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1. Januar – 15. Februar 2016

Best of Benelux Stummfilmfestival 2016


AB 7. JAnuAr IM KInO

BODY Malgorzata Szumowska, Polen

AB 28. JAnuAr IM KInO

Ciro Guerra, Kolumbien

www.trigon-film.org


01 Editorial

Fiat Benelux Neben unserem traditionellen Stummfilmfestival präsentieren wir zum Jahresauftakt eine Reihe neuerer Filme aus Belgien, den Niederlanden und Luxemburg, deren Kino hierzulande kaum wahrgenommen wird. Der belgische Filmjournalist Jan Temmerman schildert in seiner Einführung die erstaunliche Entwicklung der Benelux-Filmproduktion in den letzten Jahrzehnten. Der grosse Bogen, den wir von 1990 bis 2015 spannen, erlaubt uns, einige Werke aus den neunziger Jahren zu zeigen, die moderne Klassiker geworden sind. Doch es gibt auch zahlreiche Filme aus den letzten 15 Jahren zu entdecken, die entweder nie bei uns im Kino waren oder im Wust des Angebots untergingen. Auch wenn das dortige Filmschaffen von ferne bescheiden erscheint, so mussten wir doch vieles weglassen: Da die Kollegen vom Filmclub Xenix das Werk der belgischen Dardenne-Brüder schon breit gezeigt haben und demnächst Chantal Akerman eine Reihe widmen, haben wir deren Filme kaum bzw. nicht ins Programm aufgenommen. Manche Titel wie Alain Berliners Coming-of-Age-Märchen Ma vie en rose oder Dominique Derudderes TV-­ Satire Everybody Famous entfielen wegen unklarer Rechteverhältnisse; andere, wie Lucas Belvaux’ Trilogie Cavale, Un couple épatant und Après la vie, hat das Filmpodium bereits gezeigt. Alex van Warmerdam wiederum verdiente eine eigene Reihe, und gerne würde man auch neuen Regisseurinnen wie ­Nanouk Leopold, Paula van der Oest, Sacha Polak und Urszula Antoniak (mehr) Platz einräumen. Trotz der Qual der Wahl: Die 21 Benelux-Filme, die wir zeigen, erlauben nicht nur einen Überblick, sondern auch interessante Vergleiche: Wie haben sich Cineasten wie Jaco Van Dormael und Joachim Lafosse entwickelt? Wie gehen verschiedene niederländische Filmschaffende mit der deutschen Besetzung der Niederlande um? Welches Bild von Afrika zeichnen die Filme der ehemaligen Kolonialmächte – etwa Marion Hänsels Si le vent soulève le sable und Thierry Michels Dokumentarfilm L’homme qui répare les femmes? Wie sieht es mit den Geschlechterrollen bei Marleen Gorris und bei Theo van Gogh aus? Spielt André Jung, wenn er in Le club des chômeurs seine Muttersprache Luxemburgisch spricht, anders als auf Schweizer Bühnen? Wir hoffen, dass Sie sich nicht nur auf ein Wiedersehen mit Toto le héros und Little Tony freuen, sondern Mr. Nobody und Borgman ebenfalls kennenlernen wollen. So schrullig manche Benelux-Bewohner auch sein mögen, eine Begegnung lohnt sich allemal. Michel Bodmer Titelbild: Les Misérables von Henri Fescourt


02 INHALT

Best of Benelux

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In den neunziger Jahren machten einige Filme und Cineasten aus den BeneluxLändern Furore: die rabiate Medien­ satire C’est arrivé près de chez vous von Rémy Belvaux, André Bonzel und Benoît Poelvoorde, Jaco van Dormaels Filmmärchen Toto le héros, Luc und Jean-Pierre Dardennes Sozial­drama La promesse und die skurrilen Fabeln von Alex van Warmerdam. Unsere Reihe zeichnet nach, was diese Filmschaffenden und ihre Landsleute in den letzten beiden Jahrzehnten, die dem Benelux einen enormen Produktionsaufschwung bescherten, an sehenswerten Filmen hervorgebracht haben. Acht von diesen – darunter Werke von Theo van Gogh, Nanouk Leopold, Joachim Lafosse und Marion Hänsel – sind als Premiere zu sehen. Bild: À perdre la raison

Stummfilmfestival 2016

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Unsere Filmgeschichtsreihe «Das erste Jahrhundert des Films» erreicht die Jahre 1916 und 1926. Diese bilden auch den Schwerpunkt unseres 13. Stummfilmfestivals. Filme von Mauritz Stiller und Ernst Lubitsch stehen für das Jahr 1916 auf dem Programm; für 1926 sind es Werke von John Ford, King Vidor, Jean Renoir, Jakow Protasanow und Michael Kertesz (besser bekannt unter seinem späteren USNamen Michael Curtiz). Dazu kommen weitere Highlights, etwa von und mit Max Linder oder aus Schweden und China, wie immer in optimalen Kopien und live begleitet: Die breite musikalische Palette reicht von der klassischen Begleitung am Flügel, solo oder ergänzt mit Schlagzeug, Geige, Gesang oder Elektronik, bis hin zur «one-man band». Bild: Varieté


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Zwei Filme von Marco Bellocchio 28

Filmpodium für Kinder: 34 Mikrokosmos – Das Volk der Gräser

Von seinem Erstling I pugni in tasca (1965) bis zu seinem brandneuen Film Sangue del mio sangue (2015) hat Marco Bellocchio immer wieder von Familien erzählt, die stellvertretend für die Gesellschaft und deren Konflikte stehen. Der grosse italienische Cineast wird diese Werke persönlich im Filmpodium vorstellen.

Kleine Helden – ganz gross: Die Welt der Insekten, mittendrin auf Augenhöhe gefilmt, fasziniert bis heute mit atemberaubenden Aufnahmen und einer wundersamen Geräuschkulisse. Eine Welt, in der eine Wiese zum Dschungel wird und Regentropfen zu Wasserbomben mutieren.

Bild: I pugni in tasca

Bild: Mikrokosmos

Premieren

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Jessica Hausner inszeniert in Amour fou Kleists Doppelselbstmord als Tragi­ komödie. Alexei German verfilmt die Zivilisationsparabel Es ist schwer, ein Gott zu sein der Brüder Strugatzki als wüst-barockes Mittelalter-Spektakel. Der Belgier Thierry Michel setzt mit L’homme qui répare les femmes dem kongolesischen Arzt und Menschenrechtsaktivisten Denis Mukwege ein filmisches Denkmal.

Einzelvorstellung Sélection Lumière: Il deserto rosso

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05 Best of Benelux

Spitzenfilme aus dem Flachland Auf der Suche nach Vorbildern schielt das kleine Filmland Schweiz gern nach Dänemark. Genauso aber lohnt sich ein Blick in die BeneluxLänder, weisen diese doch, sowohl was Umfang wie Qualität betrifft, eine erstaunliche Filmproduktion auf. Neben kantigen Autorenfilmen und schrulligen Komödien sind neuerdings auch fantastische Spektakel und Kriegsepen von Hollywood-Format «made in Benelux». Seit 2003 hat das Grossherzogtum Luxemburg seinen eigenen Oscar, den «Lëtzebuerger Filmpräis». Weil die luxemburgische Filmproduktion aber zu klein ist – das Land hat knapp 540 000 Einwohner –, wird der Preis nur alle zwei Jahre verliehen. Bis vor einigen Jahrzehnten war es auch in Belgien nicht selbstverständlich, jedes Jahr genügend Favoriten für den nationalen JosephPlateau-Preis zu finden. Inzwischen aber hat die belgische Filmproduktion einen derart rasanten Aufschwung erlebt, dass nun jährlich sogar zwei Filmpreise verliehen werden: der Ensor-Preis für Filme aus Flandern und der Magritte-Preis für Werke aus dem französischsprechenden Wallonien. Es ist kein Zufall, dass beide Preise die Namen berühmter Maler tragen, hat die bildende Kunst in Belgien doch eine starke Tradition. Belgien: Frankophone Autorenfilme, flämische Vielfalt Der quantitative Zuwachs an Spielfilmen, Dokumentarfilmen und Fernseh­ serien in Belgien hat mehrere Gründe: Einer davon ist die wachsende Zahl von Fernsehsendern, die dem steigenden Interesse des Publikums für Filme aus heimischer Produktion entgegenkommen. Ein anderer, genauso wichtiger Grund ist der Ausbau der steuerlichen Anreize. Staatliche Subventionen sind nach wie vor von wesentlicher Bedeutung, aber dank des «Tax Shelter» können Filmproduzenten mehr Privatfinanzierung in Anspruch nehmen. Und das funktioniert! Das ist an sich schon eine gute Nachricht, aber noch erfreulicher ist, dass mit der grösseren Quantität auch eine wachsende Qualität einhergeht. Und das Publikum macht mit: Die früher oft gehörte, etwas herablassende Bemerkung «Nicht schlecht – für einen belgischen Film» ist inzwischen völlig passé. Belgische Produktionen werden immer öfter zu internationalen Filmfestivals eingeladen und erringen dort regelmässig Preise. Die letzten Oscar>

Im Bett mit der Jugendliebe: Toto le héros < Im Bett mit dem Hassobjekt: Interview

<

Im Bett mit dem Nachtmahr: Borgman


06 Nominationen in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film für The Broken Circle Breakdown von Felix van Groeningen und Rundskop von Michaël R. Roskam sind nur die Spitze des Eisbergs. Dass es sich bei letzteren um zwei flämische Spielfilme handelt, weist auf ein anderes interessantes Phänomen hin. Lange assoziierte man den belgischen Film im Ausland vor allem mit Werken französischsprachiger Filmschaffender wie Chantal Akerman, Jaco Van Dormael oder Luc und Jean-­ Pierre Dardenne. Aber das ist Vergangenheit. Flandern hat aufgeholt. Die Filmproduktionen in den beiden Landesteilen zeigen jedoch auffällige Unterschiede: Im französischsprachigen Süden liegt mit Werken von Cineastinnen und Cineasten wie Marion Hänsel, Joachim Lafosse, Bouli Lanners und L ­ ucas Belvaux das Schwergewicht auf dem sogenannten Autorenfilm. Grosse Publikumsfilme werden dort kaum gedreht, es sei denn, jemand wie Benoît Poelvoorde spiele die Hauptrolle, wie in Les convoyeurs attendent und Les rayures du zèbre, zwei Komödien von Benoît Mariage. Seit seiner Hauptrolle in dem ebenso bahnbrechenden wie kontroversen Film C’est arrivé près de chez vous von 1992 ist Poelvoorde in Wallonien wie in Frankreich ein Superstar. Dass im französischsprachigen Belgien weniger kommerzielle und publikumswirksame Filme gedreht werden, liegt aber auch am Import und somit der grossen Konkurrenz aus dem Nachbarland Frankreich. In Flandern dagegen haben Filme aus Frankreich weit weniger Erfolg und Einfluss, und die flämische Spielfilmproduktion weist denn auch mehr Vielfalt auf: Neben Autorenfilmen entstehen populäre Komödien und andere Genrefilme. An der Spitze der Liste der erfolgreichsten flämischen Produktionen steht der erotische Thriller Loft (2008) von Erik Van Looy mit fast 1,2 Millionen Zuschauern. Es folgen Koko Flanel und Hector, zwei Filme von Stijn Coninx mit dem beliebten Komiker Urbanus in der Titelrolle. Urbanus sorgt auch in den Niederlanden für volle Häuser, dementsprechend erfolgreich sind auch dort seine Filmkomödien. Aber das ist ein Einzelfall. Solche kommerziellen Filme sind – wie in den meisten europäischen Ländern – vor allem für das heimische Publikum bestimmt. Niederlande: Von Verhoeven bis Van Gogh Das Kino der Niederlande war jahrzehntelang geprägt von den Dokumentarfilmen von Bert Haanstra sowie den Spielfilmen von Fons Rademakers, der mit De Aanslag (Der Anschlag, 1986) einen Oscar gewann, und Paul Verhoeven, der mit Turks fruit (Türkische Früchte, 1973) und dessen 3,5 Millionen Kinobesucherinnen und -besuchern den bis heute erfolgreichsten niederländischen Film gedreht hat. Mittlerweile lassen aber auch andere niederländische Filmschaffende mit ihren Werken die Kassen im Ausland klingeln, etwa der 2004 von einem Fundamentalisten ermordete Theo van Gogh und die Feministin Marleen Gorris, die 1996 für Antonia einen Oscar


07 bekam. Oder Alex van Warmerdam, der nicht nur im Theater sehr aktiv ist, sondern auch als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur die Filmwelt mit absurden Tragikomödien wie Abel, Kleine Teun (Little Tony) und dem preisgekrönten Borgman begeistert. Ganz wie in Flandern ist auch in den Niederlanden eine gesunde Diversifikation zwischen Autorenfilmen einerseits und populären Familiengeschichten (u. a. nach den Bestsellern von Annie M. G. Schmidt) sowie romantischen Komödien andererseits festzustellen. Auffallend ist, dass sich die niederländische Filmindustrie immer wieder erfolgreich mit dem Zweiten Weltkrieg befasst hat, Beispiele sind Werke wie De Aanslag von Rademakers, Het meisje met het rode haar (Das Mädchen mit dem roten Haar, 1981) von Ben Verbong, Oorlogswinter (Winter in Wartime) von Martin Koolhoven oder Soldaat van Oranje und Zwartboek (Black Book) von Paul Verhoeven. Anklang finden auch Adaptationen einheimischer Literatur, etwa Boven is het stil (Oben ist es still) von Nanouk Leopold nach Gerbrand Bakker und der schon genannte Oorlogswinter nach dem Bestseller von Jan Terlouw (dt.: «Mein Kriegswinter»). Luxemburg: Begehrter Produktionspartner Und dann gibt es noch den kleinen Bruder Luxemburg. Eingangs war die Rede von der begrenzten Anzahl luxemburgischer Filme. Tatsächlich sind nur wenige Spielfilme in dem mit der deutschen Sprache verwandten «Lëtzebuergesch» gedreht worden. Darüber hinaus aber verfügt das Grossherzogtum über eine blühende Filmindustrie, weil dort – nicht zuletzt wegen des steuerfreundlichen Klimas – sehr viele internationale Koproduktionen gedreht werden. So sind in Luxemburg mittlerweile Dutzende von Produktionsgesellschaften aktiv, die für eine professionelle Infrastruktur sorgen. Das Land verfügt mit dem Film Fund Luxembourg zudem über einen eigenen Unterstützungsfonds, der unlängst auch Le tout nouveau testament, den neuen Spielfilm von Jaco Van Dormael, mitfinanzierte, den wiederum Belgien als OscarKandidat in der Sparte Bester fremdsprachiger Film eingereicht hat. Seit 1997 schickt Luxemburg ebenfalls Filme in dieses Rennen, doch ist die nationale Filmindustrie nach wie vor zu klein, um jedes Jahr ein geeignetes Werk vorzuweisen. Jan Temmerman

Jan Temmerman ist seit 35 Jahren Filmkritiker für die belgische Tageszeitung De Morgen. Daneben realisierte er Beiträge zum Thema Film für den flämischen Landessender VRT. Aus dem Niederländischen von Mieke Roete.


