HEUREKA 4/16

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HEUREKA #42016

ILLUSTRATION: JULIE GUILLEM

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W; Verlagspostamt: 1010 Wien; laufende Nummer 2573/2016

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Unsere tägliche Medizin Zwischen Ärztestreik und personalisierter Medizin

Impfen oder nicht impfen? Kein Medizinthema ist umstrittener als dieses. Obwohl es so viel Gutes gebracht hat. Seite 14

Bakterien – unsere Zukunft Wir kennen nur ein Prozent von ihnen. Jetzt soll ein weiteres Prozent hinzukommen. Seite 18

Personalisierte Medizin Sie soll in Zukunft für Patienten Wunder wirken. Österreich will einer ihrer Pioniere sein. Seite 20


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in tro d u k tio n   :   h eu r e ka 04/16   FALTER 43/16  3

Christian zillner

A u s d e m I n h a lt

:  e d i to r i a l

Zum Fürchten? Arbeitet unser ärztliches Personal zu viel?  Seite 12 Die EU meint ja und verlangt Arbeitszeitverkürzungen. Viele Ärzte sehen das anders.

Fotos: Lukas Ilgner, Muellek Josef/Shutterstock, Julie Guillem (2)

Soll ich impfen lassen – oder nicht?  Seite 14 Kopf im Bild  Seite 4 Wie entstehen Emotionen im Gehirn? Dieser Frage widmet sich der Schweizer Hirnforscher Stéphane Ciocchi.

Was als Befreiung der Menschheit von der Geißel ständiger Epidemien galt, steht nun selbst in der Kritik.

Der ganze Strom aus sauberer Energie  Seite 7

Sterben wir an zu vielen Medikamenten?  Seite 16

Ein neues Konzept verspricht dies für Österreichs Strom­bedarf im Jahr 2050.

In den USA gelten Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten als dritthäufigste Todesursache.

Werden uns Bakterien künftig heilen?  Seite 18

Dazu müssen wir erst einmal lernen, mehr von ihnen zu entdecken und nutzbar zu machen.

Versäumen wir den Medizintourismus?  Seite 8 Er ist ein weltweites Geschäft, 90 Milliarden Euro schwer. Haben wir etwas davon?

Glossar und Bücher zum Thema  Seite 22

Personalisierte Medizin auf ­Basis von Big Data gilt als großes Hoffnungsgebiet. Österreich möchte als Pionier ­tätig werden.

Medizinische Behandlung der Zukunft?  Seite 20 Personalisierte Medizin auf ­Basis von Big Data gilt als Hoffnungsgebiet.

Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Nein, und sehen kann man sie im Blauen auch nicht, es muss schon Nacht sein. Eines aber weiß man: Es werden immer mehr. Hunderte Milliarden an Galaxien, mit Myriaden an Sternen. … Und doch ist diese Zahl klein, verglichen mit jener der Bakterien. Übrigens wissen wir über die Sterne genauso wenig wie über die Bakterien, etwas mehr als ein Prozent sind uns bekannt. Aber mit den neuen Technologien geraten immer mehr in unser Blickfeld. Und vielleicht lernen wir auch, ihre Eigenschaften für unser Wohl zu nutzen – es muss ja nicht beim Antibiotikum bleiben (Seite 18). Ärzte gibt es auch immer mehr, und trotzdem wird die ärztliche Versorgung, speziell am Land und sofern es sich um Allgemeinmediziner, also Hausärzte, handelt, immer dürftiger. Was trägt zu dieser Entwicklung bei? Kann man sie stoppen oder umkehren (Seite 12)? Eine der bedeutendsten medizinischen Errungenschaften ist sicherlich das Impfen gegen gefährliche Krankheiten. Unzweifelhaft trägt es ganz wesentlich zu unserer Gesundheit und zum Schutz unserer Gesellschaft bei. Trotzdem ist es das am heftigsten umstrittene Gebiet der Medizin. Mütter fürchten um negative Folgen für ihre Kinder. Ist diese Sorge aber auch berechtigt (Seite 16)?

:  g a st ko m m e n ta r

Freie und innovative Wissenschaft für eine aufgeklärte Demokratie

Foto: Leopoldina Markus Scholz

Klement Tockner

Österreich hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen bemerkenswerten Aufholprozess in der Wissenschaft und Forschung eingeleitet. International führende Forschungsinstitute konnten sich etablieren, und eine Vielzahl herausragender Wissenschafterinnen und Wissenschafter wurde aus dem Ausland gewonnen. Als Resultat liegt Österreich derzeit beim Einfluss der wissenschaftlichen Publikationen weltweit unter den Top 15. Beim European Research Council gehört Österreich zu den erfolgreichsten Ländern. Maßgeblicher Katalysator dieser Entwicklung war dabei die kompetitive Förderung durch den FWF. Um diese Dynamik im Aufholprozess wiederzubeleben, der in den letzten Jahren stagnierte, benötigt der Forschungsstandort Österreich eine noch deutlichere Ausdifferenzierung. Das

Ziel muss sein, Spitzenforschung nachhaltig zu fördern. Parallel zu einer Erhöhung der Grundbudgets der Forschungsstätten muss insbesondere die erkenntnisgetriebene Forschung ideell und finanziell massiv gestärkt werden. Sonst drohen Österreich nicht nur Einbußen bei der Standortattraktivität, es gehen auch Investitionen der Vergangenheit verloren. Die Karriereperspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses müssen deutlich verbessert werden.

Klement Tockner, Präsident der Wissenschaftsförderungsinstitution FWF

So kommen an der Uni Zürich auf eine Professur 40 Studierende, an der Freien Universität Berlin 90, und an einer österreichischen Universität im Mittel 200. Hier besteht ein massives Missverhältnis. Vorrangiges Ziel bleibt daher, die weltweit kreativsten und besten „Köpfe“ zu gewinnen und diesen eine langfristige Perspektive in Österreich zu bieten. Derzeit besteht die Gefahr, dass sich der Wissenschaftsbetrieb hin zu einem Consultingunternehmen wandelt, wo kurzfristiger wirtschaftlicher Erfolg und die Bewältigung von akuten Problemen und Katastrophen im Vordergrund stehen. Innovative Durchbrüche in der Wissenschaft erfordern jedoch Durchhaltevermögen und große Freiräume. Daher wird der FWF gemeinsam mit seinen Partnern Förderungsformate entwickeln, um

kreative Zeit, eine knappe Ressource in der Wissenschaft, für unkonventionelle und risikoreiche Vorhaben zu schaffen. Unabhängige, erkenntnisgetriebene Wissenschaft ist für eine aufgeschlossene Zivilgemeinschaft unverzichtbar – wie Pressefreiheit oder der Zugang zu Informationen und Daten. Zugleich muss Wissenschaft den „Finger in die Wunde“ legen, um auch auf jene Herausforderungen aufmerksam zu machen, die noch nicht Teil gesellschaftlicher Diskussionen sind. Mehr denn je benötigen wir evidenzbasiertes Wissen, um zukünftigen Generationen die „beste aller möglichen Welten“ überlassen zu können. Der FWF als zentrale Förderungsorganisation für die Grundlagenforschung leistet einen entscheidenden Beitrag, um diesen zukünftigen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen.


4  FALTER 43/16   h eur eka 04/16  :   p ersönl ic h k e ite n

:  ko p f i m b i l d

Emotionen „Ich möchte verstehen, wie die Emotionen, die ja komplexe Gehirnfunktionen sind, im Kortex entstehen“, sagt Stéphane Ciocchi. Gerade hat der Postdoc an der Abteilung für ­Kognitive Neurobiologie am Zentrum für Hirnforschung der MedUni Wien einen der renommierten ­Starting Grants des European ­Research Councils (ERC) eingeworben. Das ermöglicht es ihm, seine wissenschaftlichen Hypothesen mit einer eigenen Forschungsgruppe näher zu untersuchen. Der 37-jährige ­Schweizer beschäftigt sich mit den für Emotionen verantwortlichen ­neuronalen Schaltkreisen im Hippocampus. Dieser ist u.a. an Angst, Motivation oder räumlicher Navigation beteiligt. Mit anderen Hirnregionen wie dem präfrontalen Kortex ist er durch synaptische Kontakte direkt verbunden. In einer in Science publizierten Arbeit ging Ciocchi der Frage nach, wie der Hippocampus mit diesen kommuniziert. Dafür zeichnete die MedUni Wien ihn im September als „Researcher of the month“ aus.

Text: Uschi Sorz Foto: Lukas Ilgner

:  j u n g fo rs c h e r

uschi sorz

Georg Kaes, 28 „Die Menschen werden immer älter, und damit wird Pflege ein zentrales Thema.“ Georg Kaes will diese optimieren. „Pflegepersonal verbringt einen nicht zu unterschätzenden Teil seiner Arbeit damit, Pflegeschritte zu dokumentieren“, konstatiert er. „Schade um die Zeit, die damit den eigentlichen Aufgaben beim Versorgen der Patienten fehlt.“ Außerdem geschehe das Dokumentieren oft im Nachhinein, am Ende des Dienstes, wo man nicht mehr jedes Detail im Kopf habe. Kurzum: Es gibt jede Menge Verbesserungsbedarf und zugleich Dinge, die man mit den Mitteln der Informatik hervorragend ­lösen kann. Kaes befasst sich damit, ein User-Interface direkt am Patientenbett so zu gestalten, dass Pflegen und Dokumentieren gleichzeitig ablaufen können und Behandlungsvorschläge bei Bedarf gleich mitgeliefert werden.

Florian Stertz, 26 Der Bad-Vöslauer hat sich an der MedUni Wien der Medizinischen Informatik gewidmet. Die Dissertation im Rahmen der Arbeitsgruppe, die sich an der Fakultät für Informatik der Uni Wien mit den Pflegeprozessen 4.0 beschäftigt, passt also gut ins Bild. „Am Anfang stand natürlich mein Interesse für Informatik“, sagt er. „Die fasziniert mich schon seit dem Gymnasium.“ Aber er ist dem Medizinthema treu geblieben, denn die bessere Versorgung von Pflegeheimbewohnern ist ihm ein Anliegen. „In einem vorigen Projekt habe ich gelernt, die Pflege als Prozess zu sehen“, erklärt er. „Und Pflegebedienstete sollen diesen besser ausführen können, ohne sich zu sehr mit neuer Technik befassen zu müssen. Daher ist es meine Idee, Dokumentationen mithilfe von NFC-Tags zu automatisieren.“ Jetzt tüftelt er daran, diese effizient einzusetzen.

Manuel Gall, 27 „Prozesse unterliegen Regeln, die sich über mehrere Instanzen oder sogar über die Prozesse hinweg erstrecken können“, sagt Manuel Gall. So müsse man etwa bei der Medikamentenverordnung beachten, was jemand bereits einnehme. „Um bei der Vielfalt an Regeln nicht den Überblick zu verlieren, bedarf es einer guten Visualisierung.“ Galls Arbeit dreht sich um das Entwerfen einer Programmiersprache für instanzenübergreifende Regeln und das Visualisieren von Regelverletzungen. „Ich liebe es, wenn Oberflächen Form, Tiefe und Aussagekraft haben!“ Dabei war Informatik gar nicht seine erste Wahl. Vor dem Studium arbeitete der Burgenländer in einer Rechtsanwaltskanzlei und fand, dass er sich dabei nicht entfalten könne. „In der Informatik scheint die Welt grenzenlos.“ Das Schöne an ihr: Es gibt immer mehrere Lösungswege.

Fotos: Universität Wien, Privat (2)

In der Forschungsgruppe Workflow Systems and Technology an der Fakultät für Informatik der Uni Wien widmen diese drei Informatiker ihre Doktorarbeit den Pflegeprozessen 4.0


Ko m m e n ta r e   :   h eu r e ka 04/16   FALTER 43/16  5

emily walton

martin haidinger

Florian Freistetter

Quotensprung

Happy Prosthesis!

Ist Nobel nobel?

Eine fast unendliche Geschichte nähert sich einem ihrer spannenderen Kapitel: Das Moratorium für das Verfahren der EU-Kommission gegen die österreichische Quotenregelung beim Medizinstudium läuft mit Jahresende aus. (Seit zehn Jahren sind 75 Prozent der Plätze für Studierende mit heimischem Maturazeugnis reserviert, um einen Ansturm vor allem deutscher Studierender abzuwehren.) Das Wissenschaftsministerium wird Argumente nach Brüssel schicken, warum Österreich die Quote braucht und das Verfahren daher nicht weiter verfolgt werden soll. Das zentrale Argument ist schlüssig: Ohne Quotenregelung würden Österreich die Ärzte ausgehen. Genauer: außer Landes gehen. Laut Absolventenbefragung des Ministeriums wollen 25 Prozent von jenen, die das ­Medizinstudium in Österreich abschließen, nicht (gleich) hier arbeiten – unter den deutschen Studierenden hierzulande sind es zwei von dreien. Hätten wir keine Quoten, hätten wir mehr Studierende aus Deutschland, hätten wir mehr Jungärzte, die das Land (wieder) verlassen. Mag sein, dass es eine Einschränkung braucht, wie viele Menschen aus der EU bei uns ein Medizinstudium absolvieren dürfen. Mag auch sein, dass ein Gutteil der Gaststudierenden wieder in ihre Heimat zurückgeht, sobald das Studium beendet ist. An einer Debatte wird man aber unabhängig davon, ob Brüssel nun das Verfahren weiterführt, einstellt oder dauerhaft ruhend stellt, nicht vorbeikommen: Jener über die Arbeitsbedingungen für junges ärztliches Personal. Denn so viel ist klar: Die Quote kann manche Probleme lindern, aber sicherlich nicht alle lösen. Selbiges gilt für den „Plan B“, den der Wissenschaftsminister unlängst angedacht hat: Studierende könnten Beihilfen für ihr Medizinstudium erhalten und im Gegenzug zumindest für ein paar Jahre zum Bleiben und Arbeiten in Österreich verpflichtet werden. Ob Plan A oder B, ohne bessere Bedingungen könnte ein Ärztemangel drohen. Umgekehrt könnten attraktivere Umstände dazu beitragen, die Notwendigkeit für Quote, Bleibepflicht oder Ähnliches zu lockern. Statt ausländische Studierende möglichst fern-, oder, wenn dies nicht gelingt, festzuhalten, könnte man Absolventen anlocken. Nach dem Herumdoktern um die Zugangsregelungen im vergangenen Jahrzehnt wäre das doch ein zukunftsträchtiges Rezept.

