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WAS HIER DRIN IST, VERÄNDERT DEIN LEBEN.


EDITIORIAL

BILD JENNIFER FEY


EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser, mal ehrlich: Welche Erfinderinnen kennen Sie? Die meisten Menschen, denen wir in den vergangenen Monaten diese Frage gestellt haben, mussten passen oder nannten ein, zwei. Unglaublich, denn viele Erfindungen gehen auf Frauen zurück. Viel zu oft bleiben sie allerdings im Hintergrund, und das bis heute. Erfinderinnen bekommen oft nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Wir finden: Erfinderinnen gehören auf die Bühne. Und die geben wir ihnen. Denn der 25-Frauen-Award von EDITION F dreht sich in diesem Jahr um „25 Frauen, deren Erfindungen unser Leben verändern“. Mehr als 500 Nominierungen sind bei uns eingegangen. Aus 50 Nominierten wurden 25 Gewinnerinnen. Vorgeschlagen wurden sie von ihren Partnern, Freunden und Verwandten, von ihren Kollegen, Vorgesetzten oder Mitarbeitern. Und von Menschen, die von ihrer Leistung und ihren Ideen beeindruckt waren, auch ohne sie persönlich zu kennen. Es hat sich auf eindrucksvolle Weise bestätigt, was wir schon ahnten: Da draußen gibt es wahnsinnig viele

Frauen, die mit ihren Ideen, ihren Produkten, ihrem Know-how und dem Willen, den Status Quo in Frage zu stellen, unser Leben beeinflussen und verändern. Sie eröffnen uns neue Perspektiven, erleichtern uns den Alltag und tragen dazu bei, dass wir morgen ein anderes, besseres Leben führen können. Was unsere Nominierten und Gewinnerinnen zeigen ist, dass Erfinderinnen überall zu finden sind: Denn sie sind Forscherinnen, Unternehmerinnen oder Künstlerinnen. Wir sind froh, dass wir die Suche nach ihnen gewagt haben – denn, wenn wir zukünftig die Frage stellen, welche Erfinderinnen Sie kennen, haben Sie mindestens 25 Antworten parat. Dass wir dies möglich machen konnten, liegt natürlich auch an ganz besonderen Partnern: Ein großer Dank gilt wie in allen Jahren nicht nur unserer Jury und unserer Community, sondern natürlich auch unseren Unterstützern She‘s Mercedes, L.O.V, McKinsey & Company, Stepstone, SIEMENS, next47, Jake*s, Amazon Web Services, Kienbaum, MAHLE und der HypoVereinsbank - UniCredit Bank AG. Ihnen und uns ist viel daran gelegen, Erfinderinnen sichtbarer zu machen.

Herzlichst, Susann Hoffmann & Nora-Vanessa Wohlert


Inhalt

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UNSERE JURY Diese schlauen Köpfe haben dieses Jahr mitentschieden

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WAS WIR SCHON IMMER WISSEN WOLLTEN 25 Fragen an die Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries

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KENNT IHR SCHON? Alice Grindhammer: Baut einen Prototyp für eine bessere Welt

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WETTEN IHR KÖNNT NICHT MEHR ALS 3 NENNEN? 10 Erfinderinnen, die jeder kennen sollte


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KÖNNEN AUTOS BALD FLIEGEN? 25 Fragen an die Leiterin Marketing-Kommunikation bei Mercedes-Benz, Katja Ohly-Nauber

GEHT JA GAR NICHT. Warum schon kleine Mädchen denken, nicht schlau zu sein

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GEWINNERINNEN 2017 25 Frauen, deren Erfindungen unser Leben verändern

58

DIE FRAU, DIE UNSERE LESERINNEN UND LESER LIEBEN Cordula Nussbaum: „Es gibt nicht den einen Weg, sondern nur deinen ganz eigenen“

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KENNT IHR DEN MINI-ME-BIAS? 25 Fragen an Julia Sperling, Partnerin bei McKinsey & Company

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IMPRESSUM

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25 FRAUEN

Redakteurin beim Handelsblatt

Carina Kontio ist Redakteurin im Unternehmensressort des Handelsblatts

Brigitte Zypries Bundesministerin für Wirtschaft und Energie

ist der Meinung, dass wir in Deutschland in der Forschung und Entwicklung bereits sehr gut seien. Allerdings gibt sie zu bedenken: „Das allein reicht heute nicht mehr: Neue Geschäftsmodelle, neue Dienstleistungen, neue Nutzungskonzepte – moderne Innovationspolitik muss ein vielfältiges Ideenspektrum adressieren.“

dustrie. Aufgrund seiner Aktivitäten im Bereich der neuen Technologien, digitalen Kultur und Kunst ist er seit 1997 in die Ars Electronica, einer internationalen Plattform für digitale Kunst und Medienkultur involviert. Derzeit leitet er den Bereich Forschung und Innovation im Ars Electronica Futurelab und ist neben Beratungstätigkeiten für die Industrie und Regierungseinrichtungen auch als Lehrbeauftragter an verschiedensten Universitäten tätig. Für Lindinger erzeugt wahre Innovation „Verschiebungen unserer Perspektiven, lässt uns neu auf Bekanntes blicken und bringt uns als Gesellschaft nachhaltig voran.“

„Wahre Innovation erzeugt Verschiebungen unserer Perspektiven, lässt uns neu auf Bekanntes blicken und bringt uns als Gesellschaft nachhaltig voran.“

Domenika Ahlrichs stellvertrende Chefredakteurin WIRED

Christopher Lindinger

© Karsten Lemm

Leiter des Bereichs Forschung und Innovation im Ars Electronica Futurelab

Brigitte Zypries ist seit diesem Jahr Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Die studierte Rechtswissenschaftlerin war unter anderem wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht und Staatssekretärin im niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales. Mitglied des Bundestages ist Zypries seit 2005. Sie

© Mara

Carina Kontio

und dort neben digitalen Sonderthemen für Leader.In verantwortlich. Leader.In ist ein Businessnetzwerk, das zum Ziel hat, weibliche Führungskräfte in Politik und Wirtschaft zu fördern sowie einflussreiche Frauen und Männer zu vernetzen, um so die Innovations- und Wirtschaftskraft Deutschlands zu stärken. Als Mitglied der Initiative „Women in Digital“ hat es sich die ehemalige Financial-Times-Deutschland-Journalistin zum Ziel gesetzt, die Sichtbarkeit von Frauen aus der Digitalbranche zu erhöhen und sie miteinander zu vernetzen. Laut Kontio brauchen Innovationen „findige Querdenker und rebellische Nonkonformisten und nicht noch mehr Ellbogentypen“.

Christopher Lindinger studierte Informatik an der Johannes Kepler Universität Linz und Kulturmanagement in Salzburg. Er arbeitete als Wissenschaftler im Bereich der Supercomputervisualisierung in Chicago und freiberuflich für die Computerspielein-

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Dr. Beatrix Natter machte ihren Doktor in Ingenieurwissenschaften und arbeitete daraufhin in den National Laboratories in Chicago. Kurz darauf zog es sie für eine Stelle wieder zurück nach Deutschland, um bei Siemens zu arbeiten. Nach einigen Wechseln innerhalb des Unternehmens und seinen Standorten in Deutschland ist sie nun als CEO für Siemens Transformers. Innovation ist für sie „der eigentliche Kern und Sinn des Unternehmertums. Innovation erfordert eine präzise Kenntnis der Märkte und Kunden sowie den Mut Neuland zu betreten. Voraussetzung für erfolgreiche Innovation ist eine offene und Irrtum-tolerante Unternehmenskultur.“

© Handelsblatt

JURY

© HL Studios

CEO Siemens Transformers

© Gerd Seidel

Dr. Beatrix Natter

Domenika Ahlrichs ist stellvertretende Chefredakteurin bei WIRED, einem Tech-Magazin, das über Technologie, Digitalkultur, Wissenschaft, Business und Design berichtet. Davor war Ahlrichs als stellvertretende Chefredakteurin bei Zeit Online, Chefredakteurin der Netzeitung und Mitglied der Chefredaktion der Berliner Zeitung tätig. In ihrer Arbeit treibt sie ihr Interesse für Innovation und Menschen an,


JURY

Schrittchen, aber keine wirkliche Innovation.”

die die Welt von morgen mitgestalten wollen und Etabliertes hinterfragen. Dementsprechend werden laut Ahlrichs Innovationen durch Menschen ermöglicht, „die um die Ecke denken können”.

durch Frauen gesichert wird: „Hochqualifizierte Frauen sind das wichtigste Wachstumspotenzial der Wirtschaft.“

„Hochqualifizierte Frauen sind das wichtigste Wachstumspotenzial der Wirtschaft.“

Professorin Dr. Insa Sjurts Präsidentin und Geschäftsführerin der Zeppelin Universität

führenden Kommunikations-Agentur Scholz & Friends. Nora arbeitete unter anderem in der Redaktion von fischerAppelt, bei Roland Berger und für unterschiedliche Publikationen. Die beiden lieben „Innovationen, die sich selbstverständlich in den Alltag integrieren und diesen leichter machen.”

Susann Hoffmann & Nora-Vanessa Wohlert Gründerinnen von EDITION F

Stephanie Bschorr

„Innovation ist vor allem eine Frage des Mutes. Und zwar des Mutes, auf die eigene Inspiration zu hören.“ Simone Reif Geschäftsführerin StepStone

© Henning Scheffen

Stephanie Bschorr ist seit 2004 Mitglied im Verein deutscher Unternehmerinnen (VdU) und seit April 2012 dessen Präsidentin. Außerdem engagiert sich sie sich im Vorstand der Stiftung Berliner Dom, ist Kuratorin der Stiftung „Kinder in Not“ und Mitglied der „Gesellschaft der Vereinten Nationen”. 2017 beschäftigte sich Stephanie Bschorr besonders mit dem Women20 (W20) Dialogprozess, zu dem der VdU, gemeinsam mit dem deutschen Frauenrat, von der Bundesregierung beauftragt wurde. Die Hauptzielsetzung der W20 ist es, die wirtschaftliche Stärkung von Frauen zu einem integralen Bestandteil der G20-Prozesse werden zu lassen. Stephanie Bschorr glaubt, dass die Innovationskraft der Unternehmen

Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert gründeten vor drei Jahren gemeinsam EDITION F, das digitale Zuhause für starke Frauen und ihre Freunde. Die Plattform bietet authentische und persönliche Artikel im Magazin, spannende Perspektiven in der Jobbörse und interessante Köpfe in der Community sowie Vernetzungsoptionen auf Events. Ab September 2017 erweitert die FEMALE FUTURE FORCE Academy die Inhalte von EDITION F, das 52-wöchige Coaching-Programm. Gestartet im Sommer 2014 erreicht EDITION F mittlerweile über 600.000 Unique User pro Monat. Susann und Nora lernten sich bereits vor acht Jahren kennen und arbeiteten zuletzt zusammen bei Gründerszene. Susann baute für den Dachverlag Vertical Media die Kommunikation auf, Nora war Redaktionsleiterin des Online-Magazins. Zuvor arbeitete Susann über vier Jahre als Strategieund PR-Beraterin bei der

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Professorin Dr. Insa Sjurts ist seit 2015 die Präsidentin und Geschäftsführerin der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, an der sie zudem den Lehrstuhl für strategisches Management und Medien inne hat. Hierbei konzentriert sie sich auf die strategischen Handlungsmuster von Medienunternehmen in Zeiten der Digitalisierung und den Herausforderungen durch Hyperwettbewerb (Wettbewerb, alle gegen alle) und Coopetition (die Gleichzeitigkeit von Kooperation und Konkurrenz zwischen Organisationen). Sjurts beschäftigt sich zudem mit Stolpersteinen und Erfolgsfaktoren insbesondere von Frauenkarrieren in der Medienbranche. Laut Sjurts kann wirkliche Innovation nur entstehen, wenn Mut und die Bereitschaft das „Scheitern aushalten zu können” bestehen, denn ansonsten „gibt es bestenfalls kleine

© Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU)

© Lorenz Widmaier

© Jennifer Fey

Präsidentin Verein deutscher Unternehmerinnen

Simone Reif ist Geschäftsführerin bei der E-Recruiting-Plattform StepStone.de, deren erklärtes Ziel es ist, dass Menschen genau den Job finden, den sie wirklich haben möchten. Seit 2003 arbeitet Reif für StepStone, seit 2011 ist sie dort Geschäftsführerin. Nach dem Studium der Sozialwirtschaft in Kiel, beriet sie mehr als 15 Jahre lang Unternehmen bei deren Vertriebsarbeit, unter anderem Provinzial, Allianz und Dresdner Bank. Innovation ist für


25 FRAUEN

auf den Markt bringen und exportieren. Frauen leisten darin ebenso ihren Beitrag wie ihre männlichen Kollegen, erfahren oft jedoch weniger Sichtbarkeit.“

© Franz Wamhof

JURY

Leiterin Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung

Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) und ist Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und Technologiemanagement am Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation am Karlsruher Institut für Technologie. Den Schwerpunkt ihrer Arbeit bildet das Management von Innovationen. Außerdem ist sie Mitglied des Gesprächskreises „Wirtschaft und Innovation“ des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Sie sagt: „In Deutschland haben wir eine ausgeprägte Innovationskultur, die bestimmt ist von einer schnellen Vernetzung und unserer Art und Weise, wie wir Produkte entwickeln,

