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M U T M AC H E R I N N E N ZEHN ERFOLGSGESCHICHTEN GELUNGENER WIEDEREINSTIEGE Herausgegeben von Gudrun Sander und Miriam Rodriguez Star tz


M U T M AC H E R I N N E N ZEHN ERFOLGSGESCHICHTEN GELUNGENER WIEDEREINSTIEGE

Herausgegeben von Gudrun Sander und Miriam Rodriguez Star tz


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Vorwort von Pierin Vincenz

Seit der globalen Finanzkrise sieht sich der Finanz- und Wer kplatz Schweiz noch stärker herausgeforder t durch Frankenstärke, unterschiedliches Wachstum in angestammten und neuen Arbeitsmär kten und zunehmenden Innovationsdr uck. Aufgr und der demografischen Entwicklung ist zudem ab 2015 mit einem Fach- und Führ ungskräftemangel zu rechnen. Um in diesem anspr uchsvollen Mar ktumfeld bestehen zu können, braucht es qualifizier te Arbeitskräfte. Als Unternehmen können wir es uns gar nicht mehr leisten, auf gewisse Ressourcen zu verzichten. Eine wichtige Quelle sind die Wiedereinsteigerinnen. Gut gebildete Frauen, die nach einem längeren Unterbruch von der Erwerbstätigkeit, wieder ins Berufsleben einsteigen möchten. «Women Back to Business» bildet dabei eine Brückenfunktion, um potenzielle Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen zusammenzuführen. Das war auch einer der Beweggründe für Raiffeisen, sich an diesem Programm zu beteiligen. Aus per sönlicher Erfahr ung kann ich sagen: Es hat sich gelohnt. Mit Donata Gianesi konnten wir eine qualifizier te Fachfrau gewinnen. Doch ein solches Engagement alleine reicht nicht, um talentier te Arbeitskräfte anzuziehen. Es braucht verschiedene Ansätze. Zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle auch für Führ ungskräfte, wie wir sie bei Raiffeisen schon seit Längerem kennen. Wir ermöglichen ihnen damit, ihre Karriere zu verfolgen und eine gesunde Work-Life-Balance zu erreichen. Das schliesst auch mit ein, dass Teilzeitmitarbeitende mit einem Beschäftigungsgrad von mindestens 60 Prozent dieselben Weiterbildungsmöglichkeiten wie Vollzeitbeschäftigte haben. Dadurch profitier t auch Raiffeisen: durch die erhöhte Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt, durch geringe Fehlzeiten sowie durch die Bindung von qualifizier ten Arbeitskräften. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein weiteres wichtiges Anliegen von Raiffeisen. Dazu gehören Massnahmen wie Familien-


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ferienwochen, die arbeitstätige Eltern in der Betreuung ihrer Kinder unter stützen, Vaterschaftsurlab von fünfzehn Tagen, die Zusicherung einer Weiterbeschäftigung in einer adäquaten Funktion nach dem Mutter schaftsur laub zu einem Beschäftigungsgrad von mindestens 60 Prozent. Diese Massnahmen zur Förder ung der Chancengleichheit bringen die Unternehmenskultur von Raiffeisen zum Ausdruck. Eine Kultur, in der die Vielfalt der Mitarbeitenden geschätzt wird, die Talente optimal eingesetzt und die Potenziale genutzt werden. Was als Absicht formulier t ist und teils auch gelebt wird, ist noch nicht in allen Be reichen umgesetzt. Dafür braucht es mehr Zeit. Mehr Zeit für die aktive Auseinandersetzung und Sensibilisierung mit dem Thema. Dies ist Teil der strategischen Unternehmensführ ung, denn die Vielfalt und Wer tschätzung der Mitarbeitenden hat strategische Relevanz für den zukünftigen Erfolg. Für die Sicher ung der Wettbewerbs fähigkeit muss es uns gelingen, die richtigen Talente zu finden und sie im Unternehmen entwickeln und halten zu können. Mit «Women Back to Business» haben wir eine Quelle für qualifizier te Arbeitskräfte erschlossen. Und wie die Erfolgsgeschichten in diesem Buch zeigen, lohnt es sich für beide Seiten: für die Unternehmen als auch für die Wiedereinsteigerinnen.

Dr. Pierin Vincenz Vor sitzender der Geschäftsleitung, Raiffeisen Gruppe


Themenboxen 25

KMU und Familienunternehmen in der Schweiz

31

Anerkennung von Studienabschlüssen

37

Neue Arbeitsmodelle

43

Fach- versus Führungskarrieren

49

Familienmodelle im Umbruch

55

Frauen in Medizin und Pflege

61

Die Segregation in der Arbeitswelt

67

Selbstständigkeit und Unternehmerinnen

73

Erwerbsbeteiligung und Frauen in Führungspositionen

79

Frauen in der öffentlichen Verwaltung


Inhalt

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Vorwort von Pierin Vincenz

4

Inhaltsverzeichnis

8

Wiedereinsteigerinnen – ein vernachlässigtes Potenzial von Gudrun Sander

12

Ein Gespräch mit der Novartis Pharma AG

17

Das Engagement der AXA Winterthur

18

Ein Gespräch mit der St.Galler Kantonalbank

Interviews 20

Karin Bucher – Ich habe mir ein anderes Denkmuster angeeignet

26

Raquel Delgado Moreira – Man muss Hoffnung haben und an sich glauben

32

Donata Gianesi – Es schlummert wahnsinnig viel Potenzial zu Hause

38

Carole Meier – Der fundierte Einblick hat mir viele Tore geöffnet

44

Catherine Ochsenbein – Ich habe mich selber besser kennengelernt

50

Cornelia Rappo – Durch meine politische Arbeit konnte ich mir ein Netzwerk aufbauen

56

Barbara Reiners – Wille und Engagement gehören auch dazu

62

Johanna Reinhart – Diese tolle Option lag die ganze Zeit vor mir

68

Monica Tutsch – Der hilfreichste Teil war das Coaching

74

Andrea Wirth – Funktioniert hat es schlussendlich über sieben Ecken

80

Profile

81

Impressum


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Gudrun Sander Ressourcen von Frauen besser nutzen

WIEDEREINSTEIGERINNEN – EIN VERNACHLÄSSIGTES POTENZIAL

Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung werden auf dem Arbeitsmarkt zunehmend spürbar: Der Schweizer Wirtschaft gehen die Fach- und Führungskräfte aus. Dennoch werden die Potenziale der Frauen bislang unzureichend genutzt. Dies wird sich in den nächsten Jahren ändern, denn gerade hervorragend ausgebildete Wiedereinstei gerinnen sind als neue Mitarbeiterinnen äusserst interessant für viele Unternehmen.

Wenn gut ausgebildete Frauen nach einer längeren

Qualifikation arbeiten. Die klassische lineare Drei-

Elternzeit nicht in ihren erlernten Beruf zurück-

teilung in Kindheit/Jugend, Erwerbstätigkeit bzw.

kehren, ist dies nicht nur ökonomisch, sondern auch

Haushalt und Kindererziehung sowie Pensionie-

gesellschaftspolitisch zu hinterfragen. Rein makro-

rung löst sich mehr und mehr auf. Stattdessen er-

ökonomisch gesehen, gehen unserer Gesellschaft

geben sich mehrmals im Leben Zeitfenster, die

dadurch wertvolle Ressourcen verloren. Gesell-

einen Neustart ermöglichen – zunehmend auch bei

schaftspolitisch bedeutet das aber auch, dass diese

Frauen zwischen 35 und 50 Jahren. So hat auch eine

Frauen keine Karriereentwicklung mehr erfahren

45-jährige Frau noch mehr als 15 Berufsjahre vor

und im Alter schlechter gestellt sein werden, weil

sich und damit allen Grund, eine herausfordernde

sie sich keine oder eine nur unzureichende Rente

und befriedigende Tätigkeit anzustreben sowie ne-

aufbauen können. Im Einzelnen verbirgt sich hinter

benbei noch etwas für ihre finanzielle Absicherung

jeder Frau ein ganz persönlicher Lebensweg, wie in

im Alter zu tun.

dieser Publikation deutlich wird. Vielseitige Schlüsselqualifikationen Wir werden stetig älter, die Sozialsysteme sind mit

Neben diesen eher allgemeinen Gründen bieten

der bisherigen traditionellen Rollenteilung nicht

Wiedereinsteigerinnen als Arbeitnehmerinnen ganz

mehr zu finanzieren. Gleichzeitig werden die Poten-

konkrete Vorteile, die nicht allen Unternehmen be-

ziale der zunehmend besser ausgebildeten Frauen

wusst sind: Die Familienplanung ist abgeschlossen,

für den Arbeitsmarkt trotz Fachkräftemangels oft-

die Rückkehrerinnen sind hoch motiviert und en-

mals links liegen gelassen. So besitzen etwa 10 Pro-

gagiert, und sie bleiben dem Unternehmen in den

zent der Frauen zwischen 30 und 45 Jahren einen

meisten Fällen treu – anders als junge Studienab-

Tertiärabschluss und sind nicht erwerbstätig. Dazu

gänger, die in der Regel nach zwei bis drei Jahren

kommt ein beträchtlicher Teil hoch qualifizierter

die Stelle wieder wechseln. Zudem besitzen gerade

Frauen, die in kleinen Pensen weit unter ihrer

diese Frauen viele von Unternehmen gern gesehene


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Kompetenzen, wie etwa Kommunikations- und

Wieso aber wird dieses offenkundige Potenzial so

Konfliktfähigkeit, Organisationstalent, Erfahrung

wenig wahrgenommen? Viele Arbeitgeber haben

im Netzwerken sowie Zuverlässigkeit. Neben ihrer

immer noch Vorbehalte. Die Erwartungen der Arbeit-

oft hervorragenden Ausbildung und den Schlüssel-

geber und der Berufsrückkehrerinnen sind häufig

qualifikationen, welche Mütter während der Fami-

nicht deckungsgleich: Insbesondere hinsichtlich der

lienphase sammeln, sind sie häufig in verantwor-

Flexibilität der Arbeitszeiten, des Aufgabenprofils

tungsvollen Positionen ehrenamtlich tätig – eine

und der Weiterqualifikation existieren oft unter-

Qualifikation, die oftmals nicht als solche anerkannt

schiedliche Ansprüche, die sich zunächst annähern

wird. All dies hilft ihnen, auch in heiklen Situationen

müssen. Eine Frau, welche zwei Studiengänge ab-

gelassener zu bleiben als etwa Berufsanfänger. Viele

geschlossen hat, in der Politik tätig war und eine

dieser gut ausgebildeten Frauen können komplexe

Familienphase von fünf Jahren gemacht hat, ist

Projekte aufgrund ihrer Erfahrungen und Netzwerke

mit einem unqualifizierten Teilzeitjob unterfordert.

lösungsorientiert führen. Frauen mit Lebenserfah-

Zudem werden die oben genannten Kompetenzen

rung werden daher sowohl im Team als auch auf

häufig nicht in den Vordergrund gestellt, sondern

Kundenseite ernst genommen und geschätzt.

in der schriftlichen Bewerbung und der Personalauswahl vor allem die fehlenden bzw. veralteten

Zugegeben, viele Frauen können nach einer länge-

Fach-, Branchen- und Marktkenntnisse betont.

ren Familienphase nicht mehr im zuvor ausgeübten Beruf tätig sein. Eine Physikerin kann nach zehnjäh-

Zielgerichtete Weiterbildungsangebote

riger Berufspause vermutlich nicht mehr in einem

Viele Weiterbildungsangebote – welche die Wieder-

Forschungsprojekt mitarbeiten. Aber es gibt eine

einsteigerinnen thematisch durchaus interessieren

Reihe spannender Jobs, in denen die Kompetenzen

dürften – haben oft Zugangsvoraussetzungen, die

dieser Frauen voll zum Tragen kommen und deren

an eine Berufstätigkeit geknüpft sind, oder Schu-

Lebenserfahrung Vorteile bietet. Dies ist in allen

lungseinheiten, welche schlecht in den Familien-

Tätigkeiten der Fall, die eine hohe Beratungskom-

alltag integrierbar sind. Die Universität St.Gallen hat

petenz, gepaart mit Fachwissen, erfordern, wie

deshalb ein Weiterbildungsangebot entwickelt, das

etwa als Projektleiterin oder Kundenberaterin. Für

speziell auf die Situation von Wiedereinsteigerin-

Banken bringen diese Frauen in der Kundenbera-

nen zugeschnitten ist (www.es.unisg.ch/wbb). Da-

tung zudem ein eigenes Netzwerk potenzieller

bei werden Berufsrückkehrerinnen – neben einer

Neukunden mit. Die ursprüngliche Fachausbil-

fachlichen Weiterbildung in allen wichtigen Manage-

dung im Studium, der Nachweis der erworbenen

mentbereichen – durch Coachings und Ressourcen-

Kompetenzen in der Freiwilligenarbeit und in der

workshops wieder fit für den Arbeitsmarkt

Familienzeit macht Wiedereinsteigerinnen daher

gemacht. Denn ein mangelndes Selbstbewusstsein

attraktiv für viele Arbeitgeber.

und eine teils unrealistische Einschätzung der eige-


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nen Kompetenzen sind meistens die grössten Bar-

eine anspruchsvolle, erfüllende Tätigkeit, eine hohe

rieren für eine gezielte Bewerbung. Hier baut die

Flexibilität des Arbeitsplatzes, ein gutes Team, Frei-

Management-Weiterbildung für Frauen der Uni-

räume in der Gestaltung der Aufgaben und ein mo-

versität St. Gallen eine echte Brücke, wie die exter-

tivierendes Arbeitsklima. Zudem ist der berufliche

ne Evaluation der ersten vier Kursdurchführungen

Wiedereinstieg für die meisten Frauen kein punk-

gezeigt hat: Drei Viertel der über 80 Absolventin-

tuelles Ereignis, sondern ein Prozess, der sich über

nen haben den Wiedereinstieg beziehungsweise

mehrere Jahre erstreckt. Flexible und kreative Ein-

den Umstieg in eine qualifizierte Position geschafft,

stiegsmodelle sowie eine gute Unterstützung sind

und mehr als drei Viertel erachten den Beitrag des

also notwendig. Eine Möglichkeit, welche in Ame-

Zertifikatsprogramms «Women Back to Business»

rika und in Deutschland bereits von einigen Firmen

(WBB-HSG) an der erfolgreichen Berufsrückkehr als

praktiziert wird, sind sogenannte «Returnships»,

«sehr hoch» oder «eher hoch». Als der grösste per-

also massgeschneiderte Trainee-Programme für

sönliche Nutzen für die Teilnehmerinnen tritt die

Wiedereinsteigerinnen oder Umsteiger.

Stärkung des beruflichen Selbstwertgefühls hervor. Zehn erfolgreiche Wiedereinsteigerinnen haben wir

Die Politik sieht hier eindeutig die Schweizer Wirt-

in dieser Publikation porträtiert.

schaft in der Pflicht. Bundesrätin Doris Leuthard meint dazu: «Von der Integration von Frauen in die

Familienfreundliche Arbeitgeber gefragt

Schweizer Wirtschaft profitieren in erster Linie die

Aber auch die Unternehmen müssen umdenken.

Unternehmen selber. Deshalb ist es von zentraler

Qualifizierte Jobs für Berufsrückkehrerinnen sehen

Bedeutung, wenn sich die Firmen an die Bedürf-

anders aus als solche für Studienabgänger. Die

nisse der Mitarbeitenden mit Familienpflichten an-

wenigsten Wiedereinsteigerinnen suchen eine Voll-

passen.» Einige Unternehmen haben dies bereits

zeitstelle, sondern anspruchsvolle Tätigkeiten mit

erkannt und engagieren sich aktiv, um Berufsrück-

flexiblen und familienfreundlichen Arbeitsbedin-

kehrerinnen besser integrieren zu können. Für Firmen

gungen. Zusätzlich ist die räumliche und zeitliche

wie Novartis, die Raiffeisen Gruppe, die St.Galler

Flexibilität (noch) eingeschränkt. Die Leistungsbereit-

Kantonalbank oder AXA Winterthur ist das Diver-

schaft und das Engagement sind aber mindestens

sity-Management ein wichtiger Bestandteil der

gleich gross wie bei den jungen «High Potentials».

Unternehmensstrategie. Und so werden erste Er-

Andererseits sind die Anreize sehr unterschiedlich,

folge sichtbar: Der Frauenanteil in den Firmen steigt

besonders bei jenen sehr gut ausgebildeten Frauen,

kontinuierlich, wenn auch langsam an. Frauen in

die nicht ausschliesslich aus ökonomischen Grün-

Führungspositionen werden häufiger, und der An-

den zurück ins Erwerbsleben eintreten wollen. Hier

teil der Rückkehrerinnen nach der Geburt eines

zählen nicht ein möglichst hohes Gehalt, sondern

oder mehrerer Kinder ist in den oben genannten


Wiedereinsteigerinnen – ein vernachlässigtes Potenzial

Firmen markant angestiegen. Viele Frauen wollen sich gerade auch nach einer Familienphase in einer herausfordernden beruflichen Tätigkeit einbringen. Sie brauchen Firmen, die Ihnen eine Chance geben und sie in der Einstiegsphase unterstützen. Lohnen tut sich dies in jedem Fall – sowohl für die Unternehmen als auch für die gut ausgebildeten Frauen. Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, muss die Schweiz sämtliche Ressourcen nutzen – besonders jene der Frauen und jene der sehr gut ausgebildeten Wiedereinsteigerinnen. Die Schaffung der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie zum Beispiel die Ausweitung des Betreuungsangebots für Kinder sowie Änderungen im Steuer- und Rentensystem, eine Veränderung der (Unternehmens-)Kulturen weg vom männlichen Vollzeitmitarbeiter und die gezielte Förderung von engagierten Frauen sind wesentliche Meilensteine auf diesem Weg.

Dr. Gudrun Sander Programmverantwortliche «Women Back to Business»

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Ein Gespräch mit der Novartis Pharma AG

EIN MEHRWERT ENTSTEHT ERST ÜBER DAS KOMPLEMENTÄRE TEAMVERHALTEN UND WISSEN

Was verstehen Sie unter Diversity and Inclusion?

umfasst die verschiedenen Alterskategorien, Ge-

Bösch: Bei Novartis verstehen wir darunter die

schlechter, kulturellen Hintergründe und Erfah-

Einbeziehung des Anders-Seins in Form einer chan-

rungswerte.

cengleichen, facettenreichen Zusammenarbeit, die

Guertler-Doyle: Es geht darum, unsere Kunden und

individuelle Persönlichkeiten und Erfahrungshin-

deren Bedürfnisse besser zu verstehen. Betrachtet

tergründe berücksichtigt. Wir haben 1,2 Milliarden

man beispielsweise die Märkte der Schwellenlän-

Patientinnen und Patienten, die über den ganzen

der: Wenn kein Entscheidungsträger und niemand

Globus verteilt sind, und arbeiten an der Erfor-

aus dem Team die Kultur versteht, bringt man

schung und Bewältigung vieler verschiedener

eventuell ein Produkt auf den Markt, das effektiv

Krankheiten. Hierfür müssen wir die unterschied-

ist, aber aufgrund der kulturellen Unterschiede

lichsten Lösungswege suchen. Das kann man nicht

von den Kunden nicht akzeptiert wird – etwa

aus einem einzigen kulturellen Umfeld heraus be-

dann, wenn man versucht, Gelatinekapseln an

wältigen. Man braucht hierfür diversifizierte und

muslimische Kunden abzugeben.

global aufgestellte Teams. Welche Bedeutung haben Frauen als KundenWelcher Gedanke steht hinter der strategischen

segment?

Zielsetzung, Diversity zu fördern?

