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b27 NR. 3

4/2016

eisig Lago Argentino

Patagonien


b27 Gletscher und Eis rund um den Lago Argentino im Süden Argentiniens. Es ist Hochsommer, die Wolken hängen tief, kaum mal Sonne, dazu pfeift der kalte Wind Patagoniens. Gletscher verschwinden im Nebel, Eisberge treiben auf dem See. Das Eis ist grau, weiß blau, unwirklich blau. Die Fotografien in dieser ausgabe von B27 stammen von Roswitha Mecke. Dazu ein Text von Martin Haeusler, der eine typische GletscherSightseeing-Tour auf dem Lago Argentino beschreibt.


“Todos Glaciares”

Ausflüge in die Welt der patagonischen Gletscher Am ersten Morgen nach der Ankunft in El Calafate gehen wir schon um 8.00 Uhr ins Ortszentrum, um die Ausflugsmöglichkeiten zu erkunden, schließlich wollen wir zu den Gletschern. Ein harter Ort, dieses El Calafate, nichts von lieblich, ein Wild-West-Ferienort im Baufieber. Unser Hotel liegt in einem Neubauviertel, überall sind Hotels aller Art aus dem Boden gesprossen, mitten in der grau-braunen Fast-Wüste. Am Horizont sieht man kahle Berge mit etwas Schnee oben drauf, davor der grünblaue See. Die Häuser liegen seltsam verstreut, Straßen und Gehwege müssen noch gebaut werden, der Wind wirbelt den Staub auf. Kalt ist es: Die Sonne lässt sich kaum blicken und der Wind bläst mit 5 – 6 Stärken. Im Zentrum, das einen viel gepflegteren Eindruck macht, versuche ich eher vergeblich, die Exkursionsangebote der zahlreichen Anbieter zu sichten. Man kann einen Gletscher von Aussichtspunkt aus sehen, mit dem Schiff zu einem Gletscher fahren, eine ganztägige Schiffstour unternehmen oder mit einem Führer auf dem Eis herumlaufen und das in allen möglichen Kombinationen. Vom Touristen-Büro werden wir aufgeklärt, dass es in Wirklichkeit nur ein Unternehmen gibt, das Schiffstouren durchführt und nur einen Bus zum GletscherAussichtspunkt. Die Fahrten sind nicht gerade billig, aber schließlich sind wir wegen der Gletscher hierhin geflogen, also buchen wir für heute Nachmittag eine Tour zum Perito-Moreno-Gletscher und für morgen die