© Sachverständigenrat

Professorin Dr. Marion Weissenberger-Eibl

Prof. Dr. Lars Feld ist seit 2010 Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Sein Schwerpunkt liegt auf Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik. In den Jahren 2014 und 2016 war er Mitglied der Expertenkommission „Stärkung von Investitionen in Deutschland“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Von 2005 bis 2012 war er federführender Herausgeber der „Perspektiven der Wirtschaftspolitik” und von 2007 bis 2009 Präsident der European Public Choice Society. Unter Innovation versteht Feld „die wirtschaftliche Umsetzung neuer, glänzender Ideen, die Marktgängigkeit von Erfindungen.“

„Traut euch, neue Ufer zu betreten, wir können nur gewinnen!“

© ZDF_2FWilhelm Böhmer

Die studierte Publizistin und Soziologin Sybille Bassler zeichnet sich durch ihr journalistisches Engagement für Frauen und Kinder aus. Mit dem Gesellschaftsmagazin „ML mona lisa - Frauen, Männer und mehr“ des ZDF, bei dem sie die Redaktionsleitung inne hat, aber auch ihren Reportagen für das ZDF, Arte, 3sat und ZDFinfo thematisiert sie Gewalt gegen Kinder und Frauen. Für ihr Engagement wurde ihr der Freundschaftsorden des Ritterordens „Der Greif“ verliehen. Innovation bedeutet für Bassler den Aufbruch „in fremde Welten, in spannende Zeiten und unbekannte Räume.“ Außerdem brauche Innovation Mut, deswegen rät sie: „Traut euch, neue Ufer zu betreten, wir können nur gewinnen!“ Hannah Scherkamp Redakteurin Gründerszene

© Nadia Amelie Witte

Universitätsprofessor an der Albert-Ludwigs Universität

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Professor Dr. Lars Feld

Sybille Bassler Redaktionsleiterin ML Mona Lisa - Frauen, Männer und mehr

Hannah Scherkamp schreibt als Redakteurin für Gründerszene.de und verantwortet als leitende Redakteurin ngin-food.de. Beide Online-Magazine werden von dem Digitalverlag Vertical Media herausgegeben. Vor ihrer Tätigkeit bei Vertical Media besuchte Hannah Scherkamp die Deutsche Journalistenschule in München und verantwortete die Seite pressekompass.net. Für sie bedeutet Innovation „Fortschritt durch Kreativität, Weitblick und Tatendrang.“ Fabian Kienbaum Geschäftsführender Gesellschafter von Kienbaum

© Dirk Lambach

Simone Reif „vor allem eine Frage des Mutes. Und zwar des Mutes, auf die eigene Inspiration zu hören. Oft wissen wir intuitiv, wie wir mit neuen Ansätzen erfolgreich sein können. Nur wer es in diesen Momenten wagt, dem eigenen Instinkt zu vertrauen, kann innovativ sein.“

Fabian Kienbaum ist geschäftsführender Gesellschafter von Kienbaum, einer familienund partnergeführten Beratungsgesellschaft. Kienbaum selbst möchte das Familienunternehmen in die digitale Zukunft bringen. Das versucht er einerseits mit einer Digitalstrategie als auch den Kooperations- und Beteiligungsgeschäften mit Startups. Bei seinen Beratungen versucht er den Mensch samt der Organisation ins Zentrum zu stellen. Hierzu gehört auch der Service „Female Desk“, der sich mit Frauen in Führungspositionen


JURY

befasst. Innovation bedeutet für Kienbaum „Dinge neu zu sehen und anders zu machen. Das Rad nicht zwangsläufig neu zu erfinden, aber ihm einen anderen Spin zu geben. Innovation braucht und schafft Inspiration.“

Maria Exner

© Michael Heck für ZEIT ONLINE

Stellvertretende Chefredakteurin Zeit Online

Maria Exner studierte Kultur und Stadtsoziologie an der London School of Economics, Modejournalismus in München und Journalismus in Berlin. Seit 2015 ist sie stellvertretende Chefredakteurin von Zeit Online. In dieser Position betreut sie redaktionelle Sonderprojekte und multimediale Formate. Außerdem versucht sie, die Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Verlag zu stärken. Bevor Exner angefangen hat für Zeit Online zu arbeiten, schrieb sie für Welt am Sonntag und die Financial Times Deutschland.

ʻʻI was told women didnʼt go into chemistry. I saw no reason why we couldnʼt.ʼʼ GERTRUDE B. ELION


ʻʻThere is no limit to what we, as women, can accomplish.ʼʼ MICHELLE OBAMA


25 FRAGEN AN B RIGITTE ZYPR I E S BUN DE SMINISTE RIN F ÜR WIRTSCHAFT UN D EN E R G I E

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© Susie Knoll

GEWINNERINNEN


25 FRAUEN

1.

WAS WAR FRÜHER BESSER? „Nicht viel, aber vor allem für Frauen war gar nichts besser.“

HABEN SIE LUST AUF EIN EIGENES STARTUP? „Wieso nicht? Nach der Bundestagswahl habe ich wieder mehr Zeit … Warten Sie‘s ab.“

3.

ODER EINEN FLUG ZUM MOND? „Nein, viel lieber würde ich endlich mal eine deutsche Astronautin im All sehen.“

INTERVIEW TERESA BÜCKER BILD SUSIE KNOLL

4.

„Ich habe schon viele junge Gründerinnen kennengelernt, die großartig waren, im Thinking big.“

AUF WELCHE ERFINDUNG WARTEN SIE SCHON, SEITDEM SIE DENKEN KÖNNEN? „Auf eine, die Hunger, Krieg und Terror in der Welt beendet.“

5.

HABEN SIE SELBST AUCH SCHON MAL ETWAS ERFUNDEN? „Nichts Technisches, aber zum Beispiel das neue Verfahren beim Versorgungsausgleich.“

6.

WAS KANN EINE WIRTSCHAFTSMINISTERIN, WAS EIN WIRTSCHAFTS-MINISTER NICHT KANN? „Zeigen, dass Wirtschaft eben keine Männersache mehr ist.“

Brigitte Zypries ist seit Januar 2017 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie und damit die erste Frau in dieser Position. Sie

7.

ist bereits seit 2014 Koordinatorin der Bun-

SIND FRAUEN GRÖSSENWAHNSINNIG GENUG? „Meine Erfahrung: Frauen sind Pragmatikerinnen. Das hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass sie häufig nicht nur das eigene Leben, sondern auch noch das einer Familie organisieren müssen. Doch ich habe schon viele junge Gründerinnen kennengelernt, die großartig waren im, Thinking big‘.“

desregierung für Luft- und Raumfahrt und war Parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, bis sie die Leitung übernahm. Mitglied des Bundestages ist die studierte Rechtswissenschaftlerin seit 2005, von 2002 bis 2009 war sie Bundesministerin der Justiz. Die SPD-Politikerin wird im September 2017 nicht mehr zur Bundestagswahl antreten.

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25 FRAGEN AN BRIGITTE ZYPRIES

2.


ANZEIGE

25 FRAGEN AN…

8.

WELCHE FRAU FINDEN SIE LUSTIG?

„Anke Engelke.“

9.

IST ES EGAL OB EIN MANN ODER EINE FRAU DEUTSCHLAND REGIERT? „Ja, denn bei der Kanzlerin beziehungsweise dem Kanzler kommt es vor allem auf gute politische Entscheidungen an.“

10.

WELCHE FRAU KÖNNTE DEN JOB DER BUNDESKANZLERIN NOCH MACHEN? „Da fallen mir einige gute SPDPolitikerinnen ein, die das könnten.“

11.

WIE FANDEN SIE EIGENTLICH DIE KRAWATTENPFLICHT IM BUNDESTAG? „Ich war froh, davon nicht betroffen zu sein.“

12.

REGEN SIE SICH MANCHMAL ÜBER DIE EIGENE PARTEI AUF? „Und ob! Ich rege mich manchmal ja auch über meine Freunde auf.“

13.

MIT WEM STREITEN SIE AM LIEBSTEN? „Mit guten Freunden.“

14.

WAS IST IN BERLIN IHR LIEBLINGSORT? „Da, wo ich mit Freundinnen in Ruhe sitzen, essen und lachen kann.“

16.

22.

17.

23.

WIE VIELE STUNDEN SCHLAF BRAUCHEN SIE, UM MORGENS GUT DRAUF ZU SEIN? „Sieben Stunden sind prima, aber auch nach weniger bin ich gut drauf.“

WAS KANN MAN VON IHNEN LERNEN? „Nicht lange zaudern, sondern machen.“

18.

HABEN SIE ANGST VOR AUSLÄNDERN? „Nein. Ich bin vor allen Dingen neugierig darauf, was mir Menschen aus anderen Kulturkreisen zu erzählen haben.“

19.

VOR DER AFD? „Auch nicht – Angst ist da keine Kategorie. Wir müssen die Auseinandersetzung suchen und mit den Anhängern der AfD ins Gespräch über die richtigen Wege für die Zukunft kommen.“

20.

IST 60 DAS NEUE 30? „Ne, man soll auch zu seinem Alter stehen, ,Berufsjugendliche‘ finde ich furchtbar.“

21.

IN WELCHEN ALTER HABEN SIE GEMERKT, DASS EINE POLITIKERIN IN IHNEN STECKT? „Für mehr Gerechtigkeit habe ich mich schon als Schulsprecherin eingesetzt.“

15.

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UND IN DARMSTADT? „Das Rühmann‘s, gleich um die Ecke meiner Wohnung dort.“

WIRD MAN EIN NEUER MENSCH, WENN MAN MIT DER POLITIK AUFHÖRT? „Hoffentlich nicht! Ich habe in der Politik immer entlang meiner Überzeugungen und Einstellungen gehandelt, da muss sich nichts ändern.“ WIE HEISST IHRE BESTE FREUNDIN? „Privat bleibt privat.“

24.

WAS IST IHRE BOTSCHAFT AN ALLE FRAUEN? ,Ein Teil allen Talents ist die Courage‘, ein Zitat von Bertolt Brecht.

25.

“UND AN DIE MÄNNER? „Einfach mal die Frauen machen lassen.“


25 FRAUEN

TEXT HELEN HAHNE BILD ALEXANDER STEFFENS

ALICE GRINDHAMMER BAUT EINEN PROTOTYP FÜR EINE BESSERE WELT

PORTRÄT

Alice Grindhammer war 2016 eine der Gewinnerinnen der „25 Frauen, die unsere Welt besser machen”. Ihr neuestes Projekt: eine alte Lagerhalle in Neukölln, in der nun an einer besseren Welt gebastelt wird. Ein Hausbesuch.

Es geht auch anders!

Berlin im November 2016. Wir treffen uns an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln. Die Hermannstraße

ist wahnsinnig laut und liegt in dem Teil von Neukölln, in dem noch der tiefergelegte BMW und nicht das neueste Kinderwagenmodell Statussymbol Nummer eins ist. An eine „Werkstatt der Nachhaltigkeit” denkt man hier erst einmal nicht. Genau das soll Alice Projekt „Agora Rollberg” aber sein. Die Halle steht auf dem Gelände der ehemaligen, teilweise noch erhaltenen Kindl-Brauerei. Direkt vorn an der Hermannstraße liegt die ehemalige Schankstube. Um von dort aus zum Rollberg zu gelangen, müssen wir aber erst einmal ein kleines Einkaufszentrum, das von 1960er-Jahre-Baucharme strotzt, sowie das Arbeitsamt, das sich um die rund 10.000 Arbeitslosen in Neukölln kümmert, durchqueren. Erst

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Alice Grindhammer ist eine der 25 Frauen, die wir 2016 für ihr Engagement für eine bessere Welt ausgezeichnet haben. Ihr Herzensthema: Nachhaltigkeit. Ihr Weg dahin? Erst einmal eher untypisch: Studiert hat sie nämlich Politikwissenschaften und Soziologie im Bachelor und European Business mit Schwerpunkt auf „Finance” im Master. Schon immer war sie kritisch gegenüber dem vorherrschenden Wirtschaftssystem und wollte verstehen, wie es funktioniert, um es verändern zu können. Das ist nun fast zehn Jahre her.


