostitution (der Titel ist ein Euphemismus) getrieben wird, um die Schulbildung


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Stummfilmfestival 2018

> The Goddess.

> Center Stage.

ihres jungen Sohns bezahlen zu können. All ihre Anstrengungen, sich einen Rest persönlicher Würde zu bewahren, scheitern an gesellschaftlicher Hypokrisie und an männlicher Misogynie. (…) Ganz ohne zu moralisieren und frei von Melodramatik, mit expressiver Kameraarbeit und Ausleuchtung, ist der sehr naturalistisch gespielte Film ein Werk von erstaunlicher Modernität.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide) «Dieser Film benutzt die Prostitution als Symbol der Unterdrückung und ungerechten Behandlung. Er gilt als einer der Klassiker des chinesischen Stummfilms und hält jedem Vergleich mit den besten zeitgenössischen westlichen Filmen stand.» (Yingjin Zhang/Zhiwei Xiao: Encyclopedia of Chinese Film, Routledge 1998)

and Duty sehen). Stanley Kwan hat ihr kein konventionelles Biopic gewidmet, sondern ein facettenreiches, ihre privaten wie professionellen Kämpfe reflektierendes Puzzle. Die fiktiven Szenen (Maggie Cheung erspielte sich in der Rolle ihrer illustren Vorgängerin selbst definitiv Starstatus!) wechseln ab mit dokumentarischen, dazu kommen Filmausschnitte mit der echten Ruan Ling-yu und imaginierte Szenen aus wichtigen nicht erhaltenen Filmen des Stars. (meg) «Dieser Film misst Leute aus dem heutigen Hongkong an ihren Vorfahren aus den 1930er-Jahren (...). Die Vorfahren sind in diesem Fall die Filmleute aus Shanghai, die dem chinesischen Film zu seinem Goldenen Zeitalter verhalfen; im Mittelpunkt steht die grosse Schauspielerin Ruan Lingyu, eine Proto-Feministin, die 25-jährig von der Skandalpresse in den Selbstmord getrieben wurde. (…) Liebevoll, lebendig, ergreifend, beinahe überwältigend.» (Tony Rayns, Time Out Film Guide)

84 Min / sw / DCP / Stummfilm, chin + e Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Wu Yong-gang // KAMERA Hong Wei-lie // MIT Ruan Ling-yu («Göttin»), Zhang Zhi-zhi (Gangster), Li Keng (Sohn), Li Jun-pan (Schulleiter).

©2010 Fortune Star Media Limited. All Rights Reserved DI, 9. JAN. | 18.15 UHR

154 Min / Farbe + sw / Digital HD / Chin/e // REGIE Stanley

LIVE-BEGLEITUNG: ALEXANDER SCHIWOW,

Kwan // DREHBUCH Yau Dai An-ping, nach einer Erzählung

ZÜRICH (PIANO)

von Peggy Chiao // KAMERA Poon Hang-sang // MUSIK

Zur Ergänzung von The Goddess und unserer Hongkong-

Keung Chuen-tak, Cheung Ka-fai // MIT Maggie Cheung

Reihe im letzten Sommer zeigen wir das Biopic Center Stage.

(Ruan Ling-yu/sie selbst), Tony Leung Ka-fai (Regisseur Tsai

Johnny Chen Siu Chung // SCHNITT Peter Cheung Yiu-chung,

Chu-sheng), Chin Han (Tang Chi-shan), Carina Lau (Li Lily,

CENTER STAGE (Ruan Ling-yu)

Schauspielerin), Lawrence Ng (Chang Ta-min, Ruan Ling-yus Mann), Stanley Kwan (er selbst).

Hongkong 1992 Verschiedene Spielzeiten, s. Leporello

Welchem Star wird schon über fünfzig Jahre nach seinem/ihrem letzten Film ein Biopic gewidmet, dessen Originaltitel nur aus dem Namen besteht, weil der beim Publikum noch immer legendär ist? Ruan Ling-yu, oft als die chinesische Garbo bezeichnet, ist am Stummfilmfestival dieses Jahr mit The Goddess vertreten, einer ihrer schönsten Rollen (am Festival 2016 konnte man sie in Love

Filmauswahl und Kurztexte, wenn nicht anders vermerkt: Martin Girod (meg).


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Lumière! Alte Filmaufnahmen, zumal solche, die das private und öffentliche Leben vor weit über hundert Jahren zeigen, umgibt oft eine ­melancholische Aura vergangener Zeiten. Wenn sie wie nun in Lumière! in hervorragender Qualität wieder zu entdecken sind, verwandelt sich diese Aura in reine Magie. Legenden sind anschaulich und erklärungsmächtig, doch zeigen, erzählen und erhellen sie bestenfalls die halbe Wahrheit. Vor allem aber verstellen sie den unmittelbaren Zugang zu Leben und Werk, so auch zum Cinématographe und dem filmischen Œuvre von Louis und Auguste Lumière. Schon zu Lebzeiten rankten sich nationalistische Anekdoten um die beiden Lyoner FotoIndustriellen als Alleinerfinder des Films, der Leitkunst der Moderne. Doch so sehr die medientechnische Innovation der Lumières überschätzt sein mochte – ihr Apparat war nur das eleganteste und vielseitigste unter zahlreichen konkurrierenden Systemen –, so unterbewertet blieb ihr filmisches Werk. Es ist dies ein Schatz von 1428 zertifizierten Filmen, zwischen 1895 und 1903 weltweit geäufnet von Dutzenden ihrer Operateure, geordnet nach sieben Themenbereichen in zwei Verkaufskatalogen und ursprünglich auch sorgfältig archiviert. Wenn deshalb dieses riesige filmische Gesamtwerk ungleich besser und vollständiger erhalten ist als alle anderen Produktionen der Filmpionierzeit, woher rührt dann aber dessen verbreitete Geringschätzung, die erst mit der pompösen 100-Jahr-Feier des Films von 1995 endete? Der legendäre Antagonismus zwischen «naturalistisch-dokumentarischem» Lumière-Œuvre und unterhaltsamem, erzählerischem Illusionismus des Zaubertheaterkünstlers Georges Méliès reicht als Erklärung nicht aus. Zum einen sahen sich die Lumières nicht als «Content Providers». Ihr – auch geschäftliches – Interesse galt vorab der Weiterentwicklung der fotografischen Technologien wie der Grossbild- und Panoramaprojektion sowie der Farb-, 3-D- und sogar holografischen Fotografie. Sie verkauften deshalb schon 1903 den Cinématographe mit schönem Gewinn ihrem einstigen Konkurrenten Charles Pathé, der einen besseren Riecher für langfristig publikumswirksame Stoffe hatte – und der mit der Einführung des Verleihsystems eine wichtige Grundlage dafür schuf, dass sich der Film am neuen Veranstaltungsort «Kino» institutionalisieren konnte. Zum anderen, und damit eng verknüpft, verpassten die Lumières die Entwicklung einer Kamera von grösserem Fassungsvermögen als nur einer knappen Minute Filmmaterial. Ein typischer Lumière-Film entspricht deshalb einer durchschnittlich 50-sekündigen, ungeschnittenen Einzeleinstellung ohne


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LUMIÈRE! / Frankreich 2016 90 Min / Farbe + sw / DCP / F/d // REGIE Thierry Frémaux // MUSIK Camille Saint-Saëns // SCHNITT Thomas Valette, Thierry Frémaux // MIT Thierry Frémaux (Erzähler), Auguste und Louis Lumière (Archivbildmaterial), Martin Scorsese.

Kamerabewegung. Kürze, Statik und die Unmöglichkeit von Montage erwiesen sich natürlich bald als gestalterisches Handicap, wenn es darum ging, immer längere und komplexere Geschichten zu erzählen. Zwar begründete Louis Lumière mit L’arroseur arrosé bereits 1895 die Filmkomödie. Doch auch dieser narrative Wurf von ausgeklügelter Mikrodramaturgie und schönen fotografischen Effekten war in der gebotenen Kürze nicht ausbaufähig, allen Remakes und Plagiaten zum Trotz. Nur «lebendige Postkarten»? – Keineswegs! Dies rechtfertigt aber noch lange nicht das ungerechte, langjährige Verdikt, dass es sich beim Werk der Lumières bestenfalls um «lebendige» Postkarten handle. Solche professionellen Vorurteile konnten nur deswegen entstehen, weil die allermeisten Filme kaum greifbar waren – und wenn, dann in sehr schlechtem Zustand. Vor lauter buchstäblicher und ideologischer Patina im Lumière’schen Vermächtnis fehlte es am direkten Zugang: Die Möglichkeit einer offenen, authentischen Begegnung mit den Filmen selbst tat not. Dies alles änderte sich mit dem Projekt der Cinémathèque française und des Lyoner Institut Lumière, das Filmerbe der Lumières mit allen heute zu


21 ­ ebote stehenden digitalen und analogen Bildbearbeitungstechnologien zu G ­sichern und zu erschliessen. Der Präsident des Lumière-Instituts und Chef des Festivals von Cannes, Thiérry Frémaux, liess dabei alle Muskeln spielen, um aus diesem Material den prächtigen Film Lumière! zu machen, der dem cinephilen Publikum ein qualifiziertes Wiedersehen, vor allem aber ein neues Sehen ermöglicht. Und was geschieht mit uns dabei? Lumière! eröffnet ein eigentliches Universum, eine neue «Recherche du temps perdu», einen melancholischen Einblick in eine so ferne und doch so nahe Zeit, die mit der Zäsur des Ersten Weltkriegs abrupt ihr Ende fand. Nie – und schon gar nicht beim Funzellicht und Bildstandwackeln ihrer zeitgenössischen Projektoren – konnte man diese Filme in so unverhoffter Pracht sehen. Die schlechthin fantastische 4K-Auflösung dieser Aufnahmen lädt zur Entdeckung von unglaublichsten Details ihrer Entstehung ein, vor allem aber zur Feier des unwiederbringlichen, doch leuchtenden Augenblicks: Das Fell einer Katze im Sonnenlicht, das im Wind wogende Laub, das Voltigieren von Soldaten, die Mühsal der Waschfrauen am Fluss, das Spiel der Kinder und der Wellen – sie alle sind Aufforderung zum genauen Hinblicken, aber immer auch Verführung zum impressionistischen Schwelgen: Das Vermächtnis der Lumières ist Auftakt zur Moderne und Abgesang auf die Belle Époque zugleich. Hansmartin Siegrist

LUMIÈRE 308 − BÂLE: PONT SUR LE RHIN

DI, 16. JAN. | 18.15 UHR

VIDEOVORTRAG ÜBER EINE INTERDISZIPLINÄRE STUDIE

Lumière 308 – Bâle: Pont sur le Rhin erlaubt einen Blick auf Basel auf dem Höhepunkt des Fin de Siècle. Lange Zeit blieb der Film von der Forschung unbeachtet, doch wie der Videovortrag des Basler Medienwissenschaftlers und Filmhistorikers Hansmartin Siegrist zeigt, lässt sich in den 47 Sekunden von Lumière 308 eine Vielzahl an historischen Details herausarbeiten, wenn sich an die 50 Institutionen und Archive dahinter machen, sie genau zu analysieren. So konnte der Film anhand von meteorologischen und anderen Faktoren genau auf den 28. September 1896 datiert werden. Zahlreiche Personen liessen sich identifizieren, und neu erschlossene Dokumente verdeutlichen die privilegierte Stellung, die Henri LavanchyClarke, der flamboyante Industrielle, Sunlight-Seifen-Konzessionär und Schweizer Lumière-Promotor der ersten Stunde, im Distributionssystem des Cinémathographe innehatte. Neben Lumière 308 sind im Videoreferat auch zahlreiche andere Schweizer Lumière-Filme zu sehen, etwa von der Schweizer Landesausstellung 1896 in Genf – mit erstaunlichen neuen Untersuchungsergebnissen aus der schweizerischen Kunstszene. Dauer: ca. 60 Minuten.


