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BERLIN UNTER GRUND Die Schriften der Berliner U-Bahn


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VORWORT Motivation und Vorhaben des Projektes Berlin unter Grund

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DIE BERLINER U-BAHN Die Geschichte der Berliner U-Bahn

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TYPOTOUR Die Typotour durch den Berliner Untergrund.

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IMPRESSUM Quellenverzeichnis, Bildnachweise, Impressum

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VORWORT

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VORWORT Was ich während dem U-Bahn-Fahren in Berlin über Typografie gelernt habe

Die Idee zu dieser Bachelorarbeit entstand, als ich sieben Monate in Berlin gelebt und gearbeitet habe. Jeden Tag bin ich mit der U-Bahn von Friedrichshain nach Kreuzberg gefahren. Schon als Kind faszinierte mich an Großstädten die U-Bahn. Wenn man eine Stadt kennenlernen will, ist es fast unvermeidbar, mit der U-Bahn zu fahren. Am Anfang ist es schwer, die richtige Linie zu finden und vor lauter In-den-Fahrplan-schauen verliert man den Blick für die Umgebung. Doch je länger man in einer Stadt ist, desto schneller verinnerlicht man ihren Fahrplan und schaut sich mit der Zeit auch die Stationen genauer an.

DIE IDEE Als ich Berlin immer mehr kennen und lieben gelernt habe, fiel mir auf, dass die Berliner U-Bahn eine typografische Vielfalt bietet, wie man sie selten in Großstädten findet. Dem Ursprung dieser Vielfalt wollte ich auf den Grund gehen. Die Gestaltung der Stationen und die Wahl der Schriftart der Namensschilder kann Rückschlüsse auf die Zeit geben, in der die Bahnhöfe gebaut wurden. Damit war die Grundlage für meine Bachelorarbeit da. Es sollte ein Buch entstehen, das meine Eindrücke bündelt und dem Leser einen Einblick in die Typografie und Geschichte der Berliner U-Bahn-Stationen gibt.

DIE RECHERCHEZEIT Meine Zeit in Berlin war leider im September 2015 zu Ende und ich machte mich wieder auf den Weg

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zurück nach Trier. Dort konnte ich dem Thema viel Zeit widmen. Von September bis Juli habe ich die Stadt vier weitere Male besucht, um mich der Recherche und der Fotografie zu widmen. Es war wichtig für mich, dass ich alle nicht-historischen Bilder, die in meinem Buch abgebildet sind, selber mache.

DIE UMSETZUNG Nachdem ich das Material gesammelt und die Schriften in den Stationen bestimmt hatte, habe ich mit der Konzeption für das Buch angefangen. Als Highlight-Farbe habe ich mich für das Gelb der Corporate Identity der Berliner Verkehrsbetriebe und bewusst gegen die Kennfarben der einzelnen Linien entschieden. Gelb ist, unabhängig der Linie, immer präsent und ein Alleinstellungsmerkmal für die Berliner U-Bahn. Nach der kurzen Einführung in die Geschichte der Berliner U-Bahn wird der Leser in dem Kapitel „Typotour“ durch die einzelnen Stationen geführt und kann etwas über die Geschichte und die Schrift der jeweiligen Station erfahren. Ein besonderes Highlight ist das Interview mit dem Typedesigner Anton Koovit, der – inspiriert von einer historischen Schrift, die auf der Linie U8 zu finden ist – einen Font entwickelt hat.


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ACHT VOLLE TAGE HABE ICH FÃœR DIE RECHERCHE VOR ORT UND DAS ABFOTOGRAFIEREN DER EINZELNEN STATIONEN IN DER BERLINER U-BAHN VERBRACHT.

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TYPOTOUR U1

Warschauer Straße – Uhlandstraße

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Pankow – Ruhleben

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Nollendorfplatz – Krumme Lanke

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Nollendorfplatz – Innsbruckerplatz

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Alexanderplatz – Hönow

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Alt-Tegel – Alt-Mariendorf

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Rathaus Spandau – Rudow

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Hermannstraße – Wittenau

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Osloer Straße – Rathaus Steglitz

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|EINSTE |BITTE!


EIGEN !


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PANKOW — RUHLEBEN


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DIE LINIE U2 DER U-BAHN BERLIN HAT 29 STATIONEN UND IST 20,7 KM LANG.

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Schönhauser Allee GILL SANS CONDENSED

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er U-Bahnhof Schönhauser Allee wurde 1913 in Betrieb genommen. Er ist ein Berliner S- und U-Bahnhof im Ortsteil Prenzlauer Berg des Bezirks Pankow. Grundlegendes Ziel der ersten Betreiberin der Berliner Hoch- und Untergrundbahn, der Hochbahngesellschaft, war, das Zentrum Berlins um den Alexanderplatz zu erschließen. Die Bauarbeiten für eben diese Linie begannenn schließlich im März 1910. Wegen der erheblichen Kosten für die unterirdische Strecke am Spittelmarkt einerseits und weil unter der Schönhauser Allee Abwassersammelkanäle liegen, die nicht zu verlegen waren, wurde die Strecke nicht komplett unterirdisch, sondern mit einem Hochbahnabschnitt mit den Bahnhöfen Danziger Straße (heute: Eberswalder Straße) und Nordring (heute: Schönhauser Allee) ausgeführt. 1913 war die Strecke zwischen Spittelmarkt und Nordring fertiggestellt. Die Gestaltung des Bahnhofs Nordring übernahm, wie zu damaliger Zeit nahezu alle Berliner Hoch- und Untergrundbahnhöfe, der schwedische Architekt Alfred Grenander. Zwischen der Architektur dieses Bahnhofes und den Hochbahnhöfen der ersten Berliner U-Bahn wie beispielsweise Görlitzer Bahnhof gibt es deutliche Unterschiede. Der Umsteigeverkehr zwischen S-Bahn und U-Bahn am Bahnhof Schönhauser Allee war erheblich. Im Betriebsjahr 1929 stand der Bahnhof mit neun Mio. Fahrgästen pro Jahr hinter den Bahnhöfen Potsdamer Platz (13 Millionen), Alexanderplatz, Hallesches Tor (je 11 Millionen) und Friedrichstadt (7 Millionen) bei der U-Bahn an fünfter Stelle. Der 90-Sekunden-Takt, der in der Frühspitze notwendig war, konnte auf Grund der ungenügenden Abstellanlage hinter dem Hochbahnhof jedoch häufig nicht eingehalten werden. Daher beschloss die Stadt Berlin beziehungsweise die BVG die U-Bahn