PORTRÄT

Es war einmal ein großer Berliner Miethai ... Vor der Halle angekommen, erklärt sie mir das Konzept. Bereits hier draußen findet die Grundidee vom Agora-Rollberg Anwendung: Der Platz, früher verschlossen, ist nun von allen Seiten zugänglich, ein bisschen wie ein zentraler Marktplatz. Auch die Stadt hat hier investiert. Das Rollberg-Gelände soll nämlich zur Aufwertung der Nachbarschaft dienen – dank Alice und ihrem Mitgründer ausnahmsweise nicht durch teure Eigentumswohnungen. Die Geschichte, wie Alice, ihr Mitgründer Simon und das Team des Agora Collectives die Halle kaufen konnten, gleicht deshalb auch einem modernen Großstadtmärchen: Im ersten Schritt wurde ihr Kaufangebot von einem bekannten Berliner Immobilienentwickler ausgestochen. Über ihr Agora-Netzwerk bekamen sie dann aber den Kontakt zur Schweizer Edith-MaryonStiftung, die sich gegen Immobilienspekulationen einsetzt. Gemeinsam mit der Stiftung konnte das Agora-Collective das Gebäude dann doch noch kaufen. Ein echter Sieg gegen die Miethaie dieser Stadt. Das war Ende letzten Jahres. Seitdem ist viel passiert: Die Halle musste erst einmal entrümpelt und saniert werden – kein leichtes Unterfangen, wenn das oberste Ziel heißt, so wenig Müll wie möglich zu hinterlassen. Im Laufe der Zeit sollen noch zwei Etagen aufgestockt werden. Das Grundprinzip dabei: zirkuläres, also nachhaltiges Bauen.  „Die Baubranche in Deutschland ist für über 60 Prozent des Mülls verantwortlich. Der größte Teil wird nicht recycelt. Das heißt, einfach gesagt: Häuser sind die Müllhalden von morgen. Da haben wir uns die Frage gestellt, ob man ein Haus nicht auch als Ressourcenlager betrachten kann? Kann man ein Haus so bauen, dass man Teile davon bei Bedarf wieder rauslösen und woanders neu verwenden kann?“

Nachhaltigkeit mitten in der Stadt Genau dafür soll das Agora-Rollberg ein Versuchslabor werden. Hier soll nachhaltiges Wohnen und Arbeiten verbunden werden. Ateliers für Künstler gibt es bereits, bald soll es auch noch ein Café geben. Gebaut werden soll – und wird auch schon – so viel wie möglich selbst. „Seit zwei Monaten sind wir vor Ort. Wir bauen ganz viel selber, zum Beispiel unsere Tische, das ganze Büro. Weil wir versuchen selbst zu entwickeln, was es eigentlich heißt zirkulär oder nachhaltig zu bauen, Materialien so einzusetzen, dass es ganz wenige Verschnitte gibt, ganz wenige Schrauben, wenig Verklebtes, sodass man Dinge wieder auseinanderbauen und anders zusammensetzen kann. Wir wollen ja auch, dass unsere Architekten später die Aufstockungen auf die Lagerhalle, nachhaltig bauen. Diesen Monat machen wir auch einen Workshop mit einer großen Architekturfirma zu dem Thema.“ Dieser Workshop findet im Rahmen einer sechswöchigen „School for Circular Practices” statt. Eineinhalb Monate lang fanden im Rollberg Veranstaltungen zu den Themen: Ernährung, Habitat, Finanzierung, Verkauf, Kleidung, Open Source, Diversity und Community statt – denn, so die Idee hinter Alice Projekt, nur wenn all diese Bereiche intersektional miteinander gedacht werden, kann ein nachhaltiges System Anwendung finden und in der Welt wirklich etwas verändert werden. Gebraucht wird dabei jeder, der Lust hat: „Wir wollen von Anfang an die Türen öffnen”, erklärt Alice. „Die Leute sollen nicht nur professionell angesprochen werden, sondern auch ein Erlebnis haben, persönlich berührt werden von einem Thema, weniger Druck empfinden und eine persönliche Motivation für Veränderung entwickeln, während sie sich mit dem Rest der Community verbunden fühlen können.” Am Beispiel des Programms lässt sich gut erkennen, welchen Beitrag das Team um Alice zu einer nachhaltigen Zukunft leisten kann.  „Wir wollen die finanziellen Aspekte sowie die operativen Aspekte transparent machen und gleichzeitig die möglichen positiven Auswirkungen aufzeigen. Beide Aspekte gebündelt, ich glaube, das gibt es noch sehr selten. Warum machen Leute keine eigenen Projekte? Weil die finanziellen Barrieren sehr hoch sind. Weil

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dahinter liegt der Teil des Geländes, auf dem die Halle steht, in der eine bessere Zukunft entstehen soll. Auf dem kurzen Weg zum Rollberg schafft Alice es, mir einen Vortrag über das Brauwesen zu halten, mir die Struktur des Stadtteils zu erklären und zu berichten, wie die Halle durch den Kauf der Schweizer Stiftung „Edith Maryon“ der Spekulation entzogen werden konnte. Die Stiftung macht nun eine 100-jährige soziale, kulturelle und ökologische Nutzung möglich – aus jedem Satz von Alice sprüht Begeisterung. Es macht Spaß zuzuhören, ihr Tatendrang ist ansteckend.


25 FRAUEN

Alice und ihrem Team geht es also um ein gemeinsames Lernen – von dem auch sie selbst nicht ausgeschlossen sind: „Man merkt mit jedem Schritt, wie schwer nachhaltiges Leben ist: Egal, ob man jetzt Klamotten kauft, was isst oder trinkt, es entsteht permanent auch Müll. Da versuchen wir genauer hinzuschauen und herauszufinden, wie wir konsumieren und produzieren müssten. Ich glaube, es ist wichtig, von einer positiven Seite an das Thema ranzugehen, kleine Erfolgserlebnisse, weil es wirklich unglaublich schwer ist.“

PORTRÄT

Aber, wie nachhaltig lebt Alice eigentlich selbst? „Meine Frau scherzt oft darüber, dass ich im Winter immer total strahle, wenn ich meinen Mantel anziehe, der vor Jahren einer meiner letzten Neukäufe war und den ich immer noch sehr liebe. Ansonsten erbe ich sehr viel von meiner Schwägerin und als Lesbe habe ich natürlich den Vorteil, die Garderobe meiner Frau nutzen zu können. Da schaffe ich es mittlerweile häufig, tatsächlich zirkulär zu leben.“ Sie gesteht aber auch ihre eigenen Schwachpunkte ein: „Wenn ich mir meinen Müll zuhause anschaue, sehe ich, dass, obwohl ich ein Bewusstsein dafür habe und in dem Bereich arbeite, am Freitagnachmittag trotzdem zwei volle Mülltüten vor mir stehen. Wie kann das sein?” Daran will die junge Gründerin unbedingt arbeiten. Deshalb wird Alice selbst zu dem NachhaltigkeitsVortrag gehen. Ein nachhaltiges Wirtschaftssystem – Geht das überhaupt? Projekten, die ein nachhaltiges Wirtschaftssystem durchsetzen wollen, wird oft Realitätsferne vorgeworfen. Solche Dinge mögen vielleicht im Kleinen funktionieren, sind im Großen aber zum Scheitern verurteilt. Den Vorwurf kann man Alice und ihrem Team nur schwer machen. Im Agora Rollberg sollen im kleinen Prototypen geschaffen werden, die dann, dank des Open-Source-Gedankens und mit Hilfe der Community, in die ganze Welt getragen werden. Der Rollberg ist dabei eine Metapher, eine Werkstatt der Nachhaltigkeit.

„Wir haben einen 2.000 Quadratmeter großen Prototyp, alles was wir uns überlegen, können wir direkt ausprobieren, umsetzen und sichtbar machen – natürlich werden wir dabei auch oft scheitern, aber das ist ok.“ Das Besondere an Alice ist auch, dass sie große Unternehmen nicht als Feind sieht, dazu haben sicherlich auch ihre Erfahrungen in einem großen Berliner Recyclingunternehmen beigetragen, für das sie nach dem Studium mehrere Jahre gearbeitet hat. Zu Beginn hat sie dort Zu- und Verkäufe in Süd-West-Europa begleitet, ist dann Assistentin des Vorstands in Deutschland geworden, hat für diese Problemfelder des Recyclings analysiert und Konzepte entwickelt, wie man diese Probleme lösen kann. Dann hat sie, gemeinsam mit einem Kollegen, dem Vorstand vorgeschlagen eine eigene Abteilung für Waste-Management und Recycling im Mittleren Osten aufzubauen. Dort war sie zwei Jahre tätig, war viel in der Golfregion und in Krisengebieten wie Afghanistan und Pakistan, wo sie die Entsorgung von Sonderabfällen organisiert haben. In Ländern wie Jordanien und Tunesien hat sie außerdem Infrastrukturprojekte geleitet. In dieser Zeit hat Alice auch gelernt, Verantwortung für finanzielle Aspekte zu tragen: Wie setzt sich eigentlich ein Umsatz zusammen? Welche Kosten fallen darunter? Ab wann rechnet sich ein Projekt? Dieses Wissen hilft ihr und ihrem Team jetzt bei ihrem eigenen Projekt sehr. Alice ist viel rumgekommen. Sie weiß, was realistisch möglich ist. Und das scheint viel mehr zu sein, als wir uns vorstellen können. Unternehmen sind für Alice dabei ein wichtiger Partner. Sie ist sich sicher, dass man Brücken schlagen kann in die Institutionen und in die Unternehmen. Diese Brücken herzustellen ist eines ihrer Kernanliegen. Sie und ihr Team wollen mit den Behörden zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Pessimismus wird man von Alice nicht zu hören bekommen: „Wir wollen mit großen Firmen zusammenarbeiten, weil wir glauben, dass wir es nur im Netzwerk und gemeinsam schaffen können, diesen Wandel voranzutreiben. Wir wollen kein Nischenprojekt, kein Außenseiter sein.” Warum auch?, fragt man sich, wenn man sie von ihrem Projekt sprechen hört. Ihre Vision? „In zehn Jahren ist das hier eine Schule, in die man zu jeder Tageszeit gehen kann, um zu lernen, was man machen muss, um nachhaltig zu leben, Wie kann ich aus Kaffeesatz Pilze machen? Was heißt Nachhaltigkeit für die Gastronomie, für den Bau, für die verschiedenen

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viele sich nicht trauen, weil sie nicht wissen, woher sie ein Anfangsinvestment bekommen, ob sie überhaupt eins brauchen. Wir wollen ein dezentrales Netzwerk werden, das Produzenten und Macher beinhaltet und diese Fragen für alle beantwortet.“


PORTRÄT

Branchen? Hier soll man hinkommen können als Mitarbeiter einer Firma, oder als Hacker und Maker und auch als interessierte Privatperson, um interdisziplinär zu allen Facetten der Nachhaltigkeit Kurse zu belegen.“

Hoffnung für die Zukunft Am Ende meines Besuches stelle ich fest, dass Alice es geschafft hat, die Dringlichkeit ihres Anliegens auf eine wahnsinnig positive Art zu vermitteln. Sie betont immer wieder, dass sich etwas ändern muss, wir eigentlich gar keine andere Wahl mehr haben als Wirtschaft neu zu denken. Das Projekt einer besseren, nachhaltigeren Welt scheint nach einer Begegnung mit ihr viel weniger utopisch. Vielleicht auch, weil sie immer wieder betont, dass sie und ihr Team nicht den Anspruch auf die perfekte Lösung für sich reservieren, viel mehr begreifen sie sich als ein Ort, an dem die Frage gestellt werden soll: Wie kann es gehen? Eine sehr wichtige Antwort geben Alice und ihr Team aber doch schon: Gemeinsam, vielfältig und auf Augenhöhe muss es passieren. Dann kann aus dem oft sehr elitären Projekt der Nachhaltigkeit etwas Gesamtgesellschaftliches erwachsen, das den Leuten hilft, die am meisten unter unseren Müllbergen leiden: „Soziale Probleme und Umweltprobleme hängen zusammen, häufig spüren nur sozialbenachteiligte Gruppen die Folgen unseres Verhaltens. Unser ökologisches System hat viel Einfluss auf die Lebensumstände in der Welt und trägt Verantwortung für die degradierenden Lebensumstände, in denen viele Menschen sich befinden. Kann man das umkehren?”

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Als heute Mitt-Zwanzigerin habe ich oft das Gefühl einer Generation anzugehören, die überall immer ein bisschen zu spät kommt: Ich wurde ein Jahr nach dem Mauerfall geboren, ich war genau drei Jahre zu jung, um den großen Hype der Boy- (und noch viel wichtiger) und Girl-Bands mitzumachen und ich bin nur knappe zehn Jahre zu spät nach Berlin gezogen, um noch sagen zu können: „Also, ich hab ja noch für 200 Euro in einer riesigen Wohnung auf der Torstraße gewohnt.” Das Projekt von Alice ist endlich mal ein Ort, der mir das Gefühl gibt, dem Anfang von etwas sehr Wichtigem gegenüberzustehen.


Grow up. Drive

www.mercedes-benz.de/growup


25 FRAUEN

10 ERFINDERINNEN, DIE JEDER KENNEN SOLLTE Die Wissenschaft galt vor allem in der Vergangenheit als reine Männerdomäne. Dabei zeigten Frauen schon vor 200 Jahren, dass das völliger Unsinn ist.

Eigentlich war Hedy Lamarr Schauspielerin in Hollywood. Hätte sie aber darüber hinaus nicht das sogenannte Frequenzsprungverfahren entwickelt, könntet ihr online womöglich gar keine Artikel lesen. Ihre Erfindung legte den Grundstein sowohl für das Wi-Fi als auch das GPS. Damals stellte die Tochter österreichischer Juden ihre Erfindung den Alliierten zur Verfügung, die damit die Möglichkeit erhielten, Torpedos über eine Funkfernsteuerung zu lenken.

Wir wissen längst, dass Wissenschaft und Technik nicht nur etwas für Männer sind. Jeden Tag begegnen uns Forscherinnen, Erfinderinnen, Entrepreneure, App-Entwicklerinnen und geistige Vordenkerinnen, die unser Leben leichter, reicher und besser machen. Unser heutiges Leben wäre ohne die zahlreichen Wissenschaftlerinnen, die oft anonym und ohne Anerkennung zu Lebzeiten gearbeitet haben, gar nicht möglich. Wir stellen euch deshalb zehn von ihnen vor.

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ARTIKEL

HEDY LAMARR (1914-2000)


ARTIKEL

MARIE CURIE (1887-1934)

MARIA TELKES ( 1 9 0 1 - 1 9 9 6 )

Die 1936 geborene Informatikerin und Mathematikerin war leitende Software-Ingenieurin bei der Apollo-Raumfahrt. Der von ihr entwickelte Computercode machte die erste Mondlandung möglich und sie erfand ganz nebenbei das Software-System an sich. Von wegen also, Informatik ist nur was für Männer. Ohne Hamilton wären wir heute ganz schön aufgeschmissen.