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Memento Moreau Sie war nicht schön im landläufigen Sinne, aber von einer grossartigen schauspielerischen Ausdruckskraft. Sie hatte Mut zu riskanten Projekten und ein hervorragendes Sensorium für junge talentierte Regisseure. Das macht Jeanne Moreau (1928 – 2017), die Ikone der Nouvelle Vague, zu der Schauspielerin, die mehr gute Filme mit hervorragenden Regisseuren gemacht hat als jede andere. Nostalgie war ihr suspekt. Dennoch liebte sie es, wenn man ihr Retrospektiven widmete, was einer Schauspielerin vom Range einer Jeanne Moreau bereits zu Lebzeiten regelmässig widerfuhr. Bei solchen Anlässen konnte sie vom Kino sprechen, was sie gerne und klug tat, und von all den Filmschaffenden, mit denen sie im Laufe ihrer über sechs Dekaden währenden Karriere zusammengearbeitet hatte. Eine wahrlich illustre Schar – ihre Filmografie liest sich wie das «Who’s Who» des europäischen Autorenfilms –, deren geschmackssichere Zusammensetzung Ergebnis eines sorgfältigen Auswahlprozesses war. «Ich habe den Entschluss gefasst, nur mit guten Regisseuren zu arbeiten. Berühmte oder junge, von denen noch nie jemand gehört hatte, das machte keinen Unterschied, solange ihre filmischen Ideen interessant waren», sagte sie einmal. «Nun kann ich zurückschauen und sehen, dass ich kaum einen Film gemacht habe, für den ich mich schämen müsste. Selbst die schlechten waren gute Ideen.» Moreau konnte sich erlauben, wählerisch zu sein, denn als das Kino rief, war sie längst ein Star der französischen Bühne. Noch ehe sie das Konservatorium abgeschlossen hatte, engagierte der grosse Theatermacher Jean Vilar sie 1947 für sein neu gegründetes Festival von Avignon. Da war sie noch keine 20. Wenig später wurde sie die jüngste fest angestellte Schauspielerin an der Comédie française, von wo sie Vilar an sein Théâtre National Populaire lockte. Dort sah sie der junge Louis Malle in «Die Katze auf dem heissen Blechdach» und wollte sie unbedingt für sein Regiedebüt. Ascenseur pour l’échafaud hiess der Film, der Anfang 1958 ins Kino kam. Er begründete Jeanne Moreaus Ruhm als Filmschauspielerin und gab bereits einen Vorgeschmack auf die neue Welle rebellischer Filmschaffender, die bald den Aufstand gegen Papas Kino proben sollte. Stilbildend wurde eine Szene, in der Moreau durch das nächtliche Paris streift, auf der Suche nach ihrem Geliebten. Sie ahnt nicht, dass er nach

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Zweimal Jeanne Moreau, im Abstand von 50 Jahren: Lebenshungrig in Jules et Jim (1962) Lebenserfahren in Une Estonienne à Paris (2012)


24 erfolgreicher Ausführung ihres gemeinsam geplanten Mordkomplotts im Fahrstuhl stecken geblieben ist. Wie sie da, untermalt von Miles Davis’ legendärem Soundtrack, über die dunklen Boulevards irrt, nur erhellt vom Licht der Schaufenster und Cafés, widerspricht allen handwerklichen Traditionen, wie eine Hauptdarstellerin zum perfekt ausgeleuchteten Glamourwesen zu trimmen sei. Moreaus früheren Rollen, etwa der Gangsterbraut in Jacques Beckers Touchez pas au grisbi (1954), sieht man noch ein intensives kosmetisches Bemühen an, ihren Zügen mehr Harmonie aufzuoktroyieren. Fast hässlich und doch unglaublich attraktiv Doch in einer Zeit, da sich die weiblichen Stars des italienischen Kinos unter Schönheitsköniginnen rekrutierten, galt sie mit ihren herabhängenden Mundwinkeln, stets etwas skeptisch hochgezogen wirkenden Brauen und Schatten unter den Augen als nicht wirklich fotogen. Die Kontroverse darüber, ob Jeanne Moreau schön war oder nicht, und wenn ja, auf welche Weise, dauert bis zu den Nachrufen auf sie im vergangenen Sommer unvermindert an, ohne dass man in der Summe zu einem klareren Verdikt gekommen wäre als seinerzeit Louis Malle: «In einem Moment ist sie fast hässlich und dann zehn Sekunden später unglaublich attraktiv.» Freilich fasziniert uns die Präsenz einer Moreau nachhaltiger, als Schönheit allein es könnte. Zu Recht heisst es in ihrem bekanntesten Film, François Truffauts Meisterwerk Jules et Jim, über ihre Figur, dass «wir ihr, wie einer Königin, unsere vollste Aufmerksamkeit schenken». Die Wirkung, die von Jeanne Moreau ausging, verdankt sich, neben aller schauspielerischen Ausdruckskraft, auch der Rätselhaftigkeit, die man stets in sie hineinzulesen pflegte. Jener geheimnisvollen Aura, die sie zur Idealbesetzung für die moderne, intellektuelle Filmkunst der Nouvelle-Vague-Ära machte. Wie Roger Ebert einmal schrieb, hat «sie mehr gute Filme mit grossartigen Regisseuren gemacht als sonst irgendjemand». Mit Fug und Recht kann man von ihr als einer Epochenfigur des Kinos der frühen sechziger Jahre sprechen: Da folgten hintereinander Peter Brooks Moderato cantabile (1960), Michelangelo ­Antonionis La notte (1961), Truffauts Jules et Jim (1962), Jacques Demys La baie des anges (1962), Orson Welles’ The Trial (1963) und Luis Buñuels Le journal d’une femme de chambre (1964), um nur die bekanntesten Werke zu nennen. Souverän sie selbst Was rückblickend als glänzender Lauf erscheint, erforderte anfangs ein riskantes Bekenntnis zur eigenen Souveränität. Gegen den erbitterten Widerstand ihres Agenten hat sie sich auf Malle und «diese jungen Leute da» eingelassen, wie sie zuvor schon den Beruf der Schauspielerin gegen den Willen ihres Vaters durchgesetzt hatte. Auf der Leinwand gab sie dann häufig Frauen,


25 die durch ihre Unabhängigkeit die bürgerliche Ehe und Familie bedrohen. Etwa in ihrem zweiten Film mit Louis Malle, Les amants. Der Skandalerfolg von 1958 beschäftigte in den USA die Gerichte und inspirierte einen Richter zu der legendären Pornografie-Definition «I know it when I see it» (was er in diesem Fall aber nicht tat). Am extremsten erfüllt sie diesen Rollentyp in Eva (1962). Ohne Moreaus verstörendes Porträt der titelgebenden Verführerin, skrupellos und verspielt zugleich, wäre Joseph Loseys Denunziation spätkapitalistischer Dekadenz vor allem eines: sehr manieristisch. Auf die stereotype Femme fatale hat sie sich dennoch nie reduzieren lassen, selbst wenn sie auf der Leinwand immer wieder Männer ins Verderben stürzte – fünf allein in La mariée était en noir, mindestens einen in Jules et Jim. Dabei fängt alles so schön an in diesem wundervollsten Liebesdreieck der Filmgeschichte. Nach der ehelichen Entfremdungsballade La notte fand Moreaus langjähriger Bewunderer Truffaut, dass es langsam Zeit sei, auch ihre heiter-lebensfrohe Seite zur Geltung zu bringen. Als Catherine bezaubert sie zwei Männer, sie ist die Quelle allen Seelenjubels und aller Verzweiflung, reizend, unabhängig, etwas verrückt und völlig unberechenbar in ihrem Changieren zwischen den beiden Männern und zwischen Lebenslust und Todestrieb. Auch in dieser Geschichte endet es nicht gut mit der Liebe, aber was in Erinnerung bleibt, ist vor allem der utopische Zustand jenes magischen Sommers zu Beginn. Die politischen Utopien der sechziger Jahre dagegen zeigt Malles burleske Revolutions-Operette Viva Maria!. Was für ein unwiderstehliches Duo bilden Jeanne Moreau und Brigitte Bardot da! Doch wie unterschiedlich sind sie gealtert; während BB sich früh zurückzog, führte JM selbst Regie bei zwei Spielfilmen (Lumière, 1976 und L’adolescente, 1979) und einem Porträt von Lillian Gish und stellte sich bis ins hohe Alter «diesen jungen Leuten da» zur Verfügung, die jetzt Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder oder François Ozon hiessen. In dessen Le temps qui reste (2005) gibt es eine Szene, in der sie ihren todkranken Enkel auf die Frage, ob er unter ihre Decke schlüpfen dürfe, warnt, sie sei aber nackt. «Welcher anderen Schauspielerin über siebzig», fragte der Filmkritiker Michael Althen hingerissen, «hätte das Kino je zugetraut, dass sie nackt schläft?» Julia Marx

Julia Marx ist Filmjournalistin, Mitglied der Semaine de la critique am Locarno Festival und semiprofessionelle Nostalgikerin.


> Touchez pas au grisbi.

> Ascenseur pour lâ&#x20AC;&#x2122;ĂŠchafaud.

> Les amants.


