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16. Februar – 31. März 2014

Jean-Claude Carrière, Drehbuchautor


AB 6. MÄRZ 2014 IM KINO

Ausgewählte Blu-rays für Film-Gourmets www.trigon-film.org – 056 430 12 30


01 Editorial

Tops und Flops Im zweiten Programmheft des Jahres halten wir gerne Rückschau auf das vergangene Filmpodium-Jahr. 2013 zählte unser Angebot – genau wie im Vorjahr – 335 Filme oder Kurzfilmprogramme. Das Hauptgewicht lag wiederum auf Regisseur- und Schauspielerreihen; daneben wurden filmhistorische Programme, neue Autorenfilme aus China und Südkorea und mehrere Spiel- und Dokumentarfilmpremieren gezeigt. Erstmals beherbergte das Filmpodium 2013 die «Woche der Nominierten» zum Schweizer Filmpreis – sie ist vom 17. bis 23. März auch heuer wieder bei uns zu Gast. Im Kino begrüssen konnten wir neben vielen weiteren Gästen und Referentinnen die Schauspielerin Julia Jentsch, die Filmschaffenden Greg Zglinski, Zhu Rikun und O Muel sowie die Regie-Legenden Souleymane Cissé und Fernando E. Solanas – Begegnungen, die wie das Stummfilmfestival durch den Filmpodium-Förderverein Lumière mitfinanziert wurden. Die 883 öffentlichen Filmpodium-Vorstellungen im Jahr 2013 verbuchten 36 000 Eintritte. Damit ist die durchschnittliche Besucherzahl im letzten Jahr spürbar gesunken. Der Gründe sind viele: Der schöne Sommer tat keinem Kino gut, und beim Zurich Film Festival waren wir nicht mehr Mitveranstalter, sondern nur Vemieter. Ausserdem haben wir mehr Premieren als üblich gezeigt, ein wichtiger Programmbestandteil, aber riskanter als vertraute Namen und Klassikerreihen. Trotz des Hits Work Hard Play Hard führte der Premierenzuwachs zu tieferen Durchschnittszahlen. Wenig (Publikums-)Erfolg hatten zudem die Michael-Haneke-Retro und die grosse Sommerreihe «The Real Eighties». Doch es gibt auch Erfreuliches zu berichten: Das Stummfilmfestival, das zum 10. Mal stattfand, erreichte einen Besucherschnitt von 93. Dass die Ausgabe 2014 bei Redaktionsschluss dieses Hefts über 100 Eintritte pro Vorstellung zählt, zeigt, dass unser Publikum die Chance, das frühe Filmschaffen in so vielen verschiedenen Facetten kennenzulernen, weiterhin mit Begeisterung nutzt. Positiv war auch das Echo – gerade des jüngeren Publikums – auf die Robert-Bresson-Reihe. Mit total 777 Eintritten war übrigens North by Northwest 2013 der Film mit der höchsten Zuschauerzahl. Kein Hit für unser Publikum war die zum zweiten Mal durchgeführte Spielpause. Auch wenn wir personell ziemlich werden zirkeln müssen, setzen wir alles daran, das Filmpodium 2014 durchgehend zu bespielen, fühlen wir uns doch nicht nur dem Film, sondern auch unserem Publikum verpflichtet. Diesem danken wir an dieser Stelle für seine Treue und hoffen, dass es bei uns vermehrt auch Neuentdeckungen wagt. Corinne Siegrist-Oboussier

Titelbild: Catherine Deneuve in Luis Buñuels Belle de jour


02 INHALT

Jean-Claude Carrière

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Kaum ein Drehbuchautor der Filmgeschichte zeichnet sich durch derart grosse Produktivität auf hohem Niveau und zugleich enorme Vielseitigkeit aus wie Jean-Claude Carrière. Die späteren Filme eines Luis Buñuel wären ohne ihn ebenso undenkbar wie Meisterwerke von so unterschiedlichen Cineasten wie Louis Malle, ­Pierre Étaix, Milos Forman, Andrzej Wajda, Volker Schlöndorff, Philip Kaufman, Jacques Deray und Peter Brook. Seine äusserst breite Palette reicht vom surrealistischen Skandalfilm bis zum handfesten Krimi, von der opulenten Romanze bis zum theatralischen Kriegsepos, vom Historiengemälde bis zum subtilen Psychothriller. Jean-Claude Carrière wird voraussichtlich die Retrospektive im Filmpodium mit einem Besuch ehren. Bild: Die Blechtrommel

Das erste Jahrhundert 20 des Films: 1934 Von Joseph von Sternbergs pompösem The Scarlet Empress bis zu Frank Capras erfrischendem It Happened One Night, der die goldene Ära der Screwball-Komödien einleitete: Bis Mitte 1934 die Zensur eingriff, galten die 1930er Jahre als Blütezeit der Traumfabrik. In Europa entstanden derweil so poetische wie dokumentarisch-realistische Werke wie die Doku-Fiktion Man of Aran oder L’Atalante – und in der Schweiz das formal bestechende kleine Meisterwerk Rapt von Dimitri Kirsanoff. Bild: It Happened One Night


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Premiere: Valley of Saints

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Gulzar möchte weg aus seinem Dorf, um der Armut und der politischen Lage zu entfliehen, doch die Begegnung mit einer jungen Wissenschaftlerin macht ihm die bedrohte Schönheit seiner Heimat Kaschmir bewusst. Ein wunderbar gefilmtes, vielschichtiges Porträt dieser Weltregion.

Premiere: Elektro Moskva

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Das erste elektronische Klanginstrument wurde 1919 vom Russen Leon Theremin erfunden. Mit verschrobennostalgischen Aufnahmen zeichnet der Dokumentarfilm Elektro Moskva die Folgen von Theremins Erfindung in der Sowjetunion nach: Ein faszinierender Einblick in die Geschichte elektronisch erzeugter Musik jenseits des Eisernen Vorhangs. Bild: Elektro Moskva

Premiere: Dans un jardin  30 je suis entré Der Israeli Avi Mo­grabi gehört zu den wichtigsten skeptischen Stimmen seines Landes. Mit seinem palästinensischen Freund und Arabischlehrer macht er sich auf die filmische Suche nach einem Sehnsuchtsort zwischen Nostalgie und Zukunft.

Filmpodium für Kinder: 34 Mein Freund Knerten Ein Stock, mit dem man alle Sorgen und Träume teilen kann? Mein Freund Knerten ist ein charmanter Familienfilm aus Norwegen, der zeigt, welche Kraft Kinder aus Fantasiewelten schöpfen können – liebevoll und mitreissend inszeniert. Bild: Mein Freund Knerten

Einzelvorstellungen IOIC-Soiréen: The Devils's Needle und The Unknown Sélection Lumière: La famiglia

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05 Jean-Claude Carrière

Der Schattenmann Der französische Schriftsteller Jean-Claude Carrière (*1931) wurde in den 1950er Jahren von Jacques Tati überredet, seine Filmkomödien als Romane zu adaptieren. Daraufhin verlegte sich Carrière aufs Drehbuchschreiben und wurde einer der vielseitigsten Vertreter dieser Zunft. Illusionen machte er sich dennoch keine: «Wer Ruhm erstrebt oder sich ein Denkmal setzen lassen will, soll keine Drehbücher schreiben. Der Autor verschwindet; er arbeitet im Schatten.» Die FilmpodiumRetrospektive rückt Carrière ins Rampenlicht. Im Verlauf ihrer zweieinhalb Jahrzehnte währenden Zusammenarbeit bekamen Luis Buñuel und Jean-Claude Carrière überraschenderweise nur einmal nennenswerte Schwierigkeiten mit der Zensur, bei Belle de jour. Die Zurückhaltung, die die Behörde sonst zeigte, ärgerte den Regisseur ungemein. Als gelernter Surrealist hielt er es für ein schlechtes Zeichen, wenn seine Filme keinen Skandal mehr auslösten. Dank der Strenge der Zensoren ist Belle de jour nun der einzige Film des Gespanns Buñuel-Carrière, in dem die Religion keine Rolle spielt. Ursprünglich hatten die zwei bibelfesten Ketzer eine Szene geschrieben, die eine nekrophile Zeremonie zeigt. Sie wurde gekürzt, weil sie das Empfinden der Zuschauer zu sehr hätte verletzen können. Carrière selbst tritt in ihr als Priester auf, der eine Messe vor der Christusfigur von Matthias Grünewald zelebriert. Schon in Le journal d’une femme de chambre war der Drehbuchautor, den die Macht der Kirche gleichermassen empört wie fasziniert, mit sichtbarem Vergnügen in die Rolle eines Pfarrers geschlüpft. Aber nicht nur das Hadern mit ihrer katholischen Erziehung verband die beiden. Buñuel wählte Carrière aus einer ganzen Reihe von Drehbuchautoren aus, weil dieser zuvor mit den Komikern Jacques Tati und Pierre Étaix gearbeitet hatte. Sie teilten die Liebe zur amerikanischen Slapstickkomödie, vor allem zu Buster Keaton. Bei jedem Drehbuch versuchten sie, eine Sahnetorte unterzubringen, die einer Figur ins Gesicht geworfen würde (was ihnen letztlich aber nie gelang). Nicht unwichtig war für Buñuel auch, dass sein neuer Partner einen Dokumentarfilm über das Sexualleben der Tiere geschrieben hatte, was ihn brennend interessierte. Der angloamerikanische Kritiker

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Buñuel und Carrière in Höchstform: Le charme discret de la bourgeoisie

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An der letzten grossen Skulptur: Jean Rochefort in El artista y la modelo


06 David Thomson bezeichnete Carrière einmal als Engel, durch den der Regisseur zum Surrealismus zurückfand. Er selbst sieht seine Rolle profaner: Er habe Buñuel meist nur geholfen, Buñuel zu sein. Ungeahnte Wandlungsfähigkeit Ohne diesen Szenaristen würde das, was man den europäischen Autorenfilm nennt, zweifellos ganz anders aussehen. Er hat mit höchst unterschiedlichen Regietemperamenten wie Patrice Chéreau, Jean-Luc Godard, Michael Haneke, Volker Schlöndorff und Andrzej Wajda gearbeitet. Dabei hat er ihnen nicht nur geholfen, sie selbst zu sein. Er fungiert nicht nur als ihr Komplize, sondern auch als Gegenpol, als notwendige Opposition. Ob er sich dabei manchmal wohl wie Cyrano fühlt, der einem anderen die Verse einflüstert, mit denen dieser das Publikum verzaubert? Wer einmal mit ihm gearbeitet hat, bleibt ihm treu. Sein Savoir-faire ist verführerisch. Es gibt wahrscheinlich keinen zweiten Szenaristen, der Regisseuren so viel Vertrauen und Zuversicht einflösst wie Carrière. Er hat als unverfilmbar geltende Romanvorlagen von Günter Grass (Die Blechtrommel), Marcel Proust (Un amour de Swann) und Milan Kundera (The Unbearable Lightness of Being) adaptiert. In seinem mittlerweile rund 140 Kino- und Fernsehfilme umfassenden Werk finden sich aber auch raffinierte Psychothriller (La piscine), nostalgische Gangsterfilme (Borsalino), espritvoll-melancholische Mantel-und-Degen-Stücke (Cyrano de Bergerac) und burleske Komödien. Seine Filmografie zeugt von einer einzigartigen Geschmeidigkeit. Sie kennt keine snobistischen Hierarchien. An die Arbeit mit einem Genreveteranen wie Jacques Deray geht er mit ebenso viel Elan und Raffinesse heran, wie er es bei einem Buch für Milos Forman tut. In Sachen Vielseitigkeit (zumal auf so hohem Niveau) konnte es allenfalls noch sein italienischer Kollege Tonino Guerra mit ihm aufnehmen, der von sich sagte, er habe für jeden Regisseur ein anderes Gesicht aufgesetzt. Das ist auch für die Arbeit Carrières keine schlechte Metapher: Wenn er in den 1960er Jahren ein Drehbuch für Buñuel beendet hatte, um sich dann mit Étaix einem ganz anderen Register zuzuwenden, sagte der Komiker oft zu ihm: «Du hast dich verändert, du bist nicht mehr der Gleiche.» Eine solch fruchtbare Wandlungsfähigkeit wirft die Frage auf, ob Carrière nicht in erster Linie ein charismatischer Handwerker ist. Tatsächlich sucht man vergeblich nach einem «eigenen» Thema – abgesehen vom anti-klerikalen Furor, der sich auch jenseits von Buñuel in seinen Szenarien Bahn bricht –, das sich durch sein gesamtes Werk zieht. Seine persönliche Handschrift manifestiert sich vielmehr in einer bestimmten Erzählhaltung: Er nimmt den Zuschauer als Erwachsenen ernst, scheut Sentimentalität oder bequeme Ironie. Ihn fasziniert das Geschichtenerzählen als Akt der Sinnstiftung. Er verfügt über eine geradezu enzyklopä-


