Diskurs 24 - Begegnungen

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Themenschwerpunkt „Begegnungen“


Autorinnen / Autoren Dr. Herbert Langthaler Mitarbeiter bei asylkoordination österreich, Journalist, Trainer und Hochschuldozent Seite 04 – 07

Viviana Frager Schülerin und kreativer Kopf im Multimedia-Team von aha – Tipps & Infos für junge Leute Seite 22 – 24

Theresa Gottschlich Studentin und ehrenamtliche Mitarbeiterin bei ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit Seite 08 – 11

Impressum Medieninhaber, Herausgeber: koje - Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung, Bregenz und aha - Tipps & Infos für junge Leute, Dornbirn | Redaktionsleitung: Olivia Mair | Redaktionsteam: Thomas Müller, Michael Rauch, Barbara Österle, Isabel Baldreich redaktion@jugend-diskurs.at | Lektorat: Margit Schneider | Gestaltung & Illustrationen: chilidesign.at | Druck: Hugo Mayer GmbH, Dornbirn | Finanzierung: Land Vorarlberg - Fachbereich Jugend und Familie Diskurs kostenlos bestellen: abo@jugend-diskurs.at

Im Diskurs haben Menschen als AutorInnen Gelegenheit, ihre Interpretationen von Zahlen und Fakten sowie persönliche Meinungen und Haltungen als redaktionellen Beitrag darzustellen.


Die ersten Worte

Willkommenskultur

04-07

Subtile Köder von rechts

08-11

welcome? welcome! 12-13

Inhalt „Said“ – auf dem Weg ins ganz 14-15 persönliche Glück Begegnung von Mensch zu Mensch

16-17

Gemeinsam lachen, gemeinsam weinen

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Flüchtlinge Willkommen!

20-21

Jung sein

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Aus der Jugendarbeit

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Unsere Welt ist im Wandel. Das ist für uns noch mehr spür-, sicht- und erlebbar, seit tausende Flüchtlinge nach Österreich und in weiterer Folge nach Vorarlberg kommen. Wir sind nun alle gefordert, mit den Veränderungen umzugehen. Für diese Diskurs-Ausgabe haben wir das Thema „Begegnungen“ gewählt und uns auf die Suche nach Beispielen gemacht, wie Begegnungen zwischen dem „Wir“ und dem „Anderen“ gelingen können. Unsere AutorInnen berichten eindrucksvoll davon, wie durch das Schaffen von Kontaktmöglichkeiten Verständnis für den/die FremdeN geweckt wurde, wie Vorurteile abgebaut und in weiterer Folge nachhaltige Begegnungsangebote geschaffen wurden. Sie weisen auch darauf hin, wie wichtig es ist, den eigenen Horizont durch Wissen über den Herkunftskontext von Flüchtlingen zu erweitern. Auch dazu soll diese Diskurs-Ausgabe Informationen liefern. Die Jugendarbeit kann in dieser Situation Wertvolles leisten. Sie kann jugendliche Flüchtlinge unterstützen, bei uns Fuß zu fassen, damit junge Menschen wie Ali Reza aus Afghanistan „das Gefühl haben, doch noch eine Zukunft zu haben“ (Seite 24). Sie kann auch den „einheimischen“ Jugendlichen die Möglichkeit eröffnen, ihre Erfahrung und ihr Wissen weiterzugeben, sich weiterzuentwickeln und – vielleicht auch – etwas Sinnvolles zu tun. Barbara Österle für das Redaktionsteam

Alle bisherigen Diskurs-Ausgaben und Abo kostenlos bestellen unter www.jugend-diskurs.at


Willkommenskultur Herausforderung und Bereicherung (nicht nur) fĂźr die Jugendarbeit.


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Tausende Menschen haben in den vergangenen Monaten Flüchtlinge durch Spenden unterstützt, in Transit- und Notquartieren betreut oder sogar bei sich daheim aufgenommen. Sie haben ihren Alltag mit Menschen geteilt, die aus einer angeblich völlig fremden, nicht mit der unseren vereinbaren Kultur kommen. Die Hilfsbereitschaft breiter Teile der Bevölkerung wurde von den Mainstream-Medien aufgegriffen, verstärkt und mit dem Label „Willkommenskultur“ versehen. Für einige Monate schufen die Bilder eine positive Dynamik. Tausenden war das tägliche Tun in den Flüchtlingsunterkünften, Bahnhöfen und Transitquartieren eine Möglichkeit, es nicht bei der Betroffenheit über Tausende Ertrunkene im Mittelmeer, die 71 erstickten Menschen an der Ostautobahn zu belassen. Diese Hilfsbereitschaft entspringt nicht nur aus der Bertoffenheit und dem schlechten Gewissen über die Bequemlichkeit unseres Lebens nach 70 Jahren

in Frieden und relativer ökonomischer Stabilität, sondern auch aus einem Mangel an Sinn und Beziehungen in unserer individualisierten Wettbewerbsgesellschaft. HelferInnen berichten immer wieder über das beglückende Gefühl, helfen zu können und damit mit einem Lächeln, mit einer Begegnung, mit dem Erzählen einer (Flucht-)Geschichte belohnt zu werden. Jetzt wird, so schnell wie im Sommer 2015 der Begriff „Willkommenskultur“ von den Medien geprägt oder zumindest verbreitet wurde, „das Ende der Willkommenskultur“ ausgerufen. Angst machende Bilder von „Fluten“, „Wellen“ und „Dämmen“, die dagegen errichtet werden müssten, werden bedenkenlos vervielfältigt.

Willkommen ohne (Ober-)Grenze Jenseits der aktuellen Aufgeregtheiten, bietet sich in vielen Gemeinden ein anderes Bild. In den vergangenen Monaten hat dort ein Prozess der Konsolidierung eingesetzt. Die HelferInnen wenden sich nicht von den Menschen

ab, die sie in den vergangenen Monaten kennen und schätzen gelernt haben. Kontakt schafft Empathie, bekämpft Ängste. Wie die Analyse der oberösterreichischen Gemeindewahlergebnisse zeigt, hat dort die FPÖ am wenigsten zugelegt, wo sich Initiativen aktiv um Flüchtlinge kümmern. Ausflüge, Feste, Filmabende, Frauencafés, Hilfe bei Behördenwegen, Informationen über Möglichkeiten am Arbeitsmarkt, Deutschkurse und -konversation werden organisiert, Probleme mit Hilfe von ehrenamtlichen SupervisorInnen und OrganisationsberaterInnen angegangen. Auf verschiedenen Ebenen vernetzen sich HelferInnen und Initiativen, nicht nur im virtuellen Raum über Facebook-Gruppen und Websites, sondern auch durch persönliche Treffen. NGOs, Berufsverbände, Universitäten und Länder bieten Schulungen und Fortbildungen für ehrenamtliche Unterstüt­ zerInnen an und Integrationskonzepte, die jahrelang in Schubladen verschwunden waren, werden aktualisiert und haben plötzlich gute Chancen auf Umsetzung.


Jetzt das „Ende der Willkommenskultur“ zu verkünden und die Selbstverständlichkeit, verfolgte Menschen aufzunehmen und ihr Recht auf staatlichen Schutz und menschenwürdige Versorgung in Frage zu stellen, machen unsere Gesellschaft verwundbar. Es gibt vor, eine Lösung zu haben, die es in Wirklichkeit nicht gibt: die Schotten dicht machen, Mauern und Zäune errichten. PolitikerInnen, die solche Lösungen anstreben, verraten nicht nur die grundlegenden Werte, auf denen unsere Demokratie und Menschenrechte beruhen, sie machen sich – weil das Scheitern voraussehbar ist (Menschen auf der Flucht lassen sich nicht auf Dauer aufhalten) – selbst unglaubwürdig und liefern uns jenen aus, die Demokratie und Menschenrechte jetzt schon zur Disposition stellen.

Wer sind die jugendlichen Flüchtlinge? Flüchtlinge sind keine Aliens, sie sind auch keine homogene Masse. Sie wollen und können als Individuen wahrgenommen werden, mit besonderen Geschichten, besonderen Vorlieben und besonderen Bedürfnissen. Im vergangenen Jahr waren 30 Prozent der Flüchtlinge Jugendliche. Zwei Drittel der jugendlichen Flüchtlinge kommen im Familienverband nach Österreich (vor allem aus Syrien und dem Irak), ein Drittel als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Letztere sind zu

einem großen Teil AfghanInnen direkt aus Afghanistan oder aus dem Iran, wo ihre Familien oft schon jahrzehntelang als Flüchtlinge leben. Dort werden die Bedingungen aber immer schwieriger, den Flüchtlingskindern wird Bildung und Integration verweigert.