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WARUM GILL SANS? In der DDR wurde 1978 mit Einführung der 1977 verabschiedeten StraßenvekehrsOrdnung eine abgewandelte Form der Gill Sans im fetten Schriftschnitt für Vekehrszeichen und Wegweiser abseits von Autobahnen verordnet. Im Zuge der Renovation 1987 wurde die Station, sowie die Nachbarstation auch dementsprechend beschildert.

Der Bahnhof Schönhauser Allee überstand den zweiten Weltkrieg fast unbeschädigt.

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zunächst um eine Station bis zur Vinetastraße zu verlängern. Die Bauarbeiten für die neue Strecke begannen im Jahr 1927. Seit dem 29. Juni 1930 fuhren die Züge der U-Bahn weiter bis zum Bahnhof Pankow (Vinetastraße), sodass die Kehrgleise hinter dem Bahnhof Schönhauser Allee abgebaut werden konnten. Am 1. Februar 1936 wurden die Namen von S- und U-Bahnhof vereinheitlicht und der U-Bahnhof Nordring in Schönhauser Allee umbenannt. Drei Jahre später begann der Zweite Weltkrieg. Der Bahnhof Schönhauser Allee überstand den zweiten Weltkrieg mit geringen Schäden. Ende April 1945 wurde der Zugverkehr aber wegen der Kampfhandlungen in der Hauptstadt komplett eingestellt. Am 26. Mai 1945 wurde der U-Bahnhof mit einem eingleisigen Verkehr zwischen Alexanderplatz und Schönhauser Allee wieder in Betrieb genommen, am 8. Juni war der Betrieb wieder zweigleisig möglich. Die Strecke von Schönhauser Allee nach Pankow (Vinetastraße) konnte erst am 1. August 1945 wieder in Betrieb gehen. Mit der Wiedereröffnung des heutigen U-Bahnhofs Mohrenstraße am 18. August 1950 war die heutige U-Bahn Linie U2 wieder vollständig in Betrieb. Mit dem Mauerbau 1961 verlagertern sich die Fahrgastströme erheblich. Der U-Bahnhof Schönhauser Allee lag nach der Städtischen Trennung in der DDR. Zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987 erhielt der U-Bahnhof, wie einige Nachbarbahnhöfe auch, unter anderem einen neuen Anstrich. Eine Grundsanierung blieb jedoch aus. Nach der Wiedervereinigung und zur Verlängerung der U-Bahnlinie U2 bis zum Bahnhof Berlin-Pankow sanierte die BVG das gesamte Hochbahnviadukt zwischen Senefelderplatz und Vinetastraße, wobei auch der Bahnhof instand gesetzt wurde.


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ABCDEFGHIJK LMNOPQRSTU VWXYZ abcdefghijkl mnopqrstuvw xyz

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GILL SANS (CONDENSED) Die Schriftart Gill Sans ist eine serifenlose Linear-Antiqua, die von Eric Gill zwischen 1928 und 1930 entworfen wurde. Gill Sans basiert auf Edward Johnstons (von Gill mitgestalteter) Schriftart Johnston Sans und wird wegen ihrer ruhigen Eleganz und ihrer vielseitigen Verwendbarkeit geschätzt. Eine weitere Besonderheit der Schrift ist der leichte geometrische Touch. Die Buchstabenformen und Proportionen bauen auf Renaissance-Antiqua Schriften auf. Die 32 verschiedenenSchriftschnitte sind nicht systematisch aufeinander aufgebaut, sondern weisen jeweils einen eigenen Charakter auf. In der DDR wurde 1978 mit Einführung der 1977 verabschiedeten Straßenverkehrsordnung eine abgewandelte Form der Gill Sans im fetten condensed Schriftschnitt für Verkehrszeichen und Wegweiser abseits von Autobahnen verordnet.

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DIE EBERSWALDER STRASSE WURDE ZUSAMMEN MIT DER SCHÖNHAUSER ALLEE GESTALTET UND TRÄGT DEN GLEICHEN SCHRIFTZUG.

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HERMANNSTRASSE — WITTENAU


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DIE LINIE U8 HAT 24 STATIONEN, IST 18,1 KILOMETER LANG UND VERLÄUFT AUF GANZER STRECKE UNTERIRDISCH.

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Jannowitzbrücke U8

N Der erste wiedereröffnete Geisterbahnhof nach dem Mauerfall 1989 war die Jannowitzbrücke.

