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das Magazin der ERklärung von bern

NICH T N U R Ö K O ­

P u b l i c eye

LOGISC H E, S O N D ER N

Gegen eiskalte Geschäftsmethoden Die Public Eye Awards stehen nur während des Votings im Januar und an der anschliessenden Preisverleihung in Davos im Licht der Öffentlichkeit. Doch schon unter dem Jahr feilen wir an wichtigen Verbesserungen unseres Schmäh-Preises. Sieben Firmen sind dieses Jahr nominiert – wählen Sie das übels­ te Unternehmen des Jahres! Text_Andreas Missbach // Bi l d _ F e i n h e i t

Die Vorbereitungen für die Public Eye Awards, die seit 2009 von der Erklärung von Bern und Greenpeace verliehen werden, beginnen jeweils

mitten im Hochsommer mit dem Nominierungs‑ prozess. Für die kommenden Public Eye Awards haben wir das Auswahlverfahren weiter opti‑ miert. Neu unterstützt das renommierte Insti‑ tut für Wirtschaftsethik (IWE) der Universität St. Gallen den Prozess. Das Ethikinstitut analy‑ sierte dieses Jahr erstmals alle eingegangenen Nominationen auf die Verletzung von Menschenund Arbeitsrechten sowie auf Umweltvergehen. Das Verhalten der vorgeschlagenen Unterneh‑ men wurde sowohl vor dem Hintergrund inter­ nationaler Abkommen und Standards als auch bezüglich der Einhaltung von eigenen, freiwillig F o r ts e tz u n g > >

erklärung!_01_2013

# 01 Januar_13

A UCH S O ZI A L E KA T A STR O PH EN :

Sieben eiskalt agierende Konzerne haben es auf die Shortlist der diesjährigen Public Eye Awards geschafft.


2 __ P u b lic Eye

Bestimmen Sie das übelste Unternehmen 2012! Jetzt abstimmen: www.publiceye.ch Die Nominierten T atorte u. a . Brasilien , Indonesien , Italien , Lettland, Mala ysia, Mex iko, Sam bia, S lo wenien, Tunesien

T atort Indien

T atorte u. a . Afghanistan , besetzte Gebiete (P al ästina) , V ereinigtes Königreich

T atorte G riechenland und weltweit

T atort S ü dafrika

T atort A rktis

T atorte K alabrien und Graubünden

Alstom Unzählige Bestechungsvorwürfe und damit zusammenhängende Verurteilungen zei‑ gen, dass der Geldkoffer das Geschäftsmodell von Alstom zu regieren scheint. Der fran‑ zösische Konzern mit den Schwerpunkten Energie-Erzeugung und -verteilung sowie Herstellung von Eisenbahnzügen produziert auch in der Schweiz, wo er ebenfalls be‑ reits wegen Korruption verurteilt wurde.

Coal India Der Bergbaukonzern betreibt 90 Prozent der Kohleminen Indiens. Für die Kohle, Klima‑ killer Nummer 1, werden UreinwohnerInnen vertrieben. Auch Tigerreservate sind nicht vor der Zerstörung sicher. Hunderte Menschen sterben wegen schlechter Arbeitsbedin‑ gungen, unterirdische Feuer zerstören ganze Landstriche.

G4S G4S ist der weltweit grösste Anbieter von «Sicherheitsdienstleistungen» mit einer Pri‑ vatarmee von über 650 000 Mitarbeitenden. In den vom Konzern geführten Gefängnis‑ sen, Flüchtlingslagern, Checkpoints und Ausschaffungszentren kommt es immer wie‑ der zu Menschenrechtsverletzungen. G4S ist auch in Kriegs- und Krisengebieten wie Afghanistan oder dem Irak tätig.

Goldman Sachs Die einflussreiche Investmentbank orchestrierte Scheingeschäfte, in deren Rahmen die Hälfte der griechischen Staatsschulden verschwanden. Nur so gelangte Griechenland überhaupt in die Eurozone und nur deshalb ist das Land heute hoffnungslos überschul‑ det. Goldman-Banker sind Meister der Drehtüren. Sie finden sich in allen einfluss‑ reichen Positionen in Politik und Zentralbanken.

