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VON KREIDE ZU GRAPHIT - CASPAR DAVID FRIEDRICH SCHWARZ WEISS GESEHEN


„Der Maler soll nicht bloss malen was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.“ Caspar David Friedrich

Ausgehend vom berühmten Gemälde „Kreidefelsen auf Rügen“ (1818) von Caspar David Friedrich machte ich mich mit dem PfeiferMobil auf nach Rügen, der grössten Insel ganz im Norden Deutschlands, mit der Absicht aus der Rügenreise eine 37teilige Serie von Zeichnungen entstehen zu lassen. Seit langem interessierten mich die Landschaftsdarstellungen Kaspar David Friedrichs in Bezug darauf wie Wiesen, Felsen, Seen, Bäume, An- und Aussichten, kurz die Natur einer bestimmten Bildaussage untergeordnet sind. Weniger in der Tatsache, dass C.D. Friedrichs symbolhafte Verwendungen der Natur einer romantischen Idee verpflichtet waren, als vielmehr im Vorgehen die aus der Natur entliehenen Versatzstücke zu Kompositlandschaften zu verarbeiten, sah ich eine Parallele zu meiner eigenen Arbeitsweise. Unter Einbezug der (kunst)geschichtlichen, sozialen und umweltbedingten Veränderungen und deren Bedeutung sollte dies ein Versuch werden, am Beispiel Rügen Friedrichs Ansicht der „Kunst als einer schöpferischen Umgestaltung der Natur“ nachzuspüren.


Am 8. August kommen wir in Greifswald, der Geburtsstadt Caspar David Friedrichs an. Bei der Ankunft empfängt uns strömender Regen. Allmählich, beim Verlassen der Nikolaikirche scheint die Sonne zwischen tief ziehenden Wolken durch. Es ist dunkel wie an einem Spätnachmittag im Herbst als wir das erste Mal am Greifswalder Bodden stehen. Beim Meer wandern die Augen genau diesen seinen Bildern nach. Es ist eine beinahe erschütternde Erfahrung, der Stimmung in Friedrichs Bildern zweihundert Jahre später so nah und real zu begegnen. Von jetzt an werde ich diesen Blick immer begehren.


Nach zweimaligem Wenden und für eine für uns zu diesem Zeitpunkt noch ungewohnte Anfahrt über den als Hauptstrasse beschilderten konvexen Pflastersteinweg zwischen Sagard und Lohme fanden wir schliesslich die Abzweigung zum Krüger Naturcampingplatz. Ich hatte bereits im Mai eine online Buchung vorgenommen, da ich verhindern wollte irgendwo mit dem hinterst und letzten Stellplatz auf dem touristisch überfluteten Rügen der Hauptsaison Vorlieb nehmen zu müssen. Es stellte sich heraus, dass ich hatte ein Juwel „auf Rügen ganz vorn“ gefunden hatte und es sollte mein Ausgangspunkt für die Inselerforschung werden. Keine Barriere, die mit Schlüssel oder Codekarte zu öffnen wäre begrenzte den Camping. Inmitten des dicht bestandnen Waldes des Jasmunder Nationalparks oder auf der darin geschlagenen Lichtung suchte man sich frei einen Platz. Wie zwei Vöglein nisteten wir uns die ersten zwei Tage hier und dort ein bis wir schliesslich auf der grossen Wiese vor der Lichtung am Rand des Weizenfeldes, gerändert von einem Spickel Ostsee und dem nachts in weiter Ferne blinkenden Leuchtturm vom Kap Arkona den richtigen Platz fanden. So blieb ich dann nicht nur die ersten zehn reservierten Tage sondern gleich einen Monat, Krüger’s Wiese wurde meine, zugegebenermassen oft nur in Regenstiefeln trocken zu durchquerende Heimbasis, von wo aus ich meine Erkundigungstouren zu Fuss, per Velo oder Bus unternahm. Wieso auch sollte ich diesen inspirierenden Atelierplatz verlassen? In der Spechthöhle, der kleinen zum Camping gehörenden Gaststätte, bereitete Heike den köstlichsten Fisch vom täglichen Frischfang zu. Von der Fähre von Hiddensee abends um neun ankommend, zu spät um noch einen Bus zu kriegen und zu dunkel bereits um die ganze Rückreise noch per Rad anzutreten, stand Norbert mit dem Krügerschen Shuttlebus am Hafen da. Er hätte mich wohl nicht nur am Kap Arkona, sondern wenn’s hätt sein müssen auch am Kap der Guten Hoffnung abgeholt. Matthies und Christian versorgten mich mit Reiseinfos, komplett mit ausgedrucktem Busfahrplan, wenn ich erneut auf eine mehrtägige Tour gehen wollte. Es war genau der Ort den ich mir vorgestellt hatte. Der Ort wo ich schnell merkte, dass ich mich Friedrichs Sichten auf meine Weise annähern konnte, sie mir allmählich aneignen und wie kleine Geheimnisse entdecken konnte. Dass ich im Bleiben und Verweilen und mehr als einmal des strömenden Regens wegen durchaus auch im hartnäckigen Ausharren die Stimmungen verinnerlichen und weit über das äussere Auge hinaus mein Eigen machen konnte.