Guertler-Doyle: Hinter 80 Prozent der Kaufent-

Bösch: Die Kunden zu verstehen und dafür inno-

scheidungen stecken Frauen. Wir wissen, dass

vative Produkte zu entwickeln ist der Kern von

viele Frauen im medizinischen Bereich arbeiten.

jedem Business. Betrachtet man etwa die Logistik

Über 90 Prozent der Krankenpflegepersonen sind

von Medikamenten und den Einbezug des Pfle-

weiblich. Wenn wir nicht verstehen, was für sie

gepersonals, funktioniert dies zum Beispiel in

wichtig ist, wird es schwierig, eine Verbindung zu

Europa oder den USA anders als in Afrika oder in

Patienten und Käuferinnen aufzubauen. In der

Südostasien. Auch wie unsere Kunden die Medi-

Vergangenheit wurde meist Werbung von Män-

kamente einnehmen, ist kulturell verschieden. Da

nern für Männer gemacht. Denken Sie etwa an die

braucht es eine «diverse workforce», die das Wis-

Autowerbung; dabei werden viele Kaufentschei-

sen hat, damit umzugehen und die Entwicklung

dungen von Frauen beeinflusst.

vorwärtszubringen. Eine solche Gruppenstruktur

Bösch: Aufgrund des Selbststudiums am Computer


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ist das Kaufverhalten in unserer Industrie im Umbruch. Früher wurde ein Entscheid von einem Arzt

Thomas Bösch Dr. oec. HSG, ist Leiter HR Schweiz bei der Novartis Pharma AG und Mitglied des globalen HR Executive Teams von Novartis Pharma. In dieser Funktion ist er unter anderem zuständig für die allgemeinen HR Richtlinien und Prozesse, die Beziehung zu den Arbeitnehmervertretungen, Diversity & Inclusion, die Weiterbildung sowie die interne und externe Kommunikation von per sonalbezogenen Themen in der Schweiz.

oder einer Ärztin nicht hinterfragt. Heute muss die Information so aufgebaut sein, dass nicht nur eine Fachperson sie versteht. Diese Herausforderung zu meistern bedingt intern die Berücksichtigung von Diversity und somit Inclusion. «Diversity is given, Inclusion is a choice.» Was verstehen Sie darunter? Guertler-Doyle: Der Mehrwert für das Unternehmen entsteht dadurch, dass die Mitarbeitenden ihre Persönlichkeit einbringen, dass sie sich mit der Mission des Unternehmens identifizieren und sich voll und ganz für das Unternehmen einsetzen. Um wirklich innovativ zu sein, muss das Arbeitsumfeld stark durch Zusammenarbeit geprägt sein, anders als in einer typisch hierarchischen Organisation. Auch kritische Meinungen der Teammitglieder müssen erlaubt sein, sogar gewünscht. Diversity kann man instruieren, aber Inclusion entsteht einzig durch die gelebte Unternehmenskultur. Bösch: Wenn alle nur das Gleiche suchen, erhalten wir weder Innovation noch die unterschiedliche Kundensicht. Diversity kann man sehr einfach erreichen, indem man Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturkreisen und Altersgruppen beschäftigt. Aber ein Mehrwert für das Unternehmen

Valerie Guertler-Doyle PhD, ist Leiterin Diversity & Inclusion Switzerland bei der Novartis Pharma AG. In dieser Position treibt sie sowohl intern als auch extern divisions- und funktionsübergreifende D&I-Aktivitäten in der Schweiz voran. Sie leitet den Novartis International D&I Council und ist Gründungsmitglied der Healthcare Business Women’s Association (HBA) Europe und Board Member von UN Women Switzerland.


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entsteht erst durch Team-Mitglieder, die sich er-

Gibt es weitere Aspekte, warum Novartis gezielt

gänzen, und Wissen, das geschätzt und eingebracht

Frauen fördert?

werden kann. Das verstehen wir unter einer Kultur

Bösch: Frauen verfügen über ein grosses Know-how

der Inclusion.

und für uns relevante Lebenserfahrung. Die verstärkte Einbeziehung von Frauen bewirkt eine

Novartis hat in den letzten Jahren grosse An-

konstruktive Verhaltenssteuerung und ein breiteres

strengungen unternommen, den Anteil der

Verständnis. Zudem sind Frauen unter unseren

Frauen im Unternehmen zu erhöhen. Warum?

Kunden eine wichtige Zielgruppe, die wir verste-

Guertler-Doyle: Aufgrund der globalen Matrixstruk-

hen müssen. Wenn wir von Innovation und Wachs-

tur haben sich viele heterogene Teams gebildet.

tum reden, geht es letztendlich immer um Dynamik

Die ganze Firma profitiert jedoch zusätzlich von

und Energie, die erst durch die Mitarbeitenden

der Teamdynamik gemischtgeschlechtlicher Ma-

entstehen. Da sind Frauen ein wichtiger Bestandteil.

nagementteams. Aus diesem Grund fördern wir

Uns geht es nicht um die «Quotenfrau», sondern

die Frauen. Wir haben flexible Arbeitsmodelle, wir

um die bestmögliche Umsetzung der Kundenbe-

bieten ein Elterncoaching und ein Familiensup-

dürfnisse, Ziele und Strategien.

portprogramm. Doch ich möchte betonen: Alle unsere Programme sind absichtlich so positioniert,

Was bedeutet dies in Zahlen ausgedrückt?

dass sie für Frauen und Männer stimmen. Denn

Guertler-Doyle: Am Ende des letzten Jahres waren

Männer sind Teil der Lösung, nicht des Problems.

43 Prozent der Belegschaft weiblich. Das Manage-

Einzig die Berücksichtigung beider Seiten und Be-

ment ist zu 32 Prozent mit Frauen besetzt – gegen-

dürfnisse bringt uns vorwärts.

über 14 Prozent im Jahr 2000. Die Executive Group

Bösch: Mitglieder eines gemischten Teams – und

besteht zu 20 Prozent aus Frauen. Ende letzten

dabei geht es nicht nur um Geschlechter – gehen

Jahres haben wir freudig festgestellt, dass der

anders miteinander um. Sie sind viel fokussierter

Sprung von 31 auf 32 Prozent hauptsächlich durch

und offener im Umgang mit verschiedenen Sicht-

Neuanstellungen von Frauen erreicht wurde. Das

weisen. Der Umgang ist sachlicher und respekt-

heisst, der Rekrutierungsprozess hat sich geändert.

voller. Selbstverständlichkeiten werden aufgrund der facettenreichen Perspektiven plötzlich infrage

Warum interessiert sich Novartis für Wieder-

gestellt. Es werden Dynamiken explizit diskutiert,

einsteigerinnen?

die vorher in einem blinden Fleck verborgen waren.

Bösch: Wiedereinsteigerinnen haben meist einen an-

Nur so können wir uns weiterentwickeln, indem

deren Blickwinkel auf das, was wir tun, und brin-

wir Themen frühzeitig aufarbeiten, sie konstruktiv

gen eine Lebenserfahrung mit, die man in einem

angehen und darauf aufbauend nach Lösungen su-

Corporate Environment schnell vergessen kann.

chen. Das ist genau das, was mich an der bewussten

Diese Frauen sind umsetzungsorientiert und haben

Bildung von heterogenen Teams überzeugt.

Common Sense. Ich finde das sehr bereichernd.


Ein Gespräch mit der Novartis Pharma AG

Guertler-Doyle: Der andere Blick auf das Unterneh-

Modell, das man durchziehen muss, sondern sie

men hilft, neue und innovative Wege zu finden.

wird dem Projektverlauf oder etwa den Schul-

Diesen Blick muss die Unternehmenskultur zu-

ferien angepasst.

lassen. Sobald ein Unternehmen an diesem Punkt

Guertler-Doyle: Der Wechsel weg von der Präsenz-

angelangt ist, wird es extrem erfolgreich. Dies

zeit hin zur Erfüllung vereinbarter Leistungen.

spricht sich herum.

Bösch: Doch müssen wir aufpassen und unsere

Bösch: Der Wiedereinstieg ist für mich ein Einstieg

Mitarbeitenden schützen. Es gibt Mitarbeitende,

mit mehr Reife. Wiedereinsteigerinnen bringen

die das Gefühl haben, sie müssen mehr leisten,

Berufs- und Lebenserfahrung mit. Sie haben ihre

weil sie Frauen sind und in einem flexiblen Ar-

Persönlichkeit entwickelt, viele Entscheidungen

beitszeitmodell arbeiten – und dadurch zu viel in-

getroffen und mannigfaltige Fähigkeiten erworben.

vestieren. Das kann gefährlich für die Gesundheit

Sie sind selbstbewusster, umsichtiger und können

und langfristig auch für die Karriere werden.

komplexe Situationen oft besser einschätzen und

Guertler-Doyle: Deshalb ist das Selbstvertrauen beim

bewältigen als Berufseinsteigende. Vielleicht müs-

Wiedereinstieg so wichtig. Das ist wahrscheinlich

sen sie sich zuerst fachlich wieder einarbeiten und

der grösste Gewinn eines solchen Programms wie

sich an ihr neues Umfeld anpassen, doch die mei-

Women Back to Business. «Yes, I can do this. Yes,

sten haben einen starken inneren Antrieb und

I’m good and more than mature to do this.»

bringen ein hohes Engagement mit. Das brauchen wir und das bringt uns voran! Viele Wiedereinsteigerinnen benötigen ein hohes Mass an zeitlicher Flexibilität? Guertler-Doyle: Unsere Mitarbeitenden, Frauen wie Männer, haben die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten. Da jedoch verantwortungsvollere Tätigkeiten mit einem höheren Teilzeitpensum einhergehen müssen, erscheint mir ein flexibles Arbeitszeitmodell bedeutsamer. Unter den verschiedenen Möglichkeiten, die wir anbieten, kann man beispielsweise zwei Tage von zu Hause arbeiten oder einen Teil des Salärs gegen Ferien tauschen. Bösch: Durch ein flexibles Arbeitszeitmodell erhalten die Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich ihre Arbeitszeit vermehrt eigenständig einzuteilen. Die Arbeitszeit orientiert sich nicht an einem festen

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Das Engagement der AXA Winterthur

VIELFALT ALS ERFOLGSFAKTOR

Die Gesellschaft hat sich drastisch verändert: Noch vor 20 Jahren war das traditionelle Familienmodell mit einem erwerbstätigen Vater und einer

Christoph Müller Mitglied der Geschäftsleitung und Head Human Resources AXA Winter thur, ist davon überzeugt, dass gemischte Teams Mehrwer t bringen, und engagiert sich für eine offene und innovative Unternehmenskultur.

nicht erwerbstätigen Mutter das häufigste; heute arbeiten in den meisten Familien beide Elternteile Voll- oder Teilzeit. Dieser Wandel hat die Erwartungen der Arbeitnehmenden an einen Arbeitgeber verändert – was für Unternehmen zugleich Chance und Herausforderung ist. Die AXA Winterthur sieht die Vielfalt ihrer Mitarbeitenden als grossen Mehrwert. Unter anderem fördert sie deshalb flexible Arbeitsmodelle und familienfreundliche Strukturen, um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Dies hat sehr viele Vorteile: Ein wichtiger Grund ist, dass Mitarbeitende und damit auch ihr Knowhow länger im Unternehmen bleiben – auch wenn sich die private Situation verändert. Dadurch verringert sich die Personalfluktuation und folglich auch die Kosten für die Rekrutierung und Einarbeitung neuer Mitarbeitender. Die Umsetzung familienfreundlicher Massnahmen erhöht zudem die Glaubwürdigkeit gegenüber dem Kundensegment «Junge Familien» und trägt nicht zuletzt


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dazu bei, dass sich Unternehmen als fortschrittliche Arbeitgeber positionieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern können. Für ihre Bestrebungen konnte die AXA Winterthur bereits erste Früchte ernten: Heute arbeiten 40 Prozent mehr Männer Teilzeit als vor vier Jahren. Der Frauenanteil im Senior Management ist im gleichen Zeitraum um 60 und im mittleren Management um 30 Prozent gestiegen. 2011 gewann die AXA Winterthur den Swiss HR Award sowie den Prix Balance des Kantons Zürich. 2012 wurde sie mit dem Prädikat «UND» als familienfreundliches Unternehmen ausgezeichnet. Damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch gelebt wird, ist es notwendig, diese Absichten in den Gesamtkontext des Unternehmens einzubetten. Vielfalt sollte nicht nur im Personalleitbild, sondern auch in der Unternehmensstrategie verankert sein und dadurch ein Arbeitsumfeld und eine Kultur schaffen, die von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt sind. Denn, wenn männliche und weibliche Mitarbeitende ihre Meinungen, Kompetenzen und Persönlichkeiten einbringen, dann entsteht für alle ein Mehrwert.

Yvonne Seitz Head Diversity & Family Care, baute bei der AXA Winter thur die Diversity-Stelle auf. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis im Management, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Age-Diversity.


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St.Galler Kantonalbank

DIE UMSETZUNG IST NUR IM TEAM MÖGLICH

Wo stehen Sie heute beruflich und privat?

Wie sieht dies im Alltag aus?

Seit elf Jahren arbeite ich bei der St.Galler Kanto-

Mein Mann und ich arbeiten aufgrund unserer

nalbank. Ich leite das Ressort Unternehmensent-

Funktionen sehr viel. Deswegen ist die Kinderbe-

wicklung und bin verantwortlich für die Investor

treuung ein wichtiger Punkt. Unsere Kinder wer-

Relations. Zudem ist bei mir die interne und exter-

den seit jeher zu Hause betreut. Dies ist bei vier

ne Kommunikation angehängt, und ich kümmere

Kindern einfacher. Da ich einen längeren Arbeits-

mich vermehrt um das CSR, also die Corporate

weg habe als mein Mann, fahre ich bereits recht

Social Responsibility. Ich arbeite Vollzeit. Das ist

früh am Morgen los und er wartet, bis unsere

die berufliche Seite.

Kinderfrau um halb acht eintrifft. Ich wiederum

Privat, wo stehe ich? Mein Mann und ich haben

versuche jeweils, die Kinderfrau abends um halb

vier Kinder: Die Älteste macht gerade die Matura,

sieben Uhr abzulösen. Unsere Aufgabenteilung

der Jüngste ist viereinhalb Jahre alt. Wir sind also

funktioniert sehr gut, weil wir gut aufeinander

weiterhin mit sämtlichen Herausforderungen und

abgestimmt sind. Ab und zu versuche ich, einen

Fragestellungen des Kinderlebens konfrontiert.

Tag von zu Hause aus zu arbeiten.

Wie schwierig ist es aufgrund ihrer eigenen Er-

Weshalb haben Sie sich für dieses Lebensmo-

fahrung, Kinder und Karriere zu vereinbaren?

dell entschieden?

Für mich ist es bis heute die richtige Entscheidung,

Ich habe meinen Mann während des Studiums

Beruf und Familie zu kombinieren. Die grösste

kennengelernt. Für uns beide war damals schon

Herausforderung ist dabei zu akzeptieren, dass

klar, dass ich nach dem Studium, dem Doktorat

man nicht alles selber machen kann. Es ist wichtig,

und der Erlangung des CEFA-Titels (Certified

einen Partner zu haben, der einen unterstützt, und

European Financial Analyst) nicht für zehn Jahre

dass man alle anfallenden Aufgaben im Haushalt

aussetzen wollte, sondern dass ich auch als Mutter

und die Koordination des Familienlebens gemein-

weiterarbeiten würde. Also noch vor der Geburt

sam anpackt. Wenn mein Mann nicht gewesen

unserer Kinder wussten wir, dass wir bei Beruf

wäre, wäre ich nicht da, wo ich heute stehe. Ohne

und Familie gemeinsame Sache machen werden.

Teamentscheid geht es nicht. Am Anfang der Kar-

Dies war sehr wichtig, denn die Umsetzung ist nur

riere hofft man, dass mit der Zeit alles einfacher

im Team möglich. Wir halten also verschiedene

wird. Tatsächlich werden die Kinder zwar grösser,

Bälle in der Luft und müssen permanent aufpas-

aber dafür wird das Aufgabenfeld zunehmend

sen, dass kein Ball herunterfällt. Dafür braucht es

komplexer.

mehrere Hände.


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Cornelia Gut-Villa Dr. oec. publ., CEFA, ist Leiterin Unternehmungsentwicklung bei der St.Galler Kantonalbank sowie der Investor Relations und verantwor tlich für die Kommunikation. Den Ausgleich zu ihrem Job findet sie in ihrer Familie und bei ihren vier Kindern.

Eine weibliche Top-Führungsperson mit vier

ist, stellt für Wiedereinsteigerinnen eine Heraus-

Kindern ist auch heutzutage nicht der Regelfall.

forderung dar. Das ist oft ein längerer Prozess.

Erleben Sie sich als Vorbild? Ich werde nicht als Vorbild wahrgenommen. Viele

Welchen Tipp geben Sie Wiedereinsteigerinnen

Arbeitskolleginnen und -kollegen wussten lange

auf den Weg?

nicht, dass ich Kinder habe, weil sie mich nie in

Der Schritt zurück ins Berufsleben braucht Mut.

Erwartung gesehen hatten. Als ich mit dem vierten

So sollten Wiedereinsteigerinnen offen sein, in

Kind schwanger war, wurde mir mehrfach zu mei-

welchen Bereich sie nach der Familienphase ein-

nem ersten Kind gratuliert. Das war speziell. Vor

steigen. Es ist schön und gut, seinen Begabungen

allem von der älteren Generation habe ich Bemer-

und Interessen nachzugehen. Doch gerade bei einer

kungen gehört wie etwa: «Du musst einen netten

spezifischen Weiterbildung ist es unerlässlich,

Partner haben» oder «Das ist ein super Ehemann,

Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt im Blick

dass er dich arbeiten lässt». Solche Ansichten gibt

zu behalten. Der Wunsch und die Weiterbildung

es halt immer noch.

alleine sind keine Garantie dafür, später genau diesen Job zu bekommen. Beispielsweise in der

Worin sehen Sie persönlich den Wert von

Kommunikation gibt es viele gut ausgebildete

Wiedereinsteigerinnen für ein Unternehmen?

Personen. Da ist ein Wiedereinstieg schwer. Wie-

Wiedereinsteigerinnen sind heute immer noch eine

dereinsteigerinnen sollten daher gerade bei einer

zu wenig entdeckte Ressource. Ein Vorteil von

Weiterbildung verschiedene Optionen berücksich-

Wiedereinsteigerinnen ist ihr anderer, unvorein-

tigen, auch wenn sie sich dieses Profil vorher nicht

genommener Blickwinkel. Sie haben sich während

vorstellen konnten. Sie sollten offen sein und sich

ihrer beruflichen Auszeit viele weitere Kompeten-

Zeit geben, auch im Hinblick darauf, was sie von

zen angeeignet. Sie packen Dinge anders an und

ihrem Arbeitgeber erwarten. Es braucht zwei, drei

bringen frischen Wind mit. Diese Qualifikationen

Jahre Zeit, um sich wieder gut einzuarbeiten. Dies

können Unternehmen einen Mehrwert bringen.

muss jeder Familienfrau, die zurück in den Job

Gleichzeitig lässt sich die berufliche Auszeit nicht

will, bewusst sein. Es ist zwar hart, aber die Reali-

einfach wettmachen. Die Arbeitswelt ist in dieser

tät.

Zeit ja nicht stehen geblieben. So fehlt einer Wiedereinsteigerin häufig das aktuelle branchenspezifische Wissen. Damit richtig umzugehen und jene Nischen zu suchen, wo ihr Fähigkeitenmix gefragt


Interviews


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Karin Bucher

ICH HABE MIR EIN ANDERES DENKMUSTER ANGEEIGNET Bei der Firma HOCHDORF Nutrifood AG hat die Betriebswirtin Karin Bucher in den letzten sechs Jahren einige Teilzeitpositionen durchlaufen. Seit ihrem Kursabschluss WBB-HSG arbeitet die Mutter von zwei Kindern nun im Marketing und hat ihr Pensum gerade aufgestockt.