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achdem Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin der Entschluss gefasst worden war, ein neues Schnellbahnsystem zu errichten, gingen verschiedene Vorschläge dazu ein. Neben dem später erbauten U-Bahn-System von Siemens gab es auch die Idee einer Schwebebahn, wie sie zum Beispiel bereits in Wuppertal errichtet worden war. Dafür wurde auch ein Schwebebahnhof Jannowitzbrücke in Erwägung gezogen. Aus ästhetischen Gründen lehnten die Berliner Stadtväter dieses System jedoch ab und favorisierten das U-Bahn-System von Siemens beziehungsweise der AEG. Die AEG legte im Jahr 1907 Pläne für eine neue U-Bahn-Linie von Rixdorf (heute: Neukölln) nach Gesundbrunnen vor. Die Verhandlungen mit Berlin waren sehr zäh, bis sich schließlich die beiden Parteien 1912 auf einen Vertrag einigen konnten. Nachdem infolge des Ersten Weltkriegs und der darauf folgenden Wirtschaftskrise die AEG-Schnellbahn-AG, eine Tochterfirma der AEG, Insolvenz anmelden musste und liquidiert wurde, übernahm die Stadt Berlin die bisher errichteten U-Bahn-Bauten, dazu gehörte unter anderem auch die Spreeunterfahrung bei der Jannowitzbrücke. Diese befand sich allerdings nicht wie heute unter der Jannowitzbrücke, sondern unter der Waisenbrücke. Dieses Tunnelstück wurde später zu einem Betriebstunnel umgebaut. Außerdem korrigierte die Stadt noch einmal den Verlauf, zum Beispiel am Alexanderplatz, um eine bessere Umsteigebeziehung zu erreichen. Am 6. April 1928 wurde die Strecke Schönleinstraße– Neanderstraße der heutigen U8 eröffnet. Da die Jannowitzbrücke in einem schlechten Zustand war, wurde sie durch einen Neubau ersetzt. Da die Jannowitzbrücke nicht benutzt werden konnte, wurde der Straßenverkehr über die in der Nähe liegen-


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WARUM U8? Die ehemalige „GN“ Linie (ein Teil der heutigen U8) führte vom Gesundbrunnen bis nach Neukölln und in diesem Abschnitt kommt auch die typische U8 Schrift vor. Alle diese Bahnhöfe sind gleich beschildert. Verschiedene von ihnen wurden grundsaniert und tragen heute nicht mehr die originale Inschrift, sondern wurden mit der Nachbildung der Schrift (U8) von Anton Koovit gestaltet.

de Waisenbrücke umgeleitet. Für Fußgänger musste eine eigene Behelfsbrücke erbaut werden. Schließlich konnte am 18. April 1930 der Abschnitt Neanderstraße–Gesundbrunnen mit dem U-Bahnhof Jannowitzbrücke eröffnet werden. Im Zweiten Weltkrieg erlitt der Bahnhof kaum Schäden, nur in der Zeit des „Endkampfes“ musste er geschlossen werden. Dies war vom April 1945 bis zum 16. Juni der Fall, die damalige Linie D – heute U8 – konnte als erste aller Linien daher bereits am 16. Juni in voller Länge befahren werden. 16 Jahre später, am 13. August 1961, musste der Bahnhof allerdings schon wieder geschlossen werden. Diesmal jedoch nicht nur für ein paar Monate, sondern für mehr als 28 Jahre. Die Station wurde aufgrund des Mauerbaus ein „Geisterbahnhof“. Die Züge fuhren damals einfach durch. Auch wurden die Zugänge zur zwei Ebenen weiter oben fahrenden S-Bahn komplett vermauert, nur ein leises Rumpeln war noch zu hören. Zu Wendezeiten spielte der U-Bahnhof Jannowitzbrücke wieder eine sehr wichtige Rolle: Bereits zwei Tage nach dem Mauerfall wurde der U-Bahnhof am 11. November 1989 als Grenzübergangsstelle wiedereröffnet, wofür sich das zwischen U-Bahn und S-Bahn befindliche Zwischengeschoss besonders gut eignete. Der erste wiedereröffnete Geisterbahnhof war somit die Jannowitzbrücke. Somit übernahm der Bahnhof eine wichtige Rolle im Grenzverkehr: Die Ost-Berliner, die mit der S-Bahn angereist waren, konnten nun via Hermannplatz mit der U7 ins West-Berliner Zentrum gelangen. Monate später, am 1. Juli 1990, entfielen mit der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen den beiden deutschen Staaten auch die Grenzkontrollen. Somit konnte der Bahnhof ab diesem Datum wieder uneingeschränkt benutzt werden.

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WIEDERERÖFFNUNG DES U-BAHNHOFS JANNOWITZBRÜCKE IM JAHR 1989. VIELE MENSCHEN IN DER DDR SAHEN DIESEN U-BAHNHOF ZUM ERSTEN MAL IN IHREM LEBEN.

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VOLTASTRASSE An dem U-Bahnhof Voltastraße findet man drei verschiedene Schrifttypen. Eine Ausführung in der typischen U8 Schrift, eine serifenlose und eine gebrochene Schrift. Jedoch handelt es sich bei beiden letzteren um keine Originale mehr, sondern die Inschriften wurden 2014 nachgezeichnet. Der Bahnhof war einst der letzte Bahnhof im Westsektor. (siehe Bild S.023)

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DIE „U8-SCHRIFT“ Die Stationen Hermannstraße und Boddinstraße wurden mit der U8 von Anton Koovit restauriert. Alle anderen Beschilderungen sind noch original und gehen vermutlich auch auf eine Schildermaler-Schablone zurück, ihr Ursprung ist aber dennoch ungeklärt.

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ABCD E F GH I J KL MN O P Q RST UV W XYZ abcdef ghi j k l mno p q r s tuv wxy z

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U8 The U8 is Anton Koovits typeface based on lettering from Berlins Subway system. The objectives were to restore a piece of history and to transcribe the lettering of station signage into a formal typeface. The U8 font started out as a typographic revival project. By digitizing photographic images of the signage he tried to preserve as many of the lettering’s quirks and inconsistencies as possible. In U-Bahn stations, every sign has been made individually like a distinct work of art. Core of the typeface family is based on subway signs of U8 line. Next to regular version's lowercase/uppercase extras like numbers and additional cuts had to be created from scratch.

