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F OTO G R A F E N I M F I L M

FILM DIENST Das Magazin für Kino und Filmkultur

08 2017

www.filmdienst.de

H C RA 13. April 2017 € 5,50 | 70. Jahrgang

te in onstan K e n i e s Wenn e eschichte der leng s die der Rol itin gibt, ist e t piel n Br schöne keit. Aktuell s ma lbar Wande ptrolle im Dra u Ha sie die . gnung“ „Verleu

Film und Fotografie sind miteinander verwandte Medien. Doch nicht nur deshalb hat das Kino ein Faible für Männer und Frauen mit Kamera. Eine Hommage.

T H E YO U N G P O P E

In Paolo Sorrentinos Fernsehserie mischt ein junger Amerikaner den Vatikan auf.

F I L M C LU B S

Z S I E W L E Sie zelebrieren Kino als Leidenschaft. Verbeugung vor den gallischen Dörfern deutscher Filmkultur.


iNhalt DIE NEUEN KINOFILME Neu im KiNo + 40 46 45 42 51 47 36 48 44 37 43 49 38 51 41 51 51 50 39

ALLE STARTTERmInE 40 Tage in der Wüste 13.4. Abgang mit Stil 13.4. Alles unter Kontrolle! 20.4. Battle Royale 7.4. Below Her Mouth 13.4. Bleed for This 20.4. Dancing Beethoven 13.4. Don’t Blink – Robert Frank 13.4. Ein Dorf sieht schwarz 20.4. Erbarme Dich! - Die Matthäus Passion 13.4. Gold 13.4. Neben den Gleisen 6.4. Stille Reserven 20.4. Tatlim Tatlim 23.3. The Founder 20.4. The Rolling Stones Olé, Olé, Olé!: A Trip across Latin America 30.3. Within 23.3. Verleugnung 13.4. Zu guter Letzt 13.4.

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dancing beeThoven

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40 Tage in der wüsTe

KiNotipp

der katholischen Filmkritik

Vielschichtige Reflexion über die biblische Erzählung von der Versuchung Jesu

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The founder

46 abgang miT sTil

ferNseh-tipps 56 ZDF und arte zeigen in Erstausstrahlung hochkarätige britische Serien wie „The Missing“ und „Wir sind alle Millionäre“. arte erinnert an den polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski und zeichnet in einer Dokumentation die wechselhafte Geschichte der Tarzan-Figur nach.

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Fotos: TITEL: Universum. S. 4/5: Tiberius, ZDF/Liam Daniels , Arsenal, Capelight, Warner, Polyband, Universal, IFP Istanbul Film Productions

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8 | 2017 DIE ARTIKEL iNhalt

rodrigo García (2.v.l.) bei den Dreharbeiten zu „40 tage in der Wüste“.

RUBRIKEN EDITORIAL 3 InHALT 4 mAGAZIn 6 DVD-KLASSIK 34 DVD/BLU-RAY 50 TV-TIPPS 56 FILmKLISCHEES 66 VORSCHAU / ImPRESSUm 67

KiNo

aKteure

filmKuNst

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22 rachel weisZ

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„The young PoPe“

10 FOTOGRAFEN IM FILM

Die Frauen und männer hinter der Fotokamera sind geborene Kinohelden. Als positive oder ambivalente Figuren in Spielfilmen erzählen sie immer auch vom Verhältnis der Bildkunst zur Welt. Eine Auswahl besonders prägnanter Fotografen-Filme. Von Jens Hinrichsen, Felicitas Kleiner und Marius Nobach

16 RODRIGO GARCÍA

Der kolumbianische Regisseur ist vor allem mit anspruchsvollen Filmen und Fernsehserien über komplexe Frauenfiguren bekannt geworden. nun hat er mit „40 Tage in der Wüste“ einen ungewöhnlichen Jesus-Film gedreht. Eine Annäherung. Von Wolfgang Hamdorf

18 „THE YOUNG POPE“

Paolo Sorrentinos aufwändige VatikanSerie schwelgt in Pomp, theatralischen Gesten und Intrigen. Die realen Verhältnisse im Kirchenstaat und eine Auseinandersetzung mit dem Papstamt bleiben dabei außen vor. Von Rainer Gansera

21 WILFRIED BERGHAHN

Der Filmkritiker (1930-1964) prägte in den 1950er- und 1960er-Jahren die kritische Filmpublizistik in Deutschland maßgeblich mit. Ein neues Filmbuch würdigt seinen Einfluss und zeigt seine Vorbilder auf. Von Thomas Brandlmeier

22 RACHEL WEISZ

Die britische Schauspielerin fasziniert durch ihre Schönheit, mehr aber noch durch ihre Experimentierfreude. Der mut, neue Genres und Rollenfächer auszuprobieren, macht sie zur Favoritin zahlreicher interessanter Regisseure. Ein Porträt. Von Michael Ranze

26 IN MEMORIAM

nachrufe u.a. auf die österreichische Schauspielerin Christine Kaufmann und den DEFAKameramann Claus neumann. Von Rainer Dick und Ralf Schenk

foKus TürKei

27 E-MAIL AUS HOLLYWOOD

Sinkende Umsätze im Jahr 2016 haben die Studios alarmiert. In Zukunft soll nicht mehr allein auf Franchise-Filme und das Sommergeschäft gesetzt werden. Ein Umdenken hat bereits eingesetzt, indem potenzielle Blockbuster nun schon im Frühjahr gestartet sind. Von Franz Everschor

28 FILMCLUBS

Gegründet von Filmenthusiasten, sind Filmclubs heute oft eine der letzten Bastionen leidenschaftlicher Kinokultur. Ohne kommerzielles Kalkül würdigen sie die Filmgeschichte und lassen auch Randbereiche zu Ehren kommen. Eine Umschau unter deutschen Filmclubs zur aktuellen Situation. Von Sabrina Hambloch

32 FOKUS TÜRKEI (IX)

Das Klima in der Türkei ist aufgeheizt. Davon kündet auch der Spielfilm „Inflame“, in dem sich ein nachrichtensender von der Wahrheit verabschiedet. Ein Gespräch mit der Regisseurin Ceylan Özgün Özçelik. Von Emine Yildirim

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Warum die provokative Serie „the Young pope – der junge papSt“ von paolo Sorrentino keinen Skandal provoziert

Es ist schon kurios: Gerade in einer Phase, in der der amtierende Papst Franziskus Wert darauf legt, allen Prunk beiseite zu lassen, und sich in Bescheidenheit übt, setzt der italienische Regisseur Paolo Sorrentino eine 40 Mio. Euro teure Fernsehserie mit Star-Aufgebot in Szene, die den Vatikan demonstrativ als Schauplatz für Pomp, theatralische Gesten und Intrigen herausstellt. Sorrentinos dramatische Komödie zeigt die Residenz des Oberhaupts der katholischen Kirche als imposant-pittoreske, mythischzeremonielle Kulisse für Ego-Theater und Machtspiele. Von Rainer Gansera

