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fIlM DIenST Das Magazin für Kino und Filmkultur

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CASEY A FFLECK

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19. Jan uar 20 17 € 5,50 70. Ja hrgang


INhaLT DIE NEUEN KINOFILME

+ 43 41 46 40 42 49 36 51 39 49 45 37 51 50 47 49 44 51 51 38 51 51 49 48

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ALLE STARTTERMINE Der die Zeichen liest 19.1. Diamond Island 19.1. Die feine Gesellschaft 26.1. Hacksaw Ridge 26.1. Havarie 26.1. Die Hölle – Inferno 19.1. Jackie 26.1. Junction 48 19.1. Kundschafter des Friedens 26.1. Liebmann 26.1. Luca tanzt leise 19.1. Manchester by the Sea 19.1. Mein Blind Date mit dem Leben 26.1. Nicht ohne uns! 19.1. Personal Shopper 19.1. Ritter Rost 2 - Das Schrottkomplott 19.1. Die schönen Tage von Aranjuez 26.1. Shot in the Dark 19.1. Split 26.1. Suburra 26.1. Verborgene Schönheit 19.1. Violently Happy 26.1. Wendy – Der Film 26.1. Where to, Miss? 19.1.

WHERE TO, MISS?

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JACKIE

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DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ

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SUBURRA

MANCHESTER BY THE SEA

KINoTIpp

der katholischen Filmkritik

Ein subtiles Drama um einen Mann, der sich den Schatten seiner Vergangenheit stellt.

FErNsEh-TIpps 56 Der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar wird von vielen Sendern mit Dokumentar- und Spielfilmen begangen. BR FERNSEHEN strahlt zum 125. Geburtstag von Ernst Lubitsch dessen Klassiker „Sein oder Nichtsein“ aus, arte erinnert mit „Hafen im Nebel“ an die Schauspielerin Michèle Morgan.

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Fotos: TITEL: UPI. S. 4/5: UPI, missingfilms, Tobis, NFP, Koch, Universum, Constantin, StudioCanal

NEu IM KINo


2 | 2017 DIE ARTIKEL INhaLT

RUBRIKEN EDITORIAL 3 INHALT 4 MAGAZIN 6 DVD-KLASSIK 34 DVD/BLU-RAY 50 TV-TIPPS 56 FILMKLISCHEES 66 VORSCHAU / IMPRESSUM 67

Bekämpft entschlossen ein Schrottkomplott: Ritter Rost im zweiten Kino-Abenteuer

KINo

aKTEurE

FILMKuNsT

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22 ANDREAS DRESEN

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CASEY AFFLECK

10 NEUES AUS HOLLYWOOD

22 ANDREAS DRESEN

E-MAIL AUS HOLLYWOOD

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Viele anspruchsvolle Filme kamen in den USA erst zum Jahresende in die Kinos. Was zeigt, dass die Kluft zwischen Geschäft und Kunst nie größer war als im letzten Jahr. Viele dieser Filme starten demnächst auch in Deutschland. Eine Vorschau.

Der Regisseur hat mit „Timm Thaler“ nach dem Klassiker von James Krüss seinen ersten Kinderfilm inszeniert. Ein Gespräch über die Freude an Märchen, die Suche nach Humanität im Alltag und die Pflicht, Kinder nicht zu unterfordern.

Trotz Einspielrekorden mehren sich die Anzeichen, dass die gleichförmigen Franchise-Produke der Studios für Verdruss sorgen. Sogar die oft kritisierten „Golden Globes“ hatten diesmal überwiegend Filme kleiner Verleiher im Blick.

Von Franz Everschor

Von Ralf Schenk

Von Franz Everschor

16 CASEY AFFLECK

26 CARL LAEMMLE

Von Marius Nobach

Von Marius Nobach

Der US-Schauspieler musste sich aus dem Schatten seines Bruders Ben erst freispielen. Mittlerweile kann er aber auf eine beachtliche Reihe intensiver Rollen verweisen. Wie aktuell im Drama „Manchester by the Sea“. Ein Porträt.

19 VÄTER UND SÖHNE

Im Kino gehört das Ideal des emotional stützenden Vaters inzwischen zum Standard. Verschwunden sind die Konflikte zwischen Vater und Sohn deshalb aber nicht. Eine Umschau unter Filmen der letzten Jahre.

Der Gründer und langjährige Leiter der Universal-Studios wurde vor 150 Jahren im schwäbischen Laupheim geboren. Eine Ausstellung in Stuttgart würdigt den Produzenten als Visionär, zeigt aber auch die Widersprüche in seinem Leben.

28 LUTHER-BILDER

1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen und läutete damit die Reformation ein. Biografische Filme zeichnen den Reformator oft einseitig als einsamen Helden und unterschlagen problematische Punkte in seiner Vita. Eine kritische Bestandsaufnahme zum Reformationsjahr. Von Rainer Gansera

32 IN MEMORIAM

Nachrufe auf die Schauspielerinnen Debbie Reynolds, Carrie Fisher, Gisela May, Michèle Morgan und Zsa Zsa Gabor. Von Rainer Dick, Felicitas Kleiner und Ralf Schenk

Von Heidi Strobel

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Kino XXX

Weit weg von allem, was das amerikaische Kino heute ausmacht: ÂťMoonlightÂŤ von Barry Jenkins (Artwork Filmposter)

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Neues aus hollywood Kino

EinE Kluft tut sich auf

Der aktuelle US-amerikanische Film zwischen Studio-Hits und Independents Von Franz Everschor