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U8

Zurückbleiben, bitte! Typeface found from classically modern Berlin U-bahn line

U-bahnlinie U8 Gesundbrunnen Voltastraße Bernauer Straße Rosenthaler Platz Weinmeisterstraße Alexanderplatz Jannowitzbrücke

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Neanderstraße Moritzplatz Kottbusser Tor Schönleinstraße Hermannplatz Boddinstraße Leinestraße Hermannstraße Achtung! Endstation.

Hairline Thin Light Regular Medium Bold Black + italics


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U8 TYPEFACE Interview mit dem estonischen Typedesigner Anton Koovit

Anton Koovit ist ein Typedesigner aus Estland und lebt seit 2007 in Berlin. Er hat eine Schrift anhand der historischen Beschilderungen in der U8 entwickelt und erzählt uns im Interview wie es dazu kam. Anton Koovit ist 34 und Wahlberliner. Zusammen mit Yassin Baggar führt er die Typefoundry Fattype. 2005, bei seinem ersten Besuch in Berlin, wurde er auf die spezielle Schrift, die in einem Abschnitt der U8 verwendet wird, aufmerksam. Die eigens für die U-BahnStationen konstruierte und einzigartige Schrift hat es ihm so angetan, dass er sich dazu entschloss, sie zu digitalisieren und weitere Schriftschnitte zu entwickeln. Nach langer Recherche und Entwicklung kam eine Schrift in sieben Schriftschnitten plus Kursiven heraus, die U8. Heute wird die Schrift für Renovierungsarbeiten innerhalb der betroffenen Stationen verwendet. Man könnte also sagen, dass Koovit somit sein Ziel erreicht hat, den historischen Charakter der Schrift zu erhalten, ihr dennoch den modernen Touch zu verleihen. Im Interview schildert er seine ersten Erfahungen in der Berliner U-Bahn und einer nur zufälligen Begegnung mit einer Schrift, die laut Koovit „sein Leben verändert“ hat. Wie war Deine erste Erfahrung mit dem „Untergrund“ in Berlin? Meine erste Erfahrung mit dem „Untergrund“ war 2005 bei meiner ersten Reise nach Berlin. Damals stieg ich am Alexanderplatz von der S-Bahn in die U-Bahn Linie U2. Die U2 fuhr langsam Richtung Norden. Zwischen

den Haltestellen Senefelderplatz und Eberswalderstraße wandelte sich die U-Bahn zur überirdischen Hochbahn. Welch’ himmlische Metamorphose! Wann ist Dir das erste Mal aufgefallen, dass sich etwas Interessantes hinter der Schrift in der Linie U8 verbirgt? 2005 habe ich einen Flug nach Holland mit einem Zwischenstop in Berlin gebucht. In Berlin lebte ich fünf Tage in Prenzlauer Berg. Jeden Tag ging ich in Mitte spazieren, habe diverse Museen besucht, das Ballhaus Clärchen und vieles mehr. Eines

„WELCH’ HIMMLISCHE METAMORPHOSE!“ Tages habe ich mich wohl am Alexanderplatz verirrt, ich hatte nämlich kein Grund mit der U8 zu fahren, wahrscheinlich habe ich nur die falsche Treppe gewählt. Ich sah das U8 Schild vom Alexanderplatz, was sich in mein Gedächtnis geprägt hat. Zwei Jahre später besuchte ich Berlin erneut. Fast hatte ich diese Schrift schon vergessen, doch als ich das erste Mal wirklich mit der U8 fahren musste, bemerkte ich, dass die anderen Beschilderungen mit der gleichen Schrift an dieser Linie, wie zum Beispiel der Rosenthaler Platz, noch imposanter sind.

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Was hat Dich daran so besonders fasziniert? Damals war ich gerade mit meiner Abschlussarbeit an der KABK in Den Haag beschäftigt. Ich wollte eine humanistische Sans Serif gestalten. Die einzigen guten geometrischen Schriften, die man damals im Einsatz sehen konnte, waren die Futura und seltener die Avenir. Die Schrift an der

„DAS HAT MEIN TYPO HORIZONT ERWEITERT UND MEIN LEBEN VERÄNDERT“ U8 am Alexanderplatz sah für mich verrückt aus. Die Schrift war breit, sehr rund und irgendwie doof nachgezeichnet. Das a hatte viele Knicke, das hat mein „Typo-Horizont“ erweitert und mein Leben verändert.

Eine Gelegenheit, die Anton Koovit fast verpasst hätte, wäre er am Alexanderplatz wie geplant in die richtige U-Bahn gestiegen.

Was war der ausschlaggebende Moment, in dem Du entschieden hast, diese Schrift zu rekonstruieren? Ich habe in verschiedenen Foren gestöbert und versucht, die Schrift, die hierfür benutzt wurde, ausfindig zu machen. Auch in den Foren haben die Leute hoffnungslos nach dieser Schrift gesucht und haben sich mit neuzeitlichen Grotesken getröstet. Dann dachte ich mir, alles klar, ich rekonstruiere die handgezeichnete Schrift und das möglichst schnell, bevor noch ein anderer mir zuvor kommt. Kannst Du den Prozess von Recherche und Design beschreiben. Wie bist Du vorgegangen? Zuerst habe ich natürlich recherchiert, ob es diese Schrift bereits in digitaler Form gibt. Ich habe mich viel in Foren bewegt und kontaktierte Leute, die sich mit Denkmalschutz auskennen. Der nächste Schritt bestand darin, zumindest ähnliche Schriften zu finden, um einen Anhaltspunkt zu