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the young pope kino

In den zehn Episoden der ersten Staffel von „The Young Pope“ (eine zweite Staffel befindet sich in Produktion) erzählt Paolo Sorrentino die Geschichte des 47-jährigen Amerikaners Lenny Bellardo (dargestellt von Jude Law), der als Papst Pius XIII. gerade sein Amt antritt. Der Plot ist pure Fiktion, die sich weniger um die Glaubwürdigkeit der Story als um die Pracht des Bilderpanoramas kümmert. Der für seine flamboyante Bilderfantasie bekannte Sorrentino („La grande bellezza“, „Il Divo“) setzt auf die Anmutung des Grandiosen im Zeichensystem dekorativer Schönheit. Mit seinem Kameramann Luca Bigazzi zelebriert er eine Melancholie des Luxuriösen, die durchweht ist von weißen Vorhängen, beleuchtet von auratischem Gegenlicht, gespenstischen Spot-Effekten und Schattenspielen. Wenn Nonnen im prächtigen Garten Fußball spielen, dann tun sie das in Zeitlupe wie für einen neckischen Werbeclip. Wobei für Sorrentino zu Prunk und Pracht immer auch die Dekadenz gehört; die tableauartigen Arrangements seiner Schönheits-Ikonografie sind stets auch mit Momenten des Bizarren, Schockierenden und Provokanten verbunden. So beginnt schon die erste Episode mit dem gemäldeartig „schön“ arrangierten und doch schockierend auftrumpfenden Bild eines nackten Babys, das über eine Halde toter Kinder krabbelt. Ein Alptraumbild aus der ersten Nacht, die Lenny als Pius XIII. in den vatikanischen Gemächern verbringt; und in seiner ersten öffentlichen Ansprache attackiert er sogleich mit theatralischer

Zornesgeste die katholische Morallehre: „Ihr habt vergessen zu masturbieren! Ihr habt vergessen zu verhüten! Ihr habt vergessen homosexuelle Beziehungen zu leben!“ Alle sind verwirrt – doch auch diese Szenerie der Rebellion entpuppt sich als Angsttraum, wie überhaupt das Ganze den Stempel von Traum-Erinnerung-Vision trägt. Der kettenrauchende Papst macht gerne provokante Witze. Dem Beichtvater, dem er eine dem Beichtgeheimnis unterliegende Information erpresst, gesteht er mit ernster Miene: „Ich glaube nicht an Gott!“ Natürlich nur ein Scherz! In der Galerie der Erinnerungsbilder nimmt Lennys Kindheit großen Raum ein, um seine Traumatisiertheit als Waisenkind zu betonen. Seine Hippie-Eltern haben ihn als Fünfjährigen in einem Waisenhaus abgegeben, wo sich Schwester Mary (Diane Keaton) fürsorglich um ihn kümmerte.

der papSt alS queckSilbriger provokateur Warum gerade dieser Mann zum Papst gewählt wurde, bleibt wie das Allermeiste suggestive Andeutung. Kardinal Voiello (Silvio Orlando), der Strippenzieher im Vatikan, habe Bellardo als manipulierbare Papst-Marionette installieren wollen, heißt es einmal, aber nun entpuppt sich der im Konklave Erwählte als unberechenbarer, launischer Tyrann, der seine infantilen Allmachtfantasien ausleben will. Machtausübung heißt für

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Fotos: Polyband

kino the young pope

ihn Demütigung von Untergebenen. Am besten versteht er sich noch mit der Marketing-Chefin des Vatikans (Cécile de France). Sie akzeptiert, dass er sein Gesicht nicht öffentlich zeigen und fotografieren lassen will: ein Marketing-Trick, den Popkünstler wie Banksy oder Daft Punk strategisch erfolgreich vorgemacht haben. Nur vage angedeutet bleibt auch, was Pius XIII. kirchenpolitisch vorhat. Zu Beginn lässt er, weniger aus fundamentalistischer Überzeugung denn aus sadistischer Machtdemonstration heraus, besonders krasse Absichten verlauten: Er will alle homosexuellen Priester aus dem Amt entfernen, alle Abtreibungssünder exkommunizieren, überhaupt keine Fotos von sich erlauben und auch auf keine Reise gehen. Der minimale Plot, der sich dann über die zehn einstündigen Episoden hin entfaltet, verwandelt ihn vom Hyper-Hardliner zu einem etwas freundlicheren Wesen: „In den Prinzipien streng, aber im Umgang freundlicher.“ Er toleriert homosexuelle Priester im Amt, reist nach Afrika, bricht bei einem öffentlichen Auftritt in Venedig in Tränen aus und verkündet eine Botschaft des Lächelns. All dies erscheint wie eine

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Drehung von Launen, ohne personale oder theologische Substanz.

Fiktion Weitab der realität Zu Recht hat man der Serie vorgeworfen, dass sie einem längst verstaubten Muster folge, wenn sie den Papst und nicht Jesus Christus ins Zentrum des Glaubens stelle. Tatsächlich gibt es keinerlei Wahrnehmung der Jesus-Gestalt, keinerlei Herausforderung durch das Evangelium. Zu den Dimensionen von Glauben, Spiritualität und christlicher Frömmigkeit dringt Sorrentino nicht vor – und will es auch gar nicht. Sein Held ist die launische Diva eines sich irgendwie religiös gerierenden Showbusiness. In seinem Doppelcharakter als Tyrann und Heulsuse ist Lenny/Pius XIII. eine typische Sorrentino-Männerfigur, also ein Mann, der sich in Grandiosität aufspreizt, andererseits aber in Selbstmitleid zerfließt. Man hat sich verwundert gefragt, warum diese Serie, die immer

wieder mit provokanten Nacktheiten, Karikaturen und schrillen Schocks aufwartet, keine Empörung hervorgerufen hat. Der Grund ist einfach: Das Konzept der Serie und ihr visueller Traumcharakter streifen die Wirklichkeit nur am Rand – eine idiosynkratische Sorrentino-Nummer, der die Kraft zu wirklicher Provokation fehlt. Sorrentino kokettiert mit Kitsch und Klischee, er verzichtet auf dramatische Erzählperspektiven und errichtet als Spannungsmoment allein die Frage nach den Launen seines Helden: Will Lenny heute wieder den tyrannischen Widerling spielen oder ist er mal netter drauf? Wer Gefallen an Sorrentinos GrandezzaStil mit seinen Schrill-Effekten hat, wird mit Vergnügen in die vorüberrauschenden Tableaus eintauchen. Und kann dabei gewiss sein, dass sich tiefere Spuren einer existenziellen Berührung nicht abzeichnen werden. • the Young pope Italien/Frankreich/Spanien/großbritannien/uSA 2016. Regie: paolo Sorrentino. Länge: ca. 544 Minuten (10 Folgen). Anbieter: polyband Medien


Über die a n H a lt e n d e b e d e u t u n g vo n F i l m c lu b S in deutScHland

Hüter des verlorenen Schatzes

Zweimal im monat bietet der Frankfurter Filmclub „treppe 41“ sein Programm im Kino des deutschen Filminstituts an. Foto: Lichtinstallation im Treppenhaus © Uwe Dettmar_ Quelle: DIF Filmdienst 8 | 2017

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FILMCLUBS FilmKunSt

Für viele sind Filmclubs die letzte Insel der Glückseligkeit: Einrichtungen ohne kommerzielles Kalkül, geführt und kuratiert von Enthusiasten, die Filme zeigen und über Filme reden, mit dem Publikum wie auch mit Filmschaffenden. Ob an Universitäten, in der Jugend- und Erwachsenenbildung, in religiösen Institutionen oder ob im Umfeld purer leidenschaftlicher Cinephilie: Filmclubs haben nicht nur eine lange Geschichte, sie sind heute immer noch ein wichtiger Mosaikstein der Film- und Kinokultur. Von Sabrina Hambloch

