Skip to main content

FALTER Wien Modern 2013

Page 7

W i e n M o d e r n 1 3    sind Sie mit diesen Kreisen in Kontakt gekommen? Eötvös: Ich war 16, 17. In Kontakt zu kommen war leicht, das geschah jeden Abend in Lokalen oder Wohnungen. Ein Mann veranstaltete in seiner Wohnung nachmittags Schallplattenkonzerte, typisch 60er-Jahre. Vor allem mit westlichen Schallplatten, die man bei uns nicht kaufen konnte. Sehr viele Leute waren daran interessiert, das zu hören. Er hatte einen Schallplattenspieler mit kleinen Lautsprechern, Supraphon oder so, stellte in seinem Zimmer Stühle in Reihen auf, man bezahlt einen Forint für die Eintrittskarte, er sagte „Hören Sie sich das an“ und legte zum Beispiel Beethovens Sechste unter Kubelik auf. In diesen Konzerten spielte er manchmal auch Schönberg oder Berg. Das war wunderbar. Pikanterweise saß einmal die Staatssekretärin für Kultur mit uns da. Sie wollte genau wissen, wer da ist, es war also eben halb verboten, halb erlaubt. Ein Arzt wiederum hatte auch Va-

„Der Gulaschkommunismus war schlau. Man ließ uns machen, hätte aber stets einschreiten können“

F o t o s : W i k i m e d i a , D P A / U r s u l a D ü r e n , Ap a / R o l a n d S c h l a g e r

rèse und andere Komponisten, da hörte ich zum ersten Mal elektronische Musik. In der Sakristei einer Kirche saßen wir, 16 bis 20 Leute, abends zusammen und genossen mit einer Art Weihrauchgefühl diese Musik. Es war irrsinnig spannend zu wissen, dass man etwas Verbotenes tut und doch nicht, etwas ganz Besonderes. In Zeiten des Internets, wo jeder auf Knopfdruck alles kriegt, kann man sich das kaum mehr vorstellen. Wien lag damals doch jenseits des Eisernen Vorhangs. War es einfach, dorthin zu kommen? Eötvös: Als ich 1961 oder 62 das Stück „Gruppen“ von Karlheinz Stockhausen hörte, wollte ich die Partitur haben. Ich musste ein Visum beantragen, bekam es und fuhr mit dem Zug nach Wien, zur Oper, ging ins Geschäft der Universal-Edition und fragte: „Haben Sie ‚Gruppen‘?“– „Hab ich.“ – „Danke“. Und fuhr damit wieder zurück. Am Abend war ich zu Hause. So verlief eine der ersten Reisen nach Wien. Ich musste das haben, ich wollte sehen und lesen, wie das organisiert und geschrieben ist. Freunde und Freundinnen an der Hochschule hatten Beziehungen zu Wien, zu Pia­ nisten wie Alfred Brendel und Paul Badura-Skoda. Ich habe damals Klavier studiert, und wir sind manchmal nach Wien in deren Kreis gefahren. Gab es in Wien eine Neue-Musik-Szene? Eötvös: Vielleicht. Ich wusste nur, dass es das Ensemble „die reihe“ gibt, hatte aber keinen direkten Kontakt. Nach der Wende 1990 hoffte ich, dass zwischen Budapest und Wien ein regelmäßiger Kulturaustausch aufgebaut würde. Leider ist dieser Kontakt weiterhin nicht entstanden. Umso glücklicher bin ich jetzt zu sehen, dass zwischen dem Budapester Palast der Künste

und der Neuen Oper Wien eine Zusammenarbeit entsteht.

Sie konnten schon mit vier Jahren Noten schreiben. Wie kam das? Eötvös: Meine vor zwei Jahren verstorbene Mutter war Pianistin. Mein Großvater war Geiger. Beide waren Lehrer. Wahrscheinlich kommt mein Interesse an der Lehrtätigkeit auch aus der Familie.

Als Notenschreiber begann auch Ihr Kontakt mit Stockhausen … Eötvös: 1965 konnte ich zum ersten Mal selbst nach Darmstadt fahren, mit einem Stipendium für zwei Wochen. Ein halbes Jahr später, 1966 begann ich schon mein Studium in Köln. Etwa im April lernte ich Stockhausen kennen. Er hatte einen Kopisten gesucht, ich wurde dieser Kopist und dadurch bekamen wir regelmäßigen Kontakt. Ich konnte alles sehr schön mit der Hand schreiben. Das waren nicht nur Noten, sondern eine spezielle Notation von elektronischer Musik mit sehr viel grafischer Arbeit und mit der Hand geschriebenen Texten, sehr kleine Buchstaben, Perlenbuchstaben … Wie war Stockhausen? Eötvös: Oh, das war ein ungeheurer Eindruck. Er war sehr freundlich, damals etwas über 40, eine Art popstarartige Erscheinung, mit sehr scharfem Willen und spürbar großer Intelligenz, sehr bestimmt, er wusste haargenau, was er wollte, und nur das, was er wollte. Sehr hilfsbereit. Er wusste, dass ich komponiere, und war überrascht, dass ich so gut über ihn und seine Musik informiert war. „Woher weißt du das alles?“ Ich hatte das alles gesammelt. Nicht nur über ihn. Auch über Pierre Boulez wusste ich einiges, dessen MallarméImprovisationen habe ich damals selbst abgeschrieben, wir konnten keine Noten bekommen, aber in der Bibliothek gab es ein Exemplar. Kopierer gab es Anfang der 60erJahre noch nicht. Ist es wichtig, die Noten selber abzuschreiben? Eötvös: Ja. Wie die Mönche! Da sitzt man ja Stunden …