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haben. Ich fotografierte 2, 3 Schilder im Detail und bearbeitete die Fotos so, dass ich die Buchstaben reinzeichnen konnte. So konnte ich die Buchstaben auf anderen Hintergründen und in verschiedenen Größen ausprobieren, um daraufhin die Schrift zu entwickeln. Ich habe sogar Schilder 1:1 nachgebaut, um die Schrift zu testen. Außerdem habe ich viel Zeit in Bibliotheken verbracht und das Nahverkehr- Museum besucht. Ich habe tausende Fotos und Postkarten aus allen möglichen Quellen analysiert und viele interessante Bilder gefunden (sogar welche, die mir die Stationen von vor 100 Jahren zeigten). Ich habe versucht, jedes Indiz und jede Quelle zu nutzen. Gab es Probleme oder Schwierigkeiten bei der Schriftgestaltung? Erstens musste ich auf die künstlerische und typografisch genaue Art zu Gestalten verzichten. Es war mir wichtiger, dass das Ergebnis am Ende nah an der Vorlage und histo-

„DIE KURSIVE WAR EIN GROSSES FRAGEZEICHEN FÜR MICH“ risch fassbar war. Einige Buchstaben des Alphabets findet man auf keiner Beschilderung in der U8, ebenso gab es auch keine Ziffern. Hinzu kommt, dass die Schrift auf jedem Schild ein bisschen anders aussieht. Vor allem aber war die Kursive ein großes Fragezeichen für mich. Ich habe praktisch drei mal neu angefangen bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Außerdem konnte ich mich auf keine Quellen verlassen, denn mir ist bis heute nicht bekannt, wer die Schrift gezeichnet hat.


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Was wolltest Du mit der Gestaltung der Schrift erreichen? Hast du Dir bestimmte Ziele gesetzt und diese auch erreicht? Ich wollte einen Teil vom Frühmodernismus wiederbeleben und ich denke, dass zwei Stationen in der U8 mit Hilfe meiner Schrift renoviert wurden bestätigt, dass das auch geklappt hat. Außerdem wollte ich testen, ob die Schrift, die in der U-Bahn nur in sehr großen Schriftgrößen im Einsatz ist, ebensogut in kleineren Schriftgrößen funktioniert; und es geht ... bis 8pt.

Stationen erst später verbunden. Die ältesten Stationen wurden sogar vor dem Ersten Weltkrieg gebaut. Ich habe Fotobeweise aus dem Jahre 1918, dass es die typische U8 Schrift schon gab – trotz des massiven Altersunterschieds zwischen den Haltestellen.

Wie würdest du die Schrift beschreiben? Was sind ihre Charakteristika? Die Schrift ist geometrisch, klar, großzügig, klassisch und frühmodernistisch. Ich kriege mit, dass meine Schrift oft von Designern genutzt wird, um in der Gestaltung eine gewisse

„ICH HABE TAUSENDE FOTOS UND POSTKARTEN AUS ALLEN MÖGLICHEN QUELLEN ANALYSIERT“ Eleganz auszudrücken. Das hat mich ehrlich gesagt überrascht. Rein typografisch weist diese Schrift einige kleine Kompromisslösungen in der Konstruktion auf, die man eigentlich als Fehler bezeichnen könnte, aber hier funktioniert es wunderbar. Die ehemalige „GN“ Linie (und somit ein Teil der heutigen U8) führte vom Gesundbrunnen bis nach Neukölln und in diesem Abschnitt kommt auch die typische U8 Schrift vor. Gibt es Deiner Meinung nach eine Verbindung zwischen den verwendeten Schriften in den Berliner U-Bahn Stationen und dessen Konstruktionsjahr? Ja, zusammen mit den verschiedenen Bauabschnitten der Linie hat sich vieles verändert. Teilweise wurden

Den größten Wechsel sieht man bei den ehemaligen Geister-Bahnhöfen, zwischen den Bahnhöfen Voltastraße und dem Moritzplatz. Diese Haltestellen wurden wegen UdSSR-Präsens fast 35 Jahre nicht angefahren und somit nicht repariert. Im Jahr 1990 öffneten sich den Forschern die unverbastelten Ruinen mit tausenden echten Kleindetails und schönen originalen Schriften. Auf den ersten Blick erkennt man bei besagten Stationen sofort die typische U8 Schrift, dennoch ist die Schrift bei genauerem Betrachten nicht bei jeder Station identisch. Inwiefern bemerkt man diese Unterschiede und wie kamen sie Deiner Meinung nach zu Stande? Eigentlich es ist nicht nur eine Meinung. Die Schilder wurden in unterschiedlichen Emaillewerken oder Baukeramikfabriken produziert. Einige sind aus Ton (Buchstaben mit Hoch- oder Tiefrelief) und ganz andere sind aus Metall und mit dem Pinsel bemalt. Alleine diese Begebenheit

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macht schon, dass die Schrift immer anders aussieht. Dazu kommt, dass die Schrift gänzlich handgezeichnet wurde. Große Kreuzungsstationen, wie zum Beispiel der Moritzplatz oder der Hermannplatz wurden ganz anders gebaut als andere. Beide sind zweistöckig. Ja, nicht jedermann weiß, dass unter dem Moritzplatz noch eine nicht benutzte U-Bahnlinie liegt. Auch der Konstruktionszeitraum spielt eine wichtige Rolle; andere Zeit, andere Konstrukteure. Obwohl es die gleiche Vorlage gab, sieht alles anders aus. Meiner Meinung nach sollten die Original Schriften in den U-Bahn-Stationen beibehalten werden. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass sie Teil des kulturellen Erbes Berlins sind. Die Stationen werden nach und nach renoviert und die alten Schriften machen Platz für ein neues, einheitliches Design. Was sagst Du zu diesem Vorgang? Ich glaube, man sollte mit dem Denkmalschutz sanfter umgehen als bisher in den Berliner U-Bahnhöfen. Heute sind zwei Stationen mit meiner Schrift renoviert worden. Die Hermannstraße sah früher sehr schlecht und nicht mehr original aus: schechte Fliesen, die Beschilderung mit der Transit, die Mülltonnen und Bänke waren kaputt. Die BVG musste etwas tun. In dem gleichen Schwung wurde dann

