LOST VOICES #13 Hannoi

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inkl. neuem Reebosound Album

UNITED VOICES OF HANNOI

LV

XIII

2,00€

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LOST VOICES 13 HANNOVERAUSGABE Dezember 2012

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drei10

Nordgeflü Nordgeflüster Tobias Kunze Michael Bresser

- Leinod

4

- Ein Nachmittag im Schrebergarten

Max Lüthke - Werbepausen sind nicht nur zum Pinkeln da Sebastian Wippermann Maik Gerecke

-

Marc Mrosk

www.elvau.com

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- John Doe

Der Igel

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Ninia LaGrande Ana-Marija Muhi

6

- Ella -

Traumfabrik -

Der Anruf

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Fotos auf Seite 9, 13, 18 und 25 von Ana-Marija Muhi

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Alle Rechte der hier aufgeführten Werke liegen bei den jeweiligen Autoren, Fotografen/ Künstlern. Herausgeber: Marc Mrosk, Kontakt: ElVau@gmx.de

Alle Ausgaben online unter www.issuu.com/elvau


LEINOD von Tobias Kunze HimmelgraudiesigbratzeimKopf ist das Hannovergefühl. Landeshauptstadt heißen die zwei ausgeprägten Falten zwischen den Augen, oder die Nervösität des Hannoveraners. Am Hohen Ufer liegen Plastikteile, Schrott und Junkies & In der City crasht alles Lebende durcheinander dank der halbtoten Architektur. Ich selbst komme aus Lehrte, da liegt die Architektur neben dem Hund begraben, Fuchs und Hase gehen zusammen ins Andere Kino, 1x im Monat feiern, das Highlight sind Türken, die Breakdance versuchen oder der Moshpit gegen halb drei. Ja, da komm ich her, aus dem stadtgewordenen Moshpit gescheiterter Existenzen, so sehr geprägt wie die zementene Schlangengrube durch Eisenbahn und diverse Unterführungen bin ich in meinem Freiheitswillen. Die Flucht heißt: Hannover. Hier lache ich öfter. Und die Distanz is’ nich’ so groß. Hannover ist eine Stadt, die sich sehr gut beschreiben lässt. Man stelle sich vor: ein Provinznest mit lauter schrägen Vögeln darin, die auf den Kopf gefallen sind. Ich bin auch ein Nestbeschmutzer, aber ich kann ganz gut zielen. Hannover, das ist die schlecht gezielte Pisse auf der speckigen Bahnsteigkante. Hannover, das sind Heinz-, Faust- und Glockseenächte, nach denen sich Kleidung, Frisur, Kopf, Haut und Knochen in Sondermüll verwandeln. In Hannover steht der Mond bleich überm Ihmezentrum und den drei Kraftwerkschornsteinen, beide gleichsam taktlos, das eine verunstaltend, das andere verunstaltet. Hannover hat seine offenen Wunden mit Beton gepflastert, Hannover pult gern. Hannover ist eine kopflose Pute, Hannovergeschnetzeltes, die Leine ist ein Gulaschbach, der Anfang der 50er Jahre wegen des von tensidegesättigten Waschmitteln schwangeren Abwassers kräftig Schaum schlug. Der Wind wehte die fetten Flocken dann komissbroterschreckend auf die Fahrbahn des Innenstadtrings. Das Schaumschlagen ist seitdem eine Tradition, Hannover liebt es, es steckt in den Köpfen und macht sie größenwahnsinnig. In Rathaus, Landtag und Presse hat es seinen Wunschbrunnen gefunden und plätschert mit Wonne selbst ohne Wasserkunst. Hannover, das ist H wie Hämorrhoiden, mit denen der OB namens Schmalstieg am Thron festklebte und meinte: „wer braucht schon Paris, wenn er Hannover hat!“ Hannover, das ist H wie Hoch- oder Übermut, ist der Versuch, dazwischen lebendig zu bleiben, dazu serviert eine tote Weltausstellung am Stadtrand mit deren Flächen niemand etwas anfangen kann. Hannover, H wie alter Honig oder frisches Heroin ohne Wirkung entlang der Bahntrasse. Hannover ist die Hockstellung beim Freiluftkacken und nichts kommt raus außer warmer Darmluft, die die Windräder antreibt auf dem Kronsberg. Hannover, das ist nicht hoch. Das sind zwei Berge die nicht mal Hügel sind, und Hannovers höchste Erhebung ist die Altwarmbüchener Müllkippe. Hannover, das ist der Maschsee, der unter uns Adolf angelegt wurde, und Hannover, das ist auch die Sprühfarbe, mit der einige hartnäckige Nostalgiker an das aus dem Marmorpylon herausgemeißelte Hakenkreuz erinnern. Und noch mehr Nostalgie: Hier hat ein Fleischer namens Haarmann die Gesichtswurst erfunden! Hannover, das ist die Flughafenstadt Langen Angeles. Das ist die Messe, die im Nachbarort Laatzen liegt und die den Laatzenern für’n Apple und’n Ei abgekauft wurde. 4 Das ist versammelter und gestapelter Durchschnitt. Ist Schützenfestseligkeit, neun Millionen rote Nasen und dreieinhalb mal so viel Promille. Hannover: Currywurstessende


Staatslenker, H wie Hauptgericht. Hannover, das sind abgelenkte Polizisten, die sich lieber um Parkplätze im Zooviertel kümmern, dem Zooviertel, das von seinen Bewohnern lieber Hindenburgviertel genannt wird. Hannover, das ist sein Fahrrad anschließen, wenn man's gerne mit anderen teilt. Friss die Hälfte für das Doppelte. Hannover, das ist beschlossener Rückbau, selbst Gehirne machen hier pleite trotz Ausbildungszentren, und Banken sind hier heimlich höher als stolze zwei Rathäuser. Hannover ist das 500-Teile-Puzzle, wo welche fehlen, in Hannover wohnen Hempels und Schröders und um sie herum mischen sich heterogen Glanz und Chaos. Hannover, die Stadt der geköpften Kirchen. Hannover, das ist, wo das Epizentrum Kröpcke heißt und sich Leute freiwillig an popeligen Uhren und unter Pferdeschwänzen treffen. Hannover, dem Landesvater sein treues Volk, dem Gerd seine Doris, dem Arsch sein Loch, hannöversch heißt Ausnahmedeutsch dank preußisch unterdrücktem Hinterlandadel, heißt: dem Hannoveraner sein gefallenes Königreich, Splitter und Staub, hier können sich die Köpfe noch hinter Krawattenknoten verstecken. Nein, in Hannover weht keine Fahne. Noch nicht mal Wind weht hier, der Wind der Veränderung, the Wind of Change, macht einen großen Bogen und scheißt auf die Scorpions und Furys, die sich darob aufgelöst haben. Hannover, die Stadt der Promis mit Anführungsstrichen: prügelnde Provinzprinzen, abzockende Finanzmanager, betrügende Ministerpräsidenten, Comedians die in jeder Hinsicht nur bis unter die Gürtellinie geraten sind und eine Pastorin, die rote Ampeln ignoriert und, wer weiß, auch heimlich Kinder frisst, weshalb die Vielgebärende namens von der Leyen nicht an der Leine, sondern in Ilten wohnt. Hannover, das ist nicht groß. Ist die Welt eine Erbse, ist Hannover ein Popel, auf dem man in jeder x-beliebigen Kneipe jemand Fremdes anspricht und nach drei Minuten fünf gemeinsame Bekannte ausgemacht hat. Hannover, das ist die Nordstadt, Chaostage und Maßnahmen zur Beruhigung; das ist Linden, Wohnort der weltinkonsequentesten Weltverbesserer. Hannover ist ausgewichen. Hannover, das sind Gemüseschlachten auf Brücken, das ist vergorener Stadtteilpatriotismus, eine Stadt mit der Form des Radioaktiv-Warnpiktogramms dank hillebrechtschem Nachkriegsmief am Waterloo der Architektur, von Säulen gekrönte Langeweile und Nanas als Gegenmaßnahme – Hannover, o ambivalenter Bürgerschreck, heute bekämpft, morgen normal, Schopenhauer hatte Recht. Mit Flohmärkten verharmloste Dumpfheit, verkleckerter Brei. Hannover ist kalter Tee, denn wer Zucker reintut, wird merken, dass sich dieser nicht löst sondern zu Boden sinkt und dort vereinzelt als Subkultur bestehen bleibt. Ja, das sind wir, meine Damen und Herren, weiße Krümel in trüber Suppe, unaufgegessen, ungeschmeckt, da kommen wir her, aus dem halbherzig angerührten Siedlungsgrießbrei ohne Kirschen, unsere Heimat aus trägen Aktivitäten und doch winkt irgendwo im Konglomerat aus Komplexen eine Hand, und eine ins Tellerdekor gedruckte Sprechblase sagt: Komm doch mal vorbei.