07 dische Kenntnis der Erzähltraditionen des Okzidents wie des Orients. In seinen Lehrbüchern «Praxis des Drehbuchschreibens» und «Der unsichtbare Film» legt er akribisch Rechenschaft ab über die Quellen seines eigenen ­Metiers. In seinen Filmen mit Étaix erforscht er systematisch die Regeln, nach denen Gags funktionieren. Seine Arbeit mit Buñuel verrät die Lust an der Variation, an der Überprüfung und Umdeutung von Erzählkonventionen. La voie lactée greift das Genre des Schelmenromans auf; Le charme discret de la bourgeoisie spielt mit Elementen des Boulevardtheaters – man denke nur an die zahlreichen Auf- und Abgänge. Gemeinsam unterlaufen die Filmemacher die Gebote erzählerischer Logik und Geschlossenheit und öffnen die Konstruktion für einen listigen Assoziationsreichtum. In Le fantôme de la liberté düpieren sie konsequent die Erwartungen der Zuschauer, indem sie ihre narrativen Versprechen nie einhalten: Unweigerlich lassen sie jeden Erzählfaden abreissen und ersetzen ihn durch einen neuen, den das gleiche Schicksal ereilt. «Der entfernte Blick» als Erzählprinzip Ein entscheidendes Merkmal von Carrières Erzählkunst ist die Fremdperspektive. Carrière selbst nennt dieses Erzählprinzip den «entfernten Blick». Er wählt einen Blickwinkel, der nicht in dem Milieu, der Kultur verankert ist, in welcher die Geschichten angesiedelt sind. Daraus erwächst eine besondere Aufmerksamkeit, zumal für Alltagsdetails. Taking Off ist nicht zuletzt deshalb eine so dichte atmosphärische Studie des New Yorker Mittelstands in den frühen 1970er Jahren, weil der Drehbuchautor Franzose ist und der ­Regisseur Milos Forman Tscheche. Für Milou en mai wählen Louis Malle und er die Perspektive der Provinz, um von den Erschütterungen des Pariser Mai ’68 zu erzählen. Sein Pendant findet dieser Film in The Unbearable Lightness of Being, der vor dem Hintergrund des Prager Aufstands im gleichen Jahr spielt. In Birth schliesslich entwirft Carrière zusammen mit dem britischen Regisseur Jonathan Glazer ein stimmiges Sittenbild der Aristokratie in New Yorks Upper East Side, wobei der Blick geschärft wird durch den transatlantischen Abstand. Dieser Trick funktioniert natürlich nur, weil der Autor neben der Neugier auf das Fremde auch Weltläufigkeit und Menschenkenntnis besitzt. Das Milieu der Buñuel-Filme wirft in dieser Hinsicht indes ein beachtliches Problem auf, denn sie spielen in der Welt der Bourgeoisie, welcher Autor und Regisseur selbst angehörten. Aber das brachte sie nicht in Verlegenheit. «In unseren Filmen ging es immer darum», sagte Carrière einmal, «eine Komplizenschaft mit dem Zuschauer herzustellen, ohne dass die Figuren es merken.» Gerhard Midding Gerhard Midding arbeitet als freier Filmjournalist in Berlin.


> La voie lactĂŠe.

> Le journal dâ&#x20AC;&#x2122;une femme de chambre.

> Borsalino.


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Jean-Claude Carrière.

«Ein junger Mann bekommt von seiner Liebsten einen Brief, mit dem sie ihm die Liebe kündigt. Er versucht ihr zu antworten ... Für seine erste Regiearbeit – eigentlich Koregiearbeit, war JeanClaude Carrière doch sowohl am Drehbuch als auch an der Inszenierung beteiligt – zeigt Pierre Étaix schon den ganzen Charakter seiner Komik. Er spielt mit den Gegenständen und braucht davon nur wenige, um eine ganze Verkettung von Gags in Gang zu setzen: Die zehn Minuten spielen praktisch in einer einzigen Szene, in der Étaix an seinem Pult sitzt, wortlos, mit nicht immer ­ko­operativen Objekten – und einem höllischen Schlusssturz.» (blog.lemonde.fr, 13.5.2011)

vor allem auf ihren Beichtvater, Monsieur hält sich sexuell beim Dienstpersonal schadlos und streitet bei jeder Gelegenheit mit seinem Nachbarn, und der Kutscher Joseph ist ein Faschist. Le journal d'une femme de chambre war «der erste Film in Buñuels letzter Periode, in der er hauptsächlich in Frankreich drehte und stets mit Jean-Claude Carrière als Drehbuchautor arbeitete. Der Roman von Mirbeau, der im 19. Jahrhundert spielt, ist hier übertragen ins Jahr 1928, jene Zeit, in der Buñuel den sozialen und politischen Aufruhr in Frankreich miterlebte. Sein Bild einer Provinzbourgeoisie, die altersschwach und impotent darniederliegt, während die Faschisten den Nationalismus und den Antisemitismus ausnutzen, wirkt wie eine frohlockende Revanche dreissig Jahre nach Un chien andalou.» (Dictionnaire du cinéma Larousse)

10 Min / sw / 35 mm / ohne Dialog // REGIE Pierre Étaix, Jean-

97 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH

Claude Carrière // DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Pierre

Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière, nach dem Roman von Oc-

Étaix // KAMERA Pierre Levent // MUSIK Jean Paillaud //

tave Mirbeau // KAMERA Roger Fellous // SCHNITT Louisette

SCHNITT Léonide Azar // MIT Pierre Étaix, Anne-Marie Royer,

Hautecœur, Luis Buñuel // MIT Jeanne Moreau (Célestine),

Anny Nelsen.

Georges Géret (Joseph), Michel Piccoli (M. Monteil), Daniel

RUPTURE Frankreich 1961

Ivernel (Hpt. Mauger), Françoise Lugagne (Mme Monteil), Jean Ozenne (M. Rabour), Dominique Sauvage (Claire), Ber-

HEUREUX ANNIVERSAIRE

nard Musson (Küster), Jean-Claude Carrière (Pfarrer), Muni (Marianne), Gilberte Géniat (Rose).

Frankreich 1962 «Pierre Étaix' Karriere bekam einen enormen Schub, als er für seinen zweiten Film 1963 den Oscar für den Besten Kurzfilm erhielt. (...) Sein ganz eigener Komödienstil ist deutlich von Jacques Tati und Buster Keaton beeinflusst, hat aber auch seinen eigenen hinterhältigen Charme. Hier spielt Étaix einen Ehemann, der heroische Anstrengungen unternimmt, um nach Hause zu kommen und mit seiner Frau den Hochzeitstag zu feiern, seine Bemühungen aber durch Pech und höllischen Stossverkehr vereitelt sieht.» (James Travers, frenchfilmguide.com, 2012) 12 Min / sw / 35 mm / F // REGIE Pierre Étaix // DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Pierre Étaix // KAMERA Pierre Levent // MUSIK Claude Stieremans // SCHNITT Andrée Werlin, Eva Zora // MIT Pierre Étaix, Georges Loriot, Nono Zammit, JeanClaude Carrière (Lieferwagenfahrer, ungenannt).

LE JOURNAL D'UNE FEMME DE CHAMBRE Frankreich/Italien 1964 Célestine tritt eine neue Stelle als Dienstmädchen in der französischen Provinz an. Aus ihrer Sicht lernt man die wohlhabenden Herrschaften, aber auch die Bediensteten kennen: Madame hört

BELLE DE JOUR Frankreich/Italien 1967 Séverine, eine scheinbar glücklich verheiratete, aber unter masochistischen Zwangsvorstellungen leidende Frau aus grossbürgerlichem Milieu, ist plötzlich fasziniert von dem Gedanken, sich zu prostituieren. Heimlich beginnt sie, nachmittags in einem Edelbordell zu arbeiten. Ein Freier aus kriminellem Umfeld verliebt sich in sie, folgt ihr nach Hause und dringt schliesslich gewaltsam in ihren Gesellschaftskreis ein. «Ein ganz grosser Buñuel und ein Meisterwerk des sadomasochistischen Films, in dem sich Drehbuchautor Jean-Claude Carrière ein Vergnügen aus einer Vielzahl von Anspielungen auf de Sade macht. Die Vermischung von Realität und Fantasien schafft eine traumartige Atmosphäre und vervielfacht die erotische Suggestivkraft dieses Werks, in dem aber alles nur angedeutet wird, so etwa das Kästchen mit dem wunderlichen Gemurmel im Besitz eines asiatischen Freiers. Catherine Deneuve ist auf dem Gipfel ihrer Schönheit.» (Jean Tulard: Guide des films) 100 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière, nach dem Roman


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Jean-Claude Carrière. von Joseph Kessel // KAMERA Sacha Vierny // SCHNITT Louisette Hautecœur // MIT Catherine Deneuve (Séverine Sérizy), Jean Sorel (Pierre Sérizy), Michel Piccoli (Henri Husson), Geneviève Page (Madame Anaïs), Francisco Rabal (Hippolyte), Pierre Clémenti (Marcel), Georges Marchal (Herzog), Françoise Fabian (Charlotte), Maria Latour (Mathilde), Francis Blanche (M. Adolphe), François Maistre (Professor), Macha Méril (Renée Févret).

LA VOIE LACTÉE Frankreich/Italien 1969 Die beiden Clochards Pierre und Jean machen auf dem Jakobsweg von Paris nach Santiago de Compostela eine neuzeitliche Pilgerfahrt. Dabei begegnen ihnen in einer surreal-kabarettistischen Dramaturgie Gestalten, Szenen und Beispiele aus mehreren Jahrhunderten abendländischer Kirchengeschichte. Koautor Jean-Claude Carrière verkörpert genüsslich den Bischof Priscillian, der mit seinen Anhängern eine Orgie veranstaltet. «Dieser Film ist aufgrund der allegorischen Anlage und der religiösen Thematik, die ihn bestimmt, möglicherweise überhaupt das zweite Schlüsselwerk Buñuels nach L'âge d'or.» (Ulrich Gregor, Film-Korrespondenz) «Wie Nazarín rief er sehr widersprüchliche Reaktionen hervor. Carlos Fuentes sah in ihm einen antireligiösen Kampffilm, während Julio Cortázar sich zur Behauptung verstieg, der Film käme ihm vor, als sei er vom Vatikan bezahlt. (…) Meiner Meinung nach war La voie lactée weder das eine noch das andere. (…) Für mich ist er vor allem eine Wanderung durch den Fanatismus, bei der sich jeder gewaltsam und unerbittlich an ein Stückchen Wahrheit klammert – bereit, dafür zu töten oder zu sterben. Ausserdem fand ich, dass der Weg, den die beiden Pilger zurücklegen, gleichermassen für politische wie für künstlerische Ideologien stehen kann.» (Luis Buñuel) 101 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière // KAMERA Chris­ tian Matras // MUSIK Luis Buñuel // SCHNITT Louisette Hautecœur // MIT Laurent Terzieff (Jean), Paul Frankeur (Pierre), Delphine Seyrig (Prostituierte), Georges Marchal (Jesuit), Edith Scob (Jungfrau Maria), Michel Piccoli (Marquis de Sade), Bernard Verley (Jesus), Jean Piat (der Graf), JeanClaude Carrière (Priscillian), Pierre Clémenti (Todesengel), Julien Bertheau (Oberkellner), Claudio Brook (Bischof).

BORSALINO Frankreich/Italien 1970 Anfang der 1930er-Jahre in Marseille raufen sich die zwei Gauner Roch Siffredi und François Capella – buchstäblich – zusammen und werden

­ icke Freunde. Seite an Seite machen sie in der d Unterwelt der Hafenstadt Karriere und gehen ­dabei über Leichen. Der erste gemeinsame Film der Superstars Delon und Belmondo wurde zum Kassenschlager, nicht zuletzt, weil seine stilbildende Ästhetik die 1930er-Jahre und die Mode der eleganten Gangster schamlos idealisierte. Carrière und Deray brechen den Krimi-Kitsch mit einiger Ironie, und die Protagonisten zelebrieren lustvoll ihre unterschiedlichen Images – Belmondo als schlitzohrig-charmanter Bonvivant, Delon als ultracooler Machtmensch. «Der Hauch von Glorie und der protzige Reichtum, mit dem sie sich umgeben, ist nur billige, allzu leicht abbröckelnde Fassade. Hinter ihr verbergen sich zwei menschliche Dramen. Dass Deray diese Fassade nicht zusammenfallen lässt, sondern einzig ihre leichte Verletzlichkeit darstellt, darin liegt eigentlich die Grösse von Borsalino.» (Urs Jaeggi, Zoom, 14/1970) 125 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Jacques Deray // DREHBUCH Claude Sautet, Jean-Claude Carrière, Jean Cau, Jacques Deray // KAMERA Jean-Jacques Tarbès // MUSIK Claude Bolling // SCHNITT Paul Cayatte // MIT Jean-Paul Belmondo (Capella), Alain Delon (Siffredi), Michel Bouquet (Rinaldi), Catherine Rouvel (Lola), Françoise Christophe (Madame Escarguel).