Es ist erst wenige Monate her, dass Joe Morgenstern, der Filmkritiker des „Wall Street Journal“, seiner Frustration Luft machte und das aktuelle Angebot der Hollywood-Studios eine „nahezu endlose Kette von Stinkern“ nannte. Schon allein die Wortwahl gab das Ausmaß des Missfallens in einem Blatt zu erkennen, das auf Stil und Etikette großen Wert legt. Angesichts der überhandnehmenden Effektfilme und profanen Komödien des vergangenen Jahres betrachten es die professionellen Kritiker der seriösen amerikanischen Presse immer mehr als Strafe denn als Auszeichnung, jede Woche über die neuesten Kinopremieren zu berichten. Die Studios selbst hingegen betreiben fleißig weiter die Politik, vorwiegend den schlechten Geschmack des Publikums zu bedienen. Ihre auf Fortsetzungen früherer Erfolge und auf jugendliches Publikum versessenen Filme brachten ihnen alles in allem genauso viel Erfolg ein wie Donald Trump seine sich wiederholenden Ausfälligkeiten auf der politischen Bühne. Trotz einem gehörigen Anteil an Flops kann sich die National Association of Theater Owners wieder eines neuen Rekords rühmen: Noch nie haben die Kinoumsätze die Rekordmarke von zehn Milliarden Dollar so schnell übersprungen wie im Jahr 2016. Dass die Kasseneinnahmen wieder einmal höher waren als im voraufgegangenen Jahr, ist allerdings vorwiegend nur einer Firma zu verdanken: der Walt Disney Company.

Spätes Schwärmen über wenige Kostbarkeiten Als es dann mit dem Jahr zu Ende ging, standen die Erwartungen anspruchsvoller Kinogänger in den USA längst auf Null. „Rogue One: A Star Wars Story“ schien dazu ausersehen, das Weihnachtsgeschäft

allein zu bestreiten. Doch dann tauchten „Manchester by the Sea“ und „La La Land“ auf, von denen die müde gewordenen Kritiker plötzlich enthusiastisch schwärmten. Auch Filme wie „Jackie“ und „Arrival“ waren dem amerikanischen Publikum attraktiv genug, um den alten Brauch des weihnachtlichen Kinobesuchs nicht völlig aufzugeben. Und wer ein bisschen genauer hinsah, fand noch eine ganze Reihe vergleichbarer Angebote, die den – wieder einmal gestiegenen – Eintrittspreis lohnten. Hatten die Studios also vielleicht doch bloß ihre Kostbarkeiten bis zu den Wettbewerben um die „Oscars“ und die „Golden Globes“ aufbewahrt, statt sie im heißen Sommer zwischen all den Disney-Hits zu verschießen? Falsch geraten! Die Filme, die am Jahresende Aufmerksamkeit erregten, kamen überwiegend von unabhängigen Produzenten. Nicht zufällig stehen in den Credits dieser Filme Dutzende von kleinen Herstellerfirmen und ganze Kolonnen von Executive Producers verzeichnet, die mit ihren Namen ein wenig Beachtung für sich und für die Tatsache wecken möchten, dass ohne ihr Geld und ihren Wagemut das unerwartete Licht neuer Hoffnung am Kinohimmel nicht scheinen würde. Bezeichnend war auch, dass sogar die Multiplexe in stärkerem Maß als bisher ihre Türen für zahlreiche Independent-Filme über Minderheiten öffneten. Noch im letzten Februar musste sich das „Oscar“-Gremium beschimpfen lassen, weil es keinen der von und über Minderheiten produzierten Filme des vorausgegangenen Jahres ausgezeichnet oder wenigstens nominiert hatte. Vor allem afro-amerikanische Filmemacher und Organisationen waren auf die Barrikaden gestiegen und hatten der (schwarzen) Akademiepräsidentin zu Recht das Leben schwer gemacht. Bei der bevorstehenden

„Oscar“-Verleihung bekommen die Preisrichter nun reichlich Gelegenheit zu zeigen, ob sie wirklich „farbenblind“ sind: Einige der besten Filme des Jahreswechsels befassen sich aus ganz verschiedenen Perspektiven mit Themen der Rassendiskriminierung und mit Minderheitsproblemen in den USA.

Verlieren die großen Studios an Relevanz? Die Hollywood-Studios sind stolz darauf, mit ihren scheinbar endlosen FranchiseFortsetzungen wieder viel Geld verdient zu haben. Aber die Zahl der Superflops war gleichzeitig beängstigend hoch, Abschreibungen waren an der Tagesordnung. Die Frage, ob den großen Studios für die Zukunft des Filmschaffens überhaupt noch Relevanz zukommt oder ob sie nicht immer mehr zu Entertainment-Fabriken verkommen, wird offen oder hinter vorgehaltener Hand immer häufiger diskutiert. In ernst zu nehmenden Publikationen ist inzwischen längst mehr über unabhängig produzierte Filme zu lesen als über Hollywoods Megahits. Preisverleihungen schmücken sich nach wie vor gern mit Stars, aber Aufsehen erregen immer öfter die Independents, von denen manche ihren Außenseiterstatus längst überwunden haben. Wer in den USA dem Medium Film eine Zukunft wünscht, pilgert nach Sundance und Telluride statt zu den Screenings der Major Studios. Die Kluft zwischen Geschäft und Kunst war nie größer als im Kinojahr 2016. Und wer über Filme schreibt, muss sich entscheiden, welcher Seite er mehr Bedeutung einräumt. In diesem Sinne ist auch die folgende Filmauswahl zu verstehen, in der einige der bemerkenswertesten amerikanischen Filme des Jahreswechsels vorgestellt werden, die in den kommenden Wochen die deutschen Kinos erreichen. •

