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FALTER

HEUREKA Das Wissenschaftsmagazin

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er Phosphor geht uns aus! Wissenschafter suchen nach alternativen Phosphorquellen

Ist Nanotechnologie ethisch vertretbar? Die neue Hoffnungstechnologie wirft ethische Fragen auf Abzocke – aus! Öffentlich bezahlte wissenschaftliche Ergebnisse sollen gratis abrufbar werden

Nr. 5/13

Ethik

Gentechnik, Nanotechnologie,

in der

Pränataldiagnostik, medizinische Versuche

Wissenschaft

Ethiker wird immer weiter und weiter

an Kindern – das Betätigungsfeld für

FOTO: K ARIN WASNER

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2424/2013


Bezahlte Anzeige

Österreichische Weltraumtechnologien vor den Vorhang SPACE. Die Weltraumausstellung im Technischen Museum Wien

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er Weltraum, seine Sterne und Planeten faszinieren die Menschen seit jeher. Bereits in der Antike begannen Forscher wie Ptolemäus ihre Beobachtungen. Seit damals hat sich die Weltraumforschung in riesigen Schritten weiterentwickelt und ihre Ergebnisse haben Einzug in unseren Alltag gehalten. Ob als täglicher Wetterbericht, in der Telefonie, als Satellitenfernsehen oder als Navigationshilfe, um effizienter von A nach B zu kommen: Weltraumtechnologien nutzen uns allen und wir alle nutzen sie. Weltraumbasierte Systeme gestalten die Infrastruktur unserer modernen Wissensgesellschaft und Österreich hat in der internationalen Weltraumforschung die Nase vorne. Weltraumaktivitäten sind heute Motor wirtschaftlicher Entwicklung und ein wichtiger Teil des nationalen Innovationssystems. Gemeinsam mit dem Technischen Museum Wien holt das BMVIT diese Innovationen nun erstmals vor den Vorhang und präsentiert sie in einer spannenden Ausstellung dem interessierten Publikum. Auf mehr als 600 m2 widmet sich SPACE bis 29. Juni 2014 dem Thema Weltraum in all seinen Facetten – von den träumerischen Überlegungen der Barockzeit über die ambivalente Entwicklung der Raumfahrt im 20. Jahrhundert bis hin zu den visionären Ideen der Gegenwart. Historische Objekte der eigenen Sammlung des technischen Museums Wien werden aktueller Forschung gegenübergestellt. Die Innovation made in Austria spielen dabei eine wichtige Rolle.

Weltraumforschung als Wirtschaftsmotor Waren es 1999 etwa zehn Unternehmen, sind es heute etwa 100 österreichische Firmen mit rund 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die im Raumfahrtsektor tätig sind. Diese Unternehmen machen als Zulieferer von Weltraum-Spitzentechnologie bereits jährlich Umsätze von mehr als 125 Millionen Euro. Durch die jahrzehntelangen Investitionen des BMVIT in die Weltraumforschung und -infrastruktur, konnten die österreichischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken und in den Programmen der Europäischen Union im Bereich der Erdbeobachtung (GMES) und der Meteorologie (EUMETSAT) mitmischen. Kaum eine Weltraummission kommt heute noch ohne österreichische Technologie aus. So fliegt die Ariane-Rakete mit TreibstoffLeitungen aus Österreich und die NASA kommuniziert interorbital mit einer Technologie „made in Favoriten“.

Weltraumforschung als Lebensretter Im größeren Zusammenhang ist der Einsatz von Weltraumtechnologien in der Erdbeobachtung eine mittlerweile unverzichtbare Grundvoraussetzung. Der Blick aus dem All ermöglicht uns das Klima und den Klimawandel besser zu erforschen, Naturgefahren optimierter zu begegnen und in der Raumplanung effizienter zu werden. Expertinnen und Experten sind davon überzeugt, dass uns die Weltraumforschung in Zukunft dabei helfen kann, uns besser vor Umweltkatastrophen wie Hochwasser zu schützen.

Österreichischer Satellit im Orbit Mit TUGSAT-1 startete im Februar 2013 der erste rot-weiß-rote Satellit ins All – gebaut und getestet an der TU Graz. Als Teil der internationalen Mission BRITE sammelt der Nanosatellit im Orbit Daten über Helligkeitsschwankungen bestimmter Sterne. Die Wissenschafter wollen in Kooperation mit Wiener Forschern Widersprüche im Ursprung der Sterne klären und damit das Rätsel der Entstehung des Universums ein Stück weiter lösen. Die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG fördert BRITE im Rahmen des Österreichischen Weltraumprogrammes (ÖWP), einem Impulsprogramm des BMVIT. Da Österreich durch die beiden Satelliten zum ersten Mal „Startstaat“ wurde, hat das Parlament 2011 einstimmig ein Weltraumgesetz beschlossen. Es regelt sämtliche rechtlichen und Schadensersatzregelungen und die Registrierungspflicht für Satelliten. Österreich hat damit einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung Eroberung des Weltalls gesetzt.

Space. Die Weltraumausstellung Bis 29. 6. 2014, Technisches Museum Wien Der Traum vom Weltraum war vor Jahrhunderten so aktuell wie heute. Welche Wege wir in den Weltraum nehmen, welche Rolle Visionen und Technikutopien in der Raum-

fahrt bis heutes spielen und wie sich die Grenze des Vorstellbaren immer mehr verschiebt, das alles und mehr zeigt die interaktive Ausstellung SPACE im Technischen Museum.

Informationen unter www.technischesmuseum.at

AustriAn technology in spAce Mehr als hundert österreichische Unternehmen und Forschungsinstitute arbeiten im internationalen Weltraumsektor. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie unterstützt die österreichischen Weltraumakteure mit einer Webplattform. Diese gibt erstmals einen Einblick in die Vielzahl der österreichischen Weltraumorganisationen und ihrer technologischen Kompetenzen. www. spAcetechnology. At www. bmvit.gv. At

Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie

entgeltliche Einschaltung

Österreichische Weltraumindustrie und -forschung


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Inhalt

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Darwins Erbe Der Evolutionsforscher Nick Barton Promiskuitive Mäuse Warum Weibchen auf viele Partner heiß sind Scharfe Giraffen Wozu Bullen in der Savanne unterwegs sind Der Phosphor geht uns aus! Die Suche nach alternativen Phosphorquellen

08 10 12 14

Ethik in der Wissenschaft Der Countdown zum Thema Einmal fehlerfreies Baby, bitte! Die Folgen übertriebener Pränataldiagnostik Ethiker hätten viel zu tun in der Wissenaschaft – nur wie beginnen? Medizinische Versuche an Kindern? Ihre Unterbindung zieht Probleme nach sich

16 18 20 22

Ist Nanotechnologie ethisch? Zumindest hat sie gravierende Folgen Ethik in der Wissenschaft: Das Glossar Vom Affen im Weltall bis zu Tierversuchen Was dürfen Genetiker? Genetiker Markus Hengstschläger im Interview Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Kommentar Naturtheologie

Kommentar

Editorial

Zu wenig Geld – überharter Wettbewerb Pascale Ehrenfreund

Gr afik: Tone Fink, foto: F WF/Hans Schubert

ysteme, die darauf abzielen, SpitS zenleistungen hervorzubringen, funktionieren dann besonders

gut, wenn es gelingt, einen transparenten und fairen Wettbewerb zu organisieren. Das internationale Wissenschaftssystem zählt ohne Zweifel zu dieser Art von Systemen. Der Wissenschaftsförderung auf kompetitiver Basis kommt dabei eine außerordentlich wichtige Rolle zu. Ist sie nach internationalen Standards bestmöglich organisiert, wird sie sich einer ausgezeichneten Reputation erfreuen und eine hohe Akzeptanz bei der Scientific Community aufweisen. Somit ist eine optimale Ausgangsposition geschaffen, um ein Wissenschaftssystem qualitätsorientiert zu entwickeln. Für Österreich lässt sich festhalten, dass alle Vorbedingungen in Gestalt des FWF für die weitere Entwicklung des österreichischen Wissenschaftssystems vorhanden wären. Projektideen, die höchsten internationalen Qualitätsstandards gerecht werden, sollten finanziert werden, um das vorhandene Potenzial für exzellente Wissenschaft – made in Austria – voll auszuschöpfen. Das ist zurzeit nicht der Fall, da die Geldmittel fehlen. Stehen zu wenig Mittel für die kompetitive Vergabe von Projektmitteln „Marke FWF“ zur Verfügung, resultiert daraus ein überharter Wettbewerb, der im schlimmsten aller Fälle zu einer Demotivation der Scientific Community führt, Projektideen zu entwickeln und sich mit diesen Ideen einem wettbewerbsbasierten Auswahlprozedere zu stellen. Das darf keinesfalls passieren, außer man will den bislang erfolgreichen ­Aufholprozess Österreichs in der Grundlagenforschung vorsätzlich behindern. Was für die Forschungsförderung gilt, gilt auch für die Forschung selbst.

Es gilt, für die Wettbewerbsintensität eine Balance zu finden, die einen gelungenen Ausgleich zwischen überbordendem Konkurrenzdenken und Kooperationsfähigkeit darstellt. Wenn Konkurrenzdruck sinnvolle Kooperationsbeziehungen verhindert, dann läuft das Hochleistungssystem suboptimal. Zu starker Konkurrenzdruck kann nicht nur als Kooperationsbremse schädlich sein, er kann auch dazu führen, dass unethisches Verhalten in der Forschung häufiger wird. Gut zu wis-

sen, dass Österreich mit der Agentur für wissenschaftliche Integrität – kurz ÖAWI – gut aufgestellt ist, um den Selbstreinigungskräften im Sinne guter wissenschaftlicher Praxis den Rücken zu stärken.

Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink

Pascale Ehrenfreund ist Präsidentin des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung FWF

www.tonefink.at

Christian Zillner

2010 deckte die US-amerikanische Medizinhistorikerin Susan ­Reverby Versuche von US-amerikanischen Ärzten auf: Sie hatten von 1946 bis 1948 ­Indios in Guatemala mit ­Syphilis infiziert – natürlich ohne deren Wissen. Genau in dieser Zeit (1947) war der Nürnberger Kodex für Ärzte als Nachhall des Entsetzens über die mörderischen Nazidoktoren entstanden, dessen ­erster Satz lautet: „Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich.“ Was wir daraus lernen können? Wenn einer das Wort „Ethik“ in den Mund nimmt, sollten wir ­sofort beginnen, die Leichen in seinem Keller zu suchen.

Ethik in Wissenschaft und Technologie Zu diesem Thema findet ein Science Talk statt: Es diskutieren Wissenschafts- und Forschungsminister Karlheinz Töchterle, Sigrid Müller, Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Wien, Markus Hengstschläger, Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien und der Philosoph Konrad Paul Liessmann. Termin: Montag, 11. November 2013, 19 Uhr Ort: Aula der Wissenschaften, 1., Wollzeile 27a

Impressum Falter 45a/13 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at  Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Redaktion: Christian Zillner  Fotoredaktion: Karin Wasner  Produktion/Grafik: Reini Hackl  Korrektur: Martina Paul Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.

HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit


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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild Pionierarbeit in Darwins Fußstapfen Nick Barton ist einer der weltweit führenden Wissenschafter auf dem Gebiet der evolutionären Populationsgenetik. Kürzlich würdigte ihn die deutsche Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit der Mendel-Medaille für seine Arbeit, die als wesentlicher Beitrag zur Weiterentwicklung von Darwins Erkenntnissen über evolutionäre Mechanismen gilt. In seinen jüngsten Untersuchungen hat Barton gezeigt, wie man Selektionseffekte und die Struktur von Populationen anhand von DNS-Proben aufdecken kann. „So wie jeder andere Wissenschafter empfinde ich eine derartige Auszeichnung als Bestätigung meiner bisherigen Forschung und als Ermunterung, in neue Bereiche der Evolutionsbiologie vorzudringen“, sagt der Professor am Institute of Science and Technology (IST Austria). „Die Mendel-Medaille ist deswegen so besonders, weil wir erst mit Mendel und den von ihm entwickelten Grundlagen der Genetik verstehen, wie der Mechanismus der natürlichen Auslese anhand kleiner Variationen funktioniert. Mendels Erkenntnisse lieferten das Puzzleteil, das zum Verständnis dieses zentralen Bausteins der Evolutionstheorie, wie Darwin ihn postuliert hatte, notwendig war.“  Te x t: Uschi Sor z F o t o : K a r in W asne r

Jungforscherinnen n den nächsten drei Jahren werden sie im Rahmen einer uni:docs-AnIstellung an der Uni Wien an ihrer Dissertation arbeiten:

Reinhard Ullrich, 36, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften

„Eigentlich ist die Uni die einzige Institution, die ich richtig gut finde“, schmunzelt Reinhard Ullrich. Entsprechend intensiv geht er seiner Freude am Lernen und Lehren dort nach. Nach drei Jahren technischer Physik und Chemie und einem fertigen Philosophiestudium legte der Wiener mit VWL nach und konzentrierte sich dabei schon früh auf mathematische Methoden. „Zu meinem heutigen Schwerpunkt, der Spieltheorie,

bin ich über die Master­ arbeit gekommen.“ So ist auch seine Dissertation innerhalb der angewandten Mathematik angesiedelt und bewegt sich an der Schnittstelle von Optimierung, Spieltheorie und dynamischen Systemen. Nachdem er sich seine Studien zumeist mit Programmierjobs finanziert hat, freut sich Ullrich nun darüber, sich als uni:doc ungebremst der „Verbesserung evolutionär-stabiler Strategien in Partnership-Games“ widmen zu können. Sarah-Allegra Schönberger, 25, Katholisch-Theologische Fakultät

„Religionen sind entweder bewusst oder unbewusst ein treibender Faktor des gesellschaftlichen und kulturellen ­L ebens“, sagt Sarah-­Allegra

Schönberger. „Daher glaube ich, dass ich eine fremde Kultur nur wirklich verstehen kann, wenn ich ihre religiöse Prägung verstehe.“ Spezialisiert hat sich die Religionswissenschafterin auf den Buddhismus, die ostasiatische Religionen und ihre Symbolik. In ihrer Dissertation „Vaiśravaṇa. Dämonischer Wächter und Herr der Reichtümer. Ikonographische Transformationen im Kulturtransfer zwischen Indien und dem sinojapanischen Raum“ möchte die Linzerin illustrieren, wie ikonographische Transformationsprozesse aussehen können und welche Rückschlüsse sie über Religion bzw. Veränderungen im Religionsgefüge und den Kontakt der darin eingebundenen Kulturen zulassen.

