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Nr. 1 2011

bulletin

sek · feps

Das Magazin des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes

Sonderausgabe zum Open Forum Davos 2011 4 Das Interview

12 Religion

22 Burn-out

Brot für alle: Korruption als Herausforderung für Hilfswerke

Braucht Glaube Kirche? Zwei unterschiedliche Ansichten

Menschliche Schwächen werden zur Krankheit erklärt

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Sport

Wohin das Gewinnstreben um jeden Preis führen kann

Euro

Wie sich Währungsturbulenzen auf HEKS und Caritas auswirken

Porträt

Neuer Präsident der Schweizer Protestanten setzt Zeichen


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bulletin Nr. 1 / 2011

EDITORIAL

Willkommen am Open Forum Davos 2011 Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Besucherinnen und Besucher

IMPRESSUM © Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund SEK Postfach CH-3000 Bern 23 Telefon 031 370 25 25 Fax 031 370 25 80 info@sek.ch, www.sek.ch Erscheinungsweise: 3-mal jährlich Auflage: 6000 deutsch, 700 französisch Leiter Kommunikation: Simon Weber Administration: Nicole Freimüller-Hoffmann Redaktion: Maja Peter Gestaltung/Layout: Meier Media Design Silvan Meier Übersetzung: Aus dem Französischen: Elisabeth Mainberger-Ruh Korrektorat: Elisabeth Ehrensperger, Elisabeth Mainberger-Ruh Druck: Schläfli & Maurer AG, Interlaken

Kaum überraschend, dass der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK im vorliegenden Bulletin das Thema «Braucht Glaube Kirche?» behandelt und dass der neue Präsident SEK am entsprechenden Panel in Davos darüber diskutiert. Doch dass die Kirche ihren Standpunkt einbringt, wenn es um die ethisch-spirituelle Herausforderung des Sports, um Korruption, um die Euro-Krise, um Burnout geht – ja dass sie sich eigentlich zu sämtlichen Themen des Open Forum Davos 2011 äussert – das mag sehr wohl überraschen. Der SEK entwickelt gemeinsam mit dem Weltwirtschaftsforum die Fragestellungen dieser Veranstaltung vor allem und zuallererst für eine breite Öffentlichkeit. Es geht also nicht darum, ausschliesslich Experten vor einem aufmerksamen Publikum über ihr Lieblingsthema sprechen zu lassen. Sich auf eine Debatte einlassen – das ist der eigentliche Zweck der Veranstaltung. Für unser Gleichgewicht ist die Debatte wesentlich; nur in der Auseinandersetzung können wir ein eigenständiges Bewusstsein entwickeln. Der Widerstreit der Standpunkte zwingt uns, uns zu konzentrieren, uns Herausforderungen zu stellen und nicht auf undifferenzierte Aussagen hereinzufallen. Wie können wir erkennen, ob unsere Grundoptionen gut oder schlecht sind? Indem wir sie mit radikal anderen Positionen konfrontieren und die Fakten, wo immer möglich, ausdiskutieren. Ohne Debatte, ohne Konfrontation und ohne das damit verbundene Risiko kommen wir unseren Pflichten uns selbst gegenüber nicht nach. Wir halten an unseren Überzeugungen fest, nur um den Zweifeln und dem Suchen zu entkommen. Unsere intellektuellen Entscheidungen sind dann abhängig von Geschmack, Meinung und der Psychologie des Moments. Seit jeher bringt der Protestantismus dem Begriff Debatte hohe Wertschätzung entgegen, was sich auch in seiner debattierfreudigen Geschichte spiegelt. Deshalb will der SEK in die Debatte eintreten und sich auf den folgenden Seiten zu Themen äussern, die so vielfältig wie spannend sind. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre! Simon Weber Pfarrer, Pressesprecher und Leiter Kommunikation SEK


Inhalt

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Panel Korruption

Panel Kirche

Interview

religion

«Korruption kann alle treffen»

Maja Peter befragt Beat Dietschy und Yvan Maillard Ardenti von Brot für alle zum Thema Korruption.

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Braucht Glaube Kirche?

Für Pfarrer Jürg Welter steht der Mensch unmittelbar vor Gott. Pfarrer Jean-Jacques Beljean erklärt, warum man den Glauben nicht von der Kirche trennen kann.

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Panel Afghanistan Augenblick

22

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Panel Burn-out

«Mir liegt auch die Seelsorge der Chefs am Herzen»

Portrait

erschöpfung

Individualisierung kollektiver Risiken

Die Leistungsgrenze des Menschen wird zu etwas erklärt, das therapiert werden muss.

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Wettkampf

Der Drang zu siegen kann in Fanatismus und Gewalt abgleiten.

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Panel EURO Eine Frage, zwei Antworten

Wie wirken sich der starke Franken und der schwache Euro auf Ihre Organisation aus?

Braucht Glaube Kirche – braucht Kirche Glaube?

Lini Sutter, neues Mitglied des Rates SEK, kommentiert.

Die lokale Bevölkerung traut den ausländischen Soldaten nicht über den Weg.

Gewinnen ist alles

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Schlusspunkt

Wie weiter in Afghanistan?

Panel Sport

Gottfried Locher, Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK, setzt neue Akzente.

Meinung

Von Reise­berichten und Eindrücken

Der Theologe und Historiker Zsolt Keller zum Thema Mauerbau in Israel.

Verantwortliche vom Evangelischen Hilfswerk HEKS und vom katholischen Hilfswerk Caritas nehmen Stellung.

bulletin Sonderausgabe zum Open Forum Davos 2011

Zum neunten Mal organisieren der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK und das World Economic Forum das Open Forum Davos. Die Themenschwerpunkte des vorliegenden «bulletins» nehmen Bezug auf das Programm des Open Forum. Mehr Informationen zu den einzelnen Panels und den Podiumsgästen unter www.openforumdavos.ch


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 Interview

Panel Korruption –

«Korruption kann alle treffen» Vor Korruption ist kein Unternehmen gefeit – auch ein Hilfswerk nicht. Beat Dietschy, Zentralsekretär von Brot für alle, des Entwicklungsdienstes der Evangelischen Kirchen in der Schweiz, und Yvan Maillard Ardenti, Verantwortlicher für Faire Finanzen und Korruptionsbekämpfung, erklären, wie sich die Hilfswerke gegen die Gefahr wappnen.

Das gespräch führte Maja Peter *

N

chen HEKS oder über die Heilsarmee. Das HEKS ach dem Spendenaufruf für die führt monatlich ein Monitoring durch über alle BeträÜberschwemmungsopfer in Pakistan ge, die geflossen sind. Dazu kommt die Kontrolle wurden Bedenken laut, die Gelder durch die Glückskette. landeten in falschen Taschen. Sind sie berechtigt? Transparency International schreibt, Hilfswerke Dietschy: Ich kann die Bedenken verstehen, weil Pakiseien besonders anfällig für Korruption. stan gemäss Transparency International sehr anfällig Dietschy: Korruption kann alle treffen. Wo viel Geld ist für Korruption. Zudem hat die Regierung Pakistans und viel Macht vorhanden sind, ist das Risiko am keinen guten Ruf in der Schweiz, unter anderem weil höchsten. Deshalb ist die klassidie Taliban dort tätig sind. Entsche Entwicklungszusammenarscheidender für die Spendenbeit privater Hilfswerke weniger bereitschaft war jedoch, dass gefährdet als die staatliche, die sich die Flutkatastrophe lang«Am heikelsten ist über viel mehr Mittel verfügt. sam entwickelt hat. Dadurch die Nothilfe» Am heikelsten ist die Nothilfe, war das Ausmass der Überbei der innert kürzester Zeit groschwemmungen erst mit der sse Summen in den Ankauf von Zeit erkennbar. Doch die HilfsGütern investiert werden. Wichtig ist, dass sich die bereitschaft der Schweizer Bevölkerung war erstaunlich. Organisationen der Gefahr bewusst sind und die Mitarbeiter auf einen aussagekräftigen Code of Conduct, Was wird unternommen, damit das Geld bei den ethische Richtlinien, verpflichten. Opfern ankommt? Dietschy: Die Glückskette verteilt die 41 Millionen Es gibt Länder, in denen Korruption zum Alltag Franken nicht über Regierungsstellen an die Bedürftigehört. Kann man sich als Hilfswerk diesem gen, sondern über Hilfswerke, die seit langem vor Ort Mechanismus entziehen? sind, etwa über das Hilfswerk der Evangelischen Kir-


Daniel Rihs

Dietschy: Man kann Gegensteuer geben, indem man konsequent eine Null-Toleranz-Strategie verfolgt. Per Defi­nition wird bei der «kleinen Korruption» eine Abhängigkeit des Schwächeren ausgenutzt. Die Hilfswerke sind aber nicht unbedingt in einer schwachen Position. Bedeutet Null-Toleranz, dass ein Hilfswerk Nachteile zulasten der Hilfesuchenden in Kauf nimmt, weil es keine Bestechungsgelder bezahlt?

Dietschy: Ja. Denn wenn man einmal bezahlt, spricht sich das herum und man muss es immer tun. Deshalb empfehlen wir den Hilfswerken Null-Toleranz. Es gibt eine einzige Ausnahme: Wenn es um das Leben einer Person geht, die in einer lebensbedrohlichen Situation steckt. Heisst das, in Haiti bezahlen unter Umständen auch Entwicklungshilfeorganisationen Beste-


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chungsgelder, um Schwerkranke mit Medikamenten gegen Cholera zu versorgen? Maillard Ardenti: Man kann Beamten erklären, dass man als Mitarbeiter eines Hilfswerkes den Code of Conduct befolgen muss. Sie sind manchmal überrascht, dass es so etwas gibt, verstehen dann aber, dass man nicht bezahlt.

wirtschaft ist hier gang und gäbe, insbesondere im Baubereich. Als kulturelles Phänomen würden wir Schweizer die Vetternwirtschaft oder das Bankgeheimnis trotzdem nicht bezeichnen. Warum engagiert sich Brot für alle gegen Korruption? Dietschy: Es ist unsere Pflicht. Denn Korruption macht die Armen noch ärmer und der Machtmissbrauch, der damit verbunden ist, bedrängt die Schwachen. Schon im zweiten Buch Mose des alten Testamentes heisst es: «Bestechungsgeld sollst Du nicht annehmen, denn es macht Sehende blind und verdreht die Sache derer, die im Recht sind.» Korruption schadet der Entwicklung sehr vieler Länder enorm.

