SUMO Ausgabe 31

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Fachmagazin des Bachelor Studiengangs Medienmanagement der FH St. Pölten

Videoportale

» „YouTube“ als Newsplayer » Nichtkommerzielle Videoportale » Internetsucht

Ausgabe 31 - Oktober 2018 -


Jetzt informiere n!

St. Pölten University of Applied Sciences

fhstp.ac.a

© Martin Lifka Photography

t/bmm

Bachelorstudium Medienmanagement Das Studium für Radio | TV | Print | Online mit den Schwerpunkten: n n n

Content Management Marketing und Sales Strategisches Management medien & wirtschaft


Inhalt » „YouTube“ als Newsplayer

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» Print in Bewegung: Videoinhalte von Tageszeitungen

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» Journalismus: Print versus Video

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» Mediatheken: das neue Fernsehen

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» „YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation

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» Nicht-kommerzielle Videoportale in Österreich

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» „Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt

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» Wie „Bibis Beauty Palace“ die heimischen Kinder­zimmer erobert

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» Videokanäle für Silver Surfer

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» Eine institutionelle Herausforderung

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» Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe?

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» „YouKu“ – das chinesische Portal

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» Die Internetsucht als Sozialkiller

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Editorial

In dieser Ausgabe erwarten Sie spannende Themen, die wie stets auch mittels Experteninterviews aufgerollt wurden: eine Analyse des chinesischen „YouKu“, „YouTube“ als Newsplayer, nicht-kommerzielle vs. kommerzielle vs. öffentlich-rechtliche Videodistribu-

Eine spannende Lektüre wünschen

FH-Prof. Mag. Ewald Volk

Studiengangsleiter Bachelor Medienmanagement

FH-Prof. Mag. Roland Steiner Praxislaborleiter Print Chefredakteur SUMO

© Copyright: pexels

SUMO, das Fachmagazin des Bachelor Studiengangs Medienmanagement, hat sich darüber hinaus kundig gemacht. Ausgangspunkt war die Studie „YouTube-Channels und ihre Bedeutung in Österreich“, die Andreas Gebesmair als Projekt- und Institutsleiter am Institut für Medienwirtschaft der FH St. Pölten 2017 durchgeführt hatte.

Copyright: Ulrike Wieser

der Weckruf „Du sendest“ schallte anno 2005 durch das virtuelle Universum und steigerte sich seitdem zu einem Massenphänomen: „YouTube“ gilt heute als Synonym schlechthin für Videoportale, Gottseibeiuns von Eltern, Startpunkt lukrativer Karrieren, nunmehr als harte Konkurrenz des Fernsehens, aber auch anderer Mediengattungen. Und ja, die „selfishess“ unserer Gesellschaft – hier in Form obligater Kinder-, Katzenund Kotelett-Videos – hat der Kanal für Selbstinszenierung auch befördert, noch dazu strömt er ja aus dem dominanten Alphabet unserer Zeit und minimiert die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Spät, aber doch – wie bei US-Phänomenen üblich – gelangten Politik und Medienwirtschaft in Europa zu Besorgnis. Dabei geht es unter anderem um Lizenzen und Vergütung, Jugendschutz, Monopolisierung, Zensur.

tion, Suchtproblematik, Videojournalismus bei Zeitungen, Zielgruppe Kinder vs. SeniorInnen, u.v.m. SUMO ist österreichweit vielleicht das einzige, durchgängig von Studierende gestaltete Medienfachmagazin: Sie durchschreiten hier alle wesentlichen Prozesse in einem Medienunternehmen (Themenplanung, Recherche, Interviews, Sales, Produktion, Vertrieb etc.), bringen ihr Wissen aus dem Studium ein und erzeugen den perfekten Fit mit Ihnen, der Leserschaft. Denn SUMO ergeht als Visitenkarte der studentischen MitarbeiterInnen sowie als eine der Medienmanagement-Ausbildung an der FH St. Pölten an MedienmanagerInnen aller Mediengattungen, Medien-Studierende und Lehrende sowie SchülerInnen von Allgemeinbildenden Höheren Schulen mit Medienschwerpunkt. Werdende Medienführungskräfte treffen somit auf seiende.

Copyright: Claudia Mann

Liebe Leserin, lieber Leser!

Coverfoto: SUMO

Inhalt und Editorial

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„YouTube“ als Newsplayer Warum Leberkäsesemmel essende PolitikerInnen auf „YouTube“ eine demokratiepolitische Chance sein können: Im SUMO-Gespräch befassten sich Univ.-Prof. Katrin Döveling, Alpen Adria Universität Klagenfurt, und Univ.-Prof. Jürgen Grimm, Universität Wien, mit dem jungen Player „YouTube“ am Nachrichtenmarkt. gerInnen eine gewisse Relevanz aufweist. Auch der Aspekt der Neuigkeit der Information wird in einigen Definitionen genannt. Durchaus kontrovers sind hingegen die Meinungen bezüglich des Wahrheitsanspruchs an die Information. Für Katrin Döveling, Professorin an der Alpen Adria Universität Klagenfurt, stellt bereits die Auswahl von Informationen aus einem komplexen Themenspektrum eine Nachricht dar, denn die Auswahl entscheide schließlich, was zur Nachricht wird.

Was ist überhaupt eine Nachricht? Zur Beantwortung oben genannter Fragen muss zunächst der Begriff der Nachricht einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. In der einschlägigen Literatur finden sich zahlreiche Definitionen. Im weitesten Sinn handelt es sich bei einer Nachricht um eine Aussage über die Realität, die für die Empfän-

Professor Jürgen Grimm vom Publizistik-Institut an der Universität Wien knüpft den Begriff „Nachrichtenwert“ zunächst im Sinne seiner ursprünglichen Bedeutung an die klassischen und professionellen Medienanbieter in den Redaktionen der Zeitungen und Fernsehsender an. Durch das Internet sei diese Definition jedoch fragwürdig

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Über eine Million Digital Natives erreichen in den kommenden Jahren laut Statistik Austria das 16. Lebensjahr und damit die passive Wahlberechtigung. Dieser in Zukunft wahlberechtigten Generation wird unter anderem eine hohe Affinität zu sozialen Medien und digitalen Inhalten zugesprochen. Die Reichweiten von klassischen NachrichtenlieferantInnen wie Tageszeitungen und TV dagegen sind in den entsprechenden Alterskohorten seit Jahren rückläufig. Aus diesem Grund stellt sich die Frage: Über welche Medien und über welche Formate rezipiert diese Generation Informationen und Nachrichten, um sich zum Beispiel für Wahlen eine Meinung zu bilden? Dieser Artikel widmet sich einem der „neuen“ Newsplayer am Medienmarkt – der Videoplattform „YouTube“, und soll klären, ob „YouTube“ eine geeignete Nachrichtenquelle darstellen kann und es sich bei dem Angebot um ein funktionales Äquivalent zum professionellen Journalismus handelt.

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„YouTube“ als Newsplayer

„Gerade in diesem Moment verändert sich aufgrund digitaler Medien sehr viel. Durch die zunehmende Digitalisierung sehen sich Medien-RezipientInnen mit einer stetig wachsenden Menge an Informationen konfrontiert“, so Prof. Döveling. Daher müsse sich auch die Nachrichtenwerttheorie, die verschiedene Faktoren nennt, wann eine Information zu einer Nachricht wird, an diese geänderte Situation anpassen.


und vage geworden. Der Begriff befände sich gerade in einem Prozess der Re-Definition, so Prof. Grimm. Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Newsplayer! Legt man die eben genannten Definitionen auf „YouTube“ um, darf sich das Videoportal also theoretisch stolz „News­ player“ nennen. Die 2017 im Auftrag der RTR von FHProf. Andreas Gebesmair durchgeführte Studie „Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von ‚YouTube‘-Channels in Österreich“ zeigt eine klare Tendenz zu Unterhaltungsangeboten. Unter den Top 100 Channels in Österreich dominieren fünf Kategorien: „Gaming“, „Entertainment“, „Music“, „People & Blogs” und „HowTo & Style“. Andere Kategorien spielen eine untergeordnete Rolle. Dennoch ist auch ein einsetzender Eroberungsfeldzug des Videoportals in Richtung Nachrichten-Markt wahrnehmbar. Und gerade wegen des momentanen Unterangebots an Nachrichtenkanälen ist der Videoplattform ein Potential zu attestieren. „YouTube“ und journalistische Qualität – ein Widerspruch? SkeptikerInnen werden nun verächtlich mit den Augen rollen und das Nachrichtenangebot des Videoportals mit nur einem Wort vom Tisch fegen: Qualität. Bei der Rezeption von Nachrichten mag der Wahrheitsgehalt der Informationen für die EndnutzerInnen zwar generell nur schwer nachvollziehbar sein, dennoch kann man zumindest in den meisten Fällen bestimmte Qualitätskriterien an Informationen anlegen. Man spricht in diesem Zusammenhang von journalistischer Qualität. Für Professor Grimm geht es bei diesem Begriff darum, welche Funktion die Kommunikation für die Gesellschaft erfüllt. Denn Kommunikation und daher auch Nachrichten sind nicht einfach nur da, sondern erfüllen eine gesellschaftliche Aufgabe. Vor allem soll Journalismus öffentliche Debatten zur Lösung von Problemen wie Ungleichheit, soziale Sicherheit und Integragtion anregen. Ob also Nachrichten-Kanäle auf „YouTube“ journalistische Qualität aufweisen können, ist nicht bloß vom Betreiber des Channels (Privatpersonen oder etablierte Medien) abhängig. Entscheidend für die Bewertung der Qualität ist laut Grimm vielmehr, ob die Nachricht oder Meinung begründet, lösungsorientiert und sachlich ist, und damit zum gesellschaftlichen Diskurs beiträgt. Mit anderen Worten, ist die Nachricht demokratiekompatibel oder nicht?

„YouTube“ als Newsplayer

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essen Traffic produziert und letzten Endes dazu führt, dass junge Menschen deswegen wieder wissen, wie der momentane Bundeskanzler heißt, Politik also nahbarer, menschlicher wird, ist auch ein solches Angebot prinzipiell nicht schlecht. Nein, ein solches Video liegt der SUMO-Redaktion nicht vor. Aber Karten auf den Tisch: Sie haben mit dem Gedanken gespielt, sich den (Leber)Käse anzusehen! Univ.-Prof. Jürgen Grimm Copyright: Katharina Arbeithuber

Univ.-Prof. Katrin Döveling Copyright: Katrin Dövelling

Dass sich einige klassische Medienanbieter die permanente Erfüllung journalistischer Qualität auf die Fahnen heften, während private YouTuberInnen niemals qualitativ hochwertige Nachrichten verbreiten würden, ist daher nicht gerechtfertigt. Professioneller Journalismus ist, ganz im Gegenteil, mehr und mehr der Konkurrenz von anderen AkteurInnen ausgesetzt, die sehr wohl auch Qualitätsansprüche erfüllen können. In der Fachliteratur fallen zu diesem Phänomen Schlagworte wie „Bürgerjournalismus“ „grasroot journalism“ oder auch „Laienjournalismus“. Der Grundgedanke dieser auch als „partizipativ“ beschriebenen Formen des Journalismus, der insbesondere darin besteht, dass normale BürgerInnen mit ihren Kompetenzen und Vorstellungen ein Gegengewicht zur Berichterstattung der etablierten journalistischen Medien bilden, ist ohne Frage ehrbar. Der Haken an diesen Formen ist, dass sie zumeist nicht die Ganzheit der Gesellschaft abbilden und ansprechen. „Natürlich ist es erst einmal gut, den Bezug zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe herzustellen. Problematisch wird es aber, wenn es dann zu einer Verengung des Blickwinkels kommt und eine Monokultur präsentiert wird. Was ist dann mit der Mehrheit? Die rennen dann zur FPÖ“, antwortet Grimm auf die Frage nach seiner Meinung zu Graswurzeljournalismus auf „YouTube“.

abhängig von ihrem Wahrheitsgehalt publiziert werden und MedienrezipientInnen immer öfter „fake news“ ausgesetzt seien, so Döveling. Nötig sei daher die Medienkompetenzbildung an Schulen. Eltern und Bildungsinstitute müssten lehren, wie man seriöse Nachrichten erkennt. „Viele Jüngere wissen so etwas nicht, ich würde das schon fast als Schulfach einführen“, rät sie. Grimm sieht außerdem einen Regulierungsbedarf für „YouTube“. Man könne das Netz nicht länger als Eldorado der Freiheit sehen, sondern müsse überlegen, inwieweit man wo, in welcher Art eingreifen kann.

Der eine oder andere Schönheitsfehler Ein weiterer Kritikpunkt, den sich News-Channels auf „YouTube“ gefallen lassen müssen ist die oftmals fehlende Trennung von Fakt und Meinung. (Diese Kritik gilt natürlich sowohl für privaten als auch für professionellen Journalismus.) Die fortschreitende Fragmentation des Publikums könne zudem durchaus dazu führen, dass vermehrt Nachrichten un-

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„YouTube“ als Newsplayer

Newsplayer „YouTube“ – eine demokratiepolitische Chance? Nicht jedem Nachrichten-Channel auf „YouTube“ haftet automatisch der Makel der Unseriosität an, betont auch Katrin Döveling. Ein durchaus positives Beispiel wie Nachrichtenverbreitung über „YouTube“ funktionieren kann ist für Döveling der Channel „Jäger & Sammler“. Jung, neugierig und offensiv – so beschreibt sich das Angebot selbst. Bei den veröffentlichten Beiträgen handelt es sich in erster Linie um aktuelle, gesellschaftspolitisch relevante Themen, teilweise sogar investigativen Journalismus, der für junge Menschen ansprechend aufbereitet wird. Produziert wird der Channel von ARD und ZDF. Veränderung und Entwicklung von Formaten in diese Richtung seien laut Döveling zu begrüßen. Klassische MedienanbieterInnen haben durch Plattformen wie „YouTube“ die Chance bekommen, mit Nachrichten auch ein jüngeres Publikum zu erreichen und dieses zielgruppenorientiert anzusprechen. Was darf‘s sein: Information, Unterhaltung oder beides? Wenn aber nun ein Video von PolitikerInnen die höchst zufrieden Leberkäse

Und genau dieser Gedanke zeigt, dass „YouTube“ als Newsplayer funktionieren kann. Etwas lauter und greller vielleicht als man es aus Print, TV und Radio gewohnt ist, aber im Kern geht es bei Informationen darum, den Wissenstand der Empfangenden zu erhöhen. Das geht auch in bunt und mit Unterhaltungsaspekt. Jürgen Grimm sieht für etablierte Medien keine andere Alternative als sich auf Plattformen wie „YouTube“ zu präsentieren. Er setzt jedoch auf eine andere Möglichkeit für „Standard, „Presse“, ORF und Co. Zwar müssten die klassischen Medien durch die momentan stattfindende Transformation “durch“, die Tendenz zu Infotainment sieht er jedoch nicht als Naturgesetz an. Auch Döveling betrachtet den Infotainment-Trend kritisch. Etablierte Medien könnten sich genauso als „Leuchttürme des Qualitätsjournalismus“ positionieren, so Grimm. Gerade in einem „entertainisierten“ Umfeld wie „YouTube“ könne sich Seriosität behaupten – einfach, weil sie anders ist. „YouTube“ als Newsplayer der Zukunft? Seriöse Nachrichten-Anbieter stehen derzeit vor der Aufgabe, die Entscheidung zu treffen, wie viel Zeit und Geld in Zukunft in „YouTube“-Redaktionen investiert wird. Und außerdem, wie das Unterhaltungsbedürfnis und Informationsbedürfnis der UserInnen in gleichem Maß befriedigt werden kann. Momentan befindet sich der Newsplayer „YouTube“ noch in einem Entwicklungsstadium. Ob etablierte Medien das Potential erkennen und mit ihren Angeboten mithalten, und ob eine News-Policy für Private durchsetzbar ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Wir aus der SUMO-Redaktion sind jedenfalls gespannt. Und keine Sorge, wegen dem Leberkäse-Video halten wir Sie auch auf dem Laufenden!

von Katharina Arbeithuber


Print in Bewegung: Videoinhalte von Tageszeitungen Österreichische Tageszeitungen satteln auf Bewegtbild um. SUMO sprach mit Vera Gasber, Videoredakteurin bei „Heute“ (nunmehr ARD), und Markus Leodolter, Leiter des Videoteams der „Kleinen Zeitung“, über Bewegtbildformate von Tageszeitungen. Warum Print auf Videoinhalte setzt Vor über zehn Jahren begannen Tageszeitungen wie etwa die steirische „Kleine Zeitung“ Videos einzubinden. 2007 startete die Produktion von Bewegtbildmaterial, mittlerweile ist das Team rund um Markus Leodolter ein wichtiger Bestandteil der Redaktion. „Wir haben erkannt, dass es Inhalte gibt, die als Video besser greifbar werden als durch Artikel mit Fotos“, erklärt Leodolter. Seit letztem Jahr gibt es in der Wiener Redaktion von „Heute“ mit Vera Gasber eine fix angestellte Videoredakteurin. Zudem liefert ein externer Kameramann der Tageszeitung seit mehreren Jahren regelmäßig Videobeiträge zu. Gemeinsam mit der „Krone“ und „W24“, mit welcher man in Videobelangen eine Partnerschaft pflegt, schickt man täglich ein Team zu aktuellen Ereignissen, das je nach Anlass vor Ort Livebilder liefert. Neben eigenproduzierten Videos bietet „Heute“ auch Videos von LeserreporterInnen an. Diese stellen „Heute“ Videos zur Verfügung und bilden einen wichtigen Bestandteil des Videoportfolios der Tageszeitung. Zudem ist ein

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Ist Print tot? Fragt man sich angesichts sinkender Auflage- und Verkaufszahlen sowie der Umorientierung von Printmedien hin zu anderen journalistischen Darstellungsformen. Neun Minuten (2,8 % der gesamten Mediennutzungsdauer) werden pro Tag durchschnittlich von allen 14- bis 29-Jährigen ÖsterreicherInnen erübrigt, um sich Tageszeitungen zu widmen. Das geht aus einer 2017 publizierten Studie des Instituts für Markt- und Sozialanalysen (IMAS) hervor. Bewegtbildinhalte (inkl. klassischem Fernsehen, Video-on-Demand, etc.) kommen auf über 90 Prozent in derselben Alterskohorte, so eine Studie der RTR. Jene Prozentzahlen liegen auch in österreichischen Medienhäusern vor und sind mitunter Grund für die wachsende Anzahl an Videoinhalten von Tageszeitungen im Onlinebereich. Dass Menschen unter 30 nur schwer mit reinem Printangebot zu begeistern sind, ist zwar kein Geheimnis – dennoch bringt diese Entwicklung (fast alle) Mediengattungen in Zugzwang, vor allem aber Printprodukte.

