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1. April –15. Mai 2017

Grenzgänger – Grenzenlos: Asien und Europa Das Kino der Weimarer Republik


RUMÄNIEN RE LOADED MÄRZ 2017

Filmstill: Everybody in Our Family

after the storm ein film von kore-eda hirokazu

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no

03.02.17 10:30


01 Editorial

Analog, digital – (nicht) egal Das Filmpodium zeigt zumeist nicht Premieren, sondern sehenswerte Werke der Filmgeschichte. Diese sind auf Film gedreht worden und wurden auch in dieser Form verliehen. Je älter ein Film, desto kleiner ist die Zahl der erhaltenen Kopien; je öfter diese gespielt wurden, umso schadhafter und fragiler sind sie. Darum sind vorführbare Kopien von älteren Filmen oft nur mit Mühe aufzuspüren. Es gibt eine Reihe von Archiven und Filmmuseen, die solche Raritäten horten und die wir danach abklappern. Doch selbst wenn ein Archiv über eine Kopie verfügt (und wir die Vorführrechte ergattert haben), ist noch längst nicht gesagt, dass diese im Kino öffentlich gespielt werden darf, denn jeder Gebrauch beansprucht das Material zusätzlich. Während das Filmpodium alte Filme einem neuen Publikum zeigen will, ist es die Aufgabe der Archive, das Filmerbe möglichst schonend zu bewahren. Deswegen wird es für Kinos wie das unsere immer schwieriger, ehemalige Verleihkopien zu zeigen – geschweige denn mehr als einmal; für das Publikum, aber auch für unsere Programmplanung sind Einzelvorstellungen jedoch undankbar. Zudem ist die Beschaffung von 35-mm-Kopien oft mit hohen Leihgebühren und Frachtkosten verbunden. Immerhin werden laufend einzelne Kinoklassiker (aufgrund des in den Archiven bewahrten Materials) restauriert und verfügbar gemacht, sei das auf 35-mm-Film, als DCP (der heutige Kinostandard), als Blu-ray- oder DVDEdition oder hochauflösendes Sendematerial fürs Fernsehen. Wir können es uns nicht leisten, puristisch zu sein und «originalgetreu» nur analoge Kopien vorzuführen, da unser Programm sonst längst nicht mehr stattfinden könnte. Im Sinne der Filmschaffenden wie auch des Publikums wollen wir die Filme in der besten verfügbaren Version zeigen – also möglichst unverstümmelt und in optimaler Bild- und Tonqualität –, egal auf welchem Träger. Im kommenden Programm etwa sehen Sie Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari so, wie der Film 1920 bei seiner Premiere erschien: Wir zeigen ein DCP der digital restaurierten Fassung. Auf der Leinwand des Filmpodiums wirkt zudem manche Blu-ray-Disk besser als eine abgewetzte 35-mm-Kopie. In Ausnahmefällen müssen wir gar zu einer guten DVD-Edition greifen, weil die vom Archiv gelieferte 16-mm-Kopie unzumutbar ist. Die Balance zwischen der Verfügbarkeit von (gutem) Filmmaterial, Ihren Programmbedürfnissen und unseren finanziellen Möglichkeiten zu finden, ist nicht einfach. Diesen Hochseilakt versuchen wir aber täglich zu optimieren.  Corinne Siegrist-Oboussier & Michel Bodmer Titelbild: Leila Hatami in What’s the Time in Your World?


02 INHALT

Grenzgänger – Grenzenlos:  Asien und Europa

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«East is East and West is West, and never the twain shall meet», wird Rud­ yard Kipling gerne zitiert, doch er fügte an, dass Individuen, die sich begegnen, ihre gegensätzliche Herkunft überwinden können. In Zusammen­ arbeit mit dem Universitären Forschungsschwerpunkt Asien und Europa der Universität Zürich zeigt das Filmpodium ein breites Spektrum von Filmen, die von gegenseitigen Fantasien, konkreten Begegnungen und ­kulturellen Konflikten zwischen Ost und West handeln. Chinesische Dokumentarfilme, Schweizer Komödien, französische Dramen, britische Milieustudien, iranische Animationsfilme, philippinische Satiren, BollywoodRomanzen, belgische Dokufiktionen und andere Werke handeln von Grenzgängern und Grenzenlosigkeit verschiedenster Art. Bild: Merry Christmas, Mr. Lawrence

Das Kino der Weimarer Republik 16 Die Weimarer Republik (1918 – 1933) war eine von Brüchen, Krisen und kultureller Blütezeit gekennzeichnete Ära und die wichtigste Epoche des deutschen Films. Neben Expressionismus hatte sie auch Neue Sachlichkeit, Spektakel, Emotion und Vergnügen zu bieten. Den Reichtum dieser äusserst frucht­ baren, stilprägenden Periode des deutschen Kinos erfahrbar zu machen, über die bekannten Filme, anerkannten Filmemacher und Stars hinaus, hat sich der deutsche Filmpublizist Rüdiger Suchsland mit seinem Dokumentarfilm Von Caligari zu Hitler vorgenommen, den das Filmpodium als Premiere präsentiert. Neben legendären Titeln zeigen wir begleitend dazu auch neu zu entdeckende Filme, zum Teil in restaurierten und rekonstruierten Fassungen. Bild: Die freudlose Gasse


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Das erste Jahrhundert  des Films: 1947

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Gewalt prägt Orson Welles’ Film noir The Lady from Shanghai ebenso wie Carol Reeds IRA-Drama Odd Man Out und Henri-Georges Clouzots Krimi Quai des Orfèvres; selbst in Leo­pold Lindtbergs Matto regiert wird gemordet, und Charles Chaplin meuchelt in Monsieur Verdoux reihenweise Gattinnen. In Michael Powells Black Narcissus gibts dafür leidenschaftliche Nonnen.

Filmpodium für Kinder: Bekas 37 Mit selbst gemalten Pässen und einem Esel machen sich zwei Brüder in den 1990er-Jahren auf den Weg aus dem Irak nach Amerika, der «Stadt ihrer Träume». Bild: Bekas

Einzelvorstellungen 38

Bild: Monsieur Verdoux

70 Jahre Filmfestival Locarno: Charles mort ou vif und Iluminacja

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Rob Epstein & Jeffrey Friedman 34

Sélection Lumière: The Deer Hunter

Mit Werken wie The Times of Harvey Milk, Common Threads: Tales of the Quilt und The Celluloid Closet haben Rob Epstein und Jeffrey Friedman Filmgeschichte geschrieben. Heuer ehrt sie das Pink Apple Festival.


05 Grenzgänger – Grenzenlos: Asien und Europa

Bis hierher und weiter Die Reihe «Grenzgänger – Grenzenlos», die in Zusammenarbeit mit dem interdisziplinären Forschungsschwerpunkt der Universität Zürich entstanden ist, zeigt ein breites Spektrum von Spiel- und Dokumentarfilmen aus Asien und Europa. Im Zentrum stehen die Grenzen zwischen diesen Kulturräumen und die Begegnungen, Fantasien und Konflikte, die Grenzgängerinnen und Grenzgänger erleben. Wie die jüngste Zeitgeschichte zeigt, sind Grenzen wieder ein Schlüsselthema geworden. Weltweit bestehen vielfältige Spannungsfelder zwischen globaler Vernetzung, regionalen Beziehungen und Bündnissen und einem wieder erstarkenden Nationalismus. Die Filme dieser Reihe handeln alle vom Umgang mit Grenzen. Die geopolitischen Grenzen zwischen Asien und Europa sowie innerhalb der beiden Kontinente wirken ambivalent: Sie schränken ein, schützen, wecken Freiheitsträume, können ein Gefängnis bedeuten oder durchlässig sein. Die Haupt­ figuren der Filme sind allesamt in der einen oder anderen Weise Grenzgänger: Sie kommen auf ihren Reisen – seien diese real oder imaginiert – auch an ihre kulturellen, sprachlichen, physischen oder psychischen Grenzen – und manchmal gar darüber hinaus, in neue, unbekannte Territorien. Blicke über den Tellerrand Die Begegnungen, die Grenzgänger machen, lassen sie Gewohntes hinterfragen und ihre Herkunft neu sehen, je nachdem als Bestätigung oder als Verunsicherung der eigenen Identität. Where Are You Going (Yang Zhengfan, China/ Hongkong 2016) zeigt die eingegrenzte Sicht aus einem fahrenden Taxi auf das urbane Hongkong. Die Frage des Taxifahrers nach der Destination seiner Fahrgäste enthüllt nicht nur individuelle Lebenswege, sondern wird auch zur Erkundigung nach der aktuellen politischen und kulturellen Entwicklung der Stadt. In We Went to Wonderland (GB 2008) dokumentiert die Filmemacherin Guo Xiaolu auf intime Weise die Begegnung mit ihren Eltern. Diese verlassen erstmals ihre Heimat China, um die Tochter in deren Wahlheimat London zu besuchen. Durch die Augen des Paars gesehen, wird London zum ersten Auslöser philosophischer Reflexionen über die Wahrnehmung des Fremden. Auch My Beautiful Laundrette (Stephen Frears, GB 1985) zeigt England mit >

Entgrenzender Essayfilm: Sans soleil < Hart an der Grenze: Gegen die Wand

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Kulturelle Grenzgänge: Persepolis


06 FORSCHUNGSSCHWERPUNKT «ASIEN UND EUROPA» Die Filmreihe entstand auf Anregung des Universitären Forschungsschwerpunkts (UFSP) Asien und Europa der Universität Zürich. Dieser untersucht die vielfältigen Beziehungen zwischen Asien und Europa in Kultur, Religion, Recht und Gesellschaft in Geschichte und Gegenwart und bündelt die asienwissenschaftlichen Kompetenzen und Interessen von fünfzehn ­Disziplinen und vier Fakultäten der Universität Zürich. Nach zwölf Jahren fruchtbarer Arbeit mit zahlreichen internationalen Veranstaltungen und Publikationen wird der UFSP Asien und Europa in diesem August auslaufen. Mit dieser Filmreihe feiert er seinen Abschluss. Die Reihe wurde zusammengestellt von Simone Müller, Yasmine Berriane und Natalie Boehler unter Mitwirkung von Roman Benz, Laura Coppens, Elisa Ganser, Eliza Isabaeva, ­Aymon Kreil, Elika Palenzona-Djalili, Andrea Riemenschnitter und Helena Wu, in Zusammenarbeit mit dem Filmpodium.

einem Einwandererblick: Drehbuchautor Hanif Kureishi ergänzt seine interkulturelle schwule Liebesgeschichte mit ironischen Betrachtungen zur Ära Thatcher. Demgegenüber schildert Kabhi Khushi Kabhie Gham ... (Karan ­Johar, Indien 2001) das Leben in der Diaspora zwar als Ausbruch aus engen Traditionsgrenzen, aber geprägt von Sehnsucht nach Indien und von der Abgeschnittenheit von der (Gross-)Familie. In den Augen einer Belgierin bleiben die Regeln der japanischen Arbeitskultur in Stupeur et tremblements (Frankreich/Japan 2003) bis zum Schluss undurchsichtig; ihr Karriereabstieg ist ­unaufhaltsam, jedoch von einer eigentümlichen masochistischen Belustigung begleitet. Einen positiven Gegenentwurf dazu zeigt Au sud des nuages (JeanFrançois Amiguet, Schweiz/Frankreich 2003): Für einen wortkargen Bauern aus dem Wallis führt eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn zur Versöhnung mit sich selbst. Wunsch- und Trugbilder Manchmal findet die Begegnung mit dem Fremden bloss in der Fantasie statt. Wie klaffen Vorstellungen und Realität auseinander, und welche Rückschlüsse auf den Träumer lassen die Bilder, die er sich vom andern macht, zu? Im Kinderfilm Bekas (Karzan Kader, Schweden/Finnland/Irak 2012) machen sich zwei kurdische Jungen zur Grenze auf; ihr Traum ist es, in einem Amerika zu leben, das sie nur aus dem Film Superman kennen. Gleich zwei Filme der Reihe verweisen im Titel auf die Thematik der Zeitlichkeit: In What’s the Time in Your World? (Safi Yazdanian, Iran 2014) reist eine Iranerin nach zwanzig Jahren in Frankreich zurück in ihren Heimatort. Die Begegnungen, die sie mit Bekannten aus ihrem früheren Leben macht, zeigen ihr brüchiges Verhältnis zu ihrer Vergangenheit auf; der Film lässt durch seine fragmentierende Erzählweise die Grenzen der Erinnerung und der Zugehörigkeit nach-


07 vollziehbar werden. What Time Is It There? (Tsai Ming-liang, Taiwan/Frankreich 2001) schildert zwei parallele Leben in Taipeh und Paris, die sich zufällig verknüpfen. Die Hauptfiguren driften in Gedanken zwischen den beiden Orten und Zeitzonen; der Film wird zur Reflexion über Zeitlichkeit und Ortlosigkeit. Die philippinische Komödie The Woman in the Septic Tank (Marlon Rivera, 2011) bewegt sich auf einer filmischen Metaebene: Drei Filmemacher spielen ein Drehbuch in verschiedenen Varianten durch, um den Vorstellungen des westlichen Festivalpublikums am besten zu entsprechen. Chris Markers wegweisender Filmessay Sans soleil (Frankreich 1983) geht der Thematik des Erinnerns und des Bildermachens nach, mit einer weltumspannenden Perspektive, die Grenzen zwischen Ländern, ja Kontinenten, transzendiert. Unüberbrückbare Differenzen Wo Verständnis und Fantasie versagen, entstehen Konflikte, die aber nicht immer zu Mord und Totschlag führen, sondern mitunter Komik erzeugen können. Die Satire Win Win (Claudio Tonetti, Schweiz/Belgien 2013) ironisiert die kulturellen Missverständnisse, die während einer chinesischen Miss-Wahl im Schweizer Jura entstehen, auf liebevoll-harmlose Weise. The Land of the Enlightened (Belgien 2016) zeigt die Auswirkungen der sowjetischen und USamerikanischen Besetzungen auf eine Gruppe von Kindern in den Bergen Afghanistans, wobei Pieter-Jan De Pues Film entlang der schmalen, oft unklaren Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion balanciert. In Gegen die Wand (Deutschland/Türkei 2004) lässt Fatih Akin ein Paar in Berlin sich erst nach der Zweckheirat ineinander verlieben, dann aber umso heftiger. Die Liebe wirkt dabei als Katalysator für den Ausbruch aus der türkischen Herkunft der Figuren und spiegelt die Haltlosigkeit des Lebens in der Fremde. Theeb (Naji Abu Nowar, Jordanien 2014) schildert, wie während des Ersten Weltkriegs ein Beduinenjunge einen englischen Soldaten durch die Wüste der Arabischen Halbinsel führen muss. Ihre Reise lässt den Jungen die Schwelle zum Erwachsenwerden übertreten. Nagisa Oshima inszeniert in Merry Christmas, Mr. Lawrence (GB/Japan 1983) die Spannungen zwischen den britischen Insassen und den japanischen Aufsehern eines Gefangenenlagers im Zweiten Weltkrieg als sadomasochistisches Machtspiel. Die zahllosen Zwischentöne einer Migrationsgeschichte schliesslich zeigt der Animationsfilm Persepolis (Frankreich/ USA 2007): Die gebürtige Iranerin Marjane Satrapi schildert darin, welche Umwälzungen ihr Heimatland während ihrer Kindheit durchlief und wie sie als Halbwüchsige ihren Weg nach Europa fand. Natalie Boehler Natalie Boehler, Filmwissenschaftlerin, hat im Rahmen des UFSP «Asien und Europa» zu Nationalismus im zeitgenössischen Film Thailands promoviert.


> Win Win.

> Theeb.

> Where Are You Going.

> The Land of the Enlightened.


Grenzgänger – Grenzenlos: Asien und Europa.

FURYO / MERRY CHRISTMAS, MR. LAWRENCE (Senjo no meri Kurisumasu) GB/Japan 1983

«1942. In einem japanischen Kriegsgefangenenlager stehen sich ein britischer Offizier und der Kommandant als Vertreter zweier Kriegskasten und zweier Kulturen gegenüber. Vergangene Schuld, militärischer Ehrenkodex und homo­ erotische Anziehung bestimmen die Thematik dieses psychologischen Thrillers.» (Lexikon des int. Films) Furyo erregte schon vor der Premiere Aufsehen durch die Besetzung der Hauptrollen mit den Popstars David Bowie und Ryuichi Sakamoto. Letzterer komponierte auch den Soundtrack. «Elegant und durchdringend zugleich nutzt Oshima das androgyne Image seiner beiden Stars zu einer Exploration latenter Homoerotik und Gewalt in beiden Kulturen, zwischen denen er den intellektuellen Offizier Lawrence zum einsichtigohnmächtigen Vermittler macht.» (Bernd Kiefer, Reclam-Lexikon Filmregisseure)

«Das Werk, das den Begriff ‹Filmessay› mehr als jedes andere mit Sinn erfüllt hat: Markers in Briefform gehaltene Reflexionen sind weniger klassischer Reisefilm denn ein kühner Versuch über das Funktionieren von Erinnerung in kinematografischer Form. Mit vergleichsweise simplen Mitteln hergestellt, verblüfft Sans soleil bis heute durch seine virtuosen Perspektivenwechsel und Zeit-Schichtungen – es ist ein Film, der sich zuletzt ‹selbst erinnert›. Abgesehen von der Filmkritik hat Sans soleil unzählige andere Disziplinen herausgefordert, von der Medientheorie bis zur Gedächtnisforschung. Entstanden an der Schnittstelle von analoger zu digitaler Arbeitsweise, ist der Film im Schaffen Markers ein ­Wendepunkt, hin zu multimedialen Formen, und eine letzte Hommage an die Bedeutung, die Textur und die Schönheit des Film-Bildes. Ein Meis­ terwerk.» (Constantin Wulff, Österreich. Filmmuseum Wien, 5/2007) 100 Min / Farbe / 35 mm / D // DREHBUCH, REGIE UND SCHNITT Chris Marker // KAMERA Sandor Krasna, Chris Marker // MUSIK Modest Mussorgski, Jean Sibelius // MIT Charlotte Kerr (Sprecherin der deutschen Fassung), Arielle Dombasle (Gesangsstimme).