> C’est arrivé près de chez vous.

> Antonia’s Line.

> La promesse.

> Le club des chômeurs.

> Little Tony.

> Les convoyeurs attendent.


Best of Benelux.

TOTO LE HÉROS Belgien/Frankreich/Deutschland 1991 «Dieser köstlich unkonventionelle Film erzählt vom nunmehr bejahrten Thomas, der von mörderischer Rache träumt, seit ihm der Gedanke ­gekommen ist, er sei wohl einst als Baby bei ­einem Brand in der Geburtenabteilung mit dem Nachbarssohn Alfred vertauscht worden. Dieweil ­Thomas seine Erinnerungen sichtet, wobei er in eifersüchtigem Hass gegen Alfred schwelgt und wehmütig der Liebe zu seiner Schwester Alice und ihrer erwachsenen Doppelgängerin Evelyne nachhängt, nimmt uns Van Dormael mit auf eine kurvenreiche Reise durch den Geist seines melancholischen Protagonisten: eine Reise, rammelvoll mit den schlichten, verblüffenden Freuden des Daseins. Dass Thomas’ Leben, wie wir es sehen, das Produkt seiner Einbildungskraft ist, wird nicht nur deutlich durch das Auftreten seines comic-haften Alter Egos (des im Titel benannten Rächers und Detektivs), sondern auch durch die traumähnlich surreale Handlung und Bildsprache. Doch (Van Dormael hat) das Ganze in einer emotionalen Wirklichkeit verankert, sodass Thomas’ Leben, seine Lieben, Sehnsüchte und Ängste uns nahegehen. Ein unendlich lebensprühen­ der, erfindungsreicher und einfühlsamer Film.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) 91 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Jaco Van Dormael // DREHBUCH Jaco Van Dormael, Didier De Neck, Pascal ­Lonhay, Laurette Vankeerberghen // KAMERA Walther van den Ende // MUSIK Pierre van Dormael // SCHNITT Susana Rossberg // MIT Michel Bouquet (Toto im Alter), Jo De Backer (Toto als Erwachsener), Thomas Godet (Toto als Kind), Gisela Uhlen (Evelyne im Alter), Mireille Perrier (Evelyne als junge Frau), Sandrine Blancke (Alice), Peter Böhlke (Alfred im Alter), Didier Ferney (Alfred als Erwachsener).

C’EST ARRIVÉ PRÈS DE CHEZ VOUS Belgien 1992 Der selbstgefällige belgische Spiesser Ben ist ein Auftragskiller, der in der Freizeit auch zum Spass mordet. Von Gewissensbissen unbelastet, lässt er sich bei seinen Untaten von einem Filmteam begleiten. Die drei Reporter mutieren zusehends von Beobachtern zu Mitwissern und Mittätern. «C’est arrivé près de chez vous, in grobkörnigem Schwarzweiss gedreht und mit dem ruckeligen Impetus des Cinéma vérité ausgestattet, ist ein makabrer, geschmackloser Witz von einem Film, den manche lustig finden werden und andere schlicht abscheulich. Auf der einen Ebene ist es ein Insiderscherz über das Filmemachen, denn

einer der Gründe für Bens Wüten ist die Notwendigkeit, genügend Geld zu stehlen, um den Dokumentarfilm fertigzustellen. Auf einer anderen Ebene parodiert der Film jene Reality-TV-Sendungen, die vorgeben, ihre Zuschauer mitten ins Geschehen zu führen. Er deutet an, wie sehr die Anwesenheit einer Kamera die Ereignisse beeinflusst, und mokiert sich über die schiere Vorstellung dokumentarischer Objektivität.» (Stephen Holden, The New York Times, 9.10.1992) 95 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde // DREHBUCH Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde, Vincent Tavier // KAMERA André Bonzel // MUSIK Jean-Marc Chenut, Laurence Dufrene, ­Philippe Malempré // SCHNITT Rémy Belvaux, Eric Dardill // MIT Benoît Poelvoorde (Ben), Jacqueline Poelvoorde-­ Pappaert (Bens Mutter), Nelly Pappaert (Bens Grossmutter), Hector Pappaert (Bens Grossvater), Jenny Drye (Jenny), ­ Malou Madou (Malou), Willy Vandenbroeck (Boby), Rémy ­ ­Belvaux (Reporter), André Bonzel (Kameramann).

ANTONIA’S LINE (Antonia) Niederlande/Belgien/GB/Frankreich 1995 Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrt Antonia mit ihrer Tochter in ihr Heimatdorf zurück. Unter Antonias matriarchalischen Fittichen entwickelt sich dort im Laufe der Jahrzehnte eine Gemeinschaft von Sonderlingen und Ausgestossenen, die zwar mit allerhand Widrigkeiten zu kämpfen hat, sich aber nie unterkriegen lässt. «Der Film versetzt uns in eine seltsame, zauberhafte Stimmung: Man erzählt uns Geschichten, die mal so unerklärlich sind wie ein Wunder, mal so bodenständig wie ein Bauernhof. Grundiert ist das mit einer Philosophie, die in sich selbst ruht. Die Filmemacherin, Marleen Gorris, glaubt, dass Einsicht und gesunder Menschenverstand den Frauen angeboren sind und dass diese, wenn man sie machen lässt, Unrecht wiedergutmachen und die Vernunft fördern. Ich hoffe, sie hat recht. Selbst wenn sie dabei zu optimistisch ist, bin ich froh, dass ihr Film mir ein Gefühl von Hoffnung und Freude vermittelt hat.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 14.2.1996) 102 Min / Farbe / 35 mm / Niederl/f/d // DREHBUCH UND ­REGIE Marleen ­Gorris // KAMERA Willy Stassen // MUSIK Ilona Sekacz // SCHNITT Wim Louwrier, Michiel Reichwein // MIT Willeke van Ammelrooy (Antonia), Els D ­ ottermans (Danielle), Dora van der Groen (Allegonde), Veerle van Overloop (Thérèse), Esther Vriesendorp (Thérèse mit 13), Carolien Spoor (Thérèse mit 6), Thyrza Ravesteijn (Sarah), Mil Seghers (Krummer Finger), Jan Decleir (Bauer Bas), Elsie de Brauw (Lara), Reinout Bussemaker (Simon).

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Best of Benelux.

LA PROMESSE Belgien/Frankreich/Luxemburg/Tunesien 1996 «Ein beeindruckend hartes und raues realistisches Drama, angesiedelt in den schäbigeren Vierteln von Lüttich, wo ein 15-Jähriger mit seinem alleinerziehenden Vater in Konflikt gerät: Eine Tragödie zwingt den Jungen, sich mit den moralischen Implikationen ihrer gemeinsamen ausbeuterischen Praxis des Schmuggels und der Beherbergung illegaler Einwanderer auseinanderzusetzen. Nachdem er einem sterbenden Afrikaner versprochen hat, für dessen Frau und Kind zu sorgen, wird der junge Igor zerrissen zwischen dem Gehorsam gegenüber seinem Vater und der wachsenden Zuneigung zu seinen verarmten Schützlingen, zwischen seiner Angst vor den gewalttätigen Wutausbrüchen seines betrunkenen Papas und seinem Wunsch, Wort zu halten. Die Darsteller sind hervorragend, das Wechselspiel zwischen Vater und Sohn ausserordentlich gut beobachtet und das Ganze wirkt gleichzeitig gänzlich unsentimental und zutiefst bewegend.» (Geoff Andrew, Time Out Film Guide) 90 Min / Farbe / 35 mm / F/d // DREHBUCH UND R ­ EGIE Jean-­ Pierre Dardenne, Luc Dardenne // KAMERA Alain Marcoen // MUSIK Jean-Marie Billy , Denis M’Punga // SCHNITT MarieHélène Dozo // MIT Jérémie Renier (Igor), Olivier Gourmet (Roger), Assita Ouédraogo (Assita), Jean-Michel Balthazar (Arbeitsinspektor), Frédéric Bodson (Autowerkstattbesitzer), Florian Delain (Riri), Hachemi Haddad (Nabil), Alain Holtgen (Postbote), G ­ eneviève Joly-Provost (Geneviève).

LITTLE TONY (Kleine Teun) Niederlande 1998 Ein abgelegener Bauernhof in der niederländischen Provinz: Hier leben Brand und Keet in unaufgeregter Harmonie zusammen. Als Keet ­ für ihren analphabetischen Ehemann die junge Haus­lehrerin Lena engagiert, kommt es zu einer verhängnisvollen «ménage à trois». Lena verliebt sich in den wortkargen Brand – und spielt damit indirekt in Keets Hände. Denn diese versucht seit Jahren vergeblich, schwanger zu werden, und sieht nun mit der jungen Lena die Erfüllung ihres Wunsches nach einem Baby zum Greifen nah. «Ein kühler Thriller am Rande des Wahnsinns nimmt seinen Lauf (…). Der Film wechselt dabei scheinbar mühelos die Genres, verliert aber nie seinen lakonischen Humor. (…) Dank des brillanten Spiels der drei Hauptdarsteller werden die mitunter grell überzeichneten Charaktere nie der Peinlichkeit preisgegeben. Der langsame Rhythmus und die karge Ausstattung des Films wecken Erinnerungen an die Filme Kaurismäkis und bil-

den einen pointierten Kontrast zu dem hysterischen Kampf der beiden Frauen.» (Carsten Happe, Schnitt Online, November 1999) 95 Min / Farbe / 35 mm / Niederl/d/f // DREHBUCH UND ­REGIE Alex van Warmerdam // KAMERA Marc Felperlaan // MUSIK Alex van Warmerdam // SCHNITT Stefan Kamp // MIT Alex van Warmerdam (Brand), Annet Malherbe (Keet), Ariane Schluter (Lena), Sebastiaan te ­Wierik (Kleine Teun), Aat Ceelen (Metzger).

LES CONVOYEURS ATTENDENT Belgien/Frankreich/Schweiz 1999 Fotojournalist Roger ist mit seinem Durchschnittsleben ebenso unzufrieden wie mit seiner unscheinbaren Familie. Eifersüchtig auf seinen Nachbarn Felix, der mit seinen Brieftauben zahllose Pokale gewonnen hat, beschliesst Roger, seinen Sohn Michel, einen lustlosen Teenager, zum Weltmeister im Türen-Auf-und-Zumachen aufzubauen. Regisseur Benoît Mariage, «der selber Pressefotograf war und den Blick des Dokumentarfilmers für das aussagekräftige Detail hat, gelingt es, diese wortkarge, humorvoll unterspielte Geschichte in eine scharfe Kritik an leeren Werten und sinnlosem Streben zu verwandeln. Sein Film ist aber viel reizvoller, als diese Beschreibung nun klingt. Seine Inszenierung ist von langsamen Einstellungen und bedeutungsschwangeren Pausen geprägt, sodass sie geradezu finnisch wirkt; seine Empathie gilt einer Condition humaine, die dem Dasein einer Taube im Käfig gleicht. Als der Film schliesslich eine Art Erlösung erreicht, stellt sich überfälliger kathartischer Jubel ein.» (Janet Maslin, The New York Times, 25.9.1999) 94 Min / sw / 35 mm / F/d // REGIE Benoît Mariage // DREHBUCH Benoît Mariage , Emmanuelle Bada , Jean-Luc Seigle // KAMERA Philippe Guilbert // MUSIK Stéphane Huguenin, Yves Sanna // SCHNITT Philippe Bourgueil // MIT Benoît ­Poelvoorde (Roger), Morgane Simon (Luise), Jean-François Devigne (Michel), Dominique Baeyens (Madeleine), Bouli Lanners (Trainer), Philippe Grand’Henry (Felix).

LE CLUB DES CHÔMEURS Luxemburg/Schweiz 2003 Premiere Abseits der legendären Banken im Steuerparadies Luxemburg liegt die südliche Region Minett, die einst von der Stahlindustrie dominiert war. Vor Jahren jedoch wurden die Schmelzen der ARBED und ihre Belegschaften gesundgeschrumpft.


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Best of Benelux. Aus Frustration und Protest haben entlassene Stahlarbeiter den «Club der Arbeitslosen» gegründet, der zwei Gebote kennt: Kein Mitglied darf arbeiten, und jeder verdiente Franc muss aus Gaunerei, Schwarzarbeit oder der Arbeitslosenkasse stammen. Der Club besteht aus Sonderlingen: Jérôme, genannt «Geronimo», verliebt sich in Angie, seine Betreuerin beim Arbeitsamt, und bekämpft seine Potenzprobleme mit Indianer­ ritualen. Théid erzählt gerne von den einstigen Unfällen in der Schmelze, und Frunnes ist so schwer verschuldet, dass er sich zu einem Bankraub entschliesst. Die luxemburgische Antwort auf die britischen Komödien Brassed Off und The Full Monty. (mb) 98 Min / Farbe / Digital SD / Luxemburgisch/d // REGIE Andy Bausch // DREHBUCH Andy Bausch , Jean-Louis Schlesser // KAMERA Jacques Raybaut // MUSIK Serge Tonnar // SCHNITT Mirjam Krakenberger // MIT Thierry van Werveke (Jérôme «Géronimo» Klein), Myriam Muller (Angèle), André Jung (Theodor «Théid» Linari), Marco Lorenzini (Frunnes), Luc Feit (Fränz «Sonny Boy» Welwerding), Fernand Fox (Abbes), Christian Kmiotek (Patrick «Petz»).

INTERVIEW Niederlande 2003 Premiere Pierre, ein angesehener politischer Journalist mittleren Alters, wird dazu verknurrt, das beliebte Starlet Katja zu interviewen. Als die beiden aufeinanderprallen, fliegen die Fetzen. «Katja Schuurman – die eh schon eine Figur spielt, die ihrer eigenen Persönlichkeit unbehaglich nahekommt (sie ist ein Star der erfolgreichen niederländischen Soap Gute Zeiten, schlechte Zei­ ten) – ist hervorragend in diesem ersten Akt (...) Pierre Bokma, in der weniger spektakulären Rolle, ist ebenso gut – ohne je seine professionelle Zurückhaltung zu verlieren – im leiseren zweiten Akt. (...) Es wird wiederholt deutlich gemacht, dass beide Figuren ihr Leben damit verdienen, dass sie sich von der Wirklichkeit distanzieren.» (Derek Elley, Variety, 20.10.2003) Theo van Gogh, ausserhalb der Niederlande vor allem wegen seiner kontroversen politischen Ansichten bekannt, die 2004 zu seiner Ermordung führten, war auch als Cineast ein Enfant terrible, aber seine Begabung war unbestritten. 89 Min / Farbe / 35 mm / Niederl/d // REGIE Theo van Gogh // DREHBUCH Theodor Holman, Hans Teeuwen // KAMERA Thomas Kist // MUSIK Rainer Hensel // SCHNITT Léon Verkade // MIT Katja Schuurman (Katja), Pierre Bokma (Pierre), Theo Maassen (Theo), Ellen Ten Damme (Ellen), Michiel de Jong (Soapie), Tinoes Fenanlamrer (Künstleragent).

