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T S R U D ISE E W N E T SEI

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UTT F N E T N UDE

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Sommer

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Vor lauter Wut bestelle ich nur noch Fairtrade-Macchiato.

Ich kann nicht zur Demo, aber wir sehen uns auf der Afterparty!

Kann diese Banane mehr Fans haben als H.C. Strache?

Heute schon drei Protestvideos auf Facebook geliket. Awesome!

FRĂœCHTCHEN DES ZORNS

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01.03.2012 10:59:56 Uhr


der triumph der studierenden

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an kann sie noch kilometer­ weit sehen, die Freudenfeuer am Dach der Wiener Haupt­ uni. Zwei Germanistikstudenten waren dort zuvor aus den Fenstern geklettert und hatten hoch oben über der Ringstraße die Lichter des Triumphs entzündet. Doch sie sind nicht alleine, bei weitem nicht: Die Rufe abertausender Studierender, die sich rund um die altehrwürdi­ gen Gemäuer versammelt haben, schallen durch die Innenstadt – sie sind nicht hier um zu protestieren, nein, diesmal feiern sie! Sie haben es geschafft – endlich – und plötzlich scheint alles mög­ lich: Juristen und Politikwissen­ schaftler fallen sich im Votivpark in die Arme und knüpfen sich bunte Bänder ins Haar, die Wirtschaftsstu­ denten errichten ihre berüchtigten Cocktailstände ausnahmsweise am Campus im Alten AKH und geben den Orientalisten und den Afrika­ nisten Runde um Runde aus. Die trinken gierig, denn ihre Kehlen sind trocken von den Jubelgesängen. Auf den Straßen ohrenbetäubende Hupkonzerte – es ist kein Sieg der Studierenden, es ist ein Triumph al­ ler. Nein, die Bildung selbst, sie ist der wahre Sieger! All die Demos, die tausenden Transparente, die Millio­ nen Pfeifenpfiffe vor dem Parlament – plötzlich sind sie Geschichte: Wir schreiben das Jahr 2012 und zum ersten Mal seit elf Jahren muss kein Studierender mehr Studiengebüh­ ren bezahlen. Jetzt können wir die Früchte unseres Zorns ernten.

Editorial

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cht die ir sind die Zukunft, ni ch da Lo Herren im schwarzen und wir % 99 e di d unten. Wir sin ig sind rn zo d un sind das Volk r auch! wir noch dazu. Wie ih grandiosen unser Heft dieser Deshalb widmen wir e wichtigsten Proteste n di Emotion. Wir zeichne rreich nach, blicken Öste in e hr und der letzten Ja henland und Ägypten iec Gr ch übers Meer na ir n Streiten beraten. W lassen uns im richtige RST-Redaktion natürlich DU selbst streiten in der en und die richtige ng zu et as m m genur über Ko brennt“. Danach wird a ni „U n vo nn ha Schreibweise Jo ult. Kurt Rudolf und kuschelt, bis einer he e noch eine unserer „Best ab Mark (die letzte Ausg n uns zornige Illustrate fer lie r) wa itter of students“ politischen Zukunftsr r de en ag Vis tionen. Den h ch sie nicht grafisc konnten allerdings au leer. Und ideenlos. iben nachhelfen – die ble

CoverFrüchte: Kurt Rudolf; Foto: Ronald Zak/Dapd, derstandard.at

Zurück zum Start Doch so ein Jubelmarsch hat nie stattgefunden. In diesem Sommer­ semester muss zwar tatsächlich fast niemand Studiengebühren bezah­ len, das ist aber kein Triumph der Studierenden, sondern ein skurri­ ler Fehler der Politik: Man konn­ te sich nicht rechtzeitig auf eine verfassungskonforme Regelung einigen und hat es deshalb vorerst sein lassen. Aber schon im Herbst wollen die Unis eigenständig Ge­ bühren festlegen. Alles, was es zu feiern gibt, während man sich von einer STEOP-Prüfung zur nächsten schleppt, ist also die Ruhe vor einem neuen Gebührensturm. Gratulation! Es ist eben doch noch nicht Ernte­ zeit. Es ist immer noch Zorneszeit. DURST 1/12

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Die beiden wurden anlässlich Neugebauers Wiederwahl als GÖD-Chef am 8. November 2011 aufgenommen. Wir haben das Foto etwas bearbeitet.

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INhalt / Impressum 36

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IMPRESSUM Medieninhaber Falter Zeitschriften Gesellschaft mbH. Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien T: 01 536 60-0 E: durst@falter.at www.falter.at Redaktion Thomas Askan Vierich (Ltg), Martina Powell, Mara Simperler, Georg Eckelsberger, Raffael Fritz, Anna Schiester, Sandra Eigner, Manuel Köllner, Valentin Ladstätter, Stephanie Lehner

Protest hat viele Gesichter: Negar Roubani auf der Regenbogenparade, Laura bei unserer Umfrage, Grafittis an Athener Wänden, Arash Riahi als virtueller Pirat.

Autor Paul Rabel CREATIV-Direction & Grafik Christian Bretter

Wissensdurst

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In der Protestprovinz: Zu gemütlich für den Widerstand? Wogegen in Österreich in den letzten 12 Jahren demonstriert und agiert wurde – und was daraus geworden ist � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � Krisenland: Zu Besuch bei der jungen griechischen Elite in Athen � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � Arab Spring: Zwei ägyptische Studierende berichten über eine gelungene Revolution  � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � Der Protest-Almanach: Wo auf der Welt lodert der Protest? Warum revoltieren die Menschen? Ein Überblick Stammtisch oder Online-Forum: Bürgerbeteiligung, alt und neu� � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � �

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Die dunkle Kraft der Leidenschaft: Ihr fragt, DDr. Elfriede „Kamasutra“ Pfannenstiel-Brugger antwortet: Nasalverkehr, geht das? Masturbation, hilft das? Dazu: Zölibat für Anfänger und Liebeszauber  � � � � � � � � � � Quartett der Sündenböcke: Schuld sind immer die anderen! Österreichische Vorurteile als Kartenspiel  � � Aufgeben? Warum es so schwer ist, aufzuhören. Nicht nur mit dem Rauchen � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � Augen zu und durch: Macht uns die Uni zu Systemsoldaten? � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � �

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Everyday Rebellion: Zwei Exil-Iraner drehen einen Film über den Widerstand und liefern auf ihrer Homepage die Anleitung zur gewaltfreien Rebellion� � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � Briefe des Zorns: Zornpinkel Josef Durst beschwert sich - und bekommt sogar Antwort� � � � � � Schülerzorn: Wütende Jugendliche spielen Theater� � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � Wohin mit unserem Zorn? Persönliche Erlebnisse von DURST-Redakteuren� � � � � � � � � � � � � � �

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Anzeigenverkauf Sigrid Johler (Leitung) Geschäftsführung Siegmar Schlager Druck Leykam Druck GmbH

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Produktion Reinhard Hackl

DVR: 047 69 86

Der Zorn der Jungen: Pirat, Junge Industrielle, Nachwuchsbauer, NGO-Aktivistin, Attac-Vorstand, Junger Sozialist – Fünf Fragen an künftige Entscheidungsträger� � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � 36 Heul doch! Warum Mädchen beim Streiten immer heulen � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � 40 Wir müssen reden: Mediatorinnen geben Streit-Nachhilfe � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � 41 Smash your guitar: Die Geschichte der Wut in der Rockmusik � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � 42

Durststrecke

Fotos Georg Eckelsberger, Mara Simperler, Manuel Köllner oder wie angegeben

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p Schreibt uns was ihr wollt, wo‘s zwickt und was euch ankotzt. Wir haben für alles Platz.

facebook.com/ durstmagazin durst@falter.at

Fotos: privat, georg eckelsberger(2), manuel Köllner

Die Redaktion stellt sich vor: Wogegen wir protestieren würden � � � � � � � � � � � Tipps und Verrisse: Unterwegs auf Studentenpartys � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � Best of Students: Wieder neue beste Uni-Projekte und studentische Arbeiten � Pro/Contra: Auf Pump studieren - Chance oder Falle?  � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � Kultur: Hippie-Möbel, Das Unmögliche wagen und Graffiti-Kunst� � � � � � � � � � � Konzerte: Die besten Konzerte in Wien, Linz, Graz und Salzburg� � � � � � � � � � � � Studierenden-Umfrage: Was macht euch zornig?� � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � �

Illustrationen Kurt Rudolf, Johanna Mark, Christian Bretter

Das nächste DURST erscheint zu Beginn des Sommersemesters 2012.

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Die redaktion protestiert

Raffael Fritz Unser Universum soll den Kältetod sterben? Nicht mit mir! Gesetze sind schließlich da, um gebrochen zu werden, warum sollte das mit Naturgesetzen anders sein? Lasst euch von den neunmalklugen Spaßbremsen nichts einreden. Bei mir im Keller läuft eine kosmische Energiemaschine, schon seit Jahren!

Anna Schiester Ich protestiere für ein sozialeres Stipendiensystem, bei dem die unterstützt werden, die es wirklich brauchen. Jede/r soll sich Bildung leisten können, egal was die eigenen Eltern verdienen. So ein Stipendium gewährt uns außerdem ein Stückchen Unabhängigkeit und Freiheit. sandra eigner Darauf kann die Welt verzichten: Leute, die auf Kosten anderer in die eigene Tasche wirtschaften; Konzerne, denen es nur um die Rendite geht; derivative Finanzinstrumente, die keiner mehr versteht; Autokratien, Diktaturen, Militärjuntas; Rassismus; ein ungerechtes Steuer- und Sozialsystem; zu viele Verpackungen und Plastiksackerl; kostenpflichtige Warteschleifen ...

Martina Powell Piep piep, das Smartphone blinkt, der E-MailPostkasten platzt und dazu das Hirn. Wir müssen immer schneller studieren, immer früher in die Arbeitswelt einsteigen, immer mehr auf die eigenen Schultern schnallen. Her mit einer Gesellschaft, die nicht nur „Tempo, Tempo!“ schreit, sondern uns Platz zum Luftholen eingesteht.

Georg Eckelsberger Das leidige, jahrelange Herumgekrise hat eines gezeigt: Der Glaube an ewiges Wachstum ist schneller verpufft als man „Konsolidierung“ husten kann. Womöglich wäre es Zeit sich eine Alternative zu überlegen?

Valentin Ladstätter Nieder mit den unbezahlten Praktika! Mal in ein Unternehmen reinzukommen und einen Fuß in der Tür zu haben, ist schön und gut, aber dafür mehrere Monate lang ausgenutzt zu werden, ohne ein Mindestmaß an monetärer Anerkennung, das haben weder PraktikantInnen noch Unternehmen (zB. Medien) nötig.

Mara Simperler Ich will keine Misswahl gewinnen, ich bin wirklich für den Weltfrieden. Utopistin? Ja. Realistin? Auch. Hin und wieder

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lege ich John Lennons „Imagine“ auf und für ein paar Minuten hält die Realistin in mir die Klappe.

völlig schamlos, sobald er im Schutz der Partei, Nation, Sekte und Kunstrichtung auftritt und Wir statt Ich sagen darf.“

Manuel Köllner „Das ist alles von der Justiz geprüft.“ „Diese Jagdgesellschaft, ihre Vorverurteilungen sind skandalös.“ „Es hat eine schiefe Optik, aber es ist alles völlig korrekt.“ „Jetzt, wo es ins politische Kalkül passt, wird kriminalisiert.“ „Ich habe keine Angst vor Ermittlungen, weil ich weiß, dass ich unschuldig bin.“ Wozu protestieren, wenn in Österreich die Welt noch in Ordnung ist?

thomas askan vierich (nicht im Bild) Sind wir nur noch Stimmvolk für alle, die es sich gerichtet haben? Und für diejenigen, die glauben, dass sie es sich auch noch richten werden – und deshalb brav mitspielen? Alle anderen hoffen, dass für sie auch noch was übrig bleibt (Sozialstaat, Erbschaft) – und mosern. Wie ich. Dagegen protestiere ich auf ’s Schärfste – auch in meiner Vorbildfunktion als Chefredakteur.

Stephanie Lehner (nicht im Bild) Ich protestiere gegen die Haltung von Studenten wie mir. Mein Sozialleben richte ich nach der „Nützlichkeit“ von Kollegen für mein eigenes Studium aus. Machen ja alle. Oder?

JOhanna Mark (nicht im Bild) Keinen Bock mehr auf alle faschistoiden/homophoben/sexistischen/diskriminierenden/verallgemeinernden/ verklemmten Ansichten, Meinungen und Äußerungen! Ziemlich lächerlich, dass man in einem Zeitalter, in dem man sich via Smartphone den nächsten Friseurtermin ausmachen kann, noch über solche Sachen diskutieren muss! Spread the love, verdammt nochmal!!!

Christian Bretter (nicht im Bild) Ich protestiere gegegen die Dummheit! Unter Verwendung eines Satz von Robert Musil aus der gleichnamigen Rede vor dem öster. Werkbund aus dem Jahre 1937: „Namentlich ein gewisser unterer Mittelstand des Geistes und der Seele ist dem Überhebungsbedürfnis gegenüber

Kurt Rudolf (nicht im Bild) Ich will wieder hell strahlend erleuchtet sein! Zurück zur Glühbirne.

Foto: Thomas Askan Vierich

Von links nach rechts:

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Tipps und Verrisse

Der Test Unterwegs auf Studentenpartys: viel Bier, mittelmäSSige Musik und lange Schlangen

TU Hoffest (Ottakringer Brauerei)

Saunieren statt Studieren (Pratersauna)

Tuesday4 Club @ U4

Viel Platz und viel Security in der Ottakringer Brauerei

„Hochwertige Musik zum günstigen Preis für Studenten.“ Jein und nein.

„Fetzigste Studentenparty der Welt“? Vielleicht, hätte man Platz loszufetzen

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Foto: Vincent Sufiyan, georg Eckelsberger, Der Hösaal ist belegt, Freshmeat fest

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nkunft: 23.15 Uhr, U4 Meidlinger Hauptstraße. Bequem: Bankomat auf der anderen Straßenseite. 20 Minuten um Luft ringend vorm Eingang warten. 10 Euro ärmer, nächste Schlange für die Garderobe (1,50 Euro). 00.00: Partystart, endlich! Kleiner Raum (Raucherbereich): Hip Hop und RnB, für Nichtraucher zu späterer Stunde unaushaltbar. Großer Raum: überschaubare Tanzfläche, das Drängeln geht weiter, tanzen fast unmöglich, besonders auf Absätzen. Mühsam! Alkohol: 3,10 für den Spritzer, 4,20 für’s Krügerl. Wäre ganz okay, würde man nicht aufgrund des Gedränges die Hälfte verschütten. Fail! Musik: quer durch die Bank und ganz verträglich. Rihanna paart sich mit Blink 182 und Michael Jackson. David-Guetta-Faktor erstaunlich gering. Partygäste: größtenteils Studentinnen und Studenten, allerdings eher aus unteren Semestern. Aufreißfaktor: mäßig, aber kein unangemessenes Grapschen. Kleidung: bei den Herren sportlich und kariert, bei den Mädels von Jeans/Converse bis „Gossip Girl“ alles dabei. Heimkommen: Nightline schwierig, Taxis direkt vor der Tür. Meistgehörter Satz des Abends: „Nie wieder Dienstag U4 in den Ferien.“ Ich schließe mich an! Sandra Eigner Eintritt 10 Euro, Garderobe 1,50 Euro, Krügerl 4,20 Euro

Fotos: Paul Rabel, TU Hoffest, Pratersauna, Tuesday Cluib,

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moke weed everyday!“ brüllt der DJ ins Mikro, ohne auf den angegrauten Polizisten zu achten, der die Tanzenden von der Stiege aus mustert. Unter den geschätzten einhundert Securities fällt er auch nicht mehr ins Gewicht. Mit den Sicherheitsbestimmungen scheint man es hier genau zu nehmen, das anarchische Moment früherer Hoffeste fehlt. Dafür gibt es auf dem weitläufigen Gelände etwas, was sonst immer Mangelware war: Platz. Vier Floors stehen zur Auswahl, es spielt alles von Indie über Hip-Hop bis Tech-House. Wir stehen am Hip-Hop-Floor, trinken Bio-Bier aus Bio-Bechern und lauschen dem DJ, wie er die Vorzüge des Cannabiskonsums anpreist – man könnte sich fast auf einer BOKU-Party wähnen. Dass dieses Fest doch etwas mit der Technischen Universität zu tun hat, merkt man dafür am Burschenanteil: Er geht gegen 80 Prozent.Raffael Fritz Eintritt: bis 23 h 4 Euro, dann 6; Bier: 3,10 (bio!)

.01.2012. Eine halbstündige Schlange vor der Pratersauna ist um halb eins eigentlich nicht mal mehr erwähnenswert, besonders wenn „Saunieren statt Studieren“ zwei Jahre alt wird. Studentenfreundliche 8 Euro Eintritt (statt 14 Euro aufwärts), später bahnt man sich den Weg durch die Massen Richtung Garderobe, nur um festzustellen, dass die dortige Schlange wiederum bis zum Main­ floor zurückreicht. Die Aussicht auf Party in der Winterjacke zieht ganz schön runter: Noch dazu wird das Gedränge mit fadem Partyhouse beschallt. Immerhin: Ein netter Remix von James Blake ist dabei, der ist allerdings auch schon 2 Millionen Mal gespielt worden. Frustriert wird an der Bar Bier geordert, und tatsächlich, es ist wie versprochen billiger. Hier ergibt sich die Möglichkeit, mal das anwesende Partypublikum näher zu begutachten: Sporadische Befragungen ergeben ein Durchschnittsalter von 20, ein WU-Studium und reiche Eltern. Man setzt also seine ganze Hoffnung in den Bunkerfloor – Mist, der wird gerade umgebaut. Also weiter auf den nächsten Floor: Ab ins Glashaus! Ob man denn etwas gegen die Red Hot Chili Peppers habe, weil man nicht dazu tanze? Nein, das ist nicht der Grund. Eher hat man sich mehr vom Studenten-Outlet der Pratersauna erwartet – so hebt sich das Event leider nur durch die Location von üblichen Studentenfesten ab.  Paul Rabel Eintritt 8 Euro, Mit Sauna: 10 Euro Krügerl 3,90 statt 4,30 Euro


Foto: Vincent Sufiyan, georg Eckelsberger, Der Hösaal ist belegt, Freshmeat fest

Fotos: Paul Rabel, TU Hoffest, Pratersauna, Tuesday Cluib,

von Raffael Fritz, Paul Rabel, Sandra Eigner und Stephanie Lehner

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Der Hörsaal ist belegt (donnerstags, Charly P’s)

FRESHMEAT FEST / WEICHFEST (THE LOFT)

Skikursmusik + Kellerparty = Schmusen

Schöne Körper tanzen woanders Obwohl die hier fast alle Sport studieren

it freiem Eintritt und billigen Drinks wirbt „Der Hörsaal ist belegt“, eine neue wöchentliche Studentenparty-Reihe (immer donnerstags) im Charly P‘s im neunten Bezirk – also auch noch in Gehweite von der Uni: Die Vorzeichen scheinen perfekt. Dann die Enttäuschung! Als wir kurz nach zehn Uhr in den schon gut gefüllten Partykeller des Irish Pub hinabsteigen, ist die Happy Hour schon wieder vorbei. Bier um 1,90 Euro und Spritzer um DURST 1/12

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1,50 Euro gibt es hier nur von neun bis zehn – das haben wir in der Ankündigung wohl überlesen. Jetzt kostet das Krügerl wieder 3,70 Euro. Na gut, wir haben zum Glück nicht nur Kleingeld eingesteckt und jetzt wo wir schon mal da sind. „Schnell betrunken sein ist leiwand, wenn man viel verträgt wird‘s eh nur teuer“, brüllt ein älterer Glatzkopf an einem der Tische seinem Nebenmann ins Ohr. Word! Also ab zur Bar. Die beiden Barkeeper sind flink und fleißig, auf ihrem Getränke-Flyer wurde zwar zweimal „Hörsall“ geschrieben, aber sie sprechen ja nur Englisch, deshalb finden wir das charmant. Gegen Mitternacht sind der Keller und wir (nach dem vierten Bier) schon ziemlich voll. Hoody- und Hemdenträger hüpfen alle zusammen zu Songs von Guano Apes und Sportfreunde Stiller auf und ab und wir schwelgen in Skikurs-Erinnerungen. Ach, war das nicht schön damals in Bad Gastein! Währenddessen schmust ein Pärchen an der Bar wild herum, aber wir haben kein Problem mit PDA (Public Display of Affection) und sehen einfach zu. Jetzt läuft Mr. Brightside von The Killers, in diesem Zustand ist es egal, dass man den Song schon vor Ewigkeiten tot gehört hat. Gut, man hätte vielleicht nicht gleich zwei DJ‘s für diesen Abend engagieren müssen, ein Indie-Sampler von vor zehn Jahren hätte auch gereicht, aber wir wollen mal nicht so sein: Die, die noch nicht zu betrunken sind, tanzen, die anderen liegen sich an der Bar in den Armen. Der alte Glatzkopf von vorhin hilft seinem Freund, der offensichtlich wirklich nichts verträgt, wieder auf die Beine, nachdem er beim Hinfallen ein paar Bier und zwei Mädls von der Bar abgeräumt hat. Aber alles gut, nichts passiert! Vielleicht war es aber doch ganz gut, dass wir die Happy Hour verpasst haben. Solche Kellerparties, das weiß man, können nämlich ganz schön übel ausgehen. Georg Eckelsberger Eintritt: frei, Krügerl 1,90 Euro (Happy­ hour 21-22 Uhr), 3,70 Euro

HOMEPARTY Lobgesang auf eine aussterbene Spezies

H von Sandra Eigner

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u den Lebensinhalten des gemeinen Studenten gehört das grundlose Feiern. Wie ginge das besser als mit promilleresistenten und mit zunehmender Uhrzeit immer paarungswilligeren MitstudentInnen? Möchte man meinen. Leider erodiert die Heuschreckenplage der institutionalisierten Studentenparties die Tradition der gepflegten Homeparty. In der PräDocLX’schen Zeit, als Hörsäle noch nicht systematisch in Brauereien verlegt wurden, galt als Studentenparty schon, wenn sich ein paar Freunde mit einer Palette Bier auf dem Boden eines WG-Zimmers niederließen, in leeren Dosen die Tschickstummel versenkten und sich den Indie-Mixes von DJ iTunes hingaben. Irgendwer brachte dann noch irgendwen mit, irgendwann verlegte sich die Party in die Küche. Irgendein idiotischer Nachbar rief immer auf Verdacht die Polizei, dem nüchternsten Mitbewohner wurde die Aufgabe übertragen, die Kiwara auf Schmäh abzuwimmeln, die Jollies wurden in den Sofaritzen geparkt. Funktioniert einfach nicht mehr. Ist soooo Nullerjahre. Startet man doch den Versuch, eine kleine Runde zu einer größeren Runde Mäxchen oder Waterfall in den eigenen vier Wänden zu versammeln, genügt ein falscher Klick in Facebook und aus dem nostalgischen, privaten Abgesang auf Flaschendrehen und Gummi­ bärli wird ein „Public Event“ lehrveranstaltungsmäßigen Ausmaßes. Gefährlich! Darum wälzt man die Verantwortung lieber auf die Großveranstalter ab, lässt sich dafür das Geld aus der Tasche ziehen, aber hey, dafür muss man in der Früh keine Kotze aufwischen. Trotzdem. Größere Auswahl bei der Prinzen- und Schneckenschau und „mehrere Floors – da ist für jeden was dabei“ hin oder her: There’s no place like home.

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enn man in einer Wiener Sportschule war, trifft man seine Exkollegen garantiert am Weichfest, der Party der Sportwissenschafts- und Lehramtsstudenten. Und zwar bereits vor Mitternacht recht promillig und mit aufgemalten Sprüchen („I don’t use condoms, bitch“) oder Edding-Penissen am Ober- und Unterarm. „Wer allein nach Hause geht, ist selbst schuld“, steht auf der Homepage. Das wissen auch die drei Studenten der TU und des Juridicums, die extra wegen des „Freshmeat“ gekommen sind. Abgesehen von diesen paar externen Lustmolchen kennt hier jeder jeden. Das hält das junge und geschlechtermäßig ausgewogene Publikum nicht davon ab sich gegenseitig zu begrabbeln. (Start: ca. 23.20 Uhr). Wegen der ­Semesterferien ist heute recht wenig los. Die Tanzfläche im ersten Stock ist gegen halbeins voll, der Floor im Keller (die Musik ist hier etwas erwachsener) bleibt den gesamten Abend über fast leer. Dafür gibt es spontane Breakdanceeinlagen, die recht lustig sind, aber einfach zu stark an den eigenen Schulskikurs erinnern. Und dann spielen sie auch noch „Butterfly“ von Crazy Town. Ich muss gehen. Zu Hause bemerke ich, dass mir bei der Kassa ein „Mach weiter so!“ auf mein Handgelenk gestempelt worden ist. Ich wüsste nicht mit was. Mit dem Weichfest jedenfalls nicht.  Stephanie Lehner Eintritt: 5/7 Euro, Bier: 3,40 Euro

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Best of Students

Von Martina Powell und Georg Eckelsberger

die Kiste hacken

Beton Anmischen

Paroli Bieten

„We-0wn-Y0u“ nennt sich das Team von der TU Wien, das einen internationalen Hackerbewerb gewonnen hat.

Studierende der Technischen Universität Graz arbeiten auf einer Baustelle in Tansania – da ist Flexibilität gefragt.

Mit einem No-BudgetProjekt ­wollen Studierende der FH Wien den OnlineJournalismus neu erfinden.

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er gedacht hätte, die größten Computer-Nerds säßen in Südkorea oder an einer Elite-Uni in den Staaten, den haben Studierende der Technischen Universität Wien eines Besseren belehrt. Ende Dezember 2011 gewann das österreichische Team „We-0wn-Y0u“ einen Hacking-Wettbewerb in Kalifornien und setzte sich damit gegen 86 andere Teams durch. Bei „Capture the Flag“ (iCTF) ging es darum, sein eigenes System vor Angriffen zu schützen und gleichzeitig zu versuchen, in andere einzudringen. Natürlich alles legal und im Namen der Wissenschaft und Internetsicherheit. Und was machen nun die Hacker mit ihrem Erfolg? „Das ist leider relativ unspektakulär“, sagt Christian Platzer von der TU Wien. Die Hacker sind wieder Studis und arbeiten an ihren nächsten Coup: „Wir werden versuchen, ein achtköpfiges Team für den DEFCON Wettbewerb (über künstliche Intelligenz und Roboter-Entwicklung, Anm.) zusammenzustellen, was aber wegen des fehlenden Budgets für solche ‚Spaß‘-Veranstaltungen recht schwierig werden dürfte.“ Im kommenden Herbst findet außerdem wieder ein neuer Kurs statt, mit dem die TU erneut in Kalifornien antreten will, um ihren Titel zu verteidigen.

eit Jänner mischen, mauern und hobeln 18 Studierende für einen guten Zweck. Nicht in ihrer gewohnten Umgebung, an der Technischen Universität Graz, sondern in Biharamulo, Tansania. Ziel des Projekts „Little Big Mojo – Spirit of Tanzania“ ist, eine Schule für Mädchen und Jungen zu erweitern. Das Konzept der Studierenden beinhaltet eine multifunktionale Halle und ein „Education Lab“, das die Funktion eines Lesesaal und einer Bibliothek übernimmt. Das neue Platzangebot soll auch der erwachsenen Bevölkerung zu Fortbildungszwecken zur Verfügung stehen. Das Team besteht aus Architektur- und Bauingenieurstudierenden, die mit einer lokalen Baufirma zusammenarbeiten. Melissa Muhri ist Studentin der TU Graz und derzeit in Tansania auf der Mojo-Baustelle: „Da die sozialen Unterschiede, vor allem im Bereich der Bildung, sehr hoch sind, kann die Hilfe zur Selbsthilfe ausgleichende Wirkung haben“, sagt sie. Zeitdruck, ständige Stromausfälle und eine kaputte Mischmaschine zwingen die Studierenden dazu, flexibel zu sein: So wird auch manchmal der Beton von Hand am Boden gemischt und eine Menschenkette gebildet, um ihn in Schüsseln von Mensch zu Mensch weiterzureichen.

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Vor sieben Jahren wurde der Verein „MOJO Fullscale Studio NPO“ gegründet, um den Bildungsstandard in Afrika zu verbessern und europäischen Studierenden eine praxisnahe Ausbildung zu ermöglichen. Mittlerweile wurden acht Projekte realisiert, eines läuft noch in Südafrika und zwei weitere sind in Kenia und Nigeria geplant.

it dem Online-Magazin “Paroli” will die junge Journalistin Sahel Zarinfard gemeinsam mit ihren Mitstreitern den österreichischen Netz-Journalismus auf den Kopf stellen. Ihr Rezept: vieles anders und alles besser machen. „Wir verzichten zum Beispiel auf herkömmliche Ressorteinteilungen, da weder wir noch unsere Leser in solchen Kategorien denken“, sagt die 23-Jährige, die gerade an der FH Wien für Journalismus ihren Master macht. „Wir wollen den Online-Journalismus auf ein höheres Level heben, haben journalistische Darstellungsformate überdacht und neu für das Internet konzipiert.“ Von brisant-aktuellen News bis zu langen Reportagen, von Politik bis Kultur soll ein möglichst breites Spektrum an Themen und Formaten abgedeckt werden. Und wer sollen die Leser sein? „Junge Menschen, die sich sowohl für den Mainstream als auch für Nischen interessieren, für Beruf und Ausgehen, für die eigene Umwelt, aber auch für Geschehnisse jenseits der eigenen Erlebniswelt”, sagt Zarinfard. Zum Start hat sie bereits ein Team aus 16 Jungjournalisten formiert, um das No-Budget-Projekt auf die Beine zu stellen. Ab März geht es los und wir sind gespannt.

www.mojoproject.org

www.paroli-magazin.at

Geplant ist, Anfang März die erste Bauphase abzuschließen. Dem Projekt fehlen nach dem Ausfall von Fördergeldern etwa 15.000 Euro. Muhri: „Wir haben uns von Tansania aus erneut auf Kooperationssuche begeben, die sich aber schwieriger als erwartet gestaltet, da in allen Belangen die afrikanische Gemütlichkeit vorherrscht. Hinzu kommt, dass das Guthaben für Telefon und Internet beinahe täglich in Form von Wertkarten nachgekauft werden muss und die Netze chronisch überlastet sind.“

Fotos: paroli, Gudrun Becker, TU Wien, revolog; Illustration: kurt rudolf

Von oben nach unten: Yvonne Widler, Sahel Zarinfard, Fabian Lang, Florian Stambula, Johanna Schwarz

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Fotos: paroli, Gudrun Becker, TU Wien, revolog; Illustration: kurt rudolf

„A pear“ oder „Appear“ – das ist hier die Frage.