Lonmin Wegen miserabler Arbeitsbedingungen und elender Wohnverhältnisse ist die Stimmung in und um die südafrikanische Marikana-Platinmine von Lonmin vergiftet. Als ein Kon‑ flikt zwischen rivalisierenden Gewerkschaften eskalierte, mobilisierte der Konzern die staatlichen Sicherheitskräfte gegen seine eigenen Angestellten. 34 ArbeiterInnen star‑ ben am 16. August 2012 im Kugelhagel.

Shell Shell ist der erste der westlichen Ölriesen, der gnadenlos in die Arktis vorstösst. So will der Erdölkonzern vom mitverursachten Klimawandel profitieren. Doch zumindest im Winter sind diese Gebiete noch von Eis bedeckt. Ein Ölleck hätte dann unkalkulierbare, katastrophale Folgen.

Repower Der Stromkonzern, der mehrheitlich dem Kanton Graubünden gehört, will in Süditalien ein Kohlekraftwerk bauen. Weil der lokale Widerstand nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei LokalpolitikerInnen gross ist, erliess die Regierung Berlusconi eigens ein Gesetz, das die Regionen bei Grossprojekten entmachtet. Nur die kalabrische Mafia ’Ndrangheta freuts.

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Ed i to __ 3

Soll soziale Nachhaltigkeit zertifiziert werden?

>>Fortset zung von S eit e 1

eingegangenen Verpflichtungen beurteilt. Durch diese neutrale und fachlich qualifizierte Aus­ sensicht erhalten alle Nominationen noch mehr Substanz. Die zusätzlichen Gutachten erleich‑ tern die anspruchsvolle Arbeit der Jury, weil die Nominationen dadurch besser vergleichbar wer‑ den. Sie wurden schliesslich der internationalen Jury des Public Eye vorgelegt. Diese bestimmte nicht nur den Jury-Preisträger, sondern wählte auch aus den gut zwei Dutzend Vorschlägen von Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt die sieben Firmen für die Shortlist aus. Auch in der Zusammensetzung der Jury gab es eine wichtige Veränderung. Sie wurde um weitere internationale, unabhängige Experten aus dem Bereich Unternehmensethik und -ver‑ antwortung vergrössert. Neben je zwei Vertre‑ tungen von EvB und Greenpeace kürten folgende vier Fachjuroren den Gewinner des Jury-Preises: __  P rof. Dr. Ulrich Thielemann, von 2001 bis 2010 Vize-Direktor des Instituts für Wirt‑ schaftsethik der Universität St. Gallen, Grün‑ der und Direktor des MeM – Denkfabrik für Wirtschaftsethik e.V., Berlin; __ P rof. Dr. phil . Klaus Peter Rippe, seit 2002 Direktor des Instituts Ethik im Diskurs in Zü‑ rich, seit 2008 Professor für Praktische Philoso‑ phie an der Bildungs­universität Karlsruhe; __ P rof. Dr. Guido Palazzo, Professor für Wirt‑ schaftsethik an der Fakultät für Betriebs­ wirtschaft und Ökonomie der Universität Lausanne; __ P rof. em. Dr. Hans Ruh, ehemaliger Leiter des Ethikinstituts der Universität Zürich.

