Diskurs 11 - Freiräume

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Themenschwerpunkt „FreiRäume für Jugendliche“


Autorinnen / Autoren DIin Drin Karin Standler Landschaftsarchitektin, Projektleiterin „teens_open_space“, Schwerpunkte: Beteiligungsmodelle in der Planung, Studien zur Entwicklung des Grün- und Freiraums Seite 04-07

DIin Barbara Bohle Projektleiterin im Institut für Sozialdienste für „Kindergerechte Lebensräume“ eine Initiative von „Kinder in die Mitte“ Seite 14-15

Sarah Berchtold Jugendkoordinatorin bei der Offenen Jugendarbeit Bregenzerwald Seite 14-15

Impressum Medieninhaber, Herausgeber: koje - Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung, Bregenz und aha - Tipps & Infos für junge Leute, Dornbirn | Redaktionsleitung: Regina Sams Redaktionsteam: Thomas Müller, Michael Rauch, Carmen Willi, Monika Paterno - redaktion@jugend-diskurs.at | Lektorat: Margit Diem | Gestaltung & Illustrationen: chilidesign.at | Druck: BUCHER GmbH & Co KG, Hohenems Finanzierung: Land Vorarlberg - Jugend Diskurs kostenlos bestellen: abo@jugend-diskurs.at

Im Diskurs haben Menschen als AutorInnen Gelegenheit, ihre Interpretationen von Zahlen und Fakten sowie persönliche Meinungen und Haltungen als redaktionellen Beitrag darzustellen. Hinweis: Allgemeine männliche Bezeichnungen im Diskurs inkludieren die weibliche Form.


Die ersten Worte Freie Räume

Über öffentliche Räume für Jugendliche

04-07

jung sein ...

08-10

Interviews mit jungen Menschen

Inhalt Parteciparco: Parkgestaltung mit Piercing, Pacman und Partizipation

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Kommentare

12-13

Freiraum Ache – das Treibholz Camp

14-15

Diskurs stellt Fragen zur Diskussion

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von Michael Rauch und Stefan Goller-Martin Ein Projekt der Offenen Jugendarbeit Bregenzerwald

Statements von Manfred Ganahl, Heiko Moosbrugger und Heike Schlauch

Wo ist Platz?

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Aus der Jugendarbeit

20-22

Wo sind Frei- und Spielräume für Kinder und Jugendliche? Mini-Symposium „Räume und Freiräume für junge Menschen“, am.puls: im.pulse für die jugend.arbeit, 360-Geocaching, Interregionaler Jugendprojektwettbewerb 2009

Net Culture Lab

Frei _raum _heit _zeit _willig „Jugendliche brauchen Freiraum!“– sei dies nun in öffentlichen Räumen, in einem Jugendtreff, ... So selbstverständlich, wie Eltern für Kinder Plätze fordern, an denen sie sich sicher bewegen können, besteht die Forderung, Jugendlichen Räume und Plätze zuzugestehen. Freiraum, um selber zu gestalten, frei von Zwängen (wie z.B. Konsumationszwang) und auch frei von Erwachsenen. Freiräume, in denen sie wirklich jugendlich sein können. „Freiräume für Jugendliche“ bilden den Rahmen dieser Diskurs-Ausgabe, Beispiele wie Jugendliche Raum für sich einnehmen und wie aktiv sie diesen gestalten – ein Blick darauf lohnt sich allemal! Mag.a Regina Sams

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für das Redaktionsteam


Freie Räume

Silke Steinl / Youthmedia.eu

Über öffentliche Räume für Jugendliche


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Angebot einer Gemeinde hinsichtlich Bildung, Kultur, Sport und sozialem Leben durch ihre geringe Mobilität und Kaufkraft besonders angewiesen sind. Die Freizeitgestaltung der Jugendlichen charakterisiert sich durch eine bunte Mischung aus selbstorganisierten Aktivitäten, Nutzung von Angeboten der Freizeitindustrie und ganz entspanntem „Nichts-tun“. Nach Beobachtungen sind sie zwar die stärkste NutzerInnengruppe im öffentlichen Raum, ihre Ansprüche im öffentlichen Raum bleiben jedoch häufig unterrepräsentiert. Doch für Jugendliche sind Freiräume ein wichtiger Teil ihrer Entfaltungsund Entwicklungsmöglichkeiten. Sie bedeuten auch mentale Freiräume. Diese Erkenntnis ist Ausgangspunkt des Projekts teens_open_ space – Freiraumgestaltung mit Jungendlichen, einer Methode zur Jugendpartizipation in der Freiraumgestaltung. teens_ open_space fand bisher in 20 Städten und Regionen mit ca. 500 Jugendlichen aus Österreich und der Slowakei statt. Es wurde mehrfach von EU Programmen, vom Council of Europe, von Leader+ zum best practice Projekt ausgewählt.

teens_open_space Bei teens_open_space kommen die Jugendlichen selbst zu Wort und verschaffen sich Platz: Sie analysieren ihre Freiraumsituation, planen ihre Freiräume bis zum Vorentwurfsstadium, treten mit den EntscheidungsträgerInnen in Diskussion und Verhandlung und suchen gemeinsam mit der Gemeinde Möglichkeiten zur Realisierung der Um-

Karin Standler, teens_open_space

In öffentlichen Freiräumen – am Dorfplatz, im Park, auf der Gemeindewiese – bestehen verschiedenartige Nutzungsansprüche unterschiedlicher sozialer Gruppen. Gemeinsame als auch widersprüchliche Bedürfnisse, wie Ruhe und Erholung, Treffpunkt und Rückzug, Bewegung und Erlebnis, treffen hier aufeinander. Wer hält sich wo auf und wann? Wer nutzt bestimmte Orte, wer nutzt sie nicht oder kann sie nicht nutzen? Im öffentlichen Raum finden gesellschaftliche Aushandlungsprozesse statt, die sich in Nutzung und Gestaltung der Orte widerspiegeln. Nicht alle NutzerInnengruppen sind jedoch ihren Ansprüchen und Bedürfnissen entsprechend im öffentlichen Raum versorgt. Jugendliche zählen in vielen Gemeinden im ländlichen Raum nicht zu den wichtigsten Zielgruppen der Gemeindeentwicklung und Ortsgestaltung, obwohl sie eine Bevölkerungsgruppe darstellen, die oft auf das

gestaltung der bearbeiteten Freiräume. Die Projektarbeit ist prozessorientiert und durchläuft verschiedene Phasen wie Wahrnehmung – Artikulation – Reflexion – Gestaltung – Umsetzung. Durch die fachliche Unterstützung von LandschaftsarchitektInnen und ArchitektInnen wird dieser Entwicklungsprozess von vier Workshops begleitet, die in unterschiedlichen Projektphasen ansetzen und an reale Planungs- und Entscheidungsprozesse angelehnt sind: Spaziergänge zu den Lieblingsorten, Planungswerkstatt, öffentliche