123 Min / Farbe / DCP / OV/f // REGIE Nagisa Oshima // DREHBUCH Nagisa Oshima, Paul Mayersberg, nach dem Roman «The Seed and the Sower» von Laurens Van der Post // KAMERA Toichiro Narushima // MUSIK Ryuichi Sakamoto //

MY BEAUTIFUL LAUNDRETTE

SCHNITT Tomoyo Oshima // MIT David Bowie (Maj. Jack

GB 1985

«Strafer» Celliers), Tom Conti (Col. John Lawrence), Ryuichi Sakamoto (Capt. Yonoi), Takeshi Kitano (Sgt. Gengo Hara), Jack Thompson (Capt. Hicksley), Johnny Okura (Kanemoto, koreanische Wache), Alistair Browning (De Jong).

SANS SOLEIL Frankreich 1983 «In einer Kaskade von Bildern, selbstgedrehten und vorgefundenen, auf einem Trip durch das moderne Japan, aber auch mit Exkursionen nach Guinea-Bissau oder Island, San Francisco oder Paris, misst Sans soleil das Terrain des menschlichen Gehirns aus, seine Denk- und Erinnerungskapazitäten, die Produktivkraft der Imagination. Dabei werden die Elemente der politischen Ordnung neu verhandelt: Gesellschaft und Anarchie, Faschismus und Sozialismus, Krankheit und Gesundheit, Rationalität und Fantasie, Dokument und Fiktion – in einer Ursprünglichkeit, der kein Tabu zu sakrosankt, keine Utopie zu kühn ist. Kreatives Fieber. Kreativer Wahnsinn. Sans soleil ist ein Wendepunkt im modernen Kino. Man kann nicht mehr Filme machen, wie man es bislang tat, und man kann nicht mehr auf die Filme schauen in der vertrauten Manier.» (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, 31.7.2012)

Der junge Pakistani Omar möbelt mit seinem ehemaligen Schulfreund Johnny im Süden Londons einen abgewrackten Waschsalon auf, den ihm sein Onkel vermacht hat – sehr zum Unmut von Johnnys altem Umfeld, der rechtsextremen National Front. Die beiden, Geschäftspartner und Liebhaber in einem, versuchen aus Welten auszubrechen, die «von religiösem Traditionalismus und männlichem Chauvinismus geprägt sind. Dank einem wieder in Betrieb genommenen Waschsalon durchmischt sich die pakistanische Diaspora mit der englischen Post-Punk-Generation.» (Katalog Festival International du Film Fribourg, 2012) «Der Film über die Liebe zwischen einem ­Pakistani und einem Engländer, die den Traum der Unabhängigkeit und Überwindung von Rassismus, Homophobie und Klassengrenzen ­ verwirklichen wollen, beeindruckt durch seine differenzierte Darstellung des verschiedenartig gelagerten Konfrontationspotenzials, dem die jungen Männer begegnen, und machte auch den Schauspieler Daniel Day-Lewis schlagartig bekannt. Das Thema der Identitätssuche in einem konfliktreichen Umfeld wurde zu einem Leitmotiv in Frears’ Schaffen.» (Susanne Ostwald, NZZ, 20.6.2011)

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Grenzgänger – Grenzenlos: Asien und Europa. 97 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Stephen Frears // DREHBUCH Hanif Kureishi // KAMERA Oliver Stapleton // MUSIK Ludos Tonalis // SCHNITT Mick Audsley // MIT Daniel Day-Lewis (Johnny), Gordon Warnecke (Omar Ali), Saeed ­Jaffrey (Nasser Ali), Roshan Seth (Omars Vater), Derrick Branche (Salim N. Ali), Shirley Anne Field (Rachel), Rita Wolf (Tania N. Ali), Richard Graham (Genghis).

KABHI KHUSHI KABHIE GHAM ... Indien 2001 In der Unternehmerfamilie Raichand wachsen die beiden Söhne Rahul und Rohan behütet und liebevoll umsorgt auf. Als Rahul mit acht Jahren erfährt, dass er adoptiert wurde, wird seine Dankbarkeit seinen Eltern gegenüber nur noch tiefer. Umso grösser die Enttäuschung für seinen Vater Yash, als sich Rahul in Anjali verliebt, ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Nach einem heftigen Wortwechsel verstösst Yash seinen ­Adoptivsohn, der tief verletzt mit seiner Frau nach London zieht. Doch in Indien und in England leiden die Familien unter der Trennung. (cs) «Der Film zeigt exemplarisch, welch strenge Entschlossenheit die indische Kultur von der Beziehung zwischen Eltern und Kindern verlangt. Ebenso thematisiert er das Konzept der Familie in einem traditionellen indischen Haushalt, wo die Sturheit der Älteren für alle katastrophal werden kann. Auch wenn Kabhi Khushi Kabhie Gham ... offensichtlich moralische Anliegen verfechten will, sind die schauspielerischen Darbietungen doch sehr stark und Johars meisterhafte Mise en Scène beeindruckt einmal mehr.» (Omar Ahmed, empireonline.com, 1.1.2000) 210 Min / Farbe + sw / 35 mm / Hindi/d // REGIE Karan Johar

Hsiao-kang, dessen Vater unlängst ­gestorben ist (seine Mutter meint, die Seele ihres Gatten sei in Hsiao-kangs Aquariumfisch gewandert), sehnt sich bald nach Shiang-chyi und fängt an, alle Uhren in der Umgebung auf Pariser Zeit umzustellen. In Paris fühlt sich Shiang-chyi fremd und allein. Doch während Hsiao-kang sich in Taipeh Truffauts Les quatre cents coups ansieht, begegnet Shiang-chyi auf einem Pariser Friedhof dem alternden Hauptdarsteller Jean-Pierre Léaud. «Tsais Werk ist immer komisch und immer traurig, nie nur das eine oder das andere. (...) Nichts ist komischer als unerwiderte Liebe. Nichts ist trauriger als unerwiderte Liebe. Es ist eigentlich nichts Tragisches an zwei Menschen, die keine Beziehung haben, nachdem sie nur zwei unbedeutende Gespräche geführt haben. Aber es ist auch nichts Hoffnungsvolles an zwei Menschen, die so beziehungslos sind, dass es keine Rolle spielt, in welcher Stadt sie sich befinden. Wenn Hsiao-kang alle Uhren umstellt, ist das eine grosse romantische Geste oder ein peinlicher Fimmel? Was ist deprimierender: dass die Mutter meint, die Seele ihres Mannes stecke im Fisch, oder dass der Fisch der einzige Vertraute ihres Sohnes ist? Ein Film, der uns dazu bewegt, solche Fragen zu stellen, ist sehenswert.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 1.3.2002) 116 Min / Farbe / 35 mm / OV/d/f // REGIE Tsai Ming-liang // DREHBUCH Tsai Ming-liang, Yang Pi-ying // KAMERA Benoît Delhomme // SCHNITT Chen Shen-Chang // MIT Lee Kangsheng (Hsiao-kang), Chen Shiang-chyi (Shiang-chyi), Lu YiChing (Mutter), Miao Tien (Vater), Cecilia Yip (Frau in Paris), Chen Chao-jung (Mann in Metrostation), Jean-Pierre Léaud (Jean-Pierre/Mann auf dem Friedhof).

// DREHBUCH Karan Johar, Sheena Parikh // KAMERA Kiran

AU SUD DES NUAGES

Deohans // MUSIK Jatin Pandit, Lalit Pandit, Babloo Chakra-

Schweiz/Frankreich 2003

varthy, Songtexte: Sameer, Anil Pandey // CHOREOGRAFIE Farah Khan // SCHNITT Sanjay Sankla // MIT Shahrukh Khan (Rahul Raichand), Amitabh Bachchan (Yashovardha «Yash» Raichand), Jaya Bachchan (Nandini Raichand), Kajol (Anjali Sharma Raichand), Hrithik Roshan (Rohan Raichand), Kareena Kapoor (Pooja Sharma Raichand), Alok Nath (Bauji), Rani Mukherjee (Naina).

WHAT TIME IS IT THERE? (Ni na bian ji dian) Taiwan/Frankreich 2001

Der junge Hsiao-kang verkauft in den Strassen von Taipeh Armbanduhren. Die schöne Shiang-chyi will aber keine Uhr aus dem Schaukasten, sondern luchst Hsiao-kang seine eigene ab. Diese zeigt nämlich zwei verschiedene Zeiten an, und Shiangchyi ist dabei, nach Paris zu ziehen. Der einsame

Der 70-jährige Walliser Bergbauer Adrien schlägt seinen Freunden eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn vor. Seine Kumpel lassen sich breitschlagen, doch dann fällt einer der vier kurzfristig aus, und an seiner Stelle fährt der junge Städter Roger mit, den Adrien nicht leiden kann. Im Laufe der langen Reise durch Russland in die Mongolei bleiben noch weitere von Adriens Gefährten auf der Strecke, und schliesslich bleibt ihm in der Fremde ausgerechnet Roger als einziger Begleiter erhalten. Der junge Mann hat sich nämlich unterwegs in eine Mongolin verliebt und will sie in ihrer Heimat aufspüren. Adrien aber zieht es in die chinesische Provinz Yunnan (dt. «südlich der Wolken»). «Die vier wortkargen Walliser Bergler steigen zwar ein in einen Zug, aber sie lassen nie wirklich los. Ohne Jasskarten und Weisswein geht da gar


Grenzgänger – Grenzenlos: Asien und Europa.

SONDERVORSTELLUNGEN MIT GESPRÄCHEN Sa, 1.4., 18.15 Uhr: My Beautiful Laundrette Einführung zum Thema Diaspora: Rohit Jain (UFSP) So, 9.4., 18.15 Uhr: We Went to Wonderland Filmgespräch mit der Regisseurin Guo Xiaolu (in englischer Sprache) Di, 18.4., 18.15 Uhr: Where Are You Going Gespräch mit Andrea Riemenschnitter (UFSP) und Spezialisten zur Identität Hongkongs im Film (in englischer Sprache) Di, 25.4., 18.15 Uhr: What’s the Time in Your World? Filmgespräch mit dem Regisseur Safi Yazdanian (in englischer Sprache) Do, 4.5., 20.45 Uhr: Theeb Einführung durch den Islamwissenschaftler Tobias Heinzelmann Fr, 5.5., 17.00 Uhr: Kabhi Khushi Kabhie Gham ... Filmgespräch mit der Indologin Sabrina Ciolfi (in englischer Sprache)

nichts. Die lange Reise ist demnach bestenfalls eine Reise zu sich selbst, zu den eigenen Gefühlen. Allerdings gilt auch, was Jean Renoir im Umfeld von La grande illusion sagte: Ein französischer Bauer versteht den chinesischen Bauern, obwohl er dessen Sprache nicht spricht, besser als einen französischen Intellektuellen.» (Walt R. Vian, Filmbulletin 1/2004) 78 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Jean-François Amiguet // DREHBUCH Anne Gonthier, Jean-François Amiguet // ­KAMERA Hugues Ryffel // MUSIK Laurence Revey, Stimmhorn // SCHNITT Valérie Loiseleux // MIT Bernard Verley (Adrien), François Morel (Roger), Maurice Aufair (Léon), Jean-

«Man sollte im Kontext zu Lost in Translation von Sofia Coppola Stupeur et tremblements von Alain Corneau sehen oder alternativ den Roman von Amélie Nothomb (dt. bei Diogenes) lesen, die Drehbuchvorlage, um das faszinierend Beängstigende oder sogar Abstossende in der japanischen Kultur aus europäischer (Frauen-)Sicht zu begreifen.» (Ulrike Mattern, jump-cut.de) Amélies homoerotisch gefärbte Hassliebe zu ihrer herrischen japanischen Vorgesetzten Fubuki in Stupeur et tremblements nimmt explizit Bezug auf das Verhältnis der Antagonisten in Nagisa Oshimas Merry Christmas, Mr. Lawrence.

Luc ­ Borgeat (Willy P ­ rolong), Zoé (Lucien Prolong), Jean-­

107 Min / Farbe / 35 mm / Jap/F/d/f // REGIE Alain Corneau //

Pierre Gos (Jean-Noël), Arlunzaya Tsogoo (Odma), Delphine

DREHBUCH Alain Corneau, nach dem Roman von Amélie

Crespo (Marie).

Nothomb // KAMERA Yves Angelo // MUSIK Johann Sebastian Bach // SCHNITT Thierry Derocles // MIT Sylvie Testud (Amé-

STUPEUR ET TREMBLEMENTS

lie), Kaori Tsuji (Fubuki), Taro Suwa (Saito), Bison Katanyama (Omochi), Yasunari Kondo (Tenshi), Sokyu Fujita (Haneda)

Frankreich 2003 «Wenn Traditionen und die kommunikativen Zeichensysteme zweier Kulturen zu verschieden sind, kann eine echte Verständigung im Sinne eines offenen Gedankenaustauschs nur schwer gelingen. (...) Alain Corneau verdeutlicht das in seinem bemerkenswerten Film Stupeur et tremblements nach der autobiografischen Romanvorlage einer jungen Belgierin, die ihre Kindheit in Japan verbrachte und sich seitdem sehnt, wieder in diesem Land leben zu können. Sie findet als junge Erwachsene tatsächlich eine Stelle als Übersetzerin in einem grossen japanischen Wirtschaftsunternehmen, wird dort aber nicht ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt.» (Holger Twele, kinofenster.de, 1.6.2003)

GEGEN DIE WAND Deutschland/Türkei 2004 «Gegen die Wand ist, jenseits des dargestellten deutsch-türkischen Milieus, vor allem eine Liebesgeschichte. Es ist die, naturgemäss verrückte, mit bürgerlichen Massstäben nicht fassbare Liebe zwischen Sibel und Cahit, zwischen ‹beauty and the beast›. Sie lernen sich in der Psychiatrie kennen und beschliessen zu heiraten, statt sich, wie geplant, aber nicht erfolgreich ausgeführt, das Leben zu nehmen. Cahit, dem sich in ein ParallelUniversum saufenden Verlierer, ist die Ehe egal; Sibel betrachtet sie als Vorwand, um von zu Hause wegzukommen und zu schlafen, mit wem sie will.

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> Stupeur et tremblements.

> Bekas.

> What Time Is It There?.

> We Went to Wonderland.

> Au sud des nuages.

> The Woman in the Septic Tank.


Grenzgänger – Grenzenlos: Asien und Europa. Es ist schon komisch, wie der innerlich abgestorbene Cahit in die traditionsbewusste türkischdeutsche Familie der jungen Frau eingeführt wird. Aus der Konfrontation des alles andere als wertkonservativen, provozierenden Losers mit den scheinheiligen Brüdern Sibels schöpft der Film seine Komik und leise humane Botschaft: Steckt eure Kinder nicht in die Zwangsjacke der Konvention. Da Akin, dessen Vorbilder Scorsese und Cassavetes sind, aber immer den grösstmöglichen Effekt, Rock’n’Roll in Bildern, will, schickt er seine psychisch dafür ja prädestinierten Figuren auf einen selbstzerstörerischen Trip.» (Dietmar Kanthak, epd film, 1.4.2004)

Gott oder Karl Marx, die zunächst ‹nur› witzig scheinen, plötzlich aber erschreckenden Ernst entfalten – und überaus kluge Einsichten vermitteln.» (Rüdiger Suchsland, artechock.de)

121 Min / Farbe / 35 mm / D/Türk/E/d // DREHBUCH UND RE-

«In We Went to Wonderland dokumentiert die Autorin und Filmemacherin Guo Xiaolu den Besuch ihrer in die Jahre gekommenen chinesischen Eltern in Europa. Der grosse Traum – eine Reise in den Westen: die Houses of Parliament in London, Südfrankreich, Rom. Und irgendwie wird mit dem sympathischen alten Paar jede Umgebung ein bisschen chinesisch. Seit einer Operation kann der Vater der Filmemacherin nicht mehr sprechen, und so notiert er seine Beobachtungen: ‹Das Wasser ist so gut im Westen. Die Blumen auf Karl Marx’ Grab sind schon lange tot. Englische Züge gehen respektlos mit der Zeit der Leute um. Als Picasso starb, wurde meine Tochter geboren.› Er beobachtet die vorbeiziehenden Wolken, seine Frau schaut hoch zum Parlamentsgebäude. Als er in den Vatikan spaziert, schwärmt seine Frau noch immer von den englischen Parks. Dies ist das erste und vielleicht auch das letzte Mal, dass sie China verlassen haben. Er möchte die Welt sehen, bevor er stirbt, sie aber hat Heimweh.» (Katalog Viennale 2009)

GIE Fatih Akin // KAMERA Rainer Klausmann // MUSIK ­Alexander Hacke, Maceo Parker // SCHNITT Andrew Bird // MIT Birol Ünel (Cahit), Sibel Kekilli (Sibel), Catrin Striebeck (Maren), Güven Kiraç (Seref), Stefan Gebelhoff (Nico), Meltem Cumbul (Selma), Hermann Lause (Psychotherapeut Schiller), Demir Gökgöl (Vater Yunus Güner), Cem Akin (Bruder Yilmaz Güner).