Markus P. Beham, 27, Rechtswissenschaftliche Fakultät

Markus Peter Beham hat Geschichte und Jus studiert und an der Abteilung Völkerrecht und Internationale Organisationen gearbeitet. Seine Dissertation gilt dem Völkergewohnheitsrecht. „Dabei geht es um die Möglichkeit von Staaten, sich ohne vertragliche Grundlage moralischen Verpflichtungen zu unterwerfen – etwa beim Schutz fremder Staatsbürger in anderen Ländern.“ Das untersucht der Schärdinger am Beispiel von Menschenrechten und humanitären Interventionen, u. a. in Libyen oder im Kosovo. Seine Arbeit verfasst er als sogenannte ­co-tutuelle in Kooperation mit der Nanterre-Uni in Paris. Nächstes Jahr wird ihn ein Fulbright-Stipendium in die USA führen.

Fotos: privat

Uschi Sorz


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heureka!

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Aus Wissenschaft und Forschung Mathematik

Medizin

Soziobiologie

Im Innersten des Universums: Mit Computeralgebra den Elementar­teilchen auf der Spur

Speiseröhrenkrebs: „Stummer Reflux“ ist gefährlich, belegt eine neue Studie aus dem Wiener AKH

Das wilde Sexleben der weiblichen Hausmäuse Weibliche Mäuse tun es mit vielen Männchen nur für die Kinder – damit sie der Vater nicht frisst

Uschi Sorz

dieter hönig

Sabine Edith Braun

ahe an der Entwicklung von Moei zwanzig bis dreißig Prozent N dellen, die das Innerste des Uni- B der Menschen mit chronischem versums zu erklären versuchen, ar- Sodbrennen entstehen Schleimhautbeitet der Mathematiker Carsten ­Schneider. Er ist Leiter der Projektgruppe „Computer Algebra for the Quantum Field Theory“ am RISC (Institut für Symbolisches Rechnen) der Uni Linz. Seine Forschungsarbeiten zu Summationstheorien spielen eine Rolle bei der Aufklärung der genauen Natur des Higgs-Teilchens. Weil Teilchenbeschleuniger wie der am CERN riesige Datenmengen produzieren, bedarf es zu ihrer Interpretation präziser Berechnungen. „Wir beschreiben das Verhalten von Elementarteilchen mit Feynmandiagrammen, die Vorgänge in der Teilchenphysik bildhaft darstellen, und

F o tos: pr i vat, R e f lu x M e di c a l , k e r s t in t hon h au se r , Sa b in e e di t h b r aun

„Wir beschreiben das Verhalten von Elementarteilchen, um ihre Reaktionen zu verstehen.“ Carsten Schneider

Feynmanintegralen, um ihre komplexen Reaktionen zu verstehen“, erklärt der 42-jährige gebürtige Bayer. Im Rahmen einer Kooperation des RISC mit dem Deutschen ElektronenSynchroton (DESY) ist es gelungen, einen neuen Ansatz zu entwickeln. „Unsere Kollegen vom DESY wandeln die Integrale in Ausdrücke von Mehrfachsummen um. Wir wandeln diese ,Monsterausdrücke‘ dann mit Methoden der Computeralgebra zu kompakten Ausdrücken um.“ An seinem Forschungsschwerpunkt, der Computeralgebra, reizt Schneider vor allem das algorithmische Umsetzen mathematischer Ideen. „Die Anwendung der oftmals hoch nichttrivialen Algorithmen finde ich extrem spannend.“ Anspruchsvolle Berechnungen in der Quantenfeldtheorie werden Schneider in der Partnerschaft mit DESY ebenso beschäftigen wie die Weiterentwicklung von Summationsalgorithmen und die Bereitstellung effizienter Computeralgebraverfahren, die in phänomenologischen Untersuchungen und Datenanalysen Verwendung finden können.

veränderungen im Ausgang der Speiseröhre. Sie sind die Vorstufe einer besonders aggressiven Form von Speiseröhrenkrebs. „Ich empfehle eine Vorsorgeuntersuchung der Speiseröhre ab einem Alter von vierzig Jahren.“ Martin Riegler, AKH Wien

Diese krankhaften Veränderungen können auch ohne merkbare Symptome entstehen. Wie eine kürzlich am Wiener AKH durchgeführte Studie ergab, haben Menschen mit sogenanntem „stummem“ Reflux ein besonders hohes Risiko. „In über neunzig Prozent aller Reflux bedingten Krebserkrankungen der Speiseröhre haben Patienten zuvor weder merkbares Sodbrennen noch saures Aufstoßen. Der Tumor wird dann oft erst im fortgeschrittenen Stadium durch Schluckstörungen entdeckt“, erklärt Martin Riegler, Leiter der Abteilung für chirurgische Funktionsdiagnostik am AKH Wien und Leiter des Reflux Medical-Diagnose- und Therapiezentrums in Wien. Riegler empfiehlt daher eine gründliche Vorsorgeuntersuchung der Speiseröhre ab einem Alter von vierzig Jahren. In spezialisierten Zentren erfolgt die enorm wichtige Spiegelung der Speiseröhre. Bei verdächtigen Veränderungen können sofort Gewebeproben entnommen und beurteilt werden. So kann rechtzeitig eine Krebsvorstufe entdeckt und Gewebe vorsorglich entfernt werden. „Eine von zehn Personen mit dieser Schleimhautveränderung kann in zwanzig Jahren einen Speiseröhrenkrebs bekommen“, warnt Riegler. Diese Tumore wachsen besonders rasch, die 5-Jahres-Überlebensrate beträgt nicht einmal zwanzig Prozent. „Treten einmal Schluckstörungen auf, ist es meist zu spät, da der Tumor schon zu groß ist. Das bedeutet letztlich Chemotherapie und ihre entsprechenden Folgen.“ Infos: www.refluxmedical.com

Infos: www.refluxmedical.com

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eibchen der Wilden Hausmaus (Mus musculus) bevorzugen mehrere Geschlechtspartner – die Jungen eines Wurfes haben oft verschiedene Väter. Sie tun das aber nicht zum eigenen Vergnügen, sondern zum Schutz ihrer Nachkommenschaft. Das fand ­Kerstin Thonhauser von der VetmedUni im Rahmen ihrer PhD-Studien heraus. „Der reproduktive Erfolg einer männlichen Maus steigt mit der Zahl der Weibchen, die sie befruchten kann“, erklärt die Verhaltens­forscherin: Je größer die Mäuseschar, desto größer das Ansehen in der Mäusecommunity. Deshalb gehen Männchen selbst das Risiko ein, bei der Verpaarung von Feinden gefressen zu werden. Weibchen sind durch die Anzahl ihrer Eizellen in ihrem Reproduktionserfolg limitiert, nicht durch die Anzahl an Geschlechtspartnern. Da die Spermien eines Männchens für die Befruchtung aller Eizellen ausreichen würden, stellt sich die Frage, warum sie trotzdem das Risiko der zusätzlichen Verpaarung eingehen. „Ich wollte wissen, wie Mäuseweibchen reagieren, wenn sie zwischen mehreren Geschlechtspartnern wählen können und nicht genötigt werden“, sagt Thonhauser. Auf ­Bauernhöfen und in Pferdeställen fing

die Zoologin die Elternpaare jener 96 ­Versuchsmäuse, die im Labor das Licht der Welt erblickten. In einem Mausversuchsraum der Vetmed Wien, einer alten Flughalle, wurden die 96 Mäuse (32 Weibchen, 64 Männchen) mehrere Wochen lang wiederholt beobachtet. „Wir fanden heraus, dass sich Weibchen besonders promiskuitiv verhalten, wenn sie mit sexuell unerfahre„Weibchen verhalten sich besonders promiskuitiv bei sexuell unerfahrenen Männchen.“ Kerstin Thonhauser, Vetmed Wien

nen Männchen konfrontiert sind.“ Die nämlich haben eine besondere Neigung zum Infantizid: Sie töten Jungtiere der eigenen Art, um ihren Reproduktionserfolg zu erhöhen. Je promiskuitiver die Weibchen sind, desto eher steigt die Wahrscheinlichkeit der Männchen, die eigenen Nachkommen zu töten – und daher unterlassen sie dieses Töten. „Der Grund für das promiskuitive Verhalten ist somit die Verhinderung des Infantizids“, erklärt Thonhauser, deren Studie auch in Behavioral Ecology und in Sociobiology erschien.

Paaren, was das Zeug hält, um einen Infantizid zu vermeiden


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Aus Wissenschaft und Forschung Biologie

Meteo

Brief aus Brüssel

Giraffenbullen streunen von Kuh zu Kuh

Emily Walton

Forscher beobachteten die sexuellen Aktivitäten von Giraffenbullen im Hwange Nationalpark in Simbabwe

Sonnenausbrüche werden von der Kanzelhöhe aus beobachtet, um sie besser zu verstehen

jochen Stadler

Sonja Burger

der Bullen, um die Sexualhormone darin zu messen. Sie fanden heraus, dass brunftige Bullen höhere Testosteronwerte haben als solche, denen gerade andere Dinge durch den Kopf gehen als Sex. Außerdem waren ältere, dominante Männchen mit von Rangkämpfen trainierten Halsmuskeln und größeren Hörnern sexuell aktiver als jüngere, wobei Konkurrenz sie zusätzlich anspornte. Junge und damit zarter besaitete Giraffenbullen hatten generell weniger Verkehr mit dem anderen Geschlecht und sie waren auch schüchterner, wenn andere Männchen dabei waren, erklärte Seeber, der als Masterstudent an der Universität Pretoria in Südafrika an der Studie teilgenommen hatte. Mit ihrem zweiwöchentlichen Wechsel zwischen Brunft und sexueller Abstinenz zeigen Giraffenmännchen ein ähnliches Verhalten wie Elefantenbullen. Bei diesen kann der Testosteronrausch allerdings monatelang anhalten.

Mit ihrem zweiwöchentlichen Wechsel zwischen Brunft und sexueller Abstinenz zeigen Giraffenmännchen ein ähnliches Verhalten wie Elefantenbullen

as Team des Sonnenobservatoriums Kanzelhöhe für SonnenD und Umweltforschung hatte kürzlich

einiges zu feiern. Sein siebzigähriges Bestehen war aber nur ein Grund. Im Oktober avancierte diese Außenstelle der Karl-Franzens-Universität Graz zur nationalen Vertretung im „International Space Environment Service“ Netzwerk (ISES). ISES ist ein internationales Netzwerk, dessen Schwerpunkt auf der Beobachtung und Vorhersage von Weltraumwetter, sprich den Veränderungen der physikalischen Bedingungen im erdnahen Weltraum, liegt. Ein Grund, weshalb die Kanzelhöhe aufgenommen wurde, sei laut Astrid Veronig, die das Sonnenobservatorium leitet, „die Kontinuität der Beobachtung und die hohe Datenqualität. Zentrales Anliegen ist, die Physik von Sonnenausbrüchen wie etwa Protuberanzen oder Flares besser zu verstehen.“ „Wir wollen die Physik von Sonnenausbrüchen wie Protuberanzen oder Flares besser verstehen.“ Astrid Veronig, Uni Graz

Sonnenausbrüche werden durch Instabilitäten im Magnetfeld von Sonnenflecken ausgelöst und können sich auf die Funktionstüchtigkeit von Satelliten negativ auswirken. Wann das Magnetfeld instabil werde, sei laut Veronig schwer vorhersagbar, aber nirgendwo sonst in Europa werde die Sonne sieben Tage pro Woche beobachtet und werden die Sonnenflecken täglich aufgezeichnet. Mit der Website weltraumwetter.at kommt das Sonnenobservatorium dem Auftrag nach, die Beobachtungsdaten und Vorhersagen des Weltraumwetters öffentlich zugänglich zu machen. Gemeinsam mit dem Institute for Computer Graphics and Vision der TU Graz entwickelte man zuletzt im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) eine Methode zur automatischen Bilderkennung zur Detektion von Ausbrüchen auf der Sonne. Diese Echtzeit-Beobachtungsdaten sollen helfen, Sonnenausbrüche in Zukunft besser vorherzusagen.

Kampagne schmückt das Parlament am Place du Luxembourg. Niemand kann mehr am Glaspalast vorbei, ohne den Slogan „Act.React.Impact.“ zu lesen – was immer das heißen mag. Werbung lässt sich ja schnell aus dem Kopf verdrängen, im EU-Bezirk scheint es jedoch im Moment kein anderes Gesprächsthema als die Wahlen zu geben. Kern der hitzigen Diskussionen bilden die Spekulationen zum Brüsseler Job-Roulette: Wird es dieser oder jener Abgeordnete wieder schaffen? Wer führt statt Barroso die nächste Kommission? Wer folgt Van Rompuy als Ratspräsident nach? Bis zum Ersatz für die Außenbeauftragte Ashton kommt das Gespräch fast nie. Hat man dann am Bistro- oder Brasserietisch alle Top-Jobs vergeben, folgt meist eine kurze Stille – und dann der ernsthaftere Teil des Postenkarussells: „Und, was ist mit dir? Hast du einen Plan B?“ Mit der Wahl laufen auch die Fünfjahresverträge der Tausenden parlamentarischen Mitarbeiter aus. Gewiss, manche können ziemlich sicher sein, dass „ihr“ Mandatar wieder gewählt wird. Andere haben eine Zusage, mit „ihrer“ Abgeordneten zurück in die nationale Politik zu gehen, wenn sie abgewählt wird. Doch bei den meisten ist alles offen. Anders als in Österreich, wo die Assistenten oft mit ihren Chefs gemeinsam die Karriereleiter erklimmen und fast immer einen direkten Bezug zur Partei haben, gibt es in Brüssel viele parteifreie Mitarbeiter, die per Ausschreibung gefunden wurden. Wie für einen „normalen“ Job eben. Und während in Österreich oft Chef und Team gemeinsam von der lokalen in die nationale Politik, sprich: nach Wien wechseln, trifft sich das Team in Brüssel oft erst im EU-Parlament. Dass österreichische Abgeordnete Mitarbeiter aus Deutschland, Polen oder Schweden beschäftigten, ist üblich. Das heißt aber auch: Wenn der Chef nach Österreich geht, bleiben sie allein in Brüssel zurück. Vor der Wahl wird schon an Plan B, C und D gearbeitet, noch schnell für Zusatzqualifikationen oder Einstellungstests auf höherer Ebene gebüffelt. In einem halben Jahr wird Brüssel dann für kurze Zeit zur größten Jobund High-Potential-Börse Europas. Und wenig später, wenn die Entscheidungen gefallen und die Posten vergeben sind, zum riesigen Wohnungs-, Möbel-, Bücher- und Auto-Basar. Ganz angenehm eigentlich, dass nur alle fünf Jahre gewählt wird.

