Issuu on Google+

Bis zum letzten Tropfen Wie Agrotreibstoffe den Kampf um Ressourcen verschärfen Treibstoffe aus Pflanzen, sogenannte Agrotreibstoffe, erleben zurzeit einen beispiellosen Boom. Doch die vermeintliche Lösung für unsere Klima- und Energieprobleme entpuppt sich bei genauerem Hinschauen als Mogelpackung. Steigende Lebensmittelpreise, welche Millionen von Menschen in den Hunger treiben, sowie vielfältige Umweltprobleme sind nämlich die Folge der industriellen Agrotreibstoffproduktion. Profiteure des Booms sind einzelne Agrokonzerne, die in den letzten Jahren satte Gewinne einstrichen. Wo unser Anspruch auf uneingeschränkte Mobilität solche Konsequenzen hat, ist breiter Widerstand nötig.


DOKUMENTATION # 03_2008/CHF 6.—

Bis zum letzten Tropfen Wie Agrotreibstoffe den Kampf um Ressourcen verschärfen

Ihre persönliche

Rationierungskarte 08/09

10 000 m2 unberührter Regenwald

10

1 Tag

Brotlaibe

zum Überleben

ODER

ODER

ODER

Treibstoff für

Vorname: Nachname:

Energie für

1 Auto für 1 Jahr

2,5 l

4,5 km

Agrodiesel

mit dem Auto fahren

Strasse, Nr: PLZ, Ort: Unterschrift:

Ohne Namenseintragung und Stempel der Ausgabestelle ungültig! Nicht übertragbar. Sorgfältig aufbewahren.

Zucker für Tafeln Schokolade

mit Agroethanol volltanken

Wasser zum Kochen, Trinken und Geschirrspülen für 1 Person für

ODER

ODER

144 Tage

1✕

Getreide für

ODER

1500

mit dem Auto von Genf nach St. Gallen fahren

1✕

1 Jahr für 1 Person

1l Agroethanol


4_

Warum Agrotreibstoffe einen Boom erleben

8_

Die Konsequenzen des Booms

16_

Sind zukünftige Technologien die Lösung?

20_

Syngenta profitiert auf allen Ebenen

22_

Grünes Gold

24_

Ein weltweites Nein

28_

Pflästerlipolitik

30_

Zusammenfassung

32_

Forderungen

m2

10

Brotlaibe ODER

2,5 l

Agrodies

el

✕ Dokumentation «Bis zum letzten Tropfen – Wie Agrotreibstoffe den Kampf um Ressourcen verschärfen» 03/2008 September, Auflage 23 000 HERAUSGEBERIN Erklärung von Bern (EvB), Dienerstrasse 12, Postfach, 8026 Zürich, Telefon 044 277 70 00, Fax 044 277 70 01, info@evb.ch, www.evb.ch TEXTE Eva Vojtech, François Meienberg (S. 20 – 21, S. 28 – 29), Andreas Missbach (S. 22 – 23) REDAKTION Susanne Rudolf, Ursula Kubiceck (EvB) GESTALTUNG c.p.a. Clerici Partner AG, Zürich DRUCK ROPRESS Genossenschaft, Zürich. Gedruckt mit Biofarben auf Cyclus Offset, 100% Altpapier. Das EvB-Magazin inkl. Dokumentation erscheint 5- bis 6-mal jährlich. EvB-Mitgliederbeitrag: Fr. 60.– pro Kalenderjahr. Spendenkonto: 80-8885-4


EDITORIAL

Die Lösung ist das Problem Eines Tages verliess Innocence Dias seine Farm im kolumbianischen Departement Antioquia, um ein Loch im Zaun zu reparieren. Er kam nie wieder zurück. Er wurde mit durchgeschnittener Kehle und sieben Messerstichen tot aufgefunden. Er starb, weil er sein Land nicht an Paramilitärs verkaufen wollte, die für Agrotreibstoffkonzerne Land besorgen. Heute wachsen auf dem Land von Dias und anderen Vertriebenen Ölpalmen, aus deren Öl Agrodiesel hergestellt wird. «Dias starb, weil die Welt ‹grüner› wird», kommentierte die britische «Sunday Times», die Anfang Juni 2007 über das Verbrechen berichtete. Wenn wir in dieser EvB-Dokumentation zu Agrotreibstoffen über die steigende Konkurrenz um Land und Wasser berichten sowie über den Gewinn von transnationalen Unternehmen oder die Vertreibung von Kleinbauern, besteht die Gefahr, dass diese abstrakten Begriffe an uns abperlen. Doch die negativen Auswirkungen des Agrotreibstoffbooms sind real und beinträchtigen das Leben von Millionen von Menschen. Das Schicksal von Innocence Dias ist nur ein Beispiel dafür. Die Profiteure des Booms verkaufen Treibstoffe aus Pflanzen als die ökologische Lösung des Klimaproblems. Viele Menschen glauben dieser Argumentation nur allzu gerne, denn so könnte man mit gutem Gewissen unseren unnachhaltigen Lebensstil beibehalten. Doch sie liegen damit gleich doppelt falsch: Agrotreibstoffe lösen das Klimaproblem nicht – im Gegenteil: sie schaffen zusätzlich neue Probleme. Die steigende Zahl von Hungernden ist eines davon. Um den entstandenen Schaden zu begrenzen, muss diese Entwicklung schnell gestoppt werden. Dabei sind alle gefordert, einen Beitrag zu leisten – die globale Gemeinschaft, die NGO, die Politik – und jeder Einzelne von uns. François Meienberg und Eva Vojtech

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 3


Warum Agrotreibstoffe einen Boom erleben Agrotreibstoffe werden als Wundermittel gegen den Klimawandel und die Ölkrise angepriesen. Von staatlicher Seite gefördert und von transnationalen Unternehmen begierig aufgenommen, erlebt die Produktion in den letzten Jahren weltweit einen scheinbar grenzenlosen Boom. Seit jeher wurden von der Land- und Forstwirtschaft nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Grundstoffe für Textilien (zum Beispiel Baumwolle), Baumaterialien und Brennstoffe (zum Beispiel Holz) geliefert. Im 19. und 20. Jahrhundert verloren die Brennstoffe aus Biomasse immer mehr an Bedeutung und wurden durch fossile Energieträger (Erdöl, Kohle, Gas) ersetzt. Fossile Energieträger sind jedoch nicht unbegrenzt vorhanden. Erdöl zum Beispiel wird in absehbarer Zeit zur Neige gehen. Dies stellt die Gesellschaft vor die grosse Herausforderung, neue Energieträger zu finden. Den immensen Verbrauch von fossilen Energieträgern zu drosseln, ist auch aus einem anderen Grund notwendig: Diese heizen unser Klima auf. Wie im Bericht des Weltklimarates der Vereinten Nationen (IPCC) vom Jahr 2007 festgehalten,1 hat sich die Erde wegen der immer weiter steigen4

den Konzentrationen von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) erwärmt. Das Abschmelzen der Gletscher, ein Anstieg der Meeresspiegel, die Zunahme von Stürmen und die weltweite Veränderung der Niederschlagsverteilung sind Folgen davon. Die Klimaexpertinnen und -experten erwarten, dass sich die Erwärmung des Klimas fortsetzen und sogar beschleunigen wird, falls es nicht gelingt, den Ausstoss der Treibhausgase drastisch und schnell zu reduzieren. Alternativen zu den fossilen Energieträgern gibt es viele: von der Solar- und Windenergie zur Wasserkraft bis hin zu den unterschiedlichen Möglichkeiten, die gespeicherte Energie aus der Biomasse von landund forstwirtschaftlichen Produkten zu nutzen. Die Verbrennung von Holzschnipseln oder die Herstellung von Biogas aus Kompost für Strom- und Wärmeerzeugung sowie die Produktion von flüssigen Agrotreibstoffen für den Transport sind Beispiele dafür. Zudem wird die Klimadebatte auch von Befürwortern der Atomenergie benutzt, welche neue Atomkraftwerke als klimafreundliche Alternative propagieren. Jetzt, wo die Klimaproblematik ganz oben auf der politischen Agenda steht, sind all diese Energieträger im Aufwind, insbeson-


dere die flüssigen Agrotreibstoffe Agrodiesel und Agroethanol. In dieser Dokumentation werden wir in erster Linie die industrielle Produktion von flüssigen Agrotreibstoffen und die damit verbundenen Konsequenzen analysieren. Auf Brennstoffe aus Biomasse wie Biogas oder Holzschnipselfeuerungen – welche in ihren Nischen wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll sind – wird nicht näher eingegangen. Explodierende Produktionszahlen Allein seit 2000 hat sich die Produktion von Agroethanol verdoppelt und die Herstellung von Agrodiesel verdreifacht (vgl. Grafik 1). Die zwei grössten Produzenten von Agroethanol sind die USA und Brasilien, welche zusammen ungefähr 80 Prozent der weltweiten Menge herstellen (Stand 2007). Agroethanol ersetzt heute etwa 3 Pro-

zent der weltweiten Benzinmenge. Agrodiesel wird vor allem in der Europäischen Union (EU) produziert (60 Prozent der globalen Produktion im Jahr 2007) und ersetzt 0,3 Prozent der weltweiten Dieselmenge. In der Schweiz ist hingegen die Produktion von flüssigen Agrotreibstoffen mit 3 Millionen Liter Agroethanol (ca. 0,006 Prozent der verbrauchten Benzinmenge) und 5 – 10 Millionen Liter Agrodiesel (ca. 0,25 – 0,5 Prozent der Dieselmenge) gering. Die stark steigende Menge an Agrotreibstoffen ist in erster Linie hoher staatlicher Förderung zu verdanken: So wird in der EU die Produktion von Agrotreibstoffen jährlich mit fast 4 Milliarden Euro subventioniert (Stand 2006), und in den USA betragen die staatlichen Subventionen mehr als 7 Milliarden Dollar pro Jahr. Zudem definieren Staaten Verbrauchsziele und führen Steuererleichterungen ein, welche die Ver-

1a: Produktionsmengen von Agroethanol Millionen Liter

USA

EU

Brasilien

China

45 000 40 000 35 000 30 000 25 000 20 000 15 000 10 000 5 000 0

1980

1982

1984

1986

1988

1990

1992

1994

1996

1998

2000

2002

2004

2006

2008

1b: Produktionsmengen von Agrodiesel Millionen Liter

USA

EU

Brasilien

Indonesien

10 000 8 000 6 000 4 000 2 000 0

1992 1993 1994 1995 1996

1997

1998 1999 2000

2001 2002 2003 2004 2005 2006

2007 2008

2009

Produktionsmengen von Agrotreibstoffen in den grössten Produzentenländern. Durchgezogene Linien sind tatsächliche Produktionsmengen, gestrichelte Linien die Prognosen der OECD-FAO. Quellen: Renewable fuels association, Biofuels Platform, FAO, OECD