SI LE VENT SOULÈVE LES SABLES Belgien/Frankreich 2006 Premiere «Die Suche nach Wasser bestimmt das Überleben in Ostafrika. (...) Rahne zieht mit seiner Familie, seiner Ziegenherde und seinem Dromedar nach Osten auf der Suche nach einer neuen Wasserstelle. Doch die wenigen, die es noch gibt, werden von einer korrupten Miliz kontrolliert. Andere Wassersuchende klauen sich gegenseitig das Vieh, bewaffnen sich und haben längst jede Achtung vor dem Leben verloren. Si le vent soulève le sable ist ein eindrucksvoller Film über einen unaufhörlichen Existenzkampf geworden in einer unwirtlichen Natur, die sich ihre Ressourcen nur mühevoll abringen lässt. (...) Doch bei allen prächtigen Totalen von der ostafrikanischen Wüste kommt der Film keinesfalls als eine ästhetizistische Meditation über Zeit, Raum und Kino daher. Dafür hat die belgische Filmregisseurin Marion Hänsel, die mit konsequenten Psychodramen wie Dust (1985) oder Les noces barbares (1987) bekannt wurde, einfach viel zu viel zu erzählen.» (Birgit Glombitza, Spiegel Online, 25.7.2007) 96 Min / Farbe / 35 mm / F/d // REGIE Marion Hänsel // DREHBUCH Marion Hänsel , nach dem Roman «Chamelle» von Marc Durin-Valois // KAMERA Walther van den Ende // MUSIK René-Marc Bini // SCHNITT Michèle Hubinon // MIT Isaka Sawadogo (Rahne), Asma Nouman Aden (Shasha), Emile Abossolo M’bo (Lassong), Carole Karemera (Mouna), Saïd Abdallah Mohamed (Ako), Ahmed Ibrahim Mohamed (Ravil), Moussa Assan (Janja), Saïd Omar Aden (Assombo).

BLACK BOOK (Zwartboek) Niederlande/Deutschland/GB/Belgien 2006 Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in den besetzten Niederlanden lässt sich die Jüdin Rachel von einer Widerstandsgruppe dazu überreden, das Hauptquartier der Nazis zu infiltrieren. Bei ­ihrer Undercover-Mission verliebt sie sich in den SS-Offizier Müntze und muss feststellen, dass es auf beiden Seiten Verräter gibt. «(Verhoeven knüpft) an frühere Werke wie etwa den 1977 entstandenen Kriegsfilm Soldaat van Oranje an. Anders als diese frühe RésistanceGeschichte jedoch bewegt sich Black Book schon allein durch die Erzählperspektive einer verfolgten Frau zwischen sämtlichen denkbaren Extremen und politischen Unkorrektheiten: Dass sich die forsche junge Jüdin – die den filmgeschichtlich eingespurten Opferbildern so erfrischend ­widerspricht – ausgerechnet in einen hochdekorierten Vernichter ihres Volkes verliebt, ist nicht


> Black Book.

> Mr. Nobody.

> Si le vent soulève les sables.

> Winter in Wartime.

> Moscow, Belgium.


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Best of Benelux. einfach nur eine Provokation an die Adresse der (deutschen) Shoah-Film-Diskussionen, sondern muss auch als ein Teil von Verhoevens geschickt eingesetzter Verdunkelungstaktik betrachtet wer­den.» (Alexandra Stäheli, NZZ, 10.5.2007) 145 Min / Farbe / 35 mm / OV/d/f // REGIE Paul Verhoeven // DREHBUCH Gerard Soeteman, Paul Verhoeven // KAMERA Karl Walter Lindenlaub // MUSIK Anne Dudley // SCHNITT

«Die launige Komödie Moscow, Belgium, die im Arbeiterviertel Moscou am Stadtrand von Gent ­ spielt, versammelt ein wunderbares, bis in die Nebenrollen grossartig besetztes Schauspieler­ ensemble. Die originellen Alltagsfiguren sind mit Ecken, Kanten und Selbstzweifeln versehen. Das Debüt des Belgiers Christophe van Rompaey unterhält und berührt, ohne je auf die Tränendrüse zu drücken.» (Sarah Stähli, Der Bund, 3.06.2009)

Job ter Burg , James Herbert // MIT Carice van Houten (Rachel Stein / Ellis de Vries), Sebastian Koch (SS-Hauptsturm-

102 Min / Farbe / 35 mm / Niederl/d // REGIE Christophe van

führer Ludwig Müntze), Thom Hoffman (Hans Akkermans),

Rompaey // DREHBUCH Jean-Claude van Rijckeghem, Pat

Halina Reijn (Ronnie), Waldemar Kobus (Günther Franken),

van Beirs // KAMERA Ruben Impens // MUSIK Tuur Florizo-

Derek de Lint (Gerben Kuipers).

one // SCHNITT Alain Dessauvage // MIT Barbara Sarafian (Matty), Jurgen Delnaet (Johnny), Johan Heldenbergh (Wer-

WINTER IN WARTIME (Oorlogswinter) Niederlande/Belgien 2008 Premiere Im Winter 1945 kann Michiel, der 14-jährige Sohn des Bürgermeisters eines niederländischen Städtchens, nicht verstehen, warum sein Vater sich kaum gegen die deutschen Besatzer auflehnt; sein Onkel Ben, ein Widerstandskämpfer, ist ihm eher ein Vorbild. Als ein britischer Pilot in der Nähe abstürzt, beschliesst Michiel ihm zu helfen und verstrickt sich in die tödlichen, tückischen Konflikte der Erwachsenen. «Die spartanische Welt von Koolhovens nüchternem, gut gemachtem Weltkriegs-Melodrama Winter in Wartime ist eine raue, blaugraue Landschaft aus Wald und Schnee, die von bewaffneten deutschen Soldaten in LKWs durchstreift wird. Dieser ansehnliche (...) Film ist die Adaptation eines halbautobiografischen Romans (‹Mein ­ Kriegswinter›) von Jan Terlouw, der fünf Jahre unter der deutschen Besatzung lebte.» (Stephen Holden, The New York Times, 17.3.2011) 103 Min / Farbe / Digital HD / OV/d // REGIE Martin Koolhoven

ner), Anemone Valcke (Vera), Sofia Ferri (Fien), Julian Borsani (Peter), Bob De Moor (Jacques).

MR. NOBODY Belgien/Deutschland/Kanada/Frankreich 2009 Der steinalte Nemo Nobody wird zu seinem Leben interviewt. Doch seine erratischen Erinnerungen beschreiben nicht nur einen Lebensweg, sondern mehrere, die sich nach einer schicksalhaften Weichenstellung in seiner Kindheit parallel aufgetan haben: Je nachdem ist er mit Anna, Elise oder Jean (un)glücklich geworden. «Visuell ist das extrem beeindruckend. Beinahe ein Wunder ist es jedoch, dass der Zuschauer bei all diesen Fragmenten, Verweisen, Assoziationen und Wendungen den Überblick behält, wobei das konkrete Verstehen gar nicht so wichtig ist. Der Film ist traurig und lustig, melancholisch und kitschig, enervierend und unterhaltend, nichts oder alles. Auf dem Sterbebett lacht sich der grosse Geschichtenerzähler Nemo Nobody beinahe tot. Ja, vielleicht war der Film, ist unser ganzes Leben, ist alles nichts weiter als ein guter Scherz.» (Karl Hafner, Der Tagesspiegel, 8.7.2010)

// DREHBUCH Mieke de Jong, Martin Koolhoven, Paul Jan Nelissen, nach dem Roman von Jan Terlouw // KAMERA

141 Min / Farbe / 35 mm / E/f/d // DREHBUCH UND ­REGIE

Guido van Gennep // MUSIK Pino Donaggio // SCHNITT Job

Jaco Van Dormael // KAMERA Christophe ­Beaucarne // MU-

ter Burg // MIT Martijn Lakemeier (Michiel van Beusekom),

SIK Pierre van Dormael // SCHNITT Susan Shipton, Matyas

Yorick van Wageningen (Onkel Ben), Jamie Campbell Bower

Veress // MIT Jared Leto (Nemo Nobody), Sarah Polley

(Jack), Raymond Thiry (Johan van Beusekom), Melody Klaver

(Elise), Diane Kruger (Anna), Linh Dan Pham (Jean), Toby

(Erica van Beusekom), Anneke Blok (Lia van Beusekom).

Regbo (Nemo mit 15), Juno Temple (Anna mit 15), Thomas Byrne (Nemo mit 9), Clare Stone (Elise mit 15).

MOSCOW, BELGIUM (Aanrijding in Moscou) Belgien 2008 Matty, 41 und alleinerziehende Mutter dreier Teen­ager, hat Grund genug, mit ihrem Schicksal zu hadern. Da rammt sie auch noch den LKW des jungen Truckers Johnny. Doch aus dem furiosen Streit der beiden entwickelt sich eine widerborstige Romanze.

BLACK BUTTERFLIES Deutschland/Niederlande/Südafrika 2011 Premiere «Paula van der Oests Black Butterflies ist ein aufwühlendes biografisches Portrait der Dichterin Ingrid Jonker, die auch die südafrikanische Sylvia Plath genannt wird. (...)


> Black Butterflies.

> Ă&#x20AC; perdre la raison.

> Matterhorn.

> Les chevaliers blancs.

> Boven is het stil.

> The Broken Circle Breakdown.


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Best of Benelux. Ihre Affäre mit (dem Romanautor Jack Cope), den sie kennenlernt, als sie er sie rettet, nachdem sie zu weit ins Meer hinaus geschwommen ist, bildet das Rückgrat des Dramas. Die Schilderung von Ingrids emotionaler und geistiger Labilität ist ein schonungsloses Bild einer gequälten Seele. (...) Jacks stabilisierender Einfluss hat keine Chance gegen Ingrids Vater Abraham, mit dem sie tödliche Gefühlsspiele austrägt. (...) Der Film erinnert uns daran, wie sehr die Lyrik als kulturelle Kraft seit den frühen 1960er Jahren marginalisiert worden ist. Als Jack und sein bester Freund, Uys Krige, minutiös zerrissene Fragmente von Jonkers Werk zu einem Manuskript zusammenfügen, das unter dem Titel ‹Rauch und Ocker› erscheint, hat das grosse Bedeutung.» (Stephen Holden, The New York Times, 1.3.2012) 100 Min / Farbe / 35 mm / E/d // REGIE Paula van der Oest // DREHBUCH Greg Latter // KAMERA Giulio Biccari // MUSIK Philip Miller // SCHNITT Sander Vos // MIT Carice van Houten (Ingrid Jonker), Liam Cunningham (Jack Cope), Rutger Hauer (Abraham Jonker), Graham Clarke (Uys Krige), Nicholas Pauling (Eugene Maritz), Candice D’Arcy (Anna Jonker).

À PERDRE LA RAISON Belgien/Luxemburg/Frankreich/Schweiz 2012 «Der belgische Filmemacher Joachim Lafosse wirft einen erschütternden Blick auf zwei Jungvermählte, deren Leben sich mit demjenigen eines alternden Arztes verstricken. Dieser hat den Gatten, einen arabischen Einwanderer, aufgezogen – warum also sollte der nette Doktor nicht mit dem nun erwachsenen Mann und seiner Frau zusammenleben, sie auf ihrer Hochzeitsreise begleiten, ihnen helfen, für ihre Kinder zu sorgen, und praktisch jeden Aspekt ihres Lebens bestimmen? Man ist nie sicher, ob dieser krankhaft manipulative Puppenspieler ein Schutzheiliger ist oder der Leibhaftige. (...) Niels Arestrup und Tahar Rahim nehmen hier ihre verdrehte Vater-Sohn-Beziehung aus Un ­prophète von 2009 wieder auf (...), aber Emilie ­Dequenne ist die stärkste Kraft in diesem Spielfilm nach Tatsachen. Wie der Star von Rosetta hier ­allmählich von leisem Ersticken in einen psy­ chischen Zusammenbruch übergeht, ist nichts Geringeres als eine Offenbarung. (...) Die nahe­zu perfekte Inszenierung eines bürgerlichen Trauerspiels als Herr-und-KnechtPsychodrama, ­eines, das katastrophale Kollateralschäden zurücklässt.» (David Fear, Time Out, 30.7.2013) 111 Min / Farbe / DCP / F/d // REGIE Joachim Lafosse // DREHBUCH Matthieu Reynaert, Thomas Bidegain, Joachim Lafosse // KAMERA Jean-François Hensgens // SCHNITT

­Sophie Vercruysse // MIT Émilie Dequenne (Murielle), Tahar Rahim (Mounir), Niels Arestrup (André Pinget), Stéphane Bissot (Françoise), Baya Belal (Rachida), Mounia Raoui ­(Fatima), Redouane Behache (Samir).

THE BROKEN CIRCLE BREAKDOWN Belgien/Niederlande 2012 Didier ist Musiker, Elise hat ein Tätowierstudio. Die beiden verlieben sich, sie singt in seiner Band, sie kriegen eine süsse Tochter. Die Idylle zerbricht, als das Mädchen an Krebs erkrankt. «Man fände wohl nur mit Mühe ein grosses Thema, das in The Broken Circle Breakdown fehlt: Liebe. Verlust. Tod. Liebeskummer. Gott. Glaube. Schuld. Elternschaft. Träume. Übergangsriten. Die Rolle von Freunden, Musik, Ritualen und Heimat im Kreislauf des Lebens. Der Kreislauf des Lebens an sich. In diese grosse Liebesgeschichte zwischen dem Bluegrass spielenden Cowboy Didier und der bezaubernden blonden Tätowiererin Elise, angesiedelt irgendwo bei Gent, packt der belgische Regisseur Felix van Groeningen überdies eine Menge erstaunlich überzeugender amerikanischer Volksmusik rein sowie eine urkomische Kindergeburtstagsszene (...) und eine der erotischsten Verführungsszenen aller Zeiten.» (Gilda Williams, Sight & Sound, November 2013) 111 Min / Farbe / DCP / OV/d/f // REGIE Felix van Groeningen // DREHBUCH Carl Joos, Felix van Groeningen, Charlotte Vandermeersch, nach dem Theaterstück «The Broken Circle Breakdown Featuring the Cover-Ups of Alabama» von Johan Heldenbergh, Mieke Dobbels // KAMERA Ruben Impens // MUSIK Bjorn Eriksson // SCHNITT Nico Leunen // MIT Johan Heldenbergh (Didier/Monroe), Veerle Baetens (Elise/Alabama), Nell Cattrysse (Maybelle), Geert van Rampelberg (William), Nils De Caster (Jock), Robbie Cleiren (Jimmy).