Wo stehen Sie heute beruflich und privat? Mit einem 70-Prozent-Pensum bin ich derzeit für das Marketing des Cerealienbereiches der HOCHDORF Nutrifood zuständig. Die HOCHDORF Gruppe ist im B2B, also im Business-to-Business-Geschäft tätig und produziert hochwertige Ingredienzen aus Milch und Getreide für die Lebensmittelindustrie. Seit dem Herbst betreue ich zudem einen Grosskunden, was die Marketingarbeit etwas in den Hintergrund drängt. Seit wann arbeiten Sie bei Ihrer Arbeitgeberin? Ich arbeite dort seit sechs Jahren. Angefangen habe ich als Assistentin des Geschäftsführers mit einem Pensum von 50 Prozent. Nach zwei Jahren habe ich zum Product Management gewechselt. Doch mit 50 Prozent Teilzeit war ich oft dann nicht anwesend, wenn etwas Wichtiges sofort erledigt werden musste ‒ deshalb wurde ich zur Verkaufsassistentin «gemacht». Das war nichts für mich, und ich wurde recht unzufrieden. Um aus diesem Tief wieder herauszukommen und mir neue Chancen zu eröffnen – entweder intern oder ausserhalb des Unternehmens ‒, habe ich mit der Weiterbildung begonnen. Der WBB-Kurs hat mir einen enormen Motivationsschub gegeben. Ich habe mir andere Denkmuster angeeignet, bin jetzt im Marketing tätig und betreue Kundinnen und Kunden. Dies ist abwechslungsreich und herausfordernd, was mir Spass macht. Und privat? Ich bin Mutter zweier schulpflichtiger Kinder, die dieses Jahr 12 und 14 Jahre alt werden, und seit rund vier Jahren geschieden. Wie organisieren Sie die Kinderbetreuung? Als ich wieder anfing zu arbeiten, kam meine Tochter in den Kindergarten. Ich arbeitete vormittags und war am Mittag wieder zurück. Vor vier Jahren hatte ich begonnen, auch einen Tag ganztags zu arbeiten. Die Kinder wärmten ihr Essen selbstständig auf und waren stolz auf sich. Seit zwei Jahren isst meine Tochter an zwei Mittagen das vorbereitete Mittagessen alleine. Meine Arbeitszeit habe ich jetzt so eingeteilt, dass ich jeweils nach Schulende am Nachmittag zu Hause sein kann.


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Eine Fremdbetreuung nutzen Sie also nicht. Nein, es ging immer gut ohne. Mit HOCHDORF als Arbeitgeberin bin ich sehr flexibel. Als die Kinder jünger waren, konnten mein Exmann und ich die gesamte Ferienzeit abdecken. Ich habe vorgearbeitet, wenn die Kinder beim Vater waren. So kam ich auf fast sieben Wochen Ferien im Jahr. Nun sind die Kinder grösser und ihre Selbstständigkeit nimmt zu, so dass sie nicht mehr durchgehend betreut werden müssen. Aus diesem Grund konnte ich nochmals mein Pensum um 20 Prozent aufstocken. Wie sah Ihr Entwicklungsweg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBB-Kurs aus? Als ich vor sechs Jahren bei meiner Arbeitgeberin anfing, war ich froh, dass ich nur zu 50 Prozent arbeitete. Für mich war es anspruchsvoll, alles unter einen Hut zu bringen: Heimkommen und dann die Kinder und den Haushalt managen. Später kamen noch die Trennung und die Scheidung hinzu sowie der Positionswechsel zur Verkaufsassistentin. Dies hat meine Situation sicher nicht einfacher gemacht. Ich war in einer Art Negativspirale gefangen und musste etwas ändern. Seit einem Jahr nehme ich nun sogar ab und zu Arbeit nach Hause, und es funktioniert gut. Früher hätte ich das nicht gekonnt. Damals war ich froh, Beruf und Familie getrennt zu halten. Die Arbeit war eine andere Welt, aber effektiv gefordert war ich zu Hause. Wie ging es dann weiter? Anfang 2011 nahm ich mir vor, in den folgenden zwei Jahren etwas zu verändern. Die Kinder liessen mir immer mehr Freizeit und ich merkte, dass ich nicht genügend gefordert war und bequem wurde ‒ auch im Denken. Aufgrund der Trennung war mir klar, dass ich künftig für mich alleine aufkommen müsse. Zuerst habe ich auch über einen Umstieg, etwas nicht Betriebswirtschaftliches, nachgedacht. Aber ich war über 40, und wie sollte ich mit 20-Jährigen in einem Fachgebiet konkurrieren, in dem ich keine Erfahrung vorzuweisen habe? Schon einige Jahre vorher wurde ich während einer Berufsberatung auf das WBB-Programm aufmerksam gemacht. Das kam mir wieder in den Sinn. Dann ging alles recht schnell, und ich war bereits wenige Wochen darauf in den Kurs eingestiegen. Welche privaten Rahmenbedingungen haben Ihnen bei Ihrem Umstieg geholfen? Mein Exmann hat mich sehr unterstützt. Wenn ich beispielsweise zwei Tage wegen der Kursmodule weg war, hat er zeitig aufgehört zu arbeiten und sich um die Kinder gekümmert. Das war toll und unglaublich hilfreich. Welche Bausteine des WBB waren besonders hilfreich? Dank des WBB habe ich neues Selbstbewusstsein getankt und traute mir wieder etwas zu. Im Kurs war ich unter Gleichgesinnten, wir hatten alle mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Zwar habe ich Betriebswirtschaft studiert, doch im Kurs lernte ich, brancheninterne Gesetzmässigkeiten anders nachzuvollziehen und die Theorie in der Praxis zu verstehen. Nach jedem Modul kam ich zurück und habe mit meinem Chef über die Modulinhalte diskutiert.


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«Manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und weiss nicht wohin. Dann hilft eine kleine Richtungskorrektur, und es kann weitergehen.»

Wie kam es zu Ihrem Positionswechsel? Während des Kurses habe ich weiterhin bei HOCHDORF gearbeitet. Meine Arbeitgeberin war mir arbeitszeitmässig flexibel entgegengekommen, sogar die Arbeitszeit im Kurs wurde mir als Praktikum angerechnet. Die Abschlussarbeit habe ich genutzt, um mich intensiv mit dem Markt und den Produkten meiner Arbeitgeberin zu befassen und dadurch einen noch besseren Einblick in das Geschäftsfeld zu bekommen. Die neue Verantwortung für das Marketing hat sich schliesslich durch eine Umstrukturierung ergeben. Mein Durchhaltewille hat sich gelohnt. Wie wichtig ist für Sie Flexibilität? Sehr wichtig. Mein Arbeitgeber bietet mir viel zeitlichen Freiraum. Sicherlich habe ich mir diesen Freiraum auch in den sechs Jahren erarbeitet. Als ich anfing, hatte ich einen Vorgesetzten, der sich in meine Situation gut einfühlen konnte. Er war selbst Vater und hatte eine Frau, die wieder arbeiten wollte. Ich darf für die Ferienzeit vorarbeiten und Home Office machen. Letztendlich bin ich verantwortlich, dass ich meine Termine einhalte. Zu welchem Zeitpunkt ich die Arbeit mache, spielt nicht so eine Rolle. Klar, es gibt Abteilungen, in denen das nicht so einfach geht wie etwa im Verkaufsinnendienst. Was macht Ihre Arbeitgeberin für Sie attraktiv? Ich bin jetzt sechs Jahre dabei, war in vielen Bereichen tätig und habe einige Veränderungen miterlebt. Bei jedem Bereichswechsel bringe ich das Know-how aus den bisherigen Bereichen mit. Es ist sehr reizvoll, immer wieder eine andere Perspektive einnehmen zu können. Momentan ist es die Marketingperspektive. Ich kenne die Entscheidungswege und weiss, wie ich Dinge vorbringen muss. Das ist natürlich super und auch für das Unternehmen gut. Jetzt kommen die Mitarbeiter auf mich zu und fragen, wie gewisse Dinge ablaufen. Was hat sich aus Sicht Ihrer Kinder seit Ihrem Umstieg verändert? Seit wenigen Wochen habe ich bei der Arbeit 20 Prozent aufgestockt. Die Kinder merken, dass ich mich aufgrund der Aufstockung gerade umstellen muss. Ansonsten hat sich für sie nicht viel verändert, solange daheim alles beim Alten bleibt. Meine Kinder sind jetzt unabhängiger und brauchen mich nicht mehr so wie früher. Mein Sohn ist an der Kantonsschule und kommt erst nach fünf Uhr heim. Alle weiteren Dinge ver-


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legen wir halt auf den Abend oder aufs Wochenende. Angenommen, eine gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Situa tion wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Das WBB zu machen. Ja, eine meiner Bekannten steckt jetzt im Abschluss, denn sie hat sich auch für WBB entschieden. Für mich hat es viel gebracht: um mich wiederzufinden, um Selbstvertrauen zu gewinnen, auch zu merken, wo mein Potenzial steckt, mit Motivation weiterzumachen und das Blickfeld zu öffnen für interessante Sachen. Am meisten Angst habe ich davor, dass sich nun die Bequemlichkeit wieder breitmachen könnte. Wir sind am Schluss unseres Interviews angelangt. Möchten Sie noch etwas hinzufügen? Manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und weiss nicht wohin. Dann hilft eine kleine Richtungskorrektur, und es kann weitergehen. So habe ich das WBB empfunden: spannende Referierende und Module. Die zwei Modultage gingen stets wie im Flug vorbei, und ich freute mich bereits auf das nächste Modul.

Gut zu wissen KMU und Familienunternehmen in der Schweiz KMU sind interessante Arbeitgeberinnen für Wiedereinsteigerinnen. Sie bieten häufig generalistische Funktionen an, für welche die Wiedereinsteigerinnen aufgrund ihrer Lebenserfahrung die nötigen Kompetenzen mitbringen. Es gibt rund 313’000 Unternehmen in der Schweiz. Über 99 Prozent davon zählen zu den sogenannten KMU (kleine und mittlere Unternehmen bis maximal 250 Beschäftigte). Dabei stellen Mikrounternehmen (bis neun Beschäftigte) mit 87 Prozent den grössten Anteil. Die KMU bieten zwei Drittel aller Arbeitsplätze und den Grossteil der Lehrstellen an. Fast 90 Prozent aller Unternehmen in der Schweiz sind Familienunternehmen. Viele KMU leiden an Überalterung. Zwischen 18 und 25 Prozent aller KMU müssen in den nächsten fünf Jahren die Unternehmensnachfolge regeln, das heisst circa 12’000 KMU pro Jahr. Dabei gewinnt die familienexterne Über tragung zunehmend an Bedeutung. Quellen: • Kuhn-Spogat, Iris. 12’000 KMU suchen Nachfolger (Teil 1). In: Panorama – der offizielle Raiffeisenblog, 22.04.2013. • PWC (2012). Stefan Gerber über KMU. Abrufbar unter : http://www.pwc.ch > Alles über uns > Berichterstattung > Puls der Schweiz > KMU. • KMU next: KMU Nachfolge – Quo Vadis? Bericht Nr. 1/2012.

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Raquel Delgado Moreira

MAN MUSS HOFFNUNG HABEN UND AN SICH GLAUBEN Raquel Delgado Moreira besuchte den ersten WBB-Kurs. Sie studierte in Spanien Philosophie und Wissenschaftsgeschichte, promovierte und arbeitete an einem College in London und war Gastdozentin an der ETH Zürich. Als Mutter von zwei Mädchen arbeitet sie heute im Friedhof Forum des Bestattungsamtes Zürich.

Wo stehen Sie heute beruflich und privat? Seit bald zweieinhalb Jahren arbeite ich in Teilzeit bei der Zürcher Stadtverwaltung. Teilzeit heisst bei mir 40 Prozent; gewünscht wäre wahrscheinlich, dass ich mehr arbeite. Ich bin Mutter von zwei Mädchen. Die Ältere geht mit sechseinhalb Jahren bereits in die Schule, die Kleine geht in die Krippe und ist 14 Monate alt. Was genau arbeiten Sie bei der Stadtverwaltung? Ich habe einen interessanten und spannenden Job. Das Friedhof Forum ist ein Kultur- und Servicezentrum rund um das Thema Tod. Ich kümmere mich um die historischen Gräber und generell um die Friedhöfe als Kulturgüter. Ich pflege und fördere Kontakte mit dem Grabmalgewerbe und Restauratoren, kümmere mich um Kundenanfragen und unterstütze andere Kolleginnen und Kollegen punktuell bei Kulturprojekten – alles Tätigkeiten, von denen ich vor drei Jahren noch nie gehört hatte. Sie sind eine promovierte Akademikerin. Wie kam es zu Ihrem Umstieg? Es ist ein Quereinstieg. Ich bin von Natur aus Forscherin, das macht meine Identität aus. In verschiedenen Ländern zu studieren und zu arbeiten ist spannend, aber man muss sich stets ein neues Netzwerk aufbauen. Nach dem Doktorat hätte ich in die USA gehen oder in England an der Universität bleiben können. Doch die Liebe zu meinem Mann brachte mich in die Schweiz. Hier habe ich versucht, beruflich Fuss zu fassen, doch rasch gemerkt, dass es nicht einfach wird. Als an der Universität Zürich eine Stelle ausgeschrieben wurde, war ich mir sicher, dass es zu einem Kontakt komme, aber ich wurde nicht einmal zum Gespräch eingeladen. Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Und was folgte dann? Mir wurde in jener Zeit klar, dass das akademische Umfeld nicht mehr das Richtige für mich war. Da habe ich begonnen, mich zu informieren,


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und bin durch einen Newsletter auf das WBB gestossen. Mein Interesse war geweckt, doch der Kurs war recht teuer. Wir waren relativ jung, frisch doktoriert, nur mein Mann arbeitete und wir hatten ein kleines Kind. Trotzdem meinte mein Mann, es sei vielleicht das Richtige für mich. Mein Bruder hat uns schliesslich geholfen, eine Lösung zu finden. Wie sind Sie zu Ihrer jetzigen Anstellung gekommen? Nach dem WBB hatte ich mich auf sehr viele Stellenausschreibungen beworben, die meist einen Bezug zur Universität, zur Wissenschaft oder Kultur hatten. Ich wurde mehrfach eingeladen, doch bin ich nirgendwo hineingekommen. Als ich bereits daran war, den Mut zu verlieren, schrieb mir Gudrun Sander, in der Stadtverwaltung in Zürich sei ein Praktikum zu besetzen. Mein Lebenslauf ging anscheinend auf Reisen, und irgendwann erhielt ich ein Praktikumsangebot der Fachstelle für Friedhofskultur. Die Chemie zwischen meiner Chefin und mir hat sofort gestimmt. Es sollte darum gehen, ein Buch zu machen. Ich war begeistert. Sie haben Ihre Chefin bei einer Publikation unterstützt? Ja. Das Buch ist noch nicht publiziert; es erscheint erst im Frühling. Ich habe Forschungen durchgeführt und die Texte lektoriert. Der Fokus lag auf den Originalquellen, den Dokumenten und Überlieferungen. Meine Chefin brauchte Unterstützung bei der Dokumentation der Gräber und der Pflege der Datenbank. Ich konnte meine akademische Erfahrung wunderbar einbringen. Wie lange dauerte das Praktikum? Das Praktikum dauerte ursprünglich drei Monate. Danach war das Projekt Friedhof Forum noch nicht realisiert, und die Arbeit am Buch war auch noch nicht beendet. So durfte ich bleiben. Ich musste nicht mehr viel kämpfen, denn dies hat meine Chefin übernommen. Es folgte eine sechsmonatige Anstellung, und danach wurde ich unbefristet angestellt. Mit jedem Schritt bekam ich einen höheren Lohn. Eine tolle Entwicklung. Gab es eine besonders schwierige Situation auf Ihrem Weg zum Ums t i e g ? Es war die Kombination aus verschiedenen Frustrationsquellen. Ich fand keinen Job. Ich war in einem neuen Land und fand nicht richtig hinein. Zudem wollten wir noch


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ein zweites Kind, was eine weitere Pause bedeutet hätte. Aus medizinischen Gründen war das kompliziert. Es war eine sehr schwierige Phase. Wie organisieren Sie die Kinderbetreuung? Eine Zeit lang war es schwierig, weil meine ältere Tochter nach dem Kindergarten eigenständig zum Hort und zu einer Tagesmutter ging. Nun ist es viel einfacher, weil sie einen Platz in einer Tagesschule hat. Den zweiten Kinderwunsch hatte ich mittlerweile aufgeben, und so beabsichtigte ich, mein Pensum aufzustocken. Dann wurde ich plötzlich schwanger. Obwohl es klar war, dass ich künftig nicht würde 80 Prozent arbeiten können, haben wir den Platz in der Tagesschule angenommen. Das war die beste Entscheidung meines Lebens. Während der Schwangerschaft war ich mehrere Monate im Spital. Da mussten wir die Kinderbetreuung ganz ohne Verwandte organisieren und ich war sehr froh, dass meine ältere Tochter in die Tageschule ging. Meine jüngere Tochter geht jetzt in die Kindertagesstätte (KiTa).

«Es braucht Mut zur Fantasie. Denn es gibt keinen geraden Weg, eine solche Situation zu meistern.»

Zu jener Zeit waren Sie bereits beim Bestattungsamt angestellt. War dies problematisch? Nein, alle waren unglaublich kooperativ, unterstützend und verständnisvoll. Meine damalige Chefin meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, sie würden auf mich warten. Meine zweite Tochter ist einen Monat zu früh zur Welt gekommen. Ich wollte daher erst nach fünf Monaten wieder arbeiten gehen anstatt der üblichen vier. Auch das war kein Problem. Eine Zeit lang habe ich 40 Prozent gearbeitet, eigentlich zu wenig für eine Stelle mit eigenem Zuständigkeitsbereich. Nun arbeite ich 40 bis 50 Prozent. Was macht Ihre Arbeitgeberin für Sie attraktiv? Flexibilität ist ein wichtiger Punkt. Zudem haben die Angestellten beim Bestattungsamt ein feines Gespür für Zwischenmenschliches. Das gefällt mir. Wenn etwas mit den Kindern los ist, kann ich Zeit kompensieren und von zu Hause aus arbeiten. Man weiss dort, dass ich doktoriert habe, und begegnet mir mit Respekt, auch wenn ich nicht dieselbe praktische Erfahrung wie sie mitbringe. Durch die Arbeit fühle ich mich auch der Schweiz und Zürich näher. Früher war Geschichte für mich das 17. Jahrhundert und Isaac Newton, über den ich promoviert habe, und heute ist sie lokaler und moderner. Das ist spannend

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und motiviert mich. Welche Bausteine des WBB waren besonders hilfreich? Das Coaching hat mir geholfen und der Kontakt zu anderen Frauen, die alle arbeiten wollten. Ich hatte einen sehr guten Coach; sie hat mir ein St체ck Selbstvertrauen wiedergegeben. Das ist etwas, was ich wirklich gebraucht hatte. Der Inhalt war ebenfalls spannend und qualitativ hochwertig und hat mir wieder das Vertrauen gegeben, dass ich Neues schnell lernen und umsetzen kann. Zudem war es eine Herausforderung, dass der Kurs auf Deutsch gehalten wurde und ich dies meistern konnte. Wie wichtig sind f체r Sie Netzwerke? Sie spielen eine wichtige Rolle. Denn ohne mein WBB-Netzwerk w채re ich nicht zu meiner Anstellung gekommen. Immerhin musste ich mir in der Schweiz ein neues Netzwerk aufbauen. Momentan habe ich


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wenig Zeit, meine Kontakte zu pflegen. Aber das wird sich wieder ändern. Was würde Ihr Partner sagen? Was hat sich seit Ihrem Umstieg verändert? Ich bin glücklicher. Früher war ich unzufrieden und gestresst, weil ich nicht das umsetzen konnte, was ich mir wünschte. Erstaunlicherweise meint mein Mann, für ihn habe sich nicht viel geändert. Dabei muss er manchmal früher nach Hause kommen oder nachmittags daheim sein, weil ich eine wichtige Sitzung habe. Angenommen, eine sehr gute Freundin steckt in einer ähnlichen Situation wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Sie soll auf ungewöhnlichen Wegen versuchen, eine Stelle zu finden und Mut zur Fantasie zu haben. Denn es gibt keinen geraden Weg, eine solche Situation zu meistern. Wichtig ist es, aktiv zu bleiben und das Ziel immer im Blick zu haben. Meine Nebentätigkeiten während der Bewerbungsphase haben mir bereits eine gewisse Zufriedenheit gegeben. Wenn es um eine Umorientierung geht, empfehle ich, dass man etwas wie das WBB oder Ähnliches macht. Wir sind am Schluss unseres Interviews angelangt. Möchten Sie noch etwas hinzufügen? Meiner Meinung nach habe ich viel gelernt. Man muss unbe-

Gut zu wissen Anerkennung von Studienabschlüssen Wenn gut ausgebildete Frauen wegen ihres Par tners in die Schweiz kommen, rechnen sie meist damit, dass sie relativ schnell wieder eine Anstellung finden. Doch die Realität sieht oft anders aus. Die Integration der Kinder braucht Zeit, die Betreuungsmöglichkeiten sind begrenzt und teuer, Firmen nehmen diese Frauen als Hausfrauen und Mütter wahr, und wenn dann auch Sprachprobleme dazukommen, wird es doppelt schwierig. Ein wichtiger erster Schritt, der sich vor der ersten Bewerbung in der Schweiz lohnt, ist die Anerkennung eines ausländischen Abschlusses. Für die Anerkennung von ausländischen Universitätsabschlüssen ist die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten und der beiden ETH zuständig (➝ www.crus.ch). Für die Anerkennung von Berufsdiplomen und Fachhochschulen aus den Bereichen Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Soziale Arbeit und Kunst ist das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI zuständig (➝ www.sbfi.admin.ch).