PERSEPOLIS Frankreich/USA 2007 Kongeniale Verfilmung der autobiografischen Comic-Romane der gebürtigen Iranerin Marjane Satrapi. Die Protagonistin und ihre Mutter werden von Chiara Mastroianni und Catherine Deneuve gesprochen. «1969 geboren, erlebt Satrapi den Übergang von Kindheit zu Erwachsenenalter parallel zum Übergang ihrer Heimat vom Schah via Revolution zum islamischen Staat. Als kluges Schulmädchen für den neuen Iran zu unverblümt und aufmüpfig, wird Satrapi an eine Schule in Wien geschickt, wo sie die Musik und die Männer entdeckt und mit der bürgerlichen Apathie ihrer ‹anarchistischen› Mitschüler hadert. Später lässt sie sich in Paris nieder, und eine Folge von dazwischengeschnittenen Szenen in Farbe, wie sie als Erwachsene am Flughafen Charles de Gaulle über die Vergangenheit nachdenkt, verleiht dem Film seine Off-Stimme und den Eindruck einer Reminiszenz.» (Dave Calhoun, timeout.com, 25.4.2007) «Persepolis ist keineswegs eine Geschichtslektion oder ein politisches Traktat. In diesem Werk voller menschlicher Wärme stehen vielmehr der Zusammenhalt der Familie und die zunehmenden Gefahren des Lebens im Gottesstaat im Zentrum. In bezaubernder Weise gelingt es dem Film dabei, die Perspektive eines Kindes in ihrer Mischung aus Naivität und Klarsicht zu reproduzieren. Immer wieder kommt es zu Momenten wie Marjanes Fantasiegesprächen mit

96 Min / Farbe + sw / 35 mm / F/d // REGIE Vincent Paronnaud, Marjane Satrapi // DREHBUCH Marjane Satrapi, ­Vincent Paronnaud, nach den Comics von Marjane Satrapi // MUSIK Olivier Bernet // SCHNITT Stéphane Roche // MIT DEN STIMMEN VON Chiara Mastroianni (Marjane), Danielle Darrieux (Grossmutter), Catherine Deneuve (Mutter).

WE WENT TO WONDERLAND GB 2008

76 Min / sw / Digital SD / Chin/E/e // DREHBUCH, REGIE UND KAMERA Guo Xiaolu // MUSIK UND SCHNITT Philippe Ciompi // MIT Guo Xiu-lin, Li He-yin.

THE WOMAN IN THE SEPTIC TANK (Ang babae sa septic tank) Philippinen 2011

In den Slums von Manila ist das Elend so gross, dass die mittellose Mutter Mila ihre Tochter einem pädophilen Westler verkaufen muss. Auf dieser Prämisse beruht ein Film, den ein philippinisches Trio drehen will, um mit solchem Elendsvoyeurismus an westlichen Festivals zu reüssieren. Allerdings wechselt das inszenatorische Konzept während der Dreharbeiten laufend, sodass Milas tragische Geschichte mal quasi-dokumentarisch im Stil Brillante Mendozas, mal expressionistisch verzerrt, mal als Musical daherkommt.

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Grenzgänger – Grenzenlos: Asien und Europa. «Das ist nicht nur aufschlussreich, sondern auch wahnsinnig komisch. Rivera hat ein gutes Gespür für die Eigenheiten der verschiedenen Genres und weiss genau, wie stark er sie überspitzen muss. (...) Es geht bei The Woman in the Septic Tank weniger darum, einzelne Regisseure wie Mendoza durch den Kakao zu ziehen als die gesamte Filmwelt. Der selbstgefällige Nachwuchs mit seinem penetranten Authentizitätszwang wird ebenso parodiert wie das Establishment.» (Michael Kienzl, Programmheft Filmpodium, Januar/Februar 2013)

sich die Fernsehreportage von der Peinlichkeit zum Publikumserfolg. Girard wittert Morgenluft. Diese haarsträubende Geschichte beruht auf Tatsachen: Der rührige Jurassier Pierre Kohler schlug 2006 politisches Kapital aus dem Besuch der chinesischen Schönheiten, die unglamourös Kühe melkten und damit ihre Landsleute in der Heimat begeisterten. Claudio Tonetti hat diesen Schildbürgerstreich als liebevolle Komödie über interkulturelle Klischees und Missverständnisse und mit satirischen Seitenhieben gegen helvetische Polit-Mauscheleien inszeniert. (mb)

87 Min / Farbe / DCP / Filipino + E/d // REGIE Marlon Rivera

95 Min / Farbe / DCP / OV/d/f // REGIE Claudio Tonetti //

// DREHBUCH Chris Martinez // KAMERA Larry Manda // MU-

DREHBUCH Jacques Akchoti, Béatrice Guelpa, Claudio

SIK Vincent de Jesus // SCHNITT Ike Veneracion // MIT

­Tonetti // KAMERA Carlo Varini // MUSIK Frédéric Vercheval

­Eugene Domingo (Mila/sie selbst), JM de Guzman (Bing-

// SCHNITT Matyas Veress // MIT Jean-Luc Couchard (Paul

bong), Kean Cipriano (Rainier), Cai Cortez (Jocelyn), Jona-

Girard), Cheng Xiaoxing (Liu Jun), Anne Comte (Véronique

than Tadioan (Arthur Poongbato), Carlos Dala (Milas Sohn),

Girard), Guy Lecluyse (René Solis), Frédéric Recrosio (­ Vincent

K.C. Marcelo (Milas Tochter), Cherry Pie Picache (Mila/sie

Genoud), Wang Xin (Ting Ting), Yin Bing (Chang).

selbst), Mercedes Cabral (Mila/sie selbst).

BEKAS

THEEB Jordanien 2014

Schweden/Finnland/Irak 2012 Zwei kurdisch-irakische Jungen sehen 1990 Superman im Kino und versuchen daraufhin, ihre kriegsversehrte Heimat zu verlassen und mit allen Mitteln in den verheissungsvollen Westen zu gelangen. Nähere Angaben auf S. 37 92 Min / Farbe / Digital HD / Kurd/d / 6/10 J // DREHBUCH UND REGIE Karzan Kader // KAMERA Johan Holmqvist // MUSIK Juhana Lehtiniemi // SCHNITT Michal Leszczylowski, Sebastian Ringler // MIT Zamand Taha (Zana), Sarwar Fazil (Dana), Diya Mariwan (Helliya), Suliman Karim Mohamad (Baba Shalid), Rahim Hussen (Mama Hama), Abdulrahman Mohamad (Osman), Shirwan Mohamad (Jamal).

WIN WIN Schweiz/Belgien 2013 Paul Girard, Stadtpräsident von Delsberg, will auf die nationale Politbühne. Als ein befreundeter chinesischer Uhrmacher ihm anbietet, den Halbfinal der Miss-China-Wahlen in den Jura zu holen, packt Girard diese Chance, sich zu profilieren: Die Übertragung der Veranstaltung im chinesischen Fernsehen verspricht unbezahlbare Werbung für die Tourismusdestination Schweiz. Doch als es zählt, lassen sämtliche Sponsoren und Schweiz Tourismus Girard hängen. Mangels Geld müssen die Missen also statt im 5-Sterne-Hotel in Heuschobern übernachten; entsprechend bäurisch fallen die TV-Bilder in China aus. Der chinesische Veranstalter, der eine Luxusreise durch die Schweiz erwartet hat, tobt, doch dann mausert

«Die Geschichte eines britischen Offiziers, der im Ersten Weltkrieg in einem Wüstenlager stationiert ist und dem Beduinen-Jungen Theeb und dessen grossem Bruder Hussein befiehlt, ihn auf der gefährlichen Reise zum nächsten Wasserloch zu begleiten. Die Ereignisse werden aus der Perspektive des Kindes geschildert, was es manchen Zuschauern erschweren mag, gewisse historische Lücken zu füllen (wir sind in der Welt von Lawrence of Arabia, wo arabische Stämme zwischen den Briten und dem Osmanischen Reich zerrieben werden), doch es verleiht der wachsenden Spannung noch mehr atemberaubende Intensität. (...) Ein wahrhaft denkwürdiges Debüt.» (Trevor Johnston, timeout.com, 4.11.2015) «Wenn der Film eine kritische Absicht hat, dann die des Bedauerns über das Verschwinden der Beduinenkultur – wie der Regisseur vor kurzem anlässlich der Schweizer Vorpremiere am Filmfestival Fribourg ausführte. Das Leben der Beduinen, die noch vor wenigen Jahrzehnten als nomadisierende Jäger und Viehzüchter die Wüste durchzogen: Davon geht die Faszination eines Films aus, in dem die alte Geschichte von zwei Feinden, die in der Wildnis aufeinander angewiesen sind, auf originelle Weise neu erzählt wird.» (Geri Krebs, NZZ, 8.4.2015) 100 Min / Farbe / DCP / Arab/d // REGIE Naji Abu Nowar // DREHBUCH Bassel Ghandour, Naji Abu Nowar // KAMERA Wolfgang Thaler // MUSIK Jerry Lane // SCHNITT Rupert Lloyd // MIT Jacir Eid Al-Hwietat (Theeb), Hussein Salameh Al-Sweilhiyeen (Hussein), Hassan Mutlag Al-Maraiyeh (Fremder), Jack Fox (Edward), Marji Audeh (Marji).


Grenzgänger – Grenzenlos: Asien und Europa.

WHAT’S THE TIME IN YOUR WORLD? (Dar donya ye to saat chand ast?) Iran 2014

«Nach 20 Jahren kehrt die nach Frankreich ausgewanderte Künstlerin Goli in ihre iranische Heimatstadt Rascht am Kaspischen Meer zurück. Ihre Eltern sind mittlerweile verstorben, doch viele Erinnerungen erwachen wieder zum Leben. Umso verstörender ist es, dass sie vom Rahmenmacher Farhad wie eine alte Freundin begrüsst wird, denn Goli kann sich überhaupt nicht an diesen erinnern.» (Katalog ZFF 2016) «Ebenso sehr eine zarte, unterspielte Studie über Erinnerung, persönliche Geschichte und unsere Wahrnehmung der Vergangenheit wie eine subtile und unkonventionelle Romanze, die in eine wertvolle Freundschaft mündet. Yazdanian gestaltet die Cadrage mit dem Auge des Dokumentarfilmers, indem er die Handlung oft innerhalb des Bildrahmens fliessen lässt, als strebe er nach einer Art Authentizität in Bezug auf die Interaktion der Figuren. Goli und Farhad werden je von gewissen Dämonen geplagt, und diese haben teilweise miteinander zu tun; die entspannten Spaziergänge und weitschweifigen Gespräche des Paars vermögen einige davon zu bannen. (...) Ali Mosaffa stattet Farhad mit einer einsamen, resignierten Würde aus und läuft nie Gefahr, ihn wie einen ‹Stalker› wirken zu lassen, was allzu leicht hätte passieren können. Leila Hatami ist so graziös wie immer und verleiht Goli genügend Nuancen, dass sie ebenso einfühlsam wie undurchdringlich erscheint.» (Elizabeth Kerr, The Hollywood Reporter, 13.10.2014) 101 Min / Farbe / DCP / Farsi/F/e // DREHBUCH UND REGIE Safi Yazdanian // KAMERA Homayun Payvar // MUSIK Chris­ tophe Rezai // SCHNITT Fardin Saheb-Zamani // MIT Leila Hatami (Goli), Ali Mosaffa (Farhad), Zahra Hatami (Hava).

THE LAND OF THE ENLIGHTENED Belgien 2016 «Über einem öden Hochplateau haust eine Bande von Jugendlichen (...) in einem verlassenen russischen Armeeposten und überfällt zu Pferd die Karawanen, die unten auf der weiten Ebene erscheinen. Mehr opportunistisch als ‹erleuchtet›, nehmen die Banditenbuben den Händlern Opium, Waffen und andere Waren ab. Sie tragen neue Uniformen (erhandelt oder gestohlen) und ernähren sich von Schafen, die sie aus weidenden Herden erbeuten. (...) In einem parallelen Erzählstrang sitzen US-Soldaten in einem Posten, der ein grünes Tal mit wortkarger Bevölkerung überblickt. (...) Unreif, ungehobelt und unbändig flu-

chend, passen diese Amerikaner viel weniger gut in diese Umgebung und wirken wie grobschlächtige Spiegelbilder der jüngeren Afghanen. Wenn dann die wehmütige klassische Gitarre eines GI den Ton angibt, fragt man sich angesichts der sich abspielenden Szenen, wieso man je darauf kam, dass Amerikaner dieses Land zähmen könnten.» (David D’Arcy, ScreenDaily, 25.1.2016) «Afghanistans Erbe von Invasion, Krieg und internen Konflikten wird in The Land of the ­ ­Enlightened fantasievoll ausgelotet, denn diese Dokumentarfilm-Mischform erzeugt eine traumähnliche Wirklichkeit zur Veranschaulichung der grundlegenden Diskrepanz zwischen den Weltanschauungen der gegenwärtigen Besatzer des Landes und jener Volksgruppen, die seit Jahrtausenden in dieser Gegend wohnen. (...) De Pue erschafft ein Werk, das mehr mit einer modernen Fabel gemein hat als mit einem konven­ tionellen Dokumentarfilm.» (Justin Lowe, The ­Hollywood Reporter, 1.2.2016) 87 Min / Farbe / DCP / OV/d // REGIE UND KAMERA PieterJan De Pue // DREHBUCH Pieter-Jan De Pue, David Dusa, Herwig Deweerdt // SCHNITT Stijn Deconinck, David Dusa // MIT Gholam Nasir, Khyrgyz Baj, Noor, Sergei Kovinchenko, Devin A. Cleeves, Sohrab Nazari.

WHERE ARE YOU GOING China/Hong Kong 2016 In seiner Dokufiktion Where Are You Going beleuchtet Yang Zhengfan, der nach eigenen Angaben von 2009 bis 2014 «als Aussenseiter» in Hongkong gelebt hat, die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln. Auf 13 Taxifahrten durch die Stadt sprechen Kundinnen und Kunden mit ihrem Chauffeur, während das Bild nur die Perspektive durch die Windschutzscheibe zeigt. Da ist der ­britische Geschäftsmann, der nach sieben Jahren in Hongkong die Nase voll hat und heimkehren will; ein Han-Chinesen-Paar beklagt sich über die Diskriminierung der Menschen vom Festland durch die Bürger Hongkongs; eine Bankangestellte wird vom Fahrer wegen der unverantwortlichen Investment-Praktiken der örtlichen Banken angegriffen, dabei ist sie selber mehr Opfer als Täterin; überarbeitete philippinische Hausmädchen geniessen einen seltenen Augenblick der Freizeit – und so fort, bis sich die Folge gesichtsloser Stimmen und gegensätzlicher Meinungen schliesslich zu einem facettenreichen Gesamtporträt der Stadt rundet. (mb) 130 Min / Farbe / DCP / OV/e // DREHBUCH, REGIE UND SCHNITT Yang Zhengfan // KAMERA Zhu Shengze.

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17 Das Kino der Weimarer Republik

Die Wiederkehr des Verdrängten Mit zahlreichen Filmausschnitten belegt Rüdiger Suchsland in seinem Film Von Caligari zu Hitler, wie modern das Kino der Weimarer Republik auch Anfang des 21. Jahrhunderts ist. Das Filmpodium zeigt dazu ausgewählte Werke aus der Zeit: Stummfilmklassiker, legendäre frühe Tonfilme, aber auch unbekanntere Filme, die zu entdecken sich lohnt. Caligari, Mabuse, Nosferatu – wir alle kennen die glamourösen Monster des deutschen Films. Wir kennen Murnaus Faust, die wilden Nibelungen, die verrückten Wissenschaftler und machtbesessenen Ingenieure aus Metropolis; wir kennen die Doppelgänger und die Femmes fatales; die dunklen Räume mit den schrägen Wänden, die labyrinthisch verschlungenen Strassen, die leuch­ tenden Farben. Der frühe Film war ja nie einfach schwarz-weiss, sondern schwarz-feuerrot, schwarz-neongrün oder schwarz-giftgelb. Wir meinen, viel zu wissen. Aber was wissen wir wirklich von den über 800 deutschen Filmen zwischen 1918 und 1933? Was wissen wir von der Weimarer Gesellschaft und ihrer äusserst vielfältigen Kultur, die zwischen Reformen, rasanter Modernisierung und politischem Extremismus entstand? Was wissen wir von dieser Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs, die diese Leinwandgötter, Stummfilmgeister und Kinomonster gebar? Auf Augenhöhe mit Hollywood Die Zeit zwischen Weltkriegsniederlage und Revolution 1918/19 bis zu Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 kennen wir als die Weimarer Republik: Sie war der freieste Staat, den es je auf deutschem Boden gab. Vor allem aber war sie ein wildes Zeitalter, charakterisiert durch ökonomische Erschütterungen, eine politische «Krise ohne Alternative» (Christian Meier) und die Brillanz einer «Kultur der Aussenseiter» (Peter Gay). Diese Epoche war viel mehr als nur die Vorgeschichte für den Aufstieg der Nazis. Bis zum heutigen Tag steht «Weimar» für die bedeutendste Phase der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte, eine Zeit voller Erneuerung und Aufbruch in allen Bereichen. Der deutsche Film befand sich auf Augenhöhe mit Hollywood: Regisseure wie Ernst Lubitsch, Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und Josef von Sternberg drehten ihre ersten grossen Filme, Robert Siodmak, Billy Wilder, Fred Zinnemann und andere begannen damals ihre Karriere. In dieser >

Expressionistische Schattenspiele: Das Cabinet des Dr. Caligari

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Das Licht der Neuen Sachlichkeit: Menschen am Sonntag


18 Zeit wurden die Grundlagen der «Siebten Kunst» gelegt. Filmschaffende mussten jeden Tag Neues erfinden, denn noch gab es keine Regeln. Ein Verständnis dieses neuen Mediums musste erst gefunden werden. Das Unterbewusste auf der Leinwand Um 1910 kam der Expressionismus auf. Er war eine von mehreren grossartigen Avantgarde-Bewegungen, die vor dem Ersten Weltkrieg die Moderne begründeten: Fauvismus, Kubismus, Futurismus, Konstruktivismus. Zusammen mit Nietzsches Philosophie, Freuds Psychoanalyse, Einsteins Relativitätstheorie und den neuen Entdeckungen der Soziologen und Ethnologen erschütterten sie die bürgerliche Gesellschaft bis ins Mark. Der Expressionismus war nicht erst eine spätere Reaktion auf die Schreckenserfahrungen des Grabenkriegs mit Trommelfeuern und Massensterben. Vielmehr wirkte der Weltkrieg wie die Einlösung aller avantgardistischen Prophezeiungen des «Welt­ endes» (Jakob van Hoddis) und des «Zerfalls der Werte» (Hermann Broch). Nach Kriegsende war der Expressionismus für kurze Zeit Mainstream. Sogar Zahnpastawerbung wurde im expressionistischen Stil gemacht. Doch nie war ganz klar, was «Expressionismus» überhaupt bedeutet. Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari ist der expressionistische Film schlechthin. Der Golem, ähnlich im Stil, ist eher eine mit Magie getränkte Parabel von Massenhysterien. Andere wichtige Filme sind nicht so bekannt, vielleicht, weil sie weniger dem Klischee entsprechen: Paul Lenis Wachsfigurenkabinett, Karl-Heinz Martins Von Morgens bis Mitternacht und Robert Reinerts Traumata-Reigen Nerven sind Ausdruck eines völlig anderen Expressionismus der Seele. Diese Filme stehen beispielhaft für das Auftauchen des kollektiven Unterbewusstseins im deutschen Kino. Bald darauf wandten sich die Regisseure von der Ästhetik des Expressionismus ab. In Murnaus Nosferatu trifft sie auf die Natur, in Mabuse ironisiert Fritz Lang die expressionistische Mode («Alles ist heute Expressionismus») und erweckt doch dessen Geister zu sozialem Leben. Mabuse, der Held dreier Werke Langs, hat tausend Gesichter. Er ist eine moderne mythologische Figur: ein deutscher Fantomas. Die Filme werden heller, zugleich realistischer. Das Kino verlässt die Salons der Bourgeoisie und interessiert sich für die Neue Sachlichkeit: Die Bilder orientieren sich an moderner Fotografie, zeigen das Leben der Strasse, «normale» Figuren, «neue» Gesichter, Laiendarsteller und Geschichten über Aussenseiter, Prostituierte, Arme. In den letzten Jahren der Weimarer Republik ist viel Nouvelle Vague und Neorealismus «avant la lettre» zu finden. Auch der Einfluss der Eisenstein-Schule ist spürbar. Mentalitätsgeschichte des aufkommenden Faschismus Für Siegfried Kracauer, den wichtigsten Filmkritiker der Weimarer Republik, der später einer der bedeutendsten Filmhistoriker und -theoretiker des 20.


19 Jahrhunderts wurde, ist Wienes Film ein Symbol. In seinem bahnbrechenden Buch «From Caligari to Hitler» (1947) interpretiert er diesen Film als Ausgangspunkt einer Reise, die im Weimarer Kino Tyrannen, Diktatoren, Manipulatoren, verrückte Wissenschaftler, Massenmörder, kriminelle Schlafwandler und willige Vollstrecker entdeckt. Kracauer spürt Paranoia auf, Angst, Kulturpessimismus, Hass auf die Institutionen und Sehnsucht nach autoritären Führern. Sein Buch zeigt idealtypisch die Bedrohungen durch politischen und kulturellen Extremismus sowie Wirtschaftskrisen und liefert eine Mentalitätsgeschichte des Aufstiegs von Faschismus, Demagogie, Rechtspopulismus und postdemokratischen Verhältnissen. Die Weimarer Republik scheint für uns weit weg zu sein. Aber wenn wir genauer hinsehen, entdecken wir, wie nahe sie ist. Wir entdecken eine kulturelle und politische Situation, die der unseren sehr ähnelt: eine Gesellschaft in Spannung zwischen der Überhöhung des Ich und seiner gleichzeitigen Auflösung in einer anonymen Menge; eine Gesellschaft, die in ihren Konsumtempeln an unendlicher Langeweile und wachsender Unsicherheit leidet, die von Börsenkatastrophen und Geldentwertung erschüttert, ökonomisch wie ideell verschuldet ist. Eine Kultur unter permanenter Anspannung. Weit weg? Das Kino der Weimarer Republik ist viel mehr als eine Handvoll bekannter Filme und Autoren. Es gibt ein verstecktes Weimar und eine geheime Geschichte des deutschen Kinos, die noch zu entdecken sind. Weimar, diese erste deutsche Republik, ist ein sehr aktuelles Beispiel für eine liberale Gesellschaft, die permanent auf dem Vulkan tanzt, zwischen hedonistischer Lust und latentem Schwindel im Angesicht des Abgrunds. Eine brisante Mixtur, so gefährlich wie faszinierend. Dass sie 1933 explodierte, war weder Schicksal noch Zufall. Die Monster von Weimar sind weiterhin mit uns, das Verdrängte erhebt wieder sein Haupt in den Erfahrungen der modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts. Um hierfür zu sensibilisieren, und natürlich um an die prächtigen Werke des Weimarer Kinos zu erinnern, habe ich diesen Film gemacht. Rüdiger Suchsland Rüdiger Suchsland, Filmkritiker und -journalist in Berlin, hat 2014 mit Von Caligari zu Hitler seinen ersten Film realisiert. Er wird ihn am Dienstag, 4. April, persönlich präsentieren und nach der Vorstellung mit der Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen und dem Filmschaffenden Samir über den Film debattieren. Am Donnerstag, 6. April, führt er in den Unterhaltungsfilm Ein blonder Traum nach einem Drehbuch von Billy Wilder ein. Soeben hat er ­seinen zweiten Dokumentarfilm, Hitlers Hollywood fertiggestellt. «Der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar. Seine Mission ist: Die in den Durchschnittsfilmen versteckten sozialen Vorstellungen und Ideologien zu enthüllen und durch diese Enthüllungen den Einfluss der Filme selber überall dort, wo es nottut, zu brechen.» Siegfried Kracauer, «Über die Aufgabe des Filmkritikers», 1932


> Metropolis.

> Nerven.

> Die BĂźchse der Pandora.

> Der mĂźde Tod.


Das Kino der Weimarer Republik.

NERVEN Deutschland 1919 «Beispiel eines ganz anderen Expressionismus, in dem es weder schiefe Wände wie in Caligari, übertriebene theatralische Gestik, exzentrische Schminke noch einen Expressionismus der Seele gibt. Die Geschichte präsentiert eine Bürger­ familie in Dekadenz; die Nachkriegskrise überschneidet sich mit der Revolution: Ein Regisseur filmt während des tatsächlichen kommunistischen Aufstands mit realen Szenen von Massenhysterie. (...) Nerven ist schlechthin einer der besten Filme seiner Zeit: ein Beispiel der Invasion des Unbewussten auf den deutschen Leinwänden.» (Rüdiger Suchsland) «Mit der Sprache des Films, mit Bildern blutiger Strassenkämpfe, Fabrikstädte einäschernder Explosionen, einsamer Verzweiflung, wilden Verfolgungswahns, stolzer Schlösser, stummer Hochalpen-Majestät will Reinert, der Künstler, uns das wissen machen, was er beim Klang des Wortes ‹Nerven› empfindet. (...) Alles in allem ist dieses Filmwerk etwas Neuartiges.» (Hans Wollenberg, Lichtbild-Bühne, Berlin, 24.1.1920) 110 Min / sw / Digital HD / Stummfilm, dt. Zw’titel // DREHBUCH UND REGIE Robert Reinert // KAMERA Helmar Lerski // MIT Eduard von Winterstein (Fabrikbesitzer Roloff), Lya Borée (Roloffs Frau Elisabeth), Erna Morena (Roloffs Schwester Marja), Paul Bender (Lehrer Johannes), Lili Dominici (dessen blinde Schwester), Rio Ellbon (Marjas Verlobter Richard), Margarete Tondeur (Marjas frühere Amme), Paul Burgen (Mann in den Visionen). MI, 3. MAI | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, OBERHAUSEN

DAS CABINET DES DR. CALIGARI Deutschland 1919 «Der Hypnotiseur und Schausteller Caligari lässt durch sein somnambules Medium Cesare mehrere Menschen töten. Nachdem ein Student ihn entlarvt hat, erweist sich Cesare als Insasse der Irrenanstalt, deren Direktor Caligari ist. (...) Einer der wichtigsten Psychiatriefilme. Seine Thematik der erzählerischen Vermischung von Normalität und Wahnsinn und der Folgeerscheinungen von Autorität, Macht, Tyrannei, Despotismus und Massenbeeinflussung durch Hypnose sowie seine stilistische Verbindung von moderner Kunst mit Formen des Wahnsinns lassen ihn auch heute noch aktuell und brisant erscheinen. Caligari ist wegen des expressionistischen Dekors und des ausdrucksstarken Schauspielstils als einer der grössten deutschen Klassiker in die

Filmgeschichte eingegangen: Gestik und Mimik der Schauspieler ergänzen das ungewöhnliche Design, das von irritierenden schrägen Linien, schiefen Wänden, geneigten Ebenen und aufgemalten Schatten geprägt ist.» (Programmheft Filmpodium, Mai/Juni 2014) 77 Min / tinted / DCP / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE R ­ obert Wiene // DREHBUCH Hans Janowitz, Carl Mayer // KAMERA Willy Hameister // MIT Werner Krauss (Dr. Caligari), Conrad Veidt (Cesare), Lil Dagover (Jane Olsen), Rudolf Lettinger (Dr. Olsen), Friedrich Feher (Francis), Hans Heinrich von Twardowski (Alan), Elsa Wagner, Ludwig Rex. MO, 3. APRIL | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ

DER MÜDE TOD Deutschland 1921 «Eine junge Frau bittet den Tod, ihr den Geliebten zurückzugeben. Der Tod führt sie in einen Saal voll flackernder Kerzen, die jeweils ein menschliches Leben darstellen, und fordert sie auf, drei der Kerzen vor dem Erlöschen zu bewahren. In drei eingeschobenen Episoden, die im mittel­ alterlichen Bagdad, im Venedig der Renaissance und in einem märchenhaften China spielen, erzählt Fritz Lang die damit verbundenen Schicksale.» (Filmmuseum Frankfurt, Okt. 2012) «Tod, Schicksal, Architektur – Motive, die Fritz Langs gesamtes Werk bestimmen, später subtil verschlüsseln, werden hier unmittelbar zum Thema gemacht. Ein dunkler Ton aus Märchen und Volksliedern durchstimmt den Müden Tod, der dem jungen Luis Buñuel, nach eigenen Worten, ‹die Augen öffnete für die poetische Ausdruckskraft des Films›. Siegfried Kracauer: ‹Diese malerischen Bilder sind so präzise getroffen, dass man manchmal der Illusion anheimfällt, sie seien von Grund auf real.›» (Harry Tomicek, Österreichisches Filmmuseum, 10/2012) 98 Min / sw / DCP / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Fritz Lang // DREHBUCH Fritz Lang, Thea von Harbou // KAMERA Fritz Arno Wagner (venezian., orient. und chin. Episode), Erich Nitzschmann, Hermann Saalfrank (altdeutsche Episode) // SCHNITT Fritz Lang // MIT Bernhard Goetzke (Tod/Gärtner/ El Mot/Bogner des Kaisers), Lil Dagover (Mädchen/Zobeide/ Mona Fiametta/Tiao Tsien), Walter Janssen (Bräutigam/ Franke/Francesco/Liang), Max Adalbert (Notar/Schatzkanzler), Wilhelm Diegelmann (Arzt), Hans Sternberg (Bürgermeister), Carl Rückert (Pfarrer), Erich Pabst (Lehrer), Karl Platen (Apotheker), Paul Rehkopf (Küster). MI, 12. APRIL | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG/BR.

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Das Kino der Weimarer Republik.

DIE FREUDLOSE GASSE Deutschland 1925 Einer der grossen Klassiker des deutschen Stummfilms, der einzige Film, den die beiden Stummfilmstars Asta Nielsen und Greta Garbo zusammen gedreht haben. «Luxus und Elend der Inflationszeit in Wien. Hofrat Rumfort lässt sich vorzeitig pensionieren, spekuliert mit seiner ‹Abfindung› und verliert sein ganzes Vermögen. Er ist jetzt genauso arm wie seine Nachbarn in der einst gutbürgerlichen Melchiorgasse. Die neue ‹Oberschicht› sind die Händler. (…) Pabst baute seine Elendsviertel im Atelier auf und fing sie in expressiven Bildern mit raffinierten Lichteffekten ein. (…) Er beschreibt eine ganz bestimmte historische und soziale Situation. Man erlebt die Stunde der Spekulanten, den Niedergang und das Versagen breiter Schichten des Bürgertums, die lethargische Verzweiflung der Arbeiter.» (Reclams Filmführer)

tendierende Architektur, in der sich ein neues, immens dynamisiertes Zeit-Raum-Erleben ereignet.» (Bernd Kiefer, in: Reclam Filmklassiker) 83 Jahre nach der Uraufführung feierte die restaurierte Fassung des Stummfilmklassikers bei der Berlinale 2010 ihre Premiere. Metropolis ist einer der wenigen Stummfilme, deren Originalpartitur als dem Film künstlerisch ebenbürtig gilt. Das Filmpodium zeigt ihn erstmals mit der Neueinspielung der Musik von Gottfried Huppertz. 144 Min / sw / DCP / Stummfilm mit Musik, dt. Zw’titel // REGIE UND SCHNITT Fritz Lang // DREHBUCH Thea von Harbou // KAMERA Karl Freund, Günther Rittau // MUSIK Gottfried Huppertz // MIT Brigitte Helm (Maria/Maschinenmensch), Alfred Abel (Joh Fredersen), Gustav Fröhlich (Freder Fredersen, sein Sohn), Rudolf Klein-Rogge (Rotwang, der Erfinder), Fritz Rasp (der Schmale), Theodor Loos (Josaphat), Erwin Biswanger (Nr. 11811), Heinrich George (Grot, Wärter der Herzmaschine), Olaf Storm (Jan), Hanns Leo Reich (Marinus), Heinrich Gotho (Zeremonienmeister).