TAKING OFF USA 1971 Taking Off handelt von den Eltern einer Fünfzehnjährigen, die sich im Hippiemilieu von New York auf die Suche nach ihrer vermeintlich ausgerückten Tochter begeben und so das erste Mal in Kontakt mit dem Lebensstil der Gegenkultur geraten. Carrière und Forman liessen sich von einem Zeitungsartikel inspirieren und recherchierten im East Village wie Dokumentarfilmer. Ihr Drehbuch schrieben sie zur Hauptsache in Europa, wo sie mit dem Mai '68 und dem Prager Frühling konfrontiert wurden. «Heute sehe ich Taking Off als meinen letzten tschechischen Film an», schrieb der Regisseur 1994 in seinen Erinnerungen «Rückblende». Er drehte nach seinen bisherigen Gewohnheiten und mit kleinem Budget. Obschon – oder weil – er sich in den USA noch fremd fühlte, gelang Forman ein treffendes Sittenbild einer Gesellschaft im Umbruch. In Nebenrollen findet man Kathy Bates, Carly Simon sowie Ike und Tina Turner. «Forman betrachtet beide Seiten des Generationenkriegs und findet den Konflikt schmerzlich, wobei die Eltern etwas interessanter sind, weil ausgeformter und stärker den Zwängen sprach-


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Jean-Claude Carrière. loser Konventionen unterworfen.» (Penelope Gilliatt, The New Yorker, 3.4.1971) 93 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Milos Forman // DREHBUCH Milos Forman, John Guare, Jean-Claude Carrière, John Klein // KAMERA Miroslav Ondricek // MUSIK Mike Heron // SCHNITT John Carter // MIT Lynn Carlin (Lynn Tyne), Buck Henry (Larry Tyne), Georgia Engel (Margot), Linnea Heacock (Jeannie Tyne), Tony Harvey (Tony), Audra Lindley (Ann Lockston), Kathy Bates (Bobo Bates), Carly Simon (Casting Sängerin), Ike Turner, Tina Turner (sie selbst).

LE CHARME DISCRET DE LA BOURGEOISIE Frankreich 1972

in La voie lactée verwandte, noch einen Schritt weiter: Zwischen den Episoden besteht kein verbindendes Band mehr, eine Person leitet jeweils von einem Komplex zum nächsten über. (...) Die These des Films, der er durch sein Motto: ‹Es leben die Ketten!› Ausdruck verleiht, besagt nichts anderes, als dass sich die bürgerliche Gesellschaft aus Unfähigkeit zur Freiheit von selbst in die Gefängnisse des Vorurteils und des falschen Denkens begibt und deshalb alle Manifestationen der Freiheit, wo sie sich auch immer regen mag, mit Gewalt bekämpft.» (Ulrich Gregor: Geschichte des Films ab 1960) 104 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière // KAMERA Edmond Richard // SCHNITT Hélène Plemiannikov // MIT Ber-

Mehrere Angehörige der bürgerlichen Führungsschicht eines fiktiven lateinamerikanischen Landes verbringen ihre Zeit mit einer Folge von gegenseitigen Einladungen, doch werden sie immer wieder dabei gestört und um den kulinarischen Genuss betrogen. «Basierend auf der Wiederholung der immer gleichen Situation und ihrer unablässigen Steigerung von der Realität zum Albtraum (...), stellt diese Komödie der Frustration ein Meisterwerk des schwarzen Humors dar. Indem Buñuel alle filmischen Genres vermischt, sammelt er, unterstützt von perfekten Schauspielern, Indizien für die Absurdität der bürgerlichen Gesellschaft und des Rationalismus.» (Dictionnaire du cinéma Larousse) «Die Bourgeoisie liegt mir viel mehr als das Proletariat. (...) Ich fühle mich zu ihren Widersprüchen hingezogen.» (Luis Buñuel) 101 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Luis Buñuel // DREHBUCH Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière // KAMERA Edmond Richard // MUSIK Guy Villette // SCHNITT Hélène Plemiannikov // MIT Fernando Rey (Rafaele Costa), Delphine Seyrig (Simone Thévenot), Stéphane Audran (Alice Sénéchal), Bulle Ogier (Florence), Jean-Pierre Cassel (Henri Sénéchal), Paul Frankeur (François Thévenot), Claude Piéplu (Colonel), Julien Bertheau (Bischof), Michel Piccoli (Innenminister), Milena Vukotic (Inès), Muni (Bäuerin), François Maistre (Kommissar).

LE FANTÔME DE LA LIBERTÉ Frankreich 1974 «In locker verbundenen Episoden, die miteinander keinerlei durchgängige Handlung mehr aufbauen, denunziert Buñuel die Freiheit als ‹Gespenst›, als Schimäre in einer Gesellschaft, die vor der Freiheit Angst zu haben und zu ihr nicht fähig zu sein scheint.» (Lexikon des int. Films) «Buñuel führt die Episodentechnik, die er bereits

nard Verley (Dragoner-Hauptmann), Jean-Claude Brialy (M. Foucauld), Monica Vitti (Mme Foucauld), Milena Vukotic (Krankenschwester), Michael Lonsdale (Hutfabrikant), François Maistre (Professor), Jean Rochefort (M. Legendre), Julien Bertheau (1. Polizeipräfekt), Michel Piccoli (2. Polizeipräfekt), Adriana Asti (Dame in Schwarz).

DIE BLECHTROMMEL BRD/Frankreich 1979 Die Verfilmung des 1959 erschienenen, berühmtesten deutschen Nachkriegsromans, der die ­Nazizeit und die Verführbarkeit des Kleinbürgertums durch die NS-Ideologie aus dem Blickwinkel eines renitenten Kindes schildert, gewann die Goldene Palme von Cannes sowie den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. Schlöndorff reduzierte die komplexe Dramaturgie der Vorlage bewusst auf eine Art «Nummernrevue» und konnte dabei von der unverminderten tragikomischen Kraft der einzelnen Szenen sowie von einer erstrangigen Besetzung profitieren. Fern jeder Putzigkeit verkörpert zudem David Bennent den maliziösen Helden Oskar Matzerath, der das Wachsen verweigert und mit seiner Stimme Glas zum Zerspringen, mit seiner Blechtrommel Marschkolonnen zum Stolpern bringt. Anders als bei Kunderas «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins», wo Carrière die literarischen Dialoge umschreiben musste, hatte der Autor bei Grass‘ Roman freie Hand: «Da gab es keinen Dialog. Man musste den Dialog aus dem Kontext heraus schreiben, aus dem Material des Buches. Das ist in gewisser Weise leichter. Jedenfalls hat man nichts, gegen das man kämpfen muss.» (Interview in Revolver, Heft 3) 150 Min / Farbe / 35 mm / D // REGIE Volker Schlöndorff // DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Volker Schlöndorff, Franz Seitz, nach dem Roman von Günter Grass // KAMERA Igor ­Luther // MUSIK Maurice Jarre, Friedrich Meyer // SCHNITT


> Le fantôme de la liberté.

> La voie lactée (mit Jean-Claude Carrière als Bischof).

> Taking Off.


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Jean-Claude Carrière. ­Suzanne Baron // MIT David Bennent (Oskar Matzerath), Angela Winkler (Agnes Matzerath), Mario Adorf (Alfred Matzerath), Katharina Thalbach (Maria), Daniel Olbrychski (Jan Brons­ki), Heinz Bennent (Greff), Andréa Ferréol (Lina Greff), Charles Aznavour (Sigismund Markus), Mariella Oliveri (Roswitha), Ilse Pagé (Gretchen Scheffler), Otto Sander (Musiker Meyn).

DANTON Frankreich/Polen 1982 Danton beruht auf dem Theaterstück «Sprawa Dantona» («Die Sache Danton») der Polin Stanislawa Przybyszewska aus dem Jahre 1929, das Wajda mehrere Male am Warschauer Theater inszeniert hatte, bevor er es von Jean-Claude Carrière umarbeiten liess. Die Geschichte spielt während der Französischen Revolution und thematisiert die Zeit von der Rückkehr Dantons nach Paris im November 1793 bis zu seiner Hinrichtung im April 1794. «Wajda vermeidet es geradezu, den Zuschauer verführen oder ihn in seinem Sinne manipulieren zu wollen − das genaue Gegenteil bezweckt er: Die Augen des Zuschauers werden vielmehr für die geschichtlichen Prozesse offen gehalten. Mit Danton und Robespierre begegnen uns zwei grosse politische Köpfe, die beide trotz guter Absichten und humanitärer Menschheitsentwürfe in das Fahrwasser der Politik und einer nur schwer anzuhaltenden ‹Maschinerie› geraten. Auch wenn es um die grossen menschlichen Entwürfe geht, so ist doch auffällig, dass Volksszenen auf ein Minimum zusammengestrichen sind. Das ist nicht zufällig. Der Film konzentriert sich auf die beiden Antipoden.» (Tanja Baran, Kulturation, 1/2004)

anfängliche Verspieltheit schnell von Charles' krankhafter Eifersucht und Besitzansprüchen überschattet. Die Beziehung scheitert nicht zuletzt an den hohen Idealen des Frauenbildes, die Charles auf Odette projiziert, und dem Wissen, dass sie früher Beziehungen zum eigenen Geschlecht lebte. «Ornella Muti fasziniert mit der Darstellung einer hocherotischen Odette, die ihre Gefühle voll auslebt, ohne dadurch die Kontrolle über ihre Beziehungen zu verlieren. Jeremy Irons trifft, wie wohl kein anderer es vermag, die Balance zwischen souveränem Dandy und Unbeherrschtheit des Eifersüchtigen.» (Hans Nolden, zelluloid.de, 22.4.2008) Jean-Claude Carrière über die Herausforderung, «À la recherche du temps perdu» zu adaptieren: «Wir haben uns gesagt: Proust nein, Swann ja. (…) Un amour de Swann, insofern als er ein für sich stehendes Fragment darstellt, eine Art enorme Rückblende, die etwa zum Zeitpunkt der Geburt des Erzählers beginnt, kam uns sehr entgegen. Überdies ist alles, was Swann geschieht, wie eine Vorwegnahme dessen, was dem Erzähler selbst zustossen wird.» (Interview in L'Avant-scène cinéma, Feb. 1984) 110 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Volker Schlöndorff // DREHBUCH Volker Schlöndorff, Jean-Claude Carrière, nach einem Kapitel aus dem Roman «À la recherche du temps perdu» von Marcel Proust // KAMERA Sven Nykvist // MUSIK Hans Werner Henze // SCHNITT Françoise Bonnot // MIT Jeremy Irons (Charles Swann), Ornella Muti (Odette de Crécy), Alain Delon (Baron Charlus), Fanny Ardant (Duchesse de Guermantes), Marie-Christine Barrault (Madame Verdurin), Anne Bennent (Chloé).

DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Andrzej Wajda, Agnieszka

THE UNBEARABLE LIGHTNESS OF BEING

Holland, Boleslaw Michalek, nach dem Theaterstück

USA 1987

136 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Andrzej Wajda //

«Sprawa Dantona» von Stanislawa Przybyszewska // KAMERA Igor Luther // MUSIK Jean Prodromides // SCHNITT Halina Prugar-Ketling // MIT Gérard Depardieu (Danton), Wojciech Pszoniak (Robespierre), Patrice Chéreau (Camille Desmoulins), Boguslaw Linda (Saint-Just), Angela Winkler (Lucile Desmoulins), Roger Planchon (Fouquier-Tinville), Anne Alvaro (Eléonore Duplay), Jacques Villeret (Westermann), Serge Merlin (Philippeaux), Tadeusz Huk (Couthon), Andrzej Seweryn (Bourdon).

UN AMOUR DE SWANN Frankreich/BRD 1984 Der Pariser Lebemann Charles Swann lässt sich auf eine lockere Liaison mit der Halbweltdame Odette de Crécy ein. Als er ihrer verzaubernden Ausstrahlung erliegt und sich verliebt, wird die

Tomas, ein junger Arzt aus Prag, hält neben unverbindlichen Frauengeschichten nur zu Sabina, einer Malerin, ein konstantes Verhältnis aufrecht. Auch seine Begegnung mit Teresa, einem Mädchen aus der Provinz, das er heiratet, zerreisst das Band nicht. Während der Zerschlagung des Prager Frühlings 1968 emigriert Sabina nach Genf, Tomas und Teresa folgen ihr in die Schweiz nach. Die überstürzte Abreise Teresas, um der unerträglichen Leichtigkeit des Seins im Westen zu entfliehen, stellt Tomas vor eine gewichtige Entscheidung. «Es wäre dies nur eine bittere Parabel der Nach-Invasionszeit in der Tschechoslowakei, wenn Kundera seinen Helden nicht die Liebe mit all ihren Risiken und Traurigkeiten, ihren Tröstungen und Ekstasen mitgegeben hätte: ­


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Jean-Claude Carrière. die Liebe als Gegen-Wirklichkeit und Gegen-­ Geschichte.» (Thomas E. Schmidt, Zeit online, 9.8.2012) «Als die Russen kommen, gerät der Film in Bewegung. Gläser klirren, der Boden zittert, ein Panzer rasselt durch die Strasse, das Bild kippt ins Schwarz-Weisse – die Tage des Terrors kommen ins Kino, montiert aus Originalaufnahmen und in Lyon nachgedrehtem Material. Da gelingt dem Film, was das europäische Autorenkino seit Jahren kaum mehr erreicht hat: die Versöhnung von ‹story› und Geschichte. (…) Dann, im Genfer Exil, ein Nachspiel: Teresa und Sabina fotografieren sich gegenseitig, nackt. Jedes Klicken des Verschlusses: ein Schuss. Und nach dem Duell: das Lachen, das den Bann bricht. Das Lachen, schreibt Kundera, ist das Veto des Geistes gegen die Arroganz der Macht, auch der erotischen. Indem sie über ihre Verschiedenheit, ihre Rivalität lachen, sagen Teresa und Sabina ihrem Schicksal Lebewohl. So könnte sie beginnen, die erträgliche Leichtigkeit des Seins. Das Spiel ist aus. Der Film geht weiter.» (Andreas Kilb, Zeit online, 8.4.1988) 171 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Philip Kaufman // DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Philip Kaufman, nach dem Roman von Milan Kundera // KAMERA Sven Nykvist // MUSIK Leos Janácek // SCHNITT Walter Murch, B. J. Sears // MIT Daniel Day-Lewis (Tomas), Juliette Binoche (Teresa), Lena Olin (Sabina), Derek de Lint (Franz), Erland Josephson (Botschafter), Daniel Olbrychski (Innenminister), Donald Moffat (Chirurg), Stellan Skarsgård (Ingenieur).