Karin Standler, teens_open_space

Karin Standler, teens_open_space

Präsentation und Bauwerkstatt. Der persönliche Zugang der Jugendlichen zum Thema Freiraum ist Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit räumlichen Gegebenheiten und deren Einfluss auf das tatsächliche Erleben der Jugendlichen in den einzelnen Gemeinden. Der Beteiligungsprozess teens_open_space verfolgt das Ziel der Umsetzung der Gestaltungsvorschläge der Jugendlichen und schafft räumliche Tatsachen, schafft Öffentlichkeit für das Thema. Die Umsetzung von erarbeiteten Vorschlägen ist eine wesentliche Voraussetzung für teens_open_space, da sie die Motivation der Beteiligten und deren Identifikation mit dem Projekt gewährleistet. Die reale, sichtbare Veränderung von Freiräumen in den Wohnorten der Jugendlichen nimmt ihre Anliegen und Wünsche ernst, durchläuft den Prozess einer Auseinandersetzung und Integration mehrerer Bevölkerungsgruppen und verbessert nachhaltig die Lebensqualität von Jugendlichen. Das Projekt bietet durch verschiedene Tätigkeiten und Methoden (entwerfen, Modell bauen, zeichnen, verhandeln mit BürgermeisterInnen und an-

deren Bevölkerungsgruppen, präsentieren, vortragen, filmen etc.) vielfältige Möglichkeiten für Jugendliche, ihre Ansprüche an den Freiraum zu artikulieren und sich aktiv in den Prozess einzubringen.

Jugendliche im Freiraum – eine unbeachtete NutzerInnengruppe Im Gegensatz zu Kleinkindern sind die Ansprüche der Jugendlichen an den Freiraum kaum legitimiert; entsprechende Freiräume für Jugendliche fehlen. Für Kleinkinder gibt es quantitative und qualitative Vorschreibung zur Ausstattung sowohl im Siedlungsbau als auch im öffentlichen Raum – der Raumanspruch wird ihnen zugestanden. Jugendliche hingegen werden hinausgedrängt. Sie als NutzerInnengruppe zu definieren ist daher berechtigt und notwendig, um die Isolation der jugendlichen Interessen aufzuheben. Ein wichtiger Aspekt scheint im Partizipationsprozess die Differenzierung des Begriffs „Jugendliche“: Aus den Erfahrungen mit den Jugendlichen geht klar hervor, dass Jugendliche zwischen 13 und 15 andere Lebensprioritäten und damit andere Ansprüche an den Freiraum stellen als Jugendliche mit 16 oder 18 Jahren. Während die Jüngeren Bewegungsräume suchen, wünschen sich ältere Jugendliche mehr Kommunikationsräume und Treffpunkte im Freien. Mädchen suchen nach anderen Möglichkeiten im Freiraum als Burschen. Mädchen wollen wetterfeste Pavillons, Burschen wünschen sich jugendgerechte Freiraummöbel auf Sportplätzen. Dennoch suchen sie gemeinsame Kommunikationsorte im Freien, um einander besser kennenzulernen, um sich täglich treffen zu


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Umsetzung und Erkenntnisse von teens_open_space Lieblingsorte der Jugendlichen sind öffentliche Freiräume mit freiem Zugang, meist ein Platz oder Park und selten Privatflächen. Es handelt sich um definierte Räume, keine Brachen oder ungenutzte Räume, keine Baustellen oder Niemandsländer. Beliebt sind Ecken in öffentlichen Freiräumen, wo die Einsichtigkeit gering ist, nach dem Motto: sehen aber nicht gesehen werden.

Geschlechtsspezifische Ansprüche an den Freiraum

Karin Standler, teens_open_space

Die gemeinsamen Grundbedürfnisse der Jugendlichen über alle Altersklassen hinweg bei der Freizeitgestaltung sind vor allem Kommunikation, soziale Kontakte und Sport, und diese sind sowohl bei weiblichen als auch männlichen Jugendlichen

Karin Standler, teens_open_space

können. All diese individuellen Bedürfnisse und die lokalen Gegebenheiten finden Berücksichtigung im Planungsprozess von teens_open_space. Freiräume prägen alltägliche Wege zur Ausbildungsstätte oder Arbeit genauso wie die Freizeit. Daher kommt qualitätsvollen Freiräumen für Jugendliche eine besondere Bedeutung zu. Freiräume müssen nicht nur eine entsprechende Ausstattung für die Befriedigung der Grundbedürfnisse Kommunikation und Bewegung bieten, sondern auch die wichtige Aufgabe erfüllen, sich soziale Distanz schaffen zu können, unbeobachtet zu sein, Erfahrungen zu sammeln in ihren eigenen sozialen Gefügen. vorhanden. Diese Bedürfnisse sind je nach Alter und Situation unterschiedlich stark und werden auf verschiedene Weise ausgelebt. Die Nutzung ist auf den ersten Blick geschlechtsspezifisch: Aus gesellschaftlichen und raumrelevanten Gründen sieht es so aus, als wollten die Jungs nur Sport betreiben und die Mädchen nur zusammensitzen, reden und schauen. Die Bewegungsbedürfnisse und -möglichkeiten der Mädchen im öffentlichen Raum haben zu wenig Aufmerksamkeit. Mädchen ist ihr Bedürfnis nach Bewegung oft nicht bewusst. Erst im längeren Gespräch äußern sie ihren Wunsch nach Geschicklichkeits- und Gruppensportmöglichkeiten.

Soziale Identität Jugendliche halten sich an speziellen Orten auf, die für sie Bedeutung und eine ei-

genständige soziale Identität haben. Orte mit sozialer Identität und sozialer Sicherheit entstehen durch Belebung eines Ortes, durch die Nutzung mit der Freundesgruppe. Dabei werden nur jene Orte aufgesucht, die Rahmenbedingen haben, wo Jugendliche ihre Identität finden und ausleben können. Darum ist es selten möglich, jugendliche Treffpunkte einfach an einen anderen Ort zu „verschieben“. Wichtig ist bei der Anlage von Freiräumen für Jugendliche, bestehende Ortsbezüge und die speziellen Mobilitätsmöglichkeiten der Jugendlichen zu beachten. DIin Drin Karin Standler Technisches Büro für Landschaftsplanung Wien

Mehr Informationen:

www.teensopenspace.at, www.standler.at E: karin@standler.at


Paul Mundthal / Youtmedia.eu

jung sein ... Interviews mit jungen Menschen

Andreas, 21 Jahre, Zivildiener Ein Freiraum ist für mich ein Ort, an dem ich meiner Kreativität freien Lauf lassen kann, abseits von Autoritätspersonen. Ein Beispiel für einen solchen Freiraum ist die Bregenzerache, hier bin ich direkt in der Natur. Wirklich „frei sein“ kann ich allerdings im Jugendraum „BARfuaß Schwarzenberg“, in dem ich seit einigen Jahren Team-

mitglied bin. Der Jugendraum ist ein Spielraum, in dem man selbst Verantwortung übernehmen muss, sich kreativ austoben kann und auch viel für sein Leben lernen kann.