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Jeanne Moreau

TOUCHEZ PAS AU GRISBI Frankreich/Italien 1954 Die alternden Gangster Max und Riton sind un­ erkannt mit einer Millionenbeute entkommen. Sie möchten fortan als gewöhnliche Bürger leben. Doch Riton macht durch eine unvorsichtige Bemerkung gegenüber seiner Geliebten (Jeanne Moreau) einen skrupellosen Gegenspieler und Nebenbuhler auf sich aufmerksam. «Beim genaueren Hinsehen entpuppt sich die Geschichte nur als Vorwand, der es Jacques Becker ermöglicht, sich mit Max und Riton auseinanderzusetzen. Das Thema des Films sind das Alter und die Freundschaft. (...) Die Einfachheit der Gesten, die Ökonomie der Worte zeigen, dass Becker sein Vorbild in Jean Renoir hatte. In einer einzigen Geste fasst Jean Gabin die Situation und die Persönlichkeit von Max zusammen: Langsam und umständlich setzt er seine Brille auf, um eine Telefonnummer lesen zu können. (...) Gabin lehrte Moreau, die die grossen Gesten des Theaters beherrschte, die kleinen Gesten des Films, die die Grösse ausmachen.» (Gabriele Lauermann: Jeanne Moreau, Heyne 1989) 94 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Jacques Becker // DREHBUCH Jacques Becker, Maurice Griffe, Albert Simonin, nach dem Roman von Albert Simonin // KAMERA Pierre Montazel // MUSIK Jean Wiener // SCHNITT Marguerite Renoir // MIT Jean Gabin (Max), Lino Ventura (Angelo Fraisier), Jeanne ­Moreau (Josy), René Dary (Henri «Riton» Ducros), Dora Doll (Lola), Paul Frankeur (Pierrot), Marylin Buferd (Betty).

ASCENSEUR POUR L’ÉCHAFAUD Frankreich 1958 «Ein Mann erschiesst den Ehemann seiner Geliebten. Als er eine verräterische Spur beseitigen will, bleibt er im Fahrstuhl stecken. So misslingt der sorgfältig ausgeklügelte Plan, und der Zufall stellt alle Beteiligten vor eine neue Entwicklung. Louis Malle entwickelt in seinem Erstlingswerk die raffinierte Kriminalhandlung als ein filmisches Traumspiel. Im Zusammenwirken von stimmungsvoller Fotografie, atmosphärischer Musik (von Miles Davis; Red.) und sparsam-einprägsamem Spiel der Darsteller entwickelt sich eine düster-poetische Studie um Schuld und Sühne, Liebe und Misstrauen, Zufall und Schicksal, voller Liebe zur erzählerischen Kraft des Kinos.» (Lexikon des int. Films) «Die eindrucksvollsten Effekte des Films erntet die Hauptdarstellerin – Malles gerissenes Spiel führt in die Nacht, auch wenn das grelle Licht des Tagesanbruchs auf Moreau fällt, wie sie

überrascht (und nicht beschämt) vom Ausmass ihrer Leidenschaft hinten in einer Polizeiwache sitzt oder über die spirituelle Unvergänglichkeit einer verräterischen Fotografie nachsinnt.» (Fernando F. Croce, cinepassion.org) 91 Min / sw / Digital HD / F/d // REGIE Louis Malle // DREHBUCH Roger Nimier, Louis Malle, nach dem Roman von Noël Calef // KAMERA Henri Decae // MUSIK Miles Davis // SCHNITT Léonide Azar // MIT Jeanne Moreau (Florence Carala), Maurice Ronet (Julien Tavernier), Lino Ventura ­ (Kommissar Chérier), Georges Poujouly (Louis), Yori Bertin (Véronique), Jean Wall (Simon Carala), Ivan Petrovich (Horst Bencker), Elga Andersen (Madame Bencker).

LES AMANTS Frankreich 1958 «Bei seinem internationalen Kinostart 1958 löste Les amants einen beträchtlichen Skandal aus, weil er darstellt, wie eine Ehefrau und Mutter wegen eines jungen Mannes ihre Familie verlässt. Der Film wurde tatsächlich in einigen amerikanischen Bundesstaten verboten, und das Oberste Gericht der USA hatte eine Klage wegen Obszönität abzuweisen (...), obschon der Film nach heutigen Massstäben sexuell keineswegs explizit ist. (...) Jeanne Moreau spielt auf ihre eigensinnigattraktive Art Jeanne Tournier, die gelangweilte Frau eines Verlegers in Dijon, die jede Gelegenheit ergreift, um sich nach Paris abzusetzen und dort ihre reichen Freunde Maggy und Raoul zu besuchen. Auf ihrer Rückfahrt in die Provinz hat sie eine Panne und wird von einem jungen Archäologen mitgenommen, worauf Jeannes Ehemann darauf besteht, dass der junge Mann gemeinsam mit Maggy und Raoul zum Abendessen bleibt. Während Malles Erstling Ascenseur pour l’échafaud ein Thriller im Stil des Film noir war, gehört Les amants einer ungleich klassischeren, sinnlicheren Form des Filmemachens an. Gedreht in eleganten, langen Einstellungen und untermalt mit Musik von Brahms, hat er als Herzstück eine beinahe wortlose, ausgedehnte Sequenz, in der sich Jeanne und der junge Mann während einer magischen Nacht ineinander verlieben.» (Tom Dawson, BBC Film Reviews) 92 Min / sw / Digital HD / F/d // REGIE Louis Malle // DREHBUCH Louis Malle, Louise de Vilmorin, nach einem Roman von Dominique Vivant // KAMERA Henri Decaë // MUSIK Alain de Rosnay, Johannes Brahms // SCHNITT Léonide Azar // MIT Jeanne Moreau (Jeanne Tournier), Alain Cuny (Henri Tournier), José-Louis de Villalonga (Raoul Florès), Judith Magre (Maggy Thiébaut-Leroy), Jean-Marc Bory (Bernard Dubois-Lambert), Gaston Modot (Diener), Patricia Garcin (Catherine), Claude Mansard (Marcelot), Georgette Lobbe (Marthe).


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Jeanne Moreau

MODERATO CANTABILE Frankreich/Italien 1960 «Anne Desbarèdes verfolgt die zögerlichen Fortschritte ihres Sohnes am Klavier – da ertönt von draussen ein Rumoren. Als sich daraus ein veritabler Auflauf entwickelt, begeben auch sie sich auf die Strasse, stellen auch sie sich vor das Fenster der Erdgeschoss-Bar, schauen hinein – auf eine junge Frau, die mitten im Raum liegt, puppenstarr, der Kopf halb umkränzt vom Licht einer Deckenlampe. Chauvin, ein Arbeiter, beobachtet dabei Anne, die so gar nicht in dieses Milieu passt und ihn deshalb interessiert (...) Was für ein merkwürdiges, zugleich zeittypisches und unmodisches Stück Kino – eine Nouvelle-Vague-Star-besetzte Melange aus französischem poetischem Realismus der 1930er- und britischer KitchenSink-Filmlyrik der späten 1950er-Jahre, gespickt mit antonioniesken Spitzen in den häuslichen Szenen mit Anne und ihrem Gatten (...), was eklektischer klingt, als es beim Sehen wirkt. So erweist sich das Bühnenaxiom Peter Brook gleich mit seiner ersten Kinoarbeit als Meister auch dieser Kunst.» (Rui Hortênsio da Silva e Costa, Österreichisches Filmmuseum, 4/2014) 95 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Peter Brook // DREHBUCH Marguerite Duras, Gérard Jarlot, Peter Brook, nach dem Roman von Marguerite Duras // KAMERA Armand Thirard // MUSIK Antonio Diabelli // SCHNITT Albert Jurgenson // MIT Jeanne Moreau (Anne Desbarèdes), Jean-Paul Belmondo (Chauvin), Didier Haudepin (Pierre, Annes Sohn), Valéric ­Dobouzinsky (Mörder), Pascale de Boysson (Wirtin), Jean Deschamps (M. Desbarèdes), Colette Régis (Klavierlehrerin).

LA NOTTE Italien/Frankreich 1961 24 Stunden im Leben des Schriftstellers Giovanni und seiner Frau Lidia, die sich im Laufe der Jahre auseinandergelebt haben. «Selten ist der berühmte, viel gedeutete und umrätselte Gesichtsausdruck der Moreau, mit den vollen Lippen, aber bitter abfallenden Mundwinkeln von einem Film so schlagend interpretiert worden: Es ist kein erotisches Schmollen, es ist nicht die Depression nach dem Orgasmus, sondern die Depression vor ihm. (…) Mastroianni mit seiner Naivität, mit seiner Wärme und dümmlichen Resthoffnung und Moreau mit ihrer vollendeten Desillusionierung – das sind die beiden Prototypen des modernen Menschen, wie ihn Antonioni sieht. (…) Niemals auch hat ein Schwarzweissfilm mit so viel Recht auf Farbe verzichtet: Das Leben hat in Antonionis existenzialistischem

Meisterwerk keine Farben mehr.» (Jens Jessen, Die Zeit, 31.3.2005) Moreau wurde für La notte angeblich nie bezahlt. «Ich ging und ging und ging in diesem Film. Heute kommt mir die ganze Geherei ein bisschen albern vor.» (Jeanne Moreau, zit. in: Die Zeit, 2.8.2017) 122 Min / sw / Digital HD / I/d // REGIE Michelangelo Antonioni // DREHBUCH Michelangelo Antonioni, Ennio Flaiano, Tonino Guerra, nach ihrer Story // KAMERA Gianni Di Venanzo // MUSIK Giorgio Gaslini // SCHNITT Eraldo Da Roma // MIT Marcello Mastroianni (Giovanni Pontano), Jeanne Moreau ­(Lidia Pontano), Monica Vitti (Valentina Gherardini), Bernhard Wicki (Tommaso Garani), Rosy Mazzacurati (Maria Teresa, «Resy»), Maria Pia Luzi (Patientin), Guido Ajmone Marsan (Fanti), Vincenzo Corbella (Gherardini, Industrieller).

EVA Italien/Frankreich 1962 «Der Film spielt in Venedig, in der Jahreszeit, die zu dieser Stadt am besten passt (Winter), gedreht in dem barocken Stil, der damals für Losey typisch war, mit Stanley Baker als walisischem Emporkömmling und Schriftsteller, verlobt zu einer leeren Ehe, aber allmählich verstrickt in eine Amour fou durch die wilde, hemmungslose Verführerin Eve. Mit Liebe hat das kaum zu tun; ­Loseys Obsessionen sind das Verderben durch Macht, Geld und Arglist, und hier widmet er sich ihnen mit noch mehr vernichtendem Abscheu, als er sich danach je wieder erlauben sollte. Den Film dominiert ohne Frage Moreau, die in einer ihrer besten Darbietungen ein Porträt von erschreckender Ehrlichkeit entwirft – die herzlose Selbstbeherrschung einer Frau, die nichts tut, es sei denn aus Geldgier oder einer Laune heraus.» (Chris Peachment, Time Out Film Guide) «Es gehört zu den Geheimnissen von Eva, dass diese Eva, die wie eine Geisha trippeln, wie eine billige Hure keifen und wie eine ‹grande dame› schreiten kann, nicht als Monster erscheint, sondern als eine Frau in ihrem Stolz und Selbstbewusstsein; und die im schlimmsten Fall so ist, wie sie ist, weil die Männer sie so haben wollen.» ­(Peter W. Jansen, in: Hommage Jeanne Moreau, Jovis 2000) 104 Min / sw / DCP / E + I/f // REGIE Joseph Losey // DREHBUCH Hugo Butler, Evan Jones, nach dem Roman von James Hadley Chase // KAMERA Gianni Di Venanzo, Henri Decaë (ungenannt) // MUSIK Michel Legrand // SCHNITT Reginald Beck, Franca Silvi // MIT Jeanne Moreau (Eve Olivier), Stanley Baker (Tyvian Jones), Giorgio Albertazzi (Branco Malloni), Virna Lisi (Francesca Ferrara), Checco Rissone (Silvano ­Pieri), James Villiers (Arthur McCormick), Riccardo Garrone (Spieler), Lisa Gastoni (Russin), Nona Medici (Anna Maria).