Ist Korruption ein kulturelles Problem? Dietschy: Wenn wir das sagen, tun wir, als wären wir davor gefeit und bräuchten in der Schweiz oder Europa keine Gesetze gegen Korruption. Korruption ist Machtmissbrauch eines Amtsträgers zum eigenen Nutzen oder zum Nutzen eines Dritten. Sie schädigt die Prinzipien der Transparenz «Korruption im grossen und der Gleichbehandlung sowie das Gemeinwohl. Das Stil findet in den entwickelten Maillard Ardenti: Brot für alle macht Entwicklungspolitik. Wenn gibt es leider überall. Ländern statt» Gelder aus dem Süden abfliessen, Was bei uns weniger voretwa auf private Bankkonten in der kommt als in Ländern des SüSchweiz, steht im betroffenen Land dens, ist die sichtbare kleine weniger Geld für Spitäler, Schulen und Infrastruktur Korruption. Korruption im grossen Stil, etwa zwizur Verfügung. schen Unternehmungen und Ratingfirmen, findet jedoch in den entwickelten Ländern statt. Nur ist sie Was unternimmt Brot für alle konkret gegen selten nachweisbar. Korruption? Dietschy: Wir engagieren uns erstens in der PräventiMaillard Ardenti: Die Annahme von Geldern aus Koron und fordern zweitens von den Staaten Sanktionen. ruption durch Schweizer Banken wurde durch das Die Prävention ist wichtig, weil der Nachweis von korBankgeheimnis lange Zeit geschützt. Auch Vetternruptem Verhalten selten gelingt. Sie beginnt mit der Analyse der eigenen Organisation: Wo sind die Schwachstellen, wo vereint eine Person viel Macht auf sich? Die Möglichkeiten für Bestechung müssen eingeschränkt werden. Zum Beispiel durch das Vier-Augen-Prinzip:, Zahlungsaufträge sollten immer von zwei Personen signiert werden. Die Organisation soll Ehrlichkeit, Transparenz und Rechtstreue hochhalten und fördern. Wir haben zwei Broschüren für NichtRegierungsorganisationen herausgegeben zur EvaluaZum Thema tion der Risiken in der eigenen Organisation mittels Informationen zu den Antikorruptionsmassnahmen von eines Ratgebers und einer Checkliste. Brot für alle sowie der Ratgeber und die Checkliste zum Herunterladen sind unter www.brotfueralle.ch zu finden. Der Direktor von Globethics.net, Prof. Dr. Christoph Stückelberger, hat soeben das Buch «Corrup­tion-free Churchs are possible» publiziert. Es kann bei www.globethics.net bestellt werden. Informationen über Transparency International, der internationalen und unabhängigen Koalition gegen Korruption, sind unter www.transparency.ch zu finden.

Brot für alle ist seit 2003 beteiligt an einer Sensibilisierungskampagne in westafrikanischen Kirchen und Schulen. Warum diese beiden Institutionen? Dietschy: Einerseits, weil Kirchen und Schulen auch betroffen sind von Veruntreuung, Vetternwirtschaft und Bestechung. Anderseits haben Kirchen einen hohen moralischen Anspruch. Sie sind an einem guten Ruf interessiert. Und in den Schulen werden die Jugendlichen sensibilisiert für Machtmissbrauch. Sie tragen das Thema nach Hause und in die Gesellschaft.


Interview: «Korruption kann alle treffen»



Zentralsekretär Dr. Beat Dietschy (links) und der Spezialist für Korruptions­bekämpfung von Brot für alle, Yvan Maillard Ardenti, empfehlen den Hilfswerken Nulltoleranz. Wenn einmal auf unberechtigte Forderungen eingegangen werde, spreche sich das herum, dann müsse man es immer tun.

Was haben Sie mit der Kampagne erreicht? Maillard Ardenti: Dank der Zusammenarbeit mit natio­nalen Kirchenräten Westafrikas konnten wir 300 Schulen mit 600 000 Schülerinnen und Schülern über das Thema informieren. 70 Prozent von ihnen waren an der Schule schon einmal mit Korruption konfrontiert. Lehrer verlangten zum Beispiel für gute Noten Sex. Zur Kampagne gehörten Clubs, Videos, Liedund Gedichtwettbewerbe sowie Sketches. Durch die öffentliche Diskussion wurde den Betroffenen der Rücken gestärkt. Danach haben sich einige Schulen offiziell zu «korruptionsfreien Schulen» erklärt. Dietschy: Mit den Kirchen wurden theologische Argumente für Predigten gegen Korruption erarbeitet. Wir arbeiten darauf hin, dass in fünf Ländern Westafrikas Antikorruptionskommissionen der Kirchen eingerichtet werden. Was tut Brot für alle auf politischer Ebene gegen Korruption? Dietschy: Wir setzen uns im Süden für eine bessere Entlöhnung von Lehrpersonal und für den Schutz von Whistleblowern ein, also von Menschen, die Missstände in einer Organisation anprangern. In diesem Bereich hinkt auch die Schweiz hinterher. Zudem sollte

das Missverhältnis zwischen den Ressourcen der Strafbehörden gegenüber jenen des organisierten Verbrechens korrigiert werden. Woran mangelt es in der Schweiz sonst noch? Dietschy: Es liegt noch immer von Diktatoren veruntreutes Volksvermögen auf Schweizer Konten. Die neue Gesetzgebung zur Rückführung solcher Potentatengelder bringt einen grossen Fortschritt mit sich: In Zukunft werden die Diktatoren beweisen müssen, dass sie ihr Geld rechtmässig erwirtschaftet haben. Maillard Ardenti: Leider hat diese neue Gesetzgebung noch Lücken: die Schweiz erwartet immer noch ein Rechtshilfegesuch des Landes. Die Verantwortlichen dort sind meist eng verbunden mit dem Potentaten, weshalb es selten zu Rechtshilfebegehren kommt – oder zu spät. Diskutieren Sie mit auf unserem blog: www.sekfeps.wordpress.com

* Maja Peter ist Redaktorin des bulletins.

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 Wettkampf

Panel Sport –

Gewinnen ist alles

Wir leben in einer Zeit zunehmender Kommerzialisierung des Leistungs­ sports. Die menschliche Dimension von Wettkampf und Leistung findet je länger je weniger Beachtung. Die damit verbundenen spirituel­ len und ethischen Herausforderungen werden ausgeblendet.

Von Denis Müller *

D

er Sprache des Sports bedient sich schon Apostel Paulus im Neuen Testament. Er schreibt in seinen Briefen vom Lauf des Gläubigen auf dem Weg zum ewigen Leben oder von der Anstrengung zur Erlangung des Siegeskranzes. Durch die Begriffe «siegreicher Lauf» und «guter Kampf des Glaubens» wird eine profane und heidnische Wirklichkeit religiös codiert. Entlehnt hat Paulus diese Sportmetaphern seinen stoischen Quellen und hat sie frei in den theologischen Diskurs über Heil und Glauben einfliessen lassen. In der Folge nahmen die Kirchenväter diese Bilder wieder auf, wollten sie doch die Glaubensinhalte in der heidnischen Gesellschaft verbreiten. Sie taten dies inmitten der Imperien mit ihren Stadien, ihren olympischen Spielen und ihren Gladiatorenkämpfen, also inmitten sportlicher Aktivitäten von unbestreitbarer Ambivalenz. Doch ist es zulässig, Paulus’ Sportmetaphern einzusetzen, um mit ihnen den religiösen, ja magischen und absoluten Charakter des modernen Sports auszudrücken? Hier stossen wir an eine Grenze, die zu überschreiten wir uns hüten sollten. Gefordert ist vielmehr die kritische Beurteilung der Bedeutung des moder-

nen Sports, insbesondere der sportlichen Leistung in unserer fortgeschrittenen neoliberalen kapitalistischen Gesellschaft.

Berufssportler müssen siegen

Die sportliche Leistung erzeugt unterschiedliche Verhaltensweisen mit je eigenen Zielen. Amateursportler, die regelmässig für den Murtenlauf, für den Berglauf Siders–Zinal, für den Marathon von Biel, Lausanne oder gar New York trainieren, streben in erster Linie die persönliche Leistung, die «gute Zeit», die Verbesserung der Fitness und der mentalen Widerstandskraft an. Wichtig ist nicht der Sieg über die anderen. Was zählt, ist der Sieg über sich selbst oder, mehr noch, Selbstüberbietung und Selbstverwirklichung. Berufssportler kennen ganz andere Massstäbe. Hier ist die Rede vom Sieg um jeden Preis, von unmässigen Salären, von immensen politischen und wirtschaftlichen Erwartungen, von der ständigen Gefahr von Betrug, Korruption oder gewalttätigen Fangruppen. Das scheinbar uneigennützige Leistungsstreben der Hobbysportler riskiert stets, in das permanente Streben nach Perfektion und Selbstbestätigung zu kippen. Theologisch und spirituell gesehen kann dies in


Keystone

Der Drang zu siegen ist eine Versuchung, die in Fanatismus und Gewalt abgleiten kann.


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verdienstvolles Tun, aber auch in Selbstrechtfertigung münden. Indem ich mit einer Leistung immer wieder über mich selbst hinauswachse, überzeuge ich mich schliesslich von meinen eigenen Meriten, davon, dass ich «der Sache gewachsen» und «der Beste» bin, dass ich den «Ruhmestitel» erlangt habe. Derselbe Apostel Paulus, der den Weg des Gläubigen mit einer Sportveranstaltung oder olympischen Spielen vergleicht, beschwört uns, uns vor dieser Angeberei oder diesem unangebrachten Stolz zu hüten. Wir sollten uns nicht damit brüsten, selber die Urheber unseres Erfolgs oder unseres Talents zu sein.