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Donata Gianesi

ES SCHLUMMERT WAHNSINNIG VIEL POTENZIAL ZU HAUSE Als studierte Kunsthistorikerin arbeitet Donata Gianesi seit dem dritten WBB-Kurs in Teilzeit für das Kunstengagement von Raiffeisen Schweiz. Die Flexibilität ihrer Arbeitgeberin kommt der Mutter von zwei Kindern sehr entgegen.

Wo stehen Sie heute beruflich und privat? Ich bin seit zwei Jahren bei Raiffeisen Schweiz zuständig für das Kunstengagement. Raiffeisen Schweiz ist das Dienstleistungszentrum der Raiffeisengruppe. In meine jetzige Tätigkeit fliessen alle Erfahrungen ein, die ich je gesammelt habe, also die Erfahrung mit der Architektur, das Lesen von Plänen, die Eventerfahrung, meine Erfahrung mit Journalisten und Journalistinnen sowie meine Faszination für die Verbindung von Kunst und Wirtschaft. Bereits während meines kunsthistorischen Studiums war ich fasziniert von der Verbindung von Kunst und Wirtschaft, beispielsweise vom Einfluss der seriellen Autoproduktion in Entwürfen von Le Corbusier. Während der Semesterferien arbeitete ich beim Automobilsalon in Genf. Ich habe damals eine TV-Sendung zum Thema «Das Automobil in der Kunst» bestritten und später den allerersten Bugatti EB 110 an einen Schweizer verkauft. Und wie ging es dann weiter? Ich zog mit meinem Mann für einige Jahre nach Deutschland, zu einer Zeit, als ich als Schweizerin dort keine Arbeitserlaubnis erhielt. Als wir in die Schweiz zurückkamen, hatte ich bald zwei Kinder, das eine davon wurde schwer krank. Die dunklen Wolken zogen glücklicherweise vorüber und es wurde Zeit, wieder ins Berufsleben zurückzufinden. Rasch habe ich gemerkt, dass ich mehr Wirtschaftswissen benötige und mir die richtige Sprache fehlte, um Kunst mit Wirtschaft zu verbinden – diesen Code, den die Menschen in derselben Berufsgattung verwenden. Darum habe ich den WBB-Kurs absolviert. Und privat? Ich arbeite derzeit 50 Prozent Teilzeit und habe einen sehr flexiblen Arbeitgeber. Meine Kinder sind eigenständig und besuchen einen Mittagstisch. Bevor ich aus dem Haus gehe, wecke ich sie, und am Abend sind sie bereits eine Stunde zu Hause. Statt dass sie ihre Hausaufgaben machen, erwische ich sie halt mal vor dem Fernseher. Wie sah Ihr Entwicklungsweg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBBHSG aus? Meine Kinder wurden älter. Und was mache ich, wenn sie irgendwann aus


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«Jeder muss seinen eigenen Einsatz bringen und seinen eigenen Weg gehen.» dem Haus sind? Mir war klar, das muss ich angehen, bevor ich 50 bin. Doch wie sollte ich an eine Stelle kommen, die meiner Ausbildung entspricht? Seit meinem Abschluss hat sich so viel getan. Mir wurde rasch klar: Ich muss eine Weiterbildung machen, die allein schon aufgrund ihres Rufs für jeden erkennbar hochwertig ist. Welche privaten Rahmenbedingungen haben Sie bei Ihrem Wiedereinstieg unterstützt? Was war eher hinderlich? Bei mir waren die Kinder die grosse Unterstützung. Sie sind heute 12 und 14 Jahre alt. Zu Beginn der Weiterbildung waren sie noch sehr klein. Sie fanden es toll, dass Mami weg war und sie selbstständig für sich schauen mussten. Nach dem Läuten des Weckers sind sie alleine aufgestanden ‒ und mittags nach einem zweiten Wecker pünktlich zur Schule gegangen, nachdem sie für sich gekocht hatten. Denn anfänglich gab es noch keinen Mittagstisch. Das war eine unglaubliche Leistung von den beiden. Gab es eine besonders schwierige Situation auf dem Weg zum Wiedereinstieg? Das Schwierigste war in der Schlussphase die Kombination aus Kurs, Abschlussarbeit und Praktikum. Alles zur selben Zeit. Wir hatten ein Modul in den Räumen von Raiffeisen. Ich sah den Roten Platz von Pipilotti Rist und in der Eingangshalle die Wandbilder von Sol LeWitt und war begeistert. Während der Pause habe ich sofort den zuständigen Mitarbeiter von Raiffeisen gefragt, ob ich ein Praktikum in der Kunstabteilung absolvieren dürfe. Drei Monate bin ich für mein Praktikum von 80 Prozent zwischen Zürich und St. Gallen gependelt. Das war sehr anstrengend. In welcher Verbindung steht Ihr Praktikum zu Ihrer Abschlussarbeit? Meine Abschlussarbeit habe ich parallel zum Praktikum über Kunstengagements von sechs Unternehmen geschrieben, darunter auch Raiffeisen. Wie sie geführt werden und nach aussen auftreten. Es nahm mich wunder, ob Firmen mit verschiedenen Kerngeschäften auch ein unterschiedliches Kunstengagement pflegen. Noch heute hilft mir die Abschlussarbeit sehr. Indem ich die unterschiedlichen Kunststrategien kenne, kann ich die unsrige viel präziser positionieren und abgrenzen sowie besser


nach aussen vertreten. Und wie hat sich aus dem Praktikum eine Anstellung ergeben? Die Zuständige eines Kunstanlasses fiel unerwartet aus. Da der Anlass in Zürich stattfand und Raiffeisen jemanden suchte, der sich dort im Umfeld auskennt, kamen sie auf mich zu. Raiffeisen ist mir mit den Arbeitszeiten sehr entgegengekommen. Als das Ganze zur Freude der Bank gut über die Bühne gegangen war, wurde ich gefragt, ob ich nicht bleiben wolle. Sie waren scheinbar im richtigen Moment am richtigen Ort. Das ist meine Überzeugung. Doch es hat auch viel Anstrengung gebraucht, um so weit zu kommen ‒ wobei der Kurs mit seinen Unternehmenspartnerschaften sehr hilfreich war. Dank des Kurses steigt man bereits an einem altersgerechten Ort ein. Das ist nach einer Familienpause gar nicht selbstverständlich. Jetzt kommen mir meine grauen Haare zugute und ich werde als Respektsperson wahrgenommen. In sonstigen Bewerbungsverfahren wird dies nicht immer als Mehrwert angesehen. Haben Sie sich vor dem WBB auf Stellenausschreibungen beworben? Nur auf sehr ausgewählte im Kunstbetrieb, bei denen ich annahm, dass die Breite meiner Erfahrungen und das Wissen einen Wert haben. Doch auf diesem Niveau gibt es enorm viele Bewerbungen. Personalverantwortliche sagten mir einmal, sie würden


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zuerst den Uni-Abgängern eine Chance geben. Aufgrund der Absagen wurde mir klar, dass ich eine Weiterbildung machen muss.

Das Praktikum und die Abschlussarbeit haben bei Ihrem Wiedereinstieg eine zentrale Rolle gespielt. Gab es noch andere Bausteine des WBB, die hilf reich waren? Mir hat es sehr geholfen, die unternehmerische Denkstruktur kennenzulernen. Alles ist heute ökonomisiert und in klaren Schemata strukturiert. Wenn ich heute etwas darstellen will und verstanden werden möchte, muss ich von Chancen und Risiken oder öffentlichem Bekanntheitsgrad und Aufwand sprechen. Vorher hätte ich mit langen Sätzen und blumig gesprochen. Viele dieser Wirtschaftsbegriffe habe ich vorher schon gekannt, aber ich wusste nicht genau, wo sie verortet sind. Jetzt weiss ich es. Weshalb ist Ihre jetzige Arbeitgeberin für Sie attraktiv? Von Beginn an hat mir gefallen, dass bei Raiffeisen die Kunst nicht für die Teppichetage gedacht ist. Aufgrund der dezentralen Struktur der Raiffeisengruppe kann jede Bank selber entscheiden, ob sie Kunst anschaffen möchte oder nicht. Gleichzeitig verfolgt die Corporate Identity einen schweizweit prägnanten Architekturauftritt, der zur Integration


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von moderner Kunst in den Bau anregt. Auch meine Arbeitsinhalte sind anregend, spannend und geben mir Zugang zur aktuellen Schweizer Kunst. Gibt es noch weitere wichtige Faktoren? Ich konnte von Anfang an meine Arbeitszeiten mitstrukturieren. Auch entwickelt sich meine Tätigkeit ständig weiter. Angetreten hatte ich anfangs ein Projekt. Durch meine Begeisterung, durch meine Erfahrungen und meine Anstösse hat sich mein Aufgabengebiet stetig verändert und erweitert. Angenommen, eine sehr gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Situation, wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Ich würde ihr sicher raten, eine Weiterbildung zu machen, eventuell WBB. Ich fürchte mich zwar davor, dass andere mich als Rollenmodell ansehen und annehmen, es werde ihnen gleich ergehen wie mir. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe den richtigen Einsatz geleistet. Dies lässt sich nicht einfach wiederholen. Jede muss ihren eigenen Einsatz bringen und ihren eigenen Weg gehen. Wir sind nun am Schluss des Interviews angelangt. Möchten Sie noch etwas hinzufügen? Es schlummert wahnsinnig viel Potenzial zu Hause: Frauen, die super ausgebildet sind und nicht den Weg zurück ins Berufsleben finden. Es ist erstaunlich, wie hart der Weg ist und dass diese Frauen tatsächlich eine Weiterbildung wie das WBB brauchen. Eine Familienpause ganz ohne externe Arbeit werden sich künftig Frauen – und Männer – nur noch selten leisten können. Schön, wenn es Arbeitgeber gibt, die familienfreundliche Lösungen für alle bieten.

Gut zu wissen Neue Arbeitsmodelle Neue Arbeitsformen leisten einen wesentlichen Beitrag zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit. Darüber hinaus erhöhen sie die Produktivität der Unternehmen und reduzieren den Pendlerverkehr. Home Office etwa wird für immer mehr Betriebe und Mitarbeitende zu einer arbeitsorganisatorischen Alternative. Diesen Trend unterstützt der jährliche Home Office Day. Er macht auf das Potenzial von flexibleren Arbeitsformen aufmerksam. In der Schweiz haben 450’000 Beschäftigte aufgrund ihrer Tätigkeit Potenzial für einen Tag Home Office pro Woche. Wenn es gelingt, dieses Potenzial auszuschöpfen, profitieren die Wir tschaft, die Familien und die Umwelt. Es könnten unter anderem 67’000 Tonnen CO 2 eingespar t werden. Die Initiative wird von einem breiten Patronat und Netzwerk getragen und unterstützt. Quelle: www.homeofficeday.ch

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Carole Meier

DER FUNDIERTE EINBLICK HAT MIR VIELE TORE GEÖFFNET Als Tänzerin und Tanzlehrerin war die Mutter von drei Kindern nahezu ununterbrochen beruflich aktiv. Die vielen Tourneeaufenthalte mit ihrer eigenen Tanzcompagnie brachten sie schliesslich an die Grenze der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Heute ist Carole Meier Geschäfts führerin und Teilhaberin einer Tanzschule.

Wo stehen Sie heute beruflich und privat? Beruflich habe ich meine Traumstelle gefunden. Mit einem Geschäftspartner habe ich im vergangenen Jahr eine Tanzschule übernommen und arbeite dort 80 bis 100 Prozent. Ich mache die Geschäftsleitung und mein Geschäftspartner unterrichtet vorwiegend. Momentan stecken wir noch mitten in der Neuausrichtung der Schule, und das ist super. Privat habe ich das Gefühl, dass nun alles mehr oder weniger stimmt. Die beiden Töchter sind mit 10 und 13 Jahren schon relativ selbstständig. Der Kleinste wechselt jetzt von der KiTa (Kindertagesstätte) in den Kindergarten. Das wird ein organisatorisch grosser Schritt. Mein Mann arbeitet 100 Prozent. Jetzt habe ich das Gefühl, dass wir jetzt wissen, wo unser Platz ist und wir uns dabei gut fühlen. Wie sah Ihr Entwicklungsweg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBB aus? Und wie danach? Vor dem WBB-Kurs geriet ich in eine berufliche Krise. Ich leitete 10 Jahre lang meine eigene Compagnie und habe Tanz unterrichtet. Mit der Compagnie war ich viel unterwegs. Es wurde zunehmend schwieriger, meinen Job und meine Familie unter einen Hut zu bringen und alles Nötige zu organisieren. Ich habe gemerkt, dass ich nicht der Typ bin, der das kann. Das hat mich beinahe zerrissen. Es ging mir nicht gut und ich merkte, dass ich unbedingt eine Pause brauchte. Ich habe nicht mehr unterrichtet und die Compagnie auf Eis gelegt. Dann kam das dritte Kind zur Welt, das wir uns schon lange gewünscht hatten, und mir wurde klar, dass ich nicht zurück will. Ich habe viel herumgeforscht und kam dabei auf die Weiterbildung der HSG. Was passierte dann? Für mich wurde im Jahr 2009 klar, dass ich nichts mehr mit Kunst und Kultur zu tun haben wollte. Ich merkte, dass ich etwas lernen wollte, und kam bei meiner Suche auf den WBB-Kurs, d.h. die Management-Weiterbildung für Frauen. Wirtschaft und Management erschienen mir anfänglich sehr fern von meiner


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bisherigen Welt. Da mein Vater ein eigenes Geschäft besass, kannte ich einiges aus meiner Kindheit. Den Kurs zu absolvieren war für mich ein sehr guter Schritt und brachte mir eine extreme Horizonterweiterung, auch wenn ich jetzt nicht sagen kann, dass ich Wirtschaft studiert hätte. Der Kurs war mehr ein Schnuppern in den einzelnen Themenbereichen. Plötzlich ergab sich die Option, jene Tanzschule zu übernehmen, in der ich bisher unterrichtet hatte. Im Sommer 2012 war es dann so weit; gemeinsam mit meinem Geschäftspartner habe ich den Schritt gewagt. Welche privaten Rahmenbedingungen haben Sie bei Ihrem Umstieg unterstützt? Was war eher hinderlich? Mein Mann hatte mich stets voll und ganz unterstützt als Tänzerin mit eigener Compagnie und den vielen Auslandsaufenthalten – und auch bei meinem Wunsch, die Ausbildung WBB-HSG zu machen. Meine Mutter hat während aller Kurstage meine Kinder betreut, und mein Vater hat mich finanziell unterstützt. Ich hatte also wenige Hindernisse. Gab es eine besonders schwierige Situation auf Ihrem Weg? Ja, als ich nach dem WBB wieder in der Tanzschule eingestiegen bin. Während meiner Weiterbildung waren die Betreuung der Kinder und das Familienleben organisiert. Erst danach, also beim Wiedereinstieg in das Berufsleben, wurde es schlagartig schwierig. Die private Rollenaufteilung musste neu definiert werden; damals hatten wir in der Familie und in der Partnerschaft schwere Zeiten. Nicht selten flogen die Fetzen, obwohl ich grundsätzlich wusste, dass mein Partner mich stets unterstützte. Was war schwierig an der neuen privaten Rollenverteilung? Die Aufteilung der vielen kleinen und grossen Alltagsdinge! Die beiden Töchter kommen und gehen selbstständig, aber den Jüngsten muss man in die KiTa bringen und wieder abholen. Dies war ein anhaltendes Diskussionsthema, weil ich auf Dauer nicht einsah, wieso nur ich von der Arbeit nach Hause stressen musste. Auch die vermeintlich «kleinen» familiären Aufgaben sind Arbeit wie vieles andere, und diese muss verteilt werden. Es hatte sicherlich ein Jahr gedauert, bis wir bei allen diesen Dingen eine Lösung gefunden hatten. Das ist das eine; das andere ist, bei den Alltäglichkeiten und Problemen der Kinder Verantwortung zu übernehmen. Abends sind wir zu fünft, und jede und jeder möchte 1000 Sachen erzählen. Es gilt, den nächsten Tag durchzusprechen und zu organisieren. Mal gab es Probleme in der Schule, oder es musste mit dem Lehrer telefoniert werden. Es gab immer wieder etwas anderes, das viel Kraft und Zeit erforderte – bis dahin meist meine.


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Wie haben Sie dies mit Ihrem Partner lösen können? Nach vielen Gesprächen waren wir letztendlich zu einem Coach gegangen. Seit einem halben Jahr merke ich, dass dies jetzt greift. Mein Mann führt mittlerweile die Diskussionen mit der pubertierenden Tochter. Er hält den Kontakt zum Lehrer aufrecht. Das ist unglaublich viel. In diesem Bereich muss ich mich heute wirklich nicht mehr einmischen, und es nimmt mir enorm viel Druck weg. Wobei ich zugegebenermassen regelrecht lernen musste, mich nicht mehr einzumischen. Tja, es gehört immer beides dazu. Doch rückblickend hätte ich bei einigen Dingen schneller Nein sagen sollen. Wie organisieren Sie die Kinderbetreuung? Die Mädchen gehen in die Tagesschule mit Mittagstisch, und der Jüngste wird nach dem Kindergarten jeweils bis 18 Uhr betreut. Die Grösseren sind jetzt alt genug, dass sie nach der Schule selbstständig ihre Hausaufgaben erledigen und in die Musikstunde gehen. Das machen sie wirklich gut.

«Es ist wichtig, den Mut zu haben, einen neuen Standpunkt einzunehmen.»

