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Das Projekt «barter on barter on barter» ist angelehnt an die Geschichte der Gebrüder Grimm, vom Hans im Glück, der auf seinem Nachhauseweg einen kopfgrossen Klumpen Gold gegen eine lange Kette von Dingen immer kleiner werdenden Wertes eintauscht und zum Schluss glücklich aber leider mit leeren Händen zu hause ankommt. Anhand des einfachen Experiments, einen Gegenstand über die Dauer der Reise immer weiter zu tauschen, versuchten wir, über den Handel (Austausch von einem Gut), aber vor allem mittels der Handlung (dem Gespräch), etwas über die Auswirkungen der gegenwärtigen europäischen Finanzkrise herauszufinden. Um den ersten Gegenstand zu definieren, den wir auf unsere Reise mit nehmen wollten, beschlossen wir einen Brief an die Bundesrätin Evelyne Widmer-Schlumpf zu schreiben. Neben einer Erklärung unseres Vorhabens enthielt unser Brief an Frau Schlumpf die Bitte als offizielle Verantwortliche für den Schweizer Finanzhaushalt den Gegenstand zu bestimmen,

mit welchem wir unsere Reise nach Griechenland antreten würden. Leider konnte Frau Schlumpf nicht an dem Projekt teilnehmen. Deshalb bestimmten wir die schriftliche Absage ihrer Assistentin zu unserem ersten Tauschgegenstand und machten uns damit auf den Weg.

Eingeschneit in Slowenien

Wasser auffüllen in Mazedonien 2

Für beide von uns war es das erste Mal mit einem Wohnmobil zu reisen und auch das erste Mal, dass wir länger im Balkan unterwegs waren. Wir wollten diese Reise so unvoreingenommen wie möglich antreten und haben deshalb die Recherchen und Vorbereitungen auf ein Minimum beschränkt. Mathis lud eine Europastrassenkarte zur Navigation auf sein Iphone. Zur Verständigung nahmen wir zwei kleine Wörterbücher


Ausgraben

Die ersten zwei Tauschgeschäfte in der Schweiz funktionierten reibungslos. Doch bereits am zweiten Tag, als wir in der italienisch-sprachigen Schweiz ankamen, zeichnete sich ab, dass es immer schwieriger werden würde, je weniger gut wir uns mit den Leuten verständigen können. Es kam von da an vor, dass es lange dauerte, bis wir einen Tausch- und Gesprächspartner fanden. Oft verstanden uns die Leute nicht nur der Sprache wegen nicht, sondern konnten auch unser Projekt nicht einordnen, wurden deshalb misstrauisch und zeigten weder Interesse an einem Tauschgeschäft noch an einem Gespräch.

mit, ein Kroatisches und ein Albanisches. Nadine kaufte eine Karte vom Westbalkan, welche die Reisestrecke von Italien bis Griechenland abbildete und ein Freund lieh uns das Buch «Die Brücke über die Drina» des Nobelpreisträgers Ivo Andric, welches ihn im Vorjahr zu einer Reise nach Visegard, Bosnien inspiriert hatte. Drittes Tauschobjekt, Domat/Ems 3

Wir merkten bald, dass wir gewzungen waren, uns bei der Begegnung sofort selber als Künstler zu bezeichnen und unserem Gegenüber unsere Absichten und Interessen so verständlich und nachvollziehbar wie möglich zu Vermitteln. Der Umstand, dass die Kommunikation mit den Leuten immer unter dem Aspekt verlaufen musste, dass wir mit ihnen ins Geschäft kommen wollten, liess uns selten mit der gewohnten Leichtigkeit auf die Leute zugehen. Es kostete uns manchmal viel Überwindung jemanden anzusprechen. Sobald wir jedoch mit jemandem ins Gespräch gekommen waren, wurde fast immer eine spannende und gehaltvolle Begegnung und Erfahrung daraus. Es zeichnete sich aber relativ schnell ab, dass wir eher schlechte Händler sind, da wir so gut wie keine objektive Wertsteigerung des Tauschgegenstandes erreichten und auch nicht forderten, sondern fast jedes Tauschangebot annahmen was man uns machte. In mehreren Fällen ärgerten wir uns nach einem abgewickelten Tausch darüber und befürchteten das neu erhaltene Objekt


nie mehr los zu werden. Wir schlossen daraus, dass es passierte, dass die Objekte in dem kurzen Moment des Tauschens für uns plötzlich einen grössren Wert hatten, der sich danach wieder relativierte. Dies hatte einerseits mit der erlebten Begegnung und dem Gespräch mit dem Besitzer zu tun, welchem unser primäres Interesse

emotionalen Wert des Gegenstandes weiter zu vermitteln. Es war selten, dass jemand ohne unsere Erklährung, also nur anhand des Objektes zu einem Tausch bereit war. Das Tauschen wurde somit hauptsächlich zu einem symbolischen Akt, welcher die Verbindungen, die wir zwischen den Menschen, denen wir begegnet sind und mit denen wir uns im Gespräch ausgetauscht hatten manifestierte. Dieser Umstand wurde je weiter südöstlich wir reisten immer bedeutender.