MILOU EN MAI Frankreich/Italien 1989 «Frankreich, Mai '68. Während in Paris das politische System ins Wanken gerät, droht in der friedvollen südfranzösischen Provinz das Leben des älteren Bonvivants Milou aus den Fugen zu geraten. Dabei hat Milou – dargestellt von Michel Piccoli voller Wärme, kindlichem Humor, einer Ungläubigkeit der sich veränderten Welt gegenüber, ein Einsiedler und doch im Vergleich zu der klassischen Elterngeneration näher an der rebellierenden Jugend, als sich viele vorstellen können – das wunderschöne Weingut nie in seinem Leben verlassen. Der Tod seiner Mutter vereint die weit verzweigte Familie für ein Wochenende auf dem schlossähnlichen Anwesen, und wie zu erwarten, brechen schon bald die Erbstreitigkeiten aus. In diese angespannte Situation platzt Enkel PierreAlain, Student in Paris, der mit glühender Begeisterung von dem revolutionären Treiben in der Hauptstadt berichtet. Zögernd lässt sich der Rest der Familie bei einem Picknick im Grünen von der Begeisterung des Jungen anstecken. Für ein paar

Stunden träumt man gemeinsam von einer ländlichen Kommune in Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und sexueller Libertinage. Doch dann schlägt die Stimmung um.» (Thomas Harbach, sfradio.net/filmwelt) 107 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Louis Malle // DREHBUCH Louis Malle, Jean-Claude Carrière // KAMERA Renato Berta // MUSIK Stéphane Grappelli, Wolfgang Amadeus Mozart, Claude Debussy // SCHNITT Emmanuelle Castro // MIT Michel Piccoli (Milou), Miou-Miou (Camille), Michel Duchaussoy (Georges), Dominique Blanc (Claire), Harriet Walter (Lily), Bruno Carette (Grimaldi), François Berleand (Daniel), Martine Gautier (Adèle).

THE MAHABHARATA GB/Frankreich 1989 Peter Brooks spektakuläre «Mahabharata»-Verfilmung beruht auf seiner eigenen, legendären neunstündigen Theaterinszenierung, für die Jean-Claude Carrière den in Sanskrit geschriebenen Text des Versepos bearbeitet hat. Das «Mahabharata», eines der Fundamente der hinduistischen Kultur, gehört zu den umfangreichsten literarischen Werken der Welt. Es erzählt von Eifersucht und Machtgier, die zum Krieg zwischen zwei Clans führen, und nimmt dabei universelle Motive auf. Für das Filmfestival von ­Venedig kürzte Brook sein dreiteiliges monumentales Werk bestehend aus Das Würfelspiel, Die Verbannung und Der Krieg zu einer kürzeren dreistündigen Kinofassung. «Peter Brook und Jean-Claude Carrière haben aus dem schier unübersehbaren Epos ein Destillat gemacht, ohne die Vorlage zu verwässern und haben es für die Seh-und Hörgewohnheiten des europäischen Betrachters aufbereitet.» (Filmspaicher, SWR-Kino-Blog) 171 Min / Farbe / 35 mm / E/f // REGIE Peter Brook // DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Peter Brook, Marie-Hélène Estienne, nach dem indischen Nationalepos // KAMERA William Lubtchansky // MUSIK Toshi Tsuchitori, Rabindranath Tagore, Philippe Eidel // SCHNITT Nicolas Gaster // MIT Robert Langdon Lloyd (Nyasa), Antonin Stahly-Vishwanadan (der Junge), Bruce Myers (Ganesha/Krishna), Vittorio Mezzo­ giorno (Arjuna), Andrzej Seweryn (Yudishthira), Mamadou Dioumé (Bhima), Jean-Paul Denizon (Nakula), Mahmoud ­ ­Tabrizi-Sadeh (Sahadeva).

CYRANO DE BERGERAC Frankreich 1990 Cyrano, ein durch seine grosse Nase missgestalteter Gardist, der die Kunst des Fechtens nicht minder beherrscht als die des Dichtens, leidet


Jean-Claude Carrière. ­ nter der unerwiderten Liebe zu seiner schönen u Cousine Roxane. Um ihr nahe zu sein, bietet er seinem feschen Nebenbuhler Christian an, in dessen Namen die amouröse Korrespondenz mit ihr zu erledigen. In prachtvollen Bildern gestaltete Neuverfilmung des Theaterstücks von Edmond Rostand, die sich eng an die Vorlage hält und alle Dialoge in Versform darbietet. Rappeneau und Carrière siedeln die verzwickte komische Romanze in einer Welt der Hofintrigen und Skandale an und spicken sie mit Elementen des Abenteuer- und Actionfilms. Die Rolle des brillanten, heldenhaften, aber unglücklichen Liebhabers ist eine Paraderolle für Depardieu. «Depardieu, nach aussen Aufschneider und Raufbold, nach innen ganz zarte Seele, eigentlich ein Antiheld, führt diese ‹Wortoper› in Versen zu ihrem wahren Triumph. Seine Stimme macht die schwebende Sprachmusikalität zu einem Hörgenuss der besonderen Art.» (Marli Feldvoss, FAZ, 23.1.1991) 135 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Jean-Paul Rappeneau // DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Jean-Paul Rappeneau, nach einem Theaterstück von Edmond Rostand // KAMERA Pierre Lhomme // MUSIK Jean-Claude Petit // SCHNITT Noëlle Boisson // MIT Gérard Depardieu (Cyrano de Bergerac), Anne Brochet (Roxane), Vincent Perez (Christian de Neuvillette), Jacques Weber (Comte de Guiche), Roland Bertin (Ragueneau), Philippe Morier-Genoud (Le Bret), Pierre Maguelon (Carbon de Castel-Jaloux).

AT PLAY IN THE FIELDS OF THE LORD USA 1991 Im Amazonasgebiet prallen gegensätzliche Welten aufeinander: Der Söldner Moon und sein Partner Wolf sollen für örtliche Profiteure einen Indianerstamm vergraulen, der unwissentlich auf einer Goldader sitzt; die evangelikalen Missionare Martin und Hazel Quarrier wollen gemeinsam mit dem fundamentalistischen Eiferer Leslie Huben und dessen Frau Andy den Heiden das Wort Gottes bringen. Doch die Ureinwohner nehmen diese Anfechtungen nicht kampflos hin, und in Moon finden sie überraschend einen Verbündeten. «Hector Babenco, seit Pixote (1981), einem Film über die Strassenjugend von Rio de Janeiro, bekannt, hat den Bestseller des Nordamerikaners Peter Matthiessen breitflächig und ohne Scheu vor melodramatischen Höhepunkten, aber gegen das Schema des Actionfilms auf die Leinwand gebracht. Thema ist – und das durchaus kritisch dargestellt – die Verquickung der christlichen Missionierung der Amazonas-Indianer mit

der Zerstörung des Regenwaldes durch den Vorstoss wirtschaftlicher Zivilisierung und dem dadurch verursachten Genozid an den Ureinwohnern.» (Martin Schlappner, Zoom, 3/1992) 185 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Hector Babenco // DREHBUCH Hector Babenco, Jean-Claude Carrière, nach einem Roman von Peter Matthiessen // KAMERA Lauro Escorel // MUSIK Zbigniew Preisner // SCHNITT William M. Anderson // MIT Tom Berenger (Lewis Moon), John Lithgow (Leslie Huben), Daryl Hannah (Andy Huben), Tom Waits (Wolf), Kathy Bates (Hazel), Aidan Quinn (Martin Quarrier).

LA GUERRE DANS LE HAUT PAYS Schweiz/Belgien/Frankreich 1999 Im Winter 1797/98 kommt es im Hochtal von Les Ormonts zum Krieg. Napoleons revolutionäre Truppen unterstützen die Waadtländer Liberalen gegen die konservativen Berntreuen. In diesen Konflikt verstricken sich der junge David, aufmüpfiger Sohn des engstirnigen Berglers Josias', und seine Geliebte Julie, die unten im Tal bei einem weltoffenen Vater aufgewachsen ist. Reusser und Carrière wollten mit ihrer Ramuz-Adaptation «einen historischen Film von heute» über den Kampf zwischen neuen Ideen und alten Denkmustern machen, wie der Drehbuchautor in einem Brief an den Regisseur ausführt: «Dass Ramuz entschieden hat, uns diesen notwendigen und endlosen Konflikt, diesen wahrhaftigen Krieg zwischen uns und uns, in einem kleinen Winkel der Schweiz anzusiedeln, dass er das mit einfachen und jungen Figuren gemacht hat, die dabei das Leben und den Verstand verlieren, dass er so gut den Kontrast zwischen Oben und Unten gestaltet hat, zwischen Bewegung und Stillstand, Gestern und Heute, Gott und den Menschen, Fundamentalismus und Intelligenz, das hat für mich diesem grundlegenden Konflikt eine besondere, unvergessliche Konzentration verliehen, die viel stärker wirkt als lange, allgemeingültige Abhandlungen.» (Jean-Claude Carrière an Francis Reusser, 4.8.1997) 105 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Francis Reusser // DREHBUCH Francis Reusser, Jean-Claude Carrière, Emmanuelle de Riedmatten, nach dem Roman von Charles-Ferdinand Ramuz // KAMERA Christophe Beaucarne // MUSIK Jean-François Monot // SCHNITT Jacques Witta // MIT ­Marion Cotillard (Julie Bonzon), Yann Trégouët (David Aviolat), François Marthouret (Josias Aviolat), Antoine Basler (Ansermoz), Patrick Le Mauff (Tille), Jacques Michel (Jean Bonzon), Jean-Pierre Gos (Pasteur), Daniela Bisconti (Femme Bonzon), Maurice Aufair (Moise Pittet), Michel Voita (Fornerod), François Morel (Devenoge), Laurent Terzieff (Isaie).

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> Birth.

> Cyrano de Bergerac.

> Goyaâ&#x20AC;&#x2122;s Ghosts.

> Un amour de Swann.

> Danton.

> At Play in the Fields of the Lord.


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Jean-Claude Carrière.

BIRTH USA 2004 Zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes Sean begegnet Anna einem zehnjährigen Jungen, der behauptet, ihr verstorbener Gatte zu sein, und für diese kühne These verblüffend viel Beweismaterial liefert. Auch wenn es lange Zeit so aussieht, als würden Jonathan Glazer, Jean-Claude Carrière und Milo Addica in ihrem überzeugenden Drehbuch eine esoterische Gespenstergeschichte erzählen, gibt es für alles in Birth auch eine rationale Erklärung: «Die Demontage des romantischen Trugbilds gipfelt in einer Schlusswendung, die alle fantastischen Erklärungsversuche verwirft und das Rätsel um den vermeintlichen Wiedergänger in einer traurigen Auflösung klärt. Und so wird aus einem bisweilen unentschlossen wirkenden Spagat zwischen Melodramatik und Suspense ein ebenso konsequentes wie grausames Fanal: ein Film über zwei verlorene Menschen, die mit aller Hingabe lieben wollen, aber ihrerseits nicht geliebt werden können.» (David Kleingers, Der Spiegel, 23.12.2004) «Glazer gibt Dreyers La passion de Jeanne d'Arc als wichtigen Einfluss für Birth an, und wenn die Kamera während einer Opernaufführung für drei scheinbar unendliche Minuten auf Nicole Kidmans Gesicht verharrt, das mit minimalem Mienenspiel schwerste Trauerarbeit verrichtet, bezeugt Glazer einen ebensolchen Respekt vor Kidman, wie Dreyer ihn einst für Maria Fal­ conetti empfunden hat.» (Andreas Busche, TAZ, 23.12.2004) 100 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Jonathan Glazer // DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Milo Addica, Jonathan Glazer // KAMERA Harris Savides // MUSIK Alexandre Desplat // SCHNITT Sam Sneade, Claus Wehlisch // MIT Nicole Kidman (Anna), Cameron Bright (Sean als Junge), Danny Huston (Joseph), Lauren Bacall (Eleanor), Alison Elliot (Laura), Arliss Howard (Bob).