Die Zukunft liegt für viele Experten in der Solarenergie. Während des Zweiten Weltkrieges erfand die Naturwissenschaftlerin Maria Telkes für die Navy eine solarbetriebene Entsalzungsanlage, die vielen Marine-Soldaten das Leben rettete. Und 1947 baute sie gemeinsam mit der Architektin Eleanor Raymond das erste Privathaus, das das ganze Jahr komplett durch Solarenergie geheizt werden konnte. Damit legte sie den Grundstein für die heutige Technik.

Quelle: Tekniska museet _ flickr _ CC BY 2.0

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MARGARET HAMILTON (1936)

Die 1887 in Warschau geborene Curie ist wohl die bekannteste Wissenschaftlerin. Gemeinsam mit ihrem Mann Pierre Curie entdeckte sie die beiden chemischen Elemente Polonium und Radium. Außerdem untersuchte sie die Strahlung von Uranverbindungen und erfand die Beschreibung „radioaktiv” hierfür. 1903 erhielt sie für ihre Forschung anteilig den PhysikNobelpreis, 1911 erhielt sie alleine den Chemie-Nobelpreis. Damit ist Marie Curie eine von zwei Personen, die den Preis jemals in zwei unterschiedlichen Kategorien erhielten. Ab 1914 leitete sie das Radium-Institiut in Paris, wo sie sich besonders für die Förderung von Frauen und ausländischen Wissenschaftlern einsetzte.  


GERTRUDE BELLE ELION (1918-1999)

M E L I T TA B E N T Z (1873-1950)

Als Gertrude Belle Elions Großvater an Krebs starb, beschloss sie Chemie zu studieren und an der Heilung von Krebs zu forschen. Sie schrieb sich als einzige Frau ihres Jahrgangs an der NYU ein. Durch ihre Forschung wird sie zu einer Pionierin in der Chemotherapie. Gemeinsam mit ihrem Chef George Hitchings entwickelt sie das Medikament Mercaptopurin zur Behandlung von Leukämie. Ihr Chef sieht sie als gleichberechtigte Mitarbeiterin, die beiden publizierten gemeinsam und erhielten zusammen mit dem Briten James Black 1989 den Nobelpreis für Medizin.

Dieser Artikel wäre ohne eine große Portion Kaffee nicht möglich gewesen. 1908 revolutionierte Melitta Bentz den Kaffeekonsum, der vorher kaum als Genuss gelten konnte, mit der Erfindung des ersten Kaffeefilters. Bevor sie auf die Idee kam Löcher in eine leere Konservendose zu bohren und diese mit Löschpapier aus den Schulheften ihrer Kinder auszulegen, wurde Kaffee direkt in die Kanne gefüllt und als bittere Brühe mit Krümeln serviert. Ihr Mann übernahm die Erfindung seiner Frau, gab seinem Unternehmen ihren Vornamen und wurde wahnsinnig erfolgreich.

MARIA BEASLEY Viel weiß man über Maria Beasley nicht, ihre Erfindung rettet allerdings bis heute Leben. 1882 revolutionierte sie die Seefahrt, indem sie das erste Rettungsboot erfand. Zwischen 1878 und 1898 reichte Beasley 15 Patente ein. Wären die Konstrukteure der Titanic bereit gewesen, mehr der Rettungsboote, die nach Bealeys Vorlage gebaut waren, an Bord zu nehmen, hätte ihre Erfindung noch viel mehr Menschen retten können, als diese 1912 sank.

Patent von Maria Beasley

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ARTIKEL

25 FRAUEN


ARTIKEL

Technik ist nichts für Frauen? Ada Lovelace bewies schon 1835 das Gegenteil: Damals entwickelte sie für eine niemals fertig gestellte mechanische Rechenmaschine von Charles Babbage ein komplexes Programm – und war damit die erste Programmiererin, lange bevor der erste Computer erfunden wurde. Ihr Programm bildet den Grundstein für zukünftige Computerprogramme.

Quelle: Alfred Edward Charlon

A L I C E H . PA R K E R

Kevlar ist fünfmal stärker als Stahl. Verwendet wird es zum Beispiel für Feuerwehrstiefel und schusssichere Westen, aber auch für die Tennisschläger von Roger Federer. Entwickelt wurde die synthetische Faser 1964 von der polnischen Wissenschaftlerin Stephanie Kwolek im Auftrag der Firma DuPont. Kevlar machte DuMont zu einer der reichsten Familien Amerikas. Die Entdeckerin selbst war am wirtschaftlichen Erfolg leider kaum beteiligt, weil sie das Patent DuMont überschrieben hatte.

Die Erfinderin ist ein trauriges Beispiel dafür, wie wenig Beachtung und Wertschätzung weiblichen Erfinderinnen viel zu lange zu Teil wurde. Parker, die eine der wenigen Afroamerikanerinnen war, die Anfang des 20. Jahrhunderts überhaupt studieren durften, entwickelte 1919 eine regulierbare Gasheizung, die es später möglich machte, Millionen von Häusern und öffentlichen Gebäuden zentral zu heizen. Damit revolutionierte sie diesen Bereich. Über ihr Leben ist darüber hinaus kaum etwas bekannt.

Quelle: Lemelson Center for the Study of Invention and Innovation

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ADA LOVELACE (1815-1852)

STEPHANIE KWOLEK (1923-2014)


ʻʻShe believed she could, so she did.ʼʼ R . S. GR E Y


GEWINNERINNEN

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2 5 FRA GE N A N K AT J A O H LY - N A U B E R L E I T E R I N M A R K E T IN G -

023

K O M M U N I K AT I O N M E R CE D E S- B E N Z


25 FRAUEN

1.

WAS BEDEUTET INNOVATION FÜR SIE?

„Mir war immer wichtig, auch im Job für meine Kinder erreichbar zu sein und sie bei ihren wichtigen Terminen zu begleiten. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, auf dem Spielplatz Mails zu bearbeiten und abends noch Präsentationen fertigzustellen. Außerdem braucht man einen Partner, der sich 50:50 in die Familien- und Hausarbeit einbringt.“

„Ich halte es hier mit Tom Freston: ‚Innovation is taking two things that already exist and putting them together in a new way.‘ “

2.

WIE SIEHT EINE GUTE MORGENROUTINE AUS? „Aufstehen, wenn alle noch schlafen und dann: Kaffee, Joggen,Tag planen.“

3.

MACHT MEDITATION GLÜCKLICH? „Definitiv! Ich versuche täglich zehn Minuten MBSR-Meditation in meinen Tag zu packen. Mindfulness Based Stress Reduction ist eine wissenschaftlich fundierte Methode für mehr Ausgeglichenheit, Entspannung, Dankbarkeit und Achtsamkeit – eine gute Basis fürs Glücklichsein.

4.

GUTES MARKETING IN DREI WORTEN? „Marketing. That. Sells.“

5.

WAS KANN IHR TEAM VON IHNEN LERNEN? „Resilienz.“

Sie ist Leiterin Marketing-Kommunikation

6.

bei Mercedes-Benz Deutschland, seit 15 Jahren in unterschiedlichen Fach-

WAS WAR DIE BESTE IDEE IHRES LEBENS?

bereichen im Konzern tätig, Mutter,

„Früh Kinder zu bekommen.“

Diplom-Kommunikationswirtin,

7.

Pilates-Trainerin, Gründerin – Katja Ohly-Nauber ist in vielen Bereichen

UND WAS IHRE GRÖSSTE NIEDERLAGE?

sehr erfolgreich. 2011 hat sie neben ihrer Tätigkeit für die Daimler AG

„Grundsätzlich sehe ich das wie Audrey Hepburn: ‚I believe in being strong when everything seems to be going wrong.‘ Eine Niederlage ist es ja nur, wenn man liegen bleibt.“

eine Outdoor-Fitness-Plattform für Mütter gegründet und zum FranchiseUnternehmen ausgebaut. Wir haben ihr 25 Fragen gestellt.

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25 FRAGEN AN KATJA OHLY-NAUBER

INTERVIEW VRENI JÄCKLE BILD MERCEDES-BENZ


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GEWINNERINNEN

8.

SIE HABEN DIE WAHL ZWISCHEN TESLA UND BMW. WO STEIGEN SIE EIN? „Eigentlich nur in einen Mercedes, aber ich habe auch schon mal eine Testfahrt im Tesla gemacht.“

9.

WER HAT SIE AM MEISTEN INSPIRIERT? „Ich lese sehr gern Bücher von und über inspirierende Frauen und habe dabei immer viel für mich gelernt. Meine Empfehlungen: ‚My life so far‘ von Jane Fonda, ‚Thrive‘ von Arianna Huffington und ‚Option B‘ von Sheryl Sandberg.“

10.

MIT WEM WÜRDEN SIE GERNE MAL ZUSAMMENARBEITEN? „Mit anderen CMOs, die auch Marketing für eine Top-Marke machen. Man kann so viel von anderen Kollegen und Branchen lernen.“

11.

UND MIT WEM EINE FÜNFSTUNDEN-FAHRT VERBRINGEN? „Darf ich eine ganze V-Klasse vollpacken? Dann mit Jhumpa Lahiri, Oprah Winfrey, Jillian Michaels, Mirandy July und Shonda Rhimes.“

12.

SIND SIE DANN FAHRERIN ODER BEIFAHRERIN? „Beifahrerin, dann kann ich mich besser auf das Gespräch konzentrieren. Und wir können essen und uns den Bauch halten vor Lachen.“

13.

ÜBER WAS HABEN SIE ALS LETZTES GELACHT?

14.

WAS IST IHRE LIEBLINGSBESCHÄFTIGUNG, WENN SIE IM STAU STEHEN? „Mails und Nachrichten checken.“

15.

UND WELCHE MUSIK HÖREN SIE DANN? „Madonna. Und alles, wo ich den Text kenne und mitsingen kann.“

16.

WAS WAR IHR ERSTES AUTO? „Ford Mondeo Turnier – wegen der Kinder.“

17.

HABEN SIE IHRE PRAKTISCHE PRÜFUNG BEIM ERSTEN MAL BESTANDEN? „Ja! Ich konnte mich schon immer gut punktgenau auf etwas vorbereiten und dann abliefern.“

18.

BRAUCHT MAN IN ZEHN JAHREN ÜBERHAUPT NOCH EINEN FÜHRERSCHEIN? „Definitiv.“

19.

GIBT ES EIGENTLICH BALD FLIEGENDE AUTOS? „Warum nicht.“

21.

FÜR WELCHES PROBLEM GIBT ES NOCH KEINE LÖSUNG? „Armut und Hunger. Und religiöse Konflikte.“

22.

LEITERIN MARKETINGKOMMUNIKATION, GRÜNDERIN, MUTTER – WANN SCHLAFEN SIE EIGENTLICH? „Nachdem ich ‚The Sleep Revolution‘ gelesen habe, schlafe ich bewusst wieder deutlich mehr. Um fit, gesund und leistungsfähig zu bleiben, sollten gerade Frauen und Mütter nicht beim Schlaf sparen.“

23.

WIE VERBINDEN SIE FAMILIENLEBEN UND JOB? „Indem ich das nicht als zwei getrennte Welten verstehe, sondern flexibel handhabe. Mir war immer wichtig, auch im Job für meine Kinder erreichbar zu sein und sie bei ihren wichtigen Terminen zu begleiten. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, auf dem Spielplatz Mails zu bearbeiten und abends noch Präsentationen fertigzustellen. Außerdem braucht man einen Partner, der sich 50:50 in die Familien- und Hausarbeit einbringt.“

24.

WAS IST DER PERFEKTE AUSGLEICH ZUR ARBEIT FÜR SIE?

20.

ODER WIE SIEHT EIN AUTO IN 100 JAHREN AUS? „Da wird sich schon in den nächsten zehn Jahren sehr viel tun: elektrisch und autonom fahrend. Sehr individuell eingerichtet für meine persönlichen Bedürfnisse. Der ‚Third Place‘ zwischen Work und Home.“

025

„WhatsApp-Konversationen mit meinen Buchclub-Freundinnen.“

„Familie, Freundinnen, Joggen, High-Intensity-Interval-Training, Kochen, Bücher, mein LAUFMAMALAUF-Netzwerk.“

25.

WAS WEISS KEINER ÜBER MERCEDES-BENZ? „Ich hoffe, dass inzwischen jeder weiß, welche bedeutende Rolle Mercedes-Benz als Traditions- und Innovationsmarke für die Zukunft der Mobilität spielen wird.“


25 FRAUEN

45

34 72 Prozent der Promovierenden aber nur 22 Prozent der Professorinnen in Deutschland sind weiblich.

Tage brauchte die Journalistin Nellie Bly um zwischen 18891890 um die Welt zu reisen – damit war sie 8 Tage schneller als der männliche Held in Jules Vernes berühmtem Klassiker: „In 80 Tagen um die Welt.”

Jahre vergingen nach der ersten Mondlandung bis Margaret Hamilton, die den entscheidenden Code programmierte, für ihre Leistung geehrt wurde.

38 Prozent

der Mitglieder des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) sind Frauen. Beim diesjährigen DHV-Tag redeten 15 Männer, aber nur vier Frauen. Zum Thema „Konformitätsdruck” diskutieren 4 Männer, alle waren über 55 Jahre alt.

Bei der Vergabe der Nobelpreise fällt die Wahl nur selten auf eine Frau:

2

Frauen gegenüber 202 Männern in Physik

12

Frauen gegenüber 199 Männern in Medizin

15% 4

Von den 590

das ist der Frauenanteil in MINT-Berufen in Deutschland.

seit 1901 verliehenen Nobelpreisen in Physik, Chemie und Medizin gingen 18 an Frauen.