Es war der Leiter eines Cineclubs in Buenos Aires, der den entscheidenden Hinweis gab: Er hatte sich gewundert, wie lange die Vorführung von Fritz Langs Stummfilm-Epos „Metropolis“ dauerte. Jahre später erreichte seine Bemerkung das Ohr von Paula FélixDidier, der Leiterin des Museo del Cine in Buenos Aires. Woraufhin sie die Kopie des Films untersuchte und die verloren geglaubten Szenen von „Metropolis“ entdeckte. So wurde die Filmwelt im Jahr 2008 Zeuge einer großen Entdeckung. Filmclubs besitzen eine wichtige Funktion für die Bewahrung von Film. Hier werden alte Kopien nach Jahrzehnten im Archiv wieder vorgeführt. Nach wie vor sei bei ihnen klassische Filmkunst sehr beliebt, so Bernhard Marsch vom Kölner Filmclub 813: „Allerdings liegt der Altersschnitt der Zuschauer dann um die 50 Jahre. Die wollen alle noch einmal die Filme sehen, die sie in frühen Jahren gesehen haben.“ 1990 gründete Marsch mit einigen Freunden den Filmclub 813, der jedoch nicht nur die großen Klassiker auf die Leinwand bringt: „Alles, was dem Lustprinzip entspricht oder der Schaulust verhaftet ist, ist legitim. Es ist egal, ob ein Film auf der ‚Berlinale‘ lief oder aus dem Bahnhofskino stammt; was zählt, ist das pure Vergnügen, einfach im Kino zu sitzen, die große Leinwand und die Ausschließlichkeit des Films.“ Ein geschlossener Club voller filmverrückter Nostalgiker sind Filmclubs freilich längst nicht mehr. Sie haben sich geöffnet und bieten Interessierten Raum für ihre jeweilige Liebe zum Film.

beginn alS teil deS re-educationS-ProgrammS Früher waren Filmclubs Teil des Re-Education-Programms der Alliierten. Als Mittel der Entnazifizierung sollte der Film demokratische Werte vermitteln, über die sich die Zuschauer anschließend unterhielten. Kulturelle Institute wie die Amerika-Häuser und die Instituts

français, die in jeder größeren Stadt angesiedelt wurden, zeigten Filme aus ihren jeweiligen Heimatländern, die deren Geschichte und Tugenden hervorhoben. Das Konzept ging auf, die Kinosäle waren bis auf den letzten Platz besetzt. Nach Jahren nationalsozialistischer Kinopolitik war der Hunger auf ausländische Filme groß. Fremde Länder und Eindrücke aus den Kolonialgebieten der Besatzermächte zogen die Menschen in die Kinosäle der Kultureinrichtungen. Einer dieser Säle ist auch heute noch in der Hand eines Filmclubs. Bis 2001 gehörte das Gebäude dem British Council in Köln. Ein Theater- und ein Kinosaal zeugen von der Geschichte der Nachkriegsjahre, als in Köln hunderte von Kinos das Stadtbild prägten. Der kleine, staubige Saal auf der Kölner Hahnenstraße ist mühsam beleuchtet, aber es ist alles da, was es für ein Kino braucht: schwarze Vorhänge, eine weiße Leinwand, samtige Sessel mit bescheidener Beinfreiheit – und ein Gefühl von Zeitreisen, wenn in stillen Filmmomenten hinter den Zuschauern der 35mm-Film durch die Windungen des Projektors rattert. Kurz vor der Jahrtausendwende sollte allerdings Schluss sein, der Veranstaltungstrakt privatisiert werden: „Wir waren nur geduldet, es war nicht unser Kino. Da haben wir einfach eine Demonstration in Paris gemacht“, erzählt Marsch. Im Reisebus mit 60 Mitgliedern fuhr der Club auf die Champs-Élysées: „Das war die Zeit, in der man sich gegen äußere Feinde wehren wollte, es war ein Akt des solidarischen Zusammenfindens.“ Aus dieser Zeit stammt auch der Kampfspruch, den der Filmclub 813 bis heute im Titel trägt: „Nous resterons là!“ – „Wir bleiben hier!“ Mit der Super-8-Kamera wurde der „Besatzungsstreik“ im cinephilen Frankreich festgehalten. Marsch: „Gott sei Dank ist das dann alles im Sande verlaufen, und wir konnten problemlos weiter bleiben.“ 2001 kaufte der Filmclub 813 die alten Projektoren „für einen symbolischen Preis“ und ist seitdem offizieller Betreiber des Kinos in der „Brücke“.

iSt daS KunSt, oder Kann daS weg? Seit 2012 werden Filme nur noch in digitaler Form an die Kinos verliehen. Dies führte bei den Verleihen zu einer massiven Entsorgung herkömmlicher 35-mm-Kopien: „Viele haben ihre Kopien einfach aus den Lagern geholt und in den Schredder gegeben“, erläutert Andreas Beilharz, Mitglied der Kinokooperative Fürth und Mitarbeiter in der Kinoabteilung des Deutschen Filminstituts in Frankfurt/Main. Filme, die nicht kulturell wertvoll erschienen, liefen Gefahr, auf dem Sondermüll zu landen. Andere Bestände hätten sich „in alle Winde zerstreut“. Nun nehmen es oft die Filmclubs in die Hand, das analoge Erbe zu retten. Oftmals auch, so Winfried Bettmer vom ältesten Filmclub Deutschlands in Münster, weil „sich ein kleiner Filmclub nicht mal eben einen digitalen Filmprojektor von 150.000 Euro hinstellen kann“. Die Finanzierung aus öffentlichen Mitteln wirkt sich enorm auf die Möglichkeiten und Ausstattung der Filmclubs aus. Während in Münster seit den 1970er-Jahren öffentliche Träger wie die VHS und die Münsterschen Filmbetriebe finanziell und mit Spielstätten aushelfen, muss der Kölner Filmclub 813 trotz einer städtischen Zuwendung, die „das Gröbste deckt“, auch auf die Zahl der Zuschauer achten. In Frankfurt genießt der Filmclub „Treppe 41“ eine besondere Unterstützung: Hier darf man zweimal im Monat die

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FilmKunSt FILMCLUBS

der Filmclub 813 nutzt zur Präsentation seines Programms die alten aushangkästen des ehemaligen british council in Köln Foto: Sabrina Hambloch

modernen Räumlichkeiten und Projektoren des Deutschen Filminstituts nutzen. Angesichts fehlender öffentlicher Gelder kommt der Solidarität unter den Filmclubs eine wachsende Bedeutung zu. Etwa wenn eine Brandschutzsanierung wie im Kölner Filmhaus die Existenz eines ganzen Filmclubs gefährdet. Der Kölner Trash-Filmclub „Something weird Cinema“ hat deshalb gerade Zuflucht beim Filmclub 813 gefunden, der seinen Kinosaal zur Verfügung stellt. „Nach der Sanierung des Filmhauses wird das gesamte Haus neu ausgeschrieben; auch der Filmclub muss sich dann neu bewerben.“ Bernhard Marsch ist vor allem darüber schockiert, wie wenig das ehrenamtliche Engagement des befreundeten Clubs gewürdigt wird: „Es ist ziemlich traurig, wenn man Menschen, die sich so viel Mühe gegeben haben, nicht garantieren kann, dass sie nach der Wiedereröffnung des Filmhauses weitermachen können.“

„KinoS, die aKtuelle Filme Zeigen, gibt eS genug“ Filmclubs leben vom Engagement ihrer ehrenamtlichen Mitglieder, die ihre Begeisterung für den Film mit anderen Menschen teilen wollen. Auf der Homepage der „Treppe 41“ beschreibt ein Zitat des