Susanne Rudolf

Was bringen eigentlich Zertifizierungen im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit? Eine der im Herbst abgebrannten Textilfabriken in Pakistan, in der es wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen zu Hunderten Toten kam, war kurz vor dem Feuer von der international anerkannten Prüfstelle SAI (Social Accountability International) zertifiziert worden – auch für ihre Sicherheitsstandards. Wie konnte es trotz Zertifizierung zu dieser Tragödie kommen? Wie unabhängig sind Prüfstellen? Wie wird geprüft? Die Vielzahl an Zertifikaten sowie die unterschiedlichen Anforderungen erschweren die Umsetzung der Standards auf Fabrikebene. Darüber hinaus kontrollieren die Prüfstellen zum Teil die Einhaltung der Standards nicht selbst, sondern leiten diese Aufgabe an Unterauftragnehmer weiter. Diese beauftragen wiederum lokale Auditoren, ohne vor Ort deren Arbeit zu prüfen. In einem Land, in dem Korruption zum Alltag gehört, besteht somit das Risiko, dass Zertifikate gekauft werden können. Trotz Risikoanfälligkeit braucht es Zertifizierun­ gen. Sie liefern konkrete Anhaltspunkte für die Umsetzung von gerechteren Arbeitsstandards, stellen also einen ersten Schritt in die richtige Richtung dar. Sie alleine genügen aber nicht. Um den sozialen Missständen in der globalen Bekleidungsindustrie entgegenzutreten, müssen Firmen unbedingt auch selbst aktiv werden – beispielsweise im Rahmen von Unternehmensinitiativen.

Wählen Sie bis am 23. Januar 2013 den Gewinner des Public Eye People's Award auf publiceye.ch

www.public

eye.ch

erklärung! 1/2013 Auflage 27 000 Exemplare Erklärung von Bern (EvB), Dienerstrasse 12, Post‑ fach, 8026 Zürich, Telefon 044 277 70 00, Fax 044 277 70 01, info@evb.ch, www.evb.ch ­R e­dak­tion ­Susanne Rudolf, Anna Haselbach ­G estaltung Clerici Partner Design, Zürich Druck ROPRESS Genossenschaft, Zürich; ge‑ druckt mit Bio­farben auf Cyclus Print, 100 % Altpapier, klimaneutraler Druck Impressum

H eraus­geberin

« erkl ä rung ! » erscheint 4 - bis 5 - m al j ä hrlich . Mit­glieder beitrag: Fr. 60.– pro ­K alenderjahr (inklusive Abonnement «erklärung!» und EvB-­D okumentation). Postkonto 80-8885-4

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Doch sowohl Zertifizierungsstellen als auch Initiativen orientieren sich an sehr unterschiedlichen Standards. Die EvB setzt sich für die höchsten sozialen Standards ein – und bietet im Outdoor­ firmen-Check und dem kommenden Schoggiführer fundierte Informationsgrundlagen für KonsumentInnen.


4 __ K o n ferenz

Sc h o k olade

Bilanz der Weltkakaokonferenz ist gemischt Wegen zäher Verhandlungen und intransparenter Prozesse im Vor‑ feld der Weltkakaokonferenz waren die Erwartungen tief. Eine un­ erwartet offene Debatte zu Kinder­ arbeit weckte Hoffnung.

In Abidjan, Elfenbeinküste, organisier‑ te die Internationale Kakao-Organisa‑ tion (ICCO) im November 2012 die erste Weltkakaokonferenz – für die Elfenbeinküste, weltweit wichtigste Kakaoproduzentin, ein politisch und wirtschaftlich bedeutsamer Anlass, für die Firmen von Bedeutung auf‑ grund der drohenden Kakaoversor‑ gungslücke. Auch die EvB und ihre Partnerorganisationen aus dem VoiceNetzwerk waren vor Ort. Voice hatte im Vorfeld der Konferenz Mitsprache‑ recht bei der Gestaltung der Konfe‑ renzdokumente wie der «Global Cocoa Agenda» gefordert. Als Teilerfolg ver‑ buchen lässt sich, dass die ICCO Voice und zwei Bauernvertreter für die letz‑ ten beiden Schritte zur Mitkonsultati‑ on eingeladen hat. Die «Global Cocoa

Andrea Hüsser

Text_Andrea H üsser

An der Kakaobauernversammlung im Vorfeld der Weltkakaokonferenz diskutieren NGO-VertreterInnen und KakaoanbauerInnen in Yamoussoukro D IE A NLIE GE N D E R KLE INBA UE R N F A M I L I EN .