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EIN NACHMITTAG IM SCHREBERGARTEN von Michael Bresser „Piss die Wand an“, entfuhr es mir wie eine Flatulenzeruption nach einem Teller Bohnensuppe. Haltet mich nicht für ordinär. Aber was mir da meine Aphrodite erzählte, sprengte meine Vorstellungskraft. Wir hockten wie jeden Tag vor dem Hannoveraner Hauptbahnhof und vernichteten Herrenhäuser Urpils. „Asoziale Drogenpunks, geht arbeiten“, zischte uns ein nadelgestreifter Spießer an. Was hatte denn Koksnase zu tönen? Uns kam nichts Härteres als Alk in die Tüte. Davon aber gerne ein wenig mehr. „Peace, Alter. Hasse ma nen Euro!“ durfte er Zeckes ausgestreckten Stinkefinger bewundern. „Fuck you!“ War meine Dulzinea nicht göttlich, schwoll meine Brust vor Stolz. Mr. Smart versuchte, mit einer abschätzigen Handbewegung seine Spießerfassade aufrecht zu halten. Aber insgeheim bewunderte er uns, da war ich mir sicher. Endgeil. „Erzähl noch mal“, strich ich Zecke über den zuckertinkturgehärteten Iro. „Halt dich fest“, rotzte mein Erdbeertrüffelchen auf die Betonplatten der Nazigesellschaft. „Ich fahr sonnen Langeweiletrip und füll son fucking Preisausschreiben in der HAZ aus. Wat ist die Hauptstadt Niedersachsens. Hannove_ war vorgegeben. Nur der letzte Buchstabe fehlte. Braunschweig passte da nicht. Nix bei gedacht. Und heute bringt der Ernie von der Post son Brief. Ich hab gewonnen. Aber nicht die 5000 Lappen Jackpott. Nee, dritter Preis. Eine Woche im Schrebergarten für lacko. Holy Shit. Da gewinnste schon mal was, und dann sonnen Dreck.“ „Hey, ist doch megascharf“, konnte ich mich vor vibrierender Begeisterung kaum am Herrenhäuser Göttertrunk festhalten. „Ist doch so, als ob Sid Vicious und Joey Ramone in der Hölle ne gemeinsame Band gegründet hätten. Hammergeil. Hab ich nie erzählt, aber ich steht voll auf dieses Naturzeux. Da hocken wir uns ne Woche ins Grüne und kippen uns ein paar Bier in die Birne und ab die Post.“ „Schrebergarten? Hast du dir die letzten Gehirnzellen weggesoffen?“, warf Zecke eine leere Pulle in die Betonlandschaft. „Da wackeln die letzten Zombies rum, falls sie noch wackeln. Liegen eher scheintot in der Ecke.“ Doch die sedierende Wirkung des Hefetrunks, die hannoveraner Sommersonne und mein strahlendes Charisma überzeugten meine Angebetete. Der Urlaub war gebucht. Eine Woche Party in der Schrebergartenkolonie an der Stadtgrenze zu Laatzen. Es dauerte etwa vierzehn Tage, bis mein Cappuchinoschäumchen das Organisatorische geklärt hatte. Dann fischte Zecke das folgenschwere Schreiben aus dem grauen Blechbriefkasten unseres noch graueren Wohnklos im Stöckener Gazah-Streifen. „Sehr geehrte Frau Zeckmann. Wir freuen uns, dass Sie beim Preisausschreiben der Hannoverschen Allgemeinen gewonnen haben. Gerne begrüßen wir Sie samt Familien als liebe Gäste in unserer Kleingartenanlage Harmonie. Hier bilden Tradition und Fortschritt ummantelt von den Werten deutscher Kultur eine einmalige Symbiose unserer kleinen Gemeinschaft. Wir würden uns außerordentlich freuen, wenn sie nach 6 Abschluss der Testwoche eine Garteneinheit übernehmen und Teil unseres Vereins werden würden. Wir erwarten Sie am 14. Juli um fünfzehn Uhr zu Kaffee und Kuchen.“


„Piss die Wand an“, fühlte ich mich hofiert wie Tokiomotel beim Grammybrunch. „Die laden uns zu ner Kaffefahrt ein. Die Woche kosten wir aus. Ohne Stress. Party bis zum Koma.“ Am himmelblauen Sonntag trafen wir beladen wie die Packesel zum benannten Zeitpunkt in der Sommerfrische ein. 7 Paletten Herrenhäuser, 8 Gläser Bockwürstchen und eine Tube Senf. Wollten den neuen Nachbarn was bieten. „Harmonie“ bestand aus einem mit grünem Jägerzaun abgegrenzten Areal, das etwa dreißig Parzellen beherbergte. In einigen Teilen sonnten sich Greise oder Bildzeitungsbürger und schlürften Kaffee, wahrscheinlich von Koffein kastriert. Wir wanderten durch sauberst geharkte Kieswege und exakt auf 1,24 m gestutzte Hecken. Sonne auf den Schädeln; Gefühl, in geheimer Mission unterwegs zu sein, in den Herzen. „Hospiz im Grünen“, fluchte Zecke und schnippte die Überreste der Selbstgedrehten auf eine englische Rasenfläche. „Ist doch klasse“, widersprach ich und zeigte auf ein mit Blumengirlanden verziertes Schild vor einer der Garteneinheiten. „Sonja und Frank, Herzlich willkommen.“ „Alter Schwede, die geben sich richtig Mühe“, brach ich ausnahmsweise mal ne Lanze für das Spießergesocks. „Sind ja auch Kinder Manitus, tun wir es ihnen gleich und machen einen auf Gentleman. Slow and easy. Und nachts, da geht die Lucie ab. Die Kumpels vom Schweif wissen Bescheid.“ „Du willst einen auf harmlos machen?“; fragte meine Kamasutralehrerin mit gefährlichem Grinsen. „Nehmen die uns zwar nicht ab, bei unserem Outfit, aber für den Spaß, why not?“ „Jau“, begeisterte mich meine Idee sekündlich mehr. „fahren wir die lasche Tour und infiltrieren die Bande. Johnny Rotten ist auch nicht bei der EMI reingeschneit und hat ‚Fuck you!’ gebrüllt.“ „Alter“, strahlte mein Himmelsnektar.“ Du bist der Schwanz und ich die Muschi. Pure Liebe.“ Nach einem mehrminütigen Slo-Mo-Kiss schleppten wir unsere Vorräte in die unverschlossene Blockhütte am Ende des Gärtchens. Wie geil war das denn. Gemütliche braune Ohrensessel, ein urwüchsiger Holztisch und tatatä ein Kühlschrank. Rasch Bier und Würstchen verstaut. „Hier lässt es sich aushalten“, brüllten wir synchron. Und dann war es soweit. Als wir mit einigen Bierchen dem Chill-Prozess frönten, klopfte es gut gelaunt an der Tür. „Hallihallo, ist da jemand?“ jubilierte ein Altweibersophran wie auf Benezdrin. „Hier kommt das Begrüßungskommittee.“ „Heilige Scheiße“, säuselte meine Liebste, „Was für Pillen hat die Trulla denn geschmissen.“ „Contenance, mein Erdbeersorbet. Kehren wir heute unsere liebenswürdigste Seite raus. Spielen wir wie Bogart und Bacall den großen Spießerblues.“ „Okay“, rotzte mein Zeckchen entschlossen auf den Holzdielenboden. „Herein“, reif sie mit dem Flair eine ganz ganz großen Aktrice, was mein Herz zum Pumpen brachte. Was für eine Perle. Hereinspazierte ein Spießergespann aus dem großen Buch der Klischees. Und zwar die erste Seite: Sie im Dirndl, Fresse weit über Verfalldatum. Er Gummistiefel trotz 7 Sonnenschein, kariertes Hemd und Pornobalken über der Oberlippe. In den Händen trug sie eine Platte mit Kuchen, sah nach Schokolade aus.


Bei unserem Anblick erstarb das verstrahle Spießerlächeln wie bei Karl Moik in einer Alkoholkontrolle. Dabei sind wir doch wirklich gelungene Exemplare der Gattung Mensch. Nach einer Minute betretenen Schweigens hatten sich die beiden gefangen. „Ähm, ich bin der Werner“, stellte sich der Schnauzbart vor. „Ich bin Wilma die gute Seele des Vereins und ihr seid die Sonja und der Frank?“ „Für Freunde Zecke und Pickel“, stellte meine Karmapartnerin uns vor. „Wollt ihr Würstchen? Brot haben wir leider vergessen.“ „Nette Namen“ befand Wilma nach einer Gesichtsbewegung, die wie ein Würgen aussah. „Wir haben bereits gegessen“, ergänzte Werner. Vielleicht fuhr er den Veganertrip. „Kein Problem“, beeilte ich mich. Sollte nicht glauben, dass sie uns beleidigt hätten. „Wie gefällt euch den unser kleines Refugium der Harmonie?“ schlug Wilma Konversationston an. „Wir haben vor zwanzig Jahren beschlossen, uns einen Zufluchtsort vor der Hektik des Alltags zu errichten. Ruhe und Entspannung in der Natur mit Gleichgesinnten. Aber langsam geht uns der Nachwuchs aus. Daher haben wir zu der ungewöhnlichen Methode gegriffen, einen Schrebergartenaufenthalt in der Zeitung zu verlosen.“ „Piss die Wand an“ fühlte ich mich echt ergriffen. Gar nicht so übel die Bagage. „Bitte?“, fragte Wilma etwas konsterniert. „Was hast du noch mal gesagt, Frank, äh, Pickel?“ „Piss die Wand an, rechts, links, in der Mitte, oben und unten. Ihr spielt hier einen geilen Grove. Back to nature, PUNKS NOT DEAD. Wir sind eure Leute.“ „Was heißt denn“, dramaturgische Pause „Piss die Wand an?“, der Typ schien ein Checker zu sein. „Piss die Wand an sagen coole Typen“, klärte mein Aphrodisiakum bereitwillig auf. „Wenn etwas toll ist: Mann, Piss die Wand an. Wenn du den Langeweileblues schiebst: Hey, Mann, piss die Wand an. Oder du siehst nen heißen Macker: Wow, Piss die Wand an. Coole Scheiße halt. Pisse heißt unser Mantra, unser Vaterunser, unsere Offenbarung.“ Meine Sahnetorte ist eine hammermäßige Alte. Optik grandios. Herz giga, und der Body ... Aber manchmal haut sie einfach unbedachte Worte aus ihrem Kopf. Coole Scheiße war ein definitiv zu harter Ausdruck für die Schmalspurkomiker. Ich sah es an ihren sich verzerrenden Visagen. Wir wollten doch erst mal ne ruhige Nummer schieben. „Ein Stück Nusstorte?“, fand Wilma am Raschensten die Fassung wieder. Ey, ne, wie konnte ich nur auf die Idee kommen, dass Spacken und Macker wie wir zusammen abhängen können. Verschiedene Sprachen, verschiedene Lebensentwürfe. Beim Kuchen würden sie anfangen, die klein karierten Regeln ihrer Zombikolonie zu erklären. Fuck. Hecke 1,2 m hoch, kein offenes Feuer, keine Mucke außer Stefan Ross. Tötörötötö. Aber wir waren ja Bogart und Bacall. Den Movie eine Woche durchziehen und dann Hasta la vista Babys. Höflich wie englischer Adel mit Stock im Arsch nahmen wir uns zwei Stückchen. Eines muss man den Pennern ja lassen, backen können sie. Schokoladig, nussig, ein wenig cremig. Und nach dem dritten Bissen - glaubt es oder nicht – veränderten sich Wilmas und Werners Optik. Irgendwie ne Mischung aus zart blau und Propeller um die Schädel. 8 Very Strange. Alles langsam und schnell zugleich. Mein Törtchen – ich meine meine Torte, nicht den Kuchen – starrte mich mit ihren großen blauen Augen an. Wow, wirklich die ein Hammer die Frau.