Appear Ein PhD in Bhutan, ein Master in Mosambik? APPEAR macht‘s möglich.

Analog blitzen Revolog: Aus einer Diplomarbeit am Fotokolleg der Graphischen wird ein erfolgreicher WebVersand für Analogfilme.

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pacige Schnappschüsse ohne Digitalkamera und Photoshop? Ja, das funktioniert – auch ohne Smartphone. Eine kleine österreichische Firma namens ­Revolog schickt mit ihren Analogfilmen die bekannte App Hipstamatic zurück in den AppleStore. Revolog, das sind Hanna Pribitzer und Michael Krebs. Sie stellen Filme mit Spezialeffekten für analoge Kleinbildkameras her. Begonnen hat alles vor zwei Jahren mit einem Projekt für ihre Diplomarbeit am Fotokolleg der Graphischen in Wien. Heute hat Revolog Kunden in Deutschland, USA, Malaysia bis hin zu Japan und Tahiti. Jeder Film (ab 7 Euro) wird in Hand­arbeit hergestellt und kann in herkömmlichen Fotostudios entwickelt werden. Pribitzer: „Jedes Foto ist ein Unikat. Man kann nicht beeinflussen, an welcher Stelle des Fotos der Effekt auftreten wird. Jeder unserer Effekte wäre mehr oder weniger leicht digital in Photoshop erzeugbar, allerdings nimmt man in diesem Fall im Nachhinein bewusst Einfluss auf das Bild, während bei unseren Filmen der Überraschungseffekt erst am Ende auftritt.“ Derzeit gibt es acht verschiedene Effektfilme im Webshop zu kaufen.

http://www.revolog.net/de/about

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treng genommen ist APPEAR vom OeAD (Österreichischer Austauschdienst) kein Projekt von, aber für Studierende. Das Programm „Austrian Partnership Programme in Higher Education and Research for Development“ unterstützt Partnerschaften zwischen Hochschulen in Österreich und Entwicklungsländern der ADC (Austrian Development Cooperation). Das Projekt läuft noch drei Jahre. Gefördert werden PhD- und Masterprogramme. Außerdem gibt es ein Stipendiensystem. Ziel ist, Wissen und Erfahrung auszutauschen, um in bestimmten Zielregionen (wie Äthiopien, Mosambik, Bhutan) Armut zu verringern.

www.appear.at

was machst du?

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u hast einen Plan, um den Weltfrieden zu erreichen? Um alle unsere Energieprobleme zu lösen? Oder einfach nur ein verdammt cooles Fotoprojekt? Was es auch ist – wir hätten bei „Best of Students“ eventuell Platz, es vorzustellen. Schickt eure Vorschläge an durst@falter.at. Die besten Einsendungen findet ihr in der nächsten Ausgabe.

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01.03.2012 11:14:49 Uhr


Studieren auf Pump Andere Länder machen es vor (Australien, Deutschland, Norwegen): Studiengebühren ja, aber kombiniert mit einem zinslosen und eventuell erfolgsabhängigen Förder-Darlehen. Würde das auch in Österreich funktionieren? Die DURST-Redaktion ist gespalten.

ja

nein

Von Thomas Askan Vierich

Von Georg Eckelsberger

Studienanfänger bekommen einen zinslosen Kredit – wenn sie das möchten. Und zwar unabhängig vom ­Einkommen der Eltern. Jeder Studierende erhält höchstens fünf Jahre lang 700 Euro pro Monat, davon gehen pro Semester 350 Euro Studienbeitrag an die Hochschule, wo er oder sie inskribiert ist. So ist zumindest die Miete und das Mensa-Essen bezahlt. Für den kleineren Rest (Gewand, Urlaub etc.) muss wie man wie gehabt jobben oder die Eltern anschnorren. Zumindest könnten sich dann auch Kinder weniger betuchter Eltern ein Studium leisten. Für sozial krass benachteiligte Familien könnte man auch nicht rückzahlpflichtige Stipendien einführen (wie es das jetzt schon gibt). Wenn man fünf Jahre studiert, häufen sich also 42.000 Euro Schulden an. Die der Studierende zinslos vom Staat geliehen bekommt – weil der Staat ein ­Interesse an gut ausgebildeten Staatsbürgern haben sollte. Lehrlinge können staatlich gefördert schon jetzt ihre Matura nach­machen – abends, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen. Und sie bekommen außerdem (ein wenig) Lehrgeld.

Gut, lassen wir uns auf das Gedankenexperiment ein: Jeder Studierende in Österreich hat die Möglichkeit sich Geld vom Staat zu leihen, um sein Studium zu finanzieren – was würde passieren? Ignorieren wir den Umstand, dass schon die grundsätzliche Idee Studiengebühren einzuheben – zumindest an der Uni Wien – im Moment ähnlich gerechtfertigt ist, als würde dein Taxifahrer den vollen Fahrpreis verlangen, nachdem er mit dir auf der müffligen Rückbank noch den vorigen Fahrgast ans andere Ende der Stadt gefahren und am Ende dreizehn Runden um den Block gedreht hat, nur um dich erst recht nicht an dein Ziel zu bringen.

Der Studierende finanziert mit seinem Studienkredit sogar seine Ausbildung mit. Ist das Studium abgeschlossen, wird das Geld zurückgezahlt – in halbwegs humanen Raten (175 bis 350 Euro pro Monat) über einen längeren Zeitraum (10 bis 20 Jahre). Das kann man individuell regeln und sich auch leisten, wenn man nicht gleich einen super bezahlten Job bekommt (und von der Steuer absetzen). Für alle anderen dürfte das eh kein allzu großes Problem darstellen. Man könnte noch eine Gratifikation einführen: Bei erfolgreichem Abschluss innerhalb einer bestimmten Zeit wird ein Teil der Schulden erlassen. Vielleicht auch bei einem Abschluss „summa cum laude“.

Österreich gilt nicht gerade als Innovationsparadies, Selbstständige beschweren sich über zu hohe Eintrittshürden, Wissenschaftler klagen über miese Arbeitsbedingungen. Was es braucht: Mehr mutige Studienabgänger, die neue Ideen entwickeln und umsetzen, ihre Ideale verfolgen und damit erfolgreich sind. Wenn aber nun künftig jeder Studierende, dessen Eltern es sich nicht leisten konnten, sein Studium vorzufinanzieren, bei der Sponsion einen Schuldschein in der Höhe von 40.000 Euro aufwärts mit auf den Weg bekommt, wird das den Wagemut der jungen Akademiker nicht gerade beflügeln. Denn in den kommenden Jahren (10 bis 20!!) muss der Studienabgänger nun das großzügige Darlehen zurückzahlen, das es ihm ermöglicht hat neben seinem Studium nur einen Nebenjob anstatt zwei zu haben. Dafür hat er einen Titel bekommen, mit dem er – wenn er Glück hat – einen Job findet, in dem er erstmal drei Jahre als Praktikant für ein Handgeld schuften muss. In Kategorien wie Selbstverwirklichung oder Familienplanung denken wir dabei noch gar nicht.

für 100 euro im monat

hungerlohn zum jobeinstieg

Und was passiert, wenn man das Studium nie abschließt? Man kann den Kredit auf Antrag und mit Begründung (ich stehe kurz vor dem Abschluss, längere Krankheit, längeres Praktikum) aussetzen oder verlängern – aber höchstens um ein weiteres Jahr. Und man muss in jedem Fall zurückzahlen, selbst wenn man abbricht, ins Ausland geht oder Hungerkünstler wird. That’s the deal.

Und all das nur, weil es immer noch nicht gelungen ist, ein nachhaltiges Bildungssystem zu erdenken, das ­Probleme nicht immer auf die nächste Generation abwälzt. Aber gut, mit diesem Modell würden die Schlangen vor den Inskriptionsstellen schnell kürzer werden. Sollte das etwa das Ziel sein? Wenn ja, dann bitte keine pseudoegalitären Finanzierungsmodelle mehr überlegen, sondern Studienplätze verlosen – das wäre ehrlicher.

Zinsloser kredit

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schuldenberg zur sponsion

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Ausstellungen amerkanischen Westküste fanden psychedelische Kunst, östliche Religionen und der Hippie-Lifestyle ihren Niederschlag in Design und Mode: Strenge geometrische Formen lösten sich im organischen Stil auf. Als Reaktion auf das überbordene Design entstand in Italien das radikale „Antidesign“. Neben der Ausstellung gibt es Vorträge, einen Flohmarkt, einen SixtiesTanzabend und eine Sixties-Party.

WIEN

 

Das Design der Revolte

wird aus „Vandalismus und Schmierereien“ Kunst. Gut so. Denn vieles davon war schon an der Haus- oder Brückenwand künstlerisch wertvoll. Die Wiener Galerie Inoperable stellt seit 2006 die Werke international bekannter und weniger prominenter Street-Art-Künstler aus. Ab 22. März kann man dort Mensch-TierHybride von Vinz Will Free aus Spanien sehen. Außerdem präsentiert Knarf, der auch die nicht nur unter Street-Art-Künstlern bekannte Hauswand in der Siebensterngasse bemalt hat, noch bis 24.März sein Projekt „My year has 365 pages“: Menschenporträts, Tierdarstellungen und anatomische Studien.  

68er-Protest-Slogan – geht es um Fragen nach Identität und (urbanem) Leben in den jeweiligen Städten. Mithilfe von Videos, Fotografien, Collagen, plastischen Arbeiten und Bildern werden persönliche und kollektive Erinnerungen, versteckte Geschichte(n), Veränderungen und Brüche in Gegenwart wie Vergangenheit aufgezeigt. Die Ausstellung beginnt in Graz und wird dann auch in Sarajevo zu sehen sein.

Damir Nikšić & Michael Blum, Filmstill aus „Oriental Dream“, 2010

Hofmobiliendepot Andreasgasse 7, 1070 Wien Bis 17. Juni 2012 Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr Eintritt für Studenten (19-25 Jahre): 6,50 Euro www.hofmobiliendepot.at Street Art: alles andere als Schmiererei

Graffiti zum Kaufen

Plastik – das Material der Sechziger Jahre

Inoperable Burggasse 24, 1070 Wien Öffnungszeiten: Di-Fr 13-18h, Sa 13-17h www.inoperable.at

eva helene stern***, „hope 1 / fight for hope“, Verschiedene Textilien, 2010

GRAZ

Fordert das Unmögliche!  

Organisch und psychedelisch statt praktisch Wenn wir an Revolte denken, fallen uns sofort die 1960erJahre ein. Damals wurde auch das Spießertum der Nachkriegsjahre aus den Wohnräumen vertrieben. Zumindest aus manchen. Die Ausstellung „Sixties Design“ im Hofmobiliendepot in Wien Neubau zeichnet anhand von Designerstücken die gesellschaftlichen Umbrüche von Ende der 1950er- bis Anfang der 1970er-Jahre nach. Anfang der 1960er-Jahre lösten aufblasbare PVC-Möbel oder Möbellandschaften im „Space Age Look“ Eichenholzfurnierschrankwände ab. Von der

Nebojša Šerić Shoba, Fotografie, 2011

Knarf: Street Art in der Wiener Siebensterngasse Soll und kann man Street Art in Galerien ausstellen und verkaufen? Eine Kunstrichtung, bei der es eigentlich um Opposition geht und den Kick, illegal zu sprayen? Sobald Tags in der Galerie hängen,

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Graz und Sarajevo: Zwei Städte von ähnlicher Größe, aber vollkommen unterschiedlicher Kultur und Geschichte. Diesen Gegensätzen und Gemeinsamkeiten gehen Künstler aus Österreich und Bosnien-Herzegowina nach. In der Ausstellung mit dem schönen Titel „Seid realistisch, fordert das Unmögliche“ – einem bekannten

Amir Idrizović, aus der Serie: „Nightmare perpetuum mobile“, Zeichnung, 1996 < rotor > Volksgartenstraße 6a, 8020 Graz Bis 31.03.2012 Öffnungszeiten Mo-Fr 10-18h, Sa 12-16h Eintritt frei www.rotor.mur.at

Fotos: Hofmobiliendepot, inoperable, rotor, Bands: Adria de Souza/Pref.Olinda, Pretty/Ugly Design, Presse austrofred, Dominique Hammer Monkeymusic, Stonesthrow, Karen, Pressshot2, Jonas Parnow, Monkeymusic, Las vegas Records, PressPhoto Toasters, Polyvinyl records

Kunst & Möbel Empfehlenswerte Ausstellungen in Graz und Wien, die sich mittel- und unmittelbar mit Protest beschäftigen

von Stephanie Lehner und Thomas Askan Vierich

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Fotos: Hofmobiliendepot, inoperable, rotor, Bands: Adria de Souza/Pref.Olinda, Pretty/Ugly Design, Presse austrofred, Dominique Hammer Monkeymusic, Stonesthrow, Karen, Pressshot2, Jonas Parnow, Monkeymusic, Las vegas Records, PressPhoto Toasters, Polyvinyl records

von Stephanie Lehner

Konzerte

rocks off Rock&Pop-konzerte in Wien, Linz, Salzburg und Graz WIEN

The Helmut Bergers

Sexy-provokant, diese Salzburger, die manchmal ein bisschen an Franz Ferdinand, dann wieder an Depeche Mode erinnern. Unglaublich auch die Stimme von Sänger Paul Konarski. Glamelektrorock, das. Eine der wichtigeren österreichischen Neuerscheinungen. 21.03., Wien, Chelsea, 8 Euro

Mark Lanegan Band

An seiner Bedeutung für die Rockgeschichte gemessen ist Lanegan hierzulande fast ein Unbekannter. Der ehemalige Kopf der Screaming Trees hat unter anderem mit Kurt Cobain und Melissa auf der Maur zusammengearbeitet. Mark Lanegan mit Band, das ist Rock, Folk, Grunge und düstere Texte. Seine rauchige Stimme vergisst man nie wieder. 22.03., Wien, Arena/Große Halle, 22 Euro

Mayer Hawthorne and the County

„Could it be that your love was meant for me?“ Fast schon unverschämt ist, wie unschuldig der Amerikaner seine DURST 1/12

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Gedanken zur Liebe vorträgt (auch wenn‘s ein Cover ist). Gutgelaunt und cool versetzt Hawthorne seinen Retrosoul ins Heute. Der Sommer beginnt dieses Jahr schon im März. 25.03., Wien, Arena, 23 Euro

Amsterdam Klezmer Band

Von Bands wie dieser stammen die Melodien, die die DJs Shantel und Dunkelbunt zu Clubtracks verarbeiten. Dabei sind die Nummern der Amsterdam Klezmer Band an sich schon umwerfend tanzbar. Ein bunter Traum aus Balkanska, Klezmer, Gipsy und Punk. Schweißtreibend. 29.03., Wien, WUK, 18 Euro

LINZ

bisher aufwändigste Show – auch „Mehrzweckhallen-Klangwolke“ genannt. Extravagant, mit „dynamischem Acting“ und so manchem Lichteffekt wird das Enfant terrible neue Songs präsentieren. 19.04., Wien, Arena/Große Halle, 14 Euro

Ólafur Arnalds/ Nils Frahm

The Toasters

Die US-Skaband zieht ihr melodisches Ding seit zwanzig Jahren durch. Und im Gegensatz zu vergleichbaren Combos wissen die Toasters, dass man bei gutem Ska nicht zu viel Punk und nicht zu wenig Dancehall einstreut. Nett! 22.04., Wien, B72, 14 Euro

Der junge Isländer Arnalds wird immer wieder mit Sigur Rós verglichen. Seine intimen Pianonummern unterlegt der Multiinstrumentalist mit Geigen, Schlagzeug und diversen Effekten. Aber auch als Techno-DJ und Metal-Schlagzeuger war er bereits tätig. Nils Frahm aus Berlin ist stilistisch ähnlich unterwegs. 29.03., Linz, Posthof, 11 Euro

GRAZ

Giantree

Plexus Solaire

Xiu Xiu

Vielleicht die einzige Band weltweit mit einer Over-18-only-Homepage. So lustig-verstörend wie diese Seite ist, so ist auch die Musik der USAmerikaner rund um Jamie Stewart. Als würden die frühen Radiohead uns mal so richtig Angst machen wollen. 09.04., Wien, WUK, 16 Euro

„Les Horizons“ ist das verzaubernde und stärkste Stück auf dem neuen, dritten Album. Französisch-österreichischer Chansonrock zum Verlieben; auch Folk und eine Spur Country sind bei ein paar Nummern im Einsatz. Nicht nur für Frankophile geeignet. 18.05., Wien, Rote Bar im Volkstheater, 10 Euro

Mit den Österreichern Giantree kann man in einen melancholischzerbrechlichen und doch hoffnungsvollen Abend voll wunderschöner und tanzbarer Melodien eintauchen. Erwachsener Poprock erster Güte, der auch schon häufiger im Radio läuft. 29.03., Graz, PPC, 9 Euro

SALZBURG

Lonely Drifter Karen

Austra

Austrofred and Guests

Der Champion verspricht zu seinem zehnjährigen Bühnenjubiläum seine

Stimmgewaltig und hypnotisch sind die Konzerte der drei Kanadier um Sängerin Katie Austra Stelmanis. Heute im Synthie-Dark-Wave tätig, hat sich Stelmanis zuvor zur Opernsängerin ausbilden lassen. Das „New York Magazine“ hat 2011 ihr Debütalbum „Feel it break“ vollkommen zurecht auf Platz eins gereiht. 28.05., Wien, Arena/Große Halle, 16 Euro

Tanja Frinta und ihre Kollegen bewegen sich auf ihrem dritten und gelungenen Album „Poles“ diesmal stärker von einer akustischen hin zu einer analog-elektronischen Show. Wild und sexy setzt Frinta ihre sonst stets unschuldige Stimme ein. Asiatische Arpeggios, Bass-Synths, geschmeidige Gitarrenriffs und funkige Grooves werden geboten. Mehr kann man nicht wollen. 29. 03., Salzburg, Jazzit, ab 7 Euro

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UMFRAGE WAS MACHT DICH ZORNIG?

Von Mara Simperler & Georg Eckelsberger

Dreckige WG? Knock-out-Prüfungen? Verkorkste Studienpläne? Was Studierende aufregt, hat DURST im Februar in und vor der Uni Wien herausgefunden.

Und mich fragt niemand? Dabei ist Mosern mein zweiter Vorname.

Peter, 21 hat Geschichte studiert, inskribiert Soziologie

Bianca, 19 hat an der WU Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert, inskribiert gerade für Lehramt Geschichte und Deutsch

Ich habe mir Geschichte ganz anders vorgestellt, mehr auf Ereignisse fokussiert. In Wahrheit haben wir im ersten Semester nur Wissenschaftstheorie gemacht. Die ganzen Examen haben mich deshalb ziemlich genervt, aber ich brauchte die Note, sonst wären mir meine Beihilfen gestrichen worden.“

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Auf der Psychologie gibt es viel zu wenige Diplomarbeitsbetreuer. Außerdem sind eigene Themen unerwünscht. Man soll lieber die Arbeit für die Professoren machen, damit die dann was publizieren können.“

An der WU werden die Leute regelrecht aussortiert, weil zu viele Studis in den Vorlesungen sitzen. Das schafft kein gutes Klima. Der Stoff wird auch uninteressant rübergebracht. Deshalb wechsle ich jetzt an die Hauptuni.“

Hannah, 24 studiert Psychologie

Also sitzt man wochenlang da, sieht sich Filme an und macht Striche, wenn das Kind im Film mal lächelt. Wir wollen aber trotzdem eine Diplomandenstelle bekommen, deswegen zeigen die Strichmännchen, wie zornig wir sind.“

Clark, 20 hat BWL studiert, inskribiert gerade Soziologie

FOTOS: GEORG ECKELSBERGER; ILLUSTRATION: KURT RUDOLF

Laura, 23 studiert Psychologie

Das Finanzsystem ist ein großes Übel in der Welt. Mir geht’s nicht so sehr darum auf die Banker wütend zu sein, ich bin zornig auf die Hintermänner, die man nicht sehen kann. Die könnten nämlich sehr wohl was ausrichten.“

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FotoS: Georg Eckelsberger; Illustration: Kurt Rudolf

Anna, 20 Kunstgeschichte

Weil die Seminare so überlaufen sind, komme ich mit meinem Studium nicht weiter. Vergangenes Semester bin ich nur in ein Seminar hineingekommen, dieses Semester in gar keines.“

Victoria, 20 Germanistik

Gerrit, 29 Absolvent Elektro- und Informationstechnologie

Mich nervt es, wenn Professoren sagen, sie brauchen zu Semesterende dringend diese und jene Arbeit. Ich habe dann keine Zeit, für meine Prüfungen zu ­lernen. Das Nervigste ist: Am Ende brauchen die Profs die Arbeit dann doch nicht so früh und verlängern die Frist.“

Mich macht die Faulheit anderer Leute zornig. Wenn man in einer WG zusammenwohnt und die anderen nie aufräumen, das Treppenhaus putzen oder den Geschirrspüler ausräumen.“

„Die Welt braucht Menschen, die sich bewusst und aktiv für Themen einsetzen!“ W. Sagt Elisabeth amit den und gewinnt d erb w e b t t e W “ ! n e „Sag’s all Durst_17_12 17

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Inge Podbrecky

Wiener Jugendstil

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Wiener Interieurs

Erich Klein

Denkwürdiges Wien

auch in Englisch: Viennese Jugendstil

Christopher Wurmdobler

Queer Vienna

Florian Holzer

Wein und Wien

Irene Hanappi

Bratislava auch in Englisch: Bratislava

Irene Hanappi

Antje Senarclens de Grancy

Irene Hanappi

Brünn

Architektur in Graz

Linz

Falters CITYwalks „Falters CITYwalks“ eröffnen neue Stadt- und Blickwinkel. Sie machen Teilaspekte der Kunst und Kultur der Städte Wien, Graz, Linz, Bratislava und Brünn ergehbar, ersehbar und erfahrbar und führen zu den Orten, die man immer schon entdecken wollte.

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ILLUSTRATION: JOHANNA MARK; KLEBESCHRIFT: KURT RUDOLF

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h c i e r r e t s Ö z n i v o r p t s e n Hochschulen. de t an o de än st Zu Pr re ba logna, untrag ch mehr? blaue Koalitionen, Bo

da no hwarzsparente. Oder gibt’s an n Studiengebühren, sc Tr ge r ge te – al t n es fe ot au Pr H e n hr r. d eine Zwölf Ja einem Protestforsche bisschen Aufregung un it n m Ei w ? ie ht rv ac te br In ge es es ig t n zorn Was ha er aus Österreich. Und ei s rn rg Eckelsberg Zo s de k ni ro rler und Geo Ch pe m Eine Si a ar M Powell, Ei Von Sandra

Romanze

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ft bleibt dir nichts als ein paar Erinnerungen – meistens die schönen. Die kannst du dann noch Jahre später hervorholen und durchblättern wie ein Fotoalbum: dein Blick in den Himmel am allerletzten Schultag zum Beispiel. Deine schweißnassen Hände während deines ersten Kusses mit diesem Mädchen/Buben, dessen Name dir einfach nicht mehr einfallen will. Das angenehm flaue Gefühl damals am Heimweg zum Haus deiner Eltern, nachdem du deine Unschuld in irgendeinem Jugendzimmer liegengelassen hast. Alle diese Dinge haben eines gemeinsam: Es gibt ein

Das erste mal Davor und ein Danach. Dazwischen gibt es nichts. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Das erste Mal demonstrieren, das kann auch so eine Fotoalbum-Erinnerung sein. Das Gefühl, nicht alleine zu sein in seinem Zorn, in seiner Wut, in diesem Gefühl der Dringlichkeit. Wer alt genug ist, erinnert sich an die Donnerstags-Demos: Nachdem die Österreicher im Jahr 1999 erstmals die FPÖ in die Bundesregierung gewählt hatten, wollten tausende Menschen so laut wie möglich in die Welt hinausschreien: „Nein, das sind nicht wir! Das ist nicht unsere Meinung! Hier

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gner, M artina

gibt es jemanden, der sich wehrt!“ Die Jüngeren denken an unibrennt vor etwas mehr als zwei Jahren: Die langen Schlangen vor dem zum Bersten vollen Audimax, das sich eine Gruppe von Demonstranten ein paar Tage davor einfach genommen hatte und nicht mehr hergeben wollte. Die Banner, die von den Rängen hingen, die Fernsehkameras, die Diskussionen, die immer Stunden dauerten, weil viele endlich das sagen wollten, was ihnen schon so lange unter den Nägeln brannte. Und dann der kalte Wind im Gesicht, als sich tausende Demonstranten durch die Wiener Innenstadt schoben und

später „Ja, Panik“ ihr Equipment auf die Stiege vor der Uni schleppten, um ihre Protestsongs zu singen, als hätten sie ihre Lieder nur für diese eine Nacht geschrieben. „Die Luft ist dünn“, sangen sie. Doch auch diese Protesterinnerungen haben eines gemeinsam: Die Welle des Zorns ist irgendwann verebbt und danach war alles wie zuvor. Nichts hat sich verändert. Ist tatsächlich nichts übrig als dieses bisschen weinerliche Nostalgie? Nichts als die Erinnerung an den Moment, als man geglaubt hat, man könnte tatsächlich etwas verändern?  Von Georg Eckelsberger DURST 1/12

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- Frühjahr 2000 -

DONNERSTAGSDEMOS

Blau: „Kronen Zeitung“, 19.2.2000: Angst vor 200.000 Demonstranten und „Chaoten aus dem In- und Ausland“. Pink: „Kleine Zeitung“, 23.2.2000: durchaus wohlwollende Berichterstattung über Demos in Wien.

Re Ban ttet un ane nrep sere ubli k

INTERVIEW

„ICH WÜRDE NICHT SAGEN, DASS ES ERFOLGLOS WAR“ Warum Protestierende nicht zu viel Hintergrundwissen haben sollten, dafür maßlos übertreiben dürfen und was unibrennt wirklich erreicht hat. Erklärt von Protestforscher Christoph Virgl. DURST: Was macht man, wenn die Politik Protest ins Leere laufen lässt? Es gibt Protest, aber niemanden stört es? VIRGL: Die Funktion des Protests ist zu protestieren! Das ist alles. Wenn er ewig lange nicht erhört wird, stirbt er. Trotzdem ist etwas passiert: Das Thema ist in der Öffentlichkeit und man kann es nicht mehr wegignorieren – es gibt einen Diskurs. Man kann aber wohl nicht sagen, dass die Studierenden 2009 gewonnen haben. Ich bin schon der Ansicht, dass die Studierenden etwas gewonnen haben. Weil sie es geschafft haben in Zeiten einer derartigen Skandalhäufung mit einem bildungspolitischen Thema in die Öffentlichkeit zu kommen. Gerade in Österreich ist das bemerkenswert: Im westeuropäischen Vergleich ist Österreich eine regelrechte Protestprovinz. Und wir wissen noch nicht, wie erfolgreich unibrennt wirklich war. Wir wissen nicht, was noch alles auf die Universitäten zugekommen wäre, hätte es diese Bewegung nicht gegeben. Bräuchten Protestbewegungen Politikberater, um sich durchsetzen zu können? Das gibt es bei großformatigen Unternehmungen, Typ Greenpeace, die als Bewegung begonnen haben und dann zu einer Organisation geworden sind. Auch die Leute von Attac wissen, wen sie zur ZIB 2 schicken. Aufgrund dieser Professionalität gerät man aber in Versuchung mitzulobbyieren, sich mit an den Verhandlungstisch zu DURST 1/12

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setzen. Wir haben aber genug Menschen, die an Verhandlungstischen sitzen. Das Besondere am Protest ist die Kunst sich nicht hineinziehen zu lassen. Man muss die Verantwortlichen unter Entscheidungsdruck setzen, aber nie die Entscheidungen selbst treffen. Ich würde Protestbewegungen auch abraten, Lösungsvorschläge zu bringen. Auf die Aufforderung: „Dann sagt doch, was ihr wollt!“, sollte man keine Antwort geben.

Nun verkünden Politiker: „Mit Protest ist zu rechnen.“ Hat eine Demo dann noch Sinn? Eine sehr professionelle Kommunikationsstrategie: Damit nehme ich den Protestierenden den Wind aus den Segeln. Das ist Politikersprech. Es ändert allerdings nichts daran, dass keine Regierung Druck von der Straße dauerhaft überleben kann. Denn eines ist klar: Mubarak, Ben Ali und Gaddafi haben auch mit Protest gerechnet.

Es reicht also stur dagegen zu sein? Sonst wird es gefährlich. Nehmen wir die Friedensbewegung: Die hat nur eine Losung: Frieden! Für die Frauenbewegung ist es die Verbesserung der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Da kann man nicht sagen: nur ein bisschen, oder einigen wir uns auf eine Quote – denn dann verhandelt man und Verhandeln ist schwer.

Aber wenn Menschen ihren Frust in Protestgruppen auf Facebook abladen, wird auf der Straße nie Druck entstehen. Haben wir verlernt wütend zu werden? Das ist ähnlich wie mit dem Scheckbuchaktivismus bei Greenpeace und anderen NGOs. Die Mitglieder fühlen sich beruhigt, weil sie einen Erlagschein einzahlen. Die digitalen Medien spielen eine große Rolle, mit den globalisierungskritischen Bewegungen gab es einen Aufbruch in Richtung globaler Protest. Aber am Ende läuft es immer noch so: Menschen mit einer gemeinsamen Sache kommen zusammen und suchen sich Öffentlichkeit. Gemeinsam inszenieren sie Protest. Protest ist etwas, wofür man nichts bekommt, man investiert aber Zeit und Energie. Das passt eigentlich nicht in unsere Leistungsgesellschaft, trotzdem haben die Menschen nie damit aufgehört.

Soll man sich dumm stellen? Nein, aber wer zu viel weiß, gerät in die Verhandlungsgasse. Es geht immer ums Ganze! Wenn man gegen ein Kernkraftwerk in der Region protestiert, diskutiert man nicht darüber, wie viele Hektar es groß sein soll, sondern darüber, dass es in die Luft fliegen wird und dass wir dann alle tot und die Kinder verstrahlt sind! Ist das nicht reine Angstmache? Nein. Der Protest braucht ein Thema, und das muss so scharf und überzogen formuliert werden wie möglich, damit es in der Politik, da wo die Entscheidungsträger sitzen, gehört wird.

Donnerstagsdemos Wer gegen wen? Linke, Grüne, Alternative, Menschenrechtsorganisationen, Studierende – nach der Regierungsbildung von FPÖ und ÖVP unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Februar 2000 finden sich vielfältige Gruppierungen unangemeldet auf dem Ballhausplatz ein, um zu demonstrieren. Und das jede Woche. Warum? Vornehm ausgedrückt: Das Gedankengut der FPÖ ist für viele Menschen nicht mit einer Regierungsbeteiligung vereinbar. Die Demonstranten halten nicht viel von den hetzerischen Anti-AusländerSlogans der blauen Ungustln. Seit wann? Am 24.02.2000 versammeln sich nach offiziellen Zahlen der Polizei 12.000 Demonstranten am Ballhausplatz. Es dürften wohl ein paar mehr gewesen sein. Wie erfolgreich? Nach 33 Monaten oder 147 Donnerstagsdemos oder „mehr als tausend Kilometern“, die die Demonstranten laut Berechnung des „Kuriers“ zurückgelegt haben, verebbt die Protestwelle im November 2002. Die Regierung steht immer noch und zerlegt sich wenige Monate danach selbst. Was kommt? Schwarz-Blau 2.

Politikwissenschaftler Christoph Virgl (36) hat sich auf Protestforschung spezialisiert und lehrt in Wien, Klagenfurt und Berlin. Fragen: Georg Eckelsberger

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- Herbst 2000 -

Pink: Kleine Zeitung. Blau: Kronen Zeitung. Bildunterschrift zu den Zeitungsausrissen Bildunterschrift zu den Zeitungsausrissen

Studiengebühren

Demo gegen die Einführung von Studiengebühren Wann und wo? Am 19.9.2000 beschließt der blau-schwarze Ministerrat die Einführung von Studiengebühren. Gleich nach dem Ministerratsbeschluss gibt es spontane Demonstrationen in Wien, Graz und Linz. Ein bundesweiter Aktionstag findet schließlich am 11.10.2001 in allen Universitätsstädten statt – neben Wien, Graz und Linz auch in Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt und Leoben – sogar in Eisenstadt demonstrieren Studierende, zum ersten Mal in der Geschichte. Wer? Bei der größten Demo am 11.10.2000 pilgern etwa 30.000 zum Parlament in Wien. In Graz sind 4.000 unterwegs, in Salzburg 3.500 und in Linz rund 2.000. Nicht nur Studierende gehen auf die Straße, unterstützt werden sie von Schülern, Professoren, Rektoren und Politikern der Oppositionsparteien. Warum? Der Ministerratsbeschluss sieht Studien­ gebühren in der Höhe von 5.000 Schilling (360 Euro) pro Semester vor. Die Studierenden fürchten einen Rückgang der Studierendenzahlen, vor allem auf Kosten von sozial Schwächeren. Bundeskanzler Schüssel (ÖVP) hingegen empfindet die Studiengebühren als „sehr vernünftige und sozial gerechte Lösung“.

Pink oben: „Der Standard“, 12.10.2000: 30.000 am Ballhausplatz. Blau: „Tiroler Tageszeitung“, 12.10.2000: Jeder 5. will der EU den Rücken kehren.

Hymne auf Bologna

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rei, frei sind eure studentischen ­Gedanken – und mit euch eure Körper. Tanzt und trinkt vom Brunnen der Weisheit! Seit über zehn Jahren lebt ihr im paradiesischen Land namens „Europäischer Hochschulraum“. Heureka! Wir, eure allmächtigen Architekten, versprachen und gaben euch Mobilität, zur „Überwindung der Hindernisse, die der Freizügigkeit in der Praxis im Wege stehen“. Ja, tanzt, trinkt und reist herum! Endlich seid ihr frei! Oha, und verdammt attraktiv noch dazu! Das

aus dem Paradies sagt nicht euer Spiegel, sondern die Wirtschaft: Dank des „Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse“ reißen sich die Firmen um eure Abschlüsse, „Bachelor“ genannt. Singt! „Die Weichen sind gestellt, und das Ziel ist sinnvoll.“ Und wie die Weichen gestellt sind! Kreuz und quer, übereinander und ineinander sind die Studienpläne verzahnt – lobpreist das geniale Werk eurer Architekten! „Die Vitalität und Effizienz jeder Zivilisation lässt sich an der Attraktivität

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messen, die ihre Kultur für andere Länder besitzt.“ Ja! Sollen doch die Chinesen und Amerikaner vor Neid erblassen, wenn sie euch, die Europäischen Studierenden sehen: Strahlend schön und göttlich weise. Von Martina Powell Alle Zitate stammen aus der zweieinhalbseitigen Bologna-Erklärung, beschlossen im Jahr 1999. Wer sich den Spaß machen will, das Ganze nachzulesen: Einfach „Bologna Erklärung 1999“ googeln.

Was ist herausgekommen? Die Studiengebühren werden mit Wintersemester 2001/02 eingeführt. Das hat tatsächlich einen kurzfristigen Rückgang der Studierendenzahlen um 20 Prozent und einen Rückgang der Studienanfänger um 15 Prozent zur Folge. Proteste gegen die Studiengebühren gibt es in geringerem Ausmaß immer wieder, besondere Brisanz bekommt die Debatte 2006, als der spätere Bundeskanzler Gusenbauer im Wahlkampf verspricht, die Gebühren abzuschaffen. Die SPÖ gewinnt, die Studiengebühren bleiben. Für besondere Aufregung sorgt der Vorschlag Gusenbauers, sich mit 60 Stunden ehrenamtlicher Tätigkeit von den Studiengebühren „freizukaufen“. Es kommt zu mehreren Demonstrationen, die jedoch ohne Erfolg bleiben. Im Sommer 2008 bricht die SPÖ-ÖVP-Koalition. SPÖ, Grüne und FPÖ bringen im September einen Antrag auf Abschaffung der Studiengebühren ein. Schließlich werden die Studiengebühren mit einigen Ausnahmeregelungen abgeschafft. Im Sommer 2011 setzt der Verfassungsgerichtshof die seit 2008 geltende Studienbeitragsregelung wegen Unklarheiten außer Kraft. Da es bis dato keine neue Regelung gibt, werden im SoSe 2012 keine Studiengebühren eingehoben. DURST 1/12

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Das kehrende er d ie W gespenst

EU-Austritt Fa­cebookVolksbegehren: I Million Österreicher für den EU-Austritt Wer gegen wen? Keine Ahnung. Die Initiatoren der Facebook-Seite wollen anonym bleiben. Warum? 1994 stimmten 66,6% der Österreicher für einen EU-Beitritt. Heute will, je nach Umfrage, nur noch ein Drittel bei der EU bleiben. Die Gründe sind vielfältig: Spesenritter im Bürokraten-Paradies Brüssel, Demokratiedefizite, Energiesparlampen ... you name it. Seit wann? EU-Kritiker gibt es schon seit dem Beitritt, mal laut, mal leise. Seit wann besteht die Facebook-Seite? Wann soll das geforderte Volksbegehren stattfinden? Die Betreiber halten sich bedeckt ...

„Salzburger Nachrichten“, 6.4.2010: Artikel und Karikatur über den EU-Austritt

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Wie erfolgreich? Circa 124.000 Menschen gefällt die Facebook-Seite, die meisten davon stammen wohl auch aus Österreich. Eine der größten Pro-EU-Seiten „European Union – EU“ hat etwas weniger als 119.000 Fans – weltweit.

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- 2009 -

- 2010 -

unibrennt

Familienbeihilfe

Uni brennt Wann und wo? Es beginnt mit ein paar Kunststudenten, die am 20. Oktober 2009 die Aula der Akademie der Bildenden Künste in Wien besetzen, um gegen die Umstellung ihres Studiums auf Bachelor und Master anzukämpfen. Das ist der Funken, der unibrennt entzündet: Zwei Tage später besetzen 1000 Studierende das Audimax der Uni Wien, danach erfasst die Protestwelle andere österreichische und internationale Unis. Es ist der Beginn der umfangreichsten österreichischen Protestaktion des vergangenen Jahrzehnts. Wer gegen wen? Heißt es anfangs sinngemäß noch „Studis gegen Bologna“, zieht unibrennt bald weite Kreise: Kaum ein gesellschafts­politisches Thema von Bildung bis Arbeit, Pensionsbis Familienpolitik, das nicht im Audimax diskutiert wird – inner-ideologische Grabenkämpfe inklusive. Feindbild Nummer Eins bleibt der damalige Wissenschaftsminister Gio Hahn, der aber schon ein paar Monate später von der ÖVP als EU-Kommissar nach Brüssel entsandt wird. Warum? „Bildung statt Ausbildung“ ist eine zentrale Forderung der Bewegung. Die Finanzierung der Universitäten soll sichergestellt werden, „Kein Kaputtsparen mehr“, verlangen die Demonstrierenden. Doch der Protest entwickelt sich schnell in eine antikapitalistische Richtung, wird breiter und will mehr: ein anderes System, eine bessere Gesellschaft.

Pink: „Der Standard“, 29.10.2009: unibrennt-Demo. Blau: „Kleine Zeitung“, 29.10.2009: Bildung für alle. Braun: „Salzburger Nachrichten“, 27.10.2010: Familienbeihilfe. Pink: „Österreich“, 16.6.2010: Moschee adé. Blau: „Kurier“, 14.9.2007: Scharfmacherei gegen Muslime. Nächste Seite: „Kurier“, 19.6.2009: Lichterkette gegen rechts.

Demo von Rechts

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or nunmehr sechs Jahren beschlossen die letzten Nachfahren der Kreuzritter, sich mit Flugblättern und Megaphonen zu bewaffnen und das Abendland vor der drohenden Islamisierung zu retten. Sie nannten sich Bürgerinitiative Dammstraße und ihr sprichwörtlicher Dorn im Auge war das Atib-Kulturzentrum in derselben Straße. Dessen Ausbau wollten sie verhindern und ihre

Wann und wo? Am 23.10. 2010 stellt die rot-schwarze Koalition das Budget für das nächste Jahr vor, inklusive Kürzung der Familienbeihilfe um zwei Jahre. Besonders die Studierenden fühlen sich vor den Kopf gestoßen und gehen gleich am Nationalfeiertag auf die Straße, um den „Tod der Zukunft Österreichs“ bekannt zu geben. Zwei Tage später gibt es in Wien, Graz und Linz weitere Demos. Eine Großkundgebung gegen die Budgetpläne der Regierung findet unter der Beteiligung von über 10.000 Demonstranten am 27. November statt. Wer? Gegen die Kürzung der Familienbeihilfe treten hauptsächlich Studierende ein, von denen knapp 30.000 von dieser Maßnahme betroffen sind. Insgesamt trifft die Kürzung 35.000 junge Menschen. Auch Schüler gehen mit auf die Barrikaden, Solidaritätsbekundungen kommen von Professoren und einigen Rektoren. Warum? Die Empörung über die Kürzung der Familienbeihilfe ist besonders groß, weil sie so überraschend und plötzlich kommt – die Regelung tritt bereits ein Dreivierteljahr später, im Juli 2011, in Kraft. Die ÖH kritisiert vor allem den beeinträchtigten Planungshorizont für 24- und 25-jährige Studierende, die nun mit mindestens 150 Euro im Monat weniger dastehen. Ärgerlich sind auch die Fragen über Leistungen, die an die Familienbei­hilfe gebunden sind, etwa das Semesterticket in einigen Universitätsstädten oder die Mitversicherung bei den Eltern. Was ist herausgekommen? Herausgekommen sind jährlich etwa 2.800 Euro weniger pro Student. Das Semesterticket wurde teurer, die Mitversicherung blieb für die Zeit der Ausbildung bestehen. Etwa 8.000 24- und 25-jährigen, die bisher Studienbeihilfe bezogen haben, wird die entfallene Familienbeihilfe seit Juli 2011 über die Studienbeihilfe ausbezahlt.

Moschee Ade (2006-2010) Gründe waren vielschichtig. Nummer 1: „Verlust der Wohnqualität im Grätzel durch Verkehr, Lärm, Parkplätze und in der Dammstraße durch Vandalismus.“ (Homepage, 2011) Nummer 2: „Wir Brigittenauer ­BürgerInnen sind für echte Integration und wehren uns gegen eine Pseudointegration und Parallelgesellschaft in einem Sprachghetto.“ (Aussendung 12.3.2008)

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Was ist herausgekommen? Die unibrennt-Bewegung wird in der Öffentlichkeit überraschend positiv aufgenommen – sogar BoulevardMedien schlagen sich auf die Seite der Studierenden. Die Politik will die Proteste aussitzen – und hat Erfolg: Am 21. Dezember 2009 vertreibt die Polizei die wenigen verbliebenen Besetzer aus dem Audimax. Das Netzwerk, das die Aktivisten mittlerweile vor allem über soziale Medien aufgebaut haben, bleibt aber bestehen.

Demo gegen Kürzung der Familienbeihilfe

Nummer 3: „Wie gibt‘s denn das – ich schau vom Fenster runter in a Moschee. Da nehm i das G‘wehr mit.“ (Demonstrationsteilnehmer laut ­„Wiener Zeitung“, 14.9.2007, S.13) Welcher Erklärung H.C. Strache am meisten zustimmt, weiß man nicht, doch auch er ließ sich bei einer Demo schon als moderner Kreuzritter mit Kruzifix abbilden und brabbelte was von „Abendland in Christenhand“. Die

Kreuzritter unterlagen in der gerichtlichen Schlacht Atib, das Kulturzentrum erhielt seine Baubewilligung. Es ist ruhig geworden in diesem inszenierten Kampf der Kulturen. Die letzte größere Demo der Bürgerinitiative ist zwei Jahre her, doch auch Atib hat in den zwei Jahren seit der Bewilligung noch nicht mit dem Umbau angefangen.  Von Mara Simperler DURST 1/12

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klassiker

Lichterkette

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ie Lichterkette in unterschiedlichen Variationen ist ein Klassiker der gewaltfreien Unmutsäußerung in Österreich. Kein Wunder, denn diese altbewährte Form des Protests ist nicht nur hübsch anzusehen: Die massenhafte Ansammlung kleiner Kerzchen sorgt für andächtige Stimmung und wirkt in der Prozession vor sich hergetragen ganz schön mächtig – der religiöse Beigeschmack stört in Österreich auch kaum und ist eher auf der Plusseite zu verbuchen. Unvergessen das Lichtermeer 1993: 250.000 Menschen versammelten sich auf dem Wiener Heldenplatz, die größte Demonstration in der

Geschichte der Republik. Dadurch ist das Lichtermeer (auch in Kettenform) zu einer Art nationalem Heiligtum geworden – es steht für ­Toleranz, den Schutz der Menschenrechte und alles andere, was gut und redlich ist. Seitdem zünden die Österreicher immer wieder gerne Kerzen an, wenn ihnen etwas besonders am Herzen liegt. 2009 organisierten die beiden Studentinnen Romy Grasgruber und Maria Sofaly die bislang letzte große Lichterkette rund um das Parlament und demonstrierten so für ein respektvolles Miteinander und Zivilcourage. Schön. Von Georg Eckelsberger

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Lindengasse

Hausbesetzung Lindengasse Wer gegen wen? Eine Gruppe Autonomer besetzt leerstehende Häuser in der Lindengasse 60–62 im 7. Wiener Gemeindebezirk. Der Eigentümer BUWOG wollte die Gebäude abreißen, um Wohnhäuser zu errichten. Warum? Die Hausbesetzer wollen aus den leerstehenden Häusern soziokulturelle Zentren machen. In den Wochen der Besetzung finden hier Diskussionen, Konzerte, Workshops und vieles andere statt. Nach dem Motto: Die Stadt gehört den Menschen, nicht den Spekulanten. Seit wann? Die Gebäude in der Lindengasse werden am 14. 10. 2011 besetzt und in „Epizentrum“ umgetauft. Wie erfolgreich? Am 8. November wird das „Epizentrum“ von der Polizei geräumt. Die BUWOG reißt den Gebäudekomplex ab und will dort 64 Eigentumswohnungen bauen.

Pink: „Die Presse“, 21.1.2012: Die Empörten von Occupy. Blau: „Kronen Zeitung“, 26.7.2011: Anonymous hackt die GIS. Pink: „Wiener Zeitung“, 28.1.2012: Holocaust-Gedenktag meets WKR-Ball. Blau: „Kurier“, 26.10.2011: Hausbesetzung Lindengasse. Braun: „Kurier“, 26.1.2012.

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Occupy Austria

Anon Austria

We are the 99 Percent

Anon Austria: Leetspeak

4n0N 4u57r14 12 73H 4u57R14n 5U851d14Ry 0f 73H 1n73Rn4710N4l 4n0NYM0U5 M0v3M3N7, wH1cH pHR3Kw3N7Ly 4nn0uNc32 73H w0Rld r3V0lu710n 1n J007U83 v1D302 4Nd h42 4lr34Dy 570L3N D474 pHr0m 73h pH81 4ND 73H U5 90V3rNM3n7. 4n0N 4u57r14 1nF4M0U5lY H4x0R3D 73h 915- 4ND 73h p0l1c3-D47484532.*

Die österreichische Variante der US-Occupy-Bewegung besticht durch ideologische Vielseitigkeit. Eine nichtrepräsentative Schätzung der Redaktion: 32% Globalisierungsgegner 30% Marxisten 20% Tierschützer 10% Verschwörungstheoretiker 5% Antisemiten 1% Roland Düringer 1% Franz Hörmann

* Anon Austria is the Austrian subsidiary of the international Anonymous movement, which frequently announces the world revolution in YouTube Videos and has already stolen data from the FBI and the US-Government. Anon Austria infamously hacked the GIS- and the police-databases.

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Eulen aus Athen Die jungen Akademiker Griechenlands haben keine Angst vor der Zukunft. Doch ihre Zukunft liegt nicht in Griechenland. DURST war in Athen und hat mit ihnen gesprochen.

Ein Land am Abgrund braucht die Solidarität Europas – vor allem seine Menschen.

„Anarchie = Freiheit“ steht nun an den Mauern Athens, wo einst die Demokratie erfunden wurde. ein Frühling. Entlang der Autobahn ­stehen dutzende überdimensiona­ le, graubraune Holztafeln, die von ­rostigen Stangen getragen werden: Werbeflächen. Ich sehe nur eine, auf die ein Plakat gekleistert wurde – für ein Onlinecasino. Viel häufiger be­ merke ich ein Schild an Hausmauern mit der Aufschrift „Politai“ – zu ver­ kaufen. Und überall Graffiti.

griechischer frühling Jannis drängt sich durch die Ermou Straße, die Einkaufsmeile im Zent­ rum von Athen. Vorbei an Menschen in dicken Mänteln und Kindern, die bunte Heliumballons um die Hand­ gelenke gebunden haben. Die ortho­ doxen Weihnachtsfeiertage im Jän­ ner bestimmen das Leben der Stadt. Musik mischt sich mit Straßenlärm. Es riecht nach Zimt und Abgasen. Der 24-jährige Athener mit Vollbart und rahmenloser Brille schüttelt mir die unterkühlte Hand und wir eilen in ein Café. Es ist kalt, der Frühling ist doch ein Winter. Jannis ist ein Stu­ dent, wie ihn sich die Wirtschaft er­ träumt. Er ist jung, motiviert und hat fünf Jahre lang an der renommierten Nationalen Technischen Universität von Athen (Polytechnion) studiert. Nun hat er einen Abschluss in tech­ nischer Informatik. Dafür hat er hart

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gearbeitet. Das griechische System macht es einem nicht leicht zu einer Ausbildung zu kommen, wie Jannis sie hinter sich hat. In Griechenland herrscht der Numerus Clausus. Das Bildungsministerium bestimmt je­ des Jahr, wie viele Studierende an den Unis zugelassen werden und wer wo inskribieren darf. Entscheidend ist das Ergebnis bei den Panellinies, der Zentralmatura. 20 Punkte können griechische Schüler dabei maximal erreichen. Jannis‘ Eltern gaben da­ mals monatlich 300 Euro für einen Privatlehrer aus, um ihrem Sohn zu einem guten Ergebnis zu verhelfen. Ohne Privatunterricht schafft kaum jemand eine ausreichende Punkte­ anzahl. Jannis erreichte 19,5. Hätte er darunter gelegen, wäre es nichts mit dem Studienplatz am Polytechnion geworden. Jannis‘ Bruder hat Pech gehabt. Er hat keinen Platz in Athen bekommen. Es gibt zwar gratis Text­ bücher und keine Studiengebühren, doch für Jannis‘ Familie ist es trotz­ dem nicht leistbar, ein Kind in eine andere Stadt zu schicken. Die Wohn­ kosten sind zu hoch, Studentenheime gibt es kaum. Knapp die Hälfte der Griechen lebt in Athen, die Studien­ plätze sind aber nicht im selben Ver­ hältnis verteilt. Viele müssten weg­ ziehen, können sich das nicht leisten. Jannis selbst wohnt noch zu Hause.

„Jeder geht weg“ Panayotis begrüßt mich, als wären wir langjährige Freunde. Auch er trägt Vollbart und hat sein schwar­ zes Haar an den Hinterkopf gekno­ tet. Auf der Suche nach einem Platz für ein Gespräch nimmt er mich mit auf eine Tour durchs antike Athen. Von der Begrüßung an spricht er ohne Pause. Immer wieder hält er an und glaubt den besten Blick auf die beleuchtete Akropolis gefunden zu haben. Panayotis ist 25 Jahre alt und hat seinen Abschluss in Maschinen­ bau an der Uni Patra gemacht. Jetzt wohnt er wieder bei seinen Eltern in DURST 1/12

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Fotos: Manuel Köllner; klebebild: Kurt Rudolf

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ine Frau mit blond gefärbtem Haar wühlt in ihrer beigen Leder­ tasche, vergoldete Metalllettern bilden das Wort „Prada“. Ihr Mann hat soeben eine dunkelrote Plastik­ tasche mit der Aufschrift „Hotel Sa­ cher“ abgestellt, um sein Handgepäck zu öffnen. „Do you have any lap­ tops or iPads with you?“, hat sie der ­Sicherheitsbeamte am Gate C33 des Flughafen Wien eben gefragt. Beide legen ein iPad auf das Förderband. Flug OS801, 28. Dezember 2011. Die Mittdreißiger vor mir beenden ihren Weihnachtsurlaub in Wien. Nein, sie fliegen nicht nach ­London oder Paris. Die beiden sind Griechen. Ich fliege wie sie nach ­Krisenland und werde in Athen ­Studenten tref­ fen. Ich will wissen, wie es sich in ei­ nem Land lebt, das kollabiert. Welche Pläne haben sie in einem Staat, der selbst keinen zu haben scheint? Und wie wehren sie sich gegen die, die das Land ruiniert haben? Meine Be­ ziehung zu den Griechen ist eng. Ich bin zwar mit niemandem dort ver­ wandt, habe aber fast jedes Jahr mei­ nes ­Lebens ein paar Wochen in Grie­ chenland verbracht. Mein Vater ruft mich Manolis, die griechische Versi­ on von Manuel. Ich habe es genossen in einem Land zu sein, wo Zeit und Ernst nicht so wichtig sind, und habe den Kopf geschüttelt, wenn ein be­ freundeter Hotelier mal wieder keine Rechnung ausgestellt oder seine Ver­ sicherungsprämie ausschließlich bar bezahlt hat. Die Sonne scheint durch die ver­ dreckten Scheiben des Busses, der mich vom Flughafen zum Syntag­ ma-Platz im Zentrum Athens bringt. Der griechische Winter sieht aus wie

Das Café, in dem mir Jannis seine Geschichte erzählt, ist hip und mo­ dern. Um die runden Steintischplat­ ten sitzen Menschen unter dreißig. Sie rauchen und trinken Kaffee. In Zukunft werden zwei Drittel von ih­ nen höchstens beim Heimaturlaub zu Weihnachten in diesem Café in Athen sitzen. Eine Umfrage der Zeitung „To Vima“ aus dem Jahr 2010 besagt, dass 70 Prozent der jungen Akademiker das Auswandern in Betracht ziehen. Die Jugendarbeits­losigkeit lag 2011 bei über 40 Prozent. Jannis ist in der glücklichen Lage mit seinem Ab­ schluss am Polytechnion einen Job im eigenen Land finden zu können. Er will aber keinen, denn ihn erwar­ tet ein Einstiegsgehalt von 700 bis 800 Euro brutto. Er wird sich einen Job im Ausland suchen, vielleicht in Europa, eher aber in den USA oder in Australien. „Als Grieche bekomme ich in Europa dauernd Vorurteile zu hören. Das geht mir auf die Nerven“, sagt Jannis. Und was machen seine Studienkollegen und Freunde? „Die suchen alle einen Job im Ausland.“

von Manuel Köllner


„Ich habe nicht die W ­ orte, um dir zu erklären, wie groß das Phänomen ist. Jeder geht weg. Das ist normal geworden. “

„Trotz Uni-Abschluss 700 Euro brutto? Da gehe ich doch lieber im Ausland auf Jobsuche.“

„Eulen nach Athen tragen“, steht für eine sinnlose Tätigkeit. Im antiken Athen stand die Eule als Symbol für Weisheit und der Göttin Athene. Sie war auch das Symbol für Geld, da auf den Silbermünzen die Eule abgebildet war. Worte, die im Artikel nicht verwendet wurden: Rating, Rettungsschirm, Hebel, faul, Merkozy, Staatsschuld, Schuldenschnitt

„Und wo ist jetzt die Krise?“, fragt Panayotis, der hier seinen Freund Jimmy umarmt.

Ich habe an einer Eliteuniverstät studiert. Genau so, wie es sich die Politiker wünschen.

Marousi, einem wohlhabenden Stadtteil im Norden Athens. Seine Mutter wurde kürzlich vor die Wahl gestellt: zehn weitere Arbeitsjahre mit halbem Lohn oder jetzt in Pension mit reduzierten Bezügen. Sie wählte den Ruhestand. Sein Vater gehört einer Minderheit an. Er hat einen Job und sein Gehalt wurde nicht gekürzt. Wir setzen uns in ein kaminbeheiztes ­Lokal in der Plaka am Fuße der Akropolis. Panayotis ist auf Jobsuche im Ausland. Er unterbricht seinen Redefluss kaum. „Ich habe nicht die Worte, um dir zu erklären, wie groß dieses Phänomen ist. Jeder geht weg. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin, höre ich: ‚Ich habe einen Job in Schweden. Ich gehe nächsten Monat.‘ ‚Ich gehe nach Deutschland.‘ Das ist normal geworden.“

Fotos: Manuel Köllner; klebeschrift: Kurt Rudolf

Gepeinigte Elite

Jannis hat ein Diplom von einer Eliteuni. Griechenland wird davon nicht profitieren. DURST 1/12

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Griechenlands zukünftige Elite hat aufgegeben. Protest und besonders Studentenprotest haben in Griechenland eine lange Tradition. Die Studenten des Polytechnion waren 1974 maßgeblich am Sturz der Militärdiktatur beteiligt. Auch in den letzten Jahren flogen Molotowcocktails und Tränengasgranaten über den ­Syntagma-Platz. Panayotis Verhältnis zu den Protesten ist zwiespältig. Sein Problem sind die Studentenparteien, die die Kundgebungen organisieren. Einerseits seien sie die Einzigen, die zum Nachdenken anregen. Andererseits sind sie „zu mächtig und Teil des ­Systems geworden.“ Ein OECD-Bericht von 2011 zur griechischen Bildungs­ politik gibt ihm recht: Das Unisystem sei chaotisch: Starke Parteien, schwache Rektoren, Evaluierungen

existieren nicht. Zudem weiß das Ministerium nicht, wie viele der gemeldeten 350.000 Studenten auch tatsächlich aktiv studieren. Panayotis behauptet, die griechischen Akademiker gehörten zu den besten, denn: „Wenn du es in diesem System schaffst einen Abschluss zu machen, schaffst du es überall.“ Panayotis‘ Handy läutet. Nachdem er aufgelegt hat, fragt er mich, ob ich ihn zu einem Konzert begleiten möchte. Ich möchte. Wir schlendern an antiken Ausgrabungen vorbei. „Vasanißomai“ ist an den Betonsockel des Absperrungszauns gesprüht. „Ich bin gepeinigt, von innen“, übersetzt Panayotis ungefragt. Dieses Graffito ist omnipräsent. Wir erreichen Gazi, einen Stadtteil westlich der Plaka. Die dortigen Lagerhallen der ehemaligen Gaswerke, aus rotem Ziegel gebaut, wurden zu Lokalen und Clubs umfunktioniert. Vor dem Club K44 werden mir Jimmy, Andreas und Angelika vorgestellt. Jimmy und ­Andreas sagen, sie wollen bald ins Ausland gehen. Angelika freut sich, einen ­Österreicher zu treffen. Sie hat an der TU Wien ihr Studium beendet und arbeitet nun in Wien. Kurz nach Mitternacht beginnen „The Wedding Singers“ ihre Show. Zweieinhalb Stunden lang geben sie Coverversionen der Hits der 80er und 90er zum Besten, „Rock me Amadeus“ inklusive. Das Lokal mit Gaswerkcharme ist gesteckt voll. Die Menge tanzt ausgelassen. Die Verstärker haben kein Erbarmen mit meinen Ohren. Irgendwann stupst mich Panayotis in die Rippen und brüllt mir ins Ohr: „Und wo ist jetzt die Krise?“ „Welche Krise?“, schreie ich zurück. Wir teilen ein bitteres Lachen.

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Ich habe das Ganze in den Medien verfolgt und dann beschlossen, ich möchte möglichst schnell hin.

Adham Hamed ist dem Arabischen Frühling nachgereist.

Tanzen am Tahrir-Platz Sie waren dabei: Aya aus Ägypten und Cousin Adham aus Österreich haben den ägyptischen Umsturz vor Ort erlebt. Die eine studiert in Kairo, der andere mit doppelter Staatsbürgerschaft in Wien. von Mara Simperler

dem Tahrir-Platz ist Adham Ägypter, aber er hat immer den österreichischen Pass in der ­Hosentasche. „Im Härtefall bringt ­einem das schon was“, sagt er. „Zumindest unter ­Mubarak war das so.“ Wäre die Lage nach dem Sturz Mubaraks eskaliert, hätte ihn vielleicht auch ein österreichischer Pass nicht gerettet, doch dazu kommt es nicht. „Ich habe die Atmosphäre als sehr schön empfunden“, sagt Adham. „In manchen Seitenstraßen wurden Demonstranten beschossen. Da habe ich

In Ägypten war die Euphorie groß und Aya mittendrin. Es gab viele ­erste Male für sie: Das erste Mal richtig wählen gehen. Das erste Mal etwas gegen die Regierung sagen und keine Angst haben, dass etwas passiert. Das erste Mal glauben, dass es besser wird. „Wir haben so etwas noch nie erlebt. Ich war wie alle anderen extrem passiv, wenn es um Politik ging. Die Proteste haben das verändert.” Als die erste Sitzung im Parlament stattfindet, drängen sich die Menschen in den Cafés und auf den Straßen um die Fernseher. Wie ein nationales Sport-Event sei das gewesen, sagt Aya, alle wollten wissen, was die Politiker ­sagen, wie sie sich verhalten.

optimismus und skepsis

Mubarak, dein Flugzeug steht bereit 18 Tage lang skandieren die Menschen auf dem Tahrir-Platz „Mubarak, dein Flugzeug steht bereit“ und „Wir gehen nicht, er soll gehen.“ Am 11. ­Februar geht Mubarak. Drei Tage später landet Ayas Cousin Adham Hamed in Kairo. „Ich habe das Ganze in den Medien verfolgt und dann beschlossen, ich möchte möglichst schnell hin.“ Adhams Vater ist Rechtsanwalt in Kairo, er selbst ist in Innsbruck geboren, studiert an der Uni Wien Internationale Entwicklung. Seit seiner Kindheit ist er mehrmals im Jahr in Ägypten, besitzt eine Doppelstaatsbürgerschaft und hätte ihn nicht die Uni in Wien gehalten, er wäre wohl früher geflogen. Auf

Für Adham war das ein turbulentes Jahr. Er reist dem Arabischen Frühling nach. Ägypten, Libanon, Israel, Palästina – Adham will wissen, was in den anderen Ländern des Nahen Ostens passiert. Nach Ägypten fährt er noch einmal mit einer Uni-­Forschungsgruppe. Sie sprechen mit dem österreichischen Botschafter, mit dem ORF-Journalisten Karim El-Gawhary, mit einem jungen Aktivisten, der durch eine Blendgranate ein Auge verloren hat. In Israel erlebt Adham die Zerrissenheit des

Demonstrieren, rebellieren, sich einmischen: Für viele Ägypter eine völlig neue Erfahrung. mich rausgehalten.“ Aya hatte Angst in dieser Zeit, doch wenn sie von der Aufbruchsstimmung erzählt, kommt auch sie fast ins Schwärmen: „Man hat gesungen und getanzt. Barbiere haben ihre Stände auf dem Tahrir-Platz aufgebaut, Ärzte ihre Ordinationen, andere Menschen haben Essen und Decken gebracht. Es war so viel Kreativität in der Luft, es war ­wunderschön.“ Es war der Zorn, der die Menschen auf den Tahrir-Platz getrieben hat. Und die Hoffnung. Wenn Aya und Adham ein Jahr später Bilanz ziehen, kommen sie allerdings zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Landes: Die Liberalen, die sich mehr Demokratie wünschen, stehen den Regierungstreuen gegenüber, denen mit Mubarak ein wichtiger Verbündeter abhanden gekommen ist. Nur im ­Libanon merkt Adham wenig vom Arabischen Frühling. „Im Zentrum von Beirut, wo Reich und Schön zusammenkommt, wird schon ein intellektueller Diskurs geführt, aber die Massen gehen nicht auf die Straßen“, sagt Adham. Anders in den palästinensichen Flüchtlingslagern im Süden des Libanon: Dort herrsche die Hoffnung, dass die ­Revolutionen auch die eigene Situation verbessern.

Aya ist Teil der Ereignisse, Adham sieht meist von außen zu. Aya ist optimistisch, Adham skeptisch, wie sich Ägypten entwickeln wird. „Was könnte schlimmer sein als das, was wir gehabt haben“, sagt Aya. Adham sagt, die Gesamtsituation sei schlechter geworden: „Auf den Tahrir-Platz zu gehen und zu demonstrieren wird zum Luxus.“ Auch Aya gibt zu, sie wisse nicht, ob sie einen Job bekommt, wenn sie die Uni abschließt. Aber sie ist zuversichtlich, weil sie aus einer privilegierten Familie kommt und auf einer guten Uni war. Bei Studenten von staatlichen Unis sei das anders. Als der Arabische Frühling begann, hieß es, dies sei der Protest einer ­Jugend, der eine bessere Zukunft versprochen wurde und die sah, dass sie die nicht bekommen würde. Vielleicht wird es auch in Zukunft keine Jobs geben, vielleicht werden die Banken kollabieren. Aya sagt:„Ich bin stärker geworden.“ Wenn das Hunderttausende sagen, ist das vielleicht das Vermächtnis des Arabischen Frühlings.

„ich war extrem passiv, wenn es um politik ging. Die proteste haben das verändert.“ 30 Durst_30_12 30

Aya Hamdy Abdoul Fotouh

Fotos: Adham Hamed; klebeschrift: Kurt Rudolf

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s ist etwas mehr als ein Jahr her, als ein paar Einträge auf Facebook das Leben von Aya Hamdy Abdoul Fotouh umkrempeln. „Protest“ steht da und „Mubarak“ und „ab auf die Straße“. Tausende klicken den „Like“Button, am 25. Jänner 2011 wird der „Tag des Zorns“ ausgerufen. Die ägyptischen Behörden sperren Twitter, die Menschen machen ihr virtuelles Versprechen wahr, gehen auf die Straßen. Die Straßen in Kairo führen an diesem Tag alle auf den Tahrir-Platz. „Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich passiert. Ich dachte nicht, dass die Regierung das erlaubt“, sagt Aya. Sie verfolgt die ersten Tage des ägyptischen Frühlings in Sharm El-Sheich am Roten Meer, dann fährt sie zu ihrer Familie zurück nach ­Kairo. Aya ist zwanzig, sie studiert Wirtschaft und Kunst an der Universität Kairo und wie so viele Jugendliche in Ägypten war sie politisch eher un­interessiert. Aber dann kappte die Regierung die Telefonleitungen und das Internet. „Auf einmal wurde es für jeden persönlich. Wenn du keine Chance hast, es über das Internet zu erfahren, gehst du auf die Straße und schaust es dir selbst an“, sagt Aya.

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Der zorn der anderen 2011 war das Jahr der Proteste. Wo, wann , was und warum passierte und welche Folgen die Proteste hatten, zeigt DURST.

Jemen

Palästina

Syrien

Lybien

Tunesien

Von Sandra Eigner, Martina Powell und Anna Schiester

wie ging´s los?

wer gegen wen?

warum?

was wurde daraus?

wie geht´s weiter?

Der „Arabische Frühling“ beginnt mit der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid. Sein Stand ist mehrfach geschlossen worden, angeblich wegen einer fehlenden Genehmigung, die Behörden konfiszieren seine Waren. Seine Beschwerden bleiben erfolglos. Bouazizis Selbstverbrennung löst Massenunruhen aus. Daraus wird die „Jasmin-Revolution“.

Das Volk lehnt sich gegen das autoritäre Regime von Zine el-Abidine Ben Ali auf, der Tunesien 23 Jahre lang regiert hat. Die Proteste springen von Tunesien auf andere arabische Länder über.

Die Lebensbedingungen in Tunesien sind denkbar schlecht: Es herrscht eine Arbeitslosigkeit von 19 Prozent, bei den Jungen liegt sie bei über 30 Prozent. Vor allem junge Akademiker finden kaum Jobs. Armut, Perspektivenlosigkeit, hohe Lebensmittel- und Energiepreise sind weitere Ursachen für die Revolution.

Am 14. Jänner 2011 verlässt Ben Ali das Land. Der Ausnahmezustand wird verhängt. Eine Übergangsregierung („Regierung der Nationalen Einheit“) mit Mitgliedern aus Oppositionsparteien wird gebildet. Allerdings gibt es auch weiterhin Proteste. Wenige Wochen nach dem Sturz des Diktators wird die Übergangsregierung erneut umgebildet.

Crashkurs in Demokratie: Im September 2011 kommt es zur ersten verfassungsgebenden Versammlung. Im Oktober folgen die ersten freien Parlamentswahlen. Als Sieger geht die gemäßigtislamische Ennahda-Partei hervor. Im Jänner protestieren linksgerichtete Demonstranten gegen Gewalt von ultrakonservativen Islamisten, wieder kommt es zu Selbstverbrennungen. Die Lage gilt weiterhin als instabil.

15. Februar 2011: Die Polizei erschießt bei Protesten gegen die Korruption hunderte ­Demonstranten. Der politische Konflikt wächst sich zu einer militärischen Auseinandersetzung aus. Am 17. Februar, dem „Tag des Zorns“, kommt es zu Demos in allen großen libyschen Städten.

Regime-Gegner begehren gegen das repressiv-autoritäre Regime Muammar al-Gaddafis auf, der das Land 32 Jahre lang wie ein Monarch regierte und auch davor schon zehn Jahre lang Staatsoberhaupt gewesen war.

Libyen war ein repressiver Polizeistaat ohne Meinungsfreiheit. Gaddafi setzte Mitglieder seiner Familie in zentralen Positionen ein. Damit war vor allem die junge Bevölkerung zunehmend unzufrieden. Opposition gab es kaum, sie wurde verfolgt und gefoltert. Die Arbeitslosenquote liegt zwischen 30 und 65 Prozent. Auch heute noch ist Libyen von Rohölexporten abhängig.

Februar 2011: Der Osten Libyens wird von Revolutionären kontrolliert. März 2011: Die UNO verabschiedet die Resolution 1973, die militärische Maßnahmen zum Schutz der Zivilisten und eine Flugverbotszone ermöglicht. Die Kämpfe gehen blutig weiter. 20. Oktober: Gaddafi wird in der Nähe von Sirte bei einem Fluchtversuch von Rebellen getötet.

Der Neustart wird schwer: Das Feindbild Gaddafi, das bisher alle Clans zusammenhielt, gibt es nicht mehr. Mit dem nationalen Übergangsrat gibt es aber einen Verhandlungspartner im Land, um einen demokratischen Weg einzuschlagen. Ziel ist der Aufbau einer „echten“ Demokratie. Die Integration der Rebellen in die Regierung wird mitausschlaggebend sein.

Am 18. März 2011 schwappt die Arabische Revolution nach Syrien über. Zuvor sind Jugendliche verhaftet und gefoltert worden, die in Daraa Parolen an eine Hauswand gesprüht hatten. In Damaskus und vier weiteren Städten gehen mehrere Tausend Menschen auf die Straße. Vier Männer sterben. Nach der Trauerfeier am 19. März kommt es zu weiteren, weitaus größeren Protesten.

Unterschiedliche Gruppen, vor allem intellektuelle Schichten, lehnen sich gegen das Regime von Präsident ­Assad auf, wobei auch religiöse Motive eine Rolle spielen dürften. Die Mehrheit stellen Sunniten, regiert wird das Land aber von der alawitischen Minderheit.

Es geht um Demokratie und Freiheit und darum, den vor 48 Jahren verhängten Ausnahmezustand endlich zu beenden, der Bürgerrechte extrem einschränkt. Syrien wird seit 1971 von den al-Assads autoritär regiert, seit 2000 vom zunächst als liberal geltenden Bashar al-Assad. Diese Hoffnungen bestätigten sich nicht. In den Auseinandersetzungen geht das Regime besonders gewalttätig vor.

Assad beschuldigt den Westen, die Proteste angezettelt zu haben. Überraschend hat er im Frühjahr das Notstandsgesetz aufgehoben. An dessen Stelle ist ein strenges Anti-Terror-Gesetz getreten. Assad „erlaubt“ nun „Demos,“ unter strikten Auflagen. Gleichzeitig geht das Regime immer grausamer gegen echte Demonstranten vor, viele Syrer versuchen zu fliehen.

Die Proteste dauern an. Die Rebellen fordern internationale Hilfe, die EU setzt auf wirtschaftliche Embargos. Zu einer UNO-Resolution gegen Assad kommt es aufgrund der Vetos von Russland und China nicht. Im Jänner bietet sich Russland als Vermittler an, was die Rebellen ablehnen. Russland verkauft Waffen an das Assad-­Regime. Alle anderen schauen hilflos zu.

Anfang März 2011 nimmt die Hamas einige junge Demonstranten fest, die für ein Ende der Spaltung von Hamas und Fatah und damit Palästinas eintreten. Einem Internetaufruf folgen am 15. März zehntausende Palästinenser und gehen in Gaza und im Westjordanland auf die Straßen.

Hauptsächlich junge Menschen, die sich über die sozialen Netzwerke organisieren, demonstrieren gegen die politische und geografische Teilung von Palästina.

Die Situation für die Palästinenser, vor allem für die Jungen, ist katastrophal. Es gibt keine funktionierende Gesundheitsversorgung, keine Jobs, keine regelmäßige Versorgung mit Strom und Gas – und vor allem: keinen Weg raus aus den besetzten Gebieten.

Ende April 2011 willigen Fatah und Hamas überraschend in eine von Ägypten vermittelte Versöhnung ein. Im September wollen sie mit Hilfe der UNO einen unabhängigen Staat Palästina ausrufen, der Antrag auf UN-Vollmitgliedschaft scheitert vor allem wegen des Lobbyings der USA. Am 15.12. erkennt Island als erstes und einziges Land Palästina als eigenständigen Staat an.

Am 23.12. tritt die Hamas der international als palästinensische Vertretung angesehenen PLO unter Fatah-Führung bei. Anfang Jänner finden erstmals seit 15 Monaten Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern in Jordanien statt, die Hoffnungen auf eine Lösung sind aber weiterhin gedämpft. Im Mai sollen in Palästina Präsidentschafts- und Parlamentswahlen stattfinden.

Eine geplante Verfassungsänderung löst im Jänner 2011 Proteste aus. Aufgrund des immer stärkeren Drucks erklärt Präsident Ali Abdullah Salih im Februar, er wolle nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren. Weitere Proteste folgen. Die Opposition fordert Salihs sofortigen Rücktritt. Im März geht das Militär gewaltsam gegen die Demonstranten vor.

Eine vereinte Protestbewegung gibt es aufgrund Salihs Divide-et-imperaPolitik nicht. Die Zivilgesellschaft, vor allem junge Intellektuelle, kämpfen gegen das autoritäre Regime. Verfeindete Stämme liefern sich seit Jahrzehnten einen Machtkampf. Zudem versucht die Al Qaida, ihren Einflussbereich im Jemen auszubauen.

Der Jemen ist das ärmste Land im arabischen Raum. Fast die Hälfte der 24 Millionen Einwohner lebt unter dem Existenzminimum der UNO von zwei Dollar am Tag. Jeder zweite Jemenite ist Analphabet. Dementsprechend groß sind die sozialen Missstände. Die Ölvorkommen, die 75 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen, sind bald erschöpft.

Im November unterzeichnet Salih einen Vertrag zum friedlichen Machtwechsel. Im Gegenzug fordert er freies Geleit bei seiner Ausreise. Es wird eine Übergangsregierung bestehend aus Mitgliedern der Opposition gebildet. Sie soll bis zum geplanten Rücktritt Salihs im Amt sein. Dafür wird ihm von den Golfstaaten Straffreiheit zugesichert.

Die erhoffte Ruhe brachte Salihs Rückzug nicht. Seine Gegner lehnen die Straffreiheit ab, die Jungen fordern mehr Mitspracherecht. Eine rosige Zukunft prophezeien dem Land derzeit die wenigsten.

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SPANIEN

CHILE

KOLUMBIEN

USA

CHINA

RUSSLAND

Wenn sogar die Holländer protestieren, muss die Kacke echt am Dampfen sein.

WIE GING´S LOS?

WER GEGEN WEN?

WARUM?

WAS WURDE DARAUS?

WIE GEHT´S WEITER?

Ein Hauch von arabischem Frühling liegt im Dezember 2011 über Russland: Zu ersten Protesten mit etwa 5.000 Teilnehmern kommt es am 6. Dezember. Die Demonstranten fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Putin und Präsident Medwedew und echte demokratische Neuwahlen.

Russische Oppositionsparteien und Regimekritiker, darunter Kommunisten, Liberale, Nationale und vor allem junge Akademiker, gehen auf die Straße, um gegen Wahlfälschungen und das korrupte politische System im Allgemeinen zu protestieren.

Im September 2011 verkünden Putin und Medwedew einen Ämtertausch. Putin soll zum dritten Mal Präsident und Medwedew erneut Ministerpräsident werden. Hinzu kommen die mutmaßlich gefälschten Wahlergebnisse der Parlamentswahlen vom 4. Dezember 2011, durch die genau dieser Tausch „legitimiert“ wird. Am 10. Dezember versammeln sich bis zu 100.000 Menschen allein in Moskau, aber auch in anderen Städten.

Es sind die größten Proteste in Russland seit 20 Jahren. Die Teilnehmer fordern ein „Russland ohne Putin“ und: „Gebt dem Volk seine Stimme zurück“. Ein Oppositionspolitiker spricht gar vom Ende der „Flitterwochen Putins mit seinem Volk.“ Die Zahl der Sicherheitskräfte ist groß, dennoch bleiben die Proteste friedlich. Putin sagt, er respektiere die Ansichten und wolle den Demonstranten „zuhören“. Gorbatschow rät ihm zum Rücktritt.

Medwedew macht Zugeständnisse – noch ohne Zeitplan. Er will z.B. die Parteienregistrierung vereinfachen und die landesweiten Gouverneurswahlen wieder einführen, die Putin trotz massiver Kritik abgeschafft hat. Die Ansichten der Oppositionsparteien gehen weit auseinander, keine von ihnen kann auf breite Unterstützung hoffen. Der Patriarch der orthodoxen Kirche kritisiert erstmals das System Putin. Dieser wird im März wohl trotzdem Präsident werden.

Inspiriert vom Arabischen Frühling folgen Ende Februar tausende Chinesen in 13 Städten dem Aufruf der chinakritischen Website boxun. com, auf die Straße zu gehen. Die Seite soll von kritischen ExilChinesen betrieben werden.

Der Aufruf von boxun.com richtete sich an Arbeitslose, Opfer von Zwangsräumungen sowie Unterstützer der freiheitlichen Kräfte und gegen das repressive Einparteiensystem.

Die anonymen Appellierenden fordern die Bewohner Chinas zu friedlichen „Spaziergängen“ auf, um für mehr Freiheit, bessere Lebensbedingungen und politische Reformen, sprich das Ende des Einparteiensystems, einzutreten. Obwohl Chinas Wirtschaft rasant wächst, gibt es weiterhin krasse soziale Ungleichheit, Preissteigerungen und Korruption.

Auch Chinas Sicherheitsbehörden informieren sich über das Internet und zerschlagen die friedlichen Proteste, bevor sie überhaupt richtig beginnen können. Allerdings bleibt das Polizeiaufgebot in einigen Städten auch nach der Aktion erhöht und die Verfolgung der Bürgerrechtsbewegung wird verschärft. Außerdem dehnt die Zensur die Kontrolle des Internets aus.

Die harte Reaktion der chinesischen Führung zeigt ihre Angst, in China könne es zu ähnlichen Protesten wie im arabischen Raum kommen. Präsident Hu Jintao rief die KPSpitzenfunktionäre dazu auf, „unharmonische Faktoren auf ein Minimum zu reduzieren“. Immer wieder kommt es zu anlassbezogenen Protesten, etwa gegen den Zwangsverkauf von Land in der Guandong-Provinz.

Ausgerechnet am Liberty Square im Financial District in Manhattan startet am 17.9.2011 die amerikanische Occupy-Bewegung. Eigentlich war #OccupyWallStreet Teil eines Blogeintrags der kanadischen Aktivistengruppe Adbusters. Twitter verbreitet die Message zunächst langsam, aber letztlich effektiv.

Die „99 Prozent“ gegen das Finanz- und Polit-Establishment. Die Demonstranten treten gegen die wachsende Kluft bei Gehältern auf. Occupy hat viele Gesichter: Studierende, Kleinunternehmer, liberale Geister und Prominente.

Neben der ungerechten Wohlstandsverteilung geht es gegen das Establishment, die Börse, Spekulanten, transnationale Multis, Banken und sonstige Bösewichte in der Wirtschaft. Inspiriert vom Arabischen Frühling protestieren die Besetzer größtenteils friedlich gegen das Dikat der Finanzmärkte und der unfairen globalen Wirtschaft.

Von New York breitet sich Occupy über 100 US-Städte und weltweit in über 1.000 Städte aus. Mittlerweile hat die Polizei viele Lager geräumt. Republikaner und ihnen nahestehende Medien versuchen, die Occupy-Bewegung immer mehr ins Lächerliche zu ziehen. Forderungen werden nie wirklich gestellt, daher gibt es auch keine wirklichen Ergebnisse.

Ob und wie es weiter gehen wird, hängt davon ab, wie gut Occupy den Winter im Netz übersteht und beispielsweise auch davon, ob die General Assembly einen Forderungskatalog erarbeitet.

Studenten beginnen am 12.10.2011 einen Streik auf unbestimmte Zeit, Proteste gibt es bereits seit März. Auslöser ist die geplante Teilprivatisierung einiger Universitäten.

Studierende der 32 kolumbianischen Universitäten demonstrieren friedlich gegen die Hochschulreform der Regierung.

Die etwa 550.000 Studierenden boykottieren ihre Vorlesungen, weil sie verhindern wollen, dass das Hochschulsystem durch private Geldgeber finanziert wird. Die größte Demo findet in Bogotá mit etwa 200.000 Teilnehmern statt.

Einen Monat nach Beginn der Proteste bläst Präsident Juan Manuel Santos die Hochschulreform ab und bittet die Studierenden an den Verhandlungstisch. Der Vorlesungsstreik wird niedergelegt.

Die Proteste gehen weiter, aber es wird auch konstruktiv gearbeitet. Im Oktober 2012 wollen die Studierenden ihre Reformvorschläge der Regierung vorlegen.

Seit Juni 2011 gehen die Menschen auf die Straße, weitaus wütender als in Kolumbien. Ende August gibt es außerdem einen Generalstreik, den Gewerkschaften und Linksparteien unterstützen.

Schüler, Studierende sowie Lehrer marschieren gegen die Bildungspolitik der Regierung und die Wasserwerfer der Polizei. Für kurze Zeit besetzt eine Gruppe Studierender sogar das Erziehungsministerium.

Die Demonstranten verlangen, dass sich der Staat stärker an den Bildungsausgaben beteiligt. In Chile sind alle Unis und viele Schulen gebührenpflichtig. Laut Unesco zählt Chile zu den Ländern mit dem sozial selektivsten Bildungssystem.

Es kommt immer wieder zu schweren Ausschreitungen. Schließlich erklärt sich die Regierung von Präsident Sebastian Pinera zu Zugeständnissen bereit. Zukünftig sollen 60 Prozent der einkommensschwachen Studierenden Stipendien erhalten.

Verhandlungen Anfang Oktober scheitern, Mitte November kehren trotzdem einige Studierende wieder in die Hörsäle zurück. Vielen sind die Zugeständnisse der Regierung nicht genug: Zehntausende protestieren weiter.

Die erste Demo findet am 15.5.2011 statt. Die Plattform „Democracia Real YA“ („Echte Demokratie jetzt!“) ruft zum friedlichen Protest auf. Menschen in 58 Städten folgen dem Aufruf und „se indignan“ (empören sich) seitdem öffentlich.

„Democracia Real YA“ ist Sprachrohr aller Arbeitslosen, Schlechtbezahlten und Jungen. Sie sind zornig auf jene, die die Krise verursacht haben und auf Gesetze, die ihnen noch dazu Jobkürzungen und Enteignungen gebracht haben.

In den Augen der „Indignados“ (Empörten) sorgen Politik und Wirtschaft nicht mehr für die Grundrechte, allen voran das Recht auf Wohnung, auf Arbeit und Bildung. Die Demonstranten prangern an, dass Geld über die Menschen gestellt wird.

Am 20.11.2011 wählen die Spanier ein neues Parlament. Die konservative „Partido Popular“ erhält die absolute Mehrheit und schickt den Technokraten Mariano Rajoy, um das Land zu retten. Der will nun privatisieren und sparen, in der Verwaltung sowie bei den Sozialausgaben.

Sogar der spanische Wirtschaftsminister prognostiziert, dass Spaniens Wirtschaft 2012 weiter schrumpfen wird. Mit Einsparungen im Bildungsbereich werden die Jobchancen der jungen Spaniern mit Sicherheit nicht erhöht. Proteste sind wahrscheinlich.

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wie ging´s los?

wer gegen wen?

warum?

was wurde daraus?

wie geht´s weiter?

Ungarn

Am 14.1.2011 findet die erste große Demonstration gegen das neue Mediengesetz statt. Laut Polizei nehmen 10.000 Personen daran teil. Über Facebook vernetzen sich die Demonstranten, ihr Slogan: Egymillióan a magyar sajtószabadságért (Eine Million für die ungarische Pressefreiheit, „Milla“)

Studierende und andere junge Leute, die sich in der „Milla“ organisieren, Arbeiter (Szolidaritás) und sehr leise auch die EU (vor allem der grüne EUParlamentarier Daniel Cohn-Bendit) stellen sich gegen die Fidesz-Partei von Premier Viktor Orbán.

Orbán erzielte bei den Parlamentswahlen im April 2010 eine Zweidrittelmehrheit. Seitdem baut er Ungarns Demokratie nach seinen Vorstellungen um, beschränkt die Medienfreiheit, erfindet Sondersteuern, verbietet Obdachlosigkeit und wirtschaftet das Land herunter. Schlachtruf der Zornigen: „Nem tetszik a rendszer“ = „Mir gefällt das System nicht“.

Am 19.12.2011 erklärt das Verfassungsgericht mehrere Abschnitte des neuen Mediengesetzes für verfassungswidrig. Zwar kein direktes Ergebnis der Proteste, aber immerhin. Die Demonstrationen werden wohl weiter gehen, denn Missstände gibt es genug, etwa die seit 1.1.2012 neu geltenden Verfassung.

Es gibt Gerüchte, dass die Wahlen von 2014 auf 2012 vorgezogen werden sollen. Die Popularität von Fidesz sank zuletzt, davon profitieren könnte etwa die rechtsextreme Jobbik-Partei. Vermutlich wird nur wirtschaftlicher Druck Orbán unter Zugzwang bringen können. Inzwischen knöpft sich auch die EU-Kommission Ungarn vor.

Grossbritannien

Am 4.8.2011 wird Mike Duggan von der Polizei in Tottenham (London) bei seiner Festnahme erschossen. Zunächst kursieren Gerüchte, der 27-Jährige hätte auf die Polizei geschossen. Laut „Guardian“ können die gefundenen Kugeln aber nur aus Polizeiwaffen stammen. Die Nachricht über den möglichen Totschlag entfacht in London und anderen britischen Städten Protestmärsche, die wenig später zu „Riots“ ausarten. Sie dauern vier Tage.

Vorwiegend junge Männer unterschiedlicher Schichten und ethnischer Herkunft richteten ihren Zorn gegen ihre unmittelbare Umgebung: Shops, Fahrzeuge, fremde Wohnungen.

Über die Faktoren, die die LondonRiots ausgelöst haben, herrscht in akademischen Kreisen Uneinigkeit. Sind es sozioökonomische Spannungen zwischen den Gesellschaftsschichten? Die schlechten Zukunftsaussichten für junge Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter? Das schlechte Verhältnis zwischen Bevölkerung und Exekutive? Die Gang-Kultur in Teilen Londons? Die steigende Arbeits­ losigkeit? Oder alles zusammen?

Die Bilanz der Riots: Fünf Tote, mehr als 2000 Festnahmen und unzählige Verletzte. Etwa 100 Millionen Pfund muss der britische Steuerzahler laut „Guardian“ an Schäden begleichen. In den Medien haben die Unruhen ein stärkeres Bewusstsein für Themen wie soziale Exklusion und die Situation von jungen Arbeitslosen geschaffen. Die Politik versprach Fördermaßnahmen für „Problembezirke“ und lokale Projekte zur Unterstützung von Jugendlichen.

Am fünften Tag sind die Riots plötzlich vorbei. Warum? Die Gründe dafür sind genauso komplex wie die Anfänge der Unruhen. Die Riots kannten kein gemeinsames Ziel, eine zentrale Plattform mit politischen Forderungen gab es nicht. Einige Teilnehmer geben Langeweile oder schlechtes Wetter als Gründe für ihre Teilnahme an. Bis heute sind die britischen Gerichte mit den Riots beschäftigt. Inwiefern die politischen Maßnahmen greifen, wird sich zeigen.

Deutschland

23.11. 2011 fährt wieder einmal ein CASTOR-Transport von Frankreich nach Deutschland. Seit Mitte der 1990er gibt es diese Transporte nach Gorleben, in denen hochradioaktives Material in ein „Endlager“ transportiert wird. Fast genauso lang konzentriert sich schon der Protest von Atomkraftgegnern vor allem auf diese Strecke. Jahr für Jahr werden Straßen und Schienen im Sitzstreik stundenlang blockiert.

Zu Beginn waren es noch unorganisierte Gruppen von Atomkraftgegnern. Heute sind sie gut vernetzt und tragen Namen wie „Ausgestrahlt“, eine Protestplattform, die das Logo der Anti-Atomkraftsonne verwendet. „Wir sind mit ihm Teil der Anti-Atomkraft Bewegung“, die 1975 in Dänemark ihren Anfang nahm, heißt es auf der Webseite.

Die Kritik richtet sich nicht generell gegen den Rücktransport des Atommülls nach Deutschland, sondern vor allem gegen die Produktion von Atommüll und den Standort Gorleben als Endlager. 2010 veröffentlichte Greenpeace geheime Regierungspapiere. Aus ihnen geht hervor, dass die Entscheidung für Gorleben willkürlich und nach einem vollkommen intransparenten Verfahren zustande gekommen sei.

Der Transport nach Gorleben startet am 23. November 2011 in Valognes in Nordfrankreich. Bereits bei der Verladung kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Die etwa 1200 Kilometer lange Fahrt des Zuges dauert über fünf Tage, ein neuer Rekord. Der Widerstand ist so heftig wie noch nie, vermutlich auch wegen dem Reaktorunfall in Fukushima.

Der CASTOR-Transport vom vergangenen November war der letzte aus der Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Allerdings sollen weitere Transporte aus der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield stattfinden. Atommülltransporte und Proteste dagegen wird es also weiterhin geben. Durch die gute Vernetzung der Atommüll-Gegner werden die Proteste wohl auch immer effektiver werden.

Niederlande

Eine breite Öffentlichkeit erreicht der niederländische Zorn erst durch die Occupy-Bewegung, die Anfang Oktober in verschiedenen Städten beginnt. Allerdings brodelt es schon lange im Norden: Nachdem die konservative Regierung im Sommer 2011 radikale Budgetkürzungen im Kulturbereich ankündigt, gehen zunächst vor allem Kulturschaffende auf die Barrikaden.

„Wir“ gegen „sie“ – so lauten die meisten Parolen. „Wir“ sind Studierende, Lehrende und Künstler, die von den Kürzungen im Kulturund Bildungsbereich betroffen sind. „Sie“ sind Regierungsmitglieder und Unterstützer der Kürzungen, zum Beispiel der Populist Geert Wilders, der politisches Kapital aus den Kürzungen für das „linke Hobby“ Kunst schlägt.

Es geht nicht nur um etwa 100 Millionen Euro, die im niederländischen Kulturbereich und für Förderungen junger Talente allein dieses Jahr fehlen werden. Sondern auch um die „generelle Entwicklung“ der Gesellschaft, wie es auf Protestplattformen heißt. Viele Demonstrationen zielen darauf ab, wieder mehr Bewusstsein für den Wert freier Kultur und kreativer Entfaltung zu schaffen.

Nach über zwölf Wochen löst sich die Occupy-Bewegung zum Jahreswechsel auf. Der Winter und die Exekutive, die die hygienische Bedingungen und Drogenkonsum in den Zeltlagern anprangert, vertreiben schließlich die meisten Besetzer. Den harten Kern kann man allerdings noch immer am Amsterdamer Beursplain (Börseplatz) treffen. Virtuell ist die Bewegung noch aktiv.

Im Bereich der Kulturproteste will man sich in den kommenden Monaten besser vernetzen und Alternativen zur staatlichen Förderung, die nun vielerorts ausbleibt, finden. Offen bleibt, ob die Occupy-Bewegung erneut so viele Anhänger finden kann.

Wo soll man da anfangen? Als die Finanzkrise die italienische Wirtschaft erreicht und die ohnehin maroden Staatskassen leerfegt? Oder bereits am Tag, an dem Silvio Berlusconi auf die politische Bühne tritt und in drei Amtsperioden Italien zum BungaBunga-Land macht? Auch wenn hinter der dramatischen Gesellschafts- und Wirtschaftskrise mehr als nur das Versagen eines Politikers steckt – ohne Silvio und seine Freunde sähe Italien heute ganz anders aus.

Mediale Aushängeschilder der Proteste gegen Berlusconi sind im Jahr 2011 zunächst nackte Frauen, die Schilder hoch halten, auf denen Berlusconi hinter Gittern sitzt. Im Herbst sind es wütende Gruppen junger Demonstranten, die Mülltonnen und Autos in Rom anzünden.

Die massiven Proteste gegen Sexismus im Frühjahr 2011 sind ein Wendepunkt in Italien, das jahrelang einen Premierminister ertragen hat, der angeblich Minderjährige für Sex bezahlte. In den gewalttätigen Unruhen in Rom, einen Tag nachdem Berlusconi eine Vertrauensabstimmung knapp gewann, artikulieren die Protestierenden ihren Unmut. Viele sehen die Regierung Berlusconi als einen Grund für die Unsicherheit des Euro und der europäischen Märkte.

Am 16. November heißt es „Ciao“ Berlusconi. Das internationale Aufatmen über den Rücktritt des ­Cavaliere ist unüberhörbar. Seinen Platz übernimmt der Ökonom Mario Monti.

Italien

Bravo, Chilenen und Kolumbianer: Ihr habt gewonnen! Vorerst. ¡No Pasarán!

Italien hat ein Problem weniger, aber viele weitere zu lösen: leere Staatskassen, veraltete Bürokratie, eine politikverdrossene Jugend und Politiker, die den Reformplänen der neuen Technokraten-Regierung skeptisch gegenüber stehen. Offen ist, wie sich der Staat aus der Rezession heraushieven wird. Internationale Ratingagenturen haben mittlerweile die Bonität Italiens heruntergestuft. Und die alten Garden um Berlusconi und Bossi scharren schon wieder mit den Füßen.

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Mittel zur mitsprache Jenseits der Basisdemokratie

„Wie reden die mit uns? Wir sind das Volk!“

Die Demokratie steckt in der Krise. Der Verein Liquid Democracy will sie dort ­herausholen – mit noch mehr Demokratie.

Herta Wessely ist Obfrau der Online-Plattform Aktion 21. In den Bürgerprotest ist die 71-jährige Journalistin vor ­zwanzig Jahren unabsichtlich hineingerutscht.

von Raffael Fritz

von Valentin Ladstätter

„wir haben eine so komplexe Gesellschaft, dass die Politiker den Durchblick Verlieren.“ Daniel Reichert 34 Durst_34_12 34

A

ls Anfang der 1990er-Jahre die einer Bürgerbefragung lässt die Stadt kleine Grünfläche vor ihrem das Projekt schließlich fallen. Mietshaus in Wien-Margareten Wessely ist mit solchen Aktionen verbaut werden soll, nimmt Herta zum Protestprofi der alten Schule Wessely Stuhl und Tisch und setzt geworden. Sie ist das, was politische sich auf die Straße, um Unterschrif- Berater unter dem Namen „Nimby“ ten zu sammeln. „Aus zwei Tagen kennen und fürchten – eine Abkürwurden drei Monate.“ Die nachmali- zung für „not in my backyard“. Sie ge Galionsfigur der österreichischen hat ein paar Tricks auf Lager, wie man BürgerinitiBürgerinitiativen hat ativen zum Erfolg also in ihrem eigenen Vorgarten beführt: Grundsätzlich gonnen. Sie lernt in hätte man vor Wahdieser Zeit die Anlen größere Chancen, denn am Ende sichten der Anrainer liege die Entscheikennen und entdeckt ihre Leidenschaft für dung bei den Politipolitische Agitation. kern. Sie sind es, die „Mich hat furchtbar sich den Protesten geärgert, wie die Pobeugen oder den urlitiker aufgetreten sprünglichen Plan sind. Ein Bezirksd u r c hp e i t s c h e n . Als Protestprofi der alten Schule hat rat hat bei einer Be- Herta Wessely einige Tricks auf Lager. Darum sei es wichsichtigung vor Ort tig, die Entscheigesagt: ‚Hier wird dungsträger nicht in gebaut!‘ Das war kurz nach dem Fall eine Ecke zu drängen, sondern ihnen der Mauer und ich hab mir gedacht: einen Ausweg zu bieten, bei dem sie ‚Wie reden die mit uns? Wir sind das ihr Gesicht nicht verlieren. „Die PoliVolk!‘“ Wessely sammelt 2000 Un- tiker müssen sich am Schluss als Sieterschriften und verhindert damit ger präsentieren können, auch wenn eines ihrer eigenen Projekte auf dem schließlich das Bauprojekt. Die praktische Erfahrung ihrer Spiel steht,“ sagt Wessely. ersten erfolgreichen Bürgerinitiative Aber um sich gegen die mächkommt ihr Jahre später zugute, als tige Politik durchsetzen zu können unter dem Bacherpark – ebenfalls braucht es mehr als ein paar Tricks. im fünften Bezirk – eine Tiefgara- Und deshalb gründet Wessely mit ge gebaut werden soll. Wessely wird Vertretern anderer Bürgerinitiativen Sprecherin der bereits bestehenden im Jahr 2006 die Aktion 21, die alle Initiative, nachdem ihre Vorgänge- Bürgerinitiativen Österreichs auf eirin entnervt aufgegeben hat. Nach ner einzigen Plattform vernetzen vielen Aktionen, Briefen und einer soll. Langfristig will die Aktion 21 Beschwerde beim Verwaltungsge- die aktive Beteiligung des Volkes gerichtshof zelten die Mitglieder der setzlich verankern und die ­betroffene Initiative im Park – bei minus 15 Bevölkerung schon bei der ­Planung Grad. Sie bleiben drei Monate. Das von Projekten zwingend mit ein­ ruft die Medien auf den Plan, der beziehen. Druck auf die Behörden steigt. Nach einer gescheiterten Mediation und www.aktion21.at

„mich hat furchtbar geärgert, wie manche politiker aufgetreten sind.“ Herta Wessely

Fotos: Privat, Valentin Ladstätter

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aniel Reichert hat keine Zeit zu Politik der Zukunft aussehen. Bei verlieren: Der Politikwissen- der Organisation sollen Programme schaftsstudent will die Demokra- wie Adhocracy helfen, das Reicherts tie retten. Und das ist, wie ­Michael ­Verein in ehrenamtlicher Arbeit entSpindelegger sagen würde, kein wickelt hat. Damit können Gruppen ­Pipifax-Thema: Für vernunftbegabte ad hoc an gemeinsamen Beschlüssen Menschen ist das vermutliche Ergeb- arbeiten. Ganz ähnlich wie bei Wikinis der nächsten Nationalratswahl pedia entstehen Texte in kollaboratizum Fürchten. Auch die Hoffnung ver Arbeit, über die dann abgestimmt auf Basisdemokratie werden kann, noch dazu ohne Modemuss jeder begraben, ration: „Wir wollen der nur zwei Minukeine Moderatoten im besetzten Aurenteams in einer dimax verbracht hat. Machtposition, sonDoch was wäre, dern demokratische wenn es gar nicht an Regeln. Alle Beiträder Demokratie läge, ge können von den sondern nur an der Nutzern bewertet Art, wie wir sie orgawerden. Spinner nisieren? Davon ist werden so schnell der Berliner Daniel abgemahnt und verReichert überzeugt: Res publica ex machina: Retten wir „Wir haben mittlerlieren das Interesse.“ die Demokratie mittels Technologie! weile eine so komZu den bisherigen plexe Gesellschaft, Nutzern von Adhodass die Politiker keinen Durchblick cracy zählen die üblichen Verdächmehr haben.“ Seine Lösung: Liquid tigen: die Occupy-Bewegung, verDemocracy. Mit ihr sollen die Gren- schiedene Gruppen der Piratenpartei, zen zwischen Wählern und Gewähl- aber auch die Enquete-Kommission ten verfließen. Als Schmierstoff dient für Internet und digitale Gesellschaft, das Internet: „Anstatt nur alle vier eine Arbeitsgruppe des deutschen oder fünf Jahre eine Stimme für alle Bundestags: „Die haben erst gemeint, Themen zu delegieren, können wir es würde zu lange dauern und wäre das mit der richtigen Technologie zu teuer. Dann haben wir gesagt, wir ­dynamischer gestalten“, sagt Reichert. machen es gratis und setzen es in zwei „Dann kann ich je nach Bereich mei- Tagen auf.“ Der Idealismus hat sich ne Stimme unterschiedlichen Leuten ausgezahlt: Über 2000 Nutzer haben geben. Wenn ich mich als Bürger in sich bei der Enquete-Beteiligung reeinem Bereich besonders gut ausken- gistriert, in den Zwischenberichten ne, kann ich mich auch selbst als De- der Kommission finden sich Texte, legierter für andere anbieten.“ die aus gemeinsamer Feder stammen. Beim Frühstück eine Stimme in Auch wenn YouTube-Postings das der Umweltpolitik abgeben, in der Gegenteil suggerieren: „Unserer ErMittagspause ein wenig in der Sozial­ fahrung nach handeln auch im Interpolitik mitdiskutieren und nach Fei- net die meisten Menschen vernünftig. erabend für ein Positionspapier vo- Man muss sie nur lassen.“ tieren – so könnte für Daniel ­Reichert vom Verein Liquid Democracy die http://liqd.net

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ILLUSTRATION: JOHANNA MARK; KLEBESCHRIFT: KURT RUDOLF

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1) Was macht dich zornig? 2) Was ist der größte Fehler der Alten? 3) Wie willst du es besser machen? 4) Wenn du an der Macht wärst, was würdest du zuerst ändern? 5) Was ärgert dich an deiner eigenen Gruppierung?

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iese Seiten sind nun auch schon zur DURSTTradition geworden: In jedem Heft befragen wir Leute, die es wissen sollten oder zumindest könnten, zum jeweiligen Heftthema. Diesmal ­haben wir uns junge Menschen ausgesucht, die schon in Führungspositionen stecken, die also zumindest in ihren jeweiligen Organisationen etwas zu sagen haben. Die Grüne Negar Laura Roubani ist unter anderem Obfrau der Oriental Queer Organization Austria. Hellboy Heller ist mit 41 zwar nicht mehr ­knackig jung, sorry, aber seine Organisation gibt es erst seit 2006: die österreichische Piratenpartei. Er sitzt dort im Bundesvorstand. Therese Niss ist seit 2009 Bundesvorsitzende der Jungen Industrie, die Studentin Julianna Fehlinger zarte 24 Jahre alt und schon ATTAC-Vorstandsmitglied. Stefan Kast ist Landesobmann der Jungbauerschaft Burgenland und ­stellvertretender Bundesobmann des Jungbauernbundes. Zu guter Letzt ­trafen wir Wolfgang Moitzi, seit 2007 Vorstandsvorsitzender der Sozialistischen Jugend Österreichs und immer für ein paar offene ­Worte auch gegen seine eigene Partei zu haben. Allesamt also Menschen, von denen man zumindest hoffen kann, dass sie noch nicht von den Hierarchien ­landestypischer politischer Organisationen weichgespült worden sind. Wäre der Zustand der Republik (oder gar der Welt) ein besserer, wenn diese engagierten Leute schon heute wirklich an der Macht wären?

Fotos: negar roubani privat, piratenpartei österreich

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fragen an junge führungspersönlichkeiten

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01.03.2012 11:33:52 Uhr


Ich will auf keinen Fall die Basis­demokratie abschaffen, aber sie verlangsamt viele Entscheidungsprozesse.

Mich macht besonders zornig, dass die Alten ihre eingefahrenen Denkmuster nicht ablegen wollen!

Die Wiener Grüne Negar Roubani engagiert sich für Migrantinnen und Migranten.

Unsere Innenministerin macht wirklich dumme Vorschläge Negar Laura Roubani ist ganz schön zornig. Vor allem wegen unseres Umgangs mit „neuen Österreicherinnen und Österreichern“. Fragen: Sandra Eigner Was macht dich zornig?

Fotos: negar roubani privat, piratenpartei österreich

Innenministerin Johanna MiklLeitner, weil sie zu Asyl und Integration wirklich dumme Vorschläge macht. Sie will die Unterstützungsgelder für Asylwerber kürzen und nur noch Gutscheine verteilen – das bedeutet für Flüchtlinge eine komplette Entmündigung und Entwürdigung. Überhaupt schafft Sie es immer wieder, Flüchtlinge kategorisch als Kriminelle darzustellen. Diese Frau ist würdelos! Wer mich auch wütend macht, ist der sogenannte Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz, der es ablehnt über die Asyl- und Flüchtlingsthematik zu sprechen und es bis heute nicht geschafft hat, Stellung zur Diskriminierung von Migrantinnen und Migranten zu beziehen. Was ist der größte Fehler der Alten?

Es gibt auf linker Seite einige Wegbereiter – auch in NGOs – die unseren Respekt verdienen. Vielleicht sollten die „Alten“ aber jetzt die Wegbereiter der jungen Generation sein. Bei den Grünen funktioniert das aufgrund von internen Mechanismen etwas besser als bei anderen Parteien, aber auch bei uns gibt es viel Verbesserungspotenzial. Leider wird die junge Generation oft nicht gehört oder gar DURST 1/12

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Da wollen die österreichischen Piraten hin: ins Parlament. Im Bild das EU-Parlament in Brüssel.

ignoriert, wie wir letzten Sommer miterleben mussten: Die SPÖ hat einer beispiellosen Verschärfung des Fremdenrechts zugestimmt – trotz breiter Proteste der Jugend.

Wie würdest du das verbessern?

Ich arbeite an der der Basis. Durch meine Vorstandstätigkeit bei der Oriental Queer Organization Austria habe ich viel mit Flüchtlingen zu tun und betreue KlientInnen. Ich weiß also, wie sich Gesetze von „Schreibtischtätern“ auf die prekäre Lebenssituation von Flüchtlingen auswirken. Auch durch meine Arbeit beim UKI (Unterstützungskomitee zur Integration von MigrantInnen, Anm.) sehe ich täglich, wie essentiell die Arbeit der NGOs ist. Würden wir die Integration von neuen Österreicherinnen und Österreichern gänzlich der Regierung und ihren verantwortlichen Stellen überlassen, bekämen wir katastrophale Zustände, wie wir sie zum Beispiel in Traiskirchen schon haben. Wenn du jetzt an der Macht wärst, was würdest du als Erstes ändern?

Die momentanen Machtverhältnisse und die Vereinnahmung so ziemlich aller Lebensbereiche durch die etablierten Parteien. Was ärgert dich an deiner eigenen Gruppierung?

Bei der Oriental Queer Organization stört mich eigentlich gar nichts. Wir haben in kurzer Zeit ein irres Netzwerk an NGOs aufgebaut. Wir mussten bisher keinen einzigen Fall abweisen. Bei den Grünen könnten gewisse Entscheidungen schneller fallen. Ich will auf keinen Fall die Basisdemokratie abschaffen, aber sie verlangsamt leider viele Prozesse.

Negar Laura Roubani, geboren 1986, ist Obfrau der Oriental Queer Organizaton Austria (ORQOA), die vor Kurzem für den Wienerin Award 2012 nominiert wurde. Außerdem ist sie stellvertretende Klubobfrau der Grünen Alsergrund.

Offene Kritik ist nicht immer leicht auszuhalten

viele Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch Verantwortung, die sich nicht einfach so wegschieben lässt.

Wenn ihr jetzt an der Macht wärt, was würdet ihr als Erstes ändern?

Was würde die Piratenpartei anders machen? Ihr Bundesprecher hätte da schon ein paar Ideen. Fragen: Martina Powell Was macht dich zornig?

Dass die Bevölkerung ständig belogen wird und komplette Intransparenz in unserem System herrscht. Wem gehört zum Beispiel das AMS (Arbeitsmarkt Service)? Irgendeiner privaten Holding, da will niemand genaue Auskunft darüber geben. Auch die prekären Arbeitsverhältnisse machen mich wahnsinnig. Wie soll man von 600 Euro monatlich leben? Was ist der größte Fehler der Alten?

Dass sie ihre eingefahrenen Denkmuster nicht ablegen wollen. Die Welt hat sich verändert und alte Wertesysteme wie die klassische Familie mit Mama, Papa und zwei Kindern entsprechen nicht mehr der Realität. Heute leben die meisten in Patchwork-Familien, werden aber steuerlich benachteiligt. Da heißt es immer: Die EU ist schuld oder die Türken. Aber wir sind selbst schuld. Weil wir uns von Politikern und der Wirtschaft belügen lassen. Inwiefern würdet ihr das besser machen?

Wir behaupten und glauben nicht, gescheiter als alle anderen zu sein. Aber wir überprüfen ständig unsere Ideen und sind bereit, sie an Veränderungen anzupassen. Es gibt keinen Chef, sondern fünf Bundesvorstände, die Moderatoren und keine „Chiefs“ sind. Wir versuchen ständig, Leute zu ermuntern, Eigenverantwortung zu übernehmen. Dadurch bekommt jedes Mitglied

Wir würden Überwachungsgesetze abschaffen, die nicht der Sicherheit der Bevölkerung, sondern nur der Datensammlerei für Wirtschaftszwecke dienen. Der „Mafiaparagraph“ soll unliebsame Personen für die Wirtschaft – wie die Tierschützer – zum Schweigen bringen. Wir würden außerdem die Polizei durchforsten und die rausschmeißen, die nichts in einer Uniform zu suchen haben. Viel zu viele Polizisten missbrauchen ihren Beruf für persönliche oder politische Zwecke. Darunter leiden der Ruf der Exekutive und das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Gute Polizisten gehören besser bezahlt und ausgebildet. Und wir würden dafür sorgen, dass im Parlament wieder Vertreter des Volkes und nicht Lobbyisten der Wirtschaft sitzen. Und was ist mit dem AMS? Abschaffen?

Nein, wir würden dem AMS Sinn geben. Derzeit ist es ja nur eine Volksverarsche. Organisationen wie das AMS gehören wie ein Strom- oder Wasserversorger in die öffentliche Hand. Was ärgert dich an deiner eigenen Gruppierung?

Wir werden oft dafür kritisiert, Konflikte offen auszutragen. Ich selbst wurde schon von anderen Mitgliedern angegriffen. Freilich, offene Kritik ist nicht immer leicht auszuhalten. Wir stehen noch am Anfang und bei uns gibt es starke Persönlichkeiten, das bedingt eben Reibereien. Da muss man durch.

Sylvester „Hellboy“ Heller (41) ist Mitglied im Bundesvorstand der Piratenpartei und Bundessprecher. Das österreichische Pendant zur internationalen Bewegung für mehr direkte Demokratie, Bürgerrechte und Informationsfreiheit wurde 2006 gegründet.

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Wir müssen in Österreich ­gesunde, hochqualitative, ­einheimische ­Lebensmittel produzieren und ­dürfen nicht von Märkten abhängig sein, auf die wir keinen Einfluss haben.

Mich regt dieser ungebrochene, wahnsinnige Fortschritts- und Wachstumsglaube auf! Auch bei den jungen Leuten!

Mehr direkte Demokratie und eine Transaktionssteuer Julianna Fehlinger, Vorstandsmitglied bei ATTAC, macht vor allem die Ungleichheit in der Welt wütend. Fragen: Mara Simperler Was macht dich zornig?

Wenn ich merke, wie ungerecht Leute behandelt werden. Und wenn sich Leute mit systematischer Gewalt bereichern, die es nicht nötig haben. Beispiel?

Mit dem Argument „Wir brauchen Bio-Treibstoffe für eine andere Klimapolitik“ werden Leute von ihrem Land vertrieben. Die Menschen, die auf diesem Land produziert haben, wandern ab und vertreiben die nächsten. Der Druck wird weitergegeben an die, die noch marginalisierter sind. Was ist der größte Fehler der Alten?

Der Glaube, es besser zu wissen, vor allem der Norden gegenüber dem Süden. Das Zweite ist der wahnsinnige Fortschrittsglaube. Der ist auch ganz stark in der neuen Generation drin. In Europa kommt das aus dem Wiederaufbaugedanken und dem Glauben, dass wir Wachstum für eine bessere Welt brauchen. Das hat sich globalisiert. Das ist etwas Altes, steckt aber auch in der jungen Generation ganz tief drinnen. Inwiefern würdest du das besser machen?

Ich würde generell Machtverhältnisse umkrempeln und ein bisschen mehr reflektieren: Wem nützt das, was ich mache? Wem schadet es? Man muss die Leute mitbestimmen lassen. Die Demokratiefrage muss

gestellt werden. Politik setzt auf ganz anderen Ebenen an, in sehr persönlichen Bereichen. Deshalb musst du mitbestimmen können, wie dein Lebensumfeld gestaltet ist, oder dein Job. Und woher deine Nahrungsmittel kommen.

Wenn du an der Macht wärst, was würdest du als Erstes ändern?

Eine Forderung von ATTAC ist die Eingrenzung der Macht der Finanzmärkte durch eine Finanztransaktionssteuer und viel strengere Regelungen, wie weltweit produziert wird. Aber die Grundidee ist eigentlich, die Frage zu stellen, wie wir gemeinschaftlich unsere Produktion organisieren. Brauchen wir so viel? Die Frage kommt aus der Ökologiebewegung. Und wer produziert das Ganze? Das ist eher aus der feministischen Bewegung heraus gesehen. Wir fordern ganz klare Regelungen: Das heißt, das was in der WTO beschlossen wurde, abschaffen. Wir wollen die Klimadebatte angehen, aber auf einer Ebene von climate justice, also Klimagerechtigkeit. Es kann nicht sein, dass die, die nichts dafür können, für den ganzen Klimascheiß haften müssen.

Leistung am Land Weinbauer Stefan Kast ärgert, dass Leistung und Fleiß in der Gesellschaft nicht genügend anerkannt werden. Fragen: Manuel Köllner Was macht Sie zornig?

Ich bin ein sehr positiver Mensch. Ich komme aus der Landwirtschaft, wo ich jeden Tag mit neuen Herausforderungen zu kämpfen habe, die von der Natur bestimmt sind. Es gibt für alles eine Lösung. Man muss so lange suchen, bis man eine findet. Was ist der größte Fehler der Alten?

Junge Leute sind ungestümer, mit Enthusiasmus dabei und wollen Dinge schneller umsetzen und stellen daher härtere Forderungen. Was würden Sie als Junger gerne auf die Beine stellen?

Dass die ganzen Probleme, die man in der Gesellschaft hat, sich in ATTAC widerspiegeln. Man merkt aber, an welchen Basispunkten man ansetzen müsste. Zum Beispiel die Frage von Demokratie innerhalb von ATTAC, wo wir, glaube ich, schon sehr weit sind. Was heißt zum Beispiel Basisdemokratie? Wie organisiert man das? Das ist immer wieder mühsam. Daran arbeiten wir. Es gibt eine sehr starke alte Generation in ATTAC, das nervt mich manchmal. Ein bisschen mehr junge Leute in ATTAC wären schon super.

Wir müssen für die jungen Landwirte eine gute Zukunftsperspektive schaffen. Dazu gehört, dass wir in Österreich gesunde, hochqualitative, einheimische Lebensmittel produzieren. Wir dürfen nicht von Märkten abhängig sind, auf die wir keinen Einfluss haben. Die Gesellschaft wird immer urbaner und wir müssen die Rahmenbedingungen für den ländlichen Raum stärken. Es kann sich nicht alles um die Ballungszentren drehen. Man muss mit verschiedenen Programmen massiv in den ländlichen Raum investieren. Wir können durch neue Betätigungsfelder am Land Arbeitsplätze schaffen und dadurch die Strukturen stärken. Der Bereich Biomasse birgt ein hohes Potenzial für viele „Greenjobs“.

Julianna Fehlinger, 24, ist ATTAC-Vorstandsmitglied und in der Agrar-ATTAC Gruppe tätig. Sie studiert Soziale Ökologie an der Uni Klagenfurt.

Unsere Programme umsetzen

Was ärgert dich an deiner eigenen Gruppierung?

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Weinbauer Stefan Kast fordert Ehrlichkeit und einen Fleißigkeits-Diskurs.

Wenn Sie jetzt an der Macht wären, was würden Sie als Erstes ändern?

– unter Berücksichtigung aller anderer gesellschaftlichen Schichten. Wichtig ist der Diskurs. Gibt es nichts, was Ihnen besonders unter den Nägeln brennt?

Doch, dass Leistung mehr anerkannt wird. Dass Leute, die sich hineinknien, die fleißig arbeiten, dass die auch toleriert werden. Wird Leistung denn nicht genug toleriert?

Ich würde den Stellenwert höher ansetzen. Man muss den Leuten vermitteln, dass Leistung etwas G ­ utes, etwas Wichtiges ist. Jeder muss für die Gesellschaft etwas leisten. Es ist doch grundsätzlich sehr anerkannt in Österreich, dass...

Ist es das? Überall?

Grundsätzlich schon.

Ich glaube nicht.

Wo kann man da ansetzen?

Ich will, dass die Mehrheit der Gesellschaft fühlt und sagt: „Mir macht es Spaß, bis zur Pension zu arbeiten, weil ich was leiste.“ Unser Grundwert ist Ehrlichkeit. Das Bekenntnis zur Leistung und das Bekenntnis, die Ärmel aufzustricken und sich anzustrengen für etwas, das man erst später bekommt.

Was würden Sie an Ihrer eigenen Gruppierung verändern? Die

Mitgliederzahl erhöhen, damit wir noch mehr mitreden können. Von der Ideologie her sind wir am richtigen Weg. Wir haben Werte und wir schaffen Werte: Für die Gesellschaft da sein, etwas hergeben, dann kann man auch etwas herausnehmen. Mich würde es freuen, wenn man sich mehr für junge, ländlich denkende Menschen einsetzt.

Stefan Kast, 28, ist Weinbauer, Landesobmann der Jungbauernschaft Burgenland, stv. Bundesobmann des Jungbauernbundes, Stadtrat in Neusiedl am See und Büroleiter von Burgenlands AgrarLandesrat Andreas Liegenfeld. Kast hat einen BA in Politikwissenschaft (Schwerpunkt Agrarpolitik).

Fotos: mara simperler, stefan kast privat, SPÖ, Industriellenvereinigung

Studentin Julianna Fehlinger engagiert sich bei ATTAC für globale Agrarfragen.

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Fotos: mara simperler, stefan kast privat, SPÖ, Industriellenvereinigung

Ich habe geglaubt, dass die Krise 2008 ein wirtschaftliches Umdenken bringt, aber das hat sich leider nicht bewahrheitet.

Die Politik verhält sich gegenüber den Zukunfts­fragen der Jugend ignorant!

Wolfgang Moitzi kritisiert auch mal die eigene Partei: die SPÖ.

Therese Niss ist die Bundesvorsitzende der Jungen Industrie.

Das Wichtigste wäre eine Pensionsreform Therese Niss, die 34-jährige Bundesvorsitzende der Jungen Industrie, ärgert sich vor allem über den Reformstillstand in der Politik. Fragen: Sandra Eigner Was macht Sie zornig?

Die Ignoranz der Politik den Zukunftsfragen der Jugend gegenüber. Die Politiker kennen die Reformnotwendigkeiten seit Jahren und es tut sich trotzdem einfach nichts. Konkret fällt mir da natürlich die Pensionsreform ein. Warum kann zum Beispiel die Hacklerregelung nicht abgeschafft werden? Gleich als Nächste fallen mir die ÖBB ein, die endlich reformiert gehören. Was ist der größte Fehler der Alten?

Mir kommt vor, dass sehr oft nur an die nächste Wahl gedacht wird. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Reformen in Bildung, Gesundheit, Verwaltung nicht endlich angegangen werden. Wir müssen aber langfristiger denken. Österreich war bisher ein sehr wettbewerbsfähiger Staat und wir wollen das erhalten. Da kann man nicht immer nur an die nächste Wahl denken. Inwiefern würden Sie das besser machen?

Ich glaube, dass die Bevölkerung die Wahrheit versteht. Daher würde ich ehrlich gestehen, wo reformiert werden DURST 1/12

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muss. Ich bin mir sicher, dass die Bevölkerung versteht, dass man hier nicht nur weiter Wahlzuckerl verteilen kann. Ich bin keine Politikerin und ich habe auch keine Ambitionen in diese Richtung, aber ich würde im Sinne des Landes arbeiten und nicht nur an meine nächste Wahl denken. Mir wäre eine einzige erfolgreiche Wahlperiode lieber, in der ich auch etwas verändern kann, als immer weiter dahinzuwurschteln. Wenn Sie jetzt an der Macht wären, was würden Sie als Erstes ändern?

Zuerst einmal die Pensionsreform angehen, dafür sorgen, dass wir ein Pensionssystem haben, das nachhaltig und langfristig erhaltbar ist und das auch unserer und den nächsten Generationen eine Pension sichert. Was ärgert Sie an Ihrer eigenen Gruppierung?

Ich würde mir wünschen, dass die Junge Industrie noch mehr gehört wird. Uns wird immer wieder vorgeworfen „Ihr meldet euch nicht“, aber das ist nicht richtig. Natürlich muss man sich melden, aber man muss auch gehört werden. Wenn mehr auf die Anliegen und die Wünsche der Jungen eingegangen würde, obwohl sie noch keinen Bekanntheitsstatus haben wie die älteren Politiker, wäre das sicher positiv.

Therese Niss (Jahrgang 1977) ist seit 2009 Bundesvorsitzende der Jungen Industrie. Sie studierte Jus und ist in der MIBA Coating Group (im Besitz ihrer Familie) tätig. Zuvor arbeitete sie für das Europäische Parlament und Lehman Brothers. Die Junge Industrie besteht seit 1947 und versteht sich als „junge“ Plattform der Industriellenvereinigung. Sie richtet sich an junge Industrielle und sieht die Industrie als treibende Kraft in Österreich.

auszeichnet, ist, dass ihre Aktivistivinnen und Aktivisten Prinzipien vertreten und ideologisch geschult sind. Ich glaube, dass alle, die in der SJ waren, zumindest innenpolitisch ziemlich gut Bescheid wissen. Das ist eine Voraussetzung dafür, vernünftige Politik zu machen. Junge Politiker tun sich darüber hinaus leichter, „heilige Kühe“ wie etwa die neun Bundesländer in Frage zu stellen, weil sie sich nicht so schwer tun, eingetretene Pfade zu verlassen.

Macht endlich die Fenster und Türen auf! Wolfgang Moitzi zur Arbeit der Sozialistischen Jugend und zum Zustand der SPÖ. Fragen: Anna Schiester

Wenn du heute an der Macht wärst, was würdest du als Erstes ändern?

Was macht dich zornig?

Ziemlich viel! Die ungleiche Verteilung des Vermögens österreich- und weltweit und dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Dass immer mehr nicht genug zum Leben haben und der Reichtum in die Hände einiger weniger wandert. Wer ist deiner Meinung nach dafür verantwortlich?

Eine neoliberale Politik, die sich seit den 1980er-Jahren durchgesetzt hat. Während sich Löhne und Investitionen seit Jahrzehnten im Sinkflug befinden, sind die Gewinne der Wirtschaft und die Arbeitslosigkeit deutlich angewachsen. Ich habe geglaubt, dass die Krise 2008 ein wirtschaftliches Umdenken bringt, aber das hat sich leider nicht bewahrheitet. Deshalb bräuchte es europaweit und weltweit mehr Regulation und eine Umverteilung von oben nach unten. Was ist der größte Fehler der Alten?

Da gibt es in Österreich gleich mehrere Baustellen. Ein Punkt, den man angehen müsste, ist eine Staats- und Föderalismusdebatte. Ich glaube, es versteht niemand, dass ein Staat mit acht Millionen Einwohnern neun Landtage, zig Bezirke und über 3000 Gemeinden hat und es fast in jedem Bereich neun unterschiedliche Gesetze gibt. Inwiefern würdest du das besser machen?

Ich will nicht überheblich wirken, aber was die Sozialistische Jugend

Die völlig ungerechte Verteilung des Vermögens und die hohe steuerliche Belastung von Arbeitseinkommen, während leistungslose Einkommen wie Erbschaften, Zinsen des Vermögens und so weiter geschont werden. Die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind massiv. Da stellt sich die Frage, wer das bezahlt. Ob das über Sozialkürzungen passiert, wie das beim letzten Sparpaket der Fall war, wo zum Beispiel Jugendliche über die Kürzungen der Familienbeihilfe zur Kasse gebeten wurden. Oder ob endlich jene 10 Prozent zur Kasse gebeten werden, die über 70 Prozent des Vermögens in Österreich verfügen. Was ärgert dich an deiner Gruppierung am meisten?

Die SPÖ müsste viel, viel demokratischer werden. Sie müsste alle Fenster und Türen aufreißen und der Zivilgesellschaft und  jungen Menschen eine klare Möglichkeit bieten, an der Sozialdemokratie zu partizipieren. Nur wenn sich die Sozialdemokratie öffnet, kann sie im 21. Jahrhundert erfolgreich sein.

Wolfgang Moitzi wurde 1984 geboren und ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender der Sozialistischen Jugend. Er ist bekannt dafür, immer mal wieder Kritik an der eigenen Partei zu üben. Als einer von wenigen SPÖ-Vertretern kritisierte er öffentlich etwa die geplante Berufung Niko Pelinkas zum Büroleiter in der ORF-Generaldirektion.

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Von Mara Simperler

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er Zorn ist ein mühsamer Begleiter. Er brodelt im Inneren vor sich hin, um irgendwann mit unkontrollierbarer Kraft auszubrechen. Manche schmeißen Porzellanteller an die Wand, andere rennen axtschwingend schreiend im Kreis. Ich heule. Die metaphorischen roten Funken, die aus den Augen sprühen sollten, werden vom Rinnsal gelöscht, das sich seinen Weg über die Wangen bahnt und salzig auf den Lippen endet, die für das Gegenüber Worte der Wut und der Abscheu formen. Dass ich zu heulen beginne, wenn ich zornig bin, ist keine bewusste Entscheidung. Es ist kein Druckmittel. Es ist einfach so. Könnte ich es abstellen, ich würde es sofort tun. Heulen, wenn man zornig ist und streiten will, macht noch zorniger. Denn heulen beim Streiten führt zu vier möglichen unbefriedigenden Entwicklungen: 1) Mein Gegenüber hört auf zu streiten, weil ich ihm leid tue. Aber Mitleid hilft nichts. Der Zorn bleibt. 2) Mit rot verquollenem Gesicht und rinnender Nase sieht man nicht nur scheiße aus, man wird auch als Streitgegnerin nicht mehr ernst genommen. „Reden wir wieder, wenn du dich beruhigt hast.“ 3) Er ist zornig, weil ich heule, weil ich zornig bin. Häufig gebrüllter Kampfschrei des Gegners: „Heul doch!“ 4) Beide heulen. „Das ist ein Frauenproblem, ne?“, sagt mein Chef und ich glaube er hat Recht. In einer überaus repräsentativen Umfrage in der DURST-Redaktion gestanden alle Frauen, dass sie diesen Augenblick fürchten, wenn der nächste große Streit durch einen Strom aus Tränen und Rotz ein unwürdiges Ende findet. Ob das erziehungsbedingt ist oder nicht, ist mir egal. Was mich interessiert, ist: Wie gewinne ich meine Glaubwürdigkeit zurück? Ich habe versucht, mir das Weinen abzutrainieren,

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bis ich aus Frust darüber, dass ich es nicht schaffe, zu heulen begonnen habe. Das ist also ebenso wenig eine Option, wie sich die Tränendrüsen heraus operieren zu lassen. Ich könnte mich auch, wie die Acharai, tief unter der Erde verstecken und mit meinen Tränen das Silber aus der Erde waschen. Allerdings lebe ich weder wie die Acharai in der „Unendlichen Geschichte“ noch gäbe es einen Grund für Zornestränen, wenn ich alleine unter der Erde wohnen würde.

Pragmatisch weinen Die erwachsene Lösung wäre, dazu zu stehen, ein klärendes Gespräch zu führen und klarzulegen, dass Tränen eine körperliche Reaktion auf starke Emotionen sind. Heulen baut den Druck ab, der durch den Zorn entsteht und führt sogar zu einem körperlichen Gefühl der Erleichterung. Das könnte man ganz einfach aussprechen. Das könnte man sogar auf ein Schild, einen Button oder ein T-Shirt drucken lassen, so müsste man beim Streiten nicht einmal mehr reden. Großes ABER: Gerade beim Streiten fallen wir alle hin und wieder in die Phase zurück, in der man Barbiepuppen den Kopf abreißt, die Spiel­steine von Monopoly vom Tisch fetzt und den Spinat durch die Küche spuckt. Deswegen vier Antworten für vier Heul-Streit-Varianten: 1) Das sind keine Tränen, ich schwitze nur aus den Augen. 2) Ich weine gar nicht, es regnet nur auf mein Gesicht. 3) Ich heul nur, weil ich den Brechreiz unterdrücken muss, den du in mir auslöst. 4) Heul doch! Schlecht: Du giltst ab da vielleicht als verrückt. Gut: Niemand wird sich mehr an dich erinnern, bloß weil du geheult hast.

Streiten ohne dass die Fetzen fliegen, Möbel kaputt gehen und Tränen fließen? Das geht, sagen Konfliktexpertinnen. Fragen: Martina Powell

Warum heulen Mädchen, wenn sie streiten?

Sabine Petsch: Emotionales Verhalten ist ge-

sellschaftlich geprägt. Wir haben von klein auf gelernt, dass es für Frauen ok ist zu weinen. Bei Männern ist es die große Ausnahme Tränen zu zeigen. Das heißt aber nicht, dass Männer weniger Gefühle haben, nur ihre Ausdrucksweise ist eine andere. Gudrun Schubert: In unserer Gesellschaft, vor allem im wirtschaftlichen Bereich, heißt es: Gefühle gibt es nicht. Möglichst wenig äußern, dann bin ich stärker. In der Familie dürfen Mädchen nach wie vor eher weinen als Burschen. Das Bild verändert sich aber: In der Wirtschaft reagieren die Frauen nicht mehr so emotional. Und Männer stehen mehr zu ihren Gefühlen. Stimmt die Beobachtung: Mädchen streiten häufiger miteinander als Burschen, die schlagen sich eher?

Susanna Kleindienst-Passweg: Für mich ist

es generell eine Frage von Macht und Ohnmacht: Wenn ich ohnmächtig bin, dann setze ich auf Emotionen – es kann sein, dass ich weine, aber auch aggressiv werde. Frauen reißen sich dann auch an den Haaren, kratzen. Frauen haben andere erlernte Verhaltensmuster. Ihre Herangehensweise ist, dass Streit etwas Positives hervorbringt?

Schubert: Streit bedeutet nur, dass es unter-

schiedliche Zugänge zu einem Problem gibt. Konflikte wird es immer geben, wenn Menschen aufeinander treffen. Wünschenswert wäre eine Konfliktkultur, in der Unterschiede gesehen und konstruktive Lösungen gefunden werden können. Streit ist gut. Er zeigt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wenn er destruktiv wird, ist das ein Zeichen dafür, dass keine Lösungen gefunden werden können. Kleindienst-Passweg: Streiten verdeckt Interessen, weil Menschen Positionen einnehmen. Wir ziehen dann an jeweils einem Ende des Stricks – und wer stärker ist, zieht den anderen über den Tisch. Unsere Arbeit ist zu fragen: Was willst du, was brauchst du eigentlich? Wenn die Menschen verstehen, was sie brauchen und was der andere braucht, dann kann auf diesem Verstehen eine Lösung

Illustration: Kurt Rudolf, Fotos Min&Win

Warum heulen Frauen schneller beim Streiten als Männer? Und was können sie dagegen tun? Sollen sie was dagegen tun? Vorschläge einer Betroffenen.

Streiten ist eigentlich ein liebesbeweis

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gebaut werden, die so gut ist, dass sie die Interessen beider Beteiligten abdeckt. Beim zielführenden Streit denke ich also zuerst an den anderen?

Schubert: Nein. Ich vergesse nicht

meine Interessen, aber ich möchte die Bedürfnisse des anderen hören. Menschen wollen sich nicht gegenseitig von Natur aus bis aufs Blut sekkieren, sondern es stehen sich verschiedene Bedürfnisse gegenüber. Kleindienst-Passweg: Angenommen wir sind auf einem Markt, brauchen beide eine Orange, aber der Verkäufer hat nur noch eine. Gudrun will einen Kuchen machen und braucht die Schale. Ich erwarte Gäste und möchte Martini-Orange servieren, brauche den Saft. Wir fangen zu streiten an. Aber eigentlich müssten wir nur hinterfragen, wofür wir die Orangen brauchen. Und was ist in einer Situation, in der beide den Orangensaft für einen Kuchen wollen?

Schubert: Dann kann man sich darü-

ber verständigen, dass es ums Kuchenbacken geht. Vielleicht gibt es dann für den einen Apfel­kuchen. Aber wenn ich nicht weiß, dass es ums ­Backen geht, sondern mich auf die Orange versteife, dann haben wir ein Problem. Der Tunnelblick hält uns davon ab, die wirklichen Beweggründe zu sehen. Wenn man dem Konflikt auf den Grund geht, lässt sich alles lösen?

Kleindienst-Passweg: Fast alles. Aber

es gibt Menschen, die sind nicht bereit zu verhandeln oder gar nicht verhandlungsfähig. Wir können mit jemanden, der Alkoholiker ist, nicht über

das Trinken verhandeln, keinen Deal schließen. Der wird sich nicht daran halten. Genauso wie andere Süchtige. Petsch: Wer sich flüchtet, sich ergibt, resigniert oder versucht, den anderen zu vernichten, ist unfähig oder nicht daran interessiert, gemeinsam einen Streit zu lösen. Was man braucht ist Zeit und den Willen, miteinander zu sprechen. Das macht sicher nur Sinn in Situationen, in denen Menschen etwas an der Beziehung liegt. Mediation ist kein allgemeines Heilungsmittel für alle Menschen, sondern eine Chance etwas bewusst zu verändern.

Schubert: Ja, denn womöglich mache

Gudrun Schubert

Wenn ich es nicht ausspreche, liegt mir auch nichts an einer Klärung.

Wie bringe ich den ­anderen zum Heulen? Was kann ich falsch machen?

Mit Reizwörtern, mit wertenden Sätzen: Du hast... Du bist... Du bist schuld... Eine schlichte Botschaft kann zu ganz verschiedenen Interpretationen führen. Wir fahren zum Beispiel im Auto und ich sage: „Pass auf, die Ampel ist rot!“ Das sogenannte „Sachohr“ hört: „Ja, die Ampel ist rot.“ Das „Appellohr“ hört: „Es ist rot, du musst bremsen!“ Das „Beziehungsohr“ hört: „Du Trottel, du übersiehst schon wieder die rote Ampel!“ Das „Selbstoffenbarungsohr“ hört: „Pass auf, dein Beifahrer fürchtet sich.“ Wenn ich gut geschult bin, höre ich alles auf dem Selbstoffenbarungsohr und überlege mir, warum die Person das sagt. Wenn ich im Konflikt lebe, höre ich immer nur mit dem Beziehungsohr.

„Soft“-Streiten wäre der richtige Weg?

Petsch: Streiten ist eigentlich ein Lie-

Kleindienst-Passweg:

Was, wenn ich sehr emotional werde, wenn Sachen herumfliegen? Ist es klug den Streit abzubrechen, bevor es so richtig kracht?

ich etwas, was mir später Leid tut. Eine Auszeit täte an dieser Stelle gut, vielleicht nur fünf Minuten, wo man das Zimmer verlässt. Wenn man sich körperlich zu nahe ist, kann ein Streit leicht eskalieren. Petsch: Eine normale Streitkultur würde so aussehen: Man setzt sich zusammen, um in angenehmer Atmosphäre zu reflektieren. Wenn es unangenehm und zu emotional wird, dann sollte man sich eine Pause gönnen. Das machen aber nur wenige Leute, weil sie glauben, es muss krachen und weh tun, damit man ernst genommen wird.

Sabine Petsch Eine schlichte Botschaft kann zu ganz verschiedenen Interpretationen führen.

besbeweis, weil mir wichtig ist mich mit dem anderen auseinander zu setzen. Wenn ich es nicht ausspreche, liegt mir auch nichts an einer Klärung. Kleindienst-Passweg: Es gibt Formen zu kommunizieren, ohne den Dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen, und mit denen ich trotzdem sagen kann, was mir wichtig ist: Mit „Ich-Botschaften“. Ich erkläre meinem Konfliktpartner zunächst die Sachebene: Was ist passiert. Im zweiten Teil teile ich meine Gefühle mit: Das macht mich wütend. Drittens: Ich schlage vor, was zu tun ist. Wie erkenne ich meine Bedürfnisse?

Susanne Kleindienst-Passweg Min&Win ist ein Mediatorinnen-Netzwerk in Wien mit Fokus auf Konfliktmanagement in und zwischen Unternehmen. Mehr Informationen gibt es auf www.minwin.at

Schubert: Mit einem Freund reden, in

sich gehen oder die Sache niederschreiben. Geschulte Leute können einem da weiterhelfen. Es gibt auch Listen und Bücher, wo man sich informieren kann, welche Gefühle welchen Bedürfnissen zu Grunde liegen.

Illustration: Kurt Rudolf, Fotos Min&Win

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Streit bedeutet nur, dass es unterschiedliche Zugänge zu einem Problem gibt.

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Der Rock hat sich längst ­verkauft. Heute gehen ­ 50-jährige ­Spießer mit Kutte zu A ­ C/DC. Zornig ist da keiner mehr.

17.

that in a song?“ fragte Ian McCulloch von Echo & The Bunnymen. Die Stranglers beklagten, dass es keine Helden mehr gebe und lie­ ßen barbusige Damen auf ihrer Büh­ ne tanzen. Mark E. Smith von The Fall begann seine all­umgreifende Wut in kryptische Songs zu gießen. Er stieg mit seinem übellaunigen Gesang (und Benehmen) zur Ikone des Post-Punks auf. Kürzlich feierte er sich selbst als „50 Year Old Man“ und erzählt in diesem epischen Song, wie er in Hotelhandtü­ cher pisst: „And I like it!“

August 1969, Woodstock: Polit­ aktivist Abbie Hoffman will während des Konzertes der Who eine Ansage machen. Gitarrist Pete Townshend brüllt: „Verpiss dich von meiner Büh­ ne!“ und haut ihm sein Instrument über den Kopf. Hoffman taumelt, das Publi­ kum tobt. Townshend: „Das war nicht schlecht. Den Nächsten, der über die­ se Bühne latscht, bring ich um!“ Town­ shend war angefressen. Er fühlte sich fehl am Platz. Love, Peace and Happi­ ness waren nicht sein Ding. Er war Mod. Und Rock’n’Roll. Sein Song „My Generation“ brachte 1965 den Frust aller, die von den Alten nicht an die Futtertröge gelassen wur­ den, auf den wütenden Punkt: „People try to put us down/ just because we get around / things they do look awful cold / hope I die before I get old“. Die Hitsingle endet mit einer Lärmorgie, Instrumente gehen hörbar zu Bruch. Das Zerschmet­ tern ihres Equipments – nicht das Ver­ prügeln ungebetener Gäste – machten die Who in den Folgejahren zum ritu­ ellen Höhepunkt ihrer Konzerte. Kreischende, dröhnende Rück­ kopplungen, hämmernde Beats, zer­ störte Instrumente und Hotelzimmer: Rock’n’Roll war immer auch Ausdruck von Wut – und er dient(e) dazu, diese Wut abzureagieren. Rock’n’Roll spielt man und hört man, weil man zornig ist. Die anderen gehen in den Club tanzen – zu Disco oder R&B, Gute-Laune-Musik. Der Rocker Presley strahlte 1956 mehr Aggressivität aus als der lässige Sinatra. Und löste ihn damit als Pop-Ikone ab. Der italienische Filmemacher Antoni­ oni kommentierte 1966 in „Blow Up“ das dekadente „Swinging“ London, als er Jeff Beck von den Yardbirds filmte, wie dieser seine Les Paul zertritt. Das gelangweilte Publikum gerät in Exstase, als Beck ihnen die Trümmer zuwirft.

We’re gonna kill the california girls Von Elvis bis Sonic Youth: Eine kleine Geschichte des Zorns im Rock’n’Roll von Thomas Askan Vierich

Rock‘n‘ROll ist böse In den 1970er-Jahren trugen Hard­ rocker die Fackel des aufrechten Zorns weiter. Bon Scott von AC/DC beklagt den darwinistischen Zustand der Welt in „Dog Eat Dog“: Nur die Stärksten überleben. Lemmy von Motörhead röhrt: „I don‘t need no excuse / to like it fast and loose“. Später fordert er: „Eat the rich“! Außerhalb der Hard­ rockszene verliert die zeitgenössische Rockmusik allerdings an Wut. Genesis oder Pink Floyd sind wahrlich keine Rock’n’Roll-Berserker – obwohl Roger Waters durchaus zornige Texte schrieb: „You have to be trusted by the people that you lie to / So that when they turn their backs on you / You‘ll get the chan­ ce to put the knife in.“ (Animals, 1977) John Cale, Ex-­Velvet ­Underground, singt „Fear is a man’s best friend“ und

zerhackstückt in seinen Konzerten „He­ artbreak ­Hotel“, den ­ersten Nr.1-Hit von Elvis. Und zeigt dabei, wie viel Wut in diesem Song schon immer steckte. Der King machte sich in seinen Liveshows in den Siebzigern mit einer pseudowü­ tenden Ver­sion von „Hound Dog“ über sich selbst lustig. Zornig war er nicht mehr, nur noch müde und einsam. Kollektiv zornig wird man wieder zwischen 1976 und 1982. Johnny Rot­ ton wütet: „God save the queen / the fascist regime / there is no future / in England‘s dreaming“. The Clash zitieren auf dem Cover von „London Calling“

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sowohl das Cover von Elvis‘ Debüt-LP als auch die Gewaltorgien der Who. Aus­dauernd angefressen war Paul Wel­ ler, ein ­Bewunderer Pete Townshends. Mit The Jam sang und spielte er gegen das Establishment und die Zustände der Gesellschaft an – und wurde damit zum Helden eines Mod-Revivals. Auch heu­ te noch kann Weller recht zornig und kantig sein. Viele andere New WaveBands der frühen Achtziger gaben sich ebenfalls kantig, XTC zum Beispiel mit beißendem Spott über Kleinbürger und großer Wut über Gott („Dear God“). „Things are going wrong / Can you tell

Nach Punk ereignete sich der nächs­ te kollektive Wutausbruch um 1990: ­Nirvana besangen den schalen Duft vom Jungsein: „Here we are now / en­ tertain us! / I feel stupid and contagious {ansteckend}“. Mit diesem zornigen Selbstekel konnte sich eine ganze Gene­ ration identifizieren. Dazu die gleichen Rituale, weiter ironisch gebrochen: Im Schwarz-Weiß-Video zu „In Bloom“, ei­ ner Parodie auf 60er-Jahre-Musik-TVShows, zerhacken Nirvana in Röcken gekleidet ihr Equipment wie The Who. Tröstender Zorn für schlaffe Slacker in Turnschuhen und Holzfällerhemd. Alle anderen tanzen auf der Love Parade. Vermutlich waren viele Fans zu­ nächst zornig, zumindest erschrocken, als sie im April 1994 die Nachricht er­ reichte, dass sich ihr Idol Kurt Cobain absichtlich mit der Schrotflinte in den Kopf geschossen hatte. Andere Expo­ nenten des Grunge bzw. des Alternati­ ve Rock überlebten und repräsentieren bis heute eine wütende Alternative zum weichgespülten Gute-Laune-Pop. Nick Cave wütet mit Grinderman wie zu bes­ ten Birthday Party-Zeiten, die ­bösen Beasts of Bourbon haben sich 2007 noch einmal zu einer Platte vereinigt, die mit dem herrlich rotzigen „I don’t care for nothing anymore“ anhebt. Auch die Noise-Rocker Sonic Youth sind bis heute anspruchsvoll, unangepasst und zornig geblieben: „We’re gonna kill the california girls / we’re gonna find the meaning of feeling good“, sangen die New Yorker 1986. „The Destroyed Room“ nannten sie 2006 eine Sammlung von Raritäten. Als Cover zeigten sie ein zerstörtes Zimmer. Vermutlich haben so Hotelzimmer ausgesehen, die zor­ nige und/oder besoffene Rocker einst hinterlassen haben. Die meisten haben nüchtern geworden den angerichteten Schaden später brav bezahlt. Und ich warte auf den nächsten kollektiven Wutausbruch. Er ist über­ fällig. Mit 50 Cent oder Bushido konn­ te ich nichts anfangen, viele zeitgenös­ sische Bands sind sehr sophisticated, aber nicht wirklich zornig. Ich brauche schmutzigen, wütenden Rock‘n‘Roll.

Fotos: Plattenlabels • Illustration: Kurt Rudolf

Wo bleibt der zorn?

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ILLUSTRATION: JOHANNA MARK; KLEBESCHRIFT: KURT RUDOLF


DAS DRECKIGE LÄCHELN VON FLIPPER Warum der Zölibat männlich ist, die Pfadfinder das Onanieren verhindern sollen und Delfine die größten Schweine im Tierreich sind. Unsere Sexologin DDr. Elfriede Pfannenstiel-Brugger sieht hin, wo andere wegschauen. auswahl: Sandra eigner, raffael fritz

ILLUSTRATION: CHRISTIAN BRETTER FRÜCHTE: KURT RUDOLF

Wie alt seid ihr denn, dass ihr ständig über Sex reden müsst? Fünfzehn? Der echte Genießer schweigt. Und jedesmal packt ihr wieder die gleichen alten Geschichten aus, damals auf der Toilette und in der Umkleidekabine, wie wild das nicht war. Gratuliere, ihr seid ja sooo was von versaut! Was ich geil finden würde? Wenn ihr endlich mal die Klappe halten würdet!

Ach, die Birne, die alte Jungfer! Die wird doch schon hochrot, wenn sie das Wort „Sex“ nur in den Mund (igitt!) nimmt! Eigentlich schade, bei dem Arsch! Aber stille Wasser sind tief, sagt man. Und die Prüden sind dann wohl in Wahrheit die ganz Versauten! Na, was meinst du, Birnchen?!

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01.03.2012 11:41:20 Uhr


ILLUSTRATION: CHRISTIAN BRETTER FRÜCHTE: KURT RUDOLF

Fragen an DDr. Elfriede „Kamasutra“ Pfannenstiel-Brugger unter facebook.com/durstmagazin oder durst@falter.at — Die Antworten findet ihr in der nächsten Aussgabe zu Beginn des Wintersemesters 2012.

DASS MASTURBATION DAS RÜCKENMARK AUFLÖST, HABE ICH EMPIRISCH WIDERLEGT. ALLES ÜBLE PROPAGANDA! WOHER KOMMT BLOSS ALL DER HASS AUF SOLO-SEX? Georg (25)

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us der Reihe „unbeliebte biblische Vornamen“ kennen wir einen gewissen Onan, der als Ersatz-Ehemann für seinen verstorbenen Bruder herhalten hätte sollen: „Aber da Onan wusste, dass der Same nicht sein eigen sein sollte, wenn er einging zu seines Bruders Weib, ließ er‘s auf die Erde fallen und verderbte es, auf dass er seinem Bruder nicht Samen gäbe. Da gefiel dem Herrn übel, was er tat, und er tötete ihn auch.“ Schlauberger werden bemerkt haben: 1. „Onanie“ müsste eigentlich für Coitus Interruptus stehen und 2. Gott hat kein Problem mit dem verschwendeten Samen an sich, sondern dass Onan es unsinnig fand, der Witwe seines Bruders ein Kind in dessen Namen zu machen. Seit dem Spätmittelalter gilt alles Sexuelle, das nicht direkt der Fortpflanzung dient, als Sünde. Richtig verrückt wird es ab dem 18. Jahrhundert: Ein paar Quacksalber etablierten damals die Masturbation als Volkskrankheit Nummer eins. Sie soll das Gehirn erweichen und das Rückenmark schwinden lassen, zu Wahnsinn, Blindheit, Krebs, Pocken, Lepra oder Tuberkulose führen – und das sind noch die harmlosen Sachen. Bei Frauen galt sie sowohl als Ursache als auch als Symptom der Hysterie – die der Arzt des Vertrauens Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts durch eine medizinische Novität behandeln konnte: den Massagestab, besser bekannt als Vibrator. Männer konnten sich vom Doktor keinen runter holen lassen. Um sie von der Selbstbeschmutzung abzulenken, gab es Keuschheitsgürtel, Blutegel-Therapien, aber auch etwas angenehmere Alternativen wie die Pfadfinder. Ganz recht, Lord BadenPowell hat sie gegründet, um mit Bewegung an der frischen Luft gegen das gesellschaftszersetzende Übel der Onanie anzukämpfen. 12-jährige in einem Zeltlager kommen nachts bestimmt nicht auf dumme Ideen.

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ICH WEISS, ES IST MOMENTAN GAR NICHT HIP, ABER ICH SPIELE MIT DEM GEDANKEN, DAS PRIESTERSEMINAR ZU BESUCHEN. DOCH WIE ZUR HÖLLE SOLL MAN DAS ZÖLIBAT AUSHALTEN? WARUM GIBT’S DAS ÜBERHAUPT? Peter (21)

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orweg: Im religiösen Sprachgebrauch heißt es „der Zölibat“. Die Verwendung des falschen Genus ist ein absolutes No-go auf dem Weg zur Enthaltsamkeit! Am häufigsten wird zum Thema Zölibat das Matthäus-Evangelium zitiert: „Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen.“ Seit 1139 ist der Zölibat eine Voraussetzung für die Priesterweihe. Die Idee wurde von Mönchen und Einsiedlern verfolgt – und vom gemeinen Volk. Die Patarener, eine Sekte von Mailänder Lumpensammlern, fanden, dass die Berührung eines verheirateten Priesters nicht besser sei als „in Hundekot zu greifen“, wie es der Chronist Arnulf von Mailand ausdrückte. Ein weiterer Grund für die steigende Popularität des Zölibats war wohl auch das Erbrecht. In Zeiten der Stände wurde das Berufsrecht vom Vater zum Sohn vererbt, auch bei Priestern. Das gefiel nicht. Noch weniger gefiel, dass die von den Priestern verwalteten Ländereien weitervererbt wurden. Keine Nachkommen, keine Erben: Dann kann die Kirche selbst bestimmen, wer Priester wird oder die Ländereien bekommt. Wen es dann doch zwickt, der darf sich mit den Händen Erleichterung verschaffen – indem er sie zum Beten faltet. Denn zur Enthaltsamkeit zählt auch der Verzicht auf Sex mit dem, der dir am nächsten ist: du selbst.

NACH DREI JAHREN BEZIEHUNG HABE ICH MEINEN FREUND BEIM FREMDGEHEN ERWISCHT. AM LIEBSTEN WÜRDE ICH IHM DIE PEST AUF DEN HALS WÜNSCHEN. ABER WIE GEHT DAS? ODER HABEN SIE ANDERE TIPPS?

TIERE HABEN SEX UM SICH FORTZUPFLANZEN. PUNKT. ABER WIR MENSCHEN SCHNACKSELN WEGEN UND MIT ALLEM MÖGLICHEN! WARUM IST DAS SO? Katharina (19)

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ie Pest? Die ist behandelbar. Wie wäre es mit unsäglichem Herzschmerz, oder noch wirkungsvoller: Impotenz! Zauber und Verwünschungen sind schon seit Ewigkeiten ein probates Mittel, Liebesangelegenheiten aller Art ohne Zustimmung des anderen zu regeln. Ich empfehle dir die venezianische Voodoo-Variante: Dort wird aus Nudelteig eine kleine Figur gebastelt, die den betreffenden Mann darstellt. Alternativ kannst du auch Wachs oder Seife verwenden. Dann wird die Figur mit Nägeln bearbeitet, mit Salz bestreut und schließlich im Feuer verbrannt. Dabei ist folgende Zauberformel zu sprechen: „So wie diese Statue vergeht, so soll auch das Herz von NAME DES WAPPLERS vergehen.“ Um keine Zeit zu verlieren, wurde im alten Venedig oft nur jenes Körperteil bearbeitet, dem das Ritual galt: Nein, nicht das, was du denkst, sondern das Herz. Aber weil wir in unserer Zeit überzeugt sind, dass Männer anderweitig gesteuert sind, würde ich vielleicht doch bei deinem ersten Gedanken bleiben. Weniger brenzlig ist die Version mit der „cordella“, einem Stoffband, in das Knoten geknüpft werden. Das Band ist dabei ein phallisches Symbol (es zeigt angeblich auch Länge und Umfang des betreffenden Phallus), die Knoten visualisieren die erwünschten Hemmungen desselben. Mittels der Knoten wollte man den Fluss der Körpersäfte ins Stocken bringen, was beim Objekt des Zorns zur Impotenz führt.

iebe Kathi, du hattest wohl noch nie Meerschweinchen, jedenfalls nicht zwei männliche. Aber fangen wir bei unseren nächsten Verwandten an, den anderen Menschenaffen. Orang-Utans basteln sich Dildos aus Stöcken und Rinde. Die meisten unserer haarigen Brüder und Schwestern können sich außerdem selbst oral befriedigen und tun das auch regelmäßig – ein Kunststück, das nur etwa 0,3 Prozent der Menschen hinbringen. Oralsex, ob alleine oder zu zweit, ist auch schon bei Ziegen, Hyänen, Fledermäusen oder Schafen beobachtet worden – alles Tiere, die wie wir ein komplexes Sozialgefüge haben. Und Homosexualität ist im Tierreich sowieso eher die Regel als die Ausnahme. Dass die Verhaltensforschung das erst jetzt in allen schmutzigen Details beleuchtet, mag daran liegen, dass das Thema lange Tabu war: „Wenn ein Männchen nur an einem Weibchen schnüffelt, wird es schon als Sex registriert, aber Analverkehr samt Orgasmus zwischen zwei Männchen wird lediglich als Dominanz- oder Begrüßungsgeste gesehen“, sagte der norwegische Zoologe Petter Boeckman im Rahmen einer gerade laufenden Ausstellung in Oslo über Homosexualität unter Tieren. Ob Boeckmanns Kollegen sich auch per Analverkehr begrüßen? Die Trophäe für die größten Saubarteln unter den Tieren geht an die Delfine. Sie masturbieren, indem sie ihre Genitalien an verschiedenen Hindernissen oder auch ihren Artgenossen reiben. Wenn Gruppen (Rudel? Herden?) von Delfinen aufeinander treffen, können sie die Spannung durch ungezwungenen Gruppensex abbauen – und das sogar zwischen verschiedenen Spezies. Der Amazonas-Flussdelfin Inia Geoffrensis ist außerdem die einzige bekannte Art im Tierreich, die Nasalverkehr praktiziert – erraten: durchs Blasloch. Das Lächeln von Flipper ist eigentlich das dreckige Grinsen eines unverbesserlichen Lüstlings.

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QUARTETT DER SÜNDENBÖCKE Wer ist Schuld an der ganzen Misere? Immer die anderen! Oder diese Feindbilder. Mit unsereren Quartett könnt ihr schon mal üben, damit ihr immer den richtigen Sündenbock im politischen Smalltalk parat habt. Text: Die Durst-Redaktion • Illustration: Kurt Rudolf

Joker

einen Haufen Leute ab. Wer alle vier Karten einer Typengruppe hat, kann diese niederlegen und so aus dem Spiel nehmen. Gewonnen hat, wer am Ende alle Karten besitzt.

E

in beliebtes Vorurteil gegenüber Österreichern? Sie hegen ihren Zorn, der Wiener Grant ist eine Lebenseinstellung. Und sie pflegen ihre Sündenböcke: Nigerianische Drogendealer, rumänische Bettlerbanden, korrupte EU-Lobbyisten, Hitler ist Deutscher – die Liste ist lang. Legendär ist die Szene aus der Satiresendung „Die 4 da“, in der Erwin Steinhauer 2007 als „Krone“-Herausgeber seine „Automatische Rechtschreibkontrolle“ präsentiert: „Wenn ich da oben N****sau schreib‘, bessert er mir das automatisch aus auf schwarzafrikanischer Asylbewerber. Das Faszinierende ist, der Leser spürt irgendwie meine Originalfassung durch.“ Wir schenken uns die automatische Rechtschreibung. Dafür gibt‘s das Vorurteilsquartett. Sechzehnmal übertreiben und generalisieren, was das Zeug hält. Sechzehnmal testen, bei welchen Stereotypen ihr den Mund verzieht – oder war es doch ein Lächeln? Und als Zugabe gibt‘s den Joker für alle Fälle.

SPIELREGELN Ganz einfach wie bei jedem Quartett: Wenn ihr die Karten ausschneiden wollt, braucht ihr wohl zwei Ausgaben von DURST - macht ja nix, ist eh gratis. Die Karten werden zwischen den

DIE KATEGORIEN Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★★★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★

Schuld sind immer die anderen: Mama, Papa, das nervige Geschwisterlein, der Chef, die Verkäuferin, Gott oder der Teufel.

DIE TYPEN

Spielern aufgeteilt, jeder spielt mit der obersten Karte im eigenen Stapel. Wer am Zug ist, nennt eine von vier Kategorien auf der Karte, logischerweise die, in der er oder sie selbst die meisten Sterne hat. Die Karte mit den meisten Sternen in der genannten Kategorie „sticht“ die anderen, alle Karten gehen an den Spieler mit der höchstdotierten

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Sterne gibt es in vier verschiedenen Kategorien. Wie salonfähig ist es, öffentlich auf diese Leute zu schimpfen? Wie viel Macht haben die Menschen, denen diese Feindbilder zugeschrieben werden? OWS-Faktor ist die Abkürzung für „Oma wechselt die Straße“ und zeigt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Oma das machen würde. Und das Schlagzeilenpotential erklärt sich eigentlich eh von selbst.

Karte. Der Joker ist gemein, denn er dreht die Sternwertungen der anderen Karten für einen Spielzug um: Wer vorher fünf Sterne auf seiner obersten Karte hatte, hat dann nur mehr einen, aus vier werden zwei – und umgekehrt. Nur die Sterne des Jokers bleiben für diesen Spielzug gleich. Aber er ist eh ganz gut bestückt, schließlich deckt er

Das Wichtigste für ein Feindbildquartett sind klarerweise die Feindbilder. Wir haben gesucht und gefunden, in Zeitungen, bei Stammtischdiskussionen und im Hörsaal. Rausgekommen sind vier Typen: Ausländer, Schmarotzer, falsche Autoritäten und Abzocker. Manch einer ertappt sich vielleicht dabei, dass er selbst schon mal betrunken in der Kneipe über Piefke oder Beamte generalisierend gelästert hat. Andere erkennen vielleicht, dass sie selbst zu diesen Typen gehören.

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DIE AUSLÄNDER Bei der Angst um den Studienplatz, den Job oder nur die eigene Ruhe rücken die Österreicher eng zusammen. Dispute zwischen Tirolern und Wienern sind vergessen, es lebe die kollektive Xenophobie!

Piefke

Professionelle Bettlerin

Salonfähigkeit ★★★ Einfluss/Macht: ★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★

Salonfähigkeit: ★★★ Einfluss/Macht: ★ OWS-Faktor: ★★★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★★

„Ey, Dörte, da kann man nich meckern, ne?“

„BIIITTE DAAANKE ALLES GUUUTE“

Muselmanin

Drogendealer

Salonfähigkeit: ★ Einfluss/Macht: ★★ OWS-Faktor: ★★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★★★

Salonfähigkeit: ★★ Einfluss/Macht: ★★ OWS-Faktor: ★★★★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★

„ ---- “

„Ssshhh, alles klar, Bruder?“

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DIE SCHMAROTZER Skandal! Sozialstaat am Ende! Ungewaschene Hausbesetzer, arbeitsscheue Bummelstudenten, raffgierige Gewerkschafter und maulende Pensionisten sind schuld daran, dass der fleißige, vaterlandsliebende Steuerzahler womöglich sein schwer verdientes vierzehntes Monatsgehalt nicht mehr bekommt!

Hausbesetzer

Bummelstudentin

Salonfähigkeit: ★★ Einfluss/Macht: ★★ OWS-Faktor: ★★★★★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★

Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★

„Hast vielleicht an Euro?“

„Ich möchte mich nicht von der Gesellschaft verformen lassen!” Pensionist

Salonfähigkeitt: ★★★ Einfluss/Macht: ★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★

„Ich opfere mich für junge Arbeitslose: Pension mit 45!“

Gewerkschafterin

Salonfähigkeit: ★★★★ Einfluss/Macht: ★★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★

„Freundschaft! Die andern soll’n scheißen gehn.“ DURST 1/12

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FALSCHE AUTORITÄTEN Sie predigen Wasser und trinken Wein, schwafeln von der „Vierten Macht“ und meinen nur ihre eigene Wichtigkeit, „dienen der Gesellschaft“ und pflegen ihre Privilegien oder lassen sich ihre „Unabhängigkeit“ bezahlen – alle, ohne Ausnahme!

Priester

Journalistin

Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★★★

Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★

„Und führe uns nicht in Versuchung.”

„Bussi Bussi, Frau Bundesgeschäftsführerin.“

Politiker

Wissenschaflerin

Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★★★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★★

Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★

„Für das Gemeinwohl!“

„Die Gefahren werden maßlos übertrieben.“

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DIE ABZOCKER EU-Bürokraten und Makler ziehen uns den letzten Euro aus der Tasche. Und wenn der weg ist, kommen die Lobbyisten und – schwupps – wird nicht die Rettung der Menschen, sondern die Rettung der Bankerboni beschlossen.

Maklerin

Finanzberater

Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★

Salonfähigkeit: ★★★★ Einfluss/Macht: ★★★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★★

„Gnä‘ Frau, das ist doch kein Schimmel!“

„Das muss man sportlich sehen.“

EU-Bürokratin

Lobbyist

Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★

Salonfähigkeit: ★★★★★ Einfluss/Macht: ★★★★★ OWS-Faktor: ★ Schlagzeilenpotenzial: ★★★★

„In der freien Wirtschaft würde ich das Doppelte verdienen.“

„Beim Jagen kommen die Leut‘ zam‘.“ DURST 1/12

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01.03.2012 11:44:17 Uhr


Ihr habt‘s wirklich nicht leicht, ihr Angehörigen der Post-Demo-Generation. Voller Ideale, die ausgesessen wurden, verraten, verkauft, stromlinienförmig zugerichtet. Andere scheffeln die Kohle, die man euch vorenthält. Selbst auswandern lohnt nicht mehr.

ICH GEBE AUF! ABER WAS? Resignieren oder durchhalten? Weiter studieren, weiter rauchen, weiter träumen? von Georg Eckelsberger

ILLUSTRATION: KURT RUDOLF

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ein Mitbewohner Philipp hat das Rauchen aufgegeben. Das ist jetzt über zwei Monate her und die Zeit war ganz schön hart für ihn – für mich aber mindestens genauso. Philipp hat nämlich bis dahin immer mehr geraucht als ich (er würde jetzt etwas anderes sagen). Deshalb musste auch ich etwas aufgeben: Nämlich den Glauben, dass mein durchaus enormer Zigarettenkonsum eigentlich gar nicht so wild ist. Nachdem ich jetzt aber nach dem Essen im Restaurant alleine vom Nichtraucherbereich zur Bar oder vor die Tür muss, sonntags einsam leide, während ich mein Zimmer verzweifelt nach dieser einen Zigarette durchkämme, die mir doch bestimmt mal irgendwo aus der Tasche gefallen ist und ich der Einzige bin, der das Autofenster trotz eisiger Temperaturen herunterkurbelt, um meine Parisienne in den Fahrtwind der A2 zu halten, ist es plötzlich offensichtlich: Ich bin schwerer Raucher. Gut, das hätte mir schon früher auffallen können, aber so ist das eben mit dem Aufgeben. Es ändert alles und tut in erster Linie weh – egal, ob es der kalte Nikotinentzug ist, der dir die Schweißperlen auf die Stirn treibt oder das ungute Gefühl in alten Gewohnheiten festzuhängen.

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JETZT WIRD ES SCHWIERIGER Dabei ist das mit dem Rauchen noch eine recht triviale Art des Aufgebens: Nehmen wir nur mal deine Freundin. Sollst du an der Beziehung festhalten, obwohl es ständig Streit gibt? Wann ist es zu viel? Sie stiehlt dir doch nur deine Zeit. Oder ist es andersrum? Dein Studium: Eigentlich nervt es nur noch und führt zu nichts: All die endlosen Vorlesungen, die ewiggleichen Seminare mit ihren an den Haaren herbeigezogenen Themen, dieselben schlechten Witze, die deine Professoren immer wieder bringen, als hätten sie sich abgesprochen – aber einfach aufgeben? Und was dann? Noch schwieriger wird es, wenn man an die wirklich wichtigen Dinge denkt: Wie sieht es mit deinen Träumen aus? Deinen Idealen? Mit all deinen Plänen, die, je älter du wirst, immer weiter in die Ferne rücken? Es ist nicht leicht zu entscheiden, welche davon du aufgeben solltest und wofür es sich zu kämpfen lohnt. Das Schlimme ist: Aufgeben tut sogar schon weh, wenn man nur darüber nachdenkt! Dabei ist Aufgeben nur ein Wort, man könnte auch „Aufhören“

sagen oder „auf Eis legen“ – das hat dann etwas übergangsmäßiges und klingt nicht mehr so endgültig.

EINE FRAGE DER FORMULIERUNG Man könnte sagen: Ich habe aufgehört zu Rauchen, vielleicht fange ich wieder an, vielleicht auch nicht. Du kannst mit deiner Freundin eine Beziehungspause aushandeln – dann fühlst du dich womöglich weniger einsam, wenn sie bei der Tür raus ist und du alleine auf dem Sofa hockst. Und natürlich kannst du deine Träume auf Eis legen, wenn sie dir gerade nicht in den Kram passen, nur um sie im richtigen Moment wieder hervorzuholen und aufzutauen. Doch es gibt bei all dem ein Problem: Es funktioniert nicht. Nie. Und selbst wenn: Es wird nicht mehr so sein wie früher, alles halbherzig, alles vorbei. Außer das mit dem Rauchen, das geht vermutlich. Aber das war einfach ein schlechtes Beispiel.

ZURÜCK ZUM THEMA Und was hat all das mit Zorn zu tun? Kann man Zorn überhaupt aufgeben? Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, einfach abschütteln?

Ja, auch das geht. Es geht sogar ganz leicht. Um seinen Zorn muss man sich nämlich kümmern, ihn füttern, ihn kontrollieren und sich dabei immer die Frage stellen: Lohnt es sich wirklich, sich so aufzuregen? Ist es das wert, diesen Ärger ständig mitzutragen, bei jeder Gelegenheit bereit sein ihn hervorzuholen wie den Reisepass am Flughafen? Und ist es überhaupt noch dein Zorn, den du da mitschleppst? Oder hast du ihn schon längst gegen den von jemand anderem eingetauscht?

KALTER ENTZUG Wenn die Antwort auf eine dieser Fragen „Nein“ lautet, dann ist es wahrscheinlich an der Zeit aufzugeben. Kurz und schmerzlos – wie Philipp, der das Rauchen aufgegeben hat. Kalter Entzug und nach ein paar Tagen wird es besser. Aber du musst nicht aufgeben. Du kannst auch weiterkämpfen. Die Entscheidung liegt am Ende immer bei dir: Das Aufgeben ist eine dieser Sachen, die dir niemand abnehmen kann. Beim Aufgeben ist sozusagen jeder alleine. So ist das nun mal. Ich brauche jetzt eine Zigarette.

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Ich bin echt sauer! Lasst mich doch einfach in Ruhe studieren, ich will so schnell fertig werden wie möglich. Die Banane sagt immer zu mir, ich soll nicht nur die Pflichtübungen durchziehen. Sie sagt, ein bisschen mehr für mich selbst studieren würde mich reifer machen. Und süßer. Aber eigentlich ist mir das egal, ich steh‘ sowieso mehr auf die Zitrone!

HINSETZEN, KLAPPE HALTEN Wo, wenn nicht an der Uni, sollen wir lernen kritisch zu denken? Aber hilft uns die Uni wirklich dabei? Soll sie das überhaupt? Wir haben Fachleute befragt und daraus einen virtuellen Runden Tisch gemacht. Die Fragen stellten Anna Schiester und Sandra Eigner

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Wir lassen weniger Freiräume zu und ermöglichen es den Studierenden fast nicht, etwas anderes als den Mainstream kennen zu lernen.

Dass Studierende nicht für ihre Ideen aufstehen, ist eine kulturpessimistische Rede, die mich wahnsinnig nervt.

Man kann doch nicht im Ernst glauben, dass von 50.000 Erstinskribierenden alle kritische Intellektuelle werden!

Luise Gubitzer

Hans Pechar Eva Blimlinger

Studierenden wird oft vorgeworfen, nicht kritisch zu sein. Was halten Sie davon?

Es geht zu wie im Kaufhaus: Man nimmt ein bisschen von hier und ein bisschen von dort.

FIRLEI: Die Grundlagen für das Erlernen und Ausüben von Kritik fehlen an den Hochschulen. Auch weil sich nur eine Minderheit – ich würde sagen fünf Prozent aller Studierenden – dafür interessiert. Beim Großteil der Studierenden ist es so, dass sie ihr Studium durchziehen müssen.

kritischen Denken förderlich sind. Aber man kann doch nicht im Ernst glauben, dass von zurzeit jährlich 50.000 Erstinskribierenden alle kritische Intellektuelle werden. Die meisten wollen eine berufliche Qualifikation auf hohem Niveau, aber das ist kein Grund, sie als unkritisch zu bezeichnen. Frau Blimlinger, an der Akademie für Bildende Künste begannen 2009 die Uniproteste. Wie schätzen Sie die Kritikfähigkeit der heutigen Studierenden ein?

Woher kommt dieses Verhalten?

Klaus Firlei

DIE BEFRAGTEN Eva Blimlinger: Seit November 2011 Rektorin der Akademie der bildenden Künste. Sie bildet mit zwei Vizerektorinnen das erste rein weibliche Rektorat Österreichs. Seit 2008 ist sie Koordinatorin der Kommission für Provenienzforschung, die sich um die Rückführung von Kunstgegenständen kümmert, die während des NS-Regimes unrechtmäßig in den Besitz des Bundes kamen. Hans Pechar ist am Standort Wien für die Fakultät Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universität Klagenfurt tätig. Er leitet den Arbeitsbereich Hochschulen in der Wissensgesellschaft und setzt sich mit dem österreichischen Hochschulsystem auseinander. Klaus Firlei: Professor für Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Salzburg. Er ist Geschäftsführer der politikberatenden Salzburg-Kommission und Präsident der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. Er war Unterstützer der unibrennt-Bewegung im Herbst 2009. Luise Gubitzer ist Vorständin des Instituts für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie beschäftigt sich mit der Ökonomisierung der Bildung genauso wie mit Feministischer Ökonomischer Theorie. Außerdem ist sie Vorstandsmitglied bei Fairtrade Österreich. DURST 1/12

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FIRLEI: Der veränderte Arbeitsmarkt und der Wettbewerbsdruck im neoliberalen Kapitalismus sind die Ursache dafür, dass sich viele nicht mehr mit Grundfragen beschäftigen. Die meisten schalten bei solchen Themen ab. Früher war nicht alles besser, aber was es gar nicht mehr gibt, ist das Ringen um eine Gesellschaftstheorie – die Basis für eine politische Orientierung. Das wird auch nicht mehr gelehrt. Es geht zu wie im Kaufhaus: Man nimmt ein bisschen von hier und ein bisschen von dort. Das ist symptomatisch für den Zeitgeist.

Die Mehrheit der Studierenden ist also nicht kritisch – aber sollen sie das überhaupt sein?

PECHAR: Für einige Personen ist kritisch identisch mit „das System fundamental ablehnend“, was ich eher als unkritische Haltung betrachte. Eine kritische Haltung ist diesem System ohnehin immanent, sie ist bildungssoziologisch verankert. Ein Studium ist eine Phase der Freisetzung von Ernstsituationen, ein Moratorium. In einer solchen Situation werden soziologische Strukturen bereitgestellt, die dem

BLIMLINGER: Wenn man sich die unibrennt-Bewegung ansieht, kann man nicht gerade sagen, dass es keine Diskussionsfähigkeit unter den Studierenden gäbe. Auch dass die Studierenden alle so brav sind, kann ich nicht bestätigen. Sie sind sehr interessiert und auch sehr fokussiert. Dass die Studierenden nicht für ihre Ideen aufstehen, ist eine kulturpessimistische Rede, die mich wahnsinnig nervt. Von wegen früher war alles besser. Es ist anders. Sie sind in einem gewissen Sinne viel erwachsener als die ältere Generation, die sie kritisiert. Sie wissen viel genauer, was sie politisch und von ihrem Studium wollen. Meine Kritik richtet sich eher an die Rahmenbedingungen, durch die die Studierenden genötigt werden zu einem früheren Zeitpunkt erwachsen zu werden.

Welche Rahmenbedigungen sind das?

GUBITZER: Das Studieren hat sich enorm verändert. Wir – und darin sehe ich einen wesentlichen Teil der neoliberalen Umstellung der Unis – beschäftigen die Studierenden

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enorm. Wir lassen zeitlich und inhaltlich weniger Freiräume zu und ermöglichen es den Studierenden fast nicht, etwas anderes als den Mainstream kennenzulernen. Ich sehe Neoliberalismus als etwas, das den Leuten die Gehirne gleich ausrichtet. Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist auch die anti-­demokratische Sozialisation, die derzeit stattfindet, zum Beispiel durch die weitest­gehende Abschaffung von Demokratie und Mitbestimmung im Zuge des Universitätsgesetzes 2002. Wenn die Uni ihre Studierenden als Kunden sieht, dann schaut man als Studentin und Student auch, wie man am besten und schnellsten studiert. Wichtig wäre eine Neukreation des Universitätsgesetzes, wobei man die Mitbestimmung an den Unis wieder einführt, damit Studierende die Inhalte mitbestimmen. Weil Mitbestimmung ein Einüben in demokratische Vorgänge und Kritikfähigkeit ist. Braucht es Systemkritik von seiten der Studierenden, um die Hochschulbildung zu verbessern?

pechar: Eine kritische Haltung ist nicht identisch mit Systemkritik. Sie kann zu Systemkritik führen. Aber ich empfinde es als eine befremdliche und arrogante Haltung bestimmter Gruppen, alle, die nicht ihre Meinung teilen, als unkritisch abqualifizieren. Aber um Kritikfähigkeit mache ich mir keine Sorgen, das ist praktisch eine Konstante des Universitäts­ betriebs. Dinge in Frage stellen ist das Grundprinzip jedes wissenschaftlichen Herangehens, der reflexive Charakter des Wissens steht bei einer forschungsgeleiteten Lehre im Vordergrund. Das zu institutionalisieren wäre allerdings die Absurdität in sich.

Kunstuniversitäten wie die Bildende gelten gemeinhin als kritischer. Stimmt das?

blimlinger: Systemkritik hat an den Kunstuniversitäten mehr Platz, weil dort die Rahmenbedingungen dafür besser sind. Wir sind nun einmal eine Eliteuniversität und leben damit eigentlich genau das Modell, das die Politik für alle Hochschulen will. Demgemäß gibt es hier für eine kleine Gruppe von Studierenden die idealen Bedingungen zu sehen, welche beruflichen Möglichkeiten sie haben. Die Idee der Kunstuniversität ist, den Studierenden in ihrer Ausbildung und der Bildung so etwas wie einen „safe space“ zu bieten.

Frau Blimlinger spricht vom „safe space“, für uns der Inbegriff von Autonomie. Wenn man von Autonomie spricht, kommt automatisch der Bologna-Prozess in den Sinn. Ist dadurch nicht viel Autonomie verloren gegangen?

pechar: Teilweise. Allerdings: Dieses Laissez-faire-System, das einigermaßen gut funktioniert hat, so lange die Uni klein, überschaubar und fast wie ein Familienbetrieb war, kann bei den gegenwärtigen Größenverhältnissen nicht mehr funktionieren. Nicht nur in den Massenfächern. Für solche riesigen Organisationen, wie sie Unis heute nun mal sind, braucht man ein organisatorisches Gerüst. Bologna spielt natürlich eine Rolle und es gibt kaum noch Befürworter von Bologna, die nicht eingestehen, dass hier Fehler gemacht wurden. Hinzu kommt, dass diejenigen, die Bologna implementiert haben, die Hochschulprofessoren auf allen Hierarchieebenen, zu 80, 90 Prozent dagegen waren. Und wenn

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eine Personengruppe etwas implementiert, was sie nicht will, dann kommt selten etwas Gutes heraus. Wie stehen Sie zum BolognaProzess, Herr Firlei?

FIRLEI: Ich mag die Stadt Bologna

sehr, weil ich dort als Student in den 1970ern mit politisch interessierten Menschen zusammengekommen bin. Deswegen ist es eigenartig, dass dieser schreckliche Prozess nach Bologna benannt ist. Ich habe ein völlig gebrochenes Verhältnis zu diesem Projekt, zumal es nie demokratisch beschlossen wurde, sondern ein Produkt der Bürokratie ist. Dieses Messen im Sinne der Vergleichbarkeit und die Dreigliederung des Studiums bietet nur eine Schmalspurausbildung. Ein Studium in drei Jahren reicht nicht aus, um danach als akademischer Intellektueller zu arbeiten. Frau Gubitzer, spüren Sie diesen Autonomieverlust an der WU ebenfalls?

GUBITZER:  Die Reduktion und Vereinheitlichung des Bildungsauftrages war die versteckte Agenda des Bologna-Prozesses. Aber wir alle sind Vertreter öffentlicher Universitäten, in denen die Studierenden StaatsbürgerInnen sind, mit dem Recht, etwas zu verlangen und sich diese Autonomie nicht nehmen zu lassen. Der Bologna-Prozess hat es ermöglicht, das Bildungssystem umzustellen, mit den sehr schön klingenden Leitgedanken Internationalisierung, Vereinheitlichung, Objektivierung, Mobilität der Studierenden. Was damit aber erfolgt ist, und das wird nicht dazu gesagt, ist eine Adaption der universitären Bildung nach neo­ liberalen Interessen. Ich bin überzeugt, dass diese Ausrichtung falsch ist, auch für die, die sie vorantreiben.

Ist es nicht zu einfach, die Schuld immer auf Bologna zu schieben?

FIRLEI: Grundsätzlich ist der ­ erlust der Autonomie seit den V 1990er-Jahren sehr kontinuierlich passiert. Dazu beigetragen haben auch die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften. Das ist kein ausschließlich wirtschaftsnahes, konservatives Projekt. BLIMLINGER: Die Hochschul­ diskussion wird immer nur um vier Symptompunkte geführt: Studien­ gebühren, Studienplatzbewirtschaftung, fehlende finanzielle Mittel und Bologna-Prozess. Es wird überhaupt nicht diskutiert, wo die Universität in zwanzig Jahren steht. Es gibt zwar den Entwurf eines Hochschulplans, der zielt aber sehr auf das Momen­ tane ab. Mir ist klar, dass man aktuelle Fragen lösen muss, aber das allein ist für mich keine Hochschulpolitik.

Herr Firlei, sie haben das noch schärfer formuliert: Studierende würden im Moment nur für die Interessen der Wirtschaft herangezüchtet werden.

FIRLEI: Im Mittelpunkt der An­strengungen der Universitäten stehen heute vor allem arbeitsmarktbezogene und praktisch verwertbare Qualifikationen. Und nicht das, was­­­eigentlich der Hauptzweck einer Universität wäre: Nämlich zu vermitteln, wie die Welt funktioniert. Ausbildung an der Universität hat es zwar immer gegeben. Es stellt sich aber die Frage, wie diese Ausbildung eingebettet ist. Ob sie das Erkennen von Zusammenhängen ermöglicht, interdisziplinär ist und Grundfragen stellt. Die Leute verstehen die grundlegenden Fragestellungen oft gar nicht mehr. Weil die Fächer, die diese Basis vermitteln, eingeschränkt werden. Dadurch verliert die Uni­versität­­enorm an Potential. Der Mensch ist ja nicht nur ein Individuum. Er ist aufgerufen, als politisches Wesen zu agieren und in Alternativen zu denken. Ich trete für das Recht auf Bildung ein. Dieses Recht ist in den UNO-Pakten festgeschrieben. Darin steht ausdrücklich Bildung und nicht Ausbildung.