Fotos: k ar in wa sner , w w w.fotofurg ler .com/ Sissi Furg ler Fotog r afie

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as Liebesleben von Giraffenbullen ist abwechslungsreich, aber anstrengend. Sie streunen in der Savanne von einer Gruppe von Giraffenkühen zur anderen, um eine paarungswillige Braut zu finden. Ein Forscherteam mit dem Österreicher Peter Seeber hat nun herausgefunden, dass die Bullen ungefähr im Zweiwochenrhythmus brunftig und dann wieder zu Sexmuffeln werden, und dass dieses Verhalten mit ihren Testosteronwerten zusammenhängt. Die Forscher beobachteten dazu die sexuellen Aktivitäten von Giraffenbullen im Hwange Nationalpark in Simbabwe. Sie vermerkten jede Annäherung an die Kühe, wenn die Bullen deren Urin kosteten, um herauszufinden, ob sie gerade fruchtbar waren; wann sie andere Männchen vertrieben, um mit der Auserwählten alleine zu sein, und wann sie ihre Holde besprangen. Außerdem sammelten die fleißigen Wissenschafter auch die Exkremente

ie Europa-Wahl ist zwar erst im D Mai, doch in Brüssel ist das Thema schon allgegenwärtig: Eine Info-


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Aus Wissenschaft und Forschung Chemie

Kompostiert Abfälle, denn uns geht der Phosphor aus! Das Netzwerk CORE Organic II will Phosphorkreisläufe durch alternative Phosphorquellen schließen Sabine Edith Braun

Fotos: Sabine Edith Braun

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s gibt derzeit einen Raubbau an Phosphor: Weniger als 50 Prozent des eingesetzten Phosphors werden rezykliert. Der Rest geht über Kläranlagen und Flüsse ins Meer oder wird mit Produkten wie Nahrungs- und Futtermitteln exportiert“, erklärt Jürgen K. Friedel den Hintergrund des Projekts IMPROVE-P. Es begann im Sommer und wird drei Jahre laufen. Phosphor, ein essenzieller Pflanzennährstoff, der auch im Körper von Tieren und Menschen wichtige Funktionen hat, ist deshalb so kostbar, weil er nicht ersetzbar und außerdem begrenzt ist. Während etwa Stickstoff auch aus der Luft gewonnen werden kann, gibt es Phosphor nur in fossilen Lagerstätten. Diese werden spätestens in 150 Jahren erschöpft sein. „Alle reden vom Peak-Oil, aber der Peak-Phosphor ist gesellschaftlich bedeutender“, sagt Friedel. Öl könne ersetzt werden, Phosphor nicht. An dem CORE-Organic-II-Projekt, an dem sechs europäische Länder teilnehmen und das aus nationalen Budgets finanziert

„Alle reden vom Peak-Oil, aber der Peak-Phosphor ist gesellschaftlich bedeutender.“ Jürgen K. Friedel, BOKU Wien

wird, ist Österreich durch das Institut für Ökologischen Landbau und das Institut für Bodenwissenschaften der BOKU Wien beteiligt sowie durch das außeruniversitäre Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Ziel ist, alternative Phosphorquellen zu identifizieren, zu charakterisieren und durch pflanzenbauliche Verfahren auf ihre Anwendbarkeit zu testen – hier fällt das Stichwort alternative Phosphordünger. Friedel: „Reste aus der Lebensmittelindustrie, Energiepflanzenproduktion und kommunale Abfälle wie zum Beispiel Klärschlamm stellen potenziellen Phosphordünger dar. Es gibt jedoch ein Risiko durch Schwermetalle oder persistente organische Schadstoffe wie chlorierte Kohlenwasserstoffe, PAKs oder PCBs. Sie haben sehr lange Verweilzeiten im Boden und in der Nahrungskette.“ Da solche alternativen Phosphorquellen auch ein humanpathogenes Risiko in sich bergen können, ist eine genaue ­Risikoabschätzung unabdingbar.

Darüber hinaus wird die praktische Anwendbarkeit alternativer Dünger im ökologischen Landbau getestet. „Wir werden im Projekt auch die Akzeptanz bei den Biobauern untersuchen.“ Und wie kann der Einzelne als Konsument zum Phosphorrecycling beitragen? „Direkt kann er seine organischen Abfälle getrennt sammeln und dann kompostieren oder in der Grünen Tonne entsorgen, damit der Phosphor nicht mit dem Restmüll verbrannt wird.“ Ein indirekter Beitrag liegt im Kauf von Lebensmitteln aus Landbauformen, die phosphoreffizient sind, die also weniger Phosphordünger einsetzen als die konventionelle Landwirtschaft. Ausgewiesen ist eine phosphorschonende Herstellung von Lebensmitteln aber noch nicht. „Ein paar Supermarktketten haben zwar angefangen, den CO2- und den Wasserverbrauch auf den Verpackungen anzuzeigen, nicht aber Phosphor.“ www.coreorganic2.org https://improve-p.uni-hohenheim.de

Are you a BA or MA student of Natural Sciences, Mathematics, or Computer Science? Looking for a chance to start your scientific career as a PhD student? Interested in crossing scientific boundaries? Deadline for students wishing to enter the program in the fall of 2014 is January 15, 2014 For further information, please consult www.ist.ac.at/gradschool IST Austria is committed to equality and diversity.

CAMPU S VISIT D AY Novem

ber 16, 2013


Titel 8 

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Ethik in der Wissenschaft

Der Countdown zum Thema sonja burger

58.000.000

1876

10.000.000

1830

Schweine wurden 2010 für die deutsche Fleischindustrie getötet. Zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehung wird am Messerli-Forschungsinstitut der Vetmeduni Vienna geforscht.

Kunden verwenden die Plagiatssuchsoftware „Ephorus“. Diese zählte bei ­einem Software-Test zu den Wirksamsten.

sorgte der Historiker Theodor Mommsen für die ­Abschaffung der Promotion in absentia; verboten wurde sie in Deutschland im Jahr 1935.

­Betrugs ein.

führte Charles Babbage mit Forging, Trimming und ­Cooking die erste Klassifikation wissenschaftlichen

300.000

1.000

50.000

300 80

Psychologen sind in der Europäischen Föderation der Psychologenverbände repräsentiert und einem Meta-Code of Ethics verpflichtet. Euro Geldstrafe können Hochschulen gemäß §63 Abs.5 im Hochschulgesetz von Nordrhein-Westfalen bei ­einem Plagiatsfall geltend machen.

5.000

überprüft.

wissenschaftliche Arbeiten werden im Schnitt pro ­Studienjahr an der Universität Wien auf Textgleichheiten

3.000

Einträge umfasst die Globale Ethikwarte der UNESCO, die eine Sammlung von Online-Datenbanken zu ­ spekten angewandter Ethik ist. A

2007

fand die erste „World Conference on Research Integrity“ in Lissabon statt. Verantwortung und Redlichkeit zählen zu den zentralen Prinzipien.

2005

von Forschern.

2001 1998

verabschiedete die EU-Kommission die Europäische ­Charta für Forscher und den Verhaltenskodex für die Einstellung beschloss die MedUni Wien ihre ersten verbindlichen Richtlinien zur „Good Scientific Practice“.

gründete die UNESCO die „Weltkommission für Ethik in Wissenschaft und Technologie“, wo ethische Aspekte des technologischen Fortschritts thematisiert werden.

1964

verabschiedete der Weltärztebund die Deklaration von ­Helsinki zu ethischen Grundsätzen für die medizinische Forschung am Menschen.

1959

entwickelten William Russel und Rex Burch das 3R-­Konzept („Reduction, Refinement, Replacement“) für die Durchführung von Tierversuchen.

1947

entstand der Nürnberger Ärztekodex im Zuge der Nürnberger Prozesse.

nanotechnologische Konsumprodukte befinden sich ­derzeit schätzungsweise am Markt. Unter dem Namen ­QualityNano kümmert sich eine paneuropäische Forschungsinfrastruktur zur Beurteilung von Nanosicherheit. bis 2.000 Euro kostet eine Genom-Analyse im Internet. Das ­erstellte genetische „Risikoprofil“ wirft ethische Fragen auf.

Prozent der heimischen Tierversuche werden an Labormäusen durchgeführt. Das neue Tierversuchsgesetz (TVG 2012) soll den Tierschutz verbessern.

40

Jahre dauerte die „Tuskegee-Syphilis-Studie“ mit rund 400 Afroamerikanern, die keine Möglichkeit einer informierten Einwilligung hatten.

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unabhängige Experten beraten über ethische Fragen der Biowissenschaften im Internationalen Bioethik-Komitee der UNESCO.

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Plagiatsverfahren gemäß §74 UG führte die Universität Wien in den Studienjahren 2005/2006 bis 2011/2012 durch.

Anfragen führten seit Bestehen der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität zu einem Verfahren. Die meisten ­Plagiatsverfahren stammen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften und aus der Medizin.

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ethische Prinzipien umfasst die „Declaration on Professional Ethics“ des Internationalen Statistischen Instituts. Jahre schon existiert die Neuroethik als eigener Forschungsbereich.

Grundprinzipien des Utilitarismus: Folgen, Nutzen, Sozialprinzip und Hedonistisches Prinzip prägen liberale Positionen zur Ethik.

Bereiche umfasst das akademische Ghostwriting: Datenbanken, ­Autoren, die Material immer wieder anders kombinieren und jene, welche die Arbeit neu schreiben.

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heimische Universität mit flächendeckender Plagiatsprüfung für ­w issenschaftliche Arbeiten war die Universität Wien.


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ETHIK IN DER WISSENSCHAFT

Zu den Fotos Die Fotografin Karin Wasner hat sich für diese Ausgabe mit dem Thema Ethik auseinandergesetzt und aus Texten zu den unterschiedlichen Anwendungsgebieten „Word Clouds“ gebildet. Die Begriffe, die am häufigsten vorkamen, wurden je nach Häufigkeit in unterschiedlicher Größe auf die Gesichter von Menschen projiziert.

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Ethik in der Wissenschaft

Einmal fehlerfreies Baby, bitte! Die Angebote, Kinder schon vor der Geburt durchzuchecken, wachsen stetig. Welche Folgen hat dieser Trend? Verena Ahne

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uter Hoffnung“ zu sein, endete für Lea in der zwölften Schwangerschaftswoche. Dabei wollte sich die 39-Jährige nur per Combined Test die „Gesundheit“ ihres Babys bestätigen lassen. Bei diesem derzeit gängigsten Check auf Chromosomenstörungen wie Down-Syndrom (DS) wird aus kindlicher Nackenfalte, zwei Blutwerten und dem Alter der Frau eine Wahrscheinlichkeit berechnet. In diesem Fall 1:8 für DS, ein sehr ungünstiger Wert. Um „sicher zu gehen“, schöpfte Lea bis zur Geburt das ganze Repertoire der Pränataldiagnostik aus – von Chorionzottenbiopsie über Organscreening, monatliche Ultraschalls (US) bis SpezialUS –, was ein halbes Dutzend teils dramatische Fehlalarme produzierte („Kind nicht lebensfähig“), die durch Folgeuntersuchungen jeweils entkräftet wurden, Lea aber in Panik versetzten. Über die Schattenseiten der Pränataldiagnostik (PND), die vor lauter Bemühen um Sicherheit oft Unsicherheit erzeugt, wird in Österreich kaum debattiert. Es gibt zwar eine Beratung, doch die wenigsten Schwangeren möchten sich schon vorher genauer darüber Gedanken machen, dass ihr Befund unerfreulich ausfallen könnte. Dass die Beratungsqualität nicht durchgängig hoch sein kann, zeigen auch Hunderte Anfragen in

Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin, Uni Wien

„Selbst bei geschulten DiagnostikerInnen kann es zu Fehlbefunden kommen – das muss thematisiert werden.“

einschlägigen Foren: Sie zeugen von der Blauäugigkeit, mit der in die PND hineingegangen wird, von Ahnungslosigkeit, falscher oder tendenziöser ärztlicher Information, von Verunsicherung und dem Gefühl, mit einem schlechten bis katastrophalen Ergebnis allein gelassen zu werden. Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien und Mitglied der Bioethikkommission, sieht das kritisch. „Wir brauchen ganz dringend eine deutlich bessere Aufklärung im gesamten Feld der PND.“ Kompetent und unabhängig müsste Frauen – am besten schon vorher – vermittelt werden, was Befunde bedeuten und wie hoch die Fehlerquoten sind. „Selbst bei geschulten DiagnostikerInnen kann es zu Fehlbefunden kommen, das muss thematisiert werden.“ In Linz eröffnete im Frühjahr die Diakonie eine Stelle für werdende Eltern nach der Diagnose „behindertes Kind“. Die letzte Regierung hätte trotz Übereinkunft zur Verbesserung der Situation nichts getan. „Durch bessere Angebote auch der Behindertenbetreuung könnte viel Druck von werdenden Eltern genommen werden“, wünscht sich der evangelische Theologe. Das zeigt etwa das Beispiel Holland, wo substanziell weniger Frauen auf DS testen lassen.

Neben der individuellen Ebene wäre aber auch gesamtgesellschaftlich ein Diskurs über die Implikationen von immer mehr pränatalen Untersuchungen nötig, wie ihn etwa Deutschland rege führt – in Österreich herrscht hierzu weitgehend Stillschweigen. Dabei dürfte allein die mögliche Gen-Sequenzierung künftig „Befunde“ liefern, die die Leben-oder-Sterben-Frage bei DS (derzeit werden 90 Prozent aller „Downies“ abgetrieben) weit in den Schatten stellen. Ethische Fragen türmen sich: Nach welchen Abweichungen soll künftig gesucht werden (dürfen)? Nur nach tödlichen Krankheiten (worunter das DS schon nicht mehr fiele)? Möglichen Anlagen welcher Krankheiten? Wo ziehen wir Grenzen? Wer zieht sie? Wer exekutiert sie? Schon heute werden in China und Indien nach PND vermehrt Mädchen abgetrieben. Könnten es künftig Kinder mit Neigung zu Fettsucht oder Brustkrebs sein? Oft wird argumentiert, mehr Wissen über Veranlagungen könnte die Vorsorge verbessern. Doch wiegt das ein Leben in Sorge und Dauer-Medizinüberwachung auf ? Und wie könnten wir ein – auch gefühltes – Recht auf Nichtwissen herstellen? Lea jedenfalls hätte das viel erspart: Ihr Sohn kam wider alle Prognosen pumperlg’sund zur Welt.