Welche Bausteine des WBB waren bei Ihrem Umstieg besonders hilfreich? Es war kein einzelner Baustein, sondern das Gesamtpaket, das mir wichtig war. Die fachbezogenen Module fand ich extrem spannend, weil die Inhalte für mich neu waren. Ja, die Wirtschaftlichkeit war für mich in Bezug auf Kunst und Kultur ein völlig neuer Aspekt. Da hat mir der Kurs sehr geholfen. Spannend ist, dass ich meine Projekte jetzt nicht mehr nur danach betrachte, wie künstlerisch und inhaltlich wichtig sie mir sind, sondern ich habe direkt im Blick, wie ich sie mit einem anderen Angebot quersubventionieren kann. Viel gelernt habe ich auch im Umgang mit dem Personal. Natürlich könnte ich zu jedem Modul nochmals einen Jahreskurs belegen. Doch der fundierte Einblick hat mir viele Tore geöffnet und mir den Zugang zur Fachliteratur geebnet. Wäre die Geschäftsführungsposition bereits vor dem WBB eine Option für Sie gewesen? Ich hätte es mir damals nicht zugetraut. Ich hätte es wahrscheinlich schon geschafft, aber das Selbstvertrauen kam erst im WBB-Kurs. Natürlich gewann ich mehr Fachwissen, auch wenn es kein Wirtschaftsstudium war. Ich weiss heute, wo ich nachschlagen kann. Alle wichtigen Bücher stehen heute in meinem Büro – und ich brauche sie regelmässig. Was macht Ihre jetzige Arbeitsstelle für Sie so attraktiv? Obwohl ich


Carole Meier

vom Tanz weg wollte, bin ich doch dorthin zurückgekehrt – doch diesmal in einer neuen Funktion. Und das ist wunderbar so. Mein Herz schlägt halt für den Tanz. Mein ganzes bisheriges Leben habe ich mit Tanz verbracht. Nun stehe ich jedoch nicht mehr als Tänzerin unter Druck, sondern ich habe Angestellte, Lehrkräfte, die ich fördern kann. Diese kommen selber mit Projekten und Ideen, und ich kann entscheiden, was wir bei uns umsetzen. Ich kann die Lehrkräfte unterstützen, die selber Compagnien haben, und Schülerinnen und Schüler fördern, die Tänzerinnen und Tänzer werden wollen. Mit einem Blick auf die Zahlen und die Finanzen erkenne ich, was funktioniert und was nicht – und plane die Tanzkurse. Die gesamte Bandbreite meiner Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten macht meine Arbeit zu einem Traumjob. Was würde Ihr Partner sagen? Was hat sich seit Ihrem Umstieg verändert? Anfangs gab es viel Stress zu Hause. Meine Familie empfand das alles als eine Zumutung. Zwischenzeitlich hat sich unser Zusammenleben beruhigt und eingespielt. Mein Mann merkt, wie sehr mir die Arbeit gefällt. Die Kinder sind ebenfalls stolz auf mich. Anfangs bemängelten sie noch viel, ich sei zu wenig zu Hause. Das kommt nun nicht mehr vor. Vielmehr geniessen alle ihre neu gewonnenen Freiheiten. Der Jüngste kennt es eh nicht anders! Angenommen, eine sehr gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Situation wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Ich würde ihr raten, den Mut zu haben, eine Pause einzulegen und mit dem bisherigen Leben zu brechen. Es ist wichtig, den Mut zu haben, einen neuen Standpunkt einzunehmen. Als ich mittendrin steckte, war es zwar sehr anstrengend, aber mit dem Gewohnten zu brechen und etwas Neuem Platz zu machen hat mir sehr gut getan.

Gut zu wissen

Fach- versus Führungskarrieren In den deutschsprachigen Ländern ist immer noch weitverbreitet, dass Führungskraft wird, wer fachlich entsprechend ausgezeichnet ist. Die beste Chirurgin wird Chefärztin und der beste Verkäufer Verkaufschef. Allzu oft wird dabei ausser Acht gelassen, dass eine Führungsposition andere Anforderungen hat und andere Kompetenzen braucht. Denn leidenschaftliche Fachleute sind nicht unbedingt die besten Führungskräfte. In Führungs positionen fachlich absolut exzellent zu sein ist dabei nicht immer notwendig, genauso wenig wie ungebrochene Karriereverläufe. Dagegen muss eine Führungskraft «...das Unentscheidbare entscheiden können, dabei die freiwillige Loyalität ihrer Mitarbeitenden wahren sowie kollektive Arbeits- und Entscheidungsfähigkeit als Voraussetzung für eine anspruchsgruppengerechte Wer tschöpfung herstellen…» (Prof. Dr. Johannes Rüegg-Stürm). Oder anders ausgedrückt: Kommunizieren, motivieren, überzeugen, netzwerken, planen, organisieren, führen und vor allem entscheiden! Moderne Arbeitgeber bieten zunehmend beide Karrierewege an.

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Catherine Ochsenbein

ICH HABE MICH SELBER BESSER KENNENGELERNT Nach langer Familienphase kann die studierte Biologin heute als Parlamentsführerin im Bundeshaus ihre Leidenschaft für Sprachen beruflich einsetzen. Ihre Tätigkeit verlangt ein hohes Mass an Flexibilität und Eigeninitiative. Bald wird sie als Koordinatorin für den reibungslosen Ablauf des achtköpfigen Teams von Parlamentsführerinnen und -führern verantwortlich sein.

Wo stehen Sie heute beruflich und privat? Beruflich stehe ich momentan an einem sehr guten Ort. Seit gut drei Jahren arbeite ich an vier Tagen in der Woche als Parlamentsführerin im Bundeshaus. Alles hat sich sehr gut entwickelt. Vor wenigen Tagen wurde mir bestätigt, dass ich die Stelle als Koordinatorin erhalten habe, auf die ich mich beworben hatte. Deshalb stehe ich beruflich sehr positiv da. Und privat? Ich bin glücklich verheiratet. Meine Kinder sind 26 und 28 Jahre alt und bereits ausgezogen. Wenn es irgendwie geht, kommen sie am Sonntag mit ihren Freundinnen und Freunden zum Essen. Sie haben ihr Studium abgeschlossen und suchen nun ihren eigenen Weg. Das ist eine sehr spannende Zeit. Ich stehe auch frisch im Berufsleben und kann mich gut mit ihnen identifizieren. Was genau machen Sie als Parlamentsführerin? Sehr viel und Verschiedenes. Täglich gibt es im Bundeshaus etwa sechs Parlamentsführungen in verschiedenen Sprachen und daneben jede Menge administrativer Arbeiten. Unser Team besteht aus acht Personen, die wie ich in Teilzeit arbeiten. Die Teamkoordinatorin erlitt einen Unfall, und ich ersetze sie seit einigen Wochen. Da muss ich alles organisieren und die Fäden in der Hand halten. Der Job verlangt viel Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Offiziell arbeite ich 80 Prozent, doch es ist oft mehr. Wenn jemand ausfällt, können wir nicht einfach die Besucherführungen absagen. Ihr Wiedereinstieg war auch ein Umstieg. Welche privaten Rahmenbedingun gen haben Sie bei Ihrem Wiedereinstieg unterstützt? Unterstützt hat mich, dass ich von Anfang an sehr frei und flexibel war. Den Unterschied sehe ich jetzt bei Müttern, die nicht flexibel sein können wie ich. Sie zerbrechen fast, weil sie nie einspringen können, und sich darum unter Druck setzen. Wenn sie trotzdem vertretungsweise arbeiten, dann haben sie oft ein Chaos daheim.


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«Nicht aufgeben. Einfach daran glauben und mutig bleiben.» Gab es in Ihrem Umfeld jemanden, der Sie bei Ihrem Wiedereinstieg unterstützt hat? Nein, eher nicht. Diesen Weg habe ich alleine gesucht. Allerdings war ich auch nie ganz weg «vom Fenster». Ich habe stets Privatunterricht erteilt und Stellvertretungen an Schulen gemacht. Meist kam ich von heute auf morgen in ein neues Schulhaus, mit anderen Lehrern und einem anderen Umfeld. So war ich immer auf mich alleine gestellt und stets «die Neue». Ein berufliches Netzwerk habe ich daher nicht aufbauen können. Wie sah Ihr Entwicklungsweg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBB-HSG aus? Eigentlich hatte ich Biologie studiert, doch parallel meine Liebe zu den Sprachen entdeckt. Mit den Unterrichtsvertretungen hatte ich in den Semesterferien begonnen. Das war sehr praktisch und brachte damals immer wieder Geld für das Studium. In den Jahren vor dem WBB habe ich viele Vertretungen an Gymnasien übernommen, meist Französischunterricht. Oft fing ich mitten im Jahr an und musste auf einen Schlag fünf Klassen übernehmen mit je rund zwanzig neuen Gesichtern. Das war schön, aber auch anstrengend. Aber es hat mir gutgetan und mir den Weg geebnet für das, was nachher kam. Und wie kam es zu Ihrem Wiedereinstieg? In den letzten Jahren haben mir viele Mitmenschen gesagt, ich solle doch eine pädagogische Ausbildung absolvieren: «Für so viel, wie du arbeitest, wirst du dann besser und fix bezahlt.» Ein Nachdiplomstudium hätte zwei bis drei Jahre gedauert. Und dann? Ich merkte, dass dies nicht meine Perspektive sein konnte. Ganz zufällig sah ich ein Inserat des WBBKurses. Der Management-Fokus war vorerst nicht das, woran ich gedacht hatte. Aber mich hat die Vorstellung gereizt, nach einem Jahr ein Zertifikat in der Hand zu halten ‒ und dass der Kurs für solche Frauen gedacht war, die einen Wiedereinstieg planten. Welche Rolle spielte Ihr Partner bei Ihrem gelungenen Wiedereinstieg? Mein Wiedereinstieg war auch aus einem finanziellen Grund wichtig, weil unsere Kinder im Studium waren, denn nur eine arbeitende Person mit zwei Kindern im Studium ‒ das wird knapp. So wurde klar, dass ich etwas finden müsse, damit wir es ein bisschen leichter haben. Von daher war die Zeit reif, und mein Mann stand hinter der Entscheidung.


Catherine Ochsenbein

Was war die mit Abstand schwierigste Situation auf Ihrem Weg zum Wiedereinstieg? Eine konkrete Situation kann ich nicht beschreiben. Nicht aufgeben und den Mut behalten! Man hört Dinge, die verunsichern: Du warst zu lange zu Hause. Kannst du das überhaupt noch? Dies konnte ich nicht bejahen. Zwar hatte ich das Gefühl, ich könne es noch, aber konkret wusste ich es nicht. Vielleicht konnten alle anderen es wirklich besser als ich? Doch davon darf man sich nicht beirren lassen, sondern man muss seinen Weg gehen, daran glauben und dabeibleiben. Das war das Schwierigste. Welche Bausteine des WBB haben Ihnen beim Wiedereinstieg besonders geholfen? In meiner Situation kann ich weniger von Bausteinen sprechen als von der Tatsache, dort auf Gleichgesinnte getroffen zu sein. Dort habe ich gesehen, dass es anderen gleich ergeht. Wir alle wurden darin unterstützt, wieder Selbstvertrauen zu tanken. Das war wichtig für mich. Dass ich die Älteste war, hat mich am Anfang recht verunsichert. Dann habe ich plötzlich gemerkt, dass es keine Rolle spielt, ob man 30 oder 50 Jahre alt ist.

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Wie kam das? Ich habe mich selber besser kennengelernt. Ich hatte ganz ein anderes Bild von mir selbst als meine WBB-Kolleginnen. Das zeigte sich in den Feedbacks bei den Gruppenarbeiten und auch bei weiteren Beurteilungen. Das hat mich sehr verblüfft und mir geholfen zu sehen, dass ich nicht so rüberkomme, wie ich das bisher gemeint habe. Das hat mir früher gefehlt. Ich bekam zwar Feedbacks von den Schülern, aber nicht mehr. Ein Feedback aus einem Team hat mir gefehlt. Die neuen inhaltlichen Kenntnisse und das Praktikum taten ihr Übriges. Welche inhaltlichen Aspekte meinen Sie? Jetzt hilft es mir und gibt mir mehr Selbstvertrauen, dass ich gewisse Dinge im Kurs bereits gehört habe ‒ etwa bei der Teamkoordination. Ich kann meine Kursunterlagen zur Hand nehmen und mich in das Personalmodul vertiefen. Wir arbeiten oft am Limit, und unterschiedliche Charaktere treffen aufeinander. Das kann wie ein Dampfkochtopf sein, und man muss das Gleichgewicht in der Gruppe halten, um in einer guten Atmosphäre arbeiten und gemeinsam Probleme lösen zu können. Die Lebenserfahrung spielt hier natürlich auch eine wichtige Rolle. Wie sind Sie an Ihre jetzige Position gekommen? Ich habe mich einfach spontan auf die Stellenausschreibung beworben. Nach dem Kurs wusste ich zuerst nicht, wofür ich mich bewerben sollte. Bei keiner Stelle konnte ich sagen, dass ich das vorher gemacht habe. Immer war es etwas Neues. Ich kam zum Teil in die Endrunde und habe später gehört, dass es Unstimmigkeiten gab, ob mein anderer Lebenslauf ein Risiko darstellen würde. Das Alter hat sicher auch eine Rolle gespielt. Auf die Anzeige als Parlamentsführerin habe ich mich spontan beworben. Endlich eine Position, in der ich meine Sprachen nutzen konnte. Was letztendlich den Ausschlag gegeben hat, weiss ich nicht. Ein Quäntchen Glück war sicher auch dabei. Weshalb ist Ihre jetzige Arbeitgeberin für Sie attraktiv? Die Stelle ist ideal, weil sie wunderschön mitten in der Stadt gelegen ist. Ich kann zu Fuss zur Arbeit gehen. Ich mag die Menschen und den Austausch mit ihnen. Es ist keine Arbeit, bei der ich ganztags vor dem Computer sitze. Ich kann die Sprachen gebrauchen, und die Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, wie ideal die Stelle für mich ist. Sie bringt mir so viel. Ich kann mich selber einbringen, Ideen anstossen und etwas bewegen, das war mir wichtig. Manchmal weiss ich gar nicht, wo mir der Kopf steht, weil so viele Dinge zur selben Zeit parallel laufen. Aber gerade das finde ich anregend.


Catherine Ochsenbein

Ihr Job verlangt ein hohes Mass an Flexibilität. Wie müssen wir uns das vorstellen? Diesen Job hätte ich nicht annehmen können, wenn ich daheim noch feste Zeiten hätte einhalten müssen. Es ist an sich ein sehr fordernder Job, bei dem man oft auch physisch an seine Grenzen stösst. Der permanente Kontakt mit Menschen. Es ist lärmig. Man fliegt von einem Job zum nächsten und kann schwer Pausen einhalten. Wir arbeiten teils abends oder am Wochenende. Oft muss man einspringen, und gerade in den warmen Monaten ist Hauptsaison, d.h. es dürfen nicht mehr als zwei von uns gleichzeitig in die Ferien gehen. Richtig müde nach Hause zu kommen und noch zwei schreiende Kinder zu haben... Ich denke, dieser Job kam für mich zum richtigen Zeitpunkt. Angenommen, eine gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Lebens situation wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Nicht aufgeben. Einfach daran glauben und mutig bleiben. Auch an das Quäntchen Glück glauben, denn es kommt irgendwann, oft im richtigen Moment. Bei mir war es exakt so.

Gut zu wissen Familienmodelle im Umbruch Bei Familien mit Kindern dominier t das Vollzeit/Teilzeitmodell. In rund der Hälfte der Paarhaushalte mit Kindern unter 14 Jahren sind Frauen in Teilzeit erwerbstätig. Das bisher traditionelle Familienmodell («Ernährermodell») – der Mann arbeitet Vollzeit und die Frau ist als Hausfrau und Mutter nicht erwerbstätig – nimmt kontinuierlich ab und betrifft 2012 noch 29 Prozent der Familienhaushal te. Nur circa 5 Prozent aller Paarhaushalte wählen ein Modell, bei dem beide Par tner in Teilzeit erwerbstätig sind. In circa 12 Prozent aller Paarhaushalte mit Kindern unter 14 Jahren sind beide Eltern in Vollzeit erwerbstätig. Im Jahr 2010 waren laut Angaben des Bundesamtes für Statistik (BFS) 42 Prozent aller in der Schweiz geschlossenen Ehen binational. 35 Prozent sind Ehen zwischen Schweizern und Ausländern, 7 Prozent sind Ehen von Ausländern unterschiedlicher Staatsangehörigkeit. Binationale Ehen sind nicht scheidungsanfälliger als mononationale Paare. Die Scheidungsrate hat sich gesamtschweizerisch seit 2000 mehr als verdoppelt und pendelt um die 50 Prozent.

Quellen: • Newsletter NFP 60, Juni 2013; Beitrag Prof. Dr. Karin Gottschall. • Bundesamt für Statistik (2013). Gleichstellung von Frau und Mann – Daten, Indikatoren: Erwerbsmodelle in Paarhaushalten. • Verbund der Beratungsstellen für binationale und interkulturelle Paare und Familien Schweiz. Abrufbar unter : www.binational.ch > Vorbemerkungen > Allgemeines.