Sabrina, 16 Jahre, Schülerin Ich finde es sehr wichtig, dass jeder Mensch einen Freiraum hat. Frei fühlen kann ich mich, wenn ich mit meinen Freundinnen weggehe, denn bei

ihnen kann ich sein, wie ich bin und meinen Stress vergessen. Weitere persönliche Freiräume sind für mich das Schwimmbad oder mein zu Hause. Dort finde ich Zeit zum Nachdenken und kann aber auch Energien rauslassen, die ich zum Beispiel in der Schule zurückhalten muss.


09 Veli, 16 Jahre, Arbeitssuchend Ein Jugendhaus – z.B. das Culture Factor Y ist für mich ein Freiraum. Hier kann ich mich frei bewegen und mich entfalten. Ich bin hier im Jugendhaus sehr aktiv und wirke im Programm mit. Ich veranstalte auch öfters Partys, die ich genau so machen kann, wie ich sie will. Designe eigene Flyer nach meinem

Geschmack. Hier fühle ich mich wohl und das bedeutet für mich „Freiraum“. Ganz anders ist es in der Familie bzw. in meinem Glauben. Da gibt es Regeln und Vorschriften, die man einhalten muss.

Anna, 19 Jahre, Ex-Maturantin Das Wort FREIRAUM besteht aus zwei zusammengesetzten Wörtern. Zum einen aus Frei und zum anderen aus Raum. Wobei für mich ein Freiraum nicht zwingend an einen Raum beziehungsweise an einen Ort gebunden sein muss. Für mich persönlich bedeutet Freiraum die FREIheit sich kreativ ausleben zu können, seine Identität wahrzunehmen, zu stärken und

zu entwickeln. Der Freiraum steht für mich immer im Konflikt zwischen Individualität und gewissen gesellschaftlichen Normen, die man einhalten soll.

Lukas, 18 Jahre, Schüler Ein Freiraum bietet für mich die Möglichkeit, meine Kreativität auszuleben und ist ein Ort für Gespräche und Diskussionen mit Freunden. Meinen persönlichen Freiraum finde ich an der Bre-

genzerache. Deswegen habe ich letztes Jahr auch beim Treibholzcamp der Offene Jugendarbeit Bregenzerwald mitgemacht. Dort hatte ich die Möglichkeit, einen für mich wichtigen Platz noch schöner zu machen und ihn nach meinen Ideen zu gestalten. Am besten gefiel mir, mit meinen Händen zu arbeiten, zusammen mit anderen Leuten, fern von jedem Leistungsdruck von außen.

Emel, 15 Jahre, Handelsakademie Ein Freiraum bedeutet für mich, dass man sich ungestört entfalten kann. Genauso bedeutet es für mich, dass man unbegrenzt seine Ideen verwirklicht. Leider erlebe ich diesen „Freiraum“ nicht sehr oft, denn die Schule und auch die Familie geben eine gewisse Norm vor. Aber

trotz den vielen „Grenzen“, die die Gesellschaft und auch die Religionen vorgeben, sollte jede/r einen Weg finden sich und seine Wünsche auszudrücken.


Frank, 21 Jahre, Bäcker Freiraum ist eine Möglichkeit, sich frei zu entfalten und seinen persönlichen Interessen und Hobbys ungehindert nachgehen zu können. Verbote und Regeln schränken

den Freiraum leider teilweise ein, sind manchmal jedoch unabdingbar. Mein persönlicher Freiraum ist frei von irgendwelchen Zwängen, etwas zu tun und wird nur durch eigene Entscheidungen gestaltet. Richtig frei sein kann ich beim Biken in der Natur.

Sarah, 18 Jahre, Studentin Freiraum ist ein Ort, an dem man sein kann. Im Großen und Ganzen geht es ja darum, dass die Jugendlichen teilweise das Gefühl haben, zu Hause oder in der Schule nicht das ausleben zu können, was sie wollen. Dass sie dort nicht so sein können, wie sie sind, dass sie sich verstellen bzw. gewisse Eigenschaften unterdrücken müssen. Deshalb meine ich einen Ort, an dem man sein kann. Ein Ort, an dem man sich gegenüber Erwachsenen nicht

rechtfertigen muss, warum man dies oder jenes macht. Die Natur eignet sich dazu natürlich perfekt, weil sie einem allgemein das Gefühl gibt, frei zu sein, da keine Wände und keine Türen vorhanden sind.

Serdar, 19 Jahre, Lehrling Freiraum heißt für mich, dass ich - wie es das Wort schon sagt - mich „frei bewegen“ kann. „Frei sein“ können, wann und wo ich will. Doch die Gesellschaft heutzutage macht „uns“ das leider nicht

möglich. Überall wird man kontrolliert, überall gibt’s Vorschriften und Regeln, wobei Regeln manchmal auch gut sein können. Heutzutage muss jeder Jugendliche in einem Verein oder so tätig sein, damit man ihn akzeptiert. Nie darf man sich draußen „frei“ bewegen, dann kommen schon die ersten Beschwerden.

Lisa, 17 Jahre, Schülerin Er beginnt in meinem Zimmer und endet auf den Gipfeln der Berge. Er ist sehr wichtig für mich und ich versuche ihn in vollen Zügen zu genießen. Mit meinem Liebsten und meinen Freunden verbringe ich ihn am liebsten. Er beginnt bei mir und kann bei dir enden. Mein Freiraum. Ich wünsche jedem

ein Stück Freiraum, auch wenn er manchmal klein erscheint, sollte jeder versuchen, ihn auszunutzen und zu genießen.

Die Interviews führte Sarah Berchtold, Jugendkoordinatorin, Offene Jugendarbeit Bregenzerwald und Kerstin Kromer, Culture Factor Y, Lustenau


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Parteciparco:

Parkgestaltung mit Piercing, Pacman und Partizipation

Ziel des Projekts „Parteciparco“ war es, Jugendliche in die Umgestaltung des öffentlichen Raumes, in dem sie ihre Freizeit verbringen, einzubinden. Die Jugendlichen sollten dabei Gelegenheit haben, ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen und die aktive Beteiligung an ihrem Lebensumfeld als sinnvoll zu erfahren. Objekt der Initiative war ein Stadtplanungsprojekt: die Umgestaltung des Parks vor einem Sozialzentrum.