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russischen Filmhistorikers Naum Kleiman die Leitlinie des Frankfurter Filmclubs: „Im Austausch von Eindrücken“ wolle man „Kino zum gemeinsamen Erlebnis werden lassen“. Oft werde diese Offenheit vom Publikum jedoch gar nicht bemerkt: „Hier im Filmmuseum nehmen die Leute den Filmclub als relativ exklusiv wahr, als eine verschworene Clique, wo man nicht hereinkommt‘, erläutert Julian Bodewig. Der Club wirbt neben Mund-zuMund-Propaganda und Flyern deshalb auch in sozialen Netzwerken wie Facebook. Allerdings kann „man die Leute nur dort abholen, wo sie schon sind“, sagt Bodewig. „Diese Arbeit, die Menschen ins Kino zu holen, können die Filmclubs nicht leisten.“ Video-on-Demand-Angebote wie Netflix machen Film rund um die Uhr möglich. Diese Entwicklung, die sich auch gegen das lineare Fernsehen richtet, entspricht laut Bodewig dem Konsumverhalten der Menschen, die nicht mehr zu einer gewissen Uhrzeit im Kino sein wollen. Doch statt angesichts dieser Entwicklung klein beizugeben, müsste man die Zuschauer fürs Analogmaterial und den „artefaktischen“ Wert des Films sensibilisieren: „Wenn ich weiß, das heute die letzte noch existierende, originale Vorführkopie aus den 1970er-Jahren aus einem Archiv in England zu sehen ist, besitzt das doch die Qualität eines Museumsbesuchs.“ Für Felix Mende, der mit 22 Jahren zu den jüngsten Mitgliedern des Filmclubs 813 zählt, ist Nostalgie der falsche Begriff, wenn es um Filmclubs geht: „Kinos, die aktuelle


FILMCLUBS FilmKunSt Filme zeigen, gibt es genug. Dass man sich einmal auch mit den restlichen 99,9 Prozent der Filmgeschichte beschäftigt, heißt ja nicht, dass man der Vergangenheit anhängt, sondern sich ganz einfach nur mit ihr befasst.“ Während es in der Satzung des Filmclubs Münster von 1995 noch hieß: „Die Aufgabe des Clubs besteht darin, durch Trennung von Kunst und Kitsch im Bereich des Films das Ansehen der Filmkunst zu fördern“, ist der ästhetisch maßgebende Filmklassiker längst vom Sockel gestoßen worden. Selbst der Fernsehsender arte bietet mit „Schund ist schön“ vier Kult-Trashfilme zum kostenlosen Streaming an. Trash-Filmreihen erfreuen sich in den Filmclubs eines großen Zuschauerzuspruchs. Der Frankfurter Filmclub „Treppe 41“ zeigt beispielsweise „Montana Sacra – Der heilige Berg“ (1973), den experimentellen Kultfilm von Alejandro Jodorowsky. Im rotbestuhlten Designerkino fließt das Kunstblut in Strömen, nackte Körper spielen Krieg. Das kommt nicht bei allen

Filmclub-FaKten Luis Buñuel hatte bereits 1928 den ersten Filmclub Spaniens gegründet; Satyajit Ray schuf 1947 den ersten indischen Filmklub; in den USA hoben Amos Vogel und seine Frau im selben Jahr das Cinema 16 aus der Taufe. In Frankreich, dem »Mutterland der Cinephilie«, gründete Regisseur und Filmkritiker Louis Delluc einen der ersten Filmclubs nach dem Ersten Weltkrieg; Jean Vigo initiierte 1930 den ersten Filmklub in Nizza; 1935 gründeten Henri Langlois und Georges Franju den Filmclub »Cercle du cinéma«, aus dem die Cinémathèque française hervorging. Als »Wiege der Nouvelle Vague« gilt der 1948 von André Bazin gegründete AvantgardeFilmclub »Objectif 49«, dessen Präsident Jean Cocteau wurde. François Truffaut beschrieb André Bazins Engagement: „In den ersten Tagen unserer Freundschaft – es war um 1947 – hatte ich das Glück, ihn zu seinen Filmpräsentationen zu begleiten und zu beobachten, wie er zunächst in einem Dominikanerkloster und zwei Tage später den Arbeitern in einer Metallfabrik in der halben Stunde zwischen Mittagessen und Rückkehr an die Werkbänke zwei Chaplin-Einakter vorführte, wobei er es beide Male verstand, sein Publikum zu begeistern und alle in die Diskussion miteinzubeziehen.“ In Deutschland waren die 1950er-Jahre die Blütezeit der Filmclub-Bewegung, auch in der DDR gab es zahlreiche Neugründungen. In der Bundesrepublik nahm die Zahl der Filmclubs mit Aufkommen des Fernsehens ab, 1971 löste sich der Dachverband deutscher Filmclubs auf. Vielerorts traten Kommunale Kinos an die Stelle der Filmclubs. Die Fédération Internationale des Ciné-Clubs (International Federation of Film Societies) wurde 1947 in Cannes gegründet: www.lafccm.org Lesetipp Anne Paech: „Die Schule der Zuschauer. Zur Geschichte der deutschen Filmclub-Bewegung“. Im Internet als pdf-Datei: www.joachim-paech.com/wp-content/uploads/2010/08/Die-Schule-derZuschauer.-Zur-Geschichte-der-deutschen-Filmclub-Bewegung.pdf

gut an: „Da hat sich jemand in der ersten Reihe furchtbar aufgeregt“, berichtet Julian Bodewig, „hat lautstark gestikuliert und dann auf die Ermahnung von anderen Zuschauern hin den Raum verlassen. Anscheinend fühlte er sich von diesem Film echt angegriffen. Dass die Bilder immer noch diese Macht haben, Menschen so aufzuwühlen, finde ich bemerkenswert.“ Die ursprünglich für Bahnhofskinos produzierten Low-BudgetFilme sollten Wartenden die Zeit verkürzen. Da das Programm nonstop, also ohne Unterbrechung lief, konnte man jederzeit in den Film ein- und wieder aussteigen. Effekte und Spektakuläres sollten die Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich ziehen. Heute amüsiert man sich über die skurrilen Szenen und Dialoge. Filme wie „Sharknado“, bei dem ein Tornado Haifische übers Festland verteilt, erinnern an diese Tradition der B-Movies, die als DoubleFeature in den 1950er-Jahren dem Hauptfilm vorangingen. In den Filmclubs feiern sie nun ein Revival. Eine Besucherin des Filmclubs 813 schätzt genau dieses Nischendenken: „Filmclubs trauen sich eher als die großen Kinos, den Geschmack abseits des Mainstreams zu bedienen.“ So zeigte der Filmclub 813 einen Musikfilm über den New Orleans-Jazz; eine Gruppe Studenten aus Bonn ist dafür extra nach Köln gekommen. „Es ist immer ein spezielles Publikum, jeden Abend ein anderes.“