Agenda» ist kein Meisterwerk mit Pioniercharakter. Die Bauernvertreter­ Innen begrüssen das Dokument je‑ doch, da sie darin nie dagewesene Konzessionen seitens der Regierungen der Anbauländer erkennen. Während der Konferenz wurde die Bereitschaft zur Zusammenarbeit unterstrichen durch eine unerwartet offene Debatte zu Kinderarbeit. Damit Voice an der Weltkakaokon‑ ferenz auch die Stimme der Bauern

und Bäuerinnen einbringen konnte, organisierte das Netzwerk ein Vor­ bereitungstreffen für Bauernvertreter­ Innen und lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen. Ergeb‑ nis: Die grössten Sorgen bereiten tiefe Kakaopreise, fehlende Infrastruktur, der Klimawandel, kranke Bäume, un‑ geregelte Landnutzung, mangelhafte Ernährung sowie mangelnde Unter‑ stützung bei der Behebung sozialer Missstände.

Re c h t ohne Grenzen

Unternehmen & Menschenrechte: Durchbruch im Parlament! In einer hart umkämpften Abstimmung hat der Nationalrat vor Weihnachten mit 97: 95 Stimmen den Bundesrat beauftragt, endlich eine klare Strategie zur Umsetzung der «Ruggie-Prinzipien» vorzulegen. Text_Urs R ybi

Das vom ehemaligen Uno-Sonder­ beauftragten Prof. John Ruggie entwi‑ ckelte Rahmenwerk «Protect, Respect and Remedy» und die im Juni 2011 im

Menschenrechtsrat einstimmig begrüss‑ ten Uno-Leitprinzipien sind heute die globale Referenz zum Thema Unter‑ nehmen & Menschenrechte (die EvB hat im Herbst 2011 in der Doku «Rech‑ te für Menschen, Regeln für Unter‑ nehmen» über diese Fortschritte auf Uno-Ebene berichtet). Staaten und Un­ ternehmen sind in der Umsetzung gleichermassen gefordert, doch in der Schweiz herrschte bisher politischer Stillstand. Unternehmensverbände und

das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) wollten lieber darüber diskutie‑ ren, ob anstatt wie das Uno-Rahmen‑ werk umgesetzt werden soll. Nun kann die Arbeit endlich beginnen. Die Koa‑ lition «Recht ohne Grenzen» und die 135 000 PetitionsunterzeichnerInnen haben also das Thema der staatlichen Verantwortung 2012 erfolgreich auf die politische Agenda gesetzt.

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I n e i g e n e r Sac h e __ 5

Ums t r ukturierung

Nachdem der Startschuss für eine schlagkräftigere Struktur der EvB an der letzten Generalversammlung mit der Wahl eines gesamtschwei­ zerischen Vorstandes fiel, folgt nun die Umsetzung auf operativer Ebene. Text_Marion G ra ber

Ab diesem Jahr stehen die beiden Ge‑ schäftsstellen Zürich und Lausanne mit rund 30 Mitarbeitenden unter ge‑ meinsamer Leitung. Als Geschäftsfüh‑ rer wurde Alfred Fritschi gewählt, der am 1. Januar seine Stelle antrat. Zu‑ sammen mit drei Abteilungsleitenden übernimmt er die operative Führung der EvB. Andreas Missbach leitet die Fachabteilung Rohstoff, Handel und Finanzen. Er arbeitet seit 2001 bei der EvB zum Thema Banken und Finanz‑

Alfred Fritschi, unser neuer Geschäftsfüh‑ rer, kennt die EvB seit vielen Jahren als Mitglied, früherer Mitarbeiter und Vor­ standsmitglied. So war er in den 80er-Jah‑ ren während sechs Jahren EvB-Fachsek‑ ­retär für Gesundheitsthemen. Zwischen‑ zeitlich war er in vielfältigen operationel‑ len Programm- und Führungsaufgaben beim HEKS und der Deza tätig. Alfred Fritschi wird die Organisationsent­ wicklung der EvB mit fundiertem Knowhow weiterführen können. Wir wünschen ihm einen guten Start und freuen uns auf die Zusammenarbeit!

platz Schweiz und war Mitglied der bisherigen Geschäftsleitung in der Deutschschweiz. Für die zweite Fach‑ abteilungsleitung mit den Schwer‑ punkten Gesundheit, Landwirtschaft und Konsum wird eine externe Fach‑ kraft rekrutiert, die ihren Arbeitsort im Lausanner Büro haben wird. Die Leitung der Kommunikations- und

Marion Nitsch

Gut strukturiert ins neue Jahr

Mit dem GE M E INSA M E N GE SCH Ä F TS F Ü H R ER A LFRE D FRIT SCH I rücken das Deutsch- und das Westschweizer Sekretariat näher zusammen.