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 5


wendung von Agrotreibstoffen zusätzlich anheizen: Die EU hat in ihrer BiokraftstoffRichtlinie von 2003 vorgegeben, dass alle Mitgliedsstaaten ihren Treibstoffverbrauch bis zum Jahr 2005 zu 2 Prozent aus erneuerbaren Energien abdecken sollen. Bis 2010 sollen es 5,75 Prozent sein und bis 2020 sogar 10 Prozent. Die USA halten im «Energy Independence and Security Act» von 2007 fest, dass bis 2022 136 Milliarden Liter Agrotreibstoffe produziert werden sollen – statt der heute 30 Milliarden Liter. In Brasilien besteht eine Beimischungspflicht von zwischen 20 und 25 Prozent Agroethanol. Auch die Schweiz möchte fossile Treibstoffe verstärkt durch Treibstoffe aus erneuerbaren Rohstoffen ersetzen. Deshalb trat auf den 1. Juli 2008 eine Gesetzesänderung in Kraft, mit der unter anderem auch die Agrotreibstoffe Agrodiesel und Agroethanol unter gewissen Bedingungen von der Mineralölsteuer befreit und damit auf indirekte Art subventioniert werden. Geht es nach dem Willen der Politik, stehen wir erst ganz am Anfang des Agrotreibstoffbooms. Die zur Neige gehenden Erdölreserven und die negativen Auswirkungen auf das Klima sind nicht die einzigen Gründe, weshalb Staaten auf Agrotreibstoffe setzen. Auch der zurzeit hohe Mineralölpreis motiviert, nach Alternativen zum Öl zu suchen. Zudem möchte man die Abhängigkeit von Erdöl liefernden Ländern, die sich in geopolitisch instabilen Gegenden befinden, reduzieren. Und mit der Schaffung eines zusätzlichen Marktes für landwirtschaftliche Produkte erhofft man sich eine Ankurbelung der Wirtschaft und eine Besänftigung der eigenen Wählerschaft. In der Tat scheinen die Geschäfte mit den Agrotreibstoffen sehr gut zu laufen: Das Risikokapital im Bereich der Agrotreibstoffe hat sich in den letzten drei Jahren verachtfacht, es wurde in grossem Stil in neue 6

Anlagen und Produktionsflächen investiert. Weltweit sind viele grosse Gentechnik-, Auto- und Ölkonzerne involviert (wie Volkswagen, Toyota, BP oder der Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta). Allianzen zwischen den Unternehmen wie zum Beispiel beim Jatropha-Projekt von Daimler AG, Bayer Crop Science und dem multinationalen Getreidekonzern Archer Daniels Midland Company (ADM) oder die Alliance for Synthetic Fuels in Europe (ASFE) von Bosch, DaimlerChrysler, Renault, Royal Dutch Shell, Sasol Chevron und Volkswagen sollen den wirtschaftlichen Durchbruch von Agrotreibstoffen und die Kontrolle des Marktes und der Wertschöpfungskette ermöglichen. 1 Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC): Climate Change 2007:

Synthesis Report. http://www.ipcc.ch >IPCC Reports >Assessment Reports

Bio- oder Agrotreibstoffe? Begriffsklärung Die Energieformen, die wir in diesem Dokument in Übereinstimmung mit der weltweiten Zivilgesellschaft Agrotreibstoffe nennen, werden häufig auch Biotreibstoffe genannt, da sie aus pflanzlichen Rohstoffen, also aus Biomasse, hergestellt werden. Damit kann es aber leicht zu einem Missverständnis in Bezug auf den Begriff bio kommen. Wenn man alles, was ursprünglich irgendwann einmal Biomasse war, als biologisch bezeichnen würde, wären konsequenterweise nicht nur die unter massivem Pestizid- und Düngereinsatz produzierten Lebensmittel, sondern auch Erdöl, Kohle und gar Plastik – das auf der Basis von Erdöl produziert wird – bio! Das macht keinen Sinn. «bio» wäre zudem Etiquettenschwindel, da der Eindruck entstehen könnte, dass es sich hier um eine saubere und nachhaltige Energiequelle handelt. Die Treibstoffe aus agroindustriellen, chemikalienintensiven Monokulturen nennen wir deshalb Agrotreibstoffe.


Keystone

_ In den letzten Jahren hat die Produktion von flüssigen Agrotreibstoffen stark zugenommen. _ Staatliche Zielvorgaben und Subventionen treiben den Absatz der grösstenteils unrentablen Treibstoffe in die Höhe und verhelfen transnationalen Unternehmen zu satten Gewinnen. _ Der Agrotreibstoffboom ist ein Auslöser der derzeitigen Ernährungskrise und der steigenden Lebensmittelpreise.


Die Konsequenzen des Booms Die gängigen Agrotreibstoffe – auch Agrotreibstoffe der ersten Generation genannt – schädigen die Umwelt und konkurrieren mit der Produktion von Nahrungsmitteln. Dies führt zu Hunger, Vertreibungen und sozialer Misere. Agroethanol wird aus zucker- oder stärkehaltigen Pflanzenteilen, vor allem aus Zuckerrohr, Mais, Zuckerrüben, Weizen, Gerste, Hirse und Roggen hergestellt. Der Zucker (direkt oder durch die Umwandlung von Stärke erhalten) wird durch Hefen oder andere Mikroorganismen zu Ethanol vergärt. Agroethanol wird oft in kleinen Mengen dem Benzin beigemischt. Diese Mischungen können in gängigen Motoren verwendet werden, hochprozentigere Mischungen oder purer Alkohol können nur in umgebauten Motoren verwendet werden. Agrodiesel wird aus Ölen und Fetten hergestellt. Vor allem Früchte von Ölpalmen, Rapssamen, Sonnenblumensamen und Sojabohnen werden zur Produktion benutzt, aber auch Talg und gebrauchtes Bratfett. Agrodiesel wird oft mit fossilem Diesel vermischt. Speziell abgeänderte Fahrzeuge können auch mit purem Agrodiesel fahren. 8

Die Folgen des Anbaus: Mehr Umweltschmutz als Umweltschutz Es gibt grundlegende Probleme mit Agrotreibstoffen der ersten Generation: Wie eine viel beachtete Studie der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt Empa zeigt, sind die flüssigen Agrotreibstoffe bei Weitem nicht CO2- bzw. klimaneutral. Im Gegenteil: Vor allem bei der Produktion werden grosse Mengen an Treibhausgasen freigesetzt. Zudem ist die Umweltbelastung für Agrotreibstoffe aus Raps, Ölpalmen, Soja, Mais, Zuckerrüben und Zuckerrohr insgesamt – von der Produktion bis zum Verbrauch – zum Teil bedeutend höher als bei Benzin oder Diesel1 (vgl. Grafik 2). Um Agrotreibstoffe im grossen Rahmen produzieren zu können, werden grossflächig Urwälder gerodet oder Grünflächen umgebrochen. Jährlich verschwinden etwa 8 –10 Millionen Hektar tropischen Regenwaldes, mehr als zweimal die Fläche der Schweiz. Und wo Wälder verschwinden, werden unglaubliche Mengen an CO2 frei: 18 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen stammen von Abforstungen2 (vgl. Grafik 3). Dabei wird bei Waldrodungen nicht nur das CO2, das in den Pflanzen gebunden ist, freigesetzt, sondern auch das CO2, das im


2: Agrotreibstoffe: Klima- und Umweltbelastung Methan

Ethanol

Agrodiesel

fossil 1 aus Rohstoff

Umweltbelastung %

1 aus Reststoff

25 26

500

400

300

200

100

0

1

0

15 11 17 12 13

10 6 89 7 5 3 4

2 20

14 16

40

28

24

21 18

19 20

60

22

80

23

1 Gülle opt. 2 Gülle und Kosubst. opt. 3 Altspeiseöl, Frankreich 4 Molke 5 Altspeiseöl, Schweiz 6 Holz (Methanol) 7 Holz 8 Gras 9 Holz 10 Zuckerrohr, Brasilien 11 Zuckerhirse, China 12 Zuckerrüben, Schweiz 13 Gras, Bioraffinerie 14 Klärschlamm

15 Soja, USA 16 Bioabfall 17 Ölpalmen, Malaysia 18 Raps, Schweiz 19 Gülle und Kosubsrat 20 Gülle 21 Raps, Europa 22 Erdgas 23 Diesel, schwefelarm 24 Mais, USA 25 Roggen, Europa 26 Kartoffeln, Schweiz 27 Benzin, schwefelarm 28 Soja, Brasilien

27

100

Treibhausgasemissionen %

Zweidimensionale Darstellung von Treibhausgasemissionen und gesamter Umweltbelastung bei der Herstellung von Agrotreibstoffen als UBP (Umweltbelastungspunkte) 06. Die Werte sind relativ zur fossilen Referenz Benzin dargestellt. Der grüne Bereich bedeutet sowohl geringere Treibhausgasemissionen als auch eine geringere gesamte Umweltbelastung als bei Benzin. Rot eingezeichnet sind zwei der Schweizer Kriterien zur Mineralölsteuerbefreiung (Treibhausgasreduktion um 40 Prozent und gesamte Umweltbelastung nicht erheblich höher [in der Regel nicht mehr als 25 Prozent] als bei Benzin). Nach Empa 2007: Ökobilanz von Energieprodukten, ökologische Bewertung von Biotreibstoffen. Schlussbericht. www.bfe.admin.ch.

Boden in grossen Mengen vorhanden ist. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen beim Palmölanbau in den tropischen Torfwäldern Indonesiens. Die tiefgründigen Torfböden und die darauf wachsenden Wälder bilden das Ökosystem mit der weltweit grössten Menge an gespeichertem CO2 pro Fläche. Durch Rodung und Bodenerosion wird so viel Treibhausgas in die Luft geschleudert, dass die schädliche Wirkung auch in 100 Jahren des Anbaus von Agrotreibstoffen bei Weitem nicht wieder ausgeglichen werden kann.3 Die Abholzung solch grosser Waldflächen würde zum Aussterben unzähliger Pflanzen- und Tierarten führen. Ein weiteres Problem des Anbaus von Agrotreibstoffen ist in Verbindung mit der intensiven Landwirtschaft zu sehen. Da in Monokulturen Pflanzen anfälliger für Krankheiten sind und der Boden unfruchtbar wird, sind höhere Mengen an Pestizid

und Dünger nötig. Grosse Mengen an Dünger können zu massiven Umweltschäden führen, wie das Beispiel des MississippiMündungsgebiets in den USA veranschaulicht. In dieser überdüngten «Todeszone» von 20 000 km2 (entspricht rund der Hälfte der Fläche der Schweiz) lebt nichts mehr! Wissenschaftler befürchten, dass diese Zone durch die Pläne der US-Regierung, mehr Agrotreibstoff anzubauen, dramatisch ausgeweitet wird. Bei intensiver Düngung entstehen grosse Mengen an Treibhausgasen, insbesondere das sehr klimaschädliche Lachgas, das 300mal so wirksam ist wie CO2. Dünger sind für 38 Prozent der Treibhausgase aus dem Landwirtschaftssektor verantwortlich.4 Pestizide bedrohen neben der Umwelt auch die Landarbeiter sowie die Bevölkerung und die Tiere, die in der Nähe der Felder leben. Eine weitere negative Folge der intensiven BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 9