Der Zugang der Jugendlichen zur Aufgabe, Sitzgelegenheiten und andere raumplanerische Elemente zu entwerfen und zu konstruieren, war sehr konkret, mit besonderem Bezug zu ihrem Alter und ihren Erfahrungen. Eine wichtige Rolle spielten Dinge, die sie mögen und die Teil ihrer Welt sind, vom Piercing über Pacman bis zum Graffiti. Sie nahmen auch Bezug auf die Beispiele aus Design und Architektur, die ihnen im Vorfeld bei Workshops gezeigt worden waren. Einige Jugendliche waren sehr interessiert am Entwurfsprozess, offenbarten ein sehr gutes Gespür für Grafik und zeigten sich sehr kompetent darin, ihre Ideen mit Skizzen und Zeichnungen wiederzugeben und sich deren Umsetzung mittels verschiedener Techniken und Materialien vorzustellen. Dies war ein sehr wichtiger Aspekt, war es doch ein vorrangiges Ziel des Projekts, bei der Umsetzung auf die Vorschläge der Jugendlichen zurückzugreifen, um das Projekt noch mehr zu „ihrem“ zu machen. Das Ergeb„Parteciparco“ ist ein Pronis waren höchst interessante jekt der Designer- und Architektengruppe „Atelier ContEntwürfe, welche die Symbole roprogetto“ in Kooperation und die Lebenswelt Jugendlimit der Jugendorganisation cher auf sehr kreative Weise „Grado 16“ und der Verwalzum Ausdruck brachten. tung der Gemeinde Opera (in der Nähe von Mailand). Mehr Infos zum Projekt: www.controprogetto.it/parteciparcoeng.html

Wunsch zu lernen und sich zu beteiligen Die Jugendlichen hatten die Möglichkeit, bei allen Phasen

Controprogetto

Kreative Entwürfe

der Umsetzung dabei zu sein und bei der Konstruktion der von ihnen entworfenen Objekte und Elemente mitzumachen. Diese Phase war – wie das gesamte Projekt – geprägt von dem Wunsch zu lernen, zu forschen und sich zu beteiligen. Im Juni 2007 wurde der Park eröffnet. An der Eröffnung nahmen auch bekannte Persönlichkeiten aus der Welt des Designs und der Architektur teil und unterstrichen den künstlerischen und sozialen Gehalt der Initiative.

Gelungene Partizipation Heute wird das Gelände, das bis zu diesem Zeitpunkt von der Bevölkerung als verlassen und verwahrlost angesehen wurde, zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen – Jugendlichen, Müttern mit Kindern, BürgerInnen der Stadt – genutzt. Der Planungsprozess hat also die lokalen Gegebenheiten beeinflusst. Partizipation und Engagement haben dazu geführt, dass die Anliegen der Jugendlichen von den öffentlichen Einrichtungen gehört wurden und dass sie sich an der Gestaltung des öffentlichen Raumes beteiligen konnten. Davide Branca (Jugendarbeiter), Matteo Prudenziati (Architekt), Valeria Cifarelli (Architektin), Matteo Prudenziati (Designer), Davide Campanelli (Designer) und Alessia Zema (Designerin)


Freiräume für junge Menschen Nach Artikel 8 Abs. 3 der Landesverfassung bekennt sich das Land Vorarlberg zu den Zielen der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Durch verschiedene Maßnahmen sollen die Rechte von jungen Menschen auf Partizipation und Freiraum gesichert werden. Gesetzliche Grundlage Spielraumgesetz Mit dem im Frühjahr beschlossenen Spielraumgesetz gibt es eine gute Basis für die Umsetzung von zentralen Anliegen von jungen Menschen. Die Gemeinden sind aufgefordert, im Rahmen von Spielraumkonzepten jene Freiräume für Jugendliche zu definieren, welche ihnen als gleichberechtigte Bevölkerungsgruppe die Möglichkeiten für Bewegung, Spiel, Abenteuer und Geselligkeit bieten. Recht auf Freiraum Jugendliche sind zunehmend einer Flut von Verboten ausgesetzt und werden vor allem in der unmittelbaren Wohnumgebung in ihren Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt. Erwachsenen ist teilweise wenig bewusst, wie sehr Jugendliche durch räumliche Aneignungsprozesse, Pflege von sozialen Kontakten und Spiel ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern und Kompetenzen erwerben. Recht auf Mitplanung und Mitbestimmung Mit dem Spielraumgesetz wurde die Forderung nach Einbezug von Jugendlichen als gleichberechtigte PartnerInnen in die Planung und Gestaltung von Freiräumen gesetzlich verankert. Bei konsequenter Umsetzung dieser Vorgabe kann erreicht werden, dass Freiräume unterschiedlichen alters- und geschlechtsspezifischen Bedürfnissen Rechnung tragen, die Akzeptanz der Jugendlichen finden und das Wissen junger Menschen genutzt wird. Michael Rauch, Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt


13 Frei(e)Räume

Kommentare

Jugendliche wollen Frei(e)Räume. Das ist immer aktuell! Jugendliche sind auf der Suche nach Freiräumen, sie wollen Grenzen erkunden und überschreiten. Und sie kommen wieder in diese Grenzen zurück – oder passen als Erwachsene die Grenzen auch mal den neuen Gegebenheiten an. Das ist Entwicklung und die wollen wir! Dafür müssen wir ihnen Frei(e)Räume geben. Jugendliche müssen dazu vor allem Räume haben. Diese Räume müssen sie gestalten können. Denn nur gestaltbare Räume sind eigene Räume. Nur für Eigenes übernehmen Jugendliche Verantwortung. Die sollen sie als Erwachsene haben. Also müssen sie diese Verantwortung erlernen können, indem wir sie ihnen geben. In übertragenen Räumen an Jugendliche gelten Gesetze und Regeln. Diese müssen sie auf der Grundlage gesellschaftlicher Werte aber selbst ausgestalten können. Die Werte müssen wir ihnen geben, nicht die Regeln bis in jedes Detail. Wir müssen unseren Jugendlichen etwas zutrauen, Vertrauen und Verantwortung geben. Denn was man nicht erhält, kann man auch nicht erlernen und entwickeln. Und wir müssen es immer wieder geben. Denn die Jugendgenerationen sind kurz und wechseln schnell. Und oft hat die Vorgängergeneration die Räume noch nicht freigegeben, da sie sie noch selber braucht. So bedarf es auch immer wieder neuer Räume für neue Jugendliche auf dem Weg zur Verantwortung. Frei(e)Räume als Vertrauen für die Verantwortung in der Zukunft. Stefan Goller-Martin, Gemeinwesenarbeiter, Amtsleiter für Soziales und Familie Stadt Ravensburg


OJB

Freiraum Ache

– das Treibholz Camp

Ein Projekt der Offenen Jugendarbeit Bregenzerwald

Du benötigst mehr Freiräume? Wolltest du schon immer mal in der freien Natur übernachten? Möchtest du mal an deiner selbstgemachten Strandbar einen Cocktail schlürfen? Wie wäre es mit Lagerfeuerromantik statt Sutterlüty und Kebap? Fragst du dich, wie du in der Wildnis zurechtkommen würdest? Wichtige Fragen, die sich unsere TeilnehmerInnen vor unserem zweiwöchigen Camp an der Bregenzerache stellen mussten. Und hoffentlich Antworten darauf fanden.