Da hörte ich, wie aus einem entfernten Universum, Werner rumlaberte, naja, klang mehr wie son Chor aus nem Bach Oratorium. Quadrosterio. „Die passen nicht zu uns, zu altbacken!“ „Hast du die Wurstgläser gesehen? Kein savoer vivre. Zu Orgien können wir die nicht überreden. Die bumsen wie die Missionare“, lästerte Wilma. „Ich hatte ja gehofft, dass der Spacecake sie auflockert. Bezweifele aber, dass das funktioniert. Sie sind völlig borniert. Nachher schleppen die uns noch Gartenzwerge an, mit Iro. Wir sagen ihnen später, dass sie nicht zu uns passen. Alleine diese Punk-OpiSlang. Piss die Wand an, so haben wir mit fünfzehn geredet. Wir brauchen frischen Wind.“ Ich verstand nicht, was sie sagten, aber zu mindest, der Film in meinem Kopf wurde immer bunter und schöner. Der Ausflug in die Harmonie hatte sich echt gelohnt. Piss die Wand an.

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WERBEPAUSEN SIND NICHT NUR ZUM PINKELN DA von Max Lüthke Als Kimberly den Aufruf im Fernsehen sah, traute sie ihren Augen nicht. Und ihren Ohren auch nicht, so fantastische Dinge erzählte die Stimme. Normalerweise schaute sie um diese Uhrzeit immer Richterin Barbara Salesch. Für nur 50 Cent konnte man bei SAT 1 die Geschworenen-Hotline anrufen und mit der Endziffer sein Urteil über den Angeklagten fällen. Meistens rief sie kurz nach Beginn der Sendung an, wählte die 3 für ‚weiß nicht genau‘, später die 1 oder 2 für ‚schuldig‘ oder ‚unschuldig‘, sobald die ersten Zeugen gehört waren; und je nach Beweislage kurz vor Schluss , wenn es noch eine Wendung im Fall gegeben hatte und sie ihre Meinung ändern musste. Aber irgendein Impuls steuerte ihren Zeigefinger heute auf die 0 für ‚mir doch egal‘, ließ sie durch das Programm zappen und genau in dieser Sekunde bei Tele 5 landen. „Wir finden, Deutschland hat genug Superstars, Supertalente und Supermodels“, verkündete die Stimme aus dem Off. Dann erschienen abwechselnd Dieter Bohlen und Heidi Klum auf dem Bildschirm und führten einen zusammengeschnittenen Dialog, der so nie stattgefunden hatte. ‚Du musst vor allem auch in den Spiegel gucken. Das sieht ja aus, als wäre in deinem Gesicht irgendein Tier verendet‘, sagte Bohlen. Eine wütend dreinblickende Klum konterte umgehend: ‚Weißt du was? Du machst mich echt böse. Dein Auftreten hat mit Professionalität nichts zu tun.‘ Bohlen: ‚ Ach komm, die einzige Frau, auf die ich höre, ist die aus meinem Navigationssystem‘. So ging das noch eine ganze Weile. Zum Schluss weinte Frau Klum in ihrer Garderobe vor einem Schminkspiegel, während Bohlen sich grinsend die Hände rieb. Kimberly hasste Dieter Bohlen. Nicht nur, dass er verblüffende Ähnlichkeit mit ihrem Vater hatte; auch seine Fähigkeit, Menschen mit nur wenigen Worten derart runterzuputzen, dass auch der letzte Krümel Würde zerbröselt wurde, erinnerte sie mit Grauen an den ‚Chef‘, wie sie ihren Erzeuger zu nennen hatte. Wenn sie beim Frühstück „Morgen, Chef“ wünschte, knurrte er nur „Die schon wieder.“ Als sie jubelnd mit dem Ausbildungsvertrag nach Hause kam, lautete sein Kommentar „Ich hätte dich nicht genommen.“ Manchmal hatte er gute Laune. Dann nannte er sie ‚mein kleiner Tunichtgut‘. Wahrscheinlich hasste sie auch ihren Vater ein kleines bisschen. Außerdem hasste sie all diese schönen Mädchen, deren Talent lediglich darin bestand, ein paar Meter geradeaus zu gehen, ohne zu stolpern. Und singen kann man entweder, oder man kann es eben nicht. Wo ist da die Kunst? Sie selbst sah eher durchschnittlich aus, und ihrer Stimme mutete sie höchstens ein leises Mitsummen zu. „Arschloch“, sagte sie in Richtung Fernseher und warf ein Stück Schokolade in Bohlens Haare. Im selben Augenblick explodierten mit einem lauten Knall die beiden Casting-Ikonen und wurden von Gina Wild abgelöst, die sich in Bikini und Heels auf einem roten Ledersofa räkelte. „Schluss damit“, lächelte sie lasziv in die Kamera. „Deutschland braucht was ganz anderes. Deutschland braucht neue Darsteller.“ Dann deutete sie mit dem Zeigefinger direkt auf Kimberly. „Deutschland braucht dich! Komm zu einem der offenen Castings ganz in deiner Nähe und werde Deutschlands neues HardcoreWunder! Dem Sieger winkt eine tolle Karriere mit vielen verschiedenen Partnern und spannenden Drehorten!“ Der Finger knickte ein und winkte Kimberly zu sich. „Komm, 10 komm, komm …“ Die Kamera zoomte auf Gina Wilds glänzenden Lippenstiftmund. Über den Bildschirm liefen eine Reihe Städte und Daten. Hannover, Ernst-August-


Brauhaus, 4.10., notierte sich Kimberly und tanzte danach durch ihr Zimmer. Kimberly war 18 und wünschte sich nichts sehnlicher, als ihrem Vater endlich einmal zu zeigen, was in ihr steckte. Aber so richtig. Einen Rückschlag hatte es letzte Woche gegeben. Ernesto, ihr richtiger Chef, hatte ihr mit festem Blick in ihren Ausschnitt mitgeteilt, dass er das Ausbildungsverhältnis leider auflösen müsse. Den Angestellten standen pro Monat 30 Freiminuten zu; Kimberly hatte bereits in der ersten Woche das Dreifache verbraten. Ernesto sprach von Diebstahl . So ein Quatsch! Wie sollte man künstliche Sonnenstrahlen stehlen können? Na und, wurde es eben nix mit dem Abschluss als Sonnenstudio-Assistentin. Die Arbeit hatte Kimberly sowieso angeödet, und sie war überzeugt, dass ihre Qualitäten auf ganz anderem Gebiet lagen. Das erkannte auch die Jury im Ernst-August-Brauhaus. Dabei legte Kimberly sich nicht einmal richtig ins Zeug. Die Kameras, das grelle Neonlicht, die Anweisungen des Regisseurs – all das störte sie nicht im Geringsten. „Ich kann so viel trinken, weil es mir Spaß macht“, hatte ihr Vater mal zwischen vier Flachmännern gelallt. An diese Worte erinnerte sie sich jetzt, als sie sich mit einem Taschentuch das Gesicht abwischte und nervös vor die drei Porno-Richter zur Bewertung ihrer Leistung stöckelte, die in einem Nebenzimmer per Live-Übertragung das Treiben auf einer Großbildleinwand verfolgt hatten. „Die fanden mich bestimmt gut, weil es mir Spaß gemacht hat.“ Kurz fragte Kimberly sich, was Bruce Darnell in der Jury zu suchen hatte; aber als sie sich die letzten brennenden Tropfen aus den Augen gerieben hatte, erkannte sie, dass es zum Glück nur Roberto Blanco war, der zur Linken von Gina Wild saß. Warum Frau Wild da war, leuchtete Kimberly ein. Und die Anwesenheit von Herrn Blanco erklärte sie sich damit, dass er gerne Pornos schaute und Promi war. Aber wer war das auf der rechten Seite? Den Typen hatte sie noch nie gesehen. Der Mann trug Anzug und Krawatte und lächelte Kimberly auf eine Art an, dass sich die Härchen auf ihren Armen in Abwehrhaltung aufrichteten. Roberto Blanco hingegen glotzte. Aus Augen, die wie zwei schneebedeckte Inseln mit einer schwarzen Perle in der Mitte in einem Meer aus Kakao schwammen. Die Stille war nervenzerfetzend, und Kimberly hätte die drei am liebsten angeschrien. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, brach Gina Wild das Schweigen. „Kimberly, ein schöner Name. Die geile Kim. Da kann man was draus machen. Du hast dich ja mächtig reingekniet, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie würdest du deine Leistung denn selbst beurteilen?“ Kimberly fühlte sich unbehaglich. Sie war es gewohnt, dass sich die Kerle mit Lobeshymnen auf ihre Fertigkeiten, kleinen Tricks und den fehlenden Würgereiz überschlugen. Was wollten die drei jetzt hören? „Also“, begann sie unsicher, „ich hätte ja auch geschluckt, aber irgendwie hatte der Typ ein schlechtes Timing.“ Sie umschloss das warme, durchweichte Taschentuch in ihrer Faust. „So insgesamt fand ich mich aber ziemlich gut. Ging ja auch ganz schön schnell, also relativ. Und das heißt doch, dass ich irgendwas richtig gemacht haben muss, oder?“ Gina Wild wandte den Kopf amüsiert zu ihren Mitjuroren. „Was meint ihr, meine Herren?“ Roberto Blanco schaffte es so eben noch, einen Speichelfaden wieder in den Mund zu saugen. Zu den beiden weißen Augen-Inseln in seinem Gesicht gesellte sich nun eine Reihe blitzender Zähne. Kimberly fand, dass sie wie Kieselsteine aussahen, die prima zu dem Strand der Inseln passten. Sie kannte diesen Blick. „Ach du Scheiße“, dachte sie, „Roberto ist geil auf mich.“ Sex machte ihr zwar großen Spaß, aber … Roberto 11 Blanco? Ihr Fluchtinstinkt war geweckt.