Benzinverbrauchs ersetzen. In der EU müssten 70 Prozent der Agrarfläche für den Anbau von Agrotreibstoffen verwendet werden, um 10 Prozent der fossilen Treibstoffe mit Agrotreibstoffen zu ersetzen. Um dasselbe Ziel in der Schweiz zu erreichen, müssten gar sämtliche landwirtschaftlich genutzten Flächen des Landes dafür verwendet werden! Dabei gilt es zu bedenken, dass die Schweiz bereits heute, auch ohne viel Agrotreibstoffe anzubauen, nur einen Teil der benötigten Lebens- und Futtermittel selber produzieren kann; der Rest wird importiert. Es ist also offensichtlich, dass die nur begrenzt zur Verfügung stehende Agrarfläche nicht ausreicht, um sowohl Agrotreibstoffe als auch ausreichend Nahrungs- und Futtermittel zu produzieren. Die Nachfrage nach Agrotreibstoffen konkurriert deshalb mit der Ernährungssicherung. Unter den Bedingungen des globalen Markts übt jede Änderung der Landnutzung einen Druck auf die Landnutzung in einer anderen Region auf der Welt aus. Die steigende Nachfrage nach Agrotreibstoffen ist auch dafür mitver-

Landwirtschaft ist die erhöhte Bodenerosion. Die Böden verarmen (sie verlieren wichtige Mineralstoffe und Bodenorganismen) und werden zerstört. Weltweit gehen jährlich fünf bis sieben Millionen Hektar Acker- und Dauergrünland als Produktionsflächen verloren; zwei Drittel der landwirtschaftlichen Flächen sind bereits durch die intensive Landwirtschaft geschädigt. Und verlorene Bodenfruchtbarkeit kann nur schwer wiederhergestellt werden. Die flüssigen Agrotreibstoffe der ersten Generation sind also kein geeignetes Mittel, um Klima- und Umweltschutz zu betreiben. Im Gegenteil: Ihr Anbau trägt dazu bei, den Klimawandel weiter zu beschleunigen. Der Kampf um Boden und Wasser: Nahrungsmittelanbau oder Agrotreibstoffe? Eines der grössten Probleme beim Anbau von Agrotreibstoffen ist der hohe Flächenverbrauch (vgl. Grafik 4). Die USA könnten, selbst wenn sie ihre gesamte Maisernte zur Ethanolherstellung verwenden würden (immerhin 40 Prozent der weltweit produzierten Menge), nur 12 Prozent ihres

3: Auswirkung von Regenwaldabholzungen in Südostasien 48 t/ha

230 t/ha

Kohlenstoff

830 t/ha

Kohlenstoff

CO2

REGENWALD

ABHOLZUNG

PALMENPLANTAGE

Kohlenstoff in oberirdischer Biomasse gespeichert

Kohlenstoff wird während der Rodung als CO2 frei

Speichert im Vergleich zu Regenwald nur 20 Prozent des Kohlenstoffes

Quelle: Unilever and Environmental Protection Encouragement Agency (Epea)

10


antwortlich, dass die Nahrungsmittelpreise in den letzten Jahren stark angestiegen sind. Von Anfang 2006 bis ins Frühjahr 2008 stieg der durchschnittliche Weltpreis für Reis um 217 Prozent, für Weizen um 136 Prozent, Mais um 125 Prozent und Sojabohnen um 107 Prozent. Gemäss des vertraulichen Berichtsentwurfs «A Note on Rising Food Prices» (April 2008) von Donald Mitchell, einem leitenden Ökonomen der Weltbank, sind Agrotreibstoffe für etwa drei Viertel des Preisanstiegs von 140 Prozent im Zeitraum von 2002 bis 2008 verantwortlich. Für Menschen, die bereits am Existenzminimum leben, bedeuten die steigenden Preise von Grundnahrungsmitteln Hunger und Tod. Nach Prognosen des International Food Policy Research Institute (www. ifpri.org) sind mit jedem Prozentpunkt, um den die Nahrungsmittelpreise steigen, zusätzlich 16 Millionen Menschen mehr von Hunger bedroht. Insbesondere Entwicklungsländer, die zu den Nettoimporteuren von Nahrungsmitteln gehören, sind von dieser Entwicklung betroffen. Der Wunsch der Industrienationen, dass Länder des Südens mehr Pflanzen für Agrotreibstoffe anbauen, ist nicht nur mit den günstigeren klimatischen Bedingungen für Pflanzen wie Zuckerrohr zu erklären. Es steckt auch ein grosses Mass an Eigeninteresse dahinter, da die eigenen Flächen nicht ausreichen, um den immensen Bedarf nach Treibstoff zu decken. Eine solche Entwicklung ist wenig nachhaltig, denn Entwicklungsländer würden dadurch noch mehr von Lebensmittelimporten abhängig, ihre Nahrungsmittelsouveränität wäre stärker bedroht und ihre Bevölkerung erlitte mehr Hunger. Die Nachfrage nach zusätzlicher Produktionsfläche für Agrotreibstoffe fällt in eine Zeit, in der sich die Nachfrage nach Lebensmitteln weltweit erhöht: Die Weltbevölkerung wächst weiter (derzeit zählt sie

6,7 Milliarden Menschen, fürs Jahr 2050 werden 9,2 Milliarden prognostiziert), und die Ernährungsgewohnheiten ändern sich. Der hohe Fleisch- und Milchkonsum in industrialisierten Ländern sowie die steigende Nachfrage in Entwicklungs- und Schwellenländern erhöhen zusätzlich den Bedarf an landwirtschaftlich genutzten Flächen, womit die Konkurrenz um Boden nochmals verschärft wird. Heute schon verbraucht die Landwirtschaft 75 Prozent der verfügbaren Süsswassermenge. Wenn nun grosse Mengen an Agrotreibstoffen produziert werden, wird sich der Kampf um das Süsswasser deutlich verschärfen: Aufgrund der Massenproduktion von Agrotreibstoffen ist laut dem Stockholm International Water Institute (www. siwi.org) bis 2050 mit einer Verdoppelung der Nachfrage nach Wasser aus der Landwirtschaft zu rechnen. Die Zahlen sprechen für sich: Nach Angaben des International Water Management Institute (www.iwmi. org) werden in Indien oder Brasilien 3500 Liter Wasser zur Herstellung eines Liters Agroethanol aus Zuckerrohr verbraucht. Agrotreibstoffe und Nahrungsmittel stehen somit miteinander in direkter Konkurrenz, nicht nur um Fläche, sondern auch um Wasser. Stellt man diese verschiedenen (zukünftigen) Bedürfnisse einander gegenüber, kommt man unweigerlich zur Schlussfolgerung, dass der grossflächige Anbau von Pflanzen zur Energiegewinnung nur auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion geschehen kann, denn Boden und Wasser sind beschränkte Güter. Industrielle Produktion vertreibt Kleinbauern Agrotreibstoffe sind nur dann wettbewerbsfähig, wenn sie möglichst kostengünstig produziert werden. Dies ist nur mit intensiver Landwirtschaft und unter AusBIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 11


nutzung sämtlicher Rationalisierungsmethoden möglich. Dazu braucht es grosse zusammenhängende Agrarflächen. Für die Schaffung von Monokulturen – unter anderem für Agrotreibstoffe – werden in Entwicklungsländern immer mehr Kleinbauern aus geeigneten Anbaugebieten verdrängt oder gar vertrieben. So wurden allein in Brasilien zwischen 1985 und 1996 5,3 Millionen Menschen von ihrem Land vertrieben, und fast eine Million kleiner und mittelgrosser Farmen musste aufgegeben werden.5 Die Vertreibungen gehen unvermindert weiter: Allein im Jahr 2007 verloren mehr als 18 000 Familien ihr fruchtbares Land. Ihres eigenen Ackerlandes beraubt, finden die wenigsten Bauern Arbeit auf den grossen Plantagen. Während für 100 Hektaren von Kleinbauern bewirtschafteter Fläche 35 Arbeitskräfte gebraucht werden, sind

auf den Plantagen zum Anbau von Agrotreibstoffen der gleichen Grösse nur zwischen 0,5 und 10 Arbeiter nötig. Die Arbeitsbedingungen der Plantagenarbeiter sind jedoch sehr schlecht; Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung, und Sklavenarbeit ist noch verbreitet. Wie die Landpastorale der Kirchen in Brasilien (Comissão Pastoral da Terra, CPT) berichtet, arbeiteten zum Beispiel in Brasilien über 3000 (mehr als 50 Prozent!) der 2007 aus der Sklavenarbeit befreiten Arbeiter auf Zuckerrohrplantagen für die Alkoholgewinnung. Die Rodung von Regenwäldern kann indigene Völker, die bisher im intakten Wald lebten, existenziell bedrohen (zum Beispiel in Indonesien). Wird der Wald vernichtet, verlieren sie ihre Lebensgrundlage: Sie wandern entweder in die Elendsviertel der Städte ab oder sind gezwungen, für einen Hungerlohn in den Plantagen zu arbeiten.

4: Theoretisches Potenzial von Agrotreibstoffen

950

670 420 140 35 BENZIN

9 DIESEL

Heutiger Verbrauch von fossilen Treibstoffen (grün), theoretische Produktionsmenge von Agrotreibstoffen, wenn die gesamte Weltgetreide- und Weltzuckerproduktion bzw. alle Pflanzenöle der Welt für Agrotreibstoffe verwendet würden (weiss, umgerechnet in fossile Treibstoffe, in Millionen Tonnen) und aktueller Verbrauch von Agrotreibstoffen (rot). Quelle: Ch. Bickert/DLG-Mitteilungen 2/2007; Dr. Walter Helms, Bröring Unternehmensgruppe, Heinz Hänni, Schweizerischer Bauernverband

12


Keystone

10 000 m 2 unberühr te Regenwa r ld

ODER Treibstoff

_ Der Anbau von Agrotreibstoffen trägt zur Umweltverschmutzung und zum Klimawandel ✕ bei.

für

1 Auto für 1 Jah

r

_ Im Namen des angeblichen Umweltschutzes werden Regenwälder abgeholzt, Gifte versprüht und Böden unfruchtbar gemacht. _ Boden und Wasser sind begrenzte und kostbare Ressourcen. Werden diese für den Anbau von Agrotreibstoffen✕ verwendet, geht dies zu Lasten der Ernährungssicherung. _ Nur grossflächiger Anbau von Agrotreibstoffen bringt eine hohe Rendite: Millionen von Menschen werden vertrieben und verlieren ihre Lebensgrundlage oder gar ihr Leben.


Ihre kulturelle Identität und ihre Gemeinschaften, oft sogar ihr Leben, werden bedroht und zerstört. Es zeigt sich also, dass vor allem Grosskonzerne von den Veränderungen, die aufgrund des industriellen Anbaus von Agrotreibstoffen auftreten, profitieren. Kleinbauern, einfache Arbeiter und indigene Bevölkerungsgruppen haben das Nachsehen. Jatropha – Das Wundermittel unter den Agrotreibstoffpflanzen? Jatropha curcas ist ein Strauch von etwa acht Meter Höhe, der ursprünglich aus Mittel- und Südamerika stammt. Die Samen sind nicht geniessbar, da giftig. Sie enthalten aber Öl, das zum Beispiel als Lampenöl verwendet wird. Jatropha weckt in letzter Zeit viel Interesse, weil das Öl auch zu Agrodiesel verarbeitet werden kann. Sie wird als die perfekte Agrotreibstoffpflanze angepriesen: Sie braucht nicht viel Wasser und wächst auch auf sogenanntem Brachland. Ihr Anbau, so die Argumentation der Firmen, konkurriert deshalb nicht mit der Produktion von Nahrungsmitteln um Wasser und Land und stellt die perfekte Lösung für Kleinbauern dar.