Marketingabteilung übernimmt Mari‑ on Graber, die seit fünf Jahren bei der EvB im Fundraising tätig ist und eben‑ falls Mitglied der bisherigen Deutsch‑ schweizer Geschäftsleitung war.

Sy n g e nta

Bald Gentech-Insekten von Syngenta? Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, werden erste Freisetzungsversuche mit Gentech-Insekten unternommen. Auch der Agrarriese Syngenta scheint an dieser Technologie Interesse zu haben. Text_Fra nçois Meienberg

Auf den Cayman-Inseln sowie in Ma‑ laysia und Brasilien hat die britische Firma Oxitec, deren Top-Management aus Ex-Syngenta-Personal besteht, be‑ reits im grossen Stil gentechnisch veränderte Insekten freigesetzt. Diese sollen sich mit der natürlichen Po­ pula­ tion paaren und nicht lebens­ fähige Nachkommen erzeugen. In ers­ ten Versuchen wurden Gentech-Mos‑ kitos freigesetzt, die das Dengue-Fieber übertragen. Doch Gentech-Insekten sollen auch gegen Pflanzenschädlinge eingesetzt werden. Syngenta hat von erklärung!_01_2013

2009 bis 2011 ein Oxitec-Projekt fi‑ nanziert, das Gentech-Schmetterlinge herstellte. Ebenfalls 2011 hat Oxitec in England ein Gesuch zur Freiset‑ zung von Gentech-Kohlmotten, einer Schmetterlingsart, eingereicht. Über den Antrag wurde noch nicht ab‑ schliessend entschieden. Wird diese Art von GentechSchädlingsbekämpfung kommerziali‑ siert, würden Abermillionen genetisch manipulierter Insekten in der Land‑ wirtschaft eingesetzt. Da aber nur die Weibchen nicht überlebensfähig sind – und auch dies nur zu rund 95 Prozent –, wird man die Verbreitung der Insek‑ ten kaum ganz aufhalten können. Hin‑ zu kommt, dass diese Quasi-Sterilität auf einem chemischen Schalter beruht. Kommen die Tiere mit dem in der Landwirtschaft weit verbreiteten Anti‑ biotikum Tetracyclin in Kontakt, kön‑

nen sie sich wieder normal vermehren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die überlebenden Gentech-Insekten, wie auch eine grosse Zahl toter Larven, durch den weltweiten Transport von Obst und Gemüse in unsere globale Nahrungskette gelangen. Über die mög‑ lichen Auswirkungen solcher Freiset‑ zungen auf das Ökosystem weiss man noch reichlich wenig. Es scheint, dass direkte Freiland-Versuche gründlicher Recherche vorgezogen werden. Ein ag‑ gressives Lobbying der Industrie sorgt dafür, dass die Behörden keine allzu hohen Anforderungen an die Freilas‑ sungsversuche stellen. Wie genau die Lobby dabei vorgeht, zeigt ein neuer Bericht, den die EvB gemeinsam mit Genewatch (UK) und drei anderen Organisationen im November 2012 ver‑ öffentlicht hat.


6 __ K ampa gne

CCC

Der hohe Preis der «Fast Fashion» Die tragischen Fabrikfeuer in Pakis­ tan und Bangladesch Ende 2012, bei denen rund 400 ArbeiterInnen ums Leben kamen, haben erneut vor Augen geführt, dass unsere Kleidung unter lebensgefährlichen Bedingungen hergestellt wird. Diverse EvB-Aktivitäten haben auf diese Missstände hingewiesen und sowohl Unternehmen als auch KonsumentInnen zum Handeln aufgerufen.