BORGMAN Niederlande/Belgien/Dänemark 2013 Premiere «Der titelgebende Herr Borgman kommt aus dem Wald und arbeitet sich ins Zentrum einer reichen Familie mit drei Kindern und Au-pair-Mädchen vor, indem er zuerst einmal einfach klingelt und in seiner ganzen Verdrecktheit darum bittet, ein Bad nehmen zu dürfen. Vom Herrn des Hauses wird er daraufhin fürchterlich verprügelt, was ihm den Weg ins Gewissen (und schliesslich mehr) der Frau öffnet. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen für die Infiltration und schliessliche Übernahme der privilegierten Familie. (...) Er habe einen Film machen wollen, der dunkler sei als seine bisherigen sieben, sagt Alex van


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Best of Benelux. Warmerdam. Und zugleich einen, der mehr Fragen aufwerfe, als er Antworten gebe. Das ist ihm auf jeden Fall gelungen, auch wenn die wohl naheliegendste Interpretation der Vorgänge jene ist, die Europa am meisten beschäftigt: Wie können wir unseren Wohlstand erhalten, wenn andere auch daran teilhaben wollen? Und wo stehen wir moralisch, wenn wir uns diese Frage schon stellen?» (sennhausersfilmblog.ch, 19.5.2013) 113 Min / Farbe / Digital HD / OV/d // DREHBUCH UND ­REGIE Alex van Warmerdam // KAMERA Tom Erisman // MUSIK ­Vincent van Warmerdam // SCHNITT Job ter Burg // MIT Jan Bijvoet (Camiel Borgman), Hadewych ­Minis (Marina), ­Jeroen Perceval (Richard), Alex van Warmerdam (Ludwig),

tern (das eigene und jenes des Vaters) und sieht sich mit seiner zunehmenden Einsamkeit konfrontiert. Dann beschliesst er, seinen Vater ‹zum Sterben› in die obere Etage zu verlegen, um unten zu renovieren und einen weiteren Start in eine neue Zukunft zu wagen. (...) Boven is het stil ist auf den ersten Blick ein vermeintlich kleiner Film, in dem aber ganz grosses Kino steckt. Ohne viel Worte zeigt er uns ein schweigsames Bauernleben, beobachtet ruhig und überlegt, nähert sich der Szenerie und den Charakteren behutsam an und verzichtet auf jede Wertung des Gezeigten. Und gerade das macht ihn zu einem überaus sehenswerten Werk.» (Patrick Thülig, kino-zeit.de, Juni 2013)

Tom Dewispelaere (Pascal), Sara Hjort Ditlevsen (Stine), Elve Lijbaart (Isolde), Annet Malherbe (Brenda).

93 Min / Farbe / DCP / Niederl/d // REGIE Nanouk Leopold // DREHBUCH Nanouk Leopold, nach dem Roman von Gerbrand

MATTERHORN Niederlande 2013 Premiere

Bakker // KAMERA Frank van den Eeden // MUSIK Paul M. van Brugge // SCHNITT Katharina Wartena // MIT Jeroen Willems (Helmer), Henri Garcin (Vater), Martijn Lakemeier (Henk), Wim Opbrouck (Milchfahrer), Lies Visschedijk (Ada), Job Steenman (Ronald), Xander Steenman (Teun).

«‹Wenn du lügst, dann belügst du auch Gott›, weist Fred den fremden Mann in seinem Haus zurecht. Dieser soll gelogen haben, als er um Benzingeld bittend an seiner Haustür erschienen sei. Denn schon am nächsten Tag fängt Fred ihn beim Nachbarn gegenüber ab – im Glauben, der namenlose Landstreicher wolle auch dessen Hilfe ersuchen. Als tatsächliche Lüge jedoch wird sich einzig Freds in den Zwängen einer ritualisiert ­pedantischen Normalität, gottgläubigen Strenge und trostlosen Alltäglichkeit eingerichtetes Leben erweisen. Ein Leben, das der mysteriöse Gast, fast wie einst in Pasolinis Teorema, ganz gehörig auf den Kopf stellt. (...) Der warmherzigen Geschichte, der rührenden Mischung aus Komik und Tragik und ganz besonders auch der einnehmenden Leistung der beiden Hauptdarsteller verdankt Matterhorn seinen grossen Erfolg beim Publikum.» (Rajko Burchardt, kino-zeit.de) 87 Min / Farbe / DCP / Niederl/d // DREHBUCH UND ­REGIE Diederik Ebbinge // KAMERA Dennis Wielaert // SCHNITT ­Michiel Reichwein // MIT Ton Kas (Fred), René van’t Hof (Theo), Porgy Franssen (Kamps), Ariane Schluter (Saskia), Helmert Woudenberg (Pfarrer), Elise Schaap (Trudy), Alex Klaasen (Johan), Kees Alberts (Johan mit 8).

BOVEN IS HET STIL Niederlande/Deutschland 2013

LES CHEVALIERS BLANCS Belgien/Frankreich 2015 Premiere Wie Lafosses letzter Film, À perdre la raison, «beruht auch dieser (...) auf einer wahren Begebenheit um Kinder in Gefahr: Eine französische Wohltätigkeitsorganisation gab sich als NGO namens ‹l’Arche de Zoé› aus, um 103 Kinder aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Tschad zu befreien und zu französischen Familien zu schaffen, mit denen sie ständig telefonisch in Verbindung war. Nie enthüllten diese Leute den Dorfbewohnern oder den Kindern ihre wahre Identität oder ihre Absichten, da sie überzeugt waren, ihre Zwecke heiligten ihre unzweifelhaft fragwürdigen Mittel. Les chevaliers blancs ist also keine simple Geschichte über Heldentum. (...) Ebenso wenig aber ist er eine geradlinige Abrechnung mit destruktivem linken Gutmenschentum. (...) Lafosse ist ein mitfühlender Filmemacher, der an das Gute im Menschen glaubt, auch wenn dessen Mängel erschreckend deutlich zutage treten.» (Ashley Clark, Sight & Sound online, 16.9.2015) 112 Min / Farbe / DCP / OV/e // REGIE Joachim Lafosse // DREHBUCH Joachim Lafosse, Bulle Decarpentries, Thomas van Zuylen, nach dem Buch «Nicolas Sarkozy dans l’avion? Les zozos de la Françafrique» von François-Xavier Pinte und

«Der 50-jährige Bauer Helmer lebt zusammen mit seinem 80-jährigen Vater auf einem Bauernhof in Zeeland. Nachdem sein Zwillingsbruder vor kurzem gestorben ist, befindet sich Helmer in einer ausgewachsenen Sinnkrise, er spürt das Al-

Geoffroy d’Ursel // KAMERA Jean-François Hensgens // SCHNITT Sophie Vercruysse // MIT Vincent Lindon (Jacques Arnault), Louise Bourgoin (Laura Turine), Valérie Donzelli (Françoise Dubois), Reda Kateb (Xavier Libert), Stéphane ­Bissot (Marie Latour), Raphaëlle Lubansu (Nathalie Joris).


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Alte Filme als Live-Erlebnisse Wie wohltuend sind die Werke der ersten Jahrzehnte der Filmgeschichte. Diese «stummen», ohne integrierte Tonspur auskommenden Filme erzählen fast ausschliesslich in Bildern – und wie beredt ist ihr Schweigen! Wenn dann noch eine einfühlsame Live-Musikbegleitung die Aus­ sage der Bilder emotional verstärkt, entstehen unvergessliche Kinoerlebnisse. Das schon traditionelle Stummfilmfestival will den Reichtum und die Vielfalt dieser frühen, aber zu hoher Kunst entwickelten Filmart einem heutigen Publikum auf Spitzenniveau vermitteln. Es wartet auch 2016 mit überraschenden Entdeckungen auf. Da sind legendäre Titel dank kürzlich restaurierten Fassungen in neuem Glanz zu erleben. Komödien stehen neben sozialen Melodramen, Literaturverfilmungen neben einer ethnografischen Docufiction, ein Männerfilm aus dem «Wilden Westen» neben frühen feministischen Geschichten, ein Kurzfilm neben dem 6½-stündigen Les Misérables. Zu Werken heute weitgehend vergessener Filmschaffender gesellen sich frühe Arbeiten späterer Berühmtheiten wie Jean Renoir, John Ford und Ernst Lubitsch. Einen Schwerpunkt bilden Filme von 1916 und 1926 – als Jahresauftakt zu «Das erste Jahrhundert des Films», der permanenten Filmgeschichtsreihe des Filmpodiums. Ein Rahmen, der auch eine willkommene Gelegenheit bietet, neben der Pflege des Klassiker-Repertoires einige Filme nachzureichen, die in einem anderen Kontext noch nicht erhältlich waren: In die Hommage an Joan Crawford im Sommer 2015 hätte als frühes Beispiel ihr Auftritt als Partnerin des genialen Clowns Harry Langdon in Tramp, Tramp, Tramp bestens gepasst – mit etwas Verspätung wird dieses Vergnügen nun nachgeliefert. Zwei weitere Stars, auf die das Filmpodiums-Publikum viele Jahre warten musste, kommen nun endlich zu Ehren: Vom französischen Komiker Max Linder, den Chaplin als Vorbild verehrte, stehen ein früher kurzer Film aus seiner französischen Periode und Seven Years Bad Luck, einer seiner besten US-amerikanischen Langspielfilme, auf dem Programm. Die Schauspielerin Ruan Ling-yu war zu Beginn der 1930er-Jahre in China ein Superstar vom Glanz einer Garbo oder Dietrich, doch ihre Filme waren lange unsichtbar. Die Restaurierung von Love and Duty erlaubt es nun, der Leinwandlegende zu begegnen und ihre darstellerische Vielseitigkeit und Intensität zu bewundern. Zum Live-Event werden diese Filme erst durch eine adäquate musikalische Begleitung. Unsere auf Stummfilme spezialisierten Musiker treten als Partner des filmischen Werks mit diesem in einen künstlerischen Dialog, der das Publikum beide Ebenen intensiver wahrnehmen lässt. Neben unseren


19 «Hauspianisten» Martin Christ, André Desponds und Alexander Schiwow kommen wiederum einige der international gefragtesten Meister ihres Fachs nach Zürich: die Briten Neil Brand und Stephen Horne, die Niederländerin Maud Nelissen, der Frankokanadier Gabriel Thibaudeau und aus Deutschland Joachim Bärenz (Essen) und Günter A. Buchwald (Freiburg i. Br.). Zur Eröffnung spielen für John Fords Three Bad Men der Pianist Neil Brand und Günter A. Buchwald als Violonist. Zu The Hunchback of Notre Dame hat Gabriel Thibaudeau eine Partitur für Piano, Geige und Gesangsstimme komponiert und interpretiert sie am Flügel, begleitet von Günter A. Buchwald (Geige) und von der Schweizer Sopranistin Gerda Findeisen. Die passende Musik für Varieté improvisiert das Duo Günter A. Buchwald, diesmal am Klavier, und Frank Bockius (Freiburg i. Br.) am Schlagzeug. Zum krönenden Abschluss mit der Komödie Tramp, Tramp, Tramp wird die Zürcher Jazzund Elektronik-Musik-Grösse Bruno Spoerri – nach dem Erfolg seines «Stummfilmdebüts» im Januar 2015 – erneut das Festival bereichern, diesmal zusammen mit Roger Girod, dem in Zürich ebenfalls bestens bekannten Pianisten. Martin Girod

Das erste Jahrhundert des Films In der Dauerreihe «Das erste Jahrhundert des Films» zeigen wir im Lauf von zehn Jahren rund 500 ­wegweisende Werke der Filmgeschichte. Die Auswahl jedes Programmblocks ist gruppiert nach Jahrgängen, woraus sich schliesslich 100 Momentaufnahmen des Weltkinos von 1900 bis 1999 ergeben. ­Referenzzahl ist jeweils der aktuelle Jahrgang, d. h. im Jahr 2016 sind Filme von 1916, 1926, 1936 usw. zu sehen. Weitere wichtige Filme von 1916

Weitere wichtige Filme von 1926

Cenere Febo Mari, Italien Das Liebes-ABC Magnus Stifter, Deutschland Intolerance David Wark Griffith, USA Joan the Woman Cecil B. DeMille, USA Pikowaja dama (Pique Dame) Jakow Protasanow, UdSSR The Pawnshop Charles Chaplin, USA Tigre reale Giovanni Pastrone, Italien Verdens Undergang (Weltuntergang) August Blom, Dänemark

Die Abenteuer des Prinzen Achmed Lotte Reiniger, Deutschland Faust – Eine deutsche Volkssage Friedrich Wilhelm Murnau, Deutschland Fig Leaves Howard Hawks, USA Geheimnisse einer Seele Georg Wilhelm Pabst, Deutschland Kurutta Ippeiji (A Page of Madness) Teinosuke Kinugasa, Japan Mat (Die Mutter) Wsewolod Pudowkin, UdSSR Ménilmontant Dimitri Kirsanoff, Frankreich Po Sakonu (Dura Lex) Lew Kuleschow, UdSSR Schinjel (Der Mantel) Grigori Kosinzew, Leonid Trauberg, UdSSR Flesh and the Devil Clarence Brown, USA The General Buster Keaton, Clyde Bruckman, USA The Son of the Sheik George Fitzmaurice, USA What Price Glory Raoul Walsh, USA

Für die Unterstützung des Stummfilmfestivals danken wir >

Provoziert unverhohlene Schaulust: Lya De Putti als Tänzerin in Varieté

<

 Undercover: Karin Molander als vermeintliches Hausmädchen in Liebe und Journalismus


> Seven Years Bad Luck.

> Schuhpalast Pinkus.

> La Bohème.

> The Hunchback of Notre Dame.

> Nana.

> Tramp, Tramp, Tramp.


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Stummfilmfestival 2016.