Frauen gegenüber 171 Männern in Chemie

11 Männer, 0 Frauen: Bis heute war keine deutsche Frau auf dem Mond. 2020 soll sich das mit der Eurofighter-Pilotin Nicola Baumann oder der Meteorologin Insa Thiele-Eich endlich ändern.

10 Prozent des globalen Risikokapitals flossen zwischen 2010 und 2015 in Startups mit mindestens einer weiblichen Gründerin. Viel zu wenig. 026

ZAHLEN

25 Prozent. Das ist die Anzahl der Professorinnen in Deutschland. Die Zahl stieg zwischen 1996 und 2017 um 17 Prozent.


ʻʻAchieving gender equality

027

requires the engagement of women and men, girls and boys. It is everyone's responsibility.ʼʼ BAN KI-MOON


25 FRAUEN

WARUM SCHON KLEINE MÄDCHEN DENKEN, NICHT SCHLAU ZU SEIN Klischees und geschlechtsspezifische Stereotype sind in unserer Gesellschaft präsenter, als uns recht ist. Wie sehr sie schon kleine Kinder beeinflussen und was für weitreichende Folgen das haben kann, hat jetzt eine Studie herausgefunden.

Stereotype und Klischees werden schon sehr früh aufgegriffen Es ist kein Geheimnis, dass Frauen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in Berufsfeldern, die „Brillanz“ erfordern, unterrepräsentiert sind. Eine amerikanische Studie, veröffentlicht im Januar 2017, hat diese Tatsache erforscht und herausgefunden, dass ein Grund dafür schon in unserer frühen Kindheit verankert liegen kann. Schon im Alter von sechs Jahren erachten Mädchen ihr eigenes Geschlecht als weniger intelligent als Jungen. Das führt dazu, dass die Mädchen bestimmte Aktivitäten als „nicht für sie geeignet“ wahrnehmen, weil sie denken, sie seien nicht schlau genug. Die Recherche zeigte, dass Kinder in Amerika – und wahrscheinlich nicht nur dort – schon sehr früh kulturelle Stereotype aufgreifen. Stereotype, die eben auch nahelegen, dass Mädchen weniger intelligent sind als Jungs. Das hat zum einen etwas mit der Darstellung und Vertretung von Frauen und Mädchen in den Medien zu tun. Einfacher Test: versucht man an eine sehr schlaue Person zu denken, dann fällt einem Einstein ein, Newton, Sheldon Cooper aus der Serie „Big Bang Theory“ oder Sherlock Holmes. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Marie Curie, Hermine Granger in Harry Potter oder Lisa Simpson, in der Regel wird Intelligenz und intellektuelles Interesse allerdings als männliche Eigenschaft dargestellt. Während die Medien, Filme und Bücher, die  Selbstwahrnehmung  der Kinder aktiv beeinflussen, spielen auch die Hoffnungen und Erwartungen der Eltern eine nicht unwesentliche

Rolle. Auch wenn sie ihre Kinder nicht aktiv in eine bestimmte Rolle drängen wollen, sind auch sie von den gängigen Stereotypen beeinflusst. Das wirkt sich wiederum auf die Kinder aus. So legt etwa ein Bericht aus dem Jahr 2014 offen: Amerikanische Eltern suchen bei Google doppelt so oft „Ist mein Sohn ein Genie?“ wie „Ist meine Tochter ein Genie?“

Eltern unterstützen die Klischeebildung Gleichzeitig werden auch von Eltern die oberflächlichen Stereotype bezüglich Mädchen  erfüllt. „Ist meine

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ARTIKEL

AUTORIN VICTORIA KEMPTER BILD UNSPLASH


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Tochter übergewichtig?“ wird zu etwa 70 Prozent häufiger gegooglet als die gleiche Frage bezüglich eines Sohnes. Und das, während Übergewicht bei Jungen häufiger vorkommt als bei Mädchen. Auch in Deutschland übrigens. Logisch also, dass auch Kinder sich schon in jungem Alter von Stereotypen beeinflussen lassen. Jungs sind schlau und stark, Mädchen müssen hübsch aussehen. Das hat jetzt auch die Studie bestätigt, die mit 400 Kindern im Alter von fünf bis sieben Jahren aus einer Gemeinde nahe der Universität von Illinois durchgeführt wurde. Für einen Teil der Studie wurden 48 Mädchen und 48

Jungen zwei Geschichten über eine Person erzählt. In der einen Geschichte ging es um eine „sehr, sehr schlaue“ in der anderen um eine „sehr, sehr nette“ Person. Danach wurden ihnen vier Bilder von Frauen und Männern gezeigt und die Kinder sollten raten, welche Person zu welcher Geschichte gehörte. Im Alter von fünf Jahren rieten Jungs und Mädchen noch zu gleichen Teilen, dass die intelligente Person das gleiche Geschlecht haben wie sie. Die Sechsjährigen hingegen assozierten unabhängig vom eigenen Geschlecht öfter den Mann mit der intelligenten Person. Interessant ist außerdem, dass die Kinder, als ihnen vier Bilder von


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zwei Jungen und zwei Mädchen gezeigt wurden, meinten, dass die Mädchen eher gut in der Schule seien als die Jungen. Die Mädchen sind sich also bewusst, dass sie durchschnittlich besser in der Schule sind, halten sich trotzdem für weniger intelligent. Die Studie hat weiter herausgefunden, dass die Auswirkung dieser Stereotype weit greifen kann: Als den Kindern vorgeschlagen wurde, ein Spiel zu spielen, das für Kinder sei, die wirklich schlau seien, zeigten die Mädchen  bei weitem weniger Interesse als die Jungen. Das gleiche Spiel wurde ihnen später als eines erklärt, für das man sich einfach nur sehr anstrengen müsse – auf einmal zeigten die Mädchen genauso viel Interesse wie die Jungen. Sind die Stereotype dementsprechend einmal internalisiert, driften die Interessen der Mädchen weg von Dingen die scheinbar „nicht für sie“ sind.

Was können wir denn nun gegen diese Entwicklung tun? Auch darauf geben die Forscher einige Hinweise. So meint etwa Psychologin Carol Dweck, dass es für Erfolg wichtiger ist, sich anzustrengen, zu lernen und hart zu arbeiten, statt weiterhin von angeborener Intelligenz auszugehen. Das könnte dabei helfen, Mädchen vor solchen Stereotypen zu schützen. Denn die relevanten Vorurteile, die sich ja scheinbar schon im Alter von sechs Jahren festigen, scheinen zu verstärken, wer mutmaßlich mit welchen Fähigkeiten geboren wird. Wenn wir es schaffen, dass die angeborenen Fähigkeiten als sekundär betrachtet werden, können wir die Kraft dieser Vorurteile abschwächen. Weitere Recherchen haben ergeben, dass es sehr hilfreich sein könnte, wenn es mehr  positive Vorbilder  für Mädchen gäbe. Das könne ihre Motivation steigern, statt sie glauben zu lassen, dass sie nicht so intelligent seien wie Jungen und es wichtiger sei, dass sie hübsch sind. Eine weitere Studie schlägt sogar vor, dass eine gerechtere Aufgabenverteilung unabhängig vom Geschlecht im Haushalt die Karriereziele von Jungen und Mädchen beeinflussen kann. Da haben wir nichts gegen einzuwenden! Am Ende macht es wahrscheinlich eine Mischung aus diesen Vorschlägen, die uns helfen wird, junge Mädchen auf der ganzen Welt davon zu überzeugen, dass sie schlau genug sind. Die Studie zeigt, wie stark sich schon kleine Kinder von Vorurteilen beeinflussen lassen uns wie weitreichend die Folgen sein können. Zeit, das zu ändern!

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Repräsentation verstärken und Haushaltsaufgaben gleichmäßiger verteilen


Manche Business-Talente müssen erst noch entdeckt werden. Unsere Mentorinnen unterstützen Sie auf Ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Das HVB Gründerinnen-Mentoring – eine Initiative des HVB Frauenbeirats. Erfahrene Unternehmerinnen des HVB Frauenbeirats unterstützen ausgewählte Gründerinnen mit ihren Geschäftsideen auf dem Weg zum eigenen Unternehmen. Bewerben Sie sich jetzt für einen von sechs Plätzen in unserem Programm. Wir freuen uns darauf. Jetzt bis zum 5. Juli 2017 bewerben: hvb-frauenbeirat.de

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In Kooperation mit


UNSERE GEWINNERINNEN 2017

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GEWINNERINNEN

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25 FRAUEN

DEREN ERFINDUNGEN UNSER LEBEN VERÄNDERN


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DR. JULIA SHAW

© Boris Breuer

PIA FREY Eine Sache, die Online-Journalismus heute für viele ausmacht: lebhafte Debatten in den Kommentarspalten unter Artikeln. Aber wie bekommt man Leserinnen und Leser dazu, möglichst viel zu diskutieren? Pia Frey, die eigentlich Philosophie studiert hat und lange Zeit selbst journalistisch tätig war, hat mit ihrem Gründungsteam Opinary als ein Debatten-Tool entwickelt, das es Lesern durch Umfragen besonders leicht macht, ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen, 15 Mitarbeiter beschäftigt sie in ihrem Startup mittlerweile. Gerade arbeitet Pia Frey, die mit ihren 28 Jahren auch schon ein Buch geschrieben hat, von New York aus, um die nächste Finanzierungsrunde vorzubereiten.

© Opinary

MIT-GRÜNDERIN OPINARY

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GEWINNERINNEN

RECHTSPSYCHOLOGIN Wenn es darum geht, wem wir zu 100 Prozent vertrauen können, würden die meisten wahrscheinlich sich selbst und ihr Gedächtnis nennen. Denn wenn wir uns an eine Begebenheit erinnern können, muss es ja passiert sein. Die Rechtspsychologin Dr. Julia Shaw hat das Gegenteil bewiesen und uns damit mehr oder weniger gezeigt, dass wir nicht mal uns selbst glauben können. In einer von ihr und ihrem Team durchgeführten Studie überzeugte sie 70 Prozent ihrer Probanden davon, ein Verbrechen begangen zu haben, das tatsächlich niemals stattgefunden hat. Damit lässt sie uns nicht nur an uns selbst zweifeln, sondern auch an der Richtigkeit vieler Verhörmethoden – und damit auch vieler Urteile.


GEWINNERINNEN

MONIKA FLEISCHMANN MEDIENKÜNSTLERIN

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Wie passen Kunst und Wissenschaft zusammen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Künstlerin in ihrem Werk. Nachdem sie Modedesign, Bildende Kunst, Kunst- und Theaterpädagogik, Szenografie und Computergrafik in Zürich, Berlin und Wien studierte, begann sie ihre gemeinsame Arbeit mit ihrem Partner, dem Architekten Wolfgang Strauss. Seit 1999 leiten sie gemeinsam Netzspannung.org, eine Plattform für interaktive Medienkunst. Für ein Kunstwerk projizierte sie 2004 zum Beispiel die 500 meistgenutzten Hauptworte in der Süddeutschen Zeitung auf den Boden vor dem Literaturhaus und ließ sie von Computerstimmen vorlesen. Passanten konnten per Touchscreen Wörter auswählen, die dann als audiovisuelles Echo erfahrbar wurden. Ein Beispiel für die Verknüpfung von Daten und Kunst. Mit ihrem Ansatz gilt Monika Fleischmann als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Medienkunst.


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JOHANNA LUDWIG

©Akvola

Unsere Erde besteht zu 90 Prozent aus Wasser, allerdings sind davon nur zehn Prozent Süßwasser, das wir als Trinkwasser nutzen können. Durch unseren Durst auf Konsum, Kleidung und Fleisch gehen die ohnehin schon knappen Ressourcen zur Neige. Es wird für uns alle also immer wichtiger, Reinigungsmethoden zu entwickeln, die unsere Wasserversorgung weiterhin garantieren, dabei aber energiearm arbeiten. Genau an diesem Punkt setzt die Ingenieurin Johanna Ludwig mit Akvola, an. Durch einen speziellen Filterprozess kann die Reinigungsanlage mit keramischen Materialien Schmutzwasser reinigen und die Meerwasser-Entsalzung vorbereiten. Dabei verbraucht es 90 Prozent weniger Energie und 70 Prozent weniger CO2 als vergleichbare Technologien.

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GEWINNERINNEN

CO-FOUNDER AKVOLA


ʻʻAll creative people want to do the unexpected.ʼʼ H EDY LAMA R R


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KATRIN BERMBACH, NORA BLUM & FARINA SCHURZFELD

© Selfapy

Die Belastungen in unserem Leben und besonders in unseren Berufen, scheinen immer größer zu werden. Immer mehr Menschen erkranken an Angststörungen, Depressionen oder Burnout. Obwohl es immer selbstverständlicher wird, einen Psychologen aufzusuchen, haben trotzdem viele Angst davor, diesen Schritt zu gehen und noch mehr, dass ihr Vorgesetzter von den Terminen erfahren könnte. Hinzu kommen noch Wartezeiten von bis zu einem halben Jahr für einen verfügbaren Psychologentermin. Um diesen Menschen trotzdem eine psychologische Beratung zur Seite stellen zu können und die Zeit zum Termin zu überbrücken, haben Katrin Bermbach, Nora Blum und Farina Schurzfled Selfapy entwickelt, eine psychologische Onlinebetreuung. Hierbei werden die Teilnehmer anonym über neun Wochen psychologisch durch Telefonate und Chats begleitet, während sie außerdem an Onlinekursen, angepasst an ihre Erkrankungen, teilnehmen. Das alles wird von der Krankenkasse übernommen.