Die schweizweiten Strassenaktionen der EvB-Regionalgruppen kurz vor Weihnachten vor den Modehäusern H&M und Zara haben darauf aufmerk‑ sam gemacht: Zu Hungerlöhnen und mit zahlreichen Überstunden schuften Menschen an Nähmaschinen, damit wir im Überfluss schwelgen können. Dies ist schlicht moderne Sklaverei. Wie kann es sein, dass aus bisherigen Tragödien nicht mehr Lehren gezogen wurden? Wie die im November 2012 erfolg‑ reich lancierte EvB-Kampagne zu Out‑ doorfirmen aufzeigt, verpflichten sich Markenfirmen mit dem Beitritt zu einer Unternehmensinitiative zwar immer öfter freiwillig, soziale Verant‑ wortung in der eigenen Zulieferkette zu übernehmen. Doch ein grundle‑ gender Wandel auf Fabrikebene blieb

Armand Rochat

Text_Julia Sp et zler/Anna Has e l b a c h

Zusammen mit dem Samichlaus wünschen sich KonsumentInnen an den V ORW E IHN Ä C H Tvon H & M und Zara einen Existenzlohn.

LICHEN STRA SSE NA KT IONE N D E R RE GIONA LGRUP P E N

bisher aus. Dies liegt zum Teil am fehlenden Willen der Unternehmen. Gleichzeitig erschweren die unüber‑ sichtlichen Zulieferketten sowie der Wildwuchs an Initiativen und Zertifi‑ katen mit unterschiedlichen Standard­ anforderungen die Umsetzung und Kontrolle sozialer Standards auf Fab­ rikebene. Um Missstände überhaupt aufzudecken und nachhaltig zu behe‑ ben, ist aber der Einbezug lokaler Ak‑ teure aus der Zivilgesellschaft, wie

Für KonsumentInnen bietet der soeben erschienene Outdoorfirmen-Check der EvB eine anschauliche Informationsgrund­ lage zum Stand der Dinge im OutdoorSektor. Im Ratgeber sind die Ergebnisse unserer Recherchen zusammengefasst und aufbereitet. Anhand der vier Kriterien Transparenz, Verhaltenskodex, Kodexumsetzung sowie Kontrolle sozialer Standards wurde für jede Firma ein Nachhaltigkeits­ profil erstellt. Beispiele wie diejenigen von Jack Wolfskin oder Vaude illustrieren konkret die erfreuliche Aufwärtstendenz in der Branche. Gleichzeitig zeigt der

beispielsweise Gewerkschaften, be‑ sonders wichtig. Die Abhängigkeit von der Textilindustrie und der starke Wettbewerb unter den südlichen Pro‑ duktionsländern um Aufträge führen dazu, dass Regierungen wenig Interes‑ se daran haben, ihren Status als Billig‑ lohnland zu verlieren. Es braucht also von allen Beteiligten zusätzliche Be‑ mühungen, damit die miserablen Zu‑ stände in den Nähstuben dieser Welt verbessert werden können.

Firmencheck aber auch deutlich, dass bei vielen Firmen, so bei Northland oder Lowa, immer noch erheblicher Handlungsbedarf besteht. Die Bezahlung eines Existenzlohnes bleibt für alle eine Herausforderung.

Bestellen Sie den Outdoorfirmen-Check im Taschenformat, damit Sie vor Ihrem Einkauf über die soziale Nachhaltigkeit der einzelnen Unternehmen informiert sind! www.evb.ch/outdoor

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K o n s u m __ 7

Ha n d e l

Was macht eigentlich… die WTO? Ein vom Chef der Welthandelsorganisation (WTO) eingesetztes Panel soll die Handels­ fragen des 21. Jahrhunderts identifizieren, obwohl die Entwicklungsversprechen aus der Doha-Runde noch immer nicht eingelöst wurden. Text_Thoma s B ra unschweig

