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liter atur

Sozialer Aufstieg unter Einsatz des Körpers

Auf dem Schlachtfeld der Pubertät

Saphia Azzeddines „Zorngebete“ ist ein schonungsloser Roman über eine kämpferische junge Muslimin

In „Prinzessinnen“ von Marie Darrieussecq will ein blutjunges Mädchen seine Unschuld verlieren

s ist heiß in Tafafilt, einem winzi­ gen, ärmlichen Dorf irgendwo in E einem arabischen Land, vielleicht in

ie Pubertät, das Kriegsgebiet junger Menschen – die diffusen D Begehrlichkeiten und Unsicherhei­

Marokko. Hier wohnt Jbara mit ih­ rer Familie in einem Ziegenlederzelt und hütet Schafe. Wenn sie ihrem Va­ ter sagt, es sei zu heiß, schlägt er sie – wegen Gotteslästerung. Allah, sagt er, mache das Wetter. Wie kann man sich da über seine Schöpfung beklagen? Jbara beherrscht noch ganz ande­ res Vokabular. Da würde ihr Vater sich wundern, hörte er, wie sie uns Lesern gegenüber mit Feuer und provozie­ render Direktheit erzählt: von ihren Treffen mit Milhoud, der stinkt, weil er sich nie wäscht, der sie aber mit Granatapfeljoghurt bezahlt; von ihren drei Leben, in die sie uns mitnimmt, nachdem, wie im Märchen, von einem vorbeifahrenden Touristenbus ein rosa Koffer heruntergefallen ist – mit Geld für die Flucht aus diesem Dorf. Denn inzwischen ist ihre Schwan­ gerschaft unübersehbar, und der Va­ ter hat die Tochter verstoßen. „Zorn­ gebete“ ist der deutsche Titel dieser derb pochenden „Confidences à Allah“ (Originaltitel), und das trifft es ganz gut: Zornig geht die Erzählerin mit Allah ins Gericht.

Noch stärker ist ihre Wut auf den Mann im Dorf, der sich als Vertreter Allahs aufspielt. Er lässt sich seine Lehren und Geschichten mit ihren Lieblings­ schafen bezahlen und unterbricht an der spannendsten Stelle, für noch ein Schaf. Jbaras Eltern glauben ihm alles: Frauen müssen Schleier tragen, ihre Fesseln bedecken, die Klappe halten und in der Küche bleiben. Saphia Azzeddine, 1979 im marok­ kanischen Agadir geboren, wuchs be­ hütet auf, seit dem neunten Lebens­ jahr in Frankreich. Als Schauspielerin bekannt (u.a. „Fasten auf Italienisch“), hatte sie zuletzt Erfolg mit dem Regie­ debüt zu ihrem zweiten Roman „Mein Vater ist Putzfrau“ (2011). „Zorngebe­ te“ ist ihr erster Roman, der 2008 er­ schien und vom Theater Avignon auf

die Bühne gebracht wurde, was man sich gut vorstellen kann, weil Jbara eine unterhaltsame, deutliche Erzäh­ lerin ist, die alle Klischees einer unter­ drückten, scheuen, verschleierten Frau an die Wand spielt. Im Rahmen ihrer Entwicklungschancen

gelingt ihr eine Art sozialer Aufstieg, unter Einsatz ihres Körpers als natür­ liches Kapital. Nach der eiligen Stra­ ßengeburt, dem Verlust ihres Kindes und einem ersten eigenen Zimmer ge­ gen Blowjobs steigt Jbara vom Dienst­ mädchen im Herrenhaus zur Edelnut­ te eines Scheichs auf, bevor sie nach einem Gefängnisaufenthalt und zwei herausgebrochenen Zähnen ein drittes Leben als verheiratete Frau antritt, ge­ quält von einer Schwiegermutter, für die sie die Sklavin des Sohnes ist. „Zorngebete“ ist der erschreckend sachliche, schamlose Bericht einer furchtlosen, gleichwohl sensiblen Überlebenskünstlerin. Dass Jbara ih­ ren Stolz nie verliert, ist das eigent­ lich Überraschende, Faszinierende an diesem Roman. Dabei hätte sie allen Grund dazu. Jbara ihrerseits spuckt ins Essen, das sie den Reichen zubereitet. Ihre größte Waffe gegen deren abgrundtief ordinäre Welt ist aber die Sprache, die Innenwelt, die sie den Mächtigen ent­ gegensetzt. Und ihre leise Zwiesprache mit Allah, dem sie Rechenschaft ablegt über ihr Leben. Dass sie nur zwischen unterschiedlichen Arten des Elends wählen kann, ist bedrückend. Selten hat man davon so direkt gelesen. ANJA HIR SCH