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Cornelia Rappo

DURCH MEINE POLITISCHE ARBEIT KONNTE ICH MIR EIN NETZWERK AUFBAUEN Die Historikerin und Finanzplanerin Cornelia Rappo war einige Jahre Ausbildungsleiterin eines Versicherungstreuhandunternehmens und Autorin eines Buches zur Finanzplanung für Frauen, bevor sie als Mutter zweier Kinder in die Erwachsenenbildung für Erwerbslose wechselte. Im Rahmen ihres Gemeinderatsmandats und der WBB-Abschlussarbeit ergab sich ihre jetzige Anstellung als Heimleiterin eines Pflegeheims. Wo stehen Sie heute beruflich und privat? Seit November 2009 arbeite ich an einer 70-Prozent-Stelle als Heimleiterin eines Pflegeheims in meinem Nachbardorf. Zudem bin ich im Gemeinderat engagiert und habe dort das Ressort Schule unter mir. Das Wichtigste sind meine beiden Kinder. Laura ist 16 Jahre alt und geht nun ins Gymnasium. Gian-Luca kommt in die vierte Primarklasse. Wie sah Ihr Entwicklungsweg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBB aus? Ich habe Geschichte studiert, allgemeines Staatsrecht. Anstatt Lehrerin zu werden, bin ich in der Privatwirtschaft gelandet und war Ausbildungsleiterin eines Versicherungstreuhandunternehmens. Das war sehr spannend und vielseitig. Mit der Geburt meiner Tochter und dem erforderlichen Pendeln zwischen Fribourg und Zürich ging dies nicht mehr. Ich wechselte in die Erwachsenenbildung und gab Kurse zur Standortbestimmung für Erwerbslose und Kurse für Wiedereinsteigerinnen im Bereich Krankenversicherung und Pflege. Wie entstand Ihr Wunsch nach einer neuen beruflichen Herausforderung? Die Weiterbildungskurse habe ich während meiner Familienzeit gegeben. Dies waren pro Quartal immer zehn Tage Kurs, auf drei Wochen verteilt – ideal während der Zeit der Kindererziehung. Auf Dauer fehlte mir hier aber das Entwicklungspotenzial, und ich begann mich nach einer neuen, vielfältigeren Herausforderung zu sehnen. Es ist für mich wichtig, dass ich neue Ziele, neue Eindrücke und Erfahrungen mache. Dieser Prozess «Wohin will ich überhaupt?» war schwierig sowie die Erkenntnis, dass mir


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für meine Wunschtätigkeiten das Management-Rüstzeug fehlte. So kam ich zum WBB. Etwa zur gleichen Zeit wurde ich in den Gemeinderat gewählt. Welchen Einfluss hatte die Wahl zum Gemeinderatsmitglied auf Ihren späteren Job? Die Arbeit im Gemeinderat ist sehr vielseitig und anregend und entwickelte sich parallel zum Kurs. Vieles, was ich im WBB-Kurs hörte, konnte ich im Gemeinderat anwenden. Immer wieder war in den Gemeinderatssitzungen das Pflegeheim ein Thema. Es gab Schulden, die Angestellten liefen davon und der Vorstand wusste nicht so recht, wo das Problem lag. Als meine Abschlussarbeit anstand, habe ich angeboten, das Pflegeheim zum Thema meines Businessplans zu machen. Eines der Ergebnisse daraus war, dass strukturelle und Führungsprobleme bestanden. Nach dem WBB waren Sie parallel zum Beratungsmandat und dem Gemeinde ratsmandat bei der Post beschäftigt? Genau, am Berner Hauptsitz vertrat ich eine Mitarbeiterin, die Zwillinge bekommen hatte. Die Anstellung hatte sich aus meinem Praktikum entwickelt und war für ein halbes Jahr vorgesehen, aber nach vier Monaten habe ich im gegenseitigen Einvernehmen die Stelle aufgegeben. Ich bin keine Person, die in Grossbetrieben arbeiten kann. Das war das Positive, das ich mit-


Cornelia Rappo

«Enorm wichtig ist mir, dass es eine sinnvolle Tätigkeit ist.» nehmen konnte. Diese Welt, dieses Taktieren, das liegt mir nicht. Ich bin eher eine Generalistin, und bei meiner Stellvertretung war eine Spezialistin gefragt. Und wie kam es dann zu Ihrer Festanstellung? Die Position der Heimleitung war vakant und eine reine Beratung nicht ausreichend. Da wurde mir die Stelle angeboten. Vom ersten Tag an wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Früher habe ich Weiter bildungen für Krankenschwestern und Wiedereinsteigerinnen gegeben. Von dorther wusste ich etwas über die Pflege. In der ersten Woche habe ich tageweise alle Bereiche kennengelernt. Ich habe etwa bei der Pflege mitgeholfen und mit dem Hausdienst geputzt, um ein Gespür zu erhalten, wie es dort läuft. Welche privaten Rahmenbedingungen haben Sie bei Ihrem Umstieg unterstützt? Mein Mann hat mich sehr unterstützt, aber da er ein eigenes Geschäft hat, konnte er mir keine Arbeit abnehmen. Ich hatte das Glück, dass ich ein sehr gutes soziales Netzwerk habe. Im direkten Umkreis wohnen meine Schwägerinnen und mein Schwager. Unsere Kinder sind in einem ähnlichen Alter, und deshalb konnten wir uns gut ergänzen. Auch meine Eltern sprangen ein und haben während der WBBModule die Kinder gehütet. Ich musste es einfach geschickt organisieren, aber es war gut machbar. Daraus hat sich ein wechselnder Mittagstisch entwickelt. Zum Glück dauert mein Arbeitsweg maximal fünf Minuten. So geht die Organisation gut, manchmal muss ich halt morgens um sechs Uhr kochen. Die Aneignung fachfremden Wissens lässt sich in Ihrer beruflichen Entwicklung immer wieder feststellen. Ja, in gewisser Weise stimmt das. Bei meinem ersten Arbeitgeber musste ich den Aussendienstmitarbeitenden die Grundzüge der Finanzplanung vermitteln. Um zumindest so viel zu wissen wie sie, oder besser mehr, habe ich die Ausbildung als Finanzplanerin gemacht. Na ja, weil Frauen sehr selten sind in diesem Beruf, erhielt ich die Anfrage vom KV Zürich, ob ich einen Kurs geben würde. Dort traf ich auf eine Lektorin – und so hat es sich ergeben, dass ich ein Buch über Finanzplanung für Frauen geschrieben habe. Ich habe immer wieder Glück gehabt, weil ich immer wieder die richtigen Personen kennenlernte. Was genau machen Sie in Ihrer jetzigen Position? Als Heimleiterin befasse ich mich mit dem gesamten Spektrum eines Kleinunternehmens. Die Finanzen sind vermutlich der wichtigste Teil, gefolgt von den Führungsaufgaben und dem Strategieprozess. Auch ein reger Austausch mit anderen Heimleiterinnen und Heimleitern ist sehr wichtig. Sehr eng ist zudem die Bindung zu den Behörden, da bei uns alles relativ stark geregelt ist. Wir haben wenige unternehmerische Freiheiten, dafür

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viele Sicherheiten. In diesem Rahmen muss man sich immer bewegen. Das ist zum Teil spannend, aber auch anstrengend. Welche Bausteine des WBB waren bei Ihrem Umstieg besonders hilfreich? Für den Umstieg war der WBB-Kurs überaus wichtig. Ohne das Management-Knowhow könnte ich das Heim nicht führen. Direkt in meinen Arbeitsalltag eingeflossen sind die Rechnungslegung und das Controlling. Auf Grundlage des Personalmanagements haben wir als Führungsinstrument beispielsweise einen Fragebogen eingeführt und die Gespräche mit den Mitarbeitenden institutionalisiert. Nach dem WBB habe ich in den beiden letzten Bereichen sogar eine Vertiefung angeschlossen. Das gibt mir mehr Sicherheit. Ich muss nicht immer die Spezialisten fragen, sondern ich kann selber anpacken. Welche Bedeutung haben für Sie Netzwerke? Für den Wiedereinstieg ist es wichtig, ein gutes Netzwerk zu haben beziehungsweise wieder aufzubauen, weil gewisse Jahre im Lebenslauf fehlen. Durch meine politische Arbeit konnte ich mir ein Netzwerk aufbauen. Ursprünglich komme ich aus Zürich und bin also nicht in meinem Wohnort aufgewachsen. Dank meiner Arbeit im Gemeinderat konnte ich bereits meine Kompetenz in verschiedenen Vorständen und Arbeitsgruppen zeigen. Warum ist Ihre jetzige Arbeitsstelle so attraktiv? Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Ich habe viele Freiheiten; ich kann die Schwerpunkte der nächsten Jahre bestimmen und habe die Unterstützung des Vorstandes. Enorm wichtig ist mir, dass es eine sinnvolle Tätigkeit ist. Ich kann mithelfen, älteren Menschen ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich in ihren letzten Lebensjahren wohlfühlen. Da ich auch zu Randzeiten mehr arbeite, kommen schnell mehr als 70 Prozent zusammen. Für


Cornelia Rappo

mich stimmt das. Dafür nehme ich mir die Freiheit, während der Ferien meiner Kinder einige freie Tage einzuschieben. Was würde Ihr Partner sagen? Was hat sich seit Ihrem Umstieg verändert? Es hat unsere Beziehung verändert. Dadurch, dass wir beide jetzt eine Führungsposition innehaben, führen wir andere Gespräche. Wir tauschen uns aus. Früher war für ihn die Firma ausgeblendet, sobald er zur Haustür hereinkam. Jetzt befinden wir uns auf Augenhöhe und können uns gegenseitig unterstützen. Unsere Gespräche haben andere Inhalte bekommen. Angenommen, eine sehr gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Situation wie Sie vor dem WBB-Kurs. Was würden Sie ihr raten? Sie soll eine Weiterbildung machen, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einen ähnlichen Ausbildungs- und Interessenshintergrund haben. Es tut gut, sich unter Seinesgleichen auszutauschen und inhaltlich auf den neuesten Stand zu kommen. Sie soll ein Netzwerk suchen und aufbauen. Das ist sehr wichtig. Wir sind am Schluss unseres Interviews angelangt. Möchten Sie etwas hinzufügen? Aus meiner Erfahrung empfehle ich, möglichst immer mit einem Bein in der Arbeitswelt zu bleiben. Natürlich ist es schwierig, in Teilzeit einen wirklich spannenden Job zu haben. Was zählt, ist, den Arbeitsrhythmus beizubehalten und die dazugehörige Selbstsicherheit. Wenn die Kinder älter sind, sieht die Welt wieder anders aus.

Gut zu wissen

Frauen in Medizin und Pflege Im Pflege- oder Therapiebereich waren im Jahr 2006 schweizweit rund 330’000 Per sonen tätig. Dies entspricht etwa 8 Prozent der Erwerbsbevölkerung (Schweizerische Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik). Von diesen 330’000 Personen sind 80 Prozent Frauen. Etwas mehr als die Hälfte ist in der Krankenpflege und ungefähr ein Vier tel in der Pharmazie beziehungsweise in der Medizin (einschliesslich Arztpraxen) tätig. Der Bedarf an Personal im Gesundheitswesen wird stetig steigen. Bis 2020 sagt das mittlere Szenario der Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung des Bundesamts für Statistik eine Zunahme der über 65-jährigen Bevölkerung um 400’000 Personen voraus (+34 Prozent). Die Bevölkerung zwischen 20 und 64 wird hingegen nur um 190’000 Personen (+4 Prozent) zunehmen. Folglich müssen bis 2020 (im Vergleich zu 2006) im Gesundheitswesen circa 25’000 Personen zusätzlich eingestellt werden und dazu circa 60’000 Fachpersonen aufgrund von Pensionierungen ersetzt werden. Quelle: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium

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Barbara Reiners

WILLE UND ENGAGEMENT GEHÖREN AUCH DAZU Barbara Reiners absolvierte als studierte Ingenieurin den fünften WBBKurs. Sie hat drei Kinder und war vor Kursbeginn an einer deutschen Fachhochschule als Dozentin im Fachbereich Maschinenbau tätig. Nach Abschluss der Weiterbildung schaffte sie den Wiedereinstieg in eine Vollzeitstelle beim Allgäuer Überlandwerk. Sie ist dort erfolgreich als Mitarbeiterin im Energiehandel tätig.

Wo stehen Sie heute beruflich und privat? Ich bin verheiratet und habe drei erwachsene Kinder, die alle aus dem Haus sind. Mein Mann ist selbstständiger Unternehmensberater und deshalb sehr viel unterwegs. Zu Hause ist es leer geworden, und ich habe mehr Zeit, an mich zu denken. Beruflich bin ich seit einem halben Jahr beim Allgäuer Überlandwerk im Energiehandel tätig. Aufgrund des WBB-Kurses habe ich mich dort um ein Praktikum bemüht – und es wurde eine Anstellung daraus. Allerdings auf ein Jahr befristet, aber mit der Möglichkeit, dass es nahtlos weitergeht. Wie sah Ihr Entwicklungsweg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBBHSG aus? Meine Halbtagsstelle als Dozentin war stets auf ein Semester befristet. Nach zwei Jahren hat sich das Personalamt quergestellt und eine Festanstellung verweigert, obwohl die Fakultät mich gerne weiterbeschäftigt hätte. Als Ingenieurin sei ich zu teuer und gleichzeitig fehle mir die Berufserfahrung. Ein Lehrauftrag wäre eine gute Brücke zurück ins Arbeitsleben gewesen. Auch für das Arbeitsamt war ich zu hoch qualifiziert und zu lange nicht mehr berufstätig. Im Internet bin dann auf den WBB-Kurs gestossen. Im ersten Moment hat mich zwar die Studiengebühr abgeschreckt, aber nach dem Informationsabend war mir klar: Das ist es, das mache ich. Wie hat sich Ihr Praktikum ergeben? Mein Ziel war es, nach drei Monaten wenigstens ein Praktikum beginnen zu können. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber hatte ich mich bereits nach meiner Dozentur beworben. Energietechnologie ist ja mein Fachbereich. Zwar hat es mit der ausgeschriebenen Stelle nicht geklappt, doch die Personalchefin fand meinen Werdegang interessant und hat mein Bewerbungsdossier aufbewahrt. Während des WBB-Kurses habe ich sie erneut kontaktiert – und sie war


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«Das Glück kommt nicht zu einem, man muss dor t sein, wo es gerade Halt macht.» sich sicher, dass sie eine Praktikumsstelle für mich finden werde. Nach meinen bisherigen Erfahrungen glaubte ich ihren Beteuerungen nicht so recht. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Am 1. Oktober durfte ich sofort starten, und zwar zu 100 Prozent. Warum dachten Sie, Ihre Personalchefin würde sich nicht mehr melden? Bereits vor dem WBB habe ich mich vielfach beworben und einzig Absagen bekommen, zwar freundlich, aber eindeutig. Nach meiner Dozentur dachte ich, jetzt hast du etwas vorzuweisen. Aber es hat sich im Ingenieurwesen unheimlich viel geändert. Mir fehlte noch immer die Berufserfahrung, denn mit modernen Systemen, wie beispielsweise CAD, kann ich nicht arbeiten. Mein Glück beim Allgäuer Überlandwerk war, dass ich auf eine fortschrittliche Personalchefin gestossen war, die auch Verständnis für meine Situation hatte. Ihr war bewusst, dass eine «ältere» Angestellte durchaus andere Qualitäten aufweist als eine junge Studienabgängerin. Ich bin dieser Personalchefin sehr dankbar. Ich möchte nochmals auf Ihre eher frauenuntypische Berufswahl und Ihre anschliessend 20-jährige Familienpause zurückkommen. Ergab sich hieraus ein Spannungsfeld? Mein Mann ist etwas älter als ich. Als ich mein Vorexamen machte, war er schon promoviert. Während meiner Diplomarbeit wurde ich schwanger, und das erste Kind kam auf die Welt. Wir wohnten im ländlichen Bereich und ich kannte keine Familie im nahen Umkreis, die meine Kinder hätte betreuen können. Es stellte sich deshalb für mich gar nicht die Frage, ob ich zu Hause bleiben solle oder nicht. Mein Mann verdiente gut. Ich habe mich bewusst entschieden, für meine Kinder da zu sein, und habe dies auch genossen. Innert vier Jahren kamen drei Kinder auf die Welt. Sie hatten alle Hände voll zu tun. Zudem sah es in meinem Berufsfeld damals schlecht aus. Ich hätte mich entweder für die Familie oder den Beruf entscheiden müssen. Wie die meisten meiner Studienkollegen hätte ich zu einer internationalen Firma gehen und irgendwo im Ausland arbeiten müssen. Ich war die einzige Frau in meinem Semester, und an eine Teilzeitarbeit war damals im technischen Berufsfeld gar nicht zu denken. Mein Mann und ich haben darüber gar nicht diskutiert, denn vor


Barbara Reiners

20 Jahren war dies normal. Und nun sind Sie wieder in Ihrem Beruf tätig. Als ich mir überlegte, wieder beruflich zu arbeiten, ob fachfremd oder in meinem Beruf, habe ich mir keine grossen Hoffnungen gemacht, etwas zu finden. Meine jetzige Tätigkeit ist recht anspruchsvoll und ein wahrer Glücksfall. Doch Wille und Engagement gehören auch dazu. Es reicht nicht, den WBB-Kurs zu absolvieren und zu erwarten: «Jetzt wird schon jemand auf mich zukommen und sagen: ‹Toll, die war ja in St. Gallen.›» Das ist eine falsche Erwartung. Welche privaten Rahmenbedingungen haben Sie bei Ihrem Wiedereinstieg unterstützt? In meinem privaten Umfeld habe ich nur Unterstützung erfahren. Mein Mann ist viel unterwegs und findet es gut, eine zufriedene Frau zu Hause zu haben, die ausgefüllt ist, und nicht eine, die nur auf ihn wartet. Meine Mutter hat mich ebenfalls sehr unterstützt. Das fand ich ganz toll. Auch meine Kinder finden es richtig gut, dass ihre Mami wieder berufstätig ist. Da sie von daheim bereits ausgezogen sind, kann ich meine Zeit frei gestalten. Ich vermute, Sie hatten auch zweifelnde Phasen. Die Arbeit hatte mir viel Spass gemacht. Eine 50-Prozent-Stelle war damals optimal. Ich hatte einen spannenden Job und Zeit für mich. Nachdem ich an der Fachhochschule aufgehört hatte, war ich in ein Loch gefallen. Dann hatte ich mich beworben und nur Absagen bekommen. Das gab mir das Gefühl, wertlos zu sein. WBB hat mein Selbstbewusstsein glückli-

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cherweise aufpoliert. Welche Bausteine des WBB waren bei Ihrem Wiedereinstieg besonders hilfreich? Ich finde das Gesamtkonzept einfach gut: die Kombination aus Businessvermittlung und psychologischer Unterstützung. Den Frauen wird wieder ein Selbstwertgefühl gegeben. Das Coaching fand ich sehr gut und sehr nützlich, jemanden zu haben, der nur auf dich und deine persönliche Situation eingeht. Das ist sehr wichtig. Auch mit Frauen zusammenzukommen, die in einer ähnlichen Situation sind, hilft ungemein. Wir waren eine sehr harmonische Gruppe. Und Ihre jetzige Tätigkeit, wie schaut diese aus? Wir sind im Energiehandel für betriebswirtschaftliche Belange wie beispielsweise Abrechnungen tätig. Es ist ein bisschen kompliziert zu erklären: Also, Strom ist ja in Bilanzkreise aufgeteilt. Die Einspeisung und die Entnahme müssen im Gleichgewicht sein, damit die Netze funktionieren. Dafür sind wir verantwortlich. Wir erstellen Tagesprognosen sowie Beschaffungsberechnungen für die kommenden Jahre für uns und für unsere Strompartner. Hinzu kommen kurzfristige Tages- und Wochengeschäfte an der Strombörse. Ein sehr vielfältiges Gebiet. Warum ist – abgesehen vom Inhalt – Ihr jetziger Arbeitgeber für Sie attraktiv? Ganz wichtig für mich ist: Die Firma ist im Ort und ich habe keinen langen Arbeitsweg. Dann, weil es mein Fachbereich ist. Zwar werde ich hier kaum eine grosse Managementkarriere machen, doch das möchte ich auch nicht. Diese Verantwortung möchte ich nicht übernehmen. Ich bin zufrieden mit dem, was ich mache. Das Allgäuer Überlandwerk ist ein sehr solider Arbeitgeber mit guten Sozialleistungen. Was würde Ihr Partner sagen? Was hat sich seit Ihrem Wiedereinstieg verändert? Daheim ist es erheblich unordentlicher geworden. Das stört meinen Mann aber nicht, sondern eher mich, denn mein Mann ist sehr flexibel und viel unterwegs. Während der Woche essen wir mittags in der Stadt. Seitdem ich auswärts


Barbara Reiners arbeite, bringt er seine vielen Hemden in die Reinigung. Aber den Staubsauger nimmt er deswegen trotzdem nicht in die Hand; das muss ich halt akzeptieren. Angenommen, eine gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Situation wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Nicht abzuwarten, sondern die Initiative zu ergreifen und beispielsweise eine Weiterbildung wie das WBB machen. Aber ein begleitender Kurs kann immer nur Hilfe zur Selbsthilfe sein. Es wird einem nichts zu Füssen gelegt, sondern die Initiative muss immer von uns Frauen selber ausgehen. Wir sind nun am Schluss des Interviews angelangt. Möchten Sie noch etwas hinzufügen? Man darf nicht abwarten, bis etwas passiert, sondern muss sich immer wieder Ziele setzen und sich sagen: «Ich will das jetzt!» Klar, es ist nicht immer einfach. Auch ein Praktikum zu finden ist sehr mühsam. Das Glück kommt nicht zu einem, man muss dort sein, wo es gerade Halt macht.

Gut zu wissen Die Segregation in der Arbeitswelt Die Ver tretung von Frauen oder Männern in gewissen Berufen und Wir tschaftszweigen ist noch heute stark ausgeprägt. Man spricht von geschlechtsspezifischer horizontaler Segregation. Zwar stehen allen Mädchen und Knaben sämtliche Berufe offen, doch die Jungen wählen eher gut bezahlte «Männerberufe» und die jungen Frauen eher schlechter bezahlte «Frauenberufe», die dafür aber eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf zulassen. Die Segregation ist in der Schweiz stärker ausgeprägt als in den europäischen Nachbar ländern. Gerade jene Berufe, in denen in der Schweiz der Fach- und Führungskräf temangel zunimmt, sind stark segregier t (Ingenieurwesen, Pflege). Dabei sind Personen, welche sich für einen geschlechteruntypischen Beruf entscheiden, in der Regel bezüglich ihrer Schulleistungen besser als gleichaltrige Jugendliche. Für Unternehmen würde es sich also lohnen, solche «Stolpersteine» aus dem Weg zu räumen, damit eine bessere Durchmischung in den meisten Berufen stattfinden kann. Quellen: • Müller, Catherine / Sander, Gudrun (2011): Innovativ führen mit Diversity-Kompetenz; Haupt-Verlag Bern, 2. Auflage. • Wehner, Nina / Schwiter, Karin / Hupka-Brunner, Sandra / Huber, Evéline (2013): Frauen und Männer in untypischen Berufsfeldern sind überdurchschnittlich talentier t. In: HR-Today 08/2013.