Da staunte man nicht schlecht, als auf der diesjährigen Ars Elec­tronica in Linz Prothesen präsentiert wurden. Sie waren nicht nur dazu angetan, fehlende menschliche Gliedmaßen zu ersetzen, sondern kamen so designt daher, dass man fast dazu neigen konnte, seine gesunden Arme und Beine freiwillig abzumontieren und durch die smarten Kunststücke zu ersetzen – happy prosthesis! Aber nicht nur „artificial bones“, sondern auch künstliche Haut mit allen Körperfunktionen des Fühlens und Erkennens ­wurde von den „Alchemisten unserer Zeit“(so das Tagungsmotto) vorgestellt. Als dann ein paar Kojen weiter ein Roboter Menschen von Kunststoffhand porträtierte, und das durchaus trefflich, kam der Journalist ins Grübeln: Ob solch eiskaltes Händchen nicht in naher, sehr naher Zukunft auch sein eigenes schreibendes Gewerbe übernehmen könnte und diese ­Kolumne dann in „Robos Hort der Wissenschaft“ umbenannt und zur Lektüre hybrider oder vollautomatisierter Heureka-Lesern bestimmt sein wird … Zurück in der ­Schreibklause sprang mir aus der Basler ­Zeitung ein Interview mit dem islamkritischen Schriftsteller Leon de ­Winter ­entgegen. Es enthielt unter anderem eine Eloge auf die Errungenschaften des neuzeitlichen Europa: „Wir sind alle Prinzen. Im

Der Herbst ist die Jahreszeit, in der einige wenige Wissenschafter (und noch weniger Wissenschafterinnen) kurzfristig zu für sie meistens sehr ungewohnter Prominenz kommen. Anfang Oktober werden die Nobelpreisträger des jeweiligen Jahres bekanntgegeben. Davon nimmt im Allgemeinen die ganze Welt Kenntnis. Dieses Interesse schwindet zwar auch wieder sehr schnell, aber die Nobelpreisträger zählen fortan zu den großen Genies unserer Zeit. In den meisten Fällen durchaus zu Recht, aber völlig unproblematisch ist die Sache auch nicht. Selbst wenn die Nobelpreisträger ihre Auszeichnung verdient haben, bleiben doch jedes Jahr sehr viele Wissenschafter im Schatten der Öffentlichkeit, die mindestens ebenso gute Forschung geleistet haben. Oder sogar noch bessere. Doch sie müssen ohne Prominenz in der Öffentlichkeit auskommen. Das hat viele Gründe: Die wissenschaftlichen Nobelpreise werden traditionell nur in den Disziplinen Physik, Chemie und Medizin/Physiologie vergeben. Wer auf anderen Gebieten arbeitet, hat Pech gehabt. Ebenso traditionell wird der Preis pro Jahr und Disziplin nur an maximal drei Personen verliehen. Das mag zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Preis gestiftet wurde, noch Sinn gemacht haben. Aber heute läuft die Forschung ganz anders als früher. Heute gibt es große Kooperationen, an denen dutzende oder hunderte Personen beteiligt sind. Große wissenschaftliche Durchbrüche werden an Teilchenbeschleunigern erzielt oder mithilfe von Weltraummissionen. Sie geschehen an Forschungszentren und in großen Arbeitsgruppen, jedoch kaum mehr durch Einzelgänger in einsiedlerischer Laborarbeit. Es wird immer schwieriger, aus den vielen beteiligten Personen diejenigen auszuwählen, denen man am Ende einen Preis verleiht. Schwieriger und auch immer sinnloser. Früher oder später wird man sich Gedanken machen müssen, ob jene Richtlinien, die Alfred Nobel in seinem Testament aus dem vorletzten Jahrhundert festgelegt hat, heute wirklich noch funktionieren. Und die Regeln zur Vergabe der Nobelpreise ändern. Oder aber zumindest viel deutlicher machen, dass die Preisträger nur stellvertretend für eine ganze wissenschaftliche Gemeinschaft ausgezeichnet werden.

:  b r i e f au s b rü ss e l

:  h o rt d e r w i ss e n s c h a f t

:  f r e i b r i e f

Mittelalter haben nur Adlige so gelebt wie wir: ohne Hunger, ohne Armut, ausgebildet. Wir können reisen. Wenn wir krank sind, gehen wir in ein Spital. Das ist die Entwicklung von fünfhundert Jahren freiem Denken. Wir dürfen uns nicht erpressen lassen von Menschen mit mittelalterlichen Vorstellungen.“ Knapp daneben. Denn wir sind den Prinzen notorisch überlegen, ja sogar den Königen! Im 17. Jahrhundert war der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. von ­Ärzten umzingelt, die ihm nicht nur präventiv alle Zähne samt einem Stück des Gaumens aus Mund und Rachen rissen, sondern im Vorfeld der Operation eines Geschwürs im königlichen After ­einige arme Teufel als menschliche Versuchskaninchen mit Todesfolge zerschnitten. Nach ­gelungener Entfernung des Fremdkörpers aus Louis’ Hinterteil meldeten sich mehr als 30 Aristokraten. „Ich habe“, schrieb der Medicus, „jeden der Herren eingehend am betreffenden Körperteile untersucht, habe aber nichts gefunden, was einen chirurgischen Eingriff rechtfertigen würde. Als ich ihnen diese Diagnose mitteilte, war keiner unter ihnen, der nicht tief enttäuscht, ja beleidigt gewesen wäre.“ Von der abergläubischen Begutachtung bis zur fröhlichen Designerprothese sind nicht einmal 350 Jahre vergangen.

Zeichnung (ausschnitt)

:  F i n k e n s c h l ag   Handgreifliches von tone fink tonefink.at

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simple


6  FALTER43/16   h eur eka 04/16  :   Nac h r i c h te n

Seite 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

:  B i l d u n g

Nataschas Weg zur Molekularbiologie 55.000 Schüler als Biologen: Zehn Jahre Vienna Open Lab Jochen Stadler

Natascha ist begeistert. So wie ihre Klassenkollegen ist sie in einen weißen Labormantel geschlüpft und pipettiert Moleküle von in Wasser gelöstem Erbgut (DNA) in ein kleines Reaktionsgefäß. Genau so, wie es ihnen eine junge Wissenschafterin gerade erklärt hat. Hinzu gibt sie ein Enzym, das die DNA vermehrt, bis sie für das freie Auge sichtbar gemacht werden kann. So geschah es im Vienna Open Lab, einem molekularbiologischen Mitmach-Labor in Wien. Im September feierte es seinen zehnten Geburtstag. Ein „wichtiges Zusatzangebot für das Bildungswesen“ nennt Ministerin Sonja Hammerschmid das Projekt, das bisher schon rund 55.000 Schülerinnen und Schüler in Anspruch genommen haben. „Wer kommt, gewinnt Einblicke in den Alltag einer Forschungseinrichtung und kann auch seine Begeisterung für wissenschaftliches Arbeiten entdecken“, erklärt Karin

Karin Garber, Leiterin des ­Vienna Open Lab Garber, Leiterin des Vienna Open Lab. Im Fall von Natascha ist der Funke offensichtlich übergesprungen. Heute forscht sie in einem der besten Labors im Vienna Biocenter für ihre Diplomarbeit. Und vermittelt als Tutorin im Vienna Open Lab der nächsten Generation, wie spannend Wissenschaft sein kann.

:  B ota n i k

:  M at h e m at i k

Bam, Oida! Also bitte, das heißt korrekt Baum, du Prolo aus dem Unterholz!

Qualität durch Statistik

Auch wenn wir es nicht sehen, Bäume schlafen, das ist mittlerweile ­belegt. Nun wird auch ihr Sozialverhalten im Wachzustand erforscht

Wird ein Chip funktionieren? ­Daniel Kurz kann es beurteilen

Bernhard Madlehner

Uschi Sorz

Schon Charles Darwin stellte fest, dass Pflanzen nachts ihre Blätter und Stängel hängen lassen. Dies, so schloss man, komme einem Schlaf gleich. 130 Jahre nach Darwins Tod hat eine Forschergruppe dies mittels neuer, berührungsloser Lasermessungen bestätigt. Mit im Team war Norbert Pfeifer vom Department für Geodäsie und Geoinformation der TU Wien. Im Frühjahr publizierte er mit Eetu Puttonen vom National Land Survey of Finland und András Zlinszky von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften eine entsprechende Studie. Die Forscher untersuchten einzelne Laub- und Nadelbäume, wobei die Positionsänderungen von Blättern und Ästen bis zu zehn Zentimeter ausmachten. Das sei zwar nicht viel, aber wissenschaftlich eindeutig. Und könne als „Schlaf “ bezeichnet werden, so Pfeifer.

Schlüsse will er noch nicht ziehen, man stecke mitten in der Forschung. Die Finnen und Ungarn haben inzwischen ganze Baumgruppen untersucht. Auch die TU Wien plant ein weiteres Experiment. Pfeifer interessiert etwa der Saftfluss im Baum.

Norbert ­Pfeifer, Technische Universität, Wien Selbstverständlich gehe es nicht an, „Bäume zu personifizieren“, man sei schließlich kein Esoteriker. Aber man wolle verstehen, „wie sich Bäume zueinander verhalten“. Etwa, ob einer den anderen zum Zug kommen lässt, wenn das Wasser im Wurzelbereich knapp ist und er selbst schon genug „getrunken“ hat.

:  G eow i ss e n s c h a f t e n

Vollgas, Mensch! Mach mich schneller! Ich bin für dich ja viel zu langsam Laut Wiener Forschern haben wir nicht nur uns Menschen selbst, sondern auch die Natur um uns herum enorm beschleunigt Jochen Stadler

Vom Ackerbau bis hin zur ersten Industrialisierung vergingen zehntausende Jahre. Heute leben wir nun im Internetzeitalter. Aber nicht nur die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen laufen immer schneller, wir haben auch für die Natur

Karlheinz Erb, Alpen-­Adria Universität, Wien die Zeit beschleunigt. Dies berichten Wiener Forscher in Nature Geo­science. Durch die Landnutzung werden die Stoffe in Pflanzen weltweit doppelt so schnell umgesetzt wie in einer natürlichen Vegetation. Karl-Heinz Erb vom Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria Universität in Wien hat nun mit

Kollegen untersucht, wie lange Kohlenstoff und andere Substanzen in der Biomasse gebunden bleiben, ehe sie wieder in den Kreislauf gelangen, etwa über die Atmosphäre. Das war bisher weitgehend unbekannt, obwohl diese Werte für sämtliche Klimamodelle entscheidend sind. Die Forscher haben einerseits die globale Biomasse-Umsatzrate bei den heutigen Landnutzungsbedingungen errechnet und anderseits, wie groß sie bei einer natürlichen Vegetation wäre. Bei einer weltweit sich selbst überlassenen Flora bliebe ein Kohlenstoffteilchen im Schnitt dreizehn Jahre in der Biomasse. Ackerbau und Forstwirtschaft haben diese Zeitspanne auf sieben Jahre reduziert. Daran sind zu 59 Prozent der Umbruch von Wäldern zu landwirtschaftlichen Flächen verantwortlich, die Forstwirtschaft zu 26 Prozent und die Beweidung natürlicher Grasflächen zu 15 Prozent.

Komplexe Produktionsprozesse verlangen höchste Präzision. Etwa in der Halbleitertechnologie. Was diese mit Mathematik zu tun hat? „Hier braucht man eine vernünftige Abschätzung von Frühausfallswahrscheinlichkeiten.“ Daniel Kurz ist

Daniel Kurz, Universität Klagenfurt Postdoc am Institut für Statistik der Universität Klagenfurt. Kann man vorhersagen, ob ein Chip nach den ersten 48 Stunden noch funktioniert, erspart man sich aufwendige Testvorgänge, sogenannte Burn-ins. Mit diesen Verfahren kann man die ersten Einsatzstunden eines Bauteils in einer Anwendung simulieren. Die Ausfallsrate gibt Auskunft über die Zuverlässigkeit eines Chips. Kurz befasst sich mit Burn-inStudien von Halbleitern. Genauer gesagt arbeitet er daran, das einwandfreie Funktionieren von deren Einzelteilen effizienter abschätzen zu können. „Im aktuellen Projekt geht es um eine flexiblere Festlegung von Burn-in-Testzeiten“, so der Steirer. „Wenn man weniger Einsatzstunden simulieren muss, lässt sich der Aufwand dieser Studien erheblich senken.“ Schon früh im Mathematikstudium hat sich Kurz für Statistik interessiert. Zugleich gewährte ihm eine Kooperation seines Instituts mit dem Unternehmen ­Infineon Ein­blicke in die Halbleiterindustrie. „Die finde ich schon sehr spannend“, meint der 28-Jährige, „und Statistiker spielen durchaus eine Rolle. Für Kosteneinsparungen ebenso wie beim Entwickeln innovativer Produktionsverfahren.“ So zieht sich diese Forschungskooperation des Klagenfurter Instituts wie ein roter Faden durch Kurz’ akademische Laufbahn, von seiner Diplomarbeit über die Dissertation bis zu den heutigen Projekten. Etwa einem kürzlich abgeschlossenen und als exzellent bewerteten EU-Projekt, in dem er an der Entwicklung mehrerer neuer Methoden zur Vorhersage von Chip-Ausfallswahrscheinlichkeiten maßgeblich beteiligt war. Von der Kopfarbeit erholt er sich dann am liebsten beim Bergsteigen.

Fotos: Herbst, Pilo Pichler, Privat (2)

nachrichten aus forschung und wissenschaft


N ac h r ic h te n   :   h eu r e ka 04/16   FALTER 43/16  7

:  V e r h a lt e n s fo rs c h u n g

:  M e d i z i n

Bittere Wahrheit für Mäusemachos: Sexuelle Erfahrung zählt leider gar nichts

Kann Trinkwasser als Vorbeugung von Selbstmord dienen?