Wie alles begann ... Bereits im Jahr 2006 wurde in einer Jugendstudie im Bregenzerwald ermittelt, dass die Jugendlichen mehr Freiräume verlangen. Von zahlreichen Jugendlichen kam der Wunsch, einen legalen Platz an der Bregenzerache zu haben, einen Platz, an dem sie sein konnten und man sie nicht sofort wieder wegschickte. Einen Platz, den sie nach ihren Bedürfnissen gestalten konnten. So lag es an der Offenen Jugendarbeit Bregenzerwald (OJB), sich diesem Bedürfnis der Jugendlichen anzunehmen. Man setzte sich zum Ziel, einen legalen, selbstverwalteten FREIraum für Jugendliche zu machen. Es sollte ein Ort werden, wo viele Begegnungen Platz haben und wo die Jugendlichen eine Feinfühligkeit für die Natur entwickeln können. Durch Partizipation bei der gesamten Projektumsetzung sollte ein sensibles Bewusstsein für diesen Platz und dessen Infrastruktur entwickelt werden. Nach einigen Verhandlungen wurde schließlich ein geeigneter Platz gefunden, die Junkerau in Egg. Ein idealer Platz, denn dort ist das Achufer, es gibt Wald und Böschungen und auch ein Biotop im Wald.


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Damals im Treibholz Camp ... Schlussendlich meldeten sich 23 Jugendliche, die alle bei dem zweiwöchigen Camp dabei sein wollten. Ein Name für dieses Abenteuer wurde auch schnell gefunden und bald redete alles nur noch vom Treibholz Camp. Nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten – man lebte doch die ganze Zeit in der Natur, das Handy sollte mehr oder weniger nicht benutzt werden und auch an die anderen Jugendlichen musste man sich erst gewöhnen – lebten sich die Jugendlichen recht bald sehr gut ein im Camp und alle fanden ihren ganz persönlichen Rhythmus. Es herrschte keine Anwesenheitspflicht, die Jugendlichen konnten im Prinzip gehen und kommen, wann sie wollten und mussten auch nicht im Camp übernachten. Sehr bald allerdings bildete sich ein harter Kern aus ca. acht Jugendlichen, die wirklich zwei Wochen Tag und Nacht im Camp verbrachten.

Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen

OJB

Die größte Aufmerksamkeit im Camp galt natürlich der Erstellung der Infrastruktur. Alle Jugendlichen hatten ihr persönliches Projekt, bei dem sie sich zwei Wochen lang künstlerisch betätigten und ihre Projekte gestalten konnten. So entstanden in den zwei Wochen ein genialer Eingangsbereich mit einer Treibholz-Bühne, ein Baumkleid, ein schöner Weg zum Camp-Areal, zwei Brücken, eine Schwitzhütte, ein Brotofen, ein Gartenprojekt, Steinmännchen, ein Liege-

rost, eine Kapelle, Baumpilze, eine Camp-Bank, ein schönes Wohnzimmer, Baumsitze, ein Kräutergarten, eine Umkleidespirale und eine Strandbar. Diese Projekte und Kunstwerke mussten natürlich auch der Öffentlichkeit präsentiert werden. Deswegen gab es am Ende der zwei Wochen eine Vernissage, bei der die Jugendlichen interessierten BesucherInnen ihren FREIraum und ihre Projekte vorstellen konnten. Doch neben der ganzen Arbeit konnten die Jugendlichen auch wirklich viel lernen im Treibholz Camp. Ein Outdoor-Pädagoge beschäftigte sich während den Wochen intensiv mit den Jugendlichen, zeigte ihnen, wie man mit einem heißen Stein ein Fleisch grillt oder wie man einen Brotofen aus Steinen machen kann. Doch nebenher wurden auch zahlreiche Workshops zur Gruppendynamik und zum Zusammenleben gemacht, die Jugendlichen konnten Fischen usw. Auch eine Sauna wurde errichtet, die natürlich mit einem spirituellen Ritual eröffnet wurde. Am meisten gebracht allerdings haben den Jugend-

lichen die gemeinsamen Abende am Lagerfeuer. Dort wurde über Gott und die Welt diskutiert und Gedanken ausgetauscht. Oft wurde auch gemeinsam Musik gemacht oder einfach zusammen gelacht. Die Leute, die auch im Camp übernachteten, hatten die Wahl zwischen einem mit Stroh ausgelegten Tippi-Zelt oder einer Hängematte. Beides wurde sehr gut angenommen. Nach zwei Wochen im Treibholz Camp und ihrem FREIraum an der Ache kehrten die Jugendlichen in ihr gewohntes Leben in der Zivilisation zurück, allerdings nicht ohne sehr viele neue Eindrücke und Erfahrungen gemacht zu haben und etwas Neues über sich selbst gelernt zu haben. Sarah Berchtold, Jugendkoordinatorin bei der Offenen Jugendarbeit Bregenzerwald

OJB

Einige Zeit später startete endlich Mitte Juli 2008 ein zweiwöchiges Camp, bei dem die Verschönerung des Achbereichs in Angriff genommen wurde. In dieser Zeit sollte zusammen mit den Jugendlichen eine Infrastruktur mit zahlreichen Möbeln und Einrichtungsgegenständen entstehen. Doch es entstand viel mehr ...


Diskurs stellt Fragen zur Diskussion

Statements von Fachpersonen zu ausgewählten Fragestellungen Hier ist auch Ihr Standpunkt gefragt: Welche Position und Haltung haben Sie bei diesen Fragen? Teilen Sie Diskurs Ihre persönliche Sichtweise mit unter redaktion@jugend-diskurs.at

1. Was verstehen Sie unter Freiräumen? 1. Für mich steht das Wort „Raum“ für die unmittelbare, eige-

Manfred Ganahl, MSc. DSA, Psychotherapeut Studium im Bereich Personalmanagement und Organisationsentwicklung

ne Lebenssituation. In dieser habe ich die Möglichkeit, neue Dinge auszuprobieren, in Beziehung zu treten, Beziehungen abzubrechen – kurz gesagt, Erfahrungen zu sammeln. Durch die Interaktion der Individuen wird dieser Freiraum verändert, weil sich auch die Individualität und die InteraktionspartnerInnen verändern können. Freiraum heißt für mich also nicht, dass man tun und lassen kann, was man will, sondern Freiraum ist für mich das Privileg, sich selbst zu entfalten, Fehler machen zu dürfen um dabei zu lernen und ein Gegenüber zu haben, das sich meiner annimmt und mir ein Feedback gibt.