Aber wie sieht die Realität aus? Dafür ist es zuerst wichtig, abzuklären, was in diesem Zusammenhang unter dem Begriff «Brachland» zu verstehen ist. Sowohl in Indien als auch in Afrika fallen Gemeinschaftsland, extensives Weideland und Wälder unter die Definition von «Brachland», obwohl viele Kleinbauern, Hirten und indigene Bevölkerungsgruppen daraus ihre Nahrungsmittel und Brennstoffe beziehen. Somit ist dieses «Brachland» für Millionen von Menschen lebensnotwendig. Wenn nun, wie geplant, zum Beispiel in Indien bis 2012 ganze 14 Millionen Hektar «Brachland» zu Jatropha-Anbauflächen umgewandelt werden, verlieren viele Menschen ihre Lebensgrundlage. Die Einstufung eines Stücks Boden als «Brachland» handhaben manche Staaten sehr willkürlich. So wurden in Brasilien 200 Millionen Hektar Wald, Weide- und Sumpfland neu als «degeneriert» klassifiziert. Auf diesen Flächen sollen im Rahmen des brasilianischen Agroenergieplans aus dem Jahr 2006 Pflanzen für Agrotreibstoffe wachsen. Ebenso werden auch in Indonesien Gebiete, auf denen artenreicher Regenwald wächst, als «ungenutztes Brach-

Jatropha curcas, die Purgiernuss, ist ein Wolfsmilchgewächs, welches von den Befürwortern von Agrotreibstoffen nun als Wundernuss gepriesen wird. Bild: www.bigislandfuelcrops.com

14


land», deklariert, um so die Abholzung zu erleichtern. Es ist zwar korrekt, dass Jatropha unter kargen Bedingungen überleben kann, aber um profitable Ernten zu liefern, braucht auch sie ausreichend Nährstoffe und Wasser. Mit Bewässerung ist die durchschnittliche Ernte nach fünf Jahren etwa fünfmal so gross wie ohne zusätzliches Wasser. Deswegen ist zu befürchten, dass der Anbau von Jatropha nach und nach doch mit der Nahrungsproduktion konkurrieren wird. Zum einen wird Wasser, das für Nahrungspflanzen gebraucht würde, für Jatropha umgeleitet. Zum anderen wird Jatropha auch Nahrungspflanzen von fruchtbaren Ackerflächen verdrängen. Eine solche Entwicklung wird bereits heute in Indien wie auch in vielen Ländern Afrikas beobachtet. Grossproduzenten vertreiben Kleinbauern von fruchtbaren Flächen, um Jatropha grossflächig und gewinnbringend anbauen zu können. Der Anbau und Handel von Jatropha ist bereits lukrativ und wird von transnationalen Grossunternehmen kontrolliert. So will zum Beispiel BP bis 2011 zum weltweit grössten Produzenten von Agrodiesel aus Jatropha werden. Jatropha birgt weitere Risiken: Sie ist für Mensch und Tier hoch giftig und als invasive Pflanzenart schwer zu kontrollieren. Invasive Pflanzen sind Arten, die sich in einem Gebiet, in dem sie natürlicherweise nicht vorkommen, auch ausserhalb der Felder stark ausbreiten und die einheimische Artenvielfalt schädigen. Hat sich Jatropha einmal eingebürgert, ist sie mit seinem tiefen und verzweigten Wurzelwerk fast nicht mehr auszurotten. In Australien wurde deshalb der Anbau von Jatropha bereits 2006 verboten. Mit der geplanten Einführung und Verbreitung von gentechnisch veränderten Jatrophapflanzen könnte sich die Problematik noch verschärfen.

Agrodiesel aus Jatrophaöl in der Schweiz Jatrophaöl soll auch in der Schweiz in grossem Stil zu Agrodiesel verarbeitet werden. Im Solvay Industriepark im aargauischen Bad Zurzach plant die Green Bio Fuel Switzerland AG (GBF) eine riesige Agrodiesel-Produktionsanlage, die ab Mitte 2009 135 Millionen Liter Agrodiesel pro Jahr herstellen soll. Diese Menge entspricht rund 5 Prozent des jährlichen Dieselverbrauchs der Schweiz. Schweizerische, deutsche, kanadische und schwedische Investoren, die auf erneuerbare Energie spezialisiert sind, sowie schweizerische Renten- und Pensionsfonds (gemäss dem «St.Galler Tagblatt» vom 3. Mai 2008), wollen insgesamt 80 Millionen Franken in die Anlage investieren. Verarbeitet werden soll Rapsöl aus heimischer Produktion (1/4) sowie Jatrophaöl aus Mosambik (3/4). Verhandlungen werden auch mit Ghana und Tansania geführt. Abgesehen von der bereits geäusserten Kritik an Agrotreibstoffen – die auch beim Zurzacher Projekt ihre Gültigkeit hat – gibt es noch spezifische Bedenken zur Beschaffung von Raps durch die Green Bio Fuel Switzerland AG. Um das Werk in Zurzach wie geplant zu versorgen, müsste die Schweizer Rapsfläche von 15 000 Hektaren auf 40 000 Hektaren fast verdreifacht werden. Ob die Bauern überhaupt mitziehen, ist wegen der sinkenden Subventionen bei Raps äusserst fraglich. Eine erhöhte Produktion von Energieraps in der Schweiz hätte zur Folge, dass der Druck, Landwirtschaft intensiver zu betreiben, steigen würde und wir mehr Futtermittel für unsere Nutztiere aus dem Ausland importieren müssten.

1 Empa 2007: Ökobilanz von Energieprodukten, ökologische Bewertung von Biotreibstoffen. Schlussbericht. www.bfe.admin.ch 2 Stern Review on the economics of climate change, 2006. www.hm-treasury.gov.uk/ >Independent Reviews 3 Environmental Protection Encouragement Agency 2007. Nahrungsmittel als Kraftstoffe? www.epea.com 4 Siehe Fussnote 2 5 Grain: Seedling, July 2007: Agrofuels special issue. www.grain.org/seedling

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 15


Sind zukünftige Technologien die Lösung? Um die Kritik an der heutigen Produktion von Agrotreibstoffen zu kontern, wird immer wieder auf das theoretische Potenzial zukünftiger Technologien hingewiesen. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass auch die Verwendung von neueren Agrotreibstoffen problematisch ist. Weder Mensch noch Umwelt würden langfristig davon profitieren. Bei Agrotreibstoffen der sogenannten «zweiten Generation» werden nicht mehr zuckeroder fettreiche Pflanzenteile verarbeitet, sondern ganze Pflanzen oder sogar pflanzliche Reststoffe. Um Agroethanol herzustellen, wird die Zellulose, der Hauptbestandteil von Pflanzenwänden, in Zuckermoleküle gespalten, die dann wieder zu Alkohol vergärt werden können (vgl. Grafik 5). Die Zellulose wird entweder mit Enzymen (sog. Zellulasen), chemischen Prozessen oder durch Hitze aufgebrochen. Allerdings sind die Zuckermoleküle in der Zellulose sehr fest aneinandergebunden. Dies stellt die Unternehmen vor einige Schwierigkeiten, denn es ist ihnen noch nicht gelungen, den Prozess für eine industrielle Produktion kostengünstig weiterzuentwickeln. Für die Produktion von Agrodiesel wird die pflanzliche Biomasse erst in ein Gas umge16

wandelt, welches anschliessend verflüssigt wird (das sogenannte «biomass-to-liquid»Verfahren). Befürworter von Agrotreibstoffen vertreten die Meinung, dass die Produkte der zweiten Generation nicht mehr mit der Ernährung konkurrieren werden, da sie aus Gräsern, Bäumen oder gar pflanzlichen Abfällen wie Stroh hergestellt werden. Somit können sie auf extensiv bewirtschafteten Feldern und kargen Flächen wachsen; ausserdem sollen sie klimaneutral und umweltfreundlich sein. Es stimmt, dass die Treibhausgasbilanz bei der Verwendung von Holz, Gras oder Molke niedriger ist als die von Benzin. Klimaneutral sind diese Agrotreibstoffe jedoch noch lange nicht. Bei ihrer Produktion werden im Vergleich zum Benzin immer noch etwa 30 bis 40 Prozent der Treibhausgase frei. Auch die gesamte Umweltbelastung ist niedriger als die der fossilen Treibstoffe, bleibt aber mit 50 bis 90 Prozent doch noch relativ hoch (vgl. Grafik 2). Es ist davon auszugehen, dass auch Agrotreibstoffe der zweiten Generation weiterhin zu Vertreibungen führen und mit der Nahrungsmittelherstellung konkurrieren werden. Denn wie wir am Beispiel von Jatropha gesehen haben, ist die Definition


von Brachland sehr willkürlich verwendbar. Firmen werden aufgrund der höheren Rentabilität weiterhin Pflanzen auf fruchtbaren Böden anpflanzen. Dadurch werden wiederum Kleinbauern vertrieben, die, um ihre eigenen Nahrungsbedürfnisse decken zu können, Wald zur Landgewinnung roden müssen. Der vorhin geschilderte Teufelskreis wird sich also wiederholen – mit all seinen ökologischen und sozialen Konsequenzen. Die Gentechnik spielt eine grosse Rolle bei der Herstellung von Agrotreibstoffen der zweiten Generation. Es wird versucht, die Pflanzen so abzuändern, dass ihre Zellulosestruktur leichter abbaubar wird, ihr Zellulosegehalt erhöht wird und sie widerstandsfähiger werden und schneller wachsen. Mikroorganismen und Enzyme versucht man zu einem effizienteren Zelluloseabbau zu manipulieren. Werden statt konventioneller Pflanzen Gentechpflanzen eingesetzt, bringt dies für die Agrokonzerne enorme Vorteile. Denn Gentechpflanzen sind patentierbar. Somit kann der Markt monopolisiert und die Rendite erhöht werden. Gentechpflanzen werden bereits heute

für Agrotreibstoffe der ersten Generation eingesetzt (zum Beispiel Gentech-Mais), bei der zweiten wird dies vermutlich noch vermehrt der Fall sein. Agrotreibstoffe sollen die Funktion des «trojanischen Pferdes» für die Gentechnologie übernehmen. Mit der weiteren Verbreitung und erhöhten Akzeptanz der Gentechnik bei Nichtnahrungspflanzen erhoffen sich die Konzerne den wirtschaftlichen Durchbruch auch bei genveränderten Nahrungsmitteln. Einige der für Agrotreibstoffe auserkorenen «Energiepflanzen», wie zum Beispiel Chinaschilf und Rutenhirse, sind invasive Arten. Wie schon erwähnt, birgt das Eindringen von invasiven Pflanzenarten in natürliche Ökosysteme grosse Risiken. Das Risiko eines nicht mehr kontrollierbaren Ausbreitens wird noch erhöht, wenn das Erbgut der Pflanzen gentechnisch manipuliert ist. Wie sieht die Bilanz aus, wenn Treibstoffe aus pflanzlichen Abfallstoffen wie Gülle, Molke, Lebensmittelabfällen und Restholz hergestellt werden? Besteht die Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion weiterhin, und bleiben die ökologischen Probleme bestehen? Dies ist schwierig zu