GOYA'S GHOSTS USA/Spanien 2006 1792 markiert einen Wendepunkt im künstlerischen Schaffen Goyas. Der berühmte Porträtist beschäftigt sich nach einer überstandenen Erkrankung vermehrt gesellschaftskritisch mit den politischen und sozialen Missständen seiner Zeit und erregt mit seinen satirischen Radierungen, den «Caprichos», immer wieder Anstoss bei der in Spanien damals noch sehr lebendigen Inquisition. Goya's Ghosts ist aber nur indirekt ein Film über den Künstler. Stattdessen widmet sich Milos

Forman einmal mehr seinem Lebensthema, dem Verhältnis zwischen Freiheit und Fanatismus. «In Inés, seiner eigentlichen Protagonistin, aber hat Forman Goyas unglückliches Spiegelbild entworfen: Die junge Frau, Muse und Sujet seiner Porträts, hat weniger Glück als Goya, der Hofmaler. Der Ungeist der Zeit, der ‹Zufall› des Terrors fällt über sie wie der schlimmste Alb aus Goyas Nachtmahren. Sie endet als eines jener Millionen namenloser Opfer von Hexenverfolgungen, die in Kerkern, Lagern und Gulags dem Machtrausch von patriarchalischen Religionen und totalitären Ideologien geopfert werden. Immer wieder und immer noch. Goyas böse Geister sind unsere ­Geister. Formans Film ist auch ein Menetekel an der Leinwand.» (Pia Horlacher, NZZ, 19.11.2006) 113 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Milos Forman // DREHBUCH Milos Forman, Jean-Claude Carrière // KAMERA Javier Aguirresarobe // MUSIK Varhan Bauer // SCHNITT Adam Boome // MIT Javier Bardem (Lorenzo), Natalie Portman (Inés/Alicia), Stellan Skarsgård (Francisco Goya), Randy Quaid (Carlos IV), José Luis Gómez (Tomás Bilbatúa), Michael Lonsdale (Grossinquisitor).

CARRIÈRE, 250 METROS Mexiko 2011 Der Mexikaner Juan Carlos Rulfo widmete seinen ersten langen Dokumentarfilm Del me olvido al no me acuerdo seinem Vater, dem Schriftsteller Juan Rulfo, einem legendären Vertreter des «magischen Realismus». Für En el hoyo, seinen Film über den Bau der Ringstrasse um Mexiko-Stadt, wurde Rulfo 2006 am Sundance Film Festival ausgezeichnet. In Carrière, 250 metros begleitet Rulfo den chamäleonhaften und multikulturell kreativen Drehbuchautor in sieben Regionen der Welt, die ihn geprägt haben – auch wenn Carrière behauptet, zwischen dem Haus, wo er geboren wurde, und dem Friedhof, wo er einst liegen werde, lägen blosse 250 Meter Lebensweg. Im Film spricht der Schriftsteller, Bühnenautor und Schauspieler über die diversen Traditionen des Geschichten­ erzählens, seine Reisen durch Vergangenheit und Gegenwart, durch zahlreiche Länder und Kulturen, von Paris bis New York, Mexiko und Indien. Zu den Mitwirkenden zählen Carrières Familie sowie seine Film-Partner Pierre Étaix, Milos Forman und Peter Brook. 95 Min / Farbe / DCP / OV/f // REGIE Juan Carlos Rulfo // DREHBUCH Jean-Claude Carrière, Juan Carlos Rulfo, nach einer Idee von Natalia Gil Torné // KAMERA Juan Carlos Rulfo // MUSIK Jacobo Lieberman, Leo Heiblum // MIT JeanClaude Carrière, Kiara Alice Carrière, Iris Carrière, Milos Forman, Gérard Depardieu, Peter Brook.


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> La guerre dans le Haut Pays.

> The Mahabharata.


Jean-Claude Carrière.

EL ARTISTA Y LA MODELO Spanien 2012 Frankreich, 1943. In einem abgeschiedenen Dorf nahe der spanischen Grenze lebt der greise Bildhauer Marc mit seiner Frau Léa. Diese begegnet im Dorf der jungen Mercè und erkennt in dem Mädchen das perfekte Aktmodell für ihren Mann, dessen einziges Ziel es ist, vor seinem Tod noch eine letzte grosse Skulptur zu erschaffen. «Mindestens zur Hälfte ist dies ein Altherrenfilm (…), aber einer, der so klug ist, erst einmal die Perspektive der jungen Frau einzunehmen. Ihre Schamhaftigkeit gibt den Blick auf die Arbeit im Atelier vor; nach jeder Sitzung bedeckt sie die Skulpturen. (…) Es dauert eine Weile, bis aus dem Handel ein Bündnis wird. Modell und Künstler leisten einander Widerstand. (…) Marc versöhnt Mercè, indem er ihr einen zweifachen Gottesbeweis liefert. Das ist ein Glanzstück des einfallsreichen Ketzers Carrière, der die Schöpfungsgeschichte umkehrt: Für ihn wurde Adam aus Evas Rippe geschaffen. Der zweite Beweis? Die Existenz des Olivenöls.» ­(Gerhard Midding, Berliner Zeitung, 27.12.2013)

«Regisseur Fernando Trueba inszeniert El ­ rtista y la modelo in eleganten Schwarz-Weissa Bildern, denen in jedem Landschaftsbild, jeder Aufnahme von Mercès nacktem Körper und jedem Blick von Rochefort immer eine gewisse ­Melancholie innewohnt.» (Thomas Abeltshauser, Die Welt, 24.12.2013) 105 Min / sw / DCP / Sp+F/d // REGIE Fernando Trueba // DREHBUCH Fernando Trueba, Jean-Claude Carrière // KAMERA Daniel Vilar // SCHNITT Marta Velasco // MIT Jean Rochefort (Marc Cros), Aída Folch (Mercè), Claudia Cardinale (Léa), Götz Otto (Werner), Chus Lampreave (María), Christian Sinniger (Emile).

FILMGESPRÄCH ZU GAST IM FILMPODIUM: JEAN-CLAUDE CARRIÈRE Termin im März: siehe www.filmpodium.ch

Zu Beginn der 1950er Jahre arbeitete JeanClaude Carrière (*1931) als Zeichner und Schriftsteller. Via Jacques Tati kam er zum Film und übernahm bei den ersten Kurzfilmen von Pierre Étaix neben dem Drehbuch auch die Mitverantwortung für die Regie. In den ­folgenden Jahren arbeitete er u. a. mit Louis Malle, Milos Forman, Andrzej Wajda, Volker Schlöndorff, Jean-Luc Godard und immer wieder mit Luis Buñuel zusammen; er gilt als e ­ iner der produktivsten Drehbuch­ autoren überhaupt. Jean-Claude Carrière hat unsere Einladung für ein Gespräch über seine Arbeit sehr gerne angenommen, konnte aber den genauen Termin bis zum Redaktionsschluss noch nicht ­bestätigen. Im Fokus stehen der 7., 11. oder 14. März. Bitte beachten Sie unsere aktualisierten Informationen im Kino und auf unserer Website. Für die Unterstützung dieser Veranstaltung danken wir

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20 Das erste Jahrhundert des Films

1934: Glamour-Erotik und berührende Poesie Bevor Mitte 1934 in Hollywood die visuellen Tabus und die Selbstzensur mit der Durchsetzung des Hays Code an Bedeutung gewannen, gab es in den sogenannten Pre-Code-Filmen noch eine besondere Art von Glamour-Erotik. Dazu gehört das Kinobravourstück The Scarlet Empress von Joseph von Sternberg, in dem Marlene Dietrich, die Sternberg nach Hollywood begleitet hatte, unvergleichlich die Zarin von Russland gibt – der Film ist, so der Regisseur, ein kompromissloser Abstecher in die Domäne des Stils. Für Frank Capra hingegen war Stil etwas Funktionales, doch hatte er ein untrügliches Gespür für pointierte Dialoge und für genau gezeichnete Figuren. Ihm gelang mit It Happened One Night ein raketenhafter Aufstieg. Besetzt mit Clark Gable und Claudette Colbert, bietet dieses Meisterwerk eine Reise durch die Wirren der amerikanischen Depressionszeit: Der Film gewann alle wichtigen Oscars, machte seine Schauspieler zu Superstars, gilt als Inbegriff aller Screwball Comedies – und ist noch heute ein einziges Vergnügen. Der amerikanische Dokumentarfilmpionier Joseph Flaherty suchte unterdessen auf den kleinen irischen Aran-Islands eine ganz andere Geschichte: In Man of Aran zeigt er den alltäglichen Kampf der Inselbewohner gegen die übermächtige Natur mit höchst eindrucksvollen Bildern als Doku-Fiktion. Zwischen dokumentarischem Realismus und poetischer Überhöhung bewegt sich in Frankreich derweil Jean Vigo mit seinem virtuosen L’Atalante – ein berührendes Werk, das nichts von seiner Kraft verloren hat und von führenden Filmkritikern immer wieder zu den zehn besten Filmen überhaupt gezählt wird. (th) Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d.h. im Jahr 2014 sind Filme von 1914, 1924, 1934 usw. zu sehen, im Jahr 2015 dann Filme von 1915, 1925, 1935 usw.

Weitere wichtige Filme von 1934 Babes in Toyland Gus Meins, Charley Rogers, USA Cleopatra Cecil B. DeMille, USA It's a Gift Norman Z. McLeod, USA Judge Priest John Ford, USA La signora di tutti Max Ophüls, I Le grand jeu Jacques Feyder, F Les misérables Raymond Bernard, F Madame Bovary Jean Renoir, F Nana Dorothy Arzner, USA Our Daily Bread King Vidor, USA

The Black Cat Edgar G. Ulmer, USA The Man Who Knew Too Much Alfred Hitchcock, GB The Merry Widow Ernst Lubitsch, USA The Private Life of Don Juan Alexander Korda, GB The Rise of Catherine the Great Paul Czinner, GB The Thin Man W.S. Van Dyke, USA Toni Jean Renoir, F Tschapajew Sergei Wassiljew, UdSSR Twentieth Century Howard Hawks, USA Ukikusa monogatary (A Story of Floating Weeds) Yasujiro Ozu, J


Das erste Jahrhundert des Films: 1934.

IT HAPPENED ONE NIGHT USA 1934 Ellie, eine Millionärstochter, begegnet auf der Flucht vor ihrem Vater in einem Nachtbus dem frisch gefeuerten Reporter Peter. Er hilft ihr, den Privatdetektiven des Vaters ebenso zu entfliehen wie all jenen, welche die vom Vater für die Heimschaffung der Tochter ausgesetzte Belohnung kassieren möchten. Doch was will er selbst? «Film ist Hollywood, ist ‹American comedy›, ist Frank Capra, ist It Happened One Night (wie eine alte Formel besagt). Hundertfünf Minuten Querelen, Bewegung, Pingpong-Dialog. Clark Gable und Claudette Colbert, die von Missgeschick zu Missgeschick auseinander und dabei aufeinander zu und aufs Happy End hin jagen. Eine Kinomaschine mit pausenlosem Drive (…). Initialzündung und Inbegriff des Genres der Screwball Comedy. In Synthese vereint: ‹sophistication› und Romantik, urbaner Zynismus und Gefühlsüberschwang. Eine ‹comedy of errors›, eine Reisebeschreibung, ein erotischer Dornenweg des Lernens, eine gedoppelte Menschwerdung: Meisterstück der Komödie und des Kinos.» (Harry Tomicek, Österreich. Filmmuseum Wien, Dez. 2008)

«Mal abgesehen von seinem Humor, seiner Sexyness und seiner Klugheit ist It Happened One Night auch umwerfend schön anzuschauen: Joseph Walkers Bilder können hart und durchscheinend zugleich sein. (...) Auch achtzig Jahre nach seiner Premiere bleibt It Happened One Night ein Massstab – nicht nur für alle Liebeskomödien, auch für alle Liebespaare, die nach Peter und Ellie kamen und von einer ähnlichen Verbindung von Körper, Witz und Schicksal träumen.» (Michał Oleszczyk, rogerebert.com, 12.11.2013) 105 Min / sw / DCP / E/d // REGIE Frank Capra // DREHBUCH Robert Riskin, nach der Kurzgeschichte «Night Bus» von Samuel Hopkins Adams // KAMERA Joseph Walker // MUSIK Louis Silvers // SCHNITT Gene Havlick // MIT Clark Gable (Peter Warne), Claudette Colbert (Ellie Andrews), Walter Connolly (Alexander Andrews), Roscoe Karns (Oscar Shapeley), Jameson Thomas (King Westley), Alan Hale (Danker), Arthur Hoyt (Zeke), Blanche Friderici (Zekes Frau), Wallis Clark (Lovington), Charles C. Wilson (Joe Gordon).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1934.