1. Der Begriff Freiraum ist vielfältig auslegbar. In der Raum-

planung verstehen wir unter Freiraum grob gesagt alle Flächen, auf denen keine Gebäude stehen. Wenn diese Flächen frei zugänglich sind und von der öffentlichen Hand verwaltet werden, sprechen wir von öffentlichen Freiräumen.

Heiko Moosbrugger Mitarbeiter der Abteilung Raumplanung und Baurecht; zuständig u.a. für die Landesförderung von Spiel- und Freiräumen

1. Freiraum ist ein herrliches Wort. „Raum“ an sich bleibt noch ambivalent zwischen endlos ausgedehntem „Welt-Raum“ und abgegrenzter Zelle. Als Frei-Raum wird er ganz klar zur Möglichkeit, zur Freiheit im Raum, zum offenen Feld. Da entwickelt er sich zum Außenraum – vielleicht mit viel frischer Luft –, zum Spielraum und im doppelten Wortsinn auch zur gedanklichen Freiheit.

Heike Schlauch Architekturbüro raumhochrosen Architektin und Innenarchitektin, lebt und arbeitet in Bregenz


17 2. Wie viel Freiraum brauchen Jugendliche?

3. Warum benötigen Jugendliche Freiraum?

2. Das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Ich möchte diese gar nicht quantitativ beantworten. Nur soviel sei gesagt, es kann nie zuviel Freiräume geben. Für mich gibt es zwei Arten von Freiräumen: Freiräume mit klaren, aber nicht einengenden Strukturen und Regeln und viele Menschen, die in Interaktion miteinander sind. Das sind für mich positive Freiräume, solche sollten Jugendliche soviel wie möglich haben. Aber Freiräume, die sich ergeben, weil niemand da ist, der bestimmte und klare Strukturen und Regeln vorgibt, wo keine verlässlichen PartnerInnen sind, die sich Zeit nehmen – solche Freiräume können sich sehr negativ auswirken, solche wünsche ich unseren Jugendlichen nicht.

3. Für mich sind Freiräume der Garant für eine positive Ent-

wicklung. Ohne Freiräume laufen wir als Gesellschaft Gefahr, stehen zu bleiben. Nehmen wir ein totalitäres System. In einem solchen ist Entwicklung gar nicht oder nur bedingt möglich. Wenn wir uns nicht mehr frei bewegen können, nicht mehr frei denken und unsere Meinung äußern dürfen, dann sind Entwicklungen nur noch sehr eingeschränkt möglich. Freiräume sind also nicht nur für Jugendliche wichtig, alle brauchen wir sie. In den unterschiedlichsten Lebenszyklen sind die Gewichtungen etwas anders, aber die Grundlagen sind dieselben. Wir brauchen ein System, das Individualität zulässt, das Regeln und Strukturen hat, die nicht verhindern, sondern anleiten. Es ist also ungemein wichtig, Freiräume zu haben, eigentlich egal wie alt man ist. Für Jugendliche ist es insoweit wichtig, weil sie nur in Freiräumen mit klaren und nicht einengenden Strukturen vielfältige Erfahrungen machen können und so zu Erwachsenen werden, die die Aufgaben der Zukunft bewältigen können. Das wollen wir doch alle, oder?

2. Freiräume, die Jugendliche selbstbestimmt nutzen können, verschwinden zunehmend, insbesondere aus den Orts- und Stadtzentren. So ist es in der Vorarlberger Raumplanung ein wichtiges Anliegen, öffentliche und nutzungsoffene Freiräume zu erhalten und wo möglich auszuweiten. Um das jeweils passende Ausmaß an solchen Flächen auszuloten, bedarf es der Mitwirkung von Politik, Verwaltung, Planungsfachkräften und selbstverständlich den Jugendlichen selbst.

3. Jugendliche brauchen eine Bühne, um sich in der Gesell-

2. Freiraum als Außenraum ist zwar offen, bedeutet aber zu-

3. Freiraum ist verbunden mit Bewegung und Entwicklung. Kör-

meist Öffentlichkeit und damit auch gesellschaftliche Regeln und soziale Kontrolle. Der „Freiraum“ zwischen Wohnblöcken oder Einfamilienhäusern kann so rasch mit Interessenskonflikten belegt sein. Da taugen geschützte Innenräume und zuletzt auch jede Form von Virtualität schon mehr als unbeobachteter Freiraum. Doch auch dort werden irgendwann Grenzen spürbar, wandelt sich das Beschützende zum Begrenzenden. Also doch raus aus der stickigen Stube, raus aus dem vergoldeten Hamsterrad der Spielkonsolen, auch wenn es dort betörende Momente gibt.

schaft verorten zu können. So sind öffentliche Freiräume wichtige Lernräume, in denen Jugendliche Selbstorganisation und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und damit an der öffentlichen Meinung erproben können. Jugendliche, die eine geringe Finanzkraft haben und/oder einer sozialen Randgruppe angehören, werden mitunter aus privat bewirtschafteten Räumen ausgegrenzt. Umso wichtiger sind öffentliche Freiräume, die ohne eine Verpflichtung zum Konsum genutzt werden können.

perlich und geistig. Gefahrlos rumrennen für die Jüngeren, für sich sein und selbst den Raum bestimmen für die Älteren. Menschen sind grundsätzlich hoch erfinderisch in der Eroberung von Freiräumen. Vom Spiel im Wald bis zum Skaten auf Laderampen. Je dichter Orte bebaut sind, desto mehr muss Freiraum bewusst geschaffen werden, als durchgängiges Netz an Freiflächen unabhängig von Verkehrsräumen. Wenn es keinen Wald und offene Wiesen (mehr) gibt, müssen Sportflächen und Kinderspielplätze frei gehalten werden – freie Phantasieentfaltung versus vorgefertigte Handlungsstränge.


Marie Frenzel / Youthmedia.eu

Wo ist Platz? Wo sind Frei- und Spielräume für Kinder und Jugendliche? Die Lebensräume von Kindern und Jugendlichen werden zunehmend beengter und künstlicher. In innerstädtischen Bezirken stehen den Autos bis zu 30 % der Gesamtfläche zur Verfügung. Öffentliche Grünflächen, die Kinder und Jugendliche für ihre Freizeitgestaltung nutzen können (Parks, Spielplätze oder Sportflächen) machen 3 bis 4 % der Gesamtfläche aus.