Sport schärft Sinn für Strategie

Die Versuchung zur Glorifizierung, zur Glanzleistung, die einzig der Selbstbestätigung dient, ist gepaart mit der mimetischen Rivalität mit dem Gegner, der schon bald zum Feind mutiert. So verkommt der Sieg zum Selbstzweck, wird Ausdruck unseres Begehrens, den anderen zu dominieren. Und unversehens verwandelt sich Wettstreit in Gewalt, Respektlosigkeit und Verachtung. Der Drang zu siegen ist eine Versuchung, die in Fanatismus abgleiten und uns davon abbringen könnte, nach dem Sinn von Leben und Glauben zu fragen. Trotzdem gibt es keinen Grund, sportlichen Aktivitäten jeglichen schöpferischen Wert abzusprechen. Wettstreit, als Spiel verstanden, ist für das Geschöpf Mensch eine mögliche Ausdrucksform seines Strebens nach Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit. Wettstreit an sich ist nicht feindselig, gewalttätig oder zerstörerisch. Er strebt nicht zwangsläufig danach, den anderen – physisch, moralisch oder gesellschaftlich – zu eliminieren, vielmehr dient er auch dazu, sich mit dem anderen respektvoll und fair zu messen und ihm dabei die Chance einzuräumen, seinerseits zu siegen. Denken wir an Karten- oder andere Gesellschaftsspiele: Solche Aktivitäten fordern nicht bloss die Intelligenz und die Cleverness des menschlichen Geistes heraus, vielmehr schärfen sie den Sinn für Strategie und Organisation. Sie fördern auch das Gedächtnis und die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zur zwischenmenschlicher Kommunikation. Weshalb aber will der Mensch unbedingt siegen? Das wollte Klippies Kritzinger, ein weisser südafrikanischer Theologe und Missionswissenschaftler, von mir wissen, als ich vor einigen Jahren an der Universität Pretoria, Südafrika, eine Vorlesung hielt. In den Köpfen existiert eine unbewusste Verbindung zwischen der angeblichen Gewaltlosigkeit des Fussballs (um dieses Beispiel heranzuziehen) und der in der Gesellschaft virulenten Gewaltbereitschaft. Indem die dem Fussball eigene symbolische Gewalt ver-

tuscht wird, wird uns vorgegaukelt, es gebe einen olympischen Waffenstillstand oder schlicht eine sportbedingte Auszeit der Gewalt. Zuweilen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, gigantischen und superreichen Organisationen wie dem Weltfussballverband FIFA oder dem Internationalen Olympischen Kommitee IOC gehe es allein um den geordneten sportlichen Verlauf und den maximalen ökonomischen Profit des Wettstreits. Jedenfalls tun sie, als spiele sich der Sport in einer Art no man’s land fern jeder Gewalt, jeder Bedrohung und jeder Angst ab. Sport aber existiert nicht ausserhalb der Welt und der Gesellschaft, sein Feld befindet sich nicht ausserhalb des Feldes, wo sich unsere gesellschaftlichen Konflikte abspielen. Deshalb ist es nicht richtig, dass die FIFA oder das IOC sich der ethischen und politischen Kontrolle ihrer Aktivitäten durch andere Instanzen entziehen.

Freude am Spiel

Im individuellen oder kollektiven Leistungs­ sport – wie im Leben ganz allgemein – geht es nicht bloss um Wettstreit und Sieg. Der Respekt vor dem Gegner setzt die Selbstachtung und eine Ethik des guten Lebens voraus. Gefordert sind eine gesunde Lebensweise und die zweckfreie Freude am Spiel. So gesehen ist der Sport eine Schule des Lebens. Gewinnen ist nicht alles. Ein erfülltes Leben, Spieltrieb und Lebensfreude, ein selbst bestimmtes Leben gemeinsam mit anderen in weniger ungerechten Institutionen und in weniger von Betrug und Korruption gezeichneten Wettkämpfen – das ist es, was zählt. Noch hat der Leistungssport einen weiten Weg vor sich, will er uns weiterhin erfreuen, ohne uns immer wieder zu enttäuschen. Hin- und hergerissen zwischen seinen Göttern und seinen Dämonen, zwischen abstossender Korruption und erhebender Leidenschaft, stellt er uns unablässig vor die Frage nach uns selbst und unseren Gesellschaften, nach unseren Werten und unseren spirituellen und beruflichen Leistungen. Diskutieren Sie mit auf unserem blog: www.sekfeps.wordpress.com

* Denis Müller ist Professor für Ethik an der Autono-

men Fakultät für Evangelische Theologie der Universität Genf und an der Fakultät für Theologie und Religionswissenschaften der Universität Lausanne. Er ist Autor des Buches: «Le football, ses dieux et ses démons. Menaces et atouts d’un jeu déréglé.» Genf: Labor et Fides 2008.




Evangelische Kirchen in der Schweiz Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK ist der Zusammenschluss der 24 reformi­ erten Kantonalkirchen, der Evangelisch-meth­ odistischen Kirche und der Église évangélique libre de Genève in der Schweiz. Damit repräsen­ tiert der SEK rund 2,4 Millionen Protestantinnen und Protestanten. Er nimmt Stellung zu Politik, Wirtschaft und Glaubens­fragen und ist unter an­ derem Ansprechpartner des Bundesrates.

land, zur jüdischen und islamischen Gemeinschaft, zur Bischofskonferenz sowie zu den Hilfswerken und Missionsorganisationen.

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK nimmt die gemeinsamen Interessen seiner Mitgliedkirchen wahr und vertritt sie auf nationaler und internationaler Ebene. Politisch ist der SEK als Vertreter des Schweizer Protestantismus unter anderem Gesprächspartner der Bundesbehörden.

Die Finanz- und Wirtschaftskrisen jüngster Zeit haben die Gesellschaft auf tiefliegende Probleme aufmerksam gemacht: Ohne Vertrauensbeziehungen unter den verschiedenen Akteuren ist ein stabiles internationales Finanzsystem nicht möglich. Vertrauen ist verknüpft mit ethischen Werten. Diese betreffen politische und rechtliche Strukturen (Ordnungsethik), die Unternehmenskultur (Ethik-Kodizes) sowie das persönliche Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen (Individualethik). Die neuste SEK-Studie analysiert in der Tradition protestantischer Wirtschaftsethik nach Arthur Rich die Finanzkrisen von 2008 und 2010 und macht auf einer praktischen Ebene Vorschläge, wie ethische Werte das internationale Finanzund Wirtschaftssystem nachhaltig und zum Nutzen Aller stabilisieren können.

Der SEK nimmt politisch Stellung und äussert sich in eigenen Publikationen zu theologischen und ethischen Gegenwartsfragen. Aktuelle Publikationen gibt es zu den Themen Finanzkrise, Forschung am Menschen, Sterbehilfe, Menschenrechte, Taufe. Sie können heruntergeladen und bestellt werden auf www.sek.ch. Auf religiöser Ebene vertritt er seine Mitglieder in der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen WGRK, in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE, in der Konferenz Europäischer Kirchen KEK und im Ökumenischen Rat der Kirchen ÖRK. Der SEK pflegt Beziehungen zu den Partnerkirchen im In- und Aus-

Neuste Studie des SEK

Gerechtes Haushalten und faires Spiel

Die Studie ist erhältlich unter www.sek.ch/onlineshop.

Ihre Meinung interessiert uns! Haben Sie Anregungen, Kritik oder einen Wunsch? Bloggen Sie auf www.sek.ch

Das bulletin in Ihrem Briefkasten Wir schicken Ihnen das bulletin gerne kostenlos zu, damit Sie keine Ausgabe verpassen. Bestellen Sie das Magazin des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK mit Porträt, Hintergrund­ geschichten, Interviews und Diskussionsbeiträgen aus den Mitgliedkirchen, Universitäten und dem SEK. Senden Sie eine E-Mail mit Ihrer Adresse und dem Vermerk «bulletin bestellen» an: info@sek.ch oder rufen Sie uns an: Telefon 031 370 25 25

bulletin

Das Magazin des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes

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 Religion

Panel Kirche –

Braucht Glaube Kirche? Zwei reformierte Theologen beantworten die Frage ungleich. Den spätmittelalterlichen Mystikern folgend stellt der Berner Münster­pfarrer Jürg Welter den Menschen unmittelbar vor Gott. Pfarrer Jean-Jacques Beljean erklärt, warum man den Glauben nicht von Beziehungen und somit von der Kirche trennen kann.


 Von Jürg Welter *

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ie Frage ist für unsere Epoche bezeichnend. Sie löst zwei einander entgegen gesetzte Reaktionen aus:

– Glaube ohne Kirche ist nichts; die Kirche überliefert den Glauben und ist selbst Gegenstand des Glaubens, da sie im Heilsplan Gottes der Leib Christi ist. – Glaube ist eine persönliche, individuelle Angelegenheit; er gehört in den Bereich des Privaten und erfordert keine Zugehörigkeit zu einer Institution oder Kirche. Im Sinne einer reformierten Theologie versuche ich, auf die Frage eine nuancierte Antwort zu geben: nicht vermittelnd zwischen den beiden Extremen, sondern jenseits des Gegensatzes.

Glaube manifestiert sich in Beziehung

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Glaube ist in erster Linie persönliche Zugehörigkeit, nicht aber individuelle Zugehörigkeit. An dieser Nuance entscheidet sich die Antwort auf die Frage nach der Kirche und dem Glauben. Glaube ist ein Entscheid, ein Weg, ein Akt des Vertrauens zwischen einer Person, die zum Glauben gefunden hat, und ihrem Gott. Dieser Akt des Vertrauens beruht auf einer Vergangenheit, einer Begegnung, einer Information, einer Erleuchtung, einem glaubwürdigen Zeugnis und einem Elan des Herzens. Er entzieht sich – als Akt der

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braham glaubte ohne Kirche. Jakob rang allein mit dem Engel. Einsam glaubte Jesus im Garten Gethsemane. Saulus wurde nicht durch eine Kirche zu Paulus. Simone Weil glaubte, ohne der Kirche anzugehören. Geglaubt wurde ursprünglich ohne Kirche und später oft gegen sie. Wer fragt so? Eine kirchenferne Religiosität nicht. Der Glaube fragt so nie. Die Kirche schon: halb ängstlich, halb sich rechtfertigend, denn sie braucht den Glauben. Ohne ihn ist sie nichts. Das Apostolicum beginnt mit dem Wörtchen «credo», «ich glaube». Der Begriff Kirche folgt erst gegen Ende des Glaubensbekenntnisses. Glaube eilt der Kirche immer voraus und ist ihr vorgeordnet, hat immer Gemeinschaft begründet und gesucht. Glaube «braucht» nicht Kirche, sondern ist ihr Motor.