Eine einschlägige sexuelle Heldengeschichte bringt zumindest bei den Mäusen den Männchen ­keinen Vorteil bei den Damen

Natürlich vorkommende Lithiumsalze senken die Selbsttötungs­rate signifikant. Deswegen ins Smartphone beißen, bringt jedoch nichts

Jochen Stadler

Bernhard Madlehner

Eine sexuelle Vorgeschichte ist für das männliche Geschlecht von keinerlei Nutzen, fand die Wiener Verhaltensforscherin Kerstin ­Thonhauser bei Mäusen heraus. Im Wettstreit um die Weibchen waren sexerfahrene Mäuseriche nicht erfolgreicher und

Kerstin Thonhauser, Uni Wien zeugten auch nicht mehr Kinder als Neulinge, erklärte sie bei einem Verhaltensbiologie-Kongress in Wien. In ihrer Studie hat die Wissenschafterin des Konrad-Lorenz-In­ stituts für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien Hausmäusen vor den eigentlichen Tests entweder erlaubt, mehrere Tage mit

weiblichen Artgenossen zu verkehren und dabei Nachwuchs zu zeugen, oder sie keusch gehalten und nur mit dem Geruch der Weibchen stimuliert. „Das ist wichtig, damit die Männchen sexuell aktiv werden“, sagt sie. Dann setzte Thonhauser jeweils zwei Männchen und ein Weibchen in einen Versuchsaufbau mit mehreren Zimmerchen. Die Mäuseriche waren entweder beide sexerprobt, beide jungfräulich oder gemischt. Es zeigte sich, dass es für die weiblichen Tiere bei der Partnerwahl vollkommen irrelevant war, ob die Mäuseriche sexuell Neulinge waren oder nicht. Die Weibchen erwählten ihre Erstkontakte nicht nach diesem Kriterium, verbrachten genau so viel Zeit mit sexerprobten wie mit unerfahrenen Mäusemännchen. Am Ende stammten nicht mehr oder weniger Nachkommen von den Routiniers als von den Greenhorns, berichtet die Forscherin. Bei Mäusen zählt sexuelle Erfahrung – nichts.

Der Lithiumgehalt des Trinkwasser steht in direktem Zusammenhang mit der Suizidrate einer Region: Sie ist umso geringer, je mehr von dem Metall im Wasser vorkommt. Bereits 2009 konnte das für Österreich nachgewiesen werden, sagt Nestor Kapus-

Nestor Kapusta, MedUni Wien ta von der MedUni Wien. In der Folge gingen er und sein Team der Frage nach, ob der positive Effekt allein auf dem natürlichen Anteil dieses Metalls im Wasser beruht, oder ob vom Menschen stammende Verunreinigungen und Ausscheidungen hier mitwirken. Immerhin werden Lithiumsalze als Bestandteile von Medikamenten

gegen Stimmungsschwankungen, Manien, schizoaffektive Psychosen und endogene Depressionen eingesetzt. Und auf den Müllhalden stapeln sich die lithiumhaltigen Akkus unserer Smartphones. Nun steht endlich fest, dass die Wirkung tatsächlich nur auf natürliches Lithium zurückgeht. Kapusta, dessen Forschung auf japanischen Studien aufbaut, hält aber nichts davon, die Dosis prophylaktisch zu steigern. „Ich würde davon Abstand nehmen, Trinkwasser bewusst mit Lithium anzureichern“, warnt er. In der natürlichen Dosierung (für Wien bedeutet dies etwa zwölf Mikrogramm pro Liter Wasser) „mag Lithium zwar harmlos erscheinen und sich positiv auf das Wohlbefinden auswirken“. Aber es hat auch Nebenwirkungen, wie sie sich in lithiumhaltigen Medikamenten zeigen, Eine Folge ist die Schilddrüsenunterfunktion. Und die will man ja in der Bevölkerung nicht unbedingt vermehren.

:  Um w e lt syst e m w i ss e n s c h a f t

Aller Strom ist grün – bis zum Jahr 2050

Ein neues Konzept von Uni und TU Graz verspricht eine Vollversorgung aus hundertprozentig erneuerbaren Energieträgern in Österreich

Fotos: Foto Weinwurm, Muellek Josef/Shutterstock, Privat (2)

Johannes Mörth

Wie grün kann die Stromversorgung werden? Diese Frage stellten sich Studierende von Universität und Technischer Universität Graz im Rahmen eines interdisziplinären Praktikums zur Umweltsystemwissenschaft. Unterstützt wurden sie von den Professoren Ralf Aschemann, Udo Bachhiesl, Peter Knoll und Michael Narodoslawsky. Ein neues Konzept soll eine Stromversorgung aus hundertprozentig erneuerbaren Energieträgern in Österreich sicherstellen. Grundlage dafür sind eine Potenzialanalyse regenerativer Energieträger und die prognostizierte Entwicklung der Stromnachfrage bis 2050 auf Bezirksebene. Für die durchgeführte Analyse wurden Windkraft, Wasserkraft und Photovoltaik herangezogen. Diese erneuerbaren Energieträger wählte man aufgrund bestehender Erfahrungsberichte, technischer Reife und gesellschaftlicher Akzeptanz. Um Nachhaltigkeit zu erreichen, setzt das Konzept auf lokale Versorgung. Es umfasst auch die Verortung zukünftiger Anlagen.

Zur Potenzialanalyse wurde der Stromverbrauch des Jahres 2015 auf Bezirksebene über den Pro-Kopf-Verbrauch und die Bevölkerungsdichte ermittelt. Dieser wurde der Stromproduktion bestehender Kraftwerke mit einer Leistung über zehn Megawatt

aus regenerativen Energieträgern gegenübergestellt. Die Prognose der Stromnachfrage wurde auf Basis von relevanten Studien erarbeitet. Faktoren waren steigende Ölpreise, ein stetiger Anstieg der Energieeffizienz und die Umstellung

Michael Narodoslawsky, Technische Universität Graz

Erneuerbare Energieträger könnten unseren Stromverbrauch decken

auf Elektromobilität. Letztere bewirkt eine Zunahme des Gesamtstromverbrauchs. Der Verbrauch in den Bereichen Industrie, Haushalt und Dienstleistungen nimmt ab 2040 ab. So ist eine Zunahme des Stromverbrauchs von 59.750 GWh pro Jahr auf 70.040 GWh zu erwarten. Für ein grünes Stromkonzept 2050 muss die jährliche Leistung von Windkraft von 3.590 auf 12.510 GWh

erweitert werden, bei der Photovoltaik auf 629 GWh. Auch die Wasserkraft (aktuell 45.000 GWh pro Jahr) müsste um 6.605 GWh pro Jahr ausgebaut werden. Nach dieser Berechnung belaufen sich die jährlichen Kosten auf 5,162 Milliarden Euro oder 1,5 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts 2015. Sie umfassen Investitions- und Betriebskosten, während anfallende Kosten für einen Netzausbau vernachlässigt wurden. Der grüne Strom 2050 aus 73,4 Prozenten Wasserkraft, 22,9 Prozenten Windkraft, 2,73 Prozenten Biomasse und 0,98 Prozent Photovoltaik weist einen ökologischen Fußabdruck (berechnet mit dem Sustainable Process Index) von 1,6 Quadratmeter pro Kilowattstunde auf. Zum Vergleich: Heute beträgt dieser 121 Quadratmeter je kWh. Das neue Konzept zeigt: In Österreich ist 2050 Strom aus hundertprozentig erneuerbaren Energietechnologien technisch durchaus möglich.


8  FALTER 43/16   h eur eka 04/16  :   Nac h r i c h te n

:  Dys p h ag i e

Einfach wieder schlucken lernen Der Intensivmediziner Rudolf Likar am Klinikum Klagenfurt verzeichnet überraschende Erfolge bei Schluckstörungen mit neuer Medizintechnologie Uschi Sorz

Schluck! Was ist, wenn man genau das nicht mehr eigenständig tun kann? Leider ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig. Nach einem Schlaganfall etwa sind immerhin 30 bis 78 Prozent der Patienten von Schluckstörungen (Dysphagie) betroffen. Rund 40 Prozent kämpfen noch nach einem Jahr damit. Bisher konnte man dem bis auf logopädische Maßnahmen wenig entgegensetzen. Hoffnungsträger ist nun das neue Medizingerät Phagenyx© der Firma Phagenesis, das die neurologische Kontrolle über das Schlucken wiederherstellen kann. Rudolf Likar, Professor an der Medizinischen Universität Graz und Leiter der Anästhesiologie und allgemeinen Intensivmedizin am Klinikum Klagenfurt, setzt es im Rahmen einer internationalen Studie an Schlaganfallpatienten als einer der ersten in Österreich ein. Dabei entdeckte er, dass es nicht nur nach Schlaganfällen, sondern auch bei Intensivpatienten erfolgreich ist. Denn auch bei künstlich Beatmeten kann

das Unvermögen zu schlucken zum Problem werden. Seit einem Jahr leitet Likar nun eine eigene Studie, die den Einsatz bei dieser Patientengruppe näher untersucht. Herr Likar, Sie leisten mit einem neuen Medizingerät, das in England entwickelt wurde, in Klagenfurt Pionierarbeit. Wie kam das? Likar: Am Klinikum Klagenfurt erproben wir Phagenyx© bereits seit einigen Jahren. Das Gerät wurde für Schlaganfallpatienten mit Schluckstörungen konzipiert, denn die kommen bei ihnen häufig vor. Das ist nicht nur quälend für die Betroffenen, sondern erhöht zum Beispiel auch das Risiko einer Lungenentzündung um das Dreifache. Nun haben wir erstmals eine Technologie, die an der Ursache ansetzt, und die funktioniert hervorragend. Also haben wir uns überlegt, sie auch bei Patienten in der Intensivstation anzuwenden. Wir waren selbst überrascht, wie gut das gelang.

Daher leite ich jetzt seit einem Jahr gemeinsam mit internationalen Kollegen eine europaweite Studie zu diesem anderen Einsatzbereich. Das ist ein neuer Ansatz bei Dysphagie in der Intensivmedizin.

Rudolf Likar, Klinikum Klagenfurt Schlaganfallpatienten können nicht schlucken, wenn der dafür zuständige Bereich im Gehirn geschädigt ist. Wie ist das bei Intensivpatienten? Likar: Schluckstörungen bei Schlaganfallpatienten sind neurologisch bedingt. Bei ihnen geht es in der neuen Behandlung darum, die Reorganisation des Gehirns anzuregen und den Schluckreflex zu aktivieren. Sie erlernen ihn praktisch neu. Das Erstaunliche ist,

dass das mit nur drei Behandlungen à zehn Minuten an drei aufeinanderfolgenden Tagen gelingt, und zwar durch ein für den Patienten optimiertes elektrisches Signal an der Hinterseite des Rachens. Auf der Intensivstation hingegen liegen Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen. Bei ihnen kann es zu einer sogenannten Schwerkranken-Polyneuropathie kommen, also einem Nervenschaden. Ihre Muskulatur ist geschwächt, sie haben keine Kraft zu schlucken und Sekret abzuhusten. Dieses sammelt sich im Rachen an und man muss verhindern, dass es in die Lunge kommt. Was bringt die neue Technik für Intensivpatienten? Likar: Gerade habe ich eine junge Emboliepatientin sehr glücklich gemacht, weil ich sie frühzeitig aus der Station entlassen konnte. Wir haben sie mit diesem Tool wieder zum Schlucken und Abhusten gebracht und konnten dadurch den Beatmungsschlauch

:  M e d i z i n / To u r i s m u s

Kommet zu uns, ihr Leidenden dieser Welt! Weltweit boomt der Medizintourismus, Österreich mischt aber kaum mit. Die Plattform „Austrian Health“ möchte das ändern BARBARA FREITAG

Es war einmal Kaiserin Maria Theresia. Ihr Leibarzt Gerard van Swieten setzte neue Maßstäbe in Ausbildung und Therapie. Unter ihrem Sohn Joseph II. entstand 1784 das Erste Allgemeine Krankenhaus in Wien, das den Paradigmenwechsel ins Zeitalter der naturwissenschaftlich basierten Medizin einleitete. Daraus entwickelte sich die weltberühmte „Wiener Medizinische Schule“. Von diesem Mythos zehrte das Image der Medizin in Österreich lange. Der Wiener Internist Karl Fellinger behandelte in den 1970er Jahren Schah Reza Pahlavi ebenso wie den saudischen König Saud oder den marokkanischen König Hassan II. „Das hat mit der Wende aufgehört“, sagt David Gabriel, Anästhesist und Gründer der Plattform „Austrian Health“. „Danach begannen Schwellenländer des ehemaligen Ostblocks, die medizintouristische Nische erfolgreich zu besetzen.“ In Europa ist Deutschland Hauptdestination ausländischer Medizintouristen und erwirtschaftet damit rund 1,2 Milliarden Euro.

Was hat der Nachbar, das wir nicht bieten können? Gabriel: „Medizinisch gesehen, nichts. Im Gegenteil, wir haben das Potenzial, mit unserem Paket aus Hightech-Medizin und Menschlichkeit, Qualität und Kompetenz zu den führenden medizinischen Reisezielländern zu gehören. In Österreich krankt es leider am Marketing.“ Zwar bemühen sich Privatspitäler um ihre Klientel, doch agieren sie eher als Einzelkämpfer und in Konkurrenz zueinander. Es gibt kein übergeordnetes Destinationsmarketing wie im Tourismus, weshalb Österreich trotz seiner Spitzenmedizin im internationalen Wettbewerb unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibt.

Medizintourismus: Während der Ehemann im Spital weilt, heben die ­Geschäfte am Kohlmarkt bei seiner Begleiterin die Stimmung.

Medizintourismus: Ein 90-Milliarden-Euro-Geschäft Laut einer Studie von McKinsey gaben Menschen im Jahr 2015 rund neunzig Milliarden Euro aus, um sich irgendwo auf der Welt behandeln zu lassen. Hauptmotiv für solche Reisen ist zumeist die ungenügende medizinische Versorgung im Heimatland.