Herausforderung und Bereicherung für die Jugendarbeit Für die Jugendarbeit bedeuten die jungen Flüchtlinge möglicherweise eine Herausforderung, können aber gleichzeitig auch als Bereicherung erlebt werden. Wenn nämlich einheimische Jugendliche ihnen beim Ankommen in Österreich helfen und sie sich bewusst werden, dass

auch sie – die gerade wegen ihrer Jugend oder sozialen Herkunft – etwas beitragen können. Die einheimischen Jugendlichen können Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben und junge Flüchtlinge als LotsInnen individuell unterstützen.

Spannungsfeld Herkunftsund Fluchtland Wichtig ist, sich bewusst zu machen, wie die Lebensrealität der Flüchtlinge in Österreich ausschaut. Gerade Jugendliche leben oft in einem Spannungsverhältnis zwischen den Anforderungen der Familie – egal ob sie auch in Österreich oder im Herkunftsland geblieben ist – und den eigenen Wünschen, den Möglich-


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keiten, die ein reiches Land wie Österreich (scheinbar) bietet. Die Mission der UMF ist klar: Sie sollen lernen, arbeiten und die Familie unterstützen. Meist sind die Jugendlichen mit größeren Problemen (unsicherer Aufenthaltsstatus, lange Asylverfahren, Probleme bei Spracherwerb und Ausbildung) konfrontiert, als sie erwartet haben. Trotzdem müssen sie ihrer Familie gegenüber vermitteln, dass alles nach Plan läuft. Einsamkeit, Erfahrungen von Ausgrenzung oder Gewalt werden bei den Telefonaten mit den Eltern verschwiegen, die eigene Situation besser dargestellt, als sie wirklich ist. Wichtig für alle Institutionen ist eine

„interkulturelle Öffnung“, also die Mitarbeit von BetreuerInnen mit Sprachkompetenzen und Wissen über die Herkunftskontexte der Jugendlichen. In unserem Patenschaftsprojekt connecting people machen wir immer wieder die Erfahrung, dass für jugendliche Flüchtlinge beides wichtig ist: der Rückhalt in der eigenen Community und der Kontakt zur österreichischen Gesellschaft. Sie wollen sich orientieren, möglichst alles richtig machen, aber auch akzeptiert werden und erwarten, dass ihnen mit Respekt begegnet wird. Sie sind Kinder, die ihre Kindheit oft nicht ausleben konnten und haben Erfahrungen gemacht, die die meisten einheimischen Jugendlichen (hoffentlich) nie machen müssen. Diese Erfahrungen zu teilen fällt nicht immer leicht, aber kann ein Weg sein, den einheimischen Jugendlichen Vorurteile zu nehmen.

Einander kennenlernen Die asylkoordination österreich macht seit Jahren Workshops an Schulen, meist fungieren Jugendliche mit Fluchterfahrung als Co-TrainerInnen. Wir erleben immer wieder, dass die Leistung gegen alle Widerstände und Gefahren, es bis nach Österreich geschafft zu haben, von den SchülerInnen bedingungslos anerkannt wird. Wenn die jungen Flüchtlinge erzählen, wie sie bei Nacht in einem Schlauch-

boot Richtung Europa unterwegs waren, wie sie sich vor GrenzbeamtInnen unter Lastwägen verstecken mussten oder wie ihnen ihre Familie abgeht, dann könnte man meist die sprichwörtliche Nadel fallen hören, so aufmerksam hören die SchülerInnen zu. Im direkten Kontakt nach dem Workshop stellt sich dann schnell heraus, dass es trotz der unterschiedlichen Biografien viele Gemeinsamkeiten gibt. Fotoworkshops, miteinander Kochen oder Drachen bauen und natürlich Sport sind Aktivitäten, bei denen beide Seiten ihre Leistung, ihre Expertise einbringen können. Es kommt letztendlich nicht darauf an, ob Begriffe wie „Willkommenskultur“ oder „Integration“ genau das beschreiben, was notwendig ist, um mit veränderten demografischen Verhältnissen pragmatisch und produktiv umzugehen. Wichtig ist es, diese Veränderungen anzuerkennen und bestehende Strukturen an diese neuen Anforderungen anzupassen. Dr. Herbert Langthaler

Kontakt Dr. Herbert Langthaler asyl aktuell Burggasse 81/7 1070 Wien E: langthaler@asyl.at www.asyl.at


Subtile Köder

von rechts

JanLassen, Youthmedia.eu

Über die Gefahren des Rechtsextremismus für Jugendliche und Chancen des Dialogs


Vgl. Mülherr, Silke: Wo Europa nach rechts gerückt ist. In: http://www.welt.de/politik/ausland/article149737321/ Wo-Europa-nach-rechts-gerueckt-ist.html (14.2.2016) 2 Heinzlmaier, Bernhard: Wien-Wahl 2015. Politische Kommunikation im Jugendwahlkampf. In: http://jugendkultur.at/ wp-content/uploads/Nachwahl-Analyse_Wien-Wahl_2015_JungwaehlerInnen.pdf (14.2.2016) 3 Vgl. ECRI-Bericht über Österreich vom 13.10.2015: http://www.coe.int/t/dghl/monitoring/ecri/Country-by-country/ Austria/AUT-CbC-V-2015-034-DEU.pdf 1

Der Wahlkampf der FPÖ war von der Erzeugung von Emotionen geprägt. Verunsicherte Wählergruppen sollten dadurch mobilisiert werden. Die unter 30-jährigen Wahlberechtigten in Wien setzten das Kreuz bei den Freiheitlichen, dies aber nicht – entgegen den Wahlanalysen – aus Angst oder Sorge vor der Zukunft. Bernhard Heinzlmaier, Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien, sieht Zorn, Missgunst und Neid als Antriebsmittel für diese Gruppe, die FPÖ zu wählen.

Dabei möchten durchschnittliche junge FPÖ-WählerInnnen nicht unbedingt „mehr vom Kuchen“, sondern primär, dass andere, für die er/sie keine Sympathien hegt, weniger von diesem bekommen. Das Bestreben ist nicht die Maximierung des persönlichen Nutzens, sondern die Benachteiligung der für sie oder ihn als „minderwertig“ empfundenen Personen.2

Jugendliche als Zielgruppe von RechtsextremistInnen Die aktuelle und schon im vergangenen Jahr omnipräsente Asyldebatte spielt dabei Parteien, die eine Politik der Aus-

Joel Krumbacher-Birle, www.youthmedia.eu

Europa rückt nach rechts. Die Wahlerfolge von rechten und rechtspopulistischen Parteien – wie beispielsweise in Frankreich (Front National unter Marine Le Pen), Polen (Recht und Gerechtigkeit [Pis] von Jaroslaw Kaczyn ´ski) oder Österreich (FPÖ mit Heinz-Christian Strache) – stimmen besorgt1: Bei der Wiener Gemeinderatswahl 2015 knackte die FPÖ erstmals die 30-Prozent-Marke, fast ein Viertel der Jugendlichen wählte die Freiheitlichen. Bewegungen wie Pegida oder die Identitären propagieren rechte und fremdenfeindliche Ideologien.

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grenzung betreiben, in die Hände. Fremdenfeindliche Ressentiments und Rassismus haben in Politik und Medien ihre Hochphase. Eine neue Generation rechter Bewegungen leistet hierfür die Vorarbeit, wie unter anderem die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) in ihrem aktuellen Bericht festhält.3 Besonders Jugendliche sind eine attraktive Zielgruppe für RechtsextremistInnen. Im Internet verbreiten VertreterInnen rechtsextremer Ideologien ihre Hassbotschaften, die sie als objektive Wahrheit verkaufen, wie ein Lauffeuer weiter und ködern (jugendliche) SympathisantInnen und AnhängerInnen.


z. B. finden sich insbesondere in der Gothic- und Black-Metal Szene, aber auch im Hip Hop, in der Elektro-Szene und sogar der Countrymusik rechtsextreme Gesinnungen. 5 Vgl. ZARA Rassismus Report 2013: Die neuen Rechten. Braune Wölfe im Schafspelz. S. 55 6 Vgl. Jugendschutz.net: Rechtsextremismus – Subtiler Rassismus und offene Hetze. In: http://www. jugendschutz.net/politischer-extremismus/ und Jahresbericht Rechtsextremismus online 2014 von Jugendschutz.net. In: http://www.hass-im-netz.info/fileadmin/dateien/PM2015/bericht2014.pdf 7 Vgl. Bauer, Christa / Mernyi, Willi: Rechtsextrem. Mauthausen Komitee Österreich, 3. überarbeitete Auflage. S. 70 8 Vgl. Beelmann, Andreas: Vorurteile? Ziemlich normal! In: https://www.uni-jena.de/Mitteilungen/ PM120127_Vorurteile.html (14.2.2016) 9 Vgl. Bar-On, Dan: Die „Anderen“ in uns. Dialog als Modell der interkulturellen Konfliktbewältigung. Edition Körber Stiftung, Hamburg 2001. S. 8 ff. 10 Ebd. S.19 11 Ebd. S. 8 ff. 4

denn mit seinem Leben anfangen soll“ – Ventile in rechten Parolen und in der einfachen Sprache der Rechtsextremis­ tInnen. Diese Tabuverletzungen sind weniger ein politisches Bekenntnis der Jugendlichen, sondern Provokation des „Establishments“.7