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Jeanne Moreau

JULES ET JIM Frankreich 1962 Paris, vor dem Ersten Weltkrieg: Jules, ein österreichischer Biologe, und Jim, ein französischer Schriftsteller, sind enge Freunde. Beide verlieben sich in Catherine, diese entscheidet sich für Jules und heiratet ihn. Nach dem Krieg taucht Jim wieder auf. «Mit grosser Sensibilität formuliert Truffaut die zentrale Frage seines Films: Wie kann eine Frau mit ihren erotischen Bedürfnissen und Sehnsüchten sich in einer Welt behaupten, deren Regeln von Männern gemacht werden? Der Regisseur stimmt indes keinen Lobgesang auf die freie Liebe an. Er beschreibt vielmehr die Dialektik der Herzen, die sich jeder Moral entzieht.» (Achim Haag, Metzler Film Lexikon) Catherine ist «eine Schlüsselfigur in Truffauts Werk: auf Papier kaum plausibel, aber in der Verkörperung durch Moreau eine berührende, auf kapriziöse Weise selbstzerstörerische Frau, zerrissen zwischen der Rolle der glücklichen und der tragischen Närrin». (David Thompson: A Biographical Dictionary of Film, Knopf 1994) «Truffaut sah Moreau noch einmal neu, und was für Malle (und Antonioni und Buñuel) ihr Gang war, das sollte für ihn ihr Lächeln sein, die Koproduktion von Mund und Augen.» (Peter W. Jansen, Hommage Jeanne Moreau) 110 Min / sw / DCP / F/d // REGIE François Truffaut // DREHBUCH François Truffaut, Jean Gruault, nach dem Roman von Henri-Pierre Roché // KAMERA Raoul Coutard // MUSIK Georges Delerue // SCHNITT Claudine Bouché // MIT Jeanne Moreau (Catherine), Oskar Werner (Jules), Henri Serre (Jim), Marie Dubois (Thérèse), Boris Bassiak (Albert), Vanna Urbino (Gilberte), Sabine Haudepin (Sabine), Anny Nelsen (Lucie), Michel Subor (Erzähler).

LA BAIE DES ANGES Frankreich 1963 Der Bankangestellte Jean wird von einem Kollegen ins Kasino geschleppt und entdeckt, dass er am Roulettetisch Erfolg hat. Er verknallt sich in die spielsüchtige Wasserstoffblondine Jackie, und bald gerät er in einen Strudel der Leidenschaft, wobei sich der Spieltisch als Nebenbuhler der Liebe erweist. «Wie wäre dieser Film ohne Jeanne Moreau? Selbst wenn Dialog und Regie gleich blieben, die Bedeutungen würden sich ändern. Der Film ist geradezu eine Emanation von Moreau, er ist unvorstellbar ohne sie. Geschrieben und inszeniert von Jacques Demy, wirkt er so ähnlich wie der Versuch, einen Warner-Bros.-Film der 30er-

Jahre zu läutern, zu dessen Essenz vorzudringen. Demy dringt nicht nur zu dieser durch, er geht darüber hinaus. Sein virtuoser Sinn für filmischen Rhythmus verwandelt diese hauchdünne, wechselhafte Story über eine Spielerin in eine poetische Studie über Zwang und Glück. Die Idee vom Glücksspiel als fast vollkommene Spontaneität und Verantwortungslosigkeit – als Hingabe an den Zufall (als wäre dies die kompletteste Hinnahme des Lebens) – wirkt seltsam suggestiv, und in diesem Film spüren wir allmählich ihren Reiz, spüren, dass das Glücksspiel der Existenzialismus für Arme ist. Und Jeanne Moreau setzt sich in einer Manier, die sehr an Bette Davis erinnert, wunderbar dramatisch selbst in Szene.» (Pauline Kael, 5001 Nights at the Movies, Marion Boyars 1993) 90 Min / sw / DCP / F/d // DREHBUCH UND REGIE Jacques Demy // KAMERA Jean Rabier // MUSIK Michel Legrand // SCHNITT Anne-Marie Cotret // MIT Jeanne Moreau (Jacqueline «Jackie» Demaistre), Claude Mann (Jean Fournier), Paul Guers (Caron), Henri Nassiet (Jeans Vater), André Certes (Bankdirektor), Nicole Chollet (Marthe).

LE JOURNAL D’UNE FEMME DE CHAMBRE Frankreich/Italien 1964 Célestine tritt eine neue Stelle als Dienstmädchen in der französischen Provinz an. Aus ihrer Sicht lernt man die wohlhabenden Herrschaften, aber auch die Bediensteten kennen. «Wenn Moreau geht, zittert ihr Fuss leicht auf dem Absatz des Schuhs, ein Mangel an Stabilität, der beunruhigt. Sie ist eine wunderbare Schauspielerin; ich brauchte ihr nur zu folgen, fast ohne sie zu korrigieren. Über die Figur der Kammerzofe habe ich von ihr Dinge erfahren, die ich nie geahnt hätte.» (Luis Buñuel: Mein letzter Seufzer. Erinnerungen, Ullstein 1995) «Célestine hat etwas nicht Greifbares, in manchen Momenten fast Unwirkliches. Von Anfang an scheint sie über den Klassen und Milieus zu schweben, kleidet sich für ein Dienstmädchen zu elegant und trägt Parfum. Célestine ist eine subversive Kraft, ein Katalysator, auf den alle anderen reagieren, mit Begehren, Neid oder Ablehnung. Sie selbst bleibt davon aber völlig ungerührt. Sie bedient die anderen, weiss jedoch um ihre Macht über die Sexualität der Männer.» (Jeanne Moreau, zit. in: Die Zeit, 8.2.2008) 97 Min / sw / DCP / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière, nach dem Roman von Octave Mirbeau // KAMERA Roger Fellous // SCHNITT Louisette Hautecœur, Luis Buñuel // MIT Jeanne Moreau (Célestine), Georges Géret (Joseph), Michel Piccoli (M. Monteil), Daniel


> La notte.

> Eva.

> La baie des anges.

> Moderato cantabile.


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Jeanne Moreau Ivernel (M. Mauger), Françoise Lugagne (Mme Monteil), Jean Ozenne (M. Rabour), Dominique Sauvage (Claire), Bernard Musson (Küster), Jean-Claude Carrière (Pfarrer), Muni (Marianne), Gilberte Géniat (Rose).

VIVA MARIA! Frankreich/Italien 1965 «Allein schon die Paarung der Nouvelle-VagueStars Brigitte Bardot und Jeanne Moreau macht Viva Maria! zu etwas nachhaltig Neuartigem im Kino. Die beiden sind Partnerinnen in einer fahrenden Varieté-Nummer – beide heissen Maria: Moreau ist die brünette, schüchternere und Bardot die unbeschwertere. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind sie in Zentralamerika, inmitten von Feindseligkeiten. Während ihre Truppe von einem unterdrückten Dorf zum andern zockelt, entwickeln sie zunehmend Anteilnahme und Pflichtgefühl gegenüber der Bevölkerung, die ihre Vorstellungen besucht. (...) Die Nummer der Damen wird immer berühmter und sie werden zu einer Art Ikonen der Revolution. (...) Sie und ihre Karnevalstruppe greifen in die Revolten ein, was zu Gefechten führt, die an Münchhausen-Abenteuer gemahnen. (...) Das Mass an Komik und Abenteuer ist beständig und maximiert.» (Rumsey Taylor, notcoming.com, 21.8.2009) «Fahrige französische Posse, in der eine irische Anarchistin (Brigitte Bardot) 1907 in Zentralamerika der Polizei entrinnt, indem sie sich einer fahrenden Theaterfrau (Jeanne Moreau) anschliesst, um unter dem Namen ‹Die zwei Marias› eine Striptease-Nummer aufzuziehen, als Tarnung für ihre Führung einer Revolution gegen ein unterdrückerisches Regime. Regisseur Louis Malles teures Komödienfiasko reitet auf dem Offensichtlichen herum, und die dünne, launenhafte Handlung verheddert sich in dick aufgetragenem Slapstick, plumper Satire und Geschmacklosigkeiten.» (United States Conference of Catholic ­Bishops, usccb.org) 120 Min / Farbe / Digital HD / OV/d // REGIE Louis Malle // DREHBUCH Louis Malle, Jean-Claude Carrière // KAMERA Henri Decaë // MUSIK Georges Delerue // SCHNITT Kenout Peltier, Suzanne Baron // MIT Jeanne Moreau (Maria I), Brigitte Bardot (Maria II), George Hamilton (Florès), Gregor von Rezzori (Diogène), Paulette Dubost (Madame Diogène), Claudio Brook (Rodolfo), Carlos Lopez Moctezuma (Don Rodriguez), Poldo Bendandi (Werther), Jonathan Eden (Juanito).

MADEMOISELLE Frankreich/Grossbritannien 1966 «Mademoiselle», die zugereiste Lehrerin einer kleinen Ortschaft in der tiefsten Provinz Frank-

reichs, ist eine Respektsperson. Niemand ahnt etwas von ihrer sexuellen Frustration, die sie zu krankhafter Zerstörungswut treibt: Sie legt Feuer, öffnet das Wehr und vergiftet das Brunnenwasser. Die Dörfler verdächtigen den italienischen Holzfäller, dessen offensive Virilität den Männern Unbehagen bereitet und die Frauen – auch Mademoiselle – fasziniert. «Der Gang, die Augen, der Mund: Wie unter einem Brennglas finden sich die Insignien von Moreaus Kunst in Mademoiselle versammelt. Wenn Louis Malle ihr eigentlicher Entdecker genannt werden darf, weil er der Erste war, der die Sprache ihres Körpers verstand und zum Dolmetscher ihres Ganges wurde, (...) kommt Tony Richardson wohl das Verdienst zu, sie in ihrer Totalität erfasst zu haben.» (Peter W. Jansen, in: Hommage Jeanne Moreau) «In Tony Richardsons Film Mademoiselle zerquetscht Moreau in ihrer wohl eigenwilligsten Rolle ein Vogelnest samt Eiern, zerstört dann ein Dorf und ihren Geliebten – mit dem kaum merklichen Lächeln einer Frau, die weiss, dass das Leben an ihr vorübergezogen ist, und die dennoch ihre Spuren hinterlassen will.» (Katja Nicodemus, Die Zeit, 2.8.2017) 103 Min / sw / 35 mm / F + I/e // REGIE Tony Richardson // DREHBUCH Marguerite Duras, nach einer Vorlage von Jean Genet // KAMERA David Watkin // MUSIK Antoine Duhamel // SCHNITT Antony Gibbs, Sophie Coussein // MIT Jeanne ­Moreau (Mademoiselle), Ettore Manni (Manou), Keith Skinner (Bruno), Umberto Orsini (Antonio), Georges Aubert (René), Jane Beretta (Annette), Paul Barge (junger Polizist).