Die Erklärung von Bern hat wiederholt dafür plä‑ diert, dass die Blockade bei der laufenden DohaVerhandlungsrunde als Chance gesehen werden soll, die WTO und ihre Handelsregeln auf die Entwicklungsbedürfnisse der ärmsten Länder auszurichten. Denn bei der «Doha-Entwicklungs‑ agenda» – so die offizielle Bezeichnung – ist Ent‑ wicklung schon lange von der Traktandenlis­te verschwunden. Stattdessen hat Pascal Lamy, Ge‑ neraldirektor der WTO, ein Panel mit zahlreichen WirtschaftsvertreterInnen beauftragt, neue Be‑ reiche für künftige Handelsliberalisierungen zu benennen. «Handelsliberalisierung muss der Entwick‑ lung dienen», forderte dagegen Faizel Ismail, der südafrikanische WTO-Botschafter, kürzlich an einem Treffen der UN-Organisation für Handel und Entwicklung. Entsprechend müsse Entwick‑ lung zum übergeordneten Ziel der WTO gemacht werden. Dies hätte den zusätzlichen Vorteil einer verbesserten Kohärenz zwischen der WTO und der Uno, so Ismail. Auch der indische WTO-Bot‑ schafter meinte am diesjährigen Public Forum in Genf: «Wir dürfen Handel nicht nur aus der Un‑ ternehmerperspektive von mehr Profiten sehen. Wir müssen Handel unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gerechtigkeit sehen.» WTO-Botschafterin Angélica Navarro aus Bo‑ livien brachte es am gleichen Anlass auf den Punkt: «Die zentralen Handelsthemen des 21. Jahrhunderts sind erstens Entwicklung, zweitens Entwicklung und drittens nochmals Entwick‑ lung!» Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

K o l u m n e A n d r ea Hüsser

Rettet die Osterhasen

Schokolade ist bei der EvB seit mehreren Jahren ein wichtiges Konsumthema, da Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen im Kakaoanbau häufig vorkommen. Spätestens seit der Weltkakaokonferenz vom November 2012 in Abidjan steht fest: Der Weg zu einer nachhaltigen Kakaoweltwirtschaft ist noch weit, steinig und teuer, und er erfordert das Engagement aller Akteure in der Produktionskette. So auch das der Konsumierenden. Vor Ostern 2013 starten wir eine neue SchoggiKampagne. Dieses Jahr gibt es für die Konsumierenden erstmals einen Schoggi-Einkaufsführer, der ab März im Sekretariat bestellt werden kann.* Der gut illustrierte Ratgeber gibt Auskunft über die sozialen Standards, welche die Firmen in ihren Lieferketten an den Tag legen. Dafür hat die EvB 19 Schokoladefirmen zu folgenden vier Themen befragt: Einhaltung minimaler Arbeits- und Menschenrechte, Umsetzung und Verifizierung von Massnahmen gegen diesbezügliche Verletzungen sowie Gewährleistung von Transparenz. Zurzeit werden die ausgefüllten Fragebogen ausgewertet. Schade, dass es auch dieses Jahr wieder Schweizer Schoggifirmen gibt, die ihre Kundinnen und Kunden über dieses wichtige Thema nicht informieren möchten. Erfreulich ist hingegen, dass gleich mehrere Unternehmen einen gewaltigen Schritt vorwärts gemacht haben in Sachen Transparenz. So erfahren Sie Ende Februar im Schokolade-Einkaufsführer, wie menschenfreundlich die Zutaten der verschiedenen Osterhasen sind, die vor Ostern wieder zahlreich in den Geschäftsregalen stehen werden. Beteiligen Sie sich an der EvBSchoggi-Kampagne im März. Retten Sie unsere Osterhasen vor unfairer Herstellung und geben Sie den Firmen zu verstehen, dass Sie möchten, dass die Kakaobohnen in Ihrer Lieblingsschokolade ohne Menschenrechtsverletzungen produziert sind. * Mit dem Jahresberichtsversand im Februar erhalten Sie einen Bestelltalon.