Morellino, pixelio.de

Vorurteile entstehen schon in der Kindheit

Dies ist besonders gefährlich. Die Ansprache über das Internet bzw. über soziale Medien erfolgt meist ohne offensichtliche Message. Zudem sind viele rechtsextreme Gruppen anpassungsfähiger an jugendliche Subkulturen4 geworden und verpacken ihre (inhaltlich unveränderten) Botschaften freundlicher5. Ihre Taktik ist nicht offensichtlich: Rechtsextreme nutzen Youtube-Videos, Facebook-Profile und Online-Events um Jugendliche, die noch nicht über die nötige Reflexion bzw. Medienkompetenz verfügen, in den „braunen Sumpf“ zu locken. Spaß und Unterhaltung werden mit einschlägigen

Botschaften verknüpft: junge UserInnen werden subtil und mit modernen, lebensweltnahen Angeboten geködert.6 Gerade in den Phasen von Adoleszenzkrisen suchen Jugendliche nach Halt. Oft sind es die sozialen und individuellen Lebensumstände, die zum Abrutschen in die rechte Szene führen, die konkrete Ursache gibt es jedoch nicht. Begriffe wie Freundschaft, Zugehörigkeit und das Entdecken eines Lebenssinns machen oft die Faszination der Szene aus. In Zeiten von Orientierungslosigkeit und einer prinzipiellen Protesthaltung gegenüber Autoritäten findet die Desillusionierung – „was man

Auch die Abgrenzung gegenüber „Anderen“, „Fremden“ spielt in der rechten Szene eine Rolle. Als Herausforderung dabei gilt es nun, gerade mit Blick auf die Integration von ankommenden, jugendlichen Flüchtlingen, Vorurteilen und Ausgrenzung durch „einheimische“ Jugendliche entgegenzuwirken. Der Vorurteilsforscher und Psychologe Andreas Beelmann von der Universität Jena arbeitet an einem Trainings- und Präventionsprogramm für Kinder und Jugendliche, um Vorurteile abzubauen und Toleranz gegenüber anderen zu fördern. Er weiß, dass die Entstehung von Vorurteilen bereits im Kindesalter beginnt: im Alter von etwa drei bis vier Jahren beginnen Kinder zuerst das eigene Geschlecht, spätere die eigene ethnische Zugehörigkeit zu bevorzugen. Dies gehöre zur normalen Persönlichkeitsent-


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Tipps: Am 11. und 12.04.2016 findet ein Workshop zu „Offene Jugendarbeit im Kontext radikalisierender Einstellungen und Haltungen“ mit Kenan Güngör von think.difference statt.

Dialog als Schlüsselvariable Damit Inklusion gelingt und sich Jugendliche nicht „überrumpelt“ oder gar „verdrängt“ fühlen, ist es in der Jugendarbeit wichtig, den Kontakt zwischen Jugendlichen verschiedener Herkunft zu fördern. Dabei müssen die Bedürfnisse

beider Gruppen im direkten Dialog ausgehandelt werden. Das Modell des Dialogs9 ist für den israelischen Psychologen Dan Bar-On eine Schlüsselvariable und zentraler Baustein zur Identitätsfindung und Überwindung von Konflikten: Versteinerte Fronten können nur dann aufgelöst werden, wenn es einen Raum gibt, in dem jeder/jede seine /ihre persönliche Leidensgeschichte erzählen und diese gegenseitig angenommen werden kann. Bar-On fand heraus, dass alleine das Zuhören hilft, die eigenen Gefühle, aber auch die der anderen Seite zu verstehen. Das Wissen um das Leid „der Anderen“ schafft die Basis für einen (ersten) Dialog. „Der/Die Andere“ verliert durch das Erzählen der persönlichen Geschichte die Bedrohlichkeit.10 Für die Jugendarbeit kann diese Herangehensweise – gerade in der jetzigen politischen Situation – essentiell sein. Der gruppendynamische Ansatz des Zuhörens und Nachfragens, gemeinsam mit der Anerkennung des Leids der Anderen, kann zum Abbau tradierter Vorurteile und Feindbilder führen.11 Er kann bewirken, dass statt psychischer Mauern, Brücken gebaut werden. Theresa Gottschlich, Bakk.phil

Am 24. und 25.05.2016 findet jeweils ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen von ZARA Training statt. Mehr Infos ab Seite 27!

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wicklung. Gefährlich werde es dann, wenn die positive Bewertung der eigenen Gruppe in Vorurteile, Benachteiligung und Diskriminierung anderer umschlägt. Eine Studie und die bisherigen Erfahrungen der Jenaer PsychologInnen mit ihrem Präventionsprogramm zeigen, dass Vorurteile im Grundschulalter besonders stark abnehmen, wenn Kinder Kontakt zu Mitgliedern von sozialen Fremdgruppen haben (z. B. andere Nationalität oder Hautfarbe). Dies funktioniere auch, wenn der Kontakt gar nicht zu realen Personen besteht, sondern über Bücher oder erzählte Geschichten vermittelt wird. Das Grundschulalter sei aber auch eine heikle Zeit: Vorurteile können sich verfestigen, wenn keinerlei Kontakt zu sozialen Fremdgruppen besteht. Kinder können so keine persönlichen Erfahrungen machen und halten eher an pauschalen negativen Bewertungen fest.8

Kontakt Theresa Gottschlich, Bakk.phil ZARA - Zivilcourage und Anti-RassismusArbeit Schönbrunner Straße 119/13 1050 Wien T: 01/9291399 E: office@zara.or.at www.zara.or.at


Carolin Hul, Youthmedia.eu

welcome?

welcome!

Inspirationen zu einer Begegnungskultur in den Vorarlberger Jugendeinrichtungen Junge Menschen auf der Flucht erreichen Vorarlberg. Sie bringen Geschichten von Krieg und Gewalt, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen mit. Und oft auch das Gefühl, hier nicht willkommen zu sein. Für die Jugendarbeit bedeutet dies, nicht neue Methoden zu erfinden, sondern mit den bestehenden Fachkompetenzen Begegnungsräume für einen Beziehungsaufbau zwischen den Jugendlichen zu schaffen. Die Kontaktforschung hat nachgewiesen, dass häufiger Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen die Vorurteile diesen gegenüber reduziert. Begünstigende Bedingungen sind dabei Status-

gleichheit, Kooperation, Nähe und ein extern gestützter Rahmen. Die Offene und Verbandliche Jugendarbeit wird somit zu einem prädestinierten Ort, um einen Beitrag zu leisten, Vorurteile aufzuheben und mögliche (Verteilungs-) Konflikte schon im Vorfeld zu verhindern.

Öffnung unseres Angebotes für junge Geflüchtete in unserer Einrichtung entsteht? • Welche Angebote/Maßnahmen in unserem Jugendhaus/Verein wollen wir dazu adaptieren? • Wie können wir uns mit AkteurInnen vor Ort (Caritas, IfS usw.) gut vernetzen, um unser Angebot bekannt zu machen?

Begegnungsräume im Jugendzentrum oder Verein gestalten

Inspirationen • Gemeinsam mit den jugendlichen StammbesucherInnen Teams bilden, die Ideen zu einem „Herzlichen Willkommen“ entwickeln. Z. B. ein Willkommensfest organisieren, gemeinsame Ausflüge planen, Freundschaftsbänder knüpfen

Für ein Gelingen ist es wesentlich, die „StammbesucherInnen“ auf die neuen Gruppen vorzubereiten. Dabei unterstützen folgende Fragen: • Was ist der Mehrwert, der durch die


13 Inspirationen • Die Offene Jugendarbeit Lauterach nimmt Tabuthemen, die Jugendliche beschäftigen, auf und bearbeitet diese in Diskussionsrunden. Ausgangspunkt dafür sind Äußerungen von Jugendlichen, die im Alltag oft nicht tiefergreifend diskutiert werden. Bei diesen Treffen erhalten Jugendliche die Chance, auch demokratiefeindliche, radikale Haltungen auszusprechen, sie somit aus dem Tabubereich zu holen und durch achtsame, wertneutrale Begleitung zu überdenken. Mehr zur Methode: Simon Kresser, E: jugend@lauterach.at • Das mobile Theaterstück „Krieg, stell dir vor, er wäre hier!“ des Vorarlberger Landestheaters im Jugendtreff/Verein organisieren und danach eine Diskussionsrunde dazu mit Jugendlichen durchführen (http://landestheater.org/ vlt-mobil.html).