Acht bemerkenswerte US-amerikanische Filmpremieren Filmdienst 2 | 2017

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Kino Neues aus hollywood

„Silence“ Drei Jahrzehnte lang trug sich Martin Scorsese mit dem Gedanken, Shusaku Endos Roman „Silence“ zu verfilmen. Graham Greene nannte das Buch „einen der besten Romane unserer Zeit“. wenn man jetzt scorseses Film sieht, versteht man, warum. Ähnlich Graham Greene kreist auch endo – und mit ihm scorsese – um die tiefsten existenziellen herausforderungen des christlichen Glaubens und scheut dabei weder den Konflikt mit dogmen noch die Infragestellung von Traditionen. die story handelt von zwei portugiesischen Jesuiten, die im 17. Jahrhundert das schicksal ihres Mentors aufklären wollen, der als Missionar in Japan spurlos verschwunden ist. auf ihrer suche werden sie Zeugen einer barbarischen Christenverfolgung, deren Torturen jeder unterworfen wurde, der dem Christentum nicht abschwor. In langen, zum Teil deskriptiven, zum Teil kontemplativen szenen wird die erzählte Geschichte immer mehr eingeengt auf die zentrale Frage nach dem sinn des Märtyrertums und zwingt den Zuschauer schließlich in der Begegnung mit dem „abtrünnig“ gewordenen Mentor der beiden Pater zur individuellen Beantwortung. das Thema des spirituellen Konflikts, das viele scorsese-Filme von „Taxi driver“ über „Cape Fear“ bis zu „Kundun“ beherrscht, kulminiert hier in einem primär historischen, angesichts der situation in vielen ländern der heutigen welt aber auch hochaktuellen Kontext. deutscher Kinostart am 2. März 2017.

„Loving“ Jeff nichols, einer der bemerkenswertesten amerikanischen Regisseure unserer Tage, nimmt sich des Themas der Rassentrennung und Diskriminierung an. doch in „loving“ gibt es keine lynchszenen, keine aufstände, keine flammenden Reden. Nicht einmal ein großes Polizeiaufgebot. Zwei landpolizisten und ein engstirniger Richter sind genug, um ein junges Paar – er ist weiß, sie nicht – im Virginia des Jahres 1958 ins Gefängnis zu bringen und aus ihrem heimatstaat zu verbannen. wie die welt für die beiden verwirrten Menschen aus den Fugen gerät, erzählt Nichols in langen, kontemplativen einstellungen, die alles sensationelle, das dem Thema so leicht anhaften kann, vermeiden. stille ist das beherrschende stilistische Merkmal des Films. die sätze, die Richard, der von Joel edgerton wie versteinert gespielte ehemann, in den zwei stunden des Films spricht, passen auf ein paar wenige drehbuchseiten. aber er und seine ganz allmählich zum widerstand erwachende Frau sind in ihrer wortlosigkeit und ihren kargen Bewegungen zwei der glaubwürdigsten Charaktere im heutigen amerikanischen Filmschaffen. deutscher Kinostart am 23. Februar 2017.

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Neues aus hollywood Kino

„Moonlight“ Will man „Moonlight“ mit anderen Beschreibungen des Erwachsenwerdens junger Schwarzer in amerikanischen Großstädten vergleichen, so fallen einem eher zeitgenössische songs und Gedichte ein, aber nur wenig andere Filme. Barry Jenkins’ Film, der zweite seiner Karriere, ist so anders in Form und Inhalt, so individuell und doch hart an der sozialen wirklichkeit, dass man vergeblich nach Vorbildern sucht. welten trennen seinen poetischen, ruhig fließenden Tonfall von den zornigen Filmen eines spike lee und seiner Nachfolger. erzählt wird die Geschichte eines heranwachsenden, der bei seiner drogenabhängigen Mutter lebt. die intolerante umwelt ist in jedem Bild, in jeder szene gegenwärtig, aber die Betonung liegt auf dem Innenleben: wie ist es, wenn man schwarz, arm und schwul ist? wie kommt man da mit sich, mit der maskulinen umwelt und einer Jugend ohne Vater zurecht? „Moonlight“, auch hier noch in drei akte unterteilt und mit drei verschiedenen hauptdarstellern besetzt, beruht auf einem Theaterstück, ist aber filmisch im besten sinne – nicht im sinn der Multiplexe, sondern als singuläre filmische Inspiration, weit weg von allem, was heutzutage das amerikanische Kino ausmacht. deutscher Kinostart am 9. März 2017.

„Hidden Figures“ Unter den vielen Publikationen und Filmen, die in jüngster Zeit das Ausmaß der Rassendiskriminierung in den USA an die oberfläche spülen, verdient „Hidden Figures“ (Regie: Theodore Melfi) eine Sonderstellung: erzählt wird nämlich mit den Mitteln vorwiegend emotional orientierter Komödien von der jahrzehntelang unterdrückten Rolle, die hochbegabte schwarze Mathematikerinnen im weltraumprogramm der Nasa gespielt haben. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen, ohne deren fulminantes Können der kürzlich verstorbene astronaut John Glenn seine spektakuläre erdumrundung wohl nicht unbeschadet überstanden hätte. „hidden Figures“ erzählt die ereignisse stets mit einer sympathischen Portion humor, ohne dadurch der Komplexität des historischen Geschehens abbruch zu tun. eine bis ins detail ausgefeilte und verdientermaßen überall gerühmte ensembleleistung hilft dem Film, auch Kontakt zu einem Publikum herzustellen, dass Filme dieser Thematik sonst links liegen lassen würde. deutscher Kinostart am 2. Februar 2017 unter dem Titel „hidden Figures – unerkannte heldinnen“.