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8 __ po K ampa r trät gnen

Da v i d Kp elle

Ein cleverer Kämpfer für fairen Kakao Elefanten machten den Ghanaer David Kpelle zum «Kakao-Diplomaten». Heute vermittelt der idealistische Agrarökonom zwischen ProduzentInnen, Wirtschaft und Staaten in der weltgrössten Anbauregion. Und versorgt ein von der EvB mitgegründetes NGO-Netzwerk mit Informationen.

David hat nach eigener Auskunft «kein Problem mit den Goliaths» dieser Welt. So erhebt sich der 54-Jährige dann ebenso schnell und respektvoll von seinem Sitz wie die über 1000 anderen Teil‑ nehmerInnen der Weltkakaokonferenz, als der Staatspräsident der gastgebenden Elfenbeinküste mit seiner Entourage den Saal betritt. «Die Hälf‑ te der Leute hier sind meine Freunde», sagt der Direktor der African Cocoa Coalition (ACC), einer im Nachbarland Ghana ansässigen Organi‑ sation für eine nachhaltige Kakaowirtschaft, die die Interessen von Kleinbauernfamilien und Ko‑ operativen gegenüber der Industrie und den Re‑ gierungen vertritt. «Und die andere Hälfte wird es noch werden», fügt er mit verschmitztem Lä‑ cheln an.

___«Wollen die Schokoladekonzerne ihren Rohstoffnachschub sichern, muss der soziale Skandal der Bauernverarmung gestoppt und müssen Umweltprobleme wie Klimawandel oder Waldrodung gemeinsam gelöst werden» «Mister Kpelle» ist eine Institution in der Ka‑ kao-Szene. Begonnen hat der studierte Agraröko‑ nom als Regierungsbeamter in Ghanas «Wildlife Division». Auf den Schoggi-Rohstoff brachten ihn vor bald zwanzig Jahren «Elefantenherden, die ganze Plantagen verwüsteten», weil die Kul‑ turpflanzen mangels bäuerlichem Know-how und Ressourcen häufig nicht mehr durch Bäume geschützt waren. Seit 1999 widmete sich der Bauernsohn seiner «persönlichen Passions‑ frucht», zunächst bei Conservation International und dann als Westafrika-Koordinator des WWF.

zvg

Text_Oliver C la ssen

Freund des D ialogs :

«Um den regionalen Kakao-Dialog zwischen Pro‑ duzentInnen, Wirtschaft und Staat anzukurbeln» gründete David Kpelle 2009 schliesslich die ACC. Inspiriert und unterstützt wurde er dabei von der Tropical Commodity Coalition (TCC), einer Vorgängerorganisation des heutigen, von der EvB mitgetragenen Netzwerks Voice. «Wollen die Schokoladekonzerne ihren Roh‑ stoffnachschub sichern, muss der soziale Skan‑ dal der Bauernverarmung gestoppt und müssen Umweltprobleme wie Klimawandel oder Wald‑ rodung gemeinsam gelöst werden», ist der Ver‑ handlungsstratege überzeugt. Als mittleres Kind mit einer älteren und einer jüngeren Schwes­ter sei ihm sein Vermittlungstalent «in die Wiege gelegt» worden, sagt der mit seiner Familie in Ghanas Hauptstadt Accra lebende Kpelle. Mit seinen drei MitarbeiterInnen hat er diverse hoch‑ rangige Gesprächsrunden organisiert und meint, dass der Grossanlass in Abidjan «ein starkes Signal für das schnell wachsende Problembe‑ wusstsein aller Beteiligten im Kakao-Sektor» ge‑ wesen ist. Jetzt seien jedoch konkrete Schritte zur Unterstützung der «Millionen Väter und Mütter des Kakao auf den Plantagen» nötig. «Dank meiner vielen einflussreichen Freunde bin ich optimis­tisch, dass das auch gelingt», sagt er mit einem so gewinnenden Lächeln, dass man ihm fast glauben muss.

David Kpelle, Vertreter der afrikanischen Kakao­ anbauerInnen.

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