MAN OF ARAN GB 1934 Auf den kleinen westirischen Aran-Inseln kämpfen Fischer auf dem Meer Tag für Tag ums Überleben. Für die Dreharbeiten verbrachte Robert Flaherty, amerikanischer Dokumentarfilmpionier irischer Herkunft, mehrere Monate auf den Inseln, die durch diesen Film weltberühmt wurden: «Noch heute hoffen die Besucher hier eine verschworene Gemeinschaft pittoresk zerknitterter Fischer zu finden, vom Rheuma gebeutelt, weil ihre mit Seewasser gewaschenen Aran-Sweaters nie ganz trocken werden, im alltäglichen Kampf mit einer übermächtigen Natur. Das war aber schon zu Drehbeginn gelogen: Kein Araner ging mehr in den kibbeligen ‹Curraghs›, den Booten aus Segeltuch, auf die Jagd nach dem Riesenhai. Früher, im 19. Jahrhundert, riskierten sie alles, um an das Öl aus der Leber dieses Hais zu kommen. Doch das war lange vorbei, als der Regisseur eine Hütte im alten Stil für seine Filmfamilie bauen liess. Weil er eine spektakuläre Harpunierungsszene in seinem Film wollte, mussten die Inselbewohner gegen einen Hungerlohn das Harpunieren neu erlernen. ‹Ich gehörte erschossen

für das, was ich diesen wunderbaren Leuten alles abverlangt habe›, sagte Flaherty später selbstkritisch.» (Christof Siemes, Die Zeit, 10.3.2005) Für immer verwischte der Regisseur mit seinen Filmen die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentarfilm: «Seine Filme sind nicht die Berichte eines Historikers. Sie sind die Schöpfungen eines Geschichtenerzählers», so Helen van Dongen, Cutterin vieler Flaherty-Filme. Inszeniert oder nicht – was heute bleibt, ist die einfache, aber bewegende Erzählung, der schnörkellose aber subtile Schnitt, das leuchtende SchwarzWeiss, die eindrucksvollen Bilder des Meeres und des Sturms: ein visuelles Gedicht. (th) 77 Min / sw / 16 mm / OV/d/f // DREHBUCH UND REGIE Robert Joseph Flaherty, Frances H. Flaherty // KAMERA Robert Joseph Flaherty, Frances H. Flaherty // MUSIK John Greenwood // SCHNITT John Monck // MIT Colman «Tiger» King (ein Mann von Aran), Maggie Dirrane (seine Frau), Michael Dillane (ihr Sohn), Pat Mullin, Patch Ruadh, Patcheen Flaherty, Tommy O'Rourke (Haijäger), Stephen Dirrane, Pat McDonough (Kanufahrer).


Das erste Jahrhundert des Films: 1934.

RAPT Frankreich/Schweiz 1934 Alles trennt die Berner Oberländer Hirten von den Einwohnern des Walliser Dorfes Cheyseron: ihre Sprache, ihr Lebensstandard und ihre Religion – und ein Berg, der nur während weniger Monate im Jahr passierbar ist. Auf der Berner Seite wird eines Tages der Hund des Walliser Hirten Firmin durch einen Steinwurf getötet. Aus Rache entführt Firmin die schöne Oberländerin Elsi und hält sie bei sich gefangen. Da denkt sich Elsi einen teuflischen Plan aus. Regisseur Dimitri Kirsanoff, gebürtiger Este, zählt zu den Schlüsselfiguren der exilierten Russenfilmer im Frankreich der 1920er und 30er Jahre, doch sein Werk blieb ausserhalb Frankreichs bis heute weithin unbekannt. «Kirsanoff favorisiert noch eine Stummfilm­ ästhetik mit gewaltigen Licht- und Schnittkontrasten, aber beachtet den Realismus der Idiome und lässt in einer Geschichte zwei verschiedene Dialektsprachen zu, was zwar schweizerisch, jedoch gegen jede Konvention des Weltkinos ist.» (Münchner Filmzentrum) Kirsanoff überrascht mit einer ungewohnten, avantgardistisch-geräuschartigen Tonspur: Er ver­

wendete elektronische – und somit betont mechanische – Musik, die mit der abgebildeten ­Naturkraft der Walliser Berge kontrastiert. Musikalisch gestaltet wurde das Drama von Arthur Hoérée und dem damals bei Filmleuten äusserst gefragten Arthur Honegger. «Der wohl interessanteste, sicher aber der originellste Beitrag aus den ersten fünf Jahrzehnten des Schweizer Films. (…) Trotz lobender Presse wird das Werk zu einem eklatanten Misserfolg. Einzig Dita Parlo profitierte von Rapt: der Film wird Ausgangspunkt ihrer Karriere in Frank­ reich, wo sie in bedeutenden Werken wie L’Atalante von Jean Vigo auftritt.» (Hervé Dumont: Geschichte des Schweizer Films, 1987) 102 Min / sw / 35 mm / F/D // REGIE Dimitri Kirsanoff // DREHBUCH Benjamin Fondane, Stefan Markus, nach dem Roman «La séparation des races» von Charles-Ferdinand Ramuz // KAMERA Victor Gluck, Oskar Schnirch, Nikolai Toporkoff // MUSIK Arthur Honegger, Arthur Hoérée // SCHNITT Arthur Hoérée, Mario Nalpas, Jack Salvatori // MIT Dita Parlo (Elsi), Geymond Vital (Firmin), Lucas Gridoux (Mânu, der Dorftrottel), Nadia Sibirskaïa (Jeanne), Auguste Bovério (Mathias, der Hausierer), Dyk Rudens (Hans), Hans-Kaspar Ilg (Gottfried), Jeanne Marie-Laurent (Firmins Mutter), CharlesFerdinand Ramuz (Walliser Bauer).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1934.

L'ATALANTE Frankreich 1934 Jean, Kapitän des Flusskahns «L'Atalante», heiratet das Bauernmädchen Juliette. Zusammen mit dem kauzigen Matrosen Père Jules sowie einem Schiffsjungen lebt das frisch vermählte Paar auf dem Kahn. Doch das beengte, eintönige Leben an Bord ist nicht das, was Juliette erwartet hat: Heimlich macht sie sich auf den Weg nach Paris. «Vigo schippert zwischen poetischer Überhöhung und dokumentarischem Realismus, zwischen altem und neuem Kino hindurch. Er erweist sich damit zugleich als letzter Klassiker und erster Regisseur der Nouvelle Vague. Von der Verehrung, welche die jungen Regisseure ihm bis heute bezeugen, von François Truffaut, Jean-Luc Godard über Bernardo Bertolucci bis Leos Carax, konnte Vigo nur träumen. Denn er selbst hat – schwer tuberkulosekrank und gerade mal 29 Jahre alt – die Dreharbeiten von L'Atalante nur knapp überlebt.» (Johannes Binotto, BAZ, 31.10.2008) Vigo war bereits bettlägerig, als eine reichlich verunstaltete Fassung in die Kinos kam, und verstarb wenig später. Dank Henri Langlois von der

Cinémathèque française wurde L'Atalante Ende der 1940er Jahre anhand von noch vorhandenem Material der Produktion erstmalig rekonstruiert. «Die Geschichte von L'Atalante ist ganz einfach, und doch ist es einer der reichsten Filme des Kinos, von Boris Kaufman schimmernd fotografiert, von Maurice Jaubert mit einer kongenialen Musikspur versehen, durchwirkt von Vigos einzigartiger Sensibilität, einer Poesie, in der es keine Trennung mehr zwischen Realem und Surrealem, zwischen Magie und Wirklichkeit gibt. Selbst die Charaktere sind gleichermassen simpel wie vielschichtig, und die von Vigo so geliebten, bizarren Gegenüberstellungen haben nichts von ihrer Kraft verloren.» (Christoph Huber, Österreich. Filmmuseum Wien, Dez. 2004) 87 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Jean Vigo // DREHBUCH Jean Vigo, Albert Riéra, nach einer Vorlage von Jean Guinée // KAMERA Boris Kaufman, Louis Berger // MUSIK Maurice Jaubert // SCHNITT Louis Chavance // MIT Jean Dasté (Jean), Dita Parlo (Juliette), Michel Simon (Père Jules), Gilles Margaritis (Strassenhändler), Louis Lefebvre (Schiffsjunge), Raphaël Diligent (Raspoutine, der Schiffer), Maurice Gilles (Bürochef), Fanny Clar (Juliettes Mutter).


Das erste Jahrhundert des Films: 1934.

THE SCARLET EMPRESS USA 1934 Russland im 18. Jahrhundert: Die junge deutsche Prinzessin Sophie Friederike wird an den russischen Hof beordert, um dort den geistesgestörten Grossfürsten Peter zu heiraten und dem russischen Reich einen männlichen Thronfolger zu gebären. Doch niemand hat sie auf die albtraumhafte Welt vorbereitet, die sie erwartet – die Prinzessin widersetzt sich am Hof allen Machtkämpfen und Intrigen und besteigt schliesslich als Katharina die Grosse den Thron. «Von Sternberg macht uneingeschränkten Gebrauch von den Möglichkeiten des ParamountStudios bei seinem kühnsten Versuch, Architektur und Skulpturen zu einem integralen Teil der Handlung zu machen, mit dem die Schauspieler, eingekleidet in immer noch märchenhaftere Kos­ tüme, interagieren müssen. Eine überragende Leistung auch bezüglich Kamera- und Tonarbeit.» (Festivalkatalog Il Cinema Ritrovato 2008) «In seiner Montage, seiner Massen- und Lichtregie, seiner Pracht und perversen Grandeur ein Kinobravourstück, das Stroheim und Eisenstein in den Schatten stellt. Ein Meisterwerk, in dem eine Art kalkulierter kinematografischer Wahn-

sinn regiert: Bildorgien, Exzesse des Dekors, Ausschweifungen der Kostüme, Accessoires, Hell-Dunkel-Effekte, Glanzlichter.» (Harry Tomicek, Österreich. Filmmuseum Wien, Juli 2007) «Ein kompromissloser Abstecher in die Domäne des Stils, so Sternberg über seinen Film. (…) Wenn Dietrich auf der Leinwand erscheint, wird sie von der Beleuchtung und der Kameraführung ins Zentrum jeder einzelnen Szene gesetzt. (…) ‹It took more than one man to change my name to Shanghai Lily›, sagt Dietrich in Shanghai Express – doch brauchte es ‹nur› einen Sternberg, um die Dietrich zu Marlene Dietrich zu machen.» (Roger Ebert, rogerebert.com, 16.1.2005) 104 Min / sw / 35 mm / E/f // REGIE Josef von Sternberg // DREHBUCH Manuel Komroff, Eleanor McGeary, lose basierend auf den Tagebüchern von Katharina der Grossen // KAMERA Bert Glennon // MUSIK John M. Leipold, W. Frank Harling // SCHNITT Josef von Sternberg, Sam Winston // MIT Marlene Dietrich (Sophie Friederike / Katharina die Grosse), John Lodge (Graf Alexei), Sam Jaffe (Grossfürst Peter), Louise Dresser (Zarin Elisabeth), Maria Riva (Katharina als Kind), C. Aubrey Smith (Prinz August), Ruthelma Stevens (Gräfin Elisabeth), Olive Tell (Prinzessin Johanna), Gavin Gordon (Capt. Grigori Orlow), Hans Heinrich von Twardowski (Iwan Schuwalow), Gerald Fielding (Lt. Dimitri).

25


26 Premiere: «Valley of Saints»

Kein schöner Land Bootsführer Gulzar möchte weg aus seinem Dorf, um der Armut und der politischen Lage zu entfliehen, doch die Begegnung mit einer jungen Wissenschaftlerin weckt in ihm das Bewusstsein für die bedrohte Schön­ heit seiner Heimat, den Dal-See in Kaschmir. Ein vielschichtiges, ­wunderbar gefilmtes Porträt einer Weltregion, die wir vor allem aus Bollywoodfilmen und Schlagzeilen kennen. Eigentlich möchte Gulzar fort aus seinem Dorf, weg von der Armut, weg von der angespannten politischen Situation in Kaschmir. Mit seinem Freund Afzal hat er alles für die heimliche Fahrt nach Delhi vorbereitet. Doch dann verhindert eine fünftägige Ausgangssperre die Abreise. Gulzar, der wie viele der Dorfbewohner in einem einfachen Pfahlbau am Ufer des Dal-Sees wohnt, vertreibt sich die Wartezeit damit, die wenigen noch verbliebenen Touristen mit seinem Boot über den See zu rudern. Seine wichtigste Passagierin ist die Wissenschaftlerin Asifa, eine junge, in den USA ausgebildete Städterin, die sich in einem der Hausboote am Wasser eingerichtet hat. Sie untersucht das bedrohte Ökosystem des Sees, er hilft ihr bei der Entnahme von Wasserproben. Der enge Kontakt mit Asifa schärft Gulzars Bewusstsein für den prekären Zustand des Sees; gleichzeitig wecken die Begegnungen mit der Frau romantische Gefühle in ihm, was wiederum seinen Jugendfreund Afzal zutiefst verunsichert, der die zunehmende Vertrautheit der beiden als Bedrohung empfindet. Gulzar gerät in einen Gefühls- und Gewissenskonflikt: Hegt Afzal möglicherweise Gefühle für ihn, die er bisher nicht richtig erkannt hat? Und könnte es sein, dass hier, in seinem Heimatdorf, eine Aufgabe auf ihn wartet, die wichtiger ist als ein neues Leben in Delhi? Regisseur Musa Syeed kennt solche Konflikte aus eigener Erfahrung. Seine Eltern sind aus politischen Gründen aus Kaschmir in die USA geflohen, wo er 1984 zur Welt kam. Seine erste Reise in die von den Eltern verklärte Heimat – «das schönste Land der Welt» – wurde zur grossen Enttäuschung: Da er die lokale Sprache nicht sprach, fühlte er sich als Aussenseiter. Und auch die idealisierte Landschaft, allem voran der Dal-See mit seinen schwimmenden Gärten und den Schreinen am Ufer Schauplatz zahlreicher Bollywoodfilme, verlor ihren mythischen Glanz. Ungefiltert flossen die Abwässer in den von Algen und Abfall verseuchten See. Dieser wurde für Syeed immer stärker zu einer Allegorie für Kaschmir: unermessliche, von Schmutz und Verfall bedrohte Schönheit. Der Zugang über die Ökologie ermöglichte es ihm, einen positiv gestimmten Film über Kaschmir zu realisieren, der zwar auch von der politischen Situation handelt, darüber hinaus aber zu grundlegende-