Die gemeinsame Sprache ist „Party“

oder ein „Speed Dating“ im Jugendtreff (siehe auch Seite 20) durchführen. • Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen bietet eine Website an, die den Alltag in einem Flüchtlingscamp beschreibt: www.ein-tag-im-fluechtlings lager.org

Radikale Positionen bei jugendlichen StammbesucherInnen aufgreifen Viele Jugendliche sind durch die aktuellen Fluchtbewegungen verunsichert. Es besteht die Gefahr, dass sich radikale Positionen verinnerlichen. Die Jugendarbeit ist gefordert, diese Grundhaltungen aufzugreifen und zu thematisieren.

Methode erster Wahl, international beliebt und bei allen Jugendlichen unabhängig von Herkunft und Status wichtig, ist das gemeinsame Feiern. Faktoren, die zum Gelingen beitragen: • Gemeinsame Planung der Partys, aktivierende Mitbestimmung der StammbesucherInnen/jungen Refugees im Team • Regelmäßigkeit etablieren • Support durch die Jugendarbeit Inspirationen • In der OJA Dornbirn finden regelmäßige „arab“-Partys statt, die von der jugendlichen Mitbestimmungsgruppe geplant und organisiert werden. Ansprechpartner für die Jugendlichen ist ein arabischsprechender Mitarbeiter, der einen guten Zugang zur arabischen Community hat. Infos: www.ojad.at • Welcome Dinner mit jungen Flüchtlin-

gen im Jugendtreff ausrichten. Die Anregung dazu kommt von einer jungen Initiative aus Hamburg, bei der Menschen mit Fluchtgeschichte im privaten Rahmen zum Essen eingeladen werden. Infos: www.welcome-dinner.de

Offene Sportangebote Bei Sportangeboten sind Sprachbarrieren kein Hindernis. Fußball wird auf der ganzen Welt verstanden. Es bietet sich eine Kooperation – z. B. der Offenen Jugendarbeit – mit Sportvereinen an. Inspirationen • In Osnabrück hat sich ein Verein (www.exilverein.de) etabliert, der Freizeitaktivitäten für junge Geflüchtete organisiert und durchführt. Infos: www.freizeitfuerfluechtlingskinder.de • Die Evangelische Jugendarbeit „Hamm Westen“ führt regelmäßig das Projekt „Sport bis Mitternacht“ durch, bei dem Jugendliche unabhängig von Herkunft unterschiedlichste Sportarten ausprobieren können. Infos: www.jugendarbeit-hammwesten.de • Der FC Tosters integriert seit Jahren sportbegeisterte Refugees im Verein und führt verschiedenste Aktivitäten durch. Infos: http://fc-tosters99.com • Auch die Offene Jugendarbeit Lustenau bietet ein offenes Sportangebot, bei dem Jugendliche mit Fluchterfahrung herzlich willkommen sind. Infos: www.cfy.at DSAin Martina Eisendle, MSc

Zur Autorin DSAin Martina Eisendle, MSc Organisationsentwicklerin, Coach, Prozessbegleiterin Begleitet als externe Beraterin das Projekt „Welcome.Zu.Flucht“ für die koje/OJAD www.dieeisendle.com


Cariatas

„Said“

- auf dem Weg ins ganz persönliche Glück

Die jugendlichen Asylwerber im Haus Said in Bregenz sind angekommen. Für das Team der Caritas bedeutet das, dass jeder Tag spannend und herausfordernd ist. Gleichzeitig macht es aber auch unglaublich viel Freude, mit den jungen Menschen zu arbeiten und ihnen ein Stück Heimat zu geben. Aus der Küche weckt der Duft von Chili con Carne schon den ersten Mittagshunger. Ein herzliches Lachen ist zu hören. Mohammad Hassan und Salahuddin haben Küchendienst. Sie helfen Köchin Sabine beim Vorbereiten des Mittagessens. Vormittags hatten sie Deutschkurs in der HTL Bregenz. Ein ganz normales Leben ganz normaler Jugendlicher? Nur auf den ersten Blick, denn Mohammad

Hassan und Salahuddin sind unbegleitet minderjährige Flüchtlinge, die aus Afghanistan vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, um hier in Österreich eine faire Chance zu bekommen. „Viele von ihnen haben den Kontakt zu ihren Eltern verloren, einige Jugendliche berichten, dass ihre Eltern, beziehungsweise Geschwister und FreundInnen, gestorben sind“, erzählt Stellenleiterin Margaritha Matt. Die meisten von ihnen haben schwere Traumatisierungen miterlebt.

Sprachliche Barrieren als Herausforderung 37 Bewohner – 36 Jugendliche aus Afghanistan sowie ein junger Ägypter – gilt es in ihrem Ankommen in Vorarlberg zu unterstützen. „Herausfordernd sind

anfangs vor allem noch die sprachlichen Barrieren, weil sehr viele nicht oder nur sehr schlecht Englisch sprechen. Aber gerade bei Jugendlichen wäre es wichtig, in die Tiefe gehen zu können, um Regeln und österreichische Werte vermitteln zu können“, so die Stellenleiterin weiter. DolmetscherInnen sind hier eine wichtige Ergänzung. Bei regelmäßigen Hausversammlungen werden Themen des Alltags, wie etwa Deutschkurse oder Haushaltspläne, angesprochen. Sehr vieles funktioniert auch ohne Sprache, wie Margaritha Matt lachend bestätigt. „Eine der ersten Fragen, die die Jugendlichen nach ihrer Ankunft gestellt haben, war, wann sie Deutsch lernen, wann sie in die Schule gehen dürfen und ob sie eventuell eine Chance haben,


adoptiert zu werden.“ Die Stadt Bregenz hat sehr schnell reagiert und bietet Sprachkurse mit DeutschtrainerInnen an, die HTL hat dafür Klassenräume zur Verfügung gestellt. „Die Jugendlichen haben drei Mal wöchentlich Deutschkurs. Sie sind begeistert, wie schön die Schule ist und sind sehr stolz darauf, dort hingehen zu dürfen.“ Bei einem KlassensprecherInnen-Treffen gab es zudem die Möglichkeit, die Wohngemeinschaft „Said“ vorzustellen und Kontakte mit den heimischen Jugendlichen zu knüpfen. Die KlassensprecherInnen haben spontan ihre Unterstützung und Mitarbeit zugesagt.

Großes Engagement Überhaupt ist Margaritha Matt beeindruckt, wie groß das Engagement in Bregenz für die jugendlichen Asylwerber ist – gerade auch in der Freiwilligenarbeit. Jeden Samstag kommt beispielsweise Manfred, ein Koch, der für das Mittagessen sorgt. Ein freiwilliger „Kochpool“ sorgt dafür, dass auch an Sonn- und Feiertagen die Küche nicht kalt bleibt. So engagieren sich auch Erna und Rosa aus dem Bregenzerwald mit viel Engagement. Denn obwohl alle Bewohner im Haushalt Pflichten übernehmen müssen, wäre das Kochen auf Grund der räumlich beengten Verhältnisse in der Küche und für 37 Personen nicht möglich.

Tatkräftige Freiwillige Cony, eine Chorleiterin, sorgt dafür, dass jeden Freitag gemeinsam gesun-

Cariatas

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gen wird, nach und nach werden die Flüchtlinge auch in Sportvereine in Bregenz integriert. „Alle würden am liebsten Fußball spielen. Dafür bekommen wir jetzt eine Halle von der Stadt Bregenz zur Verfügung gestellt, in der wir regelmäßig gemeinsam mit ehrenamtlichen TrainerInnen spielen dürfen. Auch das hat ein tatkräftiger Freiwilliger organisiert.“ Margaritha Matt erzählt zudem von einer engagierten Freiwilligen, die gemeinsam mit Schülerinnen vom PG Riedenburg die Vorhänge fürs Haus gemacht hat und eine Nähmaschine mitbrachte. „Seither läuft diese auf Hochtouren und wir haben gemerkt, dass einige der Jugendlichen in ihrer Heimat sogar eine Ausbildung als Näher absolviert haben.“ Auch die NachbarInnen sind stets zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Wünschenswert wäre, dass sich noch mehr Freiwillige als MentorInnen zur Verfügung stellen und die jungen Asylwerber ein Stück ihres Lebensweges begleiten und ihnen ihr privates Umfeld öffnen.