So verfolgte ich nach anfänglichem Zögern konsequent einen Rhythmus zwischen Zeichnen und Sammeln von Sichten die sich mir stetig klarer erschlossen und zeigten, wonach ich eigentlich suchte. Ich arbeitete meistens an zwei, drei, oder vier Zeichnungen als Miniserien innerhalb der 37teiligen Arbeit. Diese besteht jetzt in einer Rohfassung die nun in der Komposition, im Ablauf und der Zusammensetzung weiter redigiert, verfeinert, verdichtet wird. Die Fülle des gesammelten Materials und der Erfahrung wird mir für eine Reihe grösserer Zeichnungen Ausgangslage sein und die 37 Ansichten ergänzen.


Die Rügenfolge Ausgangslage und zentraler Impuls für meine Rügenreise waren Berichte über 37 Aquarelle und Sepien, die Caspar David Friedrich von der Insel Rügen gemacht hatte. Verschiedene Zeitgenossen berichteten über die Schönheit der Rügensuite die sie bei Besuchen im Atelier des Künstlers gesehen hatten. So schreibt Carl August Böttiger 1825, man werde in Friedrichs Atelier „jetzt auch eine höchst anmutige Küstenumfahrt und innere Beschauung der Insel Rügen machen können, indem man bei ihm 37 trefflich in Aquarell ausgeführte Prospekte von der Insel Rügen an sich vorübergehen lässt.“ Verschiedentlich war geplant, die Rügenfolge in Buchform erscheinen zu lassen. Einmal als eine Art früher Touristenführer mit begleitenden Texten des Stralsunder Pastors Adolph Friedrich Furchau. Einmal als Illustrationen zum Gedichtzyklus „Muscheln von der Insel Rügen“ von Wilhelm Müller, bekannt als Dichter zu Franz Schuberts „Winterreise“, der mit Furchau als kundigem Begleiter im Juli 1825 zu Pferd die Insel durchquerte. Keines der beiden Projekte kam zustande. Schliesslich hat sie ein befreundeter russischer Dichter namens Shukowski 1838 erworben und bot sie 10 Jahre später als Teil seiner gesamten Zeichnungssammlung König Friedrich Wilhelm IV zum Verkauf an. Dieser Verkauf kam wohl nicht zustande, jedenfalls verliert sich ihre Spur in Russland und die Rügensuite ist bis auf drei Stück leider verschollen. Die Blätter der Rügenfolge basierten auf Skizzen die Friedrich auf seinen bis dahin unternommenen Reisen nach und auf Rügen gemacht hatte. Sie sind Teil des Buches „Caspar David Friedrich auf Rügen“ von Herrmann Zschoche.1 Dieses wurde zu meiner eigentlichen Bibel, da Zschoche darin anhand Friedrichs zahllosen Skizzen der Insel seine 7 Rügenreisen nachzeichnet. War ich also zum Beispiel zu Fuss von Glowe über Polchow nach Bobbin unterwegs, hatte ich Zschoches Buch in meinem Rucksack weil ich wissen wollte, ob ich den Standpunkt einer Skizze Friedrichs von der Anhöhe bei Bobbin auf die Spyckersche See wieder finden würde. Oder die Steilküste vom Kap Arkona vom Hafen bei Vitt aus gesehen. Anfänglich waren meine Streifzüge fest an die von Zschoche vermittelten Orte von Friedrichs Zeichnungen gekoppelt. Aber im stetigen Sammeln, Auslesen, Interpretieren und Wiedergeben verselbständigte sich der Blick und damit einhergehend das Zeichnen. 1 Herrmann Zschoche, Caspar David Friedrich auf Rügen, Verlag der Kunst Dresden, 1998 2 Herrmann Zschoche, Caspar David Friedrich auf Rügen, S 99 3 Herrmann Zschoche, Caspar David Friedrich auf Rügen, S 23