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Die Präsidentenwitwe als vermittelte, inszenierte, gestaltete Figur Die First Lady sieht aus wie das „Final Girl“ aus einem Horrorfilm: Blut klebt im Gesicht, in den Haaren, auf dem pinkfarbenen Chanel-Kostüm. Die Berater drängen die traumatisierte Frau, die Garderobe zu wechseln. Jackie aber will absolut nicht: „Let them see what they have done!“ Das, was gesehen werden soll, ist in Pablo Larraíns kunstvoll elliptischem Biopic fortan Gegenstand von Überlegungen, Konflikten und Verhandlungen. Denn es geht vor allem um die Mechanismen der Bildproduktion und, damit verbunden, um die Frage des Vermächtnisses, des Erbes – und um nichts weniger als um den Platz in der Geschichte. Erzählerischer Rahmen ist ein ausführliches Interview, das die Präsidentenwitwe eine Woche nach der Ermordung von John F. Kennedy mit einem Reporter des „Time Magazine“ führte. Davon ausgehend, entfalten sich Rückblenden: zum Attentat, der Rückkehr ins Weiße Haus, den Beerdigungsvorbereitungen, der Beisetzung auf dem Nationalfriedhof Arlington. Eine zentrale Rolle – die einzige „Episode“ aus der Zeit vor der

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Ermordung Kennedys – nimmt außerdem eine von Larraín nachinszenierte Fernsehaufzeichnung ein. Am 14. Februar 1962 führte die Präsidentengattin durch das Weiße Haus, das sie mit Hilfe eines französischen Versailles-Restaurators mit Besitztümern ehemaliger US-Präsidenten zu einem beispiellos geschichtsträchtigen Ort aufgewertet hatte. Mehr als 50 Mio. Amerikaner verfolgten damals die Sendung (und die telegene Jacqueline Kennedy erhielt dafür einen „Emmy Award“). Die wahre Jackie Kennedy hinter dem öffentlichen Bild bzw. der weinenden, zitternden, dauerrauchenden, den „Time“-Reporter mal einwickelnden, mal von oben zurechtweisenden Nachlassverwalterin sucht man im englischsprachigen Spielfilmdebüt des chilenischen Filmemachers vergebens. Jackie ist eine immer schon vermittelte, inszenierte, gestaltete Figur, die ihre Ikonizität mit jedem Blick, jeder Geste performativ erzeugt. Larraín übersetzt diese Prämisse in eine konsequent überformte, hyperkontrollierte visuelle und akustische Sprache

– vom beunruhigenden Score von Mica Levi über die auf starke Kontraste setzende Farbgestaltung bis zu den geometrisch komponierten Kameraeinstellungen mit ihren Wechseln aus statisch anmutenden Frontalund Profilansichten. „Geschichte ist gnadenlos. Keine Zeit!“, sagt Jackie einmal resignierend. Keine Zeit, um so groß zu werden wie der große Abraham Lincoln. Darunter aber soll es nicht gehen, Lincoln ist die Marke, an der sie sich orientiert – wer kennt schließlich die Namen der anderen beiden ermordeten US-Präsidenten? Keine Zeit hat Jackie auch, um am Vermächtnis zu arbeiten – nur zwei Stunden nach Kennedys Ermordung wird Lyndon B. Johnson noch an Bord der Air Force One als neuer Präsident vereidigt, mit seinen Koffern steht er praktisch schon vor dem Weißen Haus. Die Beerdigung als letzte Auftrittsmöglichkeit wird so zum umkämpften Terrain zwischen Jackies Bestreben, sich mit einer monumentalen Inszenierung in die Geschichtsbücher zu schreiben und den Sicherheitsinteressen der Regierung, zwischen denen,

BeweRtung DeR FiLmKommiSSion

Nach der Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy am 22.11.1963 versucht seine Witwe Jacqueline „Jackie“ Kennedy fieberhaft, das Vermächtnis ihres Mannes zu retten. Als letzte Möglichkeit eines großen Auftritts richtet die trauernde First Lady ihren Ehrgeiz auf die monumentale Inszenierung der Beerdigung. Das kunstvoll elliptische Biopic konzentriert sich auf das Verhältnis von Bildproduktion und historischem Vermächtnis. Die Prämisse, Jackie Kennedy als rein inszenierte Figur zu sehen, wird konsequent in eine überformte visuelle und akustische Sprache übersetzt, der erst gegen Ende einige Psychologisierungsversuche in die Quere kommen. – Ab 16.

JACKIE. Chile/USA/Frankreich 2016 Regie: Pablo Larraín Darsteller: Natalie Portman (Jackie Kennedy), Peter Sarsgaard (Bobby Kennedy), Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt, Richard E. Grant Länge: 100 Min. | Kinostart: 26.1.2017 Verleih: Tobis | FSK: ab 12; f FD-Kritik: 44 427

Fotos S. 36-51: Jeweilige Filmverleihe

Jackie

die noch da sind und denen, die schon da sind. Welcher Friedhof ist angemessen („He deserves more!“), wie viel Bühnenzeit liegt zwischen Einsegnungshalle und Friedhof: die Beerdigung als Repräsentationstheater. Etwas unglücklich versucht der Film im letzten Teil, die Motive für Jacqueline Kennedys GroßInszenierung zu ergründen und auf eine andere Wirklichkeitsebene zu wechseln. Im Gespräch mit dem irischen Priester Joseph Leonard wird es psychologisierend, Jackie hadert, wirft moralische Fragen auf, windet sich, schaut nach innen. Der Film aber ist zu diesem Augenblick längst in seiner erschlagend perfekten Form erstarrt. Es gibt daraus kein Entkommen. Esther Buss