Grafitti in Zagreb, Kroatien

Guter Tausch mit Borut Korosec

galt, aber auch mit der künstlichen Situation in der wir uns befanden. Angesichts des Tauschens waren wir immer in die schwächere Position versetzt, da wir im Gegensatz zu unseren Partnern auf den Tausch angewiesen waren. Unsere Aufgabe bestand schliesslich also auch darin, den jeweils neuen Tauschpartnern diesen zusätzlichen künstlichen oder auch 4

Als wir an der Kroatisch- Bosnischen Grenze entlang fuhren, rückte die Problematik der Finanzkrise, von der wir eigentlich ausgegangen waren, zusehends in den Hintergrund. Statt dessen nahm die Geschichte des Balkans und der ehemaligen Jugoslavischen Staaten, von da an hauptsächlich unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Wir waren beide um die zehn Jahre alt, als in den frühen Neunziger Jahren der Krieg im Balkan ausgebrochen ist.


Was genau da passierte und warum, wo sie herkamen und was das Wort Krieg tatsächlich bedeutete, war uns nicht wirklich bewusst. Krieg waren vor allem die Bilder am Fernsehen, welche Ruinen, Rauch und Feuerwerk zeigten und die damit einhergeheden, uns oft unverständlichen Berichterstattungen.

Kosovo

Einen grossen Teil unserer Kindheit und Jugend haben wir mit Kindern aus dem ehemaligen Jugoslavien, die mit ihren Familien in der Schweiz Zuflucht gefunden haben, verbracht. Täglich sassen wir gemeinsam in den Klassenzimmern. Wir und diese neuen Mitschüler, die von unvorstellbar weit her kamen und eine Sprache sprachen, die wir vorher noch nie gehört hatten.

Ruine in Bosnien und Herzegovin nahe der Kroatischen Grenze 5

In dem Sinn wurde die Reise für uns auch eine persönliche Aufarbeitung und Reflexion dieser Kriege und den daraus folgenden Auswirkungen auf die Gegenwart. Unsere Reisegeschwindigkeit war relativ langsam. Wir fuhren kaum auf den Autobahnen, sondern bevorzugten kleine Strassen, um möglichst viel von der Landschaft zu sehen und nicht nur von Zentrum zu Zentrum zu hasten. Kroatien erreicht man, wählt man die schnellste und direkteste Route, in gut 9 Stunden. Wir brauchten bis dahin ungefähr zehn Tage, in denen wir durch Italien und Slowenien gereist sind. Das erste, was uns in Kroatien aufgefallen ist, war die grosse Zahl neugebauter Häuser. Unzählige meist unfertige, nackte Ziegelsteingebäude säumten die Strassen – dazwischen wenige fertiggebaute Gebäude oft mit buntem Verputz, einem durchgestalteten, tadellosen Garten und geschlossenen Fensterläden; die Häuser von Auswandrern, die bei Kriegsausbruch in reichere europäische Länder geflüchtet sind,


sich, sobald das Wetter besser wurde, wir mit einheimischen Personen ins Gespräch kamen und uns längere Zeit an einem Ort aufhielten. Wir gewöhnten uns aber während der gnazen Reise nicht an die Spuren der Kriege und auch nicht an die herumstehenden Bauruinen und halbfettigen Ziegelsteingebäude, die man überall antrifft. Ebensowenig

Albanien

dort Arbeit gefunden haben und sich in der alten Heimat ein Haus bauen oder wiederaufbauen konnten. Die meisten kehren abgesehen von einigen Wochen Urlaub im Jahr aber nicht zurück, wie man uns erklärte.

an die kaputten Strassen voller Schlaglöcher und das nicht befriedigend gelöste Abfall Problem. Diesbezüglich herrschen in der Schweiz äusserst priviligierte Verhältnisse. Gleichzietig waren diese Unterschiede auch reizvoll für uns. Zu sehen, dass auch eine improvisierte Infrastruktur funktionieren kann oder muss und man manche Dinge ein wenig gelassener nehmen könnte, als die Schweiz- und die Schweizer dies zu tun pflegen. Doch auch die Vorzüge unseres Herkunftslandes wurden uns wieder bewusster.