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GEWINNERINNEN

GRÜNDERINNEN SELFAPY


GEWINNERINNEN

DR. SUSANNE FRIEBEL GRÜNDERIN PHONEON

© Phoneon

Immer mehr Menschen müssen auf immer kleinerem Raum arbeiten, leben und zusammenkommen. Dabei ist es gar nicht so einfach, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, während zwei Meter weiter jemand ein Meeting führt. Genau aus diesem Grund hat Dr. Susanne Friebel Phoneon gegründet und entwickelte mit ihrem Team einen Schallabsorber, der Hintergrundgeräusche dämpft und so besonders Gespräche erleichtert – und das ganz einfach, in dem der „Soundbutler“, der in den Raum gestellt wird, dann sofort die Akustik verbessert. Stark!

SEIRA KERBER ERFINDERIN X-WASH RESPONSIBILITY

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© Julian Wiesemes

Immer wieder werden Menschen mit Epidemien und Naturkatastrophen konfrontiert. Die Verbreitung von Krankheiten in solchen Extremsituationen kann am besten mit Dekontamination eingedämmt werden. Allerdings verfügen die meisten betroffenen Länder nicht über die nötigen Mittel. Seira Fischer möchte diesem Problem mit X-wash Responsibility ein Ende setzen. Die Waschstraße für Menschen reinigt und dekontaminiert vollkommen automatisch und ist damit effizienter aber auch humaner als der analoge Prozess durch Menschen. Besonders für traumatisierte Menschen ist dieser Reinigungsprozess sehr viel angenehmer als wenn er durch andere Menschen durchgeführt würde.


ʻʻWomen are the

largest untapped reservoir of talent in the world.ʼʼ H I LLARY CLIN TO N


GEWINNERINNEN

DIPL. ING. SONJA JOST MIT-GRÜNDERIN DEXLECHEM

Grüne Chemie – was für Laien nach einem Gegensatz klingt, ist Sonja Josts Leitgedanke. Bei der Medikamentenproduktion wird oft umweltschädliches Erdöl verwendet. Das wollte die Wirtschaftsingenieurin und technische Chemikerin ändern und gründete kurzerhand gemeinsam mit drei Kollegen ein Startup. Dexlechem entwickelte ein Verfahren, mit dem Medikamente mit Wasser produziert werden können – das ist nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch günstiger. Mit ihrem Team setzt Sonja Jost sich für eine nachhaltige Chemie ein und trägt damit einen wichtigen Beitrag zum Wandel der Industrie bei.

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© DexLeChem


MARCELLA HANSCH ERFINDERIN VON PACIFIC GARBAGE SCREENING

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Unser maßloses Konsumverhalten hat mittlerweile zur Folge, dass Meereslebewesen und Vögel immer häufiger an dem Plastikmüll sterben, der im Meer landet. Die Tiere haben den Magen voller Plastik oder verenden an Plastikschlaufen, an denen sie ersticken. Um unsere Meere von Plastik zu befreien entwickelte die Architektin Marcella Hansch eine schwimmende Plattform, die Plastikmüll ganz einfach aus dem Meer filtert. Ihr Unternehmen heißt „Pacific Garbage Screening“. Bisher ist die Plattform noch in der Konzeptphase, die aus Marcella Hanschs Masterarbeit entstand und so schnell wie möglich realisiert werden soll. Die Plattform filtert den Plastikmüll durch seinen architektonischen Aufbau, der weder Strom noch Netze braucht. So entsteht keine zusätzliche Umweltverschmutzung und Tiere laufen nicht die Gefahr, sich in Netzen zu verfangen und dort zu sterben.

© Marcella Hansch

ARTIKEL

25 FRAUEN


GEWINNERINNEN

DR. BETTINA JUDITH SPRINGER GRÜNDERIN FINE DEODORANT

© Dunja Kara

In vielen herkömmlichen Deodorants ist schädliches Aluminium enthalten. Die Alternativen riechen oft entweder nicht besonders gut, wirken kaum oder sind nicht besonders schön designt. Dr. Bettina Springer wollte das nicht länger hinnehmen und hat innerhalb nur eines Jahres eine wirkliche Alternative entwickelt. „Fine” ist vegan, aluminiumfrei, riecht gut, sieht schick aus – und das Wichtigste: ist nicht schädlich. Erfinderinnen müssen nicht immer eine klassische Naturwissenschaftskarriere hingelegt haben: Die zweifache Mutter hat ihr erstes Staatsexamen in Jura, war lange Zeit Ausstellungskuratorin und hat nebenbei auch noch eine Yoga-Ausbildung gemacht.

PATRICIA ASEMANN MATHEMATIK- & PHYSIKSTUDENTIN UND „JUGEND FORSCHT“-GEWINNERIN

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© Theresa Asemann

Patricia Asemann ist gerade einmal 18 Jahre alt und studiert bereits im zweiten Semester Physik und Mathematik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. 2015 gewann sie, gemeinsam mit ihrem damaligen Forschungspartner den Bundeswettbewerb „Jugend forscht“ für ein computerbasiertes Verfahren, das die Entstehung eines Planetensystems aus Staubscheiben simuliert. Mittlerweile studiert Patricia Asemann Mathe und Physik im Doppelstudium in Jena. Und steht nun schon wieder gemeinsam mit Konstantin Schnekenburger im Finale von Jugend forscht. Diesmal mit einer selbst berechneten und gebauten akustischen Tarnkappe, die den Schall eines Lautsprechers um Hindernisse wie zum Beispiel eine Säule so umlenken kann, dass eine hinter dieser Säule stehende Person so gut hört, als wäre kein Sound-Hindernis vorhanden.


Talente entfalten. Inspiration gewinnen. Perspektiven entdecken.

Women’s Day Erfahren Sie, wie unsere Beraterinnen Großes bewegen. Und finden Sie heraus, wie Sie Ihre eigenen Stärken stärken. Vom 28. bis zum 29. September 2017 in Berlin. Bewerben Sie sich bis zum 21. August auf womensday.mckinsey.de

Was unsere Kolleginnen an der Tätigkeit als Beraterin bei McKinsey besonders schätzen? • Individuelle Entfaltungsmöglichkeiten in einem ebenso internationalen wie interdisziplinären Umfeld • Spezifische Trainings und Mentoringprogramme auf allen Karrierestufen • Regelmäßige Networking-Veranstaltungen, die speziell den (Erfahrungs-) Austausch unserer Beraterinnen untereinander fördern • Passgenaue Angebote von Teilzeitmodellen und zur Kinderbetreuung, die sie dabei unterstützen, Familie und Beruf zu vereinbaren.


Building Global Leaders


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LIA MAGDALENA WEILER CO-FOUNDER GLOW

PROF. MELANIE BLOKESCH MIKROBIOLOGIN Cholera ist eine der ältesten Krankheiten der Menschheit. Unbehandelt führt es noch immer in 20 bis 70 Prozent der Fälle zum Tod. Das ist vor allem in Entwicklungsländern immer noch ein großes Problem. Melanie Blokeschs Forschung hat bahnbrechend dazu beigetragen, die genetische Anpassung von Erregern an Umweltbedingungen zu verstehen. Mittlerweile leitet sie das „Labor für molekulare Mikrobiologie” an der ETH Lausanne (EPFL) in der Schweiz. Ihre Grundlagenforschung zum Cholera-Bakterium leistet einen wichtigen Beitrag zum bessern Verständnis des Erregers. In Zukunft möchte sie die Übertragung der Erregers von der Umwelt zum Menschen noch besser erforschen, da solch ein Verständnis zur Bekämpfung der Krankheit beitragen könnte. Für Ihre Forschungsarbeiten wurde sie bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

© Alain Herzog

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GEWINNERINNEN

© Jens Distelberg

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich mehr Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung durch offene Kochfeuer als an Malaria. Das liegt vor allem daran, dass 2,7 Milliarden Menschen auf der Welt Holz und Dung verbrennen, um ihr Essen zu kochen. Genau bei diesem Problem setzt Lia Magdalena Weiler an: Gemeinsam mit Sebastian Erdmann entwickelte sie einen Herd speziell für Entwicklungsländer und gründete das Startup Glow. Die Herde sind energiesparend, kochen effizienter und schonen dabei die Umwelt. Außerdem schaffen Lia Magdalena Weiler und ihr Team Arbeitsplätze in den Entwicklungsregionen. Zu Recht schafften die beiden Gründer es deshalb 2016 auch schon auf die Forbes Liste der 30 unter 30 in Europa.


GEWINNERINNEN

JULIA SCHRÖDER & THERESIA UHRLAU

© Privat

ENTWICKLERINNEN YUMA

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In Zeiten des Smartphones ist die größte Aufgabe des Backpackers wohl oft die Suche nach der nächsten Steckdose. Julia Schröder und Theresia Uhrlau haben einen Rucksack entwickelt, der diese Suche obsolet machen könnte. Yuma heißt ihr Label, unter dem die beiden Kommunikationsdesignerinnen aus Hamburg mit ihren Wearables den Outdoor-Bereich revolutionieren wollen. Dafür nehmen sie bereits bestehende Rucksäcke und ergänzen diese mit organischen Solarzellen. Dann kann die Sonne den ganzen Tag auf den Rucksack scheinen und die daraus resultierende Energie wird in den angebrachten Powerbanks gespeichert. In ihrem Produkt zerschmelzen Mode und Technik zu Solarwear – und wir müssen uns keine Sorgen mehr über leere Akkus machen. Für ihre Idee standen die beiden 2016 im Finale des Fashion Fusion Awards der Telekom.


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APL. PROF. PD DR.-ING. HABIL. ANGELIKA METTKE

GEWINNERINNEN

BAUINGENIEURIN UND PROFESSORIN

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© Weisflog DBU

Plattenbauten nehmen viele von uns nur noch als grausame Bausünden wahr. Nicht so Angelika Mettke. Die Bauingenieurin hat eine Mission: Dem ausgedienten Beton abgerissener Siedlungen ein zweites Leben als Wand oder Decke in Neubauten zu ermöglichen. Recycling im großen Stil also. Für ihr Engagement erhielt die „Pionierin des Betonrecyclings” letztes Jahr den deutschen Umweltpreis, denn dank ihr enthält mittlerweile jeder Berliner Neubau recycelten Beton.


GEWINNERINNEN

DR. ANKE DOMASKE

© QMilk

GRÜNDERIN QMILK

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Jedes Jahr werden Tausende Liter Rohmilch weggeschüttet, da sie nicht mehr verkehrsfähig sind und deshalb nach gesetzlichen Regelungen nicht mehr als Lebensmittel verwendet werden dürfen. Die Mikrobiologin Dr. Anke Domaske wollte dieser Verschwendung ein Ende setzen und hat dafür auch gleich mehrere Lösungen gefunden. Mit ihrem Unternehmen QMilk stellt sie Textilfasern, Kosmetik und Granulat aus nicht als Lebensmittel verwendeter Rohmilch her. Für die Faser und das Granulat wird das Milcheiweiß Kasein aus der Rohmilch gewonnen und weiterverarbeitet. Es werden also Produkte benutzt, die sonst weggeschmissen werden. So geht Nachhaltigkeit.


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SABINE KROH

© Fräulein Fotograf

GEWINNERINNEN

GRÜNDERIN „CALL A MIDWIFE“

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Weltweit gibt es kein Hebammensystem, das so gut ist wie das in Deutschland, trotz dem Umstand, dass die Bedingungen in der Geburtshilfe seit Jahren schlechter werden und immer mehr Hebammen hier ihren Beruf aufgeben müssen. Doch wie bringt man diese persönliche und intime Dienstleistung in andere, teils weit entfernte Länder, wo Frauen ebenfalls auf die Betreuung durch eine Hebamme angewiesen sind? Die Hebamme Sabine Kroh nutzt dafür das Internet und ihre Plattform „Call a midwife“. Auf die Idee, werdenden Müttern so beiseite stehen zu können, kam sie durch besorgte deutsche Mütter, die ihr WhatsApp-Bilder und E-Mails mit kleinen und großen Sorgen schickten und das auch für ausländische Freundinnen taten. Wenn sie dies innerhalb Berlins kann, warum sollte sie also nicht weltweit Frauen beistehen? Und so macht sie das nun. Stark!


GEWINNERINNEN

PROF. DR. KONSTANZE MARX PROFESSORIN FÜR „LINGUISTIK DES DEUTSCHEN” Unser Leben findet mehr und mehr im Internet statt. Das heißt aber auch, dass nicht nur die positiven Aspekte des Lebens dahin verlagert werden. Eines der Probleme ist das Cybermobbing, unter dem auch schon Kinder im Grundschulalter leiden. Das große Problem an Cybermobbing ist, dass es die Betroffenen überall hin verfolgt, da das Internet nicht nur für die Schule, sondern auch zu Hause genutzt wird. Professorin Dr. Konstanze Marx schafft es mit ihrer Forschung zur Cyberlinguistik, dem Ganzen durch Interventionen für Schülerinnen und Schüler etwas entgegenzusetzen und Kindern beizubringen, wie schwerwiegend Cybermobbing für die Betroffenen sein kann. Sie beschäftigt sich darüber hinausgehend mit allen Aspekten digitaler Gewalt und Hate-Speech im Netz.