„Steighilfe“ zum Glück Die breite Unterstützung gibt dem Team viel Kraft für eine oftmals schwierige Aufgabe. Der Name des Hauses ist für die Caritas-MitarbeiterInnen auch Motto für ihre Arbeit: „Said“ bedeutet übersetzt so viel wie „der Glückliche“. Und genau das wollen Margaritha Matt und ihr Team für die Bewohner bewirken: Dass sie ihnen auf dem Weg in ihr ganz persönliches Glück ein Stück weit Steighilfe sein können. Das bestätigte auch einer der Jungs, als er kürzlich sagte: „Ich war mein ganzes bisheriges Leben unglücklich in Afghanistan und im Iran. Jetzt bin ich seit vier Monaten in Österreich und endlich glücklich.“ Margaritha Matt

Kontakt Margaritha Matt Stellenleitung Haus Said Bregenz der Flüchtlingshilfe der Caritas Vorarlberg T: 0676/884203910 E: margaritha.matt@caritas.at www.caritas-vorarlberg.at


Josef Kittinger

Begegnung

von Mensch zu Mensch „freigeist – junge initiative arbogast“ widmet sich 2016 dem Thema „Flucht und Integration“. Lesungen, Trainings, Seminare zu relevanten Themen, Konzerte und eine gastfreundschaftliche Grundhaltung – das Thema ist uns eine Herzensangelegenheit, die verpflichtet.

Begegnungen auf Augenhöhe ... das ist, was zählt! Wir kennen es aus unserem alltäglichen Leben, egal ob wir eine Arztpraxis besuchen, vor unserer Bankberaterin sitzen, oder zur Autokontrolle angehalten werden: Begegnungen auf Augenhöhe – mit dem nötigen Respekt voreinander, einem höflichen Umgangston und einer

(Fach-)Sprache, die für alle Beteiligten verständlich ist – bilden eine wesentliche Grundvoraussetzung für ein gutes Miteinander. Warum soll es also bei der Begegnung mit Menschen mit Fluchterfahrung anders sein? Vielleicht weil wir in diesem Fall auf der anderen Seite stehen?

„Was von Herzen kommt, geht zum Herzen.“ (Syrisches Sprichwort, frei nach Ahmad Delai) Das Jugend- und Bildungshaus St. Arbogast ist ein Ort des Dialogs. Hier wird der Dialog bereits seit vielen Jahren u. a. innerhalb einer Forschungsgruppe praktiziert.


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vgl. www.bwstiftung.de/fileadmin/Mediendatenbank_DE/BW_Stiftung/Programme_Dateien/Gesellschaft_u_ Kultur/Integration/Vielfalt_gefaellt/Papier_Heckmann_Auftaktveranstaltung.pdf (abgerufen am 07.03.2016)

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Vorarlberger Plattform für Menschenrechte Am 10. Dezember 2013, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, entstand die Idee eines Vorarlberger Tages der Menschenrechte. Aus dieser Vision gründete sich die Vorarlberger Plattform für Menschenrechte MENSCHEN RECHTE LEBEN. Immer mehr Vereine, Organisationen und Einrichtungen schließen sich dieser Plattform an, aktuell sind es 41.

Weitere Informationen unter: www. menschen-rechte-leben.at

Als wir uns im Frühjahr 2015 für das Motto der Veranstaltung im Dezember entschieden, war uns nicht klar, wie sehr wir wenige Monate später den regionalen Puls der Zeit treffen würden. Der Themenschwerpunkt lautete „Flucht und Asyl“. Die Aufgabe der Plattform sehen wir neben der allgemeinen Bewusstseinsbildung auch im Aufzeigen und Anbieten von Handlungsmöglichkeiten. Am 9. und 10. Dezember 2015 haben wir anhand unterschiedlicher Zugänge Begegnungen von VorarlbergerInnen mit Menschen mit Fluchterfahrungen ermöglicht.

Politische und faktenbasierte Aufklärung Die Auftaktveranstaltung des Tags der Menschenrechte fand im Landhaus Bregenz statt. Verschiedene ExpertInnen referierten zum Thema. Livia Klingl, über 20 Jahre als Kriegs- und Krisenberichterstatterin tätig sowie Autorin des Buchs „Wir können doch nicht alle nehmen. Europa zwischen ‚Das Boot ist voll‘ und ‚Wir sterben aus‘“, argumentierte faktenbasiert und nannte gleichzeitig mit viel Empathie „das Kind beim Namen“. Am selben Abend wurden von der youngCaritas zehn Kinderrechte-Figuren präsentiert. Einen inspirierenden Beitrag haben auch 19 MaturantInnen geleistet, die ihre vorwissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema vorgestellt haben.

Peter Mennel

Vorarlberger Tag der Menschenrechte 2015

Peter Mennel

Der Dialog mit Menschen, die als Flüchtlinge nach Vorarlberg kommen, eröffnet eine ganz spezielle Erfahrung und andere Dimension. Die Übersetzung von Deutsch auf Arabisch und umgekehrt fördert zudem die Verlangsamung der Kommunikation, um wirklich zu hören – was ein wesentlicher Grundsatz des Dialogs ist. Die Begegnung mit dem/den Fremden wird hier unvermittelt erlebbar und gleichzeitig ist das Fremde des Gegenübers ganz vertraut. Die Dialoggruppe bietet einen sicheren Raum, um von Herzen zu sprechen. Unabhängig von Herkunft, Religion und persönlichem Lebensentwurf begegnen wir uns hier immer wieder von Mensch zu Mensch. Diese Form des Einander-Begegnens und des Einander-Sehens erfordert grundsätzlich „offene [und] möglichst vorurteilsfreie Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen anderer […] ethnischer Zugehörigkeit […] oder anderer Religion“ (Heckmann, 2012)1. Mehr Informationen zum Dialog in St. Arbogast: http://dialog.arbogast.at/ wissen/was-ist-dialog

Kunst und Kultur als Brücke Die Veranstaltung im Spielboden in Dornbirn stand ganz im Zeichen der interpersonalen Begegnung und des gemeinsamen Feierns. Menschen mit Fluchterfahrung haben den Abend zum größten Teil mitgestaltet: musikalisch, mit Gemälden, Gedichten, Filmen und persönlichen Statements. Viele lächelnde Gesichter aus aller Welt sind sich an diesen beiden Tagen begegnet. Katharina Lenz, MSc

Zur Autorin Katharina Lenz, MSc, Projektleiterin „freigeist – junge initiative arbogast“ und Stv. Sprecherin der Plattform MENSCHEN RECHTE LEBEN. E: katharina.lenz@junge-kirche-vorarlberg.at www.arbogast.at www.menschen-rechte-leben.at


Gemeinsam lachen,

gemeinsam weinen

Genauso wie viele ÖsterreicherInnen jeglichen Alters legen auch Besuche­ rInnen der Offenen Jugendarbeit Blu­ denz und Klostertal immer wieder Pau­ schalurteile über AsylwerberInnen an den Tag. Undifferenzierte Annahmen zeichnen ein Bild von „den Anderen“, das wenig mit der Realität der Vielfalt der Menschen zu tun hat. Die entmenschlichende Pauschalisie­ rung nach dem Schema „Wir und die Anderen“ betrifft aber nicht nur die Beziehungen zwischen „InländerInnen“ und „AusländerInnen“. Sie ist eine Falle, die sich überall dort auftut, wo aus Merkmalen einengende Zuschrei­ bungen werden: zwischen Berufs­ gruppen, gesellschaftlichen Schichten,

Religionen, politischen Einstellungen, Geschlechtern, Nationalitäten, Subkul­ turgruppen usw. Ob diese Pauschalisierung bereits phy­ sische Gewalt gegenüber „den Ande­ ren“ legitimiert oder nicht, sei dahin­ gestellt, sie stellt auf jeden Fall einen Konfliktherd dar, in dem die „Opfer“ in einer anderen Beziehung wieder „Täte­ rInnen“ sind. Genau diese umfassenden individuellen Erfahrungen bergen aber das Potential für Veränderungen, indem man sich folgende Leitfragen stellt: Wie bin ich an diesem Konflikt beteiligt? Wel­ che Möglichkeiten erwachsen aus die­ ser Beteiligung? Gemeinsame, ermächtigende Erfah­ rungen ermöglichen es, dass wir uns als Beteiligte erleben, die etwas verändern

können. In diesen Begegnungen erwei­ tert sich die Kenntnis voneinander und wir können es wagen, unsere mensch­ liche Seite zu zeigen. Dafür braucht es einen „safe space“, der für die körper­ liche Sicherheit sorgt, alle TeilnehmerIn­ nen auf Augenhöhe stellt, indem Kon­ flikte angenommen werden und in dem wir scheitern dürfen. Solch ein Raum ist das Theater zum Leben (TZL).