Glaube ist nicht das Werk der Kirche

Wir kommen von einer Geschichte her, die sich aus den Ursprungssituationen gelöst hat. Kirche steht heute immer Nichtglauben und Glauben gegenüber. Lebensgeschichtlich kommt sie vor dem Glauben des Einzelnen. Sie bietet den Nochnichtglaubenden Gemeinschaft an, vermittelt, tradiert den Glauben und ermöglicht oder behindert ihn so. Glaube war und ist nie das Werk der Kirche, sondern eine Gnade Gottes. Kirche braucht Glauben, der kritisches Denken und das Bedenken der eigenen Grenzen in sich ver-

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Von Jean-Jacques Beljean *

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Liebe – zuerst einmal der Vernunft. Mit Absicht verwende ich den Begriff «Person» und nicht den Begriff «Individuum». Der Glaube geht nicht bloss einen Menschen persönlich an, sondern auch dessen Beziehungsnetz, das familiäre und berufliche Umfeld. Beginnt eine Person an Gott, an Christus, an den Heiligen Geist zu glauben, wird sie Teil eines Beziehungsnetzes. Gemäss dem Bild des christlichen Gottes, der wesentlich Beziehung ist, mündet der Glaubensakt in eine Beziehung, in eine Beziehung zu Gott, aber auch zu den Mitmenschen. In der gesamten christlichen Tradition ist der Glaube an Gott Glaube an die Dreifaltigkeit. Dieser schöpferische Glaube bringt die Kirche hervor, nämlich die Begegnung derjenigen, die einander nahe stehen und denselben Glauben teilen – im Wirkungsfeld des Lebens selbst – und auch die Begegnungen mit Personen, die andere Überzeugungen teilen. Im Christentum ist der Glaube nicht bloss ein mystischer, intimer Akt des Individuums. Vielmehr manifestiert er sich in Beziehung – in göttlicher wie menschlicher Beziehung.

Jesus hat die Kirche geschaffen

Die Kirche ist eine Schöpfung des Glaubens. Jesus Christus hat nicht nur, wie es ein Therapeut in seiner Praxis täte, Einzelnen Ratschläge erteilt. Jesus Christus hat Menschen versammelt und zum Glauben aufgerufen. So hat er die Kirche geschaffen. Anfänglich mit der Berufung von Jüngern, Aposteln, einem Kreis von ihm nahe stehenden Männern und Frauen. Leider haben nur wenige dieser Frauen Eingang in die Überlieferung gefunden – es seien Martha, Maria und

eint. Im Laufe der Kirchengeschichte gab es stets Denk- und Spiritualitätsmodelle, die halfen, den Glauben der Einzelnen wachsen zu lassen. Zu finden sind sie oft in Bewegungen und Denktraditionen, die wir etwas ungenau «mystisch» nennen. Es ging in erster Linie um eine Frömmigkeit, die den Menschen unmittelbar vor Gott stellte und ihn so den Ansprüchen der Institution Kirche entzog. Der spätmittelalterliche Theologe und Philosoph Meister Eckhart sagt in seinen Reden der Unterweisung (Kap. 20): «Lass dir deinen Gott nicht absprechen noch ab­ predigen.»

Die Seele muss frei sein

Sein Schüler Johannes Tauler formuliert in Predigt 6 zu Mt. 11,29f: «Der inwendige edle Mensch ist aus dem edlen Grund der Gottheit gekommen und nach dem edlen lauteren Gott gebildet und wird wieder dorthin eingeladen und hineingerufen und hingezogen, dass er all des Gutes teilhaftig zu werden vermag, dass der edle, wonnigliche Grund von Natur besitzt; das kann die Seele durch göttliche gnade erlangen.» Und etwas später: «Oh, wie edel und lauter auch die irdischen Bilder sind, alle sind sie ein Hindernis dem Bild bar jeder Form, das Gott ist.» Das Hindernis zu Gott ist Tauler folgend nicht unsere Weltlichkeit oder Unfrömmigkeit. Die Kirche(n) selbst, ihre Formen und Dogmen, ihre Gebete, Riten und Wahrheiten sind es. Der Mystiker fährt weiter: «Die Seele, in der sich die Sonne spiegeln soll, die muss frei sein und ledig aller Bilder, denn wo


Religion: Braucht Glaube Kirche?

die Samariterin erwähnt. Diese Jüngerinnen und Jünger waren als Erste berufen, die Gute Nachricht zu empfangen, also die Verheissung, wonach das Reich Gottes nahe sei. Sie waren berufen, von dieser guten Nachricht zu leben. Nicht nur jede und jeder in ihrem und seinem Herzen, sondern als Gemeinschaft. Diese jesuanische Strategie war von Anfang an derart offensichtlich, dass sich bereits in den Ursprüngen der Kirche Gemeinschaften gebildet haben, um diesen Glauben gemeinsam zu leben und weiterzugeben. Diese Kirche erachteten die ersten Christen als derart wichtig, dass sie das Bedürfnis verspürten, dieser Kirche bestimmte, bereits im Neuen Testament ersichtliche Organisationsformen zu geben. Für die reformierte Theologie ist die Struktur unverzichtbar, die Formen hingegen betrachtet sie als zweitrangig. Was zählt, sind die Merkmale dieser Kirche: Verkündigung des Evangeliums nach innen und nach aussen; Spendung der Taufe, die Einbindung in Christus und in die Kirche zugleich ist; Feier des Abendmahls; innere und äussere Diakonie; Gebet; Gemeindeleben.

Zurzeit werden alle Institutionen beargwöhnt

epd

Weshalb ist die Frage, ob Glaube auf Kirche angewiesen sei, heute derart aktuell? Gewiss nicht wegen jener «losen Struktur», welche die Gläubigen gebildet haben. Vielmehr wegen der Anonymität und Trägheit von Institutionen aller Art, die im beginnenden 21. Jahrhundert infrage gestellt und beargwöhnt werden: Staat, Armee, Schule, Banken usw. Was die Kirche anbelangt, ist der Argwohn berechtigt, muss sie doch ein

irgendein Bild sich in dem Spiegel zeigt, da vermag sie Gottes Bild nicht aufzunehmen.» Tauler steht da in der Tradition Eckharts, der eine weg- und masslose Frömmigkeit (einen weg âne weg) vertritt, die den Einzelnen von traditionellen Formen löst. Es geht Eckhart bei der Weiselosigkeit des Verhältnisses Gottes zum Menschen um ein Überschreiten aller Masse, weil Gottes Wirken selbst masslos ist. Soll die Seele für Gottes Selbstmitteilung offen werden, muss sie all ihr Mass und all ihre Massstäbe verlieren und bestimmungslos werden. «Erst wenn sie die wîse der engel und aller geschaffener vernunft überschreitet, vermag sie, Gott und in Gott alle Dinge masslos zu lieben.» Die Konsequenz aus diesen Gedanken lautet: Es gibt keinen Zugang, keinen Weg zu Gott. In Predigt 5b schreibt Eckhart harsch: «Wer immer Gott auf Wegen sucht, findet Wege und verliert Gott, der auf Wegen verborgen ist.» Er verweist auf den mittelalterlichen Abt Bernard von Clairvaux, der sagte: «Die Weise Gott zu lieben das ist Weise ohne Weise … Wie lieb wir Gott haben sollen, dafür gibt es keine bestimmte Weise: so lieb, wie wir nur immer vermögen, das ist ohne Weise.» Offenbarung Gottes ist nur möglich, wenn der Mensch seine kreaturhaften Bestimmungen ablegt und in die ursprüngliche Bildhaftigkeit Gottes findet. Solange wir Menschen sind und solange irgend etwas Menschliches an uns lebt und wir uns in einem Zugang befinden, so sehen wir Gott nicht; wir müssen emporgehoben und in lautere Ruhe versetzt werden und so Gott sehen. Die Offenbarung Gottes bedeutet eine solche Überformung durch das göttliche Licht, plötzlich und unvermittelt. Darin wer-

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Der Glaube wirkt in der Gesellschaft

Die Begriffe persönlicher Glaube und Kirche sind nicht inkompatibel. Bringen wir sie zusammen! Individueller, allein gelebter Glaube führt zu Sterilität, Einseitigkeit und Willkür. Der Glaube ist auf die Kirche angewiesen, garantiert sie doch dessen Treue zum

den alle Weisen durch die Gegenwart Gottes überschritten. Dies kann im Seelengrund geschehen; dort ist Gott gnadenhaft und unmittelbar präsent.

Es braucht Wege über lange Zeit

Aus dem Geschilderten ergeben sich einschneidende Konsequenzen für die Frage nach einem spirituellen Weg und der Rolle der Institution Kirche. Die Idee der Weise- und Weglosigkeit lehnt äussere Formen nicht ab, sondern bejaht die Pluralität der Weisen. Im 17. Kapitel der «Reden der Unterweisung» schreibt Meister Eckhart: «Du musst erkennen und darauf gemerkt haben, wozu du von Gott am stärksten gemahnt seist; denn mitnichten sind die Menschen alle auf einen Weg zu Gott gerufen.» Betrachten wir diesen Text genauer, so lässt sich ein aktuelles Programm spiritueller Toleranz und einer Entmächtigung tradierter Formen herauslesen. Es gelten sechs Grundsätze: 1. Gott hat der Menschen Heil nicht an eine besondere Weise gebunden. 2. Niemandes Weise verachten. 3. Nicht kann ein jeglicher nur eine Weise haben, und nicht können alle Menschen nur eine Weise haben, noch kann ein Mensch alle Weisen noch eines jeden Weise haben. 4. Ein jeder behalte seine gute Weise und beziehe alle anderen Weisen darin ein und ergreife in seiner Weise alles Gute. 5. Wechsel macht unstet Geist und Weise. Um Geist und Weise zusammenzuhalten, braucht es Wege

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mobiler Leib bleiben, dessen Haupt Christus und dessen Leben der Heilige Geist ist. Eine festgefahrene und allzu träge Organisation darf sie nicht sein. Doch man hüte sich, die Organisation als solche und nicht bloss deren Exzesse zu verurteilen. Die Organisation ist sinnvoll und erfüllt wichtige Aufgaben: Die Kirchen übernehmen innerhalb einer Gesellschaft unersetzliche soziale, diakonische und spirituelle Aufgaben. Wenn es um Begleitung und Entfaltung des spirituellen und sozialen Lebens geht, sind ihre Kompetenzen einmalig. Zudem sei an die aktive Solidarität der strukturierten Kirchen mit den Bedürftigen im Inund Ausland erinnert. Indirekt alimentieren und ermöglichen kirchliche und kirchennahe Institutionen wie etwa die theologischen Fakultäten die theologische Debatte. Die organisierten Kirchen sind Bollwerke gegen die Exzesse der Gesellschaft wie zum Beispiel Totalitarismus oder Individualismus. Die organisierte Struktur von Kirche und wissenschaftlicher Theologie ist nicht selten ein Schutzschild gegen die Instrumentalisierung des Glaubens zu fundamentalistischen, politischen oder finanziellen Zwecken. All dies wäre unmöglich ohne ein solides organisatorisches und institutionelles Fundament.