Als er zu reden begann, musste Kimberly sich beherrschen, nicht aus vollem Halse loszulachen. Seine Stimme zitterte und brach hin und wieder. „Danke, Mädchen“, flüsterte er. „Danke, dass ich das noch erleben durfte. So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen. So viel Leidenschaft. Hingabe.“ Er drehte sich zur Seite und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Kimberly wusste nicht, was sie davon halten sollte. Hatte sie Roberto Blanco zum Weinen gebracht, weil sie einem anderen Kerl einen Blowjob –zugegebenermaßen vom Feinsten- verpasst hatte? „Von mir ein JA“, sagte Blanco mit dünner Stimme und rückte seinen Tränen jetzt mit einem Taschentuch zu Leibe. Dann war der Anzugträger mit der ovalen Brille und dem festgetackerten Lächeln an der Reihe. „Nun, liebe Kimberly, als Schirmherr dieser Veranstaltung und in meiner Funktion als Oberbürgermeister Hannovers möchte ich zunächst sagen, wie stolz ich bin, dass unsere Stadt solch ein Talent in ihren Mauern beherbergt. Ich darf meine bescheidene Meinung zwar nur bei diesem Vorcasting kundtun, jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass du es noch weit bringen und die Farben der niedersächsischen Landeshauptstadt mehr als würdig repräsentieren wirst. Und wenn ich bei dieser Gelegenheit mal ein paar Worte an die geschätzten Kollegen der CDU richten darf…“ „Dürfen Sie nicht“, schnitt ihm die Wild das Wort ab. „Keine Politik, Herr Weil. Das war die Abmachung. Nur Porno. Ich werte Ihren Erguss als ein zweites JA?“ Stephan Weil nickte trotzig. „Im Gegenzug möchte ich Sie aber bitten, die Arme nicht vor der Brust zu verschränken. Sie verdecken damit den schönen SPD-Schriftzug.“ „Keine Angst, Kleines“, sagte Gina Wild, als sie Kimberlys Verwirrung bemerkte, „Herr Weil ist nur heute mit von der Partie. Bei den Castings sitzt immer ein Vertreter des jeweiligen Sponsors in der Jury. Deshalb auch all die roten Luftballons hier. In der Show musst du dich dann zusätzlich zu Roberto und mir noch der Kritik von Daniela Katzenberger, dem geilen Luder, stellen. Aber die ist dann mehr für die männlichen Kandidaten zuständig. Und nun zu dir. Deine Technik erinnert mich an die frühe Theresa Orlowski. Schnörkellos, zielorientiert, ehrgeizig. Und dein Handeinsatz – einfach toll, Kim.“ Kimberly spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss und machte vor lauter Verlegenheit einen Knicks. Noch nie war in so kurzer Zeit so viel Lob über sie ausgeschüttet worden. „Woran du noch arbeiten musst, ist die Kommunikation mit deinem Partner. Gerade wenn du den Mund voll hast, musst du deine Blicke sprechen lassen. Dann wäre dein Gesicht auch verschont geblieben. Aber das sind Kleinigkeiten. Das Gesamtpaket stimmt. Ein klares JA von mir.“ Die Sendung schlug ein wie eine Bombe. Obwohl sie erst ab Mitternacht gesendet werden durfte und selbst dann noch zu einem Großteil aus schwarzen Balken und Piepsern bestand, wurde sie auf Anhieb ein Quotenhit. Kimberly zog in die KandidatenVilla ein, steigerte sich von Runde zu Runde, brach Tabus, bekämpfte erfolgreich Ekel, Unlust, ihre Abneigung gegen Gemüse und Gynäkologen-Stühle und wurde durch ihre Nehmer-Qualitäten beim Massen-Gangbang schnell zum Liebling der Zuschauer, die fleißig für sie anriefen. Sie fand selbst Roberto Blanco gar nicht mehr so schrecklich. Nach einem anstrengenden Auftritt nahm er sie einmal in die Arme , und Kimberly ertappte sich bei dem Wunsch, ihn Papa zu nennen. Als ihr dann noch Dominic, ein Kandidat mit 19 Zentimetern, nach dem Lack- und Leder-Duett seine Liebe gestand, 12 war sie rundum glücklich. ‚Romantik am Porno-Set‘ titelte die ‚Neue Presse‘ über ein Foto, auf dem sich das Paar durch die Mundschlitze ihrer Ledermasken küsste.


„Hoffentlich sieht Papa-Chef das“, dachte Kimberly mit Genugtuung. Sie hatte seit dem Start der Sendung nicht mehr mit ihm gesprochen. Und in den wenigen Telefonaten mit ihrer Mutter ging es meistens darum, dass Kimberly sich immer schön eincremen und an Verhütung denken solle. Nach drei Monaten , vielen Motto-Shows und nur einem einzigen Solo-Auftritt mit viel Spielzeug war es soweit. Das große Finale. Bei den Männern fuhr Dominic einen souveränen, unangefochtenen Sieg ein. Unter Tränen dankte er seinen Eltern für die Unterstützung. Als eine halbe Stunde später der Notar erneut auf die glitschige Bühne kam und im Kunstnebel den zweiten versiegelten Umschlag mit feierlichem Blick auf einem Silbertablett vor sich hertrug, griff Kimberly nach Dominics Hand. In der Halle wurde es mucksmäuschenstill. Gina Wild nahm den Umschlag vom Tablett, öffnete ihn und konnte offenbar nicht glauben, was sie da las. Mit großen Augen und offenem Mund fächelte sie sich Luft ins Dekolletee. Kimberly hielt den Atem an. „Meine lieben, geilen Zuschauer“, verkündete Gina Wild nach einem letzten Werbeblock, den Kimberly nur mit einem Schnaps überstand „Deutschland hat gewählt. Wir haben eine Siegerin. Und zwar mit nur einer Stimme Vorsprung!“ Noch bei der After-Show-Party unterschrieb Kimberly ihren ersten Film-Vertrag. Ein Zwölfteiler mit dem Titel ‚Die Nachtschwester mit der Sahne auf dem Häubchen‘. pause Der Chef hatte an diesem Abend zum einzigen Mal für sie angerufen.

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JOHN DOE von Sebastian Wippermann Die Rotorblätter eines rostzerfressenen Deckenventilators drehen sich schwerfällig über den Köpfen der beiden Männer, die im Büro der örtlichen Polizeiniederlassung sitzen. Der Sheriff setzt seine schwere Kaffeetasse von den aufgesprungenen Lippen und stellt sie vor sich in einen Lichtklecks. Es ist sein dritter Kaffee an diesem Vormittag und es wird nicht sein letzter sein. „Jetzt also nochmal von vorne.“, sagt er zu dem merkwürdigen Jungen Mann, der ihm gegenüber sitzt und ihn freundlich anlächelt, „Woher kommen Sie?“ „Ich habs ihnen ja schon gesagt, Das weiß ich nicht.“ Der Sheriff seufzt. Seit einer halben Stunde geht das jetzt schon so. „Wo waren sie, bevor sie nach Sherwood Lake gekommen sind?“ „Daran kann ich mich nicht erinnern.So leid es mir tut.“ Der Sheriff schließt seine Augen, massiert sich die Schläfen mit seinen Ringfingern. „Und das kümmert sie gar nicht?“, bringt er schließlich hervor. „Nicht besonders, nein.“ Daraufhin schlägt der Sheriff auf seinen Schreibtisch, so dass ein Teil seines Kaffees aus der Tasse schwappt und sich braune Flecken in seine Unterlagen fressen. „Gehen sie, verdammt nochmal.“, brüllt er, „Ich muss nachdenken. Und morgen Nachmittag erscheinen sie hier wieder auf der Wache. Pünktlich um drei, auf die Minute.“ „Sicher, Sheriff.“ Der junge Mann erhebt sich, glättet sein billiges Sakko und federt aus dem Büro. Der Sheriff sieht ihn durchs Fenster die Straße runtergehen, vorbei an den Auslagen in einer Bäckerei und auf das Motel zu, in dem er sich vor einem Monat einquartiert hat. Unter dem Namen John Doe. John Doe, da hätte man schon misstrauisch werden müssen. Der Sherif schlürft rüber zur Kaffeemaschine und schenkt sich nach. Seine Frau sagt, er muss besser auf sein Herz achten. Was weiß die schon von meinem Herz, denkt er und wischt sich den Milchschaum aus dem dichten Schnauzer. Dixie, die auf ihren langen, aufgebockten Beinen ins Büro trippelt, schreckt ihn aus seinen Gedanken. „Können Sie nicht anklopfen.“, fragt er mürrisch, während sein Blick sich langsam zu ihrem Gesicht hochtastet. „Hab ich ja. Sie habens nur nicht gehört, weil sie wieder träumen. Ist wegen diesem Neuen, stimmts?“ Der Sheriff sieht ihr zu, wie sie sich ihrerseits einen Kaffee einschenkt und den Filter wechselt. Sie liest mit Sicherheit nicht diese Zeitschriften, die seine Frau aus der Apotheke mitbringt, die einem alles verleiden wollen. Zeitungen voller Verbote, fast schon Gesetztestexte. Dabei ist er doch das Gesetz in dieser Stadt. Dixie liest vermutlich überhaupt nicht. Zumindest hat der Sheriff sie dabei noch nie gesehen und er ist sich nicht mal sicher, ob sie es überhaupt kann. Und wenn schon, denkt er, während sein Blick wieder abwärts wandert. Ihr rotes Kleid endet unmittelbar unter ihrem Hintern und ihre langen sommerbraunen Beine sehen stramm und kräftig aus. „Ja, mit dem Kerl stimmt was nicht.“, sagt der Sheriff, „behauptet, er weiß nicht wo er herkommt. Bullshit. Jeder weiß, woher er kommt. Wenn auch nichts sonst, dann zumindest das.“ 14 „Ein Mann ohne Vergangenheit.“, zwitschert Dixie. „Ein Mann ohne Vergangenheit ist gar kein Mann.“, entgegnet der Sheriff.