© Alain Herzog

D R . H E I KE R I E L

Das Smartphone ist mittlerweile einer unserer wichtigsten Wegbegleiter. Die Entwicklung, die es in den letzten Jahren gemacht hat, ist enorm und wir haben uns daran gewöhnt, dass es blitzschnell auf unsere Eingaben reagiert. Das haben wir unter anderem Dr. Heike Riel zu verdanken, die maßgeblich an der Entwicklung des Amoled-Displays beteiligt war. Amoled-Displays werden in Mobilendgeräten – also auch Laptops oder Smartwatches – benutzt und bestehen aus einer organischen Verbindung, die ein Elektrolumineszenzmaterial formt. Durch dieses Material wird die Reaktionszeit auf unter eine Millisekunde reduziert und im Vergleich zu beispielsweise LCD-Bildschirmen wird wesentlich weniger Energie verbraucht. Das Smartphone macht also besonders schnell und besonders lange das, was wir wollen.

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© IBM Research

IBM FELLOW, EXECUTIVE DIRECTOR IBM RESEARCH FRONTIERS INSTITUTE, IOT TECHNOLOGY AND SOLUTIONS BEI IBM


25 FRAUEN

KATRIN REUTER

© Privat

Als studierte Politikwissenschaftlerin ein E-Health-Startup zu gründen, klingt erstmal ziemlich abwegig. Wie gut das allerdings funktionieren kann, wenn man eine starke Idee hat, zeigt Katrin Reuter. Trackle ist eine hormonfreie Alternative zur Verhütung. Der kleine Temperatursensor, den die zweifache Mutter und Gründerin entwickelt hat, ist vaginal tragbar und kann sowohl bei der sicheren Verhütung als auch beim schnelleren Schwangerwerden helfen. Seit einiger Zeit läuft das Device sogar batteriefrei, also mit einer ungiftigen Energieversorgung. Dafür gab es gerade erst eine sechsstellige Finanzierungsrunde und ein erfolgreiches Crowdfunding durch Frauen und Männer, die das Gerät nutzen wollen.

MAI GOTH OLESEN GRÜNDERIN MEALSAVER Mai Goth Olesen ist studierte Umweltingenieurin, ihr Herzensthema: der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Im Herbst 2016 gründete die gebürtige Dänin deshalb das Startup MealSaver. Basierend auf einer App werden Restaurants und MealSaver-Nutzer miteinander verbunden. Die Restaurants füllen die biologisch abbaubaren Boxen mit überschüssigem Essen und die Nutzer können diese dann zu einem sehr günstigen Preis direkt vor Ort abholen. Mai Goth Olesens Idee hilft dabei, Nachhaltigkeit und Lebensmittelrettung ganz simpel in unseren Alltag zu integrieren.

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© Meal Saver

GEWINNERINNEN

GRÜNDERIN TRACKLE


LINDA KRUSE CO-FOUNDER THE GOOD EVIL

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Außerhalb der Gaming-Szene wird sich häufig über digitale Spiele beschwert: Sie seien zu brutal, inhalts- und sinnlos. Dass es auch anders geht, zeigt Linda Kruse mit dem Game Studio „the Good Evil“. Zusammen mit dem Mitgründer Marcus Bösch möchte sie Serious Games entwickeln, also digitale Spiele, die klassischen Spielspaß mit relevanten Inhalten, Informationen und Bildung verbinden. Das Team entwickelte etwa das preisgekrönte Sprachlern-Abenteuer „Squirrel & Bär“ und bietet TransmediaLösungen für Kunden von Bildungsinstitutionen über Medienunternehmen und NGOs bis hin zu privaten Unternehmen an. Ihr großes Ziel ist es, damit auch das Lernen an Schulen zu verändern.

© the Good Evil GmbH

GEWINNERINNEN


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#femalefutureforce


C OACH , SPE AKE RIN UN D BUCHAUTO RIN Zeitmanagement ist für die meisten von uns ein großes Problem – aber es gibt Hoffnung: Cordula Nussbaum ist Expertin auf dem Gebiet des Selbstmanagement. Vor mehr als 13 Jahren entwickelte sie einen neuen Ansatz: „kreativ-chaotisches Zeit- und Selbstmanagement“ nennt sie diesen. Das Besondere dabei? Er ist speziell für Querdenker entwickelt. Die Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin ist sich sicher, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg zum Erfolg gehen muss. Der von ihr entwickelte Ansatz hilft dabei: individuell und unkonventionell.

© Jan_Roeder

CORDULA NUSSBAUM

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GEWINNERINNEN

25 FRAUEN


GEWINNERINNEN

MARIA DRIESEL GRÜNDERIN INVEOX

© inveox GmbH

Der Verdacht auf Krebs ist für jeden, den es betrifft, eine schwere Last. Um so wichtiger ist es, dass die Diagnose schnell und zuverlässig gestellt wird. Genau dafür möchte Marie Driesel mit ihrem Unternehmen Inveox sorgen. Die studierte Wirtschaftsingenieurin hat einen smarten Container für Gewebeproben entwickelt, um die Krebsdiagnose schneller und sicherer zu gestalten. Anders als bei der üblichen Untersuchung muss die Gewebeprobe nicht mehrmals das Behältnis wechseln und kann so mit einer Maschine bearbeitet werden, die dem Pathologen zusätzliche Informationen für die Diagnose gibt.

PROF. DR.-ING. HABIL. MARION MERKLEIN PROFESSORIN FÜR FERTIGUNGSTECHNOLOGIE

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© Privat

Egal, mit welchem Transportmittel wir uns fortbewegen, es braucht immer ein Leichtmetall zur Herstellung. Diese sind allerdings nicht so leicht zu formen, wie wir es sich die Hersteller gerne wünschen würden. Um diese Technik zu verbessern, entwickelte Marion Merklein ein Formgebungsverfahren für Leichtmetalle, dass die industrielle Produktionsketten im Automobilbau, als auch im Schienen und Luftverkehr immens verbessert. So erreichen uns die neuen Errungenschaften in diesen Verkehrsmitteln noch schneller.


25 FRAUEN TEXT SILVIA FOLLMANN BILD JAN ROEDER

Publikumsgewinnerin

CORDULA NUSSBAUM

PORTRÄT

„Es gibt nicht den einen Weg, sondern nur deinen ganz eigenen“

Wer seine Ziele im Leben erreichen will, sollte seine Zeit so sinnvoll wie möglich nutzen. Das heißt: gutes Zeitmanagement, den Tag strukturieren, Pläne aufstellen. Aber wie soll man das umsetzen, wenn man schon alleine von dem Begriff Kopfschmerzen bekommt? Für Menschen, die Freiheit im Denken und Arbeiten brauchen, um glücklich zu werden und gute Leistung zu bringen, ist das Konzept des perfekt geplanten Tages zu starr und zu verkopft, um es anwenden zu können. „Diese Menschen fühlen sich dann, als würden sie falsch ticken“, sagt Cordula Nussbaum, denn obwohl jedes Unternehmen heute Querdenker wolle, stieße diese Gruppe Menschen, die Nussbaum „kreative Chaoten“ nennt, dann sehr schnell an Grenzen, „wenn sie mit neuen Ideen und eigenen Vorstellungen kommen“.

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Dabei brauchen die kreativen Chaoten lediglich einen anderen Ansatz als systematische Analytiker, um produktiv zu arbeiten und dabei sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren. Genau den hat Nuss-

baum entwickelt – einen der entgegen der üblichen Tipps auf mehr Freiräume, statt auf penible Zeiteinteilung setzt. Die Methode der Münchnerin ist gefragt, sie ist mittlerweile erfolgreich als Speakerin, Buchautorin und Coach für das Thema Selbstmanagement und arbeitet mit Führungskräften aus Unternehmen wie Siemens, Daimler oder GE Healthcare zusammen. Eine Karriere, die sie aus dem Ärmel geschüttelt hat? Nein. „Mein Beruf ist gewachsen, sagt sie. Ich hätte nie einfach beschließen können, ich werde jetzt Coach und verhelfe anderen zum Erfolg.“ Wie aus einer Krise eine ganz neue Möglichkeit entstand Wäre im Jahr 2000 nicht die große Medienkrise gekommen, wäre das Leben von Cordula Nussbaum vielleicht anders verlaufen. Die 47-Jährige arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau und ihrem Studium der Kommunikationswissenschaften zunächst als freie Wirtschaftsjournalistin für den Focus, die Wirtschafts-


PORTRÄT

woche sowie Fachmagazine, und war damit auch ziemlich glücklich. Als Kolleginnen und Kollegen in der Krise der Medienbranche auf einmal ohne Aufträge dastanden, begann die Journalistin zu rätseln, was sie anders machte und warum ihre Auftragslage stabil blieb. Das Thema ließ sie nicht mehr los und sie begann zu recherchieren, las sich ein, rief in 70 verschiedenen Redaktionen an, um zu erfragen, was es brauche, um bei ihnen Aufträge zu bekommen und wendete ihr Wissen auf den Beruf der freien Journalisten an. Nach einiger Zeit entstand auf dieser Suche nach Antworten ein Handwerkskoffer für Freelancer und die große Lust, ihr neues Wissen weiterzugeben. Doch wie sollte sie dabei vorgehen? Der erste Workshop, den sie bei den Münchner Medientagen 2001 zum Thema Selbst- und Zeitmanagement halten sollte, flößte ihr in der Vorbereitung großen Respekt ein. „Aber alles was neu ist, ist für mich erst einmal spannend“, sagt sie und genau deshalb sagte sie auch zu. Ein Glück, denn es funktionierte und das Feedback war gut. Sie behielt das Thema im Blick und schrieb als Journalistin weiter Texte dazu, es folgten neue Anfragen für Workshops. Bald häuften sie sich und die anfänglichen Zweifel wurden von der Sicherheit, ein echtes Leidenschaftsthema für sich gefunden zu haben, zur Seite gedrängt: „Ich wusste immer, dass ich inhaltlich gut bin, aber mir wurde mit jedem Auftrag deutlicher, ich kann das wirklich rüberbringen!“

auch die Buchanfragen von Verlagen und immer weitere Angebote für Vorträge. Was machte Nussbaum? Sie legte noch eine Sprecher-Ausbildung an der German Speaker Association auf ihr bisheriges Können. „Klar hatte ich schon Vorträge gehalten, aber ich konnte ja immer noch besser werden.“ Außerdem habe ihr das einen erneuten Schub fürs Selbstbewusstsein gegeben. Dieses Phänomen kennt sie auch von Klienten: „Viele sind fachlich super, aber haben eine Restunsicherheit über ihr Können in sich und damit stehen sie sich selbst im Weg.“ Sie weiß aber auch, wie weh Kritik tun kann, denn das anzunehmen oder zu verarbeiten, fällt ihr heute noch schwer. „Es ist immer noch nicht leicht, wenn mir andere Menschen sagen, das was ich mache, sei Blödsinn“, sagt sie. Gerade zu Beginn ihrer Zeit als Speakerin, sei ihr das immer wieder passiert.

Mit mehr Freiräumen zum Erfolg

Hat es das noch gebraucht, wenn sie doch schon erfolgreich Workshops gab? „Ja, das war mir sehr wichtig“, sagt sie, „auch wenn Coaches fachlich versiert sind, müssen sie lernen Menschen zu verstehen um mit ihnen arbeiten zu können“. Mit immer neuen Klienten kamen

Aber was ist das eigentlich, Erfolg? Von was träumen ihre Klienten, wo wollen sie hin? Bei der Erfolgsfrage, sagt Nussbaum, sei ihr vor allem eines wichtig: nicht zu werten. Für die einen sind es Statussymbole, der Porsche, Macht. Für andere, Kreative aber auch viele

Wenn man weiß, was man tut, braucht es keine inneren Zweifel

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Nussbaum ruhte sie sich nicht auf der Welle aus, die gerade für sie rollte, sondern professionalisierte sich weiter: Sie machte eine Weiterbildung zur Trainerin, in der sie das Rüstzeug dafür lernte, wie man Übungen in den Workshops richtig aufbaut, statt nur ihrem Gefühl zu vertrauen. Bald kamen die ersten Anfragen für Einzeltrainings, ein weiterer Schritt für sie. „Was ist, wenn ich mit Menschen arbeite und die fahren ihr Business dann an die Wand?“, fragte sich die Trainerin. Also setzte sie noch eine Ausbildung zum Business-Coach obendrauf, bevor sie die ersten Klienten einzeln betreute.

Für Cordula Nussbaum kam der persönliche Durchbruch, mit ihrem Buch „Zeitmanagement für kreative Chaoten“ im Jahr 2008 – also der „ideelle“, aber noch nicht der finanzielle Durchbruch, schiebt sie lachend hinterher – der sei erst später gekommen. Ihre Kunden hatten sie auf das Thema gebracht, denn immer öfter hieß es: „Für Selbstmarketing habe ich keine Zeit.“ Aber ohne geht es im Berufsleben in der Regel nicht. Sie begann zu überlegen, welche Ratschläge sie geben könnte, um eben doch mehr Zeit zu schaffen. Doch als sie ihre eigene Erfahrung zum Thema abrief – Listen aufstellen, stur abarbeiten und den Schreibtisch sauber halten – war klar: „Das ist in der Theorie nett, aber ich werde mich nicht vor eine Gruppe stellen und Tipps geben, an die ich selbst nicht glaube und an denen ich jedes Mal grandios gescheitert bin.“ Also entwickelte sie eine Methode, in der ganz gezielt Freiräume geschaffen werden, statt starre Zeitund Themenblöcke zu etablieren – und während die einen sich endlich verstanden fühlten, waren die anderen schockiert. Zeitmanagement für kreative Chaoten funktioniere eben nicht nach den üblichen Parametern und alles Neue erfahre häufig erst einmal Skepsis. Aber ihr Ansatz ging auf und viele Menschen, die vorher an sich gezweifelt hatten, wussten nun: Ich muss nicht in eine Form passen, um erfolgreich zu werden.