Viele Erwachsene bestätigen, wenn sie an ihre eigene Kindheit und Jugend denken, dass die Spielsituation sich sehr geändert hat. Sie erinnern sich an Bilder wie das Spielen auf der wenig befahrenen Straße, im Wald, im Schuppen hinterm Haus, auf dem Dachboden oder einfach ein Treffen auf dem Schulhof. Jedenfalls waren Kinder in der Erinnerung weniger beaufsichtigt und weniger unerwünscht im öffentlichen Raum. Heutzutage ist bei unseren Kindern und Jugendlichen eine zunehmende „Verhäuslichung“ zu beobachten. Das Kinderzimmer ist voller Spielsachen, Fernseher und Computer sind immer bereit. Die NachbarInnen sind ungestörter durch die Stimmen der Kinder, durch laute Gespräche von Jugendlichen, wenn die Kinder im Haus sind, als wenn sie sich draußen bewegen und bemerkbar machen.


Günter Weiskopf, Büro für SpielRäume

Angelika Thiel/youthmedia.eu

Als ortsgebundene Bevölkerungsgruppe sind Kinder und Jugendliche in besonderem Maße auf wohnungsnahe Frei- und Spielräume angewiesen. Und hier entstehen oft die Konflikte, wenn Jugendliche öffentliche Straßen und Plätze als Treffpunkte wählen, um gemeinsam Freizeit zu verbringen. Hier ist Vielfältigkeit gefragt: Skaterund Tschutterplätze sind genau so wichtig wie Brachen und Naturräume, Parkanlagen und Spielplätze. Kinder und Jugendliche brauchen Freiräume, damit sie ihren Interessen nachgehen und sich engagieren können.

In Vorarlberg hat der Gemeindeverband und eine Expertengruppe ein neues Gesetz erarbeitet, das seit 1. April 2009 in Kraft ist. Dort ist die Schaffung und der Erhalt von kindergerechten Lebensräumen verankert. Außerdem sind Förderrichtlinien von Spielräumen für Gemeinden wie auch eine Novellierung der Spielplatzverordnung umgesetzt.

Kindergerechte Lebensräume Ausgehend von der Landesinitiative „Kinder in die Mitte“ wurde beim Institut für Sozialdienste eine neue Stelle geschaffen, die sich ausschließlich dem Thema widmet. Damit wurde ein wichtiges Signal gesetzt, aber auch konkrete Unterstützung für Gemeinden, Bauträger und SpielplatzplanerInnen angeboten. In den Förderrichtlinien ist festgehalten, dass jede Gemeinde ein „Spielraumkonzept“ erstellen muss. Beim Spielraumkonzept ist darauf zu achten, dass die Spiel- und Freiräume einer Gemeinde vielfältig gestaltet, ausgewogen verteilt und sinnvoll vernetzt sind. Die Spiel- und Freiräume einer Gemeinde sollten sich inhaltlich ergänzen und Kindern und Jugendlichen ein altersangepasstes und differenziertes Angebot zur Verfügung stellen. Anschließend geht es dann an die Umsetzung der Pläne. Hier sind gewisse Qualitätskriterien festgeschrieben, die für Kinder und Jugendliche attraktive Spiel- und Freizeitmöglichkeiten beschreiben. Bei allen Planungsprozessen ist vorgesehen, dass immer Kinder und Jugendliche beteiligt werden. Durch deren Mitsprache, Mitwirkung und

Günter Weiskopf, Büro für SpielRäume

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Mitbestimmung werden Entscheidungsprozesse für die späteren NutzerInnen gestaltet. Kinder und Jugendliche haben meistens konkrete Vorstellungen, was in ihrem Wohnumfeld fehlt oder was sie brauchen, damit Plätze für sie attraktiv sind. Im Dialog von jungen Menschen und politisch Verantwortlichen wird der Zusammenhalt in der Gemeinde gestärkt. Fehlplanungen werden vermieden und durch ein gemeinsames Projekt wird Vandalismus vorgebeugt. Durch die Beteiligung entstehen neue kreative Ideen und Lösungen, die sonst von PlanerInnen oft übersehen werden könnten.

Kontakt:

Institut für Sozialdienste Kindergerechte Lebensräume DIin Barbara Bohle Interpark Focus 1 6832 Röthis T: 05523/52176-47 E: bohle.barbara@ifs.at


Aus der Jugendarbeit Mini-Symposium „Räume und Freiräume für junge Menschen“ Jugendliche gehören nicht unbedingt zu den wichtigsten Zielgruppen der Gemeindeentwicklung und Ortsgestaltung. Und das, obwohl Jugendliche zu der Bevölkerungsgruppe gehören, die oft auf das Angebot einer Gemeinde, einer Organisation, eines Vereins hinsichtlich Bildung, Kultur, Sport und sozialem Leben durch ihre ge-

ringe Mobilität und Kaufkraft am stärksten angewiesen sind. Durch die Beteiligung von Jugendlichen in Planungsprozessen können für die Entwicklung eines Platzes, eines Ortes neue Empowerment-Prozesse zustande kommen. An diesem Abend sollen in Impulsreferaten und Workshops Anregungen für Partizipationsprojekte mit Jugendlichen in Gemeinden und Vereinen vermittelt werden. Planungsbeispiele zur Freiraumgestaltung mit Jugendlichen, Ansprüche von Jugendlichen an diese Freiräume, geschlechtssensible Aspekte in solchen Prozessen und „dos and don’ts“ in Beteiligungsverfahren werden zur Sprache kommen.

Referentinnen: DIin Dr.in Karin Standler, Landschaftsarchitektin, Leiterin des Projektes „teens_open_ space“, Wien Mag.a Sonja Gruber, Soziologin, Mitarbeit bei PlanSinn – integrative Stadtteilarbeit/ Jugendarbeit, Wien Termin: Freitag, 13. November 2009, ab 17.30 Uhr Veranstaltungsort: Kolpinghaus Dornbirn, Panoramasaal Kosten: € 10,- pro Person (inkl. Eintritt, Buffet und Getränke) Anmeldung beim Amt der Vorarlberger Landesregierung, Jugendreferat, T: 05574/511-24127, E: margarethe.knuenz@ vorarlberg.at


21 am.puls: im.pulse für die jugend.arbeit Eine Methode mit Wirkung Im Alltag der Jugendarbeit setzen wir bestimmte „Regeln“ voraus, über welche vordergründig nicht mehr gesprochen werden muss. Ist das so? Leben alle Menschen nach den gleichen Regeln? Ein Simulationsspiel, welches in unterschiedlichen Situationen verwendet werden kann, wird vorgestellt und auch ausprobiert. Diese Übung soll Anregungen geben, eigene Reaktionen in der Zusammenarbeit mit anderen zu erkennen und zu hinterfragen. Stolpersteine in und Chancen von Kooperationen werden verdeutlicht. An diesem Abend geht es drunter und drüber ... – spielen Sie mit!