151 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE ­Georg Wilhelm Pabst // DREHBUCH Willy Haas, nach dem Roman von Hugo Bettauer // KAMERA Guido Seeber, Curt Oertel (Lichtsetzung), Walter Robert Lach // SCHNITT Marc Sorkin, Georg Wilhelm Pabst // MIT Greta Garbo (Grete Rumfort), Jaro Fürth (Hofrat Josef Rumfort, ihr Vater), Asta Nielsen (Maria L ­ echner), Werner Krauss (Josef Geiringer), Loni Nest ­(Mariandl, Gretes Schwester), Karl Etlinger (Generaldirektor Rosenow), Ilka Grüning (Frau Rosenow), Agnes Esterhazy (Regina Rosenow). MO, 10. APRIL | 20.30 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH

METROPOLIS Deutschland 1927 In der Zukunftsstadt Metropolis, deren Glanz und Reichtum von unterirdisch lebenden Proletariermassen geschaffen wird, entfesselt ein dämonischer Wissenschaftler einen Sklavenaufstand, indem er einen weiblichen Maschinenmenschen als Agitatorin benutzt. «Metropolis ist ein Science-Fiction- und Monumentalfilm, der die Zukunft als Wiederkehr der Sklavenhalter-Gesellschaft auf dem höchsten Niveau der Technik darstellt: als Anti-Utopie. Dabei verbinden Lang und die Drehbuchautorin Harbou die Gegenwart der zwanziger Jahre (...) mit mythischen und religiösen Elementen. Die Hybris des Turmbaus zu Babel gewinnt in der Destruktivkraft inhumaner Technik apokalyptische Dimensionen. (...) In Metropolis inszeniert Lang Technik und Maschinenwelt als zur Abstraktion

DIE BÜCHSE DER PANDORA Deutschland 1928 «Frank Wedekinds Dramen vom Aufstieg und Untergang der Tänzerin Lulu, die den Männern, denen sie begegnet, den Tod bringt, bis sie schliesslich selbst das Opfer des geheimnisvollen Mörders Jack the Ripper wird, sind von Pabst in einem Film zusammengefasst worden. (...) Er hat seinen Film ganz auf zwei Wirkungsmöglichkeiten gestellt: auf expressive Grossaufnahmen und auf atmosphärische Bildimpressionen.» (Reclams Filmführer) «Die Grossaufnahmen bestimmen den Charakter dieses Films, die der Plastik des Ganzen gleichermassen Akzente aufsetzen. Die flimmernde oder phosphoreszierende Atmosphäre, die leuchtenden Nebel von London scheinen eine Art visueller Begleitmusik dieser Grossaufnahmen zu sein, deren Bedeutung sie intensivieren.» (Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand, 1952) 142 Min / sw / DCP / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Georg Wilhelm Pabst // DREHBUCH Ladislaus Vajda, nach den Theaterstücken «Erdgeist» und «Die Büchse der Pandora» von Frank Wedekind // KAMERA Günther Krampf // MIT Louise Brooks (Lulu), Fritz Kortner (Dr. Peter Schön), Gustav Diessl (Jack the Ripper), Franz Lederer (Alva Schön), Carl Goetz (Schigolch), Krafft-Raschig (Rodrigo Quast), Alice Roberts (Gräfin Geschwitz), Siegfried Arno (der Inspizient), Daisy d’Ora (Dr. Schöns Verlobte). DO, 20. APRIL | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: NEIL BRAND, LONDON


Das Kino der Weimarer Republik.

REFERAT VON MARLI FELDVOSS DAS WEIMARER KINO UND SEINE DO, 11. MAI | 18.15 UHR INTERPRETEN – KAES VERSUS KRACAUER. POSTTRAUMATISCH ODER PRÄFASCHISTISCH?

«Manchmal werden die Filme irrsinnig. Sie haben erschreckende Gesichter, sie schleudern Bilder hervor, die das wirkliche Antlitz der Gesellschaft zeigen», schreibt Siegfried Kracauer 1927 im Feuilleton der Frankfurter Zeitung. Zwanzig Jahre später erscheint seine Geschichte des Weimarer Kinos «Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films», in der er das Kino der Weimarer Republik zukunfts­­be­zogen, d. h. als einen der Wegbereiter des Dritten Reiches analysiert. Der in Berkeley lehrende Filmwissenschaftler Anton Kaes hat Kracauers Thesen erneut auf den Prüfstand gelegt und 2009 unter dem Titel «Shell Shock Cinema. Weimar Culture and the Wounds of War» eine Gegengeschichte vorgelegt. Kaes betrachtet das Kino vergangensheitsbezogen, d. h. im Hinblick auf Nachwirkungen des «Granatenschocks», der traumatischen Erfahrungen des 1. Weltkriegs. Im Vortrag der Frankfurter Publizistin, Filmkritikerin (NZZ, FAZ, Filmbulletin, Du u. a.) und Lehrbeauftragten für Film­geschichte Marli Feldvoss werden die beiden Positionen als Streitgespräch gegeneinander geführt und mit Filmbeispielen belegt. Als beider Schlüsselfilm steht Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) im Mittelpunkt, ­ergänzt durch Ausschnitte aus Fritz Langs Dr. Mabuse, der Spieler (1922), Friedrich ­Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922) und anderen. Der Vortrag beleuchtet auch den Werdegang ­Siegfried Kracauers, dessen Bedeutung als Filmtheoretiker und Kulturphilosoph erst in den letzten Jahren eine adäquate Wertschätzung erfahren hat. Dauer ca. 90 Minuten.

88 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Paul

FRÄULEIN ELSE

Czinner // DREHBUCH Paul Czinner, Béla Balázs, nach der

Deutschland 1929

Novelle von Arthur Schnitzler // KAMERA Karl Freund,

Else, die Tochter eines Wiener Rechtsanwalts, wird bei einem Ferienaufenthalt in St. Moritz von einer bösen Nachricht überrascht: Ihr Vater hat sich verspekuliert, ihm droht strafrechtliche Verfolgung. «Nur vier Jahre nach ihrem Erscheinen wurde die als ein innerer Monolog erzählte Novelle des österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler verfilmt. Die Geschichte kombiniert Börsenhysterie mit einem Melodrama: Ein Mädchen muss seinen Körper verkaufen, um das Vermögen des Vaters zu retten. Der Film wurde während der ersten Winterolympiade gedreht und enthüllt mit Präzision den Lebensstil des Jetsets der Weimarer Republik. Das Faszinierendste aber ist seine moderne Ästhetik: Mit langen Einstellungen, einer der ersten Kamerabewegungen und grossartigen Schauspielern scheint dieses Frauenporträt ein Film Antonionis vor Antonioni.» (Rüdiger Suchsland)

(Else Thalhof), Albert Bassermann (Dr. Alfred Thalhof),

­Robert Baberske, Adolf Schlasy // MIT Elisabeth Bergner ­Albert Steinrück (Herr von Dorsday, der Kunsthändler). DO, 4. MAI | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, OBERHAUSEN

MENSCHEN AM SONNTAG Deutschland 1930 «Eines der zauberhaftesten ‹Kollektivdebüts› der Filmgeschichte: Edgar G. Ulmer, Fred Zinnemann, Robert Siodmak und sein später als Szenarist hervortretender Bruder Curt führten zu unterschiedlichen Anteilen Regie, die Siodmak-Brüder zeichneten zusammen mit dem 23-jährigen Billy Wilder für das Drehbuch. Beschrieben wird die wunderbare Leichtigkeit eines Berliner Sonntags im Hochsommer, an dem zwei Freunde und zwei

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> Der blaue Engel.

> Fräulein Else.

> M – Eine Stadt sucht einen Mörder.

> Berlin-Alexanderplatz.

> Das Testament des Dr. Mabuse.

> Ein blonder Traum.


Das Kino der Weimarer Republik. Freundinnen, von Kopf bis Fuss auf Vergnügen eingestellt, zum Baden an den Wannsee fahren. Die Kamera beobachtet die Techtelmechtel (und vieles mehr) mit dokumentarischer Lust, die Stimmung ist bald ausgelassen, bald melancholisch. Die lebenslustigen Burschen, die das alles mit impressionistischer Leichtigkeit hintupften, setzten sich alle vor der braunen Flut nach Amerika ab und machten in Hollywood ausnahmslos Karriere.» (Andreas Furler, Programmheft Filmpodium, April/Mai 2007) 74 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Curt Siodmak, Fred Zinnemann // DREHBUCH Billy Wilder // KAMERA Eugen Schüfftan // SCHNITT Robert Siodmak // MIT Erwin Splettstösser (Taxifahrer), Brigitte Borchert (Schallplattenverkäuferin), Wolfgang von Waltershausen (Weinhändler), Christl Ehlers (Mannequin), Annie Schreyer (Annie, die Daheimgebliebene), Kurt Gerron, Valeska Gert, Ernö Verebes, Heinrich Gretler.

INS BLAUE HINEIN Deutschland 1931 «Der Film scheint ein kleiner Cousin des berühmten Menschen am Sonntag zu sein, bei dem Regisseur Eugen Schüfftan Kameramann war. Es ist nicht nur seine einzige Regiearbeit, es ist auch einer der ersten deutschen Tonfilme. Im Spätsommer 1929 gefilmt, ist er gleichzeitig eine Momentaufnahme von Deutschland, das sich zu diesem Zeitpunkt noch über den wirtschaftlichen Zusammenbruch lustig macht. Die Krise als Gelegenheit. Drei Kollegen unterschiedlicher sozialer Herkunft, die gezwungen sind, ihre Geschäfte zu schliessen, machen eine letzte Spritztour mit dem Auto. Sie nehmen ein Mädchen mit und entschliessen sich, gemeinsam ein neues Geschäft anzufangen. Eine ironische, menschliche Komödie gespickt mit Alltagsutopien.» (Rüdiger Suchsland)

MI, 19. APRIL | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: NEIL BRAND, LONDON

LOHNBUCHHALTER KREMKE Deutschland 1930

DER BLAUE ENGEL Deutschland 1930 «Professor Rath, ein älterer Schullehrer, verliebt sich in Lola Lola, Sängerin einer zwielichtigen Bar, heiratet sie und wird in steigendem Masse von ihr gedemütigt, bis er schliesslich als dummer August dem Hohn seiner ehemaligen Mitbürger ausgesetzt wird.» (Buchers Enzyklopädie des Films) «Heinrich Manns Abrechnung mit der verklemmten Spiessbürgergesellschaft des Kaiserreichs wurde auf den tragischen Abstieg eines ­alternden Mannes reduziert, der den Reizen ungehemmter Erotik erliegt. Diese veränderte Konstellation setzte Sternberg indes kongenial um; der Film erreicht eine perfekte Synthese aus Dekor, Licht, Ton, Musik und Darstellung.» (Thomas Kramer, in: Lexikon des deutschen Films)
 Mit diesem Film avancierte Marlene Dietrich über Nacht zum Star.

Durch die Arbeitslosigkeit stürzt der Lohnbuchhalter Kremke vom Thron seiner prahlerischen Selbstgewissheit in eine Depression. «Dieser Film ist der unbekannteste Schatz des Weimarer Kinos: Marie Harder war die einzige Frau, die vor 1933 (und vor der Naziheldin Leni Riefenstahl) die Rolle der Regisseurin einnahm. Sie war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und arbeitete in der Filmerziehung. Dies ist ihr einziger Film als Regisseurin: Sie starb im mexikanischen Exil, während der Recherchearbeit für ein neues Projekt. (...) Lohnbuchhalter Kremke steht den berühmten Filmen des proletarischen Films der Epoche wie Kuhle Wampe von Bertolt Brecht oder Mutter Krauses Fahrt ins Glück in nichts nach, weder in der Darstellung der unteren Schichten, des Stadtlebens noch der Arbeitsbedingungen. Aber sein Stil ist unter dem Einfluss Ruttmanns wesentlich moderner.» (Rüdiger Suchsland) Ins Blaue hinein

108 Min / sw / DCP / D // REGIE Josef von Sternberg // DREH-

35 Min / sw / Digital HD / D // REGIE Eugen Schüfftan // DREH-

BUCH Robert Liebmann, Josef von Sternberg, Karl Vollmoel-

BUCH Herbert Rona // KAMERA László Schäffer // MIT Toni

ler, Carl Zuckmayer, nach dem Roman «Professor Unrat»

van Eyck, Carl Balhaus, Aribert Mog, Theo Lingen, Wolfgang

von Heinrich Mann // KAMERA Günther Rittau, Hans Schnee-

Staudte, Franz Stein, Alice Iversen, Hélène Robert.

berger // MUSIK Friedrich Hollaender // SCHNITT Sam Winston // MIT Emil Jannings (Prof. Immanuel Rath), Marlene

Lohnbuchhalter Kremke

Dietrich (Lola Lola), Kurt Gerron (Kiepert), Rosa Valetti

56 Min / sw / 35 mm / D // REGIE Marie Harder // DREHBUCH

(Guste Kiepert), Hans Albers (Mazeppa), Eduard von Winter-

Herbert Rosenfeld // KAMERA Franz Koch, Robert Baberske

stein (der Schuldirektor), Reinhold Bernt (der Clown).

// MIT Hermann Vallentin (Lohnbuchhalter Kremke), Anna Sten (Kremkes Tochter), Ivan Koval-Samborskij (junger Arbeiter), Inge Landgut, Wolfgang Zilzer, Else Heller.

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Das Kino der Weimarer Republik. 75 Min / sw / 35 mm / D // REGIE Gerhard Lamprecht // DREH-

BERLIN – ALEXANDERPLATZ

BUCH Billy Wilder, nach dem Roman von Erich Kästner // KA-

Deutschland 1931

MERA Werner Brandes // MUSIK Allan Gray // MIT Rolf

«1929 erschien der Roman ‹Berlin Alexanderplatz›. Sein Verfasser, Alfred Döblin, war Arzt im Berliner Osten. So kannte er durch unmittelbare Anschauung aus den Arbeitervierteln die Begleitumstände der sich am Ende der 20er-Jahre in der Weimarer Republik immer deutlicher abzeichnenden Krisenerscheinungen, mit Arbeitslosigkeit, zunehmender Verelendung usw., die in seinem Buch ihren Niederschlag fanden. Döblins Roman war ein Bestseller in jenen Jahren. Die Filmproduktion griff schnell darauf zurück. Der Verfasser arbeitete selbst am Drehbuch mit.» (Rudolf Freund)
 «Alfred Döblins komplexes Grossstadt-Puzzle wurde für seine Verfilmung auf die exemplarische Geschichte des verzweifelt ums Überleben kämpfenden Ex-Sträflings Biberkopf reduziert. Die berührende Verkörperung der Hauptfigur durch George, Jutzis inspirierte Bild- und Geräuschmontagen sowie die atmosphärische Dichte, die sich aus der genau beobachteten Hinterhofszenerie ergibt, sind die Stärken des Films.» (Thomas Kramer, in: Lexikon des deutschen Films, Stuttgart 1995)

(Max Grundeis), Inge Landgut (Pony Hütchen), Rudolf Bieb-

88 Min / sw / DCP / D // REGIE Phil Jutzi // DREHBUCH Alfred Döblin, Hans Wilhelm, Karlheinz Martin, nach dem Roman von Alfred Döblin // KAMERA Nikolaus Farkas // MUSIK Allan Gray, Artur Guttmann // SCHNITT Géza Pollatschik // MIT Heinrich George (Franz Biberkopf), Maria Bard (Cilly), Bernhard Minetti (Reinhold), Margarete Schlegel (Mieze), Gerhard Bienert (Klempner-Karl), Albert Florath (Pums), Paul Westermeier (Wirt Henschke), Oskar Höcker, Hans Deppe, Käthe Haack, Julius Falkenstein, Heinrich Gretler.

EMIL UND DIE DETEKTIVE Deutschland 1931 «Als Emil Tischbein aus Neustadt an der Dosse mit dem Zug in Berlin eintrifft, ist all sein Geld weg, und auch seine Erinnerung weist Lücken auf. Es kann nur der dubiose Herr im Abteil gewesen sein, der sich als Max Grundeis vorgestellt hatte. Wie gut, dass Emil diesen Fall nicht allein lösen muss, dass er Gustav mit der Hupe und jede Menge clevere Berliner Jungs trifft. Und auch seine Cousine Pony Hütchen spielt eine wichtige Rolle in diesem Grossstadtabenteuer. Die Uraufführung des Films nach dem berühmten Kinderbuch von Erich Kästner fand am 2. Dezember 1931 in Berlin statt, ein Riesenerfolg damals – heute ein Klassiker der Filmgeschichte und ein Zeitdokument aus dem Berlin der 20er-Jahre.» (Programmheft Filmpodium, April/Mai 2005)

Wenkhaus (Emil), Käthe Haack (Emils Mutter), Fritz Rasp rach (Wachtmeister Jeschke), Hans Joachim Schaufuss (Gustav mit der Hupe), Olga Engl (Grossmama), Hubert Schmitz (Professor), Hans Richter (Fliegender Hirsch).