Theater zum Leben Der Verein Jugend Klostertal besuchte am „Langen Tag der Flucht“ einen in­ teraktiven Theaterworkshop von Julia Felder zum Thema „Wir und die Ande­ ren“. Zehn AsylwerberInnen aus dem Nahen Osten und zehn junge und ältere Menschen aus ganz Vorarlberg lernten


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sich dort durch themenbezogene Spiele näher kennen. Über Improvisation und Körpersprache erforschten die Teilneh­ menden ihre Beziehungen zum Thema. So gelangten sie an einen Ort des Ver­ trauens untereinander, in dem offen über Bedürfnisse und Gefühle gespro­ chen werden konnte. Dabei ergaben sich einfache Möglichkeiten zur Über­ windung dieses „Wir und die Anderen“. Dieser bewegende Abend veranlasste uns dazu, TZL-Workshops auch in Blu­ denz und im Klostertal zu initiieren.

Workshops in Bludenz und im Klostertal Durch das offene Sportangebot der OJA Bludenz waren erste positive Kontakte zu minderjährigen Flüchtlingen in der Umgebung entstanden. Mit einem TZLWorkshop wollten wir die Beziehungen zum Haus stärken und konstruktive Kon­ takte zu anderssprachigen und teilweise vorurteilsbehafteten jugendlichen Besu­ cherInnen ermöglichen. Dafür war eine enge Zusammenarbeit zwischen Work­ shopleiterin und der OJA nötig. Aufgrund der Sprachbarriere arbeiteten wir mit Rhythmusspielen und konzent­ rierten uns weniger auf die Reflexion des Themas, sondern mehr auf die direkte bewegte Begegnung. Es entwickelte sich ein spannender Abend, an dem wir viel voneinander lernten. Einige Jugendliche wollen mit TZL weiter machen und alle TeilnehmerInnen begegnen sich seither regelmäßig bei Angeboten der OJA, wie

etwa dem Sprach Café im Offenen Be­ trieb des Jugendhauses. In einem zweiten Workshop im Klo­ stertal unternahmen Flüchtlinge und Jugendliche aus der Region eine spiele­ rische Forschungsreise miteinander, in der sie voneinander Wesentliches über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Mensch-Sein lernten.

Tiefgehende und lustvolle Begegnungen Die Rückmeldungen der Jugendlichen und die Beziehungen, die durch den Workshop entstanden, zeigen, dass das TZL eine wundervolle Methode ist, um Menschen auf eine tiefgehende und lustvolle Art zusammenzubringen. Kein Workshop gleicht dem anderen, weil es die Erfahrungen der TeilnehmerInnen sind, die die Lernprozesse leiten. Die achtsame Begleitung dieses Prozesses, die den spezifischen aber auch uni­ versellen Bedürfnissen von Menschen unterschiedlicher Sprachen und Ge­ schichten gerecht wird, ermöglicht die Entfaltung eines Dialogs, der über das Sprachliche hinausgeht. Die schönsten Momente waren die, in denen wir ge­ meinsam gelacht und gestaunt haben. Doch auch Momente der Verwirrung und Spannung, die es auszuhalten galt, waren wertvolle Wegweiser zu etwas Neuem. Als nachhaltige Weiterführung des Be­ gegnungsaspektes der TZL-Workshops dient uns etwa das wöchentliche Sport­

angebot. Hier ist es v. a. der Team-As­ pekt, der das Spiel zu einer heilsamen Erfahrung macht. Zumindest für die Zeit im Spiel gibt es keine Alltagssorgen und Identitätskonflikte. Wir freuen uns schon darauf, wenn die Sprachkurse und das Sprach Café Wir­ kung zeigen, und alle Jugendlichen auch im Alltag mehr miteinander und mit dem OJA-Team reden können. Als Impuls möchten wir teilen, dass schon viel damit getan ist, wenn wir als JugendarbeiterInnen nicht zwischen „unseren Jugendlichen“ und den Flücht­ lingen unterscheiden, sondern alle will­ kommen heißen, uns auf ihre Anliegen und Bedürfnisse einstellen – ohne dabei paternalistisch zu sein. Johanna Leu, BA und Mag. Antonio Della Rossa


OJAD

Flüchtlinge

Willkommen! Die Offenen Jugendarbeit Dornbirn (OJAD) hat sich zum Ziel gesetzt, für alle Jugendlichen ihre Türen offen zu halten und Integration niederschwellig und jugendgerecht zu fördern. Dieses Ziel soll auch vor der aktuellen Thematik der vielen (minderjährigen) Flüchtenden nicht Halt machen. Vorrangig stand die Frage im Raum, wie Jugendliche mit Fluchterfahrung und „einheimische“ Jugendliche in Kontakt miteinander kommen können. Wie können sie sich kennenlernen und wie könnte möglichen Vorurteilen entgegen-

gewirkt werden? Wieweit kann man der Berichterstattung trauen und ist es vielleicht wirklich wahr, dass Flüchtlinge sich gar nicht integrieren wollen?

Speed-Dating der etwas anderen Art Um sich ein eigenes Bild zu machen und die Wahrheit hinter Medien und Gerüchten erkennen zu können, musste der Kontakt zu den betroffenen Menschen hergestellt werden. Mit diesem Ziel wurde von der OJAD ein Kennenlerntag ins Leben gerufen. Dieser Einladung folgten über 80 Jugendliche – sowohl Einheimische als


21 auch Flüchtlinge. Gestartet wurde der Nachmittag mit einem Speed-Dating der etwas anderen Art. Jeweils eine Gruppe von Flüchtlingen und eine Gruppe von Einheimischen saßen sich gegenüber. Durch Themen wie Hobbys, Musik und Sport kamen die Jugendlichen leicht ins Gespräch. Aufgelegte Landkarten und Fluchtrouten gaben ebenfalls ausreichend Anstoß für persönliche Geschichten und Schicksale. Nach ein paar Minuten wurde durch die Klingel das Zeichen zum Wechsel in die nächste Gruppe angekündigt. Und los ging‘s auf ein Neues. Eine gemeinsame Party bildete den perfekten Ausklang zur Veranstaltung. Nicht nur Vorurteile konnten auf diese Weise abgebaut und Sprachbarrieren umgangen werden. Die Jugendlichen kamen sich auch näher und der Spaß an gemeinsamen Interessen – wie Sport und Musik – rückten ins Zentrum. Die persönlichen Geschichten beeindruckten und hinterließen bei den „einheimischen“ Jugendlichen den Wunsch, hier

auch in Zukunft zu unterstützen und zu helfen.

Zuwachs bei der Mitbestimmungsgruppe Daraus resultierend gab es interessanten Zuwachs bei der Mitbestimmungsgruppe des Jugendhauses durch Jugendliche mit Fluchterfahrung. Diese Gruppe bestimmt zum Teil, was im Jugendhaus laufen soll, was interessiert, was Priorität haben soll, was man unternehmen könnte. So werden die Interessen aller gehört, miteinander abgestimmt und anschließend wird gemeinsam entschieden, welche Ideen umgesetzt werden.

Flüchtlinge willkommen im Team Auch das Team der OJAD konnte durch den Zuwachs von zwei Mitarbeitern – Maher aus Syrien und Murtada aus dem Irak – wertvoll bereichert werden. Die beiden sind nicht nur hervorragende Dolmetscher in sprachlicher, sondern auch in emotionaler Hinsicht. Sie sind in der Lage, anderen MitarbeiterInnen

die Sichtweise der jungen Flüchtlinge näherzubringen und so den Fokus auf die wirklich wichtigen Dinge zu lenken. Auch wird den Jugendlichen der Einstieg in ein vertrauensvolles Verhältnis zu den JugendarbeiterInnen erleichtert. Die Türen des Jugendhauses sind für die jugendlichen Flüchtlinge weit offen. Die Kontakte im Offenen Betrieb fördern das Wohlbefinden und auf einfachste Weise auch die Integration. Außerdem ist es den jungen Menschen möglich, im Bildungsprojekt „Albatros“ den Pflichtschulabschluss nachzuholen bzw. durch dessen Absolvierung das notwendige Zeugnis zu erhalten, das sie durch ihre Flucht vielfach nicht mehr besitzen. Ebenfalls fördert „Job Ahoi“ ihren (Wieder-)Einstieg in die Berufswelt und bietet wertvolle Struktur mit einer sinnvollen Beschäftigung. Das breite Angebot und das angenehme Klima im Jugendhaus schafft Platz für alle. Die Jugendlichen fühlen sich wohl miteinander und begegnen sich auf Augenhöhe. Für sie stellt sich nicht die Frage, wie Integration entwickelt werden soll – sie leben sie einfach. Mag.a Claudia Mäser (OJAD)

Kontakt

OJAD

Offene Jugendarbeit Dornbirn Schlachthausstraße 11 6850 Dornbirn T: 05572/36508 www.ojad.at Kontakt Mitbestimmungsgruppe: Nina Humpeler T: 0676/83650836 E: nina.humpeler@ojad.at


Jannik Schall

jung sein ... Interviews mit jungen Menschen

Annika, 15 Jahre

Baker und sein kleiner Bruder mit Annika.