auch die Boddinstraße orginalgetreu erneuert. Obwohl es zwar denkmalgeschützte Haltestellen gibt, wird nicht sehr sanft mit den Original-Beschilderungen umgegangen. Zum Beispiel wurden an der Leinestraße originale Schilder aus dem Tunnel genommen und auf provisorischen Brettern draußen aufgehängt. Anderthalb Meter emailierte Metallschilder waren dem Regenwasser und Abgas ausgesetzt. (Das Blech zu biegen, zu bemalen, im Ofen backen, bemalen, wieder in den Ofen zum backen. Wieviel sowas heutzutage kosten würde?) Jetzt sind dort neue Schilder am Bahnsteig zu sehen, obwohl es die Originale ja gab. Die sind halt jetzt neu: falsche Schrift, andere Schrauben, es fühlt sich einfach falsch an. Zumindest freut es mich, dass die nicht aus PVC sind, aber naja. Gibt es noch andere Schriften im Berliner U-Bahn System, die Dir besonders gut gefallen? Wenn ja, welche? Ich habe während meiner Recherche für die „U8“ sehr viel Interessantes gefunden. Wenn man alle Mode Schriften aus dem Letraset Repertoire wie zum Beispiel Octopuss und Helvetica weg lässt, dann bleiben noch fünf bis sechs starke Schriften auf dem Tisch. Welche, das verrate ich nicht ;-).

„WENN MAN ALLE MODE SCHRIFTEN AUS DEM LETRASET REPERTOIRE WEG LÄSST, DANN BLEBEN NOCH 5 BIS 6 STARKE SCHRIFTEN AUF DEM TISCH. WELCHE, DAS VERRATE ICH NICHT“

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Die originalen Schilder der Leinestraße auf provisorischen Brettern. Kein besonders sanfter Umgang mit Denkmalschutz.

Die Hermannstraße nach ihrer Renovierung. Hier wurde die Schrift von Anton Koovit eingesetzt, um den alten Charme wiederherzustellen.

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Alexanderplatz U8

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er U-Bahnhof Alexanderplatz ist einer der größten U-Bahnhöfe der Berliner U-Bahn. Dort fahren die Linien U2, U5 und U8. Der Bahnhof ist H-förmig angelegt; die U2 fährt im östlichen Arm, die U8 im westlichen Arm und die U5 auf der tiefer gelegenen Querebene. Die Bahnsteige der U2 und U8 werden außerdem durch eine Ladenpassage über dem Bahnhof der U5 miteinander verbunden. Der von Alfred Grenander geplante Bahnsteig der heutigen Linie U2 wurde zwischen 1910 und 1913 erbaut und am 1. Juli 1913 eröffnet. Bereits damals wurde unter dem Bahnsteig ein Rohbaufragment für eine zukünftige Linie nach Friedrichshain errichtet. Diese Pläne wurden jedoch aufgrund des Ersten Weltkriegs realisiert und anschließend auch verworfen. Wenige Jahre später wollte die AEG eine eigene U-BahnLinie in Nord-Süd-Richtung erbauen (die heutige Linie U8). Dafür wurde westlich des Viaduktes der Stadtbahn bereits ein Tunnel gegraben. Nachdem die AEG das Projekt aus finanziellen Gründen jedoch nicht fertigstellen konnte, wurde die angefangene Linie von der Stadt Berlin übernommen. Man entschloss sich jedoch, die neue Linie über den Alexanderplatz zu führen, um so einen Anschluss an die heutige Linie U2 zu ermöglichen. Ab 1926 wurde dieser neue Bahnhof neben der Stadtbahn gebaut und am 18. April 1930 eröffnet. Bereits 1926/1927 begann man mit dem Bau einer neuen Strecke Richtung Osten, der heutigen Linie U5. Der viergleisige Bahnhof wurde quer zu den bereits bestehenden Bahnhöfen angelegt und verband diese so. Die äußeren Gleise sind für eine weitere Linie (Planungsname: U3) nach Weißensee vorgesehen. Auch diese Linie ist bis heute nicht realisiert worden. Der Bahnhof der heutigen U5 wurde am 21. Dezember 1930 eröffnet.

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Der Bahnsteig der U5 liegt trotz seiner Tiefe nur 11,25 Meter unter der Oberfläche. Die Bahnhöfe der Linien U5 und U8 sowie die sie verbindende unterirdische Fußgängerebene, die Vorbild für viele ähnliche Anlagen in anderen Städten werden sollte, entstanden als einheitlich geplantes Bauwerk im Stil der Neuen Sachlichkeit. Architekt war wiederum Alfred Grenander, dessen Stil sich in den 17 Jahren seit Vollendung des U2-Bahnsteigs deutlich gewandelt hatte. Statt durch historisierende Details, wie die an ionische Säulenkapitelle erinnernden Stützenköpfe, wirken die späteren Bauteile des Schnellbahnknotens durch durchdachte Raumfolgen, Blickbeziehungen und die Klarheit der räumlichen Komposition.

DIE DDR

Nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 wurde der Bahnsteig der Linie U8 vom restlichen Bahnhof abgetrennt.