„Ach. Und was ist dann ein Mann?“ Dixie klimpert mit ihren Augen und dem Sheriff fällt wieder ein, warum er sie damals eingestellt hat. „Ein Mann ist jemand, der nicht vor seiner Vergangenheit wegrennt, Dixie.“, sagt er, während er sich in seine eingelaufene Weste zwängt, „Wenn mich jemand braucht, ich bin drüben im Potters und hör mich um, ob da jemand was weiß.“ Dann rückt er seinen Stern grade und stampft aus dem Büro, sich alle Mühe gebend, seine Schritte schwer und bedeutungsvoll klingen zu lassen. „Klar, Chef.“, ruft ihm Dixie nach. Der Sheriff sieht sie nochmal durchs Fenster. Sie sitzt auf seinem Stuhl und ihre langen Beine mit den roten Pumps am Ende ihrer Prachtbeine liegen auf dem Tisch zwischen seinen fleckigen Papieren. Er fühlt ein leichtes Klopfen unter seiner Schläfe. Der Kaffee, denkt er, wird der Kaffee sein. John Doe kauft sich in dem kleinen Kiosk an der Hauptstraße eine Soda. „Wieder ne ganz schöne Hitze heute.“, sagt er zu der Verkäuferin, einer schnell gealterten Frau, die ihre grauen Haare zu einem Dutt hochgesteckt hat. „Hmhm.“, antwortet sie nur und schaut ihm dabei noch nicht mal in die Augen. „Dann noch nen schönen Tag.“, sagt Doe und tritt aus dem Laden. Wieder keine Antwort. Er knackt die Lasche seines Getränks und lehnt sich an die frisch verputze Wand. Komisch, denkt er, während er einige Kinder beobachtet, die über aufgemalte Kreidefelder hüpfen. Bis vor kurzem waren die alle noch netter zu ihm, richtig liebenswert. Jetzt ist alles anders. Wenn er sich umdreht, tuscheln sie hinter seinem Rücken und sie steigen auch einfach nicht mehr auf die Gespräche ein. Betrübt geht Doe die leergefegte Hauptstraße entlang und kickt dabei die leere Sodadose vor sich her. Er grübelt und grübelt, aber kann sich einfach nicht vorstellen, was er schlimmes angestellt haben könnte. Er würde sich sofort entschuldigen, wenn er nur wüsste wofür. Vielleicht weiß ja Jane was. Jane weiß immer alles. Er biegt von der Hauptstraße ab, marschiert eine Zeit lang durch das Wohngebiet am äußersten Ende von Sherwood Lake, ehe er vor Janes Haus stehenbleibt. Er muss ein paar mal klingeln, bis ihr bleiches Gesicht hinter dem zerrissenen Fliegengitter erscheint. Sie ist noch im Morgenmantel und der splissige Schopf hängt ihr wirr vor den Augen. Doe bemerkt einen gewissen Widerwillen, als sie die Tür entharkt und ihn hereinbittet. „Ist nicht aufgeräumt.“, murmelt sie, als sie ihm durchs Haus auf die Varande folgt, wo sie sich auf die alte, ausgeblichene Couch setzen. „Warum sollte mich das stören.“, sagt Doe und legt ihr den Arm um die schlanken Schultern. Auf einer blass rosa erblühten Fliederhecke streiten sich ein paar Amseln. Es geht auf Mittag zu und auf den Feldern werden die Maschinen abgestellt und die Feldarbeiter trotten auf die Sitzgarnitur aus Baumstämmen zu, auf der sie ihre Sodadosen und Fleischpasteten deponiert haben. „Musste heute beim Sheriff antanzen.“, erzählt Doe, „hat mir ne Menge Fragen gestellt. Wo ich geboren bin und was ich für nen Beruf gelernt hab und all das.“ „Und was hast du ihm gesagt?“, fragt Jane. Sie schlägt nach einer Fliege, die sich immer auf eine schorfige Wunde auf ihrem Knie niederlässt. „Hab ihm alles gesagt, an das ich mich erinnern kann.“ 15 „Also nichts.“ Die Fliege lässt von der Wunde ab und landet auf Doe's Handrücken.


„Du weißt, dass ich keinen Schimmer hab, was passiert ist, bevor ich auf der Bank vor dem Postamt aufgewacht bin. Aber das ist doch ne ziemlich schöne erste Erinnerung, findest du nicht“ John Doe lächelt, als er das sagt. Kleine Lachfältchen umkranzen seinen breiten, froschigen Mund. Jane war es gewesen, die ihn dort sitzen gesehen hatte, ihn, den Fremden, und sich seiner angenommen hatte. Sie hatte seine Wunden verarztet und sie hatte ihm keine Fragen gestellt, zumindest nicht am Anfang. Das kam erst später. Er hatte auf diesem Sofa gelegen, am ersten Tag seines neues Lebens und sich den Kopf zerbrochen, wer er war, was er hier machte, ohne auch nur das geringste Spur in seinem Gedächtnis zu finden. Er konnte einfach nicht weiter zurückdenken, als bis zu diesem Moment auf der Bank gegenüber des Postamtes, als Jane sich neben ihn gesetzt hatte. Später am Abend war sie mit einer Karaffe Soda raus auf die Veranda gekommen und hatte seine Verbände gewechselt. Und er hatte einfach so ihre Schulter geküsst und gemeint, dass es nur eine Sache gibt, die ihm wirklich hilft. Und ab da hatte er sich eigentlich keine Gedanken mehr über seine Vergangenheit gemacht. Jane schaut auf die Felder, von denen Gelächter rüberschallt. Zotige Witze, die auch nach dem hundertsten Hören nichts von ihrem Charme zu verlieren scheinen. „Komm schon, Baby.“, sagt sie, „Verrats wenigstens mir. Egal wie schlimm es ist“ Wütend zieht Doe seinen Arm zurück. Die Fliege macht sich davon. „Fang du jetzt nicht auch noch an.“ Auch Jane wird jetzt lauter: „Hast du also doch was zu verbergen?“ Doe spring auf. „Das ist doch lächerlich.“, sagt er und dann geht er über den hochgeschossenen Rasen davon. Am Ende des Gartens springt er etwas ungelenk über den weißen Jägerzaun. Jane schaut ihm nach bis er außer Sichtweite ist, die müden Augen zusammengekniffen. Wieder landet die Fliege auf ihrem Knie. Diesmal erwischt Jane sie mit der flachen Hand. Den Fliegendreck wischt sie sich am Bademantel ab. „Und er hat nie was erzählt von früher?“, fragt der Sheriff den Barmann. Er sitzt mit den üblichen Mittagstrinkern zusammen am Tresen. Wenn sie auch sonst zu nichts zu gebrauchen sind, eine Information kann man gelegentlich aus ihnen rausquetschen. Aber über diesen John Doe weiß keiner von ihnen etwas, obwohl manche von ihnen Tag und Nacht hier sind und auch der Fremdling im Potters trinkt. „Nie auch nur ein Wort.“, sagt der Barmann, „vielleicht stimmts ja und er kann sich wirklich nicht erinnern. Hab von so nem Fall schon mal gehört.“ „Also mir ist der unheimlich. Solche Leute, die einfach aus dem Nichts auftauchen, die bedeuten immer Unglück.“, mischt sich Mrs Dahony ein, „Man geht doch nicht einfach so von zu hause weg. Ohne dass da was gewesen ist.“ „Meine Meinung.“, knurrt der Sheriff. Seine Finger fahren über den feuchten Rand seines Bierglases und um ihn rum nimmt das Gespräch Pfad auf. Jedem fällt jetzt etwas ein, was ihn an dem Fremdling schon immer gestört hat, ein Makel, ein Tick, eine Abnormalität. Der Wirt gibt gerade zu bedenken, dass er immer nur Grazed Yams bestellt, „Gottverdammten Negerfraß“, als John Doe das Potters betritt. Er nickt den 16 Anwesenden freundlich zu, während er sich der Bar nähert. „Wette, er will wieder die Yams. Und n Whiskey-Soda.“, flüstert der Wirt dem Sheriff zu, „der Einzige in dieser ganzen Stadt, der diesen Dreck schlürft.“