M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER Deutschland 1931 Ein Kindermörder beunruhigt die Bevölkerung, narrt die Polizei und versetzt auch die Unterwelt in Aufregung – denn die ständigen Razzien und Kontrollen halten die Kriminellen von ihrer Arbeit ab.
 «M beruht zum Teil auf einer damals gerade aktuellen Serie von Massen- und Kindermorden, benutzt das grausame Thema jedoch weniger zur Spannungsmache als zu einer bitter ironischen Darstellung sozialer Verhältnisse. (...) Den Ton setzte Lang bei seinem ersten Versuch in diesem Medium mit grösserer Virtuosität ein als die meisten nach ihm: Musik und Stimmen bilden einen Teil der suggestiven Kraft des Films.» (Buchers Enzyklopädie des Films) «M enthüllt durch einen doppelten Kunstgriff den Zusammenhang zwischen kollektiver Verblendung und organisiertem Terror: Die Ring­ vereine treten als ‹Organe des gesunden Volksempfindens› auf, wenn sie den Kindermörder jagen; nie gerieren sie sich so sehr als Bürger wie in dem Moment, da sie in einem parodistischen Strafverfahren den Tod des Unzurechnungsfähigen fordern. Wenn mehrfach Polizei und Verbrechertrust bei ähnlichen Handlungen abwechselnd vorgeführt werden, so wird damit deren Identität in der politischen Wirklichkeit der folgenden Jahre vorweggenommen.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films) 110 Min / sw / DCP / D // REGIE Fritz Lang // DREHBUCH Thea von Harbou, Fritz Lang // KAMERA Fritz Arno Wagner // SCHNITT Paul Falkenberg // MIT Peter Lorre (Hans Beckert), Gustaf Gründgens (Schränker), Inge Landgut (Elsie), Ellen Widmann (Frau Beckmann), Paul Kemp (Taschendieb), Friedrich Gnass (Einbrecher), Fritz Odemar (Falschspieler), Theo Lingen (Bauernfänger), Otto Wernicke (Kommissar Lohmann), Theodor Loos (Kommissar Groeber).

EIN BLONDER TRAUM Deutschland 1932 Die beiden jungen Fensterputzer Willy I und Willy II sind die besten Freunde – wenn sie sich nicht gerade um eine hübsche Frau streiten. So zum


Das Kino der Weimarer Republik. Beispiel um die blonde Zirkusartistin Jou-Jou, die von einer Karriere in Hollywood träumt und einem vermeintlichen Vermittler auf den Leim gegangen ist. Die zwei Willys nehmen das arme Ding unter ihre Fittiche – was nicht lange gut geht, denn sowohl Willy I als auch Willy II haben ein Auge auf Jou-Jou geworfen. «Ein blonder Traum ist neuartiges Unterhaltungskino, von der Ufa in drei verschiedenen Sprachfassungen für das europäische Publikum produziert; ein Riesenerfolg gedreht mit internationalen Stars der Epoche. Und auch ein Beispiel für die ersten Tonfilm-Musicals; Filme, die bald von den Nazis verboten wurden wegen ihres ‹jüdischen› Geistes, wegen ihrer Skepsis und Ironie, mit der sie Träume und Wünsche der kleinen Leute manipulieren. Ein blonder Traum ist auch eine Reflexion über das Kino als ‹Traumfabrik.» (Rüdiger Suchsland) 95 Min / sw / 35 mm / D // REGIE Paul Martin // DREHBUCH Billy Wilder, Walter Reisch // KAMERA Günther Rittau, Otto Baecker, Konstantin Tschet // MUSIK Werner Richard ­Heymann // SCHNITT Willy Zeyn jun. // MIT Lilian Harvey (Jou-Jou), Willy Fritsch (Willy I), Willi Forst (Willy II), Paul Hörbiger (Landstreicher «Vogelscheuche»), Trude Hesterberg (Zeitungshändlerin «Illustrierte Ilse»), C. Hooper Trask (Charles J. Merryman, amerikanischer Manager), Hans Deppe (Merrymans Sekretär), Wolfgang Heinz (Portier).

DAS TESTAMENT DES DR. MABUSE Deutschland 1933 «Dr. Mabuse ist seit jeher von der Idee besessen, die Menschheit zu vernichten. Obwohl er als Patient in einer psychiatrischen Anstalt scheinbar sicher verwahrt ist, bleibt seine diabolische Kraft ungebrochen: Manisch schreibt er ein Handbuch für Verbrechen, manipuliert die Menschen in seiner Umgebung und sorgt selbst über seinen Tod hinaus für Angst und Chaos. Elf Jahre nach Dr. Mabuse, der Spieler griff Fritz Lang in seiner letzten deutschen Produktion nochmals auf die Gestalt des genialen Verbrechers zurück: Das Testament des Dr. Mabuse, kurze Zeit vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten gedreht, gilt nicht nur als Vorläufer des modernen Thrillers, sondern auch als geradezu prophetischer Kommentar über den Wahnsinn, der in den kommenden Jahren Deutschland beherrschen sollte. Propagandaminister Goebbels waren die offensichtlichen Andeutungen zu viel. Er soll persönlich für das Verbot des Films gesorgt haben, noch vor dessen Uraufführung. Umgehend soll Lang daraufhin seine Koffer gepackt haben, um zu emigrieren. Das Testament des Dr. Mabuse wurde in Wien, Paris und Buda-

pest gezeigt, in Deutschland kam das Werk aber erst 1951 in die Kinos.» (Tanja Hanhart, Programmheft Filmpodium, Februar/März 2013) 122 Min / sw / Digital HD / D // REGIE Fritz Lang // DREHBUCH Fritz Lang, Thea von Harbou // KAMERA Fritz Arno Wagner // MUSIK Hans Erdmann // SCHNITT Conrad von Molo // MIT Rudolf Klein-Rogge (Dr. Mabuse), Otto Wernicke (Kommissar Karl Lohmann), Oscar Beregi (Prof. Dr. Baum), Gustav Diessl (Thomas Kent), Wera Liessem (Lilli), Karl Meixner (Hofmeister), A. E. Licho (Dr. Hauser), Theo Lingen (Karetzky), Klaus Pohl (Müller), Theodor Loos (Dr. Kramm), Camilla Spira (Juwelen-Anna), Rudolph Schündler (Hardy).

VON CALIGARI ZU HITLER Deutschland 2014 «Jugend, Freiheit, Ironie, Neugier: Die Weimarer Republik war Moderne in ihrer reinsten, besten Form, und sie war die grosse Zeit des deutschen Kinos. (...) Ich wollte mich mit dem Publikum auf eine ebenso spannende wie abenteuerliche Suche nach dieser verlorenen Zeit begeben (...). Siegfried Kracauer, auch wie manch einer der Filmemacher ein vergessenes Genie der Kulturkritik, ist der perfekte Reisebegleiter für diese Epoche, die ebenso faszinierend ist wie widersprüchlich.» (Rüdiger Suchsland) «Es ist ein Kino, das man heute eher vom Hörensagen als von eigener Anschauung her kennt, es ist ein Kino, das jeder unbedingt wiederentdecken sollte – es ist das Kino, das Suchsland mit Lust und Leidenschaft porträtiert, in das er hineintaucht, mit langem Atem, um Bekanntes neu zu beleuchten und Unbekanntes aufzustöbern. (...) Immer wieder findet Suchsland (…) prägnante Bilder, in die sich das Wesen der Filme hochkonzentriert hineindestilliert hat. Immer wieder kommt er von den bekannten Filmtiteln auf die vergessenen Regisseure zu sprechen, immer wieder findet er genau die passende Formulierung, um einen Film, eine Person, ein Phänomen dieser Zeit prägnant zu charakterisieren.(...) Suchsland gelingt es, aus den disparaten Filmen einer dissoziierten Epoche eine geschlossene Dokumentarerzählung zu formen, die in die Tiefe geht und doch leicht verständlich ist, die kein Wissen voraussetzt und doch auch den Cineasten nicht mit blossen redundanten Banalitäten abspeist.» (Harald Mühlbeyer, www.kino-zeit.de) 118 Min / Farbe + sw / DCP / D // REGIE Rüdiger Suchsland // DREHBUCH Rüdiger Suchsland, nach dem Buch von Siegfried Kracauer // KAMERA Frank Reimann, Harald Schmuck // MUSIK Henrik Albrecht, Michael Hartmann // SCHNITT Katja Dringenberg // MIT Volker Schlöndorff, Fatih Akin, Thomas Elsaesser, Eric D. Weitz, Elisabeth Bronfen.

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28 Das erste Jahrhundert des Films

1947 Bereits 1946 konstatierte Wolfgang Staudte: Die Mörder sind unter uns. Sprach jener erste Trümmerfilm noch direkt die Kriegsverbrechen an, spiegelt sich ein Jahr später die jüngere Vergangenheit verstärkt in Kriminalhandlungen aus Mord und Betrug. So lotet Orson Welles’ The Lady from Shanghai die Abgründe menschlichen Seins zwischen Lust, Habgier und Verrat aus, bis am Ende im Spiegelkabinett die Fassaden der Hauptfiguren sprichwörtlich zerbrechen. Nicht allein in den USA machen sich die Erinnerungen an die Schrecken des Krieges und seine Folgen in den Schattenwelten des Film noir breit: Carol Reeds Odd Man Out und Henri-Georges Clouzots Quai des Orfèvres spielen in den Strassen von Belfast und Paris und zeichnen sich nebst der expressiven Schwarzweissfotografie durch einen Nachkriegsrealismus aus, wie ihn Paul Schrader als charakteristisch für den Film noir jener Zeit ansieht. Auch in der Schweiz greift das Verbrechen um sich: Nach seinem international erfolgreichen Flüchtlingsdrama Die letzte Chance wagt sich Leopold Lindtberg mit Matto regiert an einen Kriminalfilm und lässt im Stil der amerikanischen Vorbilder Glausers Wachtmeister Studer im Reich der Geisteskranken ermitteln. In der Rolle des Monsieur Verdoux wird selbst Charles Chaplin zum Mörder und verabschiedet sich damit endgültig von der Figur des Tramps. Da sie die Starre und Unsicherheit der damaligen Zeit aufnahmen, wurden die Filme von Welles, Chaplin und Lindtberg vom Publikum abgelehnt – ganz im Gegensatz zu Michael Powells und Emeric Pressburgers Black Narcissus, der jedoch bei allem artifiziellen Technicolor-Prunk nicht weniger tief in die zerrissenen Herzen seiner weiss gewandeten Nonnen blickt. Marius Kuhn Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2017 sind Filme von 1917, 1927, 1937 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1947 Brighton Rock John Boulting, GB Brute Force Jules Dassin, USA Caccia tragica Giuseppe De Santis, I Dark Passage Delmer Daves, USA Die Liebe der Schauspielerin Sumako (Joyu Sumako no koi) Kenji Mizoguchi, J Die Perle (La perla) Emilio Fernández, Mexiko/USA Erzählungen eines Nachbarn (Nagaya shinshiroku) Yasujiro Ozu, J

In jenen Tagen Helmut Käutner, BRD Lady in the Lake Robert Montgomery, USA Le diable au corps Claude Autant-Lara, F Le silence est d’or René Clair, F Miracle on 34th Street George Seaton, USA Out of the Past Jacques Tourneur, USA The Ghost and Mrs. Muir Joseph L. Mankiewicz, USA Vivere in pace Luigi Zampa, I Zwischen gestern und morgen Harald Braun, BRD


Das erste Jahrhundert des Films: 1947.

THE LADY FROM SHANGHAI USA 1947 Aus der Not, um dringend benötigtes Geld für seine Broadwayproduktion «Around the World in 80 Days» zu erhalten, nannte Orson Welles dem Produzenten Harry Cohn am Telefon den Namen seines nächsten Projektes: If I Die Before I Wake. Das war der Titel auf einem Buchumschlag, den er gerade in der Telefonzelle erblickt hatte. So schilderte Welles seinem Regiekollegen Peter Bogdanovich die Geburt seines fünften Films, der später The Lady from Shanghai heissen sollte. Erzählt wird die Geschichte eines Matrosen, der einer ebenso schönen wie reichen Frau verfällt und von ihr in einen Mordfall verwickelt wird, aus dem es für ihn scheinbar kein Entkommen gibt. Vom Studio drastisch umgeschnitten, war der Film zu seiner Entstehungszeit beim Publikum ein Misserfolg, nicht zuletzt aufgrund des radikalen Imagewechsels von Rita Hayworth, die hier die Femme fatale mit kurzen, platinblonden Haaren spielt. «Mit The Lady from Shanghai kehrte Welles den technischen Experimenten und Neuerungen von Kane und Ambersons den Rücken. Betrachtet man lediglich Schnitt und Kamera, so ist dieser Film relativ konventionell, doch das, was hinter den

Bildern steckt, ist es ganz und gar nicht. Man könnte sogar sagen, dass The Lady from Shanghai auf paradoxe Weise im Verhältnis zur Belanglosigkeit des Drehbuches der gehaltvollste Film von Welles ist: Die äussere Geschichte steht nicht länger der inneren Handlung im Wege, sodass sich deren Themen sozusagen in reinster Form entfalten können. Dabei handelt es sich um zutiefst moralische Themen, die die wesentlichen Obsessionen der Welles’schen Ethik und insbesondere ein damals aktuelles Gespür für Freiheit, zwischen Gut und Böse zu entscheiden, darlegen; das Gefühl auch, dass diese wider alle Umstände freie Entscheidung nicht ausschliesslich vom menschlichen Willen abhängt, sondern von einer modernen Form von Schicksal vorgezeichnet ist.» (André Bazin, Orson Welles, 1958) Digital restaurierte Fassung. 87 Min / sw / DCP / E/f // REGIE Orson Welles // DREHBUCH Orson Welles, frei nach einem Roman von Raymond Sherwood King // KAMERA Charles Lawton jr // MUSIK Heinz ­Roemheld // SCHNITT Viola Lawrence // MIT Orson Welles (Michael O’Hara), Rita Hayworth (Elsa Bannister), Everett Sloane (Arthur Bannister), Glenn Anders (George Grisby), Ted de Corsia (Sidney Broome), Gus Schilling (Goldie), Erskine Sanford (Richter), Carl Frank (Staatsanwalt), Louis Merrill (Jake), Evelyn Ellis (Bessie), Harry Shannon (Taxifahrer), Wong Show Chong (Li).

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Das erste Jahrhundert des Films: 1947.

BLACK NARCISSUS GB 1947 Fünf anglikanische Ordensschwestern sollen in einer Bergfeste am Rande des Himalaya eine Missionsschule aufbauen und ein Spital einrichten. Die raue Umgebung, Schwierigkeiten mit den Einheimischen und die Liebe einer der Schwestern zu einem Engländer führen zu wachsenden Spannungen. «Ein Film fiebriger, exotischer Kontraste und nur mühsam unterdrückter Spannungen. Sich entzündend am Weiss der Nonnenkleidung explodieren die goldbraunen Farben Indiens wie überreife Früchte. Unter dem Harnisch der Ordensregel pochen Lebenslust, Eifersucht, Rebellion und verleugnete Begierde. (…) Indien, gebaut zur Gänze im Studio, Leidenschaft als Farbwert in Technicolor und die Qual des Herzens als vertikales Ornament. Black Narcissus ist ein tollkühnes, also auf den opulentesten Nenner an der Grenze des Komischen gebrachtes Melodram – ‹bigger than life› in jeder Phase seines Bauplans, seiner Gesten und Bilder, seiner Leidenschaftlichkeit, seiner vollkommenen Künstlichkeit.» (Österreichisches Filmmuseum, November 1987)

«Dieser Film von Michael Powell ist ganz klar Theater, was hervorgehoben wird durch die schaurig-schön melodramatische Anlage der Geschichte und den Schauspielstil, die Studiodekors mit ihren wunderschönen Kulissen und lebhaften Farben und die äusserst bewusst gestalteten Figuren und Geschehnisse. ‹Hier liegt etwas in der Luft, das alles übertrieben wirken lässt›, sagt Mr. Dean, die charmante lokale Nemesis der Nonnen. Dem ist in der Tat so, Mr. Dean, und welch ein herrlich gefertigtes, elementares und unterhaltsames Theater dieser Film von Powell und Pressburger auch nach sechzig Jahren noch ist!» (David Curtis, timeout.com, 2.8.2005) Für weitere Filme zu kulturellen Begegnungen zwischen Asien und Europa siehe unsere Hauptreihe «Grenzgänger – Grenzenlos». 100 Min / Farbe / 35 mm / E/d/f // REGIE Michael Powell, Emeric Pressburger // DREHBUCH Michael Powell, Emeric Pressburger, nach dem Roman von Rumer Godden // KAMERA Jack Cardiff // MUSIK Brian Easdale // SCHNITT Reginald Mills // MIT Deborah Kerr (Schwester Clodagh), Flora Robson (Schwester Philippa), Jean Simmons (Kanchi), Jenny Laird (Schwester Honey), Judith Furse (Schwester Briony), Kathleen Byron (Schwester Ruth), David Farrar (Mr. Dean), Sabu (der junge General), Esmond Knight (der alte General).


Das erste Jahrhundert des Films: 1947.