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Religion: Braucht Glaube Kirche?

Evangelium. Eine überorganisierte Kirche wiederum verdorrt und verkommt zum blinden Machtapparat. Sie ist angewiesen auf den Glauben, wie ihn Calvin, Martin Luther King oder Mutter Teresa gelebt haben, damit sie sich reformieren und verwandeln kann – treu zu Gott, auf den sie sich beruft. Doch der Glaube greift über die Kirche und deren Rolle hinaus. Er wirkt in der Gesellschaft und für sie. In hohem Masse ist es die Kirche, die es dem Glauben erlaubt, sich als Zeugnis, als Handeln in der Welt herauszubilden, indem sie die Gläubigen theologisch und praktisch ausrüstet. Realität und Praxis sind Prüfstein des Glaubens. Und dies in sämtlichen Lebensbereichen: Im Geschäft, in der Politik, in zwischenmenschlichen Beziehungen. Der biblische, der reformierte Glaube unterscheidet nicht zwischen spirituell und materiell. Es geht ihm um Inkarnation, um die ganze von Gott geschaffene Realität. Ohne Einbindung in die Kirche und in die Gesellschaft wird der Glaube steril, vergeblich, von seinen Quellen abgeschnitten und deklamatorisch, ja gefährlich. Bringen wir also die Begriffe Glaube und Kirche, Glaube und Gesellschaft zusammen in den Dienst der Nächsten und der Welt! < Diskutieren Sie mit auf unserem blog: www.sekfeps.wordpress.com

* Jean-Jacques Beljean ist Pfarrer in Neuenburg

und ehemaliger Synodalratspräsident der reformierten Kirche in Neuenburg.

über lange Zeit; eigentlich sind es fast immer Lebenswege. Das erinnert an einen Gedanken der französischen, jüdischen Philosophin und Mystikerin Simone Weil (1909–1943): Jede Religion ist die einzig wahre; das heisst, in dem Augenblick, da man sie denkt, muss man ihr soviel Aufmerksamkeit entgegenbringen, als gäbe es nichts anderes, ebenso ist jede Landschaft, jedes Bild, jedes Gedicht usw. einzig schön. Zur Synthese der Religion bedarf es nur einer geringwertigeren Aufmerksamkeit. 6. Nicht alle Menschen können einem Weg folgen. Soll ein Weg gelebte Spiritualität werden, so muss das Tradierte in einen eigenen Weg verwandelt werden, sonst bleibt nichts als geistlose Form. Ohne eine solche Transformation gibt es keine eigenständige religiöse Erfahrung. Völlig autonome Wege laufen ebenfalls Gefahr, inhaltslos und leer zu werden. Sie bleiben von Tradition, Geschichte und Gemeinschaft abgeschnitten. Für eine lebendige Spiritualität ist das Wechselspiel von Heteronomie und Autonomie befruchtend. Frömmigkeit entzündet sich an tradierten Wegen und tendiert zugleich zu deren Kritik und Überschreitung. Die Position Meister Eckharts ermöglicht Distanz und Kritikfähigkeit. Sie bejaht die Pluralität der Wege, führt aber darüber hinaus, indem der eigene Weg, insofern er vom Ich geprägt ist, als «eigener» in Frage gestellt wird. Eckhart postuliert eine Weglosigkeit, die vom Ich, das erfährt, geniesst und beseligt ist, wegführt: «Das bevinden ist nicht in dîner gewalt.» Eckhart ist aktuell, weil sein Ansatz eine Frömmigkeit kritisiert, die das Ich ins Zentrum setzt. Er individualisiert zwar, aber stellt Individualismus und Ichkult radikal in Frage. Da ist keine Spiritualität, die einem konsumistischen Ich Bedeutung und Mehrwert verschaffen soll. Der Glaubende wird in die Gemeinschaft und die Weltverantwortung zurückgewiesen. Eckhart stellt in seiner Theologie der Armut (nicht wollen, nicht wissen, nicht haben), der Abgeschiedenheit und des Sichselbstlassens die Macht des Ichs ebenso in Frage wie die «Macht» der Kirche und ihrer Formen. < Diskutieren Sie mit auf unserem blog: www.sekfeps.wordpress.com

* Jürg Welter ist reformierter Pfarrer im Berner Münster.

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Augenblick

Panel Afghanistan –

Wie weiter in Afghanistan? Ist der vom Westen geförderte Wiederaufbau in Afghanistan gescheitert? Die lokale Bevölkerung traut den ausländischen Soldaten nicht über den Weg. Die beiden paschtunischen Knaben in Zoldag Mongah begegnen dem amerikanischen Soldaten neugierig und ängstlich zugleich.


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bulletin Nr. 1 / 2011

 Eine Frage, zwei Antworten

Panel euro –

Wie wirken sich der starke der schwache Euro auf Ihre

2010 waren es nicht mehr ganz 1,3 Millionen. Natürlich sichern wir die Währungsrisiken ab, doch ist das nur für einen beschränkten Zeitraum möglich. Der starke Schweizer Franken wirkt sich Zusammenfassend betrachtet profitieren wir auf unsere tägliche Arbeit auf zwei Ebebei den Ausgaben vom starken Franken, bei den nen aus: Einerseits beeinflusst er die FiEinnahmen erleiden wir aber einen nanzen unseres HilfsVerlust. Diese zwei Effekte haben werks, anderseits hat er Folgen für sich Ende 2010 ziemlich genau unsere Zielgruppe – die bedürfti«Bei den Einnahmen kompensiert. In Zahlen: sieben Pro­ gen Menschen. Ich gehe zuerst auf erleiden wir -zent Währungsgewinn auf 48 Prodie Konsequenzen für Caritas einen Verlust.» zent unserer Ausgaben kompensieSchweiz ein, danach kurz auf die ren 17 Prozent Währungsverlust möglichen Auswirkungen für die auf 19 Prozent der Einnahmen. Menschen in der Schweiz. Trotz guter Konjunkturprognosen für die Schweiz Der Schweizer Franken ist vor allem deshalb stark, könnte sich das mit einem Schlag ändern: Sinkt der weil der Euro und der US-Dollar schwach sind. Diese Euro weiter so schnell, bricht der Absatz der SchweiAussage erscheint vielleicht etwas lapidar, sie ist aber zer Exportindustrie ein und damit schnellt die Arvor allem für unsere Ausgabenseite bedeutsam. Gegenbeitslosigkeit empor. Die damit verbundene soziale über den Währungen der Entwicklungsländer ist der Not würde den Staat, die Politik, die Wirtschaft und Franken weniger stark. Während der Franken zum Beinatürlich auch Caritas Schweiz vor grosse Herausforspiel gegenüber dem Euro in diesem Jahr um 17 Proderungen stellen. < zent angestiegen ist, hat er gegenüber dem Haitianischen Gourde nur um sieben Prozent zugenommen. Auf der Einnahmenseite ist der schwache Euro ein Problem. Rund ein Fünftel unserer Einnahmen können wir bei ausländischen Organisationen erwirtschaften. Erhalten wir beispielsweise eine Million * Hans Krummenacher-Wüest leitet beim Katholischen Euro für Schulen in Somalia, wären das anfangs Jahr Hilfswerk Caritas den Bereich Finanzen und umgerechnet 1,5 Millionen Franken gewesen. Ende Administration und ist Mitglied der Geschäftsleitung.

Hans Krummenacher-Wüest *

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Franken und Organisation aus?

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echselkursschwankungen gehören zu den Risiken, mit welchen eine international tätige Organisation wie das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen HEKS umzugehen hat. Der aktuell sehr starke Franken – oder umgekehrt die Schwäche der FremdFranken muss für diese Währungen ein Wechselkurs währungen – ist für uns keine aussergewöhnliche Siangenommen werden. Ist der Franken zum Zeitpunkt tuation, sondern Teil des normalen Tagesgeschäftes. der Überweisung stärker als bei der Budgetierung, entHEKS ist in zwei Bereichen von stehen uns geringere AufwendunWechselkursschwankungen begen. Wir können dann mit dem troffen: in der Anlagepolitik und gleichen Budget mehr Projekte rea«Wir können mit dem bei der Auszahlung von Beiträgen lisieren. gleichen Budget mehr an Partner in Ländern des Südens. Um die Planbarkeit der TransProjekte realisieren.» Wie die Reserven von HEKS aktionen zu erhöhen, werden in angelegt werden sollen, ist in einem der Regel grössere Beträge an vom Stiftungsrat genehmigten AnFremdwährungen eingekauft. So lagereglement festgelegt. Dort steht zum Beispiel, wie hat HEKS zum Beispiel im Frühjahr 2010 US-Dollar hoch der Anteil an Obligationen und Aktien in Fremdund Euro zu Kursen eingekauft, die damals deutlich höwährungen sein darf. Da wir in jüngster Zeit bei Anlaher waren als heute. Für die Überweisungen im letzten gen in ausländische Titel sehr zurückhaltend waren, Sommer konnten wir also nicht vom erstarkten Franfielen auch die Währungsverluste im vergangenen Jahr ken profitieren. Dies war erst Ende 2010 der Fall, mögbescheiden aus. Damit die Kursschwankungen nicht zu licherweise auch im laufenden Jahr. Über mehrere Jahre Lasten von Spendengeldern gehen, wird in guten Jahgesehen, lassen sich die grössten Ausschläge der Wechren aus den Kursgewinnen eine Wertschwankungsreselkurse mit tranchenweisen Einkäufen von Fremdserve aufgebaut. Aus dieser können in weniger guten währungen einigermassen ausgleichen.  < Jahren die Verluste gedeckt werden. Bei den Überweisungen in Länder mit HEKS-Projekten gilt grundsätzlich, dass ein Erstarken des Frankens unsere Kosten senkt. Verträge mit ausländischen Partnern werden in der Regel in US-Dollar oder Euro * Ueli Locher ist Direktor des HEKS, des abgeschlossen. Bei der Budgetierung in Schweizer Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen Schweiz.