Saphia Azzeddine: Zorngebete. Deutsch von Sabine Heymann. Wagenbach, 128 S., € 17,40

ten dürften jedem bekannt sein. Die französische Autorin Marie Darrieus­ secq hat darüber ein Buch geschrie­ ben. „Prinzessinnen“ ist ein Roman aus der Sicht eines jungen Mädchens, das beginnt, sich, seinen Körper und die Sexualität zu entdecken. Sie will endlich ihre Jungfräulichkeit loswer­ den und sich in einen selbstbestimm­ ten Menschen verwandeln.

Das junge Ding heißt Solange und wächst in den 1980ern in Clèves auf, einem Nest im Südwesten Frankreichs. Die Eltern sind beide berufstätig, die Mut­ ter tablettensüchtig, der Vater selten da. Monsieur Bihotz, ein sonderba­ rer, aber gutmütiger Bursche, über­ nimmt viele der elterlichen Pflichten. Später wird ihm Solange, ganz Loli­ ta, zu nahe kommen. Die Freundinnen von Solange ha­ ben ihre ersten Erfahrungen schon hinter sich, sie möchte nachziehen. Doch der Weg zum ersten Mal gestal­ tet sich als beschwerlich, was sie er­ lebt, ist lachhaft wie auch verstörend: der fürchterlich ungelenke Versuch etwa, von einem etwas älteren Jungen entjungfert zu werden. Einmal steckt er ihr bloß sein Glied in den Mund, und sie bekommt das Bild, ihm nun „den Schwanz sauberzumachen“, nicht aus dem Kopf. Aber nicht nur die An­ näherungen an das andere Geschlecht sind ein einziger Krampf; Solange ist in allen Belangen zutiefst verunsi­ chert. Wie sie sitzen, gehen oder ste­ hen soll, welche Musik sie hören soll, oder was sie ihren Freundinnen von sich preisgibt – ihr ständiges Kreisen um die eigene Person ist ausschließ­ lich von Unbehagen geprägt. Bevor Darrieussecq an dieser Co­ ming-of-Age-Geschichte zu arbeiten begann, nahm sie ihr eigenes Tage­ buch aus Teenagerzeiten zur Hand. Der Roman fußt zudem auf einer für Frankreich relevanten kulturpoliti­

schen Bewandtnis: „Die Prinzessin von Clèves“, ein Roman aus dem 17. Jahrhundert von Madame de Lafayet­ te, ist dort Pflichtlektüre. Nicolas Sar­ kozy empfand das als antiquiert, In­ tellektuelle reagierten empört. Darri­ eussecq ihrerseits reagierte, indem sie die Geschichte einer jungen verheira­ teten Adeligen, die sich in einen an­ deren Mann verliebt, in die Gegen­ wart transferiert. Auch Solange ist eingeklemmt zwi­ schen Begehren und gesellschaftlichen Konventionen. Nur sind es in ihrem Fall nicht die Konventionen der Er­ wachsenenwelt, sondern es geht um die subtilen Verhaltensregeln, die ein Teenager zu befolgen hat, um un­ ter seinesgleichen als cool zu gelten. Nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person, sehr nah an Solange, breitet Darrieussecq die Befindlich­ keiten des Mädchens aus, das sich auch im eigenen Körper als Frem­ de fühlt. Die Erzählung beweist Mut zur Lücke, ist eine lose Aneinander­ reihung von Episoden, von intimen Momentaufnahmen. Wenn die Körperflüssigkeiten fließen,

mag einem kurz Charlotte Ro­ che einfallen. Aber nur kurz. Dar­ rieus­secq nutzt pornografische oder ­ekelerregende Momente nicht bloß im Sinne der Exploitation. In all die­ sen – sinnbildlich gesprochen – sexu­ ellen Verrenkungen schwingt nämlich, und das hat seine Qualität, ein dringli­ cher Wunsch nach Liebe oder zumin­ dest Anerkennung mit. 

TIZ SCHAFFER

Marie Darrieus­ secq: Prinzessin­ nen. Hanser, 304 S., € 20,50

i llu s t r at i on: Si lv i a u n g e r s b ö c k

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