THE IMMORTAL STORY Frankreich 1967 «Obwohl mit kleinem Budget fürs Fernsehen gedreht, ist das ein prachtvolles Erlebnis, eine märchenhafte Geschichte nach Karen Blixen um einen wohlhabenden Kaufmann (Welles) in Macao, der einen jungen Matrosen anheuert, um mit seiner Frau zu schlafen (auch sie angeheuert, denn er ist ledig), um eine alte Legende wahrzumachen. Im Grunde geht es um den Konflikt zwischen dem kaltblütigen Realismus des Kaufmanns und einer Romantik, die er sich zu akzeptieren weigert; und unweigerlich wendet sich die Sage schliesslich gegen ihn. Welles ist grössenwahnsinnig wie gewohnt, und seine Handhabung von Tiefenschärfe, tiefen Schatten und Farbe ist hervorragend. Der Stoff selbst ist faszinierend und Erik Saties Musik perfekt gewählt.» (Rod McShane, Time Out Film Guide) «Jeanne Moreau gibt die halbseidene Frau, die schon bessere Zeiten gesehen hat, und ist die Dame, um die sich Welles’ Machenschaften dre-


> The Immortal Story.

> Le journal dâ&#x20AC;&#x2122;une femme de chambre.

> Mademoiselle.

> Viva Maria!.


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Jeanne Moreau hen. Trotz blumiger, viktorianisch anmutender Dialoge vermag ihre Darstellung einer Liebe, jäh erlangt und jäh verloren, die ganze affektierte ­Atmosphäre des Films sanft zu durchdringen.» (A. H. Weiler, The New York Times, 12.2.1969) 58 Min / Farbe / Digital HD / E/f // REGIE Orson Welles // DREHBUCH Orson Welles, nach einer Erzählung von Karen Blixen // KAMERA Willy Kurant // MUSIK Erik Satie // SCHNITT Yolande Maurette // MIT Orson Welles (Clay), Jeanne Moreau ( Virginie Ducrot), Roger Coggio (Levinsky, der Buchhalter), Norman Eshley (Paul, der Seemann), Fernando Rey (Mann auf der Strasse).

LA MARIÉE ÉTAIT EN NOIR Frankreich/Italien/GB 1968 Am Tag ihrer Hochzeit wird Julie Witwe: Ihr frisch angetrauter Bräutigam wird an ihrer Seite vor der Kirche erschossen. Die junge Frau sinnt auf Rache und begibt sich auf die Suche nach den fünf Männern, die in die Tat verstrickt waren und ihr Leben zerstört haben. «Truffaut erklärte, dieser elegante KrimiThriller sei ein Versuch gewesen, seine beiden filmischen Idole, Alfred Hitchcock und Jean Renoir, zu versöhnen. (…) Der Film ist äusserst unterhaltsam, und Hitchcock-Fans werden Spass daran haben, die vielen Anklänge, insbesondere an Marnie, zu entdecken.» (David Pirie, timeout.com) Jeanne Moreau wird in La mariée était en noir zum weiblichen Racheengel, der mit einem auffordernden Lächeln die Mörder ihres Bräutigams verführt und gleichzeitig ihrer Schuld überführt. «Mit Moreau, das steht fest, ist erotisch nicht gut Kirschen essen. Oder es ist unvergleichlich. Truffaut hat diese schillernde Kraft auf den Punkt gebracht, als er sie in La mariée était en noir gleich reihenweise die Mörder ihres Bräutigams umbringen liess – und jeder Mord lief über die Illusion des Sexuellen.» (Peter. W. Jansen, in: Hommage Jeanne Moreau) «Moreau meuchelt insgesamt fünf Männer (...) und jeder davon ist ein Juwel in Sachen Charakterzeichnung, witzige und treffende Dialoge, subtile und überlegte Schauspielkunst; das Dekor ihres Lebens, und selbst die Todesarten sind einfallsreich und drücken ihre Persönlichkeit aus. Moreau selbst, die stets Schwarz oder Weiss trägt (in diesem Farbfilm), muss eine Ausdruckslosigkeit im Stil von ‹Mademoiselle› oder Kriemhild wahren, in einer atypisch jungen, unsinnlichen Rolle, und sie macht das prima.» (Renata Adler, The New York Times, 26.6.1968) 107 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE François Truffaut // DREHBUCH François Truffaut, Jean-Louis Richard, nach dem Roman von William Irish // KAMERA Raoul Coutard // MUSIK

Bernard Herrmann // SCHNITT Claudine Bouché // MIT Jeanne Moreau (Julie Kohler), Jean-Claude Brialy (Corey), Michel Bouquet (Coral), Charles Denner (Fergus), Claude Rich (Bliss), Daniel Boulanger (Holmes), Michel Lonsdale (Morane), Serge Rousseau (David).

L’ADOLESCENTE Frankreich/BRD 1979 Nachdem Jeanne Moreaus erste Regiearbeit, ­Lumière, bei der Kritik wenig Gnade gefunden hatte, wurde ihre zweite, autobiografisch gefärbte Inszenierung sehr viel besser aufgenommen. «Im Sommer 1939 fährt ein 12-jähriges Mädchen mit seinen Eltern aus Paris in die Ferien aufs Land. Die unbeschwerten Tage werden zeitweise getrübt durch ersten Liebeskummer, Konflikte in der Familie und Vorzeichen des nahenden Krieges.» (Lexikon des int. Films) «Moreau lässt die Frauen dreier Generationen von ihrer grossen Kollegin Simone Signoret, von der schönen Edith Clever und der anmutig-natürlichen Laetitia Chauveau spielen. Drei Glanzpunkte in einem leisen, einem hinreissenden Film.» (Leipziger Volkzeitung, 16.1.1982) «Moreau macht nie den Fehler, L’adolescente als ‹Moreaus Film› statt als ‹Maries Geschichte› erscheinen zu lassen. Dies ist ein Film, in dem die Aufmerksamkeit dem Leben der Figuren gilt und nicht den inszenatorischen Schnörkeln der Regisseurin. Und es ist ein sehr subtiler Film, denn wir sehen ganz allmählich, mit Maries Augen und unseren eigenen, die Untertöne in der Erwachsenenwelt, die das Mädchen umgibt. Moreau suggeriert, dass dem Mädchen grosse emotionale Verletzungen drohen, doch am Ende gestattet sie Simone Signoret, einen wunderbar abstrusen Zauber zu wirken, der die romantische Unschuld des Kindes noch einen Sommer lang bewahren wird.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 21.6.1983) 90 Min / Farbe / 35 mm / F/e // REGIE Jeanne Moreau // DREHBUCH Henriette Jelinek, Jeanne Moreau // KAMERA Pierre Gautard // MUSIK Philippe Sarde // SCHNITT Albert Jurgenson, Colette Leloup // MIT Laetitia Chauveau (Marie), Simone Signoret (Grossmutter), Edith Clever (Eva), Francis Huster (Alexandre), Frank Muth (François), Jacques Weber (Jean), Roger Blin (Romain), Juliette Brac (Mélanie).

LA VIEILLE QUI MARCHAIT DANS LA MER Frankreich 1991 «Moreau altert in Unwürde – und geniesst offensichtlich jeden Augenblick. Ihr legendär hochmütiges Antlitz ist inzwischen etwas wettergegerbt, doch ihr herrisches Gebaren ist nach wie vor in-


> L’adolescente.

> La vieille qui marchait dans la mer.

> La mariée était en noir..

> Le temps qui reste.


35

Jeanne Moreau takt. Als eingefleischte Hochstaplerin und unverbesserliche Juwelendiebin Lady M verbindet Moreau instinktive Klasse mit erlernter Verachtung für gesellschaftliche Konvention, elegante Aussprache mit einer einmalig scharfen Zunge, galoppierenden Egoismus mit schmerzhafter Gebrechlichkeit. (...) Heynemanns MainstreamSpass hat überraschend dunkle Untertöne – eine Gaunerkomödie, die es wagt, mitunter zu verebben. Moreau, hier an der langen Leine, kostet das Geschehen bis auf den letzten Tropfen Pathos, Stolz und Leidenschaft aus. Michel Serrault als ihr schrumpeliger Spiessgeselle Pompilius kann knapp mithalten. (...) Flüchtig erinnert uns Moreau an eine frühere Ménage-à-trois, bei der sie so fröhlich mit Jules und Jim verkehrte. Im ­Alter jedoch sind die Dinge komplizierter, und keiner der Männer ist ihr wirklich gewachsen.» (Tom Charity, Time Out Film Guide) «Jeanne Moreau ist grossartig, ob sie nun in grellbunter Kostümierung durchs Wasser spaziert und genüsslich Sarkasmen verspritzt oder sich scheinbar ungerührt dem Altern stellt und dabei allein mit ihren Augen unsäglichen Schmerz und Lebenslust ‹spielt›. (…) Durch ihr Spiel bekommt der Film eine Seele.» (Stefan Lux, filmdienst, 6/1992) 94 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Laurent Heynemann // DREHBUCH Dominique Roulet, nach einem Roman von San Antonio (= Frédéric Dard) // KAMERA Robert Alazraki // MUSIK Philippe Sarde // SCHNITT Jacques Comets // MIT Jeanne Moreau (Lady M), Michel Serrault (Pompilius), Luc Thuillier (Lambert), Géraldine Danon (Noémie), Jean Bouchaud (Mazurier).

LE TEMPS QUI RESTE Frankreich 2005 Romain, ein 31-jähriger homosexueller Mode­ fotograf, erkrankt an einem Tumor. In den wenigen Wochen, die ihm noch bleiben, isoliert er sich zunehmend von den Menschen in seinem Umfeld, ohne mit ihnen über sein Schicksal zu sprechen. Nur seiner Grossmutter vertraut er sich an. Doch dann begegnet Romain einer Kellnerin, die ihn bittet, mit ihr ein Kind zu zeugen. «Ozon blickt zwar wie gewohnt schonungslos sezierend, aber mit dem pathetischen Auge eines die Schönheit im Hässlichen suchenden Fotografen auf seine Geschichte und entwirft eine irritationslos ineinanderfliessende Bildstrecke der sukzessiven Stationen bis zum Tod. (...) Der feste und gleichzeitig verlorene Blick des einnehmenden Melvil Poupaud, der die erste zentrale männliche Figur in einem Ozon-Film darstellt, ist genauso eindringlich wie der Charme der von Film

zu Film zerbrechlicher werdenden Jeanne Moreau, deren verwelkende Divenschönheit noch eine ganz andere Ebene der Nostalgie und Vergänglichkeit in den Film hineinträgt.» (Marguerite Seidel, critic.de, 12.1.2006) 81 Min / Farbe / 35 mm / OV/d // DREHBUCH UND REGIE François Ozon // KAMERA Jeanne Lapoirie // SCHNITT Monica Coleman // MIT Melvil Poupaud (Romain), Jeanne Moreau (Laura), Valeria Bruni Tedeschi (Jany), Daniel Duval (Vater), Marie Rivière (Mutter), Christian Sengewald (Sasha), Louise-Anne Hippeau (Sophie), Henri de Lorme (Arzt), Walter Pagano (Bruno).