Ich heiße Annika, bin 15 Jahre alt und wohne in Hohenems. Baker und ich gehen zusammen in eine Klasse. Uns allen ist sofort aufgefallen, dass Baker sehr westlich wirkt: Er hört dieselbe Musik wie wir und zeigt auch sonst viele gemeinsame Interessen. Auch hat er sich bei uns total schnell integriert und es fühlt sich teilweise schon so an,

als wäre er noch nie wo anders gewesen. Es freut mich, dass ich jemanden wie Baker kennen lernen durfte, denn vor ich ihn kannte, hatte ich sehr viele Vorurteile zum Thema Flüchtlinge. Doch durch diese Begegnung habe ich bemerkt, dass ich die Menschen zuerst kennenlernen sollte, bevor ich mir ein Urteil bilde.


23 Baker, 17 Jahre Mein Name ist Baker, ich bin 17 Jahre alt und meine Familie und ich kommen ursprünglich aus der Hauptstadt Syriens – aus Damaskus. Wir mussten dann aber in den Libanon und von dort aus nach Österreich fliehen. Es fühlt sich wunderbar an, hier zu sein. Hier sind alle so offen und freundlich. Wenn die Leute einen hier begrüßen, lachen sie mich an als würden sie mich lieben. Auch in der Schule ist es toll. Im Libanon ging ich auch zur Schule, doch hätten wir da nur das Handy mitgehabt,

wäre dies für den Rest vom Schuljahr konfisziert worden. Wie offen und freundlich die Menschen hier miteinander umgehen, ist sehr ähnlich wie im Libanon. Ich glaube, das liegt auch daran, dass im Libanon sehr viele Christen sind und Christen überall eine ähnliche Lebensphilosophie haben, egal wo sie leben. In Syrien hatten wir kein richtiges Leben. Da war es mehr ein Überleben. Doch seit wir von Syrien weg sind, können wir anfangen zu leben.

Núria, 25 Jahre Ich heiße Núria, komme aus Spanien und mache gerade einen Europäischen Freiwilligendienst im Sunnahof Tufers. Ich war erst kurz in Vorarlberg, als ich Jolanda bei einer Freizeitaktivität von Freiwilligen, die in Vorarlberg sind, kennengelernt habe. Das Schöne ist, dass ich mit meiner Mentorin Jolanda ähnliche Werte und Ideen teilen kann, wie z. B. Flüchtlingsfamilien willkommen zu heißen, die schwer kämpfen, um hier ein neues Leben aufzubauen. Ich schätze

es sehr, dass Jolanda eine sehr offene Person ist – so wie auch ich. Wir lernen gerne neue Menschen kennen und sprechen gerne andere Sprachen. Dadurch, dass wir beide Zeit miteinander verbringen, ist mir bewusst geworden, dass es immer jemanden gibt, der sich um einen kümmert, auch wenn man sein Land verlässt. Jemand, der dir die Kultur und auch Neues zeigt. Dank Jolanda ist meine Neugier auf die Lebensweisen in anderen Ländern noch größer geworden.

Núria (links) aus Spanien mit ihrer Mentorin Jolanda.

Jolanda, 21 Jahre Ich bin Jolanda, komme aus Vorarlberg und war 2014/15 elf Monate in Litauen als Europäische Freiwillige. Ich bin Núrias Mentorin geworden, weil ich weiterhin Menschen aus verschiedenen Nationen kennenlernen wollte und dadurch oft an mein eigenes EFD-Erlebnis erinnert werde. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass Núria bei

einem lustigen Abend in Feldkirch auf einmal mit einem Mann auf Katalan gesprochen hat. Sie hat es kaum glauben können und war so glücklich, ihre Sprache sprechen zu können! Da wurde mir klar, wie wichtig die Muttersprache und der eigene Dialekt sein können. Es war schön zu sehen, wie andere stolz auf ihre spezielle Sprache sind. Ich mag

die unterschiedlichen Vorarlberger Dialekte sehr. Seit meiner Rückkehr aus Litauen versuche ich, mehr darauf zu achten und unser besonderes „Gsi“ zu verwenden. Zudem denke ich, dass es v. a. jetzt mit der Flüchtlingssituation gut ist, daran erinnert zu werden, was die Muttersprache für Menschen bedeuten kann.


Ali Reza (2. v. links) und Hayatollah (rechts) mit Laura (3. v. links)

Laura, 19 Jahre Mein Name ist Laura, ich komme aus Hard und bin 19 Jahre alt. Mein Wunsch ist es, Sozialarbeit in Innsbruck zu studieren und dafür mache ich im Schülerheim der Herz-Jesu-Missionare ein Soziales Praktikum. Was mir sofort aufgefallen ist, sind die besonderen Essgewohnheiten der Jungs: Wir müs-

sen kiloweise Brot und Reis besorgen. Besonders schöne Erlebnisse mit den Jungs sind z. B., wenn sie kein Wort Deutsch können und dann ihren ersten Satz lernen. Ich hatte eigentlich die Erwartung, als Frau niedriger gestellt zu sein, doch das hat sich gar nicht bewahrheitet. Ich wer-

de hier total respektiert und die Flüchtlinge sind sehr dankbar für alles. Durch den Kontakt mit ihnen habe ich bemerkt, wie dankbar ich eigentlich bin, hier aufwachsen zu dürfen. Und wenn wir denken, ein Problem zu haben, so ist es nichts im Vergleich zu den Problemen, welche die Flüchtlinge bewältigen mussten.

Ali Reza, 16 Jahre Ich heiße Ali Reza, bin 16 Jahre alt und wohne seit sechs Monaten hier im Schülerheim. Durch das Leben in diesem Haus können wir Deutsch lernen und uns sicher fühlen. In Afghanistan mussten wir ständig mit der Angst leben, jede Minute umgebracht zu werden. Das ist hier nicht mehr so. Hier im Schülerheim der Herz-Jesu-Missionare

sind wir alle eine Familie und machen viel gemeinsam. Laura und ich gingen einmal in den Jugendtreff Between in Bregenz, wo wir mit zwei jungen Österreicherinnen Uno spielten, was mir sehr viel Spaß machte. In Afghanistan ist kaum mal jemand freundlich, hier sind alle super lieb und ich habe das Gefühl, doch noch eine Zukunft zu haben.

zu sein: Nicht nur die Menschen sind sehr freundlich, auch das Wetter ist gut. Wir versuchen hier alle so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, damit wir einen Job bekommen können. In meiner Freizeit spiele ich gerne Fußball und Billard. In diesem Heim sind alle

Freunde; nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Betreuer. Österreich habe ich mir genau so vorgestellt, wie es ist und auch die Menschen entsprechen meinen Erwartungen: Sie sind alle total offen und freundlich.

Hayatollah, 15 Jahre Mein Name ist Hayatollah und auch ich wohne seit fünf Monaten im Schülerheim der Herz-Jesu-Missionare. Ich bin 15 Jahre alt und seit ich hier bin, fühle ich mich wieder sicher. Ich bin sehr dankbar für alles, was ich hier lernen darf. In Österreich scheint alles besser

Die Interviews führte Viviana Frager.


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Aus der Jugendarbeit Tag der Offenen Jugendarbeit 2016 Ganz im Zeichen von „Welcome - Offene Jugendarbeit gestaltet Begegnungskulturen“ werden am Freitag, den 24. Juni 2016 wieder die Vielfalt, die Originalität, die Bandbreite an Themen sowie die Professionalität und das Potential von Offener Jugendarbeit österreichweit gefeiert und sichtbar gemacht. Die Offene Jugendarbeit ist sich der Diversität in der Gesellschaft bewusst und fördert die Beziehungsfähigkeit und die soziale Handlungskompetenz

der Jugendlichen, um ein offenes und partnerschaftliches Verhältnis mit Gleichgesinnten und Andersdenkenden zu pflegen. Sie ermöglicht den Jugendlichen, Toleranz und Solidarität zu üben, Konflikte auszutragen, und sich, unter Wahrung der Meinungsfreiheit, mit den eigenen und fremden Kulturen konstruktiv und respektvoll auseinanderzusetzen. Das Ziel ist ein respektvolles Aufeinanderzugehen und Zusammenleben sowie die Einbindung von benachteiligten jun-

gen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Im Rahmen des 6. bundesweiten Tags der OJA gestalten die Einrichtungen der OJA in Vorarlberg gemeinsam einen Begegnungs-Parcours in Feldkirch – für Jung und Alt, für „Einheimische“ und „Neuankommende“. Weitere Infos zum diesjährigen Tag der OJA in Kürze unter: www.koje.at