Effiziente Strafverfolgung statt Freiheit Russland setzt als Überwachungsstaat neue Maßstäbe für Großveranstaltungen wie die Olympiade rism auf Steroid“ nannte ein kanadiP scher Wissenschafter die geplante Überwachung bei den olympischen Winterspie-

len im russischen Sotschi in Anlehnung an das NSA-Programm „Prism“. Der russische Geheimdienst FSB soll laut Guardian jede Art von Kommunikation überwachen, aufnehmen und filtern können. Das SORMSystem, welches der FSB implementiert hat und nun weiter ausbaut, macht es möglich. Alle Daten, die aus oder nach Russland fließen, speichert SORM. Alles, was nächstes Frühjahr in Sotschi gegoogelt, gemailt oder am Handy besprochen wird, will der FSB speichern und überprüfen. Die Frage ist unausweichlich: Sind wir bereit, unsere Privatsphäre einer vermeintlichen Sicherheit zu opfern? 81 Prozent aller Amerikaner befürworten laut einer Umfrage des Time Magazine Überwachungssysteme im öffentlichen Raum. In Russland selbst sind keine größeren Proteste seitens der Bürgerrechtsbewegungen bekannt. Die Europäische Union finanziert spezifische Forschungsprogramme, welche die

„Big Data“-Autor Viktor Mayer-Schönberger

„Wir tauschen unsere Freiheiten gegen effizientere Strafverfolgungsbehörden ein. Dabei zeichnet eine liberale Gesellschaft aus, dass sie Freiraum auf Kosten von Sicherheit schafft.“

Auswirkungen der Totalüberwachung erforschen, aber auch die technischen Möglichkeiten der Datenerfassung und Datenanalyse zur Prävention von Verbrechen weiterführen sollen. Unter dem Namen INDECT arbeiten Organisationen und Forschungseinrichtungen zusammen, deren Ziel es ist, einen idealen Algorithmus zur Feststellung von Anomalien im Datenfluss zu errechnen. Anhand von Daten, die aus dem öffentlichen Raum mittels Überwachungskameras, E-Mails und Telefongesprächen selektiert werden, soll „abnormales Verhalten“ erkannt und in Folge den Sicherheitsbehörden weitergegeben werden. Datenschützer warnen vor den Gefahren der Totalüberwachung. Der Netzexperte und Autor von „Big Data“, Viktor Mayer-Schönberger, sagt dazu: „Wir tauschen unsere Freiheiten gegen effizientere Strafverfolgungsbehörden ein. Dabei zeichnet eine liberale Gesellschaft aus, dass sie Freiraum auf Kosten von Sicherheit schafft.“

Unter dem Namen IRISS finanziert die EU Forschungsprogramme, um den Spielraum auszuloten, den ein ethisch vertretbarer Umgang von Überwachungsszenarien mit dem Menschenrecht auf Privatsphäre zulässt. Erforscht werden die Auswirkungen der Überwachungssysteme und -technologien auf die Strukturen unserer demokratischen Gesellschaftssysteme. Der Kriminalsoziologe und Projektmanager von IRISS, Reinhard Kneissl, gibt der Überwachungsindustrie Schuld an der fortschreitenden Implementierung der Systeme und spricht von einem unausweichlichen Druck auf Politiker: „Sie hätten bei der Ablehnung von neuen Überwachungswünschen zu befürchten, für einen zukünftigen Anschlag verantwortlich gemacht zu werden, der angeblich hätte verhindert werden können.“ Die Angst vor Terrorakten ist auch in Russland groß, wenn nicht sogar größer als im Westen. Deshalb wird in Sotschi mehr oder weniger gleich alles überwacht. Ein Testfall für künftige Großveranstaltungen?

F o t o s : F o t o W i l k e / www . w i l k e . a t , R o b J u d g e s

Elly kiss


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Ethik in der Wissenschaft

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Haidingers Hort der Wissenschaft

Grafikkabinett Püribauers Tierversuche 

Ethos im Ausschuss m a r t i n h a i d i n ge r

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschafts­ journalist bei Ö1 und ­Staatspreisträger für Wissenschafts­ journalismus

Ill u st r a t i o n : Be r nd Pür ibaue r

Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Bildung als Schlüssel

Jahrtausende alte Werte

Ökonomie für den Menschen: Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft Amartya Sen. dtv. 432 S.

The Ethical Project. Philip Kitcher. Harvard University Press. 422 S

Wie lassen sich Lebensstandard und Entwicklungsgrad eines Landes messen? Nicht zwangsläufig am Bruttosozialprodukt. Amartya Sen, der 1998 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, setzt sich in seinem Buch mit Freiheit, Gleichheit und Solidarität im Zeitalter der Globalisierung auseinander. Er zeigt eine gespaltene Welt, in der die Kluft zwischen Turbokapitalismus und Verarmung immer größer wird. Den Schlüssel für eine gerechte Weltwirtschaft sieht der Autor in funktionierenden Bildungs- und Gesundheitssystemen.

Das menschliche Zusammenleben gelingt, da es von moralischen Prinzipien gelenkt wird. Doch wer entscheidet über Gut und Böse, Recht und Unrecht? Ist es die Religion, die uns leitet? Sind es einflussreiche Denker? Oder sind es vielmehr die Mitglieder der Gesellschaft selbst? Philip ­Kitcher untersucht, wie sich der soziale Wertekatalog durch gesellschaftliche Interaktion entwickelt und sich im Laufe von Jahrtausenden verfestigt hat. Philosophische wie auch sozialwissenschaftliche Gedanken prägen seine Theorie des „Pragmatischen Naturalismus“.

Moral und Hirnforschung Schwierige Spende

Organtransplantationen können Leben retten – vorausgesetzt, es kommt rechtzeitig zu einem Eingriff. Aber: Die Wartelisten sind lang und die Bereitschaft der Einzelnen zu spenden hält sich in Grenzen. In „The Ethics of Transplants“ geht Philosophin Janet Radcliffe Richards der Frage nach, welche moralischen Gedanken das Individuum bei der Spende lenken. Zudem betont sie die wichtige Rolle der Gesundheitspolitik. Ihre Kernbotschaft: Mehr Transparenz und Aufklärung in der öffentlichen Diskussion dieses Themas. Careless Thought Costs Lives: The Ethics of Transplants. Janet Radcliffe Richards. Oxford Univer­ sity Press. 304 S.

Lassen sich Moral und ethische Werte wissenschaftlich beschreiben? Vielerorts geht man nicht davon aus. Sam Harris legt mit seinem Buch „The Moral Landscape“ eine Gegenposition dar: Er beschreibt das Zusammenspiel von ethischen Werten und kognitiven Fähigkeiten, lässt dabei neurowissenschaftliche und philosophische Ansätze einfließen. Darüber hinaus widmet Harris sich in seinem Buch dem Thema Religion und beschreibt, weshalb Werte, die ausschließlich in einzelnen Glaubensgemeinschaften bestehen, sich langfristig nicht durchsetzen können. The Moral Landscape: How Science Can Determine Human Values Sam Harris. Free Press. 320 S.

as Ethos ist – nach seiner griechischen Wortbedeutung als „Sitte“ und D „Brauch“ – wie das (vermeintliche) Wis-

sen vor allem eine Angewohnheit. So wie die Moral, frei nach Karl Kraus, einmal ein Vorurteil der höheren Stände war. Und mangelnde ethische Haltung in der Wissenschaft wird oft mit schlechtem Benehmen gegenüber der Nicht-Wissenschaft verwechselt. Wenn etwa die Biochemikerin Renée Schroeder, Professorin am Department für Biochemie der Max F. Perutz Laboratories in Wien, Religion, und hier im Speziellen die christliche, über irgendwelche für sie freigeschalteten TV-Mikrofone als „­Bullshit“ bezeichnet, erweist sie sich damit als ungehobelt und – pardon – nicht gerade von erhelltem Verständnis für die Weichteile europäischer Aufklärung. Die fordert nämlich die Achtung vor der Überzeugung und den Gefühlen anderer. Aber mit Ethos im philosophischen Sinn hat das wenig zu tun, weil es bei der Ethik in Wahrheit um die Förderung des Lebens geht, und nicht um schlechte Kinderstube. Weshalb Frau Schroeder, die bei ersterem sicher mitgeht, auch ohne Probleme eine Zeit lang den ihr zugewiesenen Stuhl in der heimischen Bioethikkommission einnehmen konnte. Hier hat sie wenigstens nach meiner Erinnerung keine Andersdenkenden herabgewürdigt. Es wimmelt(e) in der Kommission nur so von Reproduktionsmedizinern und Genetikern, deren Welt nichts mit den patrologischen Schriften von Kirchenvätern oder den Betstuben alter Kirchenmäuse gemeinsam hat. Einige der (Ex-)Kommissare, wie die hochgeschätzten Stars der Scientific Community Johannes Huber und Markus Hengstschläger, werden obendrein der „katholischen Seite“ zugerechnet – was immer die auch sein mag. Meistens verstehen ja ausschließlich deren Gegner, diese zu definieren, und denen überlasse ich das dann getrost – mit ähnlichem Interesse wie an einem alten Knochen. Zum Hundefraß verkommt auch zusehends der Umgang mit allen „ethischen“ Kategorien, die in der außerwissenschaftlichen Welt als „Werte“ bekannt sind. Womit die p.t. Freunde der Alltagsphilanthropie jener neuen Partei, deren größter lebender Philosoph das Wort zwar dauernd im Munde führt, indes im Deutschen nicht einmal korrekt artikulieren kann, und zugleich der von seiner Partei als Wilderin abgespaltenen wildesten aller Abgeordneten im österreichischen Nationalrat viel Spaß beim Benagen dieses Knochens wünschen mögen. Das Ethos im kommenden Wissenschafts-„Ausschuss“ des Parlaments könnte jedenfalls von ungeahnter Größe sein.


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HEUREKA

ETHIK IN DER WISSENSCHAFT

DIETER HÖNIG

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immt die Wissenschaft den Satz, „sich die Erde untertan machen“ zu wörtlich? So wurde etwa Erwin Chargaff, der den Grundstein zur Gentechnologie legte, deren größter Skeptiker: „Sie pfuschen am Menschen herum, manipulieren an den Genen – ein molekulares Auschwitz droht. Auch ein Genie kann nicht mehr gutmachen, was ein Trottel angerichtet hat.“ Starrsinn eines greisen Mannes oder weise Voraussicht? Tatsächlich findet in der Wissenschaft zunehmend ein Nachdenkprozess statt. Er betrifft etwa die Vermeidung unnötigen Tierleides bei Experimenten aus rein ökonomischen Motiven wie auch den ehrlicheren Umgang mit humanen embryonalen Stammzellen. Auch ist die zunehmende Ökonomisierung der Wissenschaft vielen Wissenschaftern ein Dorn im Auge.

Wir klonen, wir klonen! Wird Frankensteins Traum wahr? Im Sommer dieses Jahres sorgte eine Meldung in den Medien für einige Irritation: „Der Mensch kann geklont werden!“ Amerikanischen Forschern war es erstmals gelungen, Embryonen aus menschlichen Hautzellen zu erzeugen. Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health and Science University in Portland und seinen Kollegen ist damit geglückt, worum sich Forscher seit etwa sechzehn Jahren weltweit vergeblich bemühten. Mitalipov und sein Team nahmen den Zellkern einer menschlichen Zelle, verfrachteten ihn in eine Eizelle, deren Zellkern sie entfernt hatten, und brachten diese dazu, sich zu teilen und einen Embryo zu bilden. Sie ließen die Embryos allerdings nicht lange wachsen. Nach einigen Zellteilungen zerstörten sie diese, um daraus Stammzellen zu gewinnen, denn einzig um diese ging es.

Ethik in der W

Kritiker des Experiments befürchteten, dass man die Embryos weiter wachsen lassen könnte, um sie später Frauen einzupflanzen. „Im Prinzip könnte man jetzt Menschen klonen“, bestätigt auch Rudolf Jänisch, der am Whitehead-Institut in Boston an Stammzellen forscht. Der Vorstand des Instituts für Genetik an der MedUniWien, Markus Hengstschläger, meint dazu: „Es handelt sich bei diesem Experiment um die Herstellung von Stammzellen und nicht eines Lebewesens. Geklonte Stammzellen haben das Genom eines bereits existierenden Lebewesens.“ Die Idee dahinter: Stammzellen, so sie eines Tages für die Therapie eingesetzt werden, können nicht abgestoßen werden, weil sie vom Empfänger selbst stammen. Das Klonen eines Menschen ist für Hengstschläger aus biologischen wie ethischen Gründen abzulehnen. Hier bestehe international breiter Konsens. Dieser Meinung schließt sich auch Franz. M. Wuketits, Professor für Philosophie und Biologie an der Uni Wien, an. Wuketits hält den Menschenklon für gefährlichen Unsinn, da man gar nicht wissen könne, ob Kinder, die quasi reproduziert werden, auch gesund sind.

Ethiker hätten in der Wissenschaft viel zu tun – nur, wie sollen sie eine wissenschaftliche Ethik ansetzen?

Wer von Forschung profitieren will, muss sich beteiligen Im Bereich der Humanforschung stellt sich ein weiteres Dilemma dar: Begleitende Qualitätssicherung und medizinischer Fortschritt lassen sich nur dann auf höchstem Niveau realisieren, wenn von mindestens 90 Prozent der Patienten Langzeitergebnisse verfügbar sind. Datenschutzüberlegungen aus ethischen Motiven sind in diesem Zusammenhang nicht gerade förderlich. „Leider herrscht in Österreich vielerorts noch ein völlig falsches Verständnis von Wissenschaft. Der Datenschutz darf nicht als Vorwand dienen, die Forschung zu blockieren“, kritisiert Ferdinand Mühlbacher, Vorstand der Chirurgie am AKH Wien, die aktuelle Situation. „Jemand, der zu Recht von der besten medizinischen Behandlung profitieren möchte,

Alles verfügbar: der Mensch als Ersatzteillager? Auch die gefürchtete Horrorvision „Der Mensch als Ersatzteillager“ steht laut Hengstschläger nicht zur Diskussion. Stammzellen für Therapien einzusetzen, sei längst gängige Praxis, so für LeukämieTherapien. In Zukunft werde man hoffentlich immer öfter Stammzellen zur Regeneration funktionsgeschädigter Organe verwenden können. Handelt es sich dabei um adulte Stammzellen (Stammzellen des erwachsenen Organismus), wäre das auch aus ethischen Gründen sehr zu befürworten.