Print in Bewegung: Videoinhalte von Tageszeitungen

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Beweggrund für die Zunahme an Videoinhalten ein finanzieller. „Werbung ist ein wichtiges Schlagwort bei uns“, so Gasber. Werbeplätze könnten durch die höher werdende Frequenz auf den Videoportalen sehr gut verkauft werden. Ähnlich sieht man das auch bei der „Kleinen Zeitung“: „Die Verweildauer, die durch das Rezipieren von Videos entsteht, ist in der Werbewirtschaft nicht unwesentlich“, ergänzt Leodolter. Zudem ermöglichen es Livestreams, aktuelle Themen zeitnah zu publizieren: „Reguläre Printprodukte haben gegenüber Video-Livestreams den Nachteil,

Tag X Am 18. Dezember 2017 wurde nicht nur die ÖVP-FPÖ-Regierung angelobt, sondern auch eines der im Dezember meist aufgerufenen eigenproduzierten Videos von „Heute“ gedreht. „Tag X war eines der stärksten Videos“, erinnert sich Gasber. An Tag X, der eine Regierungsbeteiligung der FPÖ bezeichnet, wurde in der Wiener Innenstadt eine Demonstration veranstaltet, die Gasber mit Mobile Reporting Equipment begleitete. Mit Mobile Reporting ist das Drehen und Schneiden mit dem Smartphone gemeint. Dazu passendes Equipment ist zum Beispiel

nicht drei oder vier Sekunden, sondern Stunden zeitversetzt zu sein“, so der Videoredakteur. Die Antwort auf die Frage nach der Zielgruppe für Videoangebote ist eine einfache. „Zwar haben wir uns im Vorhinein kein Zielgruppenraster zurechtgelegt, aber natürlich sind die Menschen, die wir mit Videos erreichen, eher jung“, erklärt man seitens „Heute“. Dennoch hänge das Alter von RezipientInnen laut Leodolter stark vom Inhalt des Videos ab: „Wenn es um Politik geht, sieht das Durchschnittsalter anders aus, als bei Videos aus dem Chronikressort“.

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ein leichtes Reisestativ, ein Smartphone mit Apps von speziellen Aufnahme- und Schnittprogrammen, externe Kameralinsen und Mikros.

Vera Gasber Copyright: Sabine Hertel

Markus Leodolter Copyright: Jürgen Fuchs

Der Vorteil von Mobile Journalism liege in der Flexibilität und Aktualität – unabhängig von behäbigen Kameras zu agieren, kann einen wichtigen Vorsprung verschaffen. Weiters hat man den Vorteil, dass Smartphones für InterviewpartnerInnen ohne Medienerfahrung eine angenehmere Atmosphäre schaffe. „Smartphones wirken für die Befragten weniger bedrohlich als große Kameras. Die GesprächspartnerInnen können somit freier sprechen und das Interview ist authentischer“, zeigt Gasber auf. Nichtsdestotrotz geht es in Bezug auf die Inhalte von Videos meist mehr um das ,Was’ als um das ,Wie’. Zwar bereite man die unterschiedlichsten Geschehnisse aus den Ressorts als Video auf, es seien jedoch zum Großteil „Chronikgeschichten“, die bei ZuseherInnen gut ankämen, klärt Leodolter auf. Grund hierfür sind lokale Verankerungen: „Wenn etwas im Nachbarort passiert, ruft das mehr Interesse hervor als Nachrichten aus der Landeshauptstadt“. Bei der „Kleinen Zeitung“ seien das beispielsweise Videos von Autobergungen oder Berichte über Brände. Auch bei „Heute“ ist das Ressort Chronik eines der am besten funktionierenden – „genau das macht die Marke ,Heute’ auch aus – lokal verankerte Nachrichten“, so Gasber. Videos, die aus dem Ressort Wirtschaft stammen seien bei RezipientInnen der „Kleinen Zeitung“ weniger beliebt. „Aber auch da gibt es gewisse Ausnahmen. Videos, die mit Reizwörtern wie ,Tesla’ oder ,Bitcoin’ in Zusammenhang stehen, werden gut von NutzerInnen angenommen. Eines hätten alle Videos laut Gasber aber gemeinsam: Das Ziel eine „ungefilterte Sichtweise zu transportieren“.

Planbarkeit und Spontanität Doch wie werden Videoinhalte von Tageszeitungen produziert? Und auf welche Schwierigkeiten stößt man? Bei „Heute“ unterscheidet man bei der Videoproduktion zwischen Nachrichten, welche sofort oder zu einem späteren Zeitpunkt produziert werden müssen. „Mein Tagesablauf ist nur schwer planbar und oftmals spontan“, berichtet Gasber. Auch die „Kleine Zeitung“ ist mit dieser Schwierigkeit vertraut: „Da wir als lokale Tageszeitung einen Fokus auf dem Ressort Chronik haben, sehen wir uns zu einem gewissen Grad mit dem Problem der Planbarkeit konfrontiert. Kein Bankräuber oder Unfalllenker ruft im Vorhinein in der Redaktion an und gibt uns Bescheid“, spitzt Leodolter zu. Daher versuche man durch an verschiedenen Orten positionierte VideoredakteurInnen dem Problem entgegenzuwirken und zumindest eine gewisse Strukturiertheit zu schaffen. Sowohl bei „Heute“ als auch bei der „Kleinen Zeitung“ findet man, abhängig von Termin und Relevanz der Geschichte, Teamgrößen von bis zu drei RedakteurInnen vor. Quo vadis, Print? Ist die passendere Frage angesichts sinkender Auflage- und Verkaufszahlen sowie der Umorientierung von Printmedien hin zu anderen journalistischen Darstellungsformen. Medienkonvergenz kann Print bereichern, sofern man sich den Veränderungen die damit einhergehen auch adäquat stellt. Den ersten Schritt in Richtung Zukunft haben Tageszeitungen also schon getan – wohin es letztendlich geht, ist aber nicht in Stein gemeißelt. Eines ist aber sicher: Print ist nicht tot, es entwickelt bloß sich weiter.

von Anna Putz

Lass es gar nicht erst so weit kommen!

medienjobs.at

Print in Bewegung: Videoinhalte von Tageszeitungen die Jobbörse für Medienschaffende

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Journalismus: Print versus Video Was unterscheidet das „Handwerk“ von Print- und Video-JournalistInnen? SUMO hat Robert Misik (Video-Blogger „FS-Misik“ auf „derstandard.at“, Autor und Publizist) und Benedikt Narodoslawsky (Redakteur bei „Falter“) zu ihren Tätigkeiten befragt.

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Mit breiter Zugänglichkeit des Internet und der ansteigenden Alltagspräsenz von sozialen Netzwerken haben sich auch im Journalismus neue, erweiterte Formen entwickelt. Jede/r mit funktionierendem Internetanschluss hat die Möglichkeit, online journalistisch tätig zu werden und der Öffentlichkeit Informationen zu liefern. Auf Videoplattformen wie „YouTube“ und Co. drängt sich seit geraumer Zeit das Format des Vlogs ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wie aus der genannten Studie von Andreas Gebesmair, Leiter des Instituts für Medienwirtschaft an der FH St. Pölten, hervorgeht. Vlog bedeutet Video-Blog, also zumeist das periodische Berichten über das eigene Leben und die eigenen Meinungen. Dies

Journalismus: Print versus Video

ist per se noch kein Journalismus in der gängigen Definition: nämlich die hauptberufliche „Erarbeitung bzw. Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Medien mittels Wort, Bild, Ton oder Kombinationen dieser Darstellungsmittel“, so der deutsche Journalistenverband. Themenfindung und Recherche Egal ob Video- oder Print-Journalismus, das Erstellen eines Beitrages beginnt bei der Themenfindung. Doch dabei bestehen bereits Unterschiede, wie Robert Misik, Ersteller des Video-Kommentars „FS-Misik“ auf „derstandard. at“ und Benedikt Narodoslawsky, Redakteur bei „Falter“ berichten. Für seinen wöchentlichen Video-Blog – mittlerweile 567 Folgen (Stand: September 2018) – verfolgt Robert Misik das


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politische sowie gesellschaftliche Geschehen und befasst sich dabei hauptsächlich mit Themen, welche seiner Expertise entsprechen. Im Print-Journalismus beginnt die Themenfindung zumeist in der Redaktion. Entweder wird durch ein Brainstorming ein passendes Thema gesucht, oder man lässt sich von Geschehnissen, Beobachtungen und dem eigenen Freundeskreis inspirieren. „Alles was mich persönlich fesselt, kann eine Geschichte sein“, erklärt Narodoslawsky. Bei der Themenauswahl treten weitere Unterschiede hervor. Im Video-Blog, der in Misiks Fall in kompletter Eigenleistung entsteht, ist die Themenwahl äußerst frei. Im Vergleich dazu muss sich in der „Falter“-Redaktion das Thema vorher in einigen Punkten behaupten, bevor es zu einer Freigabe kommt. Bereits bei der Themenfindung gilt es, die zugehörige Ressort-Passung zu bedenken. Dennoch muss dieses Thema in der Redaktionssitzung bestmöglich verkauft werden. Die endgültige Entscheidung über die Wahl liegt bei der Chefredaktion, wobei davor bereits KollegInnen ihre Meinung Kund getan haben. Denn wenn man schon an der Überzeugung der KollegInnen scheitert, liegen die Chancen schlecht, dass die Leserschaft von der Thematik mitgerissen wird, so Narodoslawsky. Nach der Freigabe beginnt die wirkliche Arbeit. Zuallererst muss man sich entscheiden, wie man die Geschichte aufbereiten möchte und abgestimmt

darauf sowie gemessen am eigenen Fachwissen zu der Thematik, den Umfang der Recherchearbeit anpassen. Misik hingegen betreibt nur wenig Recherche ausschließlich für den Vlog, da es sich grundsätzlich um ein Meinungsformat handelt. Dabei publiziert er einen Kommentar zu Thematiken, über die er entweder für andere Projekte bereits recherchiert hat oder über ausreichend Fachwissen verfügt. Die einzige im SUMO-Interview erwähnte Ausnahme bezieht sich auf wochenaktuelle Themen, wofür die Meldungslage von hoher Bedeutung ist. Gestaltung und Bearbeitung der Inhalte Hierbei differieren die journalistischen Spektren am stärksten. „FS-Misik“ ist eine „One-Man-Show“, bei der Misik die komplette Produktion abwickelt, beginnend bei der Konzeption, über das Schreiben des Skripts bis zum Drehen und Schneiden des Videos. Der einzige Schritt, der in diesem Prozess von einem Dritten übernommen wird, ist das Veröffentlichen auf der Startseite von „derstandard.at“ durch den Chef vom Dienst. Bezüglich der Freigabe der Inhalte hat Misik vollkommene Freiheit, da er das Video als Endfassung bereitstellt und somit nachträgliche Änderungen eher schwierig sind. Diese werden nur im äußersten Notfall getätigt, wenn beispielsweise problematische Formulierungen im Video vorkommen, was Misik nur zweimal in zehn Jahren passiert ist und mit einer Überarbeitung des Schnittes gelöst wurde.

Journalismus: Print versus Video

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In Narodoslawskys Redaktion dagegen gibt es eine klare Rollenverteilung. Grundsätzlich macht jede/r seinen/ihren Job und trägt mit ihren beziehungsweise seinen Stärken zum Endprodukt, das aus tief recherchierten, inhaltlich korrekten, spannenden Artikeln besteht, bei. Vor der Freigabe der Story läuft diese durch: Erstkontrolle und Verständlichkeitstest, Prüfung durch die Chefredaktion, zweimalige Lektorats-Kontrolle und anschließend Freigabe durch den/die ChefIn vom Dienst. Parallel zu diesem Prozess werden beim Bearbeiten eventuelle Fehler oder problematische Stellen identifiziert, die durch den/die AutorIn laufend überarbeitet werden. Ab diesem aufwändigen Prozess ist der Komplett-Ausfall eines Artikels eher unwahrscheinlich. Das Risiko ist bei der Ein-Mann-Produktion von Robert Misik diesbezüglich deutlich höher. Obwohl dieses Video-Format grundsätzlich überall umsetzbar und zeitunabhängig ist, da man solche Beiträge länger im Vorhinein drehen kann, sei die Verlässlichkeit der wöchentlichen Erscheinung für die User-Community sehr bedeutsam, so Misik.

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Journalismus: Print versus Video

Journalistische Berufsethik und Glaubwürdigkeit In Sachen der Berufsethik und der Verinnerlichung des Ehrenkodex für die österreichische Presse sind sich beide Journalisten einig. Vernunft, Erfahrung und Routine helfen dabei, laut Narodoslawsky dient auch die Feedback-Schleife als ein Kontrollmittel. Hinsichtlich der Ansprüche der RezipientInnen stimmt die Meinung der Interviewten mit den Ergebnissen einer Studie über die Glaubwürdigkeit, Authentizität und Nähe der Kreativen auf „YouTube“ überein. Diese Studie wurde von iconkids & youth im Auftrag von „Google“ im Oktober 2015 durchgeführt und besagt, dass Kreative auf „YouTube“ als besonders zugänglich, authentisch und glaubwürdig gesehen werden. Robert Misik: „Mit Video baut man eine Nähe auf, die der Text nie hat.“ Und: Videojournalismus sei viel polarisierender, da man die Person direkt vor Augen hat. Durch diese künstliche Nähe über das Bewegtbild kann der Inhalt authentischer wirken und stärkere Emotionen hervorrufen, die in Form von Print-Journalismus sehr schwer zu erreichen sind, konstatiert auch Narodoslawsky.

Konkurrenz oder natürliche Weiterentwicklung Narodoslawsky gibt zu bedenken, dass es sich grundsätzlich um zwei verschiedene Medien handelt, die auch unterschiedlich wirken. Jedoch befinden sich beide permanent im Kampf um Aufmerksamkeit und somit sei jegliche journalistische Gattung eine Konkurrenz. Aufgrund der Konvergenz der Mediengattungen sei es wichtig, so Misik, diese neuen Technologien zu beherrschen, um weiterführende Möglichkeiten wahrnehmen zu können. Es war die Jahrtausendwende, als es ihm, dem freien Journalisten, klar wurde, dass er sich mit neuen Technologien vertraut machen muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. Und es gelang: Misik schreibt und bloggt regelmäßig für Tages- und Wochenzeitungen, der Video-Blog des prononcierten Linken erhielt dieses Jahr durchschnittlich um die 3.700 Aufrufe .

von Bettina Berger


Fernsehen, wo und wann man will – Mediatheken von TV-Sendern machen es möglich. SUMO sprach mit Lisa Zuckerstätter, Leiterin der ORF-„TVThek“, und Markus Bacher, Geschäftsleiter ProSiebenSat.1 Digital und Distribution bei der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe, über Onlineangebote von Fernsehanstalten.

Junge Menschen rezipieren online Beim jungen Publikum zwischen 14 und 29 Jahren lässt sich ein deutlicher Trend weg von klassisch linearer TV-Nutzung hin zu non-linearen Onlinediensten bemerken, wie eine Studie der RTR zeigt. „Junge UserInnen, also die strategische wichtige Gruppe zwischen 14 und 30, holt man mit Onlineangeboten ab – auch im Bewegtbildbereich“, so Lisa Zuckerstätter, interimistische Leiterin der ORF-„TVThek“. Auch anhand von

anderen Onlineangeboten des ORF, wie etwa ORF.at, erkenne man, dass junge Menschen Inhalte anders nutzen möchten als noch vor 20 Jahren.

Ähnlich sieht der Zugang innerhalb der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe aus: „Strategisch gesehen spielen unsere Mediatheken, unabhängig vom Distributionskanal, eine extrem große Rolle“, meint Markus Bacher, der die Geschäftseinheit Digital und Distribution der Sendergruppe leitet. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass sich die Reichweiten zwar nach Zielgruppe verschieben, jedoch insgesamt steigen. Wir stellen dabei unser Kerngeschäft immer breiter auf und schaffen es dadurch diese Verschiebungen bestmöglich aufzufangen. Fernsehen wird über

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Traditionelles Fernsehen erfährt mehr Konkurrenz denn je – vor allem aus dem Netz. Die Lösung: Mediatheken. Befreit von starren Programmschemata bieten Fernsehsender ihre Inhalte auch online zum Abruf an. Welche Rolle sendereigene Videoplattformen für TV-Anbieter spielen und warum Mediatheken als die „Zukunft des Fernsehens“ bezeichnet werden.