neUe fiLMe krItIkeN

manchester by the Sea Großartiges Drama, konzentriert, intensiv und vielschichtig Das erste Bild zeigt einen Mann und einen Jungen. Beide sitzen am Ende eines nach hinten offenen Boots und angeln. Noch kann man nicht einordnen, wer sie sind, welche Funktionen sie innerhalb der Erzählung übernehmen werden. Eine Idylle, so scheint es zunächst. Doch sie steht in starkem Kontrast zu der Geschichte, die sich nun in mehreren Schichten entfaltet. Im Mittelpunkt: Lee Chandler, ein schweigsamer, unfreundlicher Einzelgänger, der als Hausmeister einen Wohnblock im winterlichen Boston betreut. In einer kurzen Szenenfolge macht Regisseur Kenneth Lonergan, der mit „Manchester by the Sea“ seinen dritten Film nach „You Can Count on Me“ (2000) und „Margaret“ (2011) inszenierte, deutlich, was das bedeutet: verstopfte Toiletten reinigen, Schnee schippen, Wände streichen. Eines Abends provoziert Lee unvermittelt in einer Bar eine Schlägerei. Unverantwortlicher

Mistkerl oder zutiefst verletzter Mann, der nur noch die Hülle seiner selbst ist und sich selbst bestrafen will? Da erreicht Lee die Nachricht, dass sein Bruder Joe einen Herzanfall erlitten hat und bald sterben wird. Lee muss die Vormundschaft für seinen 16-jährigen Neffen Patrick übernehmen, und so kehrt er widerwillig in seine alte Heimatstadt Manchester-bythe-Sea zurück. Alte Wunden reißen auf, und man ahnt, dass Lee der Situation nicht gewachsen ist. Zwangsläufig kommt es zum Wiedersehen mit seiner Ex-Frau Randi und ihren beiden Töchtern, die Lee über alles vermisst. Nicht zu vergessen Patricks Mutter Elise, deren Verschwinden Lee erst in die Verantwortung für seinen Neffen zwingt. Rückblenden in die Vergangenheit, die durch ihre Gleichgewichtung den Charakter einer Parallelhandlung annehmen, offenbaren allmählich die ganze Tragik, Verletztheit und Schuld

der Hauptfigur und erklären das Scheitern der Ehe mit Randi, die einmal chaotisch, aber auch glücklich begann. Lonergan hat seine Geschichte klug und komplex aufgebaut, fast schon pointilistisch streut er einzelne Informationen ins dramaturgische Gerüst und bringt es damit leicht zum Zittern. Informationen, deren Bedeutung sich erst sehr viel später erschließt. Man muss darum besonders in der ersten Stunde wie bei einem Puzzle die Teilchen zusammensetzen, um sich ein vollständiges Bild zu machen. Was bewirkt, dass die Figuren und die Situationen fesseln und großes Interesse auslösen: Was ist ihr Geheimnis? Welches Ereignis hat sie so sehr verändert? Und, wichtiger noch: Wie wird sich der Konflikt lösen? Fragen, die die innere Spannung des Films ausmachen. Wie die Charaktere mit der Tragödie, die der eigentlichen Filmhandlung vorausgegangen ist, umgehen und sich zueinander verhalten, ist sowohl emotional als auch psychologisch auf den Punkt getroffen. Das Hauptgewicht liegt dabei auf der Beziehung zwischen Lee und Patrick. Während der Junge sich mit seiner hedonistischen Ruppigkeit im Charakter seines Onkels zu spiegeln scheint, ringt Lee mit seiner Rolle als möglicher Vormund. Das macht aus „Manchester by the Sea“ vor allem einen großen Schauspielerfilm: Selten sah man Casey Affleck so konzentriert, intensiv und vielschichtig wie hier. Seine Unentschiedenheit, sein irritierendes Verhalten, die Abwehr, mit der er auf seine Umwelt reagiert – mit jeder Geste, jeder Bewegung, jedem Wort fängt er die Misere und Verzweiflung seiner Figur ein. Michelle Williams als Ex-Frau hingegen sorgt gegen Ende mit dem Versuch, die Vergan-

genheit mit der Gegenwart zu versöhnen, für die ergreifendste Szene des Films. Die Trauer ihrer Figur steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben – und das ist schlicht großartig gespielt. Interessant ist auch das Setting: Manchester-by-the-Sea ist eine kleine Küstengemeinde, in der jeder jeden kennt und die Erinnerung wie selbstverständlich wachgehalten wird. Den Umgang miteinander erleichtert das allerdings nicht. Der graue Himmel, die Kälte und der Schnee unterstreichen die tiefe Verletztheit der Menschen. Hier, in dieser rauen Natur, ist es nicht einfach, den Schmerz der Vergangenheit abzuschütteln und ein neues Leben zu beginnen. Michael Ranze BeweRtung DeR FiLmKommiSSion

Ein schweigsamer Einzelgänger, der als Hausmeister in Boston arbeitet, kehrt anlässlich des Todes seines Bruders in seine kleine Heimatstadt an der US-amerikanischen Ostküste zurück. Als er die Vormundschaft für seinen 16-jährigen Neffen übernehmen muss und es zum Wiedersehen mit seiner Ex-Frau kommt, brechen tiefe seelische Wunden wieder auf. Packendes, komplex konstruiertes Drama um Schuld und Erlösung, das in intensiven Rückblenden die ganze Tragik, Verletztheit und Schuld der Hauptfigur enthüllt. Die emotional und psychologisch genau gezeichneten, grandios gespielten Figuren halten stets die innere Spannung aufrecht. – Sehenswert ab 16.