„Wollen Sie doppelt oder dreifach existieren?“ DIETER HÖNIG

Franz M. Wuketits lehrt an der Uni Wien am Institut für Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie der Biowissenschaften. Sein letztes Buch mit dem Titel „Zivilisation in der Sackgasse“ ist Ende vergangenen Jahres erschienen. Herr Wuketits, erst kürzlich ist es amerikanischen Forschern gelungen, menschliche Embryonen ausnormalen Körperzellen zu klonen. Ist hier eine ethische Schwelle überschritten? Franz M. Wuketits: In diesem Bereich bewegt man sich auf einer ethischen Gratwanderung. Natürlich wird versucht, Eingriffe dieser Art mit dem Hinweis auf mögliche

positive Entwicklungen zu rechtfertigen, aber die Frage bleibt, inwieweit sich negative Effekte dabei einstellen. Das Klonen von Menschen halte ich persönlich für gefährlichen Unsinn. Zum einen wissen wir überhaupt noch nicht, ob diese Kinder, die geklont zur Welt kommen, gesund werden, und zum anderen: Warum soll man Menschen klonen? Wollen Sie doppelt oder dreifach existieren? Wer beurteilt aber, was Wissenschaft darf und was nicht? Wuketits: In der Hauptsache müsste man dem Wissenschafter selbst diese Beurteilung überlassen dürfen, weil er ja die möglichen Konsequenzen seiner Arbeit doch am

Und bei embryonalen Stammzellen? Derzeit betreibt die Wissenschaft an humanen embryonalen Stammzellen Grundlagenforschung. Jedes Land regelt diese auf seine Weise. „In Bezug auf ethische Fragestellungen hat die Europäische Union wesentlich weniger Mut zum Eingriff als etwa bei Glühbirnen, zumal europäisches Forschungsgeld auch für embryonale Stammzellenforschung eingesetzt wird“, sagt die Vorsitzende der Bioethikkommission, Christiane Druml. Peter Kampits, Vorsitzender des Beirats für Bio- und Medizinethik, findet es geradezu absurd, dass österreichische Forscher, so sie embryonale Stammzellen benötigen, diese aus dem Ausland beschaffen müssen. Wenn die Ergebnisse der Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen der österreichischen Bevölkerung zugute kommen sollen, sei es notwendig, dass sich auch Österreich an solchen Projekten beteilige.

„Wissenschafter müssen moralische Aspekte in ihrer Arbeit unbedingt berücksichtigen“

besten abschätzen sollte. Das aber bedeutet, dass jeder Wissenschafter moralische Aspekte in seiner Arbeit unbedingt berücksichtigen müsste. Muss nicht auch die Gesellschaft ihren Teil an Verantwortung wahrnehmen? Wuketits: Sicher, aber das ist ein Bildungsproblem. Man müsste voraussetzen dürfen, dass jeder Mensch genügend Kritikfähigkeit mitbringt und sich so weit informiert, dass er auch zu heiklen Fragen Stellung beziehen kann. Hier hätten die Schulen eine enorm wichtige Funktion. Aber was mit unserem Bildungssystem geschieht, sieht man ja. Statt wirklich umfassende Bildung zu fördern, wurde eine alberne Rechtschreibreform durchgesetzt, wird endlos über das Lehrerdienstrecht gestritten usw. Bildung selbst bleibt auf der Strecke.


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Ethik in der Wissenschaft

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Wissenschaft sollte auch fairerweise etwas zum weiteren Fortschritt der Forschung beitragen, indem er zum Beispiel der Auswertung seiner Krankheitsdaten zustimmt. Seriöse Forschung darf und kann keine Einbahnstraße sein.“

Das Wissen als Basis für wissenschaftliche Ethik fehlt

Herbert Hrachovec, Philosoph: Ob gesunde Lebensmittel oder der Um- „Nicht moralische gang mit Embryonen und Stammzellen – Appelle verhindern hierzulande werden ethisch heikle Fragen, Plagiate, sondern gut wenn überhaupt, in unterschiedlichen Ge- organisierte Maßnahmen setzen geregelt oder an einzelne Ethikkom- zum Selbstschutz der missionen delegiert. Deren Entscheidun- Wissenschaften.“

F o t o s : K a r i n W a s n e r , J e ff m a n g i o n e , U n i W i e n

gen fallen aufgrund individueller Sichtweisen sehr unterschiedlich aus und hinterlassen Verwirrung statt Rechtssicherheit. In Österreich steht die Beratung über ein eigenes Forschungsgesetz auf der Tagesordnung der Bioethikkommission. Ob es je zur Realisierung kommen wird, darüber zeigt sich nicht nur Ethikbeiratsvorsitzender Peter Kampits skeptisch. „Ethik kommt in den Wissenschaften immer dort in Betracht, wo es darum geht, sich einzugestehen, dass die Wissenschaften, wie Gaston Bachelard bemerkte, keineswegs Fakten erkennen, sondern vielmehr Effekte produzieren. Es wird nicht so sehr gewusst, sondern vielmehr konstruiert“, sagt Robert Pfaller, Philosoph an der Universität für Angewandte Kunst. Darum gebe es hier auch kein gesichertes, abrufbares Wissen, auf das man sich, zum Beispiel in Ethikkommissionen, stützen könne. Den gegenteiligen Schein zu erwecken, hält der Philosoph Robert Pfaller für eine weit verbreitete, unethische Täuschung im aktuellen Wissenschaftsgeschäft. „Und daraus folgt auch, dass es in der wissenschaftlichen Praxis sehr viel Ungewisses, Unvorhersehbares, notwendig

Robert Pfaller, Philosoph: „Ethik kommt in den Wissenschaften immer dort in Betracht, wo es darum geht, sich einzugestehen, dass die Wissenschaften keineswegs Fakten erkennen, sondern Effekte produzieren.“

Lassen sich Forschungsziele vorschreiben – oder gar verbieten? Wuketits: Grundsätzlich ist die Wissenschaft frei. Aber sie darf natürlich nicht die Menschenrechte verletzen und sie darf nicht in Tierquälerei ausarten. Wissenschaft ist ein offenes System, man kann ja im Vorhinein nicht wissen, welche Ergebnisse bestimmte Forschungen ans Tageslicht befördern werden. Ein Forschungsergebnis vorzuschreiben, geht also schon einmal nicht mehr. Daher kann man auch nicht wissen, ob da etwas besser im Vorhinein schon verboten werden sollte. Wie sollte eine funktionierende Ethik Ihrer Meinung nach aussehen? Wuketits: Das lässt sich nicht pauschal Franz M. Wuketits: beantworten. Ethik ist ja diejenige philoso- „Ethik liefert keine phische Disziplin, die sich mit moralischem Kochrezepte! “

Offenes gibt und dass, wie Spinoza formulierte, die Idee immer lange vor der Idee der Idee kommt.“ So zu tun, als könne man Erkenntnis vorhersagen oder sie anhand von bloßen Berichten evaluieren, hält Pfaller für eine der aktuellen fundamentalen Täuschungen. Sie werde von Wissenschaftsbürokraten zu deren eigenem Vorteil aufrechterhalten. „Diese produzieren, unter dem Vorwand der Erhöhung von Transparenz und Nachvollziehbarkeit, das genaue Gegenteil: eine Anhäufung undurchdringlicher Berge von nichtssagender Dokumentation. Eine ethische Haltung in den Wissenschaften einnehmen heißt, der bürokratischen Täuschung zu widerstehen und deren Implementierung politisch zu bekämpfen.“

der Bank nicht zu schaden. Kontrolle hätte die Bankencrashs verhindert, nicht aber Gebete und Eide.“ Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernard Kempten, räumt ein, dass die äußeren Rahmenbedingungen im Wissenschaftsbetrieb, gerade bei jungen Wissenschaftern, ein unethisches Verhalten begünstigen. „Häufig ist der Wettbewerbsdruck von außen sehr groß. Das ständige Drängen auf eine Erhöhung von Drittmittelquote und die persönliche Bezahlung nach Parametern wie eben Drittmittel-Akquise, Promotionen und Veröffentlichungen ist wissenschaftsinadäquat.“

Wirksame Kontrolle statt Beten und Schwören

Dies sieht der Philosoph Franz W. Wuketits ähnlich: „Der Wissenschafter, der heute in der empirischen Forschung steht, ist gezwungen, möglichst viele Daten zu liefern und in möglichst kurzer Zeit Projekte abzuschließen. Die kosten Geld, das er womöglich auch noch selbst akquirieren soll, wie etwa die Beantragung von Drittmitteln.“ Der junge Wissenschafter sei oft einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt, denn er muss – auf Teufel komm’ raus – Ergebnisse vorweisen. Zusätzlich muss er sich allerlei – oft nicht nachvollziehbaren – Rankings und Evaluierungen unterziehen und Punkte sammeln wie ein Schulkind, um dann irgendwie gut da zu stehen. Darunter leidet natürlich das Niveau in vielen Forschungsbereichen. Wuketits: „Wissenschaft darf sich nicht dem ökonomischen Terror beugen. Sie ist ein offenes System, und je freier sich der Einzelne darin bewegen kann, desto geringer ist die Gefahr von Plagiaten, Datenfälschungen und ähnlichem.“

Im Wissenschaftsbetrieb sieht man sich genötigt, gegen eine zunehmende Ökonomisierung vorgehen zu müssen: Plagiate bei Doktorarbeiten sowie etliche professionelle Unternehmen, die zahlungsfähigen Promotionskandidaten Hilfestellungen bei der Literaturrecherche und auch Ghostwriting anbieten, sind in Österreich und sehr viel mehr noch in Deutschland keine Seltenheit. Glaubt man in Deutschland mit Eid-Ablegungen und neuen Strafgesetzen wie etwa „Wissenschaftsbetrug“ dem Schwindel Herr zu werden, gibt man sich in Österreich pragmatischer. Der Philosoph Herbert Hrachovec ist überzeugt, dass man Schwindler nie ganz verhindern, aber die Vorkehrungen gegen Wissenschaftsbetrug verstärken kann: „Das gelingt aber nicht mit moralischen Appellen, sondern durch gut organisierte Maßnahmen zum Selbstschutz der Wissenschaften. So wie es wenig Sinn macht, Banker ethisch zu erziehen,

und unmoralischem Handeln beschäftigt und hilft, Argumentationsformen für richtiges Handeln zu finden. Moralische Entscheidungen im Einzelnen jedoch sind viel konkreter – ich muss sie immer wieder aufs Neue treffen. Ethik liefert keine Kochrezepte! Man muss dazu auch bedenken, dass innerhalb der Ethik unterschiedliche Positionen vertreten werden. Descartes meinte, Ethik gelte nur für den Umgang von Menschen miteinander. Tiere setzte er mit Maschinen gleich. Wie denken Sie über Tierversuche? Wuketits: In der militärischen Industrie und in der Kosmetikindustrie etwa dürften Tierversuche meines Erachtens überhaupt nicht durchgeführt werden. In der Human- und Veterinärmedizin sollte immer überlegt werden, ob bestimmte Forschungen nicht

Wissenschaft darf sich nicht der Ökonomie beugen

auch ohne Tierversuche möglich sind. Aber soweit ich sehe, bemüht man sich bei aktuellen Forschungsvorhaben auch um Alternativen zu Tierversuchen. Hinkt die Ethik der Forschung nicht immer hinterher? Wuketits: Auf jeden Fall, neuerdings droht die Forschung den Forschern selbst wegzulaufen. Aber vielleicht hilft nach wie vor der kategorische Imperativ von Kant. Wie meinen Sie das? Wuketits: Auf den Toiletten in den ICEZügen der Deutschen Bundesbahnen findet man die Aufschrift: „Bitte verlassen Sie diesen Ort so, wie Sie ihn gerne vorfinden möchten.“ Das wäre der kategorische Imperativ von Kant, angewandt auf die Toiletten der Deutschen Bundesbahnen.


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heureka

Ethik in der Wissenschaft

Kinder in der Medikamentenforschung Jochen Stadler

Darf man in der Kinderheilkunde Medikamente systematisch an Kindern testen? Wenn nicht, mangelt es an zugelassenen Wirkstoffen und Therapien

Kinder erhalten Medikamente, die für Erwachsene geeignet sind

„In der Kinder- und Jugendheilkunde verwenden wir fast ausschließlich Medikamente, die nicht für die Altersgruppe geprüft und daher auch nicht für sie zugelassen sind“, sagt Arnold Pollak, Leiter der Kinderklinik der MedUni Wien. Man könne Kinder nicht einfach als kleine Erwachsene behandeln. Mit dem Herunterrechnen der Dosis gemäß Körpergewicht sei es nicht getan. „Die Medikamente breiten sich im Körper der Kinder anders aus, werden anders aufgenommen und ausgeschieden, auch ihre Nieren und Leber funktionieren anders.“ In der Vergangenheit lernten die Ärzte oft erst aus bitterer Erfahrung – etwa, dass der Wirkstoff in Aspirin bei Kindern tödliche Gehirnschäden auslösen kann. „Ein anderes Beispiel ist der Sauerstoff. Man hat geglaubt, wenn Neugeborene blau werden, soll man ihnen Sauerstoff geben, so werden sie wieder schön rosig“, sagt Pollak. Dieses Vorgehen hatte oft verheerende Folgen, da der erhöhte Sauerstoffdruck etwa die Netzhaut schädigte.

bende Schäden entstehen. „Je früher man angeborene Fehler im Stoffwechselprogramm mit Medikamenten korrigieren kann, desto mehr Chancen hat das Kind, normal heranwachsen zu können“, sagt sie.

Stärkere Zusammenarbeit von Ärzten und Pharmaindustrie

„Die rigiden Gesetze wurden natürlich zum Schutz der Kinder geschaffen. Aber man hat damit auch die Forschung zu ihrem Nutzen verhindert“, erklärt Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt. Die grundlegenden Regeln über die Forschung am Menschen stammen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei ihrem Entwurf hatte man die menschenverachtenden Experimente der Nazis vor Augen. Für aktuelle klinische Studien passen sie oft nicht. Daher hat die Bioethikkommission kürzlich Empfehlungen für die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen, also auch Kindern, herausgegeben und rät, klinische Studien, bei denen die Patienten keinem oder minimalem Risiko ausgesetzt werden, prinzipiell zu erlauben. „Wenn etwa für Studien Krankheitsgeschichten nachträglich ausgewertet werden, gibt es kein Risiko für die Kinder“, sagt Druml. Auch bei Zuckerbelastungstests, Blutabnahmen und Harnproben seien das Risiko und die Belastung minimal, der Erkenntnisgewinn und der mögliche Nutzen jedoch groß.