QUAI DES ORFÈVRES Frankreich 1947 Ein Kriminalinspektor soll einen Mord aufklären, für den man einen jungen Pianisten in Haft genommen hat. Er merkt bald, dass der Tatverdächtige alles daran setzt, seine junge Frau zu entlasten: eine Sängerin, die um jeden Preis Karriere machen will. «Wegen Clouzots Ruf als Frankreichs Hitchcock aufgrund von Le salaire de la peur und Les diaboliques ist dieser gehaltvollere und eigenwilligere Thriller ein Stück weit in Vergessenheit geraten. (...) Die Krimihandlung ist hier nur der Vorwand für ein atmosphärisches Porträt des Nachkriegs-Paris: kleine Altstadtgassen, verrauchte Varietés, ein Zirkus, schmuddelige Wohnungen und deprimierende Polizeiwachen voller redseliger Gestalten. Clouzot arbeitete hier erst-

mals mit Armand Thirard, der sein bevorzugter Kameramann werden sollte; seine visuelle Handschrift, reich an Schatten und Hell-Dunkel-Kontrasten, entwickelt einen expressionistischen Sog. (…) Clouzot mag der grösste Zyniker des franzö­ sischen Kinos gewesen sein, doch hier zeichnet er Jouvet als Polizisten mit seltener Wärme.» ­(Elliott Stein, The Village Voice, 22.10.2002) 105 Min / sw / 35 mm / F/e // REGIE Henri-Georges Clouzot // DREHBUCH Henri-Georges Clouzot, Jean Ferry, nach dem Roman «Légitime Défense» von Stanislas-André Steeman // KAMERA Armand Thirard // MUSIK Francis López, Albert Lasry // SCHNITT Charles Bretoneiche // MIT Louis Jouvet (Inspektor Antoine), Bernard Blier (Maurice Martineau), Suzy Delair (Jenny Lamour), Pierre Larquey (Émile, Taxichauffeur), Simone Renant (Dora Monier), Raymond Bussières (Albert).

Vor einzelnen Filmen der Jahre 1947, 1957 und 1967 werden wie bereits in den vergangenen Jahren Beiträge der Schweizer Filmwochenschau aus dem jeweiligen Jahr gezeigt (Daten s. Programmübersicht). Die Auswahl besorgt Severin Rüegg, der am 17. Mai auch ein Referat zum Thema halten wird. Mit freundlicher Unterstützung von Lumière, Förderverein Filmpodium.

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Das erste Jahrhundert des Films: 1947.

MATTO REGIERT

ODD MAN OUT

Schweiz 1947

GB 1947

Wachtmeister Studer, ein behäbiger Kriminalbeamter, löst einen Mordfall in der psychiatrischen Klinik Randlingen, in der ein fortschrittlicher Arzt veraltete Pflege- und Heilmethoden des tot aufgefundenen Direktors bekämpft. Matto regiert ist «ein interessanter Film, in dem Lindtberg ein erzählerisches Können an den Tag legt, das man bei ihm kaum kannte. Die Bilder fügen sich natürlich aneinander, mit einer grossen Vielfalt von Blickwinkeln und Kamerabewegungen; die Positionswechsel gehorchen einer ausgeklügelten Raumgeometrie. (…) Visuell reiht sich der Film in die zeitgenössische Strömung des Film noir ein, mit seiner Vorliebe für Schatten, nächtliche Auseinandersetzungen, symbolträchtige Bildausschnitte (…), ohne aber je in rein dekorative Stilisierung abzugleiten. Lindtberg schafft eine Art ‹Kammerfilm› (…). Die psychologische Dichte obsiegt über Spannung und Handlung.» (Hervé Dumont: Geschichte des Schweizer Films, 1987)

Ein Auftragskiller der IRA bricht aus dem Gefängnis aus und wird bei einem Überfall schwer verwundet. Unerbittlich gejagt von der Polizei, versucht er ein Schiff im Hafen von Belfast zu erreichen. Odd Man Out bewies, «dass das englische Kino die Tradition des französischen ‹poetischen Realismus› (…) und die sozialdokumentarischen Impulse des italienischen Neorealismus aufgenommen hatte. Carol Reed wurde ein europäischer Regisseur ersten Ranges, noch bevor ihn zwei Jahre später The Third Man berühmt machte. In beiden Filmen führte Robert Krasker die Kamera. Seine ebenso präzise wie einfallsreiche Schwarzweissfotografie verhilft Odd Man Out zu stilistischer Eindringlichkeit. Das nächtlich regenglän­ zende Pflaster, die harten Schlagschatten der Menschen und Fahrzeuge auf den Backsteinen, die Mauerschluchten ohne Licht geben Belfast das Gesicht einer fast ausweglosen Finsternis. Die Figuren erscheinen in der todgeweihten Welt des fiebernden Gejagten wie gefangen in hoffnungsloser Ermattung und greller Lebensgier.» (Wolfgang Tietze, Reclam Filmklassiker)

113 Min / sw / DCP / Dialekt // REGIE Leopold Lindtberg // DREHBUCH Alfred Neumann, Leopold Lindtberg, nach dem Roman von Friedrich Glauser // KAMERA Emil Berna // MUSIK Robert Blum // SCHNITT Hermann Haller // MIT Heinrich

111 Min / sw / DCP / E/f // REGIE Carol Reed // DREHBUCH

Gretler (Wachtmeister Jakob Studer), Heinz Woester (Dr.

F. L. Green, R. C. Sherriff, nach dem Roman von F. L. Green

med. Ernst Laduner), Elisabeth Müller (Irma Wasem, Kran-

// KAMERA Robert Krasker // MUSIK William Alwyn //

kenschwester), Olaf Kübler (Herbert Caplaun), Irene Naef

SCHNITT Fergus McDonnell // MIT James Mason (Johnny

(Margrit Laduner), Johannes Steiner (Dr. med. Ulrich Borstli),

McQueen), Robert Newton (Lukey), Kathleen Ryan (Kathleen

Adolf Manz (Georg Caplaun), Zarli Carigiet (Patient), Hans

Sullivan), Robert Beatty (Dennis), Elwyn Brook-Jones (To-

Kaes (Portier Dreyer), Mathilde Danegger (Dr. med. Spühler),

ber), Cyril Cusack (Pat), F. J. McCormick (Shell), William

Hans Gaugler (Leibundgut), Emil Hegetschweiler (Pfleger).

Hartnell (Fencie), Fay Compton (Rosie), Denis O’Dea (Inspektor), Beryl Measor (Maudie), W. G. Fay (Father Tom).


Das erste Jahrhundert des Films: 1947.

MONSIEUR VERDOUX USA 1947 Als Folge der Weltwirtschaftskrise wird der Pariser Bankangestellte Henri Verdoux entlassen. Um sich und seine Familie versorgen zu können, betätigt er sich als Heiratsschwindler und bringt seine neugewonnenen Ehefrauen um. Eine schwarze Komödie mit einem für Chaplin ungewöhnlich aggressiven, sarkastischen Ton. Beim Publikum und vielen Kritikern durchgefallen, läutete der Film Chaplins Spätwerk ein. «Ich glaube nicht, dass die Kritiker, die Chaplin wegen seines jüngsten Films angegriffen haben, dies aus persönlichen oder politischen Motiven getan haben. (…) Ich glaube, es war mehr ein panisches Erschrecken angesichts eines tiefgreifenden Wandels, eines ganz besonders grossen Schritts nach vorn in einer künstlerischen Entwicklung. (…) Vorher konnten wir uns einbilden, dass sich ‹Charlies› Abenteuer in einer ausschliesslichen Filmwelt abspielen, dass sie so etwas wie ein Märchen seien. Monsieur Verdoux jedoch lässt keine Unklarheit mehr zu. Es geht durchaus um unsere Zeit, und die auf der Leinwand dargestellten Probleme sind durchaus die unsren. Indem er so eine Formel verlassen hat, die ihm jede erdenkliche Sicherheit bot, indem er entschlossen Kritik an der Gesellschaft übt, in der

er selber lebt – ein besonders gefährliches Unternehmen –, erhebt Chaplin unser Metier in den Rang der grossen klassischen Ausdrucksformen des menschlichen Geistes und bestärkt uns in der Hoffnung, es mehr und mehr als eine Kunst betrachten zu dürfen. (…) Monsieur Verdoux wird in der Geschichte eines Tages unter den künstlerischen Schöpfungen erscheinen, die sich um unsere Kultur verdient gemacht haben. (…) Die Filme hingegen, an die so viel Geld, so viel Technik und so viel Reklame gewendet worden ist und die Chaplins Verächter entzücken, werden sich weiss Gott wo – nehmen wir an, in der Vergessenheit – zu den pompösen Stahlstühlen gesellen, die serienweise aus den prächtigen, nickelglänzenden Fabriken hervorgegangen sind.» (Jean Renoir, L’Écran Français, 15.7.1947) 124 Min / sw / 35 mm / E/d/f // REGIE UND MUSIK Charles Chaplin // DREHBUCH Charles Chaplin, nach einer Idee von Orson ­Welles // KAMERA Roland H. Totheroh, Curt Courant // SCHNITT Willard Nico // MIT Charles Chaplin (Henri Verdoux), Isobel Elsom (Marie Grosnay), Mady Correll (Madame Verdoux), Robert Lewis (Monsieur Bottello), Martha Raye ­ ­(Annabella Bonheur), Irving Bacon (Pierre Couvais), William Frawley (Jean La Salle), Almira ­Sessions (Lena Couvais), Eula Morgan (Phoebe Couvais), M ­ argaret Hoffman (Lydia Floray).

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Rob Epstein & Jeffrey Friedman Im Rahmen seiner diesjährigen Ausgabe verleiht das schwullesbische Filmfestival Pink Apple seinen Festival Award dem Filmemacher­ gespann Rob Epstein und Jeffrey Friedman. Das Filmpodium widmet den beiden wegweisenden Cineasten und Oscar-Preisträgern eine ­kleine Retrospektive mit fünf ihrer wichtigsten Filme, als Auftakt zur Preisverleihung am 29. April.

THE TIMES OF HARVEY MILK USA 1984

COMMON THREADS: STORIES FROM THE QUILT USA 1990

«‹Harveys Bedeutung ging über seine Person hinaus›, bemerkt jemand in The Times of Harvey Milk, und dieser warmherzige, gut gemachte Dokumentarfilm macht dies mehr als deutlich. Die Persönlichkeit des ermordeten Stadtrats von San Francisco, der 1978 zusammen mit dem Bürgermeister George Moscone vom verärgerten ExStadtrat Dan White erschossen wurde, kommt sehr stark durch, aber Persönlichkeit ist nicht das Hauptanliegen des Films. Robert Epstein (...) zeigt auch auf, in welcher Hinsicht Harvey Milk ein Symbol für einen Teil der Gesellschaft war und Dan White für einen andern. Und er rekonstruiert den Konflikt, der zwischen den beiden entstand.» (Janet Maslin, The New York Times, 7.10.1984) «Da Milks eigene Präsenz sich auf ein paar Interviews und Nachrichtenberichte beschränkt, könnte man meinen, Epstein hätte Mühe, einen Anknüpfungspunkt für unbeteiligte Zuschauer zu finden. Zu seinem und unserem Glück ist der Autor, Regisseur und Produzent auf Jim Elliot gestossen, einen Gewerkschaftsführer alter Schule, der Milk und Homosexuelle zunächst hasste und allmählich zu einem der grössten Bewunderer des Stadtrats wurde.» (Richard Luck, film4.com)

«Seit 1985 beruht die Arbeit des Names Project auf dem Zusammensetzen einer mittlerweile riesigen Gedenk-Patchworkdecke aus individuell hergestellten viereckigen Flicken, deren jeder an einen Aids-Tod erinnert. In diesem oscargekrönten Dokumentarfilm, der das Niveau von Epsteins vorherigem Film The Times of Harvey Milk hält, haben er und sein Koregisseur Friedman aus der grössten erdenklichen Bandbreite sechs Menschen ausgewählt, die Verluste erlitten haben: die Ehefrauen eines Olympia-Sportlers und eines Drogensüchtigen, die Eltern eines Hämophiliekranken Jungen, der mit zwölf Jahren starb, und einen Marinekommandanten und einen Schriftsteller, die beide ihre Liebhaber verloren haben und selbst an Aids leiden. Durch ihre bewegenden Aussagen, ergänzt mit Fotos und privaten Videoaufnahmen, erhalten fünf der Namen auf den Flicken ein Gesicht. Dies ist ein sanfter, sensibler Film, und der grimmige Zorn, den seine Macher empfinden, zeigt sich nur in der Verwendung von Statistiken und Medienschnipseln, die sich zu einer vernichtenden Anklage der gesellschaftlichen und politischen Reaktionen auf die AidsKrise verdichten.» (Wally Hammond, Time Out Film Guide)

Oscar 1985 für den besten Dokumentarfilm Oscar 1990 für den besten Dokumentarfilm 87 Min / Farbe + sw / DCP / E/d // REGIE Robert Epstein, ­Richard Kurt Schmiechen // DREHBUCH Robert Epstein, Ju-

79 Min / Farbe / DCP / E/d // REGIE UND SCHNITT Rob Epstein,

dith Coburn, Carter Wilson // KAMERA Frances Reid // MUSIK

Jeffrey Friedman // DREHBUCH Rob Epstein, Jeffrey Fried-

Mark Isham // SCHNITT Deborah Hoffmann, Robert Epstein //

man, Cindy Ruskin // KAMERA Jean de Segonzac, Dyanna

MIT Harvey Fierstein, Jim Elliot.

­Taylor // MUSIK Bobby McFerrin // MIT Sara Lewinstein, D ­ avid Mandell, Suzi Mandell, Sallie Perryman, Vito Russo, Tracy Torrey, Dustin Hoffman (Off-Erzähler).


35

Rob Epstein & Jeffrey Friedman.

THE CELLULOID CLOSET Frankreich/GB/Deutschland/USA 1995 «The Celluloid Closet beruht auf einem Buch von Vito Russo (einem der Protagonisten von Common Threads: Stories from the Quilt, Anm. d. Red.), der als Schwuler schrieb, wie er in den Schatten und Subtexten von Filmen suchen musste, um die homosexuellen Figuren zu finden, die gewiss dort waren. Sein Buch war ein Kompendium von sichtbaren und verhüllten Schwulen im Kino, und indem dieser Dokumentarfilm die Szenen zeigt, die Russo nur schildern konnte, macht er deutlich, dass Hollywood A sagen wollte, ohne B zu sagen: Es profitierte von der Bereicherung der Filme durch die Schwulen, weigerte sich aber, deren Sexualität anzuerkennen.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 26.4.1996) 102 Min / Farbe + sw / 35 mm / E/d/f // REGIE Rob Epstein, Jeffrey Friedman // DREHBUCH Rob Epstein, Jeffrey Friedman, Sharon Wood, Armistead Maupin // KAMERA Nancy Schreiber // MUSIK Carter Burwell // SCHNITT Jeffrey Friedman, Arnold Glassman // MIT Lily Tomlin (Off-Erzählerin), Tony Curtis, Susie Bright, Arthur Laurents, Armistead Maupin, Whoopi Goldberg, Jan Oxenberg, Harvey Fierstein.

PARAGRAPH 175 GB/Deutschland/USA 2002 «Paragraph 175 rollt die letzten hundert Jahre der Geschichte Homosexueller in Deutschland auf. Epstein und Friedman unterlegen und kontrastieren dabei die Aussagen der Zeitzeugen mit historischem Foto- und Filmmaterial, während aus dem Off die Stimme des Schauspielers Rupert Everett die geschichtlichen Zusammenhänge erklärt. Der Paragraph 175 trat 1871 in Kraft und ahndete sexuelle Kontakte zwischen Männern mit Gefängnisstrafe, kam aber in der Weimarer Republik nur selten zur Anwendung. Berlin galt in dieser Zeit als Paradies für Homosexuelle. Der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (...) schmiedete eine Allianz, um die Abschaffung des diskriminierenden Gesetzes zu erwirken. Nach der Machtergreifung durch Hitler wurde der Paragraph 175 im Jahr 1935 jedoch verschärft. Fortan war es möglich, aufgrund von flüchtigen Hinweisen und Bezichtigungen Homosexuelle zu kriminalisieren. Etwa 100 000 Männer sind mit Hilfe dieses Paragraphen von den Nazis inhaftiert worden, schätzungsweise 15 000 wurden, mit rosa Winkeln gekennzeichnet, in Konzentrationslager verschleppt. (...) Der von den Nazis 1935 novellierte Paragraph 175 war in der DDR noch bis 1968 in Kraft, in der Bundesrepublik Deutschland so-

gar ein Jahr länger. Erst 1994 wurde er im Zuge der Gesetzesharmonisierung nach der Wiedervereinigung gestrichen.» (Margarete Wach, Filmdienst 3/2002) 81 Min / Farbe + sw / DCP / OV/d // REGIE Rob Epstein, ­Jeffrey Friedman // DREHBUCH Sharon Wood // KAMERA Bernd Meiners // MUSIK Tibor Szemzö // SCHNITT Dawn Logsdon // MIT Rupert Everett (Off-Erzähler), Klaus Müller, Karl Gorath, Pierre Seel, Heinz F., Annette Eick, Albrecht Becker, Gad Beck, Heinz Dörmer.