Caspar David Friedrich: Siedlung an der Spyckerschen See, 9. August 18182

17. August 2011

Caspar David Friedrich: Arkona, 22. Juni 18013

30. August 2011


Dank dem PfeiferMobil war ich ja immer unmittelbar an der Natur dran, in der Stimmung drin, erhob sich der Wind, rauschten die Bäume, zogen die Wolken, verdunkelte sich die See zu einem tiefen Blau. Meist unvermittelt war ich immer wieder von neuem überrascht, wiederum inmitten einer Friederichschen Landschaft zu stehen. Durch die Unmittelbarkeit dieser Erfahrung begann ich intuitiv, jedoch immer präziser die Eigenheiten dieser Landschaft auszuwählen. Der hoch- oder tiefliegende Horizont, die Nehrungen, z.B.die der schmalen Heide zwischen Glowe und Juliusruh, die Binnengewässer, z.B.die des kleinen und grossen Jasmunder Boddens, die abfallenden Ufer, die von Plattenwegen unterbrochenen, in verschiedene Richtungen und Ausdehnungen sich gruppierenden Hügel, die buschreichen Erhebungen, die die Sicht manchmal verhüllenden, manchmal einrahmenden Baumgruppen, die gefurchten Äcker und gemähten Weizenfelder, die von hohem Schilfgras gesäumten Bodden, die von Windflüchtern abgesteckten Hügelkanten, die in dunklen Buchenwäldern versteckten Kesselmoore, an manchen Orten umgeben von den alten Kultstätten der Ranen, von Burgwallen oder Hünengräbern, die Felder mit den schweren Böden und die geröllübersäten Strände. All diese Elemente prägten sich mir ein. Sie schoben sich Schicht für Schicht, meist von einer mehr oder minder hohen Erhebung betrachtet, hintereinander und alles endete immer wieder mit dem Blick auf Wasser, Wieken und Bodden.