Ein neues Kinderforschungsnetzwerk namens O.K.ids soll die Zusammenarbeit von Kinderärzten und der Pharmaindustrie unterstützen, damit mehr der dringend benötigten Medikamente entwickelt werden. Die Initiative geht vom Gesundheitsministerium aus. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil die EU bis Jahresende einen nationalen Aktionsplan verlangt, wie die medizinische Situation für Kinder verbessert werden soll. Die EU nimmt seit dem Jahr 2007 aber auch die Firmen in die Pflicht. Wollen sie neue

„Wenn etwa für Studien Krankheitsgeschichten nachträglich ausgewertet werden, gibt es kein Risiko für die Kinder.“ Arzneimittel auf den Markt bringen, müssen sie diese nun auch in Studien an Kindern testen, wenn bei ihnen Bedarf besteht.

Wie Medikamente an Kindern getestet werden Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission: „Die rigiden Gesetze wurden zum Schutz der Kinder geschaffen. Aber man hat damit auch die Forschung zu ihrem Nutzen verhindert.“

Erfolgreiche Kindertherapie aus Verzweiflung

Es gibt aber auch Glücksfälle, bei denen die Ärzte aus Mangel an Alternativen mit Erwachsenen-Medikamenten unverhofft gute Wirkungen beobachteten. „Wir haben bei Kindern mit wiederkehrenden Gehirntumoren aus Verzweiflung ein Medikament eingesetzt, das bei Erwachsenen in der Krebstherapie viel verwendet wird, und hatten damit erstaunliche Erfolge“, sagt Pollak. Doch der Weg, solche Medikamente systematisch an Kindern zu testen und so zur Zulassung zu bringen, sei steinig und lang. Um genügend Patienten für eine Studie zu bekommen, müssen sich viele Zentren aus mehreren Ländern zusammentun. Bei Studien mit Erwachsenen treten Pharmafirmen oft als Sponsoren auf und

kümmern sich auch um bürokratische Hürden. Für Studien an Kindern stellen sie meistens die Medikamente zur Verfügung. „Es hat uns aber drei Jahre intensiver Arbeit gekostet, um allein die Verträge mit der Firma und den einzelnen medizinischen Partnern abzuschließen“, sagt Pollak.

Arnold Pollak, Leiter der Kinderklinik, MedUni Wien: „In der Kinder- und Jugendheilkunde verwenden wir fast zur Gänze Medikamente, die nicht für die Altersgruppe zugelassen sind.“

Dabei werden keine gesunde Kinder mit „irgendwelchen frühen Medikamenten“ beforscht, erklärte Ruth Ladenstein, Onkologin am St. Anna Kinderspital und Leiterin von O.K.ids. Die Wirkstoffe werden erst in Zellen, dann im Tierversuch und später bei Erwachsenen getestet, bevor man damit betroffene Kinder behandelt. „In der Krebstherapie sind dies etwa Kinder, bei denen bewährte Therapien mit Standardmedikamenten keinen bleibenden Erfolg bringen“, so Ladenstein. Nachdem sich die Mediziner von der Erwachsenendosis gemäß Alter und Gewicht des Kindes an die richtige Dosis herangetastet haben, wird geklärt, ob die Medikamente bei den Kindern auch tatsächlich die gewünschte Wirkung zeigen – Nebenwirkungen werden erfasst. Schließlich vergleicht man die Therapieerfolge von neuen Wirkstoffen mit etablierten Medikamenten. „Placebos, also Pseudomedikamente, wollen wir den Kindern nicht zumuten, das wäre zum Beispiel bei krebskranken Kindern auch ethisch nicht vertretbar“, sagt Ladenstein. Über Studien bekomme man oft Zugang zu Medikamenten, die auf dem Markt noch nicht erhältlich sind. Zum Beispiel bei Stoffwechselerkrankungen könnte man damit Patienten behandeln, bevor sich das Krankheitsbild manifestiert hat und blei-

Brauchen wir neue Gesetze zur Forschung an Kindern?

Eltern finanzieren die Forschung an ihren Kindern

Als Rainer Riedls Tochter ein paar Jahre alt und das Verbändewechseln Routine war, gründete er einen österreichischen Ableger der Selbsthilfeorganisation „Debra“ mit. Er fragte auch nach neuen Therapien. In fünf Jahren, also um die Jahrtausendwende, würde es erste klinische Studien geben, hörte er. Als dann aber immer noch nichts in Sicht war, entschlossen sich die betroffenen Eltern, Fundraising zu lernen. Sie schafften es, ein Spital samt Forschungslabors und Ausbildungsprogramm zu finanzieren: das EB-Haus in Salzburg. Heute fördern sie sogar Grundlagenforschung, etwa die Arbeit von Arabella Meixner am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien. Sie will aus Haarwurzelzellen der Kinder Stammzellen machen, darin das oft schadhafte Kollagen-Gen durch ein funktionierendes ersetzen und die geheilten Stammzellen wieder in Hautzellen zurückverwandeln. „Beim Mausmodell funktioniert es schon, dass die Haut wieder belastbar wird, wenn man solche Zellen injiziert“, sagt sie. Nun wird sie mit den Medizinern vom EB-Haus erforschen, wie solche reparierten Haut-Stammzellen den Schmetterlingskindern am besten helfen.

F o to: Bun d e sk a nz le r a m t, M e dun i W i e n

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m Anfang ging es nur darum, den Tag zu überleben. Denn immer, wenn sich mein Kind irgendwo leicht angeschlagen hatte, war es schwer verletzt. Wir mussten das Mädchen dutzende Male verbinden und versuchen, ihre Schmerzen zu stillen.“ Die Tochter von Rainer Riedl ist ein „Schmetterlingskind“. Sie leidet unter einer Erbkrankheit, bei der die Hautschichten nicht gut miteinander verbunden sind. Diese Kinder sind von Wunden und Narben übersät, bekommen oft Hautkrebs und müssen ständige Schmerzen aushalten. Linderung oder gar Heilung gibt es nicht. Ähnliches gilt für viele andere Leiden, die Kinder heimsuchen. Einerseits werden Kinder wegen der strengen Gesetze kaum in die klinische Forschung einbezogen, andererseits gibt es auch zu wenige junge Patienten.


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Ist Nanotechnologie ethisch vertretbar? Sonja Burger

Die ersten Visionen von Nanotechnologie

Sie gilt vielen als Wunderwuzzi der Zukunft: die Nanotechnologie. Sie wirft aber auch neue ethische Fragen auf

Seitdem gilt Drexler als Pionier und Visionär der molekularen Nanotechnologie. Der Gedanke dahinter geht indes auf den Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman zurück. Dieser teilte seine Ideen zur Molekulartechnik und zu nanoskaligen Maschinen im Dezember 1959 anlässlich seiner Rede „There's Plenty of Room at the Bottom“ vor der American Physical Society (APS) erstmals einem Fachpublikum mit. Es sollte aber noch Jahrzehnte dauern, bis Feynmans Visionen zumindest teilweise realisiert werden konnten. Die Faszination für den Nanobereich, speziell die molekulare Fertigung, wird von einer ganzen Reihe ethischer Fragestellungen begleitet.

Nanosilber ist schon in unseren Alltagsprodukten

Nano kann Eigenschaften von Elementen ändern Heute ist man technisch imstande, „partikuläre Nanomaterialien“ (Manufactured particulate nanomaterials – MPN) herzustellen. Es steht außer Frage, dass deren Anwendungsmöglichkeiten breit gefächert sind, denn sie bringen nicht nur aus technischer Sicht einige Vorteile. Dennoch hat die Sache einen Haken: Nanopartikel sind zwischen einem und hundert Nanometern groß und weisen oft veränderte oder völlig neue biochemische und biophysikalische Eigenschaften auf. Dies zieht einige Probleme nach sich, mit denen sich Daniela Haluza, Umweltmedizinerin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien, beschäftigt. „Nanoskalige Goldpartikel sind nicht goldfarben, sondern rot. Sprich: ändert man die Größe der Partikel, können sich auch deren Eigenschaften ändern“, erklärt Forscherin Haluza. Eigentlich sollten deren biologische Wirkung in der Umwelt und im menschlichen Organismus allein schon deshalb berücksichtigt werden. Ob das in der Praxis so gehandhabt wird? Die ernüchternde Antwort lautet: Eher nicht. Zwar veröffentlichte die EU-Kommission im Oktober 2011 eine Definition von Nanomaterial, diese ist aus Sicht der Umweltmedizinerin Haluza aber nicht weitreichend genug.

herausholen“, erklärt Haluza. Entsprechend kritisch sieht sie die EU-Richtlinie, in der weder ein Schwellenwert für die Größe festgelegt, noch die Frage nach der Art der Substanz geklärt wurde. Dieser Aspekt berührt gleich zwei zentrale ethische Fragestellungen der Nanotechnologie: Wie erfolgt die Prüfung und Risikoabschätzung von Nanomaterialien und welche Auswirkungen haben sie auf die Umwelt? Zu den Top-Problemen in puncto Risikoabschätzung zählt laut Experten die oft ungeklärte Frage von Langzeiteffekten. Die Liste der derzeit verwendeten Nanomaterialien ist lang und reicht von A wie Aluminiumoxide bis Z wie Zirkoniumdioxid. Werden diese für Medizinprodukte eingesetzt, unterliegen sie strengen Qualitätskriterien und ihre Unbedenklichkeit muss gewährleistet sein.

Erwin Lengauer, Uni Wien: „Nanotechnologien werfen keine neuen Fragen auf, sondern geben alten Fragen wie Risiko und Zugang eine neue Bedeutung.“

Daniela Haluza, MedUni Wien: „Nanoskalige GoldpartiNanopartikel: kel sind nicht goldfarben, Je kleiner, desto giftiger sondern rot. Sprich: „Bei Nanopartikeln gilt: Je kleiner, desto to- ändert man die Größe xischer. Gelangen sie in die Umwelt oder der Partikel, können sich den menschlichen Organismus, lassen sie auch deren Eigenschaften sich ab einer gewissen Größe nicht mehr ändern.“

Nanosilber ist für Haluza ein heikles Thema. Es ist bakterizid und wird sowohl in Medizin- als auch Alltagsprodukten angewendet. Über Abwässer gelangt es in die Nahrungskette. In Schweden wurde Nanosilber in Konsumprodukten inzwischen verboten, da die Folgen aus ökotoxikologischer Sicht nicht vertretbar gewesen seien. Fakt ist, dass Nanopartikel in vielerlei Hinsicht „anders“ reagieren als größere Partikel. Peter Rehak, Vorsitzender des Forums Österreichischer Ethikkommissionen, betont, dass man zwar manches theoretisch festlegen könne, man aber nicht um Humanexperimente herum komme. Denn: „In Wahrheit wissen wir nicht, wie sich Nanopartikel im Körper verhalten. Dazu gibt es zu wenige Humanstudien.“

Wie sieht die Langzeitwirkung von Nano aus? Fehlende Informationen über Langzeiteffekte sind auch für Rehak ein Problem. Die gegenwärtige Tendenz, Medikamente zu einem relativ frühen Zeitpunkt zuzulassen, lasse wenig Spielraum für Langzeitbeobachtungen. Dennoch sei das vorhandene Instrumentarium zur Überwachung der Entwicklung neuer Medikamente seiner Ansicht nach ausreichend. Nanotechnologien seien jedoch technisch anders, weshalb man sowohl den Nutzen wie auch die Risiken möglichst gut abschätzen müsse. Was einer fundierten Nutzen-Risiko-Abschätzung jedoch in die Quere kommt, sind unausgewogene Metaanalysen. Der Grund: Viele Null- und Negativstudien werden nicht berücksichtigt. Dies ist, wie die Chemikerin Leonie Mück in ihrem Artikel „Report the awful truth!“ in der Fachzeitschrift Nature Nanotechnology betonte, quer durch alle Wissenschaftsdisziplinen der Fall.

Für Haluza ist diese Publikationspraxis mit ein Grund, weshalb die Risikoabschätzung in der Nanotechnologie so schwierig sei. Außerdem würden nur fünf Prozent der Forschungsgelder in die Risikoforschung fließen. Warum diese Null- und Negativstudien kaum publiziert werden, hat verschiedene Gründe und fällt unter das Stichwort Informationsvorenthaltung.

Die Strategie der Informationsvorenthaltung Der Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich vom Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Johannes Kepler Universität Linz erklärt, dass diese Strategie eine lange Tradition habe. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts sei sie durch die Einführung des Publikationsdatums als Prioritätskriterium beendet worden. „Heutzutage“, kritisiert Fröhlich, „wird vielen Wissenschaftern jedoch ein juristischer Maulkorb verpasst“. Rigide Publikationsklauseln, Knebelverträge sowie der steigende Druck, möglichst erfolgreich Drittmittel einzuwerben, schaffen ein Klima, das die Publikation von Null- und Negativstudien nicht sonderlich attraktiv macht. Ein Weg, um diesen Entwicklungen entgegenzusteuern, wären laut Fröhlich verpflichtende, international vernetzte Forschungsregister. Diese könnten verhindern, dass Null- und Negativstudien bei Metaanalysen und Nutzenbewertungen unter den Tisch fallen.

Darf Nanotechnologie Einzelnen Vorteile verschaffen? Zeitgemäße ethische und soziale Fragen werden im Journal NanoEthics: Ethics for Technologies that converge at the nanoscale thematisiert, das der Springer Verlag seit 2007 herausgibt. In einem aktuellen Beitrag hinterfragt etwa Fabio Bacchini, ob Nanotechnologien neue ethische Fragen aufwerfen oder nicht. Dem Ansatz kann Bioethiker Erwin Lengauer von der Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft der Universität Wien einiges abgewinnen. „Nanotechnologien werfen keine neuen Fragen auf, sondern geben alten Fragen wie Risiko und Zugang eine neue Bedeutung“, betont Lengauer. Schon die Tatsache, dass es inzwischen ein eigenes Fachjournal gebe, verdeutliche, „wie wichtig und notwendig ein Forum für den Diskurs ist“. Laut der Umweltmedizinerin Daniela Haluza profitieren Patienten von verschiedenen Entwicklungen, etwa Hörprothesen (Cochlea-Implantate), enorm. Doch wie geht eine Gesellschaft damit um, wenn manche Gesunde – von militärischen Anwendungen ganz zu schweigen – in den Genuss dieser Entwicklungen kommen und so ihre Körper im Sinne der Leistungssteigerung optimieren können – und andere nicht?