Ueli Locher *

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bulletin Nr. 1 / 2011

 Erschöpfung

Panel Burn-out –

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Individualisierung kollektiver Risiken


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Die neue Krankheit Burn-out beschreibt menschliche Zustände wie etwa Erschöpfung, Angst und Schlafstörungen, die als Kehrseite unserer Arbeitswelt gelten. Die verletzliche Seite des Menschen, auch seine Leistungsgrenze, wird mit der Definierung «burn out» zu etwas erklärt, das therapiert werden muss. Die Arbeitskultur wird kaum in Frage gestellt. Von Frank Mathwig *

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er Konsum von Prozac hatte 2004 in Grossbritannien derart zugenommen, dass das Antidepressivum im Trinkwasser nachweisbar war. In der Schweiz verzeichnet die Invalidenversicherung psychische Erkrankungen an erster Stelle der Neuberentungen. Die im Jahr 2003 vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO herausgegebene Stress-Studie schätzt die Arztkosten und Kosten wegen Produktionsausfällen aufgrund von Stress-Leiden auf etwas mehr als vier Milliarden Franken, was ungefähr 1,2 Prozent des Bruttoinlandproduktes BIP entspricht. Das sind deutliche Anzeichen. Aber worauf weisen sie hin? Seit geraumer Zeit werden psychische Belastungsund Krankheitsphänomene im beruflichen Kontext unter dem Titel «Burn-out» diskutiert. Der US-amerikanische Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger verwendet den Begriff erstmals 1974, um spezifische berufsbedingte Stress-Symptome zu beschreiben, die er bei sich und seinen Mitarbeitenden beobachtet hatte. Er nennt neben Symptomen der Erschöpfung, Ermüdung, des Motivationsverlusts und somatischen Beschwerden, ein aggressives Verhalten und eine zynisch-abwertende Haltung gegenüber dem Umfeld bei gleichzeitigem Misstrauen, paranoiden Vorstellungen und sozialem Rückzug. Psychische Phänomene lassen sich häufig nicht so einfach und eindeutig diagnostizieren wie ein Beinbruch. Das prägt unsere Einstellungen dazu: Ein Beinbruch ist Unglück, eine psychische Erkrankung gilt in den Augen vieler als persönliche Niederlage oder gar als charakterliches Defizit. Auch die Betroffenen haben

ihre gesellschaftliche Lektion gut gelernt: «Reiss dich zusammen!» – Und genau damit fangen häufig die Probleme an. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zählt in einer Publikation von 2007 eine Reihe gesundheitsgefährdender Faktoren auf: Unsichere Arbeitsverhältnisse auf einem instabilen Arbeitsmarkt, Globalisierungsrisiken, neue Formen von Arbeitsverträgen, Gefühl von Arbeitsplatzunsicherheit, lange Arbeitszeiten, Intensivierung der Arbeit, schlanke Produktion und Outsourcing, hohe emotionale Anforderungen bei der Arbeit, unzureichende Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

Burn-out gibt es in allen Berufen

Die Ursachen sind bekannt und figurieren unter den Überschriften «Individualisierung», «Flexibilisierung», «Eigenverantwortung». «Eigenverantwortung» bedeutet in einer globalisierten Wirtschaft die Bereitschaft zu Beweglichkeit und Anpassung an die beruflichen Herausforderungen. Wer diesen Anforderungen und Belastungen nicht gewachsen ist, entwickelt Krankheitssymptome, wie sie unter anderem als «burn out», «ausbrennen», beschrieben werden. Bezeichnenderweise lassen sich diese Symptome nicht nur bei einer einzelnen sozialen Gruppe oder in bestimmten Berufen beobachten: Von Burn-out-Symptomen sind Managerinnen genauso betroffen wie Lehrer, Pflegepersonal wie Ärzte, Akademikerinnen wie Arbeiter. Hinter diesen Beobachtungen verbirgt sich ein allgemeiner Zusammenhang: die Verlagerung gesellschaftlicher Risiken auf den einzelnen Menschen. Selbstverantwortung ist der Preis für persönliche Frei-


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bulletin Nr. 1 / 2011

heit. Das zeigen beispielhaft die gesundheitspolitischen Diskussionen um gestaffelte Krankenkassenprämien abhängig vom Nikotinkonsum, Körpergewicht, betriebenen Risikosportarten oder von der Präventionsdisziplin. Je mehr das Individuum von sozialen Pflichten entbunden wird, desto weniger kann das Individuum umgekehrt Ansprüche auf die Solidarität der anderen erheben. Ohne Pflichten keine Rechte. Burn-out-Symptome können nicht von der psychosomatischen Konstitution der Person getrennt werden, die darunter leidet. Die Belastungsgrenzen von Menschen hängen von vielen Faktoren ab und sind ungleich verteilt. Aber folgt daraus, dass die spezifische Konstitution eines Menschen dessen Burn-out verursacht hat? Das wäre allenfalls die halbe Antwort. Denn die Forderungen, die jemand an sich selbst richtet, bilden die Innenseite der Erwartungen, die von aussen an die Person herangetragen werden. Die Last besteht viel weniger in den beruflichen Anforderungen selbst, als in dem Druck, diesen Erwartungen genügen zu müssen, dem gesellschaftlichen Leistungsniveau zu entsprechen und sich dadurch soziale Anerkennung zu sichern.

Neugestaltung der Arbeitenden

Die Arbeitsrisiken haben sich in den letzten gut hundert Jahren grundlegend verändert: Anstelle körperlicher rücken psychische Gefährdungen zunehmend in den Vordergrund. Das ist mehr als bloss eine Verschiebung vom Körper auf die Seele. Ging es im Zuge der Industrialisierung um eine humane Neugestaltung der Arbeit, steht heute die Neugestaltung der Arbeitenden auf dem Programm. Zugespitzt: Bestand das Problem früher in der Fremdausbeutung der physischen Arbeitskraft, geht es heute um die psychische und mentale Selbstfunktionalisierung auf einem globalen Markt. Der mögliche Einwand an dieser Stelle, dass Menschen doch frei seien, sich diesen Erwartungen zu stellen oder zu verweigern, zeigt nur, wie perfekt die Spielregel der Internalisierung gesellschaftlicher Forderungen funktioniert. Noch prekärer ist dabei die Rehabilitierung eines alten diskriminierenden Märchens, das heute umgekehrt erzählt wird. Sein Titel: «Vom Millionär zum Tellerwäscher». Sein Inhalt: «Es liegt an Dir (an Deinem Willen, Engagement oder Deiner Belastbarkeit), wenn Du es nicht schaffst, oben zu bleiben.» In der Konsequenz heisst das: Wer es nicht schafft, konstant Leistung zu bringen, ist krank. Dies legt jedenfalls die Krankheitsdefinition von Burn-out nahe. Ist die «Erfindung» der Krankheit 1974 nicht im Grunde Ausdruck des gesellschaftlichen Anpassungsdrucks?

Wird Gesundheit nicht auf eine Fitness reduziert, die sich in der erwarteten Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz zeigt? Auffällig in den Debatten um Burn-out ist das Fehlen der längst bekannten sozialmedizinischen Einsicht, wonach Verhaltensprävention ohne Verhältnisprävention wirkungslos bleibt. Der Umgang mit Burn-out-Patientinnen und -Patienten bestätigt die Tendenz, den ökonomischen und gesellschaftlichen Anpassungsdruck der einzelnen Person aufzubürden. So wird ihnen zum Beispiel auf vielen Webseiten Stressmanagement, Zeitmanagement, Meditation und Bewegung in der freien Natur empfohlen. Die Frage, ob die Arbeitsverhältnisse für die betroffene Person angemessen sind, steht nicht im Zentrum.

Sind die Arbeitsverhältnisse angemessen?

Ist das, was von den Menschen permanent gefordert wird, auch das, was den Menschen als Menschen entspricht? Diese Frage steht im Zentrum der Wirtschaftsethik von Arthur Rich. Der Zürcher Theologe und Ethiker formuliert in seinem ethischen Hauptwerk mit der Suche nach dem «Menschengerechten» eine Aufgabe, denen sich kirchliche Diakonie und Seelsorge im Umgang mit Burn-out-Kranken zu stellen hat. So sehr Betroffene die seelsorgerlichen Angebote der Kirchen brauchen, so wenig dürfen sich Kirchen auf Wiederherstellungsstrategien beschränken. Vielmehr haben sie die grundlegende Einsicht protestantischer Ethik im 20. Jahrhundert fruchtbar zu machen, dass keine Person unabhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen existiert, die sie prägt und herausfordert sowie fördern und schädigen kann. Ein gesundes Leben braucht ein heilsames soziales Umfeld in menschengerechten gesellschaftlichen Strukturen. Das Burn-outSyndrom ist so gesehen ein Symptom für den Zustand unserer Arbeitskultur und -verhältnisse. Wie weit der Leistungsdruck inzwischen geht, zeigt die zunehmende Verwendung des eingangs erwähnten Antidepressivums als leistungsförderndes Mittel. An US-amerikanischen Universitäten wird deshalb überlegt, Dopingtests vor Prüfungen einzuführen, weil die steigende Einnahme von Prozac eine gerechte Beurteilung der Prüfungsleistungen längst in Frage stellt.< Diskutieren Sie mit auf unserem blog: www.sekfeps.wordpress.com

* PD Dr. Frank Mathwig ist Beauftragter für

Theologie und Ethik beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK.


Philippe Dätwyler

Blick durchs Busfenster auf der Fahrt von Nablus nach Jerusalem.

– Meinung

Von Reise­berichten und Eindrücken Die Reportage von der letzten Etappe der Nahostreise einer Delegation des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK im letzten bulletin gab Anlass zu Diskussionen. Für den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund äussert sich nun der Theologe und Historiker Zsolt Keller zum Thema Mauerbau in Israel.