MANCHESTER BY THE SEA. USA 2016 Regie: Kenneth Lonergan Darsteller: Casey Affleck (Lee), Michelle Williams (Randi), Lucas Hedges (Patrick), Kyle Chandler, Gretchen Mol, Tate Donovan, Kara Hayward Länge: 138 Min. | Kinostart: 19.1.2017 Verleih: Universal | FSK: ab 12; f FD-Kritik: 44 428

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KriTiKen AuF DVD/BLu-RAY Die Frau, die Carol und Maggie in einer Episode der sechsten Staffel von „The Walking Dead“ gefangen hält und vielleicht umbringen wird, war früher mal eine harmlose Sekretärin. Zusammen mit ihren Opfern und zwei Kumpanen hat sie sich in einem Keller verschanzt; dass an der Metalltür zum Nebenraum die verwesenden Finger von Untoten kratzen, stört sie nicht besonders. Seitdem sich die menschenfressenden Leichen in Staffel 1 von „The Walking Dead“ erhoben und die Zivilisation überrannt haben, sind sie fast zu einer Art Hintergrundrauschen geworden; noch gefährlicher als die Toten sind die Lebenden, die um die knappen Ressourcen der postapokalyptischen Welt konkurrieren. In der eindrucksvollen Episode, die in ihrer Dichte exemplarisch ist für die Qualitäten der Serie, wird dies als nervenzerrendes, tieftrauriges Miniatur-Kammerspiel durchexerziert. Die ehemalige Sekretärin gehört zu einer aggressiven, räuberischen Gruppe von Überlebenden, denen Carol, Maggie und die anderen Protagonisten rund um den Anführer Rick Grimes (Andrew Lincoln), um die sich „The Walking Dead“ dreht, gerade mit einem mörderischen Präventivschlag das Handwerk legen wollten. Allerdings haben sie ihre Gegner unterschätzt. Nun müssen sich Maggie und Carol irgendwie aus der Bredouille winden. Vielleicht zeigt ihre Peinigerin doch noch Mitgefühl mit der schwangeren Maggie, vielleicht lässt sich mit ihr verhandeln. Vielleicht aber auch nicht. In der Welt der auf Robert Kirkmans brillanten Graphic Novels beruhenden Horrorserie muss man nicht erst von einem lebenden Leichnam gebissen werden, um das Zombie-Virus in sich zu haben: alle sind infiziert. Was sich metaphorisch verstehen

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finden lassen, etwa wenn das „America First“-Klima bitterböse paraphrasiert wird. Damit erfinden Comic-Autor Robert Kirkman, Serien-Schöpfer Frank Sechs Staffeln auf DVD/BD: Die Zombie-Serie nach Darabont und ihre Mitstreiter das Genre zwar nicht neu; doch den Comics von Robert Kirkman und Tony Moore das Serien-Format bietet ihnen besondere Möglichkeiten, um die Zombie-Apokalypse als lässt: Das Unmenschliche, das schon mehr als breitgetretenen soziales Experiment mit einem mörderische Andere sind wir Zombie-Sujet noch Fernsehbreit angelegten Figurenpanoselbst. Was braucht es, um es geschichte schreiben lässt, rama auszudifferenzieren und freizusetzen? Oder was ist növerdankt sich der Konsequenz, die Entwicklung der Charaktere tig, um menschliches Leben als mit der die immens unter Extrembedinwertvoll und schützenswert zu erfolgreiche Serie gungen auszuloten. respektieren? Auf dem Ringen seit 2010 den Body„The Walking Dead“ mit diesen Fragen liegt immer Horror des Genres schöpft diese wieder der Fokus der Serie. zwar voll ausspielt, Möglichkeiten voll Dass die Protagonisten in der ihn aber zugleich aus – durch die nun in Deutschland als DVD/BD in sozialen Horror Bereitschaft, die erschienenen sechsten Staffel transformiert und ein Spannungsdramamit dem Ort Alexandria hinter markerschütterndes turgie immer wieder hohen Mauern eine vergleichsBild dessen entwirft, hintanzustellen, weise sichere Bleibe gefunden was passiert, wenn um die Hinter- und THE WALKING DEAD haben, bietet nur an der Oberder „GesellschaftsBeweggründe von fläche eine Wiederannäherung vertrag“ zusammen- Staffel 1-6 Box (uncut) Figuren auszuloan Lebensumstände, wie sie gebrochen ist und Showrunner: Frank Dara- ten, und durch die vor der Zombieapokalypse der Hobbes’sche Radikalität, mit der bont, Robert Kirkman herrschten. Was Rick und seine „Mensch im Nadie Serie ihre drasDarsteller: Andrew Freunde während der ersten turzustand“ mit tischen GewaltszeLincoln, Norman Reedus, Melissa McBride, Steven fünf Staffeln an Leid erfahren seinesgleichen neu narien jenseits des Yeun, Lauren Cohan, haben, hat Spuren hinterlassen aushandeln muss, schlichten Thrills Chandler Riggs, Danai und sie härter und gnadenlowie das Zusamzu menschlichen Gurira ser in der Verteidigung ihrer menleben gestaltet Tragödien ausbaut, Länge: 3.676 Min. plus Interessen gemacht. Und in eine werden soll. Wobei die weit nachhaltiger 1.067 Min. Extras Gewaltspirale hineingezogen, sich durchaus immer verstören, als es aus der es kein Entkommen zu wieder gruselige Pa- FSK: ab 18 Gore-Effekte allein je Anbieter: WVG Medien geben scheint. rallelen zum gegenkönnten. Felicitas Kleiner FD-Kritik: 44 451 Dass sich mit dem filmisch wärtigen Amerika

The Walking Dead


KRiTiKEN fernseh-Tipps

SA

SAMStAG 21. Januar

20.15-21.35 SUPER RTL Das Königreich der Katzen R: Hiroyuki Morita Bezaubernd-surreales Anime Japan 2002 Sehenswert ab 10