ganztägige „Todos Glaciares“-Schiffstour. Obwohl es Hochsommer ist, wird es auch am späten Vormittag nicht wärmer, der Wind bläst so, dass wir die Kapuzen über die Köpfe ziehen. Also gehen wir zurück zum Hotel, ich ziehe Unterhemd, T-Shirt, LangarmT-Shirt, Flanellhemd, Fleece-Jacke und Regenjacke übereinander, jetzt könnte ich höchstens noch die Schlafanzughose als lange Unterhose drunterziehen … Wir gehen vorbei an auf rustikal gemachten Läden und Cafés, Hotels, Restaurants, Buden und dem neuen Casino – ein Riesenbau. Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und Touristen bevölkern Hauptstrasse und Geschäfte. Die Touristen erkennt man daran, dass sie so aussehen, als hätten sie sich von Kopf bis Fuß (die halbhohen Trekking-Stiefel sind sehr wichtig) gerade im „Globetrotter“ neu eingekleidet. Dem Outfit nach scheinen alle hier so richtig harte Trekking-Touren zu machen, na ja, wir sehen ja auch nicht viel anders aus. Ein paar Grünanlagen, die es schwer haben, eine Edel-BretterbudenGasse mit Kunsthandwerk und schon sind wir am Busbahnhof, wo der Bus zum Perito-Moreno-Gletscher schon wartet. Die erste Stunde fährt er gemütlich durch die hügelige Steppe, im Hintergrund immer der riesige Lago Argentino und die Berge. Weder Baum noch Strauch, nur riesige umzäunte Weiden meist ohne irgendwelche Tiere, nur endlose Zäune und spärliches dürres Gras. 80 Kilometer sind es zum Gletscher, ich denke immer, wir wären gleich da, aber es wird bergiger und kurviger, die Fahrt langsamer und langsamer. Erste Nadelbäume tauchen auf. Dann ein Halt an der Grenze des Nationalparks, jeder soll 40 Pesos Eintritt bezahlen. War das nicht im Buspreis inbegriffen? Offensichtlich nicht, denn alle bezahlen. Knapp 10 Euro pro Person ist ja auch nicht viel, aber ich habe nur noch 44 Pesos in der Tasche. Zum Glück findet Roswitha noch 50 Pesos in ihrem Portemonnaie, wir sind gerettet. Bald geht es mit nur noch 20 km/h auf einer steilen und staubigen Schotterpiste weiter, ein Radtourist quält sich den Berg hinauf. Es wird grüner, richtig waldmäßig. Die Schotterpiste endet auf einem unbefestigten überfüllten Parkplatz, daneben ein großes Restaurant. Wir sind da und gehen wie mindestens 100 Mit-Touristen direkt in Richtung Gletscher. Solche Gänsemärsche zu Standard-Zielen sind meine Sache nicht, ich wäre am liebsten rechts oder links in den Wald abgebogen. Geht aber nicht, denn man darf den einzigen Weg, der sich bald in einen Holzbohlen-Steg verwandelt, nicht verlassen. Alles streng geschützt. Es ist erstaunlich üppig hier, Bäume, Vögel, die man nicht füttern darf, Heidekraut, blühende Sträucher. Das hebt meine Stimmung, zumal die ganze Steg-Anlage sich als recht weitläufig erweist, so dass jeder sein persönliches Ich-und-der-Gletscher-Foto machen kann, ohne dem nächsten auf die Füße zu treten.


Und der Gletscher? Von den Aussichtsplattformen aus hat man einen idealen Blick, erstaunlich nahe dran. Und er ist wirklich gewaltig, eine weiß-graue Masse mit erstaunlichen Blaus, eindruckvoller als all die Fotos, die ich von ihm schon gesehen habe. In der Ferne geht der PeritoMoreno nahtlos in Wolken und Schneeberge über, wenn die niedrigen Wolken mal kurz aufreißen, strahlen Eisflächen in der Sonne. Ab und zu bricht ein Stück Eiswand ab und kracht ins Wasser, was immer wieder für Aufregung bei den Anwesenden sorgt. Die Leute wollen die herunterfallenden Brocken fotografieren, aber wenn sie draufdrücken ist es wohl zu spät. Die ersten gehen zurück, es wird ruhiger. Komischerweise weht hier fast gar kein Wind, und als die Sonne raus kommt, wird es schön warm. Ich verbringe ein Gutteil der drei Stunden, die uns zum Gletscherblick zur Verfügung stehen, auf einer Bank und sehe dem


Gletscher und dem Treiben der Gletschergucker zu. Die Sonne sinkt tiefer, beleuchtet die Eisfelder und Eisschollen anders, plastischer. Ein recht großes Stück Eiswand bricht ab, taucht ins Wasser, Wellen breiten sich kreisförmig aus. Am Schluss sind nur noch wenige Leute am unteren Aussichtspunkt, jetzt kommt die ganze sich Millimeter für Millimeter auf die Plattform zu bewegende Eismasse richtig zur Geltung. Bei der Rückfahrt sehe ich vom Bus aus die Anlegestelle, von wo aus kleine Boote von der anderen Seite bis direkt an den Gletscher heranfahren, dann kommt bald wieder die Steppe, die mir nach dem Besuch des Gletschers noch langweiliger vorkommt. Erst um 21.30Uhr sind wir wieder in unserer Wild-West-Stadt. Ab ins Hotel, der Wecker wird auf 6.30 Uhr gestellt, Gletscherbesichtigungstouren sind schließlich kein Wellness-Urlaub.