Eötvös: Ja, aber das ist doch eine wunder-

bare Arbeit. Schade, dass man das heute nicht mehr so macht. Ich sehe nur die Vorteile unserer damaligen Eingeschlossenheit. Ich möchte nicht missverstanden werden, es geht nicht unbedingt darum, dass wir begrenzt sein sollten. Aber diese Begrenzung war damals gut. Es hat sich viel mehr Kraft

7

entwickelt, etwas wissen zu wollen. Gerade die Systemgrenze hatte Vorteile. Das haben wir besonders nach der Wende Anfang der 90er-Jahre gespürt. Man hatte plötzlich das Gefühl, jetzt dürfen wir alles, und niemand hat etwas getan. Wenn man früher etwas wollte, hat man es sofort gemacht.

Hatten Sie damals noch eine Pianistenkarriere im Auge? Eötvös: Nein. Schon mit drei, vier Jahren fühlte ich mich als Komponist und bin es geblieben.

Mussten Sie als Kind zum Notenschreiben verführt werden? Eötvös: Nein, das kam automatisch. Das Notenschreiben ist doch die schönste Arbeit, man muss sich vorstellen, wie wunderbar diese Bewegung ist, man sitzt da und dreht und dreht den Bleistift, das ist unbeschreiblich schön.

F A L T E R   4 1 /1 3

Ircam (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musiqu von Pierre Boulez mitbegründetes Institut zur Erforschung neuer Musik, im Pariser Centre Pompidou angesiedelt

Karlheinz Stockhausen (1928-2007) deutscher Komponist, einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts

Pierre Boulez, geb. 1925 französischer Komponist, Dirigent und Theoretiker. Neben Stockhausen und Nono berühmtester Vertreter der musikalischen Avantgarde

Wie ist die politische Situation in Ungarn heute? Eötvös: Lassen Sie mich mit dem Positiven beginnen. Die Regierung meint, dass man durch die berühmte ungarische Musikvergangenheit weiterhin im Ausland positiv erscheinen kann. So wird im Oktober endlich einmal die Liszt-Akademie in der ursprünglichen Form neu eröffnet, die man jahrelang rekonstruiert hat. Das kostet Milliarden und wurde sehr stark von der Regierung unterstützt. Es wird auch eine neue Orgel eingebaut. Wir haben außerdem den sehr gut gelungenen neuen Kulturpalast mit dem Konzerthaus. Das nicht so Positive? Eötvös: Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder steigen Sie in die offizielle Kulturunterstützung ein, dann stehen sie unter Diktat und müssen machen, wofür sie eingeschrieben sind. Aussteigen ist keine Frage. Oder sie machen etwas selbstständig, selbstfinanziert. Gott sei Dank kann ich mir das als Dirigent und Komponist leisten. Mein Freund László Gőz hat sein Budapest Music Center in diesem Jahr eröffnet, ich habe in seinem Haus ein Büro bekommen, das Eötvös-Institut sitzt jetzt in diesem Haus. Was uns beide miteinander verbindet, ist einmal das Interesse an der zeitgenössischen Musik und am Jazz, und dass wir beide das privat betreiben. Unsere Einstellung zum Kulturleben: Was man wirklich will, muss man privat machen. Einige bekannte ungarische Musiker und Künstler haben sich geweigert, derzeit in Ungarn aufzutreten, András Schiff, Adam Fischer … Eötvös: Das finde ich absolut bedauernswert. Ungarn dürfte sich das nicht leisten, den András Schiff so zu behandeln. Seine Weigerung, hier aufzutreten, ist eine Reaktion auf antisemitische Hetzte gegen ihn! Ein bekannter Publizist hat über ihn geschrieben, er als Jude hätte damals auch eingegraben werden sollen. Das hatte für den Journalisten keine Konsequenzen? Eötvös: Nein. So etwas dürfte nicht passieren. Wir sollten doch auf Schiff stolz sein. Es gibt den Filmmacher Béla Tarr, der 2011 in Berlin einen Preis für „Das Turiner Pferd“ erhielt. Der lebt heute nicht mehr hier, ihm wurde gesagt, er sei „kein Ungar“. Entschuldigung, wie bitte? Das hat der verantwortliche Herr, der dafür die Gelder ausgibt, wortwörtlich gesagt. Jetzt unterrichtet Tarr irgendwo anders. Solche Fehler darf man sich nicht erlauben! Es geht nicht nur um die jetzige Regierung, es geht um sie und um einen Teil der Bevölkerung. Wenn dieser Teil der Bevölkerung nicht unterstützen würde, was politisch geschieht, würde es für die Regierung schwieriger. Vor der Fortsetzung nächste Seite


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook