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FALTER

Bücher-Frühling 2010 Nr. 10a/10

ILLUSTR ATION: BIANC A TSCHAIKNER

77 Bücher auf 48 Seiten

Sigrid Löffler über den Migranten als Leitfigur +++ Schwerpunkt: Ehebruch hat wieder Saison +++ 8 Seiten mit Literatur aus Österreich +++ Körperkult & Schönheitswahn +++ 100 Jahre Karl Lueger +++ Wege der Evolution Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2239/2010

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08.03.2010 17:20:50 Uhr


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Falter citywalks

Inge Podbrecky

Florian Holzer

Inge Podbrecky

Erich Klein

Wiener Jugendstil

Wiener Szenelokale

Rotes Wien

Denkwürdiges Wien

auch in Englisch: Viennese Jugendstil

auch in Englisch: Vienna’s Hot Spots

Christopher Wurmdobler

Inge Podbrecky

Carsten Fastner

Irene Hanappi

Queer Vienna

Wiener Interieurs

Mozart und Wien

Bratislava auch in Englisch: Bratislava

Irene Hanappi

Antje Senarclens de Grancy

Florian Holzer

Irene Hanappi

Brünn

Architektur in Graz

Wein und Wien

Linz

Falters CITYwalks „Falters CITYwalks“ eröffnen neue Stadt- und Blickwinkel. Sie machen Teilaspekte der Kunst und Kultur der Städte Wien, Graz, Linz, Bratislava und Brünn ergehbar, ersehbar und erfahrbar und führen zu den Orten, die man immer schon entdecken wollte.

Je Band 5 9,90

Bestellen unter: www.faltershop.at T: 01/536 60-928, F: 01/536 60-935 E: service@falter.at oder in Ihrer Buchhandlung


IN HALT

Liebe Leserin, lieber Leser Die Belletristik beginnt mit einem Essay über das Phänomen der „Global Literature“. Geschrieben hat ihn Sigrid Löffler, die sich auch gleich noch mit dem Ehebruch befasst hat, der literarisch wieder en vogue ist. Vor den amourösen Turbulenzen kommen Kindheit und Jugend, am Ende steht der Tod, und dieser Lebensdramaturgie folgt der Literaturteil auch weitgehend, wobei Österreich und dessen Nachbarn im Osten mit eigenen Schwerpunkten besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Sachbücher wundern sich über Grundlegendes: die Evolution der Kinderaufzucht beim Menschen und die des Gehirns, die Geschichte des Essens und der Gärten, das Liebesleben der Tiere und Wiens ebenso legendären wie umstrittenen Bürgermeister Karl Lueger, der exakt 100 Jahre vor Erscheinen dieser Frühjahrs-Buchbeilage verstarb. K IR STIN BR EITENFELLNER , K L AUS NÜCHTERN

Illustrationen

Das ist Bianca Tschaikner. Sie hat diese Beilage durchgängig illustriert. Die gebürtige Dornbirnerin (Jg. 1985) lebt seit einem halben Jahr in Tanger. Mehr von und zu ihr auf der Homepage: www.biancatschaikner.com Inhalt

Literatur Essay: Was ist „Global Literature“? Seite 4—6 Kindheit und Jugend Seite 8—10 Lieben heißt Leiden Seite 11—14 Unsere Freunde aus dem Osten Seite 15—17 Aus heimischem Anbau Seite 20—26 Finis Seite 27 Sachbuch Schönheitswahn Seite 29 Evolution der Kinderaufzucht Seite 30 100. Todestag von Karl Lueger Seite 37 Kochen Seite 46 Index

Literatur Barnes, Julian 27 Boyle, T.C. 8 Coetzee, J.M. 7 Draesner, Ulrike 11 Drew, Alan 10

Faktor, Jan 15 Geiger, Arno 11 Grill, Andrea 23 Hundegger, Barbara 22 Keegan, Nicola 10 Klein, Georg 8 Kratochvil, Jiri 16 Lang, Thomas 10 Mitgutsch, Anna 22 Obermayr, Richard 24 Ollestad, Norman 9 Ramnek, Hugo 10 Roth, Philip 12 Röggla, Kathrin 20 Scharang, Michael 26 Scholl, Sabine 25 Schulz, Frank 14 Shapton, Leanne 12 Tolstoi, Lew 13 Topol, Jáchym 16 Winkler, Andrea 23 Závada, Pál 17

Sachbuch Ansary, Tamim 36 Asserate, Asfa-Wossen 39 Beavan, Colin 33 Becker, Oliver G. 39 Bennemann, Markus 34 Berz, Gerhard 32 Beuys, Barbara 36 Blaffer Hrdy, Sarah 30 Boulard Cordeau, Brigitte 46 Boyer, John W. 37 Brendel, Alfred 44 Dudemaine, Sophie 46 Ehrlich, Anna 37 Eisewicht, Paul 44 Frei, Martina 41 Galbraith, John Kenneth 43 Gray, John 35 Grenz, Tilo 44 Harriot, Ainsley 46 Harrison, Robert 45 Heigl, Berthold 46 Henschel, Gerhard 40

Hofmann, Irmengard 46 Hölldobler, Bert 34 Judt, Tony 38 Kitchen, Leanne 46 Lafer, Johann 46 Linden, David J. 32 Mattioli, Aram 38 Meuth, Martina 46 Neudeck, Rupert 39 Neuner-Duttenhofer, Bernd 46 Niemann, Tobias 34 Orbach, Susie 29 Proebst, Margit 46 Ramsay, Gordon 46 Skidelsky, Robert 43 Standage, Tom 31 Stein, Rick 46 Wilson, E.O. 33 Wyss, Beat 40 Zapperi, Roberto 42 Zellini, Paolo 41 Ziegler, Günter M. 41

Impressum Falter, Zeitschrift für Kultur und Politik. 33. Jahrgang. 1011 Wien, Marc-Aurel-Str. 9, T: 01/536 60-0, F: 01/536 60-912, E: wienzeit@falter.at Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschrift en Ges.m.b.H. Redaktion: Kirstin Breitenfellner, Klaus Nüchtern Layout: Barbara Blaha, Reinhard Hackl, Raphael Moser Korrektur: Hildegard Atzinger, Helmut Gutbrunner, Patrick Sabbagh, Marie Yazdanpanah, Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln, DVR-Nr. 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten.

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Editorial

Besprochene Autoren

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A. Punkt, Fischerstiege 1–7, 1010 Wien Aichinger Bernhard, Weihburggasse 16, 1010 Wien Berger, Kohlmarkt 3, 1010 Wien Freytag & Berndt, Kohlmarkt 9, 1010 Wien Frick, Kärntner Straße 30, 1010 Wien Herder, Wollzeile 33, 1010 Wien Kuppitsch, Schottengasse 4, 1010 Wien Leo & Co., Lichtensteg 1, 1010 Wien Lia Wolf, Bäckerstraße 2, 1010 Wien Löwelstraße, Löwelstraße 18, 1010 Wien Morawa & Styria, Wollzeile 9, 1010 Wien Morawa & Styria, Rotenturmstraße 16–18, 1010 Wien ÖBV, Schwarzenbergstraße 5, 1010 Wien Schottentor, Schottengasse 9, 1010 Wien tiempo, Johannesgasse 16, 1010 Wien Facultas im NIG, Universitätsstraße 7, 1010 Wien Winter, Landesgerichtsstraße 20, 1010 Wien Frick International, Schulerstraße 1–3, 1010 Wien Lhotzkys Literaturbuffet, Taborstraße 28, 1020 Wien tiempo nuevo, Taborstraße 17a, 1020 Wien Thalia, Landstraßer Hauptstraße 2a/2b, 1030 Wien Ebbe und Flut, Radetzkystraße 11, 1030 Wien Laaber, Landstraßer Hauptstraße 33, 1030 Wien Jeller, Margaretenstraße 35, 1040 Wien Malota, Wiedner Hauptstraße 22, 1040 Wien Lehrmittelzentrum Technik, Wiedner Hauptstr. 6, 1040 Wien Thalia, Mariahilfer Straße 99, 1060 Wien BVG-Bücherzentrum, Mariahilfer Straße 1c, 1060 Wien Hintermayer, Neubaugasse 27, 1070 Wien Krammer, Kaiserstraße 13, 1070 Wien Posch, Lerchenfelder Straße 91, 1070 Wien Walther König, Museumsplatz 2, 1070 Wien Bernhard Riedl, Alser Straße 39, 1080 Wien Eckart, Josefstädter Straße 34, 1080 Wien Lerchenfeld, Lerchenfelder Straße 50, 1080 Wien Buch-Aktuell, Spitalgasse 31, 1090 Wien Leporello, Liechtensteinstraße 17, 1090 Wien Löwenherz, Berggasse 8, 1090 Wien Management Bookservice, Augasse 5–7, 1090 Wien Reisebuchladen, Kolingasse 6, 1090 Wien Yellow, Garnisongasse 7, 1090 Wien BVG-Bücherzentrum, Schönbrunner Straße 261, 1120 Wien Bestseller, Hietzinger Hauptstraße 22, 1130 Wien Hartleben, Hütteldorfer Straße 114, 1140 Wien Morawa V.I.C., Hackinger Straße 52, 1140 Wien Book Point 17, Kalvarienberggasse 30, 1170 Wien Hartliebs Bücher, Währinger Straße 122, 1180 Wien Baumann, Gymnasiumstraße 58, 1190 Wien Fritsch Georg, Döblinger Hauptstraße 61, 1190 Wien Stöger, Obkirchergasse 43, 1190 Wien Thalia, Q19, Kreilplatz 1, 1190 Wien Thalia, SCN, Ignaz-Köck-Straße 1, 1210 Wien Bücher Am Spitz, Am Spitz 1, 1210 Wien LeseZeit, Stockholmer Breitenfurter Straße, 1230 Wien BVG-Bücherzentrum, SCS, Top 155, 2331 Vösendorf Morawa & Styria, SCS, Top 49A, 2331 Vösendorf Berthold, Hauptstraße 51, 2340 Mödling Dietz GmbH, Bahnstraße 1, 2351 Wiener Neudorf Valthe, Wiener Gasse 3, 2380 Perchtoldsdorf Hikade, Schulgasse 2a, 2700 Wiener Neustadt Mitterbauer, Wiener Straße 10, 3002 Purkersdorf Sydy’s, Wiener Straße 19, 3100 St. Pölten Thalia Kremsergasse 12, 3100 St. Pölten Schmidl, Obere Landstraße 5, 3500 Krems/Donau Alex, Hauptplatz 17, 4020 Linz Thalia, Landstraße 41, 4020 Linz Thalia, Schmidtgasse 27, 4600 Wels Thalia, Pfarrgasse 11, 4820 Bad Ischl Michael Neudorfer, Hinterstadt 21, 4840 Vöcklabruck Thalia, Wohlmeyrgasse 4, 4910 Ried/Innkreis Motzko, Rainerstraße 24, 5017 Salzburg Höllrigl, Sigmund-Haff ner-Gasse 10, 5020 Salzburg Morawa & Styria – Europark, Europastraße 1, 5020 Salzburg Morawa & Styria SCA, Alpenstraße 107, 5020 Salzburg Rupertusbuchhandlung, Dreifaltigkeitsg. 12, 5020 Salzburg Facultas NAWI-Shop, Hellbrunner Straße 34, 5020 Salzburg Engelhard Brandstätter, Marktplatz 15, 5310 Mondsee Morawa & Styria Sillpark, Museumstraße 38, 6020 Innsbruck Tyrolia, Maria-Theresien-Straße 15, 6020 Innsbruck Wagner!sche, Museumstraße 4, 6020 Innsbruck Jöchler, Malserstraße 16, 6500 Landeck Eulenspiegel, Marktstraße 42, 6845 Hohenems Ananas, Marktplatz 10, 6850 Dornbirn Brunner, Montfortstraße 12, 6900 Bregenz Brunner, Dr.-Schneider-Straße 22, 6973 Höchst Dradiwaberl Uni-Shop, Zinzendorfgasse 25, 8010 Graz Pock, Hauptplatz 1, 8010 Graz Leykam, Europaplatz 4, 8010 Graz Leykam, Stempfergasse 3, 8010 Graz Moser Ulrich, Herrengasse 23, 8010 Graz Leykam, Grazerstraße 9, 8330 Feldbach Heyn Johannes, Kramergasse 2, 9020, Klagenfurt

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Das Paradies ist verloren. Aber was   k SIGRID LÖFFLER

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or 50, 60 Jahren gab es junge Menschen, die nur ein Ziel auf Erden kannten – die Metropole des Weltreichs. Dort wollten sie hin, dort wollten sie sein. Diese jungen Leute bildeten eine Vorhut: Sie strebten von der Peripherie, von den Rändern des Weltreichs ins Zentrum. Sie waren Bürger des Commonwealth, und London war ihr Zielort.

Down and Out in London Aber als sie dann endlich durch die Straßen Londons trotteten, fühlten sie sich dort nicht wohl. Sie waren unglücklich, zerquält, verschlossen, einsam und geistesabwesend. Sie fühlten sich fremd, und sie waren auch fremd. Sie schleppten ein Handicap mit sich, das ihnen anzusehen oder mindestens anzuhören war, sobald sie den Mund aufmachten: ihre Herkunft. Sie waren aus den Kolonien in die immer noch mächtige Hauptstadt des britischen Empire gekommen, und London ließ sie spüren, dass sie hier bestenfalls geduldet waren, Commonwealth hin oder her. Ihre Herkunft war eine innere Wunde, die zu bluten nicht aufhörte. Diese Wunde bereitete ihnen Schmerz, und dieser Herkunftsschmerz zeitigte die widersprüchlichsten Gefühle: Sehnsucht, Abwehr, Scham, Selbsthass, Widerwillen und Trauer. Sie alle wollten schreiben, damit die Wunde sich schlösse. Doch zugleich wussten sie: Das Schreiben über die Herkunft (und worüber sonst sollten sie schreiben?)

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würde die Wunde ständig neu aufreißen. So lebten diese jungen Leute wie im Dämmerzustand, in einem Zwischenreich zwischen Herkunft und Ankunft, nicht mehr dort und noch nicht hier. Diese jungen Leute der 50er-Jahre kamen aus Rhodesien, aus der Karibik oder aus Südafrika. Eine Art Krampf umklammerte in London ihre Seele und ihr Gemüt: Sie schämten sich ihrer Wurzeln, sie fühlten sich unterlegen und litten darunter. Dieser Krampf konnte erst weichen, als er beschreibbar geworden war, als die Schande der kolonialen Herkunft durch die Schrift getilgt wurde, aufgehoben in und durch Literatur. Diese jungen Leute schrieben schließlich Romane über ihre ersten Londoner Jahre, denen die schmerzlichen autobiografischen Erfahrungen auf jeder Seite abzulesen waren. Ihre Bücher tragen Titel wie „Kinder der Gewalt“, „Die jungen Jahre“ oder „Das Rätsel der Ankunft“. Indem diese Menschen über ihre Herkunft schrieben, die Fremde und ihr eigenes Fremdsein zu ihrem Thema machten, wurde der verschwiegene Makel der Herkunft offenbar und damit auch getilgt. Im Laufe der Jahre wurden die jungen Fremden zu literarischen Wortführern ihres Zeitalters, sie gelangten zu höchsten Ehren, wurden zum Teil geadelt, ihr Werk wurde kanonisiert, sie allesamt sind heute Literaturnobelpreisträger: Doris Lessing aus Südrhodesien, Sir V. S. Naipaul aus Trinidad und J.M. Coetzee aus Südafrika. Sie waren die Vorhut, die Pioniere und Wegbereiter, sie widmeten sich als Erste

BEST OF GLOBAL eine Empfehlung

Nadeem Aslam: Das Haus der Fünf Sinne Afghanistan aus der Perspektive der Taliban-Opfer (Rowohlt)

Daniel Alarcón: Lost City Radio Leben im verordneten Vergessen nach dem peruanischen Bürgerkrieg (Wagenbach)

dem Thema der Epoche, der „Fremde“. In Anziehung und Abstoßung waren sie alle auf einen Ort fixiert und kulturell geprägt: auf die Weltstadt London in der Endphase der Auflösung des britischen Imperiums. Sie alle durchlebten in England identitätserschütternde Metamorphosen, doch letztlich gingen sie existenziell gestärkt und bereichert aus diesen Krisen hervor. Sie konnten noch klar erkennen, wo die Peripherie und wo das Zentrum war – und sie waren im Zentrum angekommen. London hatte sie durchgerüttelt und mit neuen Identitäten ausgestattet. Sie standen am Übergang zum postkolonialen Zeitalter, in ihren Büchern wurde das Zeitalter des Kolonialismus ins Postkoloniale umcodiert, ihnen wurde die koloniale Welt in der Stunde ihres Verschwindens auf völlig neue Art lesbar.

Ein Leben im Zwischenraum Heute, ein halbes Jahrhundert später, hat sich der Umbruch, von dem die Bücher dieser Vorreiter kündeten, rasant beschleunigt. Aufbrüche und Umbrüche finden in allen Winkeln der Erde statt. Peripherie und Zentrum sind nicht mehr klar zu unterscheiden. Die globalisierte Welt ist eine nomadische Welt, und mit dem Zerfall traditioneller Zugehörigkeiten ist der Migrant zur Leitfigur einer mobilen Gesellschaft aufgerückt. Das Thema „Fremde“ ist inzwischen zum Zentralbegriff der politischen Debatte avanciert. Für die Migrationsströme aus den einstigen Kolonien ist London heute nur noch ein Ziel unter vielen. Allerorten haben sich

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s   kommt danach? Menschen in Bewegung gesetzt und in alle Richtungen auf den Weg gemacht, mitsamt ihren Erinnerungen, ihren Träumen und Sehnsüchten, ihren Enttäuschungen und Verlusterfahrungen, ihrer Sprache und ihrem ganzen kulturellen Gepäck. Zumeist kommen sie aus Krisenregionen und flüchten aus Bürgerkriegszonen, und zumeist suchen sie Zuflucht in der Europäischen Union oder in Nordamerika. Ihnen allen gemein ist einzig die Erfahrung der Fremde. Die Geschichten, die diese Migranten zu erzählen haben, unterscheiden sich von allen, die wir bisher zu hören und zu lesen bekommen haben, sind doch die Autoren zumeist selbst, was sie thematisieren und problematisieren: Fremde. Der Migrant als Prototyp der mobilen Moderne ist zur Leitfigur der zeitgenössischen Literatur geworden. Fremde – der, die, das Fremde – erscheint als wichtigster Topos einer neuen transnationalen Literatur, die getragen wird von Autoren aus bisher literarisch kaum wahrgenommenen Weltgegenden. So gut wie alle Literaturnobelpreisträger dieses Jahrtausends haben das Fremdsein und das Leben in der Fremde zu ihrem literarischen Thema gemacht: Orhan Pamuk ebenso wie V.S. Naipaul, J.M. Coetzee und Doris Lessing ebenso wie J.M.G. Le Clézio. Auf ihre Art auch Herta Müller, die „Reisende auf einem Bein“. Sie alle beschreiben eine Welt „in Transit“ und erzählen vom provisorischen Leben im permanenten Zwischenraum – in einem auf Dauer gestellten Transitorium zwischen Aufbruch und Ankunft.

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In der „Global Literature“ ist der Gegensatz von Zentrum und Peripherie aufgehoben. Der Migrant wird zur Leitfigur der mobilen Moderne

Die Bedingungen der Literaturproduktion haben sich also grundlegend verändert, nationale Literaturen werden überlagert von trans- oder postnationalen Literaturen, die Entterritorialisierung der Autoren zeitigt auch eine neue entterritorialisierte Literatur. Wir bekommen es mit vielfältigen kulturellen Mischungen, aber auch kulturellen Konfrontationen zu tun. Längst lassen migrantische Welterfahrungen und das existenzielle Grenzgängertum dieser nomadischen Autoren mit ihren Mehrfach­ identitäten die Unterschiede zwischen Peripherie und Zentrum verschwimmen. Je nachdrücklicher sich Stimmen aus bislang literarisch stummen Weltregionen Gehör zu verschaffen beginnen, desto weniger gefragt ist der alte paternalistische Eurozentrismus. Mit dem wohlwollend herablassenden Blick des zentrumsgewissen Westlers kann man dieser Literatur nicht gerecht werden.

David Chariandy: Der karibische Dämon Integrationsmühen einer nach Kanada ausgewanderen Familie (Suhrkamp)

Die Stunde der Sprachwechsler Für diese neu entstehende, entterritorialisierte Literatur beginnt sich auch ein neuer Gattungsbegriff einzubürgern: Global Literature. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erscheint der Begriff der Nationalliteratur längst als überholt; auch der Begriff der Weltliteratur greift angesichts dieser neuen Entwicklungen nicht mehr richtig. Wir bekommen es mit postnationaler Kultur und mit globalisierter Literaturproduktion zu tun. Insofern scheint der Terminus Global Literature in der Tat angebracht. Global Literature ist eine Literatur in Bewegung, eine Literatur ohne festen Wohn-

Assia Djebar: Nirgendwo im Haus meines Vaters Autobiografischer Roman einer algerischen Kindheit (S. Fischer)

sitz, eine Literatur der Unbehaustheit, sehr oft überdies eine Literatur der Nicht-Muttersprachlichkeit, die von Sprachwechslern geschrieben wird. Türken, Serben, Bosnier, Bulgaren, Ungarn, Tschechen, Russen wandern in die deutsche Sprache ein und mutieren zu deutschsprachigen Schriftstellern: Feridun Zaimoglu, Dimitre Dinev und Ilija Trojanow, Libuše Moniková, Wladimir Kaminer und Vladimir Vertlib, Terézia Mora und Saša Stanišic´. Die überwiegende Mehrzahl dieser Sprachwechsler wechselt allerdings ins Englische. Inder, Peruaner, Palästinenser, Äthiopier, Karibik-Bewohner, Kurden, Afghanen, Pakistani, Libanesen, Tamilen, Bangladescher, Somalier, Vietnamesen, Chinesen lassen ihre Herkunftssprachen hinter sich und beginnen, auf Englisch zu schreiben. Die führende Sprache der einstigen Kolonialherren ist zur Lingua franca der postkolonialen globalen Literatur geworden, ironischerweise. Die Sprache, insbesondere das Englische, ist demokratisch. Man kann sich der englischsprachigen Literatur von überall her zugesellen: „Jeder kann die englische Sprache zu seiner Heimat erklären, und niemand kann aus ihr verbannt werden“, sagt etwa der Schriftsteller Aleksandar Hemon, ein gebürtiger Bosnier aus Sarajevo mit serbischen und ukrainischen Wurzeln, der in Chicago lebt und seine Bücher auf Englisch schreibt. Da diese entterritorialisierten Autoren mit ihrem ganzen kulturellen HerkunftsgeFortsetzung nächste Seite

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Fortsetzung von Seite 5

päck in die neue Sprache und Kultur eingewandert sind, leisten sie als Migranten und als Sprachwechsler ihren Teil einer Übertragungs- und Vermittlungsarbeit zwischen den Kulturen – im Weltmaßstab. In einer Welt der Übersetzungen leisten sie Dolmetscherdienste, indem sie Kulturen – also Geschichte, Religion, Lebensstile, Mythen, Künste, Traditionen – nicht nur beschreiben, beglaubigen und tradieren, sondern indem sie ihre jeweilige Kultur auch anderen vermitteln, sie ihnen übersetzen. Durch diese Übertragungsarbeit ändert sich der Blick auf die eigene wie auch auf die fremde Kultur.

Das Ende des Multi-Kulti-Traums Mit neuer Dringlichkeit umkreist und aktualisiert die Global Literature daher ihre zentralen Anliegen. Sie untersucht die Chancen eines friedlichen Zusammenlebens in Menschenwürde und Toleranz. Die Identitätsproblematik wird angesichts des Facettenreichtums interkultureller Amalgamierungen zur Grundfrage schlechthin und Hybridität zum Leitbegriff dieser Literatur.

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Hybridität ist jedoch nicht gleichbedeutend mit individueller Glückserfahrung. Der Boom des multikulturellen Überschwangs ist lang vorbei, der Traum von der seligen kulturellen Melange aus Orient und Okzident à la Salman Rushdie ist ausgeträumt, das Paradies des Ethno-Mix gibt’s nirgendwo. Stattdessen liest man eher von tragischen Identitätskonflikten und Ich-Spaltungen von Migranten, die zwischen Anpassungszwängen und Ausgrenzungen, zwischen Abschiebung und Fußfassen hin- und hertaumeln, als verunsicherte und nirgends zugehörige Wanderer zwischen den Kulturen. In den meisten Fällen hat Migration sehr wenig mit dem Glück multikultureller Selbstintensivierung und der Lust an der Ich-Bereicherung durch hybride Mischungen zu tun; viel öfter ist sie eine Erfahrung des Mangels und bedeutet Leiden am Selbstverlust in der Fremde. Fremdheitsgefühle und Identitätskämpfe beherrschen das unglückliche Bewusstsein des Migranten. In diesen Ambivalenzen bewegt sich die Global Literature von heute, wenn sie in vielfachen Brechungen und Spiegelungen die Frage der Zugehörigkeit von Migranten stellt. Diese Autoren erzählen vom Unglück der Menschen in Konfliktregionen und Bürgerkriegszonen, sei es im Nahen Osten, in Afghanistan, in Sri Lanka oder auf dem Balkan; sie erinnern an das Unrecht der Verfolgungen und Vertreibungen, seien es Kurden, Juden, Palästinenser, Tamilen oder Bosnier; sie zeigen die besonderen Herausforderungen des Lebens in der Fremde – und wie man damit fertig wird. Diese Autoren schauen auf die Welt zugleich von außen und von innen. Es ist der Blick des doppelten Außenseiters, der sich nirgends ganz zugehörig fühlt – weder in

seinem Herkunftsland noch in seinem Zufluchtsland und erst recht nicht in den Transitländern. Herkunft und neue Lebenswelt prallen in diesen Romanen oft heftig und widersprüchlich aufeinander und richten Tumulte an in der eigenen Seele.

Die Arbeit am „Anderen“

Dinaw Mengestu: Zum Wiedersehen der Sterne Drei junge Afrikaner in Washington (Claassen)

Aatish Taseer: Terra Islamica Die Suche nach dem Vater, einem Politiker, führt von Istanbul bis nach Pakistan (C.H. Beck)

Wir leben in einer globalen Welt der Übersetzungen. Wir wissen nur noch nicht, wie weit unser Blick auf die eigenen Traditionen sich dadurch verändert. Das Hegemoniegefühl der westlichen säkularen Moderne ist allerdings erschüttert. In dieser Situation können heute die Schriftsteller als professionelle Blickveränderer fungieren. Aus dem Kulturenmix könnte in Umrissen ein Suchbild greifbar werden – eine andere, eine dritte Identität, erwachsend aus den verschwimmenden nationalen Identitäten. Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk drückt dies in seiner Friedenspreisrede so aus: „Wer ist dieser ‚Andere‘, den wir uns vorstellen sollen? Diese uns so unähnliche Person appelliert an unsere primitivsten Instinkte und löst Aggressionen und Verteidigungsreflexe aus, Abscheu und Furcht. Wir wissen, dass diese Gefühle unsere Fantasie anregen und unsere Schreibaktivität befördern werden. Der Romanschriftsteller weiß, dass es ihn befreien wird, genau andersherum zu denken, als es der allgemeinen Erwartung entspricht. Er spürt, dass eine Identifikation mit dem ‚Anderen‘ fruchtbare Ergebnisse zeitigen wird. Die Geschichte des Romans kann auch als die Geschichte der Möglichkeit geschrieben werden, sich in andere hineinzuversetzen und sich durch dieses Vorstellungsvermögen zu verändern, ja zu F befreien.“

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Porträt des Künstlers als kleiner Mann Mit „Sommer des Lebens“ setzt J.M. Coetzee die Reflexion über das Genre Biografie auf raffinierte Weise fort

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ein Mann, der sein Leben lang Priester gewesen ist und seine Männlichkeit verloren hat und für Frauen untauglich geworden ist.“

J.M. Coetzee: Sommer des Lebens. Roman. S.Fischer, 295 S., € 20,60

Zwei Geliebte, eine Cousine und eben diese Befragte stellen Coetzee als „kalten Fisch“, „lau“, „sauertöpfisch“ dar. Besonders in Liebesangelegenheiten stellen sie ihm alle ein schlechtes Zeugnis aus. Das großartig Sarkastische an dem Roman ist allerdings, dass sich eben diese Partnerinnen als ziemlich unsympathische, je nachdem zickige oder verständnislose Zeitgenossinnen decouvrieren. Einmal legt Coetzee zum Liebesspiel den langsamen Satz aus Schuberts Streichquintett auf den Plattenteller – etwas prätentiös und sexualtechnisch eine nicht unbeträchtliche Herausforderung, gleichzeitig aber ein Versuch, an Innigstem teilhaben zu lassen. Die Freundin versteht – nichts, der Sex wird abgebrochen. Wenn viele Rezensenten meinen, das Buch sei von Selbstironie, ja Selbstabwertung getragen, so irren sie. Der Coetzee des Romans ist zwar kein strahlender Held, aber im Vergleich zu seiner Umgebung kommt er ziemlich gut weg: verlässlich, wenn man ihn braucht, recht sensibel, vielleicht nicht sehr aktiv. Wenn schon ein Bezug zum Autor hergestellt werden soll, dann ist es paradoxerweise eine sympathisch eitle Selbstdarstellung.

J.M. Coetzee: Der Junge. Eine afrikanische Kindheit. Fischer Taschenbuch, 199 S., € 9,20

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Jenseits des Werks ist der Künstler uninteres-

sant. Noch einmal eine Frau, die dem Biografen die falsche Frage stellt: „Vielleicht konnte er gut schreiben, vielleicht hatte er eine gewisse Begabung für Worte, ich weiß es nicht, ich habe seine Bücher nie gelesen, ich bin nie neugierig auf sie gewesen. Ich weiß, dass er später richtig berühmt geworden ist: aber war er wirklich ein großer Schriftsteller? Denn meiner Ansicht nach reicht eine Begabung für Worte nicht aus, um ein großer Schriftsteller zu sein. Man muss auch ein großer Mann sein. Und er war kein großer Mann. Er war ein kleiner Mann, ein unbedeutender kleiner Mann.“



K AR L DUFFEK

Kurt Palm

Bad Fucking Krimi

Der fiktive Coetzee bleibt indes erstaunlich

blass. Seine Umgebung ist eher verwundert, dass ein so unspektakulärer, ja täppischer Mann zum berühmten Schriftsteller werden konnte. Die Mutter einer seiner ­Schülerinnen charakterisiert ihn etwa so: „Ich sah sofort, dass er kein Gott war. Er musste Anfang 30 sein, schätzte ich, schlecht angezogen, mit unvorteilhafter Frisur und einem Bart, den er nicht hätte tragen sollen, sein Bart war zu dünn. Er machte auch sofort auf mich den Eindruck, ich weiß nicht, warum, als sei er célibataire. Damit meine ich nicht einfach unverheiratet, sondern auch zur Ehe ungeeignet, wie

Im Grunde aber geht es um etwas anderes. Hier ist ein Essay Coetzees über William Faulkner und dessen Biografen aus dem Jahr 2005 sehr erhellend. Er mokiert sich dort über dicke Bücher, die über ein verhältnismäßig ereignisarmes Leben verfasst werden und krudeste Psychologisierungen vornehmen. Die Existenz des Autors jenseits des Werks sei aber Nebensache: „Vielleicht war Faulkner (...) wirklich, was er selbst glaubte zu sein: ein Wesen negativer Fähigkeit, das verschwindet, das sich verliert in seinem profundesten Schaffen. Er schrieb: ‚Es ist mein Ziel (…), dass die Summe und die Geschichte meines Lebens sein soll: Er hat die Bücher gemacht und ist gestorben.‘“ (Übersetzung des Rezensenten)

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ls erster Schriftsteller erhielt er zweimal den wohl wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker Prize. 2003 wurde ihm der Nobelpreis zugesprochen. Diesen nahm er – für ihn recht ungewöhnlich – persönlich entgegen, hielt aber keine klassische Dankesrede, sondern trug eine Kurzgeschichte vor. J.M. Coetzee ist also der berühmteste südafrikanische Autor der Gegenwart, entzieht sich aber gern dem üblichen Rummel des Literaturbetriebs. Seltene Interviews geben spärliche Auskunft über biografische Details jenseits der bekannten äußeren Eckdaten. Angesichts dieser Zurückgezogenheit ist es umso bemerkenswerter, dass der mittlerweile nach Australien emigrierte Coetzee zu seinem 70. Geburtstag bereits das dritte autobiografisch grundierte Buch vorlegt. „Der Junge“ (1997) und „Die jungen Jahre“ (2002) setzten sich mit seiner Kindheit beziehungsweise Adoleszenz auseinander, freilich in verfremdeter, Fakt und Fiktion verschränkender Weise. Gleiches gilt für „Sommer des Lebens“. Das Buch – vom Autor ausdrücklich als Roman bezeichnet – kreist um einen Schriftsteller namens John Coetzee, der eben verstorben ist und dessen Biograf sich nun auf Tagebuchnotizen, fragmentarische Texte und vor allem auf fünf Interviews stützt – mit Personen, die im Leben des Dichters eine Rolle gespielt haben. Die kleine Verschiebung des Vornamens und natürlich der erfundene Tod der zentralen Figur verweisen bereits auf die Kernfrage des Buches: Wie verlässlich sind – insbesondere bei Künstlern – Informationen über ihr Leben, welchen Aufschluss können sie über deren Werk bieten? Coetzees Antwort ist eine äußerst skeptische. So ist es auch kein Zufall, dass die Sichtweisen der fünf Interviewpartner wesentlich mehr Aufschluss über sie selbst geben als über den toten Autor, mit dem sie vor zwei, drei Jahrzehnten zu tun hatten. Im Fokus stehen nämlich die 70erJahre, als John Coetzee – so wie sein reales Pendant – am Höhepunkt der Apartheid von Studien- und Lehraufenthalten in Großbritannien und den USA nach Südafrika zurückkehrt und seinen Durchbruch als Schriftsteller erlebt. Dabei entsprechen die Buchtitel und andere Einzelheiten der Wirklichkeit, andererseits sind viele Figuren und Begebenheiten frei erfunden. Hier gelingen großartige Porträts von Existenzen in der Enge der Apartheid einerseits, des Kleinbürgerlichen andererseits.

Eine Provinzpolitkrimigroteske, ein Bad Fucking Alptraum! ISBN 978 3 7017 1537 4 EUR 19,90 / sFr 33,90

J.M. Coetzee: Die jungen Jahre. Roman. Fischer Taschenbuch, 219 S., € 10,20

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Pardauz, da platzt ein Äderchen im Köpfchen Mit seinem „Roman unserer Kindheit“ hat Georg Klein ein großes Thema kleingekocht und kaputtgewitzelt oman unserer Kindheit“, der TiR tel hat Recht, er hascht nicht nach Effekten, sondern sagt, was sich Georg Klein vorgenommen hat. Der Plural bezieht sich zunächst auf eine Familie mit (mindestens) drei Kindern, dann auf eine Gruppe von Gören – wir sind im Ruhrgebiet – in einem Neubauviertel, schließlich auf die Kindheit einer Generation.

Es ist Nachkriegszeit, aber der Nachkrieg zieht sich bis in die 60er-Jahre und wird verkörpert von Kriegsinvaliden, die der Autor gehäuft auftreten lässt. Wobei er den Eindruck von Zerstörung mitten im beginnenden Wohlstand dadurch verstärkt, dass sich ständig jemand verletzt, dass ständig jemand eine Krankheit erleidet, stirbt – eine Marotte, die Klein schon in früheren Büchern ausgereizt hat. Der Erzähler, der für diesen Plural spricht, ist ein Ich, das sich in den Figuren versteckt, mal diesem, mal jener über die Schultern schaut; es ist nicht nichts, sondern ein Nichtchen, die Nichte eines invaliden Exkommandanten. Das Ich ist letztlich: wir alle. Sogar unsere verlorengegangenen Föten. So will es Georg Klein. An diesem Anspruch aber ist er – man kann nicht einmal sagen, gescheitert, sondern er hat das Ganze zu einem 446 Seiten starken Gesellschaftsromänchen

eingekocht, das mit den Effekten des Schauer- und Widerlichen spekuliert, aber alles in allem recht adrett daherkommt und den offensichtlichen Zweck verfolgt, die Schreibkünste des Autors auszustellen. Wobei auch hier eher das Mittelmaß getroffen wird als irgendein (erwünschtes?) Extrem. Schon wahr, der Autor versteht es, komplexe Sätze zu drechseln und die Hauptwörter mit vielen, bisweilen überraschenden, stets sorgsam gesuchten Beifügungen zu versehen. Aber diese Gesuchtheiten verhindern erst recht, dass der Motor in Schwung kommt. Und auch die Konstruktionsarbeit an mehreren Schichten, Oberund Unterwelt, Keller und Wohngeschoß, Außenseiter- und Durchschnittsbürgerwelt wirkt angestrengt und hinterlässt die Frage: wozu? Es fehlt dem angepeilten Opus magnum, das alles hat und alles will, an einer Perspektive, einem Thema, einer Problematik. Wo eine solche auftauchen könnte, kommt die sprachbarocke Manier dazwischen, Leerstellen immer und überall auffüllen zu müssen. So wie die Lücke in einer Häuserzeile mit einem kriegsinvaliden Akkordeonspieler aufgefüllt wird, der natürlich – karg-üppig, wie es sich für die Zeit des Wirtschaftswunders gehört – „der Fehlharmoniker“ heißt. Wie witzig!

Überhaupt versanden viele Witze in diesem Roman vor Eintritt der Pointe, worauf der Autor selbst hinweist. Der Tonfall solchen Erzählens ist leiser Spott, mit dem all die Nachkriegskinder und -erwachsenen demokratisch bedacht werden. Sensible Gemüter mögen sich von die-

ser oder jener Stelle schockiert fühlen; wir Abgebrühten hingegen sehen in ihnen nur Humoresken. Noch ein letztes kleines Beispiel gefällig? Bitte schön: Im Kopf von Doktor Junghanns „platzt ein klitzekleines, seit langem ulkig ausgebeuteltes Äderchen hinten in seinem Kopf. Sogleich wechselt sein rechter Fuß vom Gaspedal zur Bremse, der andere kuppelt aus. Natürlich hat er als Arzt erkannt, dass es sich um ein Schläglein handelt. Er schaltet in den Leerlauf, dreht mit der Rechten den Zündschlüssel zurück, während die Linke bereits über die Schläfe nach hinten tastet.“ Ulkig, nett und im Diminutiv – so kommt bei Klein der Tod daher. Hundert Seiten vorher hatte er einen Selbstmordversuch „schnell verraten“, der „mit einem guten und zudem noch superglatt eingeseiften Seil aus Hanf“ (wiewohl dann dennoch vergeblich) ausgeführt worden war. Der „Neger“ im Sexheft ist übrigens nicht super-, sondern extraschwarz.

„Wozu noch Zeit verlieren?“ lautet die

rhetorische Frage im vorletzten Romankapitel, nach einem Showdown, dessen Ende schon allzu oft hinausgezögert wurde. Danach ist der „Roman unserer Kindheit“ aber auch schon vorbei, es wird nichts mehr kommen: Wozu haben wir unsere Zeit verloren? „Ich nehme mich noch einmal riesig wichtig. Ich blähe mich, nicht anders als der böse arme Blutkerl, mächtig auf, um jetzt (...) gründlich bemerkt zu werden.“ Das sagt Kleins versteckter Ich-Erzähler, und auch, wenn es so nicht gemeint war, lässt es sich schnurstracks auf Kleins Schreiben beziehen. Der genannte Blutkerl ist übrigens mehr ein Kinderschreckgespenst als ein Wesen aus Fleisch und Blut. Ein blutroter Riesenluftballon in einem Bärenfell. Eine Art selbstbezügliches Symbol? L eo p old F ederma i r 

Georg Klein: Roman unserer Kindheit. Rowohlt, 446 S., € 23,60

Das Kind, das aus den Wäldern kam T.C. Boyle befasst sich in „Das wilde Kind“ mit dem historisch verbürgten Zivilisierungsexperimenten an einem Findelkind an muss nicht wissen, wo M Strasshof oder Amstetten liegt, um sich für Lacaune zu interessieren; und man braucht die Namen Kampusch oder Fritzl nicht zu kennen, um die Geschichte vom wilden Kind aufregend zu finden, die sich allerdings schon 1797 zugetragen hat – eben in besagtem Dorf in der Languedoc.

Fälle dieser Art sind immer spannend, etwaige Gegenwartsbezüge zunächst vernachlässigenswert. Denn obwohl der Stand der Wissenschaft und die Rolle der Medien nicht mit heute zu vergleichen sind, ist die Dynamik der Aufmerksamkeit, die damals einsetzte, als man des Kindes habhaft wurde, das ganz allein im Wald aufgewachsen war, leicht nachvollziehbar: „Spekulationen galoppierten durch die Straßen und hallten in den Gassen wider. War es Rousseaus edler Wilder

oder bloß irgendein primitiver Eingeborener? War er vielleicht – ein erregender Gedanke – der loup-garon, der Werwolf der Legenden? Oder war er eher mit dem Orang-Utan verwandt, dem großen orangeroten Affen des Fernen Ostens?“ Von der Menge begafft, von der Wissenschaft untersucht, von der Kirche beargwöhnt und von einigen wenigen auch mit Zuneigung bedacht, kommt das wilde Kind, das umzubringen die Eltern dann doch nicht die Entschlossenheit hatten (eine Narbe an der Kehle belegt den halbherzigen Mordversuch), das allem Anschein nach taubstumm ist und über ausgesprochen fragwürdige Tischmanieren verfügt, schließlich in die Obhut eines jungen Pariser Arztes: Jean Itard macht sich daran, dem Buben, den er Victor nennen wird, Sprache, begriffliches Den-

ken und soziale Umgangsformen beizubringen – mit zäh errungenen und letztlich geringen Erfolgen. Ein geiler Stoff, keine Frage. Was T.C. Bo-

yle angefochten hat, den bekannten historischen Fall (zwei Quellen werden angeführt) zu einer Erzählung auszuarbeiten, bleibt nach der Lektüre aber unklar. Der Erzähler wechselt die Perspektiven, was im Falle des Titelhelden recht hanebüchen ausfällt („denn er verfügte über keine Sprache, keine Möglichkeiten zu wissen, ob er lebte oder wo er lebte oder warum er dort lebte“); er streut den ein oder anderen zivilisationskritischen Kommentar ein … Trotz seiner Kürze ist das Buch erstaunlich redundant, vor allem, was die Meteorologie anbelangt, die stereotyp immer dann zum Einsatz gelangt, wenn – nach dem Referieren

von Fakten oder der Darstellung konfligierender Diskursfronten – darauf aufmerksam gemacht werden muss, dass es sich hier ja um „Literatur“ handelt; was aber meist nur Kitsch produziert: „Die Spannung entlud sich an einem schönen Frühlingsnachmittag. Ganz Paris duftete nach Flieder und Lilien, und der Südwind war so sanft und warm wie eine Hand auf einer Wange.“  K L AUS NÜCHTERN

T.C. Boyle: Das Wilde Kind. Erzählung. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Hanser, 105 S., € 13,30

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Der Frieden im Bauch der Welle In „Süchtig nach dem Sturm“ erzählt Norman Ollestad von der Unmöglichkeit, vom toten Vater loszukommen

illustr ation: bianc a tschaikner

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m Morgen des 19. Februar 1979 besteigt der junge Norman Ollestad mit seinem Vater und dessen Freundin eine winzige Cesna 172, um von Santa Monica nach Big Bear in den Rocky Mountains zu fliegen. Am Vortag hat er die südkalifornischen Slalommeisterschaften gewonnen, sich unmittelbar danach an die Küste begeben, um ein Eishockeyspiel zu bestreiten, und dort soll er sich jetzt seine Medaille abholen. Ein Unwetter zieht auf, der Pilot ignoriert alle Warnungen, und das Flugzeug zerschellt knapp unter dem Gipfel. Der Bub überlebt als Einziger, bleibt wie durch ein Wunder weitgehend unverletzt, und macht sich auf den langen Abstieg durch die winterlichen Schluchten des Gooseberry Canons. Die Schilderung dieses Abstiegs bildet den einen der beiden Erzählstränge des Buches. Alternierend dazu erinnert sich Ollestad in lose aufeinanderfolgenden Episoden an die Zeit mit dem Vater, an dessen Stärke und Sturheit, Ängste und Ansprüche. Er erinnert sich an die Hippie-Idylle an den

Surferstränden des Pazifiks, an gefährliche Fahrten nach Mexiko, an die Unzuverlässigkeit der Mutter, an die alkoholgetriggerte Impulsivität des Stiefvaters und daran, dass der Vater in Wahrheit beidem nichts entgegenzusetzen hatte. Vor allem jedoch erinnert er sich an die Sucht des Va-

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ters nach der perfekten Welle und dem perfekten Hang, nach jenen ekstatischen Momenten, in denen man die ersten Schwünge durch den Tiefschnee zieht oder die Flanke der sich überschlagenden Woge entlangsurft – einerseits triumphierend, andererseits im Wissen, an so einem Ort nur gnädig geduldet zu sein. Von der Suche nach diesem „perfekten Ort“ handelt das Buch, denn „in jeder Turbulenz gibt es ­einen stillen Punkt“, im Bauch der Welle findet sich ein „schwer fassbarer, friedvoller Raum“, „eine Traumwelt reinen Glücks“. Der verletzten Psyche des Buben konzediert man diese Sehnsucht, die Idee der Abwesenheit von Anstrengung und Schmerz, gern, und auch der pathetische Ton, der in diesen Passagen angeschlagen wird und die Grenzen des Kitsches entlangschrammt, stört kaum. Problematisch wird es eher dort, wo die Verschränkung der beiden Erzählstränge zu versagen droht, weil ein paar hundert Höhenmeter Abstieg von einem Berg einfach sehr kurz sind im Vergleich zu elf Lebensjahren und demzufolge mit Wiederholungen, Adjektiven und vagen Geländebeschreibungen gefüllt werden müssen. Nach Kräften unterstützt wird dieses Unterfangen durch ein Bündnis der Schludrigkeit von Übersetzerin und Lektorat: Eine durch Enge gekennzeichnete Fels-

Der Rezensent: Paulus Hochgatterer lebt als Kinderpsychiater und Schriftsteller in Wien. Anfang Februar erschien sein vielbeachteter Roman „Das Matratzenhaus“ (Deuticke)

formation im Gebirge heißt im Deutschen nun einmal „Kamin“ und nicht „Schornstein“, das weiß man aus dem Kreuzworträtsel, und eine „Bachmündung, die aus Mangel an Regen trockengefallen“ war, geht gar nicht. In den letzten Kapiteln, und dort wird das Buch wieder packend und berührend, erzählt uns Norman Ollestad ein wenig davon, wie es in seinem Leben weitergegangen ist. Er erzählt von den alten Surferfreunden des Vaters, bei denen er Anschluss sucht, von der ungeheuren Wut, die ihn immer wieder überkommt, und davon, dass man manchmal eine Welle erwischt, die einen abwirft. Der Schluss, zu dem er kommt, ist lapidar, aber

Norman Ollestad: Süchtig nach dem Sturm. Roman. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Heinrich. S. Fischer, 352 S., € 20,60

einleuchtend: „Es gibt mehr im Leben, als einfach nur zu überleben.“ Am Ende, 27 Jahre später, ist er in der Lage, an den Ort des Unglücks zurückzukehren. Er findet winzige Fragmente des Flugzeugs und Gewissheit über die Ursache des Absturzes. Die Trauer über den Verlust seines Vaters holt ihn noch einmal ein. An diesem Punkt der Geschichte wissen wir freilich, dass er mit seinem siebenjährigen Sohn Noah längst gefährliche Tiefschneehänge befährt, und wir ahnen, dass auch die Welle nicht mehr lange warten wird müssen: Ollestad wohnt heute in Venice – und das liegt am Pazifik. PAULUS HOCHGAT TER ER

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Sprung ins Leben, Sturz in den Tod Der Sprung als Metapher für das Erwachsenwerden inspiriert Autoren wie Buchgestalter gleichermaßen

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ie Jugend: eine Zeit der verdichteten Empfindungen, in der die ­g roßen Gefühle zwischen Selbstzweifel, Sehnsucht, Rausch und Grenzgang Premiere haben und Sprünge ins kalte Wasser des Lebens gewagt werden müssen. Nicht ohne Grund findet sich das Sujet von Springenden oft auch in Büchern, die ihren halbwüchsigen Protagonisten auf dem schwierigen Weg durch die Pubertät folgen.

Kurz vor dem Absprung, im freien Fall oder beim Eintauchen ins Wasser: Die Buchcover verweisen auf jenen Zustand des Dazwischen, in dem sich die jungen Helden an der Grenze von Kindheit und Erwachsensein bewegen und dabei letztendlich ziemlich auf sich allein gestellt sind. In den vier hier besprochenen Werken, die allesamt mit der Ikonografie des Sprungs arbeiten (und übrigens keineswegs als Jugendbücher gelten können), sind die Eltern eher ab- als anwesend. Thomas Langs Protagonist Jan Bodenlos etwa verurteilt die Beziehung seiner Eltern als gescheiterte, bürgerliche Farce. Die ehemals schwerkranke Mutter und der am Sohn desinteressierte Vater überlassen Jan dem Unverstandensein, hohen, nicht verwirklichbaren Idealen und der ersten, unerfüllten Liebe. Gleich zu Beginn des Buches leitet Jans Sprung vom Zehnmeterbrett eine LebensFalter_FJ10

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phase ein, in der er wahrlich keinen Boden unter seinen Füßen mehr gewinnen wird: „Zur milden Euphorie des Falls kam jetzt der Schwindel; er wusste nicht mehr, in welche Richtung es zurück an die Oberfläche ging, er rollte weiter, bis ihm die Luft ausging, er panisch die Augen öffnete, den blauen Himmel nicht mehr vom blauen Grund des Beckens unterscheiden konnte.“ Im Debütroman der Irin Nicola Keegan flüchtet die junge Pip aus Kansas vor ihrer abweisenden Familie in den Schwimmsport, der ihr Ablenkung von der überforderten Mutter und der Strenge des Vaters verschafft. Ihr tägliches Training wird zur obsessiven Kompensation für mangelnde Zuneigung, das Schwimmbecken zum Ort der Verdrängung: „Stan greift nach der ­Trillerpfeife. Ich folge ihrem Klang, genieße die uralte Technik, alle Gedanken ­auszulöschen, die Ohren mit Wasser zu verschließen, mit einem Druck, der ein ­a ngenehmes, vibrierendes Summen erzeugt.“

Mädchen –, leidet unter den ­strengen Glaubensgrundsätzen des Elternhauses, während ihr jüngerer Bruder den ­Lebensmittelpunkt der Familie darstellt. Im Unterschied zu Írem wird der „kleine Pascha“ durch den Initiationsritus der ­Beschneidung in die Gesellschaft der ­Erwachsenen eingeführt. Ihre erste Periode hingegen ist für Írem bloß ein als beschämend empfundenes Ereignis. Nur am Wasser, am Meer, findet sie ein Refugium und Raum für die Entdeckung der eigenen Sexualität. Das Wasser als sinnliches und zugleich gefähr-

Alan Drew: Die Wasser des Bosporus. Aus dem Amerikanischen von Judith Schwaab. Droemer, 448 S., € 20,60

Von Autoritäten, seien es die Eltern, sei es die

Religion, erfahren die Protagonisten keinerlei Unterstützung. Ist der Katholizismus bei Nicola Keegan lästige Pflicht, so ist der Islam in Alan Drews „Die Wasser des Bosporus“ eine Disziplinierungsinstanz: Írem, ein junges, kurdisches Mädchen – bloß ein Seite 1

RICHARD OBERMAYR ROMAN Das Fenster

Nicola Keegan: Schwimmen. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Rowohlt, 480 S., € 20,60

»Ein wunderschönes Buch: ich lese es häppchenweise, damit es nicht so schnell fertig wird, denn so etwas Poetisches finde ich nur selten.« Raoul Schrott

268 Seiten, € 22.-

Thomas Lang: Bodenlos oder Ein gelbes Mädchen läuft rückwärts. C.H. Beck, 461 S., € 22,60

Hugo Ramnek: Der letzte Badegast. Wieser, 133 S., € 8,80

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liches Element spielt auch in Hugo Ramneks Prosadebüt „Der letzte Badegast“ eine bedeutende Rolle. Hier ist es ein See, der sowohl Ort der Zuflucht als auch Schauplatz von tragischen Unfällen ist: Der Vater des Protagonisten, der sich auf den Grund des Sees sinken lässt, um vor seiner Frau zu flüchten („Da drunten ist es viel friedlicher als sonst wo auf der Welt“), wird später dort ertrinken – ein Badeunfall unter vielen. Und auch bei Alan Drew ist das Wasser nicht nur mit Stille und Kontemplation ­assoziiert, sondern auch mit Flucht und Tod. Der Sprung von der Brücke erscheint Írem als letztmöglicher Ausweg aus einer verbotenen Liebe: „Es sah so aus, als könnte sie fallen und fallen bis in alle Ewigkeit. Dann ließ sie los und war einen Moment tatsächlich schwerelos, fiel taumelnd nach unten, wie ein Vogel mit gekappten Schwingen.“ Der Sprung ins Wasser wird in den ­genannten Büchern nicht so sehr als erste Bewährungsprobe der jugendlichen Protagonisten auf dem Weg ins Erwachsenenleben dargestellt, sondern vielmehr mit ­einem Sturz ins Chaos und in den Tod verglichen: „Denn Schwimmen ist eine Vorform des Untergehens“, heißt es bei Ramnek – eine Passage, die durchaus symptomatisch dafür steht, wie sehr in den genannten Werken mit dem Tod geliebäugelt wird. Die Frage, ob es nicht besser wäre, das Zeitliche zu segnen, bevor die Wirklichkeit einen gänzlich überrollt, stellt sich die Schwimmerin Pip nach ihrem frühen Karriere-Aus ebenso wie Jan Bodenlos, nachdem seine einzige Bezugsperson gestorben ist. „Schließ dich an. Du musst nicht warten. Du wirst nicht bereuen“, ziehen suggestive suizidale Gedanken durch seinen Kopf. Das Bild von der Jugend, das die vier Romane zeichnen, ist eines des Versinkens und der Verlorenheit in einem Meer der Gefühle. Die ähnliche Covergestaltung scheint im Vergleich mit dem Inhalt der einzelnen Werke fast euphemistisch: Denn der Sprung ins Wasser hat in ihnen den Reiz der Unbeschwertheit gänzlich verloren. Jugend ist ein schmerzhafter Kampf, der keinen Stillstand erlaubt: „Unsere Welt ist eine Welt, in der die Zeit in Errungenschaften gemessen wird: Unsere Welt ist eine Welt, in der die Zeit schlicht ausgeübter Bewegung entspricht“, stellt Pip fest und begrüßt damit eine Phase, in der das Warten auf den Sinn des Lebens mitunter ziemlich J u l i a Z a r ba c h lange dauern kann.

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Sally and Harriet Get Laid Die Ehebrecherinnen von Ulrike Draesner und Arno Geiger gehen ihre Affären zielstrebig und entspannt an

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olstoi hat die Ehebrecherin Anna Karenina vor den Zug gestoßen. Fontane hat seine Ehebrecherin Effi Briest zum Tod durch rätselhaftes Siechtum verurteilt. Und Flaubert fühlte zwar, „als ich die Vergiftung der Emma Bovary beschrieb, den Geschmack des Arsen auf meiner Zunge“ – umgebracht hat er sie gleichwohl. So lange ist es noch gar nicht her, dass Romanheldinnen, die ihren Lebens- und Liebeshunger außerhalb der Ehe stillten, von ihren Autoren wie selbstverständlich moralisch bestraft wurden – ein grausamer Romantod war Seitenspringerinnen des 19. Jahrhunderts gewiss. Und Arno Geiger eröffnet seinen Roman „Alles über Sally“ mit einer aktuellen, nicht minder grausamen TV-Nachrichtenszene: Eine Frau wird in Afghanistan wegen Ehebruchs gesteinigt. Nachsatz des Autors als Überleitung zum Thema seines Buches: Ehebruch wäre heute „an den meisten Orten der Welt kein Vergehen“. Wirklich nicht? Der Rest von Geigers Roman tummelt sich dann auf einem Terrain, das moralisierenden Schriftsteller-Patriarchen von einst und eifernden Imamen von heute gar nicht zugänglich ist – im erotischen Freiraum, den sich westliche Frauen inzwischen erobert haben. Frauen wie Sally Fink, 52, austro-britische Lehrerin an einem Wiener Gymnasium, oder wie Dr. Harriet Saramandipur, 37, deutsch-indische Astrophysikerin in Berlin, die Heldin in Ulrike Draesners Roman „Vorliebe“. Arno Geiger ist sogar besonders dafür gelobt worden, dass er seiner Sally als Frau jenseits der 50 noch erotische Attraktivität und Aktivität zubilligt. (Vielen Dank auch! Philip Roth, der führende Ehebruchsexperte der Weltliteratur, brächte das wohl kaum fertig.) ihre Ehe­ bruchsromane aus der Perspektive der Frauen; sie machen ihre ehebrechenden Heldinnen überdies zu Herrinnen des Verfahrens. Die sexuellen Mores sind lässig, eheliche Untreue ist keine Tragödie und jedenfalls kein Anlass für Verratspathos und Eifersuchtsdramen. Sally wie Harriet sind selbstbewusste, lebenshungrige Frauen, die erotische Beute machen, wie es ihnen gefällt, ohne allzu viele Skrupel auf das Chaos zu verschwenden, das sie in ihrem Umfeld anrichten. Mit Schuldgefühlen halten sie sich nicht weiter auf. Sally schnappt sich Erik, den besten Freund ihres Mannes; und Harriet schnappt sich Peter Olvaeus, einen evangelischen Pfarrer, in den sie schon als 16-Jährige verliebt war und dem sie damals vergeblich nachgestellt hatte. Einmal ist es ein Einbruch, das andere Mal ein Unfall, der den Anstoß zum Ehebruch gibt – beides Breschen, die unvor-

Geiger wie Draesner erzählen

hersehbarerweise in ein wohlgeordnetes Partnerarrangement geschlagen werden: Die Unordnung kann eindringen, die Handlung kommt in Gang. Bei Geiger werden Sally und ihr Ehemann Alfred, ein Museumskurator, abrupt aus dem Urlaub zurückgerufen, weil in ihrem Einfamilienhaus eingebrochen wurde – ein verstörender Übergriff auf die Intimsphäre, der dem milden Alfred mehr zu schaffen macht als der gefühlsrobusteren Sally. Sie macht sich ans Aufräumen, äußerlich. Innerlich lässt sie sich vom Einbruch zum Ehebruch animieren. Bei Draesner verursacht Harriets Lebensgefährte einen Autounfall, bei dem die Pfarrfrau Maria Olvaeus verletzt wird. Im Krankenhaus dann treffen Harriet und Pfarrer Olvaeus, ihre alte Vorliebe, nach 21 Jahren wieder aufeinander, und diesmal will sie „ihn haben, erobern? Sich rächen?“ Ihre Motive sind durchaus gemischt. Harriet sieht sich als Märchenfigur. Erst romantisch („Wachte Dornröschen auf, als der Prinz nach hundert Jahren kam, oder schlief es ein?“), dann dämonisch: Sie imaginiert sich als „ausgewachsene Wölfin“, die sich ihr männliches Rotkäppchen als Beute erwählt. Der Ehebruch der Frauen erscheint in beiden Romanen als gängige Praxis, die tugendhaftes Tamtam jedenfalls kaum rechtfertigt. Eine Affäre zu haben ist für Frauen wie Sally und Harriet keine Affäre. Geigers Sally, die banalere der beiden Heldinnen, sieht darin eine Art Wellnessprogramm, das eine seit 30 Jahren immer wieder geflickte Ehe schon aushalten muss. Draesners Harriet ist extravaganter, intellektueller und komplizierter als Sally, ihre Lust ist raffinierter: Manchmal genießt sie, wenn sie die Augen schließt, das Gefühl, „mit zwei Männern zugleich zu schlafen“; und manchmal auch das Gefühl, während des Beischlafs „plötzlich aufs angenehmste allein“ zu sein. Beide Frauen gehen zunächst ganz entspannt an die Sache heran. Was kann schon passieren? Höchstens „ein bisschen Ärger und saure Gesichter“, meint die abgebrühte und betrugsgewohnte Sally. Und bei Draesner scheint ohnehin keiner sauer zu sein: „Peters und Harriets Umgebung verhielt sich wie süße Suppe, gekocht, gezuckert, abgekühlt. Man war aufgeklärt. Selbstverständlich weltoffen, werteplural. Offenbar war das gesammelte Dramenpotenzial der Gegenwart ins Fernsehen gewandert.“ Der Leser ahnt, dass es bei so viel Ungerührtheit nicht bleiben wird. Das psychosoziale Aggregat wird sich durch den Betrug wohl verändern, die Binnenbeziehungen zwischen allen Beteiligten werden sich aufladen, vor allem bei den Betrogenen und Brüskierten. Es wird Verletzun-

„Offenbar ist das gesammelte Dramenpotenzial der Gegenwart eben doch noch nicht im Fernsehen versickert, sondern auch in aufgeklärten, weltoffenen Ehebruchsromanen durchaus noch zu finden“

Ulrike Draesner: Vorliebe. Roman. Luchterhand, 254 S., € 20,60

Arno Geiger: Alles über Sally. Roman. Hanser, 364 S., € 22,10 Lesung am 19.4., 19 Uhr in der Alten Schmiede (1., Schönlaterngasse 9)

gen geben, auch ganz ohne Steinigen. Ein bisschen Chaos wird schon sein müssen, aller Coolness zum Trotz. Ein bisschen leiden sollten sie schon müssen, die toughen Ehebrecherinnen. Und genau so kommt es, bei Geiger ebenso wie bei Draesner. An beiden Romanen ist interessant zu sehen, wie sich der Gestus souveräner Gelassenheit mit dem Ausbruch unerwarteter Emotionen verträgt oder vielmehr eben nicht verträgt. Schließlich erweist sich Sallys Liebhaber als Lump, der seine Ehefrau wie auch seine Geliebte mit einer jüngeren Dritten betrügt, was dann doch zu einigem bitteren Gefühlsgebrodel und schroffen Brüchen führt. Auch Harriets betrogenen britischen Lebensgefährten lassen die coolen Manieren im Stich: Erst vergewaltigt er sie ganz roh („Er fickte auf sie ein. Sie schwitzte, keuchte, fand es abscheulich“), dann setzt er sich nach England ab, um sie zu bestrafen. Und die doppelt sitzengelassene Harriet findet, ihr asthmakranker Geliebter, der Pastor, lasse leider das Gefühl für das richtige Timing einer Affäre vermissen, als er mittendrin stirbt. Am liebsten würde sie Zettel an die Friedhofsbäume heften: „Unbedingt vermeiden: Affäre, die wegstirbt. Unbedingt vorher beenden.“ Offenbar ist das gesammelte Dramenpotenzial der Gegenwart eben doch noch nicht im Fernsehen versickert, sondern auch in aufgeklärten, weltoffenen Ehebruchsromanen durchaus noch zu finden. Sally ihrerseits kann von Glück reden, dass sie in ihrem häuslichen Alfred mit seinem Stützstrumpf einen so sanftmütigen Gefährten hat, der seiner untreuen Frau seit jeher alle Seitensprünge verzeiht, ihr unerschütterlich seine Liebe nachträgt und trotzdem, dank Arno Geigers feinfühliger Charakterzeichnung, nie als lächerlicher Hahnrei erscheint. Bei allen Ähnlichkeiten in der Darstellung der freibeuterischen Lebensstile legerer Hedonistinnen lösen die beiden Romane ihre Konflikte doch recht unterschiedlich. Arno Geiger gibt, mit einer Verbeugung vor James Joyce und Molly Bloom, dem stillen Beobachter Alfred das Schlusswort, einen punkt- und absatzlosen inneren Monolog der Anhänglichkeit und Bereitschaft zum Verzeihen und Weiterwursteln, der hinausläuft auf ein Plädoyer für die unvollkommene und schäbige, aber traute alte Ehe. Alfred singt das Hohelied der „zwei Dutzendherzen in einem kleinen überladenen Haus“. Anders die kapriziöse Ulrike Draesner. Die schickt ihre Heldin, die Astrophysikerin, auf einen Flug ins All. Auch so lässt sich ein anderer Blick auf missglückte irdische Affären gewinnen. SIGR ID LÖFFLER

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Im Auktionshaus der Relikte einer vergangenen Liebe Leanne Shapton erzählt eine Lovestory in Form eines Kataloges mit einst erotisch und emotional aufgeladenene Objekten chon der mehrzeilige Titel des Buches S verrät die Absicht der Autorin, mit literarischen Kategorisierungen zu spielen: „Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck.“ Nicht die „seltsamen Abenteuer“ des Seemanns Robinson Crusoe, wie es im endlosen Titel von Daniel Defoes berühmtem Roman heißt, sind die Sujets dieses Buches, sondern Objekte des privaten Gebrauchs, in denen gleichwohl so viel narratives Potenzial steckt, dass sie die Geschichte ihrer vormaligen Eigentümer zu erzählen vermögen.

Als Leanne Shapton vor drei Jahren anlässlich der Versteigerung des Nachlasses von Truman Capote im Auktionskatalog blätterte, schien es der auch als Illustratorin und Verlegerin tätigen New Yorker Autorin, als würde sie in einer Autobiografie lesen. Also machte sie sich daran, einen fiktiven Auktionskatalog anzulegen, der mit über 300 Exponaten beschreibt, was von der Beziehung eines New Yorker Paares, Leonore und Harold, übriggeblieben ist: Fotos, Postkarten, CDs, Kleider. Postkarten erotischen Inhalts werden ausgetauscht, Liebeserklärungen auf Kinozettel gekritzelt, als sich das Paar im Jahr 2002 kennenlernt. Dass die beiden der gebildeten Mittelschicht angehören, ist schwer zu übersehen. Er berichtet aus London von einer Vernissage in der Tate Modern, aus der er in einen Saal mit pornogra-

fischen Bildern von Balthus flüchtete: „Stellte mir vor, Du stündest neben mir und wir betrachteten sie gemeinsam.“ Sie wiederum schenkt ihm Mix-CDs mit Nummern der Indierock-Helden Yo La Tengo und Silver Jews. In einem auf Briefpapier der New York Times geschriebenen Brief berichtet sie, sie arbeite an einer ­Geschichte über handwerklich hergestellten Balsamicoessig. „Deine Buttercreme­ schritte.“ Die Autorin wählte für ihre Liebesgeschichte eine Form, die auch das Material einer ethnografischen Untersuchung sein könnte. Objekte symbolisieren die Anwesenden, aber auch die Standeszugehörigkeit. So entsteht das Porträt von zwei Konsumbürgern, die auch über musikalische Vorlieben und misslungene Soufflés in Konflikt geraten können. Der Herrenkulturbeutel mit ungefähr 200 Salben, Pillen und Wässerchen ist ein Indiz dafür, dass die umfassende Kuratierung des Selbst längst kein Privileg von Wall-Street-Yuppies wie Patrick Bateman ist, der in Bret Easton Ellis’ Roman „American Psycho“ (1991) die Edelmarkeninnenwelt eines Serienmörders offenbart. Ein wenig Nostalgie stellt sich beim Betrach-

ten dieses intimen Museums schon ein: Die materielle Kommunikation – durch Briefe, Postkarten und Zettel – scheint hier noch intakt, der Selbstausdruck noch nicht in die Alben digitaler Social Networks verlagert worden zu sein. Bei der analogen Hasselblad-Kamera mit einem Rufpreis

von 400 Dollar würde man am liebsten mitsteigern. Nach der x-ten Helmut-Lang-Hose, dem x-ten Tiffany-Schlüsselanhänger und Losnummer 186, zwei Flaschen Château Calon-Ségur, beginnt man die sich anbahnende Krise der beiden allerdings schon mit leichter Schadenfreude zu registrieren. Im Mai 2005 schreibt sie an ihn: „Ich kann es nicht fassen, dass Du angeblich keinen Kuchen mehr sehen kannst. Damit verdiene ich meinen Lebensinhalt, und Deine Worte haben mich tief verletzt.“

Leanne Shapton: Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck. Aus dem Amerikanischen von Rebecca Casati. Berlin, 133 S., € 20,50

Leanne Shapton greift auf ein Verfahren zurück, das seit dem Surrealismus zum Repertoire der bildenden Kunst gehört. Die Pariser Avantgardisten suchten auf den Flohmärkten nach unscheinbaren Dingen, die ihre Schönheit entfalteten, weil sie aus ihrem Gebrauchszusammenhang gerissen wurden. Ins Layout eines Auktionskatalogs eingespannt, verlieren die gezeigten Objekte aber ihren surrealen Glanz; die Erzählung stockt und wird selbst zum Ready-­ made, dem man indifferent begegnet, wie ein Flaneur auf dem Flohmarkt einem alten Regenschirm. Die indexiert verbürgte Fiktion laboriert nämlich an einem logischen Grundfehler: Kein Auktionshaus würde auf die Idee kommen, den Krempel zweier Unbekannter zu versteigern. PS: Bei Nummer 1332, getrockneten vierblättrigen Kleeblättern, gepresst und aufbewahrt von Leonore, muss man dann doch ein Tränchen zerdrücken. MAT THIAS DUSINI

Vom Schauspielstar zum Lesbenwender Herrscht auf der Bühne tote Hose, geht im Bett die Post ab: Philip Roth macht in „Die Demütigung“ einfach weiter wie bisher ie Verführung von Lesben zu HeteD ro-Sex scheint das literarische Hobby der Saison zu sein: In Martin Suters Roman

„Der Koch“ helfen dem Protagonisten, einem tamilischen Asylanten, die aphrodisierenden Geheimrezepte der Omi dabei, die begehrte Kellnerin ins Bett zu kriegen; bei Philip Roth ist es möglicherweise die Aura des einst berühmten Schauspielers, die Simon Axler noch immer umgibt: „Dann führte er sie zum Sofa im Wohnzimmer, wo sie, unter seinem Blick heftig errötend, die Jeans auszog und zum ersten Mal seit dem College mit einem Mann schlief. Und er schlief zum ersten Mal in seinem Leben mit einer Lesbe.“ Die Gesetze sexueller Wahrscheinlichkeit

sind in Roths Werk im Grunde genommen aber ohnedies suspendiert: Wo man mit spontan angetragenem Oralsex („Deine Möse lecken, Baby, wie wär’s?“) bei wildfremden Frauen Erfolg hat („Portnoys Beschwerden“), wo man auf einem konservativen Midwest-College beim ersten Date – und wir reden hier von den 50er-Jahren! – ansatzlos einen geblasen kriegt („Empörung“) und wo Literaturprofessoren Affären mit Putzfrauen haben, die um 37 Jahre jünger sind („Der menschliche Makel“), hört man irgendwann einmal auf, sich um kopulative Plausibilitäten zu kümmern. Leicht möglich, dass der Autor heraus-

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freundet war. Und irgendwie kann man auch alle Beteiligten verstehen: den eben noch schwer depressiven Simon, der seiner schauspielerischen Fähigkeiten schlagartig verlustig ging; die gekränkte abgelegte Geliebte; die empörten und besorgten Eltern. Und Pegeen? Nun ja, die macht eben, was sich der Autor für sie ausgedacht hat – als der größte Frauenversteher der amerikanischen Nachkriegsliteratur wird Philip Roth jetzt auch nicht mehr durchgehen.

finden will, was ihm die Leser noch alles durchgehen lassen. Mit 65 beziehungsweise 40 Jahren sind Simon und Pegeen ein ganz normales Paar – jedenfalls für Roth’sche Verhältnisse. Dass die Welt der Affäre zwischen den beiden nicht gerade mit gelassener Akzeptanz gegenübersteht, versteht sich ebenfalls von selbst: Die Spannung zwischen dem anarchischen und egoistischen Begehren des Individuums und der normierenden Macht der Gesellschaft ist jene Kraft, die das Herz dieses Buches am Schlagen hält und das Blut in die Glieder und Genitalien der Protagonisten pumpt. Dabei folgt Roth keineswegs einer plump vitalistischen Ideologie nach dem Schema: hier die Libido des Einzelnen, dort die kastrierende Kontrolle der Gemeinschaft. Er beobachtet lediglich mit nicht nachlassendem Interesse die Individuen dabei, wie sie ihr Streben nach Glück („the pursuit of happiness“), das ihnen seit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 zugestanden wird, auch gegen Widerstände durchzusetzen trachten. In „Die Demütigung“ (Originaltitel: „The Humbling“) kommen diese zum einen von Pegeens desperater Ex („Ist das Ihre Spezialiät: Lesben umpolen?“), zum anderen von deren Eltern, mit denen Simon seinerzeit zu allem Überfluss auch noch be-

Das Ethos von Roths Romanen liegt denn auch

Philip Roth: Die Demütigung. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, 144 S., € 16,40

woanders; es besteht darin, den (männlichen) Protagonisten in größtmöglicher Nähe zu folgen und die Erzählperspektive gerade in emotionalen Extremlagen ganz auf sie einzuengen; die Leser mit den getriebenen Helden zu konfrontieren, ohne uns durch Kommentare eines souveränen Erzählers oder andere Eingriffe und Kniffe moralische Tranquillanzien zu verabreichen. Nein, der sedierende Tonfall des Therapeuten ist Roths Sache nicht. Ihm geht es nicht um Therapie, sondern um Tragödie. Und selbst in diesem schmalen Roman werden die Emotionen in Cinemascope projiziert. Von Tschechow weiß man, was mit einem Gewehr zu geschehen hat, das auf der Bühne rumsteht. Und Simon Axler hat seinerzeit Triumphe mit Tschechow gefeiert. K L AUS NÜCHTERN

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Der beste Roman der Welt Ehebruch in XXXL: Tolstois „Anna Karenina“ in der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze

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Foto: privat

inigkeit herrscht darüber, dass es sich bei Lew Tolstois (1828–1910) Roman „Anna Karenina“ (1877) um ein Meisterwerk handelt. Nicht nur Dostojewski und Nabokov, ansonst literarisch und weltanschaulich inkompatibel, rühmten gleichermaßen den makellosen Stil des Buches, und als Time vor zwei Jahren nach dem besten Roman der Weltliteratur fragte, votierten auch Zeitgenossen wie Jonathan Franzen oder Tom W ­ olfe für das realistische Ehedrama. Die kürzlich erschienene russische Comicversion ist eher nicht jugendfrei, in einer russischen Twitter-Kurzversion wird „Anna Karenina“ wie folgt beschrieben: „Sie hatte zwei Männer, zwei Kinder, unzählige Abendkleider, knallte durch. Selbstmord vor Zug. Klassische Anleitung zum Unglücklichsein!“

100 Seiten vergehen, bis Anna Karenina ihren ersten Auftritt hat – mit Rosemarie Tietzes Neuübersetzung des 1300-Seiten-Buches, die vor allem auf die Wiedergabe der gesprochenen Sprache Wert legt, ist man allerdings sofort mitten im Geschehen: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise. Drunter und drüber ging es bei den Oblonskis.“ Der 34-jährige Fürst Oblonski hat seine Ehefrau Darja Alexandrowna mit dem französischen Hausmädchen betrogen. Die Fürstin ist dahintergekommen und weigert sich, mit dem Vater ihrer Kinder weiterhin unter einem Dach zu wohnen. Oblonski, Amtsvorsteher in einer Moskauer Behörde, ist der Bruder von Anna Karenina, ihrerseits in der Hauptstadt Petersburg mit dem ranghöheren Staatsrat Alexei Alexandrowitsch Karenin verehelicht und Mutter eines Sohnes, Serjoscha. Um zu retten, was noch zu retten ist, wird sie von ihrem Bruder nach Moskau gebeten. Dort trifft zur selben Zeit der Gutsbesitzer Lewin ein, der schon zum zweiten Mal um die Hand von Kitty, der Schwägerin seines

Freundes Oblonski, anhalten will. Er wird abermals abgewiesen, Kitty hat sich ihrerseits in den wohlhabenden Grafen Alexei Kirillowitsch Wronski vergafft. Ein Eislaufplatz, ein Bahnhof und ein Ballsaal sind die Hauptschauplätze des ersten von insgesamt acht Teilen des Romans. Das Panorama der russischen Gesellschaft gerät erstaunlicherweise nie unübersichtlich, auch wenn das handelnde Personal noch um ein gutes Dutzend weiterer Akteure ergänzt wird. Schließlich ist es so weit: Karenina und Wronski, die beiden zentralen Figuren treffen erstmals aufeinander: Anna kommt gerade in Moskau an, Wronski holt dort seine – eher ungeliebte – Mutter am Bahnhof ab. „Mit dem Feingefühl des Mannes von Welt hatte Wronski die Dame, nach einem einzigen Blick auf ihr Aussehen, den höheren Kreisen zugeordnet. Er entschuldiget sich und wollte schon ins Wageninnere weitergehen, fühlte sich aber genötigt, noch einen Blick auf sie zu werfen. (…) Als er sich umblickte, wandte auch sie den Kopf.“ Wie im Groschenroman entscheidet auch dieser erste Blickwechsel alles Weitere.

wird Kitty noch Jahre später quälen. Anna versucht sich der entspinnenden Intrige zu entziehen und reist zu ihrer Familie, um im Zug abermals auf Wronski zu treffen, der ihr sogleich seine Liebe gesteht. Tolstoi steckt seine Figuren aber nicht nur

Zur Person Rosemarie Tietze wurde 1944 in Oberkrich geboren. Sie studierte Theaterwissenschaften, Slawistik und Germanistik. Sie hat u.a. Werke von Andrei Bitow, Fjodor Dostojewski und Boris Pasternak übersetzt, wofür sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Für ihre „Anna Karenina“-Übersetzung ist sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, der am 18.3. vergeben wird

Bei aller Detailbesessenheit und gleichzei-

tigen Eleganz der Darstellung – die Liebe des Autors gilt seiner Protagonistin, die er tatsächlich bis in die Haarspitzen beschreibt: „Ihre Frisur war unauffällig. Auffällig waren nur, und das schmückte sie, die eigenwilligen kurzen Kringel des lockigen Haars, die am Hinterkopf und an den Schläfen stets hervorrutschten. An dem gedrechselten, kraftvollen Hals trug sie eine Perlenkette.“ Wir befinden uns auf einem Ball im Haus der Oblonskis. Annas Bild wird von Kittys innerem Monolog voller Eifersucht übertönt: „Wer ist es? Alle oder einer?“ – will die Karenina, die mit Wronski tanzt, allen Männern oder nur einem bestimmten, nämlich dem angebeteten Wronski, gefallen? Der Schmerz dieses Moments

Lew Tolstoi: Anna Karenina. Roman in acht Teilen. Übersetzt und kommentiert von Rosemarie Tietze. Hanser, 1284 S., € 41,10

in elegante Kleider, er entblößt sie auch bis in das Innerste ihrer Seelen und damit auch die gesellschaftlichen Konventionen der auslaufenden und in Modernisierung schließlich untergehenden russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Umsichtig, ohne die für Dostojewski so typische schlampige Figurenzeichnung, entfaltet Tolstoi die Entwicklung zweier respektive dreier Paare. Während Anna und Wronski ihre eigene Ehe zerstören, konsolidiert sich die Liebe der Oblonskis, Lewin und Kitty gründen eine moralingesäuerte russische Idealfamilie Marke progressiver Landadel. Am Ende des Buches wird das Spiegelspiel der Beziehungen noch einmal auf die Spitze getrieben. Anna wirft sich nach den Regeln der Dramaturgie des 19. Jahrhunderts vor den Zug, Wronski zieht freiwillig und ohne die Absicht, lebend zurückzukehren, in den Krieg der Serben gegen die Türken. Geld und Religion, Spekulationsgeschäfte, Frauenerziehung, das Leben der Bauern und der Luxus des Adels – alle klassischen Tolstoi-Themen werden ausgiebig abgehandelt, geraten dabei aber nie zur propagandistischen Gottsucherei des alten Tolstoi. Vladimir Nabokov meinte einmal: „Wenn Sie Tolstoi lesen, lesen Sie, weil Sie nicht aufhören können.“ Das ist vor allem auch deshalb der Fall, weil es diesem gelingt, was sonst nur Mozart zustande brachte. Er rechtfertigt mit „Anna Karenina“ die Welt durch Literatur genau in dem Ausmaß, in dem er bald nach Beendigung des Romans den Nutzen jeglicher Kunst im Namen von Moral und Religion verteufeln ER ICH K LEIN sollte. 

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liest aus seiner Provinzpolitkrimigroteske „Bad Fucking“

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Ein Buch das zur aktuellen Diskussion über Prekariat und Unterschicht, zu Kindererziehung und Krippenplatz, zu Gewaltvideos auf Handys und der Verrohung unserer Gesellschaft nicht passender sein könnte.´

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liter atur

Wie viel Liebe braucht der Mensch? Systematisch und virtuos untersucht Frank Schulz das Liebesbedürfnis des Homo sapiens hamburgensis

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ewöhnlich verpasst nicht viel, wer ein Motto überblättert: vielleicht einen mehr oder minder eitlen Hinweis auf die Geistesverwandtschaft, in welcher der Autor sein Buch verstanden wissen will. Es kann auch eine hermetische Andeutung sein, offensichtlich nur dazu gedacht, dem Leser Respekt einzuflößen. Immer häufiger schrumpft das Motto zur Ironisierung seiner selbst zusammen, als Zitat aus dem täglichen Sprachmüll, über das sich der Autor augenzwinkernd mit seinem Leser verständigt. Frank Schulz stellt an den Anfang seines neuen Erzählungsbands ein Motto, das man keinesfalls auslassen darf, will man den folgenden Geschichten gerecht werden. Es stammt von Marie von EbnerEschenbach und klingt ein bisschen moralisch, aber insgesamt harmlos: „Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.“ Lässt man sich diesen Satz eine Zeitlang durch den Kopf gehen, entwickelt er einiges existenzielles und misanthropisches Potenzial. Brauchen die meisten Menschen mehr Menschen, die sie lieben? Oder wollen sie intensiver geliebt werden? Wie verdient man sich Liebe? Kann man sich Liebe überhaupt verdienen? Auf so grundsätzliche Fragen weiß natürlich auch die Literatur keine Antwort. Aber sie haben Frank Schulz zu einem Zyklus inspiriert, der der unterschätzen Gattung der Erzählung zu neuem Recht verhilft und nebenbei auch die Funktion des Mottos auf brillante Weise rehabilitiert.

Diese 22 Erzählungen handeln von Menschen, die glauben, zu wenig geliebt zu werden. Schon seit seinem Debüt vor gut 20 Jahren, seit „Kolks blonde Bräute“, findet sich in der deutschen Literatur niemand, der Schulz im Fach Hyperrealismus ernsthaft Konkurrenz machen könnte. Damals spielten seine Geschichten noch in Ham-

burger Vororten, hart an der Grenze zwischen Kleinbürgertum und Prekariat. Es wimmelte von derben und burlesken Szenen, die Dialoge hielten mit phonetischer Genauigkeit den Tonfall der Figuren fest, kein Detail war zu banal oder zu widerlich, um eine bestimmte Szenerie auszustaffieren. Diese Kunstfertigkeit, mit der er eine regelrechte Fangemeinde um sich scharte, ist Schulz natürlich nicht verlorengegangen. Aber er hat sein Repertoire, wie in diesem Band nachzulesen, deutlich erweitert. Das Personal, teilweise aus den früheren Romanen bekannt, ist bürgerlicher geworden, man findet es nun nicht mehr nur in billigen Kneipen, sondern auch an schicken Schreibtischen in den Redaktionen von Gruner + Jahr: eine Comédie humaine Hamburgs und seiner Nachbarschaft. Doch nicht nur das soziale Setting hat sich erweitert. Schulz hat sich zu einem Virtuosen der Form gesteigert, der für jede Geschichte eine eigene, zwingende Erzähltechnik entwickelt. Die Längen variieren zwischen drei und 30 Seiten, und es finden sich darunter weiterhin deftig-burleske Stücke, dazwischen aber auch die minutiöse Schilderung einer Hafenrundfahrt, die auf einen banalen, aber nachhaltigen Akt der Kränkung zusteuert: eine Ladung Möwendreck, die einem Fahrgast auf die Mütze fällt. Manche Erzählung ist so geschwätzig, dass man sie wie ein Dramolett liest, dann wieder spielt Schulz mit dem Briefroman, um in einem fiktiven Briefwechsel die Nöte eines Ehepaars zwischen Weltkrieg und Frieden zu entwickeln. Klar: Da zeigt einer, was er kann. Aber es geht ihm nicht um Virtuosität, es geht ihm um 22 Variationen der ungenügenden Liebe. Und die stellt sich bei Dörchen, die kurz vor der Goldenen Hochzeit erfährt, dass ihr Mann sich jahrelang im Moulin Rouge vergnügt hat, anders dar

„Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen“ Marie von Ebner-Eschenbach

Frank Schulz: Mehr Liebe. Heikle Geschichten. Galiani, 292 S., € 20,60

als bei dem jungen Medienmann Büttner, dem der Job gekündigt und das Auto geklaut wurde, kurz nachdem ihm die Frau davongelaufen ist. Auf ihn trifft Ebner-Eschenbachs Sentenz vielleicht am wenigsten zu, denn er irrt einfach verzweifelt und wie narkotisiert durch die Stadt, ohne irgendeine Liebe für sich zu fordern – ob er sie sich verdient hätte, wissen wir nicht, gebraucht hat er sie sicher. Katja, die Arzthelferin, wird zwar geliebt, aber sie liebt einen anderen, einen Griechen, den sie im Urlaub mit ihrem Mann kennengelernt hat und von dem sie sich noch ein ganz anderes Leben verspricht als jenes unterm ewiggrauen norddeutschen Himmel. Später erfährt sie, dass sich dieser Pavlos auf seine Weise seinen Lebenstraum erfüllt hat, mit einem Job im Hamburger Hafen nämlich, wo er endlich ordentlich verdient. Geschieht Katja damit Recht im Sinne einer höheren Moral der Treue? Bei Schulz mischt sich in dieses Ende natürlich die Schadenfreude aller, die längst wissen, dass man von der Liebe nicht zu viel verlangen darf und sich im Zweifelsfall mit den Verhältnissen arrangieren möge. Aber so medioker diese Katja auch konstruiert ist: Schulz gönnt ihr auch tragische Züge, denn schließlich kann ja die Hoffnung auf eine vollkommene Liebe nicht per se verboten sein. Damit behält sie ihre Würde, wie Schulz es überhaupt schon immer fernlag, seine Figuren bei aller unfreiwilligen Komik der Häme des Bescheid wissenden Publikums preiszugeben. Dass sich der Mensch, wenn EbnerEschenbach Recht hat, immer zu wenig geliebt fühlt, gehört zu den tragischen Elementen seiner Existenz. Schulz arbeitet diese Tragik behutsam heraus, indem er auf literarisch souveräne Weise 22 Geschichten darüber ins Gespräch kommen TOBIAS HE YL lässt.

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Penis, Panzer und Pubertät in Prag Erzählen, was das Zeug hält: Jan Faktors fetter Roman über eine tschechische Jugend in den 60er-Jahren

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illustr ation: bianc a tschaikner

it dem Erzählen ist es so wie mit allen Dingen im Leben: Irgendwann taucht die Frage auf, ­warum man das tut. Die Vergangenheit wird ja nicht besser dadurch; und überhaupt: Reden wir nicht viel zu viel? Das Bekenntnis „Ich werde keine Romane schreiben, Prosa lehne ich sowieso ab. Ich will lieber auf alles draufhauen, möglichst auf jedes einzelne Wort“ kann deshalb mit V ­ erständnis und Sympathie rechnen. Auf Seite 539 eines 640 Seiten umfassenden Romans kommt es aber doch überraschend. Georg, Romanfigur und jugendliches Alter Ego von Jan Faktor, äußert sich so gegenüber einem tschechischen Schriftsteller, der ihm daraufhin prophezeit: „Vielleicht nachdem du alles zerhauen hast, Georg, warte mal ab. Das Erzählen hat etwas Magisches, glaube mir. Im Grunde will man als Leser – in jedem Zeitalter – immer nur wissen, wie es weitergeht.“

Seine wortabklopferische Phase als experimenteller Lyriker hat Jan Faktor längst hinter sich gelassen. Als er 1978 von Prag nach Ost-Berlin zog, gehörte er zur alternativen Literaturszene von Prenzlauer Berg, war aber als Tscheche, der die deutsche Sprache wie einen Fremdkörper betastete und zerlegte, eher ein Außenseiter. Heute erzählt Faktor so bedenken- wie skrupellos. Da gibt es keine Rücksicht auf Ökonomie, keine Scham und kein Mitleid. Die Frage, „wie es weitergeht“, ist aber nur von untergeordneter Bedeutung gegenüber dem Bedürfnis, Türangeln, Baustellen, Mülltonnen oder Abflusssysteme in ihrer Funktionsweise zu erfassen. Diese dingliche Orientierung hat vielleicht damit zu tun, dass Georg schon zu Beginn erklärt, von einem geradezu unerschütterlichen Glauben an eine helle Zukunft getragen worden zu sein – ein Glaube, der ihm sein durchschnittliches Dahinvegetieren ungemein erleichtert hat.

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Die Jugend im sozialistischen Prag der 60er-Jahre war ja gewissermaßen von Amts wegen auf Zukunft ausgerichtet. Georgs Sorgen betreffen also „nicht vorrangig die jeweilige Gegenwart, sondern fast ausschließlich die Vergangenheit“. Denn das, was war, entspricht leider nie dem, was hätte sein sollen. „Georgs Sorgen“ handelt von einer weitverzweigten, unübersichtlichen Familie, die sich nach dem Krieg als Zweckgemeinschaft von Überlebenden in einer Prager Altbauetage zusammengefunden hat. Sie besteht fast ausschließlich aus Frauen: Georgs Mutter, seinen nur schwer zu zählenden Tanten, Großmüttern und Urtanten. Der Frauenüberschuss in dieser jüdischen Familie hat damit zu tun, dass „aus den KZs nach dem Krieg nicht die Herren, sondern eher die Damen“ zurückkamen. Der Vater, Bediensteter der Geheimpolizei und maßloser Trinker, lebt mit seiner neuen Freundin in einem anderen Stadtviertel. Und Onkel ONKEL mit den weißen Beinen verschanzt sich hinter alten Schränken, die er so zurechtrückt, dass er in ihrem Schatten eine Art Privat­ existenz inmitten der Frauenfamilie führen kann. Das häusliche Miteinander ist so eng, dass es Georg schwerfällt, Einzelwesen und nicht nur den Gesamtorganismus wahrzunehmen.

„Die politische Entwicklung hin zum Prager Frühling und zu den sowjetischen Panzern, die ihm ein Ende setzen, läuft in diesem Erinnerungsroman eher im Hintergrund ab“

Von der Kindergartenzeit bis in die Jahre der

schwierigen Loslösung von zuhause reichen die Sorgen, von denen Georg berichtet. Diejenige um den eigenen Penis ist die Zentralsorge, bei der sich Fragen der Hygiene mit der Lustproblematik verbinden. Alles Denken Georgs kreist um das andere Geschlecht, dem er als „Mösenschaftler“ akribische Studien widmet. Das liegt mehr noch als an der Pubertät an der sozialistischen Gesellschaft, in der Sex einer der wenigen, von Staat und Ideologie nicht kontrollierbaren Freiräume gewesen ist. Die politische Entwicklung hin zum Pra-

Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 640 S., € 25,70

ger Frühling und zu den sowjetischen Panzern, die ihm ein Ende setzten, läuft in diesem Erinnerungsroman denn auch eher im Hintergrund ab, obwohl bei Georgs Mutter, einer Zeitschriftenredakteurin, Intellektuelle wie Eduard Goldstücker ein und aus gehen und selbst Theodor W. Adorno während eines Kongresses erotische Ambitionen anmeldet. Für Georg hat Freiheit vor allem mit dem „dauerhaft vorhandenen Samendruck“ zu tun. Weil ihn „alle weiblichen Hüftbewegungen zum Sex im nächsten Fünfjahrplan einluden“, mutiert er zu einem gelegentlich unangenehm auffallenden und selbstvergessenen Gaffer. Den Frauen gegenüber verhält er sich ähnlich wie gegenüber den Dingen: als Ingenieur mit dauerndem Reparier- und Verbesserungsbedürfnis. Die Sexualität, so wie er sie erlebt, kann dann aber mit den erotischen Utopien nicht mithalten. Die Beziehung zu seiner Verwandten Dana etwa ist eher ungewöhnlich. Diese arbeitet als Bildhauerin in einem kleinen Haus auf dem Land, in dem sie auch ein Sanatorium für verletzte Tiere unterhält. Ihr Haushalt ist von Dreck, Verwesung, Ungeziefer und Fäulnis gezeichnet. Ekel ist für Georg Anlass zu konzentrierter Aufmerksamkeit. Alles Unappetitliche betrachtet er als „Lieferant von Nährstoffen“. Auch sein Erzählen ist eine Art Gärungsprozess, also ein Zersetzungsvorgang. Das ist naturgemäß subversiv, bedarf keiner Erklärungen oder gar lästiger Psychologie und bringt eine angenehm unsentimentale Neugier mit sich. „Ich erweiterte mein Seelenleben vorsorglich auf die Dinge selbst“, erklärt Georg, der folglich dauernd damit beschäftigt ist, „die Umwelt in der Fantasie zu reparieren“. Georg ist literarischer Ingenieur mit technischem Spezialinteresse. Stalins Wort von den Schriftstellern als „Ingenieuren der Seele“ bekommt damit eine zeitgemäße Nutzanwendung. J ö rg M age n a u

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liter atur

Es boomt das Biz mit der In der Jackentasche sitzt Qual, alles andere ist egal das tschechische Volk Jáchym Topol hat eine Gruselgroteske um ein touristifiziertes Theresienstadt geschrieben. Warum, bleibt unklar

„Das Versprechen des Architekten“ von Jiří Kratochvil ist eine grandiose Parabel über individuelle Schuld im Totalitarismus

enn sie nicht gefunden werW den, bevor der Frost einsetzt, sind sie tot. So sitzt der Protagonist

chuld ist eine komplexe AngeleS genheit. Ganze Gesellschaften stecken in ihr wie in einem Sumpf –

am Ende halbverhungert im Zelt einer Fremden in der weißrussischen Einöde, umtost von einem tagelangen Schneesturm. „Eigentlich geht es mir gar nicht so schlecht, dachte ich.“ Und das glaubt man ihm sogar. Schon anhand der Biografie dieses stoischen Ich-Erzählers wird deutlich, welchen Gesetzen „Die Teufelswerkstatt“ gehorcht: Geboren als Sohn einer KZ-Überlebenden und eines KZ-Befreiers, die sich am Rande, nein, in einer Leichengrube kennenlernten, aufgewachsen in Theresienstadt, später wegen Mordes an seinem Vater zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt, wo er dem Henker zur Hand geht; seine Mutter hat sich da schon umgebracht. Nach der Entlassung aus der Haft – die

sanfte Revolution hat ohne ihn stattgefunden – kehrt er nach Theresienstadt zurück, wo er einem alten Freund hilft, Geldgeber für dessen Großprojekt aufzutreiben: Lebo, der unter einer Lagerpritsche zur Welt kam, ist davon besessen, Theresienstadt im historischen Zustand von 1945 zu konservieren. Warum, weiß oder sagt er nicht. Als die Presse auf die beiden aufmerksam wird, entwickelt sich die sterbende Stadt zum Hotspot für die jungen Nachfahren der einstigen Lagerinsassen. Lebo wird zum Guru der Kindeskinder der Holocaustopfer, die den Ort des Grauens besuchen, um das Grauen zu vergessen. Und reihenweise dort hängenbleiben. Aus dem Hauptplatz, wo einst die Massentransporte in die Todeslager organisiert wurden, machen sie eine Art Rummelplatz des Schreckens mitsamt Ghetto-Pizza-Buden und KafkaShirt-Verkauf. Die Spendengelder sprudeln. In einer morschen Baracke formiert sich eine eigentümliche Kommune, die allabendlich zu Séancen zusammenkommt, im roten Gras unter der Festungsanlage von Theresienstadt, aus dem sich auch wunderbar Joints drehen lassen. Die surreale Überspitzung ist eines von Jáchym Topols erzählerischen Grundprinzipien. Sein naiver, oft bis an den Rand der Teilnahmslosigkeit passiver Held driftet durch Situationen, die der Logik böser Träume folgen. Alles könnte geschehen, jederzeit. Die Welt ist bevölkert von destruktiven, undurchschaubaren Subjekten, die willkürlich töten oder retten. Und der Protagonist selbst ist den äußeren Umständen machtlos ausgeliefert. Als er erfährt, dass am folgenden Tag städtische Planierraupen Lebos Lebenswerk zerstören sol-

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len, betrinkt er sich mit einer Horde Obdachloser. Dann zündet er, um seine Spuren zu vernichten und nicht wieder im Gefängnis zu landen, Lebos Hauptquartier an und flieht nach Minsk, wo er einem dubiosen Mediziner beim Aufbau einer alternativen Gedenkstätte helfen soll. Ab diesem Punkt entwickelt sich der Roman endgültig zur Räuberpistole. In der belorussischen Wildnis kommt es schließlich zum großen Showdown zwischen motorisierten Leichen. Die Zeit der Handlung bleibt eher vage. Der Roman spielt nach der Implosion des Ostblocks, so viel ist klar, im Internetzeitalter. Zugleich sind fast alle handelnden Figuren Kinder von Naziopfern und noch weit unter 50. Bei dieser uneindeutigen Figurenzeichnung handelt es sich um einen Kunstgriff, der das Erzählen sehr erleichtert: Das Personal ist psychisch schwerstversehrt, hat aber – so wie auch der Protagonist – offenbar beschlossen, nie wieder von den Eltern zu sprechen. Zurück bleiben diffus kaputte Typen, die sich theoretisch mit den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs auseinandersetzen, diese aber betrachten wie zugedröhnte Archäologen eine Ausgrabungsstätte. Jáchym Topol kann Spannung erzeugen,

variieren und über weite Strecken halten; er beherrscht alle Nuancen der Komik; er ist ein versierter Stilist – und doch lässt einen sein jüngster Roman beim Lesen völlig kalt. In den Danksagungen schreibt Topol, dass er über die „Dämonen“ nicht realistisch hätte schreiben können. Die Vermischung authentischer und grotesk überzeichneter Elemente vor dem Hintergrund der Leichenfelder der jüngeren europäischen Geschichte ist kühn, zugleich aber auch unglaublich schal. Weil jederzeit alles geschehen könnte, ist auch alles egal. Theresienstadt ist nicht mehr als ein Schauplatz eines grotesken Gruselromans. Darf man überhaupt so über Kriegsgräuel schreiben, fragt man sich irgendwann, erschrocken über die Leichtigkeit der Lektüre. Um dann beruhigt festzustellen, dass auch die Antwort auf diese Frage im Grunde gleichgültig ist.

TABEA SOERGEL

Jáchym Topol: Die Teufelswerkstatt. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Suhrkamp, 200 S., € 25,50

die einen bis zum Knöchel, die anderen bis zum Hals. Hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang rangen in den kommunistischen Diktaturen viele Menschen mit den Fragen: Wie viel Druck bin ich bereit zu ertragen, um sauber zu bleiben? Denunziere ich den Nachbarn, um der eigenen Familie Leid zu ersparen?

Diese Wucht der Schuldfrage kann wohl nur ermessen, wer selbst in einer totalitären Gesellschaft groß geworden ist. Wie der Schriftsteller Jirˇí Kratochvil, Jahrgang 1940. Kratochvil lebt in Moravský Krumlov, MährischKromau, nahe Brünn. Geprägt von der Intellektuellenszene im Brünner Untergrund wollte sich Kratochvil nicht mit dem System arrangieren. Als er nach dem Prager Frühling 1968 mit Publikationsverbot belegt wurde, verdingte er sich jahrzehntelang als Kranführer, Heizer oder Bibliothekar. Erst nach Wende wurde er – 1999 mit dem renommierten Jaroslav-Seifert-Literaturpreis ausgezeichnet – zu einem der bekanntesten tschechischen Schriftsteller. Protagonist in Kratochvils großartigem neuem Roman „Das Versprechen des Architekten“ – neben dem Erzählband „Brünner Erzählungen“ soeben in deutscher Übersetzung erschienen – ist der Architekt Kamil Modràcˇek. Für die nazideutschen Besatzer errichtet er eine Villa in Form eines Hakenkreuzes, um seine Schwester aus dem Kerker der Gestapo zu befreien. Der Deal klappt, doch nach dem Krieg wird Modràcˇek wegen des Hakenkreuz-Hauses vom kommunistischen Geheimdienst ŠtB verfolgt. Der Verweis auf die seinerzeitige Zwangslage nützt ihm nichts, schließlich spielt der Roman „in einem Land, wo einem Beschuldigten überhaupt keine Schuld nachgewiesen werden muss, sondern, im Gegenteil, er verpflichtet ist, seine Unschuld zu beweisen“. Die Staatssicherheit verhaftet die Schwester erneut, und Modràcˇek dient sich in seiner Not dem ŠtB an. Doch als die Schwester unter ungeklärten Umständen in der Haft stirbt, nimmt ihr Bruder, auf grausame ­Weise unverwundbar geworden, Rache. All das beschreibt Kratochvil nicht etwa als Familienmelodram, sondern lakonisch, raffiniert, verspielt, und er entwirft dennoch ein vielschichtiges Bild seiner Protagonisten, ihrer Leidenschaften und Schwächen. Die Exkurse in die Kultur- und Stadthistorie lassen im Leser den Vorsatz reifen, Brünn – früher das „österreichische Manchester“

genannt – ehebaldigst zu besuchen. Die zweite Romanhälfte ist absurd – auf eine postmoderne, parabelhafte Weise. Wieder fühlt man sich – in Erzählduktus und Handlung – an einen Film erinnert: Emir Kusturicas „Underground“. Nach dem Tod der Schwester findet Modràcˇek keinen ruhigen Moment mehr, empfindet Schuld. Da stößt er im Keller seines Zinshauses zufällig auf ein verborgenes Gewölbe, Teil eines teils unterirdischen mittelalterlichen Labyrinths. Modràcˇek entführt jenen ŠtB-Offizier, der den Tod der Schwester zu verantworten hat, und sperrt ihn in den Keller. Die Polizei kommt ihm auf die Schliche, aber der Rächer entführt und inhaftiert auch den ermittelnden Beamten. Und so weiter. Am Ende leben 21 Menschen in besagtem Gewölbe. Das Umfeld ist nicht gewalttätiger als der überirdische Realsozialismus; Kinder werden geboren, Ärzte und Köche versorgen die Entführtenkolonie. Modràcˇek kombiniert seine Rachegelüste mit architektonischen Visionen und errichtet eine „horizontale unterirdischen Stadt“, sein Lebenswerk. Es ist eine „autarke Welt mit allem Drum und Dran“, ein „Modell einer künftigen, besseren Gesellschaft“ (die freilich auf Gewalt basiert), aber auch „nur eine Tasche in der Gefängnisjacke des weit größeren Gefängnisses, in welches das ganze tschechische Volk geworfen ist“. Lange nach der Wende werden sich in einer Art Epilog zum Roman zwei zeitgenössische Brünner über Kamil Modràcˇek unterhalten: Er sei nicht so wie die ganzen „Keller­ perversen“, wie etwa „dieser Fritzl aus Österreich“. Im Vergleich dazu, erzählen sich die beiden Brünner, sei der Architekt Modràcˇek geradezu „ein gutmütiger, alter Kerl“ J o sep h G epp gewesen.

Jiří Kratochvil: Das Versprechen des Architekten. Roman. Braumüller, 380 S., € 23,90

Jiří Kratochvil: Brünner Erzählungen. Braumüller, 210 S., € 21,90

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Was am Wegesrand verlorenging In „Das Vermächtnis des Fotografen“ thematisiert Pál Závada die Kontinuität des ungarischen Antisemitismus

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er Wunsch und der Glaube, dass sich alles zum Besseren wenden möge, und die fortgesetzte Erfahrung, dass dem nicht so ist, ist die moderne Erkenntnis schlechthin; die Literatur der Moderne hat sie vielstimmig orchestriert. Daraus sind großartige Enttäuschungsbücher entstanden: die Romane Gustave Flauberts zum Beispiel, Thomas Manns Abgesänge auf den Glanz bürgerlicher Selbstentfaltung oder ein Roman wie „Zeno Cosini“ des großen Triestiners Italo Svevo. Pál Závadas Roman ist eine großangelegte Sitten- und Familiengeschichte in Ungarn, von den späten 30er-Jahre bis in die Zeit nach der Wende. Im Zentrum steht eine sentimentale Erziehungsgeschichte unter spätsozialistischen Verhältnissen; das Lieblingsbuch des jungen Ádám Koren ist Flauberts „L’Éducation sentimentale“.

Ádám, dass er (am Ende des Romans) seinen vagen Entschluss kundtut, wenn schon nicht die unglücklich verehrte Jugendliebe, dann eben deren jüngere Schwester zu heiraten. Das ist wie bei Svevo Glück im Unglück, ist doch die Jüngere klug und auch schön, die Ältere hingegen bereits gezeichnet von eigenem Unglück. Dieses noch nicht ganz ausgereifte Heiratsprojekt erzählt Ádám der zweiten Frau seines Lebens, der inzwischen ebenfalls älter und unglücklicher gewordenen Viola, mit der Ádám über hunderte Seiten nicht zum Ziel kommt. So viel zur Folgerichtigkeit privaten Glücks, am Ende, so die Hoffnung, sind die Falschen die Richtigen. Was die Literatur der Historiografie oder der Soziologie voraus hat, ist ihre Fähigkeit, die großen Entwürfe mit den privaten Geschichten und den Beschränktheiten von Individuen kurzzuschließen: Daraus entstehen dann ironisch gefärbte Farcen, die jede Form dogmatischen Glaubens an den Fortschritt als Unterdrückungsinstrument entlarven – sei es der Glaube an die Segnungen des kapitalistischen Industrie-

Foto: © Ekko von Schwichow

Foto: Lenke Szilágyi

Mit Svevos Zeno Cosini wiederum verbindet

zeitalters, sei es der Glaube an den sozialistischen Himmel auf Erden. Závadas Roman handelt vor allem vom Versanden jugendlichen revolutionären Elans im Zuge der Stalinisierung Ungarns nach dem Krieg. Aber um zu erzählen, wie aus jungen, strahlenden Helden, die eine Mädchenblume nach der anderen „pflücken“, korrumpierte Funktionäre der Macht werden, muss auch die Vorgeschichte erzählt werden, muss erzählt werden, wie aus einer feudalistischen Agrargesellschaft ein sozialistischer Staat von Bauern und Arbeitern wurde. Was auf diesem Weg verlorenging und was ungarische Schriftsteller wie Sándor Márai in seinen Tagebüchern mit Wut, Verbitterung und innerer Emigration quittierten, sind bürgerliche Tugenden wie Aufrichtigkeit, Anstand und Gerechtigkeitsempfinden. Der 1954 im Südwesten Ungarns geborene Pál Závada arbeitete als Soziologe und veröffentlichte 1986 ein Buch über die Sozialgeschichte seines Heimatdorfes. Eine der Hebammen der Soziologie als wissenschaftliche Disziplin ist die sozialkritische und utopistische Literatur des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Insofern besitzt es Folgerichtigkeit, wenn der Autor seine sozialwissenschaftlichen Studien zur Grundlage breitangelegter Romane macht. Die 2007 auf Deutsch erschienene Dorf- und Familiengeschichte „Das Kissen der Jadwiga“ wurde in Ungarn zum Bestseller.

Zur Person Pál Závada wurde 1954 in Tókomlós in Südwestungarn geboren. Er lebt und arbeitet am Soziologischen Institut der Ungarischen Akademie in Budapest. 1997 erschien sein erster Roman, „Das Kissen der Jadwiga“ (deutsch: 2006), das mit zwei der renommiertesten ungarischen Literaturpreise ausgezeichnet wurde, dem JósefAttila-Preis und dem Sándor-Márai-Preis

Seinen Ausgang nimmt der Roman bei den so-

genannten „Dorfforschern“ oder „Volksschriftstellern“, die sich, wie der Schriftsteller György Dalos im Nachwort schreibt, in den 30er-Jahren „durchaus edlen Zielen widmeten“. Mit den Mitteln der Reportage wollten sie auf die unhaltbaren Zustände hinweisen, politisch gingen sie entweder nach links oder nach rechts, beziehungsweise – und das ist das instruktivste zeitgeschichtliche Moment des Romans – nach links und nach rechts: Sie wurden Partei-

Pál Závada: Das Vermächtnis des Fotografen. Roman. Aus dem Ungarischen von Ernö Zeltner. Luchterhand, 479 S., € 23,60

gänger der Kommunisten und sie waren in unterschiedlicher Abstufung Nationalisten und Antisemiten. Die Vehemenz, mit der Závada auf die Verseuchung der kommunistischen Gesellschaft nach 1945 durch antisemitische Affekte verweist, schließt an die aggressivverzweifelten Analysen des ungarischen Nobelpreisträgers Imre Kertész an oder an die bereits erwähnten Tagebücher Sándor Márais. Der unaufgearbeitete historische und der von rechten Parteien geschürte Antisemitismus im Ungarn der Gegenwart sind das zentrale Hemmnis einer weitergehenden Demokratisierung des Landes. In Závadas Roman erscheint der Antisemitismus als mentale Prägung, die jeden Regimewechsel überlebt. Ein zweites großes Thema ist die Geschichte der ungarischen Minderheiten in der Slowakei (und auch im rumänischen Siebenbürgen), die als Aussiedler ins „Mutterland“ kamen oder nach der Abtrennung der oberungarischen Gebiete in der Slowakei blieben. Was ist echtes Ungarntum? Diese Frage wird in vielen Dialogen und Szenen des Romans ausgebreitet. Lange Passagen in Závadas’ Roman wären in soziologischen oder journalistischen Artikeln besser aufgehoben. Das Buch ist zu lang. In seiner kunstvollen Verquickung von Lebensläufen zeigt es jedoch auch, wie das Private unauflöslich mit dem Politischen verbunden ist. Augenscheinlichstes erzähltechnisches Kennzeichen hierfür sind die nicht dingfest zu machenden „Wir“-Erzähler des Romans, die von Bar­ theken aus orgiastische Studentenfeten beobachten, die als allwissende Funktionäre erscheinen, die mit den Figuren in Zugabteilen sitzen und so fort. Damit evoziert der Roman nicht nur eine latente Atmosphäre von Angst, Überwachung und Bedrohung, sondern er zeigt, wie die verschlungenen erotischen Wege dem Irrwitz der realsozialistischen Verhältnisse folgten. BERNHAR D FE T Z 

Paulus Hochgatterer »Es gibt viele Ebenen, auf denen sich dieser ungemein dichte, sorgfältig komponierte Roman lesen lässt … Hochgatterer schärft das Bewusstsein dafür, wie fragil die Scharniere sind, die das Innerste im Zaum halten.« Felicitas von Lovenberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung 296 Seiten. Gebunden. € 20,50 [A] www.deuticke.at

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Josef K. im Konzentrationslager H.G. Adlers Monumentalroman entwirft ein gewaltiges „Panorama“ zwischen Erstem Weltkrieg und Holocaust

Humor, Satire und nackte Angst Das Überleben ist geglückt, aber was jetzt? Psychische Irrungen und Wirrungen stehen am Ende. Er sieht diese Panoramen, aber er kann sie nicht betreten. „Die Räume werden von den Zeiten verschlungen; beide verwirren sich aneinander im Bewusstsein des Menschen, weil das Bewusstsein der Zeit bedarf und keinen Raum hat, während das Sein des Raumes bedarf und keine Zeit hat.“ Der „Roman in zehn Bildern“ von 1948 ist ein autobiografisch inspirierter Entwicklungsroman. Und was für einer! Was heiter und humoristisch beginnt, was sich in der Mitte wie ein Schelmenroman und eine kantige Satire ausnimmt, ist im Auschwitz-Kapitel ein Aufschrei angesichts der nackten Angst und verwandelt sich zuletzt im englischen Exil in ein philosophisches Räsonnement. In zehn fast gleich langen Kapiteln versucht H.G. Adler die Welt seines Josef vom Ersten Weltkrieg bis knapp nach dem Zweiten Weltkrieg zu öffnen. Jedes Kapitel steht für sich, bildet eine eigene Welt aus, spielt an einem anderen Schauplatz, ist in einer anderen Tonart gestimmt. Das Personal ist jedes Mal ein anderes, meist spielt das Geschehen an einem einzigen Tag, ereignet sich jedenfalls innerhalb sehr kurzer Zeit, der Raum ist ebenfalls begrenzt und leicht überschaubar. Nur einer bleibt immer im Zentrum: Josef Kramer, ein junger Mann auf der Suche nach sich selbst und gleichzeitig getrieben von den Zeitläufen. Der Erzähler bleibt immer nahe an ihm dran, erzählt aus Josefs

Josef geschickt wird. Das militärische Regelsystem trifft den jungen Mann wie eine Axt, aber es gibt auch Formen des Widerstands, ehe der Entschluss heranreift, alles zu tun, um diesem disziplinierten Wahnsinn wieder zu entkommen.

Perspektive und setzt zugleich in seiner Sprachformung Zeichen der Distanz. Nicht nur der Name Josef K., auch die präzise, ­komische Erzählform erinnert an Kafka.

Zu viel für ein Leben und einen Roman Kaum zu glauben, was in dieses Leben alles hineinpassen musste. „Panorama“ ist die Geschichte einer Verdunkelung, prallvoll mit Leben, mit ungewöhnlichen Erfahrungen, mit spannend zu lesenden Einblicken in ganz verschiedene Szenen. Ein ganz besonderes Buch. Elias Canetti hat es kurz nach der Fertigstellung gelesen, hat sich dem Autor gegenüber begeistert geäußert, allerdings auch einen Einwand vorgetragen, von dem er meinte, er spreche mehr für als gegen das Buch: Dessen Substanz sei nämlich zu reich. Andere Kritiker haben ähnlich argumentiert: In „Panorama“ steckten eigentlich mehrere Romane drinnen. Aber das ist eben der Clou dieses Buchs, dass es festhält, welche unterschiedlichen Welten ein einziger Mensch, speziell einer aus einem bürgerlichen Prager Elternhaus, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlaufen und aushalten musste. Im ersten Bild wird an den Fronten des Ersten Weltkriegs gekämpft, aber in der ­bereits ramponierten Prager Bürgerwelt wird der achtjährige Josef exzessiv umtändelt, behütet und sachte auf beruflichen Erfolg vorbereitet. Da wird mitten im Krieg großer Kindergeburtstag mit Spielen und Geschenken gefeiert. Der Vater darf zum Staunen des Kleinen so weise Sätze sprechen wie: „Immer wenn der Frieden aus ist, bricht der Krieg aus, der ein Graus ist.“ Auch das nächste Bild von Josefs Kindheit ist – bei allem Ungemach – eher idyllisch eingefärbt. Da scheint noch alles in Ordnung, so auch im zweiten Abschnitt, als Josef als etwa Zehnjähriger im hinterwäldlerischen Umlowitz landet, einem Dorf im Böhmerwald. Mann kann sich das Ganze als eine Mischung aus Adalbert ­Stifter und Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ vorstellen.

Die Würde des Menschen ist … Zur Person H.G. Adler wurde am 2.7.1910 in Prag geboren, wo er in den 30ern an der Deutschen Universität studierte (u.a. Philosophie und Kunstgeschichte). 1942 wurde er mit Frau und Eltern nach Theresienstadt deportiert, 1944 nach Auschwitz, wo seine Frau ermordet wurde. 1947 floh Adler nach London und lebte dort bis zu seinem Tod 1988. Sein Buch „Theresienstadt: das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft“ (1955) verdeckte an­dere Aspekte seines Schaffens. In W.G. Sebalds letztem Roman „Austerlitz“ (2001) wird Adlers Theresienstadt-Buch für den Titelhelden zur Offenbarung

Zeugenschaft für die Verlorenen

Ein Städter wird aufs Land geschickt Ein Kindertausch hat stattgefunden. Ein Sohn der Zieheltern, die einen Laden besitzen, ist in die Stadt geschickt worden, Josef aufs Land – weil er „so nervös“ ist. Dort macht er nun intensive Bekanntschaft mit dem Dorf, anderen Kindern und verschiedenen Tieren, mit einer mehrklassigen Volksschule, einem sadistischen Lehrer, mit einem Dasein als Hüterbub. Nichts Gutes für die Zukunft lässt der Abschnitt über das Internat ahnen, in das

Josef kommt aus einer jüdischen Familie, aber das Judentum spielt in diesem Roman keine explizite Rolle. Die Familie ist assimiliert, Josefs Leben verläuft dementsprechend. Eher ist auf den verschiedenen Stationen seines Lebens die hysterische Ausgesetztheit des deutschsprachigen Prager Bürgertums ein Thema. Der Leser muss sich im Erzählduktus auf harte Schnitte in den Szenen einstellen, denn das Licht fällt einmal auf ein Sommerlager, dann auf einen esoterischen Zirkel, auf eine Privatlehrerstelle in einem rei­chen Haus oder die hektisch-chaotische Betriebsamkeit in einem Bildungshaus. Das achte und neunte Bild machen zweifellos den Höhepunkt des Romans aus, ­obwohl dessen Verlauf bis dahin nicht ahnen ließ, dass er dorthin führen würde. Das Terrorsystem trifft Josef vollkommen un­erwartet. Als Jude wird er nach der national­sozialistischen Besetzung der Tschechoslowakei als Zwangsarbeiter zum Eisenbahnbau eingezogen. Hier wird das ethische Credo formuliert: „Das Leben ist das erste Gut des Lebenden, es darf um der Würde willen geopfert werden, doch preiszugeben ist es nie, und auch in der Zwangsarbeit ist es so zu führen, dass man von seiner Würde nichts vergibt, weil es dem Menschen sogar über die Grenzen der Qual überlassen wird, womit er sein Leben führt.“

H.G. Adler: Panorama. Roman. Zsolnay, 624 S., € 28,70

Als nächstes Bild folgt die Erfahrung in Auschwitz und deutschen Arbeitslagern. „Panorama“ gehört zu den wenigen literarischen Zeugnissen, über die wir verfügen, in denen ein Betroffener von Auschwitz erzählt. Wie Auschwitz zur Sprache bringen? Der Erzähler versucht auch hier – bei höchstem Alarmzustand – die Genauigkeit des Blicks beizubehalten; präzise zu schildern, was passiert. Nicht nur die äußeren Gräuel, sondern auch die innere Angst, dieses maßlose Entsetzen darüber, was da den Menschen zustößt. Ob es nützt und er überleben wird, weiß Josef nicht, aber alle Kräfte werden gegen die Vernichtung mobilisiert: „Er lässt sich nicht fallen, er möchte Zeugenschaft für das Dasein der Verlorenen ablegen.“ 

Foto: Brigitte Friedrich

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m vergangenen Jahr gab es im Wien Museum eine Ausstellung, die anschaulich machte, wie man vor der Erfindung des Films andere Zeiten und andere Länder anschauen konnte. Eine der Attraktionen von „Zauber der Ferne“ bestand ­darin, dass in ihr auch ein altes Panorama aufgestellt war, das noch wie anno dazumal funktionierte: Rund um ein Holz­gehäuse waren Sessel aufgestellt; vor jedem Sessel gab es zwei Gucklöcher, durch die man das in Bildern vorbeiziehende Programm beobachten konnte. So ähnlich funktioniert für Josef, die Hauptperson in H.G. Adlers Roman, die Erinnerung ans eigene Leben. Das Panorama ist mit verschiedenen Bildern präsent, aber es ist eine Pein. Josef beschwört die Kraft des Vergessens, er lehnt sich gegen das Anschauen auf, aber es misslingt. Das Panorama wird zum Fluch, das ungeheuerliche Leben, das er gelebt hat, ist zu Bildern erstarrt.

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Nur wer sich verliert, kann Was kann der Bub dafür, sich auch wieder finden dass die Oma eine Nazi ist Die Protagonisten von Lukas Meschik sind jung, wohlhabend, misstrauisch und ständig bereit, sich selbst neu zu entwerfen

In ihrem Band „Auf offenem Meer“ erzählt Bettina Balàka variantenreich von verschiedenen Formen des Gefangenseins

ie heile Welt zerstören, um Platz D zu haben, eine heile Welt zu bau­ en.“ Die vermeintlich heile Welt, die

ine große Liebe zeigt sich oft in E kleinen Dingen“ oder „Beim Küs­ sen schließt man die Augen, damit

der Wiener Autor Lukas Meschik in seinem zweiten Erzählband „Anlei­ tung zum Fest“ heraufbeschwört, ist die nächtliche Stadt: Sorglose ­junge Menschen tummeln sich in ­einer dunklen Gegenwelt, in der sie im Schein des Mondes oder der Discoku­ gel mehr Wirklichkeitssinn zu entwi­ ckeln vermeinen als im taghellen All­ tag. Ihr Hauptinteresse scheint darin zu bestehen, sich in der Begegnung mit dem anderen zu verlieren, in der Hoff­ nung, sich dadurch wiederfinden zu können. Ihre Erlebnisse sind Verlust­ anzeigen des Ich: return to sender! Die Protagonisten sind Getriebene. Sie durchstreifen (halb-)öffentliche Räu­ me und sind auf erotische Abenteu­ er programmiert, von denen sie sich ­einen Ausweg aus ihrer Einsamkeit er­ hoffen. Gezeigt werden Männer beim nächtlichen Herumstreunen, in spät­ pubertär-homoerotischen Symbio­ sen, auf Frauensuche in der Diskothek, beim Tagträumen in der Vorlesung, im inneren Zwiegespräch in der U-Bahn; Männer und Frauen in angeregtem Dialog im Restaurant und in ausgelas­ sener Interaktion auf einem Fest. Zur Heilung müsse man sich als Mittel „fortgeschrittener Drastik“ Verstörungen aussetzen, heißt es bei Meschik, der zwischen der Au­ ßen- und Innenwelt seiner Figuren ein Maximum an Spannung entwi­ ckelt: Während ihre sparsam gesetz­ ten Handlungen cool und distanziert wirken, sind sie emotional verunsi­ chert und jagen in Gedanken einem Ideal hinterher. Sie sind Romantiker im besten Sinne, intensiv bis meta­ physisch in ihrer Wahrnehmung und poetisch in der Beschreibung – mo­ derne Repräsentanten der progres­ siven Universalpoesie, welche sich selbst immer weiterschreibt und von der Erfahrung der Entgrenzung in der Einsamkeit getragen ist. Dennoch findet der Autor über weite Strecken mit einer elegantsachlichen Sprache sein Auslangen. Wo er dies allerdings nicht tut, ver­ schwimmen die Grenzen zwischen mutiger Metaphorik und Sprachkli­ schee. Die Bandbreite im Ausdruck findet in Form und Textstruktur ihre Entsprechung: Ein assoziativ dahin­ mäanderndes Prosalanggedicht über

das Verhältnis von Zeit, Raum und Menschen um vier Uhr früh steht ne­ ben literarischen Versuchsanordnun­ gen, in denen jeder Absatz mit „Joe“ beginnt oder der Satz „Ich denke an Blau“ durchdekliniert wird. Das Kernstück des Bandes bildet die 70-seitige Liebesgeschichte „Die Kunst des Halbierens“, die in der Fein­ heit der klassischen Dialogführung und existenzialistisch geprägten Pa­ rabelhaftigkeit an beste Prosa aus der Nachkriegszeit erinnert. Und das, ob­ wohl Meschiks Protagonisten ein­ deutig der Wiener Wohlstandsgesell­ schaft der Nullerjahre zuzuordnen sind. Sie sind intelligent, meist jung und mit vielen Entwicklungsmöglich­ keiten ausgestattet. Zugleich miss­ trauen sie der heilen Oberfläche ihrer Welt, fürchten, in ihrer Bequemlich­ keit eingelullt zu werden und halten an der Bereitschaft fest, sich jederzeit selbst neu zu entwerfen. Das ist zum einen verunsichernd – und der Autor spart dabei nicht mit drasti­ schen Beispielen –, zum anderen liegt genau darin die Kraft, die die Figuren in Bewegung hält, das Movens ihrer Lebenslust. Damit weiß Meschik die dunkle Grundstimmung seiner Prosa ins Positive zu wenden, was vielleicht auch die stoische Ruhe erklärt, mit dem seine Erzähler sowohl Eros als auch Thanatos begegnen. Sie finden dafür zwar keine kalten, sehr wohl aber sachliche, nüchterne Beschrei­ bungen, denen – vor allem dann, wenn es um Erotik geht – beinahe et­ was Technokratisches anhaftet. Ihr Halt ist die erstaunliche Sicher­ heit im sprachlichen Ausdruck, die der junge Autor an den Tag legt. Da­ mit schließt er an sein beeindrucken­ des literarisches Debüt, den Weltun­ tergangsroman „Jetzt die Sirenen“ (2009), an und macht neugierig auf weitere Übungen in Sachen literari­ scher Verstörung. A le x andra M illner

Lukas Meschik: Anleitung zum Fest. Erzählungen. Luftschacht, 240 S., € 20,–

man besser ins Herz sehen kann“ oder „Liebe ist das Hoch, das alle Wolken vertreibt“. Was ist noch schlimmer, als eine Liste derartiger Sinnsprüche lesen zu müssen? Genau, sie zu schreiben. Strafverschärfung: die Sprüche in klei­ ne Deckchen einzusticken. Die perfide Idee stammt von der Direktorin eines Frauengefängnisses, die ihre Häftlin­ ge zu genau dieser Arbeit verdonnert – mit spitzen Nähnadeln, denn ein paar Blutstropfen verleihen der Stickerei zusätzlichen Reiz. Konsequenterwei­ se wird die Sadistin erstochen, wenn auch mit einer Fleischgabel. Diese grotesk-komische Rache am öden

Kalenderspruch findet sich in Betti­ na Balàkas neuem Erzählband „Auf offenem Meer“. Dass die 1966 gebo­ rene, auch als Lyrikerin und Drama­ tikerin bekannte Autorin eine außer­ ordentliche Erzählerin ist, hat sie mit ihrem Roman „Eisflüstern“ (2006) be­ wiesen, in dem ein k. u. k. Offizier aus russischer Gefangenschaft nach Wien zurückkehrt und weder die Stadt noch seine Familie so recht wiederzuerken­ nen vermag. Auch in ihrem aktuellen Buch ­verarbeitet Balàka teilweise Histori­ sches. Im 18. Jahrhundert spielt die Geschichte eines Schiffsjungen auf der Suche nach einem Vater­ersatz, den er im Passagier John Harrison zu finden hofft. Diesem gelernten Tisch­ ler gelang es gegen den Widerstand berühmter Wissenschaftler wie Isaac Newton das sogenannte „Längen­ problem“ zu lösen und so die Orientie­ rung auf offener See zu vereinfachen. Was die Geschichtswissenschaft nicht weiß: Ohne Balàkas Schiffs­ jungen wäre Harrison womöglich ge­ scheitert, die Menschheit um eine Sternstunde ärmer. Wie viele solcher Stunden die di­ versen Diktaturen des 20. Jahrhun­ derts verhindert haben, ist nicht ab­ zuschätzen. Einer der bedeutendsten Biologen seiner Zeit war Nikolai Iwa­ nowitsch Wawilow, der unter Stalin einen elenden Tod starb – in einem Gefängnis mit dem Spitznamen „Ti­ tanic“. Sein Gefängnisdirektor schil­ dert das Ende dieses ihm „äußert ­sympathischen“ Häftlings, das ihm „wirklich sehr leid“ tut. Der Beamte

hat es sich angewöhnt, „Menschen so anzuschauen wie Schmetterlinge, die hinter einer Glasscheibe aufgespießt sind. Man betrachtete sie mit Inter­ esse, manchmal sogar Bedauern, und dann ging man wieder fort, vergaß sie und kümmerte sich um sich selbst.“ Er ist kein Unmensch, sein Moral­empfinden hat sich aber dem Schreckensregime angepasst. Moral hängt oft von den äußeren Um­

ständen ab. Ein Ich-Erzähler liebt sei­ ne Großmutter zwar trotz ihrer un­ gebrochenen Hitler-Verehrung, hält aber Distanz aus Rücksicht auf seine – gerade schwangere – Frau, die von Wi­ derstandskämpfern abstammt. Nun vermacht die Großmutter den beiden ihre herrliche Villenetage mit schö­ nem, großem Garten. Das Dumme da­ ran: Es handelt sich um eine arisier­ te Wohnung. Soll das noch ungebore­ ne Kind deswegen darauf verzichten müssen, im Grünen aufzuwachsen? Bettina Balàka wechselt spielend leicht die Register. Sie regt zum La­ chen an und sorgt dafür, dass dieses wenige Zeilen später einfriert, erzählt einmal voll groteskem Humor, dann wieder scheinbar naiv und lässt dabei Grausamkeit oder Verfolgungswahn durchschimmern. Spannend ist der Bericht aus einem Kriegsschiff, dessen Kommandant, ein ehemaliger Computerspieleent­ wickler, unter Schießzwang einmal auf den falschen Knopf drückt; zuneh­ mend verzweifelt die Erzählung einer Frau, die angesichts der Erziehungs­ methoden ihrer Gastgeber in der idyl­ lischen Provence froh sein muss, dass ihr eigener Sohn nicht auch gezüch­ tigt wird. Die Weite des offenen Meeres wird oft mit Freiheit assoziiert. Balàka hin­ gegen erzählt brillant von Gefange­ nen – auf hoher See oder hinter ­dicken Mauern, öfter aber in den eigenen Unzulänglichkeiten. GEORG R ENÖCK L

Bettina Balàka: Auf offenem Meer. Erzählungen. Haymon, 120 S., € 16,90 Lesung: am 25.3., 19.30 Uhr in der Hauptbücheei (7., Urban-Loritz-Plazu 2a)

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Apocalypse Now! Die Katastrophe ist gekommen, um zu bleiben: Kathrin Röggla untersucht das „Szenario“

Ein halbes Jahrhundert später ist eine andere Katastrophengrammatik vonnöten. Keine weiß das besser als Kathrin Röggla, die sich mit dem Thema seit mehreren Jahren intensiv auseinandersetzt. In ihrem Aufsatz „disaster awareness fair“ (Droschl 2006) knüpft sie an Sontag an, um die Veränderungen des Katastrophischen zu beschreiben. Soziologische, kultur- und wirtschaftswissenschaftliche Bücher geben die Richtung vor. Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ etwa (später erweitert zur „Weltrisikogesellschaft“) zeigt auf, wie sehr moderne Gesellschaften auf der Vorstellung beständiger Bedrohung basieren. Naomi Kleins „The Shock Doctrine“ beschreibt ökonomische Konzepte in ihrer Abhängigkeit von katastrophischen Abläufen. Und Kathleen Sutcliffe, eine Professorin an der School of Business in Michigan, fordert Unternehmensstrategien, die jederzeit mit dem Hereinbrechen des Unerwarteten rechnen. Der Ausnahmezustand sei heute der Normalzustand, sozusagen das gängige Paradigma der Politik, meinte der italienische Philosoph Giorgio Agamben, dessen Ideen Röggla ebenfalls literarisch nutzbar gemacht hat. Für die Fiktionen der Katastrophe, für Killertomaten, Riesenameisen, intergalaktische Nebel, mutierte Affen und ähnliches Plüschgetier aus den Urzeiten der Angst bietet eine solche Welt keinen Platz mehr. An die Stelle, wo die Narrative der Politik selbst zu Katastrophenerzählungen geworden sind, tritt das vermeintlich Reale: Klimaerwärmung und Finanzkrise, Schurkenstaaten und Terrorangst, Shareholder-

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Values und Leistungsdruck, Tsunamis, Überschwemmungen, Erdbeben in jedem Wohnzimmer. Wie nun aber richten wir uns in diesen permanenten Katastrophen ein? Dass andere Erzählformen nötig sind, um zu beschreiben, wie es den Menschen damit geht, hat Kathrin Röggla schon in ihrem Buch „wir schlafen nicht“ (2004) gezeigt. Die Grundlage dort boten (noch vor der Wirtschaftskrise, aber das macht keinen Unterschied) Gespräche mit Unternehmensberatern, Key-Account-Managern, Onlineredakteuren, Programmieren und Praktikanten. Auf der Basis dieser Interviews baute die Autorin ihre Textszenarien. Collagen, die klarmachen, dass hier jederzeit jeder von jedem gemeint sein kann und alle getrieben sind von Angst: nicht mehr Schritt halten zu können; nicht mehr mitzukommen; keinen Platz mehr zu finden. Mit „die alarmbereiten“ treibt Röggla ihre Schreibtechnik um einen Schritt weiter. Falls Interviews geführt wurden, sind sie im Text als solche nicht mehr erkennbar. Und noch bevor der Text als Buch erschien, war er (mit eher geringen Modifikationen) bereits als Hörspiel und als Theaterstück („worst case“) erfolgreich. So erübrigt sich hier die herkömmliche Frage nach der Gattung – Hauptsache, der Text ist anwendbar und zeigt Wirkung. Folgerichtig spricht Röggla in einem Interview von kleinen Textmonstern, die die sieben Abschnitte des Buches darstellten. Vorbild ist das Szenario und damit genau jener Mechanismus, über den die Installation der permanenten Katastrophe in der Gesellschaft funktioniert. Ständig werden Szenarien entworfen, ganze Berufsgruppen scheinen mit nichts anderem beschäftigt: Was passiert, wenn die Erde sich um zwei Grad Celsius erwärmt? Eine Person die Sicherheitsschranke eines Flughafens durchbricht? Die Notenbank die Zinsen senkt?

Zur Person Kathrin Röggla, wurde 1971 in Salzburg geboren. 1995 debütierte sie mit „Niemand lacht rückwärts“, es folgten u.a. „Abrauschen“ (1997), „Irres Wetter“ (2000) und „wir schlafen nicht“ (2004). Röggla arbeitet auch für das Theater („draußen tobt die dunkelziffer“, „worst case“) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem ReinhardPriessnitz- (1995), dem Italo-Svevo- (2001) und dem AntonWildgans-Preis (2008). Seit 1996 lebt sie in Berlin-Neukölln

„das mit dem einatmen und ausatmen hätte ich wohl immer noch nicht so drauf. das höre sich gar nicht gut an, so was kriege sie schon mit“ Aus: „die alarmbereiten“

Das Szenario hat keinen Anfang und kein

Ende, es ist präsent und man entkommt ihm nicht. Genau diese Wirkung entfalten dann auch die Texte. Gezeigt werden Menschen, die keine Wahl haben. Alarmierte Menschen, die stets mit dem Schlimmsten rechnen und die aus ihren Vorstellungen nicht mehr ausbrechen können. Es gibt kein Entrinnen, scheint Röggla uns mit ihren Szenarien sagen zu wollen. Und damit diese Aussage eine entsprechende Breite bekommt, dekliniert sie in den sieben Abschnitten ihres Buches die verschiedensten Gesprächsituationen und Themen durch. Relativ undurchsichtig ist das erste Szenario mit dem Titel „die zuseher“. In ihm geht es um eine Sitzung, in der ein sogenannter „eu-beauftragter der struktur-

Kathrin Röggla: Die Alarmbereiten. S. Fischer, 190 S., € 19,50 Lesung am 4.5., 19 Uhr in der Hauptbücherei (7., Urban-Loritz-Platz 2a)

fondsförderung“, ein Architekt und Vertreter der Bauwirtschaft und der Chemie­ industrie den Umgang mit künftigen Katastrophen besprechen. Möglicherweise ist das Ganze aber auch nur eine Simulation auf zweiter Ebene, veranstaltet von einer Agentur für „desastertourism“. Mit „die ansprechbare“ präsentiert sich Rögglas Schreiben auf dem Höhepunkt. Gebrochen durch Konjunktiv und indirekte Rede (ein stilistisches Mittel, das sich durch das ganze Buch zieht) wird ein Telefongespräch zwischen zwei Freundinnen beschrieben, die sich in ihren Klima- und Weltuntergangsängsten wechselweise überbieten: Kassandra ist verrückt geworden. Der dritte, mit der Finanzkrise befasste Abschnitt heißt deswegen „der übersetzer“, weil es in ihm um ein Wirtschaftsseminar geht, in dem ein besonders beflissener Teilnehmer einer Kollegin die Fachausdrücke und Zusammenhänge zur Beschreibung der Krise näherbringt, in einem Tonfall maßlosen Unverständnisses: „also mal ganz im ernst: von der ‚vertrauenskrise‘ solle ich schon was gehört haben, die sei doch kein jägerlatein, sondern einfach und verständlich. wo ich denn bisher gelebt hätte, hinterm mond?“ Der Imperativ der Katastrophe lautet: Alle

Beteiligten müssen zu Experten werden. Dass dies nicht allein für die weltumspannende Wirtschaftskrise gilt, sondern zum Beispiel auch für den schulischen Bereich, beweist das – sehr anschauliche – Szenario „die erwachsenen“. Eine Mutter spielt bei den Expertendiskursen – veranlasst von allen möglichen Problemen, die ihre Tochter in der Schule angeblich macht – nicht mehr mit; und wird dann doch wieder ins permanente Krisengespräch hineingezwungen, in das permanente Krisengespräch. In den letzten drei Abschnitten („das recherchegespenst“, „wilde jagd“ und „deutschlandfunk“) nimmt Röggla die Medien ins Visier. Und auch hier interessiert die Autorin vor allem eines: Wie es möglich ist, die Menschen in jene andauernde Alarmbereitschaft zu versetzen, die ihrem Buch den Titel und das – recht didaktische – Programm gibt? Nicht individuelle Wege aus dem Krisenzwang (die man von Literatur vielleicht schon wieder hätte erwarten können), sondern die Zwänge der Krise selbst sind das Thema der „alarmbereiten“, einem modellhaften Text mit einem passenden, weil formelhaften Schluss: „vorsicht auf der a7 hannover richtung kassel: zwischen derneburg/salzgitter und dreieck salzgitter befinden sich personen auf der fahrbahn.“ Etwas mehr Personen und eben nicht nur Fahrbahnen hätten Rögglas Unterfangen nicht geschadet.

Foto: Jürgen Bauer, illustr ation: bianc a tschaikner

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ie schaut die Katastrophe aus? In einem berühmten Aufsatz aus dem Jahr 1965 („The Imagination of Disaster“) beschreibt Susan Sontag ein klassisches Schreckensszenario: Menschenmassen laufen in panischer Angst eine Straße hinunter oder fliehen über eine Brücke. Vorangetrieben werden die Menschen von zahllosen Polizisten, die übernatürlich gelassen wirken. Wenn sie aus Japan stammen (wie in „Godzilla“) tragen sie unverschämt weiße Handschuhe. Schlecht synchronisiert fordern sie die Menge auf, Ruhe zu bewahren und weiterzugehen, denn bei richtigem Verhalten drohe auch keine Gefahr. Der Zuschauer weiß, dass das gelogen ist. Hinter den Flüchtenden sind Ungeheuer her, die zahllose Opfer fordern. Der Held aber, der in einem einsamen Kampf das Gegenmittel gefunden und erfolgreich zum Einsatz gebracht hat, überlebt. Am Ende schmiegt er sich in einer Großaufnahme an seine Freundin, beide schauen gen Himmel: Werden sie bald die Letzten ihrer Art sein?

K L AUS K ASTBERGER

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Statt der erhofften Dauer bleibt nur die Trauer Anna Mitgutsch hat ein herzergreifendes Kammerspiel über das tragische Ende einer wiederentflammten Liebe geschrieben ie sind in einem Lebensabschnitt, „in S dem die Jugend vorbei ist und das Alter noch nicht bedrohlich erscheint“. Sie

haben mehr als 35 Jahre miteinander verbracht, 20 davon als Ehepaar, die übrigen nach der Scheidung als Ab-und-an-Paar mit Wohnsitzen diesseits und jenseits des Atlantiks. Und sie haben eine gemeinsame Tochter, Ilana, die Anfang 30 ist, das heißgeliebte Unterpfand der großen, schwierigen Liebe ihrer Eltern.

Doch dann lässt Jeromes Herz aus. Er stirbt, ge-

rade als die alte Liebe in eine neue Phase zärtlicher Vorsicht eingetreten ist und die Aussicht auf ein erneutes, diesmal endgültiges Zusammenbleiben im Raum steht. Die Ich-Erzählerin in Anna Mitgutschs neuem Roman „Wenn du wiederkommst“, die mit diesem plötzlichen Tod zurande kommen muss, hat keinen Namen. Wie ihre Erfinderin ist sie eine österreichische Schriftstellerin, die viele Jahre in den USA und Europa verbracht hat. Irgendwie kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass dieser schöne, schwermütige Roman stark autobiografische Züge trägt (vielleicht spielt er auch nur damit) – vor allem deswegen, weil er eine Schwäche hat, die aus der Distanzlosigkeit der eigenen Betroffenheit herrühren könnte: Er kann nichts auslassen. Er erzählt seine Geschichte, die von der Trauer und den Erinnerungen der Ich-Erzählerin zusammengehalten wird, bis zur

Neige, in jedem Detail, mitunter bis zum Verdruss und kommt ungern zu einem Ende. Aber so ist es mit Trauernden: Sie trauern länger und ausschweifender, als es ihre Umwelt geduldig ertragen will. „Einander verpflichtet und zugleich frei“ hatten sie es auf eine „andere Form der Ehe“ angelegt, mit „Maß und gegenseitigem Respekt“, und hatten einander doch überfordert und vielfach gekränkt. Aus Österreich kommend überquert die Ich-Erzählerin ein weiteres Mal den Atlantik. Gerade erst hat sie Boston verlassen, mit der Aussicht auf baldige Rückkehr, die dieses Mal für immer hätte sein sollen. Stattdessen ist es nun für immer vorbei. Dass Jerome tot ist, teilt Tochter Ilana ihr am Telefon mit. Die Reise zum Begräbnis und das Ausräumen von Jeromes Haus, das über viele Jahre auch der Ort ihres Zusammenlebens war, werden für die Erzählerin zur Reise in die Vergangenheit und in die Reue: „Wir waren zum Schluss erst am Anfang, und auch die Liebe hatte gerade erst eine neue Gestalt angenommen.“ Sie fühlt sich als Witwe, ein Status, den ihr Je-

romes Familie und Freunde jedoch nicht gewähren. Für sie ist sie die unbeliebte Exfrau, die sich dem aus einer traditionellen jüdischen Ostküstenfamilie stammenden Jerome durch ihr Beharren auf Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit verweigert und ihn schließlich verlassen hat. Von der gerade neu aufgeflammten Liebe wis-

sen sie nichts, wollen sie nichts wissen, und in Jeromes Testament kommt die IchErzählerin nicht vor.

Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst. Roman. Luchterhand, 272 S., € 20,60 Lesung am 10.3., 19 Uhr in der Alten Schmiede (1., Schönlaterngasse 9)

Langsam begreift sie, dass ihr der Versuch, Jeromes Leben „mit meinen Erinnerungen zur Deckung zu bringen, nur widerspruchslos durchgeht, solange ich keine Zeugen aufrufe“. Eine kluge Frau, die sich wohl bewusst ist, dass sie das Leben des Verstorbenen posthum zensiert, wenn sie entscheidet, welche seiner Fotos aufgehoben und welche weggeworfen werden. Und angesichts der mit Fotos anderer Frauen gefüllten Müllsäcke scheint ihr Beharren darauf, „ich sei der wichtigste Mensch für ihn gewesen“, ohnedies nur lächerlich. „Wenn du wiederkommst“ ist ein herzergreifendes Kammerspiel. Es spielt alle Phasen der Trauer durch, variiert und beschreibt sie. Jerome, dem liebes- und lebenssehnsüchtigen Fantasten und – als Anwalt – Verteidiger der Ohnmächtigen, wird dabei ein Denkmal gesetzt, das so plastisch ist, dass man sich als Leser wünscht, ihn auch gekannt zu haben. Die Erzählerin, oder besser ihr Leben abseits von Jerome, bleibt blass und im Hintergrund. Zur Hochform läuft sie erst im trauernden Blick zurück auf. Und das Porträt einer Ehe in Intellektuellenkreisen, das Anna Mitgutsch hier zeichnet, besitzt über weite Passagen die feine, subtile Qualität der Ehebilder von John Updike. JULIA KOSPACH 

Gedichte richten gegen Cellulitis auch nichts aus Dass Barbara Hundegger zu den besten Lyrikern des Landes zählt, beweist ihr Band „schreibennichtschreiben“ einmal mehr n der Wiener Alten Schmiede gibt es Ianstaltungsreihe eine von Martin Prinz konzipierte Vermit dem schönen Ti-

tel „Doppelte Buchführung. Leben und Schreiben in Zeiten der Konkurrenzgesellschaft“. Darin kommt etwas zur Sprache, was sonst schamhaft beschwiegen wird: Wovon leben Schriftsteller, die keine Bestseller produzieren? Und wovon Schriftstellerinnen? Diesen feinen Unterschied in der Verbuchung des Nichts macht jedenfalls Barbara Hundegger: „stimmen gedämpft bei anblick / des künstlers davon lebt / der davon muss der leben // stimmen spitz beim blick auf / die künstlerin wovon lebt / denn die davon kann die leben“. Von taxfreiem Bedauern und vom Taxiert­

werden (der „blick auf die künstlerin“ ist eben etwas anderes als der „anblick des künstlers“) weiß Barbara Hundegger ein Lied zu singen, verfertigt sie doch fast ausschließlich Gedichte und tut das außerdem noch fern der Zentren des literarischen Betriebs, in Innsbruck, weshalb sie nach wie vor als Geheimtipp gilt: zu Unrecht, denn Hund­egger ist eine der besten Dichterinnen des Landes. Sie schreibt, mit einer imponierenden Lässigkeit, Gedichte, die zugleich handfest sind und subtil, zupackend und zart. Barbara Hundeggers neues Buch könnte sehr gut auch „Doppelte Buchführung“ heißen. Wie, fragt sich da ein Ich, sind die-

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se zwei Dinge unter einen Hut zu bekommen: Schreiben und Leben oder Schreiben und Von-etwas-Leben. Das ist eine verworrene, im Prinzip eher ungemütliche Beziehung, wie das Gedicht „furien verfolgen“ lehrt: „dem im leben nachgehen damit du / es in der kunst aufgeben dem in der / kunst nachgeben damit es im leben / abgeben der kunst etwas aufgeben“ usw. „schreibennichtschreiben“ ist ein intimes Buch, so intim, wie finanzielle Bekenntnisse nun einmal sind. Sicher, auch von „ideologien fingern nächten ersten zügen betten brüsten“ ist hier mit einiger Inbrunst die Rede, aber das sind wir ja geneigt, in der Poesie für normal zu halten. Tacheles redet die Autorin in ihrer unziemlich prosaischen Einleitung: „sns“ (siehe Titel!), „facetten eines widerständigen alphabets“, zählt in 26 Notaten, widerständig wohl auch, jedenfalls verkehrt, die Buchstaben von Z bis A herunter. Eine Schriftstellerin denkt darüber nach, wie man mit Preisen umgeht (Hundegger bekam u.a. den Christine-Lavant-Lyrikpreis) oder mit der kränkenden Tatsache, noch nie in Ybbs gelesen zu haben. Widerstand setzt die Schreibende auch den Klischees von der hehren Kunstverpflichtung entgegen, wenn sie schon gegen die statistische Wahrheit, dass von allen Schriftstellern die Lyriker die kürzeste Lebensdauer haben, nichts ausrichtet. Von der einsamen Größe kann sie sich nichts

pesten meiden november ein blatt fällt naturlyrisch natürlich jedes mal irgendwohin nieder schreibt das natürlich jedes mal irgendwer naturlyrischer wieder und wieder natürlich gibt ja sonst nix himmel geigen sie hatte den busen wunder blieben dennoch aus zog sie ihr herrenlos groß war das nicht

Barbara Hundegger: schreibennichtschreiben. Lyrik. Skarabaeus, 94 S., € 16,90

kaufen: „dich für deinen teil freut auch dein bester satz nicht, wenn du knausern musst beim runden-schmeißen, bei freundesnöten, sorgenmüttern, geschwisterdramen, beim letzten sarg für deinen vater …“ Unwiderlegbar ist der lakonische Eintrag unter „cellulitis“: „daran ändert auch nichts dein ewigkeitstauglichstes gedicht.“ Vor der Folie dieser Überlegungen zur Kostenwahrheit in der Literatur sind die Gedichte zu lesen, die einem strengen Schema unterliegen: Die Titel folgen ihrerseits einem auf den Kopf gestellten Alphabet, immer auf der linken Seite oben steht ein Gedicht im Gewand einer Existenzbilanz, das als eine Art Wortsteinbruch für drei weitere dient. Beim unermüdlichen Abschreiten der verlorenen Posten, im Politischen wie im Privaten, ergibt das Ich sich der Angst, der Resignation sogar, niemals aber der Larmoyanz. Hundeggers Notwehrwitz beweist auch, dass sie sich selbst nicht tödlich ernst nimmt – immer ernst jedoch nimmt sie die Sprache, zu der sie kein tändelndes Verhältnis unterhält. Wir spüren „die gier den durst deines textes nach dir“. Und wir sind auf der Spur „deinem allerallerletzten / diesem sauguten halben satz.“ So mündet das erste Gedicht folgerichtig ins letzte und zeigt, dass die Frage „schreibennichtschreiben“ sich de facto nicht stellt, wenn Schreiben Leben bedeutet. DANIEL A STR IGL

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In der Not macht man Kohle mit Katzenkot

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Elf Rufe aus der strengen Schreibkammer

Ein üppiges Märchen unserer Zeit: In ihrem jüngsten Roman Andrea Winkler bleibt sich treu, die rhetorische Form gibt Andrea Grill zwei Überlebenskünstlern eine zweite Chance ist freilich neu: „Drei, vier Töne, nicht mehr“ enschen sind wie KaffeeM pflanzen: Es gibt die Erfolgsverwöhnten, die meterhoch in den

Himmel wachsen, resistent gegen Schädlinge und äußere Störfaktoren. Andere wuchern wild vor sich und verläppern, bleiben sie wirtschaftlich ungenutzt, ihre Tage unter Brücken, bis sie dann irgendwann überhaupt aussterben – es sei denn, es geschieht etwas Ungewöhnliches. Andrea Grill erzählt eine solche Geschichte. In ihrem Roman „Das Schöne und das Notwendige“ geht es um die Bewährung zweier Männer. Gerne mischt die Autorin, die über sardinische Schmetterlinge promoviert hat, ihrer Prosa Wissenshäppchen bei. Auch hier: Kurze Erklärungen über unterschiedlichste Sorten von Kaffeepflanzen stimmen auf die 40 Kapitel ein; ein gestalterisches Mittel, das nur dann Sinn macht, wenn es sich im Erzählten spiegelt. Und tatsächlich: Während man diesen lexikalischen Schnipseln folgt, wird heimlich, still und leise eine Kulisse für jene zwei im Zentrum stehenden Freunde errichtet – witterungsgepeinigte Überlebenskünstler mit einer Idee, die am Ende dieser verrückten Geschichte fruchtbar gen Himmel ragen wird. Dies ist die Kunst Andrea Grills: Literatur am Kreuzungspunkt von Wissenschaft und Leben durch ein skurriles Figurentheater zum Flimmern zu bringen. Vom Umbau zweier Leben erzählt sie, erlebt in der sengenden Hitze einer Großstadt, getragen von der Sehnsucht, das Schöne mit dem ökonomischen Zwang in Einklang zu bringen.

Ferdinand, genannt Fiat, bettelt zu Be-

ginn des Romans in Zügen um Geld. Er liebt es, Schuhe anzuprobieren – aber nur, weil er sicher sein kann, dass die Verkäuferin ihn enttäuscht, denn seine Größe gibt es nirgends. Fiat ist eine jener unfreiwilligen Flaneure, deren Blicken man gerne folgt. Bei aller Mühsal hat er sich eine unangestrengte Naivität bewahrt. Finzens, der sein Geld als Ruhestifter in einer Kathedrale verdient, holt ihn ins aktive Leben zurück. Die Männer-WG funktioniert gut, bis Fiat das Geld seines Gönners verspielt. Der verfällt, statt Trübsal zu blasen, auf eine kuriose unternehmerische Idee: Schleichkatzen, so hat er recher-

chiert, koten veredelte Kaffeebohnen. Warum nicht hier, in großstädtischen, europäischen Gefilden, die Katze als Goldbrunnen nutzen? Und so soll sich, während Finzens schon mal den Vertrieb des edlen Katzenkaffees plant, Fiat als Tierpfleger in den heimischen Zoo einschmuggeln – dort nämlich gibt es, von Kameras bewacht, die seltene Art: einen Fleckenmusang, mit runden Ohren „wie kleine Kaffeelöffel“. Nur füttern lässt sich der nicht, jedenfalls nicht mit in Schinken gewickelten Kaffeebohnen, sodass man das arme Tier irgendwann einfach klaut und im eigenen Wohnzimmer weiterexperimentiert. Hier wird der Text etwas irreal und das Zu-

sammenwohnen von Mensch und Tier zum Spannungsmoment ausgebaut: Die Schleichkatze kackt schließlich doch, was man durch ein Gehege im Zimmer noch zu fördern gedenkt. Auch Wald und Bäume nachzubauen ist im Gespräch – der Fleckenmusang liebt Rieseneichhornnester. Doch stirbt er, während der Kaffeeverkauf floriert. Nicht einmal einen Namen hatten die beiden Jungunternehmer ihrer treu verdauenden Maschine gegeben. Es gibt zum Glück aber bald eine neue Schleichkatze, viel Situationskomik, schicksalsträchtige Zufallsbegegnungen und noch einiges über das Leben zu lernen. Der Mythos vom armen Genie mag als Vorlage gedient haben, steht aber nicht im Vordergrund. Diese dialogreiche, forsche Prosa wirkt in den vielen kleinen Randszenen, genau beobachteten Pastiches, denen oft eine Prise Magie innewohnt. Sie ist selbst in gewissem Sinn „organisierte Wildheit“: Andrea Grill lässt Ideen wuchern und riskiert auch sprachlich oft eine originelle Üppigkeit. Manche Triebe ließen sich freilich stutzen. Das Ganze aber fügt sich zu einem Märchen unserer Zeit. ANJA HIR SCH

Andrea Grill: Das Schöne und das Notwendige. Roman. Otto Müller, 260 S., € 20,– Lesung am 22.4., 19 Uhr im Oratorium der Nationalbibliothek

ei der Lektüre von Andrea WinkB lers neuem Prosaband wird man an einen Satz erinnert, den Robert

Musil über seinen „Mann ohne Eigenschaften“ geäußert hat: „Die Geschichte dieses Buches läuft darauf hinaus, dass die Geschichte, die in ihm erzählt werden soll, nicht erzählt wird.“ Das ist ja durchaus nichts Neues bei der Autorin, die bekannt ist für die „extreme Entkonturierung von Identitäten, Räumen und Zeiten“ (Samuel Moser in der NZZ über „Hanna und ich“), die sie in ihren Texten betreibt. Das war schon bei ihrem Erstling, den „Armen Närrchen“ (2006), so, bei „Hanna und ich“ (2008), und das ist auch so bei „Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe“, dem jüngsten Buch der Autorin.

Mangelnde Konsequenz kann man ­ ndrea Winkler also keinesfalls A vorwerfen, ganz im Gegenteil. Das freut besonders die avancierte Garde der Kritik und hat Winkler 2008 den ­erstmals vergebenen Literaturpreis Wartholz und im gleichen Jahr auch den Förderungspreis für Literatur der Republik Österreich eingetragen. Was Winkler mit ihrem Erzählen freilich untergräbt, ist das, was wir an Märchen und konventionell geschriebenen Romanen so sehr schätzen, nämlich, dass sie das Erzählte in eine einfache Folge des „als, weil und nachdem“ bringen und uns Leser damit sanft an der Hand nehmen und sicher durch die erzählte Welt geleiten, dass uns, wie Musil schreibt, „so wohl wird, als wenn uns die Sonne auf den Bauch schiene“.

bietet Winkler eine stete Verstörung, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Was lässt sich vom Inhalt des vorliegenden Buches sagen: Ist es wirklich die Geschichte einer Frau, die einem verlorenen Geliebten nachtrauert, wie uns der Klappentext weismachen will? Auf diese Inhaltsangabe muss man erst einmal kommen. Erfahrene Winkler-Leser haben die Suche nach kohärenten Inhalten wohl schon vor längerem aufgegeben. Was man stattdessen von den Texten dieser Autorin erwarten darf, ist eine stete Infragestellung des eigenen Er-

Statt des besagten Wohlgefühls

zählens und eine Befragung der Möglichkeit des Erzählens überhaupt. Man muss das natürlich nicht mögen, und manch einer wird einer süffig erzählten Geschichte auch weiterhin den Vorzug geben. Das Verfahren, das Winkler in dem vor-

liegenden Buch entwickelt hat, könnte man folgendermaßen beschreiben: Das Buch verweigert sich der oben beschriebenen Linearität der simplen Narration und gehorcht stattdessen einem rhizomartigen Erzählen, das immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt und eigentlich nicht recht von der Stelle kommt, dabei aber doch mitunter ganz herzzerreißende Bilder und Szenen entwirft: „Hereinspaziert, werte Unbekannte! Kommt und schaufelt die Muscheln in den Sack, das Buch und jede Karte, nehmt mir bitte alles, nur den Staub nicht, die Schaukel nicht und den nicht, der im Garten auf ihr saß, bevor er neben mir die Treppe hinunter auf die Straße lief und den Kopf nicht mehr drehte.“ Hier klingt nicht nur die erwähnte Trennungsgeschichte an, sondern die Stelle ist darüber hinaus auch repräsentativ für die in der Form des Appells angesprochenen Leser („werte Unbekannte“), die bei dieser Autorin die Geschichte immer mitkonstruieren und damit auch im Text vorkommen. Die Form des Appells verweist dabei zugleich auf die gattungsmäßige Kategorisierung, die Andrea Winkler ihrem Text zuweist: „Elf Rufe“. Nach den Selbstgesprächen von „Arme Närrchen“ und der prinzipiell dialogischen Struktur von „Hanna und ich“ erkundet Winkler damit in ihrem neuen Buch eine weitere rhetorische Form. Dass sie dies in einer immens bilderreichen und poetischen Sprache tut, macht ihr schmales Buch zu einem Erlebnis. NICOLE STR EITLER

Andrea Winkler: Drei, vier Töne, nicht mehr. Elf Rufe. Zsolnay, 160 S., € 15,40

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„Ich bekomme Herzrasen beim Schreiben“ Nach zwölf Jahren meldet sich Richard Obermayr mit dem Roman „Das Fenster“ zurück. Eine Begegnung

„In der Mitte des Buches gibt es eine kleine Liebesgeschichte“, erklärt Richard Obermayr seine Arbeitsweise. „Eine Dame hat mir einen Wasserkrug von Ricard geschenkt. Ich sitze da also in meiner melancholischen Stimmung, schaue den an, und mir fällt auf: Dem fehlt nur ein Buchstabe auf Richard! Der eine Atem, der nicht da war, um unserer Liebesgeschichte Leben einzuhauchen. Dann denke ich mir: Genau, das ist ja das Thema. Als Nächstes muss ich sofort überprüfen, wie dieses Bild mit all den anderen Bildern korrespondiert.“

Wenn Obermayr – mehr oder weniger atemlos – über sein Schreiben spricht, ist das nicht einfach eine Erklärung. Binnen zwei Minuten befindet sich der 39-Jährige mitten in seiner Arbeit, in dem, was er „mein Verfahren“ nennt. Man hat das Gefühl, ihm bei Selbstgesprächen am Schreibtisch zu lauschen. So nahe lassen einen die wenigsten Autoren an sich heran. Selbstschutz, das merkt man schnell, ist im Verfahren Obermayrs nicht vorgesehen. Der Mann gibt alles oder nichts. Obermayr ist Sprachartist und Perfektionist. Er entwirft mit Worten Bilder von erstaunlicher Eigenständigkeit und Unverbrauchtheit, interpretiert später virtuos das Material, das er über Jahre angesammelt hat. Er wiederholt und variiert es immer wieder, stimmt die Bilder und Sequenzen aufeinander und auf ihre Umgebung ab, versucht, einem jeden Bild den gebührenden Auftritt zu ermöglichen. „Über Tage eine Spannung aufrechterhalten“ ist für ihn eine Umschreibung höchsten Schreibglücks. „Ich muss alles präsent halten, das halte ich aber nicht lange durch. Ich bekomme Herzrasen beim Schreiben.“ Literatur als Hochleistungssport und Wahnsystem. Obermayr spricht gern übers Gelingen. Ge-

scheitert ist er lang genug. 1998 erschien sein Debütroman „Der gefälschte Himmel“, das schwer lesbare Erstlingswerk eines außergewöhnlichen Talents, ein Buch, das ausnahmsweise die abgegriffene Bezeichnung Geniestreich verdient. Nur dass sich der Streich am Ende gegen das Genie selbst wendet. Das Kritikerlob war ihm suspekt, mit der aufkeimenden Erwartungshaltung konnte er noch weniger umgehen. Nichts ging mehr. Eine Zeitlang versuchte es das Original Obermayr ausgerechnet mit Imitation: „Ich wollte mich dafür bestrafen, dass dieses Buch unlesbar ist, und stattdessen ganz schlicht erzählen. Ich war wie dieser Zelig von Woody Allen. Ich habe alles großartig gefunden, was ich gelesen habe, mir gedacht: Ja, so könnte ich auch schreiben. Alles war heilig, alleine schon, weil es sich zwischen zwei Buchdeckeln befand.“ Die Versuche konventionellen Erzählens waren jedoch zum Scheitern verurteilt. Am Ende musste sich der Autor einge-

Obermayr über Obermayr: „Meine Großmutter hat gesagt: Bei uns wird nichts weggeschmissen. So zu arbeiten, ist ein Wahn. Man muss gewisse Motive unter den Tisch kehren“

„Mir tun Leute leid, die eine Idee auf 300 Seiten auswalzen. Da würde ich einschlafen am Schreibtisch“

„Ich bin leider sehr darin begabt, mir Sorgen zu machen. Im Fall, dass kein Anlass zu ihnen besteht, stelle ich sie selbst her“

Am Cover findet sich sogar ein Foto, das die El-

Falters GENUSSFÜHRER Slow Food Wien, Bio Austria (Hg.)

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Richard Obermayr: Das Fenster. Roman. Jung & Jung, 267 S., € 22,– Lesung am 25.3., 19 Uhr in der Alten Schmiede (1., Schönlaterngasse 9)

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stehen: „Ich bin ein One-Trick-Pony, ich beherrsche nicht das ganze Spektrum der Literatur. Dann habe ich Frieden mit meinen Talenten gemacht. Ich wollte endlich wieder meiner Neigung nachgehen.“ „Das Fenster“ erscheint zwölf Jahre nach „Der gefälschte Himmel“. In diesem Zeitraum haben etwa zur gleichen Zeit gestartete Kollegen wie Daniel Kehlmann oder Arno Geiger (dem Obermayr freundschaftlich verbunden ist) nicht nur eine Menge Bücher in die Welt gesetzt, sondern auch Karriere gemacht. Obermayr kam derweil irgendwie durch: „Man kann mit sehr wenig Geld auskommen.“ Stärker noch als ökonomische Existenzsorgen plagt ihn die Angst, blutleer zu ­schreiben. Er ist kein Erzähler, er umkreist Ereignisse und Erinnerungen, ohne sich wirklich auf eine Geschichte festzulegen. Im neuen Roman führt er eine Pistole ein, lässt aber gegen alle Regeln bis zuletzt nicht recht durchblicken, ob aus ihr jemals ein Schuss abgefeuert wurde. Dadurch besteht die Gefahr, unverbindlich zu werden. „Innerhalb des Durchprobierens muss man ein Ziel erreichen wollen“, umreißt Obermayr seine neu abgestimmte Poetologie, die dem Unverbindlichen vorschützen soll. Dass „Das Fenster“ keine Aneinanderreihung von Sprachkunststücken geworden ist, liegt vielleicht auch nur am autobiografischen Herz des Romans. Gegen das Wissen darum, dass es eigentlich nicht zulässig ist, den Ich-Erzähler mit dem Autor gleichzusetzen, tut man es in diesem Fall trotzdem mit gutem Gewissen. Der Text gibt zwar nur wenig Preis über den Autor und die melancholische Sphäre, in der er aufgewachsen sein muss, und doch erfährt man sehr viel über ihn. tern des Autors, dessen großen Bruder und einen Kinderwagen zeigt, in dem wohl der Künstler als Baby liegt. „Ich wollte meine Eltern aber nicht ausstellen in dem Buch“, beteuert Obermayr. „Meine Mutter ist in Wahrheit keine Klavierlehrerin, mein Vater, um Gottes Willen, alles andere als ein Spieler. Aber die Grundstimmung ist autobiografisch, ebenso das Voralpenland als Landschaft und als Gegenstück Frankreich, wo mein französischer Großvater durchschlägt.“ Pause. „Und der Zirkus. Mostbirnen sind auch so eine Erinnerung.“ Und wieder wandert Richard Obermayr die Straße der Erinnerung entlang. Wie jeder große Obsessive kann er nicht anders. So froh er ist, Buch zwei nach all den Rückschlägen und Umwegen doch zu einem guten Ende gebracht zu haben und nun in Händen zu halten, sehnt er sich schon ein bisschen danach, sich auf ein Neues in seinem Verfahren zu verlieren und alles mit allem zu verknüpfen: „Jede Beschreibung inkludiert für mich die Sehnsucht nach einer noch genaueren Beschreibung. Pathetisch formuliert kann Literatur den Wert des Lebens erhöhen. Man spürt plötzlich ein Begehren, von dem man gar nichts gewusst hat. Das mag aus der Zeit gefallen klingen, aber das ist durchaus mein Credo.“

Foto: Martin Purkhart

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s dauerte eine Weile, bis ich wieder zu mir kam. Ich hatte etwas entdeckt, das ich nicht erwartet hatte und das anscheinend nur für mich bestimmt war. Bis zu diesem Moment dachte ich, das Leben bleibe immer nur für einen Augenblick gültig und alle unsere Gedanken und Gefühle würden in einem Dunkel versinken, das sie aufnimmt, ohne eine Spur von ihnen zurückzulassen. Was aber, wenn die Vergangenheit sich jeden ­Augenblick merkt und sich hinter uns ein zweites Leben ansammelt, in einer Welt, in der nichts verlorengeht, in der kein Gras, durch das der Wind fährt, aufhört zu zittern?“ Was mit diesen Augenblicken passiert und wie die Vergangenheit hinter unserem Rücken weiterlebt und womöglich auch weiterreift, ergründet der aus Oberösterreich stammende und heute in Wien lebende Richard Obermayr in seinem Roman „Das Fenster“. Ein Kind bleibt nach dem Ende der Vorstellung im Zirkus sitzen, womöglich für immer. Schauspieler proben auf mehreren Bühnen parallel stets dieselben paar Szenen. Ein Mann kehrt – im Traum? – immer wieder an die Orte seiner Kindheit zurück, sieht die Mutter in unterschiedlichen Situationen am Fenster stehen. Mag sein, die Gegenwart macht als solche schon einen ziemlich verbrauchten Eindruck, und die große Erzählung ist schon vor geraumer Zeit in Misskredit geraten. Warum also nicht diesen kleinen Flashbacks und Epiphanien nachspüren, in denen man sich schlagartig wieder der eigenen Existenz bewusst wird? Hoppla, da war ja noch was!

SEBASTIAN FASTHUBER

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Biobratwurst & Lilienporzellan, Ikea-Bett & Ecstasy In ihrem ersten Krimi hat Sabine Scholl (fast) alles untergebracht, was man zwischen Wien und Berlin auflesen kann er Mörder ist immer der Gärtner. SaD bine Scholl, bislang eher mit experimenteller Literatur bekanntgeworden, folgt in ihrem ersten Krimi „Giftige Kleider“ der erprobten Regel. Schauplatz ist Berlin, die Protagonistin Gina Sonnenfels, Ex-Model und Ex-Modejournalistin aus Österreich.

illustr ation: bianc a tschaikner

Die prekäre Amateurdetektivin hat Gründe

genug, ein wenig melancholisch zu sein. „Verfertigte sie eigentlich Mode, um als schlecht bezahlte Detektivin zu überleben, oder schrieb sie eine Kolumne, um sich teure Materialien für ihre Entwürfe leisten zu können. Oder arbeitete sie als Ermittlerin – frei ohne Sozialleistungen und Versicherung –, um durch unregelmäßiges Schreiben von Modekommentaren ihr Ego zu befriedigen?“ Steffen Rheinsberg, Kriminalrat der Berliner Polizei, hat sie ob ihrer Szenenkenntnis engagiert, die Umstände des Todes von Gerlinde Presenhuber, Mitarbeiterin der Österreichischen Botschaft, zu klären. Magister Buchinger, der ein wenig dämliche Handelsdelegierte, befürchtet einen Anschlag – nicht klar ist, ob von links oder von rechts: „Denken Sie an Oberwart. Das war nur so eine Idee. Sie wissen ja, die Ängste der Bevölkerung. Außerdem: Unser Ruf. Und das Ansehen der Trachtenindustrie. Fräulein Gerlinde hat nämlich gern Dirndl getragen und das

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Nacken, und sie begannen, das Büro auf etwas unübliche Weise einzuweihen, probierten den Tisch, den Bürostuhl und ­verschiedene Ecken mit lustvollen Ergebnissen.“ Zurück in Berlin folgen viele SMS, die Rede ist von Dirndln und Nazis, von Lilienporzellan, Biobratwürsten und Ecstasy, Globalisierung und der Berliner Szene. Und ständig läuft Caetano Veloso. ­Fulminant gerät die Beschreibung der Wohnung der Toten aus dem Ikea-Katalog („Das romantisch schmiedeeiserne Doppelbett Noresund war in einen prinzessinenhaften Tüllvorhang gehüllt“), in der allein die zahllosen Pippi-Langstrumpf-Bände Rätsel aufgeben. Mehr als verdächtig macht sich auch die Anwältin Astrid Ahlemeyer vom Frauenzentrum Glanz und Gloria.

Dirndl begann zu glühen, oder wie sagt man, schwelen …“ Die Köder sind weitverstreut – Markus Ball, der Designer der neuen Dirndllinie mit dem exotischen Namen Hashashin, ist ebenso verdächtig wie der Kellner und ehemalige Skilehrer Ringo Strümpfl aus dem Old Vienna; das Opfer, keine Kostverächterin, hatte außerdem was mit Lord Jim, einst auch der Mann zwischen Gina und Tanja, der Herausgeberin eines Journals, die den Todesfall unter der Schlagzeile „Come on baby light my fire“ aufs Cover bringen möchte. In den Romanen zeitgenössischer österrei-

chischer Autoren kommen oft Auslandsösterreicher vor; das erlaubt etwa von der exotischen weiten Welt Berlins zu erzählen, sich an die Ösi-Herkunft zu erinnern und bei Gelegenheit heimzufahren. Begünstigt durch Billigflugangebote wird Gina von „unwiderstehlichem Fliederduft der Erinnerung“ nach Wien gelockt, wo sie mit Freundin Eva, die in Hetzendorf unterrichtet, den fashionablen Mordfall bespricht. Ob in diesem Casus giftige Stoffe aus China eine Rolle spielen, sollte Lorenzo Meyer, der auf der Kärntner Straße residierende Spezialist der „Initiative saubere Einkaufstasche“ in Sachen Ökologie und Textilien, wissen – endlich ist eine Affäre angesagt: „Lorenzo begann die Knöpfe ihrer Jeans zu öffnen, Gina atmete in seinen

Sabine Scholl: Giftige Kleider. Roman. Deuticke, 272 S., € 18,40

An Zeitgeist hat Sabine Scholl in ihren Roman gepackt, was nur geht. Hinzu kommen sämtliche Zutaten, die Erfolg versprechen: Ösis für die Wessis, die Dirndlfrage, Drogen und Lederunterwäsche, Szenejargon und altmodische Liebhaber mit Blumengeschenken. Auf den letzen 30 Seiten, auf denen auch der grassierende Gartenboom gehörig auf die Schaufel genommen wird, stellt sich dann tatsächlich Spannung ein: Wer bis zum recht kurzen Showdown im Schrebergarten durchhält, erfährt auch, wer der ER ICH K LEIN Mörder ist.

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liter atur

Mit über 60 Jahren, da fängt der Hass erst an Formbewusst, engagiert und dosiert humorvoll: Michael Scharangs „Komödie des Alterns“

Für gesellschaftskritische Literatur ist Scha-

rang schon länger bekannt, ohne dass man bei ihm unbedingt eine neue ästhetische Möglichkeit hätte erkennen können. Hat Scharangs Schreiben sich also seit seinem letzten Roman „Das jüngste Gericht des Michelangelo Spatz“ von 1998 verändert? Eines steht schon fest, bevor man sich ernsthaft dieser Frage widmet: „Gesellschaftskritische Literatur“ ist wieder wichtig (nach all dem Creative Writing), und je wichtiger sie ist, desto „neuer“ sind ihre „ästhetischen Möglichkeiten“ – wofür Jelinek selbst das beste Beispiel ist. Fazit: Wir sehen dem neuen Roman von Michael Scharang, seinem ersten bei Suhrkamp, mit einer gewissen Erwartung entgegen. Der erste Eindruck: Dieser Roman ist, auf eine vielleicht altmodische, vielleicht zukunftsweisende Art „thematisch“. Es geht um etwas, nämlich um die Lebensentwürfe zweier Männer und Freunde, die einmal die Welt verändern wollten (und sie auch verändert haben) und die nun, aus nicht restlos nachvollziehbaren Gründen, Feinde geworden sind. Der eine ist Österreicher (aus proletarischer Familie) und

Schriftsteller und hört auf den schönen Namen Heinrich Freudensprung. Der andere ist Ägypter (aus vornehmer Familie) und Ingenieur und heißt Zarachias Sarani. Als der Ägypter vor 40 Jahren in einem obersteirischen Stahlwerk ein Praktikum absolvierte, hat er dort den jungen ­Österreicher kennengelernt. Was sie verband – und man merkt schon, dass dies in einem altmodischen oder zukunftsweisenden Brecht-Sinn auch eine Lehrgeschichte ist – war ihre Intelligenz, ihre Liebe zur Musik, ihr Enthusiasmus für alles Mögliche und ihre Ablehnung des kapitalistischen Wirtschaftens. Gemeinsam wollten sie an einer besseren Welt bauen, und was sie dann tatsächlich gebaut haben, ist eine Musterfarm in der ägyptischen Wüste. Nun aber herrscht Feindschaft zwischen den beiden. Der eine hält den anderen für einen Intriganten, und – was vielleicht noch schlimmer ist – das Alter (oder das eingebildete Alter) setzt ihnen derart zu, dass die beiden Sixty-Somethings am Liebsten aus dem Leben scheiden würden. Eine Tragödie? Nein, eine Komödie, die „Komödie des Alterns“, die Scharang wirkungsvoll in Szene setzt, ohne uns zu erklären, warum man sich mit 60, und obendrein in Gesellschaft jüngerer Frauen, dermaßen elend fühlen muss. Nun aber zu den ästhetischen Möglichkeiten. In einem Interview hat Scharang

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Zur Person

Michael Scharang, 1941 in Kapfenberg geboren. Er promovierte über Robert Musil. Bekannt wurde er mit Büchern wie „Schluss mit dem Erzählen und andere Erzählungen“ (1970) oder „Charly Traktor“ (1973), aber auch durch Fernsehdrehbücher („Die Kameraden des Koloman Wallisch“). Zuletzt erschien „Das jüngste Gericht des Michelangelo Spatz“ (1998). Scharang wurde u.a. mit dem Österreichischen Würdigungspreis Seite 1 für Literatur (1996) ausgezeichnet. Als Co-Autor für das Drehbuch zu „Meine Mörder“, bei dem seine Tochter Elisabeth Regie führte, wurde ihm 2006 die Goldene Romy verliehen

im ernst?

DAS

FEUILLETONMAGAZIN

h t t p : / / s c h r e i b k r a f t . a d m . a t / Essays und Feuilletons u. a. von Katharina Bendixen, Harald A. Friedl, Bernhard Horwatitsch, Ernst Kilian, Vasile V. Poenaru, Erich Schirhuber. Literarische Texte u. a. von Myriam Keil, Kerstin Kempker, Roland Steiner, Christoph Janacs, Ron Winkler. Grafiken von Teresa Präauer Kontakt: Postfach 369, 8011 Graz, s c h r e i b k r a f t @ m u r . a t

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Michael Scharang: Komödie des Alterns. Roman. Suhrkamp, 256 S., € 20, 40

angemerkt, der Roman sei ein „Sprachkunstwerk“ und der Prolog seiner „Komödie“ sei „geradezu ein ästhetisches Manifest gegen das Plaudern und Plappern im gegenwärtigen literarischen Biedermeier“. Das ist gut und richtig gesagt, nur kommt jetzt alles darauf an, ob Scharang in seinem Prolog einen Ton anschlägt, der sich von der laufenden „Schundproduktion“ signifikant absetzt. Wir lesen: „Sofern kein Gewitter aufzog – im Sommer fuhren Blitze nieder mit einer Angriffslust, dass man sich, die ­beiden waren einmal in ein Unwetter ­geraten, freiwillig hinwarf und das Gesicht ins Geröll drückte – und sofern im Winter der Fels nicht mit Eis überzogen war, unternahmen die beiden jeden ­Sonntag eine Klettertour auf den Hochschwab, ein Klettermassiv inmitten der Steiermark.“ Das ist aus dem Zusammenhang ­gerissen, aber es verdeutlicht vielleicht, dass Scharang auf eine Klarheit in der Sprache aus ist, auf ihre Reinigung vom Alltagsgebrauch und auf eine – erneut der Klappentext – „strenge Fügung“ der Form. Während er behände zwischen den Zeiten und Figuren hin und her springt, wahrt Scharang in der sprachlichen Gestalt des Romans den „Takt“. Das führt, vor dem Hintergrund des sonstigen Erzähl-Biedermeier, zu einem gewissen Verfremdungseffekt. Scharang führt Kraus und Musil als seine Helden an, aber wir lesen aus diesem Roman mindestens ebenso viel Brecht heraus. Das heißt, Scharang ist mit diesem Roman so aktuell und ­zeitgemäß, wie es Brecht gerade ist, also sehr. Nein, dies ist kein Biedermeier, auch kein sozialistisches, dies ist gute, sperrige, formbewusste und engagierte Prosa, die alle möglichen literarischen Konsense der Gegenwart – etwa den, dass man sich keine bessere Welt vorstellen dürfe, sondern stattdessen die existierende als grässliche ausmalen solle – wirkungsvoll infrage stellt. Aber ist das nicht eine eher humorlose und pädagogische Veranstaltung? Erstens: Pädagogik ist nicht falsch, und zweitens: Der Humor ist da, nur wohldosiert und gut versteckt. Hier und da erlaubt sich Scharang Scherze, etwa wenn er vom Klavierunterricht erzählt, den der Onkel des Ägypters einst an der Wiener Musikakademie nahm. „Seine Lehrerin“, heißt es da, „die wegen ihres Sarkasmus gefürchtete Franziska Huppert, war aus Überzeugung antipädagogisch.“ Franziska Huppert? Klavierlehrerin? Wien? Jelinek? Da fällt uns doch eine französische Schauspielerin ein. „Zur Begrüßung sagte sie jedem Schüler – Schülerinnen nahm sie nicht, sie war extrem frauenfeindlich –, er möge sich stets vergegenwärtigen, dass er eine Zumutung für die Musik sei.“ Ist das vielleicht ein kleiner Gruß an die Kollegin Jelinek? Und was wird aus den beiden befreundeten Todfeinden? Nur so viel: Dies ist eine Komödie, und sie bleibt es. Wie soll es auch anders sein, wenn ihr Held „Freudensprung“ heißt?

Foto: picturedesk.com

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ichael Scharang habe „eine neue ästhetische Möglichkeit für das Schreiben gesellschaftskritischer Literatur gefunden“, wird im Klappentext von „Komödie des Alterns“ Elfriede Jelinek zitiert. Das macht neugierig.

C h r i s t o p h B a r t mann

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Die großen letzten Worte sterben langsam aus Julian Barnes hat ein witziges, kluges und gebildetes Buch über den Tod geschrieben – jedenfalls im englischen Original glaube nicht an Gott, aber ich I chvermisse ihn.“ Die meisten Autoren wären froh

über eine solche Einstiegspointe. Es wäre nicht Julian Barnes, würde er sich damit zufriedengeben, weswegen er den Satz auch seinem älteren Bruder vorlegt, ohne diesem die Quelle zu verraten. Die trockene Antwort des ehemaligen Universitätsprofessors für Philosophie: „Sentimentaler Quatsch“ (im englischen Original: „soppy“). Genau das aber sind Barnes’ Reflexionen über die letzten Dinge nicht: Neither soppy nor sloppy machen sie den unermüdlichen Bemühungen des Autors, den Ärmelkanal schreibend zu überbrücken, alle Ehre und verbinden französischen Esprit aufs Selbstverständlichste mit britischer Ironie. Nie stur schematisch sind sie doch von sanfter Systematik insofern, als sie sich – siehe oben – von der lässigen Geste eines Bonmot nicht blenden und davon abhalten lassen, es genauer wissen zu wollen: Verhält es sich tatsächlich so? Skepsis wird hier einmal nicht als schlampige Haltung (nix Genaues weiß man nicht!) oder als selbstherrlich desillusioniertes Bescheidwissertum, sondern als Modus des Denkens aufgefasst. Im Unterschied etwa zu Siri Hustvedt, die mit ihrem soeben erschienenen Buch „Die zitternde Frau“, das ganz ähnliche Themen aufgreift (Autonomie des Subjekts, freier Wille, Natur versus Sozialisation, die ultimative Kränkung durch das Faktum des Todes …), ein vergleichbares Projekt verfolgt, wird dieses Konzept bei Barnes nicht zwanghaft zerebral mit Fallstudien und Forschungsliteratur fortifiziert, sondern mit autobiografischen, geistesgeschichtlichen, poetologischen und zivilisationskritischen Erörterungen zu einem ­Großessay von beachtlichem Resonanzreichtum verbunden.

illustr ation: bianc a tschaikner

Vieles, was über die Ars moriendi im Lau-

fe der Jahrhunderte so zusammengedacht wurde, hält einer näheren Überprüfung nicht stand. Soll man sich etwa seine letzten Worte beizeiten ausdenken (wie es ein Lehrer von Barnes getan hat: „verdammt!“)? Die Chancen, sie rechtzeitig anzubringen, stehen leider nicht besonders: „Die moderne Medizin hat die Sterbephase verlängert und damit die berühmten letzten Worte mehr oder weniger abgeschafft; schließlich hängt alles davon ab, dass der Sprecher weiß, wann der Zeitpunkt für diese Worte gekommen ist.“ Und Flauberts Einsicht, dass man alles lernen muss, auch das Sterben? Hm. Die Übungsmöglichkeiten sind hier doch arg beschränkt. Zusätzlich zu zahlreichen anderen Beispielen (neben Schriftstellerkolle-

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gen verschiedener Epochen spielen russische Komponisten des 20. Jahrhunderts eine auffallend prominente Rolle) zitiert Barnes auch den Fall eines Topmanagers, der, unheilbar krank, mit 53 Jahren nur noch drei Monate zu leben hatte und sich – erfolgsorientiert wie eh und je – daran machte, wenigstens den „bestmöglichen Tod“ zu sterben. „Wer die Angst besiegt, der besiegt auch

den Tod“ wird die Frau des besagten Managers zitiert; Barnes’ sanft sarkastischer Kommentar (der in der Übersetzung wirklich seiner entscheidenden Valeurs verlustig geht): „though you don’t, of course, end up not dead“. Fragen zu Entscheidungen, die nicht in unserer Hand liegen (lieber bewusst und ein bisschen länger sterben oder doch besser vom Blitz aus heiterem Himmel dahingerafft werden?), und Verhandeln ohne jede Verhandlungsbasis (ewiges Leben im Austausch für Nie-wieder-Schreiben?) zählen zu den von Barnes bevorzugten argumentativen Manövern. Sie sind immer wieder witzig, ironisch, sarkastisch, aber nie kokett. Denn eines bleibt gewiss: Man kann den Tod verdrängen, man kann sich seiner bewusst werden, man kann gegen ihn andenken … – am Ende behält er die Oberhand. Weswegen Barnes völlig zu Recht die Frage stellt, ob „all this Montaignery“ (in der deutschen Ausgabe: „all diese Montaigne’schen Denkmodelle“ – arrrrggh!!!), der Versuch also, „sich den Tod wenn nicht zum Freund, so doch wenigstens zum vertrauten Feind zu machen“, überhaupt der rechte Weg sei. Darauf hatte ein berühmter Landsmann von Barnes (denn dieser allerdings nicht erwähnt) schon vor über 200 Jahren eine patente Antwort parat: Als James Boswell wissen will, wie er sich denn „für die Stunde des Todes wappnen“ könne, meint Dr. Samuel Johnson: „Nicht doch! Wesentlich ist nicht, wie einer stirbt, sondern wie er lebt. Das Sterben ist belanglos, es dauert ja nur kurz.“ Dagegen könnte Julian Barnes eventuell eines seiner zahlreichen „Ja, aber …“ in Stellung bringen; seinem Bruder aber bliebe eine Antwort verwehrt: „Sentimentaler Quatsch.“ k l a u s n ü c h te r n

Julian Barnes: Nichts, was man fürchten müsste. Deutsch von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 320 S., E 20,60. Erscheint am 18.3.

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ILLUSTR ATION: BIANC A TSCHAIKNER

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Schnitt e g n e m SACHBUCH

JULIA KOSPACH

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FOTO: CHARLIE HOPKINSON

eder, der einen Internetzugang besitzt, kennt sie: die aus dem Nirgendwo eintrudelnden Mails mit der Aufforderung, sich den Penis verlängern oder die Brüste vergrößern zu lassen, das Potenzmittel Viagra günstig zu erwerben, ein Wundergerät zur Körperertüchtigung oder die ultimative neue Diät auszuprobieren. Die Botschaft ist laut und deutlich: Die Biologie kann, nein soll überlistet oder zumindest umgangen werden – mit den Mitteln der Chirurgie, der Pharmazie oder der Fitness- und Schönheitsindustrie. In US-TVSerien wie „The Swan“ lassen sich Frauen vor laufender Kamera kosmetisch und chirurgisch rundumerneuern, in den ModelShows der Privatsender und den Partnersuche-Shows auf MTV gilt das strenge Prinzip der Auslese nach körperlicher Fitness und optischer (Klischee-)Entsprechung.

Verhältnismäßigkeit? Individueller Ausdruck? Körperliche Vielfalt? Nie gehört. Die schöne neue Welt hat einseitig klare Vorstellungen davon, was schön und erstrebenswert ist. Die Sexualisierung der Oberfläche ist allgegenwärtig. Das angestrebte Ideal fi ndet sich ziemlich präzise in einer Schnittmenge, die man auf den Namen Paris Hilton taufen könnte und die als Monokultur der Körperdarstellungen rund um den Globus für Verheerung sorgt. Kleines Beispiel? Rund 50 Prozent aller koreanischen Mädchen lassen sich ihre asiatischen Schlupflider operieren, um stattdessen „westliche“ Augenlider zu bekommen. Körperkult, Diät- und Schlankheitswahn, Höhenflüge der kosmetischen Chirurgie, aber auch Anorexie, Essstörungen, Fettsucht und eine Massenfi xierung auf das Thema Ernährung: Der Druck, unsere Körper zu trainieren, zu korrigieren, zu perfektionieren und umzumodeln, ist riesig. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist eines der Hauptmerkmale der Bewohner der industrialisierten Welt geworden. Wesentlicher Teil davon ist die Überzeugung, dass sich Probleme über den Körper lösen lassen, anders gesagt: dass emotionale und psychische Probleme kleiner werden, wenn nur der Körper straff, schlank, jugendlich und sexy ist. Auf diesem Schlachtfeld der Körper bedeuten Zuwiderhandeln und Verweigerung moralisches Versagen. Und Versager gibt es viele in der schönen neuen Körperwelt, weil viele darunter leiden, nicht zu entsprechen. Für sie ist ihr Körper ein stetiger Quell des Schmerzes, der Ursprung von schlechtem Gewissen und Unzulänglichkeitsgefühlen. Nicht dass es das alles nicht auch schon früher gegeben hätte: Was neu ist, ist die Zahl an Optionen und die Loslösung der Körpermodifikationen von gesellschaftlichen Ritualen. Denn seinen Körper gemäß – vor allem medial – vorgegebener Bilder zu gestalten wird dem Einzelnen als Verpflichtung auferlegt. Wer sich das nicht leisten kann, bleibt kläglich auf der Strecke. In ihrem neuen Buch „Bodies. Schlachtfelder der Schönheit“ untersucht die britische Psychoanalytikerin, Feministin und Autorin Susie Orbach genau diesen Körperfetischismus der industrialisierten Welt und zeigt, wie stark unser Selbstwertge-

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fühl durch unser Körpergefühl geprägt und häufig destabilisiert wird. Denn der Körperkult schlägt schnell in Körperhass um. Orbach, 64, weiß, wovon sie spricht. Schon seit über 30 Jahren ist der Körper ihr großes Forschungsthema. 1978 wurde sie mit dem Buch „Fat Is a Feminist Issue“ schlagartig bekannt. Es war eine der ersten Arbeiten, die sich mit den Einstellungen von Frauen zu Ernährung, Übergewicht und Diäten beschäftigte. Die nicht minder berühmte Feministin und Schriftstellerin Naomi Wolf sagt über sie: „Praktisch die gesamte Debatte über Körper-Bilder und Schönheits(wahn)vorstellungen verdankt ihre Existenz den beharrlich entlarvenden Formulierungen von Susie Orbach.“ Bei Orbach lag Prinzessin Diana auf der Couch, die sich wegen ihrer Bulimie an sie gewandt hatte. Sie hat einen Lehrauftrag an der London School of Economics, gründete das Women’s Therapy Centre in London und New York und war Mitentwicklerin der seit 2004 laufenden Werbe- und Marketingkampagne der Kosmetikfirma Dove, in der „normale“ Frauen verschiedener Altersgruppen die Vielfalt von Frauenkörpern abseits des Magermodel-Klischees repräsentieren. Wie gesagt: Orbach kennt sich aus. Und ihre Diagnose ist düster: Die Schönheitsnormen haben sich in den letzten Jahrzehnten verengt, das Ideal der Schlankheit „quält alle, die ihm nicht entsprechen, und selbst diejenigen, die ihm entsprechen, tragen oft eine beklemmende Körperunsicherheit in sich“. Mit einem Wort: „Ständige ängstliche Selbstbeobachtung und -kontrolle beherrschen viele Menschen vom Aufwachen bis zum Einschlafen.“ Neben der Fixierung auf Schlankheit und Schönheit, worunter vor allem Frauen und Mädchen dauerhaft leiden, geht ein anderes Schreckgespenst um: die zunehmende Fettleibigkeit. Orbach entlarvt beides als die zwei Seiten derselben Medaille. „Emotionales und physisches Aufbegehren gegen ein Leben aus Essrestriktionen, Verzicht und zwanghafter sportlicher Betätigung können entweder zu einer anorektischen Reaktion führen oder aber zum scheinbaren Gegenteil – exzessivem Essen.“ Magersucht und Fettsucht sind Geschwister. Auf dem Gebiet des Körpers, konstatiert Orbach traurig, hat der Feminismus verloren. Eines seiner Hauptziele, Frauen als gleichberechtigte Partner auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren, hatte einen hohen Preis. Es wurde pervertiert: Das Mehr an Rechten, so Orbach, gab es für Frauen nur um den Preis, im öffentlichen Raum einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen. Dazu kommt: Statt zu individueller Selbstverwirklichung werden junge Frauen inzwischen häufig zu Superleistungsträgerinnen erzogen, die sich im Wettlauf um Ausbildungen, Leistungen und Errungenschaften verausgaben, statt sich um den Ausdruck ihrer eigenen Interessen kümmern zu können. Zugleich ist es schwierig geworden, die Grenze zwischen einer positiven Beschäftigung mit dem eigenen Körper und krank-

Soziologie: Die bekannte britische Psychoanalytikerin Susie Orbach nimmt den Körperfetischismus unter die Lupe

„Praktisch die gesamte Debatte über Körper-Bilder und Schönheits(wahn)vorstellungen verdankt ihre Existenz den beharrlich entlarvenden Formulierungen von Susie Orbach.“ Naomi Wolf

Zur Person Susie Orbach, geb. 1946, ist eine britische Psychoanalytikerin, Feministin und Autorin, die seit 30 Jahren über das Thema Körper forscht. 1978 wurde sie mit dem Buch „Fat Is a Feminist Issue“ schlagartig bekannt, in jüngerer Zeit wird ihrem Namen das Epitheton „Analytikerin von Lady Di“ angehängt, da diese mit ihrer Bulimie Orbachs Klientin war

Susie Orbach: Bodies. Schlachtfelder der Schönheit. Arche, 205 S., € 18,40

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hafter Fixierung zu ziehen. Denn natürlich gehören Schönheitsoperationen inzwischen in weitaus stärkerem Maße zum Alltag als noch vor wenigen Jahrzehnten und sind auch nicht in allen Fällen und per se alarmierender Ausdruck schwerer Körperunsicherheiten. Dazu kommt, dass ein „natürlicher“ Körper, so Orbach, nicht existiert. Körper sind sozial und kulturell geformt. Orbach beschreibt einige Extrembeispiele, die die Vorstellung vom Körper als etwas Natürlichem nachhaltig ins Schwanken bringen. Unter anderem den Fall von Andrew, einem Mann in mittleren Jahren, der zeit seines Lebens seine Beine als so überflüssig empfand, dass er sie chirurgisch entfernen lassen wollte, um sich ganz fühlen zu können. Als das nicht möglich war, packte er seine Beine so lange in einen Sack mit Trockeneis, bis eine Amputation medizinisch unumgänglich war. Es ist das Extrembeispiel eines Leidens am eigenen Körper, das durch eine drastische Aktion tatsächlich Erleichterung erfuhr. Und doch sieht Orbach ihn als „emblematisch für den heutigen Fokus auf das, was an unserem Körper nicht ‚stimmt‘“. Wir begreifen unsere Körper als Arbeitsprojekte. Ein fataler Schluss, so Orbach: „Die Tatsache, dass wir unseren Körper umgestalten können, macht ihn zum Gegenstand einer Unzufriedenheit, die überwindbar ist.“ Denn theoretisch ist jede Form des Wandels möglich, praktisch ist sie nicht jedem zugänglich und führt vor allem nicht automatisch zur gewünschten Erleichterung. In den Vorstellungen, die wir uns von Körpern machen, vom Dick- und vom Dünnsein, stecken vielschichtige gesellschaftliche und individuelle Ideen und Gefühle. Für Orbach steht fest, dass der laufende Diskurs „eine neue Destabilisierung des Körpers und eine neue obsessive Beschäftigung mit ihm“ hervorruft. Wir ziehen eine Generation von Menschen mit unsicherem Körpergefühl heran, Menschen, die sich in sich selbst nicht wohlfühlen und darum auf ein immer größeres Repertoire von immer ausgefeilteren Ersatzhandlungen zurückgreifen, die Schönheits-, Diät- und Fitnessindustrie für sie bereitstellen. Diese Industrie ist riesig und erwirtschaftet gigantische Umsätze. Zugleich ist jeder von uns pro Woche zwei-

bis fünftausendmal Bildern ausgesetzt, die durch digitale Bearbeitung idealisiert wurden. Das erzeugt Druck. Dieser Druck sucht sich Auswege: In Orbachs Buch sind sie alle beschrieben. Die Selbstverletzungen und die Flucht in den virtuellen Raum, in dem man beliebige Identitäten (und erfundene Körper) annehmen kann, die Möchtegern-Amputierten und Magersüchtigen, die Fetten und die Fitnessbesessenen, die maskenhaften Schönheitsoperierten, die, die nur einmal am Tag essen, und die, die ausschließlich einige wenige ausgewählte Lebensmittel zu sich nehmen. Sie alle F verfehlen ihre Körper.

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sachbuch

Lernen Sie die Alloeltern kennen! Evolution: Sarah Blaffer Hrdy erforscht den Einfluss der kooperativen Aufzucht auf die Entstehung des Menschen KIR STIN BREITENFELLNER

D

ie meisten Menschen wollen vor allem herausfinden, wer sie eigentlich sind. Die amerikanische Evolutionsforscherin und Primatologin Sarah Blaffer Hrdy bekennt in ihrem vielbeachteten Buch „Mutter Natur“ (dt. 2000), das soeben wiederaufgelegt wurde, dass sie ihr Erwachsenenleben vor allem der Frage gewidmet habe, „wie es zu Geschöpfen wie mir gekommen ist“. Während sie in „Mutter Natur“ die von Darwin und seinen „Söhnen“ lange vernachlässigte weibliche Seite der Evolution rekonstruiert und „die Kombination von Liebe und Ambivalenz auf der mütterlichen Seite der menschlichen Elterngleichung“ analysiert hat, konzentriert sie sich in ihrem neuen Buch „Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat“ auf das „schwankende Engagement von Vätern und auf die Rolle, die die kooperative Aufzucht bei der Evolution dieser fakultativen Fürsorge spielte“. Denn, so ihre Hypothese: Schon lange vor der Entstehung des Homo sapiens waren Mütter nicht nur auf die Erzeuger, sondern auch auf andere „Alloeltern“ in Form von Vätern, „zusätzlichen“ Vätern, Großmüttern, Geschwistern, Onkeln, Cousinen oder Nachbarn angewiesen, um ihren sich unvergleichlich langsam entwickelnden, unvergleichlich kostspieligen Nachwuchs aufziehen zu können. Deswegen stehen nicht, wie noch immer mit dem Begriff Evolution vorrangig assoziiert, Konkurrenz und Aggression im Fokus ihrer Aufmerksamkeit, sondern die Kooperation innerhalb der Gruppe, die Schenkbereitschaft und „Hypersozialität“ des Menschen, die Blaffer Hrdy im Eingangskapitel eindrücklich anhand eines vollgestopfen Flugzeugs beschreibt, in dem sich die Passagiere nicht gegenseitig zerfleischen, sondern mit Höflichkeit und Rücksichtnahme begegnen, die, wie sie meint, evolutionär gesehen schwerer zu verstehen seien als antisoziale Verhaltensweisen. Ausgangspunkt bildet die Frage, weshalb sich Empathie und die Fähigkeit, die Absichten anderer zu verstehen, bei bestimmten Menschenaffen besonders stark entwickelt haben – bei anderen, etwa unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, hingegen nicht. Während Schimpansenmütter ihre Babys niemals aus der Hand geben und im Schnitt alle sechs, Orang-Utans sogar nur alle acht Jahre trächtig werden, pflanzen sich Menschen, die unter allen Menschenaffen die größten, sich am langsamsten entwickelnden und ungewöhnlich spät ins reproduktionsfähige Alter kommenden Nachkommen hervorbringen, am schnellsten fort. „Diese Hyperfertilität setzt voraus, dass Mütter in den Populationen unserer Vorfahren auf alloelterliche Unterstützung zählen konnten.“ Alloeltern waren auch deswegen überlebenswichtig, weil das Fürsorgeverhalten menschlicher Väter schon immer wenig verlässlich war. „Ohne Verwandte und Als-ob-Verwandte (…) hätten es im Pleistozän nur wenige Kinder ins Erwachsenenalter geschafft.“ Da die noch

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nicht sesshaft gewordenen Homininen vor etwa 1,8 Millionen Jahren nicht, wie viele Menschenaffen heute noch, nur eine Bezugsperson hatten, sondern die Fähigkeit entwickeln mussten, in den Gesichtern von wechselnden Betreuern zu lesen und zu verstehen, welche Absichten sie hegten, wurden ihre kognitiven Fähigkeiten, so Blaffer Hrdy, in Richtung mehr soziale Intelligenz (und damit einhergehend auch Hirnmasse) selektiert. Dass das menschliche Gehirn auf Intersubjektivität abgestimmt ist und nicht vorrangig auf „machiavellistische“ Intelligenz, also rücksichtslose Durchsetzungskraft, hängt also eng mit diesen Aufzuchtbedingungen zusammen, die sich auch bei anderen, weniger nah verwandten Tierarten finden wie den Elefanten, Nacktmullen oder Krallenaffen. Aber nur in der „beispiellosen Kombination“ Menschenaffe und kooperative Aufzucht konnten die Evolutionsdrücke, denen die Homininen auf dem Weg vom Homo erectus zum Homo sapiens ausgesetzt waren, diese weitreichenden Folgen entwickeln. „Ohne Alloeltern hätte es nie eine menschliche Spezies gegeben.“

Zur Person Sarah Blaffer Hrdy, Jahrgang 1946, ist emeritierte Professorin für Anthropologie und zählt zu den führenden Soziobiologen und Primatenforschern. Ihr Buch „Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution“ (2000) erhielt etliche Auszeichnungen, u.a. als „Wissenschaftsbuch des Jahres“ von Bild der Wissenschaft

Dass die Bedeutung anderer Bezugspersonen

als der Mutter so lange übersehen werden konnte, wertet Blaffer Hrdy als Paradebeispiel ideologisch bedingter wissenschaftlicher Blindheit. „Vor vielen Jahren schrieb Darwin, nicht falsche Ideen würden den wissenschaftlichen Fortschritt behindern, sondern ‚falsche Tatsachen‘.“ Dazu gehört nach Blaffer Hrdy der lange Zeit selbstverständliche, aber wissenschaftlich nicht haltbare Vergleich zwischen Menschen und Schimpansen, die aufgrund anderer Aufzuchtbedingungen nicht die geeigneten Modelle sind, um Sozialverhalten und Kinderfürsorge der Homininen zu rekonstruieren, sondern eher Wildbeuterkulturen des 19. und 20. Jahrhunderts. Zudem verhinderte die Fixierung der Ethnologen auf die mütterliche Versorgung, dass ergänzende Formen der Kinderfürsorge überhaupt wahrgenommen wurden. Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Veränderung des Blickwinkels spielte die verstärkte Teilnahme von Frauen an der Forschung, die, angefangen mit Jane Goodall, durch empathischere Formen der Beobachtung zu neuen Erkenntnissen gelangten. Aber auch die „harten Fakten“ erwiesen sich bei Betrachtung aus neuen Blickwinkeln als unhaltbar. So führte die Neuauswertung alter ethnologischer Daten seit den 90er-Jahren zu erheblichen Korrekturen bei der Erfassung von Residenzmustern (etwa, ob eine Familie in der Sippe des Mannes oder der Frau lebte oder flexibel war), Familienzusammensetzungen und Formen der Kinderbetreuung in Wildbeuterkulturen. Befunde von Humanverhaltens­ ökologen und Soziobiologen Ende des 20. Jahrhunderts zeigten, dass in diesen Kulturen mit hoher Säuglings- und Kindersterblichkeit die Unterstützung durch Alloeltern „von zentraler Bedeutung für das Überleben von Kindern“ und den Fortpflanzungserfolg

„Ohne Alloeltern hätte es nie eine menschliche Spezies gegeben“ Sarah Blaffer Hrdy

Sarah Blaffer Hrdy: Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin, 537 S., € 28,80 Sarah Blaffer Hrdy: Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution. Berlin, 774 S., € 20,50 (Sonderausgabe des Bandes von 2000)

der Gruppe waren. Dass dabei Großmütter eine entscheidende Rolle spielen, hat sich in den letzten Jahren herumgesprochen. Auf gut 400 Seiten (Anmerkungen und Register kommen auf zusätzliche 130 Seiten) zeichnet Blaffer Hrdy die Entwicklung der Forschung nach und argumentiert ihre Hypothese, dass die Evolution des Menschen ohne Alloeltern anders verlaufen wäre, in einer angenehm umsichtigen, differenzierten, sachlichen Weise. In überzeugend angelegten Kapiteln mit Titeln wie „Weshalb ein Dorf notwendig ist“ oder „Lernen Sie die Alloeltern kennen“ gibt sie anhand von zahllosen Beispielen aus noch existenten Wildbeutergesellschaften wie den Hadza in Tansania oder Ju/’hoansi in Namibia sowie aus dem Tierreich von Löwen über Erdmännchen bis zu Buntbarschen und Bienen einen Überblick über Varianten der kooperativen Aufzucht und deren Einbettung in das Tierreich. Überraschend an diesem lesenswerten Buch

sind allerdings die Schlussfolgerungen auf den letzten 15 Seiten. Im Gegensatz zu Debatten-Trendsetter Jeremy Rifkin, der kürzlich in „Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein“ (2009) ein positives Fazit aus dem besonderen Einfühlungsvermögen des Menschen im Hinblick auf die fortschreitende Globalisierung gezogen hat, sehen diese nämlich überraschend pessimistisch aus. Von einer Autorin, deren Bücher als erfrischende Korrektive zu Klischees von der Naturgegebenheit des Mutterinstinkts („Mutter Natur“) und der Kernfamilie („Mütter und andere“) gelesen werden können, und die immer wieder betont, dass Flexibilität ein Kennzeichen der menschlichen Familie war und ist, hätte man sich in diesem Zusammenhang ein Plädoyer für neue, kreativere und flexiblere Formen der alloelterlichen Kooperation in Zeiten der vielbeklagten Auflösung der Kernfamilie aus Vater, Mutter und ein bis zwei Kindern erwartet. Stattdessen wartet Blaffer Hrdy mit Sorgen um die Zukunft unserer Spezies auf, die sie daraus ableitet, dass sich Empathie und wechselseitiges Verstehen nur unter bestimmten Aufzuchtbedingungen entwickeln. Im Pleistozän seien Eltern und andere Verwandte danach selektiert worden, wie gut sie auf lebensbedrohliche Risiken reagierten. Jedes Kind, das überlebte, habe „automatisch ein Gefühl emotionaler Sicherheit“ erworben. Das sei heute nicht mehr der Fall, vor allem in „Bevölkerungsgruppen, die ein hohes Risiko für Missbrauch und Vernachlässigung tragen“ und wo bis zu 80 Prozent von Kindern an einer „desorganisierten/hochunsicheren Bindung“ leiden – und die sich doch reproduzieren. Weswegen Blaffer Hrdy Zweifel anmeldet, ob das über hunderttausende von Jahren entstandene Interesse daran, sich in mentale Zustände anderer hineinzuversetzen und sich mitzuteilen, nicht schwinden oder gar verschwinden könnte. Zum Glück kann man ihr Buch auch mit Gewinn lesen, ohne sich diesen SchlussfolF gerungen anzuschließen. 

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Die Zutaten von Vergangenheit und Zukunft Sozialgeschichte: Tom Standage erzählt eine Geschichte des Essens seit der Sesshaftwerdung der Menschheit it leerem Magen geht nichts. Das war M schon immer so. Und doch ist es erstaunlich, wie stark die Menschheitsge-

schichte sowohl durch den Zwang zur simplen Versorgung mit Nahrung unter widrigen Umständen als auch durch das Verlangen nach speziellen Gaumenfreuden geprägt worden ist. Der britische Wissenschaftsjournalist Tom Standage, der sein letztes Buch noch ganz bescheiden „Sechs Getränken, die die Welt bewegten“ (dt. 2006) widmete, greift diesmal in die Vollen: „Eine essbare Geschichte der Menschheit“ lautet der Originaltitel seines neuen Buches. Auf Deutsch klingt es ebenfalls nicht unbescheiden: „Der Mensch ist, was er isst. Wie unser Essen die Welt veränderte.“ Von der Erfindung des Ackerbaus mit seinen Auswirkungen auf das Zusammenleben über den globalen Handel mit Gewürzen, die Kartoffel als Grundlage der Industrialisierung, die allzeit schwierige Versorgung von Armeen bis zu den Paradoxien der heutigen globalen Nahrungsfülle spannt er darin seinen Bogen. Immer steht das Essen als Katalysator des sozialen Wandels und geopolitischen Wettbewerbs im Zentrum.

Bevor es Hochkulturen gab, gab es Körner –

Weizen, Mais und Reis. Der Ackerbau veränderte die Gesellschaftsstrukturen massiv, und das, obwohl die Ernährung durch Feldfrüchte frühen Bauern offenbar nur wenige Vorteile bot. Archäologische Fun-

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de zeigen, dass durchschnittliche Angehörige von sesshaften, vom Ackerbau abhängigen Gesellschaften schlechter ernährt und kleiner waren als Jäger und Sammler und dementsprechend kürzer lebten. Abrackern mussten sie sich noch dazu, und soziale Ungleichheiten wurden auch erst durch Sesshaftigkeit und die Haltung von Vorräten virulent. Auf die unter anderem von Bruce Chatwin oft gestellte Frage, warum die Menschen Sklaven ihrer Äcker wurden, wenn doch das Leben als Jäger und Sammler so viele Vorteile bot, findet Tom Standage die wohl plausibelste Antwort: Es passierte allmählich. Sie merkten es nicht, bevor es zu spät war. Zu viele hungrige Kindermäuler waren da, die durch Jagd nicht mehr einfach versorgt und vor allem auf diese nicht mitgenommen werden konnten. Die Reserven an wildwachsender Nahrung in der Umgebung reichten nicht mehr, die Menschen wurden von ihren Agrarprodukten abhängig. Zu einem beachtlichen Bevölkerungswachstum in Asien und Europa kam es, als sich robuste Grundnahrungsmittel aus den Amerikas auch in diesen Weltregionen verbreiteten: Nachdem Mais und Süßkartoffeln nach China gelangt waren, wuchs die Bevölkerung von etwa 140 Millionen im Jahr 1650 auf 400 Millionen im Jahr 1850 an. In Europa sorgte eine Kombination aus Hungersnöten, Kriegen und staatlicher Förderung dazu, dass die Kartoffel um 1800 zum wichtigsten neuen Lebensmittel

wurde. Ohne sie hätten wenige Jahrzehnte später auch die Millionen Arbeiter in den neuen Fabriken kaum ernährt werden können. So gesehen trug die Kartoffel zur industriellen Revolution genauso viel bei wie die Dampfmaschine. Die andere Seite des „Columbian exchange“ verschweigt Standage nicht: Die indigenen Völker Amerikas, deren Lebensmittel anderswo für Aufschwung sorgten, blieben während der Eroberung fast auf der Strecke. Dieses Beispiel deutet schon an, dass die Frage der Ernährung von Beginn des Ackerbaus an unmittelbar mit der Frage nach Verteilung und Macht verknüpft war. Die stickstoffbasierte „grüne Revolution“

Tom Standage: Der Mensch ist, was er isst. Wie unser Essen die Welt veränderte. Artemis & Winkler, 280 S., € 20,50

des 20. Jahrhunderts hat an dieser Tatsache nichts geändert, auch wenn sie die globale Ernährung selbst grundlegend verändert und zu einem bekanntlich bis heute andauernden enormen Bevölkerungswachstum geführt hat. Leider sind die ökologischen Kollateralschäden durch die industrielle Landwirtschaft ebenso unverkennbar wie die Tatsache, dass aktuell mehr als eine Milliarde Menschen hungert. Standage kann die große Frage nach der Ernährung von voraussichtlich bald neun Milliarden Menschen in einer von Klimawandel geprägten Zukunft natürlich nicht beantworten. Er endet mit einem Blick auf die weltweit größte Saatgutbank auf Spitzbergen: Die möglichen Zutaten der Zukunft liegen K AR IN CHL ADEK schon bereit.

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Sachbuch

Hochschaubahn durch den Hirnkuddelmuddel

Naturkatastrophen sind Kulturkatastrophen

Evolution: David Linden erklärt bravourös die Struktur unseres Gehirns und dessen zufällige Entstehung

Klimawandel: Gerhard Berz klärt darüber auf, was uns blühen könnte und wie wir uns am besten dagegen wappnen

ennen Sie das? Eine dreidimenK sionale Darstellung des Gehirns wird dramatisch ausgeleuchtet und

erhard Berz hatte einen interesG santen Job: Er leitete über Jahrzehnte die GeoRisikoForschung der

rotiert um die eigene Achse, während eine sonore Stimme vom großartigen Gebilde unseres Zentralnervensystems spricht. David Linden liefert den Gegenentwurf. Er beschreibt einen umständlichen und uneleganten Denkapparat. Im Lauf der Evolution durch Zufälle entstanden, löst dieser Herausforderungen des Überlebenskampfes mit eigenwilligen Mechanismen. Wie die Entwicklungsgeschichte das menschliche Gehirn hervorbrachte, verdeutlicht der Neurowissenschaftler unakademisch: „Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Ingenieur und sollten das allermodernste, leistungsfähigste Auto entwerfen.“ Die Sache habe aber ein paar Haken: „Erstens stellt man Ihnen einen 1925erFord Modell T vor die Nase und erklärt Ihnen, dass Sie Ihr neues Auto um das alte herumbauen müssen (…), zweitens müssen fast alle neuen Kontrollsysteme (…) ständig eingeschaltet bleiben.“ Das Ergebnis dieses fiktiven Bauauftrags sei nun alles andere als elegant: „Vielmehr ist das Gehirndesign in fast jeder Hinsicht eine Flickschusterei, eine Behelfslösung, ein Kuddelmuddel.“ „The Accidental Mind“ nennt Linden das Konstrukt im Originaltitel.

Das Buch ist eleganter strukturiert als

sein Gegenstand. Der renommierte Forscher führt den Leser auf mehreren Touren durch die Nervenzentrale. Im Evolutionszeitraffer ist auch schon der morphologische Aufbau erklärt. Dann wird auf die Zellebene gezoomt, um die Funktionsweise der grauen Materie zu verstehen. Anschließend geht es quer durch die Funktionen, die das zusammengeschusterte Zentralnervensystem seinem Besitzer liefert – von Wahrnehmung und Gedächtnis über Liebe und Sex bis zu den höheren und rätselhafteren Fragen, die unser Denkapparat seinesgleichen aufgibt. Ob und wann Träume Bedeutung haben, untersucht Linden auch in Bezug auf die Traumdeutung der Psychoanalyse. Brisant ist die Frage, welche Hirnfunktionen dazu führen könnten, dass wir in allen menschlichen Kulturen auch religiöses Denken finden. Wo Kreationisten die biblische Schöpfungsgeschichte unter dem Titel „Intelligent Design“ in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen, bekommt ein zusammengestoppeltes Gehirn auch politische Bedeutung. Vertretern dieses Ansatzes antwortet Linden mit einem eigenen Kapitel: „Das keineswegs intelligente Design des Gehirns“. Auch dass es auf viele Fragen noch keine gesicherten Antworten gibt,

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macht der Autor deutlich. Dort, wo er mit Ergebnissen dienen kann, fügt er sie immer wieder in das Gerüst seiner Grundannahme: Die umständliche Konstruktion des Apparats bedingt unsere frühzeitige Geburt. Ein Kopf mit vollentwickeltem Gehirn würde nicht durch den Geburtskanal passen. Also brauchen unsere unreif geborenen Kinder lange und intensive Brutpflege. Daher habe sich das Modell der dauerhaften Paarbindung in der Evolution als vorteilhaft erwiesen – und unser Gehirn ein paar unterstützende Zusatzfunktionen entwickelt, die wir Liebe nennen. Spannend ist dabei auch nachzuvollziehen, was man woher weiß. Linden berichtet anschaulich von psychologischen Experimenten und Befunden an verletzten oder operativ veränderten Gehirnen. Moralische Vorbehalte gegen Tierversuche erschweren die Lektüre möglicherweise an manchen Stellen. Zumindest für menschliche Probanden zeigt der Autor Mitgefühl: „Stellen Sie sich vor, was für eine abgrundtief unerotische Umgebung das ist“, meint er angesichts einer Studie zum männlichen Orgasmus. Die tapferen Testpersonen wurden zur Hälfte in die enge Röhre des Tomografen geschoben, bevor ihre Partnerinnen sie stimulieren durften. Die Gratwanderung zwischen seriöser Wissenschaft und ihrer flotten Vermittlung gelingt dem Professor von der John-Hopkins-Universität in Baltimore bravourös. Einerseits kann man hier ganz ohne Vorkenntnisse einsteigen. In bester angloamerikanischer Tradition bekommt man plastische, oft auch witzige Vergleiche und zahlreiche gelungene Grafiken. Der saloppen, aber schlüssigen Sprache kann man als einziges Manko nachsagen, dass die deutsche Übersetzung an einigen Stellen nicht ganz aufgeht. Auf der anderen Seite trivialisiert Linden nicht, sondern vermittelt solide Fachkenntnisse. Dabei fordert er auch Konzentration – zumal er oft in raschem Tempo durch die dichte Materie fegt. Die Investition lohnt sich. Hier durchstreift man nicht nur einzelne wissenschaftliche Erkenntnisse. Das Gehirn des Lesers bekommt einen zusammenhängenden Einblick ins Wesen seiner selbst. 

ANDREAS KREMLA

David J. Linden: Das Gehirn. Ein Unfall der Natur. Und warum es dennoch funktio­ niert. Rowohlt, 316 S., € 20,60

Münchener Rück AG, einer der größten Rückversicherungsgesellschaften der Welt mit einem Umsatz von knapp 40 Milliarden Euro. In dieser Eigenschaft hat er viel gesehen: Erdbebenschäden, Vulkanschäden, Sturmschäden, Hagelschäden, Risikogebiete vor und nach diversen Schadensfällen ­respektive Katastrophen. Rückversicherungen sind die Versicherungen der Versicherungen. Sie sind gefragt, wenn es wirklich ums Eingemachte geht. Die Rückversicherungsgesellschaften zählen also zu den großen, wenn auch weitgehend unbekannten Stützen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Da ist es beruhigend zu wissen, dass sie zu den ersten großen Institutionen gehörten, die den Klimawandel auch wirklich ernst nahmen und begannen, systematische Forschung über mögliche Präventions- und Adaptionsmaßnahmen zu betreiben. Allen voran die Münchener Rück.

Wer Gerhard Berz als intelligenten Red-

ner kennt und sich von seinem neuen Buch „Wie aus heiterem Himmel? Naturkatastrophen und Klimawandel. Was uns erwartet und wie wir uns darauf einstellen sollten“ einen spannenden Einblick in die Arbeit einer Rückversicherungsgesellschaft erwartet hat, wird jedoch auf weiten Strecken enttäuscht. Die ersten 140 Seiten sind einer zwar seriösen, aber nicht gerade kurzweiligen Darstellung aller Naturgefahren von Erdbeben über Stürme und Überflutungen gewidmet, komplett mit übersichtlichen Tipps, wie man sich als Individuum im Risikogebiet und im Katastrophenfall am besten verhält, um möglichst heil aus der Lage wieder herauszukommen. Nun ist es sicher im Anlassfall unschätzbar zu wissen, dass man bei einem Vulkanausbruch „Schutz unter Tisch, Türsturz oder in stabilen Innenräumen suchen“, bei Überschwemmungen „vor Betreten überschwemmter Räume auf abgeschalteten Strom achten“ oder sich in Erdbebengebieten „frühzeitig Fluchtwege einprägen“ sollte, aber sehr flüssig liest sich das nicht. Berz hat aus Sicht einer vorsorgenden Behörde oder eben eines Versicherungsprofis sicher nicht Unrecht, wenn er den Medien vorwirft, durch wiederholte „maßlose Übertreibungen“ die „Glaubwürdigkeit und damit auch die Vorsorgebereitschaft“ zu mindern, aber seine Forderung an die Presse, ihre Warnberichte mit „möglichst praktischen Verhaltensanweisungen“ zu verknüpfen, klingt doch ein wenig naiv.

Man würde Berz’ Fähigkeiten als Autor aber Unrecht tun, würde man es bei diesem Urteil belassen. Etwas überraschend, aber doch findet er in der zweiten Hälfte seines Buches einen neuen Einstieg, wenn er von der weltweit zunehmenden Häufigkeit und Schwere von Naturkatastrophen erzählt. Dabei ruft er mit Max Frisch in Erinnerung, dass „die Natur keine Katastrophen kennt, nur der Mensch – wenn er sie überlebt“. Berz zeigt eindrucksvoll, dass für die tatsächlich steigenden Schadenssummen und Opferzahlen keine angeblich rächende Natur verantwortlich ist, sondern einerseits die Konzentration von Sachwerten z.B. in exponierten Küstenregionen in reichen Industriestaaten und andererseits die zunehmende Bevölkerungsdichte in Hochrisikozonen (meist ebenfalls Küstengebieten) in Ländern der Dritten Welt. Die Lebensgefahr, der Millionen von

Armen durch kriminelle Bauschlampereien in Risikogebieten ausgesetzt sind, ist bei dem jüngsten Erdbeben in Haiti Anfang 2010 leider offensichtlich geworden. Berz nimmt sich auch bei Katastrophen in Europa kein Blatt vor den Mund: Als Ursache für die Zunahme von Hochwassergefährdung und Überschwemmungen nennt er nicht etwa pauschal den Klimawandel, sondern mangelnde Vorsorge und Raumplanung. Die „Halbwertszeit“ der Erinnerung an Katastrophen sei auch in Europa oft so kurz, dass bauliche und politische Prävention massiv vernachlässigt würden. Berz plädiert für eine neue Vorsorgekultur und wird am Ende seines Buches mit einer Reihe von plausiblen Szenarien für 2050 noch pointiert unterhaltsam. So leidet der Mittelmeerraum seiner Vorstellung nach dann zwar unter jährlichen Hitzewellen, Infektionskrankheiten und schwindendem Tourismus, hat aber einen mittleren Ausbruch des Vesuv recht gut überstanden und im Export von Solarstrom eine neue wirtschaftliche Basis gefunden. Indien dagegen hat es verpasst, rechtzeitig auf den ausbleibenden Monsun zu reagieren. Ein mutiges Lektorat hätte diesem dennoch lesenswerten Buch allerdings gutgetan.



K ARIN CHLADEK

Gerhard Berz: Wie aus heiterem Himmel? Natur­ katastrophen und Klimawandel. Was uns erwartet und wie wir uns darauf einstellen sollten. dtv, 231 S., € 19,50

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No Impact Man oder Gehkaffee im Einmachglas Ökologie: Der New Yorker Colin Beavan versuchte ein Jahr lang, keine ökologischen Spuren zu hinterlassen as muss man sich einmal vorstelD len: Da verzichten ein Mann, seine Frau, Kind und Hund ein Jahr lang

aufs Müllmachen. Sie kaufen lokale Produkte auf dem Markt, lassen sich im Bioladen die Ware in den Einkaufskorb legen, und bei Starbucks gießt man ihnen den Gehkaffee in die Einmachgläser, die sie stets dabeihaben. Die Klimaanlage bleibt im Sommer aus, das Baby bekommt Stoffwindeln, „neue“ Klamotten gibt’s bestenfalls aus dem Secondhandshop; Flugreisen Auto, Öffis und Fahrstühle sind tabu – wegen des CO2. Das Experiment, das der New Yorker Colin Beavan mit seiner Familie für ein Jahr (und für ein eigenwilliges Blog- und Buchprojekt) durchgeführt hat, klingt fürs Erste wenig aufregend. Typisch Amerikaner eben. Im europäischen Bobohausen leben doch längst alle so. Man lehnt sich zurück, schraubt vielleicht eine Energiesparlampe in die Fassung und schaut überheblich. Ach, der Strom wird auch abgestellt? No Impact Man nennt sich der Autor als Blogger keck: ein Superheld, der fast keine Auswirkung auf die Umwelt hat, so gut wie keine ökologischen Spuren hinterlässt – zumindest für ein Jahr. Dabei ist Colin Beavan kein Öko-Aktivist, im Gegenteil. Als Autor zweier Sachbücher (unter anderem zum Zweiten Weltkrieg) und für Lifestylemagazine wie Men’s Health und Cosmopolitan braucht man eine Menge Coffee to go, um New York zu meistern. Nahezu unvorbereitet trifft ihn deshalb auch die selbstentwickelte Versuchsanordnung. An vieles müssen er und die seinen sich erst gewöhnen. Zuerst gibt’s kein Klopapier mehr – am Ende geht das Licht aus. Wie es Colin Beavan mit seinem „öko-

logisch korrekten Abenteuer“ ergangen ist, schildert er in seinem Buch, dessen deutsche Ausgabe „Barfuß in Manhattan“ heißt. Der Originaltitel „No Impact Man. The Adventures of a Guilty Liberal Who Attempts to Save the Planet and the Discoveries He Makes about Himself and Our Way of Life in the Process“ ist zwar sperriger, aber er macht die Sache klarer. Denn ganz bestimmt geht es Beavan und seiner Frau Michelle Conlin, Journalistin bei der Business Week, nicht dar­u m, die Müllgebühr zu sparen – den Biomüll fressen nämlich die Kompostwürmer. Vielmehr geht es, das wird schon nach wenigen Seiten klar, um das ganz Große: den Sinn des Lebens. Es fängt mit dem Einkauf an – keine Produkte, die weiter als 400 Kilometer transportiert worden sind! – und endet beim Krach mit der Familie, weil man, statt hektisch in den Flieger zu steigen, zu Thanksgiving lieber zuhause bleibt. Bei Kerzenlicht, selbstgekochtem Essen und ohne Fernseher. Und ohne Zeitung,

denn die müsste schließlich auch entsorgt werden. Stattdessen sind Kochen und Kuscheln die ganz großen Themen: Freunde einladen, kein Junkfood, kein Fernseher und dafür Zeit, Stadt und Natur bewusst zu erleben. Ist das kitschig? Die Lust am Verzicht und am sinnvoll gewordenen Leben wird spätestens zur Halbzeit klar. Beavan erklärt sie anhand sehr persönlicher Erlebnisse, mit dem Verlust geliebter Menschen und der Liebe zu seiner Familie: „Wie soll ich leben? Wozu ist mein Leben gut?“

Falter FACHBÜCHER s

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Aber deswegen muss man doch noch

lange nicht die Waschmaschine abschaffen. Oder der Gattin beim Trödler eine Louis-Vuitton-Bluse kaufen, die zuvor einer Dragqueen gehört hat. Doch, meint Beavan, die Geschichten der Dinge seien doch das Aufregende. Das Bewahren und Pflegen. Klingt alles sehr ernsthaft. Ist es auch. Allerdings kommt der No Impact Man fast durchwegs ohne missionarischen Eifer aus, der sonst auf diesem Gebiet gerne vorherrscht. Der Ton ist locker statt hysterisch, gegen Ende vielleicht eine Spur zu emotional. Beavan zerrt einen Haufen horribler Statistiken herbei, Lebensweisheiten vom befreundeten Rabbi, Tipps von Fahrradschraubern oder Bloggern mit ähnlichem Experimentierbedarf. Er fischt in der „Wiedergutmachungsphase“ Müll aus dem Hudson und kapituliert vor der Schmutzwäsche. „Was für ein Kulturschock“, schreibt Beavan schließlich. „Wir waren Amerikaner geworden, die keinen Müll produzierten und nicht durch die Gegend fuhren.“ Sicher kann man auch die amerikanische (Wegwerf-) Gesellschaft nicht eins zu eins auf europäische Verhältnisse übertragen. Wenn der Autor verträumt nach Paris blickt, wo er angeblich eine Frau gesehen hat, die ihren Rock als Einkaufstasche benutzt hat, damit sie kein Sackerl braucht, muss man schon schmunzeln. Und wenn rund um einen herum alle heizen wie blöd, ist es einfach, im Winter die Heizung abzudrehen. Andererseits beobachtet man sein eigenes Verhalten nach der Lektüre schon genauer. Gratissackerl dazu? Das muss man sich einmal vor­ stellen!



CHRISTOPHER WUR MDOBLER

Reinhard Christl/Daniela Süssenbacher (Hg.)

DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK IN EUROPA

ORF, BBC, ARD & Co auf der Suche nach dem Public Value Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kommt europaweit unter Druck. Anhand ausgewählter Länder wird dargestellt, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa in der Praxis funktioniert. 248 Seiten, 5 25,50

Harald Fidler

ÖSTERREICHS MEDIENWELT VON A BIS Z

Das komplette Lexikon mit 1000 Stichwörtern

Warum zerbröckelt der ORF? Und wem hilft das? Wer verdient wie viel in der Medienbranche? Was kostet eine Sendung? Wie viel ein Verlag? Harald Fidler liefert Hintergründe. 632 Seiten, 5 48,–

Colin Beavan: Barfuß in Manhattan. Mein ökologisch korrektes Abenteuer. Gustav Kiepenheuer, 300 S., € 23,60

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Sachbuch

Sexy Stoffsammlung für Stammtischgespräche Biologie: Zwei neue Bücher extemporieren über das Liebesleben der Tiere, einmal seriös, einmal als Pseudonaturkunde as Jahr 2010 wurde von der Uno D zum Jahr der Biodiversität ausgerufen. Auch wenn man damit signalisiert, dass die Bedeutung einer globalen Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten unumstritten ist, stellt sich immer noch die utilitaristische Frage, wozu wir denn die zurzeit geschätzten 13 bis 20 Millionen unterschiedlichen Lebewesen überhaupt brauchen. Im harmlosesten Fall, wenn man die Diskussion über Kausalitäten und Vernetzungen in ökologischen Systemen nicht führen will, beschränkt man sich darauf, aus menschlicher Position das „bizarre“ Leben anderer Lebensformen zu beschreiben. Besonders „absonderlich“ erscheint da-

bei der Bereich der Fortpflanzung, der naturgemäß auf die ganz besonderen Anforderungen und Rahmenbedingungen einer Art abgestimmt sein muss. 1999 erschien bei Eichborn das Buch „Das bizarre Sexualleben der Tiere“ von Michael Miersch. In diesem „populären Lexikon“ wurde mit Blick auf die Zielgruppe Stammtischwitzerzähler ein Sammelsurium von Fakten zum Thema „Welche Tiere können wie lang und wie oft“ zusammengetragen, das jede Erklärung verweigerte, warum sich denn diese Tiere auf diese speziellen Weisen paaren.

Zehn Jahre später bringt Eichborn ein neues Buch zum Thema heraus und lässt uns Markus Bennemann das „bizarre Paarungsverhalten der Tiere“ näherbringen. Es ist zu vermuten, dass der Autor sich den Titel nicht ausgesucht hat, denn anders als Miersch oder Tobias Niemann, Autor der zweiten Neuerscheinung zum Thema, stellt er sich der Herausforderung, nicht nur über Positionen oder Rituale der Fortpflanzung zu räsonieren, sondern bemüht sich, diese auch in einen Kontext ökologischer bzw. evolutionärer Entwicklung zu setzen. In der Einleitung erwähnt Bennemann, dass Charles Darwins weniger bekannte Forschungsobsession, die rätselhafte Fortpflanzung der Seepocken, letztlich Grundlage für seine epochale Theorie über die Entstehung der Arten wurde. Zwölf Jahre nach der Veröffentlichung von „On the Origin of Species“ legte Darwin sein zweites zentrales Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ vor. Der Titel ist irreführend, denn nur etwa ein Drittel setzt sich mit der Herkunft des Menschen auseinander, der Rest widmet sich der Idee der sexuellen Selektion. Damit konnte er viele „unnütze“ Entwicklungen wie die überbordenden Pfauenfedern oder den oft anstrengenden Balzgesang erklären.

Gerade dort, wo es Bennemann ge-

lingt, Erkenntnisse über spezifisches Sexualverhalten einer Tierart in ihrer Bedeutung für die menschliche Gesellschaft darzustellen, ist das Buch spannend: Wenn er im Zuge der revierbezogenen Duftmarkierungen von Goldhamstern über das Thema der Sexuallockstoffe Pheromone zu den von der Pharmaindustrie ausgestreuten Mythen über Kopuline – eine Art olfaktorischen Flirt- und Beischlafhilfe – Stellung nimmt, dann erweist sich das Buch als gut recherchiert und auf dem letzten Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Gegen Ende steigt jedoch der Drang, menschliche Analogien wie „Kuppler“, „Heiratsschwindler“ und „Transvestiten“ zu bemühen. Und leider vermisst man diesmal einen durchgehenden Spannungsbogen, den Bennemanns letztes Buch „Im Fadenkreuz des Schützenfischs. Die raffiniertesten Morde im Tierreich“ von 2008 durchaus aufweisen konnte. In einem mit jeder Seite mehr nervenden, flapsig-witzelnden Stil ist das bereits erwähnte Buch von Tobias Niemann „Kamasutra kopfüber“ geschrieben. Hier werden ohne jeden Zusammenhang die „77 originellsten Formen der Fortpflanzung“ aufgezählt und mit Zeichnungen illustriert. Für unbedarfte Gemüter gibt es sicher

viel zu staunen über schwangere Seepferdmännchen, die lesbische Liebe der Rüsselkäfer und die Pseudopenisse bei Vögeln. Was als kurzer Beitrag in einer Regenbogenpostille zwischen Problemen des Hochadels und geriatrischen Wellnesstipps vielleicht noch erfrischend wirken kann, wird zwischen zwei Buchdeckeln zu einer 77 Kapitel langen und stilistisch unerträglichen Pseudonaturkunde 

PE TER IWANIE WICZ

Tobias Niemann: Kamasutra kopfüber. Die 77 originellsten Formen der Fortpflanzung. C.H. Beck, 192 S., € 18,50

Markus Bennemann: Die Evolution im Liebesrausch: Das bizarre Paarungsverhalten der Tiere. Eichborn, 304 S., € 20,60

Wovon träumt eigentlich ein Superorganismus? Biologie: Sozialismus funktioniert doch – nur nicht mit der Spezies Mensch. Neues aus der Insektenforschung wischen Ameisen und Menschen beZ steht ein überraschendes Gleichgewicht: Von unserer Art, Homo sapiens, leben gegenwärtig etwa 6,6 Milliarden Individuen. Die Anzahl gleichzeitig lebender Ameisen beträgt nach eher zurückhaltenden Schätzungen zwischen einer und zehn Billiarden. Ordnet man einem durchschnittlichen Menschen das Gewicht von ein bis zwei Millionen Ameisen zu, dann ist die Biomasse beider Lebensformen weltweit ungefähr gleich groß. Auch was die terrestrische Dominanz betrifft, stehen sich beide Gruppen um nichts nach und haben so gut wie alle Lebensräume auf dem Festland besiedelt.

Nur mit bloßem Auge sehen alle Ameisen

gleich aus. Betrachtet man sie mit einer Lupe, dann unterscheiden sich die circa 14.000 bekannten Ameisenarten so stark voneinander wie Elefanten, Löwen oder Mäuse. Die Größenunterschiede sind verblüffend: Eine gesamte Kolonie der kleinsten Ameisen (Oligomyrmex sp.) könnte in der Kopfkapsel der Riesenameise (Camponotus gigas) leben. Und obwohl damit auch die Gehirngröße der Ameisenarten entsprechende Unterschiede zeigt, lässt sich kein relevanter Unterschied in der Intelligenz feststellen. Das Verhaltensrepertoire dieser Insekten variiert nur in geringem Ausmaß und beschränkt sich auf simple Tätigkeiten wie Futtersuche, Versorgung der Brut, Körper- und Nestpflege etc. Den-

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noch sind manche Ameisen und Termiten bereits vor ungefähr 50 Millionen Jahren vom Jäger- und Sammlerdasein zur Landwirtschaft übergangen und leben von den Erträgen ihrer raffiniert angelegten Pilzzuchten. Andere Arten, wie zum Beispiel die afrikanische Treiberameise, wirken bei ihren Beutezügen wie ein einziges, sich wie eine Riesenamöbe ausbreitendes Lebewesen. Mit 20 Metern pro Stunde strecken sich tentakelartig hunderttausende Arbeiterinnen über die Landschaft aus und ziehen sich abends geordnet zurück. Der US-amerikanische Insektenforscher William Morton Wheeler führte 1911 für soziale Insekten wie Ameisen, Bienen und Termiten den Begriff „Superorganismus“ ein und postulierte, dass sich solche Kolonien wie ein eigenständiger Organismus verhielten. Der Ameisenkönigin wies er – in der damals noch blumigeren Wissenschaftsprosa – die Rolle als Fortpflanzungsorgan zu. Die Arbeiterinnen waren Gehirn, Herz und Verdauungstrakt, während der Austausch von Futter unter den Koloniemitgliedern dem Blutkreislauf ­entsprach. Diese Betrachtungsweise erfreute sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts großer Beliebtheit und wurde von verschiedenen weltanschaulichen Denkrichtungen auf menschliche Gesellschaften übertragen. In den 1960erJahren war der Begriff jedoch aus dem wissenschaftlichen Sprachgebrauch wieder verschwunden.

Jetzt holen die beiden führenden Ameisenforscher Bert Hölldobler und Edward O. Wilson ihn wieder hervor und legen 20 Jahre nach ihrem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Monumentalwerk „Die Ameisen“ eine gewichtige (1,8 kg!) Publikation zur Evolution sozialer Insekten vor. Das lesbare und anregende Buch der beiden Experten ist nicht nur ein Referenzwerk zum Stand der Forschung, sondern bietet auch für Nichtbiologen eine Fülle von Informationen über eine rätselhafte Lebensform, die sich nicht audiovisuell, sondern chemosensorisch verständigt. Leider wurde der Untertitel des Originals, „The Beauty, Elegance, and Strangeness of Insect Societies“, nicht übernommen, sondern ersetzt durch „Der Erfolg von Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten“. Letztere beide Insektengruppen kommen nämlich kaum vor.

Bert Hölldobler, E. O. Wilson: Der Superorganismus. Der Erfolg von Ameisen, Bienen, Wespen und Termiten. Springer, 604 S., € 82,20

Seltsam mutet nur der doch etwas ­veraltete Instinktbegriff an, den die Autoren den sozialen Insekten zur Abgrenzung vom menschlich-bewussten sozialen ­Handeln zuweisen. Da Ameisen auch schlafen, dabei eine dem Menschen vergleichbare Haltung mit auf die Brust gesunkenem Kopf einnehmen und ihre Fühler in gewissen Abständen so wie unsere Pupillen in der REM-Phase zu zittern beginnen, vermuten Forscher, dass auch diese Insekten Träume haben. Bloß wovon träumt ein Superorganismus? 

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Andere Tiere brauchen auch kein Lebensziel Philosophie: Düster, düster – John Gray verabschiedet den Humanismus als fragwürdiges Erbe des Christentums

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illustr ation: Bianc a Tschaikner

on Menschen und anderen Tieren“, das ist nicht nur der neugierig machende Titel des soeben auf Deutsch erschienen Buches von John Gray. Es ist auch, verdichtet auf fünf Worte, seine Kernaussage. Nach der Veröffentlichung von Grays Abrechnung mit den religiösen und politischen Ideen der Neuzeit in „Politik der Apokalypse“ 2009 bringt Klett-Cotta nun das bisher bekannteste Werk des britischen Philosophen heraus: „Straw Dogs. About Humans and Other Animals“ erschien im Original schon 2002. Genau um diese Menschen, die eben auch nur andere Tiere sind, geht es Gray. „Abschied vom Humanismus“ lautet der deutsche Untertitel, der durchaus so kategorisch gemeint ist, wie er anmutet. Gray macht es sich mit diesem Buch zur Aufgabe, den Humanismus zu zerlegen und nichts davon übrigzulassen.

Als wesentlichstes Element des Humanismus sieht Gray den Fortschrittsglauben. „An den Fortschritt glauben heißt, davon überzeugt sein, der Mensch könne mithilfe der neuen Macht, die ihm durch die Anhäufung wissenschaftlicher Erkenntnisse zuteil wird, die Grenzen durchbrechen, die dem Leben anderer Tiere gezogen sind.“ Genau in diesem Glauben hätten die Humanisten den Kardinaldenkfehler des Christentums, als dessen kritische Ablöse sie sich eigentlich sehen, übernommen: Dass der Mensch über sein eigenes Geschick bestimmen könne und damit allen

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anderen Tieren überlegen sei. „Sie greifen damit eines der fragwürdigsten Versprechen des Christentums auf, alle Menschen könnten erlöst werden. Der humanistische Fortschrittsglaube ist nur eine weltliche Spielart dieser christlichen Verheißung.“ Alles, was Gray auf den weiteren 200 Seiten folgen lässt, ist Beiwerk, mit dem er diese These zu untermauern sucht. Zwar tut er das auf durchaus unterhaltsame Weise und in erträglichem, populärwissenschaftlichem Stil, jedoch liest man schon im Vorwort etwas, das zumindest leicht nach Entschuldigung klingt: „Wenn ich recht viele Zitate verwende, geschieht das nicht in der Absicht, einer ungewohnten Denkweise den Anstrich der Autorität zu verleihen, sondern einfach in dem Bemühen, sie zu verdeutlichen.“ Leider verliert sich Gray im Zuge dieser Verdeutlichung zuweilen zu sehr im Detail. Die vielen Philosophen, die er als Zeugen seiner Überlegungen auftreten lässt, werden zwar recht gut gegliedert präsentiert, verstellen aber mit der Zeit mitunter den Blick auf Grays eigentlichen Argumentationsstrang. Das zutiefst düstere Weltbild, das in diesem Buch gezeichnet wird, kommt dennoch in uneingeschränkter Wucht zur Geltung. Bezugnehmend auf die hochspekulative Gaia-Hypothese bezeichnet er etwa den Menschen als Plage, die den sich selbst regulierenden Organismus Erde heimsucht, und es gebe nur vier Szenarien, wie

diese Plage ausgehen könne. Die wahrscheinlichste: Die natürlichen Regulationsmechanismen der Erde drängen den Menschen auf ein erträgliches Maß zurück.

John Gray: Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus. Klett-Cotta, 245 S., € 20,50

Dem freien Willen des Menschen erteilt Gray eine absolute Absage: „Viele unserer folgenreichsten Entscheidungen treffen wir, ohne dass wir dies bewusst mitbekämen. Und dennoch beharren wir darauf, dass der Menschheit gelingen könne, was wir nicht hinbekommen: die bewusste Gestaltung der eigenen Existenz.“ Der Humanismus ist für Gray nur ein weiterer pseudoreligiöser Weg, mit der Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins fertigzuwerden. Fast wie ein Lichtschimmer, den Gray seinen Lesern angesichts seiner hoffnungsund trostlosen Weltsicht gnädigerweise spenden will, wirkt schließlich das letzte Kapitel. Sich spielerisch mit der Sinnlosigkeit des Lebens zu arrangieren, sich von der Suche nach dem Sinn zu lösen, ist sein Vorschlag, um mit diesem Konzept fertigzuwerden. Sollte das nicht ­f unktionieren, hat Gray noch eine letzte Möglichkeit parat: „Andere Tiere brauchen kein Lebensziel. Das Tier Mensch kommt, da es im Widerstreit mit dem eigenen Wesen lebt, nicht ohne ein solches Ziel aus. Könnte es nicht darin bestehen, einfach zu sehen, was ist?“ Eine reichlich beklemmende Idee, wenn das, was es zu sehen gibt, wirklich so grau ist, wie Gray es vordenkt. 

MICHAEL WEISS

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Sachbuch

Religiöse Splittergruppen Vom Bund Deutscher und ihresgleichen Mädel zum Widerstand Islam: Mit seiner „Globalgeschichte aus islamischer Sicht“ liefert Tamim Ansary keinen Beitrag zur Verständigung

Nationalsozialismus: Barbara Beuys hat die erste umfassende Biografie über Sophie Scholl geschrieben

as 2007 angelaufene Projekt Cor­ D pus Coranicum in Berlin arbeitet daran, die erste historisch-kritische

ophie Scholl ist als Symbol des S ­Widerstands gegen den National­ sozialismus in die Geschichte ein­

Textausgabe des Koran herzustellen. Die islamische Hemisphäre hat sich solchen historisch-kritischen Heran­ gehensweisen bislang fast vollständig verweigert. Dabei ist ihr religiöses Re­ ferenzbuch, der Koran, naturgemäß eine Kompilation verschiedenster, oft volkstümlicher Legenden und Legiti­ mationsformen, Mythen und Erzähl­ stereotypen und ohne die Einbettung in spätantike Theologien, Lebenswel­ ten und Praktiken eigentlich gar nicht zu verstehen. Und die einzigen Quellen über Mohammed stammen von Musli­ men – wer aber würde heute die Ge­ schichte einer kampfbereiten religiö­ sen Splittergruppe schreiben anhand von Zeugnissen alleine aus dieser Gruppe?

Die Folgen dieser anhaltenden Weige­

rung sind gewaltig, denn die Lebens­ führung des Propheten gilt als Vorbild für alle Muslime (die sich als Teil der „sunna“ verstehen) und stellt neben dem Koran und den Hadiths die dritte Quelle des Rechts im Islam dar. Damit werden ethische Normen, weltanschauliche Grundsätze und Er­ kenntnismodelle einer stammesmä­ ßig organisierten, halb nomadischen, halb städtischen Welt konserviert. Das betrifft die Rückführung auf eine fiktive Gründergestalt (Mohammed erfindet eine Abstammungslinie Mo­ ses – Ismael – Abraham – Adam), das Führerprinzip als Organisationsform, den absoluten Vorrang der Sippe vor dem Einzelnen, der andererseits auch von jener vor Unbill geschützt wird – und die Stabilisierung der Gruppe durch von Geistern inspirierte, cha­ rismatische Dichter (der Koran muss mehrfach bestreiten, dass ihr Prophet Mohammed eben ein solcher „inspi­ rierter“ Dichter sei). Der alles andere als „islamophobe“ Islamwissenschaftler J. C. Bürgel hat den Kern des Islam als das ­Bestreben bezeichnet, alle Lebensbereiche zu heiligen, indem man sie der Allmacht des Koran unterwirft. Die zentrale „Daseinserfahrung“ sei, Gottes All­ macht innerhalb einer Gruppe, die sich dem „Recht“ unterwirft und für dieses streitet, „nahezukommen“ oder in ihr aufzugehen. Ein Hauptbeweis für den göttli­ chen Ursprung der Sendung Mo­ hammeds war denn auch die Macht, ­militärische Siege zu erringen – die­ se Basisideologie wurde erst durch die vollständige Niederlage gegen die Mongolen erschüttert, doch in Vari­ anten verteidigt.

Ein erheblicher Teil der Muslime in

den Metropolen und mehr noch den Emigrantenmilieus lebt mittlerwei­

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le in Distanz oder Entfremdung zu dieser ursprünglichen Grunderfah­ rung der Muslime. Letztere muss man kennen, um zu ermessen, wie schwierig die Aufgabe ist, die sich der ­säkulare Publizist Tamim Ansa­ ry mit ­seinem Buch „Die unbekann­ te Mitte der Welt. ­Globalgeschichte aus islamischer Sicht“ gestellt hat: Er will in populärem Ton für den islami­ schen Raum das liefern, was wir etwa für den ­chinesischen Kulturraum längst ­besitzen: eine ­Beschreibung der z­ ivilisatorischen Entwicklung aus dem Blickwinkel nichteuropäischer Kulturen. Ansary macht sich an die heikle Aufgabe mit einer enormen Begabung für die anschauliche Vereinfachung äußerst komplexer Vorgänge und mit großer Lust am (teils störend ironisie­ renden) Erzählen. Vielleicht findet man die verwickelten Abfolgen der Geschlechter und Kriege im Vorderen Orient bis hin zum Indus nirgendwo farbiger, schlichter, anschaulicher er­ zählt als hier. Das kann dann ebenso charmant wie lehrreich selbstgefälli­ ge Westler daran erinnern, ihre Haus­ aufgaben zu machen, bevor sie über „den Islam“ schwadronieren. Allerdings hat diese Leistung einen Pferdefuß. Dass sich angesichts des gewaltigen Stoffes Sachfehler ein­ schleichen (die Dampfhydraulik wur­ de nicht von Muslimen, sondern von Heron aus Alexandria erfunden), ist unvermeidlich. Dass Ansary über ­Mohammed in unhinterfragter, dis­ tanzloser Paraphrase islamischer Texte erzählt, stereotype Legenden, taktische Fiktionen und Mystifikatio­ nen als Beschreibungen historischer Ereignisse ausgibt, ist fatal. Er tut das, um der Perspektive des gläubigen Muslim zu ihrem Recht zu verhelfen, doch er erreicht damit das Gegenteil: Wenn das die Perspekti­ ve auf die Geschichte der arabischen Halbinsel um 600 n.Chr. ist, dann kann es keine fruchtbare Verständi­ gung geben, sondern bestenfalls ein desinteressiertes ­Nebeneinanderher, wie es die Mehrheit der Europäer etwa mit den Teilen der katholischen Kirche praktiziert, die ein ähnliches Verhältnis zu den Dokumenten der ­jüdischen religiösen Splittergruppe um einen Wanderprediger aus Naza­ reth beibehält. 

SEBASTIAN K IEFER

Tamim Ansary: Die unbekannte Mitte der Welt. Globalgeschichte aus islamischer Sicht. Campus, 367 S., € 25,60

gegangen. Zahlreiche Veröffentli­ chungen, Filme und Ausstellungen beschäftigten sich seit ihrer Hin­ richtung und der ihres Bruders Hans Scholl durch die Nazis im Jahre 1943 mit dem einzigen weiblichen Mitglied der „Weißen Rose“. Barbara ­Beuys, Historikerin und Journalistin, bekannt u.a. durch ihre Biografien über Hilde­ gard von Bingen, Annette Droste-Hüls­ hoff oder Paula Modersohn-­Becker, hat nun mit ­einer ausführlichen und differenzierten Biografie über ­Sophie Scholl wieder einer schillernden Frau­ enfigur Leben eingehaucht. Das Werk basiert auf den erst seit 2005 zugänglichen Quellen aus der umfangreichen Hinterlassenschaft von Inge Scholl, der ältesten Schwester der Ermordeten: Tagebüchern, auch dem von Sophie Scholl, und vor allem zahlreichen Briefen. Den persönlichen Zeugnissen von Sophie Scholl und den Menschen aus ihrer Umgebung stellt Beuys immer wieder die poli­ tischen Ereignisse der Zeit an die ­Seite, die Biografie spannt somit den Bogen vom Ende des Ersten Weltkriegs über die Zwischenkriegszeit und die Macht­ ergreifung Hitlers bis ins Jahr 1943.

Den Kosmos von Sophie Scholl betre­

ten wir lange vor deren Geburt: über Briefe, die Sophie Scholls fromme, im protestantischen Glauben stark ver­ ankerte Mutter Lina Müller an ihren späteren Mann, den politisch liberal eingestellten Robert Scholl, geschrie­ ben hat. Beide Elternteile sind welt­ offen, ihre Kinder erziehen sie nach christlichen Werten, neben Bildung und Kultur werden im bürgerlichen Hause Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, Großes zu leis­ ten, hochgehalten. Die ersten Jahre lebte Sophie Scholl, das vierte von fünf Kindern, mit ihrer Familie in dem kleinen Städtchen Forchtenberg im ­heutigen ­Baden-Württemberg, wo ihr Vater Bürgermeister war. Beuys zeigt, dass diese von Inge Scholl im Nachhinein stets als die heile Kindheitswelt be­ schriebenen ersten Jahre auch ihre „feinen Risse“ hatten, so erfährt man etwa von einem Halbbruder, der in den Scholl-Erinnerungen später of­ fenbar keinen Platz hatte. Ab 1932 wohnte die Familie in Ulm, wo sich der Vater als Steuerberater selbst­ ständig machte. Sehr zum Missfal­ len der Eltern, die gegen die Nazis waren, tritt ein Kind nach dem ande­ ren der Hitlerjugend bzw. dem Bund Deutscher Mädel (BDM) bei. Aus In­ ge Scholls Tagebüchern erfährt man, mit welchem Eifer sie dabei sind. Bald leiten sie eigene Gruppen. Wann ge­ nau die Scholl-Kinder begannen, sich von den braunen Idealen abzuwen­

den, kann Beuys nicht festmachen. Es scheint ein längerer Prozess gewe­ sen zu sein, bei Kriegsausbruch 1939 sind die Geschwister jedenfalls klare Nazigegner. Gut nachvollziehbar, vor allem anhand des Briefwechsels zwischen ­Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hart­ nagel, Berufsoffizier, ist die geisti­ ge Entwicklung der ­jungen Frau und ihre Hinwendung zu einer sehr in­ tellektuellen Religiosität. Die Bezie­ hung ist geprägt von einem ­ständigen Ringen zwischen Gefühl und Ver­ stand. Wenn die 19-Jährige von ­ihrem Freund eine Liebe, die auf ­„höherer“, geistiger Ebene stattfindet, fordert, kann die Autorin gut darlegen, wo­ her diese Ideen kommen: Die für ­Literatur und Fremdsprachen begeis­ terten Scholl-Geschwister hatten sich mit dem jungen Nazigegner Otl Aicher ­a ngefreundet. Mit geradezu „missiona­rischem Eifer“ will dieser sie zum für ihn einzig wahren, dem ka­ tholischen Glauben bekehren. Durch ihn lernen sie die Schriften des Augus­ tinus und vieler katholischer Autoren, vor allem aus dem Umfeld des Renou­ veau catholique, kennen und schät­ zen. Die Idee eines klaren Geistes, für den man hart an sich arbeiten muss, die Forderung des standhaften Wi­ derstehens gegen die bösen äußeren Mächte gefallen Sophie Scholl, die das Denken schon früh zu einem Grund­ pfeiler in ihrem Leben erklärt hat. Ein Rätsel ist für die Autorin, war­ um Sophie Scholl in dieser Zeit noch immer zu den BDM-Abenden ging. Da Beuys die zum Teil bisher unbekann­ ten, persönlichen Dokumente aber stets vorsichtig interpretiert und Lü­ cken nur mit Vermutungen füllt, wenn es genügend Anhaltspunkte gibt, ent­ scheidet sie sich, solche Widersprü­ che stehenzulassen, „so unbefriedi­ gend das ist“. Auch die Frage, warum die Scholl-Geschwister an jenem 18. Februar 1943 sich und ihre Freunde mit ihrer ­F lugblattverteilung in der Münchner Universität in derartige Gefahr brachten, kann Beuys nicht endgültig beantworten. Aber genau diese Lücken tragen zur Qualität der spannend erzählten Biografie dieser faszinierenden Frau bei. Das­­Ergebnis ist keine (weitere) Vereinnahmung ei­ ner Ikone, sondern eine Würdigung des Menschen Sophie Scholl. 

SABINA AUCK ENTHALER

Barbara Beuys: Sophie Scholl. Biografie. Hanser, 493 S., € 25,60

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Der kurze Triumph des schwarzen Wien Zeitgeschichte: Zwei Biografien befassen sich mit dem vor 100 Jahren verstorbenen Bürgermeister Karl Lueger ALFR ED PFOSER

V

on allen Bauten der Ringstraßenzeit ist das Rathaus das imposanteste und am wenigsten übersehbare. Allein seine Dimensionen stellten bei seiner Fertigstellung ein politisches Statement dar. Es war die Antithese zur Hofburg und sollte selbstbewusst die Autonomie 
der Stadt gegenüber den Ansprüchen der Monarchie kundtun. Die liberalen Bürgermeister Andreas Zelinka und Cajetan Felder hatten sich zwar für eine Imponiergeste mittels einer ausladenden historizistischen Ästhetik entschieden, aber in der Realpolitik verstanden sie sich als „unpolitische“ Administratoren. Immerhin war die Architektur die in Stein gemeißelte Proklamation der Selbstregierung der Stadt. Mit Karl Lueger, geboren 1844, bekam Wien in den Jahren 1897 bis 1910 einen Bürgermeister, der auch in der politischen Arena unübersehbar war, der durch seine Machtfülle die Stadt formte und prägte und mit seinen kommunalisierten Betrieben (Gas- und E-Werk, Wasserbewirtschaftung, Elektrifizierung der Straßenbahnen, städtische Bestattung, Krankenhaus Lainz) Grundlagen für eine bis heute funktionierende Verwaltung Wiens geschaffen hat. Der für sein Amt ein Format entwickelte, an dem jeder seiner Nachfolger gemessen wurde: der Bürgermeister als machtbewusster, volkstümlicher, leutseliger Herr, ein Volkskaiser ohne Adel. Karl Lueger hielt die Fäden fest in der Hand, ohne ihn ging gar nichts. Koalierten und bekriegten sich damals im Parlament der Monarchie die Parteien bis zur Selbstzerfleischung, so herrschte in der Stadt ein starker politischer Wille. Öffentlichkeitswirksam zwang Lueger selbst Kaiser und Kardinal in die politischen Schranken. Sehr vieles in John Boyers materialreichem, faktenkundigem Lueger-Buch kommt einem aus der Gegenwart bekannt vor.

Karl Lueger hatte in den vergangenen Jahren nicht unbedingt den besten Ruf. Selbst die ÖVP hält Abstand. Denn da ist etwas, was das Andenken beschädigt: die antisemitische Demagogie, mit der Lueger die Macht eroberte. In seiner politischen Sozialisation ein liberaler, antiklerikaler Demokrat mit besten Kontakten zum jüdischen Wien, bediente er sich antisemitischer Parolen und Praktiken nach Belieben, sammelte emsig die antisemitisch-klerikalen Vereinigungen und Medien hinter sich, spielte in Nachbarschaft zu deren Führer Georg von Schönerer auch auf der Orgel der Deutschnationalen, um sich Stück für Stück die Macht in der Gesellschaft, in den Bezirken und im Gemeinderat zu erobern. 1895 wählten ihn die Rathausabgeordneten erstmals zum Bürgermeister. Dem Kai-

ser waren dieser Mann und seine Massenpartei suspekt – er blockierte. Fünfmal musste Lueger im Gemeinderat zum Bürgermeister gewählt werden, ehe er am 20. April 1897 den Amtseid ablegen konnte. Spätestens seit Carl E. Schorskes „Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle“ (1982) und Brigitte Hamanns „Hitler in Wien“ (1996) war Karl Luegers Ruf ruiniert. Die erhöhte Wahrnehmung für die Tatsache, dass Hitler in seinen formativen Wiener Jahren Lueger bewunderte, bei ihm das politische Geschäft lernte und seine Hochachtung für ihn in „Mein Kampf“ niederschrieb, brachte den Lueger-Mythos zu Fall. Eine Übersetzung der Biografie von Richard S. Geehr „Karl Lueger: Mayor of Fin De Siecle Vienna“ von 1990 würde die Kritik an der Ikone noch verstärken. John W. Boyer bringt eine neue Perspektive

in die Debatte ein und kann Luegers Ruf so einigermaßen retten. Allein dadurch, dass er eine beeindruckende Materialfülle bietet und auch die internationale Diskussion über kommunale Verwaltung einbezieht, eröffnet er viele neue Einsichten. Boyer zeichnet nach, wie Lueger das Kunststück gelang, aus divergenten Gruppen und Grüppchen eine große, erfolgreiche Massenpartei zu formen. Drei Jahrzehnte arbeitete er am Thema und verfasste zwei leider nicht übersetzte Bücher über die Entstehung und Machtausübung der Christlichsozialen Partei in Wien. Kenntnisreichtum kann man dem Buch wahrlich nicht absprechen, mehr stilistische Eleganz und argumentative Engführung hätten der Lesbarkeit sicherlich keinen Abbruch getan. Gelegentliche kleinliche Seitenhiebe verraten die Blickrichtung seiner Einflüsterer. Ein Linker ist John Boyer sicherlich nicht. Das vorliegende Buch nennt sich zwar Biografie, ist aber nur in Teilen eine solche. Im Mittelpunkt der Abhandlung steht der Aufstieg und Niedergang der christlichsozialen Massenbewegung, die ihren Anteil am politischen Leben einforderte. Das schwarze Wien feierte in der Lueger-Zeit seinen schnellen Triumph, dem eine Krise folgte. Der Erste Weltkrieg zerstörte die soziale Basis von Luegers Wählerschaft und ließ seinen Nachfolger Richard Weiskirchner als unpopulären Erfolgsgehilfen der Zentralmacht erscheinen. Das allgemeine Wahlrecht, das Karl Lueger für den Wiener Gemeinderat erfolgreich blockiert hatte, tat 1919 ein Übriges, um die christlichsoziale Herrschaft über Wien hinwegzufegen. Der schwarze Bundeskanzler Ignaz Seipel, dem Boyer ein eigenes Kapitel widmet, konnte 1922 im Gegenzug immerhin erfolgreich die Macht im Staat erobern.

Am 10. März 1910 starb Wiens legendärer und umstrittener Bürgermeister Karl Lueger. Zum 100. Todestag findet zum selben Datum im Wiener Rathaus ein prominent besetztes ganztägiges Symposium statt. Um 19 Uhr diskutiert dort, moderiert von Oliver Rathkolb, John W. Boyer mit anderen über „Karl Lueger und seine Zeit in der Historiographie und Geschichtspolitik des 21. Jahrhunderts“ Mehr Infos unter www. wienbibliothek.at

John W. Boyer: Karl Lueger (1844–1910). Christlichsoziale Politik als Beruf. Eine Biografie. Böhlau, 537 S., € 40,10

Anna Ehrlich: Karl Lueger. Die zwei Gesichter der Macht. Amalthea, 280 S., € 22,95

Anna Ehrlichs Biografie „Karl Lueger. Die zwei Gesichter der Macht“ ist simpler gestrickt, weniger umfangreich und stellt andere historiografische Ansprüche. Klatsch und Tratsch sind dieser Darstellung nicht fremd, die Zeitgenossen kommen relativ ausführlich zu Wort, um die „Persönlichkeit“ Luegers zu charakterisieren. Aufstieg und Leistungen werden nicht unkritisch behandelt, das Buch belegt mit deftigen Zitaten Luegers Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und Opportunismus. Politik war ihm ein Theater, jeder Auftritt ein Spektakel, mit stets veränderbaren Zielen und Mitteln. Immer im Blick: die Macht und der Machterhalt. Relativ ausführlich werden Luegers Diabetesleiden und das monströse Begräbnis behandelt, bei dem 500 österreichische Bürgermeister aufmarschierten und 13 Wagen mit 1020 Kränzen hinter dem Sarg fuhren. Prunk und Verklärung hat dieser „Volkskaiser“, der sonst einen bescheidenen Lebensstil pflegte, nicht gescheut – und auf den Nachruhm gesetzt. Lueger tat sich als Kirchenbauer hervor, setzte viel Geld der Gemeinde dafür ein und bekam dafür „ewigen Lohn“ von Malern und Kirchenkünstlern. Schon zu Lebzeiten wurde er etwa am Hochaltar der Lainzer Versorgungsheimkirche abgebildet, Lueger-Altarbilder in weiteren Kirchen folgten. Die damals neu erbaute Kirche auf dem Zentralfriedhof legt als Karl-LuegerGedächtniskirche sie noch heute Zeugnis davon ab, welche enorme Rolle sich Lueger in der Geschichte zumaß. Seine Anhänger nahmen diesen Lueger-Kult auf, pflegten ihn in der Ersten Republik, erst recht in der austrofaschistischen Ära. Anna Ehrlich erzählt auch die Geschichte des

umstrittenen Lueger-Denkmals am Stubenring. Nach seinem Tod geplant, wurde es erst 1925/26 realisiert. Bemerkenswert, dass damals die nunmehr rote Gemeinde die Kosten für die Fundamentierung übernahm. Im Anhang des Buches ist ein Essay Felix Saltens abgedruckt, der anlässlich der Denkmalenthüllung in der Neuen Freien Presse veröffentlicht wurde. Salten erinnert darin an die Fronleichnamsprozession des Jahres 1896, als Lueger dem Baldachin voranschritt und dem Kaiser zeigte, dass das dessen dreimaliges Veto gegen seine Berufung zum Bürgermeister nur seine Popularität steigerte. „Lueger wurde nicht bloß der Bürgermeister, er wurde der unumschränkte Gebieter. Er nahm alles Erreichbare in städtische Regie, den Tod und das Leben, die Leichenbestattung und die Kinderschulen, Feuer und Wasser, sogar die monarchische Gesinnung und die KaiF sertreue.“ 

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Sachbuch

Opportunismus und Geschichtsvergessenheit

Das Jahrhundert der marxistischen Großdenker

Italien: Ministerpräsident Berlusconi machte Faschismusapologie und Duce-Bewunderung gesellschaftsfähig

Geistesgeschichte: Tony Judt erinnert an das 20. Jahrhundert, den Kommunismus und „die Intellektuellen“

inister, die bei Veranstaltungen M den rechten Arm zum „römi­ schen Gruß“ erheben, der Totenkult

e­ rhoben. Die linksorientierten Anti­ faschisten versäumten es, Mussolini als Chef ­eines Mörderregimes zu de­ maskieren. Die Massenmorde, Gift­ gasangriffe und Konzentrationslager in Libyen und Eritrea waren ohne­ hin nie ein Thema, ein internationa­ les Tribunal gegen Kriegsverbrecher passte nicht in die Blockstrategie der Alliierten während des Kalten Krie­ ges. Für ein ruhiges Gewissen sorg­ ten auch die „bösen“ Deutschen, die in den letzten Kriegsjahren von Ver­ bündeten zu Feinden wurden.   Eine zentrale Rolle bei der Um­ deutung des Faschismus ordnet der His­toriker dem rechten Politiker Gi­ anfranco Fini zu, der den MSI in die rechtsnationale, verfassungstreue Al­ leanza Nazionale umwandelte. „Wir sind weder Faschisten noch Anti­ faschisten. Wir sind Postfaschisten“, lautete sein anfänglicher Slogan, dem weitere symbolische Schritte folg­ ten. Finis ideologische Wendungen auf dem Weg zum staatsmännischen Image sind für Mattioli lediglich die Kosmetik für eine Aufwertung der ­faschistischen Herrschaft.

er heute jünger als 40 ist, hat W den Kommunismus nicht mehr bewusst erlebt.“ Was wie eine Parodie

Silvio Berlusconi, diese Fusion aus apolitischem Opportunismus und ­strategischer Geschichtsvergessen­ heit, verhält sich gegenüber dem ­Fascio-Erbe notorisch unberechen­ bar: Berührungsängste mit stram­ men Rechten wie der Duce-Tochter Alessandra Mussolini kennt er nicht. Sein eigentlicher Gegner sind die Kommunisten, die seiner Meinung nach nicht nur die größten Verbre­ chen der Geschichte, sondern auch die ungerechtfertigten Gerichtspro­ zesse gegen ­seine Person verursach­ ten. Mattioli dazu: „Er verwischt die Grenzen zwischen bürgerlich-konser­ vativer und neofaschistischer Rechter systematisch.“ Das Buch hält eigentlich nur fest, was täglich in den Zeitungen steht, und gleicht die italienische Erinne­ rungspolitik mit dem Wertekanon an­ derer europäischer Länder ab. Wäre Mattioli in einer italienischen Talk­ show zu Gast, würde er wohl als elen­ der Kommunist beschimpft werden. Seine empirische Besonnenheit hebt sich wohltuend von dem vulgären Tonfall ab, mit der Zeitgeschichte in der italienischen Öffentlichkeit zu­ meist verhandelt wird.

„Ich bin in einer marxistischen Fami­

an Mussolinis Grabmal, sentimentale Filme über das Privatleben des Duce, rechtsradikale Slogans in Fußballsta­ dien: Der Schweizer Historiker Aram Mattioli macht nach seinem Buch „Ex­ perimentierfeld der Gewalt“ (2005) ein weiteres Mal Italiens Umgang mit der faschistischen Vergangenheit zu seinem Forschungsgegenstand. Damals beleuchtete er die ver­ drängten Kriegsverbrechen während der Feldzüge Mussolinis in Afrika und auf dem Balkan, dieses Mal die zahl­ reichen neofaschistischen Phänome­ ne im italienischen Alltag, der Politik, des Sports und der Massenmedien, die Mattioli den Schluss ziehen las­ sen: Der antifaschistische Konsens, der die italienische Nachkriegspoli­ tik über die Parteiengrenzen ­hinweg kennzeichnete, hat seine Verbind­ lichkeit verloren. Unter den seit 1994 mit ­Unterbrechungen regierenden rechten Bündnissen von Minister­ präsident Silvio Berlusconi machte sich eine Erinnerungspolitik breit, die Mattioli eine „revisionistische Normalität“ nennt. Faschismusapo­ logie und Duce-Bewunderung ­seien nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Anfang der 90er-Jahre zerbrach das alte Parteiensystem an dem Korrupti­ onsskandal der „Mani pulite“. Nach dem überraschenden Sieg Berluscon­ is beteiligte sich der Movimento So­ ciale Italiano (MSI) an der Regierung – ein Tabubruch: Ausgerechnet in ei­ nem Land, das auf seine „Resistenza“ stolz war, saßen rechtsextreme Poli­ tiker am Kabinettstisch. In der soge­ nannten Zweiten Republik wurden „die Grenzen des öffentlich Sagbaren neu vermessen“. Dass die öffentliche „Apologie des Faschismus“ eigentlich ein Strafbestand ist, kratzt schon lan­ ge niemanden mehr. Mattioli versteht den Begriff    Erinne­

rungskultur als „Geschichten über Geschichte“. Die von Politikern, Journalisten und Regisseuren in Be­ zug auf die Vergangenheit verwen­ deten Bilder lassen Rückschlüsse auf die Grundwerte von Staat und Zivil­ gesellschaft zu. Dem historischen Fach selbst fällt eine wichtige Rolle zu. Mattiolis bekannter Kollege Ren­ zo de Felice etwa verfasste einflussrei­ che Darstellungen über die 20 Jahre der Diktatur, in denen er die faschis­ tischen Verbrechen als „sanftmütige“ Ausgabe des Nationalsozialismus, als „Fascismo bonario“, darstellt.   Die Missverständnisse beginnen aber bereits früher. Durch die my­ thische Überhöhung der Resisten­ za wurde die breite Zustimmung für das ­Regime ausgeblendet, das kol­ lektive Vergessen zur Staatsdoktrin

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MAT THIAS DUSINI

Aram Mattioli: „Viva Mussolini“. Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis. Schöningh, 204 S., € 20,50

auf den 68er-Spruch klingt, dass man keinem über 30 trauen solle, stellt in Tony Judts Aufsatzsammlung „Das vergessene 20. Jahrhundert“ fast eine Art kategorischen Imperativ dar. Der Kommunismus ist nach 1989 und dem damals nicht ganz zu Unrecht prokla­ mierten Ende der Geschichte für den britischen Historiker noch immer das zentrale intellektuelle Ereignis des 20. Jahrhunderts. Doch wer soll daran erinnern? „Von allen Transformationen, die in den letzten drei Jahrzehnten zu beob­ achten waren, ist der Abgang der ,In­ tellektuellen‘ vielleicht die sympto­ matischste. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Intellektuellen.“ Damit sind vor allem mehr oder we­ niger marxistische Großdenker wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, Günter Grass oder Susan Sonntag ge­ meint – deren einflussreiche Gegen­ spieler von rechts, Celine, Jünger oder Eliade, werden in ihrer Bedeutung da­ bei nicht unterschätzt. lie aufgewachsen. Heutzutage kann man damit nicht mehr punkten, aber es hatte seine Vorteile.“ Der Spott, den Tony Judt über einen Louis Alt­ husser oder – bei allem Respekt „vor dem größten historischen Naturta­ lent“ – über Erik Hobsbawm ob des­ sen Kommunismus ausgießt, wirkt wie eine Pflichtübung. Interessanter ist Judts Umgang mit gebrochenen Fi­ guren wie dem Paradeintellektuellen der 50er-Jahre, Arthur Koestler. Der 1905 in Budapest geborene ­Koestler begeistert sich für den Zio­ nisten Vladimir Jabotinsky, 1931 wird er Mitglied der KPD, kaum aus dem Spanischen Bürgerkrieg zurück, erklärt er mit dem Roman „Sonnen­ finsternis“ auf nachhaltige Weise die Moskauer Schauprozesse. 1950 ist Koestler das intellektuel­ le Zentrum des Antikommunismus. Es sind die Trümmerhaufen von Le­ benswerken, denen Judt Bedeutung zuerkennt und Geltung verschafft: ­jenem von Primo Levi etwa, dem ita­ lienischen Chemiker, der als Jude 1944 von den Nazis nach Auschwitz deportiert wird und nach seiner Be­ freiung seinen ersten Roman „Ist das ein Mensch“ (1947) verfasst, der jahr­ zehntelang keine Beachtung findet. 1986, ein Jahr vor seinem Freitod, notiert Levi: „Die wirkliche kollek­ tive und allgemeine Schuld nahezu aller Deutschen damals bestand da­ rin, dass sie nicht den Mut hatten zu sprechen.“ Manès Sperber, der aus dem öster­ reichischen Galizien der Vorkriegs­ zeit nach Wien geht, konstruiert sich – anders als Joseph Roth – nicht den

Traum von einer universellen k. u. k. Monarchie, er tritt der KPD bei und bald wieder aus. Sperber zeige, „dass säkulare Juden den religiösen Auf­ trag, für eine bessere Welt zu sorgen, in einer Art säkularen Erlösungsglau­ ben übersetzen.“ Hannah Arendts vielfach gescholtene

Reflexionen zum Totalitarismus von Nationalsozialismus und Stalinis­ mus leitet Tony Judt aus deren zentra­ ler Einsicht ab, dass das Problem des Bösen die Grundlage des geistigen Lebens im Nachkriegseuropa sein werde – eine Sichtweise, die vor al­ lem bei den Intellektuellen Osteuro­ pas breite Zustimmung fand. Hannah Arendt beschwor mehr­ fach die Gefahr, im Totalitarismus den „Fluch des Jahrhunderts“ zu se­ hen und darüber „die unzähligen kleinen und weniger kleinen Übel zu übersehen“ – jeder der von Tony Judt porträtierten Intellektuellen war sich dessen bewusst. Wobei die Zusammenstellung der Ahnengale­ rie durchaus überraschen mag: Al­ bert Camus findet sich neben Leszek Kołakowski, Edward Saïd neben Ka­ rol Wojtyła. In einem zweiten und dritten Teil durchläuft Tony Judt in thematischen Essays die Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Der Bogen spannt sich von Frank­ reichs Niederlage bis zu Tony Blair als „Gartenzwerg“ des britischen Kul­ turerbes; es geht um Belgiens „nati­ onale Frage“, um Rumänien vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhan­ ges; zwei Essays, die sich vor einigen Jahren zum internationalen Skan­ dal auswuchsen, attestieren Israel, als Staat nicht erwachsen werden zu wollen. Die Darstellung amerikanischer Außenpolitik reicht vom Kalten Krieg der Kubakrise bis zum Irakkrieg. Tony Judt hat mit seinem Buch ein imposan­ tes Mosaik an Zeit- und Weltgeschich­ te des 20. Jahrhunderts ­geschaffen, das man lebendiger und leidenschaft­ licher kaum finden wird. Zumal auch heute noch einmal an folgenden ­Befund zu erinnern ist: „Schon die großen Reformer des 19. Jahrhunderts wussten, dass die soziale Frage nicht verschwindet, wenn sie nicht gelöst wird. Sie suchte sich einfach radika­ le Antworten.“



ER ICH K LEIN

Tony Judt: Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen. Hanser, 472 S., € 28,70

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Vom 11. Juni bis zum 11. Juli 2010 wird die Endrunde der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika und damit erstmals auf dem afrikanischen Kontinent ausgetragen. Drei Neuerscheinungen widmen sich diesem leidgeprüften Erdteil, der es selten schafft, aus den negativen Schlagzeilen zu kommen – und seinem Fußball

Löwenfett macht stark, Zebrafell schnell Afrika vor der WM: Asfa-Wossen Asserate und Rupert Neudeck analysieren die Misere Afrikas, Oliver Becker dessen Fußball

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Illustr ation: Bianc a Tschaikner

960 gilt als „Achsenjahr“ in der Geschichte Afrikas. In diesem Jahr wurde ein großer Teil der ehemaligen europäischen Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen. 2010, ein halbes Jahrhundert später, ist von den kühnen Träumen von Wohlstand und Selbstbestimmung wenig übriggeblieben. Die Liste der notorischen Missstände und verpassten Gelegenheiten zwischen Kairo und Kapstadt ist deprimierend lang. Und Afrika gilt, besonders in der medialen Zuspitzung, immer noch als Kontinent der Aidswaisen, Hungersnöte, Kindersoldaten und Bürgerkriege. „Failed states“ und korrupte Regierungen sind die Regel. Wie konnte es dazu kommen? Wieso springen uns heute aus Südostasien die Tigerstaaten entgegen, obwohl Südkorea, Malaysia und Indonesien vor 50 Jahren wirtschaftlich keineswegs besser aufgestellt waren als Sierra Leone, Nigeria und Kenia? Zwei Autoren versuchen sich an einer kritischen Bestandsaufnahme und fahnden nach Hoffnungsschimmern. Asfa-Wossen Asserate, ein vertriebener äthiopischer Prinz, lebt schon seit 1978 in Deutschland und ist als Unternehmensberater und Autor tätig. Der deutsche Aktivist Rupert Neudeck wurde vor allem durch seine ­Rettungsaktion vietnamesischer Boat People mit der Cap Anamur bekannt, ist aber seit 1980 vor allem in verschiedenen afrikanischen Ländern in humanitärer Mission unterwegs. Asserates „Afrika: Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten“ hat Charme. Mit leicht bekömmlichen Lesehäppchen von ein bis drei Seiten deckt er unterschiedlichste Themen von Sklaverei über religiöse Konflikte bis hin zu Nelson Mandela ab. Die Mischung ist gut und bisweilen originell: Wird auch in Afrika „Harry Potter“ gelesen? Gibt es dort Altenheime? Ist Rastafa-

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ri ein Gott? (Die Antworten: ja, wenige, na ja.) Die Ausflüge in afrikanische Küche, Kultur und Kleiderschränke schaffen ein Gegengewicht zu den fast durchwegs deprimierenden Analysen von Politik und Wirtschaft. Aber man erfährt auch, dass – nicht zuletzt wegen mangelnder Festnetzleitungen – Afrika der am schnellsten wachsende Markt für Mobiltelefone ist. Mittlerweile telefoniert fast ein Drittel aller Afrikaner, also etwa 300 Millionen, mit dem Handy. Asserate argumentiert differenziert und kommt fast völlig ohne Klischees aus, was gerade bei Afrika keine leichte Sache ist. So seien die zahlreichen bewaffneten Konflikte meist keine Stammeskämpfe, vielmehr würden ethnische Spannungen instrumentalisiert und politisch missbraucht. Und „Pygmäen“ könne man nicht einfach als „Naturvolk“ bezeichnen, suggeriere dies doch Rückständigkeit. Immer wieder betont Asserate, dass es „das“ Afrika nicht gebe, und streicht die ungeheure Vielfalt des Kontinents hervor. Die Problematik der Entwicklungshilfe wird nicht erschöpfend behandelt, aber gut, da muss man eben woanders weiterlesen. Etwa bei Rupert Neudeck. „Die Kraft

­ frikas“ versucht wie Asserates Buch A einen Gesamtüberblick, ist von Ton und Inhalt aber weniger ein Kompendium als (gut argumentierte) Abrechnung und Plädoyer. Das Buch lebt von Neudecks persönlichen Erfahrungen der letzten drei Jahrzehnte, kurz: Es ist mit Herzblut geschrieben. Und gelegentlich auch mit Wut im Bauch. Die katholische Kirche etwa und deren oft fragwürdige und feige Rolle in der afrikanischen Politik erhält vom kritischen Christen Neudeck eine kräftige Abreibung. Die ungünstigen Rahmenbedingungen Afrikas werden alle benannt:

das schwere koloniale Erbe, die fehlende Infrastruktur, der fehlende ­Zugang vieler Länder zum Meer, die Unbill des Klimas, der Braindrain der klügsten Köpfe. Die Hauptschuld tragen für Neudeck freilich die afrikanischen Politiker, die sich, scheinbar einem Naturgesetz folgend, von Hoffnungsträgern in notorische Kleptokraten verwandeln, wenn sie nicht vorher ermordet werden. Lösungen bietet Neudeck gelegentlich an, überzeugend wirkt das nicht immer. Afrikanische Flüchtlinge auf Zeit in Europa aufzunehmen und sie hier auszubilden scheint wenig praktikabel. Aber ändern muss sich die Politik des Westens gegenüber Afrika, das ist richtig. Die klassische Entwicklungshilfe hat weitestgehend versagt und teilweise mehr Schaden angerichtet, etwa durch das Schaffen neuer Abhängigkeiten, das Zerstören lokaler Märkte und das Abwürgen eigener Initiativen. Gegen diese Form der „Hilfe“ wettert Neudeck ganz besonders heftig – es ist ein mea culpa, denn er war selbst lange Jahre einer ihrer engagiertesten Fürsprecher. Sein Glaube an Afrika und seine Menschen ist Neudeck geblieben. Trotzdem fällt es nach der Lektüre des Buches nicht leicht, zuversichtlich zu sein. Auch wenn die Fußball-WM in Südaf-

rika vor der Tür steht und damit nun die Möglichkeit, das Bild von Afrika zu verbessern, wie sowohl Asserate als auch Neudeck betonen. Was uns im Juni erwartet, darauf gibt das Buch „Voodoo im Strafraum“ des Filmemachers Oliver Becker einen Vorgeschmack. Magie ist Alltag in Afrika, kein Wunder also, dass quasi jedes Fußballteam, gleich ob Regionalliga oder ­Nationalmannschaft, auf „Muti“ oder „Juju“ genannte Praktiken zurückgreift. Da werden etwa die Pfosten

des Tores vor einem Match heimlich mit einer Mischung aus Kräutern, verbrannten Vogelfedern und Schlangenhaut eingerieben, die Namen der gegnerischen Spieler auf Zettel geschrieben und im Strafraum verbuddelt und die Umkleidekabine der Gästemannschaft mit Tierblut bespritzt. Auch wenn man nicht an Magie glaubt: Wer eine Hundepfote im Spind findet, trifft vielleicht tatsächlich das Tor nicht mehr. Becker sucht auch nur den Anschein eines herablassenden Tones zu vermeiden. Sein Buch ist teils ein Überblick über die Geschichte des Fußballs in Afrika und seine soziale Bedeutung, teils Reportage vor Ort. Ausführlich kommen Trainer, Spieler, Manager, Sportjournalisten und natürlich die Witchdoctors selbst zu Wort. Ihr Rat: Mit Löwenfett einreiben macht stark, Zebrafell schnell. Für Torhüter empfehlen sie Affenhände – in pulverisierter Form. 

OLIVER HOCHADEL

Asfa-Wossen Asserate: Afrika: Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten. C.H. Beck, 192 S., € 15,40 Rupert Neudeck: Die Kraft Afrikas. Warum der Kontinent noch nicht verloren ist. C.H. Beck, 288 S., € 20,50. (Erscheint erst am 23.3.) Oliver G. Becker: Voodoo im Strafraum. Fußball und Magie in Afrika. C.H. Beck, 198 S., € 10,20

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Sachbuch

Und täglich grüßt der Traum vom Untergang

Frontschweine des zynischen Machtwissens

Kulturgeschichte: Die Furcht vor dem Menetekel ist so alt wie unsere Kultur selbst, sagt Gerhard Henschel

Kulturtheorie: Beat Wyss rechnet mit den Theoretikern der Postmoderne und den Alt-68ern ab

erhard Henschel, freier PubliG zist und Autor aus Hamburg, der 2008 mit „Neidgeschrei“ eine akribi-

er Schweizer Kunsthistoriker D Beat Wyss kehrt an jenen Wendepunkt der Geisteswissenschaften

sche Studie über den sexuell konnotierten Antisemitismus vorlegte, ergötzt uns in seinem neuen Buch mit einer Parade der Unheilsverkünder aus fast 3000 Jahren. Angefangen mit der Geschichte des ursprünglichen Menetekels aus dem Buch des Propheten Daniel, in dem der babylonische König Nebukadnezar das geheimnisvolle „Mene mene tekel u-pharsin“ an der Wand sieht, das seinen Sturz einleitet, über alle Sodoms, Gomorrhas und Babylons, den Untergang des Römischen Reiches, die Endzeitprophezeiungen des Mittelalters bis zu den heutigen Mahnern vor dem Untergang des Abendlandes – Henschel gibt Entwarnung: Immer schon war die drohende Schrift an der Wand nur ein Mythos. Nach allem, was wir wissen, sind die Klagen über den Verfall der Sitten und die Suche nach der guten alten Zeit so alt wie die Menschheit selbst oder mindestens so alt wie die frühesten Zeugnisse unserer Schriftkultur. Der griechische Dichter Hesiod beklagte schon 700 v. Chr. den Verlust eines goldenen Zeitalters und lieferte auch gleich den Grund mit: die menschliche Schwäche. Schnell waren sich die Herren der Apokalypse einig darüber, wer am Niedergang der Werte Schuld hatte: die Frauen, besser gesagt, das Weib, besser gesagt, das sinnliche Weib.

der Menschheit mit dem Sündenfall beginnt, mit der Versuchung des Mannes und der Vertreibung aus dem Paradies. Um die neue christliche Moral zu verankern, malten schon die frühesten Kirchenväter des zweiten Jahrhunderts den Sündern die Hölle aus: Dort würden „die Weiber an ihren Flechten über siedendem Koth aufgehängt“. Augustinus, vor seiner Bekehrung zum Christentum praktizierender Wüstling, erwartete ungeduldig das Ende der Zeiten und konnte in seinen „Confessiones“ oder in „De civitate Dei“ eine gewisse Schadenfreude an den Höllenqualen der Sünder nicht unterdrücken. 1500 Jahre lang beschäftigten sich Endzeitfanatiker jeder Couleur mit dem Fall des Römischen Reiches – von den mittelalterlichen Philosophen und Kirchenvätern bis zu den „Rassenhygienikern“ des Dritten Reiches – und machten die Ausschweifungen, Sittenlosigkeit, Promiskuität, Verweichlichung und Verweiblichung und nicht zuletzt die unheilvolle Vermischung mit anderen Rassen als dessen Ursache aus. Die Horden der Alemannen, Franken, West- und Ostgoten, Sweben, Vandalen und Hunnen sollen der Verworfenheit der Römer ein Ende bereitet haben.

Wie überhaupt die Dekadenz

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Der deutsche Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts sah in der angeblichen Keuschheit der Barbaren (= Germanen) und ihrer höheren Moral die Ursachen für den Fall Roms. Auch der NS-Ideologe Alfred Rosenberg meinte sein altes Rom und dessen Schlafzimmer gut zu kennen. Genüsslich und mit pornografischem Blick zelebrierten die Untergangs­ apostel die römischen Sünden und ließen sich das Raffinement der Sittenlosigkeit auf der Zunge zergehen. Ernst Moritz Arndt und Turnvater Jahn operierten mit dieser Geschichtsfälschung ebenso wie der Verfasser des sprichwörtlich gewordenen „Untergangs des Abendlandes“ von 1913, Oswald Spengler – und sie reicht sogar hinein in die Formulierungen der Nürnberger Gesetze „zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Die Deutung des Untergangs der römi-

schen Zivilisation als Folge einer „rassenhygienisch“ mangelhaften Gattenwahl stieg nun in den Rang einer amtlich abgesegneten Staatsdoktrin auf. Eine 1934 edierte „Staatsbürgerkunde“ versprach den Lesern „eine Fülle von Beispielen, wie Kulturvölker in den Schlamm und Schmutz eines charakterlosen Mischvolkes ­herabsanken. Rom selbst wurde semitisch, d.h. vorderasiatisch und orientalisch.“ Dass die Legende vom Menetekel, dem Untergang durch Sittenverfall und Rassenmischung, auch nach den Millionen Toten der beiden Weltkriege nicht vergessen ist, lässt so manche Äußerung zu Asyl, Migration und Integration bis auf den heutigen Tag durchklingen. Umberto Eco hat das Dilemma auf den Punkt gebracht mit folgenden Fragen: „Wie sollen wir diejenigen, die das Ende der Welt kommen sehen, davon überzeugen, dass andere, in der Vergangenheit, das auch schon so gesehen haben, und das in jeder Generation? Dass es sich um eine Art wiederkehrenden Traum handelt, wie zum Beispiel, dass uns die Zähne ausfallen oder wir nackt auf der Straße stehen? Nein, wird man antworten, dieses Mal ist es viel ernster.“



VERONIK A SE YR

Gerhard Henschel: Menetekel. 3000 Jahre Untergang des Abendlandes. Eichborn, 369 S., € 32,90

zurück, an dem französische Philosophen wie Jean-Francois Lyotard oder André Glucksmann sich von einigen Dogmen ihres Fachs verabschiedeten. Der Fortschritt der Geschichte durch Aufklärung und Vernunft habe sich angesichts von Auschwitz und Gulag als schrecklicher Irrtum erwiesen. Es gelte daher, sich von den „großen Erzählungen“ der Meisterdenker zu verabschieden. Wyss versucht darzustellen, dass die Kritik an den Philosophen der Moderne neue, postmoderne Meisterdenker produziert habe, was in seinen Augen keinen wirklichen Fortschritt darstellt. Das rhetorische Fundament von Wyss’ Argumentation ist eine Polemik gegen die 68er, die mit den großen Erzählungen auch das geistige Bezugssystem des Bildungsbürgertums entsorgt hätten. Micky Maus statt Thomas Mann auf die Leselisten der Schulen setzend „operierten sie, wider Willen, als Frontschweine des zynischen Machtwissens“. Wyss beschreibt auch den eigenen biografischen Hintergrund: Als Schweizer Kunstgeschichtestudent wurde er durch marxistische Lesezirkel aus der bildungsbürgerlichen Idylle eines Ministranten gerissen, weitere Akte der „Kolonisierung“ durch die herrschende Diskurspraxis – genannt wird etwa der Psychoanalytiker Jacques Lacan – sollten folgen. Statt eines Verstummens von Metaer-

zählungen sieht der Autor das positive Wissen von Fachdisziplinen schwinden. „Ob Germanist, Philosoph oder Kunsthistoriker – Hauptsache, man hat seinen Lacan gelesen.“ Leicht ins Englische übersetzbar – im Fall von Lacan darf dies wohl bezweifelt werden –, würde die postmoderne Monokultur zum Leitbild einer global vernetzten Diskursgemeinde, die „aus den Geisteswissenschaften das alteuropäische Erbe herausbleicht“. In Form ideengeschichtlicher Skizzen klopft Wyss einige populäre Begriffe und Leitfiguren der neuen Zeit auf ihre Tauglichkeit hin ab. Er legt die kantianische Wurzel des Begriffs des Erhabenen frei, den der Maler Barnett Newman (1905–70) als uramerikanisch propagierte. Das Erbe Nietzsches sieht er in Susan Sontags Manifest gegen Kunstkritiker „Against Interpretation“ (1961) fortwirken. Er verteidigt die Autonomieästhetik Theodor W. Adornos gegen den Vorwurf der ideologiekritischen Linken, die diesem mangelndes Engagement vorwarfen. Wyss reiht sich damit ein in die Front jener 68er-Kritiker, die im Rückblick auf die eigene intellektuelle Biografie die blinden Flecken ihrer

Generation entdecken. Ein wiederkehrender „Komplex“ ist der rüpelhafte Umgang mit den Opfern des NSRe­g imes, die wie Adorno nach 1945 nach Deutschland zurückkamen. Der große Sündenfall ist auch bei Wyss der „neostalinistische“ Terror der ­Roten Armee Fraktion. Interessanter sind jene Passagen, in denen Wyss klischeehaft überlieferte 68er-Helden mit scheinbar weitentfernter Theorie konfrontiert. So interpretiert er etwa das öffentliche Auftreten von Joseph Beuys mithilfe der Habitus-Theorie von Pierre Bourdieu als Mischung aus (marginalisiertem) Zauberer und (professoralem) Priester. Die künstlerische Symbolik des „ewigen Hitlerjungen“, die dunklen Farben und germanischen Kreuze werden aus Beuys’ Sozialisation in den 30er-Jahren heraus gedeutet. Nicht immer vermag Wyss mit seinen

Querlektüren zu brillieren. Er beschreibt etwa, wie Umberto Eco Themen der Zeichentheorie in seinen Roman „Der Name der Rose“ (1980) einfließen ließ. Und dass der Roman eine Parabel auf die italienische Politik nach 1968 sei. Dem linken Fundamentalismus der Brigate Rosse setze Eco, ohne dies offen auszusprechen, eine auf Verhandlung und Kommunikation beruhende Zeichentheorie entgegen. Was Wyss nicht dazusagt, ist, dass Eco von der italienischen Regierung beauftragt war, die Botschaften der Terroristen zu dechiffrieren. Spätestens an diesem Punkt hat man das ursprüngliche Thema, die Theorie der Postmoderne, etwas aus den Augen verloren. So hinterlässt die Lektüre dieses zwischen Theorie und Anekdote springenden Buches einen zwiespältigen Eindruck. Zwar folgt man gespannt den geistreichen Kombinationen des Autors, das Objekt seiner Kritik lässt einen aber meist kalt. Zu wenig attraktiv erscheint die alte Welt der Ministranten und Bildungsbürger. Für eine jüngere Generation ist mitunter schwer nachzuvollziehen, mit welcher Obsession die Apo-Opis aus einer privilegierten, universitären Position heraus ihre Jugendsünden aufarbeiten.



MAT THIAS DUSINI

Beat Wyss: Nach den großen Erzählungen. Postmoderne Monokulturen. Suhrkamp, 217 S., € 12,40

08.03.2010 15:00:44 Uhr


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Vom Zweifeln und VerBeileibe keine Lektüre zweifeln am Unendlichen für Hypochonder! Mathematik: Mit zwei großen Problemen hadert die Zahlenkunde bis heute – dem Unendlichen und ihrem Image

Medizin: Die Ärztin und Wissenschaftsjournalistin Martina Frei berichtet über kuriose Krankheitsfälle

ie Geschichte des Unendlichen D ist eine Geschichte des (Ver-) Zweifelns. So lässt sich kurz das 30

scar ist ein gescheckter Kater O und lebt in einem Pflegeheim. Auf seinen täglichen Streifzügen

Jahre nach der Erstveröffentlichung erstmals ins Deutsche übertragene Buch „Eine kurze Geschichte der Unendlichkeit“ des italienischen Mathematikers Paolo Zellini zusammenfassen. Auf der einen Seite lässt sich das Unendliche schwer ignorieren – man braucht nur daran zu denken, dass, egal, wie weit man zählt, man immer noch eins weiterzählen kann. Andererseits stellt sich ein ebenso wenig zu ignorierendes Problem: Ist das Unendliche mehr als bloß eine Möglichkeit, ist es in irgendeiner Form auch tatsächlich vorhanden, also aktual? Mit dieser delikaten Frage gingen die Zeiten und Kulturen unterschiedlich um. Für die antiken Griechen war das Unendliche im Großen und Ganzen ein nie zu einem Ende kommendes und schon gar nicht als aktual begreifbares Unbestimmtes mit negativem Beigeschmack, dem man besser aus dem Weg ging. Im Mittelalter wurde die Unendlichkeit in Gottes Hand gelegt: Gott kann einen endlos größer werdenden Körper erschaffen, andernfalls müsste es einen endlichen Körper geben, dem er nicht einmal mehr einen Fuß hinzufügen könne, so das schlagende Argument des Philosophen John Mair.

Ohne göttliche Allmacht argumentiert es sich naturgemäß schwerer. Die schnöde Welt der Materie ist gefangen in Potenzialität, die Erfassung einer wie auch immer gearteten aktualen Unendlichkeit hat vor allem einen Feind: die Zeit. Ein Problem, dessen sich die Mathematik durch Georg Cantor im 19. Jahrhundert zwar entledigen konnte, aber ein paar Antinomien und Geistesgrößen später, allen voran Kurt Gödel, war die Mathematik ihrer sicheren Grundlagen beraubt. Und seither übt sie sich in einem – zugegebenermaßen resigniert anmutenden – Pragmatismus: Das aktual Unendliche bleibt unfassbar, und man muss einfach lernen, damit zu leben. Man sieht: Das Problem ist umfassend. Im Laufe der Jahrtausende waren Künstler, Philosophen, Theologen wie Mathematiker gleichermaßen damit beschäftigt, das Unendliche in den Griff zu bekommen. Wie sie das versuchten, weiß Zellini detailreich, zuweilen mit Witz, vorrangig aber mit großem Tiefgang darzulegen. Er zeigt die engen Verflechtungen zwischen den verschiedenen Zugängen ebenso auf wie die zwingenden Gründe, warum man das Unendliche nicht einfach unendlich sein lassen konnte (und wohl auch in Zukunft nicht sein lassen wird können). Leicht macht es Zellini dem Leser bzw. der Leserin allerdings nicht.

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Wer davor kein Problem mit dem Unendlichen hatte, hat es nach dem Lesen ganz bestimmt. Sowohl mathematisch wie philosophisch wird überdurchschnittliches Wissen vorausgesetzt. Zellinis Popularisierungsanspruch hält sich in Grenzen – er versucht nicht, Wissenschaftsphobiker für die Wissenschaft zu begeistern, sondern Wissenschaftsbegeisterten weitere Erkenntniswege zu eröffnen. Dass es Letztere ausreichend zu geben scheint, zeigt der Erfolg mit zahlreichen Auflagen in Italien sowie Übersetzungen ins Englische, Spanische und Türkische und eben jetzt auch ins Deutsche. Zellinis „Eine kurze Geschichte der Unendlichkeit“ ist 1980 erschienen – in einer Zeit vor dem gegenwärtig herrschenden Wissenschaftspopularisierungsboom, der in Deutschland mit dem Mathematiker Albrecht Beutelspacher und seinem 1996 erschienenen Bestseller „In Mathe war ich immer schlecht“ seine prägende Gestalt gefunden hat. Charakteristisch für diese Art der Popularisierung ist der gezielte Angriff auf das als negativ empfundene Image der Mathematik bei einem Großteil der Bevölkerung. Es wird nicht nur versucht, Mathematik zu erklären, sondern auch zu zeigen, wie Mathematik gemacht wird oder wer die Mathematiker und Mathematikerinnen dahinter „in Wirklichkeit“ sind – und das mit allem verfügbaren Witz. Das Buch „Darf ich Zahlen?“ von Günter M. Ziegler, dem Stern am deutschen Mathematikpopularisierungshimmel, bewegt sich klar in dieser Traditionslinie. Es ist ein „Mathematik-Allerlei“ mit bereits erzählten, aber auch neuen Geschichten, gewürzt mit einem Plädoyer für den reflektiert-kritischen Umgang mit Zahlen und Formeln. Es ist ein persönlich erzähltes „Feel-good-Buch“, dessen einziges Manko darin besteht, dass es stellenweise zu Deutschland-bezogen und durch das Zitieren von Zeitungsmeldungen an die Gegenwart gebunden ist. Das macht es zu einer optimalen Zeitungskolumne, verringert aber die potenzielle Leserschaft sowie die Lebensdauer des Buches. 

MARTINA GRÖSCHL

Günter M. Ziegler: Darf ich Zahlen? Geschichten aus der Mathematik. Piper, 320 S., € 20,60 Paolo Zellini: Eine kurze Geschichte der Unendlichkeit. C.H. Beck, 255 S., € 20,60

durch die Anstalt schnuppert er ein bisschen hier und dort herum, springt auf das eine oder andere Krankenbett. Wenn er sich aber zu einer Patientin oder einem Patienten kuschelt, wird das Pflegepersonal nervös und beginnt zu telefonieren. Die Angehörigen werden informiert, und sie müssen sich sputen. Denn in der Regel stirbt der Patient, dem Oscar Gesellschaft leistet, innerhalb von vier Stunden. Wie Oscar den herannahenden Tod erkennen kann, lässt sich folgendermaßen erklären: Die Katze mit ihrem feinen Gespür bemerkt Veränderungen der Körpersprache oder riecht die Ausdünstungen des Sterbenden. Auch das Wegsperren des Katers hilft nichts. Oscar verschanzt sich vor der Tür und miaut kläglich und lautstark, bis man ihn hineinlässt. Ein anderer Bericht erzählt von einer Frau, die nach dem Besuch einer Wellnessoase mit akuten Oberbauchschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Frau wurde geröntgt, der Befund war besorgniserregend: Unterhalb des Zwerchfells im Bauchraum hatte sich Luft angestaut. Man vermutete schon einen geplatzten Darm. Später gab die von Schmerzen gepeinigte Patientin zu, sich im Whirlpool auf eine der Düsen gesetzt zu haben. Die aus der Düse strömende Luft bahnte sich ihren Weg durch die Scheide, drang in die Gebärmutter und weiter über die Eileiter in den Bauchraum. Die Patientin hatte Glück im Unglück: Das Problem löste sich nach wenigen Tagen in Luft auf.

Die Autorin Martina Frei arbeitete acht Jahre lang selbst als Ärztin, machte danach eine Ausbildung zur Journalistin und ist heute Wissenschaftsredakteurin beim Zürcher Tages-Anzeiger, wo die unglaublichen Medizinfälle seit Oktober 2009 als wöchentliche Kolumne erscheinen. Frei hat ihre bizarren, aber wahren Fallgeschichten nicht etwa aus Boulevardzeitungen, sondern großteils aus medizinischen Fachzeitschriften gesammelt. Eine Geschichte stammt von ihrem früheren Professor der Rechtsmedizin, bei dem Frei studiert hat, und lässt sich besonders brutal an. Ein Landwirt aus Niederbayern kam ins Krankenhaus und behauptete, von einem seiner Jungstiere vergewaltigt worden zu sein. Seine Hose war tatsächlich zerfetzt, und, was noch viel schlimmer war, auch in seinem Enddarm klaffte ein blutiges Loch, das sofort operiert werden musste. Die Unfallversicherung zweifelte an der Geschichte, wollte nicht zahlen und bestand auf einem Gutachten. Der Gutachter kam zufällig bei einer Nikolausfeier neben einem

Tierarzt zum Sitzen, erzählte ihm die heikle Angelegenheit und fragte diesen um Rat. Der Tierarzt meinte daraufhin: „Ja, klarer Fall von Torbogenphänomen.“ Und erklärte dem verdutzten Gutachter, dass Bullen eine niedrige sexuelle Reizschwelle haben: Alles, was der Silhouette einer Kuh gleicht – also einem Torbogen –, wird besprungen. An eine Art Aprilscherz denkt man, wenn man die Lieblingsgeschichte der Autorin liest. Hier geht es um die sogenannte Pantoffelbehandlung, wie Frei diese Heilungsmethode bezeichnet. Genervt vom Gekläffe seines Hundes warf ein Engländer einen Pantoffel nach dem Tier. Doch statt des Hundes traf er seine Frau am Auge – worauf diese besser sah. Die 86-Jährige litt am grauen Star, und die Wucht des fliegenden Schuhs hatte ihre getrübte Augenlinse aus der Sehachse befördert. Der Fall Demi-Lee Brennan – die Heldin

der Titelgeschichte – ist klarerweise mehr als beeindruckend. Bei der damals Neunjährigen musste die Leber transplantiert werden. Die Chirurgen hatten mit Komplikationen gerechnet, nicht aber damit, dass ihre Patientin Monate später eine andere Blutgruppe haben würde, denn mit der Leber hatte das Mädchen auch die Blutgruppe des Spenders übernommen. Bis heute ist dies der einzige Fall einer Veränderung der Blutgruppe bei einem Menschen, von dem man weiß. Freis medizinische Fallgeschichten können noch so tragisch sein, die Wissenschaftsjournalistin erzählt sie immer mit einem ironischen Unterton. Die Patienten ihrer Geschichten geben sich nicht mit einem Schnupfen zufrieden, sie beeindrucken ihre Ärzte mit Originellerem: ob es da um ein Gebiss geht, das monatelang im Hals des Pensionisten steckte, oder um eine 45-jährige Amerikanerin, die auf die Stimme einer Fernsehmoderatorin mit epileptischen Anfällen reagierte. Es gibt viel mehr Arten, krank zu sein, als sich der Laie vorstellen kann – immerhin berichtet Frei aber auch von zahlreichen wundersamen Heilungen. Für Hypochonder sind ihre Geschichten trotzdem nicht zu empfehlen.



NATHALIE GROSSSCHÄDL

Martina Frei: Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen. Unglaubliche Fallgeschichten aus der Medizin. Eichborn, 224 S., € 17,50

08.03.2010 15:00:49 Uhr


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sachbuch

Sterberegister? Nein, Auge und Empfindung! Kunstgeschichte: Roberto Zapperi erklärt Leonardo da Vincis Mona Lisa – leider nur aus der Schlüssellochperspektive

Das klingt gut und ist doch nicht neu, denn

die Dame Brandini wurde schon früher ins Spiel gebracht. Seit ihrer Veröffentlichung 1905 hat man die Notiz aus dem Reisetagebuch eines Kardinalssekretärs benutzen wollen, die übliche, auf Giorgio Vasari zurückgehende Identifikation als „M[ad]onna Lisa“ zu widerlegen. Dem Sekretär soll Leonardo zwei Jahre vor seinem Tod „das Bildnis einer gewissen Florentinerin, die er auf Veranlassung des seligen Herrn Giuliano de’ Medici gemalt hat“, präsentiert haben. Davon geht Zapperi aus und reiht ein detektivisches Kabinettstück ans andere. „Nach der Natur“ soll das Bild gemalt worden sein, doch Zapperi zeigt, dass der

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Sekretär den Begriff lediglich im Sinne von „Bildnis“ gebraucht. Er zeigt, dass Bildnisse von toten Familienangehörigen damals üblich waren, und weist darauf hin, dass man eine recht gewöhnliche Frau niemals als „Gioconda“ angesprochen hätte usw. En passant fallen Impressionen über das Hoflebens zu Urbino und die frappierend zynischen Verlogenheiten des Vatikan ab, bevor Leonardo ins Blickfeld genommen wird, der in einer Zeit kriegerischer Wirren nach einem Brotherren sucht und im Lebemann Giuliano de’ Medici, wenn auch nur vorübergehend, findet. Das klingt nach guter Unterhaltung und ist

t­ atsächlich eine lesefreundliche, akrobatische Rekonstruktion – und eine glänzende Provokation für Kunsthistoriker. Zapperis Bestehen darauf, dass man Raffaels Frauenbildnisse der ersten Jahre des 16. Jahrhunderts keineswegs, wie so oft geschehen, auf das Vorbild der Mona Lisa zurückführen müsse, ist durchaus ernst zu nehmen – es wäre ohnehin absonderlich, wenn diese bloße Nachahmungsversuche wären: Sie würden hoffnungslos hinter Leonardos magischer Darstellung der Physiognomie, der Rhythmik der Raumformen und den feinartikulierten Stofflichkeiten zurückbleiben. Dass auch Zapperi sich in einigen Details widerspricht, wiegt nicht schwer. So soll eine Dame, die andere „Rätsellöser“ ins Spiel gebracht haben, schon deshalb ausscheiden, weil sie in Giulianos Biografie nicht auftaucht, doch Giuliano „vergaß“ und verschwieg ja selbst seine zahllosen Mätressen. Nein, ärgerlich an diesem sicherlich quotenmachenden Buch ist sein platter biografistischer Kurzschluss: Zapperis großsprecherische Behauptung, mit der wahrscheinlichen Klärung der romanhaften Entstehungsumstände sei „das Rätsel“ dieses Bildes gelöst. Aus den Entstehungsumständen lässt sich nichts darüber sagen, was Leonardo künstlerisch wollte, und noch weniger darüber, warum das Bild ein großes Kunstwerk ist. Leonardo kann die Gelegenheit, dass er hier ganz unabhängig von einem natürlichen Vorbild arbei-

Roberto Zapperi: Abschied von Mona Lisa. Das berühmteste Gemälde der Welt wird enträtselt. C.H. Beck, 159 S., € 20,60

Weiterführende Lektüre: Frank Zöllner: Leonardos Mona Lisa. Vom Porträt zur Ikone der freien Welt. Wagenbach (2006), 107 S., € 13,30 (konzise Arbeit über die vasarische Version der Entstehungsgeschichte und die Mona Lisa als Kunstwerk) Demnächst erscheint die Habilitation von Frank Zöllner: Bewegung und Ausdruck bei Leonardo Da Vinci. Plöttner, 200 S., € 35,90 Beste Einführung zu Leonardo: Martin Kemp, Nikolaus G. Schneider: Leonardo. C.H. Beck (2005), 311 S., € 13,40

ten konnte, dazu benutzt haben, alle möglichen Dinge auszuprobieren, zumal Giuliano ein nachsichtiger Gönner gewesen sein muss. Möglicherweise wollte er ergründen, wann und weshalb wir etwas als abwesend oder entrückt empfinden. Wer die Dame war und was sie dem kleinen Sohn ­zeigen sollte, war ihm vielleicht nicht wichtig, ebenso wenig wie seinen vielen Nach­ ahmern: Sie waren an Kunst und nicht an Anekdoten interessiert. Zapperi bekennt, er habe vor Beginn seiner

Recherchen „nicht erwartet zu entdecken, dass das Bildnis keine reale Frau aus Fleisch und Blut“ darstelle – zu Deutsch: Er hat es in naivster Bildtheorie als „Abbild ­einer wirklichen Person“ empfunden, was angesichts eines solchen Bildes, das virtuos abstrakte Konstruktionen, Verfremdungen und Verkünstlichungen mit subtilen Suggestionen leiblicher Lebendigkeit verknüpft, schon verwundert. Ist doch die Frontalbeleuchtung des Gesichts radikal antinaturalistisch (und nebenbei das Ergebnis von quasi-optischen Versuchen); ebenso die Augen, denen Tränensäcke und Wimpern fehlen, oder der berühmte Silberblick. Doch gleichzeitig finden sich in dem Gemälde geradezu veristische Details: etwa die wohl krankhafte Verdickung der rechten Hand, die alles andere als natürlich und entspannt, vielmehr wie angeordnet auf der linken liegt. Oder das Masken­hafte der Mundpartie. Eine Art visueller Musik erzeugt dagegen die Art, wie Leonardo die Rhythmen der Gewandung und der Arme in der opernhaft-unwirklichen Kulisse weiterklingen lässt. Die vorspringende, plastilline Künstlichkeit des Gesichtes steht in vielfältigen Kontrasten zu dem gestuften Sfumato der umfassenden Felskulisse, doch gleichzeitig in geheimnisvoller Korrespondenz zu den verschiedenen Beleuchtungszonen der Felsformationen. Mit einem Wort: Worin das „Rätsel“ dieses Bildes besteht – so es denn eines gibt –, sagt uns kein Sterberegister, sondern allenfalls Auge und Empfindung. SEBASTIAN KIEFER 

Illustr ation: Bianc a Tschaikner

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ie unehelichen Affären, Krankheiten, dunklen Laster der großen Genies haben die Menschheit schon seit jeher mehr interessiert als deren Verse, Bilder oder anderen künstlerischen Hervorbringungen. Der italienische Historiker und Autor Roberto Zapperi hat es mit gutem Spürsinn und wohlfeilen Anmerkungsapparaten sogar geschafft, diese Schlüssellochperspektive zu adeln und aus ihr Professuren zu schlagen. „Das berühmteste Gemälde der Welt wird enträtselt.“ So klang es früher bei Bastei-Lübbe und Erich von Däniken, und so tönt es heute im noblen C.H. Beck Verlag. Worum geht es? Der 1479 geborene Giuliano ­Medici war ein Verschwender und Schürzenjäger wie viele seines Geschlechts. 1513 ging er, gelangweilt von den politischen Pflichten in Florenz, nach Rom, wo sein Bruder soeben Papst geworden war. Ippolito, der 1511 geborene Spross einer von Giulianos zahl­losen Affären, blieb sein einziger Sohn, wurde mit Prinzenaufwand erzogen und avancierte schnell zum Liebling des Papsthofs. Als Giuliano sich neu vermählte, glaubte Ippolito, er bekäme nun endlich seine leibliche Mutter, Pacifica Brandini, zu sehen, die jedoch kurz nach der Niederkunft gestorben war. Giuliano tröstete den vierjährigen Buben, indem er seinen Protegé Leonardo da Vinci beauftragte, ein Bildnis der toten Mutter anzufertigen, das unter dem Namen Mona Lisa weltbekannt werden sollte.

08.03.2010 15:02:36 Uhr


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Tulpenschwindel und Eisenbahnblase Wirtschaft: Krise ohne Ende – Marktskeptiker Keynes kehrt zurück, und John K. Galbraith erklärt ihre Zyklizität ROBERT MISIK

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ls John Maynard Keynes, der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts, 1946 starb, erhielt seine Ehefrau, die russische Ex-Primaballerina Lydia Popokowa, folgendes Kondolenzschreiben: „Er war der eine große Mann, den ich jemals kennengelernt habe und für den ich schrankenlose Bewunderung empfand.“ Der Autor dieser pathetischen Zeilen war, man glaubt es nicht: Friedrich August von Hayek, der Hohepriester der Marktideologie. Der wusste wahre Größe zu schätzen, auch wenn er mit Keynes stets über Kreuz war – denn kaum jemand hat so sehr wie Keynes die Vorstellung zerzaust, dass freie, ungeregelte Märkte die allgemeine Wohlfahrt beförderten. Niemand hat zwingender nachgewiesen, dass man es nicht dem Markt überlassen dürfe, für eine florierende Wirtschaft zu sorgen. Über Jahrzehnte war Keynes ein toter Hund, aber seit der Kernschmelze an den Finanzmärkten hat er seinen großen Moment. „Die Rückkehr des Meisters“ feiert der große britische Wirtschaftspublizist Lord Robert Skidelsky in seinem neuen Buch. Das handelt von Keynes, seiner Lehre, vor allem aber vom Stand der Wirtschaftswissenschaften nach Keynes. Für die hat Skidelsky kein gutes Wort übrig, sieht er doch „die eigentliche Ursache der gegenwärtigen Krise im intellektuellen Versagen der Wirtschaftswissenschaften“. Die zeitgenössischen Ökonomen haben die Wissenschaft durch mathematische und statistische Modelle ersetzt, durch elendslange Ableitungen, die sich zwar elegant ausnehmen, aber leider nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Im Wesentlichen liegt diesen die Idee zugrunde, dass Wirtschaftssubjekte rational handeln, Märkte immer effizient sind und die „Weisheit der vielen“ zu optimalen Entscheidungen führt. Mögen in diesen Ideen auch partielle Wahr-

heiten liegen, so wurden sie ideologisiert bis ins Absurde: dass, je deregulierter Märkte seien, desto effizientere Kapital­a llokation möglich sei und damit umso mehr Wohlstand entstehe; dass, je geschwinder Kapital verschoben werden könne, Investitionen in desto zukunftsträchtigere Firmen flössen; dass umso mehr stabile Prosperität entstehe, desto raffiniertere Finanzinstrumente geschaffen würden. Absurd ist das deshalb, weil diese Vorstellungen die Unsicherheit der Wirtschaft überhaupt nicht abbilden können und weil sie Herdentrieb, Paniken, positives Wirtschaftsklima oder Verzagtheit der Investoren nicht in den Griff bekommen, ganz zu schweigen von anderen „Emotionen“, die für die Wirtschaft wichtig sind – etwa, dass sich Beschäftigte fair behandelt wissen wollen und sich umso weniger anstrengen, je ungerechter es zugeht, oder dass Firmen vielleicht erfolgreicher sind, wenn sie sich längerfristig mit ihren Geschäften befassen können. Keynes ging von der prinzipiellen Instabilität der kapitalistischen Wirtschaft aus und unterstrich, dass staatliche Regulation deshalb besser funktioniere als Laisser-faire. Die neoklassische Mathematik-Ökono-

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mie ging dagegen davon aus, dass man alle Instabilität in Wahrscheinlichkeitsrechnungen auflösen könne. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise hat ihre wesentliche Ursache in dieser Wahnidee. Die Risikorechnungen der Finanzmarktakteure basierten auf der Überzeugung, dass man sich gegen alles versichern kann, so wie man ein Haus versichern kann. Bei Häusern ist das ja so: Auf Basis von historischen Daten weiß man, wie oft ein Haus durchschnittlich abbrennt. Deshalb kann man problemlos Feuerversicherungen anbieten. Ganz etwas anderes ist es aber, wenn man das Ausfallsrisiko von Krediten berechnet. Geht ein Kreditnehmer bankrott, so reißt er vielleicht einen Geschäftspartner mit in den Abgrund, und viele Bankrotteure reißen ganz viele mit. Schon deshalb kann man in der Wirtschaft nur bedingt mit mathematischen Regelmäßigkeiten arbeiten, weil ein Risiko, so es eintritt, nicht einfach, sondern kumulativ schlagend wird. Und mehr noch: Mit Regelmäßigkeiten zu arbeiten, die aus historischen Daten abgeleitetet werden, kann nicht funktionieren, wenn es Innovation gibt. Weil jedes neue Finanzinstrument dann die Grundlage, auf deren Basis die Daten „gestimmt“ haben, verändert. Der Kollaps der Finanzmärkte hat Keynes wieder einmal Recht gegeben. Denn der Zusammenbruch eines einzelnen, relativ unwichtigen Markts – des US-Immobilienmarkts – führte zu einem Schneeballeffekt und Rückkopplungsschleifen an Wertvernichtungen, die zum Zusammenbruch aller Banken geführt hätten, wenn die Staaten nicht eingesprungen wären. Insofern ist Keynes natürlich ein Krisenökonom, dessen Prestige dann wächst, wenn es schlecht läuft. In den Monaten, die dem Kollaps der Lehman Brothers folgten, waren plötzlich wieder alle Keynesianer. Selbst die größten Marktfanatiker hatten eingesehen, dass nur mehr die Staaten eine Totalkatastrophe verhindern konnten. Und die Wirtschaftswissenschaftler mussten sich fragen lassen, wie sie so falsch liegen konnten. Möglicherweise sind die Dinge wirklich so simpel: Auch die Wirtschaftswissenschaft folgt Moden und verstärkt sie. Schön illustriert dies das neue, erstmals auf Deutsch ­erschienene Buch des legendären, 2006 verstorbenen amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers John Kenneth Galbraith „Eine kurze Geschichte der ­Spekulation“. Wäre die Sache nicht so ernst, müsste man sagen, sie lese sich vergnüglich. Vom großen holländischen Tulpenschwindel des 17. Jahrhunderts über die ­Investitionseuphorie des ­Südseehandels, von der Eisenbahnblase des 19. bis zu den großen Börsencrashs des 20. Jahrhunderts findet sich immer das gleiche Muster: ­Menschen lassen sich faszinieren von der Fantasie des schnellen Geldes. Wer auf Finanzmärkten großen Reichtum anhäuft, der wird schnell als geistige Kapazität angesehen. Denn wer so schnell zu Geld kommt, muss ja irgendwie intelligent sein. Wer dagegen vor den un-

Zur Person John Maynard Keynes (1883–1946), Politiker, Mathematiker und einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Der nach ihm benannte Keynesianismus betont die gesamtwirtschaftliche Nachfrage als entscheidende Größe für Produktion und Beschäftigung und propagiert ihre staatliche Steuerung

John Kenneth Galbraith (1908–2006), Ökonom, Sozialkritiker, Präsidentenberater, Romancier und Diplomat, setzte sich als Keynesianer und bekennender Linksliberaler für eine Stärkung der staatlichen Institutionen und eine Förderung der Nachfrage ein

Robert Skidelsky: Die Rückkehr des Meisters. Keynes für das 21. Jahrhundert. Kunstmann, 288 S., € 20,50 John Kenneth Galbraith: Eine kurze Geschichte der Spekulation. Eichborn, 123 S., € 15,40

gedeckten Luftnummern warnt, der wird als altmodisch abgetan, weil er eben die innovative Kraft der neuen Investitionsmöglichkeiten nicht versteht. Und doch, formuliert Galbraith, erweist sich immer wieder aufs Neue: „Finanzgenies sind Genies bis zum Tag des Bankrotts.“ Platzen die Blasen, dann setzt der große Katzenjammer ein, aber wenn die Erinnerung verblasst, dann gibt es wieder den „Rückfall in den finanziellen Schwachsinn“. Und dann werden „die Dummen wieder von ihrem Geld befreit“. Natürlich sind Finanzinstitutionen wie Ban-

ken und Fonds nichts prinzipiell Schlechtes: Es ist schon besser, die Bürger investieren ihr überschüssiges Geld, als dass sie es unter der Matratze horten. Die Kreditschöpfung durch Banken hat dazu ­geführt, dass Unternehmer Geld zur Verfügung hatten, gute Ideen zu verwirklichen. Erst das machte den exponentiellen Anstieg des Wohlstands möglich, der die Welt in den vergangenen 300 Jahren veränderte. Aber je raffinierter die Produkte, je globaler die Geschäfte, je höher der „Leverage“, also das Spekulieren mit geliehenem Geld, umso größer ist die Anfälligkeit für einen brutalen Crash. In längerer Perspektive sorgen strenge Regulierungen für stabileres Wachstum. Vom Ende der 40er- bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts waren die Finanzmärkte weitgehend reguliert, es ­herrschte ein System, das sich an Keynes’ Ratsch­lägen orientierte. In den USA war den ­Geschäftsbanken sogar vorgeschrieben, welchen Maximalzinssatz auf Spareinlagen sie zahlen dürfen. Raffinierte Geschäfte mit Investmentfonds waren undenkbar. Banking war langweilig, ganz anders als das nervenzerfetzende Gezocke unserer Tage. Die Wachstumsraten lagen damals global bei durchschnittlich 4,8 Prozent. Seit den Deregulierungswellen ab den späten 70er-Jahren liegen sie bei 3,2 Prozent. Die Differenz ist noch sprechender, bedenkt man, dass in den jüngsten Jahrzehnten viele ehemalige Entwicklungsländer aufholten, was den Durchschnitt noch etwas nach oben treibt. Eine Differenz von 1,6 Prozent mag gering erscheinen. Doch wäre, rechnet Skidelsky vor, „die Weltwirtschaft von 1980 bis heute um 4,8 Prozent jährlich gewachsen anstatt um 3,2 Prozent, wäre ihr Volumen heute um 50 Prozent größer; mit der durchschnittlichen Wachstumsrate von 1980 bis 2009 werden wir dieses Volumen erst im Jahr 2022 erreichen.“ Und dabei ist der „aktuelle wirtschaftliche Einbruch in dieser Rechnung noch gar nicht berücksichtigt“. Manchmal, erinnert der weise John Kenneth Galbraith, haben Finanzcrashs auch eine positive Seite. Der von 1929 hatte eine heilsame Wirkung, weil er im finanziellen Gedächtnis haften blieb. Die Bürger misstrauten für einige Jahrzehnte Börsen und Anlageberatern, und die Politik schuf eine Welt, die nach Keynes’ Vorschlägen modelliert war. Ob 2008 auch einmal eine solche Signifikanz erhalten wird wie 1929? Was die heilende Seite der Sache betrifft, F wäre es jedenfalls zu hoffen. 

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Die Kunst, der Künstler und das Biografische Musik: Ein neues Buch gibt Gelegenheit, den berühmten Pianisten Alfred Brendel als Autor und Menschen kennenzulernen lfred Brendel hat sein Versprechen A wahrgemacht: Er gibt seit dem 18. Dezember 2008 keine öffentlichen Konzerte

mehr. Aber er ist der Öffentlichkeit nicht abhandengekommen. Nicht als Interviewpartner, nicht als Vortragender (wobei man ihn sogar Klavier spielen hören kann), nicht als Autor. Der Schriftsteller Brendel war zuvor zugunsten des Pianisten Brendel in den Hintergrund getreten; zu Unrecht, denn sein Nachdenken über Musik bildete einen unerlässlichen Bestandteil seiner Interpretationskunst. Er hat in seinen Essays immer wieder deren Voraussetzungen und Grenzen behandelt. Seine Gedichte, welche er erst spät zu veröffentlichen begann, offenbaren die skurrilen Vorlieben des stets als Klassikhüter und Museumswärter missverstandenen Pianisten, dessen Interpretationen von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert unübertroffen bleiben. Nun kann man erneut nachlesen, welche Rolle zeitgenössische Kunst, Literatur und Kino für seine Kunst spielten. Immer wieder kommt Brendel auf das un-

lösbare Rätsel, wie die verstandesmäßige Durchdringung eines Gegenstands und dessen emotionale Aufladung im Akt des Musizierens einander zugleich bedingen und partiell wieder ausschließen. Solchen Problemen stellt er sich in Interviews und auch in einem melodramatisch-drastisch endenden „Selbstgespräch“: „AB1“ ersticht „AB3“ mit einer Wimper, die er sich

ausgerissen hat. Ein Topos des Autors Brendel, der an anderer Stelle seines Werks wiederkehrt – seine Prosa und seine Lyrik verleugnen nicht ihre musikalische Neigung zur Montage verschiedener Themen und Motive. Seine Fähigkeit zur Reflexion hat dem Pianisten manche üble Nachrede eingetragen. Demgemäß beantwortet Brendel die Frage des Guardian nach dem Schlimmsten, was über ihn gesagt worden sei, lakonisch mit: „Klaviermusikvorleser“.

So lesen wir denn mit Vergnügen verschiedene Gespräche des Pianisten mit der Zeit, der Süddeutschen Zeitung, Le Monde de la Musique und mit seinem Leibinterviewer Martin Meyer von der Neuen Zürcher Zeitung; dass es sich um revidierte Fassungen handelt, bedeutet – zumindest im Fall des Gesprächs mit Andreas Dorschel für die Süddeutsche –, dass die veröffentlichte, offenbar arg gekürzte Fassung nun im ursprünglichen Umfang vorliegt. Köstlich sind die Fragebögen für den ­Guardian und Le Monde; neben allem anderen ist Brendel witzig, nicht nur als Musiker, auch als Autor. Die autobiografischen Texte beeindrucken durch Lakonie. Berührend wirkt die an den Schluss gestellte Rede von Peter Hamm, dem Regisseur der legendären, als DVD erhältlichen Brendel’schen Schubert-TV-Aufnahmen für Radio Bremen.

In seinem neuen Buch „Nach dem Schlussak-

kord. Fragen und Antworten“ thematisiert Brendel den freiwillig und mit ostentativer Erleichterung herbeigeführten Bruch in seiner Karriere, und er bringt auch das Bedürfnis seines Publikums nach einer Biografie zur Sprache, die, wie er hofft, zu seinen Lebzeiten nicht erscheinen werde. Denn „der Versuch, den Künstler möglichst lückenlos aus dem Biografischen zu erklären, muss oft in die Irre führen, und nicht nur bei Musikern“. Andererseits spürte Alfred Brendel das Bedürfnis seiner Gemeinde wohl und entschloss sich, ihm zumindest teilweise nachzugeben, wie er im Vorwort schreibt: „Die hier versammelten Fragebogen, Interviews, Dialoge, Prosatexte und Gedichte möchten diese Lücke nicht füllen, aber doch jenen, die sich mit meiner musikalischen und literarischen Person nicht begnügen wollen, ein paar autorisierte Einblicke gestatten.“

Alfred Brendel: Nach dem Schlussakkord. Fragen und Antworten. Hanser, 112 S., € 13,30

Übrigens ist das Buch fein komponiert (hier war der formbewusste Musiker am Werk): Interviews und Prosatexte werden durch drei Vierergruppen von Gedichten getrennt, die sich zum Teil recht subtil auf zuvor angesprochene Themen beziehen. Selbstverständlich kommt der Humor nirgends zu kurz. Ein Buch für BrendelFans, aber auch für alle, die sich für Musik und die Umstände ihrer Aufführung interessieren und darüber ebenso Kluges wie Amüsantes lesen wollen. 

AR MIN THURNHER

Aufgehen in einer gut gelaunten Gruppe Musik: Die jungen Soziologen Paul Eisewicht und Tilo Grenz haben die Indieszene erforscht – und bloßgestellt rüher war Independent mehr als nur F ein hübsches Wort. Die in den 70erund 80er-Jahren in Großbritannien und

den USA herausgebildete Indiekultur um kleine Plattenlabels und nicht kommerziell orientierte Initiativen verstand sich als Opposition zum unerträglich gewordenen Dinosaurierrock und der New Wave der Yuppies. Die finanziellen Mittel waren beschränkt, die Musik präsentierte sich mit gutem Gefühl selbst gemacht. Vor einer gänzlich anderen Situation sahen sich die deutschen Soziologen Paul Eisewicht und Tilo Grenz bei ihrer gemeinsamen Diplomarbeit über die Indiekultur „,Frei und auf den Beinen und gefangen will ich sein.‘ Über die Indies“. Die Zeiten haben sich geändert, die behauptete Unabhängigkeit der Indieszene ist als Massenphänomen zwischen Megafestivals und einer grundlegenden Aufweichung des einstigen Gegensatzes zwischen Independent und Mainstream inzwischen längst ihrer Grundlage verlustig gegangen.

Viele aufgrund ihres Auftretens und Sounds

mit Indie assoziierte Bands wie Mando Diao, die Kaiser Chiefs oder The Strokes veröffentlichten vom Beginn ihrer Karriere an auf Major Labels. Harte Zeiten etwa für einen im Rahmen der Studie befragten Ex-Fan der Gruppe Snow Patrol: „Der Titel ‚Chasing Cars‘ war als Klingelton her­ unterladbar und lief in jeder Wohnungseinrichtungssendung im Hintergrund. Die

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vielen szeneimmanenten Widersprüche deutlich. So wird von den meisten befragten Indies noch vor der Unabhängigkeit die Natürlichkeit als wichtigster Wert angeführt. Allerdings will diese Natürlichkeit hart erarbeitet sein: Die „Lässigkeit ist planvoll konstruiert, um dem natürlichen Auftreten Nachdruck zu verleihen. Demzufolge werden bestimmte Kleidungsstücke möglichst lange getragen.

Band war bei jedem Schnulliradiosender auf Platz 1 der Hitliste … Und so etwas finde ich schade. Wieder eine tolle Band an die Massen verloren.“ Eisewicht und Grenz begehen leider den Fehler des nur am Rande mit seinem Forschungsgegenstand vertrauten Wissenschaftlers, das für Indie zu nehmen, was ihnen von den Medien und ihren Interviewpartnern als Indie verkauft wird. Zwischen einer pflichtgemäßen Erwähnung der Hamburger Schule, Zitieren aus den Texten von kommerziell schon sehr gut aufgestellten Neo-Postpunk-Bands und Ausflügen in puren Pop erweist man sich im musikalischen Bereich als einigermaßen ahnungslos. Auch die immer wieder angesprochene Feindschaft zwischen Indie und Hip-Hop lässt sich nicht mehr aufrechterhalten.

Abgetragene Kleidung gilt als Betonung der

Besser informiert zeigen sich die Soziolo-

gen, was die Beschreibung der szenetypischen Einstellungen, Motive, Geschlechterrollen und des Lebensstils betrifft. ­Indie ist hier insofern interessant, als es in einer Welt des „Alle gegen alle“ sowohl die Bedeutung des Einzelnen und seiner Eigenständigkeit betont als auch diesem ein Aufgehen in einer gut gelaunten, erlebnishungrigen Gruppe ermöglicht. Die Autoren finden dafür den Begriff „individualisierte Vergemeinschaftung“. Ihre Arbeit macht – ob absichtlich oder zufällig, wird nicht klar – sehr schön die

Paul Eisewicht und Tilo Grenz: „Frei und auf den Beinen und gefangen will ich sein.“ Über die Indies. Archiv der Jugendkulturen, 218 S., € 28,80

Natürlichkeit (...). Dennoch ist die Kleidung nicht übermäßig beschädigt oder gar dreckig. Vielmehr bewegt sich der Stil hier auf einem schwierigen Mittelweg zwischen natürlichen Abnutzungserscheinungen und einem gepflegten Äußeren.“ Neben Natürlichkeit werden auch Anstand, Harmonie und Konfliktvermeidung propagiert sowie der hohe Bildungsgrad der studentisch geprägten Indieszene angeführt. Im krassen Gegensatz dazu stehen die Selbstauskünfte der Kids: „Also, wenn ich so an den Indie-Tag denke, dann ist das so: Ja, aufstehen, also nicht so spät, damit man viel zu tun also, dann erst mal sofort Computer an, Musik an, ist egal was, also, je nachdem, wie man sich dann fühlt natürlich.“ Bedurfte es noch einer eigenen Bankrotterklärung dieser einst so fruchtbaren und einflussreichen Szene, dann liefert diese Studie dazu erstklassiges Material. 

SEBASTIAN FASTHUBEr

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Gärten sind Gegenwelten, auch zur Natur Kulturgeschichte: Robert Harrison erzählt über die Gartenkunst als Sinnbild kultureller Aktivitäten

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s gibt sie, die erhebenden Bücher, die einen verlässlich heiter stimmen. Die einem das Gefühl geben, eine Spur besser und kultivierter geworden zu sein. Die im selben Maß unterhalten, in dem sie den Wissenshorizont erweitern und das Denken anregen. Der neue Band aus der Feder des amerikanischen Autors, der an der kalifornischen Stanford University französische und italienische Literatur unterrichtet, ist alles, nur kein dem Vorurteilsklischee entsprechender akademischer Exkurs in die Kulturgeschichte von Gärten. Stattdessen beschäftigen Harrison Gärten „als Sinnbilder verschiedener kultureller Aktivitäten, die nicht buchstäblich (…) mit dem Anlegen von Gärten zusammenhängen“.

Der Begriff des Kultivierens im doppelten Wortsinn, als Charakterschulung und als Bearbeitung eines Gartens, ist für ihn zentral. Deswegen beginnt er mit dem berühmten Schluss von Voltaires „Candide“: „Il faut cultiver notre jardin.“ „Wir müssen unseren Garten bestellen“ – und das heißt, einen Garten vor dem Hintergrund der Kriege und Naturkatastrophen, die Voltaire schildert. Das ist wichtig, denn im paradiesischen Eden machte das Bestellen

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eines Gartens keinen Sinn. Das Kultivieren, so Harrison, kommt nach dem Sündenfall, Gärten gewähren Einblick in ein verlorenes Paradies. Nur angesichts von Sterblichkeit und Historie kann „notre jardin“ entstehen, der ein Kind der menschlichen Sorge und Sorgfalt ist. „Ohne Gärten wäre die Geschichte eine Wüste. Ein von der Geschichte losgelöster Garten wäre überflüssig.“ Denn die Geschichte lässt sich als ein endloser Konflikt zwischen den Kräften des Zerstörens und den Kräften des Kultivierens beschreiben. So betrachtet wird „das Leben zur Teilmenge des Gartenbaus“, ein Zitat aus dem vergnügt-verschrobenen Gartentagebuch „Das Jahr des Gärtners“ des tschechischen Autors und Gärtners Karel Capek. Das ist eine große Ansage, die Harrison auf den folgenden 300 Seiten leichtfüßig und voller gelehrter Originalität einlöst. Zur Ausführung seiner Gedanken wandert er durch eine Vielzahl mythischer, historischer und literarischer Gärten. Dabei sind seine Übergänge von einem Thema zum nächsten von beispielhafter Eleganz. Das biblische Eden und die zauberhafte Garteninsel der Kalypso aus Homers „Odyssee“ stehen für Gärten, die verlassen werden müssen, damit

der Mensch heraus aus der „moralischen Bewusstlosigkeit“ des Paradieses und zur „Vita activa“ finden kann. Am Beispiel der in einem Hain gelegenen Akademie Platons und von Epikurs Gartenschule erzählt Harrison von Gärten als Orten der akademischen Unterweisung, wo der Lehrer im Idealfall „den Samen in die Seele eines Schülers“ pflanzt. Diese Verquickung von Garten und Pädagogik findet er auch im parkähnlichen Campus seiner Heimatuniversität Stanford wieder. Die Tatsache, dass wir Dinge wie Gärten

schaffen, sei seltsam, schreibt Harrison: „Denn es bedeutet, dass es Aspekte unserer Menschlichkeit gibt, für die die Natur natürlicherweise keinen Platz hat, für die wir inmitten der Natur Platz schaffen müssen.“ Gärten sind Gegenwelten – auch zur Natur selbst. Harrison analysiert die ordnende Rückzugsfunktion der (pflanzenlosen) Obdachlosengärten in den Slums von New York, findet in der „exquisiten Architektur“ von Boccaccios „Decamerone“ die Struktur der italienischen Renaissancegärten wieder und erzählt beinahe wider Willen auch von Versailles: für Harrison ein Garten, der keine Tugenden kultiviert (wie jener des Epikur), son-

dern Laster, wenn auch in ihrer kultiviertesten Form: Denn Versailles, „dieses stolze Vergnügen, der Natur Gewalt anzutun“, entstand aus dem Neid Ludwigs des XIV. auf die Gartenanlage von Vaux-le-Vicomte, mit deren hochmütiger Pracht sein Innenminister Nicolas Fouquet den Zorn seines Herrschers herausgefordert hatte. Harrison denkt auch darüber nach, ob unser Zeitalter überhaupt noch den Willen und das Konzentrationsvermögen besitzt, um sich so „gedankenreiche Gärten“ wie etwa die großen britischen Anlagen Stowe oder Stourhead, die als „Orte der Selbstfindung“ angelegt wurden, zu erschließen. Viele Gärten, so Harrison, zeigen sich den meisten von uns nicht mehr, weil wir aus Zeitmangel blind sind für JULIA KOSPACH ihr Wesen.

Robert Harrison: Gärten. Ein Versuch über das Wesen der Menschen. Hanser, 330 S., € 25,60

08.03.2010 15:06:00 Uhr


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Kräuter, Hexen und anderer Küchenzauber Kochen: Das Frühjahrsangebot an Kochbüchern beschränkt sich aufs Einfache, oft auch allzu Einfache AR MIN THURNER

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nliegen dieser Rubrik ist es, Trends zu identifizieren und Neuerscheinungen danach zu gruppieren. In diesem Frühjahr ist Einfachheit angesagt, wenn nicht gar Schlichtheit. Selbst große Namen der Kochkunst reduzieren die Komplexität ihres Angebots, was nicht unbedingt von Nachteil sein muss. Dazu kommen jene Trends, die uns schon seit einiger Zeit begleiten, wenn auch nicht immer erfreuen, die Trends zur Ethnoküche, zum nahen Glück im Regionalen (bzw. Historischen) und der Wille zur Gesundheit. Zuerst zur Einfachheit: Von Johann Lafer hat man schon viele Kochbücher gesehen. Der ewig gut gelaunte, in Deutschland und nun auch bei uns omnipräsente erfolgreiche steirische Koch legt diesmal aber einmal etwas Nützliches vor: Ein einfaches, wirklich praktisches Kochbuch. „Der große Lafer“ bringt in lexikalischer Form Grundrezepte (Geschnetzeltes, Gnocchi, Gratin, Gulasch usw.), die er mit Schrittfür-Schritt-Fotos illustriert und um meistens vier Varianten bereichert: japanisches Geschnetzeltes, ­Hähnchengeschnetzeltes … Die Germanismen nimmt man ebenso hin wie die eingestreuten Kalauer: „Unsere Spätzle sind ein bisschen traurig, weil es in diesem Kochbuch nach Alphabet geht (sic!) und ihr Lieblingspartner Gulasch so weit weg ist.“ Empfehlung. Gordon Ramsays „Dinner für Freunde“ legt es ebenfalls einfach an; manchmal fast zu einfach. Die Rezepte tendieren dazu, zu wenig Flüssigkeit zu verwenden, Suppen und Saucen werden leicht pappig, das kann Anfänger frustrieren. Der mit zahlreichen Sternen gekrönte Leider-nein-Profifußballer Ramsay kocht jedenfalls für Amateure und dezidiert deftig; dass der Meister beim Genießen im Freundeskreis x-mal sein zerfurchtes Gesicht der Kamera darbietet, mag angehen, weniger, dass die Qualität mancher Speisen auf den Fotos zu wünschen übrig lässt; einen so trockenen, ja löchrigen Schinken wie den abgebildeten möchte man nun wirklich nicht servieren. Dennoch nicht unbrauchbar. Ebenfalls zur einfachen Gruppe gehört „So schmeckt’s bei uns“ von Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer (der einst Bocuse in Deutschland popularisierte). Die beiden kochen in einer WDR-TV-Serie. Sie bieten gründliche Warenkunde, ein paar saisonale Menüvorschläge und befassen sich mit ihrem jeweiligen Thema en detail.

Johann Jafer: Der große Lafer. Gräfe und Unzer, 480 S., € 41,10

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Gordon Ramsay: Dinner für Freunde. Dorling Kindersley, 272 S., € 25,70

So solide und so wenig aufregend, wie eine öffentlich-rechtliche Anstalt sein soll, aber auch so gründlich und so brauchbar. Das „Teubner Handbuch Vegetarisch“ erscheint in einer Reihe, die für Solidität bürgt. Das „Handbuch Asiatisch“ haben wir hier schon gelobt. In lexikalischer Form werden Informationen über Produkte geboten, ein Kapitel Küchenpraxis unterrichtet über verschiedene Verfahrensweisen (Risotto machen, Paprika schälen), die Rezepte sind ebenfalls übersichtlich angeordnet (Gerichte mit Reis und Getreide, Teigwaren, Gemüse und Kartoffeln usw.). Die Fotografie wirkt informativ, tendiert dadurch aber ein wenig zum Biederen. Für wenig erfahrene, vegetarisch interessierte Gourmets jedoch ein ideales Einstiegsbuch. Etwas spezifischer kommt, wie der Name schon sagt, „Vegetarisch mediterran“ von Margit Proebst daher. Zwar findet man naturgemäß auch im „Teubner Handbuch“ viele mediterrane vegetarische ­Gerichte, diese hier wirken aber eine Spur pfiffiger. Gleich aufs Erste lachen einen „Salbeimäuschen mit Zitronenaioli“ an – frittierte Salbeiblätter, die sich als Appetithappen für ein sommerlich-südliches Essen ebenso gut machen wie die Knusperauberginen mit Joghurtdip oder die Orangen-Taboulé mit Granatapfelkernen. Natürlich finden sich auch hier einige wenig überraschende Gerichte, aber eben doch eine Menge guter Anregungen. Das Buch „Milch und Käse“ von Leanne Kitchen ist hingegen keineswegs rein vegetarisch, obwohl es einige vegetarische Gerichte enthält. Aber eben genauso ein Rezept für Spaghetti Carbonara, eines für Meeresfrüchteeintopf oder einen Lammfleischspieß mit Buttermilchsauce. In der Mehrzahl allerdings sind die Rezepte vegetarisch und ebenso delikat wie die Fotografie von George Seper. Man erfährt Wissenswertes über die verschiedenen ­Käsesorten und -arten und andere Milchprodukte. Die Rezepte gliedern sich dann nach diesen Produkten (also mit Frischkäse, mit Schimmelkäse, mit Hartkäse und so weiter). „Meine geheime Kräuterhexenküche“ folgt einer guten Idee – Rezepte mit Kräutern. Ob diese der Aufmotzung durch das Hexen­ unwesen bedurft hätte, sei dahingestellt. Ein Teil des in einschlägigen Zirkeln oder durch TV-Serien vorbelasteten Publikums wird schon darauf anspringen. Meinetwegen müsste auch nicht jedes Rezept mit „Abrakadabra“ beginnen, das ist des Hexenzaubers deutlich zu viel. Davon abgese-

Martina Meuth, Bernd NeunerDuttenhofer: So schmeckt’s bei uns. vgs, 189 S., € 22,70

Teubner Handbuch Vegetarisch. Gräfe und Unzer, 416 S., € 25,70

Sophie Dudemaine: Sophies Sommerdesserts. Gerstenberg. 143 S., € 20,50

Irmengard Hofmann, Berthold Heigl: Gesegnete Mahlzeit. Pichler, 192 S., € 24,95

Ainsley Harriot: Just Five. vgs, 192 S., € 15,40

Margit Proebst: Vegetarisch mediterran. Christian, 189 S., € 25,70

hen ist das Buch mit Collagen witzig aufgemacht und bietet Varianten von Rezepten mit Mädesüß, Sauerampfer und Weißdornblüten, also mit Dingen, die man selber bei Spaziergängen pflücken kann. Dazu kommen nützliche Informationen über einzelne Kräuter und Nahrungsmittel. Sophie Dudemaine kennt man als populäre TV-Köchin und Vereinfacherin von Ducasse-Rezepten (mit dem Segen dieses Meisters). Nun legt sie „Sophies Sommerdesserts“ vor, die jeweils in zwei Varianten daherkommen, einmal eher üppig und einmal „kalorienbewusst“. Wer’s mag … Mitunter sind die Light-Varianten eher eine Beleidigung des Hausverstands, etwa wenn sie sich nur durch Verwendung von magerem und fettem Joghurt voneinander unterscheiden. Viele recht einfache Rezepte, aber wenig Originelles. Rick Stein ist ein englischer TV-Koch, betreibt ein Restaurant im kornischen Padstow und scheint berühmt genug zu sein, dass man mit seinem Namen ein Buch rechtfertigen kann. Es heißt „Land und Meer“, was auf Steins Wanderlust anspielt, genauso gut aber eine höfliche Umschreibung für „Kraut und Rüben“ sein könnte. Das Buch bietet eine Weltreise mit durchaus deftigen Gerichten („Steins klassische kornische Steakpastete“). In den Kapiteln Großbritannien und Irland, Westeuropa, Mittelmeer und Nordafrika, Indien, Asien, Australien und Neuseeland, USA und Mexiko werden wohl alle etwas finden, was sie gerne nachkochen. „Gesegnete Mahlzeit“: Bei einem Kochbuch aus dem Stift Seitenstetten erwartet man sich von Hausmannskost-Rezepten mehr als als „Freitagsauflauf“ deklarierte Makkaroni mit Gemüse und Käse. Das ist alles zu bieder und verschenkt das Versprechen geheimer mönchischer oder himmlisch-asketischer Genüsse. Ein paar historische Rezepte retten da nichts mehr. Ainsley Harriot ist ein beliebter englischer TV-Koch und, wie der Name seiner TV-Serie „Ready Steady Cook“ verspricht, ein flotter Hecht. Harriot greift das Prinzip verschiedener Publikationen auf, in denen die Köchinnen mit drei Zutaten auskommen; er nimmt halt fünf. Sein Buch heißt aber nicht „Gimme Five“, sondern „Just Five“, geht also in höchstens fünf Schritten zur Sache. Manchmal kocht Harriot zart und vegetarisch, manchmal schreckt er vor nichts zurück: Gebackene Würstchen und Riesenbohnen in Tomatensauce, die beiden Letzteren kommen aus der Dose.  F

Leanne Kitchen: Milch und Käse. Dorling Kindersley, 256 S., € 20,60

Brigitte Boulard Cordaeu: Meine geheime Kräuterhexenküche. Gerstenberg, 232 S., € 26,80

Rick Stein: Land und Meer. Dorling Kindersley, 287 S., € 25,70

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