Erfahrungsschätze frei Haus! Erfahrung ist das, was man bräuchte, bevor man sie macht – und deshalb liefert das aha Erfahrungsschätze nun frei Haus. Jugendliche haben die Möglichkeit, Erfahrungsschätze zu heben, indem sie sich ein aha-to-go nach Hause

holen. In gemütlicher Runde von Freund­ Innen und Interessierten (fünf bis zehn Personen), erzählt einE JugendlicheR – als SchatzträgerIn – von ihren/seinen Erfahrungen in einem bestimmten Bereich, z. B. Ausland, Jobsuche usw. Die Veranstaltung ist kostenlos, das aha sorgt für Snacks, unterstützendes Infomaterial und ein Überraschungsgoodie. Interessiert? Weitere Infos unter: www.aha.or.at/aha-to-go


Ferienjobs suchen und finden Der kostenlose Info-Folder „Tipps für die Ferienjobsuche“ liefert Ideen, wie bei der Jobsuche vorgegangen werden kann und informiert über arbeitsrechtliche Bestimmungen. Infos zum Thema Ferienjob sowie der Folder sind auch unter www.aha.or.at/ferienjob abrufbar. Das aha hat eine Liste von Vorarlberger Unternehmen zusammengestellt, die Ferienjobs anbieten. Neben Firmen­ adressen finden sich hier auch Kurzinfos über Voraussetzungen und Bewerbungsfristen. Die Liste liegt im aha Dornbirn, Bregenz und Bludenz auf. In der aha-Ferienjobbörse http://ferienjob. aha.or.at kann online nach freien Stellen gesucht werden. Öfters reinschauen lohnt sich, da die Ferien- und Nebenjobbörse laufend aktualisiert wird.

Zertifikatslehrgang Erlebnispädagogik­ Im Mai 2016 starten die Einstiegs­ seminare für den Zertifikatslehrgang Erlebnispädagogik, der vom Österreichischen Alpenverein und der FH Ober­ österreich veranstaltet wird. Neben Grundlagen erlebnispädagogischer Arbeit wird eine inhaltliche Orientierung über die Lehrgangsinhalte vermittelt. Dieser Kurs steht allen Interessierten offen und wird zunächst einzeln gebucht.

Im Anschluss ist eine Bewerbung zum Lehrgang möglich. Termin 1: 04. – 08.05.2016 Termin 2: 08. – 12.06.2016 Mehr Infos unter: www.alpenverein-aka demie.at/akademie/fuehren-und-leiten/ lehrgaenge/erlebnispaedagogik/index. php

2016 – Jahr der Jugendarbeit 2016 ist das Jahr der Jugendarbeit. Die außerschulische Jugendarbeit ist neben Familie, Schule, (Aus-)Bildungseinrichtungen und Kinder- und Jugendhilfe eine wichtige Säule, die Jugendlichen Sicherheit bietet, sie stärkt und fördert. Mit dem „Jahr der Jugendarbeit“ soll der außerschulischen Jugendarbeit

mehr Aufmerksamkeit gegeben werden. Ihre Leistungen und ihr positiver Beitrag zur österreichischen Gesellschaft sollen verstärkt in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Ziel ist auch, die Jugendpolitik in Österreich zu stärken. Sie soll vor allem in einem klareren Licht erscheinen. Jugendpolitik ist in allen gesellschaftspolitischen Bereichen wirksam und fällt in die Zuständigkeit von mehreren Ministerien, den Bundesländern und verschiedenen Institutionen. Gleichzeitig erscheint sie deshalb oftmals als diffus. Um diesen Umstand zu ändern, wurde

die Österreichische Jugendstrategie erarbeitet. Das „Jahr der Jugendarbeit“ orientiert sich ebenfalls an der Österreichischen Jugendstrategie, konkret an ihren drei Rahmenzielen: • Beschäftigung & Bildung • Beteiligung & Engagement • Lebensqualität & Miteinander Im Rahmen des „Jahrs der Jugendarbeit“ werden zahlreiche Veranstaltungen und Projekte zu diesen drei Rahmenzielen stattfinden. Mehr Infos unter: www.bmfj.gv.at/jugend


27 Workshop-Angebot von am.puls Argumentationstraining gegen Stammtischparolen

Gruppendynamik verstehen und wirkungsvoll intervenieren

Du möchtest schlagfertig auf dumpfe Stammtischparolen reagieren und dein Gegenüber zum Nachdenken anregen, dir fehlen aber die Argumente und du bist sprachlos?

Wer Workshops mit Jugendlichen durchführt, ist manchmal mit unliebsamen Störungen konfrontiert: die Konzentration der Gruppe lässt nach, es wird geblödelt, schwelende Konflikte brechen auf usw.

Beim Argumentationstraining gegen Stammtischparolen erarbeiten die Teilnehmenden wirkungsvolle Antworten und kreative Gegenstrategien im Umgang mit diskriminierenden und rassistischen Äußerungen, probieren unterschiedliche Argumentationsstrategien aus und erweitern so die persönlichen Kommunikationskompetenzen im Falle von verbalen Konflikten. Die TrainerInnen von ZARA bieten einen Methodenmix aus theoretischen Inputs, interaktiven Übungen, Diskussionen sowie Arbeiten in Kleingruppen. Der Bedarf und die Erfahrungen der TeilnehmerInnen dienen dabei als Reflexionsbasis und Ausgangspunkt. Es stehen zwei Workshop-Termine zur Auswahl: 1) Dienstag, 24.05.2016, 17 – 21 Uhr, für in der Jugendarbeit Tätige Vismut, Schlachthausstraße 11, Dornbirn 2) Mittwoch, 25.05.2016, 14 – 18 Uhr, für junge Menschen ab 16 Jahren und in der Jugendarbeit Tätige Feuerwehrhaus, Belruptstraße 4, Bregenz TrainerInnen: 2 ExpertInnen von ZARA Training, Wien Ausgleich: € 20,– Anmeldung: ampuls@koje.at, T: 05574/45838 bis 17. 05.2016

Dieser Workshop vermittelt dir wirksame Interventionen bei Störungen in Gruppen, die du nicht gut kennst. Du lernst, Gruppendynamik zu verstehen, reflektierst die eigene Rolle und die Grundhaltung gegenüber den Jugendlichen. Du erhältst ein Survival-Kit für kritische Situationen und hilfreiche Tools im Umgang mit Störungen. Dienstag, 14.06.2016, 18 – 20.30 Uhr Jugendtreff Chilli Chill, Haus der Generationen (Neubau), Schulgasse 5 – 7, Götzis Trainerin: Martina Eisendle Ausgleich: € 20,– Anmeldung: ampuls@koje.at, T: 05574/45838 bis 07. 06.2016

Vorschau: Safety-First! – Brandschutztraining mit Simulation Dienstag, 27.09.2016, 16 – 17.30 Uhr Alle am.puls-Veranstaltungen unter: www.aha.or.at/ampuls

Offene Jugendarbeit ... ... im Kontext radikalisierender Einstellungen und Haltungen. Theorie und Praxis für die konkrete Begegnung mit Jugendlichen. Im Zentrum des Workshops steht das Thema „Radikalisierende Einstellungen und Haltungen von Jugendlichen im Kontext der Identitätsentwicklung junger Menschen“. Ziel des Workshops ist es, mehr Sicherheit im pädagogischen Umgang mit diesem Phänomen zu entwickeln. Die Teilnehmenden erwarten folgende Themen: · Jugend, Identität, Pluralisierung der Lebenswelten · Menschenwürde, Ideologien der Ungleichheitswertigkeit · Salafismus und Radikalisierung – Hintergründe und Zusammenhänge · Prävention, Pre- und Deradikalisierung · Lösungsansätze für konkrete Fallbeispiele 11. und 12.04.2016, jeweils 9 – 17 Uhr, Jugendhaus s‘Kästle, Kaiser-Franz-Josefstraße 61, Hohenems Referent: Dipl. Soz. Kenan Güngör, think.difference Wien Ausgleich: € 40,– Anmeldung: ampuls@koje.at, T: 05574/45838


Ausgabe 24, April 2016 www.jugend-diskurs.at

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Österreichische Post AG Info.Mail Entgelt bezahlt

Der nächste Diskurs...

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Sollten Sie keine Zusendung des Jugend-Fachmagazins Diskurs wünschen, melden Sie sich bitte unter abo@jugend-diskurs.at oder im aha unter 05572/52212.

... erscheint im Herbst 2016. Kostenloses Diskurs-Abo: abo@jugend-diskurs.at

Auf den Punkt gebracht.


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