5: Herstellungsschema Agrotreibstoffe

Öl

> Extraktion und Veresterung >

Zucker / Stärke

> Auflösung >

Zucker

Agrodiesel

> Vergärung / > Destillation

Agroethanol

> Enzymatische Spaltung > «zweite Generation»

Zellulose > Vergasung >

Gas

> Synthese >

Agrodiesel

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 17


Auch moderne Agrotreibstoffe sind nicht gut für die Umwelt. Bild: Keystone

beantworten und braucht eine Fall-zu-FallAnalyse. Es gibt nur wenige pflanzliche Abfälle, die ohne Weiterverwendungszweck herumliegen oder verbrannt werden. Viele Stoffe werden schon heute sinnvoll genutzt. So werden zum Beispiel Molke und Lebensmittelabfälle als Futtermittel verwendet; und aus Gülle entstehen Biogas und Dünger. Wenn nun sämtliche landwirtschaftlichen «Abfälle» von den Äckern entfernt würden, bliebe kein organisches Material zur Gründüngung übrig. Das würde zu erhöhter Bodenerosion und zur Ausstossung von Treibhausgasen führen. Sind Böden nicht genügend fruchtbar, erfordert dies den zusätzlichen Einsatz von künstlichem Dünger. Deren Herstellung und Verwendung ist jedoch wiederum umweltschädlich. Allenfalls handelt es sich bei den Agrotreibstoffen der zweiten Generation bloss um Luftschlösser. Es gibt ernsthafte Zweifel (zum Beispiel vom «Round Table on Sustainable Development» der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD 1), ob es jemals in grossem Stil gelingen wird, pflanzlichen Abfall als Rohstoff zu verwenden. Die Methoden zur Herstellung von Agrotreibstoffen der zweiten Generation sind noch nicht ausgereift, und technologische Durchbrüche, die eine 18

Produktion in grossem Mass erlauben würden, stehen noch aus. Neben den technologischen Problemen gibt es auch grosse logistische Herausforderungen. So heisst es noch Lösungen zu finden für den Transport von grossen Biomassemengen über weite Strecken, bevor industriell produziert werden kann. Schon heute können pflanzliche Abfallstoffe zur Energiegewinnung eingesetzt werden. Allerdings sind nicht alle Verwendungsarten auch effektiv: Die Produktion und Verwendung von flüssigen Agrotreibstoffen für Autos ist ineffizient, weil deren Verbrennungsmotoren einen extrem niedrigen Wirkungsgrad aufweisen. Effektiver ist der Einsatz von Holz oder Stroh zur kombinierten Strom- und Wärmeerzeugung. Auch die Biogaserzeugung auf Güllebasis ist mit der Strom- und Wärmeerzeugung koppelbar. Das wird auch vom Sachverständigenrat für Umweltfragen in Deutschland empfohlen.2 Allerdings können auch diese Methoden zur Energiegewinnung nur Nischen besetzen. Viele kleine Nischen, standortnah und technisch sauber gelöst, ergeben jedoch einen sinnvollen Beitrag. 1 2007: Biofuels: Is the cure worse than the disease? www.oecd.org 2 Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, 2007: Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung. www.bmelv.de


_ Moderne Agrotreibstoffe sollen der Gentechnik zum Durchbruch verhelfen. _ Viele Energiepflanzen sind invasive Arten, die natürliche Ökosysteme schädigen.

1✕

mit Agroe thanol volltanke n

ODER Getreide

für

1 Jahr

für 1 Pers

on

Keystone

_ Auch der Anbau von Agrotreibstoffen der zweiten Generation konkurriert mit der Nahrungsmittelproduktion.


Syngenta profitiert auf allen Ebenen Der Schweizer Konzern Syngenta ist einer der weltweit grössten Produzenten von Saatgut und Pestiziden. Er profitiert massgeblich vom Boom der Agrotreibstoffproduktion. Grosszügige Investitionen in die Forschung sollen ihm auch in Zukunft grosse Marktanteile sichern. Kein Wunder also, dass Syngenta ein grosser Befürworter und Förderer von Agrotreibstoffen ist. Der wichtigste Markt für Syngenta sind die USA, wo der Multi beim Mais, der USGrundlage für Agrotreibstoffe, einen Marktanteil von etwa 15 Prozent besitzt (Angaben aus dem Jahr 2004). Mais und Sojabohnen machen fast die Hälfte der Saatgutverkäufe von Syngenta aus. Kein Wunder, dass der Konzern selbst die Agrotreibstoffe der ersten Generation befürwortet. Neben dem Verkauf von Saatgut (insbesondere Raps und Zuckerrüben in Europa und Mais in den USA) steigt mit den zusätzlichen intensiv bewirtschafteten Flächen für den Anbau von Agrotreibstoffen auch der Gebrauch von Pestiziden. Auch hier führt Syngenta den Weltmarkt an. Ein Beispiel dafür sind Breitbandherbizide, die in Agrotreibstoff-Monokulturen, zum Beispiel beim Anbau von Zuckerrohr, eingesetzt werden. 20

Syngenta setzt vor allem auf Mais – nicht sehr innovativ Damit das grosse Geschäft auch weiterhin blüht, setzt Syngenta auch seine Lobbying-Maschinerie in Gang. Allein im ersten Quartal dieses Jahres investierte Syngenta in den USA 400 000 US-Dollar, um die Regierung von ihrer Sicht über Agrotreibstoffe, Pestizid- und Patentgesetzgebung zu überzeugen. Wie abstrus dabei die Argumentation von Syngenta ist, zeigt ein Interview mit CEO Michael Mack im «Newsweek»-Magazin vom 9. Mai 2008: Darin behauptet er, die Kritiker von Agroethanol seien einfach falsch informiert, oder sie wollten mit ihrer Kritik bewusst von den wirklichen Problemen ablenken. Da Mais in den USA nur als Tierfutter verwendet werde, habe dessen Anbau für die Ethanolherstellung keinen Einfluss auf die Ernährungssicherheit. Eine etwas gar kurzsichtige Argumentation, welche unter anderem die Konkurrenz um Anbaufläche und Wasser einfach ausser Acht lässt. Beim Agroethanol aus Mais sieht der Syngenta-Chef zudem den Vorteil, dass dieser die Selbstversorgung mit Energie in den USA verbessere. Einen möglichen Verzicht auf Agrotreibstoffe bezeichnet er als einen globalen Fehler.


Die Markteinführung transgener Kulturpflanzen ist ein wesentlicher Bestandteil von Syngentas Zukunftsplänen. Dabei bieten Agrotreibstoffe eine willkommene Gelegenheit, die Akzeptanz für Gentechnologie in der Gesellschaft zu erhöhen. Auch in den kommenden Jahren will Syngenta auf die problematische Anwendung von Mais setzen. In ihrer Pipeline steckt momentan die Weiterentwicklung zweier Projekte: die für 2009 geplante Einführung von Mais-Amylase und die für 2011 geplante Einführung von Mais-Sorten, die bei der Verarbeitung mehr Ethanol liefern. Die Mais-Amylase soll die Herstellung von Agrotreibstoff einfacher und billiger machen. Dazu wird ein Gen für die sogenannte Mais-Amylase, ein Enzym, das aus einem hitzebeständigen Mikroorganismus stammt und die Ethanolproduktion bei höheren Temperaturen möglich macht, in die Maispflanze eingeführt. Bei der Bearbeitung der Zulassungsanträge für die Europäische Union und Südafrika wurde deutlich, dass die Gefahr besteht, dass dieser Treibstoff-Mais sowohl Tierfutter-Mais als auch Maisanbau für menschliche Nahrung verunreinigen kann. Gezüchtet wurde zudem auch eine neue konventionelle «tropische Zuckerrübe», die im Vergleich zum Zuckerrohr verhältnismässig wenig Wasser benötigt. Sie wird als Alternative zum Zuckerrohr angepriesen. Allerdings klingt das besser, als es tatsächlich ist: Da diese Sorte vor allem in trockenen Regionen angebaut wird, reicht das dort vorhandene Wasser nicht auch noch für die Lebensmittelproduktion aus. Die Probleme der zweiten Generation löst Syngenta mit Gift Syngenta engagiert sich auch stark in der Entwicklung von Agrotreibstoffen der zweiten Generation und erhofft sich, sich

mit Patenten auf neue Technologien eine Monopolstellung zu sichern. Zusammen mit der Queensland University of Technology und der Firma Farmacule Bioindustries in Australien werden Zuckerrohrpflanzen entwickelt, bei welchen die pflanzeneigenen Prozesse dazu genutzt werden können, Zellulose in Zucker abzubauen. Gemeinsam mit der Diversa Corporation (heute: Verenium Corporation) hat Syngenta 2007 ein Forschungsprojekt gestartet, um neue Enzyme zu erforschen und zu entwickeln, die Biomasse zu Treibstoffen umwandeln. Wie ein Artikel auf der Paraquat-Website von Syngenta zeigt (www.paraquat. com), ist sich der Konzern bewusst, dass Stroh und Biomassereste auf Feldern keine Abfallstoffe sind und dass sich ihre Entfernung vom Feld, um daraus Agrotreibstoffe der zweiten Generation herzustellen, negativ auswirkt. Diese Biomassereste wirken gegen Bodenerosion, bieten Lebensraum für Tiere und erhöhen die Menge an organischem Material im Boden. Syngenta propagiert das giftige Herbizid Paraquat als geeignetes Mittel zur Lösung dieses Problems. Mit Paraquat und einer pfluglosen Landwirtschaft soll die Umweltbilanz wieder positiv werden: «Biofuels need No-Till and Paraquat» (Agrotreibstoffe benötigen eine pfluglose Bewirtschaftung und Paraquat) – so bewirbt Syngenta ihr umstrittenes Produkt. Es wird dabei verschwiegen, dass Paraquat – in Europa seit dem letzten Jahr verboten – ein sehr toxisches Herbizid ist und daher in keinem Fall eine nachhaltige, umweltfreundliche Lösung darstellt. Weltweit fordern Gewerkschaften, Menschenrechtsund Umweltorganisationen das generelle Verbot des Produktes.