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Mediatheken: das neue Fernsehen

Mediatheken: das neue Fernsehen

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Entweder, oder? Ich will alles. Johannes, 24 Jahre Teile deinen persönlichen #glaubandich Moment auf:

Was zählt, sind die Menschen.

digitale Verbreitungswege anders konsumiert als in der Vergangenheit. Diese Entwicklung sehen wir aktuell immer stärker und wir versuchen dabei nun die Inhalte für jede Nutzungsart attraktiv zu gestalten“, sagt Bacher. Rahmenbedingungen und Organisation Gestützt auf das ORF-Gesetz und damit einhergehenden Rahmenbedingungen stellt der ORF Inhalte auf der „TVThek“ kostenlos zur Verfügung. Dabei sind Einschränkungen, wie etwa die 7-Tage-Verfügbarkeit, zu beachten und bis auf gewisse Ausnahmen einzuhalten. Beispiel für eine solche Ausnahme sind etwa Sendereihen (z. B. „Sommergespräche“), bei denen ein inhaltlicher Bogen gespannt werden müsse, legt Zuckerstätter dar. In derartigen Fällen ist die erste Folge der Sendereihe bis zu sieben Tage nach Ausstrahlung der letzten Folge online verfügbar, um NutzerInnen die Möglichkeit zum Vergleich offen zu halten. Im Gegensatz dazu können private Sender ihre Mediatheken nach eigenem Ermessen gestalten. Neben herkömmlichen Onlinevideotheken der einzelnen Sender betreibt die „ProSie-

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Mediatheken: das neue Fernsehen

benSat.1PULS4“-Gruppe seit August 2017 auch die senderübergreifende „ZAPPN“-App. Neben Eigenproduktionen der Sendergruppe ist es auch möglich, auf fremdproduzierte Inhalte wie Serien und Shows zuzugreifen. Ein Punkt, in dem sich öffentlich-rechtliche Mediatheken von privaten geringfügig unterscheiden, ist der Jugendschutz. Während die „TVThek“ zeitliche Sperren für bestimmte Inhalte (z.B. „Tatort“) vorsieht, schneidet man in Mediatheken der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe Inhalte entweder entsprechend um oder setzt zeitliche Schranken. Hinsichtlich der Personalstärke ähneln sich öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk aber: Um die 20 MitarbeiterInnen sind mit der Betreuung der Mediathek beschäftigt. „Unsere Redaktion ist fast rund um die Uhr besetzt“, so Zuckerstätter, „auch von ein Uhr früh bis 05:30 ist mindestens eine Person hier, um das Fernsehprogramm abzudecken“. Markus Bacher hebt vor allem das zehnköpfige Team der Produktentwicklung und ein zehnköpfiges Online-Redaktionsteam hervor, das maßgebend am Erfolg der digitalen Produkte der Sendergruppe beteiligt sei.

Which Content is King? „Es sind genau die Dinge, die gut gehen, von denen man es sich erwartet. ,Willkommen Österreich’, ,Tatort’, aber auch politische Ereignisse kommen in der ,TVThek’ gut an“, resümiert Zuckerstätter. Nicht zu vernachlässigen seien auch Livestreams von großen Sportevents, wie etwa Olympiaden oder Ski-Weltmeisterschaften. Durchschnittlich verzeichnete der ORF mit der „TVThek“ im vergangenen Jahr 10,9 Millionen Nettoviews, derzeit verbucht man 1,29 Millionen monatliche UserInnen auf der Onlineplattform. Spitzenzeiten in der Nutzung sind laut Zuckerstätter die Primetime und das Wochenende, wobei im Speziellen sonntags UserInnen aktiver sind. „Eigentlich ist es ganz einfach: Was im Fernsehen gut geht, kommt auch digital gut an. ,2 Minuten, 2 Millionen’, ‚Germany’s Next Top Model‘, ,Sehr witzig’ oder ,Bauer sucht Frau’ sind gute Beispiele dafür“, erklärt Bacher. Dennoch gebe es auch Special Interest-Ausreißer, wie etwa Animes oder Mangas, die laut Bacher ein gutes Beispiel für die breite Vielfalt von Interessen diverser Zielgruppen darstellen. Die Brutto-Views der pri-


Was Mediatheken verändern „Wir machen die Angebote durch die ,TVThek’ noch sichtbarer“, erläutert Zu-

ckerstätter. Da die Mediathek des öffentlich-rechtlichen Rundfunks jedoch werbefrei ist, konnte mit der „TVThek“ kein neues Geschäftsmodell erschlossen werden. Im Gegensatz zu privaten Anbietern: „Durch Mediatheken konnten wir neue Wege der Digitalvermarktung öffnen“, so Bacher. Man profitiere sowohl von digitaler Bewegtbildvermarktung auf eigenen Videoportalen, als auch durch die bevorstehende Möglichkeit der Quotenintegration durch die Hybridquote. Sowohl im ORF als auch in der „ProSiebenSat.1PULS4“-Gruppe wurden erst kürzlich neueste Messtechnologien implementiert. Hintergrund: Bislang konnten Zugriffe auf Mediatheken nicht in TV-Quoten integriert werden. Mit den neu angeschafften Messsystemen steht der Zusammenführung von TV-Quoten und Zugriffen in Mediatheken nichts mehr im Wege.

Ausblick Fernsehen und Internet wachsen immer mehr zusammen. Das zeigen nicht nur Video-on-Demand-Dienste wie „Netflix“ und „Amazon Prime“, sondern auch Mediatheken. Ähnlich wie die BBC denkt die „ProSiebenSat.1PULS4“-Sendergruppe an eigens generierte Inhalte für ihre Mediatheken, der ORF „derzeit noch nicht“, da das Angebotskonzept dies nicht zulasse. Dafür arbeite man kontinuierlich an der Verbesserung der Bildqualität und der Ausweitung des Streaming-Angebots. Der nächste Schritt für die private Sendegruppe ist der Sprung auf alle Devices mit der senderübergreifenden App. Ob das Produkt auch in Zukunft weiterhin kostenlos zur Verfügung stehen wird, ist noch unklar. Pläne, wie es mit Mediatheken in Zukunft weitergehen soll, gibt es also zur Genüge. von Anna Putz

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vaten Sendegruppe stiegen vom ersten Quartal 2017 auf das erste Quartal 2018 insgesamt um plus 111 Prozent – die meisten Zugriffe verzeichnete die diesjährige Staffel von „Germany’s next Topmodel“ mit insgesamt 8,6 Millionen Brutto-Views. Die App „ZAPPN“ konnte dabei am Stärksten zum Wachstum beitragen und verzeichnet so innerhalb des ersten halben Jahres nach Launch über 400.000 Downloads. „ZAPPN“ ist somit die größte kostenfreie Live-TV Streaming App am österreichischen Markt. Nichtsdestotrotz müsse man zwischen regulären Mediatheken und der „ZAPPN“-App differenzieren: Bei ersteren stehe herkömliche Video-on-Demand-Nutzung im Vordergrund, bei der App jedoch eher Liveübertragungen.

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„YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation „Facebook“ oder „Twitter“ bieten politischen AkteurInnen eine einfache, direkte Ansprache ihrer Anhängerschaft, desgleichen „YouTube“. Auch politisch extreme Gruppierungen versuchen mithilfe dieser Kanäle an Aufmerksamkeit und Reichweite zu gelangen. Neben der Darstellung ausgewählter Kanäle der Szene gibt Dr. Christian von Sikorski (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Univ. Wien) im SUMO-Interview Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse. arbeiten. Ein Beispiel aus dem Nachbarland ist der von zwei jungen Deutschen betriebene Kanal „Laut gedacht“. Unter Videotiteln wie „Islam wird Staatsreligion“ werden noch relativ harmlose Vlogs mit patriotischen, religiösen und kulturellen Thematiken ausgespielt. Es gibt aber auch Kanäle wie die „Vulgäre Analyse“ oder „Reconquista Germania“, in denen mit härteren Umgangsformen antisemitische, rassistische oder sexistische Inhalte verbreitet werden.

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Im direkten Vergleich zu YouTuberInnen aus den Bereichen Beauty, Lifestyle oder Gaming mag eine Zahl von 42.000 AbonnentInnen marginal erscheinen. Für Martin Sellner, den führenden Akteur der „Identitären Bewegung Wien“, stellt die Videoplattform ein wichtiges Instrumentarium dar. Neben Auftritten bei Veranstaltungen wie der ,,Pegida“ in Deutschland leistet sein eigener „YouTube“-Kanal einen gewichtigen Beitrag, um an seinem Ziel des ,,Abbaus multikulturellen Meinungsdogmas“ (Zitat) zu

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„YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation


Christian von Sikorski sieht das Aufkommen solcher Kanäle als ein Resultat auf die in letzter Zeit gehäuft auftretenden „externen Events“, also Ereignissen wie der sogenannten Flüchtlingskrise. Solche Vorkommnisse nutzen und instrumentalisieren rechtsextreme Gruppierungen gezielt zur Verbreitung ihres Gedankenguts. Gefahrenpotenzial ist nicht zu unterschätzen Von Sikorski hebt dabei den primären Unterschied zwischen den klassischen und den sogenannten neuen Medien hervor. Während professionelle JournalistInnen nach ganz bestimmten Grundsätzen agieren, bietet sich uns auf „Facebook“ und anderen Online-Plattformen ein anderes Bild. Jeder darf hier seine Meinung frei äußern, ob in Form von Texten, Bildern oder Kommentaren. Im Gegensatz zu textlastigeren Plattformen wie „Facebook“ oder „Twitter“ ist „YouTube“ bereits per Definition eine Videoplattform. Was bedeutet, dass das Visuelle klar im Vordergrund steht. Bezogen auf die Forschung, habe gerade das einen stärkeren Einfluss auf die menschliche Wahrnehmung. Da uns laut von Sikorski Bewegtbilder subtiler beeinflussen, genüge es bereits Fotos von großen Gruppen von ZuwanderInnen in einem Grenzgebiet zu zeigen. Damit löse man Emotionen aus, ohne explizit etwas anmerken zu müssen. Diese Annahme wird bestätigt, wenn man das Videomaterial oben genannter Personen analysiert. Der Auftritt ist meist eher zurückhaltend als extrem. „Laut Gedacht“ und Konsorten treten unter dem Deckmantel auf, nur ein harmloser Nachrichten- und Lifestyle-Blog zu sein. Die Beiträge sind unterhaltsam, unterlegt mit viel Bildmaterial. Die neuen Rechten versuchen über Sprache und Kultur Rassismus und völkisches Denken gesellschaftsfähig zu machen. Politischer Einfluss soll dabei nicht über das Parlament, sondern direkt auf die Gesellschaft ausgeübt werden. Mit der Videoplattform ist das einfacher denn je. Uneingeschränkter Zugriff als zweischneidiges Schwert Stößt man auf Videos in denen hetzerisches oder rassistisches Gedankengut öffentlich zugänglich gemacht wird, kommt schnell der Impuls auf, diese einfach zu sperren. Die Frage, ob der uneingeschränkte Zugriff hier zu weit reicht, ist legitim. Der Kommunikationswissenschaftler distanziert sich jedoch von der Idee, „YouTube“ einzuschränken. „Wer entscheidet eigentlich, was verboten ist und was nicht? Gren-

zen zu ziehen liegt im Aufgabenbereich der Gesetzgebung. Es ist per Gesetz verboten, Hakenkreuze in jeglicher Art und Weise öffentlich darzustellen.“ Von Sikorski verweist an dieser Stelle aber auch auf die Meinungsfreiheit. Hier sei jede Form der Einschränkung mit äußerster Vorsicht zu betrachten. Um Folgeprobleme, wie eine Abwanderung in den Untergrund zu verhindern, solle jede/r das Recht haben seinen bzw. ihren Standpunkt öffentlich und ohne Bestrafung zu äußern. Werden Grenzen jedoch überschritten, müsse gehandelt werden. Es sei die Aufgabe der Plattformbetreiber, aber auch des Gesetzgebers und der Exekutive, der Verbreitung verbotener Inhalte entgegenzuwirken. Klassische Medien versus soziale Medien Der Großteil der Bevölkerung lehne Rechtsextremismus ab, suche daher auch nicht gezielt nach solchen Informationen und beziehe Wissen grundsätzlich über klassische Medien, stellt von Sikorski fest. Personen mit einer gefestigten Meinung, wie Menschen mit rechtem Gedankengut, suchen hingegen explizit nach Bestätigung ihrer Sichtweisen und rezipieren erfahrungsgemäß Publikumsmedien wie den ORF oder Qualitätszeitungen wie „Standard“ oder „Presse“ deutlich selektiver. Sie bevorzugen vermeintlich informative neue Kanäle im Internet. Einer der meist besuchten Kanäle der Szene – der von Martin Sellner – kritisiert in vielen seiner Videos die etablierten Massenmedien. „Spiegel TV lügt“, „ORF = Fakenews“ oder „Danke ARD“ – vor allem politisch (vermeintlich) linksorientierte Massenmedien sind vielen Rechtsradikalen ein Dorn im Auge. Personen, die rechtsradikale Inhalte generieren, versuchen bewusst den Graubereich der Justiz bis zu dessen Grenzen auszukosten. Dieses Konzept geht auf. Erreicht werden zum Großteil Menschen, die ihre Meinung teilen und aktiv danach gesucht haben. Damit werden Beschwerden oder Strafen meist vermieden. Kommt es nun zu Ereignissen wie der „Flüchtlingskrise“, die die Anhängerschaft solcher Gruppierungen erweitern, besteht laut dem Experten das Risiko einer Polarisierung der Bevölkerung. Immer mehr Menschen sind dann für solche Informationen empfänglich. „Zukunft für Europa“, mit bekannten Gesichtern der rechten Szene wie Martin Sellner oder Tony Gerber, hat bereits eine Million Aufrufe. Darunter findet man einen Spendenaufruf für die „Identitäre Bewegung Deutschlands“ und eine ausführliche Beschreibung, wie man Mitglied der Bewegung,

„YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation

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die für ,,Heimat, Freiheit und Tradition“ steht, wird. Videos wie diese richten ihre Botschaften gezielt an ein junges Publikum, das leicht zu beeinflussen ist. Gestaltungsmöglichkeiten der Beeinflussung Gruppierungen, die dem neurechten Spektrum zugeordnet werden arbeiten vernetzt. Es findet ein reger Austausch auf Veranstaltungen, aber auch online statt. Zusätzlich gibt es einen einheitlichen Auftritt der Anhängerschaft. So zeigen sich die zwei Darsteller hinter „Laut gedacht“ im abgestimmten Outfit mit Logo. Von Sikorski, der sich in seinen Publikationen u.a. mit politischer Kommunikation und deren Rezeption beschäftigt hat, nennt drei Gründe, warum gerade „YouTube“ ein optimales Tool darstellt, um das Zielpublikum in ihrer Wahrnehmung zu beeinflussen. Ersichtlich sei dies etwa in Werbeclips für PolitikerInnen. Primäres Ziel solcher Aufnahmen ist es, die eigene Person und eigene Standpunkte möglichst positiv zu präsentieren, während man seine Gegnerschaft in ein negatives Licht rückt. In einer von ihm kürzlich durchgeführten Studie wurden ProbandInnen Bildaufnahmen von PolitikerInnen, die in Skandale verwickelt waren gezeigt. Auf der einen wurde die Person alleine isoliert vor einem schwarzen Hintergrund abgebildet, auf der anderen vor einem weißen. Trotz der identischen Personendarstellung (Mimik, Gestik) und dem identischem Text wurden die Abgebildeten als negativer beurteilt, wenn der Hintergrund dunkel war. Dies zeigt, dass alleine die Farbe und Kontextualisierung einen Einfluss auf unsere Sichtweise nehmen können. Zusätzlich spielen auch der gewählte Kamerawinkel, wie auch Abspielgeschwindigkeit und andere Elemente der visuellen Gestaltung eine Rolle. Die zweite Ebene, fährt von Sikorski fort, sei alles Nonverbale im Video. Dazu zählt zum Beispiel alles was der/ die AkteurIn macht, wie er oder sie sich präsentiert und zur Schau stellt. Körpersprache, Mimik und Gestik können im Gegensatz zu rein text- oder bildbasierten Darstellungsformen in Videoclips gezielt dazu verwendet werden, um die Wirkungsweise zu verstärken. Der dritte Bereich, den er nennt, umfasst all das, was noch über die non-verbale Komponente hinausreicht – die auditiven Elemente. Musik kann hier eine große Wirkung entfalten. Bilder von Flüchtlingsströmen, untermalt von dramatischer Musik, sollen negative Assoziatio-