Referent: Heino Mangeng, Leiter von Jugendinitiativ Zielgruppen: - Offene und Verbandliche Jugendarbeit - Jugendpolitik (Ausschüsse, Beiräte, ...) - am Thema Interessierte Datum: 24. November 2009, 18.30 bis 21.30 Uhr Ort: Jugendtreff Planet, Rankweil Selbstbehalt: € 20,- bzw. ermäßigt € 15,-

Anmeldungen: bis zum 18. November 2009 unter andrea.fridrich@koje.at oder T: 05574/45838 Weitere Infos: www.koje.at Eine am.puls Veranstaltung organisiert von JUGENDINITIATIV und dem Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung. Das Jugendreferat der Vorarlberger Landesregierung unterstützt die Veranstaltungsreihe am.puls finanziell.

360-Geocaching 360 – die Vorarlberger Jugendkarte startet diesen Herbst eine einzigartige Aktion für Jugendliche. Beim 360Geocaching – zu Deutsch „Schatzsuche“ – gibt es tolle Preise zu gewinnen. Geocaching funktioniert ganz einfach: Ein Behälter mit einem Logbuch wird an einem bestimmten Ort versteckt. Die TeilnehmerInnen machen

sich mit einem GPS-Handy oder übers Internet (Google Maps) auf die Suche. Via SMS erhalten die TeilnehmerInnen die Geokoordinaten, die zum Versteck führen. Ziel der Schatzsuche ist es, sich im Logbuch einzutragen und somit am Gewinnspiel teilzunehmen. Es gibt Preise im Gesamtwert von € 5.000,- zu gewinnen. Unter

anderem Mehrtagesschipässe, Outdoor-Weekends, ein Snowboard und einen Führerschein. Mitmachen können alle Jugendlichen, die im Besitz einer 360 card sind. Eine SMS mit „geo“ an Tel 06606036060 senden und die Suche beginnt! Genaue Infos und Termine unter www.360card.at/geo


Interregionaler Jugendprojektwettbewerb 2009 Kreatives Präsentieren gefragt In Vorarlberg, Liechtenstein und St. Gallen wurden zahlreiche Jugendprojekte zum regionalen Wettbewerb eingeladen. Dort wiederum wurden die besten Projekte ausgezeichnet und zum interregionalen Finale nach Liechtenstein eingeladen. Eine Jugend-Fachjury bestehend aus je fünf Jugendlichen aus Vorarlberg, Liechtenstein und St. Gallen wird diese Projekte in Vaduz nochmals auf Herz und Nieren überprüfen. Aus Vorarlberg starten beim die Landesgrenzen überschreitenden Wettbewerb die SiegerInnen des Regionalbewerbes. Diese Projekte werden sich mit den besten Projekten aus Liechtenstein und St. Gallen messen.

Was: Finale des vierten interregionalen Jugendprojektwettbewerbes 2009 Wo: Aula Liechtensteiner Gymnasium, Marianumstraße 45, 9490 Vaduz Wann: 21. November, Eintrudeln ab 16.30 Uhr, Beginn 17 Uhr Wer: Gewinnergruppen aus Liechtenstein, St. Gallen und Vorarlberg Das interregionale Finale des Jugendprojektwettbewerbes 2009 ist eine öffentliche Veranstaltung bei freiem Eintritt. JedeR ist herzlich eingeladen vorbeizukommen und die engagierten Jugendteams zu unterstützen! Mehr dazu auf www.jugendprojekte.org

Auskünfte: Heino Mangeng, JUGENDINITIATIV, Montfortstraße 88, 6840 Götzis, T: 05523/56120 450, M: 0664/8240270, E: heino.mangeng@kath-kirche-vorarlberg.at


Net Culture Lab

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Net Culture Lab Neue Freiräume für die Gesellschaft von morgen Räume sind eine knappe Ressource, oft behaftet mit Geschichten und Werten und jedenfalls eine Frage von Macht und Geld. Insbesondere in Vorarlberg ist Raum zwar nicht unbedingt knapp, aber teuer. Der Freiraum als Handlungsspielraum hingegen bezieht sich auf den Begriff der Freiheit und auch die endet dort, wo die Freiheit und Rechte des nächsten beginnen. Worin bestehen also unsere Freiräume, wofür können und sollen Freiräume einen Handlungsspielraum bieten?

Zum Autor:

Eric Poscher hat das Net Culture Lab mit aufgebaut und ist Sprecher des Coworking Lab in Dornbirn, Soziologe und im Bereich Social Media tätig. Links und weitere Artikel zum Thema finden Sie in seinem Weblog unter http://epe.at/ blog/

Mit einem Ausweis vorbeischauen, die Nutzungsbedingungen lesen und die eigene Handynummer angeben ist genug, um sich im Net Culture Lab zu registrieren. Im nächsten Moment ist das eigene Handy für den Zugang zum Lab freigeschaltet und die BenutzerInnen haben 24 Stunden am Tag Zugang zu einem Raum mit Internet, W-

Lan, Drucker, Beamer, Büroeinrichtung, Elektronikausstattung, Kaffeemaschine u.v.m., den sie nutzen können, um Ideen & Projekte weiterzuentwickeln. Das war für zwei Jahre Realität im Net Culture Lab, das gemeinsam mit Telekom Austria umgesetzt wurde. Seit Mai 2009 wird das Projekt von den NutzerInnen als gemeinsames Coworking Labor weitergeführt. Neue Formen gemeinschaftlich genutzter Infrastruktur sind derzeit international stark im Kommen. Sie entstehen als Hackerspaces für Computer-Nerds, als offene Kunstateliers und Kreativlabors für Jugendliche als auch Erwachsene und natürlich als Coworking Spaces, die die Arbeit und Zusammenarbeit zwischen zahlreichen Ein-Personen-Unternehmen ermöglichen. Third Spaces nennt man die Räume, die Arbeitsplatz und Freizeit verbinden und Antworten auf aktuelle Fragen liefern, die durch den Wandel der Arbeitswelt aufgeworfen werden (siehe dazu auch Fritjof Bergmann: Neue Arbeit Neue Kultur). Je vielfältiger Möglichkeiten und NutzerInnen eines solchen Raumes sind, desto mehr Potential für Selbstentfaltung und gemeinsames, lebenslanges Lernen steckt in einem solchen offenen Raum. Neben Computerarbeitsplätzen und Medienlabors können auch Ateliers und Werkstätten zur Verfügung gestellt werden.


Ausgabe 11 November 2009

DVR 0662321

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Auf den Punkt gebracht.


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