Die drei der Hauptinsel, dem sogenannten Muttland, vorgelagerten Halbinseln waren meine eigentlichen Flanierorte. Jasmund, wo ich mein „Basislager“ aufgeschlagen hatte, ist eine gewaltige Kreideplatte in Schräglage. Im Ostteil schaut man auf weite Wiesen und Äcker und von Anhöhen hie und da auf die hellen Löcher aufgelassener Kreidebrüche. Wie ein Pelz bedecken die alten Laubwälder der Stubnitz den gesamten Ostteil Jasmunds, aus denen dann die weissen (wobei weiss sie selten wirklich sind) Kreidefelsen jäh ins Meer stürzen. Stellte die Romantik der Wirklichkeit Gegenwelten gegenüber, so verhält es sich heute eher umgekehrt, wenn nämlich Zehntausende von Menschen für ihren halbstündigen Aufenthalt an die Kreideküste Jasmunds kommen und enttäuscht nach dem Königsstuhl Ausschau halten, auf dessen Aussichtsplattform sie gerade stehen. Oder wie der junge Wanderer der sich, nachdem er früh an einem Sonntag morgen während mindestens einer Stunde am Fusse des Kreideufers einige Meter hinter uns dem steinigen Strand entlanggewandert war, erkundigte, ob hinter der nächsten Biegung denn nun wohl die Kreidefelsen kommen würden. Ich ahnte dass da Friedrichs „Kreidefelsen auf Rügen“ recht und gut zur Mythologisierung beigetragen hat, indem er die auch schon zu seiner Zeit mehr buckligen als spitzigen Felsvorsprünge ganz unverschämt frei zu bizarren Stalaktiten überhöht hatte. Das Windland Wittow ist der nördlichste Teil Rügens. Ungebremst und wild stürmen die Westwinde über die fast baumlose und daher ungeschützte Platte der Halbinsel hinweg. Wenige schmale Strassen führen rauf und runter, hin und her zu den paar Dörfchen und geduckten Häusern. Wie ein riesiges Spielbrett empfindet man die Halbinsel weil eigentlich jede Kante von jedem Punkt aus stetig sichtbar bleibt, während man per Rad, gegen hartnäckige Winde ankämpfend, der aus jedem Kilometer zwei macht, auf den schmalen Strässchen unterwegs ist. Die südliche Nachbarin von Jasmund, das Mönchgut ist entzückend vielgestaltig mit den weit vorspringenden Landzungen, den tief ins Land reichenden Boddenbuchten den sumpfigen Schilffeldern und den kilometerlangen Sandstränden. Zickersche Berge hatte ich auf der Karte gelesen. „Ah wieder mal Berge“, dachte ich und machte ich mich zu einer Wanderung dorthin. Nur eine weitere Frau stieg zusammen mit mir bei der Haltestelle „Gesamtschule“, etwas im Nirgendwo aus dem Bus. Es stellte sich heraus dass Regina war auch Schweizerin ist und der Ort, der in ihrem Reiseführer gar als Zickersche Alpen bezeichnet wurde auch sie verleitet hatte. Grade mal 66 Meter hoch war denn der höchste „Berg“, nichtsdestotrotz faszinierte uns die Weite der Landschaft und die fantastische Aussicht auf Boddengewässer und Halbinseln und amüsierten wir uns über das Schweizer Symptom das unsere Begegnung verursacht hatte. Ich nannte sie die drei Schwestern: Jasmund, ist deren älteste. Sanft und beständig, stolz, aber bedächtig, vorausschauend, weise wissend, dass die Zeit sie stetig ihrer Schönheit beraubt und dennoch schützend steht sie zwischen ihren zwei Schwestern. Mönchgut, die liebliche, sanfte, charmant verspielte, als Jüngste die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehend. Und Wittow die mittlere, die sich zur Wehr Setzende, ungestüm, gar aufbrausend, aber hartnäckig und unnachgiebig.


Ich habe mir oft überlegt warum ich diese Reise auf den Spuren Kaspar David Friedrichs wohl angetreten bin. Vielleicht liegt es daran, dass die Landschaft als Territorium mich seit Jahren beschäftigt und mir wenigstens eine äussere Orientierung verleiht. Und vielleicht bin ich in der Umkehrung von Caspar David Friedrichs Satz einer Antwort einen Schritt nähergekommen:

„Der Künstler soll nicht bloss tun was er in sich hat, sondern auch was er vor sicht hat. Hat er aber nichts vor sich, so unterlasse er auch zu tun, was er in sich hat.“ Monika Müller, September 2011

PfeiferMobil, August und September 2011

Fotos und Zeichnungen © Monika Müller



Monika Müller