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nen hervorrufen. Daneben spielt auch die Sprache der AkteurInnen eine Rolle. Rechte Gruppierungen bedienen sich nicht selten einer veralteten Ausdrucksweise. Begriffe wie „Heimat“, „Volk“, „völkisch“ oder „Umvolkung“, die in der NS-Zeit missbräuchlich verwendet wurden, unterliegen einer starken Färbung. Solche Schlagwörter, kombiniert mit visuellen Informationen und Musik, werden gezielt eingesetzt und erzeugen nachgewiesenermaßen Effekte. Beachtet man diese drei Ebenen, kann man seine Botschaft sehr überzeugend an sein Publikum richten, klärt der Kommunikationswissenschaftler auf. Hauptzielgruppe von „YouTube“ besonders empfänglich Die größte Nutzergruppe der Videoplattform ist sehr jung, zum Teil noch minderjährig. Von Sikorski bezieht sich erneut auf seine Forschungsarbeit in diesem Gebiet. Durch langjährige Wirkungsforschung steht heute fest, dass Kinder und Jugendliche leichter und stärker beeinflussbar sind. Bestes Beispiel sei hier Werbung: Werbebotschaften an Kinder sind deshalb so erfolgreich, da diese bis zu einer gewissen geistigen Reife noch nicht wissen, wann es sich bei Content um bezahlte Werbung handelt. Inhalte, die zu einer gewissen Meinung überzeugen sollen werden viel leichter und besser angenommen. Hinzu kommt das Problem, dass junge Leute noch sehr flexibel in ihren Sichtweisen sind. Natürlich habe das auch seine Vorteile, meint der gebürtige Deutsche. Während Erwachsene stärker auf ihrer eigenen Meinung beharren, sind Jüngere noch offen für Neues. Trotzdem mache sie das auch anfälliger für negatives oder sogar gefährliches Gedankengut. Daher wenden sich Formate wie „Laut Gedacht“ explizit an eine junge Zielgruppe. Es wird nicht offensiv Hass gegen Flüchtlinge geschürt, sondern versucht, durch „lustige“ Videos zu aktuellen politischen Debatten unterschwellige Botschaften zu verbreiten. Wo fehlende Medienkenntnisse anfangen und Seriosität endet Ein gesellschaftlich unerwünschter Trend, der zunehmend auch viele Erwachsene trifft, ist das schwindende Gespür für die Seriosität einer Quelle. Von Sikorski erklärt, dass Personen, die mit klassischen Massenmedien wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufgewachsen sind, in der Regel skeptischer seien, wenn sie auf Informationen in Online-Medien stoßen. Egal ob sie nun eher politisch links oder rechts stehen, sie schenken von JournalistIn-

„YouTube“ als Plattform für politische Kommunikation

Dr. Christian von Sikorski Copyright: Kathrin Weinkogl

nen verfassten Nachrichten wesentlich mehr Vertrauen bzw. fragen: Wer oder was ist hier der Sender einer Botschaft? Sie wissen, dass Quellen wie Qualitätsmedien vernünftig recherchieren und Fakten doppelt prüfen. Aktuelle Studien ergaben, dass diese Kenntnis Jugendlichen oft fehlt, wenn sie nicht mit klassischen Medien aufgewachsen sind. Viele wissen nicht mehr, wofür ein bestimmtes Medium steht und wo die Information, der sie Beachtung und Glauben schenken überhaupt herkommt. Hier treffen ,,Fake News“ dann auf fruchtbaren Boden. „Aber auch Erwachsene sind hier nicht grundsätzlich resistent. Insbesondere Personen mit einer geringen Medienkompetenz laufen Gefahr, fragwürdige, unseriöse oder schlichtweg falsche Informationen als geprüftes und verlässliches Wissen anzusehen“, ergänzt von Sikorski. Als Lösungsvorschlag biete sich laut von Sikorski ein verbesserter medienpädagogischer Ansatz an: ,,Junge NutzerInnen müssen an das Thema herangeführt werden. Ihnen muss gezeigt werden, was sauber recherchierte Informationen sind. Das gilt auch für Nachrichten, die für jedermann online zur Verfügung gestellt werden. Schaut euch die Quelle ganz genau an!“, mahnt der Experte. Auch auf „YouTube“ sollte man sich stets fragen, wo das Videomaterial eigentlich herstammt, das dort abrufbar ist. Es braucht also nicht gezwungenermaßen Einschränkungen und Strafen, es braucht einen verantwortungsvollen und bewussten Umgang mit neuen Medien.

von Kathrin Weinkogl


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Nicht-kommerzielle Videoportale in Österreich Bleibt neben den großen Plattformen im Internet noch Platz für nicht-kommerziell intendierte Verbreitung von Wissen und Information? Christian Jungwirth, Geschäftsführer von „OKTO – Okto TV“, diskutiert in SUMO über die Situation nicht-kommerzieller Angebote in Österreich. Nicht-kommerzielle Videoportale stellen die Verbreitung von Wissen und Information in den Vordergrund, ohne sich dabei auf die Werbezeitvermarktung konzentrieren zu müssen. In Österreich betreibt der partizipative Community-Fernsehsender „Okto“ seit 2011 die nicht-kommerzielle Plattform „Oktothek“. Jungwirth sieht darin die Möglichkeit der breiteren Diversifizierung der Inhalte. Es können so verschiedene Zielgruppen und vor allem jüngere RezipientInnen angesprochen werden, die am linearen Fernsehprogramm kein großes Interesse zeigen.

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„Oktothek“ - ein Videoportal der ersten Stunde Bereits 2005, noch bevor Plattformen wie „YouTube“ diese wichtige Stellung eingenommen haben und „Facebook“ im großen Rahmen gestartet ist, hat „Okto“ das Potential der Verbreitung seiner Inhalte über das Internet erkannt. „Wir haben 2005 im Prinzip den Sprung ins kalte Wasser gewagt und gesagt,

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Nicht-kommerzielle Videoportale in Österreich

wir fahren den Betrieb von Anfang an komplett bandlos und zu 100 Prozent digital. Das haben wir nicht zuletzt mit dem Blick auf die Zielsetzung gemacht, dass wir die Nutzung unserer Videos mittel- bis langfristig in erster Linie im digitalen Bereich sehen.“ Als den wichtigsten Grundstein für ein solches Portal sieht er die genaue Erfassung von Metadaten, welche bereits von der ersten Minute an sehr ernst genommen wurde. Obwohl die Wichtigkeit der Onlineverbreitung bereits früh erkannt wurde, ist der Aufbau der Plattform ein laufender und aufwendiger Prozess. Die rasche technische Entwicklung im Bereich der Internetvideodistribution hinsichtlich der Auflösung und des Bildschirmformats hat zur Folge, dass Server immer noch damit beschäftigt sind, ältere Inhalte in das Format umzuwandeln, das heute bei der Verbreitung im Internet obligatorisch ist. Die Inhalte der „Oktothek“ stehen den NutzerInnen zeitlich uneingeschränkt


zur Verfügung. Die bereitgestellten Programme beschäftigen sich mit unterschiedlichsten Inhalten, beispielsweise bietet „wienTV.org“ Politiknachrichten, die Inhalte abseits des Medien-Main­ streams beleuchten sollen. Aber auch Reportagen, Kurzfilme, Musikvideos und Informationsbeiträge zählen zum Repertoire. Bedeutung nicht-kommerzieller Angebote angesichts von „YouTube“ & Co. Laut der Onlinestudie von ARD und ZDF anno 2017 verbringen OnlinenutzerInnen ab 14 Jahren täglich insgesamt zweieinhalb Stunden im Internet, wovon 45 Minuten auf die Nutzung von Nachrichtenportalen, Onlineradios oder das Lesen von Artikeln entfallen. 24 Prozent der Befragten nutzen Videoportale täglich. Das zeigt, wie wichtig die Onlinedistribution heute geworden ist. „YouTube“ zählt zwar immer noch zu den meist genutzten Portalen, doch Jungwirth sieht in den kommerziellen Plattformen keine Konkurrenz per se, sondern vielmehr ein Instrumentarium, das zur Ergänzung des nicht-kommerziellen Rundfunks dienen kann. (Auch) Für ein nicht-kommerzielles Angebot stellt sich die Zielgruppenfrage; einerseits soll durch das Angebot die gewünschte Zielgruppe erreicht werden, doch andererseits müssen öffentliche Mittel, die zur Finanzierung zur Verfügung stehen, effektiv eingesetzt werden. Trotzdem stoßen nicht-kommerzielle Portale immer wieder auf Barrieren in der Politik und Gesellschaft. „Oft wird bei der Frage der Förderung oder der Ermöglichung des nicht-kommerziellen Rundfunksektors in einer westlichen Demokratie das Argument vorgeschoben, dass es in Zeiten von ,YouTube‘ keinen vergleichsweise teureren, nicht-kommerziellen Rundfunk wie ,Okto‘ braucht.“ Diese Argumentation reicht jedoch nicht weit genug, insbesondere, wenn es um die Bereiche der Medienkompetenzvermittlung und Medienpädagogik geht. Diese werden durch kommerzielle Angebote nicht ausreichend abgedeckt, weshalb die Notwendigkeit von nicht-kommerziellen Plattformen hierbei bestehen bleibt. Rechtliche Grundlagen und Creative Commons Bei der Online-Videodistribution sind die Regelungen des Urheber- und Persönlichkeitsrechts von wichtiger Bedeutung. In Österreich werden diese im Audiovisuellen Mediendienste-Gesetz festgehalten und unterscheiden sich in keiner Weise von der Reglementierung im kommerziellen Bereich. Bevor Inhalte online gehen, muss darauf ge-

achtet werden, keine Urheberrechte an beispielsweise Musikstücken oder Texten zu verletzen und das Recht am eigenen Bild gewahrt bleibt. Durch das Recht am eigenen Bild kann die abgebildete Person selbst entscheiden, ob und in welchem Kontext das Bild veröffentlicht werden darf. Dazu muss vor der Veröffentlichung eine Einwilligung bei dieser Person eingeholt werden. Ausnahmen gelten, wenn Personen nur im Hintergrund zu sehen sind, oder bei Aufnahmen großer Menschenmengen. Auch das Konzept der Creative Commons bietet im Bereich der Lizenzierung von Inhalten eine Möglichkeit, die Nutzungsrechte zu definieren. Die gemeinnützige Organisation „Creative Commons“ bietet verschiedene Lizenzmodelle an, nach denen UrheberInnen ihre Werke schützen können. Auch bei nicht-kommerziellen Videoportalen werden Creative Commons zur Lizenzierung verwendet. In diesem Bereich gibt es jedoch noch Probleme mit konventionell lizenzierten Inhalten. Wenn mit einer Creative Commons Lizenz gearbeitet wird, der Beitrag aber trotzdem von Drittrechten behaftete Materialien enthält, stößt man bei der Veröffentlichung schnell an seine Grenzen. Nach Jungwirth wird es in unserer Gesellschaft noch eine rechtsphilosophische Entwicklung brauchen, bis in breiterer Form bei Bewegtbild mit Creative Commons gearbeitet werden kann. Ein Blick in die Zukunft Gerade entwickelt „Okto“ eine umfassendere „YouTube“-Strategie, die Ende 2019 in die Umsetzung gehen soll. „Wir sehen keine Chance, diese Möglichkeit der Verbreitung auszulassen. Weil wir alle wissen, dass aufgrund des Medienwandels und der Digitalisierung insbesondere das Videonutzungsverhalten junger Menschen sich komplett gewandelt hat gegenüber dem der Generationen davor.“ Auch für nicht-kommerzielle Fernsehsender werden Abrufmodelle, wie Mobile oder On Demand immer bedeutsamer. Für „Okto“ ist es wichtig, alle Inhalte, die linear im Fernsehen zu sehen waren auch online zur Verfügung zu stellen. Abstriche sollen nur dann erfolgen, wenn ein Urheberrechtsproblem auftreten würde. Verstärkt soll auch in die Richtung „online first“ gegangen werden, oder Inhalte überhaupt für die ausschließliche Verbreitung im Internet zu produzieren. So möchte man eine noch breitere Diversifizierung der Inhalte für die verschiedenen Zielgruppen ermöglichen. von Marlene Havel

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„Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt Seit das Modell des „Vloggens“ populärer wurde, machen immer mehr Menschen viel Geld mit ihren Videos, bisweilen im zweistelligen Millionenbereich. Ist der mögliche Reichtum der einzige Grund, sein Privatleben allen zugänglich zu machen, und: Warum sehen sich das so viele Menschen an? SUMO sucht in Interviews mit Psychologin Sandra Gerö und einer „YouTube“-Nutzerin nach Antworten. Die Definition von „Vlogging“ ist keine einheitliche. Teilweise wird simpel ein im Stil eines Tagebucheintrags gestaltetes Video als „Vlog“ gezählt, während in breiteren Definitionsansätzen auch Make-Up-Tutorials und Gaming-Videos zu dem Modell gezählt werden. In diesem Artikel wird mit der breiteren Definition gearbeitet. Die UserInnen gehören meist der jüngeren Generation an. Aus einer FORSA-Umfrage resultiert, dass 42% der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren täglich Inhalte auf „YouTube“ ansehen. On top: Musikvideos, Film-Trailer, dann Tutorials, und auch „VloggerInnen“ sind stark vertreten.

Wer sind die ZuseherInnen? Eine Statistik von „eMarketer“ ergab, dass im Jahr 2017 weltweit 1,47 Mil-

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Ranking und Verdienste In der Liste der zehn bestverdienenden „YouTuberInnen“ befinden sich fünf Kanäle, die ausschließlich oder zumindest überwiegend Videos mit Gaming-Inhalten hochladen. Die weiteren Plätze werden von drei klassischen „VloggerInnen“ sowie einem Sport-Kanal und einem Spielzeug-Rezensionen-Kanal besetzt. Jede Person in diesem Ranking konnte 2016/17 über zehn Millionen US-Dollar über ihren Kanal einnehmen, die meisten der Topverdiener sind etwa 30 Jahre alt und schon seit einigen Jahren auf „YouTube“ aktiv.

Das Geschäftsmodell von „YouTube“ lässt in vorwiegend drei Bereiche gliedern. Eine neuere Einnahmequelle besteht aus Abonnements des werbefreien „YouTube-Red“. Die zweite Quelle ist die Schaltung von Werbebannern oder die priorisierte Reihung von Videos. Die bekannteste besteht darin, dass Werbetreibende ihre Inhalte zielgruppenspezifisch vor beziehungsweise während Videos von „YouTube“-Partner schalten. Die Veränderungen in den Algorithmen hinter der Plattform lassen die Einnahmen stark schwanken und machen sie dadurch zu einer unzuverlässigen Einnahmequelle für Externe. „YouTube“ behält laut Investopedia 45% der Werbeeinnahmen, 55% lukrieren die „YouTube“-Partner. Über „Influencermarketinghub.com“ kann aus den „Total Views“ und die „Estimated Lifetime Earnings“ errechnet werden, dass die nach „Forbes“ Top 6-„YouTuber“ über den Zeitraum ihres gesamten „YouTube“-Daseins etwa 2,42 US$ pro 1.000 ZuseherInnen einnahmen. Und diese Stars verfügen über solche in zweistelliger Millionenhöhe.