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Johanna Reinhart

DIESE TOLLE OPTION LAG DIE GANZE ZEIT VOR MIR Die studierte Lebensmittelingenieurin besuchte den ersten WBB-Kurs. Sie ist Mutter von drei Kindern und war als Schulpflegerin, Verwaltungsrätin und ist bis heute als Stiftungspräsidentin stark ehrenamtlich engagiert. Nach Abschluss des WBB eröffnete sie die Kaffeerösterei «Reinhart Caffee» in Winterthur, die sie seit 2008 erfolgreich betreibt.

Wo stehen Sie heute beruflich? Seit gut drei Jahren führe ich eine Kaffeerösterei bei mir im Haus. Ich schreibe schwarze Zahlen, erhalte ein extrem gutes Feedback von meinen Kundinnen und Kunden, und ich habe erfreulicherweise jeden Monat Neuzugänge von Privatkunden und kleinen Büros. Regelmässig bekomme ich auch Anfragen für Kaffeepräsentationen und kleine Vorträge über meine Unternehmensgründung. Erst kürzlich bin ich dank meiner Kaffeerösterei für ein Verwaltungsratsmandat einer grossen, bekannten Schweizer Firma angefragt worden. Ich bin beinahe vom Stuhl gefallen. Also, es läuft sehr gut, ich liege anscheinend nach wie vor im Trend dieser Branche. Und privat? Meine private Situation ist momentan im Umbruch. Meine Partnerschaft ist anspruchsvoll, da mein Mann sehr viel Verantwortung innerhalb seines Unternehmens trägt. Unsere drei Kinder sind bereits erwachsen und jetzt auf ihren eigenen Wegen. An diese neue Situation muss ich mich allerdings noch gewöhnen, denn sie sind nun selbstständiger und brauchen mich im Alltag weniger. Wie sah Ihr Entwicklungsweg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBB-HSG aus? Und wie danach? Vor dem Kurs hatte ich das Gefühl, dass ich wieder in ein bezahltes Angestelltenverhältnis einsteigen möchte. Doch wohin mit mir, da ich so lange nicht mehr beruflich tätig war? Mein Wunsch war eine Funktion im Personalbereich, und zwar im Sinne von Care Team, Begleitung und Coaching. Dank meines Engagements als ehrenamtliche Schulpflegerin hatte ich viele Erfahrungen gesammelt im Umgang mit den Mitarbeitenden. Ich dachte mir: Da liegen meine Stärken! Im WBB-Kurs habe ich relativ rasch feststellen müssen, dass ein Job ohne eine konkrete Ausbildung im Personalwesen unmöglich ist. Auf der Suche nach einem Praktikum wurde mir zudem bewusst, dass mein fortgeschrittenes Alter zunehmend ein Thema wurde. Ich spürte viel Zurückhaltung dabei, mir als älterer Person ein Praktikum zu ermöglichen. Inzwischen bin ich 55-jährig.


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«Jede Frau soll ihre Entscheidung zuerst emotional fällen, aber dann unbedingt sachlich überprüfen.»

Was gab nach der vielseitigen ehrenamtlichen Arbeit den Ausschlag, wieder einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen? Je länger man ehrenamtlich arbeitet, desto frustrierender kann es sein, wenn ebendiese Arbeit nicht finanziell wertgeschätzt wird. Es geht mir da gar nicht so um das Geld, sondern um das Prinzip. Denn die Aufgaben einer Schulpflegerin sind recht verantwortungsvoll: Ich habe Leute eingestellt, sie begleitet und Mitarbeiterbeurteilungen geschrieben. Ich musste sogar Leute entlassen; dies belastete mich sehr. Für den gesamten Aufwand habe ich jährlich CHF 12’000 erhalten, obwohl ich mich zeitlich stark engagiert hatte. Zwar machte ich den Job sehr gerne, aber mir wurde allmählich klar, dass ich für meinen Einsatz auch einen entsprechenden Lohn erhalten möchte. Wie entstand die Idee mit der Rösterei? Auf die Idee kam ich dank der Abschlussarbeit im WBB-Kurs. Sie handelte von einem Bed & Breakfast bei mir zu Hause. Diese Abschlussarbeit hat mir gezeigt, dass sich dies nie auszahlen würde. Aber die Kaffeerösterei, die ich eh schon privat für mich betrieben hatte, könnte sich auszahlen. Diese tolle Option lag die ganze Zeit vor mir, und ich habe sie nicht gesehen! All das ist mir während dieses Prozesses klar geworden. Während des Praktikums habe ich zudem gemerkt, dass auch der Arbeitsweg für mich extrem wichtig ist. Es würde mich belasten, wenn ich dafür mehr als eine Stunde pro Tag verlieren würde. Eine Röstmaschine ist nun nicht gerade ein Alltagsgerät – auch nicht für eine Lebensmittelingenieurin. Wie kamen Sie in den Besitz einer privaten Röstmaschine? Ich war Verwaltungsrätin bei der Probat AG, die Kaffeeröstmaschinen herstellt, und beschloss daher, eine solche Maschine zu bestellen. Das war 2006, also vor dem Boom der Gourmet-Kaffees. Ich war damals auf dieser Welle mitgeritten und habe dann begonnen, auf eigene Rechnung zu rösten. Es war eine enorme Herausforderung, denn ich musste ein Konzept erstellen, wie ich vorgehen möchte, wie ich an all die Sachen herankomme, beispielsweise wie und wo Rohkaffee eingekauft werden kann. Anschliessend hat sich alles Weitere mehr oder weniger automatisch entwickelt. Welche privaten Rahmenbedingungen haben Sie beim Umstieg unterstützt? War etwas eher hinderlich? Mein Mann und die Kinder haben mich gerne unterstützt, denn sie alle hat mein Vorhaben sehr interessiert. Mein Mann anerkennt, was ich tue, und stellt auch fest, dass es gut ist. Er macht regelrecht Re-


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klame für mich, indem er meine Ideen in seinem Berufsumfeld weiterträgt. Was mich eigentlich daran hindert, mit meinem Unternehmen weiter zu wachsen, ist mein Privatleben. Wenn ich keine Familie hätte, könnte ich nun meine Kaffeerösterei laufend ausbauen; da bin ich mir ganz sicher. Aber dies könnte ich nicht mit meinem Privatleben vereinbaren. Es würde zu kurz kommen – und das will ich nicht riskieren. Gab es eine besonders schwierige Situation auf dem Weg zur Gründung Ihrer Kaffeerösterei? Ich musste mein Verwaltungsratsmandat abgeben. Im Jahr 2008 habe ich meine Anteile verkauft. Erst dann konnte ich offiziell Kaffee rösten. Vorher wäre dies nicht möglich gewesen. Aber ich bereue meinen Schritt ins Un-

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gewisse nicht. Gab es neben der Abschlussarbeit noch andere Bausteine des WBB, die in ihrem Findungsprozess hilfreich waren? Die Abschlussarbeit war an vorderster Stelle, und dann das Finanzmodul. Dieses hat mir geholfen, klarer zu sehen, zu verstehen, welche Zahlen wichtig sind, wie ich die Erfolgsrechnung und die Bilanz erstellen muss. Alles Dinge, die ich vorher immer nur gelesen, aber nie selbst ausgeführt hatte. Nun sind Sie Ihre eigene Chefin. Ist es Ihnen nie in den Sinn gekommen, an Ihren bisherigen Beruf als Lebensmittelingenieurin anzuknüpfen? Bevor ich die Weiterbildung begann, hatte ich versucht, in der Ingenieurbranche wieder einzusteigen. Ich bekam aber stets die klassische Antwort: «Kein Bedarf.» Vermutlich war ich damals zu wenig hartnäckig. Ich hatte nie nachgehakt und hatte zu schnell aufgegeben. Denn irgendwie hatte ich mir das alles nicht mehr zugetraut. Dies ist schwer vorstellbar, denn ich war bei meinem damaligen Arbeitgeber die einzige Ingenieurin. Zudem ist seit damals der Frauenanteil nicht sonderlich gestiegen. Ich bin recht enttäuscht, wie wenig Ingenieurinnen in leitenden Positionen tätig sind. Was mich darüber hinaus bei allen weiteren Überlegungen und möglichen anspruchsvollen Berufsfeldern gehindert hat: Ich hätte Vollzeit arbeiten müssen! Das ist der wesentliche Knackpunkt, denn genau dies wollte ich nicht – mit Familie, mit meiner ehrenamtlichen Arbeit und in der Situation, in der ich lebe. Flexibilität ist also für Sie ein zentraler Aspekt. Genau. Mit meiner Arbeit für mein Unternehmen komme ich sicher auf 60 Prozent. Die ehrenamtliche Arbeit variiert je nach Anzahl der Einsätze von 20 bis 30 Prozent. Diese Flexibilität möchte ich unbedingt beibehalten. Dass ich zudem keinen Arbeitsweg zurückzulegen habe, ist hierbei ein ganz entscheidendes Kriterium. Ich verrichte meine Arbeit, und gleichzeitig bin ich doch präsent im Haus und kann zwischendrin einzelne Hausarbeiten erledigen. Die tägliche Hausarbeit muss ich weiterhin leisten, und dies möchte ich nicht erst am Abend tun. Wie wichtig waren Netzwerke beim Aufbau Ihres Unternehmens? Ich


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pflege Netzwerke, bin also eine Networkerin. Ausschlaggebend war bei der Firmengründung, dass eine gute Freundin, ebenfalls Lebensmittelingenieurin, mich zu meinem Vorgehen ermuntert hat. «Du hast eine wertvolle Perle in deinem Keller», meinte sie. «Du schaffst das!» Das hat mich extrem beruhigt und mir sehr geholfen. Viele meiner ehemaligen Studienkollegen, die mich sehr gefördert hatten, hätten mich gewarnt, wenn ich einen Irrweg gegangen wäre. So gut kennen wir uns. Das macht stark. Zudem gehöre ich der schweizerischen Vereinigung der Ingenieurinnen an und pflege das Networking mit den Alumnae aus dem WBB. Ich durfte dort über meine Firma referieren, und aus den Kontakten hat sich viel entwickelt. Gutes Netzwerken ist sowohl ein Geben als auch ein Nehmen. Was würde Ihr Partner sagen? Was hat sich seit der Gründung Ihres Unter nehmens verändert? Mein Partner würde sagen, dass er froh sei, dass ich diesen strukturierten Alltag habe. Denn ich wäre gar nicht der Typ gewesen, diese Freizeit, die mir der Weggang der Kinder gegeben hat, mit Wellness und kulturellem Engagement auszufüllen. Und er ist stolz auf mich, dass ich meinen Weg gefunden habe. Etwas zu produzieren, was ich alleine mache und wo ich Erfolg habe. Dass wir darüber reden können, das tut auch ihm gut. Wir profitieren beide voneinander. Angenommen, eine sehr gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Situation wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Ich würde ihr empfehlen, eine fundierte Standortbestimmung zu machen und sich genügend Zeit für eine Entscheidung zu nehmen. Ihre Entscheidung müsse sie zuerst emotional fällen, aber dann unbedingt sachlich und fachlich überprüfen (lassen).

Gut zu wissen Selbstständigkeit und Unternehmerinnen Von Frauen gegründete Unternehmen haben eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als Firmen, die von Männern gegründet worden sind. Die erheblichen Unterschiede zwischen den Gründerinnen und Gründern sowie deren Firmen haben offensichtlich einen signifikanten Einfluss auf die Überlebenswahrscheinlichkeit: Frauen haben eine stärkere intrinsische Motivation bei der Gründung (stärkeres Streben nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung) und halten ihre Firmen bewusst klein. Sie stellen auch deutlich seltener Mitarbeitende an. Als Gründungspersonen sind Frauen deutlich erfolgreicher als Männer. Zudem sind von Schweizern gegründete Firmen erfolgreicher als diejenigen, welche von Ausländern gegründet werden. Und je intensiver sich die Gründungspersonen mit der Kundenakquisition und der Marktanalyse beschäftigt haben, desto erfolgreicher sind sie statistisch gesehen. Meyer, Rolf / Sidler, Adrian Urs (2010). Erfolgsfaktoren junger Unternehmen. Basel: edition gesowip.

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Monica Tutsch

DER HILFREICHSTE TEIL WAR DAS COACHING Monica Tutsch studierte Betriebswirtschaft und war nach ihrer Fa mi lienphase ins Bankenwesen zurückgekehrt. Heute betreut sie in einer Kader position die Partnerbanken ihrer Arbeitgeberin. Wo stehen Sie heute beruflich? Seit gut einem Jahr bin ich bei der Aduno Gruppe beschäftigt mit einem Pensum von 80 Prozent. Wir pflegen Partnerschaften zu anderen Banken, die unsere Produkte wie Kreditkarten, Privatkredite und Leasinggeschäfte vertreiben. Die Betreuung der Partnerbanken ist mein Ressort. Ich stimme mit ihnen Werbemassnahmen ab, wir sprechen über Jahresbudgets und alles, was zu einer Zusammenarbeit gehört. Ich gebe Schulungen für die Bankmitarbeitenden und bin relativ viel im Aussendienst in der Ostschweiz und im Kanton Basel unterwegs. Die anderen Regionen deckt mein Teamkollege ab. Ich bin sehr überzeugt von Aduno, und die Arbeit macht mir Spass, auch wenn das Pensum eine Herausforderung ist. Und privat? Ich bin verheiratet und habe drei Kinder im Alter von 10, 13 und 16 Jahren. Alle sind schulisch sehr eingespannt. Das übliche Familiendasein. Vor drei Jahren haben Sie den WBB-Kurs abgeschlossen. Wie sah Ihr Entwick lungs weg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBB aus? Nach der Geburt des zweiten Kindes waren wir anfänglich befristet von Deutschland in die Schweiz gezogen. Ich dachte, dies nutze ich für eine vorübergehende Familienphase, während die Kinder noch klein sind. Aus den zwei, drei Jahren Aufenthalt wurde ein permanenter Aufenthalt – und ich fing an, mich beruflich umzuschauen. Doch wo sollte ich ansetzen? In der Schweiz hatte ich niemanden, den ich mal hätte fragen können. Mein Selbstvertrauen sank so weit, dass ich sogar dachte, ich hätte den Zug verpasst. Was meinen Sie damit, Sie hätten den Zug verpasst? Der Gedanke, mich zu bewerben, war über Jahre hinweg gereift. Zehn Jahre war ich in der Arbeitswelt abwesend. Der gesamtwirtschaftliche Fokus stand auf Stellenabbau. Ich war sehr unsicher, was sich in der Zwischenzeit alles verändert hatte und was in der Schweiz alles üblich und anders ist. Einmal ging ich zu einer Vermittlungsfirma, und dort wurde mir direkt gesagt, dass ich für den Arbeitsmarkt nicht mehr interessant sei. Da habe ich mich in der Vorstellung verrannt, ich sei für das Bankenumfeld vollkommen unattraktiv geworden. Mir fehlte der letzte Kick, mich wieder zu bewerben. Dann bin ich


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«Nach einem halben Jahr ist es wichtig, eine erste Bilanz zu ziehen und die Situation kritisch zu hinterfragen.» auf die Managementweiterbildung der HSG für Wiedereinsteigerinnen gestossen. Welche privaten Rahmenbedingungen haben Sie bei Ihrem Wiedereinstieg unterstützt? Was war eher hinderlich? Hinderlich war das sehr eingeschränkte Betreuungsangebot für meine drei kleinen Kinder und keine Grosseltern in der Nähe zu haben. Dadurch, dass die Kinder über Mittag nach Hause kommen, müssen sich berufstätige Mütter in der Schweiz extrem gut organisieren. Das war recht schwierig. Mir war nicht klar, ob ich das Problem lösen könne und ob ich überhaupt so viel verdienen würde, um mir jemanden leisten zu können, der meine Kinder so betreut, wie ich es zum aktuellen Zeitpunkt gemacht habe. Haben Sie im privaten Umfeld Unterstützung erfahren? Der Einzige, der mich unterstützt hatte, war mein Mann. Er war sich sicher, dass ich wieder einen Einstieg finden würde. Doch mir aktiv beim Bewerbungsprozess helfen konnte er auch nicht. Das Netzwerk, das man am Heimatort und während des bisherigen Berufslebens aufgebaut hat, ist meines Erachtens das wertvollste Gut vor einem Wiedereinstieg. Und dieses fiel einfach weg; Unterstützung in diesem Sinne hatte ich nicht viel. Was war die mit Abstand schwierigste Situation auf Ihrem Weg zum Wiedereinstieg? Am schwierigsten war, jenen Punkt zu finden, wo ich ansetzen konnte. Also, was kann ich tun, um mich wieder zu positionieren? Der Weiterbildungskurs WBB-HSG war für mich der rettende Anker. Ich weiss nicht, wie ich ansonsten aus meiner damaligen Situation herausgefunden hätte. Wie organisieren Sie heute die Kinderbetreuung? In den ersten Monaten nach dem Beginn meiner Arbeit hatte ich eine Betreuungsperson eingestellt, doch diese brachte nicht die erhoffte Entlastung. Dass es sehr teuer würde, damit hatte ich gerechnet. Zeitweilig hatte ich jedoch das Gefühl, dass es mich mehr belastet als entlastet. Die Betreuung wurde von meinen Kindern nicht akzeptiert und löste einen enormen administrativen Aufwand aus. Nach sechs Monaten habe ich aufgegeben. Heute organisiere ich die Betreuung im privaten Austausch mit anderen Müttern. Welche Bausteine des WBB waren besonders hilfreich? Schwer zu sagen – das Gesamtpaket eigentlich. Doch, der hilfreichste Teil war das Coaching! Da hatte ich Glück, an den richtigen Coach zu geraten. Sie hat meinen Lebenslauf gezielt durchleuchtet. Bis anhin hatte ich viele Bewerbungen geschrieben und nicht eine einzige Einladung zum Gespräch erhalten! Das Netzwerk des Coachs war für mich der wertvollste Teil für den Wiedereinstieg.