VIVE LA VIE DE GARÇON Frankreich 1908

SEVEN YEARS BAD LUCK USA/Frankreich 1921 Die Pionierrolle Max Linders (1885–1925) als Filmkomiker und als Autor von Filmen, die sich durch einen feineren Humor von den Farcen seiner Vorgänger abhoben, ist unbestritten. Zu jenen, die ihm als Vorbild grossen Respekt zollten, gehörte nicht zuletzt Charles Chaplin. Die überfällige LinderHommage im Rahmen des Stummfilmfestivals bringt einen seiner frühen französischen Kurzfilme zusammen mit einem langen Film, den Linder als sein eigener Produzent in den USA drehte und damit zeigte, dass er seinerseits den amerikanischen Slapstick kreativ weiterzuentwickeln wusste. Seven Years Bad Luck enthält u. a. das Urbild der komischen Spiegelszene, die später von den Marx Brothers und anderen Komikern aufgegriffen wurde. «Linder repräsentierte – ganz im Gegensatz zu Chaplin, auf den er nichtsdestoweniger Einfluss ausgeübt hat – den Typ des ‹aristokratischen› Komikers, der stets untadelige Kleidung trägt (…). Linders Filme lassen alle damals bekannten Elemente der Filmkomödie zu einem fein abgestimmten Arrangement verschmelzen, das meist von maliziöser Ironie gewürzt ist.» (Ulrich Gregor/Enno Patalas: Geschichte des Films, Gütersloh 1962)

pflichtete und ihnen auch Regieverantwortung übertrug, legte er den Grundstein zum Ruhm des schwedischen Stummfilms. Leider müssen die frühen Filme weitgehend als verloren gelten. Das Drama Die Grenzbewohner ist der früheste erhaltene Film Stillers. Es spielt «in unserer Zeit an einer Grenze», und die eher absurd wirkenden Wachtposten vermögen die Leute nicht wirklich zu trennen, es entspinnt sich sogar eine grenzüberschreitende Liebesgeschichte. Doch eines Tages bricht ein Krieg aus; die Grenze wird zur Front … «Die spritzige Komödie Liebe und Journalismus schildert die Abenteuer einer jungen Journalistin, die sich als Hausmädchen bei einem berühmten Polarforscher anstellen lässt, um zu einem Scoop zu gelangen.» (Larousse, Dictionnaire mondial du cinéma, Paris 2011) «Liebe und Journalismus zeigt Stillers Komödienstil schon in voller Reife. Die Figuren sind lebendig und intelligent, er inszeniert sie sehr präzise. Männer und Frauen streiten sich, ziehen sich dann zurück, doch nur um die nächste List vorzubereiten. Aber Stillers Situationen kommen ohne jede Boshaftigkeit aus.» (Anna-Lena Wibom: Hommage à Mauritz Stiller, Locarno 1977) DIE GRENZBEWOHNER 45 Min / tinted / 35 mm / Stummfilm, schwed./engl. Zw’titel // REGIE Mauritz Stiller // DREHBUCH Peter Lykke-Seest, frei nach einem Roman von Émile Zola // KAMERA Julius Jaenzon, Hugo Edlund // MIT Egil Eide (Ivan), Richard Lund (Gregori, sein Bruder), Jenny Tschernichin-Larsson (die Mutter), John Ekman (der Vater), Edith Erastoff (Katjuscha).

VIVE LA VIE DE GARÇON

LIEBE UND JOURNALISMUS

7 Min / sw / DCP / Stummfilm, franz. Zw’titel // REGIE Max

45 Min / tinted / 35 mm / Stummfilm, schwed./engl. Zw’titel //

­Linder // MIT Max Linder.

REGIE Mauritz Stiller // DREHBUCH Harriet Bloch // KAMERA Gustaf Boge // MIT Richard Lund (Wissenschaftler Dr. Eric

SEVEN YEARS BAD LUCK

Bloomé), Jenny Tschernichin-Larsson (Erics Mutter), Karin

62 Min / tinted / DCP / Stummfilm, engl. Zw’titel // DREHBUCH

Molander (Journalistin Hertha Weye), Stina Berg (Haushälte-

UND REGIE Max Linder // KAMERA Charles Van Enger // MIT

rin Stina), Gucken Cederborg (Journalist).

Max Linder (Max), Alta Allen (Max’ Verlobte), Ralph McCullough (Diener John), F. B. Crayne (falscher Freund).

Di, 12, JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ANDRÉ DESPONDS, ZÜRICH

SA, 9. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON

DIE GRENZBEWOHNER (Gränsfolken)

SHOES USA 1916

Schweden 1913

LIEBE UND JOURNALISMUS (Kärlek och journalistik ) Schweden 1916

Als der Produzent Charles Magnusson 1912 mit Mauritz Stiller und Victor Sjöström zwei junge Theaterleute als Darsteller für seine Filme ver-

SCHUHPALAST PINKUS Deutschland 1916 Lois Weber (1881–1939), anfänglich Schauspielerin, war ab 1914 die zweite Frau – nach Alice GuyBlaché –, die sich in den USA als Filmregisseurin durchsetzen konnte. Die Hauptfigur von Shoes ist Verkäuferin in einem Warenhaus und den ganzen


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Stummfilmfestival 2016. Tag auf den Beinen. Dringend bräuchte sie Ersatz für ihre kaputten Schuhe, die Stiefelchen jedoch, die ihr aus einem Schaufenster entgegenlachen, scheinen unerreichbar … «Lois Weber war zweifellos die bedeutendste Regisseurin der Stummfilmzeit. Ihre Produktionen waren nicht nur jenen der meisten ihrer männlichen Zeitgenossen ebenbürtig, sondern sie hat in praktisch allen ihren Filmen Prinzipien und Überzeugungen zum Ausdruck gebracht, die ihr selbst existenziell wichtig waren.» (Anthony Slide: Engel vom Broadway, Münster 1982) Schuhpalast Pinkus ist die früheste erhaltene Regiearbeit Lubitschs und die einzige, in der er zugleich als Hauptdarsteller zu sehen ist. «Ein sagenhafter Aufstieg vom Lehrling zum Inhaber eines Schuhsalons. (…) Sally Pinkus ist Reklame und Ware zugleich, ein fleischgewordenes Versprechen.» (Karsten Witte, in: H. H. Prinzler/E. Patalas: Lubitsch, München 1984) SHOES

sade der französischen Kathedrale (…) und Lon Chaney als Quasimodo, deren spektakulär verkrüppelten Glöckner.» (Jim Hoberman, New York Times, 3.4.2014) 117 Min / tinted / DCP / Stummfilm, engl. Zw’titel // REGIE Wallace Worsley // DREHBUCH Edward T. Lowe, Perley Poore Sheehan, nach dem Roman «Notre-Dame de Paris» von Victor Hugo // KAMERA Robert Newhard // SCHNITT Edward Curtiss // MIT Lon Chaney (Quasimodo), Patsy Ruth Miller (Esmeralda), Norman Kerry (Phoebus), Kate Lester (Madame de Gondelaurier), Nigel De Brulier (Dom Claude). MO, 18. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU, MONTRÉAL, GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR., GERDA FINDEISEN, MONTRÉAL

NORRTULLSLIGAN Schweden 1923

55 Min / tinted / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw’titel // REGIE Lois Weber // DREHBUCH Lois Weber, nach Vorlagen von Stella Wynne Herron, Jane Addams // KAMERA Stephen S. Norton, King D. Gray, Allen Siegler // MIT Mary MacLaren (Eva Meyer), Harry Griffith (Evas Vater), Mattie Witting (Evas Mutter), Jessie Arnold (Lil), William V. Mong (Charlie).

SCHUHPALAST PINKUS 55 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Ernst Lubitsch // DREHBUCH Hanns Kräly, Erich Schönfelder // MIT Ernst Lubitsch (Sally Pinkus), Else Kentner (Melitta Hervé), Guido Herzfeld (Herr Meyersohn), Ossi Oswalda (Lehrtochter), Hanns Kräly (Lehrer). SA, 23. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL

THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME USA 1923 Bemühte sich das französische Kino im Umgang mit einem der grössten Schriftsteller des Landes um Werktreue (siehe Les Misérables), ging Hollywood den entgegengesetzten Weg: Um keine ­Urheberrechte einholen zu müssen und im Bestreben, Hugo dem Geschmack eines breiten USPublikums anzunähern, nahmen sich die Drehbuchautoren dieser Verfilmung von «Notre-Dame de Paris» grosse Freiheiten. Der Film von 1923 stand lange Zeit im Schatten der William-­DieterleVersion (1939) und war kaum noch zu sehen. Er scheint nur in 16-mm-Kopien überlebt zu haben und ist nun digital restauriert worden. Der Film hatte «hatte zwei Hauptattraktionen: die beinahe im Massstab 1:1 nachgebaute Fas-

«Ein ungewöhnlicher Stummfilm, der vier Büroangestellte zeigt, die in einer Wohngemeinschaft leben und sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten wissen. Dabei zeigt der Film die sozialen Verhältnisse präzise, ohne dabei seine komödiantische Grundstimmung aufzugeben. Die lakonischen Zwischentitel stammen direkt aus dem Roman der Schriftstellerin und Journalistin Elin Wägner, der dem Film zugrunde liegt.» (Programm Bonner Sommerkino 2015) «Der Titel von Wägners Roman bedeutet wörtlich Nordtor-Liga und bezieht sich auf ein Arbeiterviertel, in dem das Quartett der ‹pink collar ladies› wohnt. Der neu geprägte englische Titel jedoch hat jegliches Lokalkolorit abgestreift und bringt direkter zum Ausdruck, welchen Herausforderungen sich die Frauen im modernen Wettlauf stellen müssen: ‹Men and Other Misfortunes›. Die ‹misfortunes› sind von vertrauter Art, wie sie uns auch heute noch bedrohen: sexuelle Belästigung, Vorurteile gegenüber Alleinerziehenden, die Lohndiskriminierung, die ‹Glasdecke› und ein unbarmherziger Kapitalismus, der Arme gegen Arme ausspielt in einer Welt, in der das Geld regiert.» (Shari Kizirian, San Francisco Silent Film Festival Catalogue 2015) 85 Min / tinted / 35 mm / Stummfilm, schwed./dt. Zw’titel // REGIE Per Lindberg // DREHBUCH Hjalmar Bergman, nach dem Roman von Elin Wägner // KAMERA Ragnar Westfelt // MIT Tora Teje (Pegg), Inga Tidblad (Baby), Renée Björling (Eva), Linnéa Hillberg (Emmy), Egil Eide (Peggs Vorgesetzter), Tollie Zellman (Görel ), Olav Riégo (Görels Verlobter). SO, 10. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: STEPHEN HORNE, LONDON


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Stummfilmfestival 2016.

VARIETÉ Deutschland 1925 «Der ehemalige Trapezartist Huller verlässt Frau und Kind, um mit der jüngeren und verführerischen Berta-Marie nach Berlin zu gehen. Gemeinsam mit ihr erhält er ein Engagement im Berliner Wintergarten, wo sie im Trio mit dem Luftakrobaten Artinelli zur grossen Attraktion werden. Bis Huller bemerkt, dass Berta-Marie ihn mit dem Partner betrügt. (…) Die unverhohlene Schaulust, die Berta-Marie als Tänzerin provoziert, richtet Dupont aufs Artifizielle: Für Varieté liess er auch die ‹entfesselte› Kamera Karl Freunds Kunststücke zwischen Himmel und Erde vollführen.» (Katalog Filmfestspiele Berlin 2015) «Der Film ist ein einziger Strudel von Licht und Bewegung. (…) Die Kamera Karl Freunds wird zum subjektiven Reflex, sie wird zum Auge des Helden. (…) Die Kamera ist in unaufhörlicher Bewegung. Ihre ständige Beweglichkeit korrespondiert mit dem häufigen Wechsel der Gefühle, mit der Instabilität menschlicher Beziehungen. (…) Varieté wurde zum grössten deutschen Filmerfolg 1925.» (Fred Gehler, in: Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933, Berlin 1988) 104 Min / tinted / Digital HD / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Ewald André Dupont // DREHBUCH Leo Birinski, Ewald André Dupont, nach einem Roman von Felix Hollaender // KAMERA Karl Freund, Carl Hoffmann // MIT Emil Jannings (Huller), Lya De Putti (Berta-Marie ), Maly Delschaft (Frau Huller), Warwick Ward (Artinelli), Kurt Gerron (Hafenarbeiter). DO, 14. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GÜNTER A. BUCHWALD UND FRANK BOCKIUS, FREIBURG I. BR.

NANA Frankreich 1926 Nana, eine ambitionierte Theaterschauspielerin, dient sich der besseren Gesellschaft von Paris als Kurtisane an und bringt es zu grossem Reichtum. Ihr skrupelloser Egoismus treibt manchen Mann in den Tod – nach vielen erotischen Eskapaden endet aber auch ihr Leben tragisch. Nana ist Renoirs zweite Regiearbeit, der einzige seiner Stummfilme, den er später für erwähnenswert hielt, und einer seiner ambitioniertesten Filme. Die eigenwillige, auf wenige Hauptfiguren reduzierte Zola-Adaptation, eine von Renoir selbst finanzierte aufwendige Produktion, war ein kommerzieller Misserfolg und ruinierte ihn vorübergehend. «Jean Renoir fügt Émile Zolas Roman und Manets Gemälde eine dritte, filmische ‹Nana› hinzu. Ge-

nau das, was heute die Frische und Modernität dieses Films begründet, führt 1926 zu endlosem Kopfschütteln: das Burleske im Tragischen, Vulgäre im Sentimentalen, Harte im Zarten, das völlig Stilisierte im scheinbar Realistischen – die Lust Renoirs, Gegensätze ständig verrückt zu vermischen.» (Harry Tomicek, Österreichisches Filmmuseum, Dez. 2006/Jan. 2007) 135 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, franz. Zw’titel // REGIE Jean Renoir // DREHBUCH Pierre Lestringuez, Jean Renoir, nach dem Roman von Émile Zola // KAMERA Jean Bachelet, Edmund Corwin // SCHNITT Jean Renoir // MIT Catherine Hessling (Nana), Werner Krauss (Comte Muffat), Jean Angelo (Comte de Vandeuvres), Raymond Guérin-Catelain (Georges Hugon), Valeska Gert (Zoé, Nanas Zofe). MI, 6. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: NEIL BRAND, LONDON

THREE BAD MEN USA 1926 «Der letzte Stummfilmwestern von John Ford zeigt schon all die Qualitäten, die seine späteren Meisterwerke auszeichnen. Vor dem Hintergrund des ‹land rush› von Dakota, als 1876 Indianergebiet zur Goldsuche und Besiedelung freigegeben wurde, wird die Geschichte von drei Banditen erzählt, die eine junge Frau retten und mit einem verbrecherischen Sheriff abrechnen. Fords Sympathien liegen eindeutig bei den Aussenseitern: einem Bankräuber, einem Falschspieler und einem Pferdedieb.» (Bonner Sommerkino 2012) «Fords stummes Meisterwerk (…). Anstatt sie zu verulken oder sie mit Ironie lächerlich zu machen, kreiert John Ford Figuren, die eine desillusionierte Haltung zum Leben einnehmen. (…) Die Originalität des Films rührt weniger vom Thema her als von diesen drei Figuren, die ihm seinen Ton, seine Stimmung und seine Farbe verleihen. Der Film ist wahrhaftig ein Epos, aber ein Schelmenepos, in dem die Figuren ihr Heldentum nie ernst nehmen. Der liebenswerte Spott dieser drei Musketiere unterstreicht ironisch die Grösse ihres Opfers.» (Jean Mitry, zitiert nach: Viennale (Hg.): John Ford, Wien 2014) 103 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw’titel // REGIE John Ford // DREHBUCH John Stone, John Ford, nach einem Roman von Herman Whitaker // KAMERA George Schneiderman // MIT George O’Brien (Dan O’Malley), Olive Borden (Lee Carlton), J. Farrell MacDonald (Mike Costigan), Tom Santschi (Bull Stanley), Frank Campeau (Spade Allen), Lou Tellegen (Sheriff). DI, 5. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: NEIL BRAND, LONDON, UND GÜNTER A. BUCHWALD, FREIBURG I. BR.