„Whiskey Soda und Grazed Yams. Bin am verhungern.“, sagt Doe, der sich an den widerwillig zur Seite rückenden Männern vorbeigeschoben hat und ab der Theke angekommen ist. Das Gesicht des Wirtes verzieht sich zu einer Art Maske, etwas, das die Ureinwohner, die einst hier siedelten, zu ihren Opferritualen getragen haben. „Kommt sofort, Sportsfreund.“, sagt er und als Doe Anstalten macht, an der Theke zu bleiben fügt er hinzu: „Ich brings dann zum Tisch.“ „Alles klar.“, sagt Doe und zieht sich zu dem Tisch zurück, an dem er meistens sitzt. Sobald er außer Hörweite ist, stecken die Köpfe wieder zusammen. „Seht ihr, wie er sich aufdrängt.“, faucht einer der Trinker, „lange lass ich mir das nicht mehr bieten.“ Die umstehenden Männer nicken und Mrs Dahony klopft mit ihren knochigen Fäusten auf den Tisch: „Man muss was unternehmen. Solche Gestalten bringen immer nur Ärger. Und Ärger haben wir nun wirklich schon genug. Nicht wahr, Sheriff?“ Der Sheriff hört schon lange nicht mehr zu. Er ist in Gedanken weit weg, bei seiner Frau und ihrem bevorstehenden Wutausbruch, wenn er später nach hause kommt und sie merkt, dass er getrunken hat, an Trixis Beine auf seinem Schreibtisch. Gedankenverloren putzt er seinen Stern. „Jaja.“, sagt er. Der Wirt stellt ihm ein neues Bier hin. Dabei beugt er sich vertraulich zum Sheriff rüber: „Und überhaupt WhiskeySoda. Mit Menschen, die sowas trinken, stimmt was nicht. Ich kenn mich aus damit. Was haltet ihr davon, wenn wir ihm klarmachen, dass er hier nicht willkommen ist.“ „Jawohl.“, kräht die alte Dahony und für einen Moment kommt es dem Sheriff vor, als würden die blauen Wähnen aus ihren Handgelenken brechen, als sie erneut mit ihrer krampfhaft geballten Faust auf die Theke peitscht, „Ein echter Mann.“, kräht sie. In diesem Moment erhebt sich der Sheriff von seinem Hocker und steuert auf den Tisch zu, an dem Doe sitzt und in einer Zeitung blättert. Erst als der Sheriff ihm gegenübersitzt, legt Doe die Wochenendbeilage zur Seite und schaut den alten Mann an, die grauen Haare, die ihm aus der eingedrückten Nase wachsen, die Augen, die eine Entschlossenheit ausdrücken, die Doe bei ihm noch nie bemerkt hat. „Ich dachte, wir wären erst morgen verabredet.“, sagt er. Der Sheriff grinst und Doe bemerkt erst jetzt, in was für einem schlechten Zustand seine Zähne sind, wie belegt seine Zunge ist, mit all den Nachgeschmäckern eines Lebens voller Enttäuschungen, aus dem er nicht ausbrechen kann. „Nein, wir bringens jetzt hinter uns.“, sagt der Sheriff. Und dann greift er Doe am Arm und führt ihn aus dem Potters und zu seinem klapprigen Dienstwagen auf dem Schotterparklpatz. Doe währt sich nicht. Er nimmt hinten Platz und schaut aus dem Fenster, in dem schließlich die Häuser verschwinden und die karge Wüstenlandschaft des mittleren Westens erscheint. Im Rückspiegel bemerkt Doe, dass eine Kavallerie anderer Autos ihnen folgt. „Wo fahren wir hin?“, fragt er schließlich. Aber der Sheriff antwortet nicht, seine Augen sind auf die Fahrbahn gerichtet, obwohl es hier weder Gegenverkehr noch Kurven gibt, eine Straße, die in die Unendlichkeit führen muss, vorbei an all den verlassenen Zollhäuschen, den amputierten Schranken, den Ausweisen, die vom Wüstensand zugedeckt werden 17 uns schließlich verschwinden. Schließlich, als sie bereits eine gute Stunde außerhalb von Sherwood Lake sein müssen, stoppt der Sheriff den Wagen, steigt vorne aus, reißt dann die Hintertür auf


und zieht Doe unsanft aus dem Font. Dieser bleibt im heißen Sand liegen, wie ein Käfer, der auf den Rücken gedreht wurde. Aus den Augenwinkel erkennt er andere Bewohner von Sherwood Lake. Den Wirt, die Stammtrinker aus dem Potters, Mrs Dahony aus dem kleinen Lebensmittelladen, selbst Jane mit seltsam geröteten Augen, als hätte sie lange nicht geschlafen. Und dann spürt er einen Tritt in der Magengrube. Es sind die schweren Stiefel des Sheriffs. Und plötzlich erinnert John Doe sich an etwas, an genau diesen Schmerz nämlich und er denkt noch, dass man letztendlich immer von seiner Vergangenheit eingeholt wird, selbst wenn man keine hat. In Tessaville, 200 Kilometer nördlich von Sherwood River liefert Timmy O'Rouke am nächsten Morgen gerade die Tageszeitung in seinem Viertel aus, als er einen Mann mit ziemlich ramponiertem Gesicht auf dem Bürgersteig sitzen sieht. Der Junge springt von seinem Fahrrad und geht auf den Fremden zu. „Alles in Ordnung, Mr?“, fragt er mit seiner zittrigen Stimmbruchstimme. Der Mann richtet sich auf, ächzend. „Geht schon.“, sagt er und kratzt sich etwas verwirrt am Kopf. „Wie heißen Sie, Mr. Hab sie in der Gegend noch nie gesehen?“, fragt der Junge. „Ich, Ich, äh.“ der Fremde bricht ab, sieht auf die Bastionen von Reihenhäuser, alle weiß gestrichen und durch nichts zu unterscheiden. „Ich hab keine Ahnung.“, sagt er. Timmy O'Rouke steigt auf sein Fahrrad und er wusste bisher gar nicht, dass er so schnell damit fahren kann.

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DER IGEL von Maik Gerecke Als kleiner Junge kletterte ich immer auf das Dach des »Stromhäuschens«, wie wir es alle nannten. Daneben stand ein großer Baum, an dem man ziemlich schnell bis nach oben klettern konnte. Keine Fünf Minuten dauerte es und man war oben. Von hier aus konnte man einen großen Teil der Gegend beobachten, in dem meine Familie und ich wohnten und ich kam immer hier hoch, um der Welt dort unten für eine Weile zu entkommen. Hier oben war man alleine, niemand sah einen, da die Krone des Baumes obendrein auch noch die Sicht auf das Dach erschwerte und man musste schon ganz genau hinsehen, wenn man meinen kleinen Kopf hinter all dem Gestrüpp entdecken wollte. Die einzigen, die mich hätten sehen können, waren die Leute in den mehrstöckigen Hochhäusern, wenn sie aus ihren Fenstern guckten. Aber wahrscheinlich tat das ohnehin niemand. Ich legte mich immer auf den Bauch, die Ellenbogen abgestützt und den Kopf in die Hände gelegt und sah mir an, was sich in der Welt so ereignete. Das war eine gelungene Abwechslung zur Schule, meinen Eltern, zu den fünf bis sechs Stunden Fernsehen täglich und ... naja, der Welt überhaupt. Leute gingen vorbei und man konnte sie in heimlichen, privaten Momenten erwischen, in denen sie sich ganz natürlich verhielten. Zum Beispiel wenn sie mit ihrem Hund spazieren gingen und ihm heiter und ungezwungen ein paar Dinge erzählten, weil es in ihrem Leben wahrscheinlich niemanden sonst gab, dem sie sie erzählen konnten. Oder ich sah etwas weiter weg andere Kinder auf einem Spielplatz spielen. Einem dieser Stadtspielplätze inmitten von Häuserschluchten, die oftmals etwas trostlos wirken und Nachts von Jugendlichen dazu genutzt werden, um dort ihr Unwesen zu treiben. Stunden konnte ich hier oben verbringen. Als Kind besaß ich noch eine solche Fähigkeit zum Müßiggang, weitestgehend unberührt von der so genannten Realität des Lebens, die dir alles und jeder vollends kompetent anzuerziehen trachtet. Und so hatte ich hier oben auch heute schon eine gute Stunde zugebracht, als ich sah, wie sich bei hellichtem Tag ein paar Jugendliche auf den Spielplatz begaben. Es war eine Gruppe aus drei Leuten. Alles Jungs. »Alter, Alter! Guck dir das an!«, schrie der eine. Die Häuserschluchten resonierten. Die anderen kamen zu ihm. Sie sahen, was gemeint war und lachten, kicherten wie Hyiänen. Dann machte der eine mit seinem Fuß an etwas herum, wobei alle anderen wie besessen weiter kicherten. »Eyyy! Fußball, Alter!«, rief plötzlich ein anderer. Ich sah nicht, um was es sich handelte. Dafür war ich zu weit weg. Aber ich sah eine Beinbewegung, die zeigte, dass das Wort »Fußball« nun in die Tat umgesetzt wurde. Und die anderen spielten mit. Sie kickten das unsichtbare Etwas hin und her und das Kichern, das sie dabei von sich gaben, wurde immer energischer. Dabei gaben sie die Namen irgendwelcher Fußballspieler von sich und immitierten Kommentatoren. 19 Diese Szene schien nicht besonders interessant zu sein. Drei Jungs hatten etwas zum Spielen gefunden. Aber hier oben sah ich mir alles an, was mir vor die Augen kam


und im Moment waren sie die einzigen Menschen, die man überhaupt sah. »Igelball, Alter! Ich schwöööre, Junge!« Was? Ich schreckte auf. Einer von ihnen schrie »Flanke«, nahm Anlauf und schoss das Tier in meine Richtung. Es flog bestimmt zehn Meter weit und dort, wo es aufkam und liegen blieb, konnte ich es auch einigermaßen erkennen. Die Typen kamen hinterher gelaufen, kicherten dabei immer noch und blieben dann versammelt um das Tier herum stehen. Der Igel hatte sich sehr wahrscheinlich schon schützend zusammen gerollt, denn er bewegte sich kein Stück. »Was machen wir, Alter?«, fragte der eine. »Lass anzünden!« Gelächter. Einer holte ein Feuerzeug heraus, stellte die Flamme groß und begann an dem Igel herumzukokeln. Scheinbar passierte dabei nicht viel Aufregendes, denn sie hörten schnell wieder auf damit. Dann berieten sie wieder. »Ey, ich weiß! Lass Stein draufwerfen!« Gekicher. Vorfreude. Sie setzten sich alle gleichzeitig in Bewegung. »Nein, Mann! Einer muss aufpassen, sonst haut er ab.« Ein Wachposten wurde auserkoren und die beiden anderen gingen los, um einen Stein zu suchen, der groß und schwer genug war. Ich war noch sehr jung und verstand nicht so recht, was ich da sah. Aber neben dem Mitleid, dass ich für das hilflose Tier empfand, bannte mich die ganze Situation. So als wolle ich keine Sekunde davon verpassen. Ich wollte es, trotz seiner Schrecklichkeit, sehen. An einen Eingriff meinerseits war nicht zu denken. Zwar wäre er ohnehin sinnlos gewesen, aber -- zugegeben -- ich hatte auch viel zu viel Angst um mich selbst. Die drei hätten mich sehr wahrscheinlich weggeschickt, dachte ich mir, oder eben an die Stelle des Igel gesetzt. Es dauerte, aber der Stein wurde tatsächlich gefunden. Er war so groß wie ein Basketball, eiförmig und grau. Die beiden Suchenden mussten ihn zu zweit tragen. Die ganze Zeit, während der Suche, war es so still gewesen. Die letzten Momente des Igels vollzogen sich in Ereignislosigkeit, wobei wohl niemand nachvollziehen kann, wie er sie empfunden hat. Was muss in ihm vorgegangen sein? Die Steinträger kamen ans Ziel und das Gekicher ging wieder los. »Wie denn?«, beriet man. »Von hier so«, schlug einer vor und zeigte ungefähr auf Brusthöhe! »Nein, Mann! Dann stirbt er nicht.« Noch viel unglaublicher, als diese Szene, war das Gefühl, dass jetzt in mir aufstieg. Es fällt mir sogar schwer es zuzugeben. Es mir einzugestehen. Meinem infantilen Ich aus der Vergangenheit. Es ist eines von diesen Gefühlen, von dem man niemandem erzählen will. Eines, das dir den Blick in den Spiegel vermiest. Der vielleicht noch viel stechender ist, als der irgendeines anderen. 20 Neugier.