27

VALLEY OF SAINTS / Indien 2012 82 Min / Farbe / DCP / OV/d // DREHBUCH UND REGIE Musa Syeed // KAMERA Yoni Brook // MUSIK Mubashir Mohi-ud-Din // SCHNITT Musa Syeed, Ray Hubley, Mary Manhardt // MIT Gulzar Ahmed Bhat (Gulzar), Neelofar Hamid (Asifa), Afzal Sofi (­ Afzal), Haiji Salam Bhat (Onkel).

ren Themen vorstösst und nicht primär von Verlust erzählt, sondern von dem, wofür es sich zu kämpfen lohnt. In der Vorbereitung verbrachte er einen ganzen Sommer am Dal-See, wohnte mit seinem Hauptdarsteller Gulzar, einem Bootsmann und Freizeitdichter, unter einem Dach. Er lernte die Menschen kennen, die auf Hausbooten oder aufgeschütteten Inseln wohnen und aufs Engste von und mit dem See leben, diesen aber mit ihrer Lebensform gleichzeitig bedrohen. Musa Syeed verfasste das Drehbuch in den USA. Als er für die Dreharbeiten nach Kaschmir zurückkehrte, loderten die gewalttätigen Konflikte in ungeahnter Heftigkeit wieder auf. Kurzerhand überarbeitete er das Buch, reduzierte das Personal des Films auf drei Hauptfiguren und improvisierte von Tag zu Tag. Was auf den Strassen geschah und von seinem als Tourist getarnten Kameramann aufgenommen wurde, integrierte er in seinen Film. Auch wenn Bedrohung und Armut dauernd spürbar sind, lässt Syeed in seinem Film Momente überwältigender Schönheit zu und macht so in unaufdringlicher Weise nachvollziehbar, warum er sich für Kaschmir engagiert. Corinne Siegrist-Oboussier


28 Dokumentarfilm-Premiere: «Elektro Moskva»

Back in the USSR Das erste Instrument, das elektronische Klänge erzeugte, wurde 1919 vom Russen Leon Theremin erfunden. Der Dokumentarfilm Elektro Moskva zeichnet mit verschroben-nostalgischen Aufnahmen nach, welche Kreise Theremins Erfindung in der Sowjetunion zog, und bietet einen faszinierenden Einblick in die Geschichte elektronisch erzeugter Musik jenseits des Eisernen Vorhangs. «Es war einmal vor langer Zeit, da geschah in Russland eine Revolution ...» Mit dieser märchenhaften Wendung, die sich ebenso auf die Rote wie auf die von Theremin angestossene musikalische Revolution bezieht, beginnt der Dokumentarfilm Elektro Moskva. In seinem Zentrum stehen Freaks aus einem knappen Jahrhundert, deren Faszination für zirpende, fiepende Kästen trotz widrigster Umstände eine spannende, beinahe vergessene Subkultur begründete. Angefangen beim berührungslos gespielten Theremin über riesige fotoelektronische Synthesizer-Monster, die mittels Zeichnungen gesteuert werden, bis hin zu Geschichten über elektronisch musizierende KGB-Mitglieder ist dieser Film ein charmantes Liebhaberessay, das sehenswertes Archivmaterial mit moderner Fankultur verbindet. Aufnahmen virtuoser Musiker, die ihren seltsamen Apparaten melancholische Klänge aus einer anderen Welt entlocken, wechseln sich ab mit his­ torischen Bildern aus dem kommunistischen Russland und Interviews, in denen ebenso schrullige wie liebenswerte Nerds von ihrer Passion erzählen, wobei sie – gewollt oder ungewollt – immer wieder ins Metaphysische abdriften. «Was ist der Unterschied zwischen sowjetischen und westlichen Instrumenten?», fragt ein Sammler älteren Semesters seinen Kollegen zu Beginn des Films. Lachend antwortet dieser: «Auf einem westlichen Gerät drückst du einen Knopf und kriegst ein Resultat, auf einem sowjetischen Instrument kriegst du irgendwas. Es ist unberechenbar, so wie Moskau, wie das Leben selbst.» Diese Unsicherheit in Bezug auf die Technik, aber auch in Bezug auf das Verhältnis dieser neuartigen Musik zu den politischen Realitäten zieht sich als roter Faden durch die Erzählungen. Wissenschaftler, die tagsüber im Dienste sowjetischer Welteroberungsfantasien an neuartigen Waffensystemen forschten, verbrachten ihre Nächte damit, dem dabei anfallenden Elektroschrott das Klingen beizubringen. So spannt der Film einen weiten Bogen von den ersten Pionieren bis zu den heutigen Mitgliedern der sogenannten «Circuit Bending»Szene. Der grosse Unterschied: Letztere nehmen chinesisches Spielzeug aus­ einander, um aus dessen Eingeweide mit Lötkolben und Kabelbindern unge-


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ELEKTRO MOSKVA / Österreich 2013 89 Min / Farbe / Digital HD / Russ/d // DREHBUCH UND REGIE Elena Tichonova, Dominik Spritzendorfer // KAMERA Dominik Spritzendorfer // MUSIK Alexej Borisow, Richardas Norvila, Stanislav Kreichi, Witscheslaw Mescherin // SCHNITT Michael Palm.

hörte Klänge herauszukitzeln. Ein Anachronismus in Zeiten hochentwickelter Software-Synthesizer. Die Tiefe, in der hier technische Details ausgelotet werden, ist ungewöhnlich für einen Musikfilm: Es scheint zuweilen, als seien die Filmemacher Elena Tichonova und Dominik Spritzendorfer mindestens ebenso fasziniert von den charmant-unzuverlässigen Synthesizer-Ungetümen vor ihrer Kamera, wie die Protagonisten des Films selber. Diese Tatsache, gepaart mit der lakonischen Erzählstimme von Andrej Andrianow gibt Elektro Moskva eine fast schon meditative Ruhe, die Platz für eine hintergründigere Ebene lässt: Immer wieder dringt eine melancholisch gefärbte Nostalgie für die Sowjet-Ästhetik und die Artefakte dieser verlorenen Zeit durch. Das macht den Film auch für ein Publikum spannend, das wenig mit elektronischer Musik anfangen kann. Thom Nagy

Thom Nagy ist Journalist und Musiker. Seine Texte veröffentlicht er u. a. in der NZZ, seine Musik beim Label «Gelbes Billett Musik».


30 Dokumentarfilm-Premiere: «Dans un jardin je suis entré»

Freund oder Feind? Avi Mograbi ist weit über die Grenzen von Israel hinaus bekannt als politischer Filmemacher, der sein Land auf innovative Weise und mit gnadenloser Konsequenz kritisiert. Er gehört zu den wichtigsten skeptischen Stimmen des Landes, die von rechtspopulistischen Gegnern herablassend «angry lefties» genannt werden. Unvergesslich etwa seine Beschimpfung einer Gruppe Soldaten an einem Checkpoint in seinem Film August: A Moment Before the Eruption (2002). Mograbi schaut stets dorthin, wo es weh tut. Auch in seinem jüngsten essayistischen Dokumentarfilm Dans un jardin je suis entré geht Avi Mograbi seinen zentralen Anliegen nach: Er stellt Israels Militärpolitik in Frage, denn eigenständiges Denken ist für ihn Bürgerpflicht. Der Ton ist diesmal jedoch weniger streitlustig, vielmehr handelt es sich um eine filmische Suche nach einem Sehnsuchtsort zwischen Nostalgie und Zukunft. Mograbi inszeniert sich hier nicht als Provokateur, sondern als Zuhörer und Erzähler. Er schildert die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft mit seinem Arabischlehrer, dem Palästinenser Ali Al-Azhari. In dessen Küche in Jaffa treffen sich die beiden Männer zu intellektuellen Wortgefechten. Ihre Diskussionen kreisen um Identität, Entwurzelung und um Fantasien über die verlorene Heimat. Obwohl sein Gastgeber perfekt Hebräisch spricht, bemüht sich Mograbi auch bei diesen Debatten, mit Ali Arabisch zu sprechen; eine symbolische Respekthandlung. Die Gesprächsstimmung ist leidenschaftlich, doch nie hitzig; gekonnt balancieren die Freunde über dem Abgrund des ungelösten Konflikts – ein eloquenter Seiltanz mit ungewissem Ausgang. Ali ist ein begnadeter Protagonist und inszeniert seine Anekdoten mit lustvollem Körpereinsatz. Mograbi ist zugleich Zuschauer und Filmemacher, der seinen kreativen Prozess ironisiert und ausstellt. Die Suche der beiden nach ihren je eigenen Wurzeln wird immer wieder dramaturgisch gebrochen von melancholisch anmutenden Super-8-Aufnahmen eines zeitlosen Orients, unterlegt mit einer weiblichen Stimme, die von einer grenzüberschreitenden Liebe zwischen Beirut und Tel Aviv erzählt. Bis knapp vor dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 reiste Mograbis Familie jeden Sommer zu den Grosseltern in den Libanon. Ali zeigt dem Filmemacher ein Telefonbuch der 1930er-Jahre: Das Verzeichnis vereinte damals Syrien, Libanon und Palästina; heute erscheint dies wie ein Märchen. Ali blickt aufgewühlt auf ein Foto, das Mograbis Vater als Mitglied einer militant zionistischen Untergrundorganisation zeigt, und schliesst traurig, dass es wohl doch einfacher sei, mit der Opferrolle als mit dem psychologischen Erbe


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DANS UN JARDIN JE SUIS ENTRÉ (Nichnasti pa'am lagan) / Schweiz/Frankreich/Israel 2012 97 Min / Farbe / DCP / OV/d // REGIE Avi Mograbi // KAMERA Philippe Bellaïche // MUSIK Noam Enbar // SCHNITT Avi Mograbi, Rainer Trinkler.

der Täter zu leben – dies gelte für Juden wie für Palästinenser. Die Reise führt die Männer schliesslich nach Tzippori, die einstige arabische Heimatstadt von Alis Familie, bevor diese 1948 umgesiedelt wurde. Ein Schild verbietet Besuchern den Zutritt zum Spielplatz. Die sensible Kamera von Philippe Belaïche folgt Alis Tochter Yasmin, die verwirrt und wütend das Verbot zu begreifen versucht. Ein berührender Moment schmerzlicher Bewusstwerdung des kleinen Mädchens, dem – als Tochter eines Palästinensers und einer Jüdin – eine eigene komplexe Identitätsfindung bevorsteht. Sascha Lara Bleuler

Die Zürcherin Sascha Lara Bleuler ist Filmwissenschaftlerin, Filmjournalistin und ­Schauspielerin; zur Zeit steht sie in Tel Aviv auf der Bühne.

ZU GAST IM FILMPODIUM: AVI MOGRABI

GESPRÄCH SA, 1. MÄRZ | 19.30 UHR

Avi Mograbi, 1956 in Israel geboren, hat in Tel Aviv Philosophie und Kunst studiert. Nachdem er als Regie- und Produktionsassistent Erfahrungen gesammelt hatte, realisierte er 1989 seinen ersten eigenen Kurzfilm, Deportation. Seither hat er sich in acht weiteren ­Dokumentarfilmen mit seiner Heimat befasst, der er immer wieder einen unerbittlichen Spiegel vorhält. Er hinterfragt nationale Mythen und prangert die aktuelle Politik gegenüber den Palästinensern im «Apartheidstaat» Israel an. Sein international anerkanntes Werk wird in Israel von der Kritik zumeist gelobt, vom einheimischen Publikum jedoch ­geflissentlich ignoriert. Im Gespräch mit der Filmwissenschaftlerin Marcy Goldberg wird der Regisseur seinen jüngsten Film vorstellen und von seiner Arbeit erzählen (in englischer Sprache). In Zusammenarbeit mit Omanut, Verein zur Förderung jüdischer Kunst in der Schweiz.


32 IOIC-SOIRÉEN

DIE KÜNSTE IM STUMMFILM Das Institut für incohärente Cinematogra-

von Abhängigkeit, der sein privates und so-

phie (IOIC), das sich mit innovativen Stumm-

ziales Leben zu zerstören droht. Chester

film-Live-Musikprojekten einen Namen ge-

Witheys frühes Portrait der Freuden und

macht hat, widmet diese Saison den Künsten

Leiden

im Stummfilm. Nach Film, Theater und Mu-

Künstlers besticht durch seinen geradezu

sik sind in diesem Programm die Malerei

gnadenlosen Realismus.

und der Zirkus an der Reihe.

eines

Drogen

konsumierenden

Die kompromisslose, zurzeit im Londoner Exil lebende Zürcher Sängerin Evelinn Trouble hat gemeinsam mit dem Bassisten Flo Götte bereits diverse Stummfilme live vertont. Wie kaum eine andere versteht sie es, mit ihrer unvergleichlichen Stimme den stummen Bildern beredtes Leben einzuhauchen und die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Live-Vertonung: Evelinn Trouble Linnéa Racine (Stimme, Gitarre, Keys) Florian Götte (E-Bass)

DO, 27. FEB. | 20.45 UHR MALEREI IM STUMMFILM

www.evelinntrouble.com

THE DEVIL'S NEEDLE / USA 1916 65 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, engl. Zw'titel // REGIE Chester Withey // DREHBUCH Roy Somerville, Chester Withey // MIT Tully Marshall (John Minturn), Norma Talmadge (Renee Duprez), Marguerite Marsh (Patricia Devon), F. A. Turner (Marshall Devon), Howard Gaye (Sir Gordon Gassoway), John E. Brennan (Fritz), Paul Le Blanc (Buck).