Foto: Univer sität Wien, Privat

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in Buch bewegte 1986 die Welt: „Engines of Creation“ von Kim Eric Drexler gilt als Initialzündung für den Durchbruch der Nanotechnologie. Der Autor war der erste mit einem Ph.D in molekularer Nanotechnologie und thematisierte in seinem Buch sowohl deren Anwendungsmöglichkeiten als auch etwaige Auswirkungen.


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Ethik in der Wissenschaft: Das Glossar Das Crash-Test-Dummy ersetzte menschliche Leichen, Affen und Schweine auf dem Autositz j o c h e n stadl e r

Affe im Weltall

Bevor der erste Mensch ins All flog, wurden zunächst Affen ausgebildet und in die Schwerelosigkeit befördert, wie zum Beispiel das Totenkopfäffchen Dordo mit einer amerikanischen Jupiter-Rakete, das wegen eines defekten Fallschirms bei der Landung im Ozean ertrank. Atomtests

Versuche, die Amerikaner, Russen, Franzosen und andere Natiionen angestellt haben, um vor allem ihre Bomben zu testen und um zu demonstrieren, dass man welche hat. Sie machten damit Landstriche unbewohnbar und brachten Versuchstieren, Soldaten und unbeteiligten Menschen Krebs, Strahlenkrankheit, Fehlbildungen und Tod. Bikini-Atoll

Dreiundzwanzig von US-amerikanischen Atomwaffenversuchen radioaktiv verseuchte Pazifikinseln, die im Jahr 2010 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurden und ihren Namen für einen Badeanzug hergeben mussten, weil ein französischer Modedesigner die Tests „bombig“ fand. Bioethik

Crashtest-Dummys

Ersetzen seit den Fünfzigerjahren zunehmend menschliche Leichen, Schweine und Affen, die man in Autositze geschnallt hat, um die Auswirkungen von Unfällen zu studieren und Autos sicherer zu machen. Deklaration von Helsinki

Vom Weltärztebund 1964 aufgestellte ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen. Erfuhr seitdem mehrere Aktualisierungen. Durchsetzungsproblem

Das Dilemma, wenn ethisch korrekte Prinzipien und Entscheidungen zwar oft glasklar sind, Eigeninteressen aber im Weg stehen, wenn eine Tat folgen soll. Elfenbeinturm

Ort, an dem jene Wissenschafter versammelt sind, die sich nicht um die Folgen ihrer Erkenntnisse und Entwicklungen kümmern. Ethik

Sammelt Bewertungskriterien, ob eine Tat gut oder böse ist, und versucht, allgemeingültige Werte und Normen zu definieren.

Fach, in dem überlegt und diskutiert wird, welche Medikamentenstudien Ärzte machen dürfen, was Wissenschafter ihren Versuchstieren zumuten können, ob man die Gene von Pflanzen und Tieren verändern soll, und ob es vertretbar ist, Menschen zu klonen.

Ethikkommission

Bioethikkommission

Soll Schülern helfen, über Weltanschauungen, Werte und Normen aufgeklärt nachzudenken und gegebenenfalls den Religionsunterricht ersetzen. In Österreich seit fünfzehn Jahren im Versuchsstadium.

Experten aus Recht, Ethik und Medizin tagen in Österreich beim Bundeskanzleramt zu heiklen Angelegenheiten wie Stammzellen aus Embryos, Nanotechnologie, Menschenklonen und Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen. Anschließend geben sie Empfehlungen für die Politiker (siehe Interview Seite 20). Blindstudie

Versuch, bei dem die Teilnehmer nicht wissen, ob an ihnen tatsächlich experimentiert wird, oder ob sie nur in der Kontrollgruppe mitmachen. Bei einer einfachblinden Studie sind nur die Versuchsteilnehmer ahnungslos, bei einer doppelblinden auch die Wissenschafter und bei einer dreifachblinden sogar jene Person, welche die Daten auswertet.

Erlaubt oder untersagt Versuche, die Mediziner an Menschen durchführen wollen, um neue Medikamente und Therapien zu entwickeln. In Österreich gibt es in jedem Bundesland mindestens eine. Ethikunterricht

Eugenik

Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommene Schnapsidee, dass sich schlechte Erbanlagen dominanter verbreiten als gute und die Menschen etwas dagegen tun sollten, indem sie etwa taube Menschen, Epileptiker und Alkoholiker zwangssterilisieren. Wurde auch von Churchill propagiert und wie so viel verrücktes Zeug von den Nazis auf die Spitze getrieben. Sie bescheinigten ganzen Bevölkerungsgruppen aus Staatsräson „erbliche Minderheit“ und machten hunderttausende Menschen unfruchtbar.

Informierte Einwilligung

Bei klinischen Studien und anderen Versuchen mit Menschen müssen die Forscher die Teilnehmer zuerst über Risiken und Nebenwirkungen informieren. Erst dann gilt deren Einwilligung, die sie freilich jederzeit zurücknehmen können. Laika

Russischer Straßenköter, der 1954 mit einer Sputnik-Rakete in die Erdumlaufbahn geschickt wurde. Die Hündin starb nach wenigen Stunden an Überhitzung. Laikas von Beginn an einkalkulierter Tod löste weltweit Bestürzung und Debatten aus. Lebensbeginn

Ethisch heiß diskutierter Nullpunkt, bei dem die Uhr eines Menschen zu ticken beginnt. Reicht je nach Standpunkt vom Liebesakt über das Heimischmachen der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter, der Entstehung des zentralen Nervensystems, dem Zeitpunkt, an dem dieses Empfindungen ermöglicht, über die Geburt bis zu dem Datum, an dem ein Mensch für sich selbst sorgen kann. Lebensende

Vor allem für jene interessant, die einem Leichnam Organe als Ersatzteile ausbauen wollen. In Österreich laut Gesetz, wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert – dann ist nämlich eine Rückkehr ins Reich der Lebenden ausgeschlossen. Anders beim klinisch Toten, der wiederbelebt werden kann. Für Rechtsmediziner ist ein Körper erst dann tot, wenn er steif wie ein Brett ist und Totenflecken trägt. Leichenfledderei

Nicht nur unter Antiquitätensammlern beliebt, sondern früher auch bei Forschern wie Leonardo da Vinci, der Leichen am Mailänder Friedhof ausgrub und daraufhin bei Nacht und Kerzenlicht Schädel zersägte und Häute abzog, um das Nervensystem und die Muskeln zu studieren. Nürnberger Kodex

Nach den Nazi-Verbrechen im Namen der medizinischen Forschung stellte der amerikanische Militärgerichtshof 1947 diesen Kodex über zulässige medizinische Versuche auf. Darin steht unter anderem, dass Versuchspersonen ausdrücklich zustimmen müssen, nicht unter Druck gesetzt werden dürfen, jederzeit aussteigen können, und

man Tod oder bleibende Schäden nur bei Selbstversuchen in Kauf nehmen darf. Pflanzenethik

Auch Gewächse sollen sich selbstständig entfalten können, Eingriffe in ihr Erbgut verletzen ihre Integrität. Dies könnte trotzdem vertretbar sein, wenn sie dafür mit weniger Pestiziden besprüht werden oder Menschen mehr Gemüse brauchen, so Pflanzenethiker. Placebo

Scheinmedikament, das wirkt, weil der Glaube nicht nur Berge versetzt, sondern auch Lahme zum Laufen bringt. In klinischen Studien bekommen manche Versuchspersonen das neue Medikament, andere ein Placebo. Aus ethischen Gründen allerdings nur dann, wenn es noch keine Standardtherapie als Vergleich gibt. Scheuklappen

Schützen Pferde davor, im Straßenverkehr erschreckt zu werden und bewahren Wissenschafter davor, die Auswirkungen ihrer Erfindungen bedenken zu müssen. Selbstversuch

Einzige Möglichkeit, am Menschen zu forschen, wenn Tod oder dauerhafte Schäden nicht ausgeschlossen sind. Damit wiesen Ärzte nach, dass Tripper und Krätze ansteckend sind, Helicobacter-Mikroben Magenentzündung verursachen und man Katheter über die Armvene in das Herz schieben kann – dafür gab es so manchen Nobelpreis. Der Versuch zu beweisen, dass man eine Knollenblätterpilzvergiftung überlebt, wenn man viele Karotten isst, scheiterte jedoch. Tierversuch

Für die Forscher ein notwendiges Übel, um Medikamente nicht gleich bei Menschen testen zu müssen. Verantwortungsbewusstsein

Fähigkeit, auf die innere Stimme zu hören, die davor warnt, anderen mit seinen Taten und Werken zu schaden. Versuche an Menschen

Sollen wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Therapien und Medikamente bringen. Sie müssen in Österreich vorab von einer Ethikkommission begutachtet und erlaubt werden.


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„Empfehlungen werden nicht angenommen“ Sabine Edith Braun

Herr Hengstschläger, was ist eigentlich Bioethik? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Markus Hengstschläger: Der Begriff Bioethik umspannt einen großen Bereich von Life Science bis hin zur Pflegewissenschaft – also alles, was den Lebensanfang und das Lebensende betrifft, auch den Datenschutz in diesem Bereich, Einwilligungserklärungen für Forschung, Biobanken etc. Die Bioethikkommission wurde per Dekret im Juni 2001 ernannt – zur Beratung des Bundeskanzlers. Gab es einen Anlass? Hengstschläger: In Deutschland gab es eine vergleichbare Kommission schon länger. Vielleicht war auch das der Anlass. Wir sind mit den deutschsprachigen Kommissionen gut vernetzt, es gibt regelmäßige Treffen. Ein konkreter Anlass ist mir aber nicht bekannt. Laut Verordnung müssen Sie mindestens vierteljährlich tagen. Wie oft tagen Sie wirklich – und wie läuft so eine Sitzung ab? Hengstschläger: Wir treffen uns öfter, ungefähr einmal im Monat. Die zusätzliche Arbeit in Untergruppen umfasst aber viel mehr Sitzungen. In den Untergruppen werden oft Texte zu spezifischen Fragestellungen mit juristischen, naturwissenschaftlichen, philosophischen und ethischen Teilen erarbeitet. In den großen Sitzungen mit allen Mitgliedern werden die Papiere der Untergruppen zusammengeführt und diskutiert. Ziel ist es, eine Empfehlung auszuarbeiten. Das sind meist umfangreiche und detaillierte Papiere, die auch auf unserer Homepage veröffentlicht werden. Es ist auch wichtig zu sagen, dass wir in unseren Empfehlungen immer die Pro- und ContraMeinung veröffentlichen. Werden die Empfehlungen angenommen? Hengstschläger: Leider nicht. Idealerweise würde ein demokratischer Prozess so ablaufen: Zuerst gibt es eine Diskussion, alle bringen sich ein: die Kommission, die Bevölkerung, die Medien. Jeder kann sich eine Meinung bilden. Im nächsten Schritt muss die Politik das aufgreifen, der Mehrheit folgend. Leider findet aber die Übernahme von Empfehlungen durch die Politik eigentlich nicht statt. Was haben Sie zuletzt empfohlen? Hengstschläger: Wir haben zum Beispiel Empfehlungen zum Internetgentest oder zur Fortpflanzungsmedizin erarbeitet. Unsere Papiere beinhalten oft sehr konkre-

Der stellvertretende Vorsitzende der österreichischen Bioethik­kommis­ sion Markus Hengstschläger über Arbeit und Wirkung dieser Institution

Markus Hengstschläger, MedUni Wien: „Wir haben keine Feindbilder. Es geht um die Frage, wie man einen Rahmen schafft.“

te Vorschläge für die Politik. Die Politik hat bis heute aber eigentlich nicht darauf reagiert. Ich finde das bedauerlich. Ich bin nämlich von der Arbeit der Kommission sehr begeistert, finde es sehr spannend, daran teilhaben zu können – und wir arbeiten ehrenamtlich! Gibt es zuerst eine Diskussion, bevor die Kommission tagt, oder ist es die Kommission, die eine Diskussion zum Laufen bringt? Hengstschläger: Beides. Die Kommission sollte aber nicht hinterherhinken, sondern begleiten. Die Mitglieder der Kommission sind als Wissenschafter auf dem aktuellsten Stand der Dinge. Wir präsentieren uns gegenseitig auch Neuentwicklungen aus unserer täglichen Praxis und sagen, dies oder jenes ist ein Thema. Das ist relativ unabhängig von den Medien, siehe etwa das Beispiel Gentests: Angelina Jolie ließ sich wegen eines mittels Gentest festgestellten sehr hohen Krebsrisikos die Brüste amputieren. Als der Fall bekannt wurde, stieg das Interesse an solchen Gentests. Als uns die Medien um Statements baten, konnten wir auf Papiere zurückgreifen, die wir schon lange vorher erstellt hatten. Was war denn ein konkreter Anlassfall? Hengstschläger: Etwa das Thema Fortpflanzungsmedizin: Eine Eizellenspende ist bei uns nicht erlaubt, eine Samenspende schon. Der europäische Gerichtshof sagte, das ist Diskriminierung. Also hat die Kommission eine Empfehlung erarbeitet. Die Mehrheit sprach sich dafür aus, zu empfehlen, die Eizellenspende in Österreich zu erlauben. Erhalten Sie auch Anfragen aus der Bevölkerung? Hengstschläger: Es gibt eine Geschäftsstelle, bei der sich jeder melden kann. Hin und wieder werden wir auch auf Fälle aufmerksam gemacht. Aber wir wenden uns auch umgekehrt an die Öffentlichkeit. Es gab von der Bioethikkommission organisierte Veranstaltungen mit viel Publikum und großem Interesse. Wir gehen in die Schulen, denn Ethikthemen sind auch Maturathemen. Und wir sind vertreten bei der Langen Nacht der Forschung. Die öffentliche Diskussion ist Teil unserer Arbeit. Sie sind Genetiker. Die Genetik forscht daran, wie man die Konsequenzen molekularer Fehlsteuerungen in den Griff bekommen kann – etwa zur Heilung von Erbkrankheiten. Ist das nicht ein Widerspruch, einerseits zu forschen, andererseits in seiner Forschung durch eine Ethikkommission gebremst zu werden? Hengstschläger: Im Gegenteil! Die Forscher sehnen sich nach klaren Regeln. Sie wollen nicht in einem Graubereich tätig sein. Ein Genetiker darf mit der Frage, ob er etwas macht oder nicht, nicht allein gelassen