Eine merkwürdige, perfide Neugier. Der es nach einer verbotenen Erfahrung verlangt. Es wurde noch weiter beratschlagt, bis sie schließlich den Plan fassten, den Stein bis über ihre Köpfe zu heben und ihn von dort aus fallen zu lassen. Dazu mussten sie ihn alle zusammen hochheben. Erst gingen sie in die Hocke, um die genaue Falllinie zu bestimmen, dann packten sie alle gemeinsam an, der Stein erhob sich und verharrte in der Luft über ihren Köpfen. »Wir müssen zusamm' loslassen.« »Lass zählen!« Und sie zählten. Alle gemeinsam. »Eins ...« In mir zog sich alles zusammen. »Zwei ...« Als würden meine Organe impludieren. »Drei!« Der Stein fiel. Ich hielt den Atem an. In mir stand alles still. Der Flug dauerte weniger als eine Sekunde. Während dieser Zeit wichen die drei Kerle zurück und eröffneten mir dabei unwissentlich die Sicht auf das Objekt unserer verborgenen Dränge. Sie waren eben so still wie ich es war. Im Flug machte der Stein eine Drehung, einer hatte wohl zu spät oder zu früh losgelassen. Er drehte sich so, dass er mit einer spitzwinkligen Kannte direkt auf den Körper des Igels prallte, so dass das ganze Gewicht des Steins ausgenutzt wurde. Sofort platzte etwas an dem Igel und ich sah einen kleinen, roten Streifen aus ihm herausschießen. Blut und Eingeweide. Diese trafen nicht mal einen der Henker, sondern verteilten sich ganz einfach auf dem Asphalt. Der Stein kippte nach dem Aufprall seitlich von dem winzigen Tier herunter und blieb plump daneben liegen. Die Neugier ... sie verkehrte sich ins Gegenteil. Die drei schrien in einer Mischung als Begeisterung, Freude und Entsetzen auf. Sie lachten, kicherten, fluchten, bekundeten ihren Ekel und schauten sich noch eine Weile an, was sie vollbracht hatten. Mir hingegen perlte der Schweiß auf der Stirn. Ich hatte bekommen, was ich wollte. Manchmal, da wird ein Verbot ohne jedwedes Warum zu einem Gelüst. Vielleicht, weil man die Antwort jenseits der Grenze vermutet. Wo all deine Sicherheiten vergänglich sind. Und wo die Zeit ohne jede Gnade waltet. Auf was würde man stoßen, wenn man fragen würde: Warum? Immer wieder: Warum? Was würde man finden? Was würde man sehen? Vielleicht ein Stück der so genannten Realität des Lebens? Vielleicht einen Spiegel? Mein von Entsetzen entstelltes Gesicht entspannte irgendwann. Mein klopfendes Herz beruhigte sich. Ich schaute herab, mir war übel und die drei Henker sahen ein, dass dieses Spiel vorüber war und dass aus ihm nichts mehr herauszuholen sei, was der 21 Inhaltslosigkeit dieses Tages entgegenwirken könnte. Sie zogen ab und suchten sich einen neuen Zeitvertreib.


ELLA von Ninia LaGrande Jeden Morgen sieht die alte Frau Hohenheimer, wie Ella aus dem gegenüberliegenden Haus tritt und müde in den Laden von Herrn Türkmen stolpert, um danach mit einem Fladenbrot, irgendwelchem Obst und einem Kaffee im Pappbecher wieder ins Haus zu gehen. Und jeden Morgen fragt sich Frau Hohenheimer, ob die nette Ella denn keine Kaffeemaschine besitzt, dass sie immer diesen Kaffee aus dem Pappbecher trinken muss. Sie fragt sich auch, ob Ella jeden Tag ein ganzes Fladenbrot isst. Allein. Frau Hohenheimer stellt sich vor, wie Ella sich das ganze Fladenbrot zum Frühstück in den Mund schiebt und dann so aussieht, wie diese afrikanischen Frauen, die Frau Hohenheimer im Fernsehen gesehen hat. Fladenbrotlippe. Ella hat einen Freund. Das weiß Frau Hohenheimer. Frau Hohenheimer weiß überhaupt ziemlich viel über ihre Nachbarn. Seitdem Herr Hohenheimer tot ist, sitzt sie fast nur am Fenster und beobachtet die Straße. Manchmal sagt sie, sie könne ein ganzes Buch darüber schreiben, was auf der Straße so passiert. Es könnte ein Kinderbuch sein, mit dem Kinder lernen, was auf einer Straße eben so passiert. Oder ein Krimi. Oder eine erotische Geschichte. Wenn Ella vergisst, die Vorhänge zu schließen. Das mit dem Buch erzählt sie dann immer ihrer Katze. Die sitzt neben Frau Hohenheimer, direkt auf dem Fensterbrett und heißt Anchovi, weil Frau Hohenheimer so gerne Anchovis mag. Na gut, Ellas Freund also. Ellas Freund heißt Pit. Vielleicht heißt er auch nicht so, aber Frau Hohenheimer nennt ihn so, weil er aussieht wie ein Pit. Pit hat nur einen Arm, aber immer sehr schöne Schuhe an. Er erinnert Frau Hohenheimer ein bisschen an Herrn Hohenheimer, weil der nämlich auch nur einen Arm hatte. Er hat seinen Arm im Krieg vergessen. Das hat Frau Hohenheimer immer gesagt, wenn jemand gefragt hat, wo der Arm ist. Ja, wo soll der denn sein, hat Frau Hohenheimer dann immer gedacht. Der wird ja schlecht noch am Frühstückstisch sitzen. Deswegen fand sie Pit auch gleich sehr sympathisch, als er eines Morgens gemeinsam mit Ella zu Herrn Türkmen reingestolpert ist. Pit trägt immer sehr schöne Sportschuhe. Die sind entweder knallgelb oder ketschuprot oder ozeanblau. Frau Hohenheimer fragt sich, ob Pit Schnürschuhe trägt oder ob das alles Schuhe mit Klettverschluss sind. Denn Herrn Hohenheimer musste sie immer die Schuhe binden, weil er das ja mit einem Arm nicht allein konnte. Und wenn Ella dann mit dem Fladenbrot im Mund vor Pit kniet und die Schuhe zubinden muss, ja, das wäre ja ein Theater. Wo Pit wohl seinen Arm vergessen hat? Wenn Ella eine Kaffeemaschine hätte, dann könnte Pit ihr morgens Kaffee kochen. Das geht ja auch mit einem Arm, denkt Frau Hohenheimer. Deswegen macht Frau Hohenheimer heute etwas ganz Verrücktes. Sie verlässt die Wohnung. Anchovi muss mal ein paar Stunden alleine bleiben. Frau Hohenheimer sieht ziemlich abgedreht aus, wie sie so im Bus sitzt. Das merkt sie, weil die Menschen, die einsteigen und Frau Hohenheimer sehen, sie sehr komisch mustern. Klar. Frau Hohenheimer hat ja auch einen bunten Mantel an und dazu trägt sie den Jägerhut von Herrn Hohenheimer.