UNE ESTONIENNE À PARIS Frankreich/Belgien/Estland 2012 «Eine Leinwandbegegnung mit Jeanne Moreau ist grundsätzlich ein Erlebnis, auch wenn dieser hübsche kleine Film zunächst bloss eine Variante auf Driving Miss Daisy und Konsorten zu sein scheint. Sie spielt Frida, eine Frau aus Estland, die ihr Leben in Paris verbracht hat, da glücklich und reich und später unglücklich und alt geworden ist. Und die Altenpflegerin aus Estland, welche ihr ihr einstiger jüngerer Geliebter hat kommen lassen: Die braucht sie nun wirklich nicht. Der schöne Kniff des Films besteht darin, dass er die Geschichte von Anfang an aus der Perspektive von Anne erzählt, die in Estland ihre Mutter pflegte, bis diese starb, und nun die Chance wahrnimmt, den Jugendtraum von Paris als Hausdame wahrzunehmen. Natürlich gerät sie zwischen die tyrannische, einsame alte Frau und den Mann, der sich zwar um ihr Wohlergehen kümmern, aber möglichst wenig mit ihr abgeben möchte. Der Verlauf des Films ist bald absehbar, das Muster bekannt seit der ersten Lektüre von Kinderbüchern wie ‹Little Lord Fauntleroy›, in denen ein warmherziger Mensch einem verbitterten alten Gegenstück den Weg zurück ins Leben weist. Aber der Este Ilmar Raag bringt genügend Charakterzüge aus Estland und aus Frankreich ein und die beiden Darstellerinnen ergänzen sich dermassen wunderbar, dass man dauernd das Gefühl hat, in einem ganz neuen Film zu sitzen.» (Michael Sennhauser, sennhausersfilmblog.ch, 4.8.2012) 94 Min / Farbe / DCP / OV/d // REGIE Ilmar Raag // DREHBUCH Agnès Feuvre, Lise Macheboeuf, Ilmar Raag // KAMERA Laurent Brunet // SCHNITT Anne-Laure Guégan // MIT Jeanne Moreau (Frida), Laine Mägi (Anne), Patrick Pineau (Stéphane), François Beukelaers (Maurice), Fred Epaud (Dominique), Claudia Tagbo (Hooldaja), Ita Ever (Mare), Helle Kuningas (Lydia Tamm).


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Adios, Eliseo Subiela Am Weihnachtstag 2016 ist in Buenos Aires Eliseo Subiela im Alter von 71 Jahren gestorben. Hierzulande wurde sein Tod kaum wahrgenommen – und dies obwohl der argentinische Regisseur in den 1990er-Jahren mit seinen magisch-realistischen Kinomärchen auf Schweizer Leinwänden Grosserfolge feierte. Nun kann der zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene Südamerikaner wiederentdeckt werden. Als Eliseo Subiela am 25. Dezember 2016 einem Herzinfarkt erlag, griffen selbst argentinische Medien auf einen dreissig Jahre alten Film zurück: «Der Regisseur von Hombre mirando al sudeste ist tot.» Dabei war der 1944 geborene argentinische Cineast gegen Ende seines Lebens keineswegs verstummt, sondern durchaus mit neuen Projekten beschäftigt. Er hatte in den Monaten vor seinem Tod sowohl auf der Theaterbühne wie auch an einem neuen Film, Corte Final, einer Hommage ans Kino, gearbeitet. Hauptdarsteller sollte Miguel Ángel Solá sein, der in den 1980er-Jahren als Protagonist in Sur und Tangos: El exilio de Gardel von Subielas Landsmann Fernando Solanas Weltruhm erlangte. Mit dem acht Jahre älteren Solanas sind die Anfänge der Filmkarriere von Subiela verbunden: Als Regieassistent hat er an La hora de los hornos mitgewirkt, dem legendären Revolutionspamphlet von Solanas und Octavio Getino aus dem Jahr 1968. Im Gegensatz zu diesen beiden, die vor der sich abzeichnenden Militärdiktatur nach Europa flüchteten, blieb Subiela im Land und schlug sich als Werbefilmer durch. 1981, noch unter der Diktatur, drehte er seinen ersten langen Spielfilm, La conquista del paraíso, der allerdings verschollen ist. Fünf Jahre später katapultierte er sich mit seinem Zweitling Hombre mirando al sudeste (Der Mann, der nach Südosten schaut) in den Himmel der bekanntesten Filmschaffenden Lateinamerikas. Es geht darin um einen Psychiatriepatienten, der behauptet, ein Ausserirdischer zu sein, stundenlang im Hof der Klinik steht, in eine Richtung starrt und Signale aus seiner Galaxis empfängt. Der behandelnde Psychiater, der auch nicht weiter weiss, lernt schliesslich die Schwester des Mannes kennen und verliebt sich unsterblich in sie. Auf der Spur des Mysteriums Liebe Mit diesem Plot, der genau in die Zeit fiel, in der die lateinamerikanische Literatur vom magischen Realismus eines García Márquez und anderer domi< >

Satire und Fantasie: Últimas imágenes del naufragio (1989) Metaphysik und Surrealismus: Las aventuras de Dios (2000)


38 niert wurde, hatte Subiela seine clevere Formel gefunden, die er in den folgenden Filmen raffiniert zu variieren verstand: Transzendenz, angesiedelt zwischen Normalität und Wahnsinn, Leben und Tod, Imagination und Realität, plus eine liebeshungrige männliche Hauptfigur auf der Suche nach der «Traumfrau». Diese «Traumfrau», in einfacher oder auch mehrfacher Ausführung, brachte Subiela bisweilen den Vorwurf ein, ein reaktionäres Frauenbild zu pflegen, was ihn jedoch kaum kümmerte. Mit Filmen wie El lado oscuro del corazón (1992) – einem mit Liebesgedichten vollgestopften Werk um einen schmierigen Verfasser von Gebrauchslyrik – ging er seinen Weg konsequent weiter, als einer, der ohne Angst vor Grenzverwischungen zwischen Kunst und Kitsch nichts Geringeres als das Mysterium der Liebe zu erforschen suchte. So auch in No te mueras sin decirme adónde vas (1995), seinem in der Schweiz erfolgreichsten Film. Um die Jahrtausendwende trat in Argentinien eine neue Generation auf den Plan, die bald als «neue argentinische Welle» mit Werken von Pablo Trapero, Daniel Burman, Diego Lerman, Adrián Caetano oder Lucrecia Martel international Furore machte. Subielas Stern war da schon am Verblassen. 2001 floppte El lado oscuro del corazón 2, das Sequel seines Erfolgsfilms von 1992. Als im gleichen Jahr in Hollywood mit K-Pax ein Plagiat von ­Hombre mirando al sudeste mit Kevin Spacey und Jeff Bridges in den Hauptrollen erschien, leitete Subiela rechtliche Schritte gegen die Produzenten ein; doch das Verfahren versandete, und er steckte seine Energie lieber in neue Projekte. Seine Filme wurden allerdings kaum mehr ausserhalb Argentiniens gezeigt, nur sein letzter fertiggestellter Film, Paisajes devorados (2012) fand grössere Beachtung. Es geht darin um einen alten Filmregisseur, der in einer psychiatrischen Klinik interniert ist. Der psychisch Kranke in diesem als ­Mockumentary angelegten Werk wurde von keinem Geringeren als Fernando Birri verkörpert. Birri, damals 88, eine Vaterfigur des argentinischen, ja des lateinamerikanischen Films, war immer schon einer gewesen, der Signale aus fremden Galaxien zu empfangen wusste. Geri Krebs

Geri Krebs ist freier Filmjournalist mit Schwerpunkt Spanien und Lateinamerika, schreibt unter anderem für die NZZ und die WOZ und ist auch an Festivals als Jurymitglied tätig.


39

Eliseo Subiela

HOMBRE MIRANDO AL SUDESTE (Der Mann, der nach Südosten schaut) Argentinien 1986 Als Rantés in die Psychiatrie kommt und behauptet, aus einer anderen Galaxie zu stammen, weckt er das Interesse von Dr. Julio Denis. Nachmittags schaut Rantés immer nach Südosten und kommuniziert mit seinem Herkunftsland. Obwohl ­Julio diese häufig vorkommende Psychose bekannt ist, erscheinen ihm Rantés und seine Mission mit jeder gemeinsamen Sitzung «normaler». «Er behauptet, er gehe einem sozialen und wissenschaftlichen Auftrag nach: Das Leiden der Armen zu lindern und den Seelennotstand der Menschheit zu ergründen. (…) Der messianische Rantés rührt den Arzt, (...) doch Kategorien wie ‹krank› und ‹gesund› dürfen nicht in Frage gestellt werden. Das etablierte Ordnungssystem muss erhalten bleiben. Rantés kann nur ein Opfer des rationalen irdischen Denkens werden, aus dem es keinen Ausweg gibt.» (Marli Feldvoss, Die Zeit, 14.10.1988) Hombre mirando al sudeste «ist einer dieser gefühlvollen Filme, die Wahnsinn sowohl poetisch als auch romantisch finden. Ist Rantés das, was er zu sein behauptet? Der Film antwortet mit einem entschiedenen ‹Ja und Nein›.» (Vincent Canby, New York Times, 13.3.1987) 105 Min / Farbe / DCP / Sp/d/f // DREHBUCH UND REGIE ­Eliseo Subiela // KAMERA Ricardo DeAngelis // MUSIK Pedro Aznar, Andrés Boiarsky // SCHNITT Luis César D’Angiolillo // MIT Lorenzo Quinteros (Dr. Julio Denis), Hugo Soto (Rantés), Inés Vernengo (Beatriz Dick), Rubéns Correa (Dr. Prieto).

kert in äusserst glaubwürdigen schauspielerischen Darstellungen, ist dieser Film ein einzig­ artiger Mix aus satirischem Wahnsinn und unheimlicher Fantasie.» (Mark Kermode, Time Out Film Guide) 131 Min / Farbe / DCP / Sp/d // DREHBUCH UND REGIE E ­ liseo Subiela // KAMERA Alberto Basail // MUSIK Pedro ­Aznar, ­Catulo Castillo // SCHNITT Marcela Sáenz // MIT ­Lorenzo Quinteros (Roberto), Noemí Frenkel (Estela), Hugo Soto (Claudio), Pablo Brichta (José), Sara Benítez (Mutter).