werden. Daher muss es eine Bioethikkommission geben. Der Druck kommt von den Forschern im Labor selbst. Die Bioethikkommission unterscheidet sich übrigens von den einzelnen Ethikkommissionen wie etwa jener der MedUniWien oder anderer Einrichtungen stark. Die anderen Kommissionen beurteilen und genehmigen kasuistisch spezifische eingereichte Forschungsvorhaben. Die Bioethikkommission hat die Aufgabe zu sagen: Da kommt etwas auf uns zu – sollen wir das als Staat Österreich befürworten oder nicht bzw. welche Regelungen sind notwendig? Moraltheologen, Genetiker, Juristen – wie reden sie in der Kommission miteinander? Hengstschläger: Es gibt Themen, bei denen wir Einstimmigkeit erreichen, und solche, wo wir weit davon entfernt sind. Ein Mediziner sieht das eine oder andere vielleicht anders als ein Theologe. Aber nachdem wir kein Exekutivorgan sind, ist das ja kein Problem. Wer sind denn nun die Bösen? Einzelne Forscher, die Pharmaindustrie, die Frau, die mit 65 um jeden Preis Mutter werden will? Hengstschläger: Wir haben keine Feindbilder. Es geht um die Frage, wie man einen Rahmen schafft. Es ist nicht jeder Weg recht, um ein Ziel zu erreichen. Man muss sich fragen, ob der gewählte Weg akzeptabel ist. Bei allen bioethischen Diskussionen kann es polarisierende Positionen geben. Ob eine 65-Jährige ein Kind will, ist eine Frage von Medizin, Recht, Soziologie etc. Man kann nun fragen: Wo ist das Problem? Einer sieht ein Problem, der andere nicht. Bei unseren Diskussionen geht es nicht unbedingt darum, immer einen gemeinsamen Nenner zu finden, sondern das Pro und Contra abzuwägen. Was ist denn Ihre persönliche bioethische Horrorvorstellung? Frankenstein, oder der geklonte Mensch? Hengstschläger: Das Klonen von Menschen ist kein Thema, es herrscht breiter, internationaler Konsens darüber, dass das abzulehnen ist. Mein persönlicher Horror ist die Vorstellung, dass die Transparenz, die man aus biologischen Daten über einen Menschen bekommen kann, zur Diskriminierung von Gruppen führen könnte. Davor müssen wir immer wieder warnen. Das beträfe auch die Behindertenintegration und die Frage, ab wann etwas als krank oder gesund bezeichnet wird. Meine Angst ist, dass das, was man zum Vorteil der Menschen nutzen kann, vielleicht von anderen anders eingesetzt werden könnte. Bei komplizierten Fällen, wenn es um Fragen geht wie: Was soll man alles genetisch testen dürfen? Kann man das noch nachschauen, darf man das noch?, bin ich für ganz klare Regeln. Aber das österreichische Gentechnikgesetz ist ohnehin streng und sehr gut.

Foto: MedUni Wien

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arkus Hengstschläger, Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik und Leiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik an der MedUni Wien sowie der genetischen Abteilung des Wunschbaby Zentrums, ist stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission.


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Freistetters Freibrief

Abzocke – aus! Florian Freistetter

Foto: K arin Wasner

tellen Sie sich vor, sie besitzen eine S Firma, haben viele Angestellte und bezahlen sie für eine bestimmte Ar-

beit. Was würden Sie davon halten, wenn Sie die Ergebnisse dieser Arbeit nicht sehen dürfen, ohne ein zweites Mal dafür zu bezahlen? Sie würden vermutlich denken, dass es sich dabei um eine absurde Abzocke handelt. In der Wissenschaft zahlt man tatsächlich zwei- oder gar dreimal für die gleiche Leistung. Die Steuerzahler finanzieren die staatlichen Universitäten und Forschungseinrichtungen und ihre Wissenschafter. Wenn sie deren Ergebnisse sehen wollen, müssen sie in den meisten Fällen noch ein zweites Mal bezahlen. Denn sehr viele Fachartikel kann man nur in kostenpflichtigen Zeitschriften nachlesen. Die Situation ist absurd. Die Wissenschafter werden vom Staat für ihre Arbeit bezahlt. Diese Arbeit muss dann natürlich veröffentlicht werden und das geschieht in speziellen Fachzeitschriften. Im Gegensatz zu normalen Zeitungen werden die Autoren hier für ihre Beiträge nicht bezahlt, ganz im Gegenteil: Oft müssen die Wissenschafter den Zeitschriftenverlag bezahlen, um publizieren zu können, obwohl auch die wissenschaftlichen Gutachter, die die Beiträge vor der Veröffentlichung prüfen, kostenlos arbeiten. Und will man die Artikel später irgendwann einmal nachlesen, darf man ein drittes Mal bezahlen. Der Staat muss also nicht nur die wissenschaftliche Arbeit finanzieren, sondern sich danach die Ergebnisse dieser Arbeit von den Verlagen wieder zurückkaufen. Das ist nicht nur teuer, sondern auch absurd. Öffentlich finanzierte Forschung sollte auch für alle Menschen öffentlich zugänglich sein. Die Europäische Union hat genau das nun ab 2014 zur Pflicht gemacht. Wer Fördergelder aus dem „Horizon-2020“-Programm bezieht, muss die Ergebnisse seiner Forschung frei zugänglich machen. Wie das geschieht, ist den Forschern freigestellt. Sie können ihre Arbeiten ganz normal publizieren und parallel dazu bei einer öffentlich zugänglichen Datenbank einstellen. Oder sie publizieren in speziellen „Open-Access“-Verlagen. Das sei „ein Mechanismus, um den Einfluss von mit Steuergeldern geförderter Forschung zu erhöhen“ meint die EU-Kommission. Und egal, was man sonst von der EU halten mag – damit hat sie vollkommen recht. Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simplex


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Gedicht M i o d r a g P a v l o v i ć : D i e s o g e n a nn t e n T o t e n

Miodrag Pavlović, geboren 1928 in Novi Sad, lebt in Belgrad und Süddeutschland. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der serbischen Gegenwartslyrik. 2012 erhielt er den Petrarca-Preis. Gedichtbände in der Wiener „Edition Korrespondenzen“: „Paradiesische Sprüche“ (2007), „Cosmologia profanata“ (2003), „Die sogenannten Toten“ (2013).

Die Geschwindigkeit des Lichtstrahls ist in sich selbst ungleich im Durchmesser bald dicker bald dünner sie bricht den Ast auf den die Wissenschaften sie setzen wollten als wäre jemandem bei der Gestaltwerdung der Grundprinzipien an Verwicklungen gelegen doch der Humor ist sichtbar geblieben und leuchtet von ferne

er ich k lein

Aus dem Serbischen von Peter Urban Aus: Miodrag Pavlović Die sogenannten Toten Edition Korrespondenzen, Wien 2013

Rätsel von Gaja Waagrecht: 1 Kritisch, praktisch, kantig: verbuchte Quelle kategorischer Gewissenschaft 6 Wenn Keith verrückt wird, ist Moral gefragt 7 Phänomenale Vorstellung aus der Parapsychologie 9 Atomkraftkraftakt 11 Manifestation einer Reformgeisterbeschwörung? 12 Werden die in den Sand gesetzt, bewahren sie vor Rückschlägen 13 Balance-Aktrice, kommt nach der Jungfrau zum Kind 14 Aufarbeiter aus der Küchenlade 17 Da scheiden sich nicht nur die Geister 19 Wandelanleihe aus dem alten China? (2 Wörter) 20 Spitzekandidat bei der Walwahl 22 Nackt 2.0 Senkrecht 1 Gerade in der Forschung macht sie Unternehmen zu Übernehmern 2 Versuchskaninchens Leidensgenosse 3 Kopflästige Prämisse für Lausbuben? 4 GBräuchlich, ist es nicht? 5 Schlüsselreizendes auf der Flashbacktracklist? 7 Die Brüder haben gleich zwölf Heilige Väter 8 Gefühlloser Fühler 10 C-Waffe, wird oft in kleinen Dosen eingesetzt 15 Tricolore-Team 16 Kommen landläufig neben dem Pflug zum Zug 18 Wirklich anders 21 Göttliche Re-Inkarnation Lösungswort:

Auflösung aus diesem Heft. Lösungswort: ARISTOTELES Waagrecht: 1 VERNUNFT, 6 ETHIK, 7 PSI, 9 AUSSTIEG, 11 NEUERUNG , 12 ASSE, 13 WAAGE, 14 OEFFNER, 17 TRENNUNG , 19 IGING , 20 NAR, 22 GLAESERN Senkrecht: 1 VERANTWORTUNG, 2 RHESUSAFFE , 3 NISSE, 4 UK, 5 TRIGGER, 7 PIUS, 8 SENSOR, 10 TRAENENGAS, 15 EQUIPE, 16 EGGEN, 18 REAL, 21 RA Auflösung aus Falter HEUREKA 4/2013. Lösungswort: NEULAND Waagrecht: 1 ROBOTIK, 7 OZON, 8 NAH, 10 HERKUNFT, 11 SAGE, 12 OFT, 13 LUV, 16 FAQ, 18 FAKTOTUM, 22 FLAU, 23 IAN, 24 MOORE, 26 ELEMENT, 27 NADEL, 29 LEVEL , 30 ETON , 31 ARM Senkrecht: 1 ROHSTOFFWENDE, 2 OZEAN , 3 BORG , 4 ONKEL , 5 INNOVATION , 6 KAFF, 9 HTTP , 14 UFO, 15 AKA, 17 QUARTIER, 19 ALTLAST, 20 TUMMELN, 21 MNE, 25 OELE, 28 ALM

Was am Ende bleibt Naturtheologie erich klein

Die Menschheit werde „in den Wüsten des Mondes im Staub versinken … in den Bleidämpfen des Merkurs verkochen … sich in den Ölpfützen der Venus auflösen“. Der Schlussmonolog von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ entsprach mit seiner Beschwörung des Weltuntergangs ganz dem Geist der 1950/60er Jahre. Dürrenmatts zentrale Frage lautete: „Sind wissenschaftliche Erkenntnisse noch einmal aus der Welt zu schaffen und zurück zu nehmen, wenn deren katastrophale Auswirkungen ganz augenscheinlich sind?“ Allerdings war die Metapher des „Augenscheinlichen“ in Bezug auf den Atomblitz von Hiroshima und Nagasaki an ihre Grenze gelangt – um dem Aberwitz der Weltlage zu entsprechen, war der Schauplatz des Stückes ein Irrenhaus. „Der Inhalt der Physik“, diskutierten da Parodien auf Newton, Einstein und Co., „geht zwar die Physiker an, die Auswirkungen aber alle Menschen“. Dürrenmatts bis heute gültige Hauptthese: „Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“ Die seinerzeitige Annahme, dass eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht sei, „wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“, rief unzählige Warner hervor – von Günther Anders’ „Thesen zum Atomzeitalter“ bis zum „Prinzip Verantwortung“ des Hans Jonas, der am Ende des Kalten Krieges eine kollektivistische Ethik der „technologischen Zivilisation“ beschrieb. In der Realgeschichte hatten sich die Befürworter eines „Gleichgewichts des Schreckens“ zur praktischen Verhinderung eines Atomkrieges durchgesetzt. Doch von einem „Atomzeitalter“ als positiver Utopie wagt nicht einmal mehr der zynischste Pragmatiker zu sprechen. Bemerkenswert ist, dass Umweltschutz und Ökologie erst nach dem Ende des Kalten Krieges ihr ganzes ideologisches Potenzial freizusetzen vermochten. Der französische Soziologe Bruno Latour, einer der einflussreichsten Denker der Gegenwart, erklärt den Umstand folgendermaßen: „Die Menschheit wurde aus der Utopie der Ökonomie vertrieben und scheint nun auf der Suche nach einer Utopie der Ökologie zu sein.“ Die beste Illustration seiner Umwelt-Netz-Theorie, in der Menschen, Dinge, Tiere und Pflanzen gleichberechtige Akteure sein sollen, sei das SF-Epos „Avatar“. Natur-Theologie – ein Fantasy-Paradox? Als reichte nicht ohnehin das Gestrüpp an Institutionen mit allem, was den Namen Umwelt trägt!


Falters Feine Filme +++ Gemeinsam mit dem FALTER veröffentlicht die Viennale zum zweiten Mal eine DVD Edition. Diese Filme sollen den Geist der Viennale repräsentieren. +++

l. Grifi & M. sarchielli ANNA

Denis Côté CURLiNG

V. Paravel & J. P. sniadecki FoREiGN PARTs

Der Porträtfilm über eine schwangere, drogenabhängige Jugendliche verzichtete auf ein Drehbuch, um stattdessen im Cinéma vérité-Stil völlig deren Leben einzutauchen. Daraus entstand ein Spiel wechselseitiger Verführungen, Abhängigkeiten und Ausbeutungen.

Abgeschieden bei ihrem Vater lebend, macht die 12-jährige Julyvonne eines Tages eine zutiefst verstörende Entdeckung, mit der sie verschlossen weiterlebt. Gibt es einen Zusammenhang mit dem eigenartigen Leben des Vaters? Ein surrealer, an Buñuel erinnernder Film.

Der Film dokumentiert den schwierigen Alltag am Rande von Queens. Wo Menschen unter den schlechtesten Bedingungen leben und arbeiten, aber trotzdem versuchen, der drohenden Sanierung des Viertels zu entgehen. Doch der Boden gehört Spekulanten und Immobilienentwicklern.

225 min, UMdU, € 14,90

92 min, omEngU, € 14,90

80 min, Engl./span./Hebr., € 14,90

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Nadav Lapid HAsHoTER

Kleber Mendonça Filho o soM Ao REDoR

Nadav Lapid erzählt eine doppelte Geschichte. Die von Yaron, Mitglied einer Antiterrorgruppe und die einer Gruppe von linken Terroristen, deren zentrale Figur die Bürgertochter Shira ist. In einem unermüdlichen Showdown prallen schließlich die beiden Gruppierungen aufeinander.

Hinter der Fassade der Bürgerlichkeit einer mittelständischen Straße in der Provinz lauern Kleinkriminalität und finstere Machenschaften. Filho inszeniert in seinem Debüt mit fast Altman’scher Figurenvielfalt einen Reigen aus Lebenslügen, Klassendünkel und soziopathischen Neigungen.

112 min, omEngU, € 14,90

124 min, omEngU, € 14,90

ViENNALE DVD Box 2013 Die streng limitierte Viennale DVD Box beinhaltet neben den 5 Filmen eine exklusive Bonus DVD “And We Made the Room Shine” mit acht Shows von Musikern des kanadischen Independend Labels Constellation Records. + ein Viennale-Schlüsselband + ein aktueller Festivalpin + ein 35mm-Filmstreifen

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