Von Von Zsolt Keller *

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ass Christen ins «Heilige Land» reisen und davon berichten, hat eine lange Tradition. Israel beherbergt eine Vielzahl von Kulturgütern, dem das Judentum und Christentum sowie der Islam eine grosse Bedeutung beimessen. Der SEK-Delegierte Christian Van-


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bulletin Nr. 1 / 2011

dersee hat für die Novemberausgabe des SEK-Bulletins einen persönlichen Bericht über eine Israel-Reise verfasst, der neben eindrücklichen Schilderungen auch schwierigere Zwischentöne enthält. Die zum Ausdruck gebrachte Empathie gegenüber der misslichen humanitären Lage breiter Bevölkerungsschichten ist nachvollziehbar. Humanitäres Leid ist in jedem Fall zu bekämpfen. Es ist offenkundig, dass die politische Situation im Nahen Osten verschiedenen Interpretationen obliegt. Auch die Sprache – sei sie subtil oder nicht – verrät Standpunkte und Ansichten. Die Reise ging neben dem «Heiligen Land» auch in «besetzte palästinensische Gebiete» oder schlichter in «besetzte Gebiete» oder eher pauschal in den «Nahen Osten», wobei bei letzterem meist auf die Probleme bei der Einhaltung der Menschenrechte hingewiesen wird. Dem Leser wird bei der Lektüre klar, dass hier – auch wenn er nicht explizit genannt wird – vom Staat Israel die Rede ist. Vereinfacht bleibt nach der Lektüre hängen: Israel besetzt, unterdrückt und demütigt. Israelische Soldaten und Politiker – meist ist nur von ihnen die Rede (dabei gibt es offen-kritische Journalisten, Intellektuelle und Politiker im Land) – sind pauschal naiv und in ihren politischen Ansichten unverrückbar. Andere Stimmen gelten eher als Ausnahme.

Israel ist ein demokratischer Staat westlichen Zuschnitts

Vielleicht müsste in einem Bericht auch darauf hingewiesen werden, dass Israel ein demokratischer Staat westlichen Zuschnitts ist, dass in Israel unabhängige Gerichte Recht sprechen, dass in der Knesset lebhaft und sehr kontrovers über diesen Staat, seine Aufgaben, Ziele und seine Identität diskutiert wird. Die israelischen Medien berichten offen über die Ereignisse im Land. Sie nehmen auch kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Unrecht anzuprangern. Schauen wir auf die umliegenden Staaten, so sehen wir auch (absolutistische) Erb-Monarchien, in denen Familien – hoffentlich gerecht und weise – über ihr Volk herrschen. Reisen leben von Eindrücken und Erinnerungen, die wir mit nach Hause nehmen. Die meisten sind uns lieb, andere fallen befremdend oder unangenehm aus. Diese Eindrücke wollen und müssen wir zu Hause verarbeiten. Die Gefahr, dass von einzelnen Eindrücken auf das grosse Ganze geschlossen wird, ist nicht zu leugnen. Je prägnanter der Eindruck, desto allgemeiner die Aussage. Fremde Eindrücke verarbeiten wir mit uns bekannten und gängigen Bildern. Durch den Vergleich soll beim

Gegenüber ein klarer Eindruck entstehen, wovon gesprochen und berichtet wird. Nehmen wir als Beispiel die «Grenzmauer» oder den Sicherheitszaun, den Israel errichtet hat. Da ist im Bericht vom «real existierenden Israel mit Mauer und Besetzung» die Rede. Dieser Vergleich ist gefährlich: Das Bild des real existierenden Sozialismus der DDR, die die «Berliner Mauer» – das europäische Symbol der schändlichen Teilung zwischen Ost und West – hervorgebracht hat, steigt unweigerlich vor dem inneren Auge auf. Die ältere und mittlere Generation hat die Mauer noch erlebt. Vielleicht standen auch einige Leserinnen und Leser direkt davor oder besser, sie standen an. Diese Mauer ist mittlerweile gefallen. Dem Fall gingen Gespräche und historische Umwälzungen voraus. Es ist gefährlich und auch falsch, Israel mit dem menschenverachtenden Regime der DDR zu vergleichen. In Israel gibt es keine Staatssicherheitspolizei (Stasi), die ihre eigenen Bürgerinnen und Bürger verfolgt, demütigt und einsperrt. In Israel herrscht kein rigides Einparteiensystem, das sich nur dank enormen finanziellen Hilfen aus dem Ausland an der Macht halten kann.

Der Zaun als sinnvolle und effektive Sicherheitsmassnahme

Mauern und Zäune haben immer zwei Seiten: Aus israelischer Sicht dient der Zaun zur Sicherheit und hat primär die Aufgabe, Terroristen das Eindringen nach Israel zu verunmöglichen. Als Sicherheitsmassnahme ist er sinnvoll und effektiv. Dies lässt sich mit Zahlen eindrücklich belegen: Seit dem Bau des Zaunes im Jahre 2002 sank die Zahl der Selbstmordattentate von 60 auf nahezu 0. Die Anzahl der Verletzten verringerte sich in den ersten drei Jahren nach der Errichtung des Sicherheitszaunes von 2307 auf 113 und die Zahl der Todesopfer sank im gleichen Zeitraum von 451 auf 17. Die an den Grenzübergängen und Checkpoints verursachten Unbequemlichkeiten sind ärgerlich und hie und da auch stossend. Sie sind jedoch vorübergehend. Wenn Menschen bei Attentaten sterben, ist dies endgültig. Will man die israelischen Massnahmen vergleichen, drängen sich andere Vergleiche auf. Eine Journalistin hat unlängst im Magazin des Tages-Anzeigers einige aktuelle «Mauerbauten» aufgelistet: Ägypten baute 2008 seinen Zaun zum Gazastreifen hin zu einer Mauer aus. Saudi-Arabien investierte unlängst einen zweistelligen Milliardenbetrag in eine Mauer zum Irak. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate wollen illegale Einwanderer aus


Oman mit einer Mauer fernhalten. Doch es brauchen nicht immer Beispiele aus dem Nahen Osten zu sein: Die Grenze zwischen Amerika und Mexiko wird auch «Tortilla Wall» genannt. Die chinesische Regierung lässt gerade eine Mauer an der Grenze zu Nordkorea errichten. Die israelische Politik an der europäischen Vergangenheit und ihren Untaten zu messen, ist nicht rechtens. Die gefährlichen Bilder der Vergangenheit darf man nicht missbrauchen. Sie vermögen eine Wirkung zu entfalten, die das gesellschaftliche Klima nachhaltig vergiften kann. Daran sind Menschen guten Willens kaum interessiert. Doch eines ist klar: Dass Zäune errichtet und Mauern gebaut werden, stellt kein Ideal dar. Kritik und Solidarität mit den Menschen auf beiden Seiten der Mauer ist ein Gebot. Hier können und müssen wir unsere Kräfte dazu aufwenden, Zäune und Mauern niederzureissen – in den Köpfen und auf den Strassen! Hierin liegt eine grosse gesellschaftliche und politische Herausforderung.

In einer Freundschaft soll und muss Kritik Platz haben

Dennoch lohnt sich ein vertiefter Blick in die Vergangenheit: Das Verhältnis zwischen Israel und Kirche wurde nach 1945 fundamental neu definiert. Waren es doch in der Schweiz insbesondere die evangelisch-reformierten Kirchen, die sich nach den Schrecken des Krieges, den Verfolgten annahmen und eine von Respekt und Dialog geprägte Beziehung zwischen Christentum und Judentum anstrebten. Lange ist die Liste der hervorragenden Frauen und Männern, die sich um den christlich-jüdischen Dialog in der Schweiz verdient gemacht haben. 1977 veröffentlichte der Schweizerische Evangelische Kirchenbund ein Arbeitspapier («Überlegungen zum Problem Kirche-Israel»), das aus einer Diskussion zum Verhältnis Kirche und Israel hervorgegangen war. Darin war zu lesen: «Wir erachten es als Aufgabe der christlichen Kirchen und aller Christen, für das Lebensrecht des uns verbundenen jüdischen Volkes [...] und seines Staates einzutreten und Israel in seiner zunehmenden Isolierung beizustehen. [...] Wir erachten es genauso als Aufgabe der christlichen Kirchen und aller Christen, für die Würdigung des Lebensrechtes der palästinensischen Araber einzutreten.» Dies sind deutliche Worte und eine Aufgabe zugleich. Freundschaften und Beziehungen verändern sich mit den Jahren. In einer Freundschaft soll und muss Kritik Platz haben. Auch Beleidigungen kommen vor. Das alles gehört zum Menschen. Alles in

Meinung: Von Reiseberichten und Eindrücken

allem soll die Basis einer Freundschaft nicht aus den Augen verloren werden. Ehrliche Kritik ist wertvoll. Sie sollte ausgewogen sein. Dies ist auch die Grundlage eines jeden Dialogs, der immer nach neuen Impulsen sucht. < Diskutieren Sie mit auf unserem blog: www.sekfeps.wordpress.com

* Zsolt Keller, Dr. phil. et lic. sc. rel., studierte

Geschichte und Theologie. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Geschichte und Kultur der Jüdinnen und Juden in der Schweiz.

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Sandra Dominika Sutter

Gottfried Locher

PortrÄt –  

«Mir liegt auch die Seelsorge der Chefs am Herzen»




Die Protestanten sollen den Glauben auch über Symbole und Zeichen erleben dürfen, sagt Gottfried Locher. Der 44-jährige Pfarrer ist seit 1. Januar 2011 SEK-Ratspräsident.

«Es gibt Alternativen zum Glücksgefühl aus dem Erfolg», sagt der höchste Schweizer Protestant Gottfried Locher. Der neue Präsident des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK versteht sich in erster Linie als Geistlicher.

Von Maja peter * 

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er ist der Mann, der eine Managerausbildung, eine Militärkarriere und eine akademische Tätigkeit hinter sich hat und am Tag seiner Wahl zum höchsten Protestanten am Fernsehen in erdigem Deutsch verkündete: «Wir haben ein Evangelium zu verkünden». Machtmensch, Karrierist, Missionar? «Ich bin Pfarrer», sagt der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Er sagt es nicht aus Bescheidenheit. Ein Pfarrer muss nach Gottfried Lochers Verständnis höchsten Anforderungen genügen. In einer Predigt zur Ordination von jungen Pfarrerinnen und Pfarrern 2009 im Berner Münster sagte er: «Eure Gemeinden werden schauen, wie Ihr lebt, weil Ihr Gottes Wort immer verkündigt, auch im Alltag. Man kann das zuweilen als Überforderung erleben. Ich jedenfalls genüge den Ansprüchen an einen glaubwürdigen 24-Stunden-am-Tag-Lebensverkündiger nicht sehr überzeugend. (…) Aber es ist nun mal das einzige, das mir möglich ist.» Sich zu bemühen und doch nicht alles erreichen zu können, frustriert Gottfried Locher nicht. Die eigenen Grenzen im Bewusstsein anzuerkennen, von Gott trotzdem in Liebe angenommen zu werden, empfindet er vielmehr als tröstlich. Deshalb möchte er den Menschen Mut machen, ihre Schwächen zu akzeptieren − auch jenen, die in verantwortungsvollen Positionen stehen. «Ich möchte Alternativen aufzeigen zum Glücksgefühl aus dem Erfolg», sagt er und zitiert: « ‹Mein Reich ist nicht von dieser Welt›, sagte Jesus.»