EL LADO OSCURO DEL CORAZÓN (Die dunkle Seite des Herzens) Argentinien 1992 Oliverio, ein rastloser Dichter, führt mit seinen Freunden ein Bohème-Leben und verbringt seine Nächte in Clubs – immer auf der Suche nach der einen Liebe, mit der er «fliegen» kann. Als er sie gefunden zu haben scheint, macht ihm diese Frau erst einmal klar, «was verschmähte Liebe für Schmerzen hervorrufen kann, als er sich ihre Anwesenheit­für drei Tage erkaufen muss. Aber auch der Tod tritt in Gestalt einer Frau auf und führt mit dem Dichter philosophische Gespräche. (…) Bei alldem erfüllt der Film im positivsten Sinn all die vorgefertigten Erwartungen, die man an ­lateinamerikanische Filme hierzulande stellt: zauberhaft poetische Filmbilder, das Auftreten übernatürlicher Erscheinungen und Ereignisse, starke Metaphern und Kritik an politischen Zuständen und Zensur. Der Film ist grosses Gefühlskino, das der Regisseur perfekt mit allen gängigen und einigen experimentellen Mitteln vorzüglich bedient.» (Andreas Heidenreich, schnitt.de)

ÚLTIMAS IMÁGENES DEL NAUFRAGIO

125 Min / Farbe / DCP / Sp/d // DREHBUCH UND REGIE E ­ liseo

(Letzte Bilder vom Schiffbruch) Argentinien/Spanien 1989

SCHNITT Marcela Sáenz // MIT Darío Grandinetti (Oliverio),

Subiela // KAMERA Hugo Colace // MUSIK Osvaldo Montes // Sandra Ballesteros (Ana), Nacha Guevara (der Tod), Jean-­

Roberto will aus seinem trüben Dasein ausbrechen und einen Roman schreiben. Als er eines Tages der schönen Estela begegnet – er rettet sie im letzten Moment vor einem vermeintlichen Suizid –, glaubt er in ihr und ihrer schrägen Familie neue Inspiration für sein Buch gefunden zu haben. «Von Bruder José, einem bewaffneten psy­ chotischen Dieb mit einem Groll auf Gott, zu Bruder Claudio, der methodisch Wörter aus seinem Lexikon entfernt, für die er keine Verwendung mehr hat, ist Estelas Familie eine Goldgrube der Fiktion. (...) Doch bald bemerkt Roberto, dass seine Figuren einen Ausweg aus der Misere verlangen und darauf bestehen, dass er ihr Leben umschreibe. (…) Basierend auf einem minutiösen Drehbuch, erstellt Subiela ein ausgefeiltes Bild einer Gesellschaft auf dem Rückzug. (…) Veran-

Pierre Reguerraz (Gustavo), André Mélançon (Erik).

NO TE MUERAS SIN DECIRME ADÓNDE VAS (Stirb nicht, ohne mir zu sagen, wohin du gehst) Argentinien 1995 Der junge Leopoldo arbeitet im Kino als Operateur und bastelt gleichzeitig an einem «Traumkollektor», der Träume aufnehmen und projizieren soll. Eines Tages gelingt es ihm tatsächlich, die schöne Raquel aus seinen Träumen als Geist vor sich erscheinen zu lassen. «Nur er kann sie sehen – sie wird real, ohne materiell zu sein. (…) Technik und Seele – das Materielle und das Immaterielle in seiner absoluten


> Hombre mirando al sudeste.

> DespabĂ­late amor.

> No te mueras sin decirme adĂłnde vas.

> El lado oscuro del corazĂłn.


41

Eliseo Subiela Form – sind die beiden Pole, zwischen denen sich No te mueras sin decirme adónde vas (…) bewegt. (…) Subielas Spekulation über Kino und Psyche ist raffiniert, spannend und sehr witzig in die Spielfilmstory eingebettet. (…) Eine technisch perfekte Produktion auf hohem internationalem Standard, die dennoch Eigenheiten des argentinischen Kinos berücksichtigt, ohne dabei an Selbstironie zu verlieren.» (Mathias Heybrock, Zoom, 4/1996) 130 Min / Farbe / 35 mm / Sp/d/f // DREHBUCH UND REGIE Eliseo Subiela // KAMERA Hugo Colace // MUSIK Pedro ­Aznar // SCHNITT Marcela Sáenz // MIT Darío Grandinetti (Leopoldo), Mariana Arias (Raquel), Oscar Martínez (Oscar), Mónica Galán (Susanna), James Murray (William).

«Während in Subielas früheren Filmen stets suchende Männer im Zentrum der Handlung standen, dreht sich in Pequeños milagros erstmals alles um eine Frau. (…) Den dramatischen Höhepunkt setzt (der Regisseur) nah an den Schluss. Rosalía entscheidet sich, Frau zu sein und damit ihre Feenkräfte aufzugeben. Der Wunsch ihrer farbigen Träume, einen einzigen Mann zu lieben, (…) mutet überraschend traditionell an. Aber ihre Visionen stehen nur scheinbar quer zu einem modernen Frauenbild. In ihrer Absolutheit sind sie eine filmische Metapher für das Ideal eines Märchens, das jedoch in seinen realistischen Elementen noch andere Liebeskonzepte bereithält, die (…) von Subiela mit Wärme und erotischer Spannung erzählt werden.» (Christoph Rácz, Zoom, 1/1999)

DESPABÍLATE AMOR (Wach auf, Liebe!)

105 Min / Farbe / 35 mm / Sp/d/f // DREHBUCH UND REGIE

Argentinien 1996

Eliseo Subiela // KAMERA Daniel Rodríguez Maseda // MUSIK Osvaldo Montes // SCHNITT Marcela Sáenz // MIT Julieta

In diesem romantischen Drama versucht Ricardo die alte Uni-Clique nach 30 Jahren wieder zusammenzubringen – und löst dabei einige Kettenreaktionen aus. «Während der Vorbereitungen kommt Ehefrau Ana (…) wieder ins Schwärmen für ihre alte Flamme Ernesto (…), einen älteren, von Hamletähnlicher Melancholie befallenen Journalisten, der wiederum wegen der attraktiven Cellistin Silvia seine Enthaltsamkeit aufgibt. Die nostalgische Note des Films zeigt sich in der Beschwerde einer Figur, dass im Vergleich zu den sechziger Jahren heutzutage die ‹Herzen der Menschen trocken sind – es sind Jahre vergangen, seit es Träume regnete!›. Neben dem Einsatz von amüsant-kitschigen Rückblenden auf alte Schäferstündchen (…) ist der Film erfüllt von echten Gefühlen und schönen, witzigen Momenten; (…) alles poetisch in traurige, jedoch trotzige Musik und in Gedichte getaucht.» (Wally Hammond, Time Out Film Guide) 90 Min / Farbe / 35 mm / Sp/d/f // REGIE Eliseo Subiela // DREHBUCH Eliseo Subiela, Mario Benedetti // KAMERA ­Daniel Rodríguez // MUSIK Martín Bianchedi // SCHNITT Marcela Sáenz // MIT Darío Grandinetti (Ernesto), Soledad Silveyra (Ana), Juan Leyrado (Ricardo), Marilyn Solaya (Vera).

PEQUEÑOS MILAGROS (Kleine Wunder) Argentinien 1997 Kassiererin Rosalía träumt davon, eine Fee zu sein, und entwickelt tatsächlich übersinnliche Kräfte, während sie von einem Computerfreak beobachtet wird, der die junge Frau via Webcam an der Busstation sieht und sich gleich zu ihr hingezogen fühlt.

Ortega (Rosalía), Héctor Alterio (Rosalías Vater), Antonio ­Birabent (Santiago), Francisco Rabal (Don Francisco).

LAS AVENTURAS DE DIOS (Göttliche Abenteuer) Argentinien 2000

Ein Mann taucht aus dem Meer auf und findet sich in den Räumen eines alten Strandhotels wieder. Während er umherwandert, versucht er herauszufinden, wo er ist – ob er ist. Ist das alles ein Traum? Wird er geträumt? «Die alte Vermutung schleicht sich ein, der Vorträumer sei darum so schwer zu fassen, weil es sich um Gott persönlich handelt. Und hinter diesem Gerücht steht das andere: dass demnach der Traum, der Botschafter des Unbewussten, die wahre, die einzige schöpferische Kraft sei. (…) Las aventuras de Dios versteht sich als eine (…) Übung in jener Technik des Surrealismus, die den Umgang mit dem Unbewussten und mit dessen Ausdruck, dem Traum, suchte: der ‹écriture automatique›.» (Pierre Lachat, Zoom, 3/2001) «Eine eindrucksvolle Leistung von einem der noch zu wenig bekannten zeitgenössischen ‹auteurs›, eine bewegende metaphysische Meditation über Zeit, Erinnerung und den Sinn des Lebens. (…) Das Zusammenwirken von Bild und Ton schafft ein unheimliches, aber freundliches Universum, in dem alles möglich ist.» (Eddie Cockrell, Variety, 25.9.2000) 86 Min / Farbe / 35 mm / Sp/d/f // DREHBUCH UND REGIE E ­ liseo Subiela // KAMERA Daniel Rodríguez Maseda // MUSIK ­Osvaldo Montes // SCHNITT Laura Bua // MIT Pasta Dioguardi (Protagonist), Flor Sabatella (Valeri), Daniel Freire (Christus), Walter Balsarini (Concierge), Enrique Blugerman (Maletero).