20.15-22.00 zdf_neo Mystery Men R: Kinka Usher Ausgelassene Comic-Adaption USA 1999 Ab 14 21.35-23.15 SUPER RTL Mein Nachbar Totoro R: Hayao Miyazaki Waldgeist hilft Kindern Japan 1988 Sehenswert ab 8 22.30-00.30 3sat Bayerischer Filmpreis 2016 Zusammenfassung der Preisverleihung 23.50-01.40 rbb Fernsehen Die Lincoln Verschwörung R: Robert Redford Historiendrama mit aktuellen politischen Appellen USA 2010 Sehenswert ab 14 00.10-01.30 Sightseers R: Ben Wheatley Makabre „Bildungsreise“ mit bösem Witz GB 2012

21. Januar, 01.40-02.00

Servus TV

Ab 16

„Mein Nachbar Totoro“

21. Januar, 20.15-23.15

SUPER RTL

Anime-Abend: „Königreich der Katzen“ & „Mein Nachbar Totoro“ Das mal unheimliche, mal wunderbare Reich magischer Wesen und Geister: In japanischen Anime-Filmen ist es oft nicht scharf von der Realität getrennt, sondern die Übergänge zwischen beiden Sphären sind fließend. So auch in den zwei herausragenden Werken, die SUPER RtL nacheinander zeigt. Im 2002 erschienenen Film „Das Königreich der Katzen“ (20.15-21.35) ist es eine verträumte Schülerin, die sich, nachdem sie einem Kater das Leben gerettet hat, unfreiwillig mit der eher gruseligen als angenehmen Dankbarkeit der Vierbeiner konfrontiert sieht und schließlich in deren fantastische Welt entführt wird. In Gestalt eines fantasievollen, surrealen Abenteuers erzählt der Film sensibel die Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Frau, für die die Konfrontation mit dem ganz Anderen zum Initiationserlebnis und zur Reifeprüfung wird. Hinter fantastischer Fassade um urmenschliche Erfahrungen geht es auch in Hayao Miyazakis Kinderfilm-Klassiker „Mein Nachbar totoro“ (21.35-23.15). Darin sind es das Leid und die Angst zweier Kinder, die um ihre kranke Mutter bangen, die in märchenhafter Form verarbeitet werden: In der massigen Gestalt des Waldgeists totoro begegnet den Geschwistern ein zunächst etwas unheimlich wirkender, sich bald aber als freundlich entpuppender Bote der Anderwelt, mit dem die Kinder in Abenteuer verwickelt werden, die ihnen helfen, mit ihren Ängsten umzugehen.

rbb Fernsehen

Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen Ganze 18 Minuten dauert der faszinierende Animationsfilm von Susann Maria Hempel, der sich in seinem ausufernden Titel ans Stundengebet anlehnt. thematisch schaurig, abgründig und verstörend, ästhetisch ausgesprochen ungewöhnlich und innovativ erzählt die filmische Moritat in sieben Kapiteln von den Katastrophen eines frühverrenteten Mannes, der trotz aller tiefschläge an einem elementaren Humanismus festhält. Susann Maria Hempel, geboren 1983 im südthüringischen Greiz, erhielt dafür zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Deutschen Kurzfilmpreis und den Grand Prix des Clermont-Ferrand Short Film Festivals. LESETIPP: „Wie ist die Welt so stille – Die Wunder- und Schreckenskammern der Susann Maria Hempel“ von Claus Löser. In FILMDIENST 17/2014.

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Filmdienst 2 | 2017

21. Januar, 20.15-22.30

3sat

Elbphilharmonie Kaum ein anderes (Bau-)Werk verbindet Licht und Schatten im Kulturbetrieb besser als die Hamburger Elbphilharmonie, die als ehrgeiziges Projekt gestartet, lange Jahre synonym für städteplanerisches und stadtpolitisches Unvermögen stand. Nun ist sie im Begriff, als architektonischer und kulturpolitischer Jahrhundertbau in die jüngste deutsche Geschichte einzugehen. Seit dem 15.1. feiert nun auch das deutsche Fernsehen die Eröffnung des neuen Hamburger Wahrzeichens gebührend mit Konzerten. 3sat bringt nicht nur mit dem Premierenkonzert (20.1521.45) aus dem als Klangwunder bezeichneten großen Saal ein standesgemäßes Ständchen (Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt Werke von Beethoven, Messiaen bis Wagner), sondern hinterfragt mit der Dokumentation „Die Elbphilharmonie - Konzerthaus der Superlative“ (21.45-22.30) noch einmal Sinn und Unsinn eines solchen waghalsigen Unterfangens.


FERNSEH-tIPPS KRiTiKEN

SO

SONNtAG 22. Januar

09.00-10.30 BR FERNSEHEN Das Pferd auf dem Balkon R: Hüseyin tabak Junge mit Handicap freundet sich mit Pferd an Österreich 2012 Ab 8

10.45-12.00 3sat Regeneration Restauriertes Stummfilm-Krimi-Kleinod R: Raoul Walsh USA 1915 Ab 16 14.00-15.30 rbb Fernsehen Der Fuchs und das Mädchen R: Luc Jacquet Behutsamer Freundschaftsfilm Frankreich 2007 Sehenswert ab 8 20.15-23.05 arte Der Pate R: Francis Ford Coppola Gewaltiger Gangsterfilm. Auftakt der Saga USA 1971

Ab 22. Januar

arte

Der Pate Wie Steven Spielberg und George Lucas erwuchs auch Roger-CormanSchüler Francis Ford Coppola aus dem Aufbruch des „New Hollywood“. Nach Filmen wie „Dementia 13“, „You’re a Big Boy Now“ und „the Rain People“ erreichte er mit dem Mafia-Film „Der Pate“ den Zenith in Hollywood und avancierte selbst zum tycoon. Im Originaltitel („the Godfather“) spielt das Opus auf den doppelten Bezug von Religion und Familie an: ein romantischer, symbolischer Raum, gewiss nicht auf Realismus setzend, kreisend um Ethnizität und Assimilation, Drinnen und Draußen, Kunst und Kommerz. 22.1., 20.15-23.05: 29.1., 20.15-23.30: 5.2., 20.15-23.00: 5.2., 23.00-23.55:

Der Pate Der Pate ii Der Pate iii Al Capone – Eine Gangster-Legende

Fotos S. 56 – 65: Jeweilige Sender.