In seiner Predigt an die frisch ordinierten Kolleginnen und Kollegen forderte Gottfried Locher, dessen Grossvater schon Theologe war, sie sollten sich in die Gesellschaft einbringen. «Wo Budgets gemacht, wo Personal angestellt, wo Projekte beschlossen, Leitbilder erstellt (…), wo Strategien verabschiedet werden, mische Dich ein, sei Diener des göttlichen Wortes.»

Auf Augenhöhe mit den Mächtigen

Als Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK, der über zwei Millionen Protestantinnen und Protestanten in 26 Mitgliedkirchen vertritt, kann sich der 44-jährige Vater von drei Kindern auf höchster Ebene einmischen. Er wird auf Augenhöhe mit Bundesräten über Sterbehilfe diskutieren, mit Kardinal Kurt Koch über Ökumene und mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, JeanClaude Trichet, über die Eurokrise. Er wird im Fernsehen und am Radio die Gesellschaft an die Werte erinnern, die im Evangelium zentral sind: An die Verantwortung jedes Einzelnen, an den Schutz der Verletzten, der Minderheiten, an die freie Meinungsäusserung und die Gleichberechtigung. «Die Werte unseres Landes sind auch die des Christentums.» Das Gebot der Nächstenliebe bezieht Gottfried Locher ausdrücklich auch auf die Verantwortungsträger von Politik und Wirtschaft. «Wir sind traditionellerweise stark darin, die Schwachen zu schützen. Mir liegt auch die Seelsorge der Chefs am Herzen.» Als er nach dem Studium für sechs Jahre die Leitung der Schweizer

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bulletin Nr. 1 / 2011

Kirche in London übernahm, habe er Einblick bekommen in die Sorgen von Führungskräften, sagte er gegenüber der Handelszeitung. Dieses Umfeld faszinierte ihn so, dass er an der renommierten London Business School ein MBA-Nachdiplomstudium absolvierte. Gottfried Locher, der den gleichen Namen trägt wie Vater und Grossvater, hat früh viel erreicht: Er doktorierte, diente in der Schweizer Armee als Oberstleutnant, war Leiter der Abteilung Aussenbeziehungen beim SEK, leitete bis Ende 2010 das Institut für Ökumenische Studien der Universität Freiburg und war zwei Jahre lang Synodalrat der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn. Für einen Menschen, der sich an den Begriffen «Nächstenliebe», «Hoffnung» und «Demut» orientiert, ein auf den ersten Blick ungewöhnlicher Werdegang. Mit Blick auf Calvins Theologie hingegen nicht: Verantwortung zu tragen ist gemäss dem Genfer Reformator Pflicht für privilegierte Menschen wie Gottfried Locher. Kann sein, dass der Tod seines Vaters mit 56 Jahren ihn zusätzlich antreibt, in seiner Lebenszeit möglichst viel zu erreichen. «Ich hätte nur noch elf Jahre zu leben», sagt er.

Den Glauben erkennbar machen

Ein hohes Arbeitsethos wird seit dem Soziologen Max Weber gemeinhin mit Protestantismus verbunden. Doch was bedeutet evangelisch-reformiert zu sein sonst noch? Der Berner lacht: «Hoffentlich mehr, als nicht katholisch zu sein.» Er, der mit dem Einsiedler Abt Werlen befreundet ist und sich zur Einkehr gerne in dessen Kloster zurückzieht, bedauert, dass die Reformierten mit spirituellen Traditionen aus der Alten Kirche gebrochen haben und im Gottesdienst das Sinnliche vernachlässigen. Die Protestanten sollen seiner Meinung nach den Glauben auch über Symbole

Steckbrief

Pfarrer Dr. Gottfried Locher (44) ist für die Amtszeit von 2011 bis 2014 zum Präsidenten des Rates SEK gewählt worden. Zuvor war er Berner Synodalrat und leitete von 2006 bis 2010 das Institut für Ökumenische Studien der Universität Freiburg. Den SEK von innen kennt der Berner aus seiner Zeit als Ökumenebeauftragter und als Leiter der Abteilung Aussenbeziehungen von 2001 bis 2005. Auf internationaler Ebene vertritt er den SEK im Präsidium der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen WRK. Gottfried Locher ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

und Zeichen erleben dürfen und ihn nicht nur als gesprochenes Wort vernehmen. Das Abendmahl, zum Beispiel, gehört für ihn zu jedem Gottesdienst. Als wichtige Errungenschaften der Reformation bezeichnet er den starken Einbezug der Laien in die Kirche und die flache Hierarchie. «Das finde ich schützenswert», sagt der Ökumenespezialist. Und was möchte er in seiner Kirche, die sich rühmt, sich stetig zu reformieren (ecclesia semper reformanda), verändern? «Die Strukturen müssen überdacht werden, um unser Profil zu stärken: Reformieren, was im 16. Jahrhundert reformiert wurde.» Im Klartext heisst das, die evangelisch-reformierte Kirche soll sich nicht nur an neuen Trends, sondern auch an alten Traditionen orientieren dürfen, um den christlichen Glauben erkennbar zu machen. Gottfried Locher findet es zum Beispiel problematisch, dass evangelisch-reformierte Pfarrer, die in einer Diskussionssendung am Fernsehen auftreten, nicht erkennbar sind als Geistliche. «Wir haben eine andere Funktion in der Gesellschaft, wir sprechen aus einer anderen Perspektive», gibt er zu bedenken. In der Predigt an die frisch ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer formulierte er es so: «Das Pfarramt ist mehr als ein Beratermandat.» Im Gegensatz zu römisch-katholischen Geistlichen stehen protestantische Pfarrer mit ihrem Auftrag, Vorbild zu sein, alleine da. Sie können sich nicht an Autoritäten orientieren, bei keinem Bischof Rat holen. «Die Seelsorge an den Pfarrern ist ein ungelöstes Problem», sagt der höchste Protestant – auch für ihn. Kraft schöpft er bei Unsicherheiten und Zweifeln, bei Anfeindungen und Kritik im Gebet. Morgens und abends zieht er sich nach Möglichkeit zehn Minuten zurück für ein sogenanntes Stundengebet. Eines seiner liebsten geht auf den Einsiedler und Politiker, den Heiligen Niklaus von Flüe (15. Jahrhundert) von Stans zurück: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

* Maja Peter ist Redaktorin des bulletins.




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Von Lini Sutter

Die Juristin ist Kirchenratspräsidentin der Bündner Kirche und seit Anfang 2011 Mitglied des Rates SEK

– Schlusspunkt

Braucht Glaube Kirche – braucht Kirche Glaube?

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as und wie glaubt ein Mensch heute? Unsere reformierten Ahnen bekannten im Einklang mit Luther den Satz von der «Rechtfertigung aus Gnade allein» als den zentralen Grundsatz ihres Glaubens. Und wir? Wir kennen dieses Wort Gnade, aber was bedeutet es uns in der pluralistischen, leistungsorientierten Gesellschaft? Es muss für jeden in unsere Zeit übersetzt werden. Mir gefällt die Vostellung, Gnade als Beschenktsein zu verstehen. Die Reformatoren haben diesen Gedanken, die Zuwendung Gottes ohne «Leistung», diesen Vorschuss Gottes, klar formuliert. Gnade als Beschenktsein eben.

Wie manifestiert sich dieser Glaube in unserer Gesellschaft, in der ein Trend zum Individualismus besteht? Glaube als reine Privatsache des Individuums riskiert in letzter Konsequenz, den Zusammenhang mit der Gesellschaft zu verlieren. Damit kann der Mensch kaum leben, weil er für die Grundversorgung seines Körpers, seines Geistes und seiner Seele auf Kontakte angewiesen ist. So definiert sich christlicher Glaube im Sinne des Liebesgebotes als Bezogensein auf sich selbst, auf Gott und auf die Nächsten. Einen dieser drei Bezüge wegzulassen, wäre heillos, nicht mehr heil, nicht mehr ganz. Deshalb gibt es christlichen Glauben nicht ohne Bereitschaft zu verpflichtender Gemeinschaft.

Die Gemeinschaft ist und bleibt die ureigenste Notwendigkeit der Christen. Wir brauchen eine Gemeinschaft, die uns stützt und in unserem Glauben stärkt. Schon zur Zeit des Neuen Testaments bildeten Christen Ortsgemeinden, weil das die einfachste und verheissungsvollste Form des christlichen Zusammenlebens war und ist. Jeder mit seinen Gaben ist gefragt, dies ist die Stärke und der Reichtum unserer Gemeinden. Die Gemeinschaft erlebbar machen, ist aber nur möglich, wo Spuren der Gnade sichtbar werden. Wenn der Glaube fehlt, ist die Gemeinde ein leeres Gefäss. Die Kirche ohne Glaube verkommt zu einer Struktur ohne Überlebenschanche.  <


In dieser Ausgabe

«Vetternwirtschaft ist bei uns gang und gäbe, insbesondere im Baubereich.» Korruptionsexperte Yvan Maillard Ardenti von Brot für alle 

«Der Drang zu siegen ist eine Versuchung, die in Fanatismus abgleiten und uns davon abbringen könnte, nach dem Sinn von Leben und Glauben zu fragen.» Professor Denis Müller, Universitäten Genf und Lausanne

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«Ist das, was von den Menschen permanent gefordert wird, auch das, was den Menschen als Menschen entspricht?» PD Dr. Frank Mathwig, Beauftrager für Theologie und Ethik beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK



«Ich möchte Alternativen aufzeigen zum Glücksgefühl aus dem Erfolg.» Pfarrer Gottfried Locher, SEK-Ratspräsident 

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SEK bulletin 1/2011  
SEK bulletin 1/2011  

bulletin - das Magazin des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Nr. 1/2011: Sonderausgabe zum Open Forum Davos 2011.

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