N Ac h r ic h te n   :   h eu r e ka 04/16   FALTER 43/16  9

:  w i ss e n s c h a f t l i c h e b ü c h e r au s ö st e r r e i c h empfehlungen von erich klein

„Sonntags möglichst kein ­Essen. ­Fasten. Kein Sport. Keine Spaziergänge.“ Friedrich Kurrent, 85

Phagenyx©: Dieses Gerät hilft Patienten auf der Intensivstation

Das Niveau vieler außereuropäischer Gesundheitssysteme ist oft deutlich niedriger. Auch haben Menschen bereits eine längere Krankengeschichte

David ­Gabriel, Gründer der Plattform www.austrian health.at hinter sich, bevor sie in ihr Zielland kommen. Weltweit gesehen gehört Thailand mit 2,5 Millionen Patienten pro Jahr zu den führenden Destinationen des Medizintourismus, gefolgt von Indien und der Türkei. Im Bereich der Schönheitsoperationen, wo auch günstige Kosten eine Rolle spielen, sind Osteuropa und die Türkei aktuell Hauptziele. Nach Deutschland kommen pro Jahr 250.000 Patienten, vorwiegend aus Rumänien, Russland und dem arabischen Raum. Eine Klientel, die auch für Österreich interessant wäre.

wenige. Das wird oft unterschätzt. Ich finde, das Gerät ist ein Meilenstein, sowohl in der Schlaganfall- als auch in der Intensivbehandlung. Wenn die Erfolge weiterhin so gut sind, wird es hoffentlich nach dem Abschluss der Studien zur Standardtherapie.

Es gibt keine gesicherten Zahlen über den Medizintourismus hierzulande. Doch Gabriel schätzt das Potenzial auf 1,2 Milliarden Euro. „Wir müssen zusammenarbeiten und unsere Ressourcen bündeln“, so der Mediziner. „Wünschenswert wäre natürlich auch eine politische Unterstützung.“ Sein großes Ziel ist die Vernetzung von Institutionen wie Wirtschaftskammern, Ärztekammern, Medizinuniversitäten und Tourismusagenturen. Andererseits will die Plattform auch direkter Ansprechpartner für ausländische Patienten sein. Geboten wird ein vielfältiger Service, von der Vermittlung der Ärzte, der Erstellung eines Kostenplanes über ein Dolmetscherservice bis zur Reiseplanung. Natürlich organisiert „Austrian Health“ auch den Aufenthalt, je nach finanzieller Kapazität, vom Kulturprogramm über die Limousine bis zum Personenschutz. Gabriel: „Allerdings ist der reiche Scheich, der sich in Wien operieren lässt, derweil seine Entourage ins Goldene Quartier shoppen geht, doch eher die Ausnahme.“

Fotos: Furgler/Mediendienst.com, Phagenesis, mikecphoto/Shutterstock, Austrian Health

schneller als sonst entfernen. Das ist ein großer Gewinn für die Lebensqualität. Die Behandlung wird weniger langwierig, die Leute können früher essen und genesen rascher. Zirka 20 Prozent der Intensivpatienten haben Schluckstörungen, also gar nicht so

„Frauen, strengt euch an!“ Renée Schroeder

Eine Kritik an Chipperfield, die Anregung eines Thomas-Bernhard-Platzes neben dem Burgtheater oder die Aufforderung an den ORF-General „Lassen Sie das Funkhaus in Ruhe!“– die Texte des fünfundachtzigjährigen Architekten Friedrich Kurrent wirken frisch. Neben anekdotischer Innensicht der Wiener (und Münchner) Kunstszene finden sich jüngste Projekte wie eine Synagoge am Schmerlingplatz und das Wien Museum am Karlsplatz. Rezept für den Neunziger: „Sonntags möglichst kein Essen. Fasten. Kein Sport. Keine Spaziergänge.“

Österreichs bekannteste Biochemikerin lässt die „Erfindung des Menschen“ sokratisch beginnen: Vor 70.000 Jahren war der Mensch zum ersten Mal in der Lage, etwas zu denken, was es nicht gibt. Das ist der Anfang der Kultur. Grundbegriffe der Evolutionstheorie werden erläutert und ihr Forscher-Innenleben führt schließlich zu gesellschaftspolitischen Fragen. Das reicht von „Hitler und Mohammed! Was haben sie gemeinsam?“ bis zum Austritt aus der Akademie der Wissenschaften und zur Aufforderung „Frauen, strengt euch an!“

Friedrich Kurrent: Einige Projekte, Architekturtexte und dergleichen Müry Salzmann Verlag, Salzburg 2016, 175 Seiten

Renée Schroeder: Die Erfindung des Menschen. Wie wir die Evolution überlisten Residenz Verlag, Wien-Salzburg 2016, 224 Seiten

„Zigarettenetui auf, Klappe zu, Zienhammer ab. Was folgt, ist die Ära der Aktentaschen.“

„Kann Demokratie tolerant bleiben, wenn sie sich gegen antidemokratische Umtriebe verteidigen muss? Sie kann es!“

Heimito von Doderer (1896–1966) starb vor fünfzig Jahren. Klaus Nüchtern durchquert dessen romanesquen Kontinent voller Witz: „Zigarettenetui auf, Klappe zu, Zienhammer ab. Was folgt, ist die Ära der Aktentaschen.“ Dem „SuspenseGenie Alfred Hitchcock“ wird der „Kinomuffel Doderer“ gegenübergestellt, dessen Aufstieg zum „Austriae Poeta Austriacissimus“ der Zweiten Republik nachgezeichnet wird. Das Close Reading der Hauptwerke resultiert in einem „Who’s Who“ in zweihundert Personen. Doderer barrierefrei und den Verließen der Germanistik entrissen.

„Gerechtigkeit ist in erster Linie eine mögliche, aber nicht notwendige Eigenschaft einer gesellschaftlichen Ordnung.“ Der Rechtswissenschafter und Architekt der österreichischen Bundesverfassung Hans Kelsen (1881-1973) dekliniert in seiner kleinen Schrift „Was ist Gerechtigkeit?“ 1953 Gerechtigkeitslehren von ­Platon bis Kant durch. Ergebnis: „­Absolute Gerechtigkeit ist ein irrationales Ideal.“ Letzter Rettungsanker: Toleranz. „Kann Demokratie tolerant bleiben, wenn sie sich gegen antidemokratische Umtriebe verteidigen muss? Sie kann es!“

Klaus Nüchtern: Kontinent Doderer C.H. Beck Verlag, München 2016, 352 Seiten

Hans Kelsen: Was ist Gerechtigkeit Reclam Verlag, Stuttgart 2016, 72 Seiten


10  FALTER 43/16   h eur eka 04/16  :   T i t elt h e m a

T I T E LT h e m a U n s e r e tä g li c h e medizin

Seite 10 bis 22 Jung, agil und gesund – so stellt man sich die Studierenden von heute vor. Damit das so bleibt, muss sich auch die Medizin ständig weiterentwickeln. Nur wohin? Falter Heureka hat mit der Klasse für Grafik Design der Universität für Angewandte Kunst kooperiert. Hochschullehrerin Elisabeth Kopf übernahm die Organisation. Und ihre Studierenden haben illustriert, was Medizin für sie bedeutet. Und was sie dereinst bedeuten könnte.

:  au s g e s u c h t e z a h l e n z u m t h e m a zusammengestellt von Sabine Edith Braun

19.110.000.000

823 Firmen auf dem Sektor Biotechnologie, Pharma und Medical Devices im Jahr 2014 in Österreich, das sind rund 5,8 des BIP. 51.660 Menschen arbeiteten 2014 für ein österreichisches Life-Science-Unternehmen. Euro erwirtschafteten insgesamt

In der akademischen Life-Science-Forschung sind in Österreich rund

20.000 Menschen beschäftigt.

10.700.000.000

15.129 Personen

Euro werden die Ausgaben für Forschung haben sich für den Aufnahund Entwicklung in Österreich im Jahr metest zum Medizinstudium 2016 vermutlich betragen. an den öffentlichen UniverDas ist ein Anstieg um 2,9 Prozent im Vergleich sitäten am 8. Juli 2016 angezu 2015 und beträgt 3,07 Prozent des BIP. meldet. 12.160 haben am Test

142.000

Treffer liefert die Suchmaschine

Google als Antwort auf die Suchworte Medizinstudium und Österreich.

tatsächlich teilgenommen. Die 1.620 Studienplätze gingen an 908 Frauen und 712 Männer. Die meisten Plätze (740) vergab die MedUni Wien, die wenigsten Plätze (120) die Medizinische Fakultät der JKU Linz. Ein Fünftel der Plätze ist für EU-Bürger reserviert, fünf Prozent für Bewerber aus anderen Ländern.

7 TAUSEND

(Humanmedizin, Karl Landsteiner Privatuniversität KLP) bis

13 TAUSEND

Euro (Zahnmedizin, Danube Private University DPU) betragen die Studien­ gebühren für Medizinstudien an privaten Unis, die ihre jeweils eige­ nen Aufnahme­ voraussetzungen haben, pro Semester.


Die Naturheilkunde nimmt in Österreich aufgrund steigender Nachfrage einen immer höheren Stellenwert ein, stellt Rebecca Wenig fest. Das Thema wird virulent bleiben. Muss die Pharmaindustrie in Zukunft umdenken? www.instagram.com/rebecca_wenig

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12  FALTER 43/16   h eur eka 04/16  :   T i t elt h e m a

Hackeln, bis der Doktor kommt Ärzte in Österreich arbeiten zu viel, sagt die EU. Und verlangt eine Verringerung der Arbeitszeit ie Zufriedenheit des ärztlichen Personals ist hinsichtlich des Einkommens und der Arbeitszeit in den letzten Jahren gestiegen. Zumindest besagt dies eine im Mai 2016 durchgeführte Umfrage (IFES) von rund 2.000 Ärztinnen und Ärzten in Österreich. Das Ergebnis zeigte, dass 57 Prozent der Befragten mit ihrem Einkommen zufrieden sind; 2013 waren es 44 Prozent. Mit ihrer Arbeitszeit waren 57 Prozent zufrieden, 2013 nur 36 Prozent. Jedoch gab es Unterschiede zwischen den Bundesländern, wie etwa das Ergenbis für Wien zeigt: Von den rund 500 befragten Wiener Ärztinnen und Ärzten gaben mehr als die Hälfte einen Stillstand im Spitalswesen an. Auch über die derzeitigen Entwicklungen sind sie unzufrieden und kritisieren das Vorgehen des Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) – hier sind 3.400 Ärzte in elf Wiener Spitälern angestellt. Europäische Union verwarnt Österreich, Ärzte streiken in Wien Im März 2014 drohte die EU mit einer Klage, da die Ärzte in Österreich zu viele Stunden arbeiteten. Zwischen der Ärztekammer und der Stadt Wien kam es zu Gesprächen, die sich nicht immer als einfach erwiesen. Mehrere Vereinbarungen wurden getroffen, aber nach Ansicht der Ärzte nicht alle zufriedenstellend ausgeführt. Dies führte im September 2016 zum Streik der Ärzte. Er bewirkte neuerliche Gespräche, jedoch scheint es noch ein weiter Weg bis zu einer endgültigen Einigung zu sein. „Die ärztliche Arbeitszeit wurde massiv reduziert. Ursprünglich lag die durchschnittliche Arbeitszeit bei den Ärzten bei 55 Stunden pro Woche, punktuell auch darüber – bis 72 Stunden war erlaubt“, erklärt Thomas Szekeres, Präsident der Wiener Ärztekammer. „Dann wurde die wöchentliche Arbeitszeit auf 48 Stunden reduziert. Das hat beim KAV Probleme gemacht, da es die Möglichkeit des Opt-Out nicht gab. So konnte die Arbeitszeit nicht kompensiert werden.“ Die entsprechende EU-Richtlinie macht ein Überschreiten der vorgeschriebenen Höchstarbeitszeit von der Zustimmung der betroffenen Dienstnehmer abhängig. Würde das Opt-Out unterschrieben werden, kann der Arbeitnehmer mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten. Diese Übergangsfrist gilt bis 2021. Im Unterschied zu Wien gab es diese Option in einigen Bundesländern schon. Im Juli 2016 kam die Anweisung des KAV, ab September 2016 nur 40 Stunden pro Woche zu arbeiten und Überstunden nach Möglichkeit zu vermeiden. „Das wäre eine Verminderung um fast ein Drittel der Arbeitszeit. Das lässt sich ohne Leistungsreduktion nicht kompensieren. Die Versorgung für die Patienten sollte aber gleich bleiben. Doch sie würden es spüren. Das war der Grund für unsere Proteste“, so Szekeres.

Text: Sophie Hanak

„Eine Spitalsreform sollte von Menschen durchgeführt werden, die Erfahrung im Spitalswesen haben“ Stephan Ubl, radiologe, donauspital wien

Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer Wien

Die Ärzte selbst fühlten sich vom Management des KAV überrumpelt. Eine Diensteinteilung mit zu wenig Personal und einer derart kurzfristigen Reduktion der Arbeitszeit war in so kurzer Zeit nur sehr schwer zu bewältigen. „Die Ärzte sollten in die Änderungen seitens des KAV besser eingebunden werden“, sagt Stephan Ubl, Radiologe im Donauspital Wien. „Für uns ist es sehr schwierig, so kurzfristig über geänderte Arbeitszeiten zu erfahren. In den jeweiligen Abteilungen eines Krankenhauses muss dann viel umorganisiert werden. Ich sehe hier Versäumnisse im Management. Eine Spitalsreform sollte von Menschen durchgeführt werden, die Erfahrung im Spitalswesen haben und Einblick in das System. Es fehlt die Absprache mit den Ärzten.“ Kürzung der Nachtdienste und Überalterung der Hausärzte Ein weiteres Ziel des KAV war, die 25-Stunden-Dienste auf 12,5-Stunden-Dienste zu reduzieren. Jedoch ist das nicht in allen Abteilungen sinnvoll. In jenen, wo ein Arzt bisher sieben oder acht 25-Stundendienste pro Monat absolviert und es während der Nachtdienste keine längeren Ruhephasen gibt, wären kürzere Dienste sinnvoll. In weniger anstrengenden Abteilungen wären wiederum die langen Dienste sinnvoll, da längere Ruhephasen möglich und auch weniger Nachtdienste im Monat nötig sind. Aufgrund der Unterschiedlichkeiten der Abteilungen ist es wichtig, dass die Arbeitszeitenänderungen an die jeweilige Abteilung angepasst werden. Auch wollte der KAV eine bestimmte Zahl an Nachdiensten überhaupt streichen. Bevor diese Kürzungen getätigt werden können, müssen aber zuerst die Rahmenbedingungen verbessert werden. Eine sehr zeitaufwendige Arbeit seitens der Ärzte ist etwa die Aufnahme von Patienten in den jeweiligen Spezialabteilungen. Um Abteilungen zu entlasten, sollen Patienten zuerst im jeweiligen Krankenhaus in neu etablierten, zentralen Notaufnahmen betreut werden. Dort gibt es ein Team von verschiedenen Spezialisten, die sich um die Patienten kümmern und dann erst, wenn nötig, in die jeweiligen Abteilungen verlegen. Diese zentralen Notaufnahmen sollen die Einführung von Triage-Systemen nach international üblichen Beispielen aufweisen. Seitens des KAV wurde dieses Vorhaben noch nicht vollständig umgesetzt. Ferner muss der niedergelassene Bereich gestärkt und ausgebaut werden, um die überlasteten Spitalsambulanzen zu unterstützen. Da gegenwärtig viele niedergelassene Ärzte nahe dem Pensionsalter sind und es für junge Ärzte nicht allzu attraktiv ist, sich als Arzt niederzulassen, wird es künftig zu wenige Hausärzte geben. Entlasten sollen hier auch die Entwicklung der Primärversorgungszentren (PHC) und der Ausbau des Ärztefunkdienstes.