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Nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 und der damit vollständigen Teilung Berlins wurde der Bahnsteig der Linie U8 vom restlichen Bahnhof abgetrennt und seine Zugänge zugemauert, da die Züge der vom West- durch den Ost- zurück in den Westsektor verkehrenden Linie hier ohne Halt durchfuhren. Damit gehörte der Bahnsteig zu den sogenannten „Geisterbahnhöfen“. Um die Existenz des Bahnsteigs zu verschleiern, waren die vermauerten Stellen mit originalgetreuen Kopien der bahnhofstypischen Wandfliesen verkleidet. Westlich des Bahnhofs der hier endenden Linie U5 befindet sich eine Kehrgleisanlage. An diese Anlage ist der sogenannte „Waisentunnel“ angeschlossen, mit dem Fahrzeuge mit der Linie U8 ausgetauscht werden können. Hier wird seit 2010 die U5 Richtung Westen verlängert. Sie wird dann den Anschluss zur jetzigen Linie U55 über das Brandenburger Tor zum Hauptbahnhof herstellen. Nach der Wende wurde der U-Bahnhof umfassend für 36 Millionen Euro saniert. Dabei verwendete die BVG wieder die charakteristischen türkisfarbenen Fliesen. Die Bahnsteige der Linien U5 und U8 erhielten neue, helle Granitfußböden, beim Bahnsteig der U2 wurde ein neuer Asphaltboden gefertigt. Fast 50 Jahre, von 1958 bis 2006, war der U-Bahnhof der Linie U2 des Bahnhofs Alexanderplatz einer der größten öffentlichen Kunsträume der Stadt Berlin. Künstler und Kunststudenten der DDR und später Gesamtdeutschlands zeigten Fotografien, Collagen, Malereien, Video-Installationen, Graffitikunst u. a. Die sehr unterschiedlichen Werke der über 300 Künstler dieser Jahre gaben der großen Öffentlichkeit einen zeitgemäßen Einblick in das aktuelle Geschehen von Kunst- und Gesellschaft. Im Jahr 2006 verkaufte die Stadt Berlin die Flächen an die Wall AG, die dort seitdem Werbung präsentiert. Rechts Oben: der Stationsname der bei den Linien U8 und U5 zu finden ist. Unten der Stationsname der Linie U2 in etwas anderem Erscheinungsbild. Beides höchstwarscheinlich mit Schablonen aufgemalt, jedoch jeweils zu anderen Zeitpunkten im 19. Jahrhundert.


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OCTOPUSS

D Die Station wurde als Mehrzweckanlage gebaut, sodass der Bahnsteig sowie angrenzende Räume auch als Schutzraum in Kriegsund Katastrophenfällen genutzt werden kann.

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er U-Bahnhof Pankstraße ist ein Bahnhof der Linie U8 der Berliner U-Bahn im Ortsteil Gesundbrunnen. Mit der Verlängerung der U-Bahnlinie 8 von Gesundbrunnen nach Osloer Straße wurde die Station am 5. Oktober 1977 eröffnet. Baubeginn dieses Abschnitts war im September 1973. Die Station besitzt Wandverkleidungen aus braunen Fliesen, die Stützen sind mit Aluminiumblechen verkleidet. Die Station wurde als Mehrzweckanlage gebaut, sodass der Bahnsteig sowie angrenzende Räume auch als Schutzraum in Kriegs- und Katastrophenfällen genutzt werden kann. So besitzt die Station beispielsweise Sanitärräume, eine Notküche und eine Frischluftversorgung mit Filtern. Im Notfall können hier genau 3339 Personen Schutz finden. Die Mehrkosten wurden vom Bundesfinanzministerium bezahlt. Die Einrichtungen können im Rahmen von geführten Touren, die vom Verein Berliner Unterwelten veranstaltet werden, besichtigt werden. Die Anlage selbst befindet sich im Eigentum der BVG. Der U-Bahnhof sowie die Zivilschutzanlage stehen seit 2011 unter Denkmalschutz. Ein weiteres Kuriosum ist, dass die angebrachten silbernen Buchstabenlettern das Wort Pankstrasse bilden und nicht wie der deutschen Rechtschreibung entsprechend Pankstraße. Der Bahnhof wurde, wie eine sehr große Anzahl an Berliner U-bahnhöfen ebenfalls von Rainer G. Rümmler gestaltet. Er verlieh dem Bahnhof ein Look, der einen heute noch sofort in die 70er Jahre zurück versetzt.


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WARUM OCTOPUSS? Die Station wurde 1977 eröffnet. Rainer G. Rümmler entschied sich der Station ein Erscheinungsbild zu geben, das die 70er Jahre perfekt wiedergibt. Er entschied sich bei der Gestaltung für die Octopuss von Colin Brignall.

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OCTOPUSS Die Octpuss ist eine energetische Headlineschrift die 1970 von Colin Brignall für Letraset entworfen wurde. Sie greift den unmissverständlichen Charaker des Lebenstils der 70er Jahre auf.

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DIE HINTERGLEISWÄNDE DER OSLOER STRASSE SIND MIT NORWEGISCHEN FAHNEN VERZIERT. DIE SCHRIFT, DIE EINGESETZT WURDE IST DIE AKZIDENZ GROTESK.

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SEHR ZAGHAFT ERKENNT MAN DIE LETTERN AN DER RESIDENZSTRASSE, DIE IN DER WINDSOR GESETZT SIND. ERÖFFNET WURDE DER BAHNHOF 1987.

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U9

OSLOER STRASSE —


RATHAUS STEGLITZ


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DIE LINIE U9 HAT 18 STATIONEN UND IST 12,5 KILOMETER LANG. DIE DURCHSCHNITTLICHE FAHRTZEIT BETRÄGT 23 MINUTEN.

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Rathaus Steglitz AKZIDENZ GROTESK