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 21


Grünes Gold Der Boom der Agrotreibstoffe hat eine wahre Goldgräberstimmung ausgelöst. In Lateinamerika mischen auch die Schweizer Banken kräftig mit. Lateinamerika gehört zu den wichtigsten Produktionszonen für Agrotreibstoffe. Eine im Mai 2008 von Friends of the Earth Europe in Auftrag gegebene Studie untersuchte, welche Rolle europäische Banken bei der Finanzierung dieser Branche spielen. Insgesamt 44 europäische Banken, darunter die Credit Suisse und die UBS, helfen 13 der wichtigsten im Agrotreibstoffgeschäft aktiven Unternehmen bei der Finanzierung ihrer Expansion. Brasilien dominiert den lateinamerikanischen Agrotreibstoffmarkt Brasilien gehört zu dominierenden Ländern im Geschäft mit Agrotreibstoffen. Dies hat – abgesehen von vorteilhaften klimatischen Bedingungen und riesigen landwirtschaftlichen Flächen – vor allem mit Politik zu tun. Die Militärregierung Brasiliens reagierte auf den ersten Ölschock der Siebzigerjahre mit einem ambitionierten Programm, um «Energieautarkie» – die Unabhängigkeit vom Weltmarkt – zu erreichen. Neben 22

der verstärkten Suche nach Erdöl und dem Bau von Grossstaudämmen gehörte auch die Produktion von Agroethanol aus Zuckerrohr dazu. Schon vor dem aktuellen Boom gab es deshalb in Brasilien eine gross angelegte Produktion, und man konnte Erfahrung mit den nötigen Technologien sammeln. In den letzten Jahren sind ausländische Firmen in den zuvor national ausgerichteten Sektor eingestiegen. Ebenso sind neue Unternehmen entstanden, welche vor allem auf den Export von Agroethanol setzen. Neben dem Agroethanol aus Zucker ist in Brasilien (wie auch in Argentinien) Agrodiesel aus der ohnehin boomenden Sojaproduktion von Bedeutung. Im Juni protestierten in ganz Brasilien Kleinbäuerinnen und Landlose gegen Monokulturen, den Vormarsch der Agrotreibstoffe und die Begünstigung der Landwirtschaftskonzerne auf Kosten der Kleinproduzenten. Vor einer Soja-Verarbeitungsanlage des von der Credit Suisse mitfinanzierten Bunge-Konzerns wurden sechs Menschen verletzt, als die Polizei mit Tränengas und Gummischrot auf die Protestierenden schoss.


Die Beteiligung der Schweizer Banken

Die Credit Suisse finanziert die grössten internationalen Produzenten mit. Ihre Einbindung ist bei einer Firma mittelstark und bei drei Unternehmen stark: Agrenco ist ein brasilianischer Agromulti. Er ist der wichtigste Sojalieferant für Europa. Dieses Jahr nimmt der Konzern drei Produktionsstätten für Agrodiesel in Betrieb, die insgesamt 450 Millionen Liter Treibstoff produzieren. Die CS war 2007 verantwortlich für ein Kreditpaket einer Gruppe von Banken. Der grösste Teil davon (120 Mio. Dollar) wurden für die Agrodieselfabriken gebraucht. Zudem organisierte die CS auch den Börsengang von Agrenco in São Paulo. Der Agrobusiness und Nahrungsmittelkonzern Bunge aus den USA ist der grösste Verarbeiter von Soja sowohl in Brasilien als auch in ganz Lateinamerika. 2007 kaufte Bunge einen brasilianischen Zucker- und Ethanolproduzenten, zudem ist er in Argentinien an der Ethanolproduktion beteiligt. Die CS war an verschiedenen Kreditund Anleihesyndikaten beteiligt. 2006 platzierte sie Aktien am US-Kapitalmarkt, was Bunge 667,5 Millionen Dollar einbrachte. Cosan ist der drittgrösste Ethanol- und der zweitgrösste Zuckerproduzent Lateinamerikas. Die CS organisierte für Cosan Anleiheemissionen und den Gang an die Börsen von São Paulo und New York. Zudem ist mit Archer Daniels Midland eine der untersuchten Agrotreibstofffirmen sogar in einem als nachhaltig verkauften Aktienfonds («Future Energy») der CS zu finden.

Die UBS hat im Jahr 2006 die brasilianische Investmentbank Pactual übernommen und ist deshalb auch mit lokaleren Firmen im Geschäft. Sie weist zwei schwache, eine mittlere und zwei starke finanzielle Beziehungen auf: São Martinho ist ein mittelgrosses brasilianisches Unternehmen, das Zuckerrohr anbaut, damit handelt und es verarbeitet. 2007 führte UBS Pactual das Unternehmen an die Börse von São Paulo. Tereos ist ein französischer Zuckerkonzern, der im Besitz von Zuckerrübenproduzenten ist. Mit einer Produktion von 1300 Millionen Litern, die in Europa, Afrika und Lateinamerika stattfindet, gehört er zu den grossen Ethanolproduzenten. In Brasilien hält er eine Mehrheitsbeteiligung an Açucar Guarani. Diese brasilianische Tochterfirma wurde 2007 von UBS Pactual an die Börse von São Paulo gebracht. Der gegenwärtige Agrotreibstoffboom ist nur möglich, weil von den Investoren das Geld fliesst – sei dies über Kredite, Anleihen oder durch Börsengänge. Die Schweizer Banken unterstützen mit ihrem Engagement diese Fehlentwicklung. Verantwortungsvolle Banken sollten nicht in die Produktion von Agroethanol und -diesel investieren, sondern wirklich klimafreundliche Alternativenergien (Sonne und Wind) und nachhaltige Mobilität (öffentlicher Verkehr) fördern und finanzieren.

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 23


Ein weltweites Nein Bei einer Fehlentwicklung dieses Ausmasses, bei der der Luxus einer unbeschränkten Mobilität im Norden mit Hungernden im Süden bezahlt werden soll, erstaunt die sich bildende breite Abwehrfront nicht: Nichtregierungsorganisationen (NGO), Kirchen, Wirtschafts- und WissenschaftsvertreterInnen aus aller Welt haben in den letzten Monaten dezidiert gegen Agrotreibstoffe Stellung genommen. Wo das Recht auf Nahrung in Gefahr ist, ist es die Aufgabe des Uno-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung, zu intervenieren (siehe Kasten). Olivier De Schutter, seit wenigen Monaten im Amt, plädierte Ende Mai 2008 dafür, keine neuen Investitionen und Subventionen für die Agrotreibstoffproduktion zuzulassen. In dieselbe Kerbe haut auch Professor Stefan Tangermann, Direktor für Handel und Landwirtschaft bei der OECD. Er sagte, dass Agrotreibstoffe «ökonomisch und ökologisch ein Irrweg» seien. Im Juni 2008 verlangte er, dass Industrienationen ihre Subventionspolitik bei Agrotreibstoffen sofort beenden, da die Flächenkonkurrenz zwischen Agrotreibstoffen und Nahrungsmitteln massgeblich für den weltweiten Preisanstieg bei Nahrungsmitteln verantwortlich seien. 24

Bereits 2007 riefen mehr als 150 internationale Organisationen ebenfalls zum Moratorium gegen die Agrotreibstoffe aus industriellen Monokulturen auf und verurteilten die Agrotreibstoffziele der EU («Call for an immediate moratorium on EU incentives for agrofuels, EU imports of agrofuels and EU agroenergy monocultures»). Mehrere lateinamerikanische Netzwerke von NGO haben an die Vertreter der EU einen offenen Brief geschrieben, in dem sie ihre Sorgen über die europäische Agrotreibstoffpolitik zum Ausdruck bringen. Sie fordern Ernährungssouveränität statt Agrotreibstoffe für den Export («We want food souvereignty, not biofuels»). Auch das «International Planning Committee for Food Sovereignty» (IPC, ein globales Netzwerk von Bauern- und Nichtregierungsorganisationen; www.foodsovereignty.org/new) fordert den sofortigen Stopp der Produktion industrieller Agrotreibstoffe. Mitglieder von Bürgerrechtsorganisationen aus Afrika fordern ein Moratorium für die weitere Entwicklung im Agrotreibstoffbereich und ein weltweites Exportmoratorium für Agrotreibstoffe («An African Call for a Moratorium on Agrofuel Developments»).


Das Recht auf Nahrung Das Recht auf Nahrung, bzw. Recht auf angemessene Ernährung, ist als Menschenrecht in der UN-Menschenrechtscharta seit 1948 völkerrechtlich verankert. Das Recht auf angemessene Ernährung beruht auf der Erkenntnis, dass die Ursache von Hunger zum grössten Teil nicht ein Mangel an Nahrung selber, sondern vielmehr ein Mangel am Zugang zu Nahrung und Ressourcen oder ihre Zerstörung ist. Jeder Mensch hat das Recht, jederzeit Zugang zu angemessener Nahrung zu haben. Es ist die Aufgabe der Staaten, dies zu achten und zu gewährleisten. Sie dürfen also niemandem Nahrungsmittel oder den Zugang zu Nahrung verweigern, auch nicht durch die Landenteignung von Kleinbauern, geschieht dies ohne Kompensation. Sie müssen das Recht auf angemessene Ernährung vor Dritten schützen, so müssen sie auch dafür sorgen, dass der Zugang zu Nahrung etwa durch Konzerne nicht behindert wird. Um das Recht auf angemessene Ernährung besser durchzusetzen, hat die UN-Menschenrechtskommission einen UN-Sonderberichterstatter eingesetzt. Dieser berichtet der Menschenrechtskommission über die vorhandenen Probleme und unterbreitet Lösungsvorschläge. 2004 hat die FAO freiwillige Leitlinien zum Menschenrecht auf Nahrung verabschiedet. Angesichts der weltweit 850 Millionen an Hunger und Unterernährung leidenden Menschen handelt es sich beim Recht auf angemessene Ernährung wohl um eines der am krassesten verletzten Menschenrechte.

Ein ökologischer Wahnsinn In den USA läuft seit Juni 2008 die «Food Before Fuel»-Campaign («Nahrung vor Treibstoff»-Kampagne) der Nahrungsmittelindustrie gegen die Agrotreibstoffpolitik der USA (www.foodbeforefuel.org). Die US-Initiative ist kein Einzelfall. Der damalige Chef von Nestlé, Peter Brabeck, liess sich bereits in der «Zeit» vom 4. April 2007 wie folgt zitieren: «Die allgemeine Begeiste-

rung für Biokraftstoffe ist ökologischer Wahnsinn. ( ... ) Biokraftstoffe führen dazu, dass die Preise für Grundnahrungsmittel dramatisch steigen. Die Autofahrer in den reichen Industrienationen werden subventioniert auf Kosten der Ärmsten der Weltbevölkerung.» Unilever, ein weiterer Gigant der Nahrungsmittelindustrie, meint, dass die Agrotreibstoffe der ersten Generation weder ein ökologisches noch kosteneffizientes Mittel seien, um Treibhausgase zu reduzieren. Solche Forderungen erfolgen natürlich auch aus Eigennutz, da die Lebensmittelhersteller an tiefen Preisen interessiert sind. Auch die Kirche hat sich kritisch zu den Entwicklungen bei Agrotreibstoffen geäussert. Papst Benedikt sagte in einer Botschaft zum Ernährungsgipfel im Juni 2008 in Rom, dass eine zusätzliche Nahrungsmittelproduktion den Hunger nur lindern werde, wenn sie von einer gerechten Verteilung der Nahrungsmittel begleitet und dorthin gelenkt werde, wo sie elementare Bedürfnisse befriedige. Deutlicher wird der bekannte brasilianische Befreiungstheologe Betto Frei, der Agrotreibstoffe schlicht als «Necrocombustiveis» – als Todestreibstoff – bezeichnet. Auch von Seiten der Wissenschaft sind unzählige kritische Stimmen zu vernehmen. So kritisiert zum Beispiel der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik in Deutschland1, dass die Förderung von Agrodiesel und Agroethanol nicht dem Klimaschutz dient und ineffizient ist. Er empfiehlt deshalb, die Quoten für Agrotreibstoffe zurückzunehmen. Prominente Wissenschaftler wie der Nobelpreisträger für Chemie Professor Paul J. Crutzen warnen, dass das beim Energiepflanzenanbau entstehende starke Treibhausgas Lachgas zu einer negativen Ökobilanz führe.2 Professor John Beddington, Experte für erneuerbar Ressourcen BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 25