42 SÉLECTION LUMIÈRE

SOPHIE’S CHOICE Alan J. Pakula hat William Styrons Erfolgs-

nicht immer leichtfällt, sie sich in Fleisch

roman «Sophie’s Choice» einfühlsam auf

und Blut vorzustellen. Sie ist tragisch,

die Leinwand gebracht. Für ihre Verkörpe-

erotisch, plötzlich überschwänglich und ­

rung der faszinierenden Exil-Polin Sophie,

dann ebenso plötzlich depressiv, die Über-

die ein tragisches Geheimnis birgt, errang

lebende einer Katastrophe und die Frau

Meryl Streep den zweiten ihrer drei Oscars.

im Mittelpunkt einer zweiten. Styrons ­Sophie wirkt als Figur zu überlebensgross und ­literarisch, um von einer Schauspielerin verkörpert werden zu können, selbst einer Schauspielerin von aussergewöhnlicher Findigkeit und Vielseitigkeit. Meryl Streep hat sich bereits als Darstellerin dieses Kalibers etabliert, doch nichts in ihrem bisherigen Werk nimmt Sophie’s Choice vollständig vorweg. In Alan J. Pakulas treuer Verfilmung von Styrons Roman vollbringt Streep das nahezu Unmögliche, indem sie Sophie in glaubhaft menschli-

SOPHIE’S CHOICE / USA 1982 157 Min / Farbe / 35 mm / OV/d/f // REGIE Alan J. Pakula //

chen Zügen präsentiert, ohne dass dabei die Dimensionen von Styrons Erfindung

DREHBUCH Alan J. Pakula, nach dem Roman von William

verloren gehen. In einer Rolle, die so viele

Styron // KAMERA Nestor Almendros // MUSIK Marvin Ham-

Gelegenheiten zur Übertreibung liefert,

lisch // SCHNITT Evan Lottman // MIT Meryl Streep (Sophie Zawistowska), Kevin Kline (Nathan Landau), Peter MacNicol

gelingt ihr eine Darbietung von derart ­

(Stingo), Josef Sommer (Erzähler), Rita Karin (Yetta Zimmer-

beherrschter Eindringlichkeit, dass das ­

man), Stephen D. Newman (Larry), Greta Turken (Leslie La-

Ergebnis abwechselnd begeisternd und ­

pidus), Josh Mostel (Morris Fink), Marcell Rosenblatt (Astrid Weinstein), Eugene Lipinski (polnischer Professor).

herzzerreissend ist. Auch wenn Sophie’s Choice keineswegs ein makelloser Film ist,

Stingo, ein angehender Schriftsteller aus

wirkt er doch geschlossen und tief bewe-

den Südstaaten, lernt im Sommer 1947 in

gend. Zu einem grossen Teil dank Streeps

Brooklyn ein ungewöhnliches Paar kennen:

bravouröser Leistung belegt uns dieser

den amerikanischen Juden Nathan und die

Film mit einem mächtigen, ununterbroche-

Exil-Polin Sophie. Als Zeuge ihrer Leiden-

nen Zauber.» (Janet Maslin, The New York

schaft, die durch ein grosses Geheimnis ge-

Times, 10.12.1982)

trübt wird, reift Stingo zum Künstler heran. «Die Heldin von William Styrons ‹Sophie’s Choice› ist ein Geschöpf von derart extravaganten und widersprüchlichen Eigenschaften, dass es bei der Lektüre des Romans

✶ am Mittwoch, 10. Januar, 18.00 Uhr: Einführung von Martin Walder


43 EINZELVORSTELLUNG DO, 8. FEB. | 18.15 UHR

BUCHVERNISSAGE

CINEMA #63 – ZUKUNFT Anlässlich der Vernissage der 63. Ausgabe

Die Zukunft ist durch ihre Unbestimmtheit

des CINEMA-Filmjahrbuchs werden Filme

und ihre Eigenschaft, als Projektionsfläche

rund um das Jahresthema «Zukunft» ge-

für menschliche Wünsche und Hoffnungen,

zeigt.

aber auch Ängste zu fungieren, ein zentrales Motiv der Filmgeschichte. Das Fragen

1969 hat Fredi M. Murer in einem heute

nach der Zukunft stellt immer auch ein

kaum mehr bekannten Film über die

Nachdenken über die Gegenwart dar: Mit

Schweiz in 100 Jahren nachgedacht: In

welchen Ideen, Wissensbeständen, Ideolo-

Swiss Made 2069 zeichnet ein humanoider

gien und technischen Hilfsmitteln wird über

Ausserirdischer mit Kamera im Kopf (ge-

das Zukünftige nachgedacht? Und welche

staltet von H. R. Giger) das Leben einer

Zukunft hat der Film heute?

­Gesellschaft auf, die vollkommen gleich­

Die diesjährige Ausgabe des CINEMA-

geschaltet und überwacht lebt. Anpas-

Filmjahrbuchs widmet sich Fragen zur

sungsunwillige werden in Reservate ge-

Zukunft des Mediums in Kategorien des ­

pfercht, einige wenige Unangepasste halten

Ästhetischen, Filmgeschichtlichen, Genre­

sich im Untergrund verborgen.

typischen, Gender­spezifischen und Techno-

Anlässlich der Vernissage der 63.  Ausga­be

logischen.

des CINEMA-Filmjahrbuchs wird Murers mittellanger Film gemeinsam mit weiteren Werken gezeigt, die sich inhaltlich dem dies-

In Anwesenheit von Fredi M. Murer, Vertretern von Memoriav und der Redaktion des CINEMA-Jahrbuchs. Anschl. Apéro

jährigen Buchthema «Zukunft» widmen. SWISS MADE 2069 – ODER DORT, WO SICH FUTUROLOGEN UND ARCHÄOLOGEN GUTE NACHT SAGEN / Schweiz 1968 45 Min / Farbe / 35 mm / D // DREHBUCH UND REGIE Fredi M. Murer.

DIGITAL IMMIGRANTS / Schweiz 2016 21 Min / Farbe / DCP / Dial/d // DREHBUCH UND REGIE ­Norbert Kottmann, Dennis Stauffer // KAMERA Dennis Stauffer // MUSIK Bänz Isler // SCHNITT Norbert Kottmann.

UFO (SCHWEIZER FILMWOCHENSCHAU VOM 11.10.1974) / Schweiz 1974 6 Min / sw / Digital HD / D // REGIE François Jaquenod.

Swiss Made 2069: Gigers Ausserirdischer besucht die Schweiz.

Die Veranstaltung wird unterstützt von Memoriav – Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz.


44 Filmpodium für Kinder

Amazonia Das Kapuzineräffchen Saï wächst in Gefangenschaft auf. Nach einem Flugzeugabsturz über dem Amazonas findet es sich alleine im Regenwald wieder.

AMAZONIA / Frankreich/Brasilien 2013 85 Min / Farbe / DCP / ohne Dialoge / ab 6/8 // REGIE Thierry Ragobert // DREHBUCH Johanne Bernard, Luiz Bolognesi, LouisPaul Desanges, Luc Marescot, Thierry Ragobert // KAMERA Manuel Teran, Gustavo Hadba, Jérôme Bouvier // MUSIK Bruno Coulais // SCHNITT Nadine Verdier, Thierry Ragobert. KINDERFILM-WORKSHOP Im Anschluss an die beiden Vorstellungen von Amazonia bietet die Filmwissenschaftlerin Julia Breddermann (www.fifoco.ch) einen Film-Workshop an. Die Kinder erleben eine Entdeckungsreise durch die Welt der Filmsprache und werden an einzelne Szenen und Themen des Films herangeführt. Dauer des Workshops: ca. 1 Stunde. Der Workshop wird gratis angeboten. Keine Voranmeldung nötig.

Alles ist neu in dieser plötzlichen Freiheit. Das undurchdringliche Grün, der grösste Fluss der Welt, die unbekannte Fauna. Die Begegnungen mit Krokodilen, Boas und Jaguaren machen Saï bald klar, dass es nur eine Chance hat zu überleben, nämlich wenn es andere Kapuzineräffchen finden kann. Ein aussergewöhnlicher Dokumentarfilm für die ganze Familie.


45 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Marius Kuhn (mk), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde PRAKTIKUM Alicia Schümperli // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 412 31 25 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: British Film Institute, London; Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin; China Film Archive, Beijing; La Cinémathèque française – Musée du cinéma, Paris; CNC, Bois D’Arcy; Danish Film Institute, Kopenhagen; Deutsches Filminstitut – DIF, Wiesbaden; Stefan Drößler, München; George Eastman Museum, Rochester; Filmcoopi, Zürich; Filmmuseum München; Fortune Star Media, Hongkong; Gaumont, Neuilly sur Seine; Le Giornate del cinema muto, Pordenone; Gosfilmofond, Moskau; Norbert Kottmann, Bern; Lichtspiel/Kinemathek Bern; Lobster Film, Paris; Memoriav, Bern; Metropolis Archiv, Hamburg; MK2, Paris; Motion Picture Licensing Corporation (MPLC), Zürich; Fredi M. Murer, Zürich; Friedrich-­ Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Österreichisches Filmmuseum, Wien; Park Circus, Glasgow; Photoplay Productions, London; Praesens Film, Zürich; Shochiku International, Tokio; Dennis Stauffer, Solothurn; Studiocanal, Berlin; Tamasa Distribution, Paris; trigon-film, Ennetbaden; Universal Pictures International, Zürich; Xenix Filmdistribution, Zürich; ZZ Productions, Paris. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 6000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Jahrhundert-Abo (Fr. 50.–, für alle in Ausbildung): freier Eintritt zu den Filmen der Reihe «Das erste Jahrhundert des Films» // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Carl Theodor Dreyer

Neue Dokumentarfilme

Carl Theodor Dreyer (1889–1968) gilt als der

Im Kino lässt es sich wunderbar reisen und

bedeutendste Cineast des dänischen Kinos.

gleichzeitig in unterschiedliche Lebenswelten

Er arbeitete zunächst als Journalist und

abtauchen. In China’s Van Goghs begeben

Drehbuchautor und begann 1919 mit Praesi-

wir uns in ein chinesisches Malerdorf, wo

denten selbst zu inszenieren. In Dramen und

­einer der zahllosen Van-Gogh-Kopisten be-

Kammerspielen um Macht und Missbrauch,

schliesst, ernsthaft seinem Idol nachzueifern.

gesellschaftliche Konventionen, die Kraft

Oder wir gehen nach Nordkorea und schauen

des persönlichen Glaubens und die Zwänge

buchstäblich hinter die Kulissen eines «ge-

der Religion übt Dreyer Kritik an den herr-

wöhnlichen» Familienlebens, im erschüt-

schenden Verhältnissen. Im Zentrum steht

ternden Under the Sun. Ein anderes Mal verir-

bei ihm stets der Mensch, und ein beson-

ren wir uns in der mexikanischen Wüste, in

deres Anliegen ist ihm die Emanzipation der

den flirrenden Traum/Alptraum-Landschaf-

Frau. Die Meisterwerke La passion de Jeanne

ten von El mar la mar. Aber wir bleiben auch

d’Arc (1928), Ordet (1955) und Gertrud (1964)

ganz in der Nähe und treffen alte Bekannte, in

bilden das Herzstück dieser ersten Retro-

Romans d'adultes, der Fortsetzung der West-

spektive, die das Filmpodium Dreyer widmet.

schweizer Doku-Serie Romans d'ados.


FELLIPE GAMARANO BARBOSA

B R A Z I L • K E N YA • TA N Z A N I A • Z A M B I A • M A L AW I

A B 11. JANUAR I N D EN K I N OS

Unterwegs und bei sich A B 8. FEBRUAR I N D EN K I N OS

v on S a v i G abi z on «Eine ironische, zarte und schwarze Komödie.» Hollywood Reporter

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium Programmheft Januar/Februar 2018  

Stummfilmfestival 2018 / Memento Moreau / Adios, Eliseo Subiela / Amazonia / Lumière!

Filmpodium Programmheft Januar/Februar 2018  

Stummfilmfestival 2018 / Memento Moreau / Adios, Eliseo Subiela / Amazonia / Lumière!

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