> Love and Duty.

> Mutter Krausens Fahrt ins Glück.

> Les Misérables.

> Moana.


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Stummfilmfestival 2016.

LA BOHÈME USA 1926 «Eines der Meisterwerke unter Vidors Stummfilmen. Von Murgers Roman hat der Regisseur nur jene Kapitel übernommen, die von der Liebe zwischen Mimi und Rodolphe handeln. (…) Vidor respektiert den Geist des Romans: Er schildert das Leben der Bohème, mit seinen Schwierigkeiten, den Momenten der Mutlosigkeit, dem Bemühen um Ruhm. (…) Der Ton, in dem uns Vidor die beiden Hauptfiguren zeigt, wechselt zwischen Komik und Tragik, zwischen Humor und Ernsthaftigkeit, ohne je zu insistieren oder pompös zu werden. (…) In der Szene von Mimis Rückkehr triumphiert ­Vidors Genie (…): Einfach und ohne Umschweife, heftig und zart, diskret und äusserst präsent erzielt er die stärksten Emotionen.» (Bernard Cohn, Positif, Nr. 161, Paris, Sept. 1974) «Als Mimis Schicksal ins Tragische kippt, wegen ihrer Krankheit und wegen der Armut, die sie vor Rodolphe versteckt, erheben die Inszenierung und das Spiel von Lillian Gish den Film in eine zuvor ungeahnte Dimension.» (Bernard Nave, Jeune cinéma, Nr. 308/309, Paris, Frühjahr 2007) 100 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw’titel // REGIE King Vidor // DREHBUCH Ray Doyle, Harry Behn, Fred De Gresac, nach «Scènes de la vie de bohème» von Henri Murger // KAMERA Hendrik Sartov // SCHNITT Hugh Wynn // MIT Lillian Gish (Mimi), John Gilbert (Rodolphe), Renée Adorée (Musette), George Hassell (Schaunard), Roy D’Arcy (Vicomte Paul), ­Edward Everett Horton (Colline). SO, 17. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: GABRIEL THIBAUDEAU, MONTRÉAL 35mm print courtesy of the UCLA Film & Television Archive.

DER PROZESS UM DREI MILLIONEN (Prozess o trech millionach) UdSSR 1926

Als Jakow Protasanow (1881–1945) mit seinem Produzenten Jermoljew 1918 erst nach Jalta, später nach Paris emigrierte, war er schon einer der führenden Regisseure des vorrevolutionären russischen Kinos. 1924 kehrte er in die Sowjetunion zurück und schuf seinen bis heute wohl bekanntesten Film Aelita. «In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre wandte sich Protasanow auch der Komödie zu. (…) Der Prozess um drei Millionen verspottete die bürgerliche Gesellschaft, in der die kleinen Gauner ins Gefängnis kommen, doch die Millionenbetrüger begeistert gefeiert werden.» (Witali Shdan: Der sowjetische Film, Berlin 1974)

«Eine der besten Komödien Protasanows mit dem hervorragenden Komödianten Igor Iljinski. Seine mitreissende Story spielte in einem imaginären Italien und zeigte die Gaunereien eines Bankiers, eines kleinen Ganoven und eines erpresserischen Aristokraten.» (Georges Sadoul: Histoire générale du cinéma, Paris 1975) 79 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, russ./dt. Zw’titel // REGIE Jakow Protasanow // DREHBUCH Jakow Protasanow, Walentin Turkin, Oleg Leonidow, nach einer Vorlage von Umberto Nodari // KAMERA Petr Ermolow // MIT Igor Iljinski (Tapioka), Anatoli Ktorow (Cascarilla), Michail Klimow (Bankier Ornano), Olga Shisnewa (Ornanos Frau), Nikolai Prosorowski (Guido), Wladimir Fogel (Mann mit Fernglas). SO, 24. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: MAUD NELISSEN, DOORN/NL

TRAMP, TRAMP, TRAMP USA 1926 «Trotz unglaublicher Schwierigkeiten und Hindernisse gewinnt ein junger Mann einen Wettlauf im Gehen gegen die besten Konkurrenten, saniert mit dem Preis die Schusterei seines Vaters und gewinnt obendrein das verehrte Mädchen. Der zu Unrecht in Vergessenheit geratene Stummfilmkomiker Harry Langdon brilliert in seinem ersten abendfüllenden Film als ebenso liebenswerter wie gewandter Durchschnittsbürger, der in einem wahren Feuerwerk von köstlichen Gags seinen Weg findet.» (Lexikon des int. Films) «Als der milchgesichtige Komiker Harry Langdon das Mack Sennett Studio verliess, (...) nahm er klugerweise zwei der Sennett-Leute mit, die geholfen hatten, ihn zum Star zu machen: den GagMan Frank Capra und den Regisseur Harry Edwards. Ihr erster Film beim neuen Studio war Tramp, Tramp, Tramp, der (...) zu den witzigsten Komödien zählt, die je gedreht wurden.» (Hal Erickson, www.nytimes.com) «Alle, für die im Kino nur die Poesie zählt, wissen genau, dass Langdons Platz ganz an der Spitze ist, neben Keaton, dem besten Chaplin, W. C. Fields und den Marx Brothers.» (Petr Král: Les Burlesques, Paris 1986) 62 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, engl. Zw’titel // REGIE Harry Edwards // DREHBUCH Frank Capra, Tim Whelan, Hal Conklin // KAMERA Elgin Lessley // MIT Harry Langdon (Harry ­Logan), Joan Crawford (Betty Burton), Edwards Davis (John Burton), Tom Murray (Nick Kargas), Alec B. Francis (Harrys Vater), Carlton Griffin (Roger Caldwell). MI, 3. FEB. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: BRUNO SPOERRI, ZÜRICH, UND ROGER GIROD, WINTERTHUR


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Stummfilmfestival 2016.

FIAKER NR. 13 Österreich/Deutschland 1926 «Die Story des Films handelt von Lilian, der ausgesetzten Erbin eines Millionärs; ein Pariser Fiakerkutscher hat sie gefunden und als seine Tochter aufgezogen, und nun droht sie das Opfer eines gerissenen Schwindlers zu werden, der das Geheimnis ihrer Herkunft entdeckt hat. (...). [Paul] Lenis reiche und kreative Szenenentwürfe tragen viel zur Wirkung bei, indem sie Plastizität schaffen und zwischen sozialen Klassen und Lebensstilen un­ terscheiden. (…) Im Gebrauch der narrativen Mittel beeindruckt Kertész mit einer feinen Balance zwischen dem inneren Rhythmus der einzelnen Sequenzen und dem allgemeinen Rhythmus des gesamten Films.» (Miguel A. Fidalgo, Katalog Giornate del cinema muto, Pordenone 2011) Michael Kertesz (ursprünglich: Mihaly Ker­ tész; 1888–1962) war schon in seiner ungarischen Heimat ab 1912 als äusserst produktiver Filmregisseur tätig, bevor er 1919 nach Wien emigrierte. Fiaker Nr. 13 war sein letzter Film in Europa: Bei den Dreharbeiten traf er in Paris den Produzenten Harry Warner, der ihn nach Hollywood verpflichtete. Unter dem Namen Michael Curtiz drehte er dort über 100 weitere Filme und erhielt für Casa­ blanca einen Regie-Oscar.

Fescourt (1880–1956), einer der unterschätztesten französischen Regisseure, hat dem Kino eine reiche und vielfältige Kultur gebracht. (…) Er formte Hugos Fünfteiler zu vier Episoden. Es ist vor allem Valjeans Geschichte – ein Mann kämpft, um sich zu befreien von der Entmenschlichung, die er erfahren hat durch Kerkerhaft und durch die gesellschaftliche Verurteilung wegen eines lange zurückliegenden Vergehens.» (Lenny Borger/David Robinson, Le Giornate del cinema muto, Pordenone 2015) «Mein persönlicher Höhepunkt am Festival [in Pordenone]: alle vier Episoden von Henri Fescourts Les Misérables. Eine breite Farbpalette mit ‹tinting› und ‹toning› verstärkte den epischen Rahmen dieser äusserst packenden Version von Victor Hugos Roman.» (Brian Robinson, Sight& Sound, Dezember 2015) 397 Min / tinted + toned / DCP / Stummfilm, franz. Zw’titel // REGIE Henri Fescourt // DREHBUCH Henri Fescourt, Arthur Bernède, nach dem Roman von Victor Hugo // KAMERA Raoul Aubourdier, Léon Donnot, Georges Lafont, Karémine Mérobian // SCHNITT Jean-Louis Bouquet // MIT Gabriel Gabrio (Jean Valjean), Jean Toulout (Javert), Paul Jorge (Monseigneur Myriel), Renée Carl (Mme Thénardier), Sandra Milowanoff (Fantine/Cosette ), Andrée Rolane (Cosette als Kind), Georges Saillard (Thénardier), François Rozet (Marius), Paul Guidé (Enjolras), Charles Badiole (Gavroche).

104 Min / sw / 35 mm / Stummfilm, holl./dt. Zw’titel // REGIE

SA 30. JAN. | 19.00 UHR (EPISODEN 1 + 2)

Michael Kertesz (=Michael Curtiz) // DREHBUCH Alfred Schi-

SO 31. JAN. | 17.00 UHR (EPISODEN 3 + 4)

rokauer, nach dem Roman von Xavier de Montépin // KAMERA

LIVE-BEGLEITUNG: MARTIN CHRIST, LIGERZ

Gustav Ucicky, Eduard von Borsody // MIT Lily Damita (Lilian),

1. Abend: Episode 1 (Jean Valjean) und 2 (Fantine), 215 Min. 2. Abend: Episode 3 (Marius) und 4 (L’Épopée de la rue Saint-Denis), 182 Min. Eine Zusammenfassung des zuvor Geschehenen wird den E ­ instieg in den 2. Abend erleichtern.

Jack Trevor (François Tapin), Paul Biensfeldt (Jacques Carotin), Walter Rilla (Lucien Rebout), Max Gülstorff (Antiquitätenhändler), Valeska Stock (Madame Coco), Sophie Pagay (Linotte), Carl Ebert (der Millionär). MI, 20. JAN. | 18.15 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, ESSEN

MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK Deutschland 1929

LES MISÉRABLES Frankreich 1926 Von der Filmlänge und vom Aufwand her ohne Zweifel die spektakulärste Restaurierung des Jahres 2015, beeindruckend durch die Perfektion des Resultats und die Schönheit der in ihrer ursprünglichen Farbigkeit wiedererstandenen Bilder. «Victor Hugos fünfteiliges Hauptwerk von 1862, gegliedert in 365 Kapitel und 48 Bücher, ist mit seinen unerbittlichen Exkursen in Geschichte, Philosophie – sogar Architektur – der wohl weitläufigste Roman der Weltliteratur. Paradoxerweise ist er auch der am meisten verfilmte. (...)

«Die Geschichte der Zeitungsfrau Mutter Krause, die dem sozialen Elend zwar trotzt, aber Selbstmord begeht, als ihr Sohn kriminell wird. Ein bedeutender deutscher Stummfilm: Die Milieuschilderung aus dem Berliner Stadtteil Wedding weitet sich zu einer Beschreibung der Arbeiterbewegung Ende der zwanziger Jahre. Die Erinnerungen und Aufzeichnungen des Berliner Zeichners Heinrich Zille, seine Charakterisierungen von Menschen in sozialer Not und moralischem Elend sind in den Film direkt eingeflossen.» (Lexikon des int. Films) «‹Zille-Filme› waren im Deutschland der zwanziger Jahre Mode. Mit ihnen versuchte die bürger­ liche Filmproduktion aus dem Hinterhof- und ­Kaschemmenmilieu Profit zu ziehen und ein klein-


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Stummfilmfestival 2016. bürgerliches Publikum zu amüsieren. Auf Initiative von Otto Nagel und unter dem Protektorat der Maler Käthe Kollwitz und Hans Baluschek drehte die Prometheus-Filmgesellschaft 1929 einen ‹echten› Zille-Film, einen Film, der voller Verständnis für die Probleme der Menschen im Berliner Wedding realisiert wurde.» (M. Hanisch, in: Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933, Berlin 1988) Eine starke Demonstrationssequenz hat Mutter Krause einen bleibenden Ruf als früher «proletarisch-revolutionärer» deutscher Film gesichert. Doch Jutzi differenziert: Neben den klassenbewussten Arbeiter setzt er das Lumpenproletariat, den Ganoven, ja selbst Kleinbürgerliches. Und der kollektive Widerstand bildet die einzige Alternative zur perspektivelosen Verzweiflung der Titelfigur. 133 Min / sw / DCP / Stummfilm, dt. Zw’titel // REGIE Phil Jutzi // DREHBUCH Willy Döll, Jan Fethke // KAMERA Phil Jutzi // MIT Alexandra Schmidt (Mutter Krause), Holmes Zimmermann (Paul), Ilse Trautschold (Erna), Gerhard Bienert (Untermieter), Vera Sacharowa (Prostituierte), Friedrich Gnass (Max), Fee Wachsmuth (Kind). MI, 27. JAN. | 20.45 UHR LIVE-BEGLEITUNG: ALEXANDER SCHIWOW, ZÜRICH

LOVE AND DUTY (Lian ai yu yi wu) China 1931 «Ein Familiendrama um eine Frau, die sich selbst treu bleibt und sich gegen die feudalen Traditionen stellt. Die früh verstorbene, legendäre Ruan Lingyu brilliert als Studentin, Mutter und am Ende sogar in einer Doppelrolle als alte Frau und Tochter. Die Aussenaufnahmen des vom taiwanesischen Filmarchiv digital restaurierten Meisterwerks des chinesischen Stummfilms entstanden in den Strassen von Shanghai.» (Programm Bonner Sommerkino 2015) Der Film «basiert auf dem Roman einer polnischen Autorin, die in den zwanziger Jahren mit ihrem chinesischen Mann in Peking lebte. In ihrem Buch schildert sie die tragische Liebesgeschichte zweier Jugendlicher, die Tür an Tür heranwachsen, aber nicht zueinander finden können, da das Mädchen von ihrer Familie an einen anderen Mann verheiratet wird. Jahre später treffen die Liebenden einander wieder.» (Bérénice Reynaud, Katalog der Viennale, Wien 2005) «Love and Duty (...), in dem zwei der grössten Stars der frühen 1930er Jahre spielen, ist ein schöner Film und ein bedeutender Meilenstein in der Geschichte der Firma und des chinesischen Kinos.» (Anne Kerlan, zitiert nach: Programm Sommerkino Bonn 2015)