Monica Tutsch

Und wie ging es dann weiter? Dank meines Lebenslaufs habe ich bald eine Einladung zum Gespräch erhalten. Es folgte ein anstrengender Bewerbungsprozess, den ich natürlich selber durchstehen musste. Dreimal wurde ich während der Assessmentphase eingeladen. Von meinen früheren beruflichen Tätigkeiten kannte ich dieses Vorgehen nicht, doch heutzutage scheint es wohl üblich zu sein. Welche Bedeutung haben für Sie Netzwerke? Das Netzwerk, das man am Heimatort und im bisherigen Berufsleben aufgebaut hat, ist ein unschätzbar wertvoller Aspekt vor einem Wiedereinstieg. Durch den Umzug in die Schweiz fiel es bei mir weg. Das Netzwerk meines Coachs war für mich Gold wert. Noch heute pflege ich einen engen und intensiven Kontakt zu den anderen WBB-Frauen. Der Kontakt ist mir extrem wichtig und sehr speziell, weil wir alle in einer ähnlichen Situation waren und

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uns so gut verstanden haben. Warum ist Ihre jetzige Arbeitgeberin für Sie attraktiv? Es ist eine mittelständische Arbeitgeberin mit überschaubaren Strukturen. Die Unternehmensgruppe ist relativ jung und die Unternehmenskultur noch in der Entwicklung. Mir gefällt, dass es viel Gestaltungsspielraum gibt – zeitlich wie inhaltlich. Das hat auch seine anstrengenden Seiten, doch mir liegt das. Aduno ist zudem eine seriöse Arbeitgeberin mit guten Rahmenbedingungen. Die Arbeitsstelle ist für mich ein Glückstreffer. Wie ist es zu Ihrem jetzigen Stellenprofil in Teilzeit gekommen? Scheinbar hatte eine Frau aus der Geschäftsleitung Bedarf bei meinem Coach angemeldet – und ich passte auf das Profil. Meine Stelle war allerdings als Vollzeitstelle deklariert und kam eigentlich für mich nicht infrage. Es wurde lange darüber diskutiert, mir die Position in einem reduzierten Pensum anzubieten. Dieses Bild zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Teilzeitstellen werden wenige angeboten, verantwortungsvolle Teilzeitstellen fast keine. Wenn überhaupt, dann werden sie jenen Personen angeboten, die bereits einen Fuss im Unternehmen haben. Was würde Ihr Partner sagen? Was hat sich seit Ihrem Wiedereinstieg verändert? Mein Partner hat das begrüsst und unterstützt. Für ihn ist der Aufwand gestiegen, seit ich berufstätig bin. Darüber hat er noch nie ein negatives Wort verloren, im Gegenteil. Es bedeutet für uns eine wirtschaftliche Sicherheit, auf vier Beinen zu stehen. Meine Kinder haben jedoch eine andere Sicht der Dinge; insbesondere die jüngeren vermissen mich. Es gibt Abendveranstaltungen, und auch Kaderanlässe sind nicht wenige. Ich habe weniger Zeit, um Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen, und


Monica Tutsch

weniger Ruhe, um bei den Hausarbeiten mitzuhelfen. Mit einem 50-Prozent-Pensum wäre dies sicherlich einfacher. Angenommen, eine gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Situ a tion wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Ich würde ihr die Vor- und Nachteile erläutern, insbesondere die Begleiterscheinungen eines beruflichen Engagements in Kombination mit einem intensiven Familienleben. Es ist kein leichter Weg, und man muss sich Zeit lassen, ansonsten klappt es nicht. Die ersten sechs Monate sind die härtesten. Nach einem halben Jahr ist es wichtig, eine erste Bilanz zu ziehen und die Situation kritisch zu hinterfragen. Es braucht unbedingt eine Rückzugsmöglichkeit, falls die Einschränkungen zu gross werden. Darüber waren sich mein Mann und ich von Anfang an einig. Wir sind nun am Schluss unseres Interviews angelangt. Möchten Sie noch etwas hinzufügen? Der WBB-Kurs hat mich persönlich sehr intensiv gefördert. Alle Kontakte und Informationen finde ich unschätzbar wertvoll. Auch die Qualität der einzelnen Module und die Vereinbarkeit mit dem Familienleben sind optimal für Familienfrauen organisiert. Allerdings darf man nicht die Erwartung ha-

Gut zu wissen Erwerbsbeteiligung und Frauen in Führungspositionen Die Erwerbsbeteiligung ist in der Schweiz hoch und lag bei Frauen zwischen 15 und 64 Jahren im Jahr 2011 bei 77 Prozent (Männer 89 Prozent). Die relativ hohe Quote kommt dank eines beträchtlichen Anteils in Teilzeit beschäftigter Frauen zustande. Insgesamt tragen Frauen jedoch nur mit 30 Prozent zum gesamten Beschäftigungsvolumen in der Schweiz bei, obwohl sie im Ausbildungsniveau mit den Männern fast gleichgezogen haben. Folglich ist auch die Zahl der Frauen in Führungspositionen bis heute relativ niedrig. Nur ein Drittel der Arbeitnehmenden in Führungspositionen sind Frauen. Wie das Bundesamt für Statistik in einer Medienmitteilung vom 4. März 2013 bekannt gab, hat sich dieser Anteil in der Schweiz seit 1996 nicht wesentlich veränder t. Im TopManagement waren im Jahr 2012 laut Schilling Repor t sechs Prozent Frauen tätig, und zwölf Prozent der Verwaltungsratsmitglieder waren Frauen. Von den CEOs, und damit für das gesamte Unternehmen verantwor tlich, waren drei Prozent Frauen, und nur ein Prozent der Verwaltungsratspräsidien war von Frauen besetzt. Quelle: Bundesamt für Statistik und Schilling Repor t 2013.

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Andrea Wirth

FUNKTIONIERT HAT ES LETZTENDLICH UM SIEBEN ECKEN HERUM Mit dem Schulbeginn ihrer Kinder stieg die studierte Geografin zunächst aus dem Erwerbsleben aus und plante einen beruflichen Richtungswechsel. Die vierte Durchführung des WBB-Kurses hat sie schliesslich zu ihren beruflichen Wurzeln zurückgebracht. Heute arbeitet Andrea Wirth beim Amt für Umweltschutz der Stadt Bern. Wo stehen Sie heute beruflich und privat? Seit gut einem Jahr, nämlich seit dem WBB-Abschluss, bin ich bei der Energiefachstelle des Amtes für Umweltschutz in Bern tätig. Die Energiefachstelle ist insgesamt mit 150 Stellenprozenten besetzt; ich arbeite 50 Prozent. Mir obliegt nicht die Hauptverantwortung, aber ich bin projektverantwortlich. In absehbarer Zeit möchte ich das Pensum aufstocken. So sieht meine berufliche Situation momentan aus. Privat habe ich eine Familie; meine Kinder sind mittlerweile 13 und 15 Jahre alt. Wie sah Ihr Entwicklungsweg – mit Höhen und Tiefen – vor dem WBB aus? Nach dem Studium war ich mit meinem Partner zwischen Bern, Basel und London hin und her gezogen. Das hatte jedes Mal bedeutet, dass ich neu anfangen, ein neues Netzwerk aufbauen und eine neue Stelle finden musste. Nachdem wir mit zwei kleinen Kindern nach Bern zurückgekommen waren, arbeitete ich als Assistentin an der Uni. Damals hatte ich gespürt, dass es mich beinahe zerriss mit den Kindern, dem Job und einem Partner, der viel arbeitet. Ich hatte das Gefühl, nichts mehr richtig zu machen und auf dem Zahnfleisch zu laufen. Zu jenem Zeitpunkt, wenn die meisten Frauen wieder zu arbeiten beginnen, hatte ich aufgehört. Das war, als die Schulzeit unserer Kinder begonnen hatte. Sie haben, als die Kinder in die Schule kamen, aufgehört zu arbeiten? Ja, ich wollte einfach raus, habe die Stelle gekündigt, mir einen Hund zugelegt und angefangen zu reiten. Das spricht wohl für sich. Ein paar Jahre habe ich mal hier, mal dort gearbeitet. Ich war im grafischen Bereich tätig, habe bei Vernissagen mitgearbeitet, für ein Geschäft die Website aktualisiert usw. Dann wollte ich irgendwann wieder mehr. Doch mein Beziehungsnetz hatte ich in Bern an der Uni, aber ich wollte


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nicht mehr in diesem wissenschaftlichen Bereich arbeiten. Und wie ging es dann weiter? Ich wollte wieder mehr arbeiten. Doch wohin mit mir? Ich habe mich im Umweltbereich und bei der Raumplanung beworben, also dort, wo ich eigentlich herkomme – und hatte keine Chance! Denn es gibt kaum Stellen mit 40, 50 oder 60 Prozent. Die wenigen, die es hat, werden unter der Hand vergeben, also an Leute mit dem nötigen Netzwerk. Ich kam einfach nicht hinein. Mit einer Weiterbildung zeigen zu können, dass ich arbeiten will, erschien mir ein guter Weg. Irgendwann bin ich über das WBB «gestolpert». Dieser HSG-Kurs hat mich fasziniert, obwohl ich keine Ahnung von Wirtschaftsthemen hatte. Doch ich liess mich überraschen. Während des Kurses habe ich eine Stelle oder ein Praktikum gesucht. Mein Glücksfall war, dass im Amt für Umweltschutz jemand krankheitsbedingt ausgefallen war und dringend jemand gesucht wurde, der bald anfangen konnte. Zwei Tage nach meiner Zertifikatsfeier war mein erster Arbeitstag. Wie sind Sie zu Ihrer jetzigen Anstellung gekommen? Über Beziehungen. Ich habe mich vorher auf Inserate und Ausschreibungen und auch «blind» beworben, aber funktioniert hat es letztendlich um sieben Ecken herum. Es war mein Glück, fachlich aus dem richtigen Bereich zu sein. Am Mittwoch fand das Vorstellungsgespräch statt, und am folgenden Montag konnte ich gleich anfangen. Seither bin ich bei verschiedenen Fachstellen im Amt für Umweltschutz eingesprungen und habe einen guten Einblick ins jeweilige Metier bekommen. Mittlerweile arbeite ich zu 50 Prozent fix bei der Energiefachstelle. Dies hat vordergründig mit den WBB-Themen nicht viel zu tun, aber hintergründig kann ich das Wissen gut gebrauchen.


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Welche privaten Rahmenbedingungen haben Sie bei Ihrem Wiedereinstieg unterstützt? Was war eher hinderlich? Das grösste Glück war, dass unsere Kinder älter und somit selbstständiger wurden und auch nicht mehr über den Mittag nach Hause kamen. Ausserdem hat mich meine Familie, Partner wie Kinder, immer wieder ermutigt, nicht aufzugeben – und mir versichert, dass es auch mal ohne mich geht. Das fehlende Netzwerk war das Schwierigste, d.h. die Kontakte, die wegen der Wohnortswechsel und meiner Auszeit immer wieder verloren gingen. Zudem führten die speziellen Arbeitszeiten meines Partners dazu, dass alles Organisatorische in der Familie mir zukam. Welche Bausteine des WBB waren bei Ihrem Wiedereinstieg besonders hilfreich? Schwer zu sagen. Der gesamte Kurs hat mich motiviert. Die Tatsache, dass wir ein Praktikum machen mussten, hat einen gesunden Druck erzeugt, etwas finden zu müssen. Mit der Abschlussarbeit wurde dann bei mir wie ein Schalter umgelegt – und ich kam wieder in eine Art Arbeitsprozess und Routine hinein. Warum ist Ihre jetzige Arbeitgeberin für Sie attraktiv? Weil meine Arbeit inhaltlich spannend und vielseitig ist. Das Team ist angenehm und nicht zu gross. Ich habe meine fixen Arbeitszeiten, aber ich kann auch mal einen halben Tag verschieben. Auch inhaltlich fühle ich mich gut aufgehoben. Es ist eine Verwaltungsstelle, was sehr trocken und nach Paragrafen klingt. Aber das Gegenteil ist der Fall: In der Stadtverwaltung ist die Arbeit sehr nahe am Leben. Wir überlegen uns zum Beispiel momentan die Energieversorgung von Bern für den Zeitraum der nächsten zwanzig

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Jahre. Das ist hoch spannend. Welche Faktoren stehen hinter Ihrer Entscheidung, für die Stadt Bern zu arbeiten? Ich habe keine Stelle in der Verwaltung gesucht. Doch weil es eine praktische und spannende Arbeit ist, nahe am Leben, arbeite ich gerne bei der Stadt Bern und möchte da bleiben. Klar, die Flexibilität ist auch wichtig, auch wenn die Kinder sich mittlerweile in festen zeitlichen Strukturen bewegen und mehr von zu Hause weg sind. Aber die Kinder haben 13 Wochen Ferien, und ich nur vier oder fünf. Da hilft es, wenn ich während des Quartals etwas mehr arbeite und dafür mehr Ferien beziehen kann. Können Sie auch von zu Hause aus arbeiten? Dies ist eigentlich nicht vorgesehen. Wenn ich weiss, dass dringende Sachen anstehen, schaue ich daheim die Mails an und beantworte diese auch. Aber an sich ist dies nicht nötig. Ich habe lange genug von zu Hause aus gearbeitet – mit allen Vor- und Nachteilen. Die Arbeitszeit liesse sich zwar so flexibler einteilen, doch mir fehlt dann die klare Trennung zwischen Berufs- und Privatleben. Man ist dann immer für die Kinder abkömmlich. Es ist mir weitaus angenehmer, beides klar voneinander getrennt halten zu können. Was würde Ihr Partner sagen? Was hat sich seit Ihrem Wiedereinstieg verändert? Mein Partner hat mich immer aktiv unterstützt, auch wenn er zeitlich viel abwesend war. Er spürt, dass es mir nun besser geht, dass ich ausgeglichener und besser ausgelastet bin, dass ich Bestätigung von ausserhalb erhalte, mehr gefordert bin und dass mich auch andere Themen beschäftigen als ausschliesslich Kinder und deren Erziehung. Auch meine Kinder sind froh, dass ich auswärts arbeite. Sie erleben mich zufriedener, als wenn ich nur daheim bin. Ich glaube, sie schätzen es sogar, auch mal mehr Verantwortung übernehmen zu müssen. Angenommen, eine sehr gute Freundin von Ihnen steckt in einer ähnlichen Situation wie Sie vor dem WBB. Was würden Sie ihr raten? Ich würde ihr vor allem empfehlen, ihre alten Netzwerke zu aktivieren. Ich würde ihr raten, eine Weiterbildung wie das WBB zu machen, die eine breite Grundlage darstellt, ohne sich auf ein spezielles Thema einzuengen. Denn, ob man in dem spezifischen Bereich nachher tatsächlich eine Stelle findet, ist offen. Vor dem Kurs wollte ich in einen anderen Berufsbereich vorstossen. Irgendwann merkte ich, dass ich dort stark bin, wo ich beruflich zu Hause bin. Ich habe Geografie studiert, meine Erfahrungen ge-


Andrea Wirth

«Irgendwann merkte ich, dass ich dor t stark bin, wo ich beruflich zu Hause bin.» macht – und dort liegen meine Interessen. Und das ist gut so. Wenn Sie den gesamten Prozess aus der Vogelperspektive betrachten: Was fällt für Sie am stärksten ins Auge? Früher dachte ich, dass ich aus meinem Fachbereich wegkommen muss. Das hat sich während des Kurses geändert. Die Weiterbildung hat mich enorm bestätigt und mir Selbstvertrauen gegeben sowie meinen Findungsprozess begleitet. Wir sind nun am Schluss unseres Interviews angelangt. Möchten Sie noch etwas hinzufügen? Es hat Mut gebraucht, mich für diesen Kurs zu bewerben, so banal das klingen mag. Ich hatte Angst zu versagen. Was, wenn der Wiedereinstieg nicht gelingt? Doch wir Frauen im Kurs waren alle in einer vergleichbaren Situation, und die Kursleiterinnen haben uns immer wieder ermutigt. Es hat mir Mut gemacht, mit meinen Bedenken und Befürchtungen ernstgenommen zu werden und nicht damit alleine zu sein.

Gut zu wissen Frauen in der öffentlichen Verwaltung In den drei letzten Jahren (1. Quar tal 2010 im Vergleich zum 1. Quar tal 2013) ist die Anzahl der Frauen in der öffentlichen Verwaltung um 15 Prozent gestiegen (von 72’500 auf 83’300). Bei den Männern ist die Anzahl um 7 Prozent gestiegen (von 93’300 auf 100’000). Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der öffentlichen Verwaltung betrug Anfang 2010 56 Prozent zu 44 Prozent. Anfang 2013 lag dieses Verhältnis bei 55 zu 45 Prozent. Vor 10 Jahren (1993) betrug das Männer-Frauen-Verhältnis noch 68 zu 32 Prozent. Die öffentliche Verwaltung hat zudem eine Vorbildrolle bei der Umsetzung des Bundesgesetzes von 1995 über die Gleichstellung von Mann und Frau zu leisten. Inso fern ist es auch nicht verwunderlich, dass das Lohngefälle zwischen Mann und Frau in der öffentlichen Verwaltung geringer ist als jenes in der Privatwir tschaft – und tendenziell mehr Teilzeitmöglichkeiten angeboten werden. Bundesamt für Statistik (2013). Beschäftigungsstatistik: Beschäftigte nach Wirtschaftsabteilungen und Geschlecht.

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Profile

Gudrun Sander, Dr. oec. HSG, ist Director for Diversity and Management Programs an der Executive School of Management, Technology and Law der Universität St. Gallen sowie Initiantin und Programmverantwor tliche für die Management-Weiterbildung «Women Back to Business» (www.es.unisg.ch/wbb). Als Unternehmerin, Dozentin und Gutachterin engagier t sie sich seit vielen Jahren für eine bessere Integration der Frauen in die Arbeitswelt.

Miriam Rodriguez Startz, M.A., entwickelt und realisier t als Projektleiterin und Herausgeberin seit vielen Jahren Bücher, Programmkonzepte und Broschüren für Verlage und Unternehmen. Unmittelbar nach ihrem Umzug in die Schweiz besuchte sie den ersten WBB-Kurs, woraus eine mittlerweile mehrjährige Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen entstanden ist.

Leonie Renouil, Diplom-Betriebswir tin (FH), ist seit 2011 als Senior Communications Consultant für die Sander & Sander GmbH tätig. Sie unterstützt und berät das Team in allen Fragen der externen Kommunikation. Von 1995 bis 2003 arbeitete sie als PRManagerin für MAN Nutzfahrzeuge und Siemens in München. Nach einer Familienphase besuchte sie den dritten WBB-Kurs.

Anneliese Fehr, betreut seit gut fünf Jahren als Programm Managerin den Zer tifikatskurs «Women Back to Business». Als Mutter und Hausfrau ist sie nach 19 Jahren wieder in das Berufsleben eingestiegen und kümmer t sich heute um alle kaufmännischen und organisatorischen Belange des Kurses. Sie ist zentrale Ansprechperson für alle Anliegen der Kursteilnehmerinnen.


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Impressum Die Herausgeberinnen danken der Novar tis Pharma AG, der Raiffeisen Gruppe, AXA Winter thur und der St.Galler Kantonalbank für die freundliche Unterstützung und Förderung der Publikation.

Herausgeberinnen Gudrun Sander, Dr. oec. HSG Director for Diversity and Management Programs Executive School of Management, Technology and Law Universität St. Gallen gudrun.sander@unisg.ch www.es.unisg.ch/wbb Miriam Rodriguez Star tz, M.A., St. Gallen miriam.rodriguez@bluewin.ch Idee, Konzept und Themenboxen Gudrun Sander Projektleitung, Interviews und Bildkonzept Miriam Rodriguez Star tz Projektbegleitung Leonie Renouil Fotografie Barbara Jung, Basel Gestaltung gdm grafik design meili, Wetzikon Korrektorat Pablo Egger, Speicher Druck Ritter Druck AG, St. Gallen Auflage 2’500

Sämtliche Aufnahmen der Wiedereinsteigerinnen und Umsteigerinnen wurden mit freundlicher Genehmigung auf dem Campus der Novartis Pharma AG gemacht. © Juli 2013, Dr. Gudrun Sander und Miriam Rodriguez Startz, St. Gallen Weiterverwendung der Inhalte nur mit schriftlicher Genehmigung der Herausgeberinnen.


Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung werden auf dem Arbeitsmarkt zunehmend spürbar : Der Schweizer Wir tschaft gehen die Fach- und Führungskräfte aus. Auf der Suche nach neuen Mitarbeitenden werden hervorragend ausgebildete Wiedereinsteigerinnen häufig übersehen, obwohl sie hoch motivier t und für viele Unternehmen äusserst interessant sind. In dieser Publikation lesen Sie die Geschichten von zehn gelungenen Wiedereinstiegen bzw. Umstiegen – auch wenn es nicht immer ganz einfach war.

WBB Mutmacherinnen - Women Back to Business  

Zehn Erfolgsgeschichten gelungener Wiedereinstiege. Herausgegeben von Gudrun Sander und Miriam Rodriguez Startz

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