„wir Sind die letZten StattHalter“ Zu jedem Film gibt es eine Einführung. Meist von den Mitgliedern, manchmal kommt sogar der Regisseur persönlich. Vor allem bei Festivals wie dem Münsteraner „NL+“, das dem niederländischen Film gewidmet ist. Hier tauscht man sich mit Filmschaffenden aus, ganz ohne roten Teppich. Winfried Bettmer ist von der lebendigen Filmclub-Kultur der holländischen Nachbarn begeistert: „In den Niederlanden gibt es fast in jedem Kaff ein Filmhaus, das täglich ein Programm von fünf, sechs Filmen anbietet.“ In Deutschland müsse er sich immer wieder für die geringen Besucherzahlen rechtfertigen: „Bei einem Kunstverein fragt das niemand!“ Er bemühe sich um ein volles Haus, auch indem die Filme in andere kulturelle Aktivitäten eingebunden werden, etwa ins „Zebra Poetry Film Festival“. Dann werden Kurzfilme gezeigt, die auf Gedichten basieren. Solche Präsentation von Filmkunst werde allerdings immer seltener: „Ein kuratiertes Programm gibt es nur noch hier“, so Jeremy Füser vom Filmclub 813, „wir sind die letzten Statthalter.“ Auch in den 1940er-Jahren waren die Filmclubs in eine Lücke gestoßen, wurde nach Jahren der propagandistischen Inanspruchnahme Film als Kunstform neu entdeckt. Der Andrang in den Filmclubs, die exklusive Premieren zeigten, war groß. So schrieb „Der Film-Club“, das Sprachrohr der Bewegung, in seiner dritten Ausgabe 1949 über den neugegründeten Filmclub Münster: „Bereits nach sechs Wochen hatte man die in den Satzungen festgelegte Höchstzahl von 700 Mitgliedern erreicht.“ Von solchen Zahlen können heutige Filmclubs nur träumen. Bernhard Marsch sieht die Entwicklung der Filmclub-Bewegung realistisch: „Ich persönlich empfinde Befriedigung, wenn mehr als 20 Besucher da sind.“ Dann blickt er über die Sitzreihen des ehemaligen British Councils und ergänzt: „Aber wir haben 180 Plätze, die dürften auch mal voll sein.“ •

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Dancing Beethoven Hymne auf die Kunst Nicht nur ihre Erzählerin, auch Kamera und Montage treten in Dialog mit den Tänzern, mit dem Stück, werden selbst aktiv, entwerfen eine eigene Geschichte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es sind keine pompösen Einfälle, nur kleine cineastische Gesten wie jene kurzen Momente der Stille, mit denen sich Aguirre das Material auf unscheinbar poetische Weise zu eigen macht. Seiner Struktur nach ist „Dancing Beethoven“ ein „Making of“ über die Inszenierung: Proben, Anweisungen, Korrekturen. Eine Solotänzerin wird schwanger, eine andere verstaucht sich den Knöchel. Gespräche am Bühnenrand, pathetische Sätze über Beethovens Musik, über Schillers „Ode an die Freude“ oder den 2007 verstorbenen Ballettgründer Maurice Béjart und seinen Hang zum Spektakel, zu Opulenz und kreisenden Choreografien als Spiegelbild des Lebens. Das alles lässt die Regisseurin jedoch nicht einfach so stehen. Sie greift es auf und verwandelt es in den Stoff ihrer eigenen Erzählung, die gleichsam aus

dem Hintergrund heraus immer wieder durch die Interviews, die Tanzsequenzen, die dokumentarische Patina hindurchschimmert. Eine schneebedeckte Schweizer Berglandschaft rahmt den Film. Zu Beginn erzählt Malya Roman aus dem Off von Heinrich von Lausanne, einem Wanderprediger des 12. Jahrhunderts, der daran glaubte, dass Gott und der Teufel jeweils getrennte Welten erschaffen hätten, eine gute und eine böse. Die Erde war für ihn das Werk des Teufels. Ähnlich düster geht es weiter. Als Malya Roman sich auf den Weg zum Béjart Ballet macht, wirft sich bei Nyon jemand vor den Zug, in dem sie sitzt. Die Statistik belegt, dass sich in der Schweiz fast jeden Tag jemand auf diese Weise das Leben nimmt. Bald jedoch spürt man, was Aguirre und ihre Erzählerin dem entgegenhalten: die Freude am Leben und an der Kunst. Malya Roman ist die Tochter von Gil Roman, dem heutigen Leiter und Chef-Choreografen des Béjart Ballets. Auch ihre Mutter war eine Béjart-Tänzerin.

Schon als kleines Baby nahmen ihre Eltern sie mit auf Tour. Diese Nähe verleiht ihren Gesprächen eine wohltuend familiäre Intimität und dürfte dem Film auch manche Tür geöffnet haben, die sonst vielleicht verschlossen geblieben wäre. Einer kritischen Perspektive steht diese Vertrautheit allerdings eher im Weg. Nur ganz selten lässt der Film Brüche erahnen. Doch um die Risse, die sich auch in der vor der Kamera viel beschworenen Künstlergemeinde zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftun, geht es dem Film nicht. „Dancing Beethoven“ streckt sich nach einem Ideal, einer Vision aus, dem Traum, dass Menschen, egal welcher Herkunft, eine Einheit bilden können: auf der Bühne, wie es das internationale Ensemble am Ende beim Auftritt in Tokio eindrucksvoll vorführt. Aber auch darüber hinaus. Es ist viel von „Diversität“ die Rede und davon, dass unsere Welt angesichts des „FacebookEgoismus“ immer mehr „verkümmere“. Sympathisch aber ist, dass die Inszenierung nicht versucht, den Zuschauern diese Botschaft aufzudrängen. Als der Krieg in Syrien zur Sprache kommt, zeigt Aguirre lediglich Aufnahmen eines wogenden Ozeans. Den Rest überlässt sie

Fotos S. 36–51: Jeweilige Filmverleihe

Für ein paar Sekunden schweigt die Musik. Das Israelische Philharmonische Orchester unter der Leitung Zubin Mehtas ist nicht länger zu hören. Allenfalls im Kopf klingt Beethovens 9. Symphonie nach. Nur die Tänzerinnen und Tänzer auf der Leinwand bewegen sich noch. Unmittelbar davor, ehe die spanische Regisseurin Arantxa Aguirre den Ton ausblenden lässt, erinnert die Schauspielerin Malya Roman als Erzählerin daran, dass Beethoven vollkommen taub war, als er die „Neunte“ komponierte. Ob er die Musik, die er nicht mehr hören konnte, wohl gesehen hätte, wenn er die Inszenierung seines Werkes durch das Béjart Ballet Lausanne miterlebt hätte? Einige tonlose Augenblicke lang spürt der Film dieser Frage nach. „Dancing Beethoven“ ist eine jener Dokumentationen, die einen Blick hinter die Kulissen eröffnen. Neun Monate lang begleitete Aguirre das Béjart Ballet und das Tokyo Ballet bei ihren Proben von Maurice Béjarts Ballettfassung der 9. Symphonie bis zur gemeinsamen Aufführung im Herbst 2014 in Tokio. Die Inszenierung begnügte sich jedoch nicht damit, Interviews zu führen und Choreografien abzufotografieren. Stattdessen wird sie selbst zur Choreografie.


neue Filme KritiKen den Assoziationen. Am Schluss wendet sich Malya Roman direkt ans Publikum. Sie blickt frontal in die Kamera, als sie der dualistischen Weltsicht Heinrichs von Lausanne widerspricht. Die Menschen, glaubt die Erzählerin, seien in der Lage, sowohl Mörder als auch Schöpfer zu sein. Der Film mündet in einer Art Ode auf Kunstwerke, die wie „Kathedralen“ und „Leuchttürme“ emporragten, um den Menschen Hoffnung zu spenden. Arantxa Aguirre hat mit „Dancing Beethoven“ gleich mehrere dieser überwältigenden Kunstwerke dokumentiert. Und mit grandiosen Vogelperspektiven, faszinierenden Detailaufnahmen und dem berauschenden Spiel mit Schärfe und Unschärfe, Stillstand und Bewegung, Prosa und Poesie auch selbst ein kleines erschaffen. Stefan Volk

BEwERTuNG DER FILmKOmmIssION

Dokumentarfilm über das Béjart Ballet Lausanne, das zusammen mit dem Tokyo Ballet und dem Israel Philharmonic Orchestra 2014 eine Ballett-Fassung von Maurice Béjart über Ludwig van Beethovens „Neunte“ in Tokio aufführt. Virtuos verwebt er Impressionen von Proben, Gespräche, Interviews und kleine Zwistigkeiten am Rand zu einem kleinen Meisterwerk. Mittels grandioser Vogelperspektiven, Detailaufnahmen und des berauschenden Spiels mit Schärfe und Unschärfe, Stillstand und Bewegung verdichtet sich die Dokumentation zu einer Hymne auf die Kunst und deren hoffnungsstiftende Kräfte. – Sehenswert ab 12.