152 Min / tinted / DCP / Stummfilm, kantonesisch/engl. Zw’titel // REGIE Bu Wancang // DREHBUCH Zhu Shilin, nach dem Roman von Stephanie Rosen-Hua // KAMERA Huang Shaofen // MIT Ruan Ling-yu (Yang Nai-fan / ihre Tochter), Jin Yan (Li Tsu-yi), Chen Yen-yen (Nai-fans jüngere Tochter Ping Erh), Lay Ying (Nai-fans Ehemann), Liu Chi-chun (Diener), Chow Lili (Geliebte des Ehemanns). DO, 21. JAN. | 20.00 UHR LIVE-BEGLEITUNG: JOACHIM BÄRENZ, ESSEN

MOANA USA 1926 «Moana wurde geplant als in der Südsee angesiedelte Fortsetzung von Flahertys grossem Erfolg Nanook of the North (1922). (…) Der Film, eine Verherrlichung primitiven Lebens, das als harmonisch mit der Natur verbunden verstanden wird, schildert detailliert und mit unverhüllter Bewunderung den Alltag der Inselbewohner – Kochen, Herstellen von Kleidung, Jagen und Fischen – und zeigt sogar die fast ausgestorbene Tätowierungszeremonie.» (Buchers Enzyklopädie des Films) «In Moana entwickelte Mr. Flaherty seine Kunst über Nanook hinaus bis zu jenem Punkt, wo er weniger ein Betrachter der Handlungen seiner samoanischen Freunde als ein an ihren Erlebnissen Beteiligter zu sein scheint. (…) In Moana bilden anmutige Bewegungen, schöne, gut beobachtete Szenen selbst bereits die Handlung. Hier haben wir keine verfilmte Geschichte, sondern im wahr­ sten Sinn des Wortes sich bewegende Bilder.» (H. Seligmann, Arts, New York, Nov. 1925) Monica Flaherty erzählte, ihre Eltern hätten immer bedauert, dass sie nicht die Gesänge der Samoaner für den Film aufzeichnen konnten. Deshalb machte sie sich 1975 auf zum Drehort nach Savai’i, wo sie noch viele der Mitwirkenden vorfand und die traditionellen Lieder aufnehmen konnte. Nach Monica Flahertys Tod ist das Bildmaterial 2014 unter Leitung von Bruce Posner ­digital restauriert und mit den von ihr mitgebrachten Liedern (plus Geräuschen und Stimmen) vertont worden. 97 Min / sw / DCP / Stummfilm mit Musik- und Tonspur; Polynesisch/e // DREHBUCH UND REGIE Robert J. Flaherty, Frances Hubbard Flaherty // KAMERA Robert J. Flaherty // MUSIK traditionelle Musik // SCHNITT Robert J. Flaherty MO, 8. FEB. | 18.15 UHR mit einer Einführung von Martin Girod; weitere Vorstellungen s. Programmübersicht

Filmauswahl und Kurztexte, wenn nicht anders vermerkt: Martin Girod.


28 Zwei Filme von Marco Bellocchio

Familienbande Mit I pugni in tasca realisierte Marco Bellocchio, Jahrgang 1939, vor fünfzig Jahren einen Debütfilm, der ihm internationale Beachtung brachte. Wir zeigen die frisch restaurierte Version dieses grimmig-­ leidenschaftlichen Erstlings und freuen uns, dass Marco Bellocchio sein neuestes Werk, Sangue del mio sangue, persönlich bei uns vorstellen wird. Es schlägt den Bogen von mittelalterlichen Hexenprozessen bis zu mafiösen Verstrickungen in der heutigen italienischen Gesellschaft. Ist es einem Filmemacher erlaubt, sich in Krisenzeiten aus der Gegenwart zu stehlen? Wirft das Heute nicht drängendere Probleme auf, als dass sich ein politisch wachsamer Regisseur den Abstecher in die düstere Zeit der Inquisition gestatten dürfte? Die Aktualität stellt Forderungen, denen sich das Kino nicht einfach entziehen kann. Im Falle Marco Bellocchios empfiehlt sich Nachsicht – und Neugierde. Nicht nur hat er in seinem Werk die gesellschaftlichen Institutionen Italiens – Familie, Kirche, Schule, Justiz, Politik – systematisch einer kritischen Prüfung unterzogen und in seinem vorangegangenen Film Bella addormentata gerade erst das brisante Thema der Sterbehilfe in aller Vielschichtigkeit aufgegriffen. Überdies hielten seine filmischen Exkursionen in die Historie stets einen Erkenntnisgewinn bereit, der sich nicht in einer eindeutigen Relevanz für die Gegenwart erschöpft, sondern darüber hinaus eine zeitlose, metaphorische Gültigkeit besitzt. Mit Blick auf Sangue del mio sangue muss man die eingangs gestellten Fragen mit einem entschiedenen Ja beantworten. Bellocchio inszeniert keinen Konflikt aus dem Kostümverleih einer vergangenen Epoche. Ein Motiv, auf das er mit hellsichtiger Konsequenz wiederholt zurückgreift, ist brandaktuell: die Überwachung. Die Institutionen, hier die Kirche, stellen unerbittliche Forderungen an das Individuum, bedrohen seine Identität, indem sie in dessen privateste Sphären hineindrängen. Der Hexenprozess im Konvent von Bobbio, in den ein der Gewalt müder Soldat verstrickt wird, ist ein Spielfeld der Ideologie, auf dem die Wahrheit um des vermeintlichen Gemeinwohls willen verschleiert wird. Aber seit seinem Regiedebüt I pugni in tasca ergreift Bellocchio radikal Partei für die Aussenseiter, die Träumer und Verweigerer. Seine Sympathie gilt denen, die Sand ins Getriebe streuen. Für einen Augenblick scheint es, als würden sich auch im Schattenreich der Frömmigkeit, die Bellocchio in Sangue del mio sangue minutiös aus ihren eigenen Gesetzen und Ritualen heraus rekonstruiert, unverhoffte Freiräume öffnen. Dieser Regisseur hat noch nicht verlernt, ein wehmütiger Utopist zu sein.


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I PUGNI IN TASCA / Italien 1965 105 Min / sw / DCP / I/d // DREHBUCH UND REGIE Marco ­Bellocchio // KAMERA Alberto Marrama // MUSIK Ennio Morricone // SCHNITT Aurelio Mangiarotti // MIT Lou Castel (Alessandro), Paola Pitagora (Giulia), Marino Masé (Augusto), Liliana Gerace (Mutter), Pierluigi Troglio (Leone), Jeannie McNeil (Lucia).

Raffiniert verschränkt er die Zeitebenen, schafft auf verblüffende Weise den Anschluss zur Gegenwart. Er legt die Wurzeln der italienischen Gesellschaft frei, in dem er die fatale Verharrungskraft ihrer Säulen dingfest macht. Wie in I pugni in tasca genügt ihm dazu ein Schauplatz. Im Debüt ist es die Villa einer bürgerlichen Familie, hier ist es ein Konvent, der später als Gefängnis und schliesslich als Zuflucht eines greisen Mafioso dient, der als Untoter weiterwesen muss. Jede Episode beginnt mit dem Öffnen der Pforte. Türen und Fenster spielen seit jeher eine tragende Rolle in der Architektur seiner Filme, geben den Blick frei oder verwehren ihn. Sie markieren die Schwelle zwischen der Welt, die seine Figuren in sich tragen, und der Welt ausserhalb. Nur selten lassen sie sich in seinem Kino in Einklang bringen, aber seit I pugni in tasca wählt er unweigerlich die Perspektive des subjektiven Empfindens. Die Kamera umfängt seine Charaktere mit sinnlicher, gestischer Achtsamkeit. Sie sucht eine ungestüme Nähe zu den Gesichtern, ist ein Seismograf der inneren Erschütterungen und gesellschaftlichen Traumata. In der unbehaglich winterlichen Atmosphäre seines Debüts entfaltet er einen ganzen Katalog der Krankengeschichten: Psychosen, Epilepsie, Blindheit, eine Ahnung von Inzest. In dieser ersten Studie repressiver Familienstrukturen kündigt sich


30 an, wie gewissenhaft er die Malaise Italiens fortan in den Blick nehmen wird. Auch in seinem neuen Film erweisen sich die Blutsbande als unentrinnbar. In der Zusammenschau wird deutlich, wie sich das Werk eines grossen Regisseurs runden kann – absichtslos, aber keineswegs zufällig. Gerhard Midding

SANGUE DEL MIO SANGUE / Italien 2015 /Premiere 103 Min / Farbe / DCP / I/d // DREHBUCH UND REGIE Marco Bellocchio // KAMERA Daniele Ciprì // MUSIK Carlo Crivelli // SCHNITT Francesca Calvelli, Claudio Misantoni // MIT ­Roberto Herlitzka (der Graf), Pier Giorgio Bellocchio (Federico), Alba Rohrwacher (Maria Perletti), Lidiya Liberman (Benedetta), Federica Fracassi (Marta Perletti), Toni Bertorelli (Dr. Cavanna), Fausto Russo Alesi (Cacciapuoti), Alberto Cracco (Inquisitor), Bruno Cariello (Angelo), Filippo Timi (Verrückter), Elena Bellocchio (Elena), Ivan Franek (Rikalkov), Patrizia Bettini (Frau des Grafen), Sebastiano Filocamo (Beichtvater), Alberto Bellocchio (Kardinal Federico Mai).

MARCO BELLOCCHIO ZU GAST

DI, 2. FEB. | 18.15 UHR

Marco Bellocchio wurde 1939 in Piacenza geboren und liess sich am Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom zum Regisseur ausbilden, anschliessend studierte er in London. Schon sein Erstling I pugni in tasca wurde 1965 am Filmfestival von Locarno uraufgeführt und erregte international Aufmerksamkeit. Nahm er da die Familie unter die Lupe, so widmete er sich in anderen Filmen Institutionen wie der Kirche (Nel nome del padre, 1971) oder der Armee (Marcia trionfale,1975). Wegen seiner freizügigen Darstellung weiblichen Begehrens erregte er 1986 mit Diavolo in corpo einen Skandal. Immer wieder hat sich Bellocchio mit der Zeitgeschichte Italiens beschäftigt, etwa in Buongiorno, notte (2003) mit der Entführung und Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden. Bellocchio wurde für sein Schaffen mehrfach ausgezeichnet, u. a. erhielt er an den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2011 den Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Wir freuen uns sehr, dass Marco Bellocchio, begleitet von seinem Produzenten Simone Gattoni, seinen neuesten Film im Filmpodium vorstellen wird. Das Filmgespräch moderiert Till Brockmann.

Diese Veranstaltung wird ermöglicht von

Gerhard Midding arbeitet als freier Filmjournalist in Berlin.


31 Premieren

Auf Leben und Tod

ES IST SCHWER, EIN GOTT ZU SEIN (Trudno byt’ bogom) Russland 2013

Alexei German hat sich viel Zeit genommen für seine Verfilmung des Strugatzki-Romans, rund 13 Jahre. Entstanden ist ein wahres Kino-Monstrum, ein barockes, dampfendes Alternativ-Mittelalter, das einen unglaublichen Sog entwickelt, wenn man sich darauf einlässt. Das lange Warten hat sich gelohnt, definitiv. In der Stadt Arkanar herrscht ein finsteres, dreckiges und brutales Mittelalter. Die gerade «bevorstehende» Renaissance findet nicht statt: Gelehrte werden ermordet, Bücher vernichtet. Arkanar liegt auf einem fremden Planeten, wo die Geschichte ähnlich verläuft wie bei uns, nur dass die dortige Zivilisation der unsrigen 800 Jahre hinterherhinkt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern von der Erde, angeführt von Don Rumata, soll das Geschehen beobachten, darf aber nicht eingreifen.

Der russische Regie-Titan Alexei German realisierte während 13 Jahren, bis zu seinem Tod im Jahre 2013, eine schwarzweiss gefilmte Tour de Force voller Schlamm, Dreck, Rotz und Blut, irgendwo zwischen Andrej Tarkowskij, Terry Gilliam und Hieronymus Bosch. So wie die Zivilisation zerfällt, bleibt auch die Handlung bruchstückhaft. In langen Plansequenzen durch beeindruckend detailreiche Sets taucht man ein in eine Welt, die einem zusehends entgleitet. Wer sich auf dieses Ungetüm einlässt, wird davon erschlagen. Und das ist gut so. (pm) 177 Min / sw / DCP / Russ/d // REGIE Alexei German // DREHBUCH Alexei German, Swetlana Karmalita, nach dem Roman von Arkadi und Boris Strugatzki // KAMERA Wladimir Ilin, Juri Klimenko // MUSIK Viktor Lebedew // SCHNITT Irina ­Goroschowskaja // MIT Leonid Jarmolnik (Don Rumata),

­Natalja Motewa (Ari), Alexander Tschutko (Don Reba), ­Jewgeni Gertschakow (Budach), Ramis Ibragimow (Muga), Zura Kipschidse (Zurab), Valentin Golubenko (Arata), Leonid Timzunik (Arima).


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Premieren.

L’HOMME QUI RÉPARE LES FEMMES Belgien 2015 In seiner Heimat bedroht, lässt sich der kongolesische Arzt und Menschenrechtsaktivist Denis Mukwege nicht unterkriegen. Unbeirrt hilft er den Opfern von Vergewaltigungen und prangert diese Verbrechen an. Der kongolesische Arzt Dr. Denis Mukwege ist international bekannt als «der Mann, der Frauen repariert». Seit 20 Jahren werden im Zuge der andauernden Konflikte im Osten der Demokratischen Republik Kongo Frauen vergewaltigt – als gezielt eingesetztes Mittel der Kriegsführung. Der Kongo zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, seine reichen Rohstoffvorkommen sind umkämpft. Mukwege hilft als Gynäkologe und leitender Chirurg des Panzi-Krankenhauses in Bukavu den betroffenen Frauen, körperlich und seelisch zu genesen. Zugleich setzt er sich als Menschenrechtsaktivist weltweit dafür ein, dass die Gräuel

ein Ende finden. International anerkannt und prominent unterstützt (von Hillary Clinton, Ben Affleck, Michelle Obama und anderen), wird Mukwege in seiner Heimat an Leib und Leben bedroht. Seit er 2012 einem Anschlag entkommen ist, lebt er faktisch eingesperrt in seinem Krankenhaus, bewacht von UN-Friedenstruppen. Für seinen Einsatz wurde Mukwege vielfach ausgezeichnet, 2008 mit dem Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen, 2013 mit dem alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award) und 2014 mit dem Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments. Der belgische Cineast Thierry Michel (Congo River) widmet diesem aussergewöhnlichen Mann ein filmisches Porträt. 112 Min / Farbe / Digital HD / OV/d // REGIE Thierry Michel // DREHBUCH Colette Braeckman, Thierry Michel // KAMERA Michel Téchy, Thierry Michel // MUSIK Edo Bumba, Michel Duprez // SCHNITT Idriss Gabel.


Premieren.