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er U-Bahnhof wurde im Zusammenhang mit der Verlängerung der Linie U9 vom Walther-Schreiber-Platz bis Rathaus Steglitz am 30. September 1974 eröffnet. Der Bahnhof,. Die Senatsverwaltung ließ darüber hinaus auch einen zweiten Tunnel für eine geplante U10 errichten. So baute man von der Kreuzung Bundesallee/Rheinstraße durch die Schloßstraße bis zum Hermann-Ehlers-Platz einen doppelgeschossigen Tunnel für die U9 und U10. Die U10 sollte ursprünglich über Klinikum Steglitz (heute: Campus Benjamin Franklin der Charité) zur Drakestraße (Wiesenbaude) führen. Die Planungen für die U10 genossen bis 1984 hohe Priorität, verloren allerdings danach wegen des Parallelverkehrs zur S-Bahn an Bedeutung und wurden 1993 endgültig eingestellt. Die eigentlich für die U9 vorgesehenen Gleise machen am Rathaus Steglitz einen großen Schwenk in Richtung S-Bahnhof. Bereits seit der Eröffnung benutzt die U9 die Gleise der U10 mit einem Mittelbahnsteig. Grund ist, dass der Platz für die nötige Kehranlage erst hinter dem Tunnel zum S-Bahnhof gewesen wäre, was eine Erlaubnis der Deutschen Reichsbahn erfordert hätte. Nach der Betriebsübernahme der S-Bahn in West-Berlin durch die BVG 1984 konnte der Tunnel unter der S-Bahntrasse verlängert werden. Die Arbeiten wurden unter Aufrechterhaltung des S-Bahn-Betriebs 1989 und 1990 durchgeführt. Dazu wurden an den Gütergleisen, mit Genehmigung der Deutschen Reichsbahn, seitliche Behelfsbahnsteige für die S-Bahn erstellt. Gleichzeitig wurden für die Albrechtstraße höhere Brücken eingebaut, damit auch Doppeldeckbusse die Unterführung benutzen konnten. Die Seitenbahnsteige für die U9 sind im Rohbau vorhanden und dienten bis zur Wende als Senatslager, u. a. für Notbetten. Durch die Verwendung des U10-Bahnsteigs

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WARUM AKZIDENZ GROTESK? Eingesetzt wurde hier eine Schrift, die im späten 19. Jahrhundert ihre Ursprünge findet. Der fast 5 Meter breite Schriftzug ist schon fast ein Statement. Er ist in der Akzidenz Grotesk gesetzt. Eine Schrift die sehr viel Verwendung in den 60er und 70er Jahren fand und noch bis heute sehr präsent in vielen Gestaltungen ist.

verlängern sich die Umsteigewege zur S-Bahn erheblich. Eine Verlängerung der U9 bis Lankwitz bleibt langfristig geplant, der Bau der Strecke zur Drakestraße unabhängig von der Realisierung der U10 nicht mehr. Im Untergrund ließ die BVG außerdem ein großes Unterführungsbauwerk errichten, sodass direkte Zugangswege zum Steglitzer Kreisel und zum Rathaus Steglitz bestehen.

ARCHITEKTUR UND GESTALTUNG Wie damals üblich entwarf der Senatsarchitekt Rainer Rümmler die Konzeption für den Bahnhof. Rümmler verwendete große Wandelemente in den Farben Rot und Silber, der Bahnhofsschriftzug „Rathaus Steglitz“ dominiert die Gestaltung. An der Decke befinden sich überdimensionale – dem Stil der 1970er Jahre entsprechende – Kreiselemente, die als Abdeckung für die Bahnhofslampen dienen. In der Fußgängerpasserelle wacht eine große Stahlblechskulptur des aus der griechisch-römischen Mythologie stammenden Höllenhundes Zerberus, der von Waldemar Grzimek entworfen wurde. Darüber hinaus findet sich an der Nordostwand eine Installation mit den Schriftzügen aller Weltmetropolen, die zum Zeitpunkt der Eröffnung des Bahnhofs im Jahr 1974 eine U-Bahn besaßen. Das Unterführungsbauwerk wird von vielen auch aufgrund der langen Umsteigewege als unübersichtlich empfunden, was auch der Grund war, warum Teile davon bereits um 1988 von der BVG geschlossen wurden. So gab es früher auch einen dritten Zugang zum in Betrieb befindlichen Bahnsteig, dieser wurde dabei ebenfalls geschlossen.

Die aufgemalte Namensbezeichung der Station ist fast 5 Meter breit.

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ABCEFGHIJ KLMNOPQR STUVWXYZ abcdefghijk lmnopqrstu vwxyz

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AKZIDENZ GROTESK Die Akzidenz-Grotesk, früher Accidenz Grotesk, ist eine Grotesk-Schrift, die 1896 von der Berthold AG herausgegeben wurde. Sie gilt als Meilenstein in der Schriftgestaltung. Generell muss bei der Akzidenz Grotesk bedacht werden, dass die H. Berthold AG immer wieder Anteile an anderen Schriftgießereien gekauft, oder diese ganz übernommen hat. Folglich besteht die Möglichkeit, dass einzelne Schriftschnitte oder sogar einzelne Typenformen von Groteskschriften der übernommenen Betriebe stammen und die Akzidenz Grotesk daher eher als Kondensat der Werke vieler anonym gebliebener (Mittel-)Europäischer Typographen und Schriftgießer zu verstehen ist, als das geniale Opus einer Einzelperson.

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|ENDBAH |BITTE |AUSSTE


HNHOF!

EIGEN!


Konzept & Layout Denter Lara als Bachelorthesis im Fach Design Typografie mit Betreuung von Herrn Prof. Andreas Hogan Juli 2016

Bildmaterial Denter Lara (alle nicht historischen Fotografien) und genannte Autoren

Text Denter Lara und genannte Autoren

Schrift Sansserif: Din Next LT Pro Serif: Melior Typotour: genannte Schriften

Produktion Druck: Druckverlag Kettler Papier: Luxoart Samt Die Auswahl der Stationen fand rein exemplarisch statt. Stand des U-Bahn Plans der Stadt Berlin: 2016

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„Berlin unter Grund“ nimmt den Leser mit auf eine Typotour durch das U-Bahn-Netz einer Millionenstadt. Die vielfältige Gestaltung der Stationen, die man so kaum in anderen Großstädten findet, zeigt wie sich ihr typografisches Erscheinungsbild vom Deutschen Kaiserreich bis heute verändert hat. Anhand der Tafeln, die den Namen der verschiedenen U−Bahn−Stationen zeigen, erzählt das Buch ein Stück Typo−Geschichte.

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Berlin unter Grund - Die Schriften der Berliner U-Bahn  

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