Der Wecker wäre gar nicht nötig gewesen, denn ich bin vor Aufregung schon wach und sitze um 6.55 am Frühstückstisch, zu meinem Erstaunen nicht allein. Klar, die anderen Gäste wollen auch Gletscher sehen. Der Bus soll uns am Hotel abholen, ich gerate schon etwas in Panik, als er nicht pünktlich kommt und zwei Touristinnen aus der Schweiz erzählen, dass sie gestern vergessen worden sind. Aber dann hält unser Bus vor dem Hotel und schaukelt uns auf der gleichen Strecke wie gestern Richtung Anlegestelle. An einer Estancia – darunter hatte ich mir ehrlich gesagt etwas Tolleres vorgestellt – aber biegt er rechts ab und erreicht nach ein paar Kilometern einen Parkplatz, auf dem schon zahlreiche andere Busse aus der ganzen Region stehen. So viele Leute!


Wir sind offenbar nicht die einzigen, die auf die Idee gekommen sind, heute eine Bootstour zu machen. Bevor wir zu den Schiffen gehen dürfen, müssen wir uns zunächst in eine lange Schlange einreihen und wieder 40 Pesos pro Person Eintritt in den Nationalpark zahlen. An der Steganlage liegen fünf große Ausflugsschiffe, z. T. moderne Katamarane. Irgendwie wird dann jeder auf das richtige Boot gelotst, wir auf ein älteres, langsameres. Prima, denn ich habe keine Lust, über den See zu rasen. Leider rächt es sich jetzt, dass unser Bus zu spät gekommen ist, von den 270 Sitzplätzen auf der „Olm“ sind 260 schon besetzt, für uns bleiben nur Plätze hinten in der Mitte übrig. Denn das Boot ist innen aufgeteilt wie ein Großraumflugzeug: Vier Sitzplätze links, sechs Sitzplätze in der Mitte, vier Plätze rechts. Auch Flachbildschirme über den Köpfen fehlen nicht, auf denen eine Diashow mit Motiven von der Tour zu sehen ist, die wir doch erst vor uns haben. Alle fünf Schiffe legen ab, und zwar in unterschiedliche Richtungen, so dass wir bald allein auf dem See sind. Denn andere Boote gibt es hier nicht, für Wassersport ist es wohl auch jetzt im Hochsommer zu kalt, nicht einmal einen Angler habe ich gesehen. Ich sitze auf meinem Platz und bin genervt, weil ich nur die Dia-Show gut sehen kann, nicht aber die Natur draußen. Bald darf man an Deck, wo es aber leider recht ungemütlich ist, denn die „Olm“ fährt gegen den patagonischen Wind an, der mit gut 5 Windstärken bläst. Ich ziehe meine Kapuze über den Kopf und suche mir eine windgeschützte Stelle, was nicht so einfach ist, denn die besten Plätze haben sich schon einige Raucher gesichert. Wir fahren in einen Seitenarm des Sees hinein, eine Art Fjord, rechts und links schroffe kahle Berge, das Wasser milchig-grün. Nirgends Spuren von Men-