und Chefwissenschaftler der britischen Regierung, sagt, landwirtschaftliche Flächen seien zu kostbar für Energiepflanzen. In der Schweiz regt sich Widerstand Im Gegensatz zur EU oder den USA haben die Agrotreibstoffe bei uns nur beschränkt Aufwind. Deshalb ist auch die Opposition bei uns noch etwas kraftlos. Immerhin: Alliance Sud, die Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke, forderte vom Bundesrat im Mai 2008, auf die für den 1. Juli 2008 vorgesehene Steuerbefreiung für Agrotreibstoffe (im Gesetz zur Mineralölsteuerbefreiung, siehe Kapitel «Pflästerlipolitik», Seite 28) vorläufig zu verzichten. Es sei falsch, pflanzliche Treibstoffe steuerlich zu begünstigen und damit ihren Import aus Entwicklungsländern anzukurbeln, wenn gleichzeitig enorme Preissteigerungen für Nahrungsmittel Millionen von Menschen in den Hunger trieben. Ausserdem sei das Recht auf Nahrung weder in der Verordnung noch in den vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ausgearbeiteten Vorschlägen für eine «Sozialklausel» explizit als vorrangig erklärt worden. Dies widerspreche dem Willen des Gesetzgebers, der das Primat der Ernährungssicherheit klar betont habe.3 Diverse Nichtregierungsorganisationen der Schweiz, darunter die Erklärung von Bern (EvB), Swissaid und Alliance Sud, welche den Agrotreibstoffen kritisch gegenüberstehen, haben sich zur informellen «Plattform Agrotreibstoffe» formiert, um ihre Arbeit und Aktivitäten in Zukunft besser zu koordinieren. Die Kritik ist auch in der Schweiz breit abgestützt. Dies zeigt sich auch in der Stellungnahme des Schweizerischen FAO-Komitees, eines vom Bundesrat eingesetzten Gremiums aus Vertretern der Wirtschaft, Wissenschaft und NGO, das Regierung und Behörden zu Fragen der FAO (Organisation 26

für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen) berät. Das Komitee fordert «einen Verzicht auf Förderungsmassnahmen von Bio-/Agrotreibstoffen, deren Produktion eine spürbare Konkurrenz zur menschlichen Ernährung darstellt. Die Schweiz soll sich auf internationaler Ebene in diesem Sinne einsetzen und den Verzicht auf Förderungsmassnahmen auf nationaler Ebene umsetzen.»4 1 Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz 2007: Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung. http://www.bmelv.de 2 Crutzen, P.J., Mosier, A.R., Smith, K.A. & Winiwarter, W. 2008. N2O release from agro-biofuel production negates global warming reduction by replacing fossil fuels. Atmospheric Chemistry and Physics 8, 389 – 395. www.atmos-chem-phys.net 3 Dies ist auch dem Wortprotokoll der Ständeratsdebatte vom 11.12.2006 zu entnehmen. www.admin.ch 4 Bundesamt für Landwirtschaft 2008. FAO-Ministerkonferenz über Ernährungssicherheit und die Herausforderungen von Klimawandel und Bio-/Agroenergieproduktion, Rom, 3.– 5. Juni 2008. Positionspapier des Schweizerischen FAO-Komitees. www.blw. admin.ch

Ernährungssouveränität Ernährungssouveränität bezeichnet das Recht aller Völker und Länder, demokratisch über ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik zu bestimmen. Ursprünglich von La Via Campesina, einem weltweiten Zusammenschluss von Kleinbauern- und Landarbeiterorganisationen geprägt, beinhaltet das Konzept der Ernährungssouveränität das Recht auf Nahrung, Vorrang für die lokale Produktion, Zugang zu Ressourcen, Achtung der Rechte der Bauern, Schutz vor billigen Importen, Förderung von nachhaltiger Landwirtschaft und soziale Gerechtigkeit.


Keystone

_ Syngenta f채hrt dank hoher Nahrungspreise und der Produktion von Agrotreibstoffen satte Gewinne ein. _ Schweizer Banken sind kr채ftig am Agrotreibstoffboom beteiligt. _ Weltweit regt sich Widerstand, immer mehr Leute fordern einen Stopp der Agrotreibstoffproduktion.

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 27


Pflästerlipolitik Zögerlich versuchen jetzt Politiker, die durch die Agrotreibstoffproduktion verursachten Missstände zu mildern. Ob der gewählte Weg zum Ziel – einer nachhaltigen Klima- und Energiepolitik – führt, ist fraglich. Manche Politiker realisieren nun, dass Agrotreibstoffe nicht unproblematisch sind, und versuchen, die negativen Auswirkungen von Agrotreibstoffen einzudämmen: Zuerst handeln, dann denken. So arbeitet die EU-Kommission an Kriterien, die sicherstellen sollen, dass die Einsparungen von Treibhausgasen mindestens 35 Prozent betragen und für den Anbau der Treibstoffe keine Ökosysteme wie Regenwälder, die viel CO2 speichern oder eine hohe Artenvielfalt aufweisen, geopfert werden. Diese Nachhaltigkeitskriterien stehen allerdings selbst in der Kritik. Unter anderen weist die Niederländische Umweltagentur auf deren Mängel hin: Selbst gemäss EU-Kriterien zertifizierte Agrotreibstoffe würden zu steigenden Treibhausgasemissionen, dem Schwinden der Biodiversität und zu steigenden Nahrungsmittelpreisen beitragen.1 Soziale Aspekte, Ernährungssouveränität, Konflikte um Land und Wasser, Flächennutzungsveränderungen sowie das Problem 28

der Bodendegradation würden nicht berücksichtigt. Die Agentur weist weiter auf den Widerspruch zwischen politisch forcierten Nachfragesteigerungen (Zielwerte und Subventionen) und Regulierungsvorhaben, die eine nachhaltige Produktion von Agrotreibstoffen sicherstellen sollen, hin: Denn es sei nicht möglich, die festgelegten Mengen nachhaltig zu produzieren, und somit bestehe ein starker Anreiz, das System zu betrügen. Die französische Staatssekretärin für Ökologie Nathalie Kosciusko-Morizet räumte Ende Juni 2008 ein, dass es «wahrscheinlich ein Fehler» war, Zielvorgaben für erneuerbare Energien zu setzen, und dass diese Ziele in Zukunft neu überdacht werden könnten. Auch die EU-Umweltkommission plädierte Anfang Juli 2008 dafür, den vorgeschriebenen Anteil an erneuerbaren Energien am Treibstoffverbrauch bis 2015 auf 4 Prozent zu senken und danach eine Neubestimmung durchzuführen, bevor er erhöht wird. Es bleibt jedoch abzuwarten, inwieweit sich diese kritischen Stimmen durchzusetzen vermögen. Auch in der Schweiz hat das Parlament in der Gesetzesänderung zur Mineralölsteuerbefreiung festgelegt, dass nur die Treib-


stoffe von der Mineralölsteuer befreit werden, die eine positive ökologische Gesamtbilanz und sozial annehmbare Produktionsbedingungen aufweisen. Erneuerbare Treibstoffe werden von der Steuer befreit, wenn sie, bezogen auf Benzin, mindestens 40 Prozent weniger Treibhausgase verursachen, die Umwelt nicht erheblich mehr belasten und den Erhalt der Regenwälder und der biologischen Vielfalt nicht gefährden.2 Der Fakt, dass diese Treibstoffe, welche die Umwelt insgesamt stärker belasten als Benzin, von der Mineralölsteuer befreit sind, ist aus unserer Sicht problematisch. Auf Druck von Hilfswerken und Umweltorganisationen integrierte das Parlament die Bedingung von sozial annehmbaren Produktionsbedingungen in das Gesetz. Bei der Umsetzung dieses Gesetzesartikels wird diesem Aspekt jedoch nicht genug Rechnung getragen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco hat sich lediglich auf die Kernübereinkommen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) – Recht auf Vereinigungsfreiheit, Abschaffung von Zwangsund Kinderarbeit, Verbot der Diskriminierung – beschränkt. Diese Kriterien reichen nicht aus, um auf die Konkurrenzsituation zwischen Agrotreibstoffen und Nahrungsmitteln einzugehen. Weiter findet auch das Recht auf Nahrung keine Erwähnung. An der ETH Lausanne arbeitet der Roundtable on Sustainable Biofuels an Kriterien für ein internationales Label für Agrotreibstoffe, welches ökologische sowie soziale Kriterien berücksichtigen soll. Daran beteiligt sind vor allem Vertreter aus der Wirtschaft, der Verwaltung, UN-Organisationen, Wissenschaft und einzelne NGO. Auch hier wird es schwierig sein, die wesentlichen Probleme von Agrotreibstoffen in den Zertifizierungsprozess zu integrieren. Inwieweit die Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau oder Landnutzungsände-

rungen Folgen haben, wie zum Beispiel Abholzung, ist kaum abzuschätzen. Ein Feld, auf dem früher Nahrungsmittel und jetzt Pflanzen für Agrotreibstoffe angebaut werden, erfüllt die Zertifizierungskriterien, weil kein Urwald gerodet wurde. Dass nun Nahrungsmittel woanders wachsen müssen und aus Mangel an Ackerland Waldrodungen vorgenommen werden, wird ignoriert. Die Auswirkungen sind hingegen genauso desaströs, wie wenn der Urwald direkt für Agrotreibstoffe gerodet worden wäre. Vertreibungen oder ungerecht verteilter Zugang zu Land und anderen natürlichen Ressourcen sind ebenfalls schwer nachweisbar. Es gibt grundsätzliche Probleme mit Zertifizierungen dieser Art: In vielen Ländern ist es sehr schwierig, Richtlinien zu kontrollieren und durchzusetzen. Vertreter von südlichen Ländern sind meist bloss in einer Minderheit an der Entwicklung solcher Kriterien beteiligt, und die Kriterien werden hauptsächlich für den Export entwickelt. Oft sind Zertifizierungsinitiativen von Wirtschaftinteressen dominiert und Gewerkschaften, Umwelt- und Sozialverbände unzureichend involviert. Es besteht daher die Gefahr, dass Agrotreibstoffzertifikate bloss das Gewissen der besorgten Politiker und Konsumenten im Norden beruhigen sollen. Agrotreibstoffen wird ein «grünes Mäntelchen» umgehängt, unter dem sich weiterhin schmutzige Geschäfte verstecken lassen. Anhand der Kriterien lassen sich lediglich schlechte von ganz schlechten Agrotreibstoffen unterscheiden. Über Sinn und Unsinn von industriell produzierten Agrotreibstoffen geben sie aber keine Antwort. 1 Netherlands Environmental Assessment Agency. 2008. Local and global consequences of the EU renewable directive for biofuels. Testing the sustainability criteria. www.mnp.nl/en/ publications/2008 2 Erläuterungen: Änderung der Mineralölsteuerverordnung. Eidgenössische Zollverwaltung: www.ezv.admin.ch

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 29


Zusammenfassung Flüssige Agrotreibstoffe sind weder klimaneutral noch umweltfreundlich oder nachhaltig. Sie lösen weder die Probleme des Klimawandels noch der Energieversorgung. Im Gegenteil, sie schädigen die Umwelt, konkurrieren mit der Nahrungsmittelproduktion und verursachen soziale Misere. Durch Agrotreibstoffe wird unser jetziges ineffizientes System, welches einseitig auf fossile Energie ausgerichtet ist, fortgeschrieben. Indem vorgegeben wird, der Problemrohstoff Erdöl (Stichworte Klimawandel, steigende Preise, keine uneingeschränkte Verfügbarkeit) könne durch Agrotreibstoffe teilweise ersetzt werden, verhindert man ein notwendiges Umdenken. Profiteure sind grosse transnationale Unternehmen. Leidtragende sind all jene, deren Zugang zu Boden, Wasser und Nahrungsmittel durch die neue Konkurrenz geschmälert wird. Es wäre nötig, grundlegend umzudenken und die Probleme der Nahrungsmittelsicherheit, der Energieversorgung und des Klimawandels in ihrer wechselseitigen Verflechtung zu sehen und nachhaltig zu lösen.