Wie sähe denn eine zeitgemäße Bildung in den Wirtschaftswissenschaften aus? Findet hier angesichts der Krise ein Umdenken statt?

gubitzer: Ich glaube nicht, dass ein Umdenken stattfindet. Wir sind seit drei Jahren in einer riesigen Finanzkatastrophe, da sollte man sich überlegen: Welche Inhalte brauchen wir, wie sollen wir die Studierenden stärken, um dem zu begegnen, was da auf sie zukommt, um etwas anderes denken zu können. Aber das war nie Thema. In der Ökonomie gibt es eine Mainstream-Auffassung und das ist das Wissen, mit dem alle Studierenden diese Universität (WU, Anm.) zu verlassen haben.

Nämlich?

Wir gehen zum Beispiel noch immer von der Allokation knapper Ressourcen aus, aber in vielen Bereichen haben wir Fülle. Was auch zur Finanzmarktkrise beigetragen hat, ist, dass wir nie gelernt haben, mit dieser Fülle gesellschaftsbereichernd umzugehen. Es wurden sehr wohl immer auch Alternativen gedacht, aber selten an Unis. Seit ungefähr zwanzig Jahren wandert kritische Ökonomie sehr stark von den Unis ab. Außer­ universitär gibt es heute eine sehr differenzierte ökonomische Auseinandersetzung, bei Attac oder auch in der feministischen Ökonomie. Die Frage ist nur: Wie schaffen wir es, dass sie systemwirksam werden?

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ILLUSTRATION: JOHANNA MARK; KLEBEBILD: KURT RUDOLF


Rezepte für Revolten Mit „Everyday Rebellion“ schaffen zwei Wiener Filmemacher einen multimedialen Leitfaden zum gewaltlosen Widerstand. Die beiden Brüder leben selbst im Exil, denn als Systemkritiker müssten sie in ihrer Heimat Iran um ihr Leben fürchten.

Arash: Meine Vision wäre, dass die Onlineplattform eine Art zentrale Anlaufstelle wird, wenn man sich über gewaltlosen Widerstand erkundigen will. Wir werden eine Linkliste haben, eine Literaturliste und so weiter. Jetzt ist ja das Problem, wenn du „Syrien“ auf YouTube eingibst, kommen tausende Videos, völlig willkürlich, du hast keine Ahnung, was, wie und wo. Und wir denken uns, es wäre cool, wenn man das ein bisschen analysiert, klarer macht.

von Mara Simperler

Die Menschen

Arash und Arman Riahi sind Brüder, Filmemacher und neuerdings Aktivisten. Ihre Eltern flohen mit ihnen in den 1980er Jahren aus dem Iran und kamen als politische Flüchtlinge nach Österreich.

Der Film

„Everyday Rebellion“ erzählt Geschichten vom gewaltlosen Widerstand und zivilen Ungehorsam. Ausgangspunkt sind die Missstände in Diktaturen. Gedreht haben die Riahis unter anderem schon in New York, Kopenhagen und Wien. Ägypten, der Libanon und Venezuela stehen noch auf dem Programm. Arman Riahi beschreibt den Film als eine „Hommage an die Kreativität des gewaltlosen Widerstandes.“ Filmstart ist Anfang 2013.

Täglich ein bisschen rebellieren – als Pirat (oben) oder mit Power Point (unten).

Arash: Dort wo es sein muss, warum nicht? Aber wir sind sicher nicht wichtig genug, dass wir alleine eine Rebellion anstoßen könnten. Wir können nur helfen, dass es leichter geht. Man kann Revolutionen nicht importieren, wenn die Menschen das nicht wollen.

Kann man Revolutionen planen?

www.everydayrebellion.com

Wofür seid ihr zuletzt auf die Straße gegangen?

Arman: Wir waren in New York bei der Occupy-Bewegung. Nicht nur als Regisseure und Kameramänner, die dort gearbeitet haben, sondern wir haben uns auch als Teil dieser Bewegung gesehen. Das ganze Film-Projekt ist für uns eine persönliche Geschichte. Es geht uns nicht darum, einfach nur einen Film zu machen und das Ding dann abzuschließen. Wir wollen auch konkret etwas zur Bewegung beitragen. Arash: In New York lautete ein Spruch: „The whole world is watching.“ Mit unseren Kameras waren wir Teil von Occupy und du hast dann auch irgendwie automatisch die Slogans mitgesprochen. Letztes Jahr war ich auf einer Demo am Heldenplatz, als es diese ganzen Abschiebungsgeschichten gab – und bei den iranischen Protesten.

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In eurem „Adventkalender des gewaltlosen Widerstands“ sagt der serbische Aktivist Srda Popovic, dass das Wichtigste für eine Bewegung eine Vision sei. Wenn ihr eure Vision für das ganze Projekt kurz zusammenfassen müsstet, was wäre sie?

Arman: Die Vision ist, dass wir mit dem, was wir machen, die Bewegungen unterstützen – alle demokratisch und menschenrechtlich legitimierten Protestbewegungen, die sich für mehr Mitbestimmung, für mehr persönliche Freiheit, Meinungsfreiheit und Menschenrechte einsetzen. Die wollen wir stärken, wir wollen aber auch von ihnen lernen, ihnen als Inspiration dienen und Ideen geben, wie sie weiter mit gewaltlosen Mitteln für ihre Rechte kämpfen können. Und natürlich wollen wir auch die Ideen, die wir selber kennen lernen, weiterverbreiten.

Arash: Man kann sie planen, man muss sie sogar planen. Wenn man glaubt, dass das, was am Tahrir-Platz passiert ist, ungeplant war, ist das ein Irrglaube. Uns wird in den Medien weisgemacht, man brauche nur einen Platz zu besetzen und die Revolution sei da. Aber das ist nicht so. All diese Sachen sind jahrelang vorbereitet worden.

Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: „Die Geschichte lehrt den Menschen, dass die Geschichte den Menschen nichts lehrt.“ Wir wiederholen also permanent unsere Fehler. Wozu soll man dann eigentlich noch weiterkämpfen?

Arash: Das ist das schlechteste Zitat von Gandhi, das ich kenne. Zumindest das negativste. Gandhi selbst ist er der Beweis dafür, dass das so nicht stimmt. Wobei, in Österreich wählt ein Drittel der Menschen rechts. Man könnte denken, Hitler und der Nationalsozialismus sollte den Leuten gelehrt haben, dass das nicht cool ist. Warum wählt immer noch ein Drittel rechts? Haben die Menschen nichts aus der Geschichte gelernt? Was ist die Konsequenz daraus? Dass man immer weitermachen muss, die Leute weiterbilden und sie erinnern muss.

Illustrationen: Kurt Rudolf; Fotos: Georg Eckelsberger

Die Homepage

Ein Film ist nicht ­genug, um etwas zu gewalt­losen Widerstandsbewegungen beizutragen. Deshalb erweiterten die Riahi Brüder ihr Filmprojekt zu einem Cross-MediaProjekt. „Wir wollten aktiver werden und haben selbst den nötigen Background, weil wir aus dem Iran kommen und als Exilanten nicht zurück können. Wir wollten unseren Beitrag leisten“, sagt Arash. Die Brüder haben eine Homepage eingerichtet, auf der ­wöchentlich Aktivisten wie Srda Popovic von der serbischen Widerstandsbewegung „Otpor“ oder die „Yes Men“ Tipps geben. Schon vor Weihnachten gab Popovic im „Adventkalender des gewaltfreien Widerstands“ täglich Tipps zur gelungenen Rebellion.

Wollt ihr mit dem Projekt eine Rebellion anstoßen?

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ILLUSTRATIONEN: KURT RUDOLF; FOTOS: GEORG ECKELSBERGER

Na, super! Faul am Sofa lümmeln und von dort zusehen, wie die Studierenden für ihre Sache „brennen“. Aber okay, das mit dem Gandhi ist schon cool und wahr.

Die Diktatoren leben ja in einem Wahn, die sind davon überzeugt, dass das, was sie machen, cool ist und das Beste für ihre Bevölkerung. ARASH: Auf jeden Fall sind das psychisch kranke Leute. Oft bauen die sich ihre Realität zusammen. Welche Rebellion hättet ihr gerne miterlebt?

ARMAN: Also ich muss ehrlich sagen... Die sexuelle Revolution (lacht). Spaß. Naja, wobei, die 68er-Bewegung war sicher eine super Zeit, um dabei gewesen zu sein. ARASH: Indien, Gandhi. Weil es eine Bewegung war, die zu etwas geführt hat. Eine Bewegung, die die Engländer raus gehaut hat, aber mit friedlichen Methoden. Daran sieht man, dass es geht.

Gibt es so etwas wie ein Rezept für eine gelungene Rebellion?

Protest findet auf der Straße statt. Arman (links) und Arash vor ihrer Produktionsfirma in der Seidengasse im 7. Bezirk in Wien. Glaubt ihr daran, dass es irgendwann einen paradiesischen Zustand geben wird, in dem alle Leute gebildet sind und verantwortungsvoll handeln?

ARMAN: Nein. Aber man darf nicht vergessen: Man hört ja eigentlich immer nur die schlechten News. Man hört sehr oft nur das, was nicht funktionert. Aber es ist bewiesen, dass es insgesamt auf der ganzen Welt einen besseren Bildungsstandard gibt. Es gibt weniger Gewalt, mehr Bildung, mehr Aufklärung, das verbessert sich ja alles. Es wird im Endeffekt immer besser. Nur so, wie die Medien das transportieren, hat man das Gefühl, es wird alles immer schlechter. Aber das ist nicht so.

Unser Thema ist Zorn. Wie zornig seid ihr und auf was?

ARMAN: Ich glaube die Leute macht unglücklich, dass aufgrund des Systems, in dem wir leben, sehr viel schief läuft. Es gibt viel Ungerechtigkeit auf dieser Welt und viele Gründe zornig zu sein. Aber Zorn alleine hilft uns nicht weiter. Wir müssen uns Strategien überlegen, wie wir diesen Zorn ventilieren und DURST 1/12

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etwas Kreatives schaffen können, um etwas gegen diese Ungerechtigkeiten zu unternehmen. Jeder Einzelne kann ganz viele Sachen machen. Wir müssen langsam aus der Passivität rauskommen und Stellung beziehen. ARASH: Ich bin zornig darüber, dass Leute mit Gewalt ihre Ziele erreichen, und andere sich unterdrücken lassen, obwohl sie eigentlich anders könnten. Ich bin zornig, dass ich aus politischen Gründen nicht zurück in den Iran gehen kann, um meine Familie zu sehen und die Menschen dort immer älter werden und sterben. Diese Zeit, die man nicht mit ihnen gehabt hat – und das betrifft nicht nur mich, sondern eben auch viele andere Millionen Leute –, diese Zeit kann uns niemand zurückgeben. Ich bin zornig, dass man uns das genommen hat. ARMAN: Mein Lieblingsspruch aus der Occupy-Bewegung ist: „We‘re gonna be remembered for what we tolerate.“ Was wir akzeptieren und tolerieren, wird das sein, woran sich die nächsten Generationen erinnern werden. Ein Aktivist in Ägypten hat uns eine Geschichte erzählt: Sein Vater hat ihn gefragt: „Warum gehst

du auf die Straße, du riskierst ja dein Leben?“ Er hat gesagt: „Ich muss auf die Straße gehen, weil ihr vor dreißig Jahren nicht gegangen seid.“ Könnt ihr nachvollziehen, dass in Ländern wie Ägypten, dem Iran oder China die Leute still bleiben, weil sie Angst haben? Weil Leute, die sich gegen das System stellen, mit Gefängnisstrafen bedroht oder ermordet werden? ARASH + ARMAN: Natürlich. ARASH: Zu hundert Prozent. Wir

wissen auch nicht, wie wir uns dort verhalten würden. Es ist leicht, hier in Österreich gemütlich die Klappe aufzumachen. Wenn wir dort Familie hätten und unsere Kinder würden auf die Straße gehen wollen, würden wir auch nicht sagen: „Raus mit euch, vielleicht sehen wir uns nie wieder.“ Wir würden wahrscheinlich auch sagen „Bitte bleibt da“ und immer hoffen, dass die anderen es richten. Könnt ihr euch vorstellen, dass Diktatoren glückliche Menschen sind?

ARMAN: Sicher, die leben gut mit ihren Milliarden, so wie Mubarak.

ARASH: Das können die, die es geschafft haben, besser sagen als wir. Aber für mich kann ich sagen: Das Rezept ist, dass man die Meinungen anderer gelten lässt und nicht versucht, sie mit Gewalt von den eigenen Ideen zu überzeugen; die Menschenrechte achten und innerhalb dieses Rahmens Veränderungen herbeiführen. ARMAN: Man muss die Menschen gegen die Unterdrückung vereinen und dabei wirklich gewaltlos bleiben. Sonst kämpft man mit den Regimes genau dort, wo sie am stärksten sind, nämlich in militärischer Auseinandersetzung. Da hat man keine Chance.

Wo wart ihr, als der Arabische Frühling begonnen hat?

ARASH: Ich glaube, ich war zu der Zeit gerade auf einem FilmmarketingWorkshop in Luxemburg, wo ich unser Projekt vorgestellt habe. Es hat damals noch „Iranrevolution“ geheißen, weil der Arabische Frühling eben noch nicht begonnen hatte.

Wart ihr 2009 im Audimax?

ARMAN: Nein, ich war nie dort. Ich wollte eigentlich etwas drehen, aber ich habe gewusst, dass das schon andere machen. Ich habe die Bewegung super gefunden, aber es war der Klassiker: Die Geschichte habe ich von zu Hause, von meinem gemütlichen Sofa aus, verfolgt.

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n re e w h sc e b zu s n u m u , n e m m o k e g d Wir sin Mit freundlichen GrüSSen Als Nörgler vom Dienst namens Josef Durst haben wir uns in Beschwerdebriefen die Wut von der Seele geschrieben und die Geduld unserer Adressaten getestet. Meist bekamen wir sogar Antworten mit „freundlichen Grüßen“. Aber der ÖH war die Sorge eines Vaters um unibrennt („Ich habe recherchiert, aber nichts über ein größeres Feuer gefunden – was geht hier vor? Offenbar werden hier gezielt Brandstiftungen geplant!“) nicht mal eine Antwort wert. Oder haben die den Braten gerochen? Wären sie cool, hätten sie dann erst recht geantwortet. Wie zum Beispiel das Bundeskanzleramt. Hier ein Einblick in unsere Korrespondenz, leicht gekürzt. von der DURST-Redaktion

Sehr geehrte ORF-Redaktion, ich zahle seit Jahren pünktlich meine ORF-Gebühren und zwar freiwillig von Anfang an. Noch nie war einer ihrer GIS-Männer bei mir, um mich zu kontrollieren! Ich hätte mir also viel erspart, aber ich bin ein ehrlicher Mensch. Und was habe ich zurückbekommen? Nichts. Ich verfolge die TV-Sendungen „Die Millionenshow“ jede Woche zweimal, rate fleißig mit und komme meistens ziemlich weit. 50.000 Euro und mehr! Und ich habe mich immer wieder um die Teilnahme beworben, noch nie habe ich Antwort bekommen. Ich habe mir das ausgerechnet: Addiert man meine bisher bezahlten Gebühren, habe ich alleine schon mindestens einen der niedrigeren Gewinnbeträge ausfinanziert! Und Sie lassen mich nie mitspielen! In Sorge, Josef Durst Sehr geehrter Herr Durst, Bei der ersten Runde zur Auswahl der Kandidaten für die Millionenshow entscheidet ein Zufallsgenerator. Es tut mir leid, wenn Sie dadurch noch nie die Möglichkeit hatten, in die nächste Runde des Castings zu kommen. Da wir sehr viele Bewerbungen für diese Sendung haben, entscheidet hier anfänglich das Glück. Ihre Anmerkungen habe ich nichtsdestotrotz der zuständigen Abteilung zur Kenntnis gebracht. Freundliche Grüße Generaldirektion | Marketing und Kommunikation ORF Kundendienst

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Werner Faymann, das waren ja ein paar harte Monate für Sie! Ich verfolge Ihre politische Laufbahn seit Beginn und Sie sind mir immer wieder als „gerader Michel“ aufgefallen – auch wenn Sie Werner heißen! Aber genug der Scherze: Ich darf mich selbst einen Kenner der österreichischen und internationalen Politiklandschaft nennen. Als langjähriger aktiver Wähler macht man so seine Erfahrungen. Und bei aller Bewunderung: Sie haben in letzter Zeit keinen souveränen Eindruck gemacht! Deshalb habe ich mich entschlossen meine Hilfe anzubieten: Kommen Sie doch einfach einmal bei mir im Waldviertel vorbei, ich koche ein vorzügliches Szegediner-Krautfleisch . Dann unterhalten wir uns in Ruhe – ich habe ein paar Ideen, die Ihnen bestimmt gefallen werden! Kopf hoch, Josef Durst Sehr geehrter Herr Durst, vielen Dank für Ihr – nicht ganz ernst gemeintes – E-Mail an Herrn Bundeskanzler Werner Faymann. Wir freuen uns sehr, wenn Sie uns Ihre Ideen schriftlich zukommen lassen, wobei Sie sich dazu noch ein Essen ersparen. In diesem Sinne und mit freundlichen Grüßen Kabinett des Bundeskanzlers

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Meine sehr geehrten Damen und Herren von Billa, ich musste mich doch sehr wundern, als mir mein Enkel mit Stolz seine Sammlung an Billa-Pickerln zeigte. „Unser Österreich Stickerbuch“ ist da auf dem Titelblatt zu lesen. Ich halte es für eine bodenlose Frechheit in diesem Zusammenhang „Winnetou“ als Pickerl auszugeben. Sie preisen ihr Produkt mit den Nationalfarben unseres Staates, um dann einen Indianer, gespielt von einem Franzosen, in einer Reihe mit Größen wie Wolfgang Amadeus Mozart zu nennen. Ich fordere Sie hiermit zur Erklärung dieses offensichtlichen Fehltrittes auf. Hochachtungsvoll, Josef Durst Sehr geehrter Hr. Durst, Es freut uns, dass Ihr Enkel ein stolzer Sammler der Österreich Sticker ist. In unserem Österreich Stickerbuch führen wir, neben österreichischen Größen, Bauwerken, einheimischen Tieren und vielem mehr, u.a. auch traditionsreiche Veranstaltungen von Österreichern in Österreich an. Dazu zählen auch die jährlichen Winnetou-Festspiele in Winzendorf. Auf dem Sticker ist auch nicht Pierre Brice sondern Maximilian Spielmann, ein Wiener Kameramann und Schauspieler abgebildet, der bei den Winnetou-Festspielen den jungen Winnetou verkörpert. Die fiktive Romanfigur Winnetou wird hier natürlich nicht in einer Reihe mit realen österreichischen Persönlichkeiten genannt, sondern steht stellvertretend für eine langjährige österreichische Veranstaltung. Mit freundlichen Grüßen REWE International AG, BILLA Marketing – CRM, Projektkoordination Kundenclub

Sehr geehrte Damen und Herren von den Wiener Linien, seit Jahrzehnten bin ich zahlender Kunde der Wiener Linien, täglich fahre ich mit Ihrer U-Bahn in die Arbeit. Allerdings werde ich immer öfter von nach Alkohol stinkenden Jugendlichen und Müttern mit übergroßen Kinderwägen gestört. Platz zum Hinsetzen gibt es sowieso nie. Wann unterbinden die Wiener Linien endlich den Zugang zum öffentlichen Verkehr für Menschen, die derart unangenehm auffallen? Mit freundlichen Grüßen, Josef Durst Sehr geehrter Herr Durst!  In unseren Beförderungsbedingungen ist geregelt, wie sich Fahrgäste benehmen müssen, damit wir sie mitnehmen. Leider gibt es rücksichtslose Menschen, die sich nicht an Benimmregeln halten. Um diese Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Verhalten andere Fahrgäste stört, haben wir eine Plakataktion mit Herrn Dkfm. Prof. Thomas Schäfer-Elmayer gestartet. Auch unsere Teams des Linienservices schreiten ein, wenn sie bemerken, dass sich Fahrgäste „daneben benehmen“. Mit freundlichen Grüßen WIENER LINIEN GmbH & Co KG Kundendienst DURST 1/12

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Hier wird nicht lange herumgeredet, sondern gespielt. Beim SchulTheaterprojekt „Empört Euch“ geht es darum, Jugendlichen gewaltlosen Umgang in Konflikten, Vertrauen und Fairness zu vermitteln.

von Manuel Köllner

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Meinem Zorn kann man nicht helfen

toj! Stoj! Stoj!“ Das Mädchen mit rundem Gesicht und dunkelbraunem Pferdeschwanz schreit aufgeregt. „Idi! Idi!“ Ein blasser Bursche mit dichten Augenbrauen befiehlt: „Non, à droite, à droite!“ Das Mädchen mit krausem Haar und dunklem Teint scheint zu verzweifeln – und grinst dann amüsiert. So wie alle anderen Jugendlichen. Auch die, die gerade mit zugekniffenen Augen über den Holzboden des schmucklosen Saals gelotst werden. Hier wird auf Französisch, Türkisch, Serbisch, Kroatisch und Arabisch kommandiert.

Regisseurin Asli Kislal will Jugendzorn inszenieren. Die Schüler wollen ­lieber schauspielern – zornlos. Obwohl sie durchaus Gründe haben wütend zu sein.

Reden wir diese Stunde wieder so viel?

Ich will nicht dauernd mit meiner Schwester verglichen werden! Ich bin doch ich, oder?

Die Multikulti-Theatergruppe kommt Aşlı Kıslal gerade recht für dieses Spiel. Die austrotürkische Regisseurin verantwortet Sprachgewirr und Gelächter. Sie bringt den Schülerinnen und Schülern der Neuen Mittelschule Koppstraße in Wien-Ottakring das Schauspielen näher. Die Regisseurin unterscheidet sich weder durch Größe noch Temperament von der Klasse. Auch sie hat ein breites Grinsen aufgezogen. Die 14- und 15-Jährigen sollen in einer fremden Sprache einen nichtsehenden Mitschüler führen – also mit mündlichen Anweisungen. Sie geben alles. „Was ist einfacher: Geführt zu werden oder die Verantwortung zu haben?“, fragt die Theatermacherin. Ein Mädchen jammert über die Übung, die sei ihr zu kompliziert, all diese Sprachen. „Aber stell dir vor: Du hast in fünf Minuten drei Sprachen gelernt!“, argumentiert Aşlı Kıslal. „Ja, aber ich war blind!“ Ein Totschlag­argument. Schülerin und Regisseurin lachen gemeinsam.

Projekt „Empört Euch!“ Geplant war das Ganze als ein ­Theaterprojekt des Zorns, als Teil der Initiative „Macht.Schule.Theater“, die vom Verein „Weiße Feder“ veranstaltet wird. Die Initiative setzt sich

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Fotos: Manuel Köllner • klebebild: Kurt Rudolf

SPrachtumult

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für Fairness und gegen Gewalt ein und wird vom Bildungsministerium gefördert. Die Aktion findet in ganz Österreich statt. 26 Theatergruppen arbeiten an 61 Schulen mit Jugendlichen. Einmal pro Woche verbringt Kıslal eineinhalb Stunden mit den Schülerinnen und Schülern der ­Theatergruppe in der Koppstraße. Das Gleiche macht sie auch an der Kooperativen Mittelschule Selzergasse (15. Bezirk) – frei nach ­Stephane Hessels Aufruf ­„Empört euch!“. So lautet auch der Titel von Kıslals Projekt. Aşlı Kıslal ist auch Mitgründerin und Leiterin der freien Wiener Theatergruppe „daskunst“. Diese hat vor kurzem die Reihe „Pimp My Integration“ im Off-Theater Garage X am Petersplatz mitkuratiert. „Pimp My Generation“ untersuchte ein halbes Jahr lang die Möglichkeiten von „postmigrantischem“ Theater. Gruppen aus Österreich und dem Ausland wurden eingeladen, um Theaterprojekte zu präsentieren, die sich mit dem Alltag von Einwanderern und Migration im Allgemeinen beschäftigen.

Ob das die Polizei gut findet? Aşlı Kıslal hatte ursprünglich vor, in der Schule ein handfestes OccupyKlassenzimmer zu initiieren. Oder etwas Ähnliches. So richtig klappt es aber nicht. Die Schüler gehen viel zu enthusiastisch an die Schauspielerei heran. Der Zorn weicht dem Spaß am Spiel. „Reden wir diese Woche wieder so viel?“ hört Kıslal zu Beginn der Stunde. Nein, es wird Theater gespielt. Mit dem „viel reden“ meinen die Schüler den Sesselkreis. In der vorigen Stunde versuchte Kıslal die Gedanken der Mädchen und Burschen auf das eigentliche Thema zu lenken. „Ich will,

dass ihr sagt, was euch zornig macht und ich möchte, dass ihr das zum Ausdruck bringt“, teilt sie der Runde mit. „Wie?“, fragt Thiago*, ein schmaler, großer Bursche mit schwarzen Locken. Er sitzt zurückgelehnt und stützt den Kopf in seine dahinter verschränkten Arme. „Das müsst ihr entscheiden. Wir könnten zum Beispiel eine Demonstration machen.“ „So richtig auf die Straße und ­alles?“ „Ja.“ „Glauben Sie nicht, wenn uns die Polizei sieht, dass die was dagegen ­haben wird?“ „Nein, warum sollte sie?“ „Es ist doch immer so. Die Demonstranten protestieren und sagen, wir wollen das. Und die anderen sagen ‚Nein‘ und dann – na, dann ist Bürgerkrieg.“ Die meisten Kinder mit Migrationshintergrund wie der Brasilianer Thiago haben nichts anderes erlebt in den Ländern, aus denen sie kommen. Und sie erleben auch in Österreich immer noch genügend, um ordentlich zornig zu sein. Auch die in Österreich Geborenen. Aber viele haben Schwierigkeiten ihren Ärger auf den Punkt zu bringen. Sie klagen über „Ungerechtigkeit“ und „Druck“. Über Streitereien mit Eltern oder Geschwistern. Mädchen aus patriarchalischen Familien wollen endlich für voll genommen werden. „Ich will nicht dauernd mit meiner Schwester verglichen werden. Ich bin doch ich, oder?“, empört sich eine Schülerin mit kräftiger Stimme im Sesselkreis. Eine andere schweigt nur und blickt zu Boden. Ihre Sitznachbarin im Sesselkreis springt ein und erklärt, dass der Vater ihrer Sitznachbarin vor

Regisseurin Aşli Kıslal zeigt Jugendlichen, wie sie ihre Gefühle ausdrücken können.

Das Kunst

kurzem gestorben sei. Schweigen in der Runde. Ein weiteres Mädchen möchte gar nicht sagen, was sie bedrückt. Sie schüttelt nur traurig den Kopf. Aşlı Kıslal verzichtet darauf nachzufragen. Thiago ist zornig auf die Gewalt, die seine Familie erlitten hat. Er ist in den Favelas von Rio de Janeiro aufgewachsen und sagt: „Meinem Zorn kann man nicht helfen.“ „Ich will, dass sich die Schüler klar ausdrücken, über ihr Handeln und ihre Gefühle nachdenken können“, sagt Aşlı Kıslal über das Projektziel. Das bringe mehr als irgendein Abschlussprojekt. Das soll es aber auch geben. Vielleicht eine kleine Aufführung oder ein Video. Bis es soweit ist, haben die Schülerinnen und Schüler Spaß daran sich in Szene zu setzen und nicht sooo viel über ihren Ärger reden zu müssen. * Name geändert

Der Theater- und Kunstverein besteht seit sieben Jahren in Ottakring. Künstlerische Leiterin ist Asli Kislal, Dramaturgin und Produktionsleiterin ist Carolin Vikoler. Das feste, ethnisch bunt gemischte Ensemble realisiert seine Stücke in Kooperation mit verschiedenen Bühnen in und außerhalb Wiens. daskunst will die „Diversität der österreichischen Gesellschaft“ zeigen. In ihren oft sozialkritischen Stücken verarbeitet die Gruppe aktuelle Themen – und nicht immer mit explizit migrantischem Hintergrund. Sie zeigen Menschen von heute, die oft hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleiben und ihren Vorurteilen doch nicht entfliehen können. www.daskunst.at

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Wohin mit meinem Zorn? Manche Sachen sind echt zum Aus-der-Haut-Fahren. Vor allem im Straßenverkehr, wie wir festgestellt haben. Und an der Uni. Jeder geht anders mit seinem Zorn um. Vier persönliche Fallbeispiele. Von Stephanie Lehner, Anna Schiester, Raffael Fritz und Thomas Askan Vierich

Ein SUV bleibt quer auf dem Radweg stehen. Ich hau‘ ihm beim Ausweichen mit der flachen Hand aufs Dach. Daraufhin haut mir der Fahrer die Brille kaputt und rast davon. Alles klar: Nötigung und Fahrerflucht in Tateinheit. Ich verklage ihn. Einen Zeugen habe ich auch. Vor Gericht muss ich mich aber wegen Beschädigung des Autos verantworten. Am Ende kommt es zu einem „Vergleich“. Niemand bezahlt meine Brille, nur meine Anwaltskosten bekomme ich zurück. Da war ich erst richtig zornig.

„Ich hasse die Uni Wien. Alle! Ah!” wütete ich im Skype-Chat mit einem Freund in Hannover. Obwohl ich diesen Herbst mit nur 160 Kollegen ein „Orchideenfach“ (Orientalistik) erstbelegte, war auch ich von der STEOP betroffen. „Wenn du zweimal durchfällst, bist du für Orientalistik lebenslang gesperrt!“ Ich glaube ich habe die STEOP nur geschafft, weil ich meine Prüfungsangst via Skype rausgeschrien habe.

Ich wär so gern ein Fahrradrowdy. Doch wenn Hofratswitwen ihre Möpse auf mich hetzen, weil ich zwei Meter neben ihnen auf dem Radweg vorbei fahre oder Audi-Fahrer mich nur als bewegliches Ziel wahrnehmen, denke ich bloß: Scheiß drauf. Sonst werden im Verkehr alle zu Cholerikern – doch sitze ich im Sattel, werde ich zum Zen-Meister. Wenn ein Fahrrad umfällt und niemand ist dabei, macht es dann ein Geräusch?

früchtchen: kurt rudolf

Ein Abenteuer für Landeier: Mit dem Auto nach Wien. Alles lief nach Plan, doch dann: am zweiten Tag abgeschleppt. Macht 280 Euro. Mit dem Autoradio haben wir unseren Zorn abreagiert: laut aufgedreht und losgewütet. Der Herr am Abschlepphof kann ja nix für unsere Parkunfähigkeit.

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