schen am Ufer, nur einmal ein Hütte, sonst nur tatsächlich unberührte Natur. Bald kommt der erste Eisberg. Alles stürzt an Deck, um zu fotografieren, die guten Plätze werden knapp. Der Eisberg sieht aber auch toll aus, viel blauer, als ich gedacht hatte, obwohl es eher bewölkt ist, auch größer, als ich gedacht hatte. Das Schiff fährt ganz langsam um den Eisberg herum, möglichst nah dran, einige beugen sich über die Reling, strecken die Hand aus und versuchen, das Eis zu berühren. Jeder macht Fotos, ich schätze, dass heute hier auf dem Boot 10.000 Aufnahmen gemacht werden, neue, teure Fotoapparate werden gezeigt und bestaunt. Ein Bordfotograf ist auch fleißig; seine Fotos lädt er später auf die 12 Flachbildschirme drinnen. So kommt jeder mal ins Bordfernsehen, manche Bilder werden auch beklatscht. Wir werden nicht fotografiert, wahrscheinlich haben wir zu böse geguckt. Mir gehen viele Gedanken über Sinn und Unsinn Des massenhaften Fotografierens durch den Kopf, ich bin Außenseiter, ich habe keine Kamera dabei. Erstaunliche Farben und Formen haben diese Eisberge, die immer häufiger werden, je enger der Nebenarm des Lago Argentino wird, an dessen Ende der große Gletscher sichtbar wird. Wo kommen nur diese intensiven Blaus her? Kahle Felswände, oben schneebedeckte Zweitausender. Kaum sind wir am Upsala-Gletscher – die Fotografier-Welle erreicht einen neuen Höhepunkt – fischt die Mannschaft einen Eisbrocken aus dem Wasser und es gibt Whiskey mit echten Gletschereis-Würfeln an der Bar. Der Kapitän steuert das Schiff so nah wie möglich an die Eiswand heran, dreht das Schiff mehrmals langsam herum. Dieser Gletscher ist anders als der Perito Moreno, irgendwie düsterer, aber das kann auch am Wetter liegen, und mit seiner 10 Kilometer breiten Wasserfront wirklich sehr eindruckvoll. Wir fahren an zahllosen Eisbergen unterschiedlichster Art vorbei zurück und dann in einen anderen Nebenarm des Lago Argentino zum Spegazzini-Gletscher. Hier sind Bäume am Ufer, oben an den Felswänden hängen kleinere Gletscher, die aber in den letzten Jahrzehnten sichtlich geschrumpft sind. Der Spegazzini ist kleiner, an einigen Stellen 135 Meter hoch, aber nicht mehr so aufregend, man gewöhnt sich halt auch an das Spektakuläre. Nach dem fünfzigsten Eisberg und zweiten Gletscher nimmt die Fotolust der Mit-Ausflügler allmählich ab, das Picknick wird ausgepackt, überall trinken die Leute Mate-Tee oder Wein, jetzt kommt so richtig Ausflugsstimmung auf. Die Argentinier sind weit in der Mehrzahl auf unserem Schiff und das ist gut so, denn so geht alles in einer lockeren Atmosphä-


re vonstatten, auch wenn manchmal harte Kämpfe um den besten Platz an der Reling für ein Ich-und-der-Eisberg-Foto ausgetragen werden. Auf der Rückfahrt haben wir achterlichen Wind, da kann man es auf Deck gut aushalten. Wenn ich drinnen sitze, nicke ich immer ein – nicht als einziger. Von den Eisbergen nimmt jetzt keiner mehr Notiz, nur ganz hartgesottene Fotografen haben ihre Kamera immer noch nicht eingepackt. Wir legen in einer Bucht an, einige haben in dem Restaurant – das nur vom Wasser aus erreichbar ist – Essen vorbestellt, die anderen 260 Fahrgäste machen einen Spaziergang auf einem Weg, den man wieder nicht verlassen darf, quer durch einen Wald mit seltsam-knorrigen Bäumen vorbei an einigen Nationalpark-Kühen zum Lago Onelli, in den – wer hätte das gedacht - ein Gletscher mündet. Wir haben ja auch die „Alle-Gletscher-Tour“ gebucht. Der Lago selbst ist ein kleiner See mit ganz vielen Eisberglein, die dort, wo unser Spaziergang endet, ans Ufer geschwemmt werden. Einige fischen solche Brocken heraus und lassen sich damit fotografieren, aber so richtige Stimmung will nicht aufkommen, weil wieder düstere Wolken über den Bergen auftauchen und es ein wenig regnet. Als das Schiff den Fjord verlassen hat, fängt der Wind wieder an, an Deck ist es kaum auszuhalten. Die Leute kaufen dem Bordfotografen Fotos ab, holen sich einen Kaffee an der Bar, sichten auf ihren Notebooks schon mal ihre Fotos oder schlafen ein wenig. Zur letzteren Gruppe gehöre auch ich; als ich aufwache, ist in der Ferne schon die Anlegestelle zu sehen. Der Bus bringt uns zurück in den Ort, wir haben Hunger und sind zu müde, um in ein Restaurant zu gehen. Also gibt es Brot, Käse, Obst und Yoghurt im Hotelzimmer.


b27 ist ein Projekt von Martin Haeusler und Roswitha Mecke Bahnstrasse 27 - 50170 Kerpen emhaeu@gmail.com Das Copyright liegt bei den Herausgebern Alle Fotografien von Roswitha Mecke www.roswitha-mecke.de

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