Steigerung der Effizienz und die Situation am Land Hinsichtlich der Effektivität der ärztlichen Tätigkeit sind ebenfalls dringend Reformen nötig. „Aufgrund des Ärzteüberschusses war es früher Usus, dass vor allem junge Ärzte viele administrative Tätigkeiten oder solche gemacht haben, die auch der Pflege erlaubt war wie etwa Blutdruckmessen, Blutabnahmen oder subkutane Injektionen“, sagt Szekeres. Durch den Ärztemangel ist es wichtig, dass die Pflege vermehrt diese Tätigkeiten wieder durchführt. Auch sollten die Ärzte von administrativem Personal unterstützt werden. „Mittlerweile gibt es in ganz Europa einen Ärztemangel. In Österreich wird eine Pensionierungswelle erwartet. Sie wird sich bemerkbar machen. So ist es wichtig, attraktive Arbeitsbedingungen anzubieten. Auch sollten Politik und die Sozialversicherung ihre Wertschätzung gegenüber den Ärzten steigern“, sagt Ärztekammerpräsident Szekeres. In ländlichen Gebieten wird der Ärztemangel in den nächsten Jahren besonders zu spüren sein. Schon jetzt sind in vielen Orten die Kassenstellen der Landärzte unbesetzt. Vor allem Ärzte aus größeren Städten trauen sich aufs Land. Hier sind ein Umdenken und Förderprogramme erforderlich, um die niedergelassenen Ärzte zu unterstützen. In Dänemark etwa müssen die Ärzte während ihrer Ausbildung sowohl in einem Krankenhaus in der Stadt als auch am Land arbeiten. Dies ist sinnvoll, denn auf diese Weise kann viel Wissen ausgetauscht werden. Auch wird dem Ärztemangel am Land entgegengewirkt. Unterschiede zwischen den Ländern und der Stadt Wien Hinsichtlich der Arbeitszeitenregelung gibt es in den Bundesländern im Vergleich zu Wien Unterschiede. In Vorarlberg etwa gab es für die Ärzte die Möglichkeit, das OptOut zu unterschreiben, im LKH Feldkirch haben dies 90 Prozent getan. Somit arbeiten die Ärzte dort annähernd soviel wie zuvor: durchschnittlich 60 Stunden pro Woche, punktuell auch bis zu 72 Stunden. Diese Übergangsfrist gilt bis Sommer 2021. Dann ist die maximale Dauer eines Nachtdienstes mit 25 Stunden einzuhalten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt dann 48 Stunden. Um letztendlich eine für Patienten und Ärzte zufriedenstellende Reform zu bewerkstelligen, wird noch eine Menge zu tun sein – und vielleicht auch noch der eine oder andere Streik ausgerufen. Ein Blick über die Grenzen von Österreich hinaus lohnt hierbei. Denn in Skandinavien etwa funktioniert das System mit 40 Wochenstunden recht gut. In den Abteilungen herrscht eine kollegiale und respektvolle Stimmung. Die Hausärzte haben hohes Ansehen, und junge Ärzte werden gefördert – und es wird ihnen auch mehr zugetraut.

Fotos: Privat, Stefan Seelig,

D


Die Neuinterpretation des Äskulapstabes stammt von Fresh Max. In der griechischen Mythologie trug Äskulap, Gott der Heilkunde, den Stab. Heute ist er Symbol von Ärzten und Pharmazeuten. Äskulap hätte diese Darstellung hier wohl nicht gefallen. www.freshmax.eu

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14  FALTER 43/16   h eur eka 04/16  :   T i t elt h e m a

Impfen lassen oder nicht? Impfen gilt als wichtige Errungenschaft. Trotzdem verweigern es manche bei ihren Kindern m Jahr 1796 infizierte der britische Landarzt Edward Jenner den achtjährigen Sohn seines Gärtners vorsätzlich mit den für Menschen relativ harmlosen Kuhpocken, um den Jungen gegen die wesentlich gefährlicheren Menschenpocken zu immunisieren. Das Experiment gelang. Jenner taufte seine Technik der künstlichen Immunisierung „Vaccination“, angelehnt an den lateinischen Ausdruck vaccinus, also „von Kühen stammend“. Bereits im Jahr 200 vor Christus wusste man, dass eine einmal überstandene Pockenkrankheit vor erneuter Ansteckung bewahrt. Um sich vor den grausam wütenden Epidemien zu schützen, wurde jahrhundertelang mit Pockeninfektionen experimentiert. Dabei starben immer wieder Menschen, statt immunisiert zu werden. Erst Jenners „Vaccination“ ermöglichte einen zuverlässigen Schutz und wurde damit zu einem Wegbereiter der Vorsorgemedizin. Mittlerweile ist die Welt laut WHO seit 1980 offiziell pockenfrei. Auch andere Krankheiten wie Kinderlähmung, Mumps, Masern oder Röteln wurden durch großangelegte Impfkampagnen wesentlich zurückgedrängt, auf einzelnen Kontinenten sogar ausgerottet. Hierzulande erhalten seit fast zwanzig Jahren Kinder bis 14 Jahre die wichtigsten Impfungen kostenfrei. Der österreichische Impfplan, herausgegeben und regelmäßig aktualisiert vom Gesundheitsministerium in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Impfgremium, legt diese fest und empfiehlt darüber hinaus ergänzende Schutzimpfungen, die nicht von der öffentlichen Hand finanziert werden. Trotzdem wird die Frage nach der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit von Schutzimpfungen immer lauter, sei es aus Angst vor einer zu großen Belastung des Körpers durch einen Impfstoff, oder aus Furcht vor möglichen Folgeschäden. Fakt ist: Immer mehr Eltern entscheiden sich dafür, ihre Kinder nicht oder nur teilweise impfen zu lassen. Das Risiko von gefährlichen Krankheiten falsch eingeschätzt „Heute wachsen Generationen heran, die viele gefährliche Krankheiten wie Kinderlähmung oder Masern, gegen die geimpft wird, oft gar nicht mehr kennen oder erkennen“, sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, ärztliche Leiterin der Spezialambulanz für Impfungen des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien und Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums. War etwa die Kinderlähmung mit ihren oft dauerhaften Folgeschäden in den 1960ern und 1970ern noch sichtbar, kennen sie heute viele nur noch vom Hörensagen. Dies führe zu einer verschobenen Risikoeinschätzung, meint Wiedermann-Schmidt. „Die Angst vor den vermeintlichen Nebenwirkungen einer Impfung wird dabei gegen

Text: Claudia Stieglecker

„Bei keinem medizinischen Thema gibt es eine derartige Polarisation wie beim Impfen“ Ursula Wiedermann-Schmidt, Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums

die Angst vor den möglichen Folgen einer Erkrankung abgewogen, die aber in der persönlichen Wahrnehmung nicht präsent ist und damit keine konkrete Bedrohung darstellt. Manche gelangen zu der Frage: Wozu soll ich mein gesundes Kind impfen lassen? Leider fehlt oft das Verständnis dafür, dass Krankheiten, so lange sie nicht ausgerottet sind, u.a. im Zuge von Migration wiederkehren können, wenn die Durchimpfungsraten in der Bevölkerung sinken.“ Wie gefährlich ist das Impfen wirklich? Die 48-jährige Stella aus Wien hat ihren zwölfjährigen Sohn nur gegen Tetanus, die achtjährige Tochter noch gar nicht impfen lassen. Auch sie selbst, ihre vier Geschwister und ihre Eltern sind nicht geimpft. „Es ist gut, dass es die moderne Medizin so, wie sie ist, gibt“, sagt Stella. „Man muss aber schon hinterfragen, wie und wie oft man sie einsetzt.“ Die Entscheidung, nicht zu impfen, beruht auf ihrer anthroposophischen Erziehung, persönlicher Recherche und Erfahrung: „In unserer Familie sind zwei Verwandte nach Pockenimpfungen in den 1970ern auf dem Entwicklungsstand von Kleinkindern geblieben.“ Ihre Entscheidung stößt nicht überall auf Verständnis. „Viele halten das für unverantwortlich. Speziell in der Arztfamilie meines Mannes waren anfangs alle entsetzt“, erzählt sie. Argumente gegen das Impfen seien aber nicht nur von ihr, sondern auch von anderer Seite gekommen. „Der Anlass bestimmt für mich die Maßnahmen, die zu setzen sind“, sagt Stella. Krankheiten dann behandeln, wenn sie auftreten – und nicht im Vorhinein. „Ich würde mir mehr Vorwürfe machen, wenn eines meiner Kinder, ausgelöst durch eine Impfung, eine schwere Krankheit bekommt.“ Derartige Ängste und Argumente kennt auch Ursula Wiedermann-Schmidt aus ihrem medizinischen Alltag. „Es ist auch ein Resultat der modernen Medien und des Internets. Jeder wird mit einem Wust an Informationen konfrontiert, kann aber nicht unterscheiden, welche dem wissenschaftlichen Fachstandard entsprechen und welche einfach nur Mythen sind. Es ist daher eine wichtige Aufgabe in der Praxis, entsprechende Aufklärung zu leisten. So ist es ein Mythos, dass alle Kinderkrankheiten harmlos sind und einfach behandelt werden können, das Gegenteil ist oft der Fall. Gegen die meisten Viruserkrankungen gibt es keine spezielle Behandlung, und bei bestimmten bakteriellen Erkrankungen wie Pneumokokken oder Meningokokken kann eine antibiotische Therapie zu spät kommen. Daher ist Vorsorge so viel wichtiger als Nachsorge. Fach- und Sachwissen müssen wieder in die Entscheidungsfindung gebracht werden, damit nicht aus einem Bauchgefühl, sondern auf Basis von Wissen Entscheidungen getroffen werden.“

Das sieht auch die 41-jährige Wienerin Sonja so. „Die Diskussionen werden sehr emotional geführt“, sagt sie. Ihre drei Töchter im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren sind komplett durchgeimpft, inklusive der selbst zu bezahlenden Impfungen. Auch sie selbst wurde als Kind geimpft: „Meine Eltern haben Todesfälle durch Kinderkrankheiten erlebt.“ Ihre Impfentscheidung wollte Sonja so sachlich und faktenbasiert wie möglich treffen. Konkrete Zahlen, Untersuchungen und Wahrscheinlichkeiten waren für sie relevant. Trotzdem bleibe bei jeder Impfung ein mulmiges Gefühl. „Doch ein gewisses Grundvertrauen in das System ist einfach notwendig. Allerdings weiß ich nicht, wie ich reagieren würde, wenn eines meiner Kinder zeitnah nach einer Impfung massive gesundheitliche Probleme bekäme.“ Solidar denken und nicht nur sich selbst schützen Laut Ursula Wiedermann-Schmidt komme es äußerst selten vor, dass schwere Folgeschäden durch eine verabreichte Impfung ausgelöst werden. Doch werde eben auch ein zufälliges Zusammentreffen einer seltenen Erkrankung mit einer Impfung in einen ursächlichen Zusammenhang gestellt. „Es ist zwar äußerst verständlich, dass für Betroffene ein nachvollziehbarer Grund leichter zu verarbeiten ist als ein böser Zufall. Dennoch muss akzeptiert werden, dass Krankheiten manchmal ohne offenbare Einwirkungen spontan entstehen können. Die heute verwendeten Impfungen unterliegen besonders strengen und langwierigen Prüfverfahren und sind als sicher einzustufen, sodass die Nutzen-Risiko-Relation immer zu Gunsten der Impfungen zu werten ist.“ Die wachsende Skepsis zeitigt mittlerweile auch konkrete Auswirkungen. Während in den USA erst kürzlich die Masern für ausgerottet erklärt wurden, verzeichnete Österreich 2015 mit 309 Fällen das höchste Erkrankungsniveau seit 2008 – und ist damit Nummer zwei in Europa. Eine Entwicklung, die Wiedermann-Schmidt auch in Bezug auf den gefährdeten Herdenschutz mit Besorgnis sieht. „Ein fehlender Herdenschutz hat auch wachsende Auswirkungen auf die zunehmende Zahl an Menschen mit chronischen oder schweren Krankheiten, die nicht geimpft werden können oder dürfen. Besonders diese müssen darauf vertrauen können, von ihren Mitmenschen nicht angesteckt zu werden.“ Impfen ist also nicht nur eine Entscheidung mit Auswirkungen für die eigene Person. „Der Solidargedanke ,Sich und Andere schützen‘ kann nicht oft genug betont werden“, sagt Ursula Wiedermann-Schmidt. „Bei keinem medizinischen Thema gibt es eine derartige Polarisation wie beim Impfen. Es ist aber höchste Zeit, die Diskussion über den Nutzen von Impfungen wieder in die richtige Dimension zu rücken.“

Foto: Welldone Oreste Schaller

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Man wappnet sich für alle Eventualitäten des Alltags, hat für alles ein Gegenmittelchen parat. Doch der Mensch bleibt verwundbar, meint Bettina Willnauer, denn es lauern ständig Gefahren, auf die man nicht vorbereitet ist. http://waswillbettina.tumblr.com