DANCING BEETHOVEN Schweiz/Spanien 2016

Erbarme Dich Doku-Poesie über die Matthäus-Passion

Zunächst ist da die Musik selbst: die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. In Ramón Gielings poetischem Essayfilm finden sich verhältnismäßig lange Passagen, in denen das berühmte Werk für sich allein stehen darf. Die schönsten Szenen des Films begnügen sich damit, einer Probe des Musikstücks beizuwohnen, die in einem alten Fabrikgebäude stattfindet. Die hohen Hallen und die majestätisch fahle Lichtsetzung schaffen einen visuellen Resonanzraum, der sich zwar an wohlbekannten visuellen Klischees orientiert, aber der zeitlosen Musik gleichwohl angemessen ist. Der Rest des Films ist damit beschäftigt, die Musik einzurahmen. Das geschieht auf ganz unterschiedliche Weise, aber nie in der Manier eines klassischen Dokumentarfilms – die Entstehungsgeschichte des Werks ist so wenig Thema wie musikwissenschaftliche Analysen oder theologische Ausdeutungen. Stattdessen geht es der Inszenierung um Spuren, die die Matthäus-Passion in der Gegenwart hinterlässt. Die Grundidee scheint dabei zu sein, dass die Musik eine Naturgewalt darstellt, die die Zuhörenden im Innersten trifft und im besten Fall sogar ihr Leben ändern lässt. Es geht also gerade nicht um ästhetische Kontemplation, son-

dern um realweltliche Wirkungsmacht. Die Tränen, von denen im Film oft die Rede ist, sind keine der bloßen individuellen Rührung, sondern Ausdruck eines öffentlichen, geteilten Leids. Die Matthäus-Passion ist, so lautet die Hauptthese, ein Angebot, das es den Menschen ermöglicht, ihre Trauer mit anderen zu teilen und dadurch zu lindern. Die Inszenierung gibt sich alle Mühe, die emotionale Wucht zu illustrieren, die der Musik zugeschrieben wird. Das beginnt mit einer guten Idee. Bei den Probeszenen in der Fabrik ist auch ein Obdachlosenchor zugegen; die alten, vom Leben gezeichneten Frauen und Männer hören meist nur zu, werden gelegentlich aber auch selbst Teil der Aufführung. Dabei entstehen Bilder, in denen das ästhetische Programm des Films plötzlich Sinn ergibt: Was macht die Musik mit diesen Körpern? Gelingt es ihr tatsächlich, die sozialen und biografischen Unterschiede momenthaft zu überwinden? Wird sie vielleicht sogar zum Medium einer anderen, besseren Gesellschaft? Die meisten anderen Rahmungen erscheinen weitaus weniger inspiriert. Die Matthäus-Passion mit Ausschnitten aus Pasolini-Filmen oder gelegentlich auch mit (Fernseh-)Bildern von den Schlachtfeldern der Gegenwart zu konfrontieren, mag interessante Effekte hervorbringen; gleichwohl werden diese Passagen den Eindruck der Beliebigkeit nie ganz los. Auch die regelmäßig auftauchenden Schrifteinblendungen und kurze dramatische Miniaturen verlieren sich

im bloß Ornamentalen. Am problematischsten ist der Film allerdings, wenn er seinen Titel ernst nimmt und die Matthäus-Passion zum Ausgangspunkt von Erzählungen macht. Dafür werden eine Reihe von Kronzeugen vor die Kamera gestellt, die ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Musikstück ausbreiten. Einmal soll die Musik von Bach dafür verantwortlich sein, dass eine Frau sich gegen eine Abtreibung entschieden hat, einmal führt sie einen Kommunisten an die Spiritualität heran, einmal hilft sie einer Mutter, den Tod ihres Kindes zu verarbeiten. Das mag alles stimmen; doch wenn Bachs Musik so kraftvoll ist, wie Gieling behauptet, dann sollte man doch jede Zuhörerin, jeden Zuhörer ihre/seine eigenen Erfahrungen machen lassen. Lukas Foerster

BEwERTuNG DER FILmKOmmIssION

Poetischer Essayfilm über die enorme Wirkung der MatthäusPassion von Johann Sebastian Bach, insbesondere ihr Vermögen, verschüttete, verdrängte oder nicht akzeptierte Gefühle zutage zu fördern. Angelehnt an eine Aufführung des Werks, bezieht der Film die Proben eines Obdachlosenchores ebenso wie Ausschnitte aus Filmen von Pasolini sowie Bilder von aktuellen Kriegen ein, was einen seltsam beliebigen Eindruck hinterlässt. Am schwierigsten sind Passagen, in denen die Musik zum Ausgangspunkt von Erzählungen gemacht wird, in denen Kronzeugen über ihre Erfahrungen mit dem Bach-Werk reflektieren. – Ab 14.

ERBARmE DICH – mATTHÄus PAssION sTORIEs. Niederlande 2016

Regie: Arantxa Aguirre

Regie: Ramón Gieling

Länge: 79 Min. | Kinostart: 13.4.2017

Länge: 98 Min. | Kinostart: 13.4.2017

Verleih: Arsenal | FD-Kritik: 44 611

Verleih: Salzgeber | FD-Kritik: 44 612

Filmdienst 8 | 2017

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kriTiken dvd/Blu-ray/Internet

The Salvation Hunters Restauriert: Ein Sozial-Melodram von Josef von Sternberg „Here – Your Dreams Come True“ prankt in großen weißen Lettern auf einem Aufsteller an einem erschlossenen Grundstück in der (noch) unberührten Natur vor den Toren von Los Angeles. Hier endet Josef von Sternbergs erster Film „The Salvation Hunters“ – „Die Heilsjäger“ hatte man ihn bei seiner TVPremiere 1975 im WDR etwas steif übersetzt. Steif ist der Film indes höchstens in den letzten wenigen Minuten vor Ende, in denen noch weitere Schrifttafeln Erbauliches zur Zukunft der drei Protagonisten proklamieren. Die Geschichte selbst ist eine zutiefst tragische, die zur Entstehungszeit 1925 nicht wenigen Gestrandeten hätte so passieren können. „Strandgut, Treibgut & Co“: Ein bezeichnender Zwischentitel

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Filmdienst 8 | 2017

nimmt Bezug auf die Situation der „Helden“ der Geschichte: ein Arbeiter ohne Arbeit, eine Frau ohne Perspektive und ein Kind ohne Familie. Sie finden sich am Hafen, wo die „Kinder des Schlamms“ leben: Schlamm, den ein riesiger Bagger wie Sisyphos aus der Fahrrinne schaufelt, während sie teilnahmslos das eindrucksvolle Schauspiel verfolgen. Es muss sich etwas ändern! Die Geschundenen dürfen sich nicht ihrem Schicksal ergeben. Die Stadt verspricht vielleicht Arbeit? Menschenwürde? Rettung? Die drei bilden eine Zweckgemeinschaft und jagen ihrem Glück nach, das sich zumindest in Form eines zunächst „kostenlosen“ Zimmers manifestieren könnte. Doch der Vermieter plant das Scheitern des Mannes auf der Suche nach