Der renommierte Maler John Minturn hadert mit seiner nachlassenden Kreativität. Auf einen achtlos hingeworfenen Kommentar seines drogenabhängigen Modells hin bedient er sich gegen besseren Wissens insgeheim von ihrem Vorrat und findet kurzfristig neue Energie und Inspiration. Doch die suchterregende Muse fordert schon bald ihren Tribut. Anstatt in der Kunst

DO, 27. MÄRZ | 20.45 UHR ZIRKUS IM STUMMFILM

THE UNKNOWN / USA 1927 50 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw'titel // REGIE Tod Browning // DREHBUCH Waldemar Young // KAMERA Mer-

weiter zu kommen, verliert sich der Künst-

ritt Gestard // SCHNITT Harry Reynolds, Errol Taggart // MIT

ler immer mehr in seinen Tagträumen und

ford (Estrellita), Nick De Ruiz (Zanzi), John George (Cojo),

Halluzinationen. Er gerät in einen Strudel

Lon Chaney (Alonzo), Norman Kerry (Malabor), Joan CrawFrank Lanning (Costra), Billy Seay.


33 Bevor sich Tod Browning dem jungen Me-

valesken Welt Tod Brownings zuhause ge-

dium Kino zuwandte, war er als Schauspie-

fühlt. Für ihre nunmehr dritte Vertonung ei-

ler, Zauberer und Tänzer in der Welt der

nes Browning-Klassikers spannen der

Vaudevilles, des Zirkus und der Jahrmärkte

Sänger und Gitarrist Hansueli Tischhauser

zuhause. Auch The Unknown spielt in dieser

und der Schlagzeuger Andi Wettstein mit

Welt und handelt von der unglücklichen

zwei weiteren prominenten Zürcher Musi-

Liebe Alonzos, dem armlosen Messerwer-

kern zusammen, nämlich der Sängerin und

fer, zur berührungsscheuen Estrellita. An-

Gitarristin Nadja Zela, einer Weggefährtin

ders als sein Nebenbuhler, dem Kraftmen-

im Genre des Limmat-Delta-Blues, und

schen des Zirkus, kann sich Alonzo seiner

dem begnadeten Jazz-Violinisten Tobias

Angebeteten nähern und ein gewisses Ver-

Preisig.

trauensverhältnis aufbauen. Zu nahe können sie sich jedoch nicht kommen, denn

Live-Vertonung: Los Dos feat. Nadja Zela & Tobias Preisig

sonst würde Estrellita merken, dass Alonzo

Andreas Wettstein (Schlagzeug)

seine Armlosigkeit lediglich vortäuscht und keineswegs so harmlos ist, wie er erscheint. Und Tod Browning unterlässt es natürlich nicht, in der ihm eigenen Manier die Abgründe der menschlichen Leidenschaften auszuloten. Die beiden Blues Brothers von Los Dos

Hansueli Tischhauser (Stimme, Gitarre) Nadja Zela (Stimme, Gitarre) Tobias Preisig (Violine) www.losdos.ch www.nadjazela.com www.tobiaspreisig.com Die IOIC-Soiréen im Filmpodium finden jeweils am letzten Donnerstag des Monats statt. Weitere Informationen: www.ioic.ch

haben sich auf Anhieb in der düster-karne-

A RIDE TO NOWHERE WITH MONTE HELLMAN F EB RUA R 20 14

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34 Filmpodium für Kinder

Mein Freund Knerten Ein Stock als Freund? Ein Familienfilm aus Norwegen, der tief in die blühende Fantasiewelt eines kleinen Jungen eintaucht – mitreissend und humorvoll inszeniert. Der kleine Lillebror zieht mit seinen Eltern und dem grossen Bruder aus der Stadt raus aufs Land in ein hübsches, aber baufälliges Haus. Hier ist das Leben schwieriger als erwartet: Erfolglos versucht sich der Vater als Vertreter für Damenunterwäsche, die Mutter muss im Tante-Emma-Laden arbeiten, um die Familie durchzubringen. Für Lillebror gibt es weit und breit nie-

MEIN FREUND KNERTEN (Lillebror og Knerten) / Norwegen 2009 74 Min / Farbe / DCP / D / ab 6 Jahren // REGIE Åsleik Engmark // DREHBUCH Birgitte Bratseth, nach dem Roman von AnneCatharina Vestly // KAMERA Ari Willey // MUSIK Jon Rørmark // SCHNITT Vidar Flataukan // MIT Adrian Grønnevik Smith ­(Lillebror), Pernille Sørensen (Mutter), Jan Gunnar Røise (Vater), Petrus Andreas Christensen (Phillip), Amalie Blankholm Heggemsnes (Vesla), Per Schaanning (Ladenbesitzer Eilertsen), Per Jansen (Schreiner), Kjersti Fjeldstad (Tante Malhiermalda), Ole Johan Sjeldbred-Knutsen (Veslas Vater), John Brungot (Busfahrer).


35 manden, mit dem er spielen kann. Eines Tages fällt ein Zweig vor seine Füsse und erwacht vor seinen Augen zum Leben: Knerten, das putzmuntere sprechende Zweigmännchen, wird Lillebrors unerschrockener Begleiter auf seinen Entdeckungsreisen. Voller Fantasie, Witz und Charme ist das Spielfilmdebüt von Åsleik Engmark, das uns in die idyllische norwegische Provinz der sechziger Jahre entführt. In diesem Film nach dem Kinderbuchklassiker der norwegischen Autorin Anne-Catharina Vestly wird die Welt konsequent aus den Augen des kleinen Helden gesehen – eine Welt voller magischer Momente, mit einer geheimnisvollen Prinzessin und mit Drachen im Wald. Dabei nimmt Mein Freund Knerten die imaginäre Welt des Jungen nicht nur ebenso ernst wie die Realität der Erwachsenen, sondern er zeigt, dass es gerade die oft als unwichtig abgetanen Kinderfantasien sind, die helfen, selbst für die kompliziertesten Probleme eine Lösung zu finden. Anspielungen auf Western, Musical und Horrorfilm, kindergerecht inszeniert, sorgen dafür, dass der Film auch für Ältere zum grossen Vergnügen wird. Tanja Hanhart

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17.–23.03.2014

LES CINEMAS DU GRÜTLI GENEVE FILMPODIUM ZÜRICH EIN ANGEBOT VON PROPOSEE PAR

FILMPREIS PRIX DU CINEMA SUISSE PREMIO DEL CINEMA SVIZZERO

IN ZUSAMMENARBEIT MIT EN COLLABORATION AVEC


36 SÉLECTION LUMIÈRE

LA FAMIGLIA VON ETTORE SCOLA Ausgewählt von den Mitgliedern des Filmpo-

kriegen berichtet. Das Leben in stetem

dium-Fördervereins Lumière ist La famiglia

Fluss, zwischen Abebben und Wiederaufflu-

eine Familienchronik, die sich über 80 Jahre

ten: die Gezeiten des Menschseins.

erstreckt und die italienische Zeitgeschichte

Vor allem aber macht der Film das alles

spiegelt. Nach zehnjähriger Pause reali-

unerbittlich im Innenraum ein und derselben

sierte Ettore Scola, geboren 1931, im vergan-

Wohnung in den Prati beim Castel Sant An-

genen Jahr eine Hommage an seinen Freund

gelo mit dem langen, tiefen, düsteren Flur,

und Kollegen Fellini, Che strano chiamarsi

auf den sich viele Türen öffnen und schlies-

­Federico, seinen bisher letzten Film.

sen; mit diesen verschachtelten, weit nach hinten und um mehrere Ecken herum gestaf-

«80 Jahre im Dasein eines Clans mit Fi-

felten Gemächern; mit ihrem periodisch auf-

guren, die nicht bloss auf- und abtreten,

gefrischten Antlitz, denn ein ‹Äusseres› kann

sondern gehen und wieder kommen, mitei-

sie nicht haben, sie ist pures Interieur bis in

nander leben oder auch ohne einander, jede

die Fensterdurchblicke auf die Strasse hi-

ein wenig mit dem Schicksal jeder anderen.

naus, wo eine Jahreszeit brütet oder klirrt,

Die Familie: ein lebendiges Ganzes und Ge-

und auch noch die Treppe hinunter bis zum

flecht von Individuen, das mehr ist als die

Eingang, wo die grösseren Ankünfte und

Summe seiner Teile. Der Film führt die

Weggänge stattfinden. Selten bleibt in Fil-

Chronik und erzählt die Geschichte: ver-

men der Ort der Handlung so unverrückbar

zeichnet Geburten, Hochzeiten, Studien­

fest wie hier Träger des Wandels.» (Pierre

abschlüsse, Firmengründungen, Pleiten,

Lachat, Filmbulletin 155, Aug./Sept. 1987)

Krankheiten, Todesfälle, Geburten – immer bevor er noch von den Wechselfällen des

H am Mo, 10. März, 20.45 Uhr: Einführung

Zeitgeschehens, den Kriegen und Zwischen-

von Martin Walder

LA FAMIGLIA / Italien/Frankreich 1987 128 Min / Farbe / 35 mm / I/d/f // REGIE Ettore Scola // DREHBUCH Ruggero Maccari, Furio Scarpelli, Ettore Scola // KAMERA Ricardo Aronovich // MUSIK Armando Trovajoli // SCHNITT Francesco Malvestito // MIT Vittorio Gassman (Carlo/der Grossvater), Fanny Ardant (Adriana), Stefania Sandrelli (Beatrice), Andrea Occhipinti (der junge Carlo), Massimo Dapporto (Giulio), Philippe Noiret (Jean-Luc), Ottavia Piccolo (Adelina, das Dienstmädchen), Ricky Tognazzi (Paolino), Athina Cenci (Tante Margherita).


37 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Primo Mazzoni (pm) // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: 24 Bilder, München; Ascot Elite Entertainment Group, Zürich; Rosa Bosch, B&W Films, London; British Film Institute, London; CAB Productions, Lausanne; Camino Filmverleih, Stuttgart; Cinélibre, Bern; Deutsches Filminstitut – DIF, Wiesbaden; Filmexport Group, Rom; Gaumont, Neuilly sur Seine; Hollywood Classics, London; Lagardère Entertainment Rights, Boulogne Billancourt; Peter Langs/Universal Studios Film Archive, Los Angeles; Moa Distribution, Lausanne; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Park Circus, Glasgow; Polyband, München; Pyramide Distribution, Paris; Juan Carlos Rulfo, Mexiko-Stadt; The Saul Zaentz Company, Berkeley; Seitz, München; Tamasa Distribution, Paris; Théâtre du Temple, Paris; Trigon-Film, Ennetbaden; Warner Bros. (Transatlantic) Inc., Zürich. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 7 000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU 2nd Arab Film Festival

Sergio Leone

Nachdem das erste arabische Filmfestival

Vor 25 Jahren ist mit Sergio Leone ein Ko-

im November 2012 bei Publikum und Me-

loss des europäischen Kinos verstorben.

dien auf grossen Anklang stiess und auch

Bei Dutzenden von Filmen hatte er als Re-

das Subsahara-Filmwochenende im Früh-

gieassistent oder Second Unit Director mit-

ling 2013 von Erfolg gekrönt war, können wir

gewirkt, bevor er Anfang der sechziger

unseren Plan umsetzen, diese beiden Ver-

Jahre unter eigenem Namen zu inszenieren

anstaltungen im Zweijahresturnus durch­

begann. Nach dem Historienschinken Il co-

zuführen. Für das 2nd Arab Film Festival

losso di Rodi trug er mit der Dollar-Trilogie

spannen das Filmpodium und der Verein In-

nicht nur wesentlich zur Schöpfung des

ternational Arab Film Festival Zurich IAFFZ

Spaghetti-Westerns bei, sondern legte

wieder zusammen und präsentieren rund 20

gleichzeitig den Grundstein für die Karriere

Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus

Clint Eastwoods. Leones barocker Hang

dem arabischen Kulturraum. Am Wochen-

zum Exzess kennzeichnete auch sein Revo-

ende vom 11. bis 13. April ergänzen Begeg-

lutionsfresko Giù la testa und seinen letzten

nungen mit Gästen das reichhaltige Pro-

grossen Film, das USA-Epos Once Upon a

gramm.

Time in America.


UA A R Ja Y ck

Ry

27 .ch

an

RIS IS PINE PIN E KE KEV VIN IN COS CO TNE STN R ER KE KEN NNET NE H B TH RA BR NAG AN H AG H KE KEI IRA K RA NI FE KN GHT IGH LE B FE R TL Y BR U

CH


Filmpodium 16. Februar – 30. März 2014