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Sterben wir an zu vielen Medikamenten? Meine tägliche Medizin? Lieber zweimal überlegen, denn Wechselwirkungen sind häufig r war 18 Jahre alt und kerngesund. Wenn nur nicht diese quälenden Migräneattacken gewesen wären. Der dagegen verordnete Betablocker löste bei dem jungen Mann Atemnot aus – und eine Odyssee durch diverse Spezialambulanzen. Diagnosen und Medikamentenverschreibungen häuften sich. Schließlich entwickelte er ein schweres, untherapierbares Asthma. Es drohte der ständige Anschluss an die Sauerstoffflasche. Unter den Augen von Experten war er sterbenskrank geworden. Warum? „Betablocker können bei empfindlichen Menschen Asthma hervorrufen“, sagt ­Georg Wietzorrek, Assistenzprofessor an der Sektion für Molekulare Pharmakologie der MedUni Innsbruck. „Bei dem Burschen kam hinzu, dass er als Kind Asthma gehabt hat.“ Der Betablocker hatte es wieder aktiviert. „Eine der großen Gefahren bei Arzneineben- und -wechselwirkungen ist, dass man sie oft nicht als solche erkennt und stattdessen eine neue Krankheit diagnostiziert. Gegen die gibt’s dann weitere Medikamente.“ Ein Teufelskreis. Bei dem Jugendlichen waren es zuletzt neben dem Betablocker sechs Asthmamittel und ein Psychopharmakon. Letzteres kann man auch gegen Migräne geben. Das tat man, weil ihm sein Anfangsleiden die ganze Zeit über erhalten geblieben war. Nur dumm, dass Psychopharmaka ebenfalls mit sehr vielem interagieren. Fälle wie diesen sieht der Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie oft – und kann auch die Notbremse ziehen. Weil er nicht nur die Substanzen aus einem bestimmten Fachgebiet gut kennt, sondern alle. Der junge Mann hatte das Glück, dass Wietzorrek hinzugezogen wurde. „Nach dem Absetzen der Medikamente wurde er wieder ganz gesund.“ Wachsamkeit im Umgang mit Arzneimitteln dringend nötig In den USA gelten Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten als dritthäufigste Todesursache. Anders als in Österreich wurde dieser Umstand systematisch untersucht. „Solche Erhebungen gibt es nur dort, wo Pharmakovigilanz ernst genommen wird“, sagt Wietzorrek. Pharmakovigilanz heißt Wachsamkeit im Umgang mit Arzneimitteln – Voraussetzung für Qualitätssicherung. Österreichs Arzneimittelgesetz enthält in Paragraph 75 die Verordnung, dass Zwischenfälle gemeldet werden müssen. „In der Praxis geschieht das viel zu selten.“ Das zeige sich nicht zuletzt darin, dass es keine repräsentativen Zahlen für unser Land gebe. „Konsequentes Melden von Neben- und Wechselwirkungen würde die Arzneimittelsicherheit heben“, weist Wietzorrek auf strukturelle Mängel hin. Ein weiterer sei, dass in Spitälern selten klinische Pharmakologen fix installiert seien. Abteilungen hätten vornehmlich Know-how über die eigene

Text: Uschi Sorz

„Wenn Arzneimittel mit Alkohol kombiniert werden, kann es zur Überdosierung kommen“ Eva roblegg, Pharmazeutin, Uni Graz

Georg ­Wietzorrek, Medizinische Universität Innsbruck

­ isziplin, doch für eine fächerübergreifende D Kommunikation fehlten ihnen oft die Ressourcen. „In Deutschland hingegen gehen Arzneimittelexperten bei der Visite mit.“ Diese Vorsicht sei auch angebracht, denn die Menschen ab einem gewissen Alter haben selten nur eine Krankheit. Bluthochdruck, Cholesterin, eine Schilddrüsenfehlfunktion, Depressionen, Diabetes, vielleicht noch Osteoporose – das gleichzeitige Auftreten solcher Leiden zusätzlich zu einem Akutfall ist weit verbreitet. „Ab sechs Medikationen spricht man von Polypharmazie“, sagt Wietzorrek. „Und ab dieser Anzahl kann es lebensgefährlich werden.“ Pflanzliche Substanzen können Probleme machen Auch im Alltag finden sich verschiedenste Wehwehchen nur zu oft in ein und demselben Menschen. Rezepte von mehreren Ärzten sind üblich. Gern nehmen wir rezeptfreie Kräuterpillen und Ähnliches dazu. „Pflanzliche Substanzen sind wirksam, aber nebenwirkungsreich und anfällig für Überdosierung“, weiß Wietzorrek. So können ­Johanniskrautpräparate zusammen mit Psychopharmaka das maligne Serotonin-Syndrom auslösen, mit mitunter tödlichen Krämpfen. Dasselbe kann bei einer Psychopharmaka-Kombination mit opiathaltigen Schmerzmitteln passieren. Und wenn wir schon bei Psychopillen sind: Gemeinsam mit Benzodiazepin-Schlafmitteln können diese alzheimerähliche Symptome hervorrufen. Auch frei verkäufliche Schmerzmittel sind nicht unbedenklich. Weil sie die Nierenfunktion herabsetzen, können sie zu einer Überdosierung anderer Arzneien führen. Fast alle Blutdrucksenker wechselwirken mit Psychopharmaka und Antibiotika. Letztere wiederum werden durch Milchprodukte wirkungslos. Über Kombinationen mit Nahrungsmitteln gibt es häufig nur Halbwissen. Das Beispiel mit der Grapefruit kennen die meisten, obwohl sich die betreffende Studie auf Wechselwirkungen durch puren, sehr stark konzentrierten Saft bezog. Doch wer weiß schon, dass potenziell abführende Nahrungsmittel wie Sauerkraut Medikamente wie die Antibabypille unwirksam machen können? Weil es hier einen Spiegel braucht und der Darm ein wichtiges Depot dafür ist. Für Alkoholkranke ein Plus: neue alkoholresistene Medikamente Dass Alkohol und Medikamente sich nicht vertragen, ist bekannt. Bei krankhaftem Alkoholmissbrauch ist es aber sicher ein Segen, was gerade an der Universität Graz erfunden wurde: Hier haben Eva Roblegg und Simone Eder am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften eine Methode entwickelt, die die unkontrollierte

Ausschüttung der Wirkstoffe von Medikamenten hemmt, wenn man sie zugleich mit Alkohol einnimmt. Speziell Pharmazeutika, die ihre Wirkstoffe über längere Phasen abgeben, enthalten höhere Arzneistoffmengen. Deshalb haben sie Kontrollmechanismen, die ihre langsame Abgabe steuern, etwa in Filmüberzügen. Das Ethanol im Alkohol kann diese aber auflösen. „Wenn solche Mittel mit Alkohol kombiniert werden, könnte es zu einer Freisetzung der gesamten Arzneistoffmenge kommen, also einer Überdosierung, die schwere Gesundheitsschäden nach sich ziehen kann“, erklärt Eva Roblegg. „Das betrifft vor allem Substanzen, bei denen die heilsame Dosis nicht weit von der toxischen Menge entfernt ist.“ Etwa für Menschen mit chronischen Schmerzen, Depressionen, Herzoder Gefäßkrankheiten. Das Grazer Medikament verzichtet deshalb auf die üblichen Kontrollmechanismen. Stattdessen besitzt es Kügelchen mit Porenblockern, die mit Alkohol nicht wechselwirken und so vor Überdosierung schützen. Ältere Menschen nehmen im Schnitt acht Medikamente täglich „Ältere Menschen nehmen durchschnittlich acht verschiedene Medikamente.“ ­Monika Lechleitner, Professorin an der MedUni Innsbruck und Primaria am LKH Hochzirl, weist auf diese besonders gefährdete Gruppe. „Denn die Häufigkeit von Erkrankungen nimmt in höherem Alter zu.“ Leider verträgt man die Polymedikation dann noch schlechter. Etwa weil die Nieren nicht mehr so gut funktionieren. Oder weil man Elektrolystörungen hat, oft verstärkt durch das abnehmende Durstempfinden. So im Fall einer betagte Patientin, bei der sich akut die Nierenwerte verschlechterten. Trotz Sommerhitze hatte sie kaum getrunken und zugleich Mittel gegen Bluthochdruck, Herzschwäche und Kreuzschmerzen eingenommen. „Nach Absetzen der Medikamente besserte sich das“, erzählt Lechleitner, Expertin für medizinische Altersversorgung, aus ihrer Praxis. „35 Prozent aller selbstständig lebenden älteren Menschen leiden an Nebenwirkungen“, betont sie. Jeden Siebten davon bringe das in Spital. „Dabei könnten 60 Prozent vermieden werden.“ Wichtige Arzneien dürften Senioren dennoch nicht vorenthalten werden, etwa um einen Schlaganfall zu vermeiden. Wietzorrek pflichtet bei. „Das ist wie beim Feuer. Es ist wohltätig und gefährlich zugleich.“ Es komme auf die wohlüberlegte Zusammenschau aller Medikamente an, und auf das Weglassen von Unnötigem. Das sei höchst individuell. „Patienten und Therapien von der Stange gibt es nicht.“ Lechleitners Spital ist auch in seinem Sinne ein Vorreiter: „An einigen Abteilungen werden in Kooperationsprojekten gemeinsame Visiten mit Pharmakologen durchgeführt“, so die Primaria.

Fotos: Fotostudio Sissi Furgler, Sektion fuer Molekulare Pharmakologie/MedUni

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„Mother’s Little Helper“ – schon die Rolling Stones sangen von den täglichen Aufputschpillen. Es hat sich nichts geändert. Luka Jana Berchtold diagnostiziert: 150.000 Österreicherinnen und Österreicher sind von Medikamentensucht betroffen. https://vimeo.com/user34902258

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Wir kennen nur ein Prozent von ihnen Bakterien sind als Krankheitserreger in Verruf. Wir sollten jedoch viele neue entdecken enn die Temperaturen fallen und die Nase läuft, liegt die Apotheke nah. Ihr Besuch sieht hierzulande jedoch anders aus als etwa in Großbritannien. Verweist eine pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin in Österreich auf Erkältungstees und allenfalls Paracetamol, Ibuprofen & Co zur Schmerzlinderung, bekommt man in England schnell ein schwaches Antibiotikum empfohlen. In Österreich erfolgt eine Abgabe von Antibiotika ausschließlich mit Rezept, in England sind schwache Antibiotika rezeptfrei. Durch zu leichtfertige Verabreichung von Antibiotika entwickeln Bakterien jedoch schneller Resistenzen. Ein Umstand, der bei weiterer Eskalation die Medizin viele Jahre zurückzuwerfen droht. Antibiotika, die Stoffwechselprodukte bzw. Ausscheidungen von Pilzen und Bakterien, werden seit mehr als hundert Jahren verwendet – Bakterien gegen Bakterien. Ernest Duchesnes Studien zu bakterienabtötenden (anti-biotischen) Substanzen in Schimmelpilzen der Gattung Penicillium und Alexander Flemings Entdeckung des Penicillium notatum verdanken wir Antibiotika, wie wir sie heute kennen. Kaum eine andere Entdeckung in der Medizin bot derart bahnbrechende Erfolge. Doch ihre Wirkung lässt nach. Die Antibiotika nehmen in unserem Leben immer mehr zu Schuld daran ist die Verabreichung der Arzneimittel. Während unsere britische Pharmazeutin sich bestimmt um unser Wohl sorgt, sorgt sie durch übermotivierten Verkauf von Antibiotika für das genaue Gegenteil. Auch in der Tierhaltung werden Antibiotika eingesetzt, um unseren Fleischkonsum garantieren zu können. So gelangen die Wirkstoffe auch in den menschlichen Kreislauf. Bakterien, die durch Antibiotika abgetötet werden, geben Teile ihrer DNA an andere Bakterien weiter, die sich dadurch selbst gegen die Wirkstoffe immunisieren und damit antibiotikaresistent werden. Dem österreichischen Antibiotikaresistenzbericht AURES von 2014 ist zu entnehmen, dass im Jahr 2013 in Österreich 54,98 Tonnen antimikrobiell wirksame Substanzen zur Behandlung von Rindern, Schweinen, Geflügel, Schafen und Ziegen von pharmazeutischen Unternehmen eingesetzt wurden. Das sind 3,3 Prozent mehr gegenüber 2012. Die weitreichenden Folgen für die Medizin beschreibt EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis so: „Wenn diese Entwicklung nicht unter Kontrolle gebracht wird, hat sie die Macht, die Uhr in der Medizin um hundert Jahre zurückzudrehen.“ Antibiotika werden täglich in Krankenhäusern verwendet. Dies führt auch zur Entwicklung der gefürchteten resistenten Krankenhauskeime. Einer von ihnen, MRSA, wurde vor Kurzem häufig auf den Ärmeln und Säumen von Ärztekitteln

Text: Lukas Schöppl

Er will das eine Prozent der bekannten Bakterien um ein weiteres Prozent vermehren slava epstein, molekularbiologe, Northeastern University, USA

gefunden. Das hatte zur Folge, dass über die Abschaffung dieser medizinischen Kleidung diskutiert wird. Drei Methoden gegen die wachsende Antibiotikaresistenz Was kann man tun, um der steigenden Bedrohung durch „Superbugs“, wie antibiotikaresistente Keime genannt werden, entgegenzuwirken? Eine Möglichkeit ist, Antibiotika seltener zu verwenden. In Österreich geht der Antibiotikakonsum offiziell kontinuierlich zurück. Internetanbieter, die Arzneimittelpreise dumpen und Medikamente günstiger als mit Rezept anbieten, füttern jedoch eine Dunkelziffer. Ein anderer Ansatz geht davon aus, dass es immer Resistenzen geben wird. Also muss man von einer anderen Seite an das Problem herangehen. Mithilfe von Abwehrpeptiden soll das Immunsystem gestärkt werden. Peptide sind Immunmodulatoren, die aus kurzen Aminosäureketten bestehen. Diese lösen den Biofilm auf, also die Schleimschicht, zu der sich Bakterien zusammenschließen und in der sie sich einbetten. Diese Biofilme sind für rund zwei Drittel aller Infektionen verantwortlich. Die dritte Möglichkeit packt das Problem an der Wurzel an, also bei den Bakterien. Mehr, viel mehr Bakterien als bekannte Sterne Bakterien sind erforscht – und dennoch mystisch zugleich. Vor allem aufgrund ihrer gewaltigen Zahl. Schätzungen zufolge existieren ungefähr fünf Quintillionen – das sind sieben Nullen mehr als die Zahl der bekannten Sterne. So liegt der Stand der erforschten Bakterien bei nicht einmal einem Prozent. Wie in der Kosmologie spricht man auch in der Mikrobiologie von dunkler Materie, meint hier jedoch den unerforschten Großteil aller Bakterien. Diese „dunkle Materie“ kann auch als „Dunkelziffer“ verstanden werden. Könnten Wissenschafter nur ein Prozent mehr Bakterien entdecken, würde die Anwendung von Antibiotika in der Medizin gerettet sein. Das Problem der Antibiotikaresistenzen wäre um zumindest weitere hundert Jahre hinausgezögert. Daher setzt der russisch-amerikanische Mikrobiologe Slava Epstein alles daran, dieses eine Prozent mehr zu schaffen und dadurch neue, effektive Antibiotika aus Bakterien zu gewinnen. Doch das Unterfangen ist alles andere als leicht. Ein Grund für die große Dunkelziffer der Bakterien ist ein Phänomen, das in der Mikrobiologie unter dem Namen „Great Plate Count Anomaly“ läuft. Manche Bakterien können weniger erfolgreich kultiviert werden als andere. Früher machten Wissenschafter dafür vor allem den Nährboden Agar verantwortlich, eine gallertartige Substanz aus Algen, die als Trägermaterial in Petrischalen verwendet wird. Doch