HOWL USA 2010 «Der Film der beiden Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman ist kein Biopic der gängigen Art. Es ist eine Art filmische Dichtung über dieses ­Gedicht und seine Veröffentlichung, die die amerikanische und auch die Weltliteratur veränderte. Aus vier verschiedenen Perspektiven beleuchtet der Film das Gedicht ‹Howl›, dessen Rezeption und den Schriftsteller Allen Ginsberg: In schwarzweisser 50er-Jahre-Optik wird Ginsbergs erste öffentliche Lesung des langen Gedichts 1955 nachgestellt – abwechselnd mit animierten, illustrativen Szenen zum Gedicht, gestaltet vom Zeichner und früheren Ginsberg-Mitarbeiter Eric Drooker und musikalisch illustriert von Carter Burwell. Verschiedene Interviews mit Ginsberg sind zu einer einzigen Interviewsituation zusammengesetzt und setzen den zwei Jahre älteren Ginsberg und seine homosexuelle Biografie in den Fokus (Ginsberg wird übrigens gespielt von James Franco) – und schliesslich wird die Gerichtsverhandlung nachgespielt, in der das Gedicht ‹Howl› als obszön und literarisch nicht relevant auf der Anklagebank liegt. Das überraschende Urteil des Richters machte 1957 Werk und Dichter gleichermassen weltberühmt – und gilt als die Geburtsstunde der sogenannten Gegenkultur oder Beat-Generation. Zudem sind einige filmische Schnappschüsse aus dieser frühen Zeit Ginsbergs (z. B. von seiner Freundschaft zu Jack Kerouac) sparsam eingestreut.» (Brigitte Häring, sennhausersfilmblog.ch, 12.2.2010) 84 Min / Farbe / 35 mm / E/d // DREHBUCH UND REGIE Rob Epstein, Jeffrey Friedman // KAMERA Edward Lachman // MUSIK Carter Burwell // SCHNITT Jake Pushinsky // MIT James Franco (Allen Ginsberg), Todd Rotondi (Jack Kerouac), David Strathairn (Ralph McIntosh), Jon Hamm (Jake Ehrlich), John Prescott (Neal Cassady), Aaron Tveit (Peter Orlovsky), Bob Balaban (Richter Clayton Horn), Mary-Louise Parker (Gail Potter), Jeff Daniels (David Kirk).


36

Rob Epstein & Jeffrey Friedman.

PINK APPLE FESTIVAL AWARD FÜR ROB EPSTEIN & JEFFREY FRIEDMAN

SA, 29. APRIL | 17.30 UHR

Rob Epstein und Jeffrey Friedman machen seit über 30 Jahren Filme und haben als Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten zusammen zwei Oscars, fünf Emmy Awards und viele andere Preise gewonnen. Das schwullesbische Filmfestival Pink Apple hat die beiden Filmemacher zu Stargästen seiner diesjährigen Ausgabe erkoren. Am Samstag, dem 29. April, wird Rob Epstein und Jeffrey Friedman im Anschluss an die Vorführung ihres Spielfilms Howl um 17.30 Uhr der Pink Apple Festival Award verliehen. Zu ihren Filmen The Times of Harvey Milk, ­Common Threads: Tales of the Quilt, The Celluloid Closet und Paragraph 175 gibt es Gespräche mit Rob Epstein und Jeffrey Friedman (s. Angaben im Leporello).

26.4. — 4.5.17

5.5. — 7.5.17

Zürich

Frauenfeld

F E R K AU VO R V . A P R I L AB 18

20.PinkAPPLE schwullesbisches Filmfestival


37 Filmpodium für Kinder

Bekas Zana, Dana und Michael Jackson begeben sich auf eine abenteuerliche Reise auf der Suche nach Superman. Kurdistan, Irak, in den 1990er-Jahren. Nach dem Tod ihrer Eltern bestreiten die Brüder Zana (7) und Dana (10) ihr Leben in den Strassen als Schuhputzer. Als Superman im örtlichen Kino gezeigt wird, beschliessen die beiden, zu ihrem Helden nach Amerika, «der Stadt ihrer Träume», zu reisen, die irgendwo hinter den Hügeln am Horizont liegen muss. Auf dem Rücken ihres Esels Michael Jackson und mit selbst gemalten Pässen machen sie sich auf den Weg. Ein emotionales Roadmovie über die Kraft der Träume und der kindlichen Fantasie. (pm)

BEKAS – DAS ABENTEUER VON ZWEI SUPERHELDEN (Bekas) / Schweden/Finnland/ Irak 2012 92 Min / Farbe / Digital HD / D / 6 /10 J // DREHBUCH UND REGIE Karzan Kader // KAMERA Johan Holmqvist // MUSIK Juhana Lehtiniemi // SCHNITT Michal Leszczylowski, Sebastian Ringler // MIT Zamand Taha (Zana), Sarwar Fazil (Dana), Diya M ­ ariwan (Helliya), Suliman Karim Mohamad (Baba Shalid), Rahim Hussen (Mama Hama), Abdulrahman Mohamad (Osman), Shirwan Mohamad (Jamal). Wir zeigen den Film auch in der deutsch untertitelten Originalversion, im Rahmen der Reihe «Grenzgänger – Grenzenlos», s. Seite 14.

Filmpodium für Kinder jeweils am Samstag um 15.30 Uhr. Im Anschluss an die Vorstellungen vom 6. und 13. Mai wird ein Film-Workshop für Kinder angeboten. Leitung: Julia Breddermann. Die Teilnahme ist gratis, eine Voranmeldung ist nicht erforderlich. Dauer bis ca. 18 Uhr. Infos: filmpodium.ch/kinderkino


38 70 Jahre Filmfestival Locarno

7 Leoparden für 70 Jahre Das Festival del film Locarno hat 70 Jahre lang das Kino durch die Geschichte begleitet, wusste mit der Zeit zu gehen, war ihr manchmal sogar einen Schritt voraus. Immer wieder hatten die Jurys den richtigen Riecher und zeichneten herausragende Filme aus, die es sich lohnt wieder anzuschauen, auch wenn sie inzwischen allseits bekannt sind. Deshalb haben wir beschlossen, sieben goldene Pardi auszuwählen, die für die Geschichte des Festivals und des Kinos eine symbolische Bedeutung haben, die mehr durch ihre Sprache denn durch ihren Inhalt bestechen, die eine Realität nicht nur filmen, sondern sie formen, die genügend Kraft besitzen, um die Gegenwart zu überfliegen. Carlo Chatrian

CHARLES MORT OU VIF Schweiz 1969 Der 50-jährige Industrielle Charles erkennt anlässlich eines Fernsehinterviews zum Jubiläum seiner Firma, dass er bei allem materiellen Erfolg nicht so lebt, wie er möchte. Er verlässt seine Villa und mietet sich in einem Hotel ein. Als er einem jungen Künstler und dessen Freundin begegnet, versucht er in deren Gesellschaft einen Neubeginn in der Boheme. Das nimmt ihm jedoch sein Sohn übel. «Der erste lange Spielfilm von Alain Tanner überzeugt durch aufrichtiges kritisches Engagement, psychologisches Einfühlungsvermögen, die

> Charles mort au vif.

nüchterne Filmsprache und die spielerische Einbeziehung von Zitaten, die von Marx über Benjamin bis zu Volksweisheiten reichen. Eine überzeugende Auseinandersetzung mit einer Lebenskrise und zugleich eine bittere Beschreibung der Schweizer Wirklichkeit.» (Lexikon des int. Films) «Wie in La salamandre verwendet Tanner die cineastischen Methoden der Nouvelle Vague, aber auf frische Weise, und kommt den unheroischen Realitäten des Alltagslebens im traurigen, materialistischen, autoritären Europa nahe genug, um seinen Film zu einem lohnenden Erlebnis zu machen.» (Time Out Film Guide) Von der Eidgenössischen Filmkommission wegen seines zu tiefen Budgets nicht gefördert, wurde Charles, mort ou vif in Locarno mit dem Gol-


70 Jahre Filmfestival Locarno. denen Leoparden ausgezeichnet und fand trotzdem keinen Schweizer Verleih. Erst nach dem Erfolg von Tanners Zweitling La salamandre gelangte sein Regiedebüt doch noch ins Kino. 92 Min / sw / 35 mm / F/d/i // DREHBUCH UND REGIE Alain Tanner // KAMERA Renato Berta // MUSIK Jacques Olivier // SCHNITT Sylvia Bachmann // MIT François Simon (Charles Dé, Industrieller), Marie-Claire Dufour (Adeline), Marcel Robert (Paul, Maler), André Schmidt (Pierre Dé, der Sohn), Maya Simon (Marianne Dé, die Tochter), Jo Escoffier (Fernsehreporter), Jean-Luc Bideau, Francis Reusser (die beiden Sanitäter).

Carlo Chatrian, seit 2012 künstlerischer Leiter des Festival del film Locarno, wird am Mittwoch, dem 5. April um 18.15 Uhr den Gewinner des Goldenen Leoparden 1969, Alain Tanners Charles, mort ou vif, im Filmpodium persönlich vorstellen.

ILUMINACJA Polen 1973 Franciszek, in der polnischen Provinz aufgewachsen, wird an der Universität Warschau aufgenommen und zieht in die Stadt. Er studiert Physik, weil er die absolute Wahrheit sucht und sich von dieser ideologisch unbelasteten Naturwissenschaft Erleuchtung verspricht. Im Laufe seiner Studien wird er jedoch mit Experimenten an Tier und Mensch konfrontiert und ist entsetzt über den Mangel an Mitgefühl mancher Forscher. Während er als Wissenschaftler die Welt objektiv vermessen und ausloten will, verliebt sich Franciszek in

> Iluminacja.

eine schöne, aber unnahbare Frau und erlebt seinen ersten Liebeskummer. Auch die Erfahrung des Todes seines besten Freundes erschüttert ihn zutiefst, und er beginnt an seiner Studienausrichtung zu zweifeln. Er macht eine Reise in die Berge, um sich abzulenken, und lernt dabei die charmante Agnieszka kennen. «Krzysztof Zanussi schafft in Iluminacja eine ­visuell komplexe, scharfsinnige und einfühlsame Studie über den Kern des Wissens und der Wahrheit. Zanussi arbeitet gemäss einer künstlerischen Doktrin, die Cinéma vérité in die Erzählung einarbeitet, um mit dessen Hilfe im beschränkten schöpferischen Freiraum des kommunistischen Polens Realismus zu vermitteln und aktuelle gesellschaftliche Fragen zu thematisieren. Daher streut er echte Interviews, Statistiken und Ergebnisse der Verhaltensforschung in seine Geschichte um das persönliche Ringen eines jungen Wissenschaftlers zwischen Vernunft und Leidenschaft ein, als Spiegelung einer universellen Wahrheit über das Wesen des menschlichen Daseins.» (Acquarello 2002, filmref.com) 91 Min / Farbe / DCP / Poln/e // DREHBUCH UND REGIE Krzysztof Zanussi // KAMERA Edward Klosinski // MUSIK Wojciech Kilar // SCHNITT Urszula Sliwinska // MIT Stanislaw Latallo (Franciszek Retman), Monika Dzienisiewicz-Olbrychska (Agnieszka), Malgorzata Pritulak (Malgorzata), Jan Skotnicki (Chory, der Mathematiker), Edward Zebrowksi (Arzt), Wlodzimierz Zonn (Dekan).

Die Vorstellung von Iluminacja am Dienstag, dem 2. Mai um 18.15 Uhr findet in Anwesenheit des ­Regisseurs Krzysztof Zanussi statt.

39


40 SÉLECTION LUMIÈRE

THE DEER HUNTER Michael Cimino schickt in seinem umstrit-

ein Film über jedes dieser Dinge, wenn es

tenen Epos The Deer Hunter drei aufrechte

beliebt, aber mehr als alles andere ist es

Burschen aus dem «Rust Belt» Pennsylva-

eine herzzerreissend wirkungsvolle Fikti-

nias in die Hölle des Vietnamkriegs, die sie

onsmaschine, die die Qualen der Vietnam-

körperlich oder seelisch versehrt oder gar

Ära heraufbeschwört.» (Roger Ebert, Chi-

nicht mehr ausspuckt.

cago Sun-Times, 9.3.1979) «Erst mit The Deer Hunter von Michael Ci-

«Ein brutal denkwürdiger Film, der ein leb-

mino ist es einem amerikanischen Filmema-

haftes Porträt seiner Figuren und ihres Mili-

cher gelungen, eine befriedigende Synthese

eus zeichnet und die verheerende Wirkung

dessen zu schaffen, was ‹Vietnam›, im ext-

des Krieges auf ihr Leben sowie ihre tapfe-

remsten Sinne, für die Soldaten, die dort

ren Versuche des Neubeginns schildert. Vor

kämpften, bedeutete und – abstrakter be-

dem Hintergrund eines friedlichen Heimat-

trachtet – was für einen Schlag gegen den

städtchens und der fremden Kriegswelt, in

politischen Körper Amerikas es darstellte.»

die die drei Soldaten voller Naivität eintre-

(John Pym, Sight & Sound, Spring 1979)

ten, weisen die Filmemacher auf den Wahnsinn des Kampfes und die zerbrechliche Kostbarkeit des Friedens hin. (The Motion Picture Guide)

✶ am Donnerstag, 27. April, 20.00 Uhr: Einführung von Martin Walder THE DEER HUNTER / USA 1978

«The Deer Hunter soll ein Film über viele

183 Min / Farbe / Digital HD / E/d // REGIE Michael Cimino //

Dinge sein: über Männerfreundschaften,

MUSIK Stanley Myers // SCHNITT Peter Zinner // MIT Robert

über blindwütigen Patriotismus, über die verrohenden Auswirkungen des Krieges, über Nixons ‹schweigende Mehrheit›. Es ist

DREHBUCH Deric Washburn, // KAMERA Vilmos Zsigmond // De Niro (Michael), Christopher Walken (Nick), John Savage ­(Steven), Meryl Streep (Linda), John Cazale (Stan), George Dzundza (John), Chuck Aspegren (Axel), Shirley Stoler (Stevens Mutter), Rutanya Alda (Angela)


41 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Marius Kuhn (mk), Primo Mazzoni (pm), Laura Walde SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Burn the Film, Chicago; CAB Productions, Lausanne; Cineteca di Bologna; Cineworx, Basel; Deutsches Filminstitut – DIF, Wiesbaden; Stiftung Deutsche Kinemathek, Berlin; DreamLab Films, Le Cannet; Edel Germany GmbH, Hamburg; The Festival Agency, Paris; Filmcoopi, Zürich; Filmmuseum München; Frenetic Films, Zürich; HanWay Films, London; Langfilm, Freienstein; Looks Film, Berlin; MK2, Paris; FriedrichWilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Park Circus, Glasgow; Perspective Films, London; Praesens Film, Zürich; Pro-Fun Media Filmverleih, Berlin; RFF Real Fiction Filmverleih, Köln; Roissy Films, Paris; Salzgeber Medien, Berlin; SRF Schweizer Radio und Fernsehen, Zürich; Stamm Film, Zürich; Studiocanal, Berlin; Tamasa Distribution, Paris; trigon-film, Ennetbaden; Xenix Filmdistribution, Zürich. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT N. Haueter, D. Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 6000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Schweizer Filmklassiker in neuem Glanz

Catherine Deneuve & Françoise Dorléac

Der «alte» Schweizer Film, oft populär, aber

François Truffaut, Roman Polanski und

von der Kritik lange geringgeschätzt, erlebt

­Jacques Demy sind nur einige der Regis-

eine Renaissance. Nicht nur werden die

seure, die auf das Talent und das bezau-

Filme heute künstlerisch differenzierter be-

bernde Aussehen sowohl von Françoise

urteilt; dank sorgfältiger Restaurierungen

Dorléac (1942 –1967) als auch von Catherine

durch das Schweizer Fernsehen in Zusam-

Deneuve (*1943) setzten; gemeinsam aufge-

menarbeit mit der Cinémathèque suisse

treten sind die beiden Schwestern aber nur

und Memoriav offenbaren die Werke von

in Les demoiselles de Rochefort (1967) von

Franz Schnyder, Leopold Lindtberg, Kurt

Demy. Dorléac ist kurz darauf tödlich verun-

Früh und ihren Zeitgenossen ihre audiovisu-

fallt; Deneuves Karriere hält bis heute an.

ellen Qualitäten. Höchste Zeit also, dass

Angesichts ihrer 125 Titel umfassenden

Klassiker wie Gilberte de Courgenay, Die

Filmografie und der Vielseitigkeit von De-

letzte Chance und Hinter den sieben Gleisen

neuves frühen Rollen konzentrieren wir un-

auch wieder im Kino zu geniessen sind. Die

sere Auswahl auf das Kino der sechziger

Filmreihe wird ergänzt mit einem Podium

Jahre, das beide Schauspielerinnen ent-

zum Thema Restaurierung.

scheidend mitgeprägt haben.


AB 13. APRIL IM KINO

WHITE SUN DEEPAK RAUNIYAR NEPAL

Wiedersehen im Dorf am Fuss des Himalaya «Atmosphärisch dicht.» HOLLYWOOD REPORTER

«Leichtfüssig und humorvoll.» SCREENDAILY

Profile for Tanja Hanhart

Filmpodium Zurich Programmheft April-Mai 2017 / program brochure April - May 2017  

Grenzgänger - Grenzenlos: Asien und Europa / Das Kino der Weimarer Republik / Jahrhundertfilme: 1947 / Rob Epstein & Jeffrey Friedman / 70 J...

Filmpodium Zurich Programmheft April-Mai 2017 / program brochure April - May 2017  

Grenzgänger - Grenzenlos: Asien und Europa / Das Kino der Weimarer Republik / Jahrhundertfilme: 1947 / Rob Epstein & Jeffrey Friedman / 70 J...

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