AMOUR FOU Österreich/Luxemburg, Deutschland 2014 Die österreichische Filmemacherin Jessica Hausner sieht Heinrich von Kleists Doppelselbstmord als eine Verkettung von tragikomischen Missverständnissen. Stimmig ist ihr Hauptdarsteller Christian Friedel, der dem Dichter auf dem berühmten Gemälde von Peter Friedel verblüffend ähnlich sieht.

einer sich rasant wandelnden Welt, das Experiment Demokratie, verdammungswürdig, wie die höheren Stände meinen, kommt gerade in die Gänge. So geht es letztlich nicht um eine Liebe, sondern um eine blosse Übereinkunft, und nicht um Wahnsinn, eher nur um die unheilvolle Verkettung von Selbstsucht, Naivität und fehlerhafter Planung. Im Kino geht diese Themenverfehlung auf. Die beklemmende Liaison von Politik und Tod ist die eigentliche Amour fou dieses Werks.» (Stefan Grissemann, Profil, 24.5.2014) 96 Min / Farbe / DCP / D/f // DREHBUCH UND REGIE Jessica

Berlin, zur Zeit der Romantik. Der Dichter Heinrich von Kleist hegt den Wunsch, durch die Liebe den unausweichlichen Tod zu überwinden. Seine ihm nahestehende Cousine Marie lässt sich aber partout nicht zu einem gemeinsamen Selbstmord überreden. Doch die junge Ehefrau eines Bekannten, Henriette Vogel, findet Gefallen an dem poetischen Angebot – just als sie erfährt, dass sie sterbenskrank sei. Eine ironische Tragikomödie, frei inspiriert durch Kleists Suizid. «Jessica Hausner betrachtet [den Film] tatsächlich, nur halb ironisch, als Romantic Comedy und als politisch explizit: (…) Amour fou spielt in

Hausner // KAMERA Martin Gschlacht // SCHNITT Karina Ressler // MIT Christian Friedel (Heinrich von Kleist), Birte Schnöink (Henriette Vogel), Stephan Grossmann (Friedrich Louis Vogel ), Sandra Hüller (Marie), Sebastian Hülk (Pfuehl), Peter Jordan (Adam Müller), Katharina Schüttler (Sophie), Gustav Peter Wöhler (Hypnotiseur), Holger Handtke (Arzt), Barbara Schnitzler (Mutter), Alissa Wilms (Dörte), Paraschiva Dragus (Pauline).

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34 Filmpodium für Kinder

Mikrokosmos – Das Volk der Gräser Dieser Kinohit der späten neunziger Jahre – heute ein Klassiker – ist ein französisch-schweizerischer Dokumentarfilm über den Alltag von Insekten in einem kleinen Wiesenstück irgendwo in Südfrankreich. Ausgezeichnet mit fünf Césars und das Vorbild für den Pixar-Animationsfilm A Bug’s Life.

MIKROKOSMOS – DAS VOLK DER GRÄSER / Frankreich/Italien/Schweiz 1996 74 Min / Farbe / 35 mm / Ohne Dialoge // REGIE Claude Nuridsany, Marie Pérennou // DREHBUCH Claude Nuridsany, Marie Pérennou // KAMERA Thierry Machado, Marie Pérennou, Hugues Ryffel, Claude Nuridsany // MUSIK Bruno Coulais // SCHNITT Florence Ricard, Marie-Josèphe Yoyotte.

«Kinder sind näher am Boden gebaut und mit mehr Freizeit gesegnet, weshalb sie ein gutes Auge für Ameisen und Spinnen, Raupen und Schmetterlinge haben. Erwachsene blenden diese aus; Krabbeltiere sind etwas, das man totklatscht, wegfegt, zertritt oder besprüht. Mikrokosmos ist ein verblüffender Film, der uns erlaubt, tief in die Welt der Insekten zu spähen und Geschöpfe zu bestaunen, die wir sonst beiläufig zum Zerquetschtod verurteilen.» (Roger Ebert, Chicago Sun-Times, 10.1.1997)


35 «Ein kurzer Blick über die Landschaft, dann taucht die Kamera ein in einen undurchdringlichen Dschungel, sucht sich ihren Weg durch Urwaldriesen, Gestrüpp und Laubwerk. Fremdartige Geräusche dringen ans Ohr: Es ist Morgen, der Tag erwacht. So könnte ein ambitionierter Dokumentarfilm anfangen, der mit den entlegensten Gefilden unserer Erde vertraut machen will, doch der ‹Drehort› von Mikrokosmos ist ein kleines Wiesenstück irgendwo in Südfrankreich, die Szenerie ist eigentlich vertraut und stellt sich doch exotisch und bizarr vor den Makroobjektiven der Kameras dar. Die Biologen Nuridsany und Pérennou bringen den Zuschauern die Welt der Insekten nahe, sehr nahe. Stets ist man auf Augenhöhe mit den Tieren, die überdimensional die Leinwand füllen. Ein Wassertropfen erscheint als Kosmos, die von der Sonne ausgedorrte Erde gleicht einer Landschaft nach einem Erdbeben, Regentropfen schlagen mit gewaltiger Kraft ein. Mikrokosmos zeigt, wie die einzelnen Akteure (Raupen, Spinnen, Käfer, Fliegen etc.) sich diesen Naturgegebenheiten angepasst haben, wie sie den oft lebensgefährlichen Alltag meistern. Dabei sind faszinierende Bild- und Tonaufnahmen entstanden, kann der zuschauende Mensch die Welt für Augenblicke durch die Facettenaugen eines Insekts wahrnehmen und – wichtiger noch – wird zum genauen Hinsehen gezwungen.» (Hans Messias, Filmdienst, 22/1996)

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20 16


36 SÉLECTION LUMIÈRE

IL DESERTO ROSSO Michelangelo Antonioni, der immer schon

zu einem Fest fürs Auge – bloss soll uns das

das Innenleben seiner Figuren ausgelotet

nicht von der eindringlichen Komplexität des

hat, greift 1964 bei Il deserto rosso dafür zu

Plots und den Darstellerleistungen ablen-

neuen Mitteln: Farben und Formen des De-

ken. Monica Vitti als orientierungslose Neu-

kors werden zu Symbolen oder gar Hand-

rotikerin war selten so gut.» (David Pirie,

lungsträgern.

Time Out Film Guide)

Die Frau eines Ingenieurs leidet nach einem

sein neues Ausdrucksmittel gleich strengen

Autounfall an Angstzuständen und entfrem-

kompositorischen Prinzipien unterworfen.

det sich zunehmend von ihrem Mann und von

Farbe soll die Rolle von Musik übernehmen –

ihrem kleinen Sohn, während sie sich gleich-

und so orchestriert hier das Bunte die Ver-

zeitig von der technisierten Umwelt immer

zweiflung einer Frau. «Antonioni bindet die

stärker bedroht fühlt.

Figuren ein in Farb- und Formenraster, zeigt

In seinem ersten Farbfilm hat Antonioni

Einmal mehr geht es Antonioni um die

sie klein und am Rand von Bildkompositio-

Unmöglichkeit menschlicher Beziehungen,

nen, in denen die rostigen Rohre, Zylinder und

um eine kalte Welt ohne soziale und emotio-

Stahlträger dominieren.» (Claudia Lenssen,

nale Bindungen. Doch «Il deserto rosso ist

in: Michelangelo Antonioni, Hanser Verlag

wohl Antonionis ungewöhnlichster und fes-

1984)

selndster Film. (…) Die in verblüffender und radikaler Art bewusst irreal in Farbe ge-

✶ am Di, 26. Januar, 18:15 Uhr: Einführung

tauchte Industrielandschaft macht den Film

von Martin Walder

IL DESERTO ROSSO / Italien 1964 120 Min / Farbe / Digital HD / I/e // REGIE Michelangelo Antonioni // DREHBUCH Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra // KAMERA Carlo Di Palma // MUSIK Giovanni Fusco, Vittorio Gelmetti // SCHNITT Eraldo Da Roma // MIT Monica Vitti (Giuliana), Richard H ­ arris (Corrado Zeller), Carlo Chionetti (Ugo, Giulianas Mann), Xenia Valderi (Linda), Lili Rheims (Ehefrau eines Arbeiters), Rita Renoir (Emilia), Aldo Grotti (Max), Valerio Bartoleschi (Giulianas Sohn), Emanuela Paola Carboni (Mädchen im Märchen).


37 IMPRESSUM

DAS FILMPODIUM IST EIN ANGEBOT DES PRÄSIDIALDEPARTEMENTS

in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse, Lausanne/Zürich LEITUNG Corinne Siegrist-Oboussier (cs), STV. LEITUNG Michel Bodmer (mb) WISSENSCHAFTLICHE MITARBEIT Tanja Hanhart (th), Marius Kuhn (mk), Primo Mazzoni (pm) // PRAKTIKUM Vera Schamal // SEKRETARIAT Claudia Brändle BÜRO Postfach, 8022 Zürich, Telefon 044 412 31 28, Fax 044 212 13 77 WWW.FILMPODIUM.CH // E-MAIL info@filmpodium.ch // KINO Nüschelerstr. 11, 8001 Zürich, Tel. 044 211 66 66 UNSER DANK FÜR DAS ZUSTANDEKOMMEN DIESES PROGRAMMS GILT: Arsenal Distribution, Berlin; Bavaria Film International, Geiselgasteig; Bildstörung, Köln; Bonner Sommerkino; André Bonzel, Issy-les-Moulineaux; Cineworx, Basel; Coin Film, Köln; Column Film, Amsterdam; Drop-out Cinema, Mannheim; EYE Film Institute Netherlands, Amsterdam; Fama Film, Zürich; The Festival Agency, Paris; Filmcoopi, Zürich; Filmmuseum München; Fox Library, Los Angeles; Frenetic Films, Zürich; Le Giornate del cinema muto, Pordenone; Hollywood Classics, London; Indie Sales, Paris; Intramovies, Rom; JMH Distribution, Neuenburg; Lobster Film, Paris; Look Now!, Zürich; Metropolis Film, Berlin; Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden; Pandastorm Pictures, Berlin; Park Circus, Glasgow; Pathé Films, Zürich; Pathé Distribution, Paris; Bruce Posner, Filmmakers Showcase, Hanover; Praesens Film, Zürich; Pro-Fun Media Filmverleih, Berlin; Salzgeber Medien, Berlin; SRF, Zürich; Studiocanal, Berlin; Svensk Filmindustri, Stockholm; Svenska Filminstitutet, Stockholm; Taiwan Film Institute, Taipei City; Tamasa Distribution, Paris; The Works Film Group, London; trigon-film, Ennetbaden; UCLA Film & Television Archive, Hollywood; Xenix Filmdistribution, Zürich. DATABASE PUBLISHING BitBee Solutions GmbH, Zürich // KONZEPTIONELLE BERATUNG Esther Schmid, Zürich GESTALTUNG TBS & Partner, Zürich // KORREKTORAT D. Däuber, D. Kohn // DRUCK Ropress, Zürich // AUFLAGE 7000 ABONNEMENTE Filmpodium-Generalabonnement : CHF 400.– (freier Eintritt zu allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Filmpodium-Halbtaxabonnement: CHF 80.– / U25: CHF 40.– (halber Eintrittspreis bei allen Vorstellungen; inkl. Abo Programmheft) // Abonnement Programmheft: CHF 20.– // Anmeldung an der Kinokasse, über www.filmpodium.ch oder Tel. 044 412 31 28

VORSCHAU Menschen im Hotel

Atom Egoyan

Das Hotel als flüchtiger Treffpunkt von

Als Sohn armenischstämmiger Eltern in

Menschen verschiedener Herkunft war

Kanada aufgewachsen, hat sich Atom Ego-

schon immer ein beliebter Filmschauplatz;

yan dem Theater und später dem Film

es bietet endlose Möglichkeiten für span-

zugewandt. Zu seiner Filmografie zählen

nende Erzählungen und bildet gleichzeitig

preisgekrönte Meisterwerke wie The Sweet

einen Mikrokosmos der Gesellschaft ab.

Hereafter, provokative Psychodramen wie

Unsere Filmreihe, eine Übernahme des

The Adjuster, kontroverse Auseinanderset-

Festivals Cinefest Hamburg, zeigt Klassi-

zungen mit der Zeitgeschichte wie Ararat,

ker wie Der letzte Mann (D 1924), kaum

aber auch raffinierte Thriller wie When the

Bekanntes wie Der Page vom Dalmasse-

Truth Lies. Im Zentrum seiner faszinieren-

Hotel (D 1933) und erlaubt ein Wiedersehen

den, oft doppelbödigen Werke stehen stets

mit den Schweizer Filmen Palace Hotel

Fragen der Wahrnehmung, der medialen

(1952) und Hors Saison (1992).

Entfremdung und der Identität.


F R O M TO M H O O P E R , D I R E C TO R O F ‘T H E K I NG ’S S P E E C H’ A N D ‘L E S M I S É R A B L E S’

AC A D EM Y

E D D I E

AWAR D

®

WI N N ER

R EDM AYNE

AL I C I A

V I K A N D E R

I N S P I R E D BY T H E E X T R AO R D I N A RY T R U E S T O RY UNIVERSAL PICTURES PRESENTS A WORKING TITLE/PRETTY PICTURES PRODUCTION IN ASSOCIATION WITH REVISION PICTURES AND SENATOR GLOBAL PRODUCTIONS A FILM BY TOM HOOPER EDDIE REDMAYNE ALICIA VIKANDER “THE DANISH GIRL” BEN WHISHAW SEBASTIAN KOCH AMBER HEARD AND MATTHIAS SCHOENAERTS CASTING MUSIC MAKE-UP AND HAIR COSTUME PRODUCTION BY NINA GOLD BY ALEXANDRE DESPLAT DESIGNER JAN SEWELL DESIGNER PACO DELGADO EDITOR MELANIE ANN OLIVER ACE DESIGNER EVE STEWART DIRECTOR OF EXECUTIVE PHOTOGRAPHY DANNY COHEN BSC CO-PRODUCER JANE ROBERTSON PRODUCERS LINDA REISMAN ULF ISRAEL KATHY MORGAN LIZA CHASIN BASED ON THE SCREENPLAY PRODUCED BOOK BY DAVID EBERSHOFF BY LUCINDA COXON BY GAIL MUTRUX ANNE HARRISON TIM BEVAN ERIC FELLNER TOM HOOPER DIRECTED BY TOM HOOPER WWW.DANISHGIRL-FILM.COM

J A N UA RY 7

Profile for Tanja Hanhart

Programmheft Jan-Feb 2016  

Filmpodium Programmheft Jan/Feb 2016 / Programme issue jan/feb 2016 Best of Benelux / Stummfilmfestival (Silent Film Fest) / Marco Bellochio...

Programmheft Jan-Feb 2016  

Filmpodium Programmheft Jan/Feb 2016 / Programme issue jan/feb 2016 Best of Benelux / Stummfilmfestival (Silent Film Fest) / Marco Bellochio...

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