30

Ernährungssicherheit und Landwirtschaft Ernährungssicherheit muss vor der Treibstoffherstellung absoluten Vorrang haben. Um die Ernährungssicherheit weltweit und längerfristig zu gewährleisten, ist es entscheidend, dass wir uns abkehren von der intensiven Landwirtschaft, welche ihre eigenen Grundlagen zerstört. Wir müssen uns zu einer biologischen und nachhaltigen Landwirtschaft hin entwickeln, die dazu beiträgt, Biodiversität zu bewahren, die Ressourcen zu schonen und gesunde Lebensmittel zu produzieren. So kommt auch der internationale Bericht zur landwirtschaftlichen Forschung und Technologie für Entwicklung (IAASTD, www.agassessment.org) zum Schluss, dass nur eine regionale und ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft zur Überwindung von Hunger und Armut geeignet ist. Darüber hinaus gibt es gerade in Entwicklungsländern auch viel Potenzial für die Entwicklung von nachhaltiger Landwirtschaft. Die weltweit verfügbare Nahrungsmenge würde steigen, wenn weltweit, insbesondere in den Entwicklungsländern, ökologisch bewirtschaftet würde.1 Die Diskussion um Agrotreibstoffe muss zum Anlass genommen werden,


sich mit der intensiven Landwirtschaft auseinanderzusetzen. Energieversorgung Um die Energieprobleme zu lösen, müssen wir den Energieverbrauch senken: Zum ✕ einen durch effizientere Nutzung der Energie, zum anderen durch einen weniger energieintensiven Lebensstil. Der verbleibende Bedarf muss mit wirklich nachhaltig erzeugten Energieformen abdeckbar sein. Bei der Mobilität bedeutet dies, dass wir die Transportwege (im Güter- wie auch im Individualverkehr) hinterfragen und reduzieren, zum Beispiel, indem wir mehr auf lokale Märkte und regionale Wertschöpfung setzen und den öffentlichen Verkehr sowie den Langsamverkehr (Velo, zu Fuss gehen) fördern. Energie kann durch eine Erhöhung der Energieeffizienz gespart werden, zum Beispiel durch Geschwindigkeitsbegrenzungen, bessere Reifen und Autos mit geringerem Treibstoffverbrauch. Statt Geld für Agrotreibstoffe aufzuwenden, sind mehr Mittel in die Entwicklung von tatsächlich nachhaltigen Energien zu investieren, so zum Beispiel in die Solaroder Windenergie. Vor allem Solarenergie hat sehr viele Vorteile: Zu ihrer Gewinnung können Flächen verwendet werden, zum Beispiel von Gebäuden oder Wüstengebieten, die nicht mit der Produktion von Lebensmitteln konkurrieren. Ausserdem liefert die Solarenergie sehr viel höhere Energieerträge pro Fläche als Bioenergie: fotovoltaische Solarzellen sammeln zum Beispiel 100-mal so viel Energie wie Pflanzen. Ein Hektar landwirtschaftlicher Fläche liefert Treibstoff, um ein Auto ein Jahr lang zu betreiben. Würde auf der gleichen Fläche Fotovoltaikstrom erzeugt, reichte dieser, um mindestens 300 Elektroautos mit der gleichen Fahrleistung zu versorgen (auch weil Elektroautos einen deutlich hö-

✕ ol

Wasser zu m Kochen , Trinken u nd Geschirrs pülen für 1 Person für

144 Tage ODER

1l

Agroetha

nol

heren Wirkungsgrad haben). Das Potenzial von Windenergie oder lokaler Lösungen wie zum Beispiel von Erdwärme oder kleiner Wasserkraftwerke ist noch lange nicht ausgeschöpft. Auch Energie aus Biomasse kann auf lokaler Ebene eine Rolle spielen: sei dies Biogas aus einer Kompostanlage mit Wärmenutzung oder eine Holzschnitzelheizung aus tatsächlichen Holzabfällen. Vor allem in den Entwicklungsländern kann die lokale Bevölkerung langfristig stärker profitieren, wenn angepasste dezentrale Energiesysteme gefördert werden, statt dass sie Agrotreibstoffe für den Export in den Westen anbaut. Treibhausgase Eine weitere ergreifbare und wirksame Massnahme zur Reduktion von Treibhausgasen ist, sofort die Abholzung von Wäldern zu stoppen und mit dem Umbruch von Grünflächen aufzuhören. Stattdessen müssen natürliche Wälder bewahrt und aufgeforstet werden. Damit werden auch sehr grosse Mengen an CO2 gebunden, da die Wälder nicht nur in ihrer Biomasse, sondern auch im Boden reichlich CO2 binden. 1 Perfecto, I & Badgle, C. 2008: Kann Bio-Landwirtschaft die Welt ernähren? Ökologie & Landbau, S. 53–55

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 31


Forderungen ___ Ein Umdenken ist nötig: Das «Weitermachen wie bisher» ist im Energie- wie auch im Landwirtschaftssektor unmöglich. Zuerst müssen wir, die Industrienationen, unseren Energieverbrauch reduzieren, die Nutzung von nachhaltigen Energieformen (Sonne, Wind) vorantreiben und mit unseren beschränkten Ressourcen (Boden, Wasser, Biodiversität, Wälder) sorgfältiger umgehen. ___ Die staatliche Förderung von Agrotreibstoffen muss gestoppt werden. Weltweit dürfen die industriell hergestellten flüssigen Agrotreibstoffe Agroethanol und Agrodiesel weder durch direkte oder indirekte Subventionen (zum Beispiel Mineralölsteuerbefreiung, Landwirtschaftssubventionen) noch durch politische Massnahmen, die zur Nachfragesteigerung führen (zum Beispiel Zielwerte für Beimischungen) oder öffentliche Investitionen gefördert werden. ___ Die Schweizer Regierung soll in unserem Land ein Moratorium für die industrielle Produktion und den Import von Agrotreibstoffen einführen, um die fal-

32

sche Entwicklung zu stoppen. Für ein solches Moratorium soll sich die Schweiz auch international starkmachen, zum Beispiel im Rahmen der UNOrganisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), der UN-Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD) oder der Biodiversitätskonvention (CBD). ___ Gleichzeitig soll sich die Schweiz zusammen mit der internationalen Staatengemeinschaft für die Förderung von nachhaltigen Energieformen, für eine Reduktion des Ausstosses an Treibhausgasen und für den Schutz der biologischen Vielfalt einsetzen. ___ Die Schweizer Regierung soll sich gemeinsam mit der internationalen Staatengemeinschaft dafür einsetzen, dass das Prinzip der Ernährungssouveränität (siehe Kasten auf Seite 26) in der Realität umgesetzt wird und Menschenrechte, wie das Recht auf Nahrung, nicht durch wirtschaftspolitische Entscheide – zum Beispiel im Rahmen der WTO oder von bilateralen Freihandelsverträgen – ausgehebelt werden.


Energie fü

1 Tag

zum Überl

r

eben

ODER

4,5 km

mit dem A uto fahren

✕ ___ Die internationale Staatengemeinschaft muss weltweit für die Durchsetzung einer Landwirtschaft sorgen, die natürliche Ressourcen schont und mit welcher nachhaltig Lebensmittel in erster Linie für regionale Märkte produziert werden und die Nahrungssicherheit auch in den Ländern des Südens langfristig sichergestellt wird. Die FAO muss dabei eine führende Rolle übernehmen.

___ Jeder Verbraucher sollte seinen Energieverbrauch kritisch hinterfragen und nach Möglichkeit reduzieren und somit zum Klima- und Umweltschutz beitragen.

___ Der noch bestehende Regenwald darf nicht weiter abgeholzt und zerstört werden. Die internationale Staatengemeinschaft muss allen indigenen Völkern den Besitz ihres Landes und die Ausübung ihrer kulturellen Rechte garantieren. ___ Auch Schweizer Unternehmen müssen sozial und ökologisch verantwortungsvoll handeln. Syngenta soll sich nicht an der Entwicklung und am Verkauf von Saatgut für die Produktion von Agrotreibstoffen beteiligen. Die Schweizer Banken sollten keine Kredite an Agrotreibstoffproduzenten vergeben.

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 33


Jenni AG/Orlando Eisenman


Weiterführende Websites Alliance Sud: www.alliancesud.ch >Themen/Kampagnen >Nachhaltige Entwicklung Basler Appell gegen Gentechnologie 2008: Agrotreibstoffe: Gentech im Tank. www.baslerappell.ch Eidgenössische Zollverwaltung. Mineralölsteuerverordnung, Änderung vom 30. Januar 2008. www.ezv.admin.ch Grain: Seedling, July 2007: Agrofuels special issue. www.grain.org (englisch)

Golt-Gimenez, E. 2007: Biofuels: The Five Myths of the Agro-Fuels Transition. www.globalresearch.ca (englisch) Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2007: Biofuels: Is the cure worse than the disease? www.oecd.org (englisch) Ökozentrum Langenbruck 2008: Vision einer Schweizer Energieversorgung mit Zukunft: Ressourcen und Technologien. www.oekozentrum.ch

Swissaid 2008: Agrotreibstoffe bedrohen Ernährungssouveränität. SWISSAID-Positions- und Hintergrundpapier. www.swissaid.ch Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC): Climate Change 2007: Synthesis Report. www.ipcc.ch (englisch) Wissenschaftlicher Beirat Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz 2007: Nutzung von Biomasse zur Energiegewinnung. www.bmelv.de

Zucker fü

1500

r

Tafeln Schokola de ODER

m

1✕

mit dem A uto Genf nac von St. Gallen h fahren

1 f

BIS ZUM LETZTEN TROPFEN __ 35


Doku Bis zum letzten Tropfen_03_2008