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Und der hat eine riesige Feder an der Seite. Mit der Feder könnte sie jedem ein bisschen in der Nase herumkitzeln, der sich hinter sie setzt. Frau Hohenheimer kichert. Oh, und


dann ist es schon soweit. Sie muss aussteigen. Nur noch ein paar Meter und sie ist bei dem Elektrohandel von Herrn Wering angekommen. Herr Wering war ein guter Freund von Herrn Hohenheimer. Die beiden sind oft zusammen zum Kegeln gegangen. Und Herr Wering hat mit Herrn Hohenheimer so lange geübt, bis der alleine mit einem Arm kegeln konnte. Auf der Beerdigung von Herrn Hohenheimer hat Herr Wering statt einem Blumenkranz eine Kegelkugel mitgebracht und an den Sarg gelegt. Frau Hohenheimer hat die Kugel dann mit nach Hause genommen und auf den Küchentisch gelegt. So ist Herr Hohenheimer immer noch ein bisschen da, wenn sie was isst oder einfach nur da sitzt. Jetzt sitzt also wirklich immer Teil von Herrn Hohenheimer am Frühstückstisch. Nun gut, Herr Wering ist natürlich jetzt schon viel zu alt und liegt im Heim am Stadtpark. Das ist auch das einzige, was er da macht. Liegen. Er wartet darauf, dass es irgendwann vorbei ist. So wie andere auf den Bus warten, wartet Herr Wering auf den Tod. Nur dass er dabei weder eine Zigarette rauchen noch lesen kann. Er liegt. Frau Hohenheimer hat ihn mal besucht. Aber die Liegestimmung hat sie so traurig gemacht, dass sie bald wieder gegangen ist. Jetzt führt die Enkelin von Herrn Wering das Geschäft. Die ist sehr nett und packt Frau Hohenheimer fluchs eine Kaffeemaschine ein. Eine ganz normale Filterkaffeemaschine. Weil die nämlich noch richtigen Kaffeeduft verbreitet. Und wenn der Duft dann aus Ellas Wohnung strömt, hat Frau Hohenheimer mit ein bisschen Glück auch etwas davon. Fini, so heißt die Enkelin von Herrn Wering, baut Frau Hohenheimer eine komplizierte Konstruktion aus zwei Plastiktüten, damit Frau Hohenheimer die Kaffeemaschine besser tragen kann. Fini redet ganz viel. Sie erzählt von der Familie und ihrem Freund. Sie klagt, wie schwierig es heutzutage sei, einen Familienbetrieb zu erhalten. Und sie erzählt, dass der große Bruder jetzt in New York wohnt. New York kennt Frau Hohenheimer nur aus dem Fernsehen. Sie stellt es sich aber recht nett vor, dort zu leben. Für Anchovi und sie wär das bestimmt anstrengend, aber für junge Menschen ganz toll. Dann macht sich Frau Hohenheimer ganz aufgeregt auf den Rückweg. Nach der Busfahrt, bei der sie die Maschine zittrig auf ihren Beinen balanciert hat, klingelt Frau Hohenheimer bei Ella. Ella öffnet und ruft gleich: „Ach, Frau Hohenheimer, das ist aber nett. Wie geht es ihnen?“ Und Frau Hohenheimer sagt wie immer, dass es ihr gut geht und dass Anchovi ebenfalls immer gebrechlicher wird. Dann stellt sie die Tüte vor Ellas Füße und strahlt: „Ella, das ist für Sie und Pit.“ „Wer ist Pit?“, fragt Ella und Frau Hohenheimer sagt: „Na, Ihr Freund!“ „Ach, Sie nennen ihn Pit?! Das gefällt mir.“ Dann packt Ella die Maschine aus und ist ganz aus dem Häuschen. Sie freut sich so sehr und Frau Hohenheimer ist froh, dass Ella nicht sagt, dass das ja nicht nötig gewesen sei, weil es nämlich doch nötig war. Beim Abendbrot erzählt Frau Hohenheimer der Kegelkugel und Anchovi von ihrem Ausflug und dass sie die Maschine gleich bei Ella vorbeigebracht hat. Die hat sich so gefreut. Frau Hohenheimer ist jetzt glücklich. Und während sie Butter auf der 23 Brotscheibe verteilt, bildet sie sich ein, dass Anchovi und die Kegelkugel ebenfalls lächeln.


TRAUMFABRIK (Ana –Marija Muhi) vanillekipferl, die an eisenstreben hängen biegen sich - weg vom rost mürbe, warm und weich zerbröseln auf der zunge trotzen jeder zange sind zerbrechlich, kaum zu greifen, unverbrannt. ein metallring fällt auf glänzendes - grau. -springtder hall beißt sich durch eisige luft bleibt klirrend hängen an kindes blauen lippen. maschinen wippen. wippen, wogen, toben sich im überfluss. verdruss verhakt im nimmer muss. es lacht verschließt die augen vertraut dem - beben. macht eis zu glitzerstaub und leckt am leben. ein roter tropfen er trinkt im schnee. tränen rieseln leise als laute perlen hinterher. die kleinen hände sichern flink das murmelspiel. kein reim. der hallenhimmel ein stahlgerüst - geht auf. ein sack zerreißt. schallt auf. schallt aus. und ein. nicht laut. millionen kleiner metallringe -- zeitlupe -schlagen metallisch um das kleine wesen ein. puderzucker auf den wimpern. metallstaub an den füßen. und die perlen aus der hand ins metallgewitter tanzend in dem regen, glaubend an das beben. der faden reisst kein föhn mehr beisst.

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ein kind ein wind dem leben hingegeben. vanilleduft. der harte hall vertönt das weiß, das bleibt, versöhnt. ist perlenkunst - verföhnt. ist stille, lautes dröhnen der maschinen -ist leises kichernes träumt das kind. und atmet ein vanilleluft.

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DER ANRUF von Marc Mrosk Ich war kurz vorm Einschlafen, das Telefon klingelte, ich nahm den Hörer ab und eine männliche fremde Stimme fing an ohne Punkt und Komma zu quatschen: „Also heute früh war ich bei Netto um kurz nach sieben zusammen mit den ganzen Alkis die sich ihren Tagesvorrat holen damit sie später wenn sich schon alles dreht nicht mehr auf die Straße müssen und da kommt so’n Säufer vorm Supermarkt auf mich zu und fragt mich ob ich seine Frau umbringen will und ich denk natürlich der macht Witze und ich nicke noch so und geh weiter und der Typ kommt mir nach und fragt mich noch mal und ich sage ihm er soll mich in Ruhe lassen und er versucht’s wieder und ich frage ihn ob das ein Scherz sein soll und er sagt Nein das ist sein totaler Ernst so ernst wie’n Herzinfarkt und ich sage ihm er soll sich verpissen und er sagt er könnte mir ne Menge Geld dafür zahlen und ich frag ihn wo’n Säufer soviel Geld auftreiben will und er sagt er hätte die Kohle aber ich mache ihm klar das ich kein Interesse hätte und sage ihm er soll seine Alte einfach verlassen statt sie wegzuballern und er sagt das Miststück hätte es nicht anders verdient würde sich durch die ganze Nachbarschaft bumsen und hätte letzte Woche dem Briefträger einen geblasen und würde das ganze Geld versaufen und so weiter und sofort und ich sag ihm das sei nicht mein Problem aber dieser Penner lässt doch wirklich einfach nicht locker und kommt am Ende noch von wegen jetzt müssten wir uns was einfallen lassen weil ich ja nun von seinem Plan wissen würde und so und ich frage Was für’n Scheißplan und er sagt ich wüsste jetzt dass er vorhat seine Frau umzubringen und ich denke mir der Typ blufft eh nur also versichere ich ihm dass ich keinem etwas sagen werde Mann wie bescheuert das klingt und ich will da einfach nur raus weil früher oder später hätte ich mich wahrscheinlich mit dem Typen noch prügeln müssen und er kommt mir die Straße hinterher und ich sage ihm tausendmal dass er sich verziehen soll und er sagt ich solle die ganze Sache vergessen und wenn ich irgendwas in der Zeitung lesen würde dann sollte ich bestimmt nicht die Bullen rufen und ich sage ihm das ich auf keinen Fall die Bullen rufe und er sagt ich soll’s schwören und da reicht es mir und ich nur so ich schwöre das deine Alte dem Briefträger einen geblasen hat und er bleibt wie vom Blitz getroffen stehen überlegt kurz zeigt mir den Mittelfinger und ruft mir nach das ich für’n Mörder sowieso ne viel zu verweichlichte Schwuchtel wäre ist das zu glauben Mann zieh dir das rein“. Klick. Und legt auf.

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IHRE STIMME ABGEGEBEN HABEN TOBIAS KUNZE *1981, hat soeben als Performance-Poet, Rapper, Autor, Moderator und Veranstalter seinen 1000sten Auftritt hinter sich gebracht und war neben Deutschland schon lesend in Paris, Reims, Luxemburg, Bozen, Tallinn, Tartu, Ischewsk, Straßburg, Basel und Wien unterwegs. In Hannover ist er bekannt als Teil der Lesebühne Nachtbarden (im TAK) sowie der Rap-Band BIG TUNE.

MICHAEL BRESSER 1971 in Gladbeck geboren. Heute betreibt er eine Schweinzucht in Hannover. Sein Eber Guido wird sich in Kürze bei Germany’s-Next-Top-Animal einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.

MAX LÜTHKE Geboren 1971 in Oldenburg. Studium der Germanistik und Geschichte in Münster und Hannover. Veröffentlichungen in diversen Anthologien, Erfinder des „Event-Autors“ (maßgeschneiderte Geschichten für spezielle Anlässe), Lesungen auf den Lesebühnen in Hannover und Umland, Lektor für den Verlag Andreas Reiffer. Nach „Von Mädchen und anderen Monstern“ (Kurzgeschichten) ist „Fußballfans“ sein zweites Buch. Max Lüthke lebt in Hannover/Linden-Nord.

SEBASTIAN WIPPERMANN Lebt unter Menschen seit 1986. Derzeit Alibistudent obskurer Studiengänge. Wohnt und schreibt in Hildesheim und gibt das auch öffentlich zu. MAIK GERECKE 1983 in Hannover geboren. Aufgewachsen und "sozialisiert" im Stadtteil Misburg. Nach der Hauptschule und dem sozialen bzw. psychologischen Verfall schließlich Abitur an der IGS-Linden. Später Studium der Philosophie und Sprachwissenschaften in Göttingen. Lebt zurzeit in Berlin und studiert Philosophie in Potsdam. Veröffentlicht Prosa in Anthologien und Magazinen.

NINIA LaGRANDE (*1983) lebt in Hannover. Sie arbeitet als Social Media Managerin und reist in ihrer Freizeit durchs Land, um auf Poetry Slams aufzutreten. Manchmal gewinnt sie. Ninia bloggt über das Leben, Feminismus und Kunst in allen Varianten. Sie schreibt Großstadtgeschichten und ErwachsenenMärchen, kauft zu viele T-Shirts und ist heimlich in Darkwing Duck und Batman verliebt. In Göttingen veranstaltet und moderiert sie die Lesebühne „acrobat readers“. Außerdem hat sie einen ausgezeichneten Musikgeschmack und besucht im Sommer gerne Festivals.

ANA-MARIJA MUHI Jahrgang ‚78. Lebt und arbeitet als Freie Autorin und Fotografin in Hannover. http://anna-maria-muhi.jimdo.com

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