Der Eindruck von Leere und Trostlosigkeit, welcher vom trüben Februarwetter unterstrichen wurde, relativierte

Wir können uns beispielsweise in der Schweiz auf ein sicheres politisches System, eine funktionierende Wirtschaft

Albanien, nahe der Mazedonischen Grenze

Kosovo 6


In der Nähe von Serandë, Albanien

und ein weitgehend solides Gesundheits- und Sozialsystem, verlassen. Diese Dinge sind in den Ländern des ehemaligen Jugoslaviens keine Selbstverständlichkeit. Wir wurden oft auf unsere Herkunft und auch auf die Schweiz angesprochen. Viele Leute aus dem Balkan haben einen direkten Bezug zur Schweiz, weil sie entweder selbst längere Zeit in der Schweiz oder in Deutschland gearbeitet und gelebt haben oder mindestens Jemanden kennen, der da gwesen ist. Sie lobten die Schweiz in den höchsten Tönen, was uns oft in eine seltsame Verlegenheit brachte. Manche Leute, vor allem solche, die die Schweiz nur

vom Hörensagen kannten, waren erstaunt darüber, dass wir uns für eine Reise in den Balkan entschieden hatten, da sie selbst davon träumten in die Schweiz zu gehen. Für uns war es nicht immer leicht mit dieser Situation umzugehen. Viele der Gespräche, die wir untereinander führten, drehten sich deshalb um unsere eigene Herkunft und Idendität aber auch um Vergleiche und Erklährungsversuche. Dass wir als Schweizer Bürger keiner regelmässigen, lukrativen Tätigkeit nachgehen, sondern Künstler sind und kaum etwas verdienen, konnten die meisten Leute nur schwer nachvollziehen. Unsere Lebensweise, wie auch unsere künstlerische Position stand in einem starken Kontrast zu den gängigen Vorstellungen. Uns ist bewusst, dass das nicht nur in den Balkan Ländern der Fall ist. Wir haben oft festgestellt, dass sich die ländlichen Regionen, wie auch die urbanen Zentren, die wir besucht haben, in ihrer Struktur und auch in ihrer Kultur nur wenig von denselben der Schweiz oder Deutschland unterscheiden. Da wir uns in unserem Alltag 7

Bureau Sitaution

hauptsächlich in einem relativ homogenen, urbanen Umgebungen aufhalten, sind wir weniger mit solchen Differenzen konfrontiert. Diese Umstände veranlassten und dazu, uns mit Fragen zu Mobilität und Globalisierung, sowie über unterschiedliche Lebensentwürfe, Lebensraum und Lebensumstände nachzudenken.


Gatzea, Griechenland

Waschtag, Griechenland

Mit dem Wohnmobil zu reisen ermöglichte uns, uns frei und spontan zu bewegen, an Orte zu gelangen, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, sofern diese überhaupt existieren, kaum erreichbar gewesen wären. Wir genossen auch den Komfort und die Entlastung, uns nicht ständig um eine Unterkunft kümmern zu müssen sehr. Unterwegs haben wir kaum andere

Reisende angetroffen, wohl weil wir in einer aussergewöhnlichen Jahreszeit reisten, was sich als ganz praktisch erwies, da sich niemand daran störte, wenn wir irgendwo parkierten und übernachteten. Das eigene Haus dabei zu haben bedeutet, jederzeit den Rückzug antreten zu können. Dies bewahrte uns im positiven, wie aber auch im negativen Sinn davor, ganz und gar dem Ort und der Situation ausgeliefert zu sein – auch wenn wir uns stets mitten drin befanden und nur durch dünne Wände von der Aussenwelt getrennt waren. 8

Das Buch «Die Brücke über die Drina» von Ivo Andric haben wir uns während der Reise abends gegenseitig vorgelsen. Andric erzählt darin die Geschichte der steinernen Brücke über die Drina – «der Verbindung zwischen Orient und Oktzident» – in der bosnischen Stadt Visegrad. Die Erzählung beginnt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und endet beim Beginn des ersten Weltkriegs 1914. Die Lektüre half uns, die sozialen, politischen und konfessionellen Konflikte der Region besser zu verstehen und in einen Zusammenhang zu bringen.


Die Tauschgeschäfte, eine Karte unserer Route und kurze Texte zu Begegnungen und Erlebnissen, haben wir während der Reise auf dem eigens für das Projekt eingerichteten Blog festgehalten: barteronbarteronbarter.detektivburau.ch

Patras – Italien, irgendwo dazwischen

Patras

Athen

Wir haben sehr viele eindrückliche Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt, die uns noch lange weiter begleiten und beschäftigen werden und sind auf jeden Fall bereichert wieder zurück gekehrt. Herzlichen Dank Otto-Pfeifer Stiftung für diese aussergewöhnliche Reise! 9

info a detektivbureau.ch


Nadine gerber mathis pf barteronbarteronbarter