Epstein bezweifelt, dass das Problem bei Agar liegt. Man dürfe sich bakterielles Leben nicht vorstellen wie ein mikroskopisch kleines Abbild unserer sichtbaren Welt – Bakterien wachsen nicht wie Kartoffeln in der Erde. Bakterieller Stoffwechsel funktioniert anders. So konnten beispielsweise Cyanobakterien aufgrund ihrer schleimartigen, grünen Konsistenz Photosynthese betreiben und vor dreieinhalb Milliarden Jahren dafür sorgen, dass unsere Atmosphäre heute zu 21 Prozent aus Sauerstoff besteht. Auch die Ernährung von Bakterien ist unterschiedlich. Während Säugetiere durchaus ähnliche Nahrung zu sich nehmen, fressen manche Bakterien Ammonium, manche auch Wasserstoff. Bakterien kooperieren auf mannigfaltige Art und Weise miteinander. Manche leben symbiotisch: Die Ausscheidungen des einen sind die Nahrung eines anderen. Weg von der isolierten Betrachtung hin zur gemeinsamen Erforschung Doch nicht nur in der Nahrung, auch in anderen Bereichen lässt sich eine wechselseitige Abhängigkeit feststellen. Bakterien kommunizieren auch miteinander. Eine wichtige Rolle bei der Erforschung von Bakterien spielt also nicht nur die Ernährung, sondern auch das Umfeld, der Kontext, in dem sie sich befinden. Bislang wurden Bakterien isoliert in einzelnen Petrischalen kultiviert und konnten dadurch leicht erforscht werden. Doch genau hier lag der Fehler der Mikrobiologie. Durch die Isolation können Organismen nicht miteinander in Verbindung treten und nicht gedeihen. Sie befinden sich in einem Umfeld, das, metaphorisch gesprochen, zu trist und uninteressant ist, um sich zu kultivieren. Wir sprechen also tatsächlich von Bakterien-Kulturen. Laut Epstein müsse man davon absehen, Bakterien getrennt voneinander zu kultivieren. Bei einer gemeinsamen Kultivierung verlegt sich das Problem auf das Separieren von verschiedenen Bakterienkulturen auf einem Nährboden. Dieses bei Weitem nicht einfache Unterfangen ist Epstein mithilfe einer Membran mit winzigen Löchern gelungen. Durch die Membran können die Bakterien voneinander getrennt werden. So vermochte er neue Bakterien entdecken. Nun gilt es, die Prototypen zu verbessern, um neue Medikamente generieren zu können. Mikrobiologische Forschung zu finanzieren ist nicht einfach. Pharmakonzerne halten lieber an Medikamenten fest, die begleitend zu Krankheiten verabreicht werden und Symptome hemmen oder hinauszögern, statt Medikamente zu schaffen, die schnell wirken und nur selten benutzt werden müssen. Doch angesichts der bedrohlichen Lage, in die uns die Antibiotikaresistenzen bringen, bleibt zu hoffen, dass wir in die kleinen Bakterien große Summen an Geld investieren.

Foto: Northeastern University

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Die Online-Ärztin, ein weiteres Zukunftsmodell von Julie Guillem. Eines, das ja teils schon Realität geworden ist. Es könnte die traditionelle Ärzteschaft erweitern und medizinische Unterstützung an Orte bringen, wo bisher keine vorhanden war. www.julieguillem.com

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Die Medizin des 21. Jahrhunderts … soll eine personalisierte sein. Vor allem Big Data macht diese Entwicklung möglich

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ie Möglichkeit, auf Entwicklungen etwa in der Genombestimmung schnell zu reagieren, soll ein neues „Zentrum für Präzisionsmedizin“ schaffen. Anfang dieses Jahres kam es zur Einigung zwischen Wissenschafts- und Finanzministerium sowie der Stadt Wien über eine bauliche Erweiterung des MedUni Wien/AKH-Campus. Ein medizinischer Technologiepark für personalisierte und translationale Medizin sowie Aktivitäten im Bereich Technologietransfer wird errichtet. Damit sichere sich Österreich eine Pionierrolle in der Medizin des 21. Jahrhunderts, meint Christoph Binder von der MedUni Wien. „Big Data“ hält nun auch in der Medizin Einzug Seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der Entwicklung sogenannter „-omics-Technologien“ ist die Medizin im Umbruch. Genetische oder metabolische Spielarten können rasch und für jeden individuellen Menschen nachgewiesen werden. Weltweite Studien generieren riesige Datenmengen. Sie werden in bioinformatischen Analysen verglichen. Dies führe laut ­Walter Berger, Krebsforscher an der MedUni Wien, zu dramatischen Fortschritten auf dem Feld der „personalisierten Medizin“. Das Ziel: eine maßgeschneiderte Behandlung für jeden einzelnen Patienten. Als Kehrseite der Medaille sieht Walter Berger allerdings, dass es diese Lawine an Daten für den behandelnden Arzt derzeit noch unmöglich macht, die Informationen direkt zu lesen, zu überblicken und auf eine den Patienten abgestimmte Diagnose und Behandlung zu übertragen. Auch seien die „-omics-Daten“ vorerst nur beschreibend. Die bioinformatische Analyse kann mit ausgeklügelten Programmen und Algorith-

Text: Dieter hönig

„Wir erleben dramatische Fortschritte auf dem Gebiet der personalisierten Medizin“ Walter berger, Krebsforscher, MedUni Wien

men Vergleiche anstellen und evaluieren. So zum Beispiel, welche genomischen Veränderungen mit einer längeren oder kürzeren Lebenszeit korreliert. Die dafür zugrunde liegenden molekularen Mechanismen und biochemischen Prozesse könnten laut Berger allerdings nur erahnt werden. Präzisionsmedizin soll keine Spielwiese für Forscher bleiben Daher sei translationale Forschung von so extremer Bedeutung für den medizinischen Fortschritt. Nur durch eine molekulare Bestätigung und Weiterentwicklung der aus Grundlagenforschung und dem „-omics-Bereich“ kommenden Annahmen und Hypothesen ist das gewonnene Wissen tatsächlich in neue Therapien und verbesserte Diagnosen überzuführen. Translationale Forschung sei auch notwendig, um die Datenlawine aus dem „-omics-Bereich“ auf eine dem klinischen Alltag realistische Zahl von Analyseparametern, also „Biomarker“, zu reduzieren. Diese sollten einfach durchführbar und in den verschiedensten Laboratorien reproduzierbar sein. „Damit wird es möglich, dass Präzisionsmedizin tatsächlich beim Menschen ankommt und nicht eine Spielwiese für Forscher bleibt“, betont Berger. Mehrere europäische Forschungszentren meinen, dass die Überführung der rasant anwachsenden Erkenntnisse aus Grundlagenforschung und Big Data in die klinische Anwendung noch immer viel zu lange dauere. Auch erreiche sie häufig nicht das Stadium der klinischen Erprobung. Als ein wesentliches Hemmnis für den medizinischen Fortschritt auf Basis der Präzisionsmedizin“ sieht Berger die mangelnde Förderung der translationalen Forschung an den Universitäten und die mangelnde Innovationskraft der industriellen Forschung. „So enden viele äußerst vielversprechende Entwicklungen,

etwa in der Krebstherapie, beim Tierversuch oder nur einer ersten ,Lead‘-Substanz. Die Umsetzung und die Erprobung am Patienten scheitern aber derzeit noch am Mangel geeigneter multidisziplinärer Forschungskreise und an den hohen Kosten der präklinischen Überprüfungen“, bedauert Berger. Die Medizinische Universität Wien hat es sich daher zum Ziel gesetzt, durch die Etablierung des „Centers for Translational Research and Therapeutics“ diesem Mangel entgegenzuwirken und Wien als Schwerpunkt für Angewandte Medizinische Forschung zu etablieren. Es mangelt an der Förderung translationaler Forschung „Durch die Vergabe flexibler Forschungsflächen und die Bereitstellung der entsprechenden multidisziplinären Ressourcen und Technologien soll es den Forschern und Forscherinnen der MedUni Wien ermöglicht werden, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse direkt bis zur klinischen Erprobung in Kooperation mit der Industrie voranzutreiben“, erklärt Berger. Das „Center for Translational Research and Therapeutics“ wird eng mit den Universitätskliniken des AKH Wien, aber auch mit den Forschern und Forscherinnen des „Centers for Precision Medicine“, dem Grundlagenforschungscampus und der pharmazeutischen Industrie zusammenarbeiten. Die Förderung dieser Kooperation wird durch die Errichtung eines Transfer Centers unterstützt. Dieses Center soll nicht nur der Industrie genügend Raum bieten, sondern auch Spin-Off-Unternehmen und anderen Kooperationsprojekten mit der Wirtschaft wie der FFG oder den Christian-Doppler Laboratorien. Über diese Pläne führten wir das folgende Gespräch mit dem Rektor der MedUni Wien, Markus Müller.

„Revolutionäre Entwicklungen werden oft unterschätzt“ Herr Müller, Sie benötigen für das Zentrum für Präzisionsmedizin 60 Millionen Euro, die Sie über Fundraising finanzieren wollen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass dieser Betrag bis 2018 aufgebracht wird? Müller: Sehr zuversichtlich. Wir haben dankbare und auch wohlhabende Patienten, die sich zu Freunden unseres Hauses zählen. Das Finanzministerium stellt Kontakte zu Großspendern wie etwa Stiftungen oder Banken her. Mittlerweile wurde uns ein einstelliger Millionenbetrag an Spenden zugesagt. Ist die Bedeutung von personalisierter Medizin in der Öffentlichkeit angekommen? Müller: Noch nicht ganz, weil viele sich nicht vorstellen können, was für eine unglaubliche

Vision dahinter steckt. Ist es nicht oft so, dass revolutionäre Dinge kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt werden? Ich denke aber, dass personalisierte Medizin in den nächsten zwanzig Jahren eine Revolution einleiten wird. Markus Müller, Rektor der MedUni Wien

Was hat dies ausgelöst? Müller: Der Arzt erhält sozusagen ein Abbild des Patienten, einen Avatar im Sinne eines Hochdatensatzes, der verschiedene therapeutische Ansätze nahelegt. Auch wenn es noch nach Zukunftsmusik klingt, all das wird künftig möglich sein. Ein ehemaliger IBM-Chef hatte einmal zum Personal Computer gemeint, dass er dafür keinen Markt sehe und wenn, gerade einmal für ein- oder zweitausend Stück weltweit.

Ein anderer IBM-Chef meinte aber auch, es würde ihn nicht wundern, wenn aufgrund der enormen Datenlawine der Arzt durch Big Data ersetzt würde. Müller: Diese Befürchtung habe ich nicht. Aber so wie sich die Welt dramatisch verändern wird, ganze Berufsgruppen durch die Digitalisierung überflüssig werden, so wird sich auch das Berufsbild des Arztes verändern. Patienten werden durch das Internet mündiger und werden sich nicht mehr willenlos in ärztliche Hände begeben, sondern selbst Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen. Der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient wird jedoch auch in Zukunft unentbehrlich bleiben. Man wird uns also nicht ganz wegrationalisieren können.