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„Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt


liarden Menschen die Plattform „YouTube“ genutzt haben – Tendenz steigend. Wenn man sich die Verteilung nach Altersgruppen ansieht, hatte im Jahr 2016 über ein Drittel der 16-24 Jahre alten NutzerInnen Videos von Berühmtheiten oder „VloggerInnen“ angesehen – ältere UserInnen weit weniger. Nachdem die Nutzerzahlen und auch die Zahl an „YouTuberInnen“, die über eine Million AbonnentInnen verfügen konstant weiter gestiegen sind, kann davon ausgegangen werden, dass diese Zahlen im Jahr 2018 noch höher ausfallen. Doch warum „vloggen“ Menschen? Sandra Gerö, Psychologin und Medienpädagogin in Wien, erläutert, dass „Vlogs“ eine lange Geschichte haben. Der Ursprung liegt in Tagebüchern (Logs). Abenteurer haben in der Vergangenheit Logs geführt, auch Buchhalter. Die Erfindung des WWW ermöglichte es, ein Tagebuch online zu führen und dadurch auch mit anderen Menschen zu teilen. Dieses Teilen von Informationen über eine/n selbst oder seine Umgebung ist laut Gerö durch das menschliche Urbedürfnis, nicht vergessen zu werden und sich anderen Menschen und künftigen Generationen gegenüber zu präsentieren erklärbar. Somit dient ein Vlog demselben Zweck wie seine Initialen in einen Baum zu ritzen, nämlich um zu sagen: „Ich war hier!“ Auf „YouTube“ existiert jedoch im Gegensatz zu dem Positionieren in der analogen Welt die Möglichkeit nahezu in Echtzeit Feedback zu bekommen. Dieses Feedback ist laut Gerö auch der größte Ansporn, ein virtuelles Tagebuch weiterzuführen. „Wo es ein Publikum gibt, gibt es auch Menschen, die es füttern.“ Wer sieht sich das an? Gerö skizzierte die drei Hauptgründe, sich diese alltäglichen Videos anzusehen. Entschleunigung: Jugendliche stehen laut diverser Studien bei weitem unter mehr Stress als vor zehn Jahren. Dieser Stress wird nicht nur durch den Zwang online präsent zu sein hervorgerufen, sondern auch durch die Art und Weise, wie Filme produziert werden. Durch immer mehr Action und schnelleren, drastischeren Schnitt wird der Mensch mit Reizen überflutet. Bei einem Video, das langsam, mit wenig Schnitten und alltäglichen Themen produziert wird, fällt es leichter sich zu entspannen. Dieser Meinung ist auch eine 20-jährige „YouTube“-Nutzerin in ihrem Interview mit SUMO. Sie verfolgt die Videos einer Vielzahl von „YouTuberInnen“ und sieht sich täglich Make-Up-Tutori-

„Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt

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als oder andere „Vlogs“ an: „Manchmal möchte ich mir einfach etwas erzählen lassen. Oft höre ich auch gar nicht so genau zu, was eigentlich geredet wird und erledige andere Sachen, während ich die Videos laufen lasse.“ Das Bedürfnis nach Alltag und sozialen Kontakten: Die Online-Suche nach sozialen Kontakten ist wohl so alt wie das Internet selbst, sei es über Dating-Apps oder Websites, auf denen man mit anderen Menschen anonym kommunizieren kann (wie „Chatroulette“ oder „Omegle“). Ein weiterer Faktor für „YouTube“ als Ersatz von Offline-Kontakten ist laut Gerö, dass es einfach ist, das Leben anderer Menschen online zu verfolgen, da diese keine Ansprüche stellen. Wenn man sich mit realen FreundInnen oder Verwandten trifft, so haben sie oft Ansprüche oder wollen Persönliches über ihr Gegenüber erfahren. Interessant sind „Vlogs“ für jede/n, egal ob Personen selbst einen eintönigen oder unregelmäßigen Alltag haben. Man nutzt sie, um Anderen beim Leben zuzusehen – auf unverbindliche Art. Der Vergleich

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mit einer Fernsehserie, die man nachverfolgt liegt nahe, da in den Augen vieler „YouTube“-NutzerInnen „Vlogs“ eine ähnliche Kontinuität in „Episoden“ repräsentieren. Neugier: Was von vielen Menschen fälschlich als Voyeurismus abgestempelt wird, kann von einem psychologischen Standpunkt aus viele Nuancen haben. Das Wort Voyeurismus bezeichnet eine psychische Störung und kann so nicht auf die allgemeine Neugierde des Menschen angewendet werden. Viel besser passen Worte wie Schau- oder Sensationslust, um das unstillbare Interesse am Leben anderer Menschen zu beschreiben. Dieses Bedürfnis, das sich auch zeigt, wenn ins nachbarliche Fenster gelugt wird, ist tief in der Natur des Menschen verankert. Ganze Industrien – auch unabhängig von Medien – leben davon, dass Menschen sehen wollen, was auf der Welt passiert. Den Ursprung hat dieses Bedürfnis nach Information, was im Umfeld passiert, darin sich selbst und seine Familie vor etwaigen Gefahren zu schützen. Auch die interviewte

„Vlogging“ und wer zu seinem Erfolg beiträgt

20-Jährige „YouTube“-Nutzerin kennt die Sensationslust von der Plattform. Sie erzählt von so genannten Clickbait-Videos („Klick-Köder“), zu denen „YouTuberInnen“ nach Aufmerksamkeit heischende Titel und Thumbnails erstellen, die wenig bis nichts mit dem Video zu tun haben. Gerade diese Videos erzielen hohe Aufrufzahlen. Auf diversen Marketingplattformen wird „Vlogging“ daher als die Marketingstrategie der Zukunft schlechthin gehandelt. Im Gegensatz zu klassischen Werbeformaten wird eine persönliche Verbindung zu den KundInnen in den Mittelpunkt gestellt und ist somit besonders attraktiv für Unternehmen. Die steigenden Userzahlen sprechen ebenfalls für eine Steigerung des Interesses als Werbekanal und somit für die Veränderung von „Vlogging“ zu einer noch stärker durch Werbeinhalte getriebenen Art der Videoproduktion. Und der Kreis schließt sich, wenn heutige Kinder anhand von Marken Buchstaben lernen.

von Johanna Schrey


Wie „Bibis Beauty Palace“ die heimischen Kinder­ zimmer erobert Ist „YouTube“ das neue Pokemon, Nintendogs oder Sims? Ist man heute out, wenn man „YouTube“ nicht nutzt? Zu diesen und anderen Fragen interviewte SUMO Kinder, Eltern und LehrerInnen. – die Plattform bietet etwas für jeden Geschmack. Unter den beliebtesten Genres bei Kindern befinden sich laut der KIM Musikvideos, Comedy oder lustige Clips. Eine der vordersten Rollen im Ranking der Top-Genres nehmen außerdem Tier-Videos ein, gefolgt von Sport- oder Beauty-Videos und nicht zu vergessen, Tutorials. Faktencheck auf steirisch Ein kleines beschauliches Dorf in der Südsteiermark, es ist Sonntag. Zwei Familien haben sich bereiterklärt, die Fragen zweier SUMO-Redakteurinnen zum Thema „YouTube‘ und Kinder“ zu beantworten. „‚YouTube‘, da sind Leute, die drehen gerne Videos und die nennt man dann ‚YouTuber‘“, erklärt die 12-jährige Lisa* auf die Frage, was sie unter dem Beruf versteht. Eine viertel- bis halbe Stunde täglich nutze sie die Videoplattform – mehr aber nicht, danach gehe sie lieber im Freien spielen. Wir haben es gewusst, am Land ist die Welt eben doch noch in Ordnung. Auf die Frage, ob die „YouTube“-Nutzung in ihrem Freundeskreis oder auch in der Schule normal ist, oder sogar eine Notwendigkeit um „cool“ zu sein, stimmt Lisa jedoch zu. Viele Kinder, die sie kenne hätten schon mit sieben Jahren ein eigenes Handy gehabt und würden damit nun

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Kinder – was läuft? Laut der aktuellen Studie 2016 zu Kindheit, Internet, und Medien (KIM) handelt es sich bei „YouTube“ um das dritt-beliebteste Internetangebot unter Kindern zwischen sechs und 13 Jahren. Fernsehinhalte und anderes Bewegtbild stehen unbegrenzt und rund um die Uhr zur Verfügung, weswegen die Videoplattform seit vielen Jahren als eine der stärksten Konkurrenten des linearen Fernsehens angesehen wird. Noch können klassische TV-ProduzentInnen aber aufatmen. Aus der KIM geht hervor, dass nach wie vor der gute alte Flimmerkasten das beliebteste Medium in dieser Altersklasse ist. Dennoch, der Triumphzug von „YouTube” scheint nicht mehr aufhaltbar. 17 Prozent der Befragten gaben an, jeden Tag ein „YouTube”-Video anzusehen 33 Prozent tun dies mehrmals die Woche und knapp 20 Prozent nutzen die Videoplattform zumindest selten. Je höher das Alter, desto schneller wächst die prozentuale Nutzung. So liegt der Wert für eine Nutzung mindestens einmal wöchentlich bei den 12- bis 13-Jährigen schon bei zwei Drittel der Befragten. Von allseits beliebten Katzenvideos, vertonten Standbildern, wackeligen Handyfilmen über hochprofessionelle Videoclips bis hin zu klassischen Serien und Filmen

Wie „Bibis Beauty Palace“ die heimischen Kinderzimmer erobert

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auch regelmäßig „YouTube“ nutzen. Ob „YouTube“ ein relevantes Thema in der Schule ist, kann uns Lisas Mutter nicht beantworten. Sie bestätigt jedoch, dass Handys inzwischen auch in der Volksschule kaum mehr wegzudenken sind: „Hast du ein Handy oder hast du keines? Wir waren mehr oder weniger gezwungen. Lisa war mit zehn Jahren die letzte in ihrer Klasse, die ein Handy bekommen hat.“ Ihre beiden Töchter dürfen „YouTube“ grundsätzlich nutzen. Für ihre jüngere Tochter hat sie allerdings „YouTube Kids“, die kindergerechte App, auf dem iPad installiert. Lisas Mutter ist dabei durchaus bewusst, dass die „YouTube“-Nutzung ihrer Töchter primär zur Unterhaltung erfolgt. Videos für die Schule würde sich Lisa nicht ansehen, sagt sie. Als wir Lisa selbst danach fragen, erhalten wir ein trockenes Lachen als Bestätigung: Denn die Neue-Mittelschülerin bevorzugt lustige Videos und Schmink-Tutorials. Auch Thomas*, 8 Jahre, nutzt „YouTube“ rein aus Unterhaltungszwecken und schaut gerne „Ninjago“-Videos. In seiner Klasse ist „YouTube“ mittlerweile ein beliebtes Pausengespräch. Eine halbe Stunde in der Woche darf der Volksschüler „YouTube“-Videos ansehen, behauptet er. In der Schule gebe es prinzipiell ein Handy-Verbot, am Nachmitttag würde aber jede/r die Plattform nutzen. Paul*, der jüngere Bruder von Thomas, geht in den Kindergarten. Auch er dürfe hin und wieder auf „YouTube“ mitschauen, die Inhalte werden, meint er, jedoch von den Eltern oder vom großen Bruder für ihn ausgewählt. „Selbst nutzen dürfen die beiden ,YouTube‘ nicht. Wenn, dann dürfen sie Musikvideos bei mir mitschauen“, erklärt der Vater der Burschen. Tja, lieber Thomas und Paul: Beschwerden im Falle einer nachträglichen Strafe zur eigentlich verbotenen „YouTube“-Nutzung bitte an die SUMO-Redaktion. Und was sagen die LehrerInnen? Schauplatzwechsel, hin zu den PädagogInnen, mit denen Kinder neben Eltern, Geschwistern und MitschülerInnen einen Großteil ihrer Zeit verbringen. SUMO sprach mit Yasmin Winter, Volksschullehrerin in Wien, Iris Berger, Professorin für Mathematik und Physik an einem Gymnasium in Linz und Matthias Prumofsky, Volksschullehrer in der Nähe von Graz. Alle drei verwenden „YouTube“ zu Unterrichtszwecken. Prumofsky und Winter eher zur visuellen Unterstützung bei Bastelarbeiten oder * Namen redaktionell geändert

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Im kommenden Jahr muss digitale Grundbildung in den Lehrplan an Schulen integriert werden. In der Volksschule von Prumofsky wird schon heute investiert, so macht beispielsweise eine seiner Kolleginnen eine Ausbildung für eEducation. Manche Kinder seien den Umgang mit dem PC betreffend schon geübter als andere, für andere wiederum sei der PC ein rotes Tuch. Dass diese „YouTube“ rezipierende und Social Media nutzende Generation der Digital Natives teilweise Schwierigkeiten habe, das Word-Programm zu öffnen ist für uns SUMO-Redakteurinnen überraschend. Gerade aus diesem Grund findet auch Berger die Einführung der digitalen Grundbildung notwendig. Oftmals überschätze sie die digitalen Fähigkeiten ihrer SchülerInnen, da diese zwar „Whats-App“ und „Facebook“ verwenden, bei der Erstellung von PowerPoints jedoch an ihre Grenzen stoßen.

Yasmin Winter steht der Einführung des neuen Schulfaches kritisch gegenüber. Zwar hält sie ein Basiswissen für sinnvoll, einen übermäßigen Einsatz von Medien jedoch für nicht erstrebenswert: „Um das Wachstum einer Pflanze näherzubringen, muss ich mir kein ,YouTube‘-Video anschauen. Gerade in unserem Bezirk, wo es in der Schule einen sehr hohen Migrationsanteil gibt, ist es wichtig, dass die Kinder spüren, greifen und begreifen.“ What about safety? Eine wichtige Frage, mit der Eltern wie auch PädagogInnen regelmäßig konfrontiert sind ist jene nach der Sicherheit der Kinder auf „YouTube“. Um Ängsten von Eltern und LehrerInnen zu begegnen, hat „Google“ vor wenigen Jahren die Plattform „YouTube Kids“ ins Leben gerufen. Die Idee hinter dem Angebot: Eine App, die ausschließlich altersgerechte Videos zur Verfügung stellt, über die Erwachsene die volle Kontrolle haben und die junge Zielgruppe bereits im Kindergartenalter mit putzigen Charakteren und niedlichen Kinderreimen abholt. In Österreich ist das Angebot nach wie vor relativ unbekannt, in Deutschland wurde die App bereits über 45 Millionen Mal heruntergeladen. „Google“ hat also einen Bedarf erkannt und danach gehandelt: alles gut und schön und Friede, Freude, Eierkuchen. Nun ja, nicht ganz. Die bunte, harmlose und zuckersüße Welt auf „YouTube Kids“ entpuppt sich auf den zweiten Blick teilweise als nicht ganz so kindgerecht wie zu Beginn proklamiert. Die britische Comic Figur „Peppa Pig“, ein nettes Schweinchen im roten Kleid, spielt in einigen Videos auf einmal nicht mehr mit George dem Dinosaurier, sondern trinkt in einem Clip Bleichmittel. Unter das Angebot der App mischen sich plötzlich Videos, in denen Kinderbuchfiguren überfahren, mitunter sexuell belästigt werden oder grausam sterben. Quelle dieser eindeutig nicht kindgerechten Beiträge auf der Videoplattform ist in vielen Fällen eine Trollkultur. Der Autor und Schriftsteller

James Bridle (u.a. tätig für „The Guardian“) beschreibt die Videos einiger Kanäle in einem seiner Beiträge wie folgt: als kindgerecht getarnte Videos, zusammengeschnitten aus animierten Figuren, Reimen und Erklärungen und mit Schlagwörtern getaggt, die auf „YouTube Kids“ beliebt sind. Teilweise haben eben jene Kanäle Millionen AbonnentInnen – das Impressum jedoch fehlt in vielen Fällen. Trotz dieses Problems bietet „YouTube Kids“ den Eltern einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem klassischen „YouTube“: ein wenig mehr Kontrolle. Nutzungsdauer und Lautstärke können von den Eltern vorab bestimmt werden. Ebenso beeinflusst werden kann die Auswahl der zur Verfügung stehenden Videos, die Suchfunktion lässt sich deaktivieren. Abgesichert werden diese Einstellungen über ein Passwort für den elterlichen Account. Zensur im Kinderzimmer gewissermaßen. Inwiefern diese Sicherheitsmaßnahmen nicht umgangen werden können, bzw. wie sinnvoll „YouTube Kids“ generell ist, wenn ein Kind über das eigene Smartphone auch Zugang zum vollen „YouTube“ hat, sei dahingestellt. Ein Resümee Nach Gesprächen mit Eltern, Kindern und LehrerInnen steht eines fest: „YouTube“ steht lange nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit wie andere Medien, mit denen Kinder sich befassen. Ein Großteil der Personen mit denen SUMO sprach, hatte zuvor noch nicht über die Thematik nachgedacht. Und das, obwohl laut „Google“ Kinder die vielversprechendste Zielgruppe der Plattform darstellt. Die Probleme und Gefahren, die von „YouTube“ ausgehen, sind in der öffentlichen Diskussion kaum präsent, neue Chancen und Möglichkeiten wie zum Beispiel Videos mit Lerneffekt ebenso wenig. Irgendwie beruhigend war jedoch die Grundaussage, dass die meisten Kinder noch immer SuperheldIn, ÄrztIn oder LehrerIn werden möchten. Und ehrlich, klingt doch auch wirklich vielversprechender als „YoutuberIn“, oder? von Katharina Arbeithuber, Katharina Glück

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um Lieder vorzuspielen, Berger veranschaulicht ihren SchülerInnen mit Hilfe von „YouTube“ aufwendige Experimente, für die im regulären Lehrplan zu wenig Zeit zur Verfügung steht. Probleme bezüglich der „YouTube“-Nutzung durch SchülerInnen ergeben sich laut den drei PädagogInnen nicht. An allen drei Schulen gilt ein Handy- und Tablet-Verbot im Unterricht und in den Pausenzeiten. „Meiner Meinung nach ist das Verbot sehr gut, weil die Kinder in der Freizeit ohnehin sehr viel Zeit mit dem Handy verbringen und das dann nicht auch noch in die Schule getragen werden sollte“, argumentiert Berger. Wie das Handyverbot bei den Kindern ankommt? „Es gab noch keine Anfrage, dass die Kinder es anders wollten. Für sie ist es normal, kein Handy in der Schule zu haben. In der 4. Klasse geben die Eltern zwar schon teilweise Handys mit, wenn zum Beispiel der Schulweg sehr lange ist. Im letzten Jahr war dann einmal ein Handy nicht auf lautlos geschaltet und so habe ich das mitbekommen, dann aber gleich abdrehen lassen“, so Yasmin Winter, Lehrerin einer 1. Volksschulklasse.

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Videokanäle für Silver Surfer Videokanäle und Streamingdienste speziell für die Alterskohorte 60+? Inwiefern diese zum Einsatz kommen und auf welche speziellen Bedürfnisse dabei geachtet werden muss, erklären Matthias Lorenz und Ingrid Korosec im SUMO-Experteninterview. Abgeleitet von dem silbergrauen Haar werden Menschen, die über 59 Jahre alt sind und das Internet nutzen – vom Marketing – als Silver Surfer bezeichnet. Das Interesse dieser Alterskohorte an Computern, dem Internet und dessen Inhalt steigt rapide an und die Wirtschaft zeigt sich interessiert. Die im deutschsprachigen Raum auch als „Best Agers“ bezeichnete Zielgruppe ist für den Markt besonders interessant – sofern sie genug verdient. Laut – pauschalierender – Verbraucheranalyse konsumiert sie gerne, ist aktiv, hat Geld und ist vor allem bereit dieses auszugeben. Ein Wissen, das nicht nur von sozialen Netzwerken, sondern auch von Videodiensten genutzt werden kann.

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Total vernetzt – Silver Surfer holen auf Wie Matthias Lorenz – verantwortlicher Director für Transformation, Market und Corporate Functions bei A1– erklärt, herrscht bei den SeniorInnen durchaus eine große Bereitschaft, sich mit dem Internet und Social Media auseinanderzusetzen. Die von A1 angebotenen Internetkurse werden gut besucht, was eine große Nachfrage sowie eine wirtschaftliche Relevanz

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bestätigt. Dennoch hat Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Staaten noch großes Nachholpotential. Im Vergleich zu Dänemark, Belgien, Niederlande, Deutschland und der Schweiz nutzen hier zu Lande nur sehr wenige Menschen ab dem 60. Lebensjahr das Internet regelmäßig, so Lorenz. Das Potential diesen Rückstand aufzuholen sieht Lorenz durchaus, allerdings sei es bis dorthin noch ein langer Weg. Die größte Herausforderung bestehe darin, SeniorInnen die Hemmungen, mit dem Internet in Kontakt zu kommen zu nehmen. Ist dieser Schritt getan, sieht Lorenz keinen Grund, warum nicht auch Video- und Streamingdienste speziell für Best Agers Anklang finden sollten. Ingrid Korosec – Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes – kann diesbezüglich bereits eine Besserung erkennen und glaubt, dass viele SeniorInnen diese Hemmungen bereits abbauen und „YouTube“ schon jetzt für die verschiedensten Alltagssituationen nutzen. Zudem hänge die Intensität der Nutzung stark vom Umfeld ab. „Wenn man nicht anders mit den Enkeln kommunizieren kann als über Skype zum Beispiel, dann wird man sich eher damit


beschäftigen. Ich habe schon oft gehört, dass durch solche Notwendigkeiten das Interesse geweckt wurde und sich wahre ExpertInnen in der digitalen Welt entwickelt haben“, so Korosec. Der Austrian Internet Monitor Erhebung (AIM) zufolge nutzten im Jahr 2017 über zwei Drittel der 70- bis 78-jährigen ÖsterreicherInnen das Internet – 68% davon nutzen auch „YouTube“. Bei den 50- bis 59-Jährigen sind es sogar 89%, die im Internet surfen. SeniorInnen surfen anders Neben der meist sehr hohen Hemmschwelle, die SeniorInnen dem Internet gegenüber haben, scheitert dessen Nutzung häufig auch an der technischen Ausstattung, meint Lorenz. Ist diese allerdings gegeben, beschäftigen sich Silver Surfer meist mit den klassischen Funktionen: Es werden E-Mails verfasst und einfache Recherchen getätigt. Video- und Streamingdienste werden verhältnismäßig weniger genutzt. Bewegtbild wird prinzipiell eher linear über das Fernsehgerät rezipiert, wobei in den letzten Jahren ein Anstieg vor allem in der Nutzung der Mediatheken lokaler Fernsehsender zu erkennen

ist. Das Interesse an der Informationsgewinnung mittels des Internet ist bei Best Agers jedoch sehr groß. Diese Tatsachen stellt eine gute Grundlage dafür dar, dass auch Videodienste von SeniorInnen künftig vermehrt genutzt werden könnten. Content is King Derzeit leben in Österreich rund eine Millionen Menschen im Alter zwischen 60 und 70 Jahren. Dies ist eine große Grundmenge, die auch mittels Videos und Streamingdienste erreicht werden kann. Die Basis für eine vermehrte Videonutzung wären natürlich Inhalte, die an die Bedürfnisse der potentiellen Zielgruppe – der Silver Surfer – angepasst seien, so Lorenz. SeniorInnen hätten großes Interesse an Themen, die die Freizeitgestaltung betreffen. Videos, die Tipps zu beliebten Hobbies wie Modelleisenbahnen oder Gartenarbeiten liefern seien klar im Vorteil. Aber auch Gesundheitsratgeber, Koch- und Ernährungsvideos oder Videos zu beliebten Reisezielen kommen gut an. Das nächste große Interesse der österreichischen SeniorInnen liegt im Bereich der Nachrichten: Lokal-, Sport- aber auch internationale Nachrichten finden hohen

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niorin ihren „YouTube“-Kanal „Zu jung fürs Alter“ und verfolgt seitdem das Ziel, Lebensfreude und Leichtigkeit im Leben zu verbreiten. In ihren drei Minuten langen Videos beschäftigt sie sich mit „Allerweltthemen“ wie „Abnehmen in kurzer Zeit“, „Wohnung entrümpeln befreit“ oder Tipps für einen entspannten und befreiten Lebensalltag. Die Grundidee, Lebensfreude zu verteilen und Menschen an ihrer positiven Energie teilhaben zu lassen ist von Erfolg gekrönt: In den letzten drei Jahren hat Greta Silver mit über 300 Videos 11.136 AbonnentInnen gewinnen können und zählt bis zu 200.000 Aufrufe pro Video. Auch Korosec kennt zahlreiche „YouTube“-Kanäle oder Blogs von und für die älteren Zielgruppen. Das wundert sie nicht: Die eigene Altersgruppe sei am einfachsten zu unterhalten, da die Lebensrealität keine unbekannte sein. Diese Alterskohorte hat außerdem zumeist die Zeit, sich derartigen Projekten zu widmen – und sobald das notwendige Know How bei den Best Agers weit verbreitet ist, steht dem nichts mehr im Wege. Anklang. Korosec warnt jedoch vor einer Schubladisierung der gesamten Generation. Wichtig sei, dass auch ältere Menschen einen unkomplizierten und kostengünstigen Zugang zum Internet und somit auch zu „YouTube“ mit zahlreichen interessanten Videos haben. Macht man sich auf „YouTube“ aktuell jedoch selbst auf die Suche nach Kanälen für die Alterskohorte 60+, findet man hauptsächlich Videos für Gymnastik oder einen gesunden Lebensstil.

Es geht auch anders herum Prinzipiell haben SeniorInnen eine wesentlich geringere Bereitschaft, Inhalte und vor allem private Bilder oder Aufnahmen zu teilen. Aus diesem Grund sind die österreichischen Best Agers auch nur gering auf sozialen Netzwerken vertreten, erklärt Lorenz. Doch dass SeniorInnen Videos und Kanäle auf „YouTube“ nicht nur rezipieren, sondern auch erfolgreich selbst produzieren können, beweist Greta Silver. Mit 66 Jahren startet die deutsche Se-

Was die Zukunft bringt Lorenz und Korosec sind sich einig, dass sich im Bereich der Video- und Streamingdienste für Silver Surfer kontinuierlich Veränderungen ergeben werden. SeniorInnen sind keine konstante Einheit – schon jetzt ist zu sehen, dass 50bis 60-jährige ÖsterreicherInnen diese Dienste ganz anders nutzen als die 60bis 70-jährige.

von Hannah-Laura Schreier

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Eine institutionelle Herausforderung Welches Potential stellen Videoportale für Institutionen dar? Warum besitzen die Europäische Kommission oder die österreichische Regierung keine eigenen Videoportale? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigte sich SUMO im Gespräch mit Peter Plaikner (Medienberater), Dominik Sinnreich (Experte für Redaktionsmanagement, Newsroom GmbH) und Jürgen Hofer (stellvertretender Chefredakteur von „Horizont“).

Ein Mittel für mehr Transparenz Besonders für öffentliche Institutionen stellt die Verbreitung von Informa-

tionen in Form von Videomaterial eine Möglichkeit dar, mehr Transparenz in der Bevölkerung zu schaffen. „Dieses Potential wird nach wie vor nur gering genutzt, das gilt aber genauso für die linearen Fernsehsender. Wenn zum Beispiel ORF III eine ganze Nationalratssitzung überträgt, ist das alles andere als ein Quotenrenner. Letztlich erhöht es auch die Qualität der parlamentarischen Auseinandersetzung, da die Abgeordneten schon wissen, dass sie gefilmt werden und deshalb an ihrer Rhetorik arbeiten müssen und nicht alle abwesend sein sollten“, meint Plaikner. Als beispielhaft sieht er den Online-Auftritt der deutschen Bundesregierung, die Zahl der AbonnentInnen liegt bei rund 23.000 (Stand September 2018) und die wöchentlich hochgeladenen Videos mit Bundeskanzlerin Merkel können zwischen 1.000 und 4.000 Klicks verzeichnen. Zum Vergleich: Der Kanal des österreichischen Bundeskanzleramts wurde von rund 1.100 Personen (Stand September 2018) abonniert.

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Videoportale bieten für Institutionen wie das Bundesheer, Ministerien oder die Europäische Kommission Möglichkeiten der schnellen Verbreitung von Information der Präsenz und der Transparenz. Virtuelle Kommunikation trägt einen wichtigen Teil zur Wahrnehmung bei, da Erfolge einer Institution nicht nur an deren Tätigkeiten gemessen werden, sondern bereits an der Rezeption. Aktuell bewegen sich Institutionen auf „YouTube“ und ähnlichen Plattformen, was laut Hofer daran liegt, dass UserInnen in ihrem Mediennutzungsverhalten wenig sprunghaft sind und sich bevorzugt auf größeren und bereits etablierten Plattformen aufhalten. Obwohl es sich bei „YouTube“ um ein verhältnismäßig altes Netzwerk handelt, steigen die Nutzerzahlen in den letzten Jahren derart stark an, dass für viele Institutionen eine Präsenz dort unabdingbar wirkt, so Plaikner.

Eine institutionelle Herausforderung

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Jürgen Hofer Copyright: Sabine Klimt

Peter Plaikner Copyright: Privat

Dominik Sinnreich Copyright: Christian Müller

Für eine funktionierende Demokratie sind Transparenz und die laufende Versorgung mit Information, um einen hohen Grad an Wissen und Verständnis in der Bevölkerung zu erzeugen, von großer Bedeutung. Auch in Österreich wird das Potential, sich als Partei oder Organisation auf Social Media-Plattformen zu bewegen immer mehr erkannt. „Durch die letzte Wahl sind Parteien in die Regierung gekommen, die sich schon aktiv im Social Media-Bereich bewegt haben. In den letzten Wochen des Wahlkampfs konnte man auf ,YouTube‘ kaum ein Video mehr aufrufen, ohne davor mit einem Wahlkampfvideo konfrontiert zu werden“, stellt Plaikner fest.

wichtig, die besten Bestandteile beider Formen zu kombinieren. Dennoch bewegen sich österreichische Auftritte auf Videoplattformen im internationalen Rahmen, erklärt Plaikner.

einzelner Personen einen weitaus personalisierteren Charakter, als wenn das eine Institution als Absender macht.“ Plaikner hingegen würde es als eine der wichtigsten Aufgaben der europäischen Medienpolitik sehen, Alternativen zu den großen Plattformen zu schaffen. „Selbst wenn ich gezielt nach Inhalten suche, ist es in weit über 90 Prozent der Fälle eine reine ,Google‘-Suche. Dabei ist man natürlich letztlich wieder ,Google‘ ausgeliefert.“ Er zweifelt zwar daran, dass durch eigene Plattformen die Zugriffszahlen steigen würden, aber das Bewusstsein sollte gestärkt werden, dass in diesem Bereich eine Abhängigkeit von den großen Anbietern wie „Google“ und „YouTube“ besteht. „Es wäre wichtig, eigene europäische Portale zu ermöglichen, da wir sonst laufend das Geschäftsmodell der Amerikaner versorgen, wir liefern genau die Inhalte, die sie sonst nicht haben.“

Geringe Aufrufzahlen Der Kanal der Europäischen Kommission hat rund 48.000 AbonnentInnen, die Zahl der Videoaufrufe bewegt sich unter der Tausendergrenze (Stand September 2018). Insgesamt hat die EU knapp 510 Millionen EinwohnerInnen, das heißt nur 0,009% nutzen auch den „YouTube“-Kanal. Das ist vor allem der Tatsache zuzuschreiben, dass Inhalte hierin aktiv gesucht werden müssen. „,YouTube‘ ist nicht wie ein Fernseher, der einfach nur eingeschaltet werden muss“, beschreibt Sinnreich die Problematik. „Man muss genau darauf achten, was kann ein Medium?“ Hier ist die Unterscheidung von Push- und Pull-Medien wichtig, Plattformen wie „YouTube“ zählen klar zu letzteren, hier kann der/die RezipientIn selbst steuern, welche Informationen abgerufen werden. Diese Grenzen können auch durchbrochen werden, beispielsweise durch die Auto-Play-Funktion von „Facebook“. Die Aufrufe vervielfachen sich dadurch deutlich. Das Video „100 Tage Bundesregierung“ kann auf „YouTube“ derzeit rund 1.000 Aufrufe verzeichnen, auf „Facebook“ hingegen 200.000. Für eine erfolgreiche Kommunikationsstrategie über Plattformen dieser Art ist es

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Vernetzung über Kommentarfunktion Die Funktion für UserInnen Kommentare zu hinterlassen, gibt den Institutionen die Möglichkeit, sich mit ihrer Zielgruppe zu vernetzen und Feedback zu ihrem Auftritt zu erhalten. Aktuell ist diese Möglichkeit auf diesen Kanälen deaktiviert oder wird gar nicht erst genutzt. Würde durch die Freigabe der Kommentarfunktion diese Form der Kommunikation gegeben sein, ist es wichtig, die NutzerInnen durch Moderation zu betreuen, um einen konstruktiven Input zu bekommen. Dies ist nur durch verstärkten Personaleinsatz möglich. Da sich zusätzliche Personalkosten auch erheblich auf das Budget auswirken, stoßen Institutionen schnell an ihre Ressourcengrenzen. Durch die ModeratorInnen muss auch klar aufgezeigt werden, wofür die Kommentarfunktion genutzt werden soll, da der Aufwand sonst schnell aus dem Ruder läuft. Eigene institutionelle Plattformen Momentan bewegen sich Institutionen nur auf bestehenden Plattformen, aber hätten eigene Videoportale für größere Institutionen wie die Europäische Kommission oder die österreichische Bundesregierung auch eine Chance? Würden dadurch die Nutzerzahlen steigen? Hofer ist der Meinung, dass das Interesse des Users an einer eigenen institutionellen Plattform gar nicht so groß ist. Inhalte sollten eher über Accounts einzelner Personen mit großer digitaler Strahlkraft ausgespielt werden. „Die Verbreitung von Inhalten über Video ist durchaus ein Fixbestandteil, sowohl öffentliche Stellen, als auch Ministerien sind sich der Wirkung bewusst. Das Teilen von Inhalten hat über die Accounts

Ein mögliches Erfolgsrezept Sinnreich erklärt, dass Institutionen, die Inhalte erfolgreich über Videoplattformen transportieren wollen, lernen müssen, wie Medienhäuser zu denken. Es ist wichtig, zu erkennen, wie Inhalte passend für jeden Kanal aufbereitet werden müssen, nicht jede Form funktioniert für jeden Kanal. Um präsent zu bleiben, sollten Themen über eine längere Zeitspanne unterschiedlich aufbereitet werden. So lässt sich auch ein größerer Teil der Bevölkerung erreichen. „Man muss die Silos der Kommunikation öffnen.“ Abteilungen müssen lernen, wie in einer Redaktion zusammenzuarbeiten, nicht erst die fertigen Ergebnisse sollten ausgetauscht werden, sondern der Austausch während des Entstehungsprozesses ist wichtig. Sonst läuft eine Institution in Gefahr, dass die Abteilungen redundant arbeiten – und die gleichen Inhalte mehrfach aufarbeiten. von Marlene Havel


Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe? „YouTube“ hat einen umstrittenen Sonderstatus im Streaming-Bereich. Dazu beziehen im SUMO-Gespräch Franz Hergovich, stellvertretender Geschäftsführer bei mica (music information centre austria), und Harry Fuchs, Leiter des Österreichischen Musikfonds, Stellung. Zusätzlich erklärt Christoph Enzinger von Rebeat Digital, wie man auch mit Gratis-Streaming Erlösströme schafft. „YouTube“ ist vielen ein Dorn im Auge Diese Differenz wird in der Branche als „Value Gap“ bezeichnet und stellt ein großes Problem dar, unterstreicht Fuchs. Der Musikfond wird u.a. auch von den Musik-Verwertungsgesellschaften mitfinanziert. Gerade diesen ist „YouTube“ ein Dorn im Auge. Wenngleich die Plattform an UserInnen pro Monat sieben Mal größer als „Spotify“ und „Apple Music“ zusammen ist, genießt der Marktführer einen umstrittenen Sonderstatus. Denn während Streaming-Dienste wie „Spotify“ Lizenzverträge ausverhandeln müssen, beruft sich „YouTube“ auf eine nicht mehr zeitgemäße Richtlinie im E-Commerce-Gesetz 2000. Das sogenannte Haftungsprivileg ermöglicht es „YouTube“, unter dem Status Plattformbetreiber zu agieren. Das schließt mit ein, nicht verantwortlich für darauf hochgeladenen Content zu sein. Resultat daraus: Musikschaffende erhalten nur rund ein Dollar pro 1.000 Aufrufen, während „Spotify“ und Co. für Musikrechte 20 Dollar pro UserIn und Jahr bezahlt. Seit Jahren steht „YouTube“ daher unter Kritik, seine Content-Lieferanten nicht verhältnismäßig zu bezahlen. Ein weitverbreiteter Irrglaube ist, dass „YouTube“ keine Streaming-Plattform

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Harry Fuchs ist seit der Gründung des österreichischen Musikfonds im Jahr 2005 Geschäftsführer. Der Musikfond wurde damals ins Leben gerufen, da es massive Markteinbrüche gab, berichtet er im Interview. In einem so kleinen Land sei es ohne Förderung nicht mehr möglich gewesen, qualitativ hochwertige Musikproduktionen zu finanzieren. Im vergangenen Jahr gab es laut dem Verband der österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) erstmals wieder eine Umsatzsteigerung um 6,1%. Diese Trendwende ist vor allem getrieben von den gestiegenen Umsätzen im Streaming-Bereich. Demnach seien diese um unglaubliche 86% angestiegen. „Spotify“, „Apple Music“ oder „Deezer“ sind damit Haupttreiber für die sich erhöhenden Einnahmen im Digitalbereich. Der Musikexperte weist aber auch darauf hin, dass nicht jede Plattform, auf der On-Demand Musik gehört wird, so hohe Umsätze liefert. Im Vergleich zu den 29,2 Millionen Euro aus Bezahl-Abos steuern werbefinanzierte Videoplattformen, allen voran „YouTube“, nur 2,3 Millionen zum digitalen Gesamtumsatz in der österreichischen Musikindustrie bei, was auch aus der Datenlage des IFPI (Stand 2017) hervorgeht.

Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe?

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Harry Fuchs Copyright: Kathrin Müller

Christoph Enzinger Copyright: Kathrin Weinkogl

im eigentlichen Sinne sei: 82% aller NutzerInnen streamen Musik auf der Plattform, erhob IFPI.

Auch Christoph Enzinger sieht die Möglichkeit des Gratis-Streamens über „YouTube“ positiv. Es biete sich durch seine immens hohe Reichweite als ein sehr gutes Promotion-Tool an und sei, wie von Hergovich bereits erläutert, ein optimales Instrument, um seine eigene Marke aufzubauen. Zusätzlich kann man auch noch Umsätze beziehen, diese sind jedoch für viele ProduzentInnen zu niedrig.

Wo ein Wille, da ein Weg Das kontroverse Thema des kostenlosen Musik-Streamens sieht der frühere DJ und Promoter Franz Hergovich nicht ganz so eng: „Prinzipiell bin ich nicht dagegen. Die wichtigere Frage hier ist, wie kann man diese Plattformen für sich nutzen, um ein Publikum aufzubauen. Hat man viele Fans, ist die Monetarisierung parallel zu den Gratis-Angeboten möglich. Viel mehr Menschen sind bereit für Musik Geld auszugeben, als man annimmt. Wenn man ihnen nur Gratis-Content anbietet, ist das natürlich schwierig.“ „YouTube“ könne daher durchaus als ein positiver Verbreitungskanal gesehen werden kann. Früher hätte man diese Bekanntheit anderweitig erreichen müssen, beispielsweise durch kostspielige Anzeigen-Schaltungen. Hier kann „YouTube“ also Kosten einsparen. Hergovich führt noch weitere Stärken der Videoplattform an: „,YouTube‘ ermöglicht durch seine audiovisuellen Inhalte eine virale Verbreitung. Natürlich muss das Video originell sein und den Zeitgeist treffen.“ Ein Paradebeispiel sei laut Hergovich die Band „Klangkarussell“, die mit ihrem Clip „Sonnentanz“ einige Karriere-Schritte überspringen konnte.

Franz Hergovich Copyright: Kathrin Weinkogl

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Internationalisierung: Chance oder Bedrohung? Franz Hergovich bezieht klar Stellung: ,,Sie ist nicht nur keine Bedrohung oder Chance, sondern eine Notwendigkeit. Wirtschaftlich ist der österreichische Markt so klein, dass man alleine von diesem überleben kann. Um Erfolg zu haben, muss man zwangsläufig nach außen schauen.“ Österreich hat hier den Vorteil, dass der deutschsprachige Musikmarkt einer der größten weltweit ist. Durch die vielen Verbreitungsmöglichkeiten benötige es heutzutage weniger Aufwand, um sich im Ausland einen Namen zu machen. Ganz anders sieht das der Musikfond-Leiter: „Bei einer Zeitung gibt es 30 andere Werbeanzeigen. Auf ,YouTube‘ hat man es heute mit ein paar Millionen MitbewerberInnen zu tun.“ Trotzdem sieht auch er eine Notwenigkeit aufstrebender KünstlerInnen, solche Kanäle zu bedienen. Digitale Vermarktung wird zunehmend wichtiger. Die Abwicklung über „YouTube“ oder „Spotify“ ist zwar simpel, jedoch liegt die Schwierigkeit darin begründet, seinen eigenen neben 35 Millionen (Stand 2018) anderen Tracks sichtbar zu machen. ,,Es gibt österreichische KünstlerInnen wie ,Parov Stelar`, die haben zwanzig Millionen Views, aber dieses Glück haben die wenigsten. Werbung kostet meist mehr, als sie als Einnahmen einbringt.“ Spezielle Software für Monetarisierung auf „YouTube“ Die Rebeat Digital GmbH wurde 2006 gegründet. Das Start-up machte sich

Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe?


die Umwälzungen in der Musikindustrie zu Nutze und entwickelte eine einzigartige Vertriebs-Software für digitale Musik. Damit erreicht das kleine Unternehmen mittlerweile über 5.000 MusikerInnen und Labels aus 110 Ländern. Die Software hilft KünstlerInnen über digitale Distributionskanäle wie Streaming-Plattformen oder Download- Services wie „ITunes“ eine vereinfachte Abwicklung ihrer Werke. Seit 2011 nutzt Rebeat zusätzlich ein ,,Content ID System“ vom Großkonzern ,,Google“. Das aufstrebende Unternehmen integriert alle Daten und Werbeeinnahmen des Content ID Systems von „YouTube“ in die Rebeat-Software und erweitert damit seine Serviceleistung an KundInnen. Das „Content-ID System“ dieser Software verschickt Audioreferenzen von Sound-Tracks in „YouTubes“ Back-End. Der automatisierte Scanner überprüft dort jedes einzelne Video, ob es Übereinstimmungen mit der Sound-Datei gibt. Ist das der Fall, wird auf das Video Werbung beansprucht und so werden Werbeumsätze für die KünstlerInnen generiert. Einen weiteren Vorteil bietet diese Software, indem es das gezielte Aufspüren und Blockieren unerwünschter Raubkopien ermöglicht. MusikerInnen auf „YouTube“ wollen den gesamten Traffic auf ihrem eigenen Kanal haben, erklärt Enzinger. Das Service von „Rebeat“ stellt damit einen optimierten „YouTube“-Channel mit mehr Kontrollmöglichkeiten und Einnahmequellen dar. Mit dieser Methode kann der illegalen Nutzung von Musikinhalten und der geringen Zahlung durch das „Google“-Unternehmen selbst erfolgreich entgegengewirkt werden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Nachfrage nach „Content-ID“ kontinuierlich ansteigt.

Damit bestätigt er die bisher gescheiterten Versuche der Videoplattform mit der Einführung einer Paywall. Seit einiger Zeit soll mit vermehrten Werbeschaltungen zwischen Musikvideos den Userinnen das werbefreie ,,YouTube Red“ schmackhaft gemacht werden. Auch läuft laut Berichten der Nachrichtenagentur „Bloomberg“ nun ein bezahlter Musikdienst auf „YouTube“ an, dieser soll die kritischen Stimmen vieler Musiklabels und Rechteverwerter verstummen lassen. Harry Fuchs zweifelt an der Projekt-Idee: ,,Warum sollte ein großer Rechteanbieter sein Repertoire ,YouTubes‘ Premium-Angebot zur Verfügung stellen, wenn er selbst schon an ,Spotify‘ beteiligt ist und dort höhere Umsätze generieren kann? Dieses Angebot ist eher für unbekanntere Musikschaffende interessant, wobei man sehen muss, ob die Vergütungen dann auch fair sind.“ Hier hakt der „YouTube“-Experte Christoph Enzinger ein. Seiner Ansicht nach hat das Unternehmen sehr wohl das Potenzial, ein Bezahl-Streaming-Dienst zu werden. Die Videoplattform hat Verträge mit vielen Branchengrößen und daher eine große Bandbreite an Musik-Content zu bieten. Bisher steckt das Konzept von „YouTube Music“ aber noch in den Kinderschuhen und ist aktuell nur in fünf Ländern verfügbar (USA, Neuseeland, Korea, Australien und Mexiko). 193 Staaten gibt es – da bleibt selbst dem Big Player Aufholbedarf. von Kathrin Weinkogl © Copyright: adobe stock/Konstiantyn

,,Spotify“ versus ,,YouTube“ – Wer hat die Nase vorne? Auf die Frage, wie stark die Gratis-Streaming Plattform mit Bezahlservices konkurriert, antwortet Hergovich: „Ich glaube, dass sich beides ausgeht. Es sind unterschiedliche Nutzergruppen. Der/die eine möchte eine Playlist in Ruhe durchhören, der/die andere surft lieber, lässt sich neue Hits emp-

fehlen und schaut dazu noch das Musikvideo. Zwei unterschiedliche Modelle, die sich parallel gut ausgehen.“ Auch auf die Frage, ob „YouTube“ künftig Geld für die Rezeption von Musikvideos verlangen sollte, reagiert der Fachreferent für Pop, Rock und Elektronik eher mit Zurückhaltung: „Ich glaube, dass es sich ausgeht, dass der Content weiterhin gratis ist für die KonsumentInnen, dass ,YouTube‘ auch etwas verdient und dass die Musikschaffenden trotzdem mehr bezahlt bekommen. Ein Bezahl-Content würde die Plattform vermutlich killen. Der Shift wäre zu groß.“

Die Musikindustrie und „YouTube“ – eine Hassliebe?

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„YouKu“ – das chinesische Portal Die Videoplattform „YouKu“ ist die chinesische Antwort auf das dort gesperrte „YouTube“. Der Zensur, Konkurrenz und Copyright-Klagen zu Trotz zählt die Website heute zu den beliebtesten Plattformen in China. SUMO analysierte und sprach mit UserInnen. 23 Milliarden Views pro Monat und 580 Millionen Unique Clients, die in diesem Zeitraum rund vier Stunden Videomaterial konsumieren: Die Rede ist nicht etwa von „YouTube“, sondern von „YouKu“, seinem chinesischen Zwilling. Tatsächlich weist die Plattform einige Ähnlichkeiten mit seinem amerikanischen Pendant auf. Ihr Gründer ist Victor Koo, der an der Entwicklung von „Soho“, einer in China beliebten Suchmaschine beteiligt war. 2006, ein Jahr nachdem „YouTube“ online ging, verließ Koo Soho, um „YouKu“ ins Leben zu rufen.

© Copyright: Markus Hechenberger

Via Fusion zum Marktführer Seit seiner Gründung hat es „YouKu“ weit gebracht. 2007 sammelte das Unternehmen laut „Bloomberg“ 25 Millionen Dollar an Venture Capital, um die

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„YouKu“ – das chinesische Portal

Plattform weiterentwickeln zu können. Fünf Jahre später fusionierte das Videoportal mit „Tudou“, dem damals größten Konkurrenten. Die zwei Plattformen belegten damals bereits die Plätze elf und 14 im Ranking der meistbesuchten Websites in China. 2013 sorgte eine strategische Zusammenarbeit mit „Weibo“ („Twitter“-ähnlicher Dienst), bei der Videos des neugeschaffenen Mergers „YouKuToudu“ auf „Weibo“ ausgestrahlt wurden, für einen zusätzlichen Wachstumsschub. Der Erfolg erweckte schnell die Aufmerksamkeit großer chinesischer Unternehmer. Einer von ihnen schlug vor zwei Jahren zu: Jack Ma und sein Unternehmen Alibaba machten sich „YouKu“ für einen Kaufpreis zwischen vier und fünf Milliarden US-Dollar zu Eigen.


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Mehr „Netflix“ als „YouTube“ Ma sah in „YouKu“ die perfekte Ergänzung seines Online-Imperiums, das in den letzten Jahren immer stärker in den Medienbereich vorgedrungen ist. Mit der finanziellen Rückendeckung seines Konzerns vollzog der Kanal auch einen Strategie-Wechsel: weg vom User-Generated Content, hin zu den großen Film- und Serienproduktionen. Die waren zwar immer schon auf „YouKu“ verfügbar – nur eben illegal. Beliebt waren in der Anfangszeit der Plattform vor allem amerikanische Blockbuster, die von den UserInnen hochgeladen wurden. Die Folgen dieser Piraterie waren nicht nur eine Reihe an Copyright-Klagen aus Hollywood, sondern auch Probleme mit der heimischen Zensurbehörde, die nur eine ausgewählte Anzahl ausländischer Filmproduktionen am chinesischen Markt freigibt. „YouKu“ reagierte und schloss letztes Jahr Milliarden-Deals mit Sony, NBCUniversal und „Netflix“ ab. Seitdem können die chinesischen UserInnen copyright-konform und mit dem Sanktus der Zensurbehörde auf westliche Produktionen, wie „Star Wars“, „Sherlock“, oder „Orange is the New Black“, zugreifen. Nebst großer Hollywood-Blockbuster werden aber auch heimische Produktionen der rasant wachsenden chinesischen Film-

industrie, sowie koreanische und japanische Angebote immer beliebter. „YouKu“ bekräftigt seinen Einstieg in das Streaming-Geschäft zusätzlich mit der Schaffung von Eigenproduktionen. In Zukunft soll mehr und mehr Alibaba-Geld in den Aufbau eines eigenen Original-Universums fließen. Alibaba will damit in direkte Konkurrenz mit iQiYi treten, dass als das chinesische Netflix gilt und in Hinsicht auf Views und Unique Clients ähnliche Erfolgszahlen wie „YouKu“ aufzuweisen hat. Von Let’s Plays über Beauty-Blogs und Propaganda Filme und Serien spielen zwar eine immer größere Rolle, aber das Unternehmen dient auch noch immer seinem ursprünglichen Zweck als Plattform für User-Generated-Content. So unterstützt man Video-MacherInnen mit einem Partnerschaftsprogramm ähnlich der „YouTube Creators Academy“, diese können ihre Videos wie auf „YouTube“ monetarisieren. Auch Live-Streams mit einem entsprechenden Donation-System sind möglich. Doch welche Formate und Genres sind bei den Chinesen besonders beliebt? Und gibt es so etwas wie „YouKu“-Stars, äquivalent zu „YouTube“-Größen wie

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PewDiePie, „Bibis Beauty Palace“ und Co.? Gespräche mit der austro-chinesischen Community geben Aufschluss: „Chinesische und koreanische Dramas sind sehr beliebt“, berichtet etwa Julia Chang auf eine E-Mail-Anfrage. Jenny Xie bestätigt das und fügt hinzu: „So weit ich weiß, bietet ,YouKu‘ NutzerInnen aber alle Möglichkeiten.“ Was „alle Möglichkeiten“ bedeutet, wird bei einem Heurigenbesuch mit einer Gruppe ChinesInnen – teils in Österreich aufgewachsen, teils immigriert, teils auf Urlaub in Österreich – ersichtlich. Dem Autor dieses Artikels wird die Fülle des Angebots von „YouKu“ gezeigt: Let’s Plays, Beauty-Blogs, V-Logs, Comedy – die chinesische Plattform ist dem Us-Pendant hinsichtlich des Contents recht ähnlich. Eine Chinesin, die namentlich nicht genannt werden will, meint aber, so etwas wie „Stars“ gebe es auf „YouKu“ nicht. „Vieles steckt noch in den Kinderschuhen“, so der Tenor. Bei der Recherche ist der Autor zudem auf ein Video gestoßen, in dem Chinas Präsident Xi Jinping als „Retter der Arbeitslosen“ dargestellt wird. Zu sehen ist Xi Jingping, wie er arbeitslosen Chinesen die Hand schüttelt und sich in der Partei für die Schaffung von Jobs stark macht. Untermalt wird das ganze von englischen Untertiteln, die von den „Heldentaten“ des chinesischen Präsidenten berichten. Das Video war im März 2018 tagelang auf Platz Eins der „YouKu“-Trends (hier „Hotspot“ genannt). In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie stark, vor allem wie systematisch die chinesische Regierung den Kanal als Propagandainstrument nutzt. „Natürlich wird ,YouKu‘ auch als Propagandainstrument genutzt“, meint etwa Jenny Xie. Julia Chan schwächt jedoch ab: „ Es ist nicht das Haupt-Online-Medien Propagandainstrument“. Vielmehr würde sich die chinesische Regierung auf CCTV und XinHua stützen. Bei CCTV handelt es sich um das TV-Unternehmen „Central China Television“, XinHua ist eine chinesische Nachrichtenagentur, die sehr stark im Online-Bereich tätig ist. Beide Unternehmen befinden sich im Besitz des chinesischen Staates. Kreative Erlösmodelle In der Refinanzierung unterscheidet sich „YouKu“ in vielerlei Hinsicht kaum von „YouTube“. Klassische Online-Videowerbeformen wie pre-, mid- und postroll ads, Bannerwerbung und Popups gehören beim chinesischen Videoportal ebenso zum Standardrepertoire. Mit der Übernahme der Alibaba-Group begann man aber auch mit der Implementierung kreativerer Werbeformen,