Arbeit schon ein. Dann müsste die Frau einspringen – und sich prostituieren. Sternbergs Tragödie ist ein Sozialdrama par excellence. Nicht, weil sich alle dramaturgischen Klischees von Gut und Böse, Arm und Reich, Sympathisch und Unsympathisch wie selbstverständlich auf Pro- und Antagonisten verteilen. Es sind die (authentischen) Bilder, die er von Armut und Elend findet, die einerseits deprimierend, dann aber auch ungemein ausdrucksstark und faszinierend scheinen. Bilder von Menschen am Abgrund, Bilder von Maschinenmonstern und Menschenmonstern, Bilder von unbemerkt aufgenommenen Statisten und brillant in Szene gesetzten Schauspielern. Sie tHe SalvatIOn HunterS uSa 1925

alle verschmelzen in der atemberaubenden Montage, in Licht und Schatten zu einem Tableau einer Gesellschaft ohne Hoffnung – aber mit Happy End! Von Sternberg realisierte sein Debüt mit wenig Geld, erntete dafür Lorbeeren, aber keinen finanziellen Erfolg. Nun ist „The Salvation Hunters“ restauriert und mit einer wunderbar stimmigen melancholischen Jazzmusik für Klavier und Flügelhorn (Siegfried Friedrich) auf DVD erschienen. Zusammen mit der eigens für die edition Filmmuseum erstellten perfekten Dokumentation zum Film und dem gerade vierminütig erhaltenen Fragment von „The Case of Lena Smith“ ein Highlight, das in jede Filmsammlung gehört. – Ab 16. Jörg Gerle tHe CaSe OF lena SMItH

regie: Josef von Sternberg

uSa 1929

darsteller: George K. arthur, Georgia Hale, Bruce Guerin, Otto Matiesen, nelly Bly Baker

darsteller: esther ralston, James Hall, leone lane, Kay deslys

länge: 70 Min. (plus 32 Min. Bonus) Fd-Kritik: 44 630

regie: Josef von Sternberg

länge: 4 Min. (Fragment) anbieter: edition Filmmuseum (nr. 105)


KRITIKEN fernseh-Tipps

SA

SAMSTAG 15. April

10.45-12.10 ZDF Hop – Osterhase oder Superstar? R: Tim Hill Osterhasen-Filius will Schlagzeuger werden USA 2011 Ab 12

15.25-16.40 Briefe von Felix 2 R: Giuseppe Maurizio Laganà Der Hase und die verflixte Zeitmaschine Deutschland 2005

KiKA

Ab 6

16.00-18.00 Servus TV Broken Flowers R: Jim Jarmusch Lakonische Tragikomödie um verpasste Chancen USA/Frankreich 2005 Ab 16 20.15-21.45 Das Erste Die Dasslers – Pioniere, Brüder und Rivalen R: Cyrill Boss, Philipp Stennert Zweiter Teil über die Unternehmerbrüder Deutschland 2016 Ab 14

15. April, 20.15-00.05

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20.15-00.05 SAT.1 Titanic R: James Cameron Schiffbruch mit Liebes-Melodram USA 1997 Ab 14 20.15-22.00 VOX Madagascar 3: Flucht durch Europa R: Eric Darnell, Tom McGrath, Conrad Vernon Wahnwitzige Animationsaction USA 2012 Sehenswert ab 10 20.15-22.25 Eine Frage der Ehre R: Rob Reiner Hochkarätig besetztes Schauspielerdrama USA 1992

zdf_neo

Ab 16

23.35-01.00 rbb Fernsehen Wie angelt man sich einen Millionär? R. Jean Negulesco Drei Mannequins und ihre Träume vom Glück USA 1953 Ab 12 23.40-01.35 Das Erste Wüstenblume R: Sherry Hormann Leidensweg des Models Waris Dirie Deutschland 2009 Ab 16 00.00-01.45 Servus TV Johnny Guitar – Wenn Frauen hassen R: Nicholas Ray Hintergründiges Westerndrama USA 1954 Sehenswert ab 16

21.45-23.15 Das Erste Das Programm (Teil 2) R: Till Endemann Suggestiver Paranoia-Thriller Deutschland 2015 Ab 14

00.30-02.30 Die Dolmetscherin R: Sydney Pollack Verwickelter Politthriller USA 2005

22.10-00.00 Servus TV Keine Sorge, mir geht’s gut R: Philippe Lioret Feinfühliges Familiendrama Frankreich 2006 Ab 16

01.00-02.30 rbb Fernsehen Schade, dass du eine Kanaille bist R: Alessandro Blasetti Liebes- und Diebeskomödie Italien 1955 Ab 16

23.15-01.05 One L.A. Crash R: Paul Haggis Episoden um Gewalt und Intoleranz USA 2004 Ab 16

02.35-04.00 arte Tishe! R: Viktor Kossakowski Poesievoller Blick auf eine Straße Russland 2002 Ab 16

SAT.1

ZDF

Ab 14

15. April, 20.15-22.00

ERSTAUSSTRAHLUNG: 15. April, 20.15-22.00

arte

Athos Auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki erhebt sich der „heilige“ Berg Athos, auf dem seit byzantinischer Zeit orthodoxe Mönche leben. Heute zählt die autonome „Republik“, die etwa so groß ist wie der Stadtstaat Bremen, rund 2000 ausschließlich männliche Bewohner; Frauen ist der Zutritt noch immer versagt. Der Filmemacher Peter Bardehle hat den malerischen Klöstern, Klausen und Einsiedeleien eine zweiteilige Dokumentation gewidmet (20.15-21.05, „Die Republik der Mönche“, 21.05-22.00, „Der Berg der Mönche“), die vielfältige Einblicke ins religiöse Leben gewährt. Der ruhige Film begleitet drei Mönche durchs Kirchenjahr und beobachtet sie im Alltag, beim Gebet und bei der Arbeit. Die meditative Inszenierung lässt sinnlichplastisch an einer scheinbar aus der Zeit gefallenen Welt teilhaben, die sich selbst als religiöses Ritual interpretiert. Die Protagonisten erzählen dabei auch über sich, wobei sie ihre Erfahrung zumeist in gleichnishaft-knappe Sentenzen kleiden. VOX

Titanic

Madagascar 3: Flucht durch Europa

Im Dezember 2017 jährt sich die Uraufführung von James Camerons mit elf „Oscars“ geadeltem Melodram zum 20. Mal. Die Spezialeffekte, die Ende der 1990er-Jahre bahnbrechend waren, sind erstaunlich gut gealtert: Wenn das Riesenschiff in der zweiten Filmhälfte mit dem Eisberg kollidiert und zu sinken beginnt, entfalten die schrecklich-schönen Bilder von der Katastrophe noch immer eine unheimliche Faszination. Gleiches gilt für die zeitlose Romeo-undJulia-Geschichte von der Tochter aus gutem Hause (Kate Winslet) auf dem Oberdeck und dem armen Künstler in der Dritten Klasse (Leonardo DiCaprio), die sich über die sozialen Schranken hinweg unsterblich verlieben.