Fotos: privat, meduni wien

… findet Rektor Markus Müller. Er sieht eine Revolution durch die personalisierte Medizin auf uns und die Ärzte zukommen


Roman Buchberger hat seine Illustration unter dem Arbeitstitel „Medizinischer Durchbruch“ angefertigt. Was er damit genau meint, lässt er allerdings offen. Vielleicht: Alle heilen alle? Oder: Eine weltweit vernetzte Ärzteschaft? Wir werden sehen. www.rbuchberger.at

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:  vo n A b i s Z

:  f r e i h a n d b i b l i ot h e k

Medizin: Das Glossar

Buchempfehlungen zum thema von emily walton

Jochen stadler

Aderlass  Seit der Antike gebräuchliches „Heilverfahren“. Beschleunigte unter anderem das Ableben von US-Präsident George Washington und dem österreichischen Kaiser Leopold II. Wird aktuell noch bei Blutkrankheiten eingesetzt. Allgemeinmediziner  Allroundarzt, der alle eingebildeten und wahrhaften Beschwerden erkennen, kurieren oder an Fachärzte delegieren muss. Alternativmedizin  Berufszweig, der von der Placebo-Wirkung ausnehmend gut lebt und wissenschaftliche Evidenz durch anekdotische Wundergeschichten ersetzt. Antibiotika  Töten Bakterien ab, sind aber bei Virenerkrankungen sinnlos. Was Mediziner und Patienten nicht davon abhält, sie trotzdem zu verschreiben bzw. einzunehmen. Arzt  Berufsstand, dessen Angehörige körperlich kaum gesünder sind als der Durchschnitt, aber vermehrt von Depressionen, Suchterkrankungen und Burn-Out heimgesucht werden. Chefarzt  Krankenkassen-Angestellter, der besser weiß als alle in der Praxis tätigen Ärzte, ob jemand zurecht im Krankenstand ist oder gefälligst nicht. Chirurg  Der Handwerker unter den Medizinern. Diagnose  Detektivische Leistung der Ärzte, wenn sie aus berichteten und befundeten Beschwerden sowie eigenen Untersuchungen eine Krankheit überführen. Eid des Hippokrates  Besagt, dass Mediziner Kranken nicht schaden dürfen, über deren Leiden den Mantel des Schweigens auszubreiten und sie sexuell nicht zu belästigen haben. Facharzt  Hat sich durch EU-konforme Weiterbildung auf ein Fachgebiet von Anästhesie bis Urologie spezialisiert und durch eine erfolgreiche Prüfung die Zulassung für ebendieses erworben. Homöopathie  Wirtschaftlich lukrative Behandlungsmethode, die Gift nicht mit Gegengift, sondern mit noch mehr Gift bekämpfen will. Zum Glück der gutgläubigen Patienten sind die Stoffe meist bis zur Unendlichkeit verdünnt. Kassenpatient  Erkauft eine Gratisbehandlung durch Beitragszahlungen und Wartezeiten. Krankenkassen  Bürokratiestaubbelastete Institutionen, die einen Teil des Einkommens einstreifen und bei Bedarf für Behandlungen und Heilmittel wieder herausrücken. Krankheit  Defekt in der Gesundheit, hervorgerufen durch Fehlfunktionen im Körper, Viren und Bakterien sowie widrige Umwelteinflüsse. Medizin  Gleichzeitig eine Wissenschaft, die auf Erfahrung aufbaut, sowie ein Handwerk und eine Kunst zum Nutzen der Patienten. Medizinerdichte  Rund um Krankenhäuser gigantisch hoch, in ländlichen

­ ebieten nach dem Motto „unendliche G Weiten“ astronomisch klein. Medizintourismus  Reisetätigkeit, weil zum Beispiel Zahnbehandlungen in Ungarn billiger sind, Sterbehilfe in Holland erlaubt ist, oder illegal herausoperierte Ersatzorgane in Fernost käuflich sind. Misteltherapie  Über den Placebo-­ Effekt nur bezüglich der möglichen Nebenwirkungen hinausgehende Krebsbehandlung. Oberarzt  Im Krankenhaus einer von mehreren leitenden Medizinern. Patient  Arztkunde, der nur zu oft daran erinnert wird, dass das lateinische Wort „patiens“ geduldig, aushaltend, ertragend bedeutet. Patientenversorgung  Beginnt in der Regel mit der Begrüßung durch den Arzt, umfasst eine rasche Diagnose und endet fast zwingend damit, dass der Patient mit einem Rezept in die Apotheke geschickt wird. Personalisierte Medizin  Auf die Erbmerkmale des Patienten eigens zugeschnittene Behandlung. Placebo  Das vermutlich erfolgreichste Medikament der Welt – was demonstriert, dass der Schein doch wichtiger ist als das Sein. Prävention  Soll verhindern, dass Gesunde krank und leicht Kranke schwerkrank werden. Bei Todkranken durch Unmengen von Medikamenten und Therapien meist leidenverlängernd. Primar  Wenn Ärzte „Götter in Weiß“ sind, so ist der Primar der Obergott. Behandelt ausgesuchte Patienten, schlichtet die Ehrgeiz-Scharmützeln der Oberärzte und Oberschwestern und platziert den Schlüssel seines Porsche unübersehbar, wo immer er sich aufhält. Privatpatient  Leidender erster Klasse. Schröpfen  Traditionelle Pseudotherapieform, bei der durch Saugvorrichtungen ein Unterdruck an der Haut erzeugt wird, was innere Organe beeinflussen und böse Geister herauszuzeln soll. Hinterlässt blaue Flecken. Schulmedizin  Abwertende Bezeichnung für wissenschaftlich orientierte Medizin, gebräuchlich bei Homöopathen, Naturheilern und den Nazis. Symptome  Krankheits-Zeichen wie Schmerzen, Übelkeit oder Pusteln auf dem ganzen Körper, die auf eine Verletzung oder Erkrankung hinweisen. Syndrom  Eine charakteristische Zusammenstellung von Symptomen. Turnusärzte  Die Lehrlinge unter den Medizinern, die zwar selten Leberkäsesemmeln holen müssen, aber Blut abnehmen, Infusionen anhängen und Pflaster kleben. Universitätsklinik  An eine medizinische Fakultät angeschlossenes Krankenhaus, in dem die Ärzte auch forschen und Patienten die neuesten Therapien erhalten können.

Das   probematische Verhalten von Medizinern im Lauf der Geschichte

Wie kommt   ein Arzt   zur richtigen Diagnose?

Die Ursprünge der Medizin gehen auf Hippokrates und das fünfte Jahrhundert vor Christus zurück. Doch bis zur Erfindung der Antibiotika in den 1930er Jahren richteten Ärzte nicht zwangsläufig Gutes an – so der Autor David Wootton. Der Historiker setzt sich mit der Geschichte der Medizin und der Beziehung zwischen Arzt und Patient auseinander und kritisiert, dass sich die Mediziner früher zu sehr auf den Glauben verließen, den die Patienten für sie hegten, und Erfindungen mit Skepsis betrachteten. So etwa dauerte es rund 60 Jahre, bis sich Penicillin durchsetzte.

Wie fällen Ärzte wichtige Entscheidungen? Warum wählen sie für Patienten A jene Therapie und für Patienten B eine andere? Auf welche wissenschaftlichen Ergebnisse stützen sie sich, und welche Studien verwerfen sie? Und wer bzw. was schützt sie vor Fehlentscheidungen und überstürzten Handlungen? ­Jerome Groopman versucht in seinem Werk die Gedankengänge von Spitzenmedizinern zu analysieren. Dabei legt er auch dar, wie falsche Diagnosen ausgesprochen werden und welch Feingefühl es braucht, um sich an die richtige Diagnose heranzutasten.

David Wootton. Bad Medicine:  Doctors Doing Harm Since Hippocrates. Oxford University Press, 336 Seiten

Jerome Groopman. How   Doctors Think. Mariner Books, 336 Seiten

Wie muss   ein System funktionieren, um gute Ärzte zu schaffen?

Wie kommt es zu ­ärztlichen Kunstfehlern – und welche Folgen haben sie?

Der Werdegang eines Arztes ist ein langer. Nach dem fordernden Studium folgt in Österreich der Turnus, in Amerika gibt es das „Residency System“ für junge Ärzte. Dieses nimmt Autor Kenneth Ludmerer genau unter die Lupe. Er beleuchtet die geschichtliche Entwicklung der Medizinausbildung, die Grundsätze des Trainings sowie auch die Finanzierung und Verwaltung dieses Systems. Geleitet wird er dabei von der Frage: Wie bringt man in Amerika hervorragende Ärzte hervor, die selbstsicher und gekonnt auf ihre Patienten eingehen?

Sein Vater starb an einer Infektion, die er sich in einem angesehenen New Yorker Spital zugezogen hatte. Anlass genug für David Goldhill, den Zustand der amerikanischen Gesundheitsvorsorge zu untersuchen. Wie konnten den Experten, die mit bester Technologie ausgestattet waren, solche Fehler unterlaufen? Und warum wird diese fehlerhafte Behandlung von der öffentlichen Krankenversicherung Medicare bezahlt? Ein Buch nicht nur für die Angehörigen jener 200.000 Menschen, die in den USA pro Jahr Opfer der Medizin werden.

Kenneth M. Ludmerer. Let Me Heal: The Opportunity to Preserve Excellence in American Medicine. Oxford University Press, 456 Seiten

David Goldhill. Catastrophic Care: Why Everything We Think We Know about Health Care Is Wrong. Vintage Books, 385 Seiten


Z u g u te r L e t z t  :   h eu r e k a 04/16   FALTER 43/16  23

:  g e d i c h t

erich klein

A n d r e a s G ry p h i u s : M i t t e r n ac h t

Andreas Gryphius (1616–1664), schlesischer Dichter und Dramatiker, wurde vor vierhundert Jahren in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges hineingeboren. Seine ab 1637 in mehreren Bänden veröffentlichten S ­ onetten brachten dem Barockdichter Ruhm zu Lebzeiten; 1662 wurde der „Unsterbliche“ Mitglied der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, der ersten deutschen Sprachakademie. Erich klein

Schrecken/ vnd stille/ vnd dunckeles grausen/ finstere kälte bedecket das Land/ Jtzt schläfft was arbeit vnd schmertzen ermüdet/ diß sind der trawrigen einsamkeit stunden. Nunmehr ist/ was durch die Lüffte sich reget/ nunmehr sind Thiere vnd Menschen verschwunden. Ob zwar die jmmerdar schimmernde lichter/ der ewig schitternden Sternen entbrand! Suchet ein fleißiger Sinn noch zu wachen? der durch bemühung der künstlichen hand/ Ihm die auch nach vns ankommende Seelen/ Ihm/ die an jtzt sich hier finden verbunden? Metzet ein bluttiger Mörder die Klinge? wil er vnschuldiger Hertzen verwunden?

:  wa s a m e n d e b l e i bt

Sorget ein ehren-begehrende Seele/ wie zuerlangen ein höherer stand? Sterbliche! Sterbliche! lasset diß dichten! Morgen! ach! morgen ach! muß man hin zihn! Ach wir verschwinden gleich alß die gespenste/ die vmb die stund vnß erscheinen vnd flihn. Wenn vnß die finstere gruben bedecket/ wird was wir wündschen vnd suchen zu nichte. Doch wie der gläntzende Morgen eröffnet/ was weder Monde noch Fackel bescheint: So wenn der plötzliche Tag wird anbrechen/ wird was geredet/ gewürcket/ gemeynt. Sonder vermänteln eröffnet sich finden vor deß erschrecklichen Gottes Gerichte.

:  Fotow e t t b e w e r b   M e i n e F o r s c h u n g i n e i n e m B i l d

Im letzen Jahr hat die Universität Wien zum ersten Mal den Wettbewerb „Meine Forschung in einem Bild“ durchgeführt. Dissertierende sollten ihre Forschungsprojekte in einer Fotografie darstellen. Die drei besten wurden ausgezeichnet. Auch heuer fand der Wettbewerb statt. Das Überthema lautete „Scientific Outreach and Science Communciation“. Hier stellen wir die Sieger vor.

Platz 1: Khaled Hakami. In diesem Jäger-und-Sammler-Forschungsprojekt werden die ­kulturellen Unterschiede in Sozialisation und Erziehung mit dem jeweiligen sozio-ökonomischen System dieser Gesellschaften erklärt. Platz 2: Barbara Klaus. Interdisziplinäre Forschung darüber, wie der Krieg von den Österreichern an ‚Heimat‘- und Kriegsfront wahrgenommen wurde.

Platz 3: Bernhard Bayer­. Zur Größe von Nanomateria­l: Zwei Haare (links oben) neben zwei Millionen Karbonnanoröhren. Sie sind im Schriftzug „CARBON“ mittels chemischer Gasphasenabscheidung „gewachsen“.

:  i m p r e ss u m Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Tiz Schaffer; Gestaltung und Produktion: Dirk Merbach, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar. HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit

Wiederholung Wer nicht mehr weiter weiß, greift in die Rumpelkiste der Geschichte, um sicherzustellen, dass sich alles – oder im gebotenen Falle – nichts wiederhole. Karl Marx schrieb im „Achtzehnten Brumaire des ­Louis ­Bonaparte“: „Hegel bemerkt ­irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ­ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“ Wer so denkt und mit den Zeitgenossen polemisiert, gibt vor, in die Tiefe der Zeit zu ­blicken. ­Allerdings birgt das Verfahren schon bei Marx Gefahren: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“ Schönstes Beispiel für ­diesen Umstand ist die schillernde ­Karriere einer knappen Formulierung des amerikanischen Philosophen ­Georges Santayana, der seine Überlegungen zum Begriff „Fortschritt“ quasi aphoristisch auf den Punkt brachte: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Der eigentlich formale Hinweis auf die Notwendigkeit permanenten Vergleichens von Ereignissen und Zukunft gestaltender Handlungen aus dem Jahr 1905 gehört heute zum Stehsatz aller Gedenk­redner in ­Sachen Verbrechen des Nationalsozialismus, von Stalins Terror, ja, von allem Möglichen. Handelt es sich um mehr als bloße Rhetorik an Kranzabwurfstellen? Um pathetische Verlegenheit? Klügere Zeitgenossen haben deshalb, was die Verbrechen der Nazis betrifft, abstraktere Formulierungen ersonnen, etwa: „Was einmal möglich war, bleibt immer möglich.“ Die Wendung führt auf unangenehme Weise in die Niederungen österreichischer ­Tagespolitik: Jüngst war zu hören, man werde sich noch wundern, was alles möglich ist … Tatsächlich waren die Nazis Großmeister im Beschwören der Vergangenheit um der Zukunft willen. Der Philosoph Hans ­Blumenberg brachte dafür den Begriff der „Präfiguration“ ins Spiel: Wiederholung von Geschichte sei eine „mythische Grundfigur“, wobei das Wiederholte durch die Wiederholung zum mythischen Programm werde. „Was er (Hitler) witterte, war Wiederholung.“ Kurz: Wenn geschichtliche Metaphern überhand nehmen und inflationär werden, liegt die Vermutung nahe, es wiederhole sich tatsächlich alles. Oder ist hier noch ein anderer Ausgang als Tragödie und Farce zugleich denkbar?


THE EIGHTIES ARE BACK WIE nS WA n d El z u R S C H Il lE R n d E n d o n Au m E T Ro p o l E .

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Martin W. Drexler, Markus Eiblmayr, Franziska Maderthaner (Hg.)

Idealzone Wien

Die schnellen Jahre (1978–1985) New Wave, Punk und Neue Deutsche Welle; wilde Malerei und Galerienboom; Stadtfeste und Hainburg; postmodernes Denken und Caorle am Karlsplatz – Kennzeichen und Symbole einer Zeit, die zur Identitätsfindung der jungen Generation in Wien wesentlich beigetragen haben und sie prägten. Ein Versuch, diese „schnellen“ Jahre am Beispiel einer Stadt und ihrer Kultur nachzuzeichnen. 292 Seiten, € 34,90

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