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wie der „China Marketing Blog“ von Misha Maruma der Nanjing Marketing Group berichtet. So entstand etwa das „Corner-Logo“, bei der Unternehmen und Creator ihr Markenzeichen in der rechten oberen Ecke des Videos anzeigen lassen können. Ein Click auf das Logo führt UserInnen auf die Website des Herstellers, den Merche-Shop des Creators, oder – ganz im Sinne ihres Gründers Jack Ma – auf die Websites der Alibaba-Töchter Taobao und T-Mall. Die Unternehmen haben zudem die Möglichkeit, offiziell verifizierte Brand-Channels zu erstellen, so Misha Maruma. Die Besonderheit daran: Im Menübereich des jeweiligen Channels ist ein auffälliger Button platziert, der direkt zu Website der Hersteller führt. Werden auf dem Channel Produkte beworben, so erscheinen in ebenjener Menüleiste auch Links, deren Anklicken das jeweilige Produkt direkt in den Alibaba-Warenkorb schickt. Ein Beispiel dafür ist etwa der offizielle Channel von „Go-Pro“: Der orangene „Buy Now“-Button rechts oben führt direkt zum T-Mall Flagship-Store des Kameraherstellers. Unter so viel Werbung leidet selbstverständlich die Userfreundlichkeit der Plattform. Die „Bombardierung“ seiner NutzerInnen mit zahlreichen Werbeformen ist aber durchaus Teil der Strategie von „YouKu“. Das Unternehmen gibt offen zu, diesen in den VIP-Bereich der Website locken zu wollen. Dort können sie sich für ein Abo-Modell entscheiden. Zur Auswahl stehen mehrere Angebote, angefangen bei 15 Yuan pro Monat (ca. 2,3 Dollar). Je mehr man bezahlt, desto weniger Werbung bekommt man zu sehen. Zusätzlich bietet „YouKu“ seinen AbonnentInnen noch Zugang zu Exklusiv-Inhalten (vor allem Filme und Serien), diversen Alibaba-Diensten, Gutscheinen, höhere Videoqualität sowie exklusive VIP-Emotes. Den finanziellen Erfolg dieser Palette an Erlösformen zu bewerten, gestaltet sich dabei als schwierig, denn Alibaba weist „YouKu“ in seinen Geschäftsberichten nicht gesondert aus. Im ersten Halbjahr 2015 vermeldete die damals noch eigenständige Plattform Umsätze in Höhe von 450 Millionen Dollar. Das chinesische Marktforschungsinstitut iResearch schätzt zudem, dass etwa 80% der Erlöse von „YouKu“ aus Werbung stammen. Es ist davon auszugehen, dass „YouKu“ seinen Umsatz mit der Übernahme durch Alibaba kräftig steigern konnte. Rentiert hat sich das Geschäft für den Online-Handelsriesen aber höchstwahrscheinlich noch nicht:


Im Schatten der Zensur Die chinesische Regierung ist durch finanzielle Teilhabe am Erfolg Alibabas maßgeblich beteiligt. Die kommunistische Partei hat aus Prestige-Gründen großes Interesse daran, die Erfolgstories amerikanischer Tech-Unternehmen zu toppen. Trotzdem hat „YouKu“ immer wieder mit den System-Offiziellen zu kämpfen. Vor allem in der Anfangszeit der „Streaming-Revolution“ in China warf die Regierung immer wieder ein kritisches Auge auf diese Plattformen. Ein besonderer Dorn im Auge war den Zensoren dabei der User-Generated-Content. Dieser ist schwer regulier-, zensier- und dadurch auch schwer kontrollierbar. Man spielte offen mit dem Gedanken, die Plattformen zu verbieten. Auch die zahlreichen, illegal hochgeladenen amerikanischen Filme auf „YouKu“ missfielen der Regierung. Westliche Produktionen „verderben“ – nach offizieller Diktion der kommunistischen Partei – die Jugend. „YouKu“ zu verbieten ist ob des Erfolgs der Plattform zwar unwahrscheinlich geworden, daran, dass die Partei den schwer kontrollierbaren Online-Medien misstrauisch gegenübersteht, hat sich aber nichts geändert. Im Kampf um die Kontrolle über „YouKu“ sorgte etwa die Verhaftung von Lu Fanxi vor zwei Jahren für Aufsehen in China. Fanxi war laut Berichten in „Financial Times“ und „Forbes“ damals Vice-Chairman und zuständig für Eigenproduktionen der Plattform. In einer ersten offiziellen Meldung der chinesischen Regierung

erklärte man die Verhaftung mit „ernsthaften Anschuldigungen gegen Fanxis Content-Projekte“. Um den Eindruck einer politischen Säuberung abzuschwächen, ruderte man später zurück. In den chinesischen Staatsmedien war plötzlich nur mehr von einer Anklage wegen Wirtschaftskorruption die Rede. Das wichtigste Instrument der Kontrolle der chinesischen Regierung über die landesweiten Medien bleibt neben der Verhaftung unliebsamer Personen jedoch die Zensur der Inhalte. Informationen über die genaueren Prozesse, die dabei im Hintergrund ablaufen, zu bekommen gestaltet sich als schwierig. Johann Günther, Doktor der Publizistikund Kommunikationswissenschaft und Kunstgeschichte, der in China jahrelang als Dozent an der Jianghan University tätig war, hat für SUMO Kontakt zu seinen chinesischen StudentInnen aufgenommen, um hier Licht ins Dunkel zu bringen. Ein Student, der namentlich nicht genannt werden will, beschreibt das System als „Review First“. Soll heißen: Videos, die auf die Plattform gestellt werden, werden erst öffentlich geschalten, wenn der Inhalt von der chinesischen Zensurbehörde überprüft wurde. In diesem Prozess werden, ähnlich wie auf „YouTube“, sowohl Technologie (Algorithmen), als auch menschliche Arbeitskraft eingesetzt. Der Algorithmus dient dabei als erster „Filter“. Wenn ein Video als „high risk“ identifiziert werde, so der Student, kämen die menschlichen Zensoren zum Einsatz. Jedes Video bekommt zudem eine ID, über die das Video eindeutig dessen Schöpfer zugeordnet werden kann.

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Alibaba schrieb im Medien-Segment letztes Jahr Verluste in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar, was vor allem den hohen Investitionen in Content zuzuschreiben ist.

von Tobias Kachelmeier

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Die Internetsucht als Sozialkiller SUMO sprach über Ursachen, Auswirkungen und Therapien der Internetsucht mit drei Experten: Dr. Alfred Uhl, Abteilungsleiter-Stv. am Kompetenzzentrum Sucht der Gesundheit Österreich GmbH, Mag. Julian Strizek, wissenschaftlicher Mitarbeiter ebendort, Abteilungsleiter Primar Dr. Roland Mader vom Anton-Proksch-Institut, der größten europäischen Suchtklinik. Ein betroffener Jugendlicher gibt Einblick in seinen Alltag.

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Eine Definition von Internetsucht ausschließlich aufgrund der Nutzungsdauer ist wenig sinnvoll, angesichts der Tatsache, dass laut einer Studie der SPECTRA Marktforschung der/ die durchschnittliche Österreicher/ in das Internet täglich 108 Minuten nutzt. Definitionsversuche seien hier generell umstritten, stellt Julian Strizek fest. „Abhängigkeit ist an und für sich nichts Schlechtes. Abhängig sind wir von Vielem: Essen, Trinken, und bei Kälte von einem warmen Gewand und einer Heizung. Sucht jedoch ist eine Abhängigkeit, die große Probleme macht. Und zwar für die Person selbst und/oder für die Umgebung. Das ist für mich eine relativ sinnvolle Definition“, erläutert Alfred Uhl. Es geht vor allem darum, eine Entscheidung zu treffen, wo die Grenzen gezogen werden. Laut Roland Mader sind mehrere Stunden online zu verbringen zwar ein auffälliges Merkmal, doch Zeit allein ist nicht ausschließlich ein Kriterium. Indizien dafür sind vielmehr das Vernachlässigen der schulischen oder beruflichen Laufbahn, Abfall schulischer Leistungen, der Rückzug aus dem Freundeskreis oder auch die starke Reduzierung von Hobbies. Ein ausgeprägtes Spezifikum kann auch der Kontrollverlust sein. Die betroffene Person hat kein Zeitgefühl mehr, wie lang das Internet schon verwendet wurde, bzw. auch wenn das

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Bewusstsein darüber gegeben ist, kann die Rezeption nicht mehr kontrolliert und eingeschränkt werden. Die Suchterkrankung resultiert oftmals in Unruhe und Angstzuständen, sollte dem/der Betroffenen kein Zugang zum Internet gewährt sein. Was war zuerst da? Was verursacht das Problem: eine psychische Belastung im Hintergrund oder die Internetsucht selbst? Grundsätzlich sei es so, dass ein Großteil der Probleme im Zusammenhang mit Süchten – und hier sind stoffgebundene sowie stoffungebundene gemeint – deshalb entstehen, weil es im Hintergrund andere Grundprobleme gibt. Psychische Erkrankungen können Süchte verursachen und diese verstärken. „Es gibt kein eindeutiges Schema, welche Gruppe in Hinblick auf eine problematische Internetnutzung besonders gefährdet ist, aber doch sind es meistens Menschen, die auch andere psychische Auffälligkeiten aufweisen“, stellt Strizek fest. Es folgt laut Uhl eine Selbstbehandlung oder ein Entkommen „gegen Depression, gegen Fadesse, gegen ‚dass ,die Sachen nicht klappen.‘“ Auch aus der Fachliteratur geht hervor, dass PatientInnen, die in Behandlung sind, selten ausschließlich wegen Symptomen einer Internetsucht behandelt werden. Häufig stehen unterschiedliche psychi-


sche Belastungen im Hintergrund, etwa Depressionen. Grunderkrankungen wie diese treiben demnach PatientInnen in die Arme des Internet, zum Beispiel in den endlosen Sumpf der Videos. Wer aber sagt, dass es nicht die Internetabhängigkeit ist, die PatientInnen in die Depression treibt? Uhl hält fest, man könne die Frage was vorangeht „nicht für alle Betroffenen stellen, weil das ist bei jeder bzw. jedem anders. Meistens ist es so, dass das eine das andere verstärkt und umgekehrt.“ Es kann jede/n treffen. Doch wer ist besonders gefährdet? Lässt man demografische Faktoren wie Alter und Geschlecht außen vor, spielen vor allem persönliche Faktoren eine große Rolle. Vor allem die Unterscheidung zwischen intro- und extrovertierten Menschen ist dabei ausschlaggebend. Die erste Vermutung, dass introvertierte Charaktere einem höheren Risiko ausgesetzt sind, kann aber widerlegt werden. Es gibt Beschreibungen, so Strizek, die ein erhöhtes Risiko bei extrovertierten Menschen sehen. Diese nutzen demnach Medien, um ihre Selbstdarstellung „auf die Spitze zu treiben.“ Auf der anderen Seite stehen introvertierte Charaktere, oder auch Jene, die sozial gehemmt oder schüchtern sind. Diese nutzen Onlineaktivitäten eher kompensatorisch. „Was man online machen kann, ist einfach so unterschiedlich“, dass es schwerfalle, gewissen Gruppen ein erhöhtes Risiko zuzuschreiben. Introvertierte Personen können sich hinter der Anonymität des Internet verstecken und es zum Zeitvertreib auf verschiedenste Arten nutzen. Internetsucht – eine ernstzunehmende Erkrankung? Obwohl der exzessive Internetgebrauch erst in den letzten Jahren aufgekommen ist, gibt es die Internetsucht auch im therapeutischen Sinne schon viele Jahre. Bereits 1995 wurde die Sucht als Krankheit anerkannt und in den Therapiebereich miteinbezogen. Der amerikanische Psychiater Ivan Goldberg definierte sie als „internet addiction disorder“. Doch auch in Österreich gilt die Sucht seit einiger Zeit als ernstzunehmende Erkrankung. Seit mittlerweile 15 Jahren wird sie im Anton-Proksch-Institut behandelt und therapiert. Durch diese jahrelange Erfahrung kann Betroffenen gut geholfen und ihnen ein Weg aus der Sucht ermöglicht werden. Besondere Aufmerksamkeit erfahren Online Games, deren Nutzungsdauer und Auswirkungen häufig diskutiert werden. Die JIM-Studie gibt wider, dass

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Menschen im Alter zwischen 12 und 19 Jahren das Internet intensiver für andere Unterhaltungszwecken nutzen, als für Spiele, die in dieser Studie separat abgefragt wurden. Erstere schließen Musik, Bilder und Videos mit ein, der Anteil der Gesamtnutzungszeit liegt bei 30 Prozent. Bei Spielen hingegen ist der Anteil mit etwa 20 Prozent um einiges geringer. Die Auswirkungen der Abhängigkeit entstehen vor allem wegen der Zeit, die in Onlineaktivitäten investiert wird. Ein ausschlaggebender Faktor dabei ist die ständige Verfügbarkeit. In Zeiten der mobilen Endgeräte wie beispielsweise dem Smartphone haben RezipientInnen allzeit und überall die Möglichkeit, an Videocontent zu gelangen. Je mehr Zeit für Videos oder andere Onlineinhalte aufgebracht wird, desto mehr leidet der Alltag darunter. Frühere Freizeitaktivitäten oder Interessen werden vernachlässigt, was sich negativ auf die Beziehungen der betroffenen Personen auswirkt. Eine so verursachte Änderung der Ess- und Schlafgewohnheiten kann zu ernsten Störungen führen. Eine besonders hohe Nutzung wird den Alltag früher oder später derart dominieren, dass ein geregelter Tagesablauf nicht mehr möglich ist und PatientInnen dem gewohnten Alltag nicht mehr nachgehen können, warnte der Suchtprophylaktiker Kläser 2016. Das Ampelmodell als Therapieansatz „Abstinenz ist nicht das Ziel, es geht vielmehr um Medienkompetenz. Der Patient bzw. die Patientin soll lernen, einen kompetenten Umgang mit dem Internet zu schaffen“, so Mader. Dieser

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Ansatz ergibt sich durch die Unmöglichkeit, das Internet aus dem Leben des/der Patienten/in zu entfernen. Aufgrund dessen wird in der Therapie häufig das Ampelmodell herangezogen. Dabei wird der Gebrauch in einem dreistufigen Ampelsystem kategorisiert: - Rot: Ein bestimmtes Medienangebot darf nicht mehr genutzt werden (z.B. „YouTube“-Videos schauen, falls die Nutzung zu exzessiv wurde). - Gelb: Es darf unter bestimmten Bedingungen bzw. in Begleitung genutzt werden. - Grün: Hierbei ist uneingeschränkte Nutzung erlaubt. Jene drei Bereiche werden mit dem/r Therapeuten/in gemeinsam besprochen und festgelegt, um eine möglichst positive Veränderung zu bewirken. Die Seite eines Betroffenen Um einen Vergleich herstellen zu können, wurde neben den Suchtexperten ein unter Internetsucht leidender Jugendlicher (17) befragt. Für das Interview war es sein Wunsch, anonym zu bleiben. X bemerkte seine Internetabhängigkeit erst vor Kurzem. Viele seiner Familienangehörigen machten ihm bereits zuvor viele Vorwürfe und verstanden sein Computerverhalten nicht. Er selbst konnte diesen Anschuldigungen nichts aberkennen und führte seine täglich mehrstündige Abhängigkeit weiter. Erst als sich seine FreundInnen immer mehr von ihm abwandten bzw. von ihm vernachlässigt wurden, bemerkte er eine starke Veränderung. Ihm wurde bewusst, dass seine Internetnutzung überdurchschnittlich ist und er sich von der Realität immer mehr entfernte. Der Jugendliche hatte schon

als Kind mit mangelndem Selbstwertgefühl zu kämpfen und verlor sich deswegen in seiner virtuellen Welt, seiner „sicheren und glücklichen virtuellen Welt, die mit Gleichgesinnten geteilt werden kann“, wie er beschreibt. X verbringt bis zu 14 Stunden täglich vor seinem Computer und widmet sich auch seinen schulischen Verpflichtungen kaum mehr. Er beschreibt die Sucht als Teufelskreis, da man bei Nicht-Verfügbarkeit Unruhe und Stress verspürt und aufgrund dessen sich wieder dem Internet zuwendet. Der Weg zurück in die Realität X nimmt sich für seine Zukunft vor, in Therapie zu gehen, da es sei für eine Selbstheilung wahrscheinlich bereits zu spät sei. Sein Leben solle wieder lebenswerter werden, FreundInnen sollen ein wichtiger Teil davon sein und auch ist es sein Ziel, die Schule positiv abzuschließen. Computer- und Internetgebrauch wird auch in weiterer Folge Teil unseres Lebens sein, der Umgang und die Kompetenz dabei sind jedoch von maßgeblicher Relevanz. Bei beruflichen oder schulischen Angelegenheiten bedarf es heutzutage schlicht und einfach eines Internetzugangs und die Nutzung ist nicht vermeidbar. Doch vor allem im sozialen Bereich ist es von höchster Relevanz, den persönlichen Kontakt zu stärken und Social Media nicht dominieren zu lassen. Sonst kann das virtuelle Leben das reale schnell überdecken und das Suchtpotenzial verstärken. von Katharina Glück, Teresa Takacs


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Das Team der Ausgabe 31 von links nach recht: Tobias Kachelmeier, Teresa Takacs, Kathrin Weinkogl, Marlene Havel, Katharina Glück, Hannah-Laura Schreier, Susanne Heinemann, Katharina Arbeithuber, Manfred Binder, Johanna Schrey, Anna Putz, Christian Woltran, Christoph Bierbaum, Bettina Berger nicht im Bild: Anastasia Malyavko

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