Im dritten Teil der „Madagascar“-Animationsfilmreihe hat Regisseur Eric Darnell nicht nur stereoskopisch eine dritte Dimension hinzugefügt, sondern alles generell lauter, bunter und rasanter gestaltet. Die in den ersten Teilen sorgfältig etablierten Protagonisten aus dem New Yorker Zoo sind weiter auf der Jagd nach den frechen Pinguinen und geraten in Monte Carlo ins Visier der Polizei und deren durchgeknallter Chefin Chantal Dubois. Auf der Flucht vor den humorlosen Tierfängern landen sie beim Zirkus, der sie auf Tournee mit durch halb Europa nimmt. Wie die Figuren hier nahezu schwerelos den Raum durchmessen, grenzt an pure Zauberei.

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SO

SONNTAG 16. April

08.35-09.45 BR FERNSEHEN Der kleine Rabe Socke R: Ute von Münchow-Pohl, Sandor Jesse Kurzweilig-frecher Animationsfilm Deutschland 2012 Ab 6

12.00-13.30 KiKA Die weiße Schlange R: Stefan Bühling Atmosphärisch dichtes Märchen Deutschland 2015 Sehenswert ab 10 12.30-14.05 Das Erste Die unendliche Geschichte R: Wolfgang Petersen Aufwändige Michael-Ende-Adaption Deutschland 1983 Sehenswert ab 10 12.55-14.20 One Zwölf Uhr mittags R: Fred Zinnemann Bitterer Western-Klassiker USA 1952 Sehenswert ab 16 14.05-15.50 SAT.1 Die Monster AG R: P. Docter, D. Silverman, L. Unkrich Spaß um liebenswerte Ungetüme USA 2001 Sehenswert ab 8 15.40-17.10 Mr. Hoppys Geheimnis R: Dearbhla Walsh Märchen für Erwachsene Großbritannien 2014

Das Erste

Ab 10

Fotos S. 56 – 65: Jeweilige Sender.

15.50-17.40 SAT.1 Drachenzähmen leicht gemacht R: Dean Deblois, Chris Sanders Mein Freund der Drache USA 2010 Sehenswert ab 8

20.15-22.00 BR FERNSEHEN Zusammen in Paris R: Richard Quine Sekretärin beflügelt ausgebrannten Drehbuchautor USA 1962 Ab 14 20.15-21.55 Disney Channel Der König der Löwen R: Roger Allers, Rob Minkoff Mitreißender Zeichentrickfilm USA 1994 Sehenswert ab 6 20.15-22.30 RTL Guardians of the Galaxy R: James Gunn Schräges Superheldenteam findet zusammen USA 2014 Ab 14 20.15-22.15 SUPER RTL Edward mit den Scherenhänden R: Tim Burton Johnny Depp als scharfer Sonderling USA 1990 Ab 14 20.15-21.40 zdf_neo Die Addams Family in verrückter Tradition R: Barry Sonnenfeld Zweiter Teil der Komödie um die schräge Sippe USA 1993 Ab 12 23.00-01.55 zdf_neo Wayne’s World 1 & 2 R: Penelope Spheeris/Stephen Surjik Musikkomödien um zwei HeavyMetal-Fans USA 1991/1993 Ab 14

16.10-17.50 ProSieben X-Men – Der Film R: Bryan Singer Auftakt zum Mutanten-Franchise USA 2000 Ab 14

23.30-01.03 Das Erste Leb wohl, meine Königin! R: Benoît Jacquot Marie Antoinettes Zofe erlebt Ausbruch der Revolution Frankreich 2012 Sehenswert ab 14

18.00-20.15 ProSieben Star Trek R: J.J. Abrams Spektakuläres Reboot um Kirk & Co. USA 2009 Ab 12

00.20-03.15 BR FERNSEHEN Die Auferstehung R: Paolo & Vittorio Taviani Stimmige Tolstoi-Adaption Italien 2001 Ab 16

16./17. April

3sat/arte

Billy Wilder Witze, die man nicht erwarten sollte, vertraute Geschichten, die auf völlig neue Weise erzählt wurden, definierten das Besondere im Schaffen des in Galizien geborenen Billy Wilder. Der Ausnahmeregisseur (1906-2002), der zu den erfolgreichsten Exilanten in Hollywood gehörte, lieferte in seinen Filmen immer wieder den Beweis dafür, wie ernst es ihm mit seinem Diktum „Du sollst nicht langweilen“ war. 3sat ehrt ihn am 16. und 17. April mit der Ausstrahlung von vier seiner Komödien, die von der rasanten Satire „Eins, zwei, drei“ bis zum melancholischgebrochenen Porträt eines kleinen Angestellten in einer heuchlerischen Gesellschaft in „Das Appartement“ reichen. arte sendet zudem am 17.4. Wilders selten gezeigtes Regiedebüt „Der Major und das Mädchen“, in dem sich eine Kosmetikerin (Ginger Rogers) wegen einer Fahrpreiserhöhung als Zwölfjährige verkleidet und in dieser Gestalt die Aufmerksamkeit eines Soldaten (Ray Milland) erweckt. Das pointierte Spiel mit dem gewagten Sujet einer möglichen Zuneigung eines Erwachsenen zu einer vermeintlich Minderjährigen etablierte Wilder auf Anhieb als Regisseur jenseits aller Erwartbarkeit und Konvention. 16.4., 17.15-19.00, 3sat Eins, zwei, drei 16.4., 20.15-22.05, 3sat Sabrina 16.4., 22.05-00.05, 3sat Das Appartement 17.4., 20.15-21.55, 3sat Extrablatt 17.4., 22.40-00.20, arte Der Major und das Mädchen ERSTAUSSTRAHLUNG: 16. April, 15.40-17.10

Das Erste

Mr. Hoppys Geheimnis Die Bücher von Roald Dahl haben immer wieder Vorlagen für tolle Filme abgegeben („Charlie und die Schokoladenfabrik“, „BFG – Big Friendly Giant“). Auch „Mr. Hoppys Geheimnis“ baut vertrauensvoll auf Dahls Händchen für skurril-liebenswerte Figuren. Dustin Hoffman verkörpert Mr. Hoppy, einen introvertierten älteren Mann, der sich in seine quirlige Nachbarin Mrs. Silver (Judi Dench) verliebt. Da diese sich sorgt, weil ihre Schildkröte nicht wächst, verspricht Mr. Hoppy, Abhilfe zu schaffen. Dafür greift er zu einem Trick, der einige Turbulenzen nach sich zieht. Eine in quietschbunten Farben inszenierte, märchenhafte Komödie mit brillanten Darstellern.

16. April, 20.15-23.10

arte

Ein Abend mit Barbra Streisand Mit ihrer Doppelbegabung als Schauspielerin und Sängerin machte Barbra Streisand zahlreiche Filme zu zeitlosen Klassikern: Für ihre Leistung in „Funny Girl“ bekam sie 1969 einen „Oscar“, einen zweiten gewann sie 1977 für den Song „Evergreen“ aus „A Star Is Born“. Ähnliche Ohrwurm-Qualitäten hatte 1973 ihre Interpretation von Marvin Hamlischs melancholischem Song „The Way We Were“ im Film „So wie wir waren“. arte zeigt die bittersüße Geschichte einer Liebe in politisch schwierigen Zeiten zum 75. Geburtstags des Multitalents am 24. April. Im Anschluss läuft das Porträt „Barbra Streisand: 1942-1984“ (22.10-23.10).

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Filmdienst 08 2017  

Fotografen im Film: Eine Auswahl prägnanter Kino-Schnappschüsse. Der Regisseur Rodrigo García ("40 Tage in der Wüste") im Porträt. Eine Homm...

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