23.05-00.30 arte Bolschoi Babylon R: Nick Read, Mark Franchetti Über das Innenleben des Bolschoitheaters GB 2015 Ab 14 00.30-01.20 arte Die Akte Pasolini R: Andreas Pichler Über die Ermordung des Regisseurs Deutschland 2012

MONtAG 23. Januar

20.15-22.30 kabeleins The italian Job R: F. Gary Gray Gut gemachte Gaunergeschichte USA 2003 Ab 14

20.15-21.45 One The Fountain – Quell des Lebens R: Darren Aronofsky Lebenssinnsuche auf drei Zeitebenen USA 2006 Sehenswert ab 16 20.15-21.45 WDR Fernsehen Nacht ohne Morgen R: Andreas Kleinert Jurist rollt alten Fall wieder auf Deutschland 2011 Ab 16 22.10-23.40 arte Hafen im Nebel R: Marcel Carné Poetisch-fatalistischer Klassiker Frankreich 1938 Sehenswert ab 16 22.15-00.35 ZDF Stieg Larsson: Verblendung R: Niels Arden Oplev Stimmungsvoll-düsterer Krimi Schweden/Dänemark 2009 Ab 16

20.15-22.00 SUPER RTL Bandidas R: Joachim Rønning, Espen Sandberg Komödiantischer Western mit Penélope Cruz und Salma Hayek USA/Mex./Fr. 2006 Ab 14 22.20-23.50 mdr Sturköpfe R: Pia Strietmann Reha-trainerin gerät an renitenten Blinden Deutschland 2015 Ab 14

MO

ERSTAUSSTRAHLUNG: 22. Januar, 23.05-00.30

23.15-00.30 NDR fernsehen Die anonymen Romantiker R: Jean-Pierre Améris Hochempfindsame verlieben sich Frankreich/Belgien 2010 Ab 14 arte

Bolschoi Babylon 2013 geriet das berühmte BolschoiTheater in Moskau in ungewohnte Schlagzeilen, als sein künstlerischer Leiter Sergei Filin Opfer eines Säureattentats und bleibend entstellt wurde. Der Zwischenfall lenkte den Blick auf die verbissenen Konkurrenzkämpfe hinter den Kulissen. Die Doku nimmt das Ereignis zum Anlass, um das komplizierte Innenleben der russischen Kulturinstitution zu ergründen. Alte und neue Funktionäre geben offen Auskunft über persönliche Animositäten und politische Konzeptionen.

00.00-01.35 hr fernsehen Gejagt – Auf Leben und Tod R: Ian Sharp Bure solidarisiert sich mit Maori Neuseeland/GB 2010 Ab 16 00.00-01.35 WDR Fernsehen i Killed My Mother R: Xavier Dolan Sensibles Coming-of-Age-Drama Kanada 2009 Ab 16 00.50-02.20 ZDF Ein richtig gutes Leben R: Srdjan Vuletic Wirklichkeitsnahe tragikomödie Bosnien-Herzegowina 2007 Ab 16

23. Januar, 22.10-23.40

arte

Michèle Morgan: Hafen im Nebel Das düstere Le Havre bildet den Hintergrund für „Hafen im Nebel“, Marcel Carnés stilprägenden Vertreter des „poetischen Realismus“. Ein guter Ort, um unterzutauchen, wie es der Deserteur Jean (Jean Gabin) vorhat. Während er auf ein Schiff wartet, mit dem er das Land verlassen kann, versteckt er sich im Hafen und begegnet dort der jungen Nelly, die sich auf der Flucht vor den Nachstellungen ihres Vormunds Zabel (Michel Simon) befindet. In der Rolle der Nelly gelang der 18-jährigen Michèle Morgan, die am 20.12.2016 im Alter von 96 Jahren verstarb (vgl. Nachruf S. 33), der Aufstieg zu einem von Frankreichs größten Stars. Mit der trostlos wirkenden Hafenstadt im Hintergrund scheinen die Augen der Schauspielerin nur noch mehr zu strahlen, ein wunderbarer Kontrast zum allgegenwärtigen Fatalismus der Männer um sie herum. 23. Januar, 20.15-22.10

TELE 5

Gejagt Auf Leben und Tod Der südafrikanische Bure Arjan van Diemen (Ray Winstone), der seine Familie im Kampf gegen die Engländer verlor, wandert nach Neuseeland aus. Dort wird er von den verhassten Kolonialisten zwangsrekrutiert, um als exzellenter Fährtensucher die Spur des mordverdächtigen Maori Kereama (temuera Morrison) aufzunehmen. Er erledigt die Aufgabe mit Bravour, doch dann kommen sich er und der Maori näher und entdecken etliche Gemeinsamkeiten. Ein Abenteuerfilm vor faszinierender Naturkulisse, der die Gemeinsamkeiten unterdrückter Völker in den Mittelpunkt stellt.

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