25 FRAUEN

Top-Manager und Vorstände, sei es Zeit für die Familie und mehr Freiheit. Jeder dieser Wünsche habe seine Berechtigung und für jeden gebe es einen Weg. Aber wie der aussieht, das entwickelt sie mit jedem Klienten neu. „Es heißt immer: Du musst dich optimieren, du musst das Maximale aus deiner Zeit rausholen. Und ich sage: Nein, das musst du eben nicht! Überleg dir lieber, was dich glücklich macht und dafür solltest du dir Zeit nehmen.“

fer-Gen in sich? „Jein, Helfer-Gen im Sinne von Empathie und Intuition ja, aber nicht im Sinne von Helfer-Syndrom, das wäre auch kontraproduktiv, da müssen Coaches aufpassen.“ Coaching, so sagt sie, müsse auf Augenhöhe und nicht auf einer mütterlichen Ebene ablaufen. „Ich bin Sparringspartner für bestimmte Fragen, aber meine Klienten sind eigenständige Menschen.“

Eigentlich sollte es verwundern, dass ihr die Kritik durch andere auch heute noch einen Stich versetzt, musste sie doch schon früh lernen, damit umzugehen, dass ihr Tun als jemand, der nicht den geraden Weg suchte, gelegentlich in Frage gestellt wird. „Auch ich war schon immer die kreative Chaotin, eine Ausprobiererin.“ Aber, dass es okay ist, sich vielseitig auszuprobieren, wurde ihr von niemandem vorgelebt – etwas, dass ihr das Leben als junge Frau schwer gemacht habe. „Ich dachte immer, ich sei falsch.“ Warum sie nicht einfach in ihrem Ausbildungsberuf bleiben und damit zufrieden sein könne, fragten sich viele aus ihrem sehr konservativen Umfeld und auch aus ihrer Familie kamen Bedenken, als sie immer weiter danach suchen und spüren wollte, was sie wirklich glücklich macht. „Was sagen denn die Leute?“, war ein Satz, der sie in dieser Zeit begleitete. „Unsere Gesellschaft bewertet einfach viel von außen, das ist schade! Hinterfragen ist so wichtig. Ich brauche den Sinn! Dass ich etwas bewirken kann, Menschen helfen kann, glücklicher zu leben, das ist für mich das größte Geschenk überhaupt und macht mich sehr stolz.“ Lief in ihrem Leben eigentlich alles immer glatt? „Natürlich bin auch ich zwischendurch gestolpert, nicht alles, was ich angefangen habe, hat klappt – aber das empfinde ich nicht als Scheitern. Es war immer einen Versuch wert! Je mehr Eisen man im Feuer hat, umso öfter klappt auch mal was nicht. Aber das ist kein Drama, denn dann macht man eben einfach etwas Anderes!“

Egal was kommt: Ich brauche meine Freiheit! War das ein Lebensweg, der aus vielen Zufällen entstanden ist? Wenn man der Münchnerin länger zuhört, erkennt man ein anderes Muster. Schließlich stand sie schon als Schülersprecherin für ihre Klassenkameraden ein und hat auch schon in der Schule als Teenager jüngere Mitschüler als Mentorin betreut. Hat sie das Hel-

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PORTRÄT

„Ich dachte immer, ich sei falsch“


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25 FRA GE N AN JULIA SPERLING PARTNERIN BE I

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MCKINSE Y & COMPAN Y


25 FRAUEN

1.

HABEN SIE SCHON EINMAL ETWAS ERFUNDEN? „Nein, aber dafür eine gut wachsende Liste an Ideen!“

„Mir macht der‚Mini-Me‘-Bias Sorgen, also die Neigung, das Ähnliche zu suchen und zu fördern. Das schadet gerade jungen Frauen, die nach oben wollen, weil es dort sehr wenige Führungskräfte gibt, die in ihnen automatisch das zukünftige Double sehen.“

2.

WELCHE ERFINDUNG FINDEN SIE RICHTIG TOLL? „Funktionelle Kernspintomographie, die hilft, unser Denken sichtbar zu machen.“

3.

SIE KENNEN BEIDE SEITEN. WAS KANN DIE WIRTSCHAFT VON DER WISSENSCHAFT LERNEN? „Neugier und Nachhaltigkeit.“

4. 5.

UND ANDERSHERUM? „Pragmatismus.“

WOLLTEN SIE SCHON IMMER MEDIZINERIN WERDEN? „Ja, seitdem ich denken kann.“

6.

WER HAT SIE ALS VORBILD AUF IHREM WEG MOTIVIERT? „Ich fand den Eins-zu-eins-Kontakt zwischen Arzt und Patient schon immer sehr spannend. Im Studium war dann mein Doktorvater ein großes Vorbild für mich.“

Die Ärztin und Neurowissenschaftlerin Julia Sperling beschäftigt sich bei McKinsey & Company damit, wie Transformationen und strukturelle Veränderungen in Organisationen möglich werden, wie gute Leadership

7.

gestärkt und weiterentwickelt wird – immer

WIE HABEN SIE SICH FÜR DAS BEWERBUNGSGESPRÄCH BEI MCKINSEY FIT GEMACHT? „Da bin ich etwas über das Ziel hinausgeschossen. (lacht) Ich habe alle möglichen Bücher mit Fallstudien sorgsam studiert.“

mit einem wissenschaftlichen Ansatz. Über zehn Jahre hat sie das „Women in Leadership“-Programm der Unternehmensberatung im Nahen Osten, insbesondere in Saudi Arabien, geleitet. Mit ihrer Rückkehr nach Deutschland übernimmt sie bei

8.

McKinsey die Leitung der Initiative Chef-

STICHWORT UNCONSCIOUS BIAS: WELCHES VORURTEIL HABEN WIR ALLE? „Unser Gehirn kann eine unglaubliche Fülle an Informationen in eine für uns sinnige Interpretation der Welt umwandeln. Daher haben wir beispielsweise einen ‚Confirmation Bias‘: Wir filtern die Informationen, die wir aufnehmen, auf eine Art und

sache, die sich für mehr Frauen in Führungspositionen einsetzt. Sie ist Expertin und Speakerin in den Bereichen Gesundheitswesen, Neurowissenschaften und Female Leadership. Wir haben sie für 25 Fragen getroffen.

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25 FRAGEN AN JULIA SPERLING

INTERVIEW VRENI JÄCKLE BILD MCKINSEY & COMPANY


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25 FRAGEN AN…

UND WELCHES VORURTEIL SOLLTEN WIR UNBEDINGT LOSWERDEN? „Mir macht der ‚Mini-Me‘-Bias Sorgen, also die Neigung, das Ähnliche zu suchen und zu fördern. Das schadet gerade jungen Frauen, die nach oben wollen, weil es dort sehr wenige Führungskräfte gibt, die in ihnen automatisch das zukünftige Double sehen.“

10.

GIBT ES IN 20 JAHREN IMMER NOCH STEREOTYPES DENKEN? „Das wird es immer geben, sichtbar zum Beispiel in unserer ersten Reaktion auf eine neue Situation. Das ist eine Art Selbstschutz und unterstützt unser Gehirn bei seiner Arbeit. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen und ob wir im zweiten Schritt in der Lage sind, die Voreingenommenheit zu erkennen und unser Denken und Handeln entsprechend anzupassen.“

11.

WELCHER DENKFEHLER PASSIERT AM HÄUFIGSTEN? „Anzunehmen, dass jeder mit der gleichen Motivation an die Dinge herangeht wie man selbst. Das hat mir immer wieder gezeigt, wie wichtig es auch als Führungskraft ist, Umfeld und Mitarbeiter zu motivieren und zu begeistern.“

12.

UND WELCHEN DENKFEHLER WOLLEN SIE NIE WIEDER MACHEN? „Wenn ich das wüsste.“

13.

WAS IST DAS BESTE, WAS SIE IN DUBAI ERLEBT HABEN? „Die Eröffnung der ersten Diversity-Unit in einem der bedeutendsten saudischen Unternehmen. Das war wirklich ein besonderer Tag.“

UND WAS HAT SIE AM MEISTEN GENERVT? „Die Expat-Community in Dubai in ihrer stereotypen Variante. Die habe ich immer versucht zu meiden und stattdessen viele nette Emirati-Familien kennengelernt und als Freunde gewonnen.“

15.

SCHNITZEL ODER SCHAWARMA? „Mein Mann ist aus Italien und kocht sehr gut, daher muss meine Antwort hier Pasta sein.“

20.

DENKEN SIE MANCHMAL AUCH EINFACH GAR NICHT? „Dabei kommen einem doch oft die besten Ideen. Für noch wichtiger halte ich es aber, gezielt nachzudenken und sich aktiv Zeit dafür zu nehmen – auch in Teamsituationen. Wenn wir Probleme diskutieren, mache ich zwischendurch öfter mal eine Pause zum Nachdenken. Kollegen, die mich weniger gut kennen, irritiert das am Anfang manchmal.“

21.

AUF WELCHE ERFINDUNG WARTEN SIE? „Eine De-Bias-Maschine wäre nett.“

16.

IST DIE ZUKUNFT DER WISSENSCHAFT WEIBLICH? „Die Zukunft der gesamten Arbeitswelt wird weiblicher werden.“

17.

WELCHE WISSENSCHAFTLERIN WÜRDEN SIE GERNE MAL AUF EINER BÜHNE SEHEN? „Am liebsten eine junge talentierte Wissenschaftlerin, die sich durchgebissen hat und ihrem Weg treu geblieben ist.“

18.

WELCHE WISSENSCHAFTLERIN HAT SIE BISHER AM MEISTEN BEEINDRUCKT? „Da bin ich ganz traditionell: Marie Curie.“

19.

RATIONAL ODER EMOTIONAL DENKEN? „Beides! Der Nobelpreisträger Eric Maskin hat mir vor kurzem in einem Interview für McKinsey Quarterly gesagt: ‚Unsere Gefühle können uns beim Treffen von Entscheidungen entscheidend helfen. Evolutionär gesehen ist das auch ihr Zweck.‘“

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9.

14.

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Weise, die das bekräftigt, was wir ohnehin schon glauben. Im Sinne von: ‚Ich hab‘s doch geahnt!‘“

22.

UND WELCHE SOLLTEN WIR WIEDER ABSCHAFFEN? „Leider haben viele gute Erfindungen auch häufig ihre Schattenseiten. Alles in allem bin ich allerdings immer ein Freund von Fortschritt und neuen Ideen.“

23.

SIND UNTERNEHMENSBERATUNGEN EIGENTLICH IMMER NOCH SO MÄNNERDOMINIERT? „Häufig, aber immer weniger. Ich arbeite sehr gerne mit Frauen und bin daher voreingenommen, da ich gerne jüngere Kolleginnen in meinen Teams habe – der ,Mini-Me‘-Bias eben.“ (lacht)

24.

WIE IST DAS IN ZEHN JAHREN? „Wir können es uns einfach nicht leisten, auf die Hälfte des Talent-Pools zu verzichten. Das ist nicht nur nicht richtig, sondern schlichtweg dumm.“

25.

FEIERABEND: SPORT ODER WEIN? „Wir haben einen aktiven eineinhalbjährigen Sohn zu Hause, da stellt sich die Frage nicht so häufig.“


Impressum

Eine Sonderedition von

w w w. e d i t i o n f . c o m

HERAUSGEBERINNEN & GESCHÄFTSFÜHRUNG Susann Hoffmann & Nora-Vanessa Wohlert ANZEIGENLEITUNG

REDAKTION Teresa Bücker, Silvia Follmann, Helen Hahne, Olga Felker, Vreni Jäckle, Victoria Kempter

Verena Hodapp MITARBEIT KONZEPT

Franziska Sandow

Nora-Vanessa Wohlert Teresa Bücker Pinar Zeytinoglu

ART DIRECTION &DESIGN Pinar Zeytinoglu (www.studiopinar.com)

Copyright 2017, EDITION F GmbH. Alle Rechte vorbehalten. EDITION F GmbH, Jablonskistr.35, 10405 Berlin, Telefon +4930355 100 53 mail@editionf.com, Handelsregister: Amtsgericht Charlottenburg HRB 1563375B


ʻʻWhat would you do if you weren’t afraid?ʼʼ SHERYL SANDBERG


ANTIKÖRPERPRÄPERATE BIERBRAUEN CHEMOTHERAPIE DESTILLIERAPPARAT ERDOFEN FREQUENZSPRUNGVERFAHREN GASHEIZUNG HYGIENEHYPOTHESE INTERAKTIVE-MEDIENKUNST-PLATTFORM JACKENERWEITERUNG FÜR SCHWANGERE KAFFEEFILTER LANDWIRTSCHAFT MERCAPTOPURIN NAHRUNGSMITTELZUBEREITUNG OPTISCHE GLÄSER PROGRAMMIERUNG QMILK RADIUM SOLARENERGIEHAUS TELEFONBUCH UNTERDRUCK IM GEBÄRMUTTERHALS MESSMETHODE VERSCHLÜSSELUNGSTECHNIK WEGWERFWINDEL X-WASH WASCHSTRASSE FÜR MENSCHEN YUMA-RUCKSACK-COVER ZÜNDHÖLZER